The Project Gutenberg EBook of Smtliche Werke 3-4: Der Idiot, by 
Fjodor Michailowitsch Dostojewski

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Title: Smtliche Werke 3-4: Der Idiot

Author: Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Contributor: Dmitri Mereschkowski

Editor: Arthur Moeller van den Bruck

Translator: E. K. Rahsin

Release Date: September 22, 2019 [EBook #60340]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SMTLICHE WERKE 3-4: DER IDIOT ***




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                   F. M. Dostojewski: Smtliche Werke

            Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski
                herausgegeben von Moeller van den Bruck

                      bertragen von E. K. Rahsin


               Erste Abteilung: Dritter und vierter Band


                           F. M. Dostojewski




                               Der Idiot


                                 Roman


                     R. Piper & Co. Verlag, Mnchen


                  R. Piper & Co. Verlag, Mnchen, 1918
                       Sechste bis achte Auflage
              Druck: Roberg'sche Buchdruckerei, Leipzig.


                   Copyright 1915 by R. Piper & Co.,
                           Verlag in Mnchen.




                            Zur Einfhrung.
                   Bemerkungen ber russische Mystik


Die russische Mystik ist ein Od, das den russischen Menschen umgibt. Die
russische Mystik ist der Atem, der dem Leib und dem Leben des russischen
Volkes entstrmt. Die russische Mystik ist die Stimmung, die der
russischen Erde entsteigt, dmmernd und dampfend, mit jeder Scholle, die
umgeworfen wird, und die an der russischen Landschaft hngt wie Tau und
Nebel, zwischen langen, langen Fluufern und weiten, weiten Flchen.
Diese Sinnlichkeit kennzeichnet sie. Es ist sprbar die Mystik eines
jungen, noch schwer sich bewegenden, noch tief in sich befangenen
Volkes, das zu keinem Bewutsein seiner Gefhle und kaum zu einer Ahnung
dieses Bewutseins gekommen ist. Mit Mystik setzt die Geistesentwicklung
eines jeden innerlichen Menschenschlages ein. Mystik ist immer und
berall der frheste Versuch des Menschen, sich an das Wesen der Dinge
heranzutasten. Mystik ist das Auge, das sich aufschlgt und die
Erscheinungen zum ersten Male staunend zu einem Erscheinungsganzen
zusammenschaut. Mystik ist das Urdenken der Menschheit, wie Mythe ihre
Urkunst ist. Je nachdem, ob die Mystik nun im Verlauf ihrer immer
bewuteren Weiterentwicklung zur tiefen Innenethik wird wie im
Buddhismus, oder zur hellen Offenbarungsreligion wie im Christentum,
oder zu einer groen sthetischen Philosophie oder philosophischen
sthetik wie bei den Hellenen, oder zu einer echten Weltanschauung,
Kampfgesinnung und Lebensweisheit wie bei den Germanen, unterscheiden
sich dann die Vlker und ihre Kulturen voneinander. Immer aber ging
dieser Aufstieg zur klaren Anteilnahme des Menschen am Geiste der Welt
und zur letzten Vergeistigung der Menschen selbst, als dem Hchsten, das
wir erreichen knnen, von der Sinnlichkeit, von jener selben mystischen
Sinnlichkeit aus, die heute aus allen Poren des Russentums dringt und
Land und Volk wie mit einem dicken, weien, wallenden, heiligen Nebel
umgibt, und die immer so vor dem Geiste, vor Ethik und Religion, vor
Philosophie und Metaphysik hergeht, wie eben das Gefhl dem Wissen, die
Erfahrung der Erkenntnis, die Ahnung dem Bewutsein vorhergeht. Mit dem
Bewutsein und seinen Geistessteigerungen sind wir an unserem Ziel
angelangt. Mit der Mystik und ihren Ahnungszustnden dagegen, die noch
wie trchtig ist von Empfindung, Glaube und Wahn, von Boden, Erde und
Menschlichkeit und die den bergang von dem Dunkel, aus dem wir kommen,
zu der Helle, zu der wir hindrngen, noch unmittelbar mit sich schleppt,
sind wir dem Ursprnglichen und schlielich auch Ewigen unserer Bild-
und Denkvorstellungen nher. In der Mystik werden die groen Wahrheiten,
man kann gewi nicht sagen, am klarsten ausgesprochen, wohl aber am
ursprnglichsten geoffenbart. Die Mystik ist gleichsam die groe
Weltnatur selbst, die sich in uns Menschen, zwar wie von ferne noch,
aber dafr in allergewaltigsten Bewegungen, zum ersten Male denkend
bewegt und in einem weiten, mchtigen, wenn auch noch verschwommenen
Stimmungsungefhr durchbricht.

                   *       *       *       *       *

Auch die russische Mystik wird in irgendeiner Weise den Weg gehen, den
die indische und christliche, die griechische und deutsche bereits
gegangen ist. Wohin dieser Weg das Russentum fhren wird, welche Taten
und Erlser auf diesem Wege liegen werden, das knnen wir heute
natrlich nicht wissen, wie wir nie etwas Geschichtliches der Zukunft im
einzelnen genau vorauswissen knnen. Nur das Wesen einer Erscheinung, um
die es sich handelt, und damit freilich das Wichtigste, knnen wir
frhzeitig erkennen. Und das ist hier die Sinnlichkeit der russischen
Mystik, die dichter, krperlicher, man mchte sagen leibhaftiger ist,
als die Sinnlichkeit einer jeden anderen Mystik war. Ganz gewi war die
Mystik namentlich der Hellenen und Germanen von Anfang an lichter,
seherischer, bereits schrfer unterscheidend, war bei allem
In-Eines-Sehen doch schon dualistisch trennend und nicht monistisch
auflsend. So viel haftende, lastende, niederziehende Schwere wie auf
den Slawen hat auf keiner anderen Rasse oder Nation geruht, und auch auf
dem vlkerchaotischen Notzustand nicht, in den Christus befreiend trat.
berall hatten schon bestimmte klare Ideen den Menschen eine Bahn aus
sich heraus gebrochen. Es war noch ein Zustand der Mystik, in dem sie
lebten, aber zugleich war in der Mystik schon der Wille wirksam, sich
selbst zu berschreiten. Sogar die Mystik der Inder, die der Mystik der
Slawen noch am nchsten steht und mit der sie gewissermaen die
geographische Angrenzung und damit die Anteilnahme an einer hnlichen
weltklimatischen Atmosphre und psychischen Disposition teilt, war
bei aller sinnlichen, fast knstlichen Verinnerlichung und
Selbstbetrachtung, die sich mit ihr verband, doch eine uerste
Geistesanspannung. Nicht grundlos heit Veda Wissen. Was die Veden
enthalten, war die Summe des fr den Inder Wissensmglichen. Nicht durch
Gefhl, sondern ausdrcklich durch Denken lt sich erschauen, was
dauert und in Ewigkeit feststeht, wei schon der Rigveda. Bei Christus
trat dann freilich die persnliche Vermittlung zum Vater an die Stelle
der gedanklichen. Und es war, schon weil sie, indem sie an die Sinne
geknpft war, an die Persnlichkeit geknpft war, eine echt mystische
Vermittlung. Aber gerade Christus fhrte dann doch als das verbindende
Weltprinzip, an das er die Menschen im Himmel und auf Erden den Anschlu
finden lehrte, den Geist ein, sprach ihn als den bergeordneten Dritten
und den Binder der Dinge im Raum heilig und machte ihn zum obersten
Bewohner, Ordner, Lenker des Weltbaus. Erst recht ideologisch war von
Anfang an die Mystik der Griechen. In dem Urdenken der Orphiker lag die
platonische Idee bereits vorgebildet. Diese selbst war, mit all ihrer
Sinnenhaftigkeit und all ihrem Knstlertum, eine echt mystische Idee.
Eine Metaphysik haben die Griechen eigentlich nie besessen. Zwischen
Mystik und Dialektik schwankte ihr Denken. In ihrer bildlichen und
baugewaltigen Vorstellung aber wurde die Weltmystik frh zur
Weltarchitektur. Selbst der Vorstellung Plotins merkte man noch etwas
von dem strahlenden Gtterstaate Homers an. Und gerade Plotin, der
bewute Mystiker, der knstlich wieder das weiche Gefhl aufnahm,
nachdem das Denken in aristotelischer Begrifflichkeit verhrtet war,
sprach aus, da die Erkenntnis der Wahrheit, Selbstanschauung der
Vernunft im Menschen sei. Bei den Germanen aber verkndete Meister
Eckehart: So hat die erkennende Vernunft immer noch etwas ber sich,
was sie nicht zu begrnden vermag; aber immerhin erkennt sie doch, _da_
da noch etwas bergeordnetes ist. Und er verkndete damit im Grunde
schon Kant und die Erkenntniskritik. Es war Mystik -- aber es war Mystik
als reinste Metaphysik. Von einer solchen erstaunlichen ideologischen
Frhreife wei natrlich die russische Mystik in ihrer Erd- und
Sinnengebundenheit nichts. berall schlgt bei ihr durch, da sie ganz
eine Mystik des Leibes und der ihm entstrmenden Seele, aber noch gar
nicht des Geistes ist. In gleicher Strke ist noch keine Rasse und auch
noch keine einzelne mystische Persnlichkeit in ihrem Krper zugleich
mit Mysterium geladen und mit Fluidum behaftet gewesen. Die russische
Mystik ist die angeborene Krankheit, zugleich aber auch die hchste
Gesundheit, alles in allem die eigentliche Natur des Russentums.
Mystisch-Kataleptisches und zugleich Mystisch-Katastrophisches sind
seine stille Eigentmlichkeit. In der Ausentwicklung dieser
Eigentmlichkeit wird die Weiterentwicklung seiner Mystik und seines
Denkens liegen. Wie die Erscheinung, die ihr zugrunde liegt, wird auch
die Erscheinung, die aus ihr folgt, eine ganz neue Erscheinung sein. Wie
die unterschiedliche mystische Anlage der Rasse berall zu den anderen
uerungen gefhrt hat, zu Ethik hier, zu Religion dort, zu bald mehr
rationalistischer Philosophie in dem einen, zu bald mehr metaphysischer
in dem anderen Kulturkreise, wie das Christentum nicht buchstblich den
Buddhismus, wie die Geistesgeschichte des Germanentums nicht die des
Hellenentums wiederholt hat, wie vielmehr alle diese Welten
grundverschiedene Welten gewesen sind, so wird auch die slawische Mystik
ihren eigenen und nur ihr gehrigen geistigen Wert schaffen und den
geistigen Kulturkreis, den die Menschheit wachsend gezogen hat, um eine
neue Innenkultur bereichern. Aber noch einmal: wir knnen diesen Wert
heute noch nicht kennen. Wir knnen nur ganz allgemein sagen, da wir,
nachdem wir die Ethik, die Religion und die Philosophie der Mystik schon
bekommen haben, von Ruland aus, wo die sinnlich-mystischen
Dispositionen so dicht wie nirgendwo und nirgendwann ber Land und Volk
verteilt liegen, so etwas wie gesteigerte Mystik, vollendete Mystik,
gewissermaen eine Mystik der Mystik erhalten werden, fr die uns Wort,
Name, Begriff noch fehlt, in der jedoch, wenn ihr Wort einmal
ausgesprochen sein wird, die Erlsung fr den russischen Menschen liegen
wird, und fr jeden, der einen russischen Menschen in sich birgt.

                   *       *       *       *       *

Die russische Mystik, wie sie latent im russischen Volke liegt, ist
jahrhundertelang von der Orthodoxie gleichsam abgelenkt, von der
russischen Geistlichkeit klug und vorsichtig behandelt und, soweit sie
sich bereits klarer und mit sich selbst beschftigt, als geistiges Leben
uern wollte, wohl auch in den Klstern und im Sektiererleben Rulands
aufgespeichert und befriedigt worden. Erst Tolstoi und Dostojewski haben
die russische Mystik wirklich ausgedrckt und alles das, was latent war,
endlich einmal persnlich sprechen lassen. Tolstoi tat es, indem er
einfach schilderte: wir erfahren bei ihm die russische Mystik genau so,
wie wir sie jederzeit erfahren knnen, wenn wir uns in das russische
Leben mischen. Dostojewski dagegen hat die russische Mystik bekannt und
hat um sie gerungen, wie man um Probleme ringt, von ihm ab wissen wir,
was wir sonst hchstens aus manchen religisen Begleiterscheinungen des
Nihilismus wissen knnten: da die russische Mystik bereits auf dem Wege
von einem bloen Zustande zu einem Bewutsein und vom Gefhl und den
Sinnen zum Geist und zu einer russischen Geistigkeit ist. Man braucht
nur die Namen Schatoffs, Kiriloffs und der Brder Karamasoff zu nennen
-- und sofort steigen lauter einzelne Weltanschauungen auf, die alle auf
dem Grunde der russischen Mystik und Volklichkeit ruhen und bereits
Teile einer knftigen allgemeinen und umfassenden russischen
Weltanschauung sind. Doch gehren diese Gestalten erst Dostojewskis
spterer Entwicklung an. Einmal jedoch, mehr am Anfang seines groen
Lebenswerkes, das ein einziger groer Versuch ist, den russischen
Ausdruck und Helden zu finden, den er dann von Figur zu Figur, von Typ
zu Typ variierte, hat er der russischen Mystik einen zentralen Trger zu
geben versucht: in der Gestalt des Frsten Myschkin. Es wurde freilich
-- und hier schlug die einzige geschichtliche Verwurzelung durch, die
die russische Mystik hat und deren einseitige, anthropologisch und
geographisch abgesonderte Innen- und Sonderentwicklung sie ist -- ein
wesentlich christologischer, jesushafter Trger. Nachdem sich
Dostojewski im Roman und in der Gestalt Rodion Raskolnikoffs mit dem
mehr westeuropischen Moralproblem der Schuld und des Jenseits von Gut
und Bse auseinandergesetzt hatte, tat er im Idioten dasselbe mit dem
Heilandsphnomen, indem er ihm einen russischen Trger unterlegte. Es
war, wie das nicht anders mglich sein konnte, ein sinnlich-mystischer
Trger. Alle die geheimnisvollen Auswirkungen des Frsten auf andere
Menschen gehen, wie Ausstrahlungen, unmittelbar von seiner Physis aus.
In dieser Weise ist Mystik immer an die Persnlichkeit gebunden. Wer die
Wunder Jesu verstehen will, der braucht nur die Auswirkungen Lew
Myschkins zu verstehen. Der Gegenstand und auch die Strke der Entladung
ist verschieden, aber das elektrische Phnomen ist dasselbe. Der
Rckgriff Dostojewskis auf Christus und Christlichkeit geschah dabei
durchaus bewut. In einem der wenigen visionr-klaren Augenblicke, die
er dem Frsten gegeben hat, lt er ihn sagen: Die Gegenwehr des Ostens
gegen den Westen soll unser Christus sein, den wir in seiner wahren
Gestalt in uns bewahrt haben. Diese Annherung Lew Myschkins an
Christus hinderte nicht, da von Dostojewski aus -- fr den Christus
allzeit das Heiligste war, das die Erde jemals getragen hat, und ein so
Unantastbarer, da er vielleicht nur aus innerer Scheu sein geplantes
groes Werk ber Christus niemals geschrieben -- die Durchfhrung der
Gestalt Lew Myschkins schlielich einer Unterwertung ihrer
Christlichkeit gleichkam. Wenn wir die Summe des Idioten ziehen, so
bleibt von seinem armen Helden am Ende wirklich nur die Pathologie
brig, und im besten Falle eine gewisse Samariterhaftigkeit. Von seinem
wahren Verhltnis zu Christus aber kann man sagen, da er sich zu ihm
verhlt wie eine Qualle zu Kristall: Christus und Lew Myschkin verstehen
beide alles: Lew Myschkin verzeiht sofort und leidet noch fr den
Schuldigen; Christus dagegen verzeiht gleichfalls, aber hat noch die
Kraft, nicht selbst fr den Schuldigen zu leiden; Christus steht also
ber dem Leiden, whrend Lew Myschkin haltlos und in tiefstem
Lebenssinne charakterlos, ohne einen Zaun um sein Ich zu haben, zwischen
den Leuten und Leiden umhersteht. Sogar die Liebe wird ihm persnlich
abgestritten, und einmal mu er den harten Vorwurf hinnehmen: Was Sie
sagen, das ist nichts als Wahrheit, und schon deshalb ist es ungerecht.
Fr Dostojewski war das Christliche und Heilandsmige eine Mglichkeit
fr das Russische. Doch nicht etwa einen russischen Jesus wollte er mit
Lew Myschkin hinstellen, sondern nur eine menschliche Vorstufe zu einem
solchen wollte er finden. Dostojewski wute, da auch das Russentum, wie
ein jedes Volk und ein jeder Kulturkreis, sich auf eine persnliche
Weise mit dem Christentum abfinden und dann einen persnlichen Wert aus
ihm schaffen mu. Es geschah im Idioten, seinem christlichen Werk und
zugleich demjenigen, in dem er das Problem russisch berwand. Das
Wichtige, berdauernde, Unvergngliche an der Gestalt Lew Myschkins ist
nicht, wie bei der groen Weltgestalt Christi, er selbst, sondern die
Beeinflussung, die von ihm ausgeht. Einen groen Mittler nicht, wie
Christus war, sondern nur einen Mittelmenschen kann man ihn nennen, der
seinen Zweck gar nicht in sich trgt, nicht darin, da er nun etwa als
Religionsstifter weiterlebte, sondern darin, da er ganz unvermerkt
andere Menschen mit sich befruchtet. Einmal mu in dieser Weise auch das
Christliche vom Russentum aufgenommen und einer russischen Umwertung
zugefhrt werden. Es strebt selbst und von sich aus Christlichem zu, und
sicherlich wird es gar nichts Befruchtenderes fr das Russentum geben,
als gerade das Christentum. Diese Umwertung nun, die Dostojewski als
erster auf sich genommen hat, bahnt in seinem Lebenswerk der Idiot an.
Er steht in der Entwicklung Dostojewskis an derselben Stelle, an der in
der Entwicklung Rulands das Christliche steht: als ein bergang und
Vorstadium zu Neuem, Kommendem, Eigenem. Freilich auch hier wird man
scheiden mssen. Es gibt zweierlei Russentum: ein leidendes und ein
ttiges. Das erstere wird sich wohl immer mit dem Christlichen, in
seiner Form des Orthodoxen und Kirchlichen und voller Geduld und
Demut, zufrieden geben. Das andere Russentum dagegen, das
Germanisch-Sibirische, wie man es genannt hat, wird dasjenige sein,
welches die eigentlich russischen Werte schafft. Diesem zweiten
Russentum hat Dostojewski die Schatoff- und selbst Raskolnikoffnaturen
zu Helden gegeben, und im Idioten hat er, als seinen knftigen Trger,
gegen Lew Myschkin die heie, wilde, bebende Kraftgestalt Rogoshins
gestellt.

Fr uns ist der Trger der russischen Mystik in ihrem ganzen Umfang und
in allen ihren Mglichkeiten Dostojewski selbst. Kein groer Ethiker,
kein Philosoph, kein Religionsstifter ist aus der russischen Mystik
seither hervorgegangen. Nur einen groen Leidenden, Kampfzeugen und
Mrtyrer haben wir bekommen: Dostojewski. Der Name eines Dichters deckt
seine Gestalt nicht mehr. Er ist Genie schlechtweg und gehrt zu den
Mystikern, die die Gesetze der Welt fhlen und ahnungsvoll schauen,
gehrt zu den Metaphysikern, die sie ergrnden und begreifen, zu den
Visionren und Propheten, die aufstehen und sie uns deuten, zu den
Heilanden, die geboren werden, um uns von ihnen zu erlsen, und
schlielich zu den Fanatikern und Heroen, die fr ihr Volk um sie
kmpfen.




                                Vorwort


Der Idiot ist als das zweite der fnf groen Roman-Epen, die
Dostojewski geschrieben hat, im Jahre 1868 vollendet worden. Das Werk
steht damit in der zeitlichen Folge in Abstnden von je etwa zwei Jahren
zwischen Rodion Raskolnikoff und den Dmonen.

Zu der doppelten Schreibweise der in dem Werk vorkommenden Namen Ganj,
beziehungsweise Ganjka und Warj, beziehungsweise Warjka sei bemerkt,
da die erweiterte Form Ganjka und Warjka wie Alexaschka und Ssenjka
etwas burschikos Herabsetzendes hat.

                                                              E. K. R.




                              Erster Teil


                                   I.

Es war zu Ende November, bei Tauwetter, als gegen neun Uhr morgens ein
Zug der Petersburg--Warschauer Bahn sich fauchend mit vollem Dampf
Petersburg nherte. Es war so feucht und neblig, da es kaum erst zu
tagen schien. Aus den Kupeefenstern konnte man nur mit Mhe erkennen,
was zehn Schritt vom Bahndamm rechts und links vorberflog. Unter den
Reisenden befanden sich auch solche, die offenbar weit herkamen, aus dem
Auslande zurckkehrten, doch am strksten waren die Abteile der dritten
Klasse besetzt, und zwar von geringerem Volk und kleinen
Geschftsleuten, die whrend der Nacht in Stdten, die nicht allzufern
von Petersburg lagen, eingestiegen waren. Alle waren sie mde und
abgespannt, allen waren die Augen ber Nacht schwer geworden, alle
froren, und die Gesichter waren gelblich bleich, von der Farbe des
Nebels drauen.

In einem der Waggons dritter Klasse saen am Fenster zwei Reisende sich
gegenber: beide junge Leute, beide fast ohne Gepck und nicht gerade
elegant gekleidet, mit ziemlich auffallenden Gesichtern. Sie schienen
schlielich beide das Bedrfnis zu empfinden, ein Gesprch anzuknpfen.
Wenn sie von sich gewut htten, wodurch sie beide gerade in diesem
Augenblick auffallend waren, so wrden sie sich natrlich darber
gewundert haben, da der Zufall sie so sonderbar in ein und denselben
Waggon dritter Klasse der Petersburg--Warschauer Bahn einander
gegenbergesetzt hatte.

Der eine von ihnen war nicht gro von Wuchs, etwa siebenundzwanzig Jahre
alt, hatte krauses, fast schwarzes Haar und kleine graue, doch feurige
Augen. Seine Nase war breit und platt, die Kiefer und Backenknochen
stark entwickelt. Seine schmalen Lippen verzogen sich bestndig zu einem
halb frechen, halb spttischen oder sogar boshaften Lcheln. Seine Stirn
aber war hoch und wohlgeformt und verschnte die unedel entwickelte
untere Hlfte seines Gesichts. Am auffallendsten war an diesem Gesicht
die Leichenblsse, die der ganzen Physiognomie des jungen Mannes trotz
seines festen Krperbaues etwas Entkrftetes, Krankhaftes verlieh und
gleichzeitig etwas bis zur Qual Leidenschaftliches, das mit dem
unverschmten, rohen Lcheln und seinem durchdringend scharfen,
selbstzufriedenen Blick eigentlich gar nicht bereinstimmen wollte. Er
war warm gekleidet, in einen weiten tuchberzogenen Pelz von schwarzem
Lammfell, und hatte es in der Nacht nicht kalt gehabt, whrend sein
Reisegefhrte gezwungen war, seinen Rcken von einer feuchtkalten
russischen Novembernacht, auf die er sich offenbar nicht vorbereitet
hatte, durchfrieren zu lassen. Er sa in einem weiten rmellosen, zwar
von dickem Stoff gefertigten, aber immerhin unwattierten Mantel mit
einer sehr groen Kapuze, wie ihn Reisende im Winter dort irgendwo fern
im Auslande, in der Schweiz oder in Oberitalien, zu tragen pflegen,
natrlich ohne dabei auch mit solchen Abstechern rechnen zu mssen, wie
von Eydtkuhnen nach Petersburg. Denn was in Italien vollkommen gengte,
erwies sich natrlich in Ruland als wenig zweckmig. Der Besitzer
dieses Kapuzenmantels war gleichfalls ein noch junger Mann von etwa
sechs- oder siebenundzwanzig Jahren, etwas ber mittelgro, mit
auffallend hellblondem, dichtem Haar, einem schmalen Gesicht, dessen
Wangen eingefallen waren, und einem kleinen, fast weiblonden Spitzbart.
Seine Augen waren gro und blau, und wenn er einen ansah, verwandte er
nicht den Blick. Es lag eine eigentmliche Stille, gleichzeitig aber
auch Schwere in diesem Blick: er war erfllt von jenem eigenartigen
Ausdruck, an dem manche Leute sofort den Fallschtigen erkennen.
brigens war das Gesicht des jungen Mannes sehr angenehm,
feingeschnitten und hager, nur etwas farblos, im Augenblick sogar
ziemlich blaugefroren. An seiner Hand baumelte in einem alten
verblichenen Kattunstoff ein armseliges Reisebndel, das wahrscheinlich
seine ganze Habe enthielt. Seine Fe stecken in dicksohligen Schuhen,
ber die Gamaschen geknpft waren -- alles nicht nach russischer Art.
Der Brnette im tuchberzogenen Pelz hatte mittlerweile im dmmernden
Morgenlicht schon alle diese Einzelheiten seines Gegenbers wahrgenommen
und kritisch betrachtet, -- zum Teil auch, weil er sonst nichts zu tun
hatte -- bis er dann schlielich mit jenem unzarten, gewissermaen
nachlssigen Spottlcheln, in dem sich mitunter so ungeniert das eigene
Wohlbehagen beim Betrachten des Unglcks anderer ausdrckt, halb fragend
bemerkte:

Kalt. Nicht?

Und er bewegte dabei die Schultern, als wenn ihn frstelte.

Sehr sogar, antwortete der andere mit auffallender Bereitwilligkeit,
die Unterhaltung fortzusetzen. Und dabei ist Tauwetter. Wenn wir noch
Frost htten! Ich dachte gar nicht, da es bei uns so kalt sein wrde.
Jetzt bin ich daran nicht mehr gewhnt.

Sie kommen aus dem Auslande?

Ja, aus der Schweiz.

Teufel! Seht mal an! ...

Er lachte kurz auf und pfiff dann vor sich hin.

Die Fortsetzung des Gesprchs machte sich ganz von selbst; denn die
Bereitwilligkeit des blonden jungen Mannes im Schweizermantel, auf alle
Fragen seines schwarzhaarigen Reisegefhrten zu antworten, war wirklich
erstaunlich. Er schien auch nicht den geringsten Ansto an der
Unbekmmertheit zu nehmen, mit der der andere manch eine mige Frage
stellte. Unter anderem erzhlte er auch, als Antwort auf eine dieser
Fragen, da er allerdings lngere Zeit nicht in Ruland gewesen sei,
mehr als vier Jahre nicht, und da man ihn krankheitshalber -- er sprach
von einer sonderbaren Nervenkrankheit, hnlich der Epilepsie oder dem
Veitstanz, die in Krmpfen und Zitteranfllen auftrat -- ins Ausland
gebracht habe. Der Schwarzhaarige lchelte mehrmals auffallend
spttisch, whrend der andere erzhlte, und er lachte laut auf, als
jener auf seine Frage, ob er denn dort auch geheilt worden sei, ganz
offen antwortete: Nein, ich bin nicht geheilt worden.

Haha! Das kann ich mir denken, da Sie Ihr Geld umsonst fortgeworfen
haben! Und wir hier sind so dumm und glauben immer noch an jene Kerls!
bemerkte er gehssig.

Da haben Sie ein wahres Wort gesagt! mischte sich ein schlecht
gekleideter Herr ein, der neben ihm sa. Er mochte etwas von der Art
eines im Amtsschreibertum verkncherten Beamten sein, vierzig Jahre
zhlen, war dabei stark gebaut, hatte eine rote Nase und ein finniges
Gesicht. Ein wahres Wort! Sie ziehen nur das ganze russische Geld zu
sich hinber, und wir haben das Nachsehen!

Oh, was meinen Fall betrifft, so irren Sie sich sehr! fiel ihm der in
der Schweiz nicht geheilte Kranke mit seiner sympathischen, vershnenden
Stimme ins Wort. Natrlich kann ich Ihnen nicht grundstzlich
widersprechen; denn so genau kenne ich die Verhltnisse nicht, um
positiv etwas behaupten zu knnen. Mein Arzt jedoch hat mir von seinem
letzten Gelde noch die Mittel zur Reise gegeben, und auerdem hat er
mich dort fast zwei Jahre lang auf seine Rechnung unterhalten.

Hatten Sie denn sonst keinen, der fr Sie bezahlt htte? fragte der
Schwarzhaarige.

Nein. Herr Pawlischtscheff, der mich anfangs dort unterhielt, starb vor
zwei Jahren. Ich schrieb darauf hierher, an die Generalin Jepantschin,
eine entfernte Verwandte von mir, erhielt aber keine Antwort. Und so bin
ich denn hergekommen.

Zu wem wollen Sie denn hier?

Sie meinen, wo ich absteigen werde? ... Ja, das wei ich noch nicht,
wirklich ... ich ...

Sie haben also noch nicht die Wahl getroffen?

Und beide Zuhrer brachen von neuem in Lachen aus.

Und dieses Bndel enthlt natrlich Ihr ganzes Hab und Gut? fragte der
Brnette.

Darauf knnte ich wetten! griff sofort mit uerst zufriedenem
Schmunzeln der rotnasige Beamte die Bemerkung auf. Und auch darauf, da
keine weiteren Koffer im Gepckwagen sind, noch, da ihm sonst was
gehrt, obgleich Armut keine Schande ist, was man wiederum nicht mit
Stillschweigen bergehen darf.

Es stellte sich heraus, da es sich auch tatschlich so verhielt, wie
jener annahm: der blonde junge Mann gestand es ohne weiteres mit
auffallender Offenherzigkeit ein.

Ihr Bndel hat aber immerhin noch eine gewisse Bedeutung, fuhr der
Beamte fort, nachdem sie sich satt gelacht hatten. (Merkwrdigerweise
stimmte auch der Besitzer des Bndels beim Anblick der beiden Lachenden
schlielich in das Gelchter ein, was die Heiterkeit jener natrlich
noch erhhte.) Und wenn man auch darauf wetten knnte, da sich in
demselben keine auslndischen Goldrollen mit Napoleondors und
Friedrichsdors oder zum mindesten mit hollndischen Goldgulden befinden,
was man allein schon aus Ihren Gamaschen ersehen kann, so erhlt doch
Ihr Reisebndel, wenn man zu diesem Bndel eine solche angebliche
Verwandte wie zum Beispiel die Generalin Jepantschin hinzufgt, eine
ganz andere Bedeutung. Versteht sich, nur in dem Fall, wenn die
Generalin Jepantschin auch wirklich Ihre Verwandte ist und Sie sich
nicht etwa tuschen ... aus Zerstreutheit vielleicht ... was einem
Menschen sehr wohl passieren kann, und wenn auch nur -- nun, sagen wir,
infolge bermig entwickelter Phantasie.

Oh, da haben Sie wieder die Wahrheit erraten, versetzte schnell der
blonde junge Mann; denn ich tusche mich ja auch in der Tat: sie ist
eigentlich so gut wie gar nicht verwandt mit mir, so da es mich damals
auch durchaus nicht wunderte, von ihr keine Antwort zu erhalten. Ich
hatte sie im Grunde nicht einmal erwartet.

Da haben Sie nur das Geld fr das Briefporto fortgeworfen. Hm! ... Sie
sind wenigstens gutmtig und aufrichtig, das ist lobenswert! Hm! Den
General Jepantschin kennen wir, vornehmlich, weil er allbekannt ist.
Aber auch den seligen Herrn Pawlischtscheff, der fr Sie in der Schweiz
bezahlt hat, haben wir einstmals gekannt, wenn es nur Nikolai
Andrejewitsch Pawlischtscheff war; denn es gab ihrer zwei Vettern. Der
eine lebt heute noch in der Krim. Nikolai Andrejewitsch aber, der
Verstorbene, war ein angesehener Mann, der gute Verbindungen hatte und
seinerzeit viertausend Leibeigene besa, jawohl ...

Ganz recht, er hie Nikolai Andrejewitsch Pawlischtscheff.

Der junge Mann blickte, nachdem er geantwortet hatte, unbeweglich und
forschend den allwissenden Herrn an.

Solche Leute, die alle Welt kennen und alles wissen, findet man
zuweilen, oder vielmehr sehr oft sogar, in einer ganz bestimmten
Gesellschaftsschicht. Sie wissen buchstblich alles, der ganze unruhige
Forschertrieb ihres Geistes ist unablenkbar nach dieser einen Seite
gerichtet, selbstverstndlich in Ermangelung ernsterer
Lebensinteressen, wie sich ein zeitgenssischer Denker ausdrcken
wrde. brigens beschrnkt sich diese Allwissenheit nur auf ein ziemlich
eng begrenztes Gebiet: welche Anstellung der und der hat, mit wem er
bekannt, wie gro sein Vermgen, wo er Gouverneur gewesen, mit wem er
verheiratet ist, wieviel er blank und bar mitgeheiratet hat, wer seine
Verwandten, Tanten, Nichten, Neffen und Vettern im zweiten und im
dritten Grade sind usw., in dieser Art. Grtenteils gehen diese Leute
mit zerrissenen Ellenbogen umher und beziehen ein Monatsgehalt von etwa
siebzehn Rubeln. Die Betreffenden, von denen sie alle diese Einzelheiten
wissen, knnten es sich natrlich gar nicht erklren, aus welchen
Grnden sie sich fr diese Dinge interessieren; indes kann ich
versichern, da viele von ihnen mit diesen Kenntnissen, die einer ganzen
Wissenschaft gleichkommen, sich vollkommen zufrieden geben, in ihrer
Selbstachtung bedeutend steigen und mit der Zeit sogar eine hhere
geistige Genugtuung darin finden. Und sie ist ja auch wirklich
verfhrerisch, diese Wissenschaft! Ich habe Gelehrte, Literaten, Dichter
und Staatsmnner gekannt, die in dieser Wissenschaft ihre hchste
Befriedigung und ihren hchsten Lebenszweck fanden und einzig durch sie
Karriere machten.

Whrend dieser ganzen Unterhaltung der beiden hatte der brnette junge
Mann geghnt, ziellos zum Fenster hinausgeschaut und voll Ungeduld das
Ende der Reise herbeigesehnt. Er war sichtlich zerstreut -- geradezu
seltsam zerstreut, fast aufgeregt. Sein ganzes Gebaren war etwas
sonderbar: er hrte zu und hrte doch nicht zu, sah und sah doch nicht,
und seinem Lachen hrte man es an, da er selbst nicht wute, worber er
lachte.

Aber erlauben Sie, mit wem habe ich die Ehre, wandte sich pltzlich
der Herr mit dem finnigen Gesicht an den blonden jungen Mann mit dem
Bndel.

Frst Lew Nikolajewitsch Myschkin, stellte sich jener sofort mit
voller Bereitwilligkeit vor.

Frst Myschkin? Lew Nikolajewitsch? Kenn' ich nicht. Nicht mal gehrt,
meinte der Beamte nachdenklich. Das heit, ich rede nicht vom Namen, --
der Name ist historisch, in Karamsins Russischer Geschichte kann und mu
man ihn finden. Ich rede vielmehr von Ihrer Person, und dann -- man hat
lange nichts mehr von irgendwelchen Frsten dieses Namens gehrt ... und
es ist einem auch keiner mehr zu Gesicht gekommen ...

Oh, wie sollten sie auch! uerte sich der Frst zu dieser Frage.
Auer mir gibt es jetzt berhaupt keine Frsten Myschkin mehr; ich bin,
glaube ich, der letzte. Und was meinen Vater und Grovater anbetrifft,
so haben sie ganz zurckgezogen auf ihrem einzigen Gut gelebt. Mein
Vater war brigens Page und hat es in der Armee blo bis zum
Sekondeleutnant gebracht. Nur wei ich nicht, wie die Generalin
Jepantschin von den Frsten Myschkin abstammt; jedenfalls ist auch sie
die Letzte ihres Geschlechts ...

Hahaha! Die Letzte ihres Geschlechts! Haha! Nicht schlecht gesagt,
lachte der Beamte.

Auch der Brnette lachte. Der Blonde aber wunderte sich, da es ihm
gelungen war, einen -- brigens recht schwachen -- Witz zu machen.

Ach so ... Ich habe es ganz gedankenlos gesagt, erklrte er
schlielich noch immer etwas verwundert.

I, versteht sich, versteht sich! beruhigte ihn der Beamte oder
richtiger der Herr mit der Physiognomie eines Beamten.

Sagen Sie, Frst, haben Sie dort auch Wissenschaften getrieben, dort
bei Ihrem Professor? erkundigte sich pltzlich der Brnette.

Ja ... ich habe manches gelernt ...

Ich habe nie was gelernt.

Auch ich habe ja nur so einiges ... fgte der Frst fast
entschuldigend hinzu. Infolge meiner Krankheit war es unmglich, mich
systematisch zu unterrichten.

Kennen Sie die Rogoshins? fragte pltzlich der Brnette.

Nein, ich kenne sie nicht; die sind mir ganz unbekannt. Ich kenne ja
nur sehr wenige Menschen in Ruland. So sind Sie ein Rogoshin?

Ja, ich bin ein Rogoshin. Parfen ...

Parfen? Der Beamte stutzte. Aber doch nicht etwa von jenen selben
Rogoshins ... begann er langsam.

Na ja, gewi von jenen selben, jenen selben, unterbrach ihn mit
unhflicher Gereiztheit der Brnette, der sich, nebenbei bemerkt, kein
einziges Mal an den finnigen Beamten wandte, sondern von Anfang an nur
zum Frsten sprach.

Ja ... wie denn das? wunderte sich der Beamte, dessen ganzes Gesicht
sich sofort zu einem andchtigen und unterwrfigen, ja sogar aufrichtig
erschrockenen Ausdruck zu verziehen begann. Doch nicht etwa der Sohn
desselben Ssemjon Parfenowitsch Rogoshin, des erblichen Ehrenbrgers,
der vor einem Monat gestorben ist und ein Kapital von zwei Millionen
fnfmalhunderttausend Rubeln hinterlassen hat?

So, woher weit du denn, da er ein Kapital von zwei Millionen
fnfmalhunderttausend Rubeln hinterlassen hat? unterbrach ihn der
Brnette, auch diesmal ohne ihn eines Blickes zu wrdigen. Da sieh
einer den Kerl! fuhr er mit einem Kopfnicken nach dessen Seite fort,
sich an den Frsten wendend, was sie nur davon haben mgen, da sie
sich einem sofort wie die Schwnze anhngen? Aber das stimmt, da mein
Vater gestorben ist und ich erst nach einem Monat aus Pskow beinah ohne
Stiebel nach Hause fahre. Weder mein Bruder, der Schuft, noch meine
Mutter, weder Geld noch Nachricht -- nichts haben sie mir geschickt! Wie
einen Hund haben sie mich behandelt! Hab' dort in Pskow den ganzen Monat
im Fieber gelegen.

Und jetzt heit es, ein Millinchen auf einen Ruck in Empfang zu
nehmen! -- zum allermindesten! Du lieber Gott! Der Beamte hob ganz
berwltigt die Hnde empor.

Sagen Sie doch, bitte, was geht das _ihn_ an? fragte Rogoshin
rgerlich mit demselben kurzen Kopfnicken nach dessen Seite hin. Ich
werde dir ja doch keine Kopeke davon geben, und wenn du auch mit den
Beinen in der Luft auf den Hnden vor mir gehen und bitten solltest.

Und ich werde, und ich werde gehen!

Da sieh einer! Aber ich werde dir ja doch nichts geben, werde dir keine
Kopeke geben, tanze meinetwegen eine ganze Woche auf den Hnden vor mir
herum!

Und gib auch nicht! Geschieht mir recht: gib nicht! Ich aber werde
tanzen. Werde mein Weib und meine kleinen Kinderchen verlassen und vor
dir tanzen! -- jawohl! -- und vor dir tanzen!

Pfui Teufel! Der Brnette spie aus. Vor fnf Wochen fuhr ich ganz wie
Sie da, wandte er sich an den Frsten, nur mit einem Bndel nach
Pskow, um mich vor meinem Vater in Sicherheit zu bringen. Fuhr zur
Tante. Dort warf mich das Fieber nieder. Er aber starb in meiner
Abwesenheit. Am Schlage. Ewiges Angedenken dem Seligen, nur htte er
mich damals sicherlich totgeschlagen. Werden Sie es mir glauben, Frst:
bei Gott! -- wr' ich nicht geflohen, er htte mich ohne weiteres
erschlagen.

Sie haben ihn wohl irgendwie gergert? fragte der Frst, der mit
eigentmlichem Interesse den Millionr im Schafpelz betrachtete.

Aber wenn auch eine Million und deren Erbschaft immer beachtenswert zu
sein pflegen, so war es doch etwas ganz anderes, das den Frsten
wunderte und interessierte. Auch Rogoshin selbst hatte aus irgendeinem
Grunde ersichtlich gern mit dem Frsten das Gesprch angeknpft, obschon
er eine Unterhaltung offenbar mehr mechanisch als aus innerem Bedrfnis
suchte -- gewissermaen mehr aus Zerstreutheit als aus Offenherzigkeit,
mehr infolge seiner Erregung und Aufregung ... vielleicht nur, um die
Zunge bewegen zu knnen. Auch schienen seine Reden noch halbe
Fieberphantasien zu sein, wenigstens sah man ihm an, da er innerlich
noch immer fieberte. Der Beamte aber wandte keinen Blick von ihm und
wagte kaum, zu atmen. Er hing frmlich an seinen Lippen, von denen er
jedes Wort gierig auffing und dann wgte, ganz als htte er einen
kostbaren Edelstein gesucht.

Ja, gergert -- das hat er sich schon ... und es war vielleicht auch
der Mhe wert, brummte Rogoshin. Mich aber hat am meisten mein Bruder
gergert. Von meiner Mutter red' ich nicht, ist eine alte Frau, liest
die Heiligenlegenden, sitzt mit alten Weibern zusammen, und wie's mein
Bruder Ssenjka[1] bestimmt, so mu alles geschehen. Warum aber hat er
mich nicht zur rechten Zeit benachrichtigt? Na, wir verstehen schon! Es
ist ja wahr, ich lag bewutlos im Fieber, und ein Telegramm haben sie ja
wohl auch abgesandt. Aber meine Tante ist grad die Richtige fr
Telegramme! Sie verbringt schon seit dreiig Jahren ihre Witwenschaft
mit Trbsinnspinnen und hockt vom Morgen bis zum Abend mit
Kirchenbettlern und Stadtverrckten zusammen. Nonne ist sie grad nicht,
jedenfalls aber so was von der Art, nur noch schlimmer. Das Telegramm
erschreckte sie natrlich frchterlich, und da lief sie mit ihm, ohne es
zu entsiegeln, geradeswegs aufs Polizeibureau, wo es heute noch liegt.
Nur Konjeff, Wassilij Wassiljitsch, rettete mich: schrieb mir alles ganz
genau. Von der Sargdecke des Vaters hat mein Bruder nachts heimlich die
echt goldenen Quasten abgeschnitten -- >sie kosteten doch ein
Heidengeld<! Schon allein dafr kann er nach Sibirien wandern, wenn ich
nur will; denn das ist doch Kirchendiebstahl. He, du da, alte
Vogelscheuche! wandte er sich pltzlich an den Beamten. Wie ist's nach
dem Gesetz: Kirchendiebstahl oder nicht?

Kirchendiebstahl! Gewi Kirchendiebstahl! besttigte dieser sofort mit
groem Eifer.

Und dafr geht's nach Sibirien?

Nach Sibirien, nach Sibirien! Sofort nach Sibirien!

Sie glauben alle, da ich noch todkrank sei, fuhr Rogoshin, zum
Frsten gewandt, fort, ich aber bin heimlich, ohne ein Wort zu sagen,
und allerdings noch halb krank, in den Zug gestiegen. Fuhr einfach los!
Mach mal auf das Tor, mein bester Ssemjon Ssemjonytsch! Er hat mich bei
meinem verstorbenen Vater angeschwrzt, das wei ich. Da ich aber mit
der Nastassja Filippowna damals meinen Vater gereizt habe, das lt sich
nicht leugnen. Hier war es nun freilich ganz allein meine Schuld. Die
Snde hat's so gewollt.

Mit Nastassja Filippowna? ... flsterte der Beamte ehrfurchtsvoll, als
berlege er irgend etwas.

Kennst sie ja doch nicht! schnitt ihm Rogoshin gereizt und rgerlich
das Wort ab.

Doch, ich kenne sie! triumphierte der Beamte.

Das fehlte noch! Als ob nur eine in der ganzen Welt Nastassja
Filippowna hiee! Was du brigens fr ein freches Rindvieh bist! Merk
dir das. Wut' ich's doch, da sich mir sogleich irgend so'n Geschmei
anhngen wrde! Er sprach wieder nur zum Frsten.

Wer wei, vielleicht kenne ich aber doch die Richtige! Der Beamte lie
sich nicht abfertigen. Lebedeff soll sie nicht kennen! Sie,
Hochwohlgeborenster, geruhen mich zu tadeln, wie aber, wenn ich beweise,
was ich sage? Das ist doch dieselbe Nastassja Filippowna, deretwegen Ihr
Vater mittels eines Stockes Ihnen die Leviten zu lesen gedachte, und ihr
Familienname ist Baraschkoff, also sozusagen sogar eine vornehme Dame
und in ihrer Art auch eine Frstin. Sie hat mit einem gewissen Tozkij,
Afanassij Iwanowitsch, ein Verhltnis, aber nur mit ihm allein, einem
Gutsbesitzer und Grokapitalisten, Mitglied verschiedener
Handelsgesellschaften, und der dieserhalb mit dem General Jepantschin
enge Freundschaft pflegt ...

Ah! Also solch ein Vogel bist du! Rogoshin wunderte sich denn doch. Er
war aufrichtig berrascht. Pfui Teufel, er scheint sie ja tatschlich
zu kennen.

Wen kennt er nicht? Lebedeff kennt alle und alles! Ich, mt Ihr
wissen, Hochwohlgeborenster, habe einmal mit Alexaschka[2]
Lichatschewitsch zwei Monate lang juchheit, gleichfalls nach dem Tode
des Vaters, kenne daher alle Winkel und Sackgassen; denn schlielich
ging er ohne Lebedeff keinen Schritt! Jetzt sitzt er im Schuldturm,
damals aber hatte er Gelegenheit, sowohl die Armance und Coralie wie die
Frstin Pazkij und Nastassja Filippowna nher kennen zu lernen ... und
noch so manches andere hatte er Gelegenheit, kennen zu lernen!

Nastassja Filippowna? Ja, hat sie denn mit Lichatschewitsch ...?
Rogoshin blickte ihn wtend an. Seine Lippen erbleichten und bebten.

Nichts, nichts, nichts! Absolut nichts! besann sich eilig der Beamte.
Er konnte mit allem Geld _n--n--nichts_ bei ihr erreichen, _n--nicht
das Geringste_! Nein, die war keine Armance! Nur Tozkij allein, wie
gesagt. Und abends sitzt sie in der Groen Oper oder im Franzsischen
Theater in ihrer eigenen Loge. Vieles, was die Offiziere so unter sich
reden -- na, aber auch sie knnen ihr nichts nachsagen. Nur so: >Sieh
dort, das ist jene Nastassja Filippowna< -- das ist alles, was sie sagen
knnen; in betreff des Weiteren aber n--nichts! Denn es ist ja auch
nichts zu sagen.

Das stimmt alles ganz genau, besttigte Rogoshin dster und
stirnrunzelnd. Das hat mir auch Saljosheff gesagt ... Ich lief damals,
fuhr er, zum Frsten gewandt, fort, in einem Pelzberrock meines
Vaters, den dieser schon vor drei Jahren abgelegt hatte, ber den
Newskij, da tritt sie aus einem teuren Laden und setzt sich in ihre
Equipage. Ich war auf der Stelle wie -- wie in Feuer getaucht. Darauf
begegne ich Saljosheff -- der pat nicht zu mir, kleidet sich wie ein
Friseurgehilfe, Pincenez auf der Nase, wir aber durften beim Seligen nur
Schmierstiefel tragen und aen nichts als Fastenkohl. >Nichts fr dich,<
sagt er, >die ist so gut wie eine Frstin, Nastassja Filippowna heit
sie. Sie lebt mit einem gewissen Tozkij, der nicht wei, wie er sie
loswerden soll; denn da er jetzt reif zum Heiraten ist -- fnfundfnfzig
geworden -- so will er eine der ersten Schnheiten Petersburgs
ehelichen.< Gleichzeitig teilte er mir mit, da ich sie noch am selben
Abend in der Groen Oper sehen knne, sie wrde in ihrer Parterreloge
sitzen. Bei uns aber, zu Lebzeiten des Seligen, sollte jemand versuchen,
ins Theater oder gar ins Ballett zu gehen! Kurzen Proze htte er
gemacht: einfach erschlagen. Ich aber machte mich dennoch einmal auf,
ganz heimlich auf und davon -- und es gelang mir auch wirklich,
Nastassja Filippowna zu sehen. Die ganze Nacht schlief ich nicht. Am
nchsten Morgen gibt mir der Selige zwei fnfprozentige Papiere, zu
fnftausend Rubel jedes. >Geh,< sagte er, >verkauf sie:
siebentausendfnfhundert bring zu Andrejeffs ins Kontor, bezahle dort,
und den Rest von den zehntausend bring mir, ohne dich irgendwo
aufzuhalten, unverzglich zurck. Werde dich hier erwarten.< Die Papiere
verkaufte ich, nahm das Geld, zu Andrejeffs aber ins Kontor ging ich
nicht, sondern begab mich schnurstracks zum englischen Juwelier und
kaufte dort frs ganze Geld ein Paar Ohrringe, in jedem ein Brillant so
ungefhr von der Gre einer Haselnu, blieb noch vierhundert Rubel
schuldig -- nannte meinen Namen, da trauten sie mir. Mit den Ohrringen
ging ich zu Saljosheff: soundso, gehen wir, Freund, zu Nastassja
Filippowna. Wir gingen. Was damals unter meinen Fen war, was vor mir,
was neben mir -- davon wei ich nichts mehr, keine Ahnung. Wir traten
ohne weiteres in ihren Salon ein, und sie erschien selbst. Ich, das
heit ... ich sagte damals nicht, wie ich heie, sondern einfach: >von
Parfen Rogoshin,< sagte Saljosheff, >zum Andenken an die gestrige
Begegnung, wenn Sie es empfangen wollten.< Sie ffnete, sah den Schmuck,
lchelte. >berbringen Sie,< sagte sie, >Ihrem Freunde, Herrn Rogoshin,
meinen Dank fr seine liebenswrdige Aufmerksamkeit.< Nickte und ging.
Warum ich damals nicht auf der Stelle starb, begreife ich nicht! Aber
wenn ich auch fortging, so tat ich's doch nur, weil ich dachte: >Nun,
gleichviel, lebendig kehrst du doch nicht zurck!< Am krnkendsten aber
schien mir, da diese Bestie Saljosheff alles gewissermaen von sich aus
gemacht hatte. Ich bin nicht gro von Wuchs, und gekleidet war ich wie
'n Knecht. Ich stehe, schweige, starre sie nur an -- denn ich schmte
mich doch --, er aber ist nach neuester Mode gekleidet, ist pomadisiert
und frisiert, rotwangig, mit 'ner karierten Krawatte -- zerfliet nur
so, Kratzfu hier und Bckling dort. Sicher hat sie ihn fr den Parfen
Rogoshin gehalten, whrend ich wie 'n Esel dabeistehe! >Nun,< sagte ich,
als wir hinaustraten, >da du mir jetzt nicht hier irgend etwas auch nur
zu denken wagst, verstanden!< Er lachte. >Wie aber wirst du denn jetzt
Ssemjon Parfenowitsch< -- also meinem Vater -- >Rechenschaft ablegen?<
Ich mu gestehen, da ich damals einfach ins Wasser wollte, ohne nach
Hause zurckzukehren, dachte aber: >Jetzt ist doch alles gleich,< und
ging wie ein Verfluchter heim.

Der Beamte sthnte berwltigt Ach! und Oh!, verrenkte sein Gesicht
und schttelte sich, als wenn ihn Frostschauer durchrieselten. Und
dabei mssen Sie bedenken, da der Selige imstande war, einen -- von
zehntausend ganz zu schweigen -- schon wegen gewhnlicher zehn Rubel ins
Jenseits zu befrdern! teilte er dem Frsten wichtig mit mehrfachem
Kopfnicken mit.

Interessiert betrachtete der Frst Rogoshin, der in diesem Augenblick
noch bleicher erschien.

Ins Jenseits zu befrdern! ffte ihn Rogoshin rgerlich nach. Was
weit du denn davon? ... Im Augenblick hatte er alles erfahren,
erzhlte er dann dem Frsten weiter; denn Saljosheff hatte natrlich
nichts Besseres zu tun, als die ganze Geschichte jedem ersten besten auf
die Nase zu binden. Mein Vater fhrte mich ins Obergescho und schlo
mich dort in einem Zimmer ein, in dem er mich dann eine Stunde lang
belehrte. >Jetzt bereite ich dich nur vor,< sagte er, >am Abend aber
werde ich wiederkommen und in noch ganz anderer Weise mit dir reden.<
Was glauben Sie wohl? -- Der Alte fhrt zu Nastassja Filippowna,
verneigt sich vor ihr bis zur Erde, fleht und weint, bis sie ihm den
Schmuck bringt und hinwirft: >Da hast du deine Ohrringe, Alter,< sagt
sie, >sie sind mir jetzt zehnmal teurer, wenn er sie mit solchen
Gefahren erstanden hat. Gr mir,< sagt sie, >gr mir Parfen
Ssemjonytsch und sag' ihm meinen Dank.< Nun, ich aber hatte inzwischen
mit meiner Mutter Segen von Sserjosha Protuschin zwanzig Rubel geborgt
und begab mich sofort per Bahn nach Pskow, kam aber schon im Fieber dort
an. Die alten Weiber begannen mich mit dem Vorlesen ihrer
Heiligengeschichten zu langweilen, whrend ich halb betrunken dasa. So
ging ich denn und suchte fr mein Letztes die Schenken heim und lag dann
bewutlos die ganze Nacht auf der Strae. Da hatte ich mich bis zum
Morgen grndlich erkltet. Ein Wunder, da ich berhaupt noch zu mir
kam.

Na! Na! Jetzt wird Nastassja Filippowna ein anderes Liedchen singen!
kicherte hndereibend der Beamte. Was Ohrringe! Jetzt werden wir sie
fr deine Ohrringe schon entschdigen ...

Hr', wenn du auch nur ein einziges Mal, gleichviel mit welchem Wort,
Nastassja Filippowna erwhnst, so werde ich dich, bei Gott, einfach zu
Brei schlagen, und wenn du auch hundertmal mit Lichatschewitsch juchheit
hast! rief knirschend Rogoshin, der pltzlich mit eisernem Griff des
anderen Handgelenk gepackt hatte.

Nur zu! Schlgst du mich, so wirst du mich nicht fortjagen. Schlag nur.
Gerade damit erwirbst du dir meine Freundschaft. Hast du mich erst
einmal durchgehauen, so hast du mich damit auch erworben ... Ah, da sind
wir ja schon angekommen!

Der Zug fuhr gerade in diesem Augenblick in den Bahnhof ein. Obgleich
Rogoshin sich nach seinen Worten ganz heimlich aufgemacht hatte, wurde
er doch von einer ganzen Schar Bekannter erwartet. Sobald sie ihn
erblickt hatten, schrien sie ihm zu und schwenkten die Mtzen.

Sieh mal, auch Saljosheff ist hier! brummte Rogoshin, indem er sie mit
triumphierendem und gleichwohl boshaftem Lcheln musterte, und pltzlich
wandte er sich an den Frsten. Ich wei nicht, weshalb ich dich
liebgewonnen hab', Frst. Vielleicht, weil ich dich in einer solchen
Stunde kennen gelernt habe, -- aber ich habe ja auch diesen da kennen
gelernt (er wies auf Lebedeff), ohne ihn dabei liebzugewinnen. Komm zu
mir, Frst. Diese Stiebletten wollen wir dir schon abziehen, werde dir
einen Marderpelz kaufen, den schnsten, den es nur gibt, werde dir einen
Frack machen lassen vom teuersten Stoff, dazu eine weie Weste oder was
du sonst willst, die Taschen stopfe ich dir voll mit Geld und -- fahren
wir dann zu Nastassja Filippowna! Kommst du?

So hren Sie doch, Frst Lew Nikolajewitsch! mischte sich Lebedeff
eifrig dazwischen. Greifen Sie zu, oh, greifen Sie zu! ...

Frst Myschkin erhob sich, bot Rogoshin hflich die Hand und sagte
herzlich:

Ich werde mit dem grten Vergngen zu Ihnen kommen, und ich danke
Ihnen dafr, da Sie mich liebgewonnen haben. Vielleicht werde ich sogar
heute schon kommen, wenn ich Zeit finde. Denn, ich sage es Ihnen
aufrichtig, auch Sie haben mir sehr gefallen -- namentlich, als Sie das
von den Ohrringen erzhlten. Ja sogar vor den Ohrringen gefielen Sie mir
bereits, obschon Sie ein dsteres Gesicht haben. Auch danke ich Ihnen
fr die Kleider und den Pelz, die Sie mir schenken wollen, ich werde
bald beides ntig haben. Geld jedoch habe ich im gegenwrtigen
Augenblick fast keine Kopeke mehr, doch ...

Oh, Geld wirst du von mir bekommen, soviel du nur willst, zum Abend
wird es schon da sein, komme nur zu mir!

Oh, Geld wird schon da sein, griff der Beamte sofort auf, zum Abend,
noch vor dem Abend wird es da sein!

Aber wie steht's mit den Frauen, Frst? Sind Sie ein groer Liebhaber
des weiblichen Geschlechts? -- das mssen Sie mir im voraus sagen.

Ich? N--n--nein. Ich bin ja ... Sie wissen vielleicht nicht, da ich
... da ich infolge meiner Krankheit die Frauen berhaupt noch nicht
kenne.

Nun, wenn's so ist ... rief Rogoshin aus, dann bist du ja, Frst, ein
ganz armer Heiliger! Solche, wie du, hat Gott lieb.

Gewi! Gerade solche hat Gott der Herr lieb! echote der Beamte.

Und du, Schmarotzer, schieb mir mal nach! wandte sich Rogoshin an
Lebedeff.

Sie verlieen alle drei das Kupee.

Lebedeff hatte nun doch erreicht, was er wollte. Die lrmende Schar
entfernte sich bald in der Richtung nach dem Wosnessenskij Prospekt. Der
Frst dagegen mute den Weg zur Liteinaja einschlagen. Der Morgen war
feucht und nakalt. Frst Myschkin erkundigte sich bei Vorbergehenden
nach den Entfernungen: bis zu seinem Ziel waren noch etwa drei Werst,
und so entschlo er sich, eine Droschke zu nehmen.


                                  II.

General Jepantschin wohnte in seinem eigenen Hause, etwas abseits von
der Liteinaja, in der Richtung zur Heiligen Verklrungskirche. Auer
diesem uerst stattlichen Hause, von dem fnf Sechstel vermietet waren,
besa der General noch ein riesiges Haus an der Ssadowaja, das ihm
gleichfalls sehr viel eintrug. Ferner besa er in der nchsten Nhe
Petersburgs ein beraus rentables und durchaus nicht so kleines Gut und
dann noch, gleichfalls im Petersburger Kreise, irgendeine Fabrik. In
frheren Zeiten hatte sich der General, wie alle Welt wute, an der
Branntweinpacht beteiligt, jetzt jedoch war er Mitglied einiger solider
Aktiengesellschaften, bei denen er eine einflureiche Stimme im
Aufsichtsrat besa. Jedenfalls galt er als schwerreicher Mann mit
Unternehmungsgeist und guten Verbindungen. An manchen Stellen, unter
anderem auch in seinem Dienst, hatte er sich fast unentbehrlich zu
machen gewut. Indes wute alle Welt, da Iwan Fedorowitsch Jepantschin
ein Mann ohne besondere Bildung war und aus einer Soldatenfamilie
stammte. Letzteres konnte ihm zweifellos nur zur Ehre gereichen. Doch
hatte der General, obgleich sonst gerade kein Dummer, auch seine
kleinen, sehr verzeihlichen Schwchen, denen es zuzuschreiben war, da
er gewisse Anspielungen auf seine Herkunft nichts weniger als gern
hrte. Im brigen war er ein kluger und gewandter Mensch, der wute, was
sich gehrte, und der seine Prinzipien hatte. So zum Beispiel hatte er
es sich zum Grundsatz gemacht, sich nie dort vorzudrngen, wo
zurckzustehen ratsamer war. Im allgemeinen wurde er wegen seiner
einfachen Natrlichkeit geschtzt, weil er sich nichts anmate, was ihm
nicht zukam, und weil er immer seinen Platz kannte. Whrenddessen aber
-- oh, wenn diese Leute nur geahnt htten, was bisweilen in der Seele
Iwan Fedorowitschs, der so gut seinen Platz kannte, vor sich ging! Doch
wieviel Lebenserfahrung er auch besa -- und sogar einige recht
bemerkenswerte Fhigkeiten lieen sich ihm nicht absprechen --: er zog
es im allgemeinen durchaus vor, sich mehr als Vollstrecker fremder
Ideen, denn als ein aus eigener Initiative Handelnder hinzustellen. Er
war dabei aufrichtig, schmeichelte den Menschen nicht und -- was erlebt
man nicht alles in unserem Jahrhundert! -- gab sich sogar als ganzer,
echter, herzlicher Russe. In letzterer Beziehung sollen ihm sogar ein
paar amsante Geschichtchen passiert sein, doch der General verzagte
nie, selbst angesichts der amsantesten Geschichtchen nicht. Zudem hatte
er Glck, selbst im Kartenspiel. Ja, er spielte sogar sehr hoch und
bemhte sich nicht nur keineswegs, diese seine scheinbare kleine
Schwche -- die ihm mitunter nicht wenig eintrug -- zu verbergen,
sondern kehrte sie noch absichtlich hervor. Sein Bekanntenkreis war ein
etwas gemischter, doch -- versteht sich -- gehrten zu ihm immerhin nur
reiche Leute. Aber es lag ja selbst alles noch vor ihm, jedes Ding hat
seine Zeit, und so mute einmal doch alles an die Reihe kommen. Auch was
das Alter anbelangt, war der General sozusagen noch in den besten
Jahren, nmlich genau sechsundfnfzig Jahre alt, nicht weniger und
beileibe nicht mehr, was ja doch unter solchen Verhltnissen ein
blhendes Alter zu nennen ist, ein Alter, in dem das wirkliche Leben so
recht eigentlich erst beginnt. Gesundheit, frische Gesichtsfarbe, gute,
wenn auch schon etwas schwarz angelaufene Zhne, eine breitschultrige,
feste Gestalt, morgens im Dienst der ebenso besorgte und strenge, wie
abends am Kartentisch Seiner Durchlaucht heitere Gesichtsausdruck --
alles das trug zu den schon erreichten und noch bevorstehenden Erfolgen
des Generals in nicht geringem Mae bei und streute auf den Lebenspfad
Seiner Exzellenz duftende Rosen.

Der General besa aber auch eine entsprechend blhende Familie. Freilich
waren die Rosen, die ihm hier erblhten, nicht immer ganz ohne Dornen,
doch dafr gab es wieder manches andere, auf Grund dessen sich die
grten und liebsten Hoffnungen Seiner Exzellenz gerade auf seinen
Nachwuchs konzentrierten. Welche Hoffnungen und Plne knnten auch
wichtiger und heiliger sein, als diejenigen liebender Eltern? An was
soll man sich schlielich anklammern, wenn nicht an die Familie? Die
Familie des Generals bestand aus seiner Gattin und drei erwachsenen
Tchtern. Geheiratet hatte er schon vor sehr langer Zeit, als er noch
Leutnant war; seine Braut war fast in gleichem Alter mit ihm, zeichnete
sich weder durch besondere Schnheit noch durch Bildung aus, und als
Mitgift bekam sie auch nur fnfzig Seelen -- die allerdings zur
Grundlage seines spteren Reichtums wurden. Der General jedoch uerte
in der Folge nie etwas, woraus man htte schlieen knnen, da er seine
frhe Heirat bereue. Er behandelte sie nie als bereilte Handlung der
unberlegten Jugend. Und seine Gemahlin achtete er so hoch und frchtete
sie bisweilen so sehr, da man sogar sagen mute: er liebte sie. Sie
nun, die Generalin Jepantschin, stammte aus dem Hause der Frsten
Myschkin, einem nicht gerade sehr glnzenden, doch dafr sehr alten
Geschlecht, und tat sich auf diese ihre Abkunft nicht wenig zugute. Eine
zu jener Zeit einflureiche Persnlichkeit (einer jener Protektoren,
denen das Protegieren kein Geld kostet) hatte sich bereitgefunden, der
jungen Frstin einen Gatten zu verschaffen. Er ffnete dem jungen
Offizier das Pfrtchen zur Karriere und gab ihm den ersten Sto, der ihn
auf dieser Bahn in Gang brachte. Der junge Mann aber bedurfte nicht
einmal einer so groen Hilfeleistung, es gengte ihm zunchst, wenn er
nur mit einem Blick bemerkt und nicht ganz bersehen wurde. Die
Ehegatten lebten, abgesehen von einzelnen wenigen Ausnahmen, bis zu
ihrer Silberhochzeit in bester Eintracht. Bereits in jungen Jahren hatte
die Generalin es verstanden -- dank ihrer frstlichen Abstammung und als
Letzte ihres Stammes, vielleicht aber auch dank persnlicher Vorzge --
einzelne hochgestellte Gnnerinnen zu finden, und mit der Zeit war sie,
dank ihrem Reichtum und der dienstlichen Stellung ihres Gemahls, im
Kreise dieser hochgestellten Personen sogar ein wenig heimisch geworden.

In den letzten Jahren waren die drei Tchter des Generals, Alexandra,
Adelaida und Aglaja, herangewachsen und lieblich erblht. Freilich
hieen sie alle drei nur Jepantschin, doch waren sie mtterlicherseits
immerhin frstlicher Abstammung, hatten keine geringe Mitgift zu
erwarten und besaen einen Vater, der fr die Zukunft noch Aussicht auf
einen vielleicht sogar sehr hohen Posten hatte. Auerdem waren sie alle
drei -- was gleichfalls von nicht geringer Bedeutung ist -- auffallend
schne Mdchen, selbst die lteste, Alexandra, die bereits das
fnfundzwanzigste Jahr berschritten hatte, nicht ausgenommen. Die
zweite war dreiundzwanzig Jahre alt und die Jngste, Aglaja, kaum
zwanzig. Diese Jngste war sogar eine ausgesprochene Schnheit und
lenkte denn auch in der Gesellschaft die allgemeine Aufmerksamkeit auf
sich. Aber das war noch lngst nicht alles Gute, was sich von ihnen
sagen lie: alle drei zeichneten sich nmlich auch durch Bildung,
Verstand und Talente aus. Auch wute man zu erzhlen, da sie einander
sehr zugetan seien und in gutem Einvernehmen zusammenhielten. Ja, man
sprach sogar von gewissen Opfern, die die beiden lteren Schwestern der
Jngsten, dem Abgott der ganzen Familie, zu bringen beabsichtigten. In
der Gesellschaft drngten sie sich nicht vor, sondern zogen sich
vielleicht sogar allzusehr zurck. Niemand konnte ihnen Hochmut oder
Eigendnkel vorwerfen, obschon ein jeder wute, da sie stolz waren und
ihren eigenen Wert kannten. Die lteste war musikalisch, die Mittlere
besa ein auffallendes Zeichentalent, doch davon hatte viele Jahre kein
Mensch etwas geahnt: erst in der letzten Zeit hatte man es pltzlich
entdeckt, und auch da nur ganz zufllig. Mit einem Wort, es wurde sehr
viel Lobenswertes von ihnen erzhlt. Nichtsdestoweniger gab es auch
solche, die ihnen nicht gerade wohlwollten. So sprach man z. B. mit
wahrem Entsetzen davon, wieviel Bcher sie schon gelesen htten. Mit dem
Heiraten hatten sie es nicht eilig. Vornehme Gesellschaft zogen sie
natrlich vor, doch machten sie sich schlielich auch nicht viel aus
ihr, was um so bemerkenswerter war, als jedermann den Charakter, die
Wnsche und Hoffnungen ihres Vaters kannte.

Es war bereits elf Uhr, als der Frst an der Wohnung des Generals die
Klingel zog. Jepantschins wohnten im zweiten Stock, zwar mglichst wenig
protzig, doch ihrer gesellschaftlichen Stellung durchaus entsprechend.
Der Frst, dem ein Diener in voller Livree ffnete, mute ziemlich lange
mit diesem Menschen reden, der ihn und sein Bndel zuerst recht kritisch
musterte. Erst nach wiederholter und bestimmter Versicherung, da der
Besucher tatschlich Frst Myschkin sei und den General in einer
wichtigen Angelegenheit zu sprechen wnsche, fhrte ihn der unglubige
Bediente in ein kleines Vorzimmer vor dem Empfangskabinett Seiner
Exzellenz und bergab ihn dort gewissermaen der Obhut eines anderen
Dieners, der des Morgens in diesem Zimmer Dienst hatte und die zum
Besuch erscheinenden Herren anmelden mute. Dieser zweite Diener trug
einen schwarzen Frack, mochte etwa vierzig Jahre zhlen, zeigte eine
sorgenvolle Miene und besa als spezieller Anmeldediener des Generals
Jepantschin ganz zweifellos hheren Wert.

Warten Sie geflligst im Empfangszimmer, das Bndel lassen Sie aber
hier, sagte er jetzt, ohne sich zu beeilen, setzte sich darauf wichtig
auf seinen Stuhl und betrachtete mit strenger Verwunderung den Frsten,
der, als wre es ganz selbstverstndlich, neben ihm auf einem anderen
Stuhl Platz genommen hatte, whrend er das Bndel immer noch in der Hand
trug.

Wenn Sie erlauben, sagte der Frst, werde ich lieber hier bei Ihnen
warten, was soll ich dort allein sitzen?

Im Vorzimmer ist nicht der richtige Platz fr Sie; denn Sie sind ein
Besucher, also sozusagen ein Gast. Wollen Sie den General selbst
sprechen?

Der Diener konnte sich offenbar nicht so schnell an den Gedanken, diesen
Menschen anmelden zu mssen, gewhnen und entschlo sich daher,
vorsichtshalber nochmals zu fragen.

Ja, ich habe die Absicht ... sagte der Frst.

Ich frage Sie nicht nach Ihren Absichten, -- ich habe Sie nur
anzumelden. Aber ohne den Sekretr werde ich Sie doch nicht anmelden
knnen.

Das Mitrauen dieses Menschen schien noch zu wachsen: der Frst glich
aber auch gar zu wenig den tglichen Besuchern, und wenn der General
auch recht oft zu einer festgesetzten Stunde sogar sehr
verschiedenartige Leute empfing -- vornehmlich in geschftlichen
Angelegenheiten --, so war der Kammerdiener trotz aller Anweisungen
diesmal doch sehr im Zweifel darber, was er tun sollte. Jedenfalls
erschien ihm die Mittlerschaft des Sekretrs mit jeder Minute
notwendiger.

Ja, aber sind Sie auch wirklich ... aus dem Auslande gekommen? fragte
er schlielich ganz unwillkrlich und verstummte sogleich etwas
betreten.

Er hatte wahrscheinlich fragen wollen: >Sind Sie auch wirklich Frst
Myschkin?<

Ja, ich komme direkt von der Bahn. Ich glaube jedoch, da Sie mich
fragen wollten, ob ich auch wirklich Frst Myschkin bin -- sprachen das
aber aus Hflichkeit nicht aus.

Hm! brummte der verwunderte Lakai.

Nun, ich versichere Sie, da ich Ihnen nichts vorgelogen habe. brigens
werden Sie fr mich nicht einzustehen brauchen. Und da ich in diesem
Aufzuge und mit diesem Reisebndel erscheine, ist weiter nicht
verwunderlich, da meine Verhltnisse im Augenblick nicht glnzend sind.

Hm! Sehen Sie, das ist es eigentlich nicht, was ich befrchte. Sie
anzumelden, bin ich verpflichtet, und der Sekretr wird Sie empfangen,
auer wenn ... das ist es eben, dieses auer wenn ... Sie wollen doch
nicht, hm ... den General, wenn ich fragen darf, um eine Untersttzung
bitten? -- verzeihen Sie ...

O nein, in der Beziehung knnen Sie vollkommen ruhig sein. Ich habe ein
anderes Anliegen.

Sie mssen mich entschuldigen, ich fragte nur so ... aus Ihrem
Auftreten zu schlieen ... Warten Sie, bis der Sekretr kommt. Der
General selbst arbeitet jetzt mit dem Obersten, dann aber kommt auch der
Sekretr.

Wenn ich lange warten mu, so mchte ich Sie um etwas bitten: knnte
ich hier nicht irgendwo ein wenig rauchen? Tabak und eine Pfeife habe
ich bei mir.

Ra--au--chen? Der Diener blickte ihn mit verchtlicher Verwunderung
an, als traue er seinen Ohren nicht ganz. Ra--au--chen? Nein, hier
drfen Sie nicht rauchen. Schmen Sie sich denn gar nicht, an so etwas
auch nur zu denken? He! -- das ist mal nett!

Oh, ich fragte ja nicht, ob ich hier in diesem Zimmer rauchen knnte.
Ich wei, da das nicht geht. Ich wre irgendwohin hinausgegangen, in
ein Vorhaus oder einen Korridor, den Sie mir gezeigt htten; denn ich
bin sehr ans Rauchen gewhnt, und heute habe ich seit ganzen drei
Stunden nicht geraucht. brigens, wie Sie meinen. Es gibt ja auch ein
Sprichwort: In ein fremdes Kloster kommt man nicht mit fremden Sitten
...

Wie soll ich Sie denn nun eigentlich anmelden? brummte der
Kammerdiener fast unwillkrlich. Erstens schon, da dies hier doch
nicht der rechte Platz zum Warten fr Sie ist! Sie mten im
Empfangszimmer sitzen; denn Sie sind doch sozusagen ein Besucher, also
ebenso gut wie ein Gast, und mich wird man dann fragen ... oder haben
Sie ... haben Sie die Absicht, ganz bei uns zu bleiben? fragte er
pltzlich mit einem neuen Seitenblick nach dem Bndel des Frsten, das
ihm offenbar keine Ruhe lie.

Nein, die Absicht habe ich nicht. Selbst wenn man mich hier dazu
aufforderte, wrde ich nicht bleiben. Ich bin einfach gekommen, um die
Familie kennen zu lernen, weiter nichts.

Was? Kennen zu lernen? fragte der Kammerdiener verwundert mit
doppeltem Mitrauen. Aber Sie sagten doch, Sie htten ein Anliegen?

Oh, eigentlich habe ich kein Anliegen. Das heit, wenn Sie wollen, habe
ich allerdings ein Anliegen -- ich wollte um einen Rat bitten -- aber
hauptschlich bin ich doch gekommen, um mich vorzustellen; denn ich bin
ein Frst Myschkin, und auch die Generalin Jepantschin ist eine geborene
Frstin Myschkin -- und auer uns beiden gibt es keine Myschkins mehr.

Was, so sind Sie sogar ein Verwandter? Der Kammerdiener stutzte
erschrocken.

Auch das eigentlich nicht. Oder wenn man durchaus will, sind wir auch
Verwandte, aber immerhin in so entferntem Grade, da man es im Grunde
wohl kaum noch Verwandtschaft nennen kann. Ich habe bereits einmal aus
der Schweiz an die Generalin geschrieben, doch sie hat mir nicht
geantwortet. Dennoch halte ich es jetzt, nach meiner Rckkehr, fr
ntig, wenigstens den Versuch zu machen, Beziehungen anzuknpfen. Und
Ihnen erklre ich das alles jetzt nur, damit Sie an meiner Identitt
nicht zweifeln; denn, wie ich sehe, beunruhige ich Sie immer noch. Also
melden Sie getrost den Frsten Myschkin an, der Grund meines Besuches
wird schon aus dieser Anmeldung zu ersehen sein. Empfngt man mich --
ist's gut. Empfngt man mich nicht -- ist's vielleicht ebenso gut,
vielleicht sogar besser. Nur knnen sie, glaube ich, keinen Grund haben,
mich nicht zu empfangen. Die Generalin wird doch sicherlich den einzigen
noch lebenden Trger ihres Namens kennen lernen wollen, um so mehr, als
sie, wie ich gehrt habe, auf ihre frstliche Herkunft etwas geben
soll.

Die Unterhaltung des Frsten war scheinbar die allergewhnlichste, doch
je selbstverstndlicher sie wurde, desto unverstndlicher erschien sie
dem erfahrenen Kammerdiener. Jedenfalls konnte er nicht umhin,
herauszufhlen, da doch manches, was sonst zwischen zwei Menschen sehr
wohl mglich ist, zwischen einem Gast und einem Diener dagegen ganz
unmglich ist. Da nun die Dienstboten in der Regel viel klger zu sein
pflegen, als ihre Herrschaft es im allgemeinen von ihnen voraussetzt, so
dachte auch der Diener Seiner Exzellenz, da es sich hier nur um zwei
Mglichkeiten handeln knne: entweder war der Frst irgend so ein
leichtsinniger Herumtreiber, der unfehlbar Seine Exzellenz anbetteln
wollte, oder er war einfach ein Dummkopf, der kein Standesbewutsein
hatte, denn -- ein kluger Frst mit Standesbewutsein wrde doch nicht
im Vorzimmer sitzen und mit einem Lakaien von seinen Privatverhltnissen
reden!? Wenn dem nun aber so war -- fiel dann nicht ihm als erfahrenen
Kammerdiener die Verantwortung zu?

Aber Sie werden sich nun doch ins Empfangszimmer bemhen mssen,
bemerkte er schlielich in mglichst bestimmtem Ton.

Wenn ich dort gesessen htte, wrde ich Ihnen nichts erzhlt haben,
meinte halb lachend der Frst, und folglich wrde Sie der Anblick
meines Mantels und Reisebndels immer noch ngstigen. So aber brauchen
Sie den Sekretr jetzt vielleicht nicht mehr zu erwarten und knnen mich
ohne fremde Mittlerschaft selbst anmelden?

Nein, einen Besuch wie Sie kann ich ohne den Sekretr nicht anmelden,
und berdies hat Seine Exzellenz vorhin noch ausdrcklich befohlen, da
ich sie nicht stren soll, gleichviel wer da kme, solange der Oberst
bei ihr ist. Nur Gawrila Ardalionytsch kann unangemeldet eintreten.

Wer ist das -- ein Beamter?

Gawrila Ardalionytsch? Nein. Er ist ein Angestellter der
Handelsgesellschaft. Aber Ihr Bndel knnten Sie doch wenigstens dorthin
stellen.

Das war auch schon meine Absicht. Wenn Sie gestatten ... brigens --
ich werde auch den Mantel ablegen, was meinen Sie dazu?

Natrlich, Sie knnen doch nicht im Mantel eintreten.

Gewi nicht.

Der Frst erhob sich, zog eilig seinen Mantel aus und stand nun in einem
zwar schon getragenen, jedenfalls aber noch sehr anstndigen, kurzen
Rock von gut sitzendem, elegantem Schnitt vor dem ihn kritisch
musternden Diener. ber der Weste hing eine schlichte Stahlkette, an der
er eine silberne Genfer Uhr trug.

Wenn nun der Frst auch ein Dummkopf war -- das hatte der Lakai bereits
festgestellt --, so schien es dem Kammerdiener Seiner Exzellenz doch als
unzulssig, da er von sich aus das Gesprch mit dem Gast fortsetzte,
obschon ihm der Frst aus irgendeinem Grunde gefiel -- in seiner Art,
versteht sich. Trotzdem aber erregte er immer noch seinen aufrichtigen
Unwillen.

Wann empfngt die Generalin? fragte der Frst, nachdem er sich wieder
auf denselben Platz gesetzt hatte.

Das ist nicht mehr meine Sache. Sehr verschieden brigens, je nach
Wunsch. Die Modistin wird sogar schon um elf empfangen. Gawrila
Ardalionytsch gleichfalls frher als die anderen, sogar schon zum ersten
Frhstck.

Hier ist es in den Zimmern an kalten Wintertagen bedeutend wrmer als
im Auslande, bemerkte der Frst, dafr aber ist es dort in den Straen
wrmer als bei uns. Die Huser sind dort im Winter dermaen kalt, da
ein echter Russe anfangs gar nicht in ihnen wohnen kann.

Heizt man denn dort nicht?

Das wohl, aber die Huser sind anders gebaut, die fen und Fenster ...

Hm! Und wie lange beliebten Sie dort herumzureisen?

Ja so -- vier Jahre. brigens habe ich die ganze Zeit fast nur an einem
Ort gelebt, auf dem Lande.

Sind wohl unser Leben nicht mehr gewhnt?

Auch das ist wahr. Glauben Sie mir, es wundert mich wirklich, da ich
das Russische nicht verlernt habe. Da spreche ich nun mit Ihnen und
denke dabei doch die ganze Zeit: >Aber ich spreche ja wirklich gutes
Russisch!< Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich soviel rede.
Wirklich, seit dem gestrigen Tage wrde ich am liebsten nur reden und
reden.

Hm! Hm! Haben Sie frher schon in Petersburg gelebt? -- Wie sehr sich
der Diener auch beherrschen wollte, so weit konnte er sich doch nicht
berwinden, da er ein so freundlich und fast sogar zuvorkommend mit ihm
gefhrtes Gesprch einfach einschlafen lie.

Ja Petersburg? So gut wie berhaupt nicht. Nur auf der Durchreise bin
ich hier gewesen. Ich habe die Stadt auch frher nicht gekannt, und
jetzt soll es ja hier, wie man hrt, so viel Neues geben, da selbst
diejenigen, die die Stadt frher gekannt haben, sie schwerlich
wiedererkennen knnten. Augenblicklich wird hier viel von der Reform
unserer Gerichte gesprochen.

Hm! ... Unsere Gerichte. Ja ... Gerichte, das ist schon wahr, das sind
eben Gerichte. Wie ist es dort: sind die Gerichte gerechter als bei
uns?

Das wei ich nicht. Ich habe aber gerade von unseren Gerichten viel
Gutes gehrt. Da hat man jetzt auch die Todesstrafe bei uns
abgeschafft.

Wird man denn dort zum Tode verurteilt?

Ja. Ich habe einmal in Frankreich eine Hinrichtung gesehen. In Lyon.
Mein Arzt, Professor Schneider, hatte mich dorthin mitgenommen.

Wird dort gehngt?

Nein, in Frankreich wird nur enthauptet.

Schreien sie sehr?

Wo denken Sie hin! Es geschieht ja in einem Augenblick. Der Mensch wird
hingelegt, und dann fllt pltzlich von oben ein breites Messer auf
seinen Hals, mittels einer Maschine -- die Guillotine wird sie genannt
-- schwer, scharf, in einer Sekunde ... Der Kopf springt schneller vom
Rumpf ab, als man mit dem Auge einmal zwinkern kann. Die Vorbereitungen
aber nehmen viel Zeit in Anspruch. Zuerst wird dem Verbrecher das
Todesurteil vorgelesen, dann wird er angekleidet, gebunden und aufs
Schafott gefhrt -- das alles mu schrecklich sein! Das Volk luft von
allen Seiten herzu, sogar Frauen, obschon man es dort sehr ungern sieht,
da Frauen der Hinrichtung beiwohnen.

Ist auch nicht ihre Sache.

Natrlich nicht! Diese Qual! ... Der Verbrecher war ein intelligenter,
furchtloser, starker Mann, nicht mehr jung, Legros hie er. Nun, glauben
Sie es mir oder glauben Sie es nicht: als er das Schafott bestieg --
weinte er, und sein Gesicht war so bleich, war so wei wie Kalk. Wie ist
so etwas nur mglich? Ist das nicht grauenvoll? Welcher Mensch weint
denn vor Angst? Ich htte nie gedacht, da -- nicht ein Kind, -- aber
ein erwachsener Mensch vor Angst weinen knnte, ein Mann von
fnfundvierzig Jahren, der noch nie geweint hat! Was mu mit der Seele
in diesem Augenblick geschehen, bis zu welchen Krmpfen wird sie
gemartert? Eine Beschimpfung der Seele ist es, weiter nichts! Es heit:
>Du sollst nicht tten< -- und nun soll man dafr, da er gettet hat,
wiederum ihn tten? Nein, das kann doch unmglich richtig sein. Es ist
schon ber einen Monat her, da ich es gesehen habe, und immer noch
glaube ich, es lebendig vor mir zu sehen. Fnfmal hat mir davon
getrumt.

Der Frst hatte sich geradezu in Eifer geredet: auf seinem blassen
Gesicht erschien ein leises Rot, wenn auch seine Rede ruhig blieb, wie
vorher. Der Kammerdiener hatte ihm mit groer Teilnahme und noch
grerem Interesse zugehrt und hing mit den Blicken an ihm, als knne
er sich nicht von ihm losreien. Vielleicht war dieser Bediente als
Mensch nicht ohne Phantasie und Denkvermgen.

Gut wenigstens, da die Schmerzen nicht gro sind, meinte er, hm, so
... wenn der Kopf abgehackt wird.

Wissen Sie was, griff der Frst angeregt diesen Gedanken auf, was Sie
da soeben bemerkt haben, wird fast von allen ganz genau so
hervorgehoben. Auch wird die Maschine, die Guillotine, heutzutage
hauptschlich deshalb benutzt. Mir aber kam damals etwas anderes in den
Sinn: wie, wenn das sogar noch schlimmer ist? Ihnen erscheint meine
Annahme vielleicht lcherlich, unmglich, wenn man sich jedoch ein wenig
in die Stimmung des Verurteilten zu versetzen sucht, so kommt einem ganz
unwillkrlich der Gedanke an diese Mglichkeit. Denken Sie mal nach --
nun, nehmen Sie zum Beispiel die Folter: da gibt es Schmerzen und Wunden
und krperliche Qual, die aber lenkt einen doch von den seelischen
Qualen ab, so da einen bis zum Augenblick des Todes nur die Wunden
qulen. Den grten, den qulendsten Schmerz aber verursachen vielleicht
doch nicht die Wunden, sondern das Bewutsein, da, wie man _genau
wei_, nach einer Stunde, dann nur nach zehn Minuten, dann nach einer
halben Minute, sogleich, noch in diesem Augenblick -- die Seele den
Krper verlassen wird, und da du dann kein Mensch mehr sein wirst, und
da es doch unfehlbar geschehen mu. Das Entsetzlichste ist ja gerade
dieses >_Unfehlbar_<. Gerade wenn man den Kopf unter das Messer beugt
und dann hrt, wie es von oben klirrend herabglitscht -- gerade diese
Viertelsekunden mssen die furchtbarsten sein! Dies ist nicht nur meine
Ansicht, mssen Sie wissen, sondern sehr viele haben dieselbe geuert.
Ich bin aber so fest von der Richtigkeit meiner Annahme berzeugt, da
ich Ihnen offen sagen will, wie ich darber denke: fr einen Mord
gettet zu werden ist eine unvergleichlich grere Strafe, als das
begangene Verbrechen gro ist. Laut Urteil gettet zu werden ist
unvergleichlich schrecklicher, als durch Ruberhand umzukommen. Wer von
Rubern ermordet wird, nachts, im Walde, oder sonstwo, hat zweifellos
noch bis zum letzten Augenblick die Hoffnung auf Rettung. Hat man doch
Beispiele erlebt, da dem Betreffenden schon die Kehle durchgeschnitten
ist, er aber doch noch zu flehen oder zu entlaufen sucht. Hier aber wird
auch diese letzte unwillkrliche Hoffnung, mit der zu sterben zehnmal
leichter ist, unwiderruflich genommen; hier ist es das Todesurteil, dem
man auf keine Weise entrinnen kann, hier ist es das Bewutsein der
unfehlbaren Vollstreckung desselben, was die grte Qual verursacht --
eine grere Qual kann es in der Welt gar nicht geben. Fhren Sie einen
Soldaten in der Schlacht geradeswegs vor die Kanonen und lassen Sie auf
ihn abfeuern, er wird doch immer noch hoffen, mit dem Leben
davonzukommen; aber lesen Sie demselben Soldaten sein Todesurteil vor,
das _unfehlbar_ an ihm vollstreckt werden wird, so wird er entweder
irrsinnig werden oder in Trnen ausbrechen. Wer hat es denn gesagt, da
die menschliche Natur fhig sei, diesen Tod ohne die geringste
Geistesverwirrung zu ertragen? Und wozu diese berflssige, unntze, so
unglaublich berflssige Beschimpfung des Menschen? Vielleicht gibt es
irgendwo einen Menschen, dem das Todesurteil verlesen worden ist, der
diese Qualen bis zum letzten Augenblick durchgekostet, und dem man dann
gesagt hat: >Geh hin, dir ist die Strafe erlassen.< Ja, solch einer
knnte dann vielleicht erzhlen. Von diesen Qualen und diesem Entsetzen
hat auch Christus gesprochen. Nein, das darf man einem Menschen nicht
antun!

Der Diener htte diesen Gedanken zwar nicht so auszudrcken vermocht,
wie der Frst, verstand aber dennoch die Hauptsache sehr wohl, was man
allein schon aus seiner gerhrten Miene ersehen konnte.

Wenn Sie nun einmal so gern rauchen, brummte er, so knnen Sie es
schlielich auch tun, blo dann etwas schnell. Denn wenn ich pltzlich
gefragt werde und Sie nicht da sind --? Hier, sehen Sie, unter der
Treppe ist eine kleine Tr. Da gehen Sie nur durch und dann rechts in
die Kammer. Dort knnen Sie rauchen, nur mssen Sie das Klappfenster
aufmachen, denn es ist doch immerhin nicht in der Ordnung ...

Doch noch bevor der Frst sich erheben konnte, trat ein junger Mann mit
Papieren unterm Arm ganz pltzlich ins Vorzimmer. Der Diener half ihm
sofort, sich des Pelzes zu entledigen. Whrenddessen musterte der
Eingetretene den Frsten mglichst unauffllig.

Dieser Herr, Gawrila Ardalionytsch, bittet, ihn als Frst Myschkin und
Verwandten bei der gndigen Frau anzumelden. Er ist soeben mit der Bahn
aus dem Auslande gekommen, auch sein Reisebndel hat er bei sich, nur
...

Das Weitere vernahm der Frst nicht, denn der Diener begann zu flstern.
Der mit Gawrila Ardalionytsch angeredete junge Mann hrte ihm aufmerksam
zu und blickte dann mit unverhohlener Neugier den Frsten an, bis er
schlielich den Diener stehen lie und sich ihm nherte.

Sie sind Frst Myschkin? fragte er uerst hflich und liebenswrdig.

Er war ein sehr geflliger junger Mann, gleichfalls etwa achtundzwanzig
Jahre alt, gut gewachsen, von mittlerer Gre, blond und mit einem
kleinen Napoleonsbart. Sein Gesicht war klug und sehr hbsch. Nur sein
Lcheln war bei aller Liebenswrdigkeit gewissermaen allzu fein, die
Zhne erschienen dabei von gar zu perlenartiger Gleichmigkeit, und
sein Blick war trotz seiner ganzen heiteren, vielleicht etwas zur Schau
getragenen Offenherzigkeit etwas gar zu aufmerksam und forschend.

Wenn er allein ist, wird er vielleicht ganz anders blicken und
vielleicht berhaupt nicht lachen, sagte sich der Frst im stillen.

Frst Myschkin wiederholte in kurzen Worten, was er bereits dem Diener
und am Morgen im Kupee seinem Reisegefhrten Rogoshin erzhlt hatte.
Gawrila Ardalionytsch schien sich inzwischen einer anderen Sache zu
erinnern.

Ach, dann waren Sie es vielleicht, unterbrach er ihn, dann haben Sie
vor etwa einem Jahre oder vor noch krzerer Zeit einen Brief, -- ich
glaube, aus der Schweiz -- an Jelisaweta Prokofjewna geschrieben?

Allerdings.

Dann wird man Sie hier kennen und wird sich Ihrer entsinnen. Wollen Sie
zu Seiner Exzellenz? Ich werde Sie sofort anmelden ... Er wird im
Augenblick frei sein. Nur mten Sie ... vielleicht halten Sie sich
solange im Empfangszimmer auf ... Weshalb haben Sie den Frsten nicht
ins Empfangszimmer gefhrt? wandte er sich in strengem Ton an den
Diener.

Ich sagte es doch, sie wollten selbst nicht ...

In dem Augenblick ffnete sich pltzlich die Tr zum Kabinett Seiner
Exzellenz, und ein Offizier trat mit einem Portefeuille unterm Arm, laut
sprechend und zum Abschied die Hacken zusammenschlagend, heraus.

Bist du es, Ganj[3]? rief eine Stimme aus dem Kabinett. Dann komm
mal her.

Gawrila Ardalionytsch nickte dem Frsten zu und trat ins Kabinett.

Nach zwei Minuten ffnete sich die Tr von neuem, und Gawrila
Ardalionytschs wohltnende Stimme klang freundlich durch das Zimmer:

Bitte Frst, wenn Sie sich hierher bemhen wollten!


                                  III.

Seine Exzellenz, General Iwan Fedorowitsch Jepantschin stand inmitten
seines Kabinetts und musterte mit nicht geringer Neugier den
eintretenden Frsten, ja -- er trat ihm sogar zwei Schritte entgegen.
Der Frst ging auf ihn zu und nannte seinen Namen.

Freut mich, Sie kennen zu lernen, erwiderte der General. Womit kann
ich Ihnen dienen?

Ein unaufschiebbares Anliegen an Sie habe ich im Grunde genommen nicht.
Der Zweck meines Besuches ist ausschlielich, Ihre Bekanntschaft zu
machen. Ich will Sie jedoch, wenn Ihre Zeit knapp bemessen ist, nicht
weiter aufhalten; doch da ich weder Ihren Empfangstag kenne, noch wei,
wann Sie zu sprechen sind -- ich bin brigens soeben erst hier in
Petersburg eingetroffen, aus der Schweiz ...

Der General wollte schon lcheln, besann sich aber noch rechtzeitig und
blieb ernst; darauf berlegte er noch ein wenig, kniff die Augen
zusammen, betrachtete seinen Gast nochmals von Kopf bis zu den Fen,
wies dann pltzlich auf einen Stuhl, setzte sich selbst schrg gegenber
und wandte dem Frsten in ungeduldiger Erwartung sein Gesicht zu. Ganj
stand am Schreibtisch und sortierte die verschiedenen Papiere.

Zu Bekanntschaften habe ich im allgemeinen wenig Zeit, sagte der
General, da Sie jedoch mit Ihrem Besuch zweifellos einen besonderen
Zweck verfolgen, so ...

Ich habe es, offen gestanden, nicht anders erwartet, als da Sie in
meinem Besuch eine besondere Absicht vermuten wrden. Aber -- mein
Ehrenwort -- auer dem Vergngen, Ihre Bekanntschaft zu machen, habe ich
keinerlei besondere Nebenabsicht im Sinn.

Das Vergngen liegt natrlich ganz auf meiner Seite, aber man kann doch
nicht immer nur ans Vergngen denken. Mitunter, wissen Sie, gibt es auch
ernste Sachen zu erledigen ... Zudem kann ich zwischen uns bis jetzt
noch nichts Gemeinsames entdecken ... ich meine, gewisse Grnde,
die--i--ie ...

Ganz recht, solche Grnde gibt es natrlich nicht, und Gemeinsames
zwischen uns drfte wahrscheinlich nur -- wenig vorhanden sein. Denn
wenn ich auch ein Frst Myschkin bin und Ihre Frau Gemahlin aus
demselben Hause stammt, so ist das wohl noch kein gengender Grund zu
einem Besuch. Das sehe ich vollkommen ein. Dennoch ist es nun einmal der
einzige Grund, weshalb ich Sie aufgesucht habe. Ich bin vier Jahre nicht
in Ruland gewesen. Und als was verlie ich es: kaum war ich bei vollem
Verstande! Damals kannte ich so gut wie niemanden, und heute kenne ich
hier vielleicht noch weniger ... Mir tut Bekanntschaft mit guten
Menschen not. Auerdem mu ich noch eine wichtige Angelegenheit
erledigen, und ich wei nicht einmal, an wen ich mich wenden soll, und
wer mir mit seinem Rat beistehen knnte. Da dachte ich schon in Berlin
an Sie: >Das sind doch fast Verwandte, ich werde mich zuerst an sie
wenden; vielleicht knnen wir uns gegenseitig beistehen, ich ihnen, sie
mir -- wenn es gute Menschen sind.< Und ich habe gehrt, Sie seien gute
Menschen.

Sehr schmeichelhaft. Der General wunderte sich. Erlauben Sie, wenn
ich fragen darf: wo sind Sie abgestiegen?

Ich bin noch nirgendwo abgestiegen.

Also direkt aus dem Waggon zu mir? Und ... mit Ihrem ganzen Gepck?

Mein Gepck besteht nur aus einem Bndel, in dem ich meine Wsche habe,
und sonst nichts; ich trage es gewhnlich in der Hand bei mir. Ein
Zimmer aber -- nun, ich werde ja wohl heute noch Zeit haben, eines zu
mieten.

So haben Sie also die Absicht, ein Zimmer zu mieten?

O ja, gewi, selbstverstndlich.

Aus Ihren Worten glaubte ich eigentlich entnehmen zu knnen, da Sie
bei mir zu wohnen gedachten.

Daran htte ich doch nur denken knnen, wenn ich von Ihnen dazu
aufgefordert worden wre. Ich mu aber gestehen, da ich selbst auf eine
Einladung hin nicht bei Ihnen bleiben wrde -- nicht etwa aus
irgendwelchen besonderen Grnden, sondern so ... es ist nicht meine
Art.

Nun, dann war es ganz richtig von mir, da ich Sie nicht gleich dazu
aufforderte und Sie auch jetzt nicht auffordere. Nur -- wenn Sie
gestatten, Frst -- um die Sache klarzulegen: da von einer
Verwandtschaft zwischen uns, wie wir bereingekommen sind, nicht die
Rede sein kann, obschon es mir, versteht sich, sehr schmeichelhaft wre,
so ...

So kann ich aufstehen und gehen, nicht wahr? Und der Frst erhob sich
mit einem geradezu heiteren Lachen im Gesicht, das sich zu seiner etwas
peinlichen Lage seltsam genug ausnahm. Werden Sie es mir glauben,
Exzellenz, bei Gott, obschon ich weder mit den hiesigen Sitten, noch mit
dem ganzen Leben hierzulande vertraut bin, war ich doch berzeugt, bevor
ich herkam, da mein Besuch unfehlbar so und nicht anders verlaufen
wrde, als wie er jetzt tatschlich verlaufen ist. Doch wie! --
vielleicht mu es gerade so sein ... Und berdies ist ja auch schon mein
Brief unbeantwortet geblieben ... Also dann -- leben Sie wohl und
entschuldigen Sie, da ich Sie belstigt habe.

Doch der Blick, mit dem der Frst bei diesen Worten den Hausherrn ansah,
war so freundlich und sein Lcheln so ohne jegliche Spur von irgendeinem
verborgenen unangenehmen Gefhl, da der General pltzlich stutzte und
seinen Gast auf einmal gleichsam mit ganz anderen Augen betrachtete. In
einem Moment hatte er seine Meinung ber den Frsten gendert.

Wissen Sie, Frst, sagte er lebhaft und mit gnzlich vernderter
Stimme, ich habe Sie ja eigentlich noch gar nicht kennen gelernt, und
es ist doch sehr gut mglich, da auch Jelisaweta Prokofjewna ihren
stammverwandten Namensvetter sehen will ... Vielleicht warten Sie einen
Augenblick, wenn es Ihre Zeit erlaubt.

Oh, meine Zeit erlaubt es mir sehr leicht, sie gehrt nur mir allein.
Und der Frst legte seinen runden, weichen Hut sofort auf den Tisch.
Offen gesagt, ich habe eigentlich auch daran gedacht, da Jelisaweta
Prokofjewna sich vielleicht meines Briefes an sie erinnern wird. Vorhin,
als ich dort im Vorzimmer wartete, befrchtete Ihr Diener, da ich Sie
vielleicht anbetteln wrde -- jawohl: das war nicht schwer zu erraten --
bei Ihnen aber mu es in der Beziehung strenge Vorschriften geben. Doch
ich habe Sie wirklich nicht deshalb aufgesucht, es war mir wirklich nur
darum zu tun, mit Menschen bekannt zu werden. Nur glaube ich, da ich
Sie aufgehalten habe, und das beunruhigt mich.

Nun denn, Frst, sagte der General mit erfreutem Lcheln, wenn Sie
tatschlich das sind, was Sie scheinen, so wird es wohl ein Vergngen
sein, Sie nher kennen zu lernen. Nur, sehen Sie, ich bin ein sehr in
Anspruch genommener Mensch, ich mu mich sofort wieder an die Arbeit
machen, dies und jenes durchsehen, unterschreiben, dann mu ich zu
Seiner Durchlaucht, dann in den Dienst, kurzum -- so gern ich auch
geselligen Umgang mit Menschen pflegen wrde, mit guten Menschen, das
heit, so, wie gesagt ... berdies bin ich fest berzeugt, da Sie eine
so vorzgliche Erziehung genossen haben, da ... Pardon, wie alt sind
Sie, Frst?

Sechsundzwanzig.

Oh! Ich glaubte, Sie seien viel jnger.

Ja, man sagt, da ich jnger aussehe. Und was Ihren Zeitmangel
anbetrifft, so werde ich bald lernen, Sie nicht lange aufzuhalten; denn
es ist mir selbst sehr unangenehm, zu stren ... Und schlielich sind
wir ja allem Anschein nach so verschiedenartige Leute ... aus
verschiedenen Grnden --, da es zwischen uns auch schwerlich viele
Berhrungspunkte geben wird. Das heit, genau genommen bin ich selbst
nicht der Meinung; es scheint nur zu oft, da es keine Berhrungspunkte
gibt, und doch sind sogar sehr zahlreiche vorhanden. Das kommt nur von
der Trgheit der Menschen, weil sie sich nur so nach dem ueren Schein
zusammenfinden, deshalb knnen sie auch nichts Gemeinsames entdecken ...
Doch ich langweile Sie vielleicht? Ich glaube, Sie sind ...

Nur zwei Worte: besitzen Sie irgendwelches Vermgen? Oder beabsichtigen
Sie, sich sonst irgendwie zu bettigen? Verzeihen Sie, da ich so ...

Aber ich bitte Sie, ich verstehe Ihre Frage sehr wohl zu schtzen und
begreife sie vollkommen. Ein Vermgen besitze ich im Augenblick nicht,
und eine Beschftigung habe ich ebensowenig, aber ich mte mich
eigentlich nach einer solchen umsehen. Hergereist bin ich mit fremdem
Gelde, Professor Schneider, mein Arzt und Lehrer in der Schweiz, hat mir
das Reisegeld gegeben, aber auch nur so viel, wie dazu ntig war, so da
ich im Augenblick nur noch ein paar Kopeken besitze. Allerdings habe ich
hier eine Angelegenheit, in der ich Sie eigentlich um Rat bitten wollte,
jedoch ...

Sagen Sie, wovon gedenken Sie dann vorlufig zu leben, und welches sind
Ihre Absichten? unterbrach ihn der General.

Ich beabsichtige zu arbeiten.

Oh, dann sind Sie ja ein ganzer Philosoph! Doch was ich sagen wollte
... glauben Sie irgendwelche Talente oder Fhigkeiten zu besitzen, das
heit -- ich meine solche, durch die man sich sein tgliches Brot
verdienen kann? Sie mssen nochmals entschuldigen ...

Oh, es bedarf durchaus keiner Entschuldigung. Nein, ich glaube, da ich
weder Talente noch besondere Fhigkeiten besitze. Hinzu kommt noch, da
ich ein kranker Mensch bin und keinen systematischen Unterricht genossen
habe. Und in bezug auf meinen Lebensunterhalt glaube ich ...

Wieder unterbrach ihn der General, der jetzt Verschiedenes zu fragen
begann. Der Frst erzhlte alles, was er bereits im Kupee Rogoshin
erzhlt hatte. Es stellte sich heraus, da der General den verstorbenen
Pawlischtscheff sogar persnlich gekannt hatte. Aus welchem Grunde sich
dieser Pawlischtscheff fr ihn interessiert und fr seine Erziehung
gesorgt hatte, vermochte der Frst brigens selbst nicht zu erklren;
vielleicht einfach nur aus alter Freundschaft fr den verstorbenen Vater
des Frsten. Nach dem Tode seiner Eltern war der Frst, damals noch ein
kleines Kind, ganz allein in der Welt zurckgeblieben und hatte dann
ausschlielich auf dem Lande gelebt, da die Landluft ihm bedeutend
zutrglicher gewesen war. Pawlischtscheff hatte den kleinen Knaben zwei
alten Gutsbesitzerinnen, mit denen er weitlufig verwandt war,
anvertraut; zuerst hatte er eine Gouvernante gehabt, spterhin einen
Erzieher. Der Frst fgte auch noch hinzu, da er sich zwar alles dessen
entsinnen, doch vieles nicht ganz erklren knne, da er sich ber manche
Dinge damals nicht Rechenschaft gegeben habe. Die hufigen
Krankheitsanflle htten aus ihm fast einen Idioten gemacht. (Der Frst
drckte sich tatschlich so aus: >einen Idioten<.) Zum Schlu erzhlte
er noch, da Pawlischtscheff einmal in Berlin den Professor Schneider,
einen Schweizer, kennen gelernt habe, der sich auch damals schon
speziell mit derartigen Krankheiten abgab und im Kanton Wallis eine
Heilanstalt besa, in der er die Kranken nach seiner eigenen Methode
(vornehmlich mit kaltem Wasser, Gymnastik und hnlichem) auch von
Idiotie und Irrsinn heilte, gleichzeitig sie unterrichtete und sich
berhaupt ihrer geistigen Entwicklung mit Erfolg annahm. Pawlischtscheff
hatte darauf den jungen Frsten vor etwa fnf Jahren zu ihm in die
Heilanstalt geschickt und war dann selbst -- vor etwa zwei Jahren --
ganz pltzlich gestorben, ohne ein Testament zu hinterlassen. In diesen
zwei Jahren hatte ihn Schneider auf eigene Kosten in der Anstalt
behalten und behandelt. Zwar habe er ihn nicht vllig geheilt, aber ihm
doch sehr geholfen, bis er ihn dann schlielich auf eigenen Wunsch und
auerdem noch aus einem anderen besonderen Grunde nach Ruland
geschickt habe.

Der General wunderte sich nicht wenig.

Und hier in Ruland haben Sie keinen einzigen, der Ihnen nahesteht,
keinen einzigen Menschen? fragte er.

Bis jetzt keinen ... aber ich hoffe ... auerdem habe ich einen Brief
erhalten ...

Aber wenigstens haben Sie doch etwas gelernt, unterbrach ihn wieder
der General, ohne die letzten Worte des Frsten zu beachten, und Ihre
Krankheit wird Sie doch nicht hindern, einen, nun, sagen wir -- nicht
allzu schweren Posten zu bekleiden?

Oh, sicherlich nicht. Und ich wrde sogar sehr gern eine Stelle
annehmen; denn ich wrde selbst gern wissen wollen, wozu ich fhig bin.
In diesen vier Jahren habe ich ununterbrochen gelernt, allerdings nicht
so, wie man in der Schule lernt, sondern nach Professor Schneiders
Grundsatz, nmlich gewissermaen frei und freiwillig. Ich hatte dort
auch Gelegenheit, viele Bcher zu lesen.

Russische Bcher? Dann knnen Sie also auch schreiben und ... knnen
Sie auch fehlerlos schreiben?

Oh, selbstverstndlich!

Vortrefflich. -- Und Ihre Handschrift?

Meine Handschrift ist tadellos. Hierin besitze ich, nun ja, Talent, und
wenn man will, kann man mich vielleicht sogar einen Knstler nennen, was
das Schreiben anbelangt. Geben Sie mir ein Blatt Papier, ich werde Ihnen
etwas zur Probe schreiben, sagte der Frst, ganz bei der Sache.

Bitte. Das ist sogar von groer Wichtigkeit ... Und diese Ihre
Bereitwilligkeit gefllt mir sehr, Frst, Sie sind wirklich ein sehr
lieber Mensch.

Was fr wundervolle Schreibutensilien Sie hier haben, wieviel
Bleistifte, wieviel Federn, welch ein dickes, schnes Papier ... Und
berhaupt haben Sie ein prachtvolles Arbeitskabinett. Diese Landschaft
hier kenne ich: sie ist -- aus der Schweiz. Der Knstler hat sicher nach
der Natur gemalt. Ich glaube sogar, diesen Ort gesehen zu haben -- im
Kanton Uri ...

Das ist leicht mglich, obschon das Gemlde hier gekauft ist. Ganj,
gib dem Frsten ein Blatt Papier; hier sind Federn und Tinte, schreiben
Sie hier auf dieser Unterlage, bitte. -- Was ist das? wandte sich der
General an Ganj, der seinem Portefeuille eine Photographie in groem
Format entnahm und dem General berreichte. Ah! Nastassja Filippowna!
Hat sie dir die selbst, wirklich selbst geschickt? fragte er lebhaft
und mit groem Interesse.

Soeben, als ich zur Gratulation bei ihr war, gab sie sie mir. Ich hatte
sie schon vor lngerer Zeit darum gebeten. Nur wei ich nicht, ob das
vielleicht nicht eine Anspielung sein soll, weil ich mit leeren Hnden
kam, ohne Geschenk -- an einem solchen Tage? fgte Ganj mit einem
unangenehmen Lcheln hinzu.

Nein, nein, meinte der General berzeugt. Wie bist du nur wieder auf
diesen Gedanken gekommen? Sie sollte solche Anspielungen machen! Sie ist
ja doch gar nicht eigenntzig. Und dann: womit solltest du ihr Geschenke
machen? Dazu braucht man doch Tausende! Es sei denn, da du ihr dein
Bild schenktest. Wie, hat sie dich denn noch nicht um deine Photographie
gebeten?

Nein, bis jetzt noch nicht. Vielleicht wird sie es auch nie tun. Sie
haben doch den heutigen Abend nicht vergessen, Iwan Fedorowitsch? Sie
sind ja einer der ausdrcklich Geladenen.

Gewi, gewi, wei ich's und ich werde auch unfehlbar erscheinen.
Das fehlte noch, an ihrem Geburtstage! -- und noch dazu am
fnfundzwanzigsten! ... Hm! Aber weit du, Ganj, ich werde dir -- mag
es denn so sein -- etwas mitteilen. Bereite dich vor: sie hat Afanassij
Iwanowitsch und mir versprochen, da sie heute abend ihr letztes Wort
sagen werde: Ja oder nein. So bereite dich jetzt mal darauf vor, vergi
es nicht!

Ganj geriet pltzlich dermaen in Verwirrung, da er sogar ein wenig
erblate.

Hat sie das wirklich gesagt? fragte er, und seine Stimme war unsicher.

Vorgestern. Sie gab uns schlielich ihr Wort. Wir bedrngten sie beide
so lange, bis sie es endlich versprach. Nur bat sie uns, es dir bis zum
letzten Augenblick nicht zu sagen.

Der General blickte Ganj aufmerksam an: ihm schien dessen Verwirrung
nicht zu gefallen.

Vergessen Sie aber nicht, Iwan Fedorowitsch, sagte Ganj erregt und
mit unsicherer Stimme, da sie mir bis zu dem Augenblick, in dem sie
sich entscheidet, volle Freiheit gegeben hat, und auch dann habe ich
noch die Mglichkeit, mich nach meinem freien Willen zu entschlieen.

Ja, willst du denn ... so willst du also ... stotterte der General
erschrocken.

Ich? -- Nichts.

Aber ich bitte dich, als was willst du uns denn hinstellen?

Ich habe ja nicht gesagt, da ich mich weigern werde. Ich habe mich
vielleicht nicht ganz richtig ausgedrckt ...

Das fehlte noch, da du dich weigerst! rief der General rgerlich aus,
ohne seinen rger verbergen zu wollen. Hier mein Freund, handelt es
sich nicht mehr darum, da du dich _nicht_ weigerst, sondern hier
handelt es sich um deine Bereitwilligkeit, um deine Freude, mit der du
ihr Jawort vernimmst ... Wie steht's bei dir zu Hause?

Wie soll es da stehn? Zu Hause geschieht alles nach meinem Willen, nur
mein Vater kann natrlich seinen Bldsinn nicht lassen. Er ist ja jetzt
schon ganz unmglich geworden. Ich rede berhaupt nicht mehr mit ihm,
halte ihn aber noch im Zaum. Wenn die Mutter nicht wre, wrde ich ihm
einfach die Tr weisen. Meine Mutter weint natrlich, und meine
Schwester rgert sich. Ich habe ihnen aber jetzt endlich einmal offen
gesagt, da ich Herr meines Schicksals bin und in meinem Hause wnsche,
da man mir ... gehorcht. Meiner Schwester wenigstens habe ich es kurz
und bndig auseinandergesetzt, und zwar in Gegenwart meiner Mutter.

Tja, Freund, ich begreife wahrhaftig nicht! sagte der General, indem
er mit gehobenen Schultern die Hnde ausbreitete und wieder sinken lie.
Mit Nina Alexandrowna ist es ganz dasselbe -- du weit, als sie vorhin
bei mir war, sthnte und seufzte sie. >Was haben Sie denn gegen diese
Heirat?< fragte ich. Da stellt es sich denn heraus, da es fr sie eine
_Entehrung_ sei. Aber erlaub' mal, wer kann denn hier von Entehrung
reden? Wer kann denn Nastassja Filippowna auch nur irgendeinen Vorwurf
machen oder ihr etwas Schlechtes nachsagen? Doch nicht ewig das eine,
da sie zu Tozkij in Beziehung gestanden hat? Aber das ist doch nur
lcherlich, namentlich wenn man gewisse Verhltnisse in Betracht zieht!
>Sie werden sie doch nicht mit Ihren Tchtern verkehren lassen,< sagte
sie. Da haben wir's! Ich begreife Nina Alexandrowna einfach nicht! Wie
kann man nur so wenig ... so wenig ...

So wenig seine Stellung begreifen? half Ganj dem General. Seien Sie
ihr nicht bse: sie begreift ihre Stellung zu gut. Ich habe ihr damals
sogleich tchtig die Wahrheit gesagt, damit sie sich nicht mehr in
fremde Angelegenheiten einmischt. Und doch ist das einzige, was das Haus
bis jetzt zusammenhlt, da das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.
Das Gewitter aber zieht schon herauf. Wenn heute das letzte Wort gesagt
wird, so wird auch alles brige gesagt werden.

Der Frst hatte, whrend er am anderen Tisch seine Schriftprobe
verfate, das ganze Gesprch der beiden mit angehrt. Als er fertig war,
trat er an den ersten Tisch und berreichte dem General das Blatt.

Das also ist Nastassja Filippowna? murmelte er halblaut vor sich hin,
whrend er aufmerksam und neugierig die Photographie auf dem
Schreibtisch betrachtete: Wie wunderbar schn! rief er gleich darauf
ganz begeistert aus.

Die Photographie zeigte einen Frauenkopf von allerdings ungewhnlicher
Schnheit. Sie hatte sich in einem sehr schlichten, doch um so
eindrucksvolleren schwarzen Seidenkleide photographieren lassen; ihr
offenbar dunkelblondes Haar war sehr einfach aufgesteckt; die Augen
waren dunkel, tief, die Stirn nachdenklich. Der Ausdruck des Gesichts
verriet Leidenschaft und Hochmut. An sich war das Gesicht etwas hager,
vielleicht auch bleich ...

Ganj und der General blickten beide ganz erstaunt den Frsten an.

Wie, Nastassja Filippowna? Ja, kennen Sie denn Nastassja Filippowna?
fragte der General.

Ja. Ich bin wohl noch nicht ganze vierundzwanzig Stunden in Ruland,
diese Schnheit hier kenne ich aber schon.

Und der Frst berichtete von seiner Begegnung mit Rogoshin und was
dieser ihm erzhlt hatte.

Das sind mir mal Neuigkeiten! bemerkte der General erregt, nachdem er
dem Frsten sehr aufmerksam zugehrt hatte, worauf er forschend Ganj
anblickte.

Wahrscheinlich hat er nichts als Unanstndigkeiten im Sinn, brummte
Ganj, der gleichfalls etwas betroffen zu sein schien. Kennt man ...
ein Kaufmannssohn, der durchgehen will. Ich habe bereits einiges von ihm
gehrt.

Auch ich, mein Lieber, habe von ihm gehrt, griff der General auf.
Gleich damals nach der Geschichte mit den Ohrringen erzhlte uns
Nastassja Filippowna das ganze Erlebnis. Aber jetzt hat sich die
Sachlage doch bedeutend gendert. Da steckt vielleicht wirklich eine
Million und ... Leidenschaft. Gesetzt -- eine unanstndige Leidenschaft
... vielleicht ... aber es riecht jedenfalls nach Leidenschaft, und wozu
diese Leute im Rausch fhig sind, das wei man! ... Hm! ... Wenn nur
keine Geschichte daraus entsteht! schlo der General nachdenklich.

Sie frchten wohl die Million? fragte Ganj mit einem Lcheln, das
seine Zhne entblte.

Und du natrlich nicht?

Was meinen Sie, Frst? wandte sich pltzlich Ganj an diesen, was fr
einen Eindruck hat er auf Sie gemacht? Ist es ein ernster Mensch oder
nur so ein ... wster Kerl? Ich mchte gern Ihre persnliche Meinung
hren.

Es ging etwas Besonderes vor in Ganj, als er diese Frage stellte. Es
war, als wenn pltzlich eine neue Idee in seinem Hirn aufgeblitzt wre
und jetzt ungeduldig aus seinen Augen hervorleuchtete. Der General, der
sich auerordentlich beunruhigt fhlte, blickte von der Seite
gleichfalls auf den Frsten, doch schien er nicht viel von seiner
Antwort zu erwarten.

Ich wei nicht, wie ich es Ihnen sagen soll, antwortete der Frst,
ich glaube, da in ihm viel Leidenschaft steckt, sogar eine
gewissermaen kranke Leidenschaft. Und er scheint ja auch physisch noch
ganz krank zu sein. Es ist leicht mglich, da er sich schon nach den
ersten Tagen in Petersburg wieder wird hinlegen mssen, namentlich, wenn
er noch wst daraufloslebt.

So? Also diesen Eindruck hat er auf Sie gemacht? Der General hielt
sich offenbar gern an diese Auffassung.

Ja, so scheint es mir.

Und dennoch knnen Wendungen von dieser Art nicht erst nach einigen
Tagen, sondern heute noch eintreten, vielleicht werden wir noch heute
abend etwas erleben, sagte Ganj zum General, wiederum mit einem
Lcheln, das seine Zhne zeigte.

Hm! ... Gewi ... Dann kommt es eben nur darauf an, welch eine Laune
ihr in den Kopf fhrt, meinte der General.

Und Sie wissen wohl noch nicht, wie sie mitunter sein kann?

Das heit -- wie sein kann? fuhr der General auf, der sehr verstimmt
und auch etwas verwirrt aussah. Hr' mal, Ganj, ich bitte dich,
widersprich ihr heute nicht und bemhe dich, so, weit du, nun so ...
mit einem Wort: so nach ihrem Geschmack zu sein ... Hm! ... Weshalb
verziehst du denn den Mund? Hr' mal, Gawrila Ardalionytsch, es ist
Zeit, da wir uns einmal klar werden ber die Dinge, sogar hchste Zeit:
fr wen mhen wir uns denn? Du begreifst doch, da ich mir in bezug auf
meinen eigenen Vorteil keine Sorgen zu machen brauche: der ist
vollkommen sichergestellt. Ob so oder so, jedenfalls werde ich die Sache
zu meinem Vorteil zu wenden wissen. Tozkijs Entschlu ist
unerschtterlich, folglich kann ich ruhig sein. Und deshalb merk' dir,
mein Lieber, da, wenn ich jetzt berhaupt was wnsche, dieses einzig
dein Vorteil ist. Urteile doch selbst! Oder traust du mir etwa nicht?
Aber du bist doch ein ... ein Mensch ... mit einem Wort, ein
vernnftiger Mensch, und das ist doch in diesem Fall ... das ist doch
... ist doch ...

Die Hauptsache, half Ganj wieder dem etwas in die Enge geratenen
General, worauf er seine Lippen zum beiendsten Lcheln verzog, das er
jetzt nicht einmal mehr zu verbergen suchte. Er sah mit flammendem Blick
ganz offen dem General in die Augen, als wnsche er, da jener in seinem
Auge alle seine Gedanken lese. Der General wurde feuerrot und geriet in
Zorn.

Nun ja, Vernunft ist die Hauptsache! sagte er scharf, indem er Ganj
streng anblickte. Du bist, wei Gott, ein komischer Mensch, Gawrila!
Wie ich sehe, freust du dich geradezu ber das Auftauchen dieses
Kaufmannssohnes wie ber einen Ausweg fr dich. Hier hat es sich doch
von Anfang an gerade um deine Vernunft gehandelt; hier galt es doch vor
allen Dingen, zu begreifen und ... beiderseits ehrlich und offen zu
handeln oder ... sonst wenigstens beizeiten zu sprechen, um nicht andere
blozustellen. Zeit war dazu doch genug vorhanden, und es ist sogar auch
jetzt noch nicht zu spt, (der General zog bedeutsam die Brauen in die
Hhe) obschon uns nur noch ein paar Stunden geblieben sind ... Haben
wir uns verstanden? Nun? so sag' doch: willst du oder willst du nicht?
... Willst du nicht, so sprich es aus -- es steht dir vollkommen frei.
Niemand wird Sie, mein bester Gawrila Ardalionytsch, dazu bereden,
niemand zieht Sie mit Gewalt in die Falle, vorausgesetzt, da Sie eine
Falle hierin sehen.

Ich will, sagte Ganj halblaut, doch mit fester Stimme; er blickte zu
Boden und verstummte finster.

Der General war zufriedengestellt. Er war in Hitze geraten, bereute es
aber augenscheinlich schon, da er sich so weit hatte fortreien lassen.
Pltzlich wandte er sich zum Frsten, und auf seinem Gesicht drckte
sich flchtig der unruhige Gedanke aus, da der Frst ja zugegen gewesen
war und folglich alles gehrt hatte. Doch er beruhigte sich sofort: ein
Blick auf den Frsten gengte, um jede Befrchtung auszuschlieen.

Oho! rief der General erstaunt aus, als er die Schriftprobe erblickte,
die der Frst fertiggestellt hatte. Aber das ist ja einfach
Kalligraphie! Und sogar eine seltene! Ganz groartig! Sieh mal her,
Ganj, was sagst du zu diesem Talent?

Auf einem Blatt dicken Velinpapiers hatte der Frst in
mittelalterlicher, russischer Schrift die Worte geschrieben:

   In Demut unterzeichnet dieses

                                                     Igumen Pafnutij.

Dieses hier, erklrte der Frst bereitwilligst und mit sichtlichem
Interesse an der Sache, ist die eigenhndige Unterschrift des Abtes
Pafnutius nach einem Faksimile aus dem vierzehnten Jahrhundert. Sie
schrieben alle prchtig, unsere alten bte und Metropoliten, und mit
soviel Geschmack und Sorgfalt! Haben Sie nicht die Popodinsche Ausgabe
zur Hand, Exzellenz? ... Und hier habe ich in einer anderen Art
geschrieben: das ist die runde, deutliche franzsische Schrift des
vorigen Jahrhunderts, manche Buchstaben wurden sogar ganz anders
geschrieben. Es ist eine offizielle Schrift, die Schrift der
ffentlichen Schreiber, nach einer ihrer Vorlagen -- ich hatte eine --
und sie ist nicht ohne Vorzge, das werden Sie zugeben. Betrachten Sie
diese runden _o_, _e_ und _a_. Ich habe den franzsischen Charakter der
Schrift auf die russischen Buchstaben bertragen, was freilich durchaus
nicht leicht ist -- aber es ist mir doch gelungen. Und dann hier:
gleichfalls eine schne originelle Schrift, hier dieser Satz: >Energie
kann alles berwinden<. Das ist eine echt russische, die Handschrift
eines russischen Schreibers, oder wenn Sie wollen, Militrschreibers. So
wird in dienstlichen Angelegenheiten an hohe Vorgesetzte geschrieben.
Der Charakter dieser Schrift ist gleichfalls rund, entzckend, eine
_schwarze_ Schrift, wie man sie nennt, viel Tinte, doch mit sehr viel
Geschmack geschrieben. Ein Kalligraph wrde diese Schnrkel, oder
richtiger, diese Anstze zu Schnrkeln, diese halben, unvollendeten
Schwnzchen -- sehen Sie, hier und hier -- nicht zulassen, aber als
Ganzes betrachtet, nicht wahr, machen sie doch gerade den Charakter aus.
Und wirklich, in ihnen verrt sich die ganze militrisch gedrillte
Schreiberseele: er wrde so gern einen schwungvollen Schnrkel machen,
das Talent will sich kundtun, aber es geht nicht -- der Militrkragen
ist eng zugeknpft -- die Disziplin erstreckt sich sogar bis auf die
Handschrift -- ganz wundervoll! Diese Probe fand ich vor nicht langer
Zeit ganz zufllig, und noch dazu wo? -- in der Schweiz! Sie frappierte
mich geradezu. Nun, und dieses hier ist die gewhnliche, sehr einfache,
echt englische Schrift: weiter kann die Eleganz nicht gehen, hier ist
alles vollendet! Wie aufgereihte Glasperlen sind die Buchstaben.
Unbertrefflich. Doch hier eine Variation derselben, und wiederum eine
franzsische, ich habe sie von einem franzsischen _Commis
voyageur_{[1]}: es ist fast dieselbe englische Schrift, nur sind die
Grundstriche ein wenig, nur um ein Haar, schrfer und dicker -- und
sehen Sie: die ganze Proportion ist sofort aufgehoben! Und beachten Sie
auch das Oval der Buchstaben: sie sind um ein Haar runder, auch hat er
sich einen Schnrkel erlaubt, ein Schnrkel aber ist ein beraus
gefhrliches Ding. Ein Schnrkel verlangt einen seltenen Geschmack. Ist
er aber wirklich gelungen, ist die richtige Proportion getroffen, so
lt sich diese Schrift mit keiner einzigen vergleichen, dann ist sie so
schn, da man sich einfach in sie verlieben kann.

Oho! In was fr Feinheiten Sie sich da vertiefen! sagte der General
lachend. Sie scheinen ja durchaus kein gewhnlicher Kalligraph, sondern
ein ganzer Knstler in diesem Fach zu sein -- habe ich nicht recht,
Ganj?

In der Tat, gab Ganj mit vollem Bewutsein seine Zustimmung, nur mit
leise spttischem Lcheln die Worte begleitend.

Lach' nur, lach' nur, aber damit kann man doch Karriere machen! sagte
der General. Wissen Sie auch, Frst, an welche Persnlichkeit wir Sie
unsere Eingaben werden schreiben lassen? Nein, Ihnen kann man ja von
vornherein fnfunddreiig Rubel monatliches Gehalt zahlen. Oh! schon
halb eins! unterbrach er sich nach einem Blick auf die Uhr. Zur Sache,
Frst, ich mu mich beeilen, und heute werden wir uns wohl nicht
wiedersehen. Setzen Sie sich noch auf einen Augenblick. Wie ich Ihnen
bereits gesagt habe, wird es mir nicht mglich sein, Sie oft zu
empfangen, doch ein wenig helfen will ich Ihnen herzlich gern, ein
wenig, wie gesagt, das heit natrlich nur im ... im Allernotwendigsten,
dann aber, frs Weitere sozusagen, mssen Sie schon selbst Sorge tragen.
Ich werde Ihnen eine kleine Anstellung in einer Kanzlei verschaffen,
nichts besonders Schwieriges, nur verlangt so etwas innere Akkuratesse.
Jetzt kommen wir auf das andere zu sprechen: im Hause, oder vielmehr in
der Wohnung Gawrila Ardalionytsch Iwolgins, meines jungen Freundes hier,
den ich Ihnen hiermit vorstelle, haben Mutter und Schwester desselben
zwei oder drei mblierte Zimmer eingerichtet, die sie an gutempfohlene
Mieter abgeben, versteht sich: mit Kost und Bedienung. Meine Empfehlung
wird Nina Alexandrowna, denke ich, gengen. Fr Sie aber, Frst, drfte
das ein gefundener Schatz sein, erstens weil Sie dann nicht allein,
sondern sozusagen im Schoe einer Familie leben werden, denn meiner
Ansicht nach wre es fr Sie sehr unangenehm, in einer Grostadt wie
Petersburg -- besonders in der ersten Zeit -- ganz allein zu sein. Nina
Alexandrowna -- die Mutter -- und Warwara Ardalionowna -- sind zwei
Damen, die ich sehr hochschtze. Nina Alexandrowna ist die Gattin
Ardalion Alexandrowitschs, eines verabschiedeten Generals, meines
ehemaligen Regimentskameraden in jngeren Jahren, mit dem ich aber aus
gewissen Grnden den Verkehr abgebrochen habe, was mich jedoch nicht
hindert, ihn in seiner Art zu achten. Alles dies erklre ich Ihnen
jetzt, Frst, damit Sie sehen, da ich Sie sozusagen persnlich empfehle
und folglich fr Sie gewissermaen garantiere. Zu zahlen haben Sie fr
Kost und Logis einen sehr migen Preis, doch wird, wie ich hoffe, Ihr
Gehalt alsbald vollkommen dazu ausreichen. Es ist ja wahr, ein Mensch
braucht auch etwas Taschengeld, wenn auch nur sehr wenig, aber -- nehmen
Sie es mir nicht bel, Frst, wenn ich Ihnen rate, den Besitz von
Taschengeld lieber zu vermeiden oder berhaupt zu vermeiden, Geld in der
Tasche zu haben. Ich sage es nur so nach meiner Auffassung Ihres
Charakters. Doch da Ihr Beutel im Augenblick ganz leer ist, so erlauben
Sie mir, Ihnen jetzt -- fr den Anfang -- hier diese fnfundzwanzig
Rubel anzubieten. Wir knnen Sie ja dann spter, natrlich, verrechnen:
wenn Sie in der Tat ein so herzlicher und aufrichtiger Mensch sind, wie
Sie zu sein scheinen, so wird es hierin zwischen uns niemals
Schwierigkeiten geben. Wenn ich mich fr Sie interessiere, so geschieht
es, weil ich in bezug auf Sie bereits etwas im Sinne habe -- was es ist,
werden Sie spter erfahren. Sie sehen, ich bin ganz offen zu Ihnen. Ich
hoffe, Ganj, da du gegen die Aufnahme des Frsten in deine Familie
nichts einzuwenden hast.

Oh, im Gegenteil! Meine Mutter wird sich sehr freuen ... versicherte
Ganj hflich.

Ihr habt doch, glaube ich, bis jetzt nur ein Zimmer vermietet? An
diesen -- na, wie heit er doch gleich? -- Ferd... Ferd...

Ferdyschtschenko.

Nun ja. Wei der Teufel, aber der Kerl gefllt mir nicht. Scheint mir
irgend so ein schmieriger Patron zu sein. Und ich versteh auch nicht,
warum Nastassja Filippowna ihn so protegiert? Ist er etwa wirklich mit
ihr verwandt?

Oh, nein, das war doch nur ein Scherz! Keine Spur von Verwandtschaft!

Na, dann hol' ihn der Teufel! Und Sie, Frst, sind Sie damit zufrieden
oder nicht?

Ich danke Ihnen, Exzellenz, Sie sind ungemein gtig zu mir, um so mehr,
als ich Sie nicht einmal um etwas gebeten habe. Ich sage das jetzt nicht
etwa aus Stolz. Ich wute zwar eigentlich selbst noch nicht, wohin ich
heute mein Haupt legen sollte. Allerdings hat mich Rogoshin zu sich
aufgefordert ...

Rogoshin? Nun nein, das geht denn doch nicht. Ich wrde Ihnen
vterlich, oder wenn Sie wollen, freundschaftlich raten, diesen Rogoshin
ganz zu vergessen. Und berhaupt wrde ich Ihnen raten, sich mehr der
Familie anzuschlieen, in die Sie eintreten.

Da Sie nun einmal so gtig zu mir sind, wollte der Frst von seiner
besonderen Angelegenheit beginnen, so erlauben Sie mir, bitte, Sie in
einer fr mich sehr wichtigen Angelegenheit um Rat zu fragen. Ich bin
vor nicht langer Zeit durch einen Bevollmchtigten benachrichtigt worden
...

Nein, jetzt mssen Sie mich schon entschuldigen, unterbrach ihn der
General, ich habe keinen Augenblick mehr zu verlieren. Ich werde Sie
noch bei Lisaweta Prokofjewna anmelden: wnscht sie, Sie sogleich zu
empfangen -- ich werde mich bemhen, Sie dementsprechend zu empfehlen
--, so rate ich Ihnen, die Gelegenheit zu benutzen und ihr zu gefallen,
denn Lisaweta Prokofjewna kann sehr viel fr Sie tun. Und dazu sind Sie
ja ihr -- Namensvetter. Wnscht sie es dagegen nicht, so nehmen Sie es
ihr nicht bel und sprechen Sie einmal zu einer anderen Stunde vor. Du,
Ganj, sieh mal inzwischen hier diese Rechnungen durch, wir konnten
gestern, Fedossejeff und ich, nicht damit ins reine kommen. Die darf man
nicht vergessen, auch noch hinzuzufgen ...

Der General verlie bereits das Zimmer, und so kam denn der Frst doch
nicht dazu, mit ihm ber die beraus wichtige Angelegenheit zu reden,
von der er zu sprechen begonnen hatte. Ganj zndete sich eine Zigarette
an, worauf er auch dem Frsten sein Etui reichte. Der Frst nahm eine
Zigarette, knpfte aber, da er nicht stren wollte, kein Gesprch an,
sondern begann, das Zimmer zu betrachten. Ganj jedoch schenkte dem mit
Zahlen bedeckten Blatt Papier, auf das ihn der General aufmerksam
gemacht hatte, kaum einen Blick. Er war augenscheinlich sehr zerstreut:
sein Lcheln, seine bei aller Nachdenklichkeit auffallende Zerfahrenheit
erschienen dem Frsten noch unangenehmer, seitdem sie beide allein
zurckgeblieben waren. Pltzlich trat Ganj an den Frsten heran. Dieser
stand wieder ber die Photographie Nastassjas Filippownas gebeugt und
betrachtete sie.

Also Ihnen gefllt eine solche Frau, Frst? fragte er ganz
unvermittelt, whrend er ihn durchdringend ansah, als htte er
irgendeine auergewhnliche Absicht gehabt.

Ein wunderbares Gesicht! sagte der Frst, und ich bin berzeugt, da
ihr Schicksal kein gewhnliches ist. Das Gesicht ist an sich fast
heiter, aber sie mu doch unglaublich gelitten haben, nicht? Das sieht
man den Augen an, sehen Sie diese beiden hervorstehenden Knochen bei den
Augen, hier, wo die Wangen beginnen. Es ist ein stolzes Gesicht,
unglaublich stolz, nur wei ich nicht, ob sie auch gut ist. Ach, wenn
sie es doch wre! Dann wre alles gerettet!

Wrden Sie eine solche Frau heiraten? fragte Ganj pltzlich ganz
unvermittelt, ohne seinen flammenden Blick von ihm abzuwenden.

Ich kann niemals heiraten, ich bin nicht gesund, sagte der Frst.

Aber wrde Rogoshin sie heiraten? Was meinen Sie?

Oh, heiraten wrde der sie, glaube ich, wenn nicht heute, dann morgen.
Er wrde sie heiraten, jawohl, nach einer Woche aber -- wrde er sie
ermorden.

Kaum hatte der Frst das gesagt, als Ganj pltzlich so heftig
zusammenfuhr, da der Frst beinahe aufschrie vor Schreck.

Was ist Ihnen? fragte er entsetzt und ergriff seine Hand.

Seine Exzellenz lassen Durchlaucht bitten, sich geflligst zu Ihrer
Exzellenz bemhen zu wollen, sagte der Diener, der in der Tr
erschienen war.

Der Frst folgte ihm zur Generalin.


                                  IV.

Alle drei Tchter des Generals waren gesunde, blhende, gutgewachsene
junge Damen mit wundervollen Schultern, straffer Bste und groen, fast
knnte man sagen -- Mnnerhnden. Infolge ihrer guten Gesundheit und
frischen Jugend aen sie sich gern tchtig satt, wessen sie sich
brigens durchaus nicht schmten, und was sie daher auch vor Fremden gar
nicht zu verbergen suchten. Zwar war ihre Mutter, die Generalin Lisaweta
Prokofjewna, mitunter etwas ungehalten ber diesen offen bekundeten,
echten Jugendhunger; doch da gar manche ihrer Ansichten trotz aller
ueren Ehrerbietung, mit der die Tchter sie anhrten, im Grunde schon
lngst ihre anfngliche und unerschtterliche Autoritt eingebt hatten
-- und das sogar in einem solchen Mae, da die einstimmige Partei der
drei jungen Mdchen fast immer recht behielt, so fand es die Generalin
im Hinblick auf ihre persnliche Wrde weit bequemer und ersprielicher,
nicht zu streiten, sondern nachzugeben. Freilich wollte sie auch nicht
immer nachgeben und sich dem Willen der Tchter fgen. Lisaweta
Prokofjewna wurde mit jedem Jahre launischer, ungeduldiger und
unduldsamer, ja, sie konnte bisweilen sogar sehr sonderbar sein. Doch da
sie immer einen ihr uerst zugetanen und von ihr gut erzogenen Gatten
bei der Hand hatte, so ergo sich der rger, wenn sich ein solcher in
ihrem Herzen angesammelt hatte, gewhnlich ber sein Haupt, worauf die
Harmonie in der Familie wiederhergestellt war und alles von neuem im
alten Gleise seinen gewohnten Gang nahm.

brigens besa auch die Generalin selbst keinen gerade schlechten
Appetit, und so nahm sie tglich um halb ein Uhr an einem sehr
reichhaltigen Frhstck teil, das man jedoch ebensogut ein Mittagsmahl
htte nennen knnen. Eine Tasse Kaffee wurde von den jungen Damen
bereits frher getrunken, um neun Uhr, und das geschah in der Regel noch
im Bett. Daran hatten sie sich einmal gewhnt und dabei blieb es. Um
halb eins wurde dann im kleinen Speisesalon in der nchsten Nhe der
Gemcher der Frau Mama der Frhstckstisch gedeckt. Zu diesem intimen
Dejeuner im engsten Familienkreise erschien bisweilen auch der General,
wenn seine Zeit es ihm erlaubte. Da gab es denn auer Kaffee, Tee, Kse,
Honig, Butter, gewisse Lffelkuchen, die besonders von der Generalin
sehr gern gegessen wurden, auch noch Kotteletts und sogar eine starke
heie Bouillon. An jenem Morgen, an dem unsere Erzhlung beginnt, hatten
sich Mutter und Tchter wie gewhnlich an der Frhstckstafel versammelt
und erwarteten den General, der versprochen hatte, um halb eins sich
gleichfalls einzufinden. Htte er nur eine Minute lnger auf sich warten
lassen, so wrde sofort nach ihm geschickt worden sein. Doch er erschien
pnktlich.

Als er an seine Gattin herantrat, um ihr einen Guten Morgen zu
wnschen und die Hand zu kssen, bemerkte er in ihrem Gesicht einen ganz
eigenartigen Ausdruck, und wenn er auch schon am Abend vorher nicht
anders erwartet hatte, als da es infolge einer gewissen Geschichte --
wie er hnliches in Gedanken zu nennen pflegte -- genau so kommen wrde,
und sich noch im Einschlafen darob Sorgen gemacht hatte, so wurde ihm
jetzt doch trotz der Vorbereitung etwas bange. Die Tchter kamen alle
drei zum Papa, um ihm den Morgenku zu geben; die hatten nun allerdings
keinen Grund, ihm gram zu sein, aber auch aus ihren Mienen glaubte sein
argwhnisches Gewissen etwas Besonderes herauszulesen. Freilich war der
General aus gewissen Grnden mehr als ntig mitrauisch geworden, und da
er bei alledem noch ein erfahrener und talentvoller Gatte und Vater war,
so traf er schleunigst seine Vorkehrungen.

Doch, wie ich sehe, mu ich hier von meiner Erzhlung abschweifen und
zur Erluterung der Situation noch einiges ber die inneren Verhltnisse
der Familie Jepantschin hinzufgen.

Der General war, wie bereits erwhnt, zwar kein sehr gebildeter Mann --
er selbst nannte sich gern einen Autodidakten, doch das hinderte ihn
nicht, als Gatte und Vater ein geschickter Stratege zu sein. Unter
anderem befolgte er auch den Grundsatz, seine Tchter nicht zum Heiraten
zu drngen, d. h. gleich einem Damoklesschwert ber ihnen zu hngen,
und sie mit einer bergroen vterlichen Besorgnis zu ihrem Glck zu
drngen, wie es sonst fast ausnahmslos in allen Familien geschieht, in
denen es erwachsene Tchter gibt. Ja, es war sogar ausschlielich dem
Einflu des Generals zuzuschreiben, da auch Lisaweta Prokofjewna, seine
Gattin, diesem Verfahren beitrat, obschon es fr eine Frau doch recht
schwer sein mute -- schwer, weil unnatrlich. Aber die Argumente des
Generals waren zu berzeugend und sttzten sich berdies noch auf
handgreifliche Beweise. Mdchen, die sich vollkommen allein berlassen
blieben, muten sich doch mit der Zeit unwillkrlich selbst
entschlieen, Vernunft anzunehmen -- und dann wrde das Unternehmen ganz
anders in Gang gesetzt werden: das lag doch auf der Hand! Sie wrden
sich dann mit ganz anderer Lust und wirklichem Eifer an die Sache machen
und alle Launen und whlerisches Mkeln hbsch beiseite lassen; die
Eltern brauchten aber in solchem Fall nur darauf achtzugeben, da die
Tchter keine gar zu sonderbare Wahl trafen oder sonst eine unnatrliche
Neigung an den Tag legten, um nur, wenn dann der wichtige Augenblick
gekommen war, sofort mit aller Kraft nachzuhelfen und mit Ausnutzung
jedes Einflusses die Angelegenheit ins richtige Gleis zu bringen. Hinzu
kam noch, da ihr Vermgen und ihr gesellschaftliches Ansehen mit jedem
Jahre in geometrischem Verhltnis wuchs -- folglich gewannen auch die
Tchter, lediglich als Partien betrachtet, mit jedem Jahr. Und zu
dieser Tatsache war in jngster Zeit noch eine andere wichtige Tatsache
hinzugekommen: Die lteste Tochter, Alexandra, war pltzlich und ganz
unerwartet -- wie das gewhnlich zu geschehen pflegt -- fnfundzwanzig
Jahre alt geworden. Fast um dieselbe Zeit hatte sich Afanassij
Iwanowitsch Tozkij, ein Mann aus der besten Gesellschaft, der
Beziehungen zu den angesehensten Persnlichkeiten hatte und
auerordentlich reich war, wieder einmal zur Verwirklichung seines
lngst nicht mehr neuen Wunsches, sich zu verheiraten, fest
entschlossen. Er war ein Mann von ungefhr fnfundfnfzig Jahren, von
vornehmer Gesinnung und Gesittung, was man so nennt, und von einer
seltenen Geschmacksfeinheit. Er wollte nicht geschmacklos heiraten,
denn er wute Schnheit sehr zu schtzen, und da er mit dem General
Jepantschin seit einiger Zeit innige Freundschaft pflegte, die
namentlich durch gemeinsame Beteiligung an einzelnen finanziellen
Unternehmungen herbeigefhrt worden war, so stellte er denn an ihn die
Frage, gewissermaen in der Form einer Bitte um seinen freundlichen Rat
und Beistand, ob es ginge oder nicht, da er bei einer seiner Tchter
anhielt.

Diese Frage verursachte im stillen, ruhig-schnen Lebenslauf der Familie
Jepantschin einen sichtlichen Umschwung.

Die unbestrittene Schnheit in der Familie war, wie bereits erwhnt,
Aglaja, die Jngste. Aber selbst Tozkij, der sich sonst durch ganz
auerordentliche Eigenliebe auszeichnete, begriff, da sie nicht fr ihn
bestimmt sein konnte. Es ist mglich, da die blinde Liebe und gar zu
glhende Freundschaft der Schwestern die Sache etwas bertrieb, doch
mute Aglajas Leben ihrer festen berzeugung nach nicht ein gewhnliches
Leben, sondern womglich das verwirklichte Ideal eines irdischen
Paradieses werden. Aglajas zuknftiger Mann sollte alle Tugenden und
Vollkommenheiten in sich vereinigen, vom Besitz irdischer Gter schon
ganz zu schweigen. Die beiden Schwestern hatten sogar beschlossen -- und
zwar ohne viel Worte zu verlieren -- falls es ntig sein sollte, nach
Mglichkeit von ihrer Mitgift zugunsten Aglajas einen Teil abzutreten,
denn Aglaja sollte, meinten sie, ein ganz kolossales Vermgen besitzen.
Die Eltern wuten um diese Absicht, und deshalb zweifelten sie kaum, als
Tozkij um ihren Rat bat, da eine von ihren Tchtern seinen Wunsch
erfllen und seinen Antrag annehmen wrde, um so weniger, als der reiche
Freier in betreff der Mitgift nicht allzu peinlich sein wrde. Der
General hatte seinerseits den Antrag Tozkijs sofort mit der ihm eigenen
Lebensweisheit sehr hoch einzuschtzen gewut. Nun ging aber Tozkij aus
gewissen besonderen Grnden nur mit uerster Vorsicht in dieser
Angelegenheit vor -- sondierte einstweilen noch -- und daher hatten auch
die Eltern mit ihren Tchtern von der Sache nur wie von einer fernen
Mglichkeit gesprochen. Als Antwort hatten sie von den Tchtern den
gleichfalls noch ziemlich unbestimmt ausgedrckten Bescheid erhalten,
da Alexandra, die lteste, ihm vielleicht keinen Korb geben wrde.
Alexandra war ein herzensgutes Mdchen, wenn auch nicht ohne gewisse
Charakterfestigkeit, sehr verstndig und uerst vertrglich. Einen Mann
wie Tozkij htte sie ohne berwindung sogar ganz gern zu heiraten
vermocht, und es war sicher, wenn sie einmal ihr Wort gegeben, dann
wrde sie treu und gewissenhaft ihre Pflicht erfllen. Glanz liebte sie
nicht, und es war von ihr keine Launenhaftigkeit samt den damit
verbundenen Scherereien zu erwarten, sondern sie konnte mglicherweise
das Leben eines Mannes sogar versen und ruhig und angenehm machen.
Dabei war sie hbsch, sehr hbsch, wenn sie auch nicht gerade Aufsehen
erregte. Was konnte Tozkij Besseres wnschen?

Einstweilen aber fuhr man fort, mit entschlossenerem Vorgehen immer noch
zu zgern. Gemeinsam und freundschaftlich war von Tozkij und dem General
beschlossen worden, vorderhand jeden formellen und unwiderruflichen
Schritt zu vermeiden. Und so vermieden es auch die Eltern, offen mit den
Tchtern zu reden. Und das war schlielich der Grund, weshalb sich in
die bisherige bereinstimmung unmerklich eine Mistimmung eingeschlichen
hatte. Die Generalin selbst war pltzlich unzufrieden, und schon das
allein war von groer Bedeutung. Es gab da nmlich einen gewissen
verwickelten und recht unangenehmen Zwischenfall, der vielleicht sogar
alle Heiratsplne zerschlagen und fr immer unmglich machen konnte.

Dieser verwickelte und unangenehme Zwischenfall, wie sich Tozkij
auszudrcken pflegte, hatte eine Vorgeschichte, die schon ziemlich weit
zurcklag. In einem der mittleren Gouvernements des europischen
Rulands lebte einst auf einem kleinen Gtchen, das an eines der grten
Gter Afanassij Iwanowitsch Tozkijs grenzte, in rmlichen Verhltnissen
ein gnzlich vermgensloser Krautjunker, der wegen seines
sprichwrtlichen, berall und unermdlich ihn verfolgenden Migeschicks
eine wirklich bemerkenswerte Erscheinung war. Er stammte aus einer guten
Adelsfamilie. In dieser Beziehung rangierte Filipp Alexandrowitsch
Baraschkoff -- so hie der Betreffende -- sogar noch vor Tozkij. Nachdem
er als Offizier seinen Abschied genommen und lange Zeit bis ber die
Haare in Schulden gesteckt hatte, war es ihm endlich nach unermdlicher,
harter, geradezu sibirischer Arbeit gelungen, die Ertragsfhigkeit
seines kleinen Gutes so weit in die Hhe zu bringen, da er wenigstens
sein Auskommen hatte. Da er bei allem Pech doch kein Pessimist geworden
war, ermutigte ihn jeder noch so geringe Erfolg ganz auerordentlich.
Als er nun nach langen Jahren wieder einmal neue Hoffnungen hegen
durfte, begab er sich auf ein paar Tage in die nchste Kreisstadt, um
daselbst mit einem seiner Hauptglubiger zu sprechen und, wenn mglich,
einen gnstigen Vertrag abzuschlieen. Am dritten Tage nach seiner
Ankunft in der Stadt erschien aber pltzlich sein Dorfltester, reitend,
mit verbrannter Wange und versengtem Bart, und meldete gehorsamst, da
am Tage vorher um die Mittagszeit sein Erbgut niedergebrannt sei,
wobei auch die gndige Frau zu verbrennen geruhten, die Kinderchen aber
heil geblieben sind, wie er sich buchstblich ausdrckte. Diesem
Schicksalsschlage war jedoch selbst Baraschkoff, der an die Rippenste
Fortunas so lange Gewhnte, nicht gewachsen: er wurde irrsinnig und
starb nach einem Monat. Das Gut mit dem niedergebrannten Gehft wurde
versteigert, und die Bauern waren bald ihrer Wege gegangen. Der beiden
kleinen Mdchen aber, der Tchter Baraschkoffs, die damals sechs und
sieben Jahre alt waren, nahm sich in seiner Gromut der Gutsnachbar
Tozkij an.

Sie wurden zusammen mit den Kindern eines Verwalters der Tozkijschen
Gter, eines Deutschen und ehemaligen Beamten, der eine zahlreiche
Familie besa, erzogen. Bald jedoch starb das eine Mdchen, die Jngere,
am Stickhusten, so da nur noch die siebenjhrige Nastj[4] von der
ganzen Familie brigblieb. Tozkij, der damals im Auslande lebte, hatte
sie bald alle beide vergessen. Nach fnf Jahren fiel es ihm dann eines
Tages ein, doch mal nachzusehen, wie es auf seinem Gute eigentlich
aussah, und da entdeckte er denn zu seiner berraschung in seinem alten
Gutsgebude unter den Kindern seines deutschen Verwalters ein
entzckendes Mdchen von zwlf Jahren, ein ausgelassenes, reizendes,
kluges Dingelchen, das einmal sehr schn zu werden versprach -- in
solchen Dingen war Tozkij ein guter Kenner. Er blieb nur ein paar Tage
auf dem Gut, doch gengten sie ihm vollkommen, um einige Anordnungen zu
treffen. Die Folge davon war, da in der Erziehung der Kleinen eine
bedeutsame Wendung eintrat. Es erschien alsbald eine ehrwrdige, ltere,
sehr gebildete Gouvernante, eine Schweizerin, die sich im Erziehen
hherer Tchter bereits gut bewhrt hatte, und die auer in der
franzsischen Sprache auch noch in verschiedenen wissenschaftlichen
Fchern unterrichtete. Sie zog in das Gutsgebude ein, und von nun an
vergrerte sich das Wissen der kleinen Nastassja mit jedem Jahre um ein
bedeutendes. Nach vier Jahren war die Erziehung abgeschlossen: die
Gouvernante fuhr wieder fort, und bald darauf erschien eine ltere Dame,
eine Gutsnachbarin Tozkijs -- doch aus einem anderen, fernen
Gouvernement --, um Nastassja, wie die Instruktion und Bevollmchtigung
Tozkijs lautete, auf ein anderes seiner zahlreichen Gter zu bringen.
Auf diesem nicht groen Landstck war ein sehr nettes, wenn auch nur
kleines Landhaus neu aufgebaut und sehr geschmackvoll eingerichtet
worden. Das Gtchen trug wie absichtlich den Namen Otradnoje.[5] Die
alte Dame brachte das Mdchen in dieses stille Haus, und da ihr eigenes
Gut nur eine Werst von dort entfernt lag, so richtete sie sich zusammen
mit Nastassja in Otradnoje ein. Im Hause lebten noch eine alte
Haushlterin und eine junge, geschickte Zofe. Auch gab es dort
Musikinstrumente, eine elegante Mdchenbibliothek, Bilder, Skizzen,
Zeichenstifte, Farben, kurz, alle Malutensilien, ferner ein schnes
sibirisches Windspiel. Nach zwei Wochen erschien auch Afanassij
Iwanowitsch in Otradnoje ... Und seit der Zeit zeigte er dann eine ganz
besondere Vorliebe fr dieses entlegene kleine Steppengut, suchte es in
jedem Jahre einmal auf, blieb dort zwei oder sogar drei Monate, und so
vergingen etwa vier Jahre oder noch mehr, ruhige und glckliche Jahre
vornehmen und geschmackvollen Lebens.

Da sollte es aber geschehen, da einmal, zu Anfang des Winters, ungefhr
vier Monate nach dem Sommerbesuch Tozkijs, der diesmal nur zwei Wochen
geblieben war, in Otradnoje sich das Gercht verbreitete und auch
Nastassja Filippowna zu Ohren kam, da Tozkij in Petersburg alsbald ein
schnes, reiches und vornehmes Mdchen heiraten -- kurz, eine solide und
glnzende Partie machen werde. Spter zeigte es sich, da dieses Gercht
nicht in allen Punkten der Wahrheit entsprach. Die Heirat war nur erst
ein Projekt, und berhaupt war alles noch sehr unbestimmt, doch in
Nastassja Filippowna hatte sich aus diesem Anla bereits eine ungeheure
Vernderung vollzogen. Sie bewies pltzlich eine ungewhnliche
Entschlossenheit und zeigte einen Charakter, den niemand in ihr vermutet
htte. Ohne sich lange zu bedenken, verlie sie das Landhaus und
erschien pltzlich ganz allein in Petersburg, wo sie sich sofort zu
Afanassij Iwanowitsch Tozkij begab. Dieser war zunchst sprachlos,
sammelte sich aber doch so weit, da er nach einer Weile mit ihr zu
reden begann. Und nun stellte es sich zu seiner noch greren
berraschung schon nach dem ersten Wort heraus, da er in einem ganz
anderen Ton mit ihr reden mute, da er Stil, Stimme, die Themen ihrer
frheren so sthetischen und so angenehmen Gesprche, die er bis jetzt
so erfolgreich zu beherrschen gewut, ja selbst die Logik, kurz --
alles, alles, alles von Grund aus verndern mute! Vor ihm sa ein ganz
anderes, ihm vollkommen fremdes Weib, das mit jener Nastassja
Filippowna, die er bis jetzt gekannt und erst im Juli in Otradnoje
zurckgelassen hatte, nichts, aber auch nichts Gemeinsames hatte.

Diese neue Frau da vor ihm wute und begriff unglaublich viel -- so
viel, da man sich nur wundern konnte, woher sie dieses Wissen erlangt,
wie sie so genaue Begriffe in sich hatte ausarbeiten knnen. Das stand
doch nicht in den Bchern ihrer Mdchenbibliothek? Am erstaunlichsten
jedoch war, da sie sogar ausgesprochen juristische Kenntnisse besa,
und wenn ihr auch die Kenntnis der Welt fehlte, so schien sie doch
ganz genau zu wissen, wie gewisse Dinge in der Welt zu verlaufen
pflegen. Das war gar nicht mehr derselbe Charakter, den sie frher
gehabt hatte -- jene Zaghaftigkeit und Undefinierbarkeit des jungen
Mdchens, das in seiner reizenden Unart und Naivitt so bezaubernd sein
konnte, mit seiner Lebhaftigkeit und Trauer und ernsten
Nachdenklichkeit, seinem Staunen und Mitrauen, mit seinen Trnen und
mit seiner Unruhe.

Nein: hier lachte vor ihm und verletzte ihn mit den beiendsten
Sarkasmen ein ganz ungewhnliches, nie gesehenes Wesen, von dem ihm
offen ins Gesicht gesagt wurde, da es in seinem Herzen nie etwas
anderes fr ihn empfunden habe als tiefste Verachtung, eine Verachtung
bis zum Ekel, die sogleich nach dem ersten Erstaunen eingetreten sei.
Diese neue, unbekannte Frau da vor ihm erklrte ferner, da es ihr im
vollen Sinne des Wortes vollkommen gleichgltig sei, ob er heirate oder
nicht heirate, und wen er erwhlt habe, da sie aber gekommen sei, um
ihm diese Heirat zu verbieten, und zwar einzig aus Bosheit zu verbieten,
einzig weil sie es so wollte und es genau so geschehen mute, wie sie
wollte, -- nun, und wenn auch nur, sagen wir, deshalb, um mich ber
dich totlachen zu knnen; denn jetzt will auch ich endlich einmal
lachen.

Wenigstens drckte sie sich so aus. Und dabei war mit diesen Worten
vielleicht noch lange nicht alles ausgesprochen, was sie im Sinne hatte.
Doch whrend die neue Nastassja Filippowna lachte und sich ber ihn
lustig machte, berlegte sich Tozkij die neue Wendung der Dinge und
suchte seine etwas verwirrten Gedanken nach Mglichkeit wieder in
Ordnung zu bringen. Dieses Ordnen und berlegen nahm nicht wenig Zeit in
Anspruch: es dauerte etwa vierzehn Tage, bis er alles begriffen und
endgltig bei sich beschlossen hatte, was wohl zu tun sei. Afanassij
Iwanowitsch Tozkij war zu jener Zeit nicht weniger als fnfzig Jahre alt
und ein im hchsten Grade gesetzt und ehrbar gewordener Mann. Seine
gesellschaftliche Stellung hatte sich auf den besten Grundlagen
aufgebaut. Sein Ich, seine Ruhe und Bequemlichkeit liebte und schtzte
er hher als alles andere auf der Welt, wie es sich ja auch fr einen
ehrenwerten Menschen gar nicht anders schickt. Nicht die geringste
Verletzung oder Strung durfte in diesem Heiligtum zugelassen werden,
das jetzt als Krone des Lebens eine so schne Form angenommen hatte.
Andererseits sagten ihm seine Erfahrung und seine Auffassung der
Sachlage sehr bald und ausnehmend richtig, da er es nun mit einem ganz
anders gearteten Wesen zu tun habe, mit einem Wesen, das nicht nur
drohte, sondern unfehlbar auch handeln wrde, und das berdies vor
nichts, absolut nichts zurckschreckte, weil ihm jetzt nichts mehr teuer
war, so da man es nicht einmal mehr -- gleichviel womit -- bestechen
konnte. Nein, hier handelte es sich offenbar um etwas ganz anderes, um
irgendein inneres, seelisches Chaos -- um etwas wie eine romantische
Entrstung ber Gott wei wen und Gott wei was, jedenfalls war es ein
unersttliches Verachtungsbedrfnis, das jedes Ma bersteigt -- mit
einem Wort, etwas im hchsten Grade Lcherliches und in der guten
Gesellschaft Unerlaubtes, dem im Leben zu begegnen fr jeden anstndigen
Menschen eine wahre Strafe Gottes sein mute. Versteht sich: wenn man
solchen Reichtum und solche Verbindungen wie Tozkij besa, konnte man
sich ja doch mit Leichtigkeit und in krzester Zeit durch eine kleine
und vollkommen harmlose Schndlichkeit frei machen. Andererseits aber
lag es doch auf der Hand, da Nastassja Filippowna ihm, sagen wir z. B.
im juristischen Sinne so gut wie berhaupt nichts anhaben konnte; nicht
einmal einen groen Skandal vermochte sie zu machen, denn es wre doch
ein leichtes gewesen, sie im gegebenen Fall abzufinden. Das war ja nun
alles ganz wunderschn und beruhigend, kam aber doch nur in dem Fall in
Betracht, wenn Nastassja Filippowna zu solchen Dingen entschlossen
gewesen wre, wie sie in hnlichen Fllen von Frauen ausgebt werden,
nmlich ohne da dabei gar zu exzentrisch ber den Zaun geschlagen wird.
Hier aber kam Tozkij seine durch Erfahrung erworbene Menschenkenntnis
sehr zustatten: er erriet, da Nastassja Filippowna es selbst nur zu gut
wute, wie machtlos sie vom Standpunkt des Gesetzes aus war, und da sie
daher etwas ganz anderes im Sinne haben mute, etwas, das nur ihre
blitzenden Augen ahnen lieen. Da ihr nichts mehr teuer war, und am
wenigsten sie sich selbst (es gehrte kein geringer Scharfblick dazu, um
zu erraten, da ihr eigenes Ich schon lngst aufgehrt hatte, ihr teuer
zu sein, und um als Skeptiker und Zyniker an den Ernst dieses Gefhls zu
glauben), so war sie imstande, sich selbst rettungslos und womglich auf
die entsetzlichste Art ins Verderben zu strzen -- denn was galt es ihr,
unter sibirische Strflinge zu kommen! -- wenn sie nur einmal diesen
Menschen beschimpfen konnte, vor dem sie einen so unmenschlichen Ekel
empfand! Tozkij hatte es niemals verleugnet, da er ein wenig feige war
oder, sagen wir, hchst -- konservativ. Wenn er gewut htte, da er
z. B. vor dem Traualtar erschlagen werden wrde, oder da ihn etwas
hnliches erwartete, etwas ebenso Unsthetisches, Lcherliches und in
der Gesellschaft Unzulssiges, so wre er natrlich erschrocken --
jedoch nicht so sehr deshalb, weil man ihm zugedacht, ihn zu verwunden
oder ihm ffentlich ins Gesicht zu speien, als vielmehr deshalb, weil
dieses in einer so unfeinen und gesellschaftlich unmglichen Form mit
ihm geschehen wrde. Nastassja Filippowna aber schien gerade so etwas im
Sinn zu haben, wenn sie vorlufig auch noch mit keinem Wort ihre Absicht
angedeutet hatte. Er wute, da sie ihn bis ins kleinste hinein
beobachtet hatte und dementsprechend kannte: daher mute sie es auch
wissen, wie und wo sie ihn am strksten verletzen konnte. Und so
beschlo denn Tozkij, da die Heirat noch nicht viel mehr als ein frommer
Wunsch war, sich seinem Schicksal zu fgen und Nastassja Filippownas
Willen zu tun.

Es gab aber noch einen anderen Grund, warum er sich dazu entschlo.

Nastassja Filippowna hatte sich auch im Gesicht stark verndert. Man
konnte es kaum glauben, da sie wirklich dieselbe Nastassja Filippowna
war. Frher war sie ein hbsches Mdchen gewesen, jetzt aber ... Tozkij
konnte es sich lange Zeit nicht verzeihen, da er sie vier Jahre lang so
oft betrachtet und doch eigentlich nie gesehen hatte. Allerdings mute
man nicht vergessen, da auf beiden Seiten eine ungeheure Vernderung
vor sich gegangen war. brigens entsann er sich, da es auch frher
bisweilen Minuten gegeben hatte, in denen ihm z. B. beim Anblick dieser
Augen eigentmliche Gedanken gekommen waren: es war, als htte sich
hinter ihnen eine tiefe, geheimnisvolle Finsternis aufgetan. Wenn dieser
Blick einen ansah, so war's, als gbe er einem ein Rtsel auf. In den
letzten zwei Jahren wunderte er sich oft ber die Vernderung ihrer
Gesichtsfarbe: Nastassja Filippowna wurde seltsam bleich, doch --
sonderbar: sie wurde dadurch noch schner. Tozkij, der anfangs wie alle
Lebemnner nur mit Zynismus daran gedacht hatte, wie billig er diese
Seele gekauft, die so gut wie berhaupt noch nicht gelebt hatte, begann
mit der Zeit an der Richtigkeit seiner Annahme stark zu zweifeln. Doch
ganz abgesehen davon, hatte er noch im letzten Frhling in Otradnoje
beschlossen, Nastassja Filippowna bald mit irgendeinem verstndigen und
anstndigen Herrn, dessen Arbeitsfeld am besten in einem anderen
Gouvernement lag, zu verheiraten, natrlich nicht ohne reichliche
Mitgift. (Oh, wie unheimlich und boshaft Nastassja Filippowna jetzt ber
diesen Plan lachte!) Doch nun dachte Tozkij -- verlockt durch den Reiz
der Neuheit -- sogar daran, da er dieses Weib ja von neuem ausnutzen
konnte. Er beschlo, sie in Petersburg unterzubringen und mit dem
grten Luxus zu umgeben. Wenn er das eine nicht haben konnte, so konnte
er doch wenigstens das andere haben: mit Nastassja Filippowna Aufsehen
erregen und in einem gewissen Kreise sogar renommieren. Und Afanassij
Iwanowitsch Tozkij schtzte seinen Ruhm gerade in diesem Kreise sehr
hoch.

Inzwischen vergingen fnf Jahre nach ihrem ersten Erscheinen in
Petersburg, und whrend dieser Zeit hatte sich manches offenbart.
Tozkijs Lage war einfach trostlos; und das Dmmste an der Sache war, da
er, nachdem ihm einmal bange geworden war, nicht mehr Mut fassen und
sich beruhigen konnte. Er frchtete ... was? -- das wute er selbst
nicht; frchtete einfach Nastassja Filippowna. Eine Zeitlang -- das war
noch in den ersten zwei Jahren -- begann er allmhlich zu vermuten, da
sie ihn, Afanassij Tozkij, heiraten wolle, aus bertriebenem Stolz
jedoch schweige und seinen Antrag erwarte. Das Verlangen wre sonderbar
gewesen, doch Tozkij wurde argwhnisch: er runzelte zwar die Stirn und
wollte nicht, aber er begann doch nachzudenken, schlielich wurde er
sogar _sehr_ nachdenklich ... bis er sich eines Tages zu seiner grten
und (so ist das Menschenherz!) etwas unangenehmen Verwunderung
berzeugte, da er, falls er anhalten wrde, ganz positiv einen Korb
bekme. Lange Zeit konnte er es gar nicht fassen. Nur eine einzige
Erklrung schien ihm schlielich mglich: da der Stolz dieser
beleidigten und phantastischen Frau bereits so nahe an Verzweiflung
grenzte, da sie es vorzog, einmal ihre Verachtung fr ihn in einer
Absage ausdrcken zu knnen, als ihr Leben ein fr allemal
sicherzustellen und hinfort auf einer fr sie sonst doch unerreichbar
hohen Staffel zu stehen. Das schlimmste aber war, da Nastassja
Filippowna in geradezu bengstigender Weise die Oberhand gewann. Mit
Geld war bei ihr gleichfalls nichts zu erreichen, gleichviel wie hohe
Summen er ihr auch angeboten htte. Zwar lebte sie in einer teuren
Wohnung, die er fr sie luxuris eingerichtet hatte, doch fhrte sie
daselbst ein sehr bescheidenes Leben und versuchte nicht einmal in den
ganzen fnf Jahren, etwas beiseite zu schaffen. Da verfiel Tozkij auf
ein sehr schlaues Mittel, um seine Ketten zu zerreien: unmerklich und
sehr geschickt versuchte er, sie mit den idealsten Mitteln zu
verlocken; doch all die verkrperten Ideale in Gestalt von
Frsten, Husarenoffizieren, Gesandtschaftssekretren, Dichtern,
Romanschriftstellern und sogar Sozialisten, die er ihr zufhrte, machten
alle nicht den geringsten Eindruck auf sie, ganz als htte sie anstatt
des Herzens einen Stein in der Brust gehabt, als wren alle ihre Gefhle
eingetrocknet und fr immer gestorben. Sie lebte eigentlich recht
einsam, las, lernte sogar, liebte Musik. Bekannte, die sie besuchten,
hatte sie nur sehr wenige, dabei durchaus keine vornehmen Leute: so
verkehrte sie mit ein paar armen und lcherlichen Beamtenfrauen, kannte
zwei sonst ganz unbekannte Schauspielerinnen, beide schon fast
Greisinnen, liebte die zahlreiche Familie eines ehrsamen Lehrers, in
dessen Hause auch sie gern gesehen war und sogar sehr geliebt wurde. Hin
und wieder fanden sich bei ihr abends fnf bis sechs Bekannte ein, nicht
mehr. Tozkij erschien sehr oft und pnktlich. In der letzten Zeit war es
auch dem General Jepantschin gelungen (nicht ohne Mhe), Nastassja
Filippownas Bekanntschaft zu machen. In derselben Zeit wurde auch ein
junger Beamter, Ferdyschtschenko mit Namen, sehr schnell und ohne Mhe
mit ihr bekannt. Es war das ein recht unanstndiger und schmieriger
Possenreier, der dem Alkohol nicht abhold war und sich fr einen
geistreichen Humoristen hielt. Ferner war ein junger und recht
eigentmlicher Mensch mit ihr bekannt, ein gewisser Ptizyn, ein
bescheidener, stets pnktlicher und gesellschaftlich einigermaen
polierter Junge, der sich aus der grten Armut heraufgearbeitet hatte
und jetzt Geld auf hohe Zinsen lieh. Schlielich wurde auch Gawrila
Ardalionytsch Iwolgin mit ihr bekannt ... Es endete damit, da Nastassja
Filippowna eine seltsame Berhmtheit erlangte: ein jeder sprach von
ihrer Schnheit, aber das war auch alles, wovon man sprechen konnte:
niemand konnte sich mit etwas rhmen oder das Recht dazu einem anderen
nachsagen. Dieser Ruf, ihre Bildung, ihr Auftreten, ihr Scharfsinn, ihr
Geist -- alles das zusammen bewirkte, da Tozkij sich endgltig zur
Ausfhrung seines erwhnten Planes entschlo. Und hier nun beginnt der
Augenblick, von dem ab der General Jepantschin selbst so regen Anteil an
dieser Angelegenheit nahm.

Als Tozkij sich liebenswrdig und freundschaftlich in betreff einer
seiner drei Tchter an den General wandte, legte er ihm in der
ausfhrlichsten und edelsten Weise ein volles Bekenntnis ab. Doch teilte
er ihm gleichzeitig mit, da er vor keinem einzigen Mittel
zurckschrecken wrde, um nur endlich seine Freiheit wiederzuerlangen:
da es ihn auch nicht beruhigen wrde, wenn Nastassja Filippowna ihm
versprechen sollte, ihn hinfort mit nichts zu bedrohen, weil er sich auf
Worte allein nicht verlassen knne und folglich die sichersten Garantien
wnsche und verlange. Sie berieten hin und her, bis sie dann zunchst
einmal zu der Einsicht kamen, da gemeinschaftlich vorzugehen am besten
sei. Auch wurde ferner noch beschlossen, es zunchst mit den sanftesten
Mitteln zu versuchen, oder wie man zu sagen pflegt: nur die edlen Saiten
des Herzens zu berhren. Sie machten sich also beide auf und fuhren zu
Nastassja Filippowna, und Tozkij begann hier sofort und ohne alle
Vorreden und Umschweife damit, da er ihr das Unertrgliche seiner Lage
schilderte; die Schuld an allem ma er sich selbst zu; sagte ganz offen,
da er aber doch fr das Unrecht, das er ihr zugefgt, nicht
nachtrglich ben wolle, denn er sei ein eingefleischter Lstling und
seiner nicht mchtig, da er aber jetzt zu heiraten beabsichtige und das
ganze Schicksal dieser hchst ehrenhaften und angenehmen Verbindung in
ihrer Hand liege; mit einem Wort, er erwarte alles von ihrem edlen
Herzen. Darauf ergriff der General das Wort, in seiner Eigenschaft als
Vater, sprach sehr vernnftig, vermied alles Rhrende, erwhnte nur, da
er ihr Recht, ber Tozkijs Schicksal zu bestimmen, vollkommen anerkenne,
hob geschickt seine eigene Ergebung hervor, sowie da das Schicksal
seiner ltesten Tochter, vielleicht aber auch noch dasjenige der beiden
jngeren, im Augenblick nur von ihr abhinge. Auf Nastassja Filippownas
Frage, was sie denn eigentlich von ihr verlangten, gestand Tozkij mit
derselben nackten Offenheit, sie habe ihm vor fnf Jahren einen solchen
Schrecken eingejagt, da er sich auch jetzt noch nicht sicher fhle, es
sei denn, da Nastassja Filippowna selbst heirate. Er fgte brigens
sofort eilig hinzu, da diese Bitte natrlich unsinnig wre, wenn er
nicht Ursache htte, sie doch fr nicht unsinnig zu halten. Er htte
nmlich sehr wohl bemerkt und auerdem noch aus sicherer Quelle
erfahren, da ein junger Mann aus sehr guter Familie, der hier in
Petersburg lebe, und zwar Gawrila Ardalionytsch Iwolgin, den sie auch
selbst kenne und bei sich empfange, sie mit der ganzen Glut der
Leidenschaft liebe und -- versteht sich -- die Hlfte seines Lebens
hingeben wrde fr die bloe Zustimmung, ihre Zuneigung erringen zu
drfen. Dieses Gestndnis htte er, Tozkij, selbst von Gawrila
Ardalionytschs Lippen gehrt, und zwar schon vor langer Zeit als Freund
des jungen Mannes, der ihm einmal sein ganzes Herz ausgeschttet, und
da um diese Liebe auch Seine Exzellenz Iwan Fedorowitsch Jepantschin,
der den jungen Mann protegiere, schon lange wisse. Ferner, wenn er,
Tozkij, sich nicht tusche, sei ja auch ihr selbst die Liebe des jungen
Mannes kein Geheimnis mehr, und wie ihm, Tozkij, scheine, verhielte sie
sich zu derselben nicht abweisend. Natrlich sei es ihm, Tozkij,
schwerer als jedem anderen, davon zu sprechen; doch wenn sie ihm,
Tozkij, auer Egoismus und dem Wunsch, sein eigenes Leben zu verschnen,
nur ein wenig auch den Wunsch, ihr Gutes zu erweisen, zutraue, so wrde
sie begreifen, wie unangenehm und schwer es ihm falle, ihre Einsamkeit
zu sehen. Er knne hieraus nur eins schlieen: da sie an eine
Erneuerung ihres Lebens -- das doch in der Liebe und im Familienglck so
herrlich neu erstehen und somit einen Inhalt finden knnte -- nicht
glaube oder nicht einmal glauben wolle. Dieses Leben aber, das sie jetzt
fhre, sei einfach ein Vergraben und Abtten ihrer glnzenden
Fhigkeiten, und das bewute Gefallenfinden an ihrem Unglck, ja sogar
die gewisse Romantik, die ihrem jetzigen Leben anhafte, sei sowohl ihres
gesunden Verstandes wie ihres edlen Herzens unwrdig. Nachdem er dann
noch einmal wiederholt hatte, da es ihm schwerer falle als jedem
anderen, mit ihr darber zu reden, kam er auf den zweiten Teil seines
Planes zu sprechen. Er sagte, er knne sich nicht die Hoffnung versagen,
da sie ihm nicht mit Verachtung antworten werde, wenn er sie seines
aufrichtigen Wunsches, ihre Zukunft sicherzustellen, versicherte und ihr
die Summe von fnfundsiebzigtausend Rubeln anbte. Er fgte sogleich
hinzu, da diese Summe sowieso fr sie in seinem Testament bestimmt sei;
mit einem Wort, es handle sich hier nicht etwa um eine Abfindung ... und
weshalb wolle sie denn den menschlichen Wunsch, wenigstens in
irgendeiner Art sein Gewissen zu erleichtern, bei ihm nicht gelten
lassen und entschuldigen usw. usw. -- was in solchen Fllen gewhnlich
geredet wird. Tozkij sprach lange und beredt und flocht noch --
gleichsam im Vorbergehen -- die interessante Mitteilung ein, da er von
diesen fnfundsiebzigtausend Rubeln keinem Menschen ein Wort gesagt, da
selbst Iwan Fedorowitsch Jepantschin, der hier neben ihm sitze, bis
jetzt nichts davon gewut habe, kurzum -- es wisse darum kein Mensch.

Die Antwort, die ihnen hierauf von Nastassja Filippowna zuteil wurde,
setzte aber beide Freunde nicht wenig in Erstaunen: alles andere htten
sie eher erwartet!

Es war nicht nur keine Spur von ihrer frheren Spottlust und
Feindseligkeit, ihrem frheren Ha und Lachen vorhanden, von diesem
Lachen, bei dessen bloer Vorstellung Tozkij ein Gruseln im Rcken
fhlte, sondern es schien sie im Gegenteil sogar zu freuen, da sie
endlich offen und freundschaftlich mit jemand reden konnte. Sie gestand
ohne weiteres, da sie selbst schon lange um freundschaftlichen Rat habe
bitten wollen, nur habe ihr Stolz sie davon abgehalten, da jedoch
jetzt, nachdem das Eis gebrochen, einer Aussprache nichts mehr im Wege
stehe. Sie gestand anfangs mit einem traurigen Lcheln, bald aber ganz
heiter und sogar lachend, da vom frheren Sturm im Wasserglase keine
Rede mehr sein knne; da sie Zeit genug gehabt habe, ihre Auffassung
der Dinge zu ndern, und wenn sie in ihrem Herzen auch noch ganz
dieselbe sei, so habe sie sich doch gezwungen gesehen, manches als
vollendete Tatsache gelten zu lassen: was geschehen sei, sei geschehen,
was vergangen, das sei vergangen, und es wundere sie nur, da Afanassij
Iwanowitsch immer noch fortfahre, so ngstlich zu sein und Befrchtungen
zu hegen. Hierauf wandte sie sich an den General und versicherte ihm,
da sie die grte Hochachtung fr seine Tchter empfnde, von denen sie
schon viel gehrt habe, und es wrde sie glcklich und stolz machen,
wenn sie ihnen irgendwie einen Dienst erweisen knne. Es sei vollkommen
wahr, da sie sich bedrckt und einsam fhle, sehr einsam; Afanassij
Iwanowitsch habe ihre Gedanken erraten: wie gern wrde sie von ihrem
jetzigen zu einem neuen Leben auferstehen wollen, wenn nicht durch die
Liebe, so doch vielleicht in der Ehe, durch einen neuen Lebensinhalt. In
bezug auf Gawrila Ardalionytsch jedoch knne sie noch nichts Bestimmtes
sagen. Sie glaube allerdings auch bemerkt zu haben, da er sie liebe,
und glaube sogar, da sie ihn mit der Zeit gleichfalls liebgewinnen
wrde, wenn sie nur an die Treue seiner Zuneigung glauben knne; doch
wenn er auch aufrichtig wre, so sei er doch noch sehr jung, und daher
falle es ihr nicht leicht, einen Entschlu zu fassen. Was ihr brigens
am meisten an ihm gefiele, sei, da er arbeite und ganz allein seine
Mutter und seine Schwester ernhre. Sie habe gehrt, da er ein
energischer, stolzer Mann sei, der sich durchkmpfen und Karriere machen
wolle. Desgleichen habe sie gehrt, da Nina Alexandrowna Iwolgina, die
Mutter Gawrila Ardalionytschs, eine vortreffliche und in jeder Beziehung
schtzenswerte Dame sei; auch von seiner Schwester Warwara Ardalionowna
habe ihr Ptizyn viel erzhlt. Derselbe habe ihr auch erzhlt, wie mutig
sie ihr schweres Leben ertrgen. Sie wrde gern ihre Bekanntschaft
machen, nur frage es sich noch, ob sie auch umgekehrt sie gerne sehen
und in ihre Familie aufnehmen wrden. Kurzum, im allgemeinen wrde sie
gewi nichts gegen die Mglichkeit dieser Verbindung sagen, doch wolle
die Sache immerhin noch berlegt sein, und daher wnsche sie, da man
sie nicht zu einer bereilten Handlung drnge. Was jedoch die
fnfundsiebzigtausend Rubel betreffe, so habe Afanassij Iwanowitsch ganz
grundlose Befrchtungen gehegt. Sie kenne sehr wohl den Wert des Geldes
und wrde es natrlich annehmen. Sie danke ihm fr sein Zartgefhl, da
er nicht nur Seiner Exzellenz, sondern auch Gawrila Ardalionytsch nichts
davon gesagt, doch schlielich -- weshalb sollte denn dieser es nicht im
voraus erfahren? Sie habe doch gar keine Ursache, sich dieses Geldes zu
schmen. berdies werde sie sich vor keinem Menschen irgendwie schuldig
fhlen, was man, das wnsche sie, sich merken solle. Jedenfalls wrde
sie den jungen Iwolgin nicht eher heiraten, als bis sie sich berzeugt
habe, da weder er noch seine Familie im geheimen irgendwie anders ber
sie dachten, als es den Anschein habe. Denn wie dem auch sei -- sie
fhle sich in keiner Beziehung schuldig, und es wre doch besser,
Iwolgin erfhre sobald als mglich, in welchen Beziehungen zu Tozkij sie
die vier Jahre in Otradnoje gestanden habe, ferner wie sie hier in
Petersburg gelebt, und ob sie viel oder nichts erspart habe. Und wenn
sie jetzt die fnfundsiebzigtausend Rubel annehme, so betrachte sie
dieses Geld durchaus nicht etwa als Zahlung fr ihre geraubte
Mdchenehre, sondern einfach als Entschdigung fr ihr zerbrochenes
Leben.

Diese ganze Erklrung hatte sie -- was brigens nur natrlich war -- in
solche Erregung versetzt und so gereizt, da der General sehr zufrieden
war, als sie endete. Er hielt, als sie gegangen war, die Sache kurzum
fr erledigt. Tozkij jedoch, dem sie einmal so groen Schrecken
eingejagt hatte, glaubte auch diesmal nicht bedingungslos und frchtete
immer noch, da auch hier wieder die Schlange unter den Blumen liegen
knnte. Trotzdem begannen alsbald die Unterhandlungen. Der heikle Punkt,
um den herum sich die Manver der beiden Freunde konzentrierten -- in
Nastassja Filippowna Liebe zu Iwolgin zu erwecken -- schien allmhlich
erreicht zu werden, so da selbst Tozkij bisweilen an die Mglichkeit
eines Erfolges zu glauben wagte. Inzwischen sprach sich auch Nastassja
Filippowna mit Iwolgin aus, d. h., es wurden nur sehr wenige Worte
zwischen ihnen gewechselt, ganz als htte ihr Schamgefhl darunter
gelitten. Aber sie gestattete ihm doch, sie zu lieben, nur erklrte sie
in sehr bestimmtem Tone, da sie sich in keiner Beziehung binden wolle,
sich vielmehr bis zur Stunde der Trauung -- falls es so weit kommen
sollte -- das Recht, jederzeit nein zu sagen, vorbehalte und ganz
dasselbe Recht auch ihm zuspreche. Bald darauf erfuhr Gawrila
Ardalionytsch zufllig, da der Widerstand, den seine ganze Familie
dieser Heirat entgegensetzte, und die Antipathie, die sie fr Nastassja
Filippowna empfand -- und die sich bei ihm zu Hause oft genug in
erregten Szenen kundtat -- ihr bereits zum grten Teil und mit allen
ihren Einzelheiten kein Geheimnis mehr war. Es wunderte ihn nur, da sie
niemals ein Wort darber fallen lie, was er eigentlich tglich
erwartete. So lieen sich noch manche Geschichten, Zwischenflle und
nheren Umstnde erzhlen, die man whrend dieser Verabredungen und
Unterredungen erlebte oder sich offenbaren sah; doch ich habe ohnehin
schon zuviel im voraus gesagt, um so mehr, als manche dieser verzwickten
Umstnde nur in Gestalt von vagen Gerchten auftraten. So hatte z. B.
Tozkij irgendwoher erfahren, da Nastassja Filippowna in gewisse
unerklrliche, und vor allen anderen geheimgehaltene Beziehungen zu den
Tchtern des Generals getreten sei -- ein doch ganz unglaubliches
Gercht! Dafr aber mute er an ein anderes allen Ernstes glauben, an
eines, das er bis zum blassen Schrecken frchtete: wie ihm von durchaus
glaubwrdiger Seite versichert wurde, wute Nastassja Filippowna ganz
genau, da Ganj Iwolgin sie nur des Geldes wegen heiraten wolle, da er
eine schwarze, habgierige, unduldsame und neidische Seele habe, die
unendlich, bis zur Unglaublichkeit, selbstschtig war; da Ganj einmal
allerdings leidenschaftlich in sie verliebt gewesen, doch da er,
seitdem von den beiden Freunden beschlossen war, diese Leidenschaft zum
eigenen Vorteil auszunutzen und Ganj fr die legitime Ehe mit Nastassja
Filippowna zu kaufen, sie wie seinen Fluch zu hassen begonnen hatte. Man
sagte Tozkij, sie wisse ganz genau, da in Ganj Iwolgins Seele Ha und
Leidenschaft in sonderbarer Weise gepaart seien, und da er, wenn er
auch schlielich nach qualvollem Schwanken eingewilligt, das ehrlose
Weib zu heiraten, sich in der Seele doch geschworen habe, sie dafr
spter bitter ben zu lassen und sie _ la canaille_{[2]} zu behandeln,
wie er sich selbst ausgedrckt htte. Alles das wte Nastassja
Filippowna und bereite im stillen etwas Besonderes vor. Tozkij geriet
hierob in so groe Angst, da er sogar dem General seine Besorgnisse zu
verschweigen begann. Dennoch gab es Augenblicke, in denen er als
schwacher Mensch, der er nun einmal war, von neuem Mut schpfte und
wieder auflebte. Dasselbe tat er auch, als Nastassja Filippowna den
beiden Freunden im Ernst versprach, am Abend ihres Geburtstages das
entscheidende Wort zu sagen. Dafr aber erwies sich ein beraus
unglaubliches Gercht, das sogar den hochverehrten General betraf, mit
jedem Tage -- leider! -- als immer begrndeter und richtiger. Auf den
ersten Blick schien das Ganze nur eine infame Lge zu sein. Wie sollte
man es auch glauben, da der General Jepantschin in seinen alten Tagen,
bei seinem Verstande, bei seiner Lebensklugheit usw. sich in Nastassja
Filippowna verliebt habe, und zwar dermaen, da diese pltzliche
Schrulle fast eine Leidenschaft genannt werden mute! Welche Hoffnungen
er sich machte, war schwer sich vorzustellen. Vielleicht rechnete er
sogar auf den Beistand Ganjs, ihres zuknftigen Mannes. Wenigstens
vermutete Tozkij etwas von der Art, vermutete eine vielleicht wortlose
bereinkunft zwischen dem alten General und dem jungen Ganj, wie sie
gegenseitiges Durchschauen sehr wohl herbeigefhrt haben konnte.
brigens ist es ja bekannt, da ein Mensch, der sich gar zu sehr von
einer Leidenschaft hinreien lt, und namentlich noch, wenn er dabei
schon ein -- wie man zu sagen pflegt -- gesetzteres Alter erreicht hat,
alsbald vollkommen mit Blindheit geschlagen und alsdann fhig ist,
Hoffnungen sogar dort zu sehen, wo gar keine sein knnen, ja da er dann
sogar trotz einer Stirnhhe von fnf Zoll wie ein dummes Kind handeln
kann. Ferner war es Tozkij bekannt, da der General ihr zum Geburtstage
wundervolle Perlen, die eine riesige Summe gekostet hatten, zu schenken
beabsichtige und wahrscheinlich viel von diesem Geschenk erwarte,
obschon er wute, da Nastassja Filippowna weder habschtig noch
eigenntzig war. Am Vorabend des Geburtstages war er wie im Fieber,
verstand sich aber verhltnismig gut zu beherrschen.

Die Kunde von diesen Perlen nun war auch der Generalin, Lisaweta
Prokofjewna, zu Ohren gekommen. Sie hatte zwar schon seit lngerer Zeit
die Flatterhaftigkeit ihres Gemahls empfunden und zum Teil sich auch
schon an sie gewhnt -- aber das ging denn doch nicht an, da man eine
solche Gelegenheit ungenutzt vorbergehen lie! Wie gesagt, die Perlen
beschftigten sie ungemein, und -- das hatte der General natrlich
gemerkt: sie hatte am vorhergehenden Abend ein paar entsprechende
Anspielungen gemacht, weshalb er denn jetzt eine noch ihm bevorstehende,
weit umfangreichere Aussprache erwartete und frchtete. Dies war auch
der Grund, warum er sich an jenem Tage eigentlich sehr ungern zum
Frhstck begab. Vor dem Besuch des Frsten hatte er sogar die Absicht
gehabt, Arbeit vorzuschtzen und das Wiedersehen zu umgehen (das
bedeutete fr ihn gewhnlich fortgehen); denn es war ihm eigentlich nur
darum zu tun, diesen einen Tag, und hauptschlich diesen einen Abend,
ohne Unannehmlichkeiten verbringen zu knnen. Da kam ihm der Frst denn
wie gerufen! Wie von Gott gesandt! dachte der General, als er sich zu
seiner Gemahlin begab.


                                   V.

Die Generalin war sehr stolz auf ihre Abstammung. Wie mute ihr nun
zumute sein, als ihr so offen und ohne Vorbereitungen mitgeteilt wurde,
da der letzte Trger ihres Namens nicht viel mehr als ein
bedauernswerter Idiot, fast ganz mittellos sei und sogar Almosen
annehme. Dem General war es um den denkbar grten Eindruck zu tun, um
sogleich ihr Interesse zu erwecken, sie von anderen Gedanken abzulenken
und hierdurch die Frage nach den Perlen in Vergessenheit zu bringen.

Die Generalin hatte die Angewohnheit, wenn etwas geschehen war, was ihr
nicht behagte, mit weit offenen Augen und unbestimmtem Blick, den
Oberkrper gewhnlich etwas zurckgelegt, vor sich in die Luft zu
starren und kein Wort zu sprechen. Sie war eine stattliche Frau, in
gleichem Alter wie ihr Gatte, mit dunklem, schon stark graumeliertem,
doch noch recht dichtem Haar, einer leicht gebogenen Nase, mit
gelblichen, eingefallenen Wangen und dnnen Lippen. Ihre Stirn war hoch
und schmal; ihre grauen, ziemlich groen Augen konnten bisweilen einen
ganz unerwarteten Ausdruck annehmen. Sie hatte einmal die Schwche
gehabt, zu glauben, da ihr Blick sehr ausdrucksvoll sei, und diese
berzeugung lie sie sich auch jetzt noch nicht nehmen.

Empfangen? Sie sagen, wir sollen ihn empfangen? Jetzt? Sogleich?

Die Generalin sah ihren etwas unsicher geschftigen Iwan Fedorowitsch
mit besagten groen Augen an.

Oh, was das betrifft, so braucht man bei dem nicht alle
Etikettevorschriften und Zeremonien zu beobachten, vorausgesetzt, da es
dir, mein Freund (der General redete seine Gattin gewhnlich mit mein
Freund an), da es dir nur zusagt, ihn zu empfangen, beeilte er sich
erklrend hinzuzufgen. Er ist ein vollstndiges Kind und so ein armer
Junge: hat da gewisse Anflle, wie er sagt, von einer Krankheit
wahrscheinlich; kommt soeben aus der Schweiz, direkt von der Bahn, ist
etwas eigenartig gekleidet, so--o ... nach deutscher Art gewissermaen,
und hat zum berflu keine Kopeke in der Tasche, tatschlich; er weinte
beinahe. Ich habe ihm fnfundzwanzig Rubel geschenkt und will ihm in
einer Kanzlei eine kleine Schreiberstelle zu verschaffen suchen. Und
euch, _mesdames_, bitte ich, ihn geflligst zu bewirten; denn er wird,
glaube ich, auch hungrig sein ...

Ich verstehe Sie nicht, fuhr die Generalin im selben Ton und mit
demselben Blick fort, hungrig und hat Anflle! Was fr Anflle?

Oh, die wiederholen sich nicht so oft, und dann -- er ist ja fast noch
ein groes Kind, brigens nicht ungebildet. Und euch wollte ich bitten,
_mesdames_, wandte er sich wieder an seine Tchter, ihn ein wenig zu
examinieren; denn es ist doch immer gut, wenn man wei, was fr
Eigenschaften er hat.

Ex--a--mi--nie--ren? fragte die Generalin gedehnt und begann in
grter Verwunderung bald ihre Tchter, bald wiederum ihren Gatten mit
fragendem Blick anzusehen.

Ach, mein Freund, das war natrlich nicht so gemeint, versteh mich
nicht falsch ... brigens, wie du willst. Ich hatte die Absicht, ihn gut
zu behandeln und in unser Haus einzufhren; denn das wre doch ein gutes
Werk.

In unser Haus einzufhren? Aus der Schweiz?

Die Schweiz ist eine Sache fr sich ... doch, brigens, wie gesagt:
ganz wie du willst. Ich meine ja nur, weil er doch auch ein Myschkin
ist, und vielleicht sogar verwandt mit dir, und dann: er wei nicht
einmal, wo er sein Haupt hinlegen soll. Ich glaubte, da es dich
interessieren wrde, ihn kennen zu lernen; denn er gehrt doch
gewissermaen, nun ja, zur Familie.

Gewi doch, _maman_, wenn man mit ihm nicht so zeremoniell zu sein
braucht. Und nach der Reise wird er sicherlich Hunger haben, weshalb
also soll man ihm nicht zu essen geben, wenn er hier sonst keine
Menschenseele hat? sagte Alexandra, die lteste Tochter.

Und dann ist er ja wie ein Kind, mit ihm kann man noch Blindekuh
spielen.

Blindekuh spielen? Wie das?

Ach, _maman_, hren Sie doch auf, sich so zu verstellen, bitte!
unterbrach Aglaja sie rgerlich.

Die mittlere, Adelaida, konnte sich nicht bezwingen und brach in helles
Lachen aus.

Lassen Sie ihn nur herbitten, Papa, _maman_ erlaubt es schon,
entschied Aglaja.

Der General klingelte und lie den Frsten zur Generalin bitten.

Aber nur unter der Bedingung, da ihm eine Serviette um den Hals
gebunden wird, sobald er sich an den Tisch setzt, sagte die Generalin.
Ruft Fedor -- oder Mawra ... sie soll hinter seinem Stuhl stehen, wenn
er it. Ist er wenigstens ruhig, wenn er seine Anflle hat? Macht er
nicht wilde Gesten?

Im Gegenteil, er ist sogar sehr nett erzogen, er hat vorzgliche
Manieren. Mitunter ist er vielleicht etwas gar zu treuherzig ... Ah, da
ist er ja selbst! Bitte, hier, stelle euch vor, meine Damen: Frst Lew
Nikolajewitsch Myschkin, der Letzte dieses Namens. Ein Namensvetter von
dir, liebe Lisaweta Prokofjewna, und vielleicht sogar ein Verwandter.
Bitte, sich seiner geflligst anzunehmen. Sogleich wird das Frhstck
aufgetragen, Sie erweisen uns doch die Ehre, Frst ... Nun, ich aber,
Verzeihung, ich habe mich schon versptet, ich mu eilen ...

Wir wissen schon, wohin Sie eilen, sagte die Generalin bedeutsam.

Ich eile, ich eile, mein Freund, habe mich nmlich schon versptet!
Gebt ihm brigens eure Albums, _mesdames_, damit er euch irgend etwas
einschreibt. Ihr ahnt gar nicht, was fr ein Kalligraph er ist --
einfach ein Phnomen! Angeborenes Talent! Dort bei mir hat er mit
mittelalterlichen Buchstaben eine Unterschrift geschrieben: >In Demut
unterzeichnet dieses Igumen Pafnutij< -- groartig! ... Nun, also auf
Wiedersehen!

Pafnutij? Ein Abt? Warten Sie, aber so warten Sie doch, wohin gehen Sie
denn, was ist das fr ein Pafnutij? rief die Generalin mit rgerlicher
Gereiztheit und fast aufgebracht ihrem eilig sich entfernenden Gatten
nach.

Ja, ja, mein Freund, frher hat es einmal einen solchen Abt gegeben ...
ich mu zum Grafen, er erwartet mich, schon lange, und die Hauptsache:
er hat mich selbst bestellt ... Auf Wiedersehen, Frst!

Und Se. Exzellenz verschwand mit schnellen Schritten.

Ich wei schon, zu welchem Grafen er geht! bemerkte die Generalin
scharf und wandte gereizt ihren Blick dem Frsten zu. Nun -- was war's
doch? begann sie gereizt, indem sie sich rgerlich des vorhergehenden
Gesprches zu erinnern suchte. Wovon sprachen wir? Ach, richtig! --
nun, was war das fr ein Abt?

_Maman_, wollte Alexandra sich einmischen, und Aglaja klappte hrbar
mit der Fuspitze auf den Boden.

Unterbrechen Sie mich nicht, Alexandra Iwanowna, wandte sich die
Generalin eisig an ihre lteste. Ich will es wissen, was es mit diesem
Abt fr eine Bewandtnis hat. Setzen Sie sich hierher, Frst, hier auf
diesen Sessel mir gegenber, nein, nein, hierher, mehr ins Licht, rcken
Sie der Sonne nher, damit ich Sie besser sehen kann. Nun, was ist das
fr ein Abt?

Der Abt Pafnutij, antwortete der Frst mit aufmerksamem und ernstem
Gesicht.

Pafnutij? Das ist interessant. Nun, und was ist's mit ihm?

Die Generalin stellte ihre Fragen ungeduldig, schnell, schroff, ohne den
Blick vom Frsten abzuwenden, und als dieser antwortete, nickte sie nach
jedem Satz mit dem Kopfe.

Igumen Pafnutij lebte im vierzehnten Jahrhundert, begann der Frst,
und stand einem Kloster an der Wolga in unserem jetzigen Gouvernement
Kostroma vor. Er war bekannt wegen seines gottesfrchtigen Lebens und
seiner Reise ins Reich der Goldenen Horde[6]. Ferner half er, Ordnung
und Ruhe in unseren damaligen Frstentmern wiederherzustellen. Das
Faksimile seiner Unterschrift auf einer Urkunde kam mir zufllig in die
Hnde. Seine Schrift gefiel mir, und ich versuchte sie nachzuahmen. Als
Ihr Herr Gemahl nun sehen wollte, wie ich schreibe, um mir vielleicht
eine Anstellung zu verschaffen, schrieb ich einige Stze auf ein Blatt
Papier, unter anderem auch >In Demut unterzeichnet dieses Igumen
Pafnutij<, genau so, wie der Abt selbst geschrieben hat. Diese
Schriftprobe gefiel Seiner Exzellenz, und deshalb hat er sie auch
erwhnt.

Aglaja, sagte die Generalin merk dir: Pafnutij, oder notiere den
Namen, denn sonst vergesse ich ihn. Ich glaubte, da es interessanter
wre. Wo ist denn diese Schriftprobe?

Sie blieb, glaube ich, auf dem Tisch im Kabinett des Generals.

Schickt Fedor hin und lat sie sofort herholen! wandte sich die
Generalin an ihre Tchter.

Aber ich kann es Ihnen ja nochmals aufschreiben, wenn Sie wollen. --

Gewi, _maman_, sagte Alexandra, jetzt aber tten wir besser, zu
frhstcken; wir sind hungrig.

Ja, das knnen wir, entschied die Generalin. Gehen wir, Frst!
Bringen Sie auch einen groen Hunger mit?

Ja, im Augenblick ist er sogar recht gro. Ich danke Ihnen.

Das gefllt mir, da Sie hflich sind, und ich merke, Sie sind durchaus
nicht so ein ... Sonderling, als den man Sie uns zu schildern beliebt
hat. Nun, gehen wir ... Setzen Sie sich dorthin, mir gegenber, sagte
sie, geschftig dem Frsten einen Stuhl anweisend, als sie ins
Frhstckszimmer traten, ich will Sie sehen. Alexandra, Adelaida, sorgt
dafr, da der Frst alles Ntige bekommt. Nicht wahr, er ist doch gar
nicht so ... krank? Vielleicht ist's auch gar nicht ntig, ihm die
Serviette ... Hat man Ihnen bei Tisch immer eine Serviette umgebunden,
Frst?

Frher, als ich etwa siebenjhrig war, allerdings, wie ich mich zu
erinnern glaube; jetzt jedoch lege ich die Serviette gewhnlich auf die
Knie, wenn ich esse.

So macht man's auch. Aber Ihre Anflle?

Anflle? wunderte sich der Frst ein wenig. Im allgemeinen habe ich
meine Anflle jetzt ziemlich selten. brigens, ich wei nicht: man sagt,
das hiesige Klima wrde mir schdlich sein.

Er spricht sehr gut, bemerkte die Generalin, sich an ihre Tchter
wendend, nachdem sie wieder zu jedem Satz des Frsten genickt hatte.
Ich hatte es gar nicht erwartet. Das ist wahrscheinlich alles nur
Erfindung, wie gewhnlich. Essen Sie, Frst, und erzhlen Sie, wo Sie
geboren, wo Sie erzogen sind. Ich will alles wissen; Sie interessieren
mich sehr.

Der Frst dankte und begann, whrend er mit groem Appetit a,
zwischendurch alles das zu erzhlen, was er an diesem Morgen schon
zweimal ber seine Person berichtet hatte. Die Generalin blickte ihn mit
wachsender Zufriedenheit an. Die jungen Mdchen hrten gleichfalls recht
aufmerksam zu. Man kam auf die Verwandtschaft zu sprechen; es zeigte
sich, da der Frst seinen Stammbaum kannte, aber wie sehr sie sich auch
mhten, es lie sich doch so gut wie gar keine Verwandtschaft zwischen
ihnen herstellen. Ihre Grovter und Gromtter htten sich vielleicht
noch als entfernte Verwandte betrachten knnen. Dieses verhltnismig
trockene Thema gefiel der Generalin ausnehmend gut, da sie sonst nie
Gelegenheit hatte, von ihrem Stammbaum zu sprechen, und so war sie sehr
guter Laune, als sie sich von der Frhstckstafel erhob.

So, jetzt wollen wir in unser Versammlungszimmer gehen, sagte sie,
der Kaffee kann dort gereicht werden. Wir haben, mssen Sie wissen, ein
bestimmtes Zimmer, in dem wir uns regelmig zu versammeln pflegen, wenn
wir allein sind, erzhlte sie dem Frsten, whrend sie sich mit ihm
dorthin begab. Es ist im Grunde nichts anderes, als mein kleiner Salon,
in dem sich dann eine jede damit beschftigt, wozu sie gerade Lust hat.
Alexandra, das ist diese hier, meine lteste Tochter, spielt Klavier,
oder sie liest oder nht. Adelaida malt Landschaften und Portrts --
kann aber leider nichts beenden. Und Aglaja sitzt und tut nichts. Mir
selbst fllt jede Arbeit aus den Hnden: was ich auch beginne, es kommt
doch nichts dabei heraus. Nun, da sind wir. Setzen Sie sich, Frst,
hier, an den Kamin, und erzhlen Sie. Ich will wissen, wie Sie eine
Sache zu erzhlen verstehen. Jetzt werde ich mich selbst berzeugen ...
Ich will Sie gut kennen lernen und wenn ich die alte Frstin
Bjelokonskaja wiedersehe, werde ich ihr von Ihnen erzhlen. Ich will,
da Sie auch alle anderen interessieren. Nun, reden Sie jetzt.

Aber, _maman_, so auf Kommando zu erzhlen, ist doch sehr schwer,
bemerkte Adelaida, die inzwischen ihre Staffelei zurechtgerckt hatte,
jetzt Pinsel und Palette zur Hand nahm und sich anschickte, an der
lngst begonnenen Kopie einer Landschaft zu malen.

Alexandra und Aglaja setzten sich beide auf ein kleines Sofa und
schienen mit mig im Scho ruhenden Hnden nichts als zuhren zu
wollen. Dem Frsten fiel es auf, da von allen Seiten mit ganz
besonderer, aufmerksamer Erwartung die Blicke auf ihn gerichtet waren.

Ich wrde nichts erzhlen, wenn man mir befehlen wollte, sagte Aglaja.

Warum nicht? Was ist denn dabei so verwunderlich? Warum sollte er nicht
erzhlen? Er ist doch nicht stumm. Ich will wissen, wie er zu erzhlen
versteht. Nun, bitte, gleichviel wovon. Erzhlen Sie, wie Ihnen die
Schweiz gefallen hat, wie war der erste Eindruck? Ihr werdet sehen, er
wird sogleich beginnen und wird sogar vorzglich beginnen.

Der Eindruck war gro ..., begann der Frst, wurde jedoch sofort von
der Generalin unterbrochen.

Seht! Was hab' ich gesagt? wandte sie sich uerst befriedigt an ihre
Tchter, da hat er doch begonnen!

Aber so lassen Sie ihn doch wenigstens weitererzhlen, _maman_,
versuchte Alexandra sie aufzuhalten. Dieser Frst ist vielleicht sogar
sehr gerieben und nichts weniger als ein Idiot, raunte sie unbemerkt
Aglaja zu.

Zweifellos, das habe ich schon lngst bemerkt, flsterte Aglaja ebenso
zurck. Wie dumm von ihm, sich zu verstellen und eine solche Rolle zu
spielen. Glaubt er etwa, dadurch zu gewinnen?

Der erste Eindruck war ungeheuer gro, wiederholte der Frst. Als man
mich aus Ruland fortbrachte und wir durch verschiedene deutsche Stdte
fuhren, sah ich nur schweigend, was an uns vorberzog, und ich wei
noch, ich stellte keine einzige Frage. Es war das nach einer ganzen
Reihe von sehr starken und qualvollen Anfllen meiner Krankheit. Und
nach einer solchen Zeit, wenn meine Krankheit so heftig aufgetreten war
und die Anflle sich mehreremal wiederholt hatten, verfiel ich
regelmig in vollkommene geistige Stumpfheit, verlor ganz und gar mein
Gedchtnis, und wenn der Verstand auch noch arbeitete, so wurde doch die
logische Entwicklung meiner Gedanken gleichsam immer abgeschnitten. Mehr
als zwei oder drei Gedanken vermochte ich nicht nacheinander zu denken.
So scheint es mir wenigstens jetzt. Lieen dagegen die Anflle nach, so
wurde ich wieder gesund und krftig, ganz so wie ich jetzt bin. Ja, ich
entsinne mich noch; es war eine unertrgliche Traurigkeit in mir; ich
htte weinen mgen. Ich wunderte mich nur und war sehr unruhig. Doch am
entsetzlichsten wirkte auf mich, da alles um mich herum mir so _fremd_
war; das begriff ich. Diese Fremdheit vernichtete mich frmlich. Aus
diesem Zustande, aus dieser Dunkelheit, dessen entsinne ich mich noch
deutlich, erwachte ich eines Abends -- es war in Basel, als wir in der
Schweiz angelangt waren -- und was mich erweckte, war der Schrei eines
Esels auf dem Marktplatz. Dieser Esel frappierte mich ungeheuer: er
gefiel mir aus irgendeinem Grunde ber alle Maen. Und im selben
Augenblick wurde es gleichsam hell in mir und die Dunkelheit
verschwand.

Ein Esel? Das ist sonderbar, meinte die Generalin. Aber brigens; was
soll denn Sonderbares dabei sein -- manch eine verliebt sich in einen
Esel, bemerkte sie mit zornigem Blick auf die lachenden Tchter. Auch
in der Mythologie gibt es etwas hnliches. Fahren Sie fort, Frst.

Seit der Zeit habe ich die Esel sehr lieb. Ich empfinde geradezu
Sympathie fr sie. Ich erkundigte mich sofort nach ihnen -- es waren
meine ersten Worte seit langer Zeit. Ich wollte Nheres ber sie hren,
denn ich hatte ja noch nie welche gesehn; und so berzeugte ich mich
bald selbst, da sie beraus nutzbare Tiere sind: arbeitsam, stark,
geduldig, billig, ausdauernd. Durch diesen Esel aber begann mir von
Stund' an die ganze Schweiz zu gefallen, und so verging meine frhere
Traurigkeit.

Das ist alles sehr eigentmlich, aber ich denke, vom Esel brauchen Sie
uns jetzt nichts mehr zu erzhlen. Gehen wir auf ein anderes Thema ber.
Worber lachst du die ganze Zeit, Aglaja? Und du, Alexandra? Der Frst
hat ganz vorzglich vom Esel erzhlt. Er hat ihn selbst gesehn, was aber
hast du gesehn? Du bist noch nie im Auslande gewesen.

Ich habe aber doch schon einen Esel gesehn, sagte Adelaida.

Und ich habe sogar einen gehrt! Einen vierbeinigen! bertrumpfte sie
Aglaja.

Da brachen sie alle drei in Lachen aus und der Frst lachte mit.

Das ist aber sehr hlich von euch, bemerkte die Generalin, Sie
mssen sie schon entschuldigen, Frst, sie sind im Grunde gute Mdchen.
Ich mu sie ewig schelten, aber ich liebe sie doch. Sie sind
flatterhaft, leichtsinnig und im Augenblick einfach unzurechnungsfhig.

Weshalb denn das? fragte der Frst lachend. Nur weil sie jetzt
lachen? Oh, auch ich wrde die Gelegenheit nicht versumen. Doch
trotzdem: ich habe den Esel in jeder Gestalt gern. Ein Esel ist immer
ein guter und ntzlicher Mensch.

Aber Sie selbst, Frst, sind Sie gut? Ich frage aus Neugier, sagte die
Generalin ganz harmlos.

Wieder brachen alle in Lachen aus.

Ach, das war doch nicht so gemeint! Ihr habt wirklich nichts anderes
als den Esel im Sinn! rief die Generalin unwillig aus. Glauben Sie
mir, Frst, ich habe es nur so gesagt, ganz gedankenlos, ohne jede ...

Anspielung? Oh, ich glaube es Ihnen, zweifellos!

Und der Frst konnte gar nicht mehr aufhren zu lachen.

Es ist nur gut, da Sie lachen. Das gefllt mir sehr. Ich sehe, Sie
sind ein guter Mensch, sagte die Generalin.

Mitunter auch kein guter, antwortete der Frst.

Nun, ich bin immer gut, bemerkte die Generalin ganz unerwartet, ich
bin tatschlich immer gut, und das ist mein einziger Fehler; denn man
soll nicht immer gut sein. Ich rgere mich sehr oft ber diese drei
hier, zum Beispiel, und ber Iwan Fedorowitsch besonders, doch dumm ist
nur, da ich noch besonders gut bin, wenn ich mich rgere. Vorhin, kurz
bevor Sie kamen, rgerte ich mich wieder und tat, als begriffe ich
nichts, und als knnte ich auch nichts begreifen. Das kommt bei mir so
vor, ganz als wre ich ein Kind. Aglaja hat mir eine Lektion erteilt,
hab' Dank dafr, Aglaja. brigens, das ist ja doch alles Unsinn. Ich bin
noch nicht so dumm, wie ich scheine und wie mich meine kleinen Tchter
machen wollen. Ich habe Charakter und bin nicht zimperlich. Ich sage das
jetzt nur so, nicht etwa, weil ich ihnen bse bin. Komm her, Aglaja, gib
mir einen Ku ... Nun, genug der Zrtlichkeit, sagte sie, als Aglaja
ihr nach einem Ku auf den Mund auch noch zrtlich die Hand kte.
Fahren Sie fort, Frst. Vielleicht fllt Ihnen noch etwas
Interessanteres ein als das vom Esel.

Ich begreife nicht, wie man so auf Kommando erzhlen kann, wunderte
sich Adelaida, ich wrde es wirklich nicht knnen.

Der Frst aber kann es, wie du siehst. Das kommt natrlich daher, weil
er intelligent ist und mindestens zehnmal klger als du, vielleicht
sogar zwlfmal. Ich hoffe, da du es bald selbst einsiehst. Beweisen Sie
es ihnen, Frst. Fahren Sie fort. Den Esel kann man, denke ich, auch in
dieser Geschichte beiseite lassen. Nun was haben Sie denn auer dem Esel
im Auslande gesehn?

Aber auch das, was der Frst vom Esel sagte, war interessant, bemerkte
Alexandra. Der Frst hat wirklich fesselnd seinen krankhaften Zustand
geschildert und wie ihm dann alles, durch einen ueren Sto gleichsam,
mit vllig unerwarteter Pltzlichkeit in einem ganz anderen Lichte
erschien. Es hat mich immer zu wissen interessiert, wie es wohl sein
mag, wenn man den Verstand verliert und dann spter wieder gesund wird.
Besonders wenn es ganz pltzlich geschieht.

Nicht wahr? Nicht wahr? fragte die Generalin lebhaft. Ich sehe, auch
du kannst mitunter klug sein. Nun, genug jetzt gescherzt. Sie blieben,
glaube ich, bei der Schweizer Landschaft stehen, Frst, -- nun?

Wir kamen nach Luzern und man brachte mich ber den See. Ich fhlte
seine Schnheit, aber es war mir dabei unsglich schwer zumute,
erzhlte der Frst.

Warum? fragte Alexandra.

Das wei ich nicht. Beim ersten Anblick einer solchen Natur ist mir
immer schwer zumute und eine gewisse Unruhe erfat mich; schn ist es
und doch -- beunruhigend. Aber das war ja alles noch whrend der
Krankheit.

Oh, ich mchte gern einmal die Schweiz sehen! sagte Adelaida. Wann
werden wir endlich einmal ins Ausland reisen? Da sitze ich nun hier und
kann seit zwei ganzen Jahren keinen Vorwurf zu einem Gemlde finden.

   >Was in Westen und Sden wir lieben,
   Ist schon lngst und vielfach beschrieben<

zitierte sie. Suchen Sie mir ein Sujet, Frst.

Ich verstehe davon nichts. Ich denke: man schaut und malt.

Ich verstehe aber nicht zu schauen ...

Von was fr Rtseln redet ihr? -- das soll ein Mensch verstehen! Kein
Wort begreife ich! unterbrach sie die Generalin. Weshalb verstehst du
denn nicht zu schauen? Du hast doch Augen, mach' sie auf und sieh.
Verstehst du es hier nicht, so wirst du's auch dort im Auslande nicht
lernen. Erzhlen Sie lieber, was und wie Sie selbst geschaut haben,
Frst.

Ja, das wird besser sein, meinte auch Adelaida. Sie haben ja doch im
Auslande das Schauen gelernt.

Ich wei nicht, ob ich es getan habe. Ich habe dort nur Heilung von
meiner Krankheit gesucht. Ob ich aber zu schauen gelernt habe, das wei
ich wirklich nicht. Ich war die ganze Zeit dort sehr glcklich.

Glcklich! Sie verstehen es, glcklich zu sein? rief Aglaja aus. Wie
knnen Sie dann sagen, da Sie nicht zu schauen gelernt htten! Sie
werden auch uns noch das Schauen lehren.

Ach, bitte, lehren Sie's uns! bat Adelaida lachend.

Ich kann nichts lehren, gab auch der Frst lachend zurck. Fast die
ganze Zeit, die ich im Auslande gewesen bin, habe ich dort in jenem
Schweizerdorf verbracht; nur selten unternahm ich eine kurze Reise. Was
vermag ich da zu lehren? Anfangs konnte ich nur sagen, da ich mich
nicht langweilte, dann aber -- meine Gesundheit besserte sich schnell --
dann wurde mir jeder Tag teuer, und je lnger ich da war, desto teurer,
so da es mir selbst auffiel. Ich war so zufrieden, wenn ich zu Bett
ging, und wenn ich aufstand, war ich geradezu glcklich. Weshalb aber
das alles so war, ist ziemlich schwer zu erklren.

So da Sie sich nirgendwohin mehr fortsehnten, sich nirgendwohin mehr
fortgerufen fhlten? fragte Alexandra.

Anfangs, ja, ganz zu Anfang -- da rief es mich fort und mich berkam
dann eine groe Unruhe. Ich dachte immerwhrend daran, wie ich einst
leben wrde. Ich wollte mein Schicksal erforschen und in manchen
Augenblicken wurde die Unruhe fast unertrglich. Wissen Sie, es gibt
solche Augenblicke, namentlich in der Einsamkeit. Wir hatten dort einen
Wasserfall, keinen sehr groen; der fiel von einem hohen Berge. Wie ein
schmales, dnnes Band sah er aus, und er fiel fast senkrecht, -- wei,
rauschend, mit spritzendem, zerstubendem Gischt. Er strzte von hoch
oben herab und schien dabei doch gar nicht so hoch zu sein, er war
vielleicht eine halbe Werst entfernt, und es schien, als seien nur
fnfzig Schritt bis zu ihm. Wenn ich nachts nicht schlafen konnte,
lauschte ich seinem Rauschen; in solchen Minuten wuchs dann meine Unruhe
und wurde beklemmend. Auch mitten am Tage, wenn man so zuweilen
irgendwohin in die Berge ging -- da blieb man pltzlich stehen: ringsum
nichts als Fichten, alte, groe, harzige Stmme; ber einem auf dem
Felsen die Ruinen eines mittelalterlichen Schlosses; unser Dorf weit
unten, kaum noch sichtbar; die Sonne so grell, der Himmel blau,
unheimlich wurde die Stille. Da scheint es einem denn, da man
irgendwohin gerufen wird, und ich dachte oft, wenn man immer geradeaus
und lange, lange ginge, bis dorthin zu jenem Strich, wo sich Himmel und
Erde vereinen -- da dort des Rtsels Lsung sei und man dort sogleich
ein neues Leben sehen wrde, ein tausendmal strkeres und
geruschvolleres als bei uns. So dachte ich mir immer eine groe Stadt,
wie etwa Neapel, in der nur Palste sind und Gerusch, und Lrm, und
Leben ... Doch wer kann das alles erzhlen, was man so zusammengedacht
hat! Und dann schien mir wiederum, da man auch im Gefngnis ein
unermelich groes Leben finden kann.

Diesen lblichen Gedanken habe ich schon in meiner Chrestomathie
gelesen, als ich noch zwlf Jahre alt war, sagte Aglaja.

Das ist alles Philosophie, meinte Adelaida, Sie sind ein Philosoph,
Frst, und sind hergekommen, um uns zu belehren.

Sie haben vielleicht recht, sagte der Frst lchelnd, ich bin ... ja,
ich bin tatschlich ein Philosoph und habe vielleicht auch wirklich die
Absicht, zu lehren ... Das ist schon mglich ... sogar sehr mglich.

Und Ihre Philosophie ist von genau derselben Art, wie die Jewlampia
Nikolajewnas, griff wieder Aglaja auf. Das ist eine Beamtenfrau --
brigens ist sie Witwe -- sie besucht uns oft und sitzt dann
stundenlang. Bei ihr liegt das ganze Lebensrtsel in der -- Billigkeit.
Nur wie man billiger leben knnte, nur von Kopeken spricht sie, und
dabei nicht zu vergessen -- sie _hat_ Geld. Genau so ist auch Ihr groes
Leben im Gefngnis, und vielleicht auch Ihr vierjhriges Glck im Dorf,
fr das Sie Ihre groe Stadt Neapel verkauften und, wie mir scheint,
noch mit Profit, wenn auch nur von Kopeken.

Was das Leben im Gefngnis betrifft, so kann man auch anderer Meinung
sein, sagte der Frst. Ich habe einmal gehrt, wie ein Mensch, der
zwlf Jahre im Gefngnis verbracht hatte, von diesem Leben erzhlte. Es
war das einer von den Patienten meines Professors. Er hatte Anflle, war
bisweilen sehr unruhig, weinte und wollte sich einmal sogar das Leben
nehmen. Sein Leben im Gefngnis war ein sehr trauriges gewesen, dessen
kann ich Sie versichern, doch sicherlich nicht nur von Kopekenwert.
Seine ganzen Erlebnisse beschrnkten sich auf eine Spinne und einen
kleinen Baum, der unter dem Fenster herangewachsen war ... Doch ich
werde Ihnen lieber von einem anderen Menschen erzhlen, den ich im
vorigen Jahre kennen lernte. Hier ist ein Umstand von besonderer
Merkwrdigkeit -- eben weil man einen solchen Menschen nur uerst
selten trifft: dieser Mensch war einmal zusammen mit anderen aufs
Schafott gefhrt worden und hatte sein Todesurteil gehrt: sie alle
sollten wegen eines politischen Verbrechens erschossen werden. Nach etwa
zwanzig Minuten wurde ihre Begnadigung verlesen, und sie wurden zu einer
milderen Strafe verurteilt. Einstweilen aber, die Zeit zwischen den
beiden Verlesungen, also etwa ganze zwanzig Minuten, hatte er natrlich
in der festen berzeugung verbracht, da er nach wenigen Minuten
jhlings sterben wrde. Ich wollte furchtbar gern einmal hren, wie er
seine damaligen Eindrcke jetzt wohl wiedergeben mochte, und versuchte
mehrmals, das Gesprch auf jenes Erlebnis zu bringen. Er entsann sich
noch jeder Einzelheit ungewhnlich deutlich und versicherte, da er
niemals auch nur das Geringste vergessen wrde, was er in diesen Minuten
gesehen oder gedacht. Zwanzig Schritte vom Schafott, das viel Volk und
Soldaten umstanden, waren drei Pfhle eingerammt; denn der Verurteilten
waren mehrere. Die ersten drei wurden zu den Pfhlen gefhrt und
angebunden; man zog ihnen das >Sterbekleid< an -- lange weie Kittel --
und ber die Augen wurden ihnen weie Kapuzen gezogen, damit sie nicht
shen, wie auf sie gezielt wurde. Vor jedem Pfahl wurde ein Kommando
Soldaten, bestehend aus einigen Mann, aufgestellt. Mein Bekannter war
der Achte in der Reihe, folglich mute er als einer der Letzten zu den
Pfhlen gehen. Der Geistliche trat an jeden heran und segnete ihn mit
dem Kreuz. Es blieben ihm noch fnf Minuten auf Erden, nicht mehr. Doch
diese fnf Minuten schienen ihm eine unendlich lange Frist, ein
unschtzbarer Reichtum; es schien ihm, da er in diesen fnf Minuten
noch so viel Leben zu durchleben habe, da er an den letzten Augenblick
vorlufig noch gar nicht zu denken brauche, und er entwarf noch einen
ganzen Plan fr die Ausnutzung dieser kurzen Zeit: fr den Abschied von
den Kameraden bestimmte er zwei Minuten; weitere zwei Minuten bestimmte
er dazu, um zum letztenmal noch einmal still fr sich zu denken, und die
letzte Minute, um noch einmal, zum letztenmal, rings um sich zu schauen.
Er entsann sich dieser Zeiteinteilung noch bis auf jede Einzelheit, er
wute genau, welche Gedanken er gehabt, und da er sich gerade diese
Reihenfolge vorgenommen. Er war damals siebenundzwanzig Jahre alt, als
er sterben sollte, gesund und krftig. Als er von seinen Freunden
Abschied nahm, stellte er, dessen entsann er sich noch deutlich, an
einen von ihnen irgendeine nebenschliche Frage und vernahm sogar sehr
interessiert dessen Antwort. Darauf, als er von ihnen Abschied genommen,
begannen die zwei Minuten, die er dazu bestimmt hatte, um _still fr
sich zu denken_. Er wute, worber er nachdenken wrde: er wollte es
sich immer einmal vorstellen, mglichst schnell und klar und grell, wie
denn das eigentlich sei: soeben lebt er noch, er _ist_, nach drei
Minuten aber _ist_ er _nicht_, nach drei Minuten wird er ein
_Irgend-etwas_ sein -- aber was denn, wo denn? Und alles das glaubte er
in diesen zwei Minuten entscheiden zu knnen. Nicht weit von jenem
Platz, auf dem sie erschossen werden sollten, war eine Kirche, und das
vergoldete Dach des Turmes glnzte im hellen Sonnenschein. Er wute
noch, da er unverwandt, da er fast starr auf diesen goldenen Turm und
die Strahlen, die von ihm ausgingen, gesehen hatte; er vermochte sich
nicht loszureien von diesen Strahlen: es schien ihm, da sie seine neue
Natur seien, da er nach drei Minuten irgendwie mit ihnen
ineinanderfluten wrde ... Die Ungewiheit und der Ekel vor diesem
Neuen, das unfehlbar sogleich eintreten mute und dann ewig sein wrde,
waren fr ihn auch in der Erinnerung noch grauenvoll. Doch trotzdem sei
ihm in diesen Augenblicken nichts schwerer gewesen, erzhlte er, als der
unausgesetzte Gedanke: >Wie aber, wenn du nicht zu sterben brauchtest?
Wenn man dir das Leben wiedergeben wrde -- welch eine Ewigkeit! Und all
das gehrte dann mir! Oh, jede Minute wrde ich in ein ganzes
Jahrhundert verwandeln, nichts wrde ich verlieren, jede Minute wrde
ich zhlen, nichts, nichts wrde ich verlieren, keinen Augenblick wrde
ich ungentzt vergeuden!< Er sagte, da dieser Gedanke in ihm
schlielich zu einem so brennenden Ingrimm geworden sei, da er nur noch
gewnscht habe, schneller erschossen zu werden.

Der Frst verstummte pltzlich. Alle erwarteten, da er noch fortfahren
und etwas Besonderes daraus folgern wrde.

Haben Sie beendet, was Sie erzhlen wollten? fragte Aglaja.

Was? Ach so -- ja, sagte der Frst, aus seiner Gedankenverlorenheit
auffahrend.

Wozu haben Sie uns denn das erzhlt?

So ... es fiel mir gerade ein ... weil wir darauf zu sprechen kamen
...

Sie scheinen gern so pltzlich abzubrechen, bemerkte Alexandra, Sie
wollten damit gewi sagen, da mitunter fnf Minuten wertvoller als ein
Schatz sein knnen. Das ist ja alles recht schn und gut, aber, erlauben
Sie mal, -- was tat denn dieser Ihr Bekannter, der Ihnen diese Marter
geschildert hat: er wurde doch begnadigt, folglich erhielt er diese
>Ewigkeit< geschenkt. Nun, und was tat er denn spter mit diesem
Reichtum? Lebte er wirklich so, da er keinen Augenblick mehr >ungentzt
vergeudete<?

O nein, er hat mir selbst gesagt -- auch ich stellte diese Frage an ihn
--, da er lngst nicht so gelebt und viele, viele Augenblicke vergeudet
und verloren habe ...

Nun, dann kann Ihnen ja dies sogleich als Beispiel dienen, und wie Sie
daraus sehen, kann man doch nicht so leben, da man keinen Augenblick
ungentzt vergeudet. Aus irgendeinem Grunde ist es eben unmglich.

Ja, aus irgendeinem Grunde ist es eben unmglich, sprach der Frst
gedankenverloren nach, mir selbst hat es auch so geschienen ... Aber
dennoch -- man will es gleichsam nicht glauben ...

Das heit, Sie glauben klger als alle anderen zu leben? fragte
Aglaja.

Ja, auch das habe ich mitunter geglaubt.

Und glauben es auch jetzt noch?

Und ... glaube es auch jetzt noch, antwortete der Frst, der mit
demselben stillen und nachdenklichen Lcheln Aglaja ansah. Alsbald
jedoch lachte er wieder und sah sie heiter an.

Sehr bescheiden! Aglaja rgerte sich fast.

Aber wie mutig Sie sind, Sie lachen ganz harmlos, whrend mich das
alles so heftig traf und erschtterte, da es mir noch lange nachher im
Traum erschien; gerade diese fnf Minuten habe ich oft im Traum
durchlebt ...

Ernst und prfend betrachtete er nochmals seine Zuhrerinnen.

Sie rgern sich doch nicht aus irgendeinem Grunde ber mich? fragte er
pltzlich, offenbar etwas verwirrt, doch blickte er dabei allen offen in
die Augen.

Weshalb? Alle drei Mdchen wunderten sich ber seine pltzliche Frage.

Nun, weil es doch so den Anschein hat, als wolle ich belehren ...

Da brachen sie von neuem in Lachen aus.

Wenn Sie mir bse sind, so ... tragen Sie es mir nicht nach, bat er.
Ich wei es ja selbst, da ich weniger als alle anderen gelebt habe und
weniger als alle vom Leben verstehe. Ich spreche mitunter vielleicht
sehr sonderbar ...

Und der Frst verstummte, nun wirklich verwirrt.

Wenn Sie sagen, da Sie glcklich gewesen sind, so haben Sie nicht
weniger, sondern mehr gelebt -- weshalb verstellen Sie sich dann und
entschuldigen sich? fragte Aglaja streng, fast hndelschtig. Und
beunruhigen Sie sich nicht darber, da Sie uns belehren, hier kann von
einem Triumph Ihrerseits gar nicht die Rede sein. Mit Ihrem Quietismus
kann man auch ein Leben von hundert Jahren mit Glck ausfllen. Ihnen
kann man eine Hinrichtung zeigen oder einen kleinen Finger, Sie werden
aus dem einen wie aus dem anderen einen gleich lobenswerten Schlu
ziehen und berdies noch sehr zufrieden sein. So kann man schon leben.

Weshalb rgerst du dich wieder -- das versteh' ich nicht! unterbrach
sie die Generalin, die schon lngere Zeit verwundert die Gesichter der
Sprechenden betrachtet hatte, und wovon ihr redet, kann ich berhaupt
nicht begreifen. Was soll dieser kleine Finger? -- Und dieser ganze
Unsinn? Der Frst spricht vorzglich, nur ein wenig traurig. Weshalb
entmutigst du ihn? Als er zu erzhlen begann, lachte er noch, jetzt aber
hast du ihn ganz verwirrt gemacht.

Tut nichts, _maman_. Schade, da Sie keine Hinrichtung gesehen haben,
Frst, ich wrde Sie sonst etwas gefragt haben.

Ich habe eine Hinrichtung gesehen, antwortete der Frst.

Ja?? fragte Aglaja ganz berrascht. Eigentlich htte ich es mir
denken knnen! Das ist nun das Letzte, das fehlte noch! Aber wenn Sie
eine Hinrichtung gesehen haben, wie knnen Sie dann sagen, da Sie die
ganze Zeit glcklich gewesen sind? Nun, hab' ich nicht recht?

Wurde denn auch in Ihrem Dorf hingerichtet? fragte Adelaida.

Nein, ich habe in Lyon eine Hinrichtung gesehen. Ich war mit Professor
Schneider hingefahren, er nahm mich mit. Als wir ankamen, gerieten wir
gerade auf den Platz ...

Nun, und es gefiel Ihnen sehr? Es enthielt wohl viel Erbauliches,
Ntzliches? fragte Aglaja.

Es gefiel mir durchaus nicht und ich war nachher krank, aber ich mu
gestehen, da ich wie gebannt hinsah, ich konnte meinen Blick nicht
losreien.

Auch ich htte meinen Blick nicht losreien knnen, sagte Aglaja.

Dort sieht man es sehr ungern, wenn Frauen einer Hinrichtung beiwohnen,
sogar in den Zeitungen wird dann dagegen geschrieben.

Das heit also, da man es nicht fr eine Frauensache hlt, sondern nur
fr eine Mnnersache, und damit will man's rechtfertigen. Ich gratuliere
zu dieser Logik. Und Sie sind natrlich derselben Ansicht.

Erzhlen Sie uns von jener Hinrichtung, unterbrach Adelaida die
Schwester.

Ich wrde jetzt nichts weniger als gern davon erzhlen ..., sagte der
Frst sehr ernst, und er runzelte ein wenig die Stirn, whrend es wie
ein Schatten ber sein Gesicht zog.

Das sieht ja ganz aus, als sei es hier nicht der Mhe wert, stichelte
Aglaja.

Nein, ich sagte es nur, weil ich von dieser Hinrichtung vorhin schon
erzhlt habe.

Wem haben Sie davon erzhlt?

Ihrem Diener, als ich dort wartete ...

Welchem Diener? ertnte es von allen Seiten.

Nun, dem, der dort im Vorzimmer sitzt, mit dem graumelierten Haar und
roten Gesicht. Ich wartete im Vorzimmer, bis Iwan Fedorowitsch mich
empfing.

Das ist sonderbar, meinte die Generalin.

Der Frst ist ein Demokrat, warf Aglaja kurz hin. Freilich, wenn Sie
es unserem Alexei erzhlt haben, knnen Sie es uns nicht mehr erzhlen.

Ich will es aber unbedingt hren! bestand Adelaida auf ihrem Wunsch.

Vorhin, wandte sich der Frst wieder etwas ermutigter an Adelaida (wie
es schien, fate er sehr schnell Mut und war dann berhaupt sehr
zutraulich), vorhin hatte ich allerdings einen Gedanken, als Sie um ein
Sujet fr ein Bild baten: zeichnen Sie das Gesicht eines zum Tode
Verurteilten, wenn er auf dem Schafott steht, kurz bevor er den Kopf auf
den Block gelegt hat, eine Minute vor dem Niederfallen des Beiles.

Wie, das Gesicht? Nur das Gesicht? fragte Adelaida. Das ist doch ein
etwas eigentmliches Sujet, und was wre denn das fr ein Bild?

Ich wei nicht ... aber warum nicht? fragte der Frst, der mit Eifer
bei der Sache war. Ich habe in Basel vor nicht langer Zeit ein
hnliches Bild gesehen. Ich wrde es Ihnen gern beschreiben ... nun, ein
anderes Mal ... Es hat sich mir unvergelich eingeprgt.

Oh, das Baseler Bild mssen Sie mir unbedingt einmal beschreiben; jetzt
aber sagen Sie mir, wie Sie sich das Bild dieser Hinrichtung denken.
Knnen Sie es so wiedergeben, wie Sie es sich selbst vorstellen? Wie
soll ich denn das Gesicht malen? Nichts als ein Gesicht? Was mu denn
das fr ein Gesicht sein?

Das Gesicht eines zum Tode Verurteilten, eine Minute vor der
Hinrichtung, begann der Frst mit ersichtlicher Bereitwilligkeit. Es
hatte den Anschein, als liee er sich von der Erinnerung ganz
gefangennehmen, und als htte er alles brige schon vollstndig
vergessen. Das Gesicht in dem Augenblick, wenn er gerade die kleine
Treppe emporgestiegen ist und sich nun pltzlich auf dem Schafott sieht
... Er blickte zufllig in die Richtung, in der ich stand: ich sah sein
Gesicht und begriff alles ... Aber wie soll man das in Worten
wiedergeben! Ich wrde -- ich wei nicht was darum geben, wenn Sie oder
sonst jemand dieses Gesicht zeichneten! Wenn Sie das knnten! Ich dachte
schon damals, da ein solches Bild von groem Nutzen sein wrde. Wissen
Sie, man mte in diesem Gesicht alles wiedergeben, was vorhergegangen
ist, alles, alles! Er hatte im Gefngnis gesessen und, wie ich spter
las, erst nach einer Woche die Hinrichtung erwartet. Er hatte auf
Verzgerung gerechnet, darauf, da die Papiere noch irgendwo eingereicht
werden mten und nicht vor einer Woche zurckkommen knnten. Und nun
pltzlich hatten alle Formalitten viel weniger Zeit in Anspruch
genommen. Um fnf Uhr morgens schlief er noch. Es war Ende Oktober: da
ist es um fnf Uhr kalt und dunkel. Der Gefngnisaufseher trat mit der
Wache leise ein und berhrte vorsichtig seine Schulter; jener erwachte,
richtete sich auf, sah das Licht und die Wachen. >Was ist?< -- >Um zehn
Uhr findet die Hinrichtung statt.< Zuerst soll er es gar nicht geglaubt
haben, es hie, er habe sogar gestritten und behauptet, die Papiere
knnten nicht vor einer Woche zurckkommen. Doch als er nach dem jhen
Erwachen vollends zu sich kam, da hrte er auf zu widersprechen und
verstummte -- so wurde spter erzhlt. Darauf soll er noch gesagt haben:
>Es ist doch schwer, so pltzlich ...< worauf er wieder verstummte. Die
ersten drei oder vier Stunden vergehen ber den Vorbereitungen: da kommt
der Geistliche, dann das Frhstck, zu dem er Wein, Kaffee und
Rindfleisch erhlt -- ist das nicht ein wahrer Spott und Hohn? Wenn man
nur bedenkt, wie grausam das alles ist! Und doch, bei Gott, diese
unschuldigen Leute sind in ihrer Herzenseinfalt vollkommen berzeugt,
da es ein Werk der Nchstenliebe sei! Darauf folgt das Ankleiden des
Verurteilten -- Sie wissen doch, worin das besteht? -- nun, und dann
wird er durch die Stadt zum Schafott gefhrt ... Ich glaube, auch hier
mu es dem Betreffenden scheinen, da noch ein unendlich langes Leben
vor ihm liegt, whrend er hingefhrt wird. Sicherlich denkt er
unterwegs: >Oh, es ist ja noch weit, noch drei ganze Straen weit habe
ich zu leben; jetzt habe ich noch die erste vor mir, dann kommt erst die
zweite und dann erst die dritte, wo rechts der Bckerladen ist ... oh,
bis wir erst zum Bckerladen kommen!< Ringsum drngt sich das Volk,
ringsum Geschrei und Lrm, zehntausend Gesichter, zehntausend Augenpaare
-- alles das mu er ertragen, doch das Schrecklichste ist der Gedanke:
>Da sind ihrer zehntausend, und von ihnen wird keiner hingerichtet, nur
ich allein werde hingerichtet!< Und das ist alles erst der Anfang! Eine
kleine Treppe fhrt zum Schafott hinauf; vor dieser Treppe brach er
pltzlich in Trnen aus und war doch dabei ein starker Mensch mit
mnnlichem Charakter und ein groer Missetter, wie man erzhlte. Der
Geistliche wich keinen Augenblick von seiner Seite, er fuhr auch im
Verbrecherkarren mit ihm zum Richtplatz und sprach die ganze Zeit auf
ihn ein, doch wird dieser ihm wohl kaum zugehrt haben, -- und wenn er
auch hingehrt haben sollte, so wird er ihn nach dem dritten Wort doch
nicht mehr verstanden haben. So hat es unbedingt sein mssen. Endlich
begann er die Treppe emporzusteigen. Die Fe waren ihm ja gefesselt,
und so bewegte er sich nur mit kleinen Schritten vorwrts. Der
Geistliche mu ein verstndiger Mann gewesen sein: er hrte auf zu reden
und hielt ihm immer nur das Kreuz zum Kssen hin. Vor der Treppe war er
sehr bleich, als er aber oben anlangte und auf dem Schafott stand, da
wurde er pltzlich wei, buchstblich so wei wie Papier, vollkommen wie
ein Blatt weies Schreibpapier. Zweifellos wurden seine Fe schwach und
steif, und es qulte ihn eine gewisse belkeit -- als wenn ihn etwas auf
die Kehle drcke und dort gewissermaen ein Kitzeln erzeuge --, haben
Sie noch nie diese Empfindung gehabt, nach einem groen Schreck
vielleicht oder im Augenblick entsetzlicher Angst, wenn die Vernunft
zwar noch in Ordnung bleibt, jedoch gar keine Macht mehr besitzt? Ich
glaube, da, wenn man zum Beispiel unabwendbarem Untergang preisgegeben
ist, wenn etwa ein Haus auf einen niederstrzt oder etwas hnliches
geschieht, da man dann am liebsten sich hinsetzen und die Augen
schlieen mchte: la kommen, was da kommen mag! ... Hier nun, als diese
Schwche bei ihm eintrat, hielt ihm der Geistliche mit einer schnellen
Geste und ohne ein Wort zu sagen, das Kreuz zum Ku hin, fast so nah,
da es die Lippen berhrte -- es war ein kleines silbernes Kreuz -- und
immer wieder hielt er es ihm hin, in jeder Minute. Und sobald nur das
Kreuz seine Lippen berhrte, ffnete der Verurteilte die Augen und
belebte sich wieder fr ein paar Sekunden ... und die Fe gingen
wieder. Gierig kte er das Kreuz, ja, er beeilte sich geradezu, es zu
kssen, ganz wie man sich beeilt, irgend etwas als Vorrat fr alle Flle
mitzunehmen; doch ist es nicht anzunehmen, da er dabei irgendeinen
religisen Gedanken hatte oder sich einer religisen Handlung bewut
war. Und so ging er bis zum Block ... Ist es nicht merkwrdig, da in
diesen letzten Sekunden so selten ein Verurteilter in Ohnmacht fllt? Im
Gegenteil, das Gehirn scheint ungemein ttig zu sein, es arbeitet
rastlos, unermdlich, ohne Unterla, wie eine Maschine in vollem Gang.
Ich denke mir, da es sehr verschiedene Gedanken sind, die einem dann
durch den Sinn jagen, die man alle nicht zu Ende denkt, und vielleicht
sind es sogar sehr lcherliche und ganz nebenschliche Gedanken, wie zum
Beispiel: >Dieser lange Mensch dort hat eine Warze auf der Stirn -- hier
der untere Knopf am Kittel des Scharfrichters ist verrostet ...<
Gleichzeitig aber kann er doch nichts vergessen, kann er nicht einmal in
Ohnmacht fallen. Und um dieses eine Unvergeliche dreht sich alles in
seinem Hirn. Und das dauert bis zur letzten Viertelsekunde, wenn der
Kopf bereits auf dem Block liegt und wartet und -- _wei_ und dann
pltzlich hrt, wie das Eisen ber ihm rutscht! Das mu man ja doch
unbedingt noch hren! Ich wrde, wenn mein Kopf auf dem Block lge,
absichtlich hinhorchen und unfehlbar das Gerusch des Niederfallens
hren. Es dauert das vielleicht nur ein Zehntel eines Augenblicks, aber
man mu es doch unbedingt hren! Und denken Sie, bis jetzt noch streitet
man darber, ob nicht der Kopf, wenn er schon abgeschlagen ist, noch
eine Sekunde lang wei, da er jetzt abgeschlagen ist und herunterfliegt
-- knnen Sie sich das vorstellen? Und wenn er es nun nicht nur eine
Sekunde, sondern ganze fnf Sekunden lang wei? ... Zeichnen Sie das
Schafott so, da man nur die oberste Stufe ganz deutlich und mglichst
nah sieht. In der Mitte steht der Verurteilte, sein Gesicht ist wei,
vollkommen wei, der Priester hlt ihm das Kreuz hin, das jener gierig
mit seinen blauen Lippen kssen will -- er streckt schon die Lippen vor
und sieht und sieht und -- _wei alles_. Das Kreuz und der Kopf -- das
ist die Hauptsache, das Gesicht des Priesters, der Henker, dessen zwei
Gehilfen, und dann noch unten ein paar Kpfe und Augen, -- das kommt
alles erst in dritter Linie, als Beiwerk ... Das wre das ganze
Gemlde.

Der Frst verstummte und sah seine Zuhrerinnen an.

Das sieht jedenfalls nicht nach Quietismus aus, sagte Alexandra
halblaut vor sich hin.

Nun, und jetzt erzhlen Sie mal, wie Sie verliebt waren, bat Adelaida.

Der Frst blickte sie verwundert an.

Hren Sie, fuhr Adelaida schnell fort, als wolle sie sich mit der
Begrndung ihrer Bitte beeilen, Sie sind mir noch die Beschreibung des
Baseler Bildes schuldig, ich wei, aber zuerst will ich hren, wie und
wo und wann Sie verliebt gewesen sind. Leugnen Sie es nicht, Sie sind
verliebt gewesen. Zudem hren Sie sogleich auf Philosoph zu sein, sobald
Sie zu erzhlen beginnen.

Wenn Sie etwas erzhlt haben, scheinen Sie sich sogleich dessen zu
schmen, was Sie erzhlt haben. Weshalb das? fragte Aglaja.

Pfui, das ist mir denn doch zu dumm! schnitt ihr die Generalin
ungehalten das Wort ab.

Ja, es ist nicht gerade klug, pflichtete ihr Alexandra bei.

Achten Sie nicht auf sie, Frst, wandte sich die Generalin an ihren
Gast, sie sagt es nur, um sich ber Sie lustig zu machen. Sie ist gar
nicht so schlecht erzogen. Denken Sie, bitte, nichts Schlechtes von
ihnen, weil sie Ihnen so zusetzen; sie haben sich wohl wieder etwas in
den Kopf gesetzt, aber ich sehe schon, da sie Sie trotzdem liebhaben.
Ich kenne ihre Gesichter.

Auch ich kenne ihre Gesichter, sagte der Frst mit besonderem
Nachdruck.

Wie das? fragte Adelaida neugierig.

Was wissen Sie von unseren Gesichtern? fragten wibegierig auch die
anderen.

Doch der Frst schwieg und blieb ernst; alle warteten, was er wohl
antworten wrde.

Ich werde es Ihnen spter sagen, sagte er schlielich halblaut und mit
ernstem Gesicht.

Sie wollen ja durchaus unser Interesse erwecken, neckte Aglaja, und
dazu welche Feierlichkeit!

Nun gut, fiel wieder Adelaida in ihrer schnellen Redeweise lustig ein,
aber wenn Sie ein solcher Kenner der Menschengesichter sind, so sind
Sie gewi auch verliebt gewesen, folglich habe ich ganz richtig geraten.
Erzhlen Sie also!

Ich bin nicht verliebt gewesen, antwortete der Frst ebenso leise und
ernst, ich bin anders glcklich gewesen.

Wie das? Auf welche Weise?

... Gut, ich werde es Ihnen erzhlen, sagte der Frst nach einer
Weile, wie in Gedanken verloren.


                                  VI.

Da sehen Sie mich nun alle mit solcher Neugier an, begann der Frst,
da Sie mir womglich bse sein werden, wenn ich Sie nicht ganz
zufriedenstelle. Doch -- das sagte ich ja nur zum Scherz, fgte er
schnell mit einem Lcheln hinzu.

Dort ... dort gab es viele Kinder, und ich habe meine ganze Zeit mit
Kindern zugebracht, nur mit Kindern. Das waren die Dorfkinder, die die
Schule besuchten, eine ganze Schar. Ich kann nicht sagen, da ich sie
gerade unterrichtet htte, o nein; denn sie hatten ja einen
Schulmeister, Jules Thibaut; ich aber, nun ja -- wenn ich sie auch
unterwies, so war ich eigentlich doch nur so mit ihnen zusammen, und in
dieser Weise vergingen die ganzen vier Jahre. Ich wollte auch nichts
anderes. Ich habe ihnen alles erzhlt, nichts habe ich ihnen
verheimlicht. Ihre Eltern und Verwandten waren nicht wenig ungehalten
ber mich, denn die Kinder konnten zu guter Letzt gar nicht mehr ohne
mich auskommen und saen den ganzen Tag bei mir. Der Schulmeister war
bald mein erbittertster Feind. berhaupt machte ich mir dort viele
Feinde, und immer nur wegen der Kinder. Sogar Schneider machte mir
Vorwrfe. Und weshalb nur, was befrchteten sie denn? Einem Kinde kann
man doch alles sagen, alles! Es hat mich oft stutzig gemacht, wie
schlecht Erwachsene Kinder verstehen, selbst Vter und Mtter ihre
eigenen Kinder. Kindern sollte man nichts verheimlichen, wie man es
gewhnlich unter dem Vorwande tut, da sie zu jung seien, und es fr sie
noch zu frh sei, etwas zu wissen. Was das doch fr eine traurige und
klgliche Auffassung ist! Und wie gut es die Kinder begreifen, da die
Eltern sie fr zu klein und zu dumm zum Verstehen halten, whrend sie
doch tatschlich alles verstehen! Die Erwachsenen wissen nicht, da ein
Kind sogar in der schwierigsten Angelegenheit einen uerst guten Rat zu
geben vermag. Mein Gott! wenn so ein Kind mit seinen hellen Augen wie
ein kleiner Vogel einen treuherzig und glcklich ansieht -- da mu man
sich doch schmen, es zu belgen! Ich nenne sie deshalb kleine Vgel,
weil es etwas Reizenderes als kleine Vgel nicht gibt. brigens hatte
mir ein ganz besonderer Fall die Feindschaft des Dorfes eingetragen ...
Thibaut brigens war einfach neidisch. Anfangs schttelte er nur den
Kopf und wunderte sich, wie es zugehen mochte, da die Kinder bei mir
alles begriffen, bei ihm aber so gut wie berhaupt nichts. Und dann
machte er sich ber mich lustig, als ich ihm sagte, da wir beide sie in
nichts unterrichten knnten, da im Gegenteil sie uns unterrichteten.
Wie konnte er mich nur beneiden und verleumden, wenn er doch selbst
unter Kindern lebte! Durch Umgang mit Kindern gesundet die Seele ...
Dort in der Anstalt war ein Kranker, den Professor Schneider behandelte,
ein armer Unglcklicher. Sein Unglck war so gro, da man es kaum fr
mglich zu halten vermag, wie ein Mensch so etwas ertragen kann. Er
sollte dort vom Irrsinn geheilt werden, doch meiner Ansicht nach war er
nicht irrsinnig, sondern litt nur unsglich -- Leiden war seine ganze
Krankheit. Wenn Sie wten, was diesem Menschen schlielich unsere
Kinder wurden! ... Doch ich werde Ihnen lieber ein anderes Mal von
diesem Kranken erzhlen. Jetzt aber werde ich erzhlen, wie das alles
damals begann. Zu Anfang liebten mich die Kinder gar nicht. Ich war so
lang und immer so unbeholfen; ich wei, da ich auch sonst hlich bin
... und dann war ich auch noch ein Auslnder. Zuerst lachten sie nur
ber mich und begannen sogar, mit Steinen nach mir zu werfen, nachdem
sie gesehen hatten, wie ich Marie kte. Ich habe sie aber im ganzen nur
ein einziges Mal gekt ... Nein, lachen Sie nicht, unterbrach sich der
Frst, als er das Lcheln seiner Zuhrerinnen bemerkte, ich kte sie
nicht, weil ich in sie etwa verliebt war. Wenn Sie wten, was fr ein
unglckliches Geschpf sie war, Sie wrden sie ebenso bemitleiden, wie
ich es getan habe. Sie war ein Mdchen aus unserem Dorf. Ihre Mutter war
eine alte, kranke Frau, die in ihrem kleinen, bauflligen Huschen
hinter dem einen der beiden kleinen Fenster mit Erlaubnis der
Dorfobrigkeit einen Krmerladen eingerichtet hatte. Aus diesem Fenster
verkaufte sie Stiefelschmiere, Garn, Tabak, Seife; lauter Kleinigkeiten,
die wenig einbrachten, und von diesem kleinen Verdienst lebte sie. Sie
war schon lange krank, ihre Fe waren geschwollen, so da sie immer auf
ein und demselben Fleck sa und sich nicht rhren konnte. Marie war ihre
einzige Tochter, zwanzig Jahre alt, schwchlich und mager; sie war schon
seit lngerer Zeit schwindschtig, verrichtete aber trotzdem die
schwerste Arbeit als Tagelhnerin bei fremden Leuten: sie scheuerte die
Fubden, wusch Wsche, fegte die Hfe rein, besorgte das Vieh. Nun
geschah es, da ein franzsischer Kommis auf der Durchreise ins Dorf
kam, sie verfhrte und sie mit sich nahm. Er verlie sie jedoch schon
nach einer Woche und fuhr heimlich davon. Sie machte sich zu Fu auf den
Heimweg, bettelte sich unterwegs das Notwendigste zusammen, bis sie dann
endlich schmutzig und zerlumpt und mit zerrissenen Stiefeln wieder im
Dorf ankam. Eine ganze Woche war sie gewandert; genchtigt hatte sie
unter freiem Himmel und sich dabei natrlich erkltet. Ihre Fe und
Hnde waren wund und geschwollen. Sie war auch frher nicht hbsch
gewesen, nur ihre Augen waren so still und gut und unschuldig.
Auffallend an ihr war ihre Schweigsamkeit. Frher hatte sie einmal bei
der Arbeit zu singen begonnen, und da hatten alle sie ganz erstaunt
angesehen, bis sie in Lachen ausgebrochen waren: >Marie singt! Denkt
doch, Marie singt!< Marie aber soll sehr verlegen gewesen sein, und seit
dem Tage hat sie niemand mehr singen hren. Damals war man noch
freundlich zu ihr gewesen; als sie nun aber krank und erschpft
zurckkehrte, da hatte kein einziger auch nur das geringste Mitleid fr
sie brig! Wie grausam die Menschen doch sind! Was fr enge Begriffe sie
haben! Ihre Mutter war die erste, die sie mit bsen Worten und offener
Verachtung empfing. >Du hast mich jetzt entehrt,< sagte sie. Und die
Mutter gab sie auch als erste der Schande und den Schmhungen der
anderen preis. Als man im Dorf erfuhr, da Marie zurckgekehrt war, lief
alles hin, um sie zu sehen: fast das ganze Dorf versammelte sich in der
Htte der Alten -- Greise, Kinder, Weiber, Mdchen, alle eilten
neugierig herbei. Marie kniete zu Fen der Mutter, hungrig und
zerlumpt, und schluchzte. Als nun die Menschen sich so in die Stube
drngten, um die Snderin zu betrachten, verbarg Marie ihr Gesicht im
aufgelsten Haar und warf sich in ihrer Verzweiflung auf den Fuboden,
wo sie schluchzend liegen blieb. Alle, die sie rings umstanden, blickten
auf sie herab, als wre sie irgendein Geschmei gewesen. Die Mnner
verurteilten sie schonungslos, die jngeren lachten und machten sich
ber sie lustig, am meisten aber schalten die Weiber, die sie wie eine
scheuliche Spinne oder etwas noch Ekelhafteres behandelten. Und die
Mutter lie das zu, sa dabei, nickte mit dem Kopf und fand es ganz in
der Ordnung. Die Alte war damals von den rzten bereits aufgegeben. Nach
zwei Monaten starb sie denn auch. Sie wute, da ihre Tage gezhlt
waren, aber sie shnte sich nicht mit der Tochter aus, lie sie im
kalten Vorhaus schlafen und gab ihr kaum etwas zu essen. Die kranken
Fe der Alten muten alle paar Stunden in warmes Wasser gesetzt werden,
was Marie denn auch pnktlich und sorgsam tat. Sie wusch ihr die Fe
und pflegte sie berhaupt aufopfernd. Die Alte aber nahm alle Dienste
der Tochter als etwas Selbstverstndliches hin und sagte ihr nicht
einmal ein freundliches Wort. Marie ertrug alles, und wie ich spter bei
nherer Bekanntschaft sah, empfand sie diese Behandlung von seiten der
Mutter als vollkommen gerecht und hielt sich selbst fr die Verworfenste
aller Verworfenen. Als man dann die Alte in ihren letzten Wochen zu Bett
hatte legen mssen, kamen die Dorfweiber abwechselnd zu ihr, um sie zu
pflegen, wie es dort Sitte ist. Nun bekam Marie berhaupt nichts mehr zu
essen; im ganzen Dorf wurde sie verfolgt, und man wollte ihr nicht
einmal Arbeit geben wie frher. Alle spien hinter ihr her, und die
Mnner betrachteten sie wohl berhaupt nicht mehr als ein Weib -- solche
Schndlichkeiten sagten sie ihr. Nur sehr selten, wenn sie sich
betranken, Sonntags gewhnlich, warfen sie ihr in der Trunkenheit zum
Spott ein Kupferstck hin, so -- einfach auf die Erde, und Marie hob es
schweigend auf. Sie hustete damals bereits sehr stark und begann Blut zu
speien. Schlielich hingen ihre Kleider nur noch wie Lumpen an ihrem
Krper, so da sie sich schmte, sich im Dorf zu zeigen. War sie doch
seit ihrer Rckkehr immer nur barfu gegangen! Da begannen denn
besonders die Kinder -- es waren ihrer dort eine ganze Schar, mindestens
vierzig Schulrangen -- ja, besonders die Kinder begannen, sie zu necken
und ihr mit Straenschmutz nachzuwerfen. Sie bat den Hirten, da er ihr
erlauben mge, seine Khe zu hten, aber der Hirt jagte sie davon. Sie
jedoch nahm eine Gelegenheit wahr und zog ohne seine Erlaubnis mit der
Herde hinaus und blieb den ganzen Tag fort, worauf der Hirt einsah, da
sie ihm groen Nutzen bringen konnte, und sie nicht mehr fortjagte und
ihr bisweilen sogar die berreste seiner Mahlzeit gab, etwas Kse und
Brot. Das hielt er natrlich fr eine groe Gnade. Als ihre Mutter
endlich gestorben war und beerdigt wurde, schmte sich der Pastor nicht,
sie ffentlich zu schmhen, und er tat das noch dazu in der Kirche.
Marie stand in ihren Lumpen hinter dem Sarge und weinte. Viel Volks
hatte sich versammelt, um zu sehen, wie sie weinen und hinter dem Sarge
hergehen wrde. Da hub der Pastor an -- er war ein noch junger Mensch,
der den Ehrgeiz hatte, ein groer Redner zu werden -- wandte sich an
alle Anwesenden und wies auf Marie. >Seht, dort steht sie, die die
Schuld am Tode dieser alten Frau trgt,< begann er -- es war gar nicht
wahr, denn die Alte war doch ganze zwei Jahre lang krank gewesen --
>seht, da steht sie nun vor euch und wagt nicht, den Blick zu erheben;
denn der Zorn des Herrn ruht auf ihr! Da steht sie barfu und in Lumpen
-- ein Beispiel aus der Schar jener, die den Pfad der Tugend verlassen!
Und wer ist sie? Wer ist sie, die diese fromme Frau ins Grab gebracht?
Sie ist ihre -- Tochter!< -- und so weiter, immer in demselben Ton. Und
knnen Sie sich so etwas denken: diese Gemeinheit gefiel allen! Doch ...
da kam etwas anderes dazwischen: die Kinder traten fr sie ein; denn
damals waren sie bereits alle auf meiner Seite und hatten Marie gern.
Das war folgendermaen geschehen: Ich wollte etwas fr Marie tun, man
mute ihr Geld verschaffen, denn sie hatte es sehr ntig. Ich besa aber
-- dort, bei Schneider -- nie Geld. Dafr hatte ich eine kleine
Krawattennadel mit einem Brillanten, die verkaufte ich an einen
Aufkufer alter Sachen; es war dort gerade einer, der von Dorf zu Dorf
fuhr und mit alten Kleidern handelte. Er gab mir acht Franken, whrend
die Nadel wenigstens vierzig wert war. Darauf bemhte ich mich lange
Zeit vergeblich, Marie einmal allein zu treffen. Endlich gelang es mir:
wir begegneten uns hinter dem Dorf auf einem einsamen Fusteig, der auf
die Berge hinauffhrte, gerade hinter einem Baum. Ich gab ihr die acht
Franken und sagte ihr, da sie sparsam mit ihnen umgehen msse; denn
mehr Geld htte ich nicht, und dann kte ich sie und sagte, sie solle
nicht denken, da ich irgendeine schlechte Absicht htte, da ich sie
nicht deshalb gekt, weil ich etwa in sie verliebt sei, sondern nur,
weil sie mir sehr leid tte und ich sie niemals fr schuldig, sondern
nur fr sehr unglcklich halten wrde. Ich wollte sie gern noch etwas
trsten und ihr klarmachen, da sie sich doch nicht fr so tief unter
den anderen stehend zu halten brauche; aber ich sah es ihr an, da sie
mich nicht verstand, obschon sie kein Wort sagte, mit gesenktem Blick
vor mir stand und sich entsetzlich schmte. Als ich geendet hatte,
beugte sie sich pltzlich nieder und kte mir die Hand, worauf ich
sofort ihre Hand nahm, um sie gleichfalls zu kssen, doch sie zog sie
erschrocken zurck. Da tauchten pltzlich die Kinder auf, eine ganze
Schar. Wie ich spter erfuhr, hatten sie mich beobachtet und waren mir
sogar heimlich gefolgt. Kaum hatten sie uns erblickt, als sie auch schon
in ein Hohngelchter ausbrachen, pfiffen, schrien und in die Hnde
klatschten. Marie lief natrlich fort, so schnell sie nur konnte. Ich
wollte zu den Kindern reden, aber sie warfen mit Steinen nach mir. Noch
am selben Abend wute es das ganze Dorf, und Marie mute dafr ben:
sie wurde noch mehr verfolgt und gehat. Wie ich hrte, wollte man sie
sogar gerichtlich zu einer Strafe verurteilen lassen, doch zum Glck kam
es nicht so weit. Dafr aber lieen die Kinder sie keinen Augenblick
mehr in Ruhe: sie schalten sie mit hlichen Worten, warfen ihr Schmutz
nach, trieben sie fort, und sie mute mit ihrer schwachen Brust laufen,
keuchend, atemlos, die Kinder mit Geschrei hinter ihr her. Einmal trat
ich der Schar entgegen und prgelte mich sogar mit den Jungen. Dann
begann ich mit ihnen zu reden. Und so redete ich jeden Tag, wenn sich
nur Gelegenheit dazu bot. Bisweilen blieben sie dann stehen und hrten
zu, wenn sie auch das Schelten noch nicht lieen. Ich erzhlte ihnen,
wie unglcklich Marie sei, und bald hrten sie auf, sie zu verfolgen und
gingen nur schweigend fort, wenn sie kam. Mit der Zeit begannen sie auch
mit mir zu sprechen, und wir unterhielten uns; ich verheimlichte ihnen
nichts, ich erzhlte ihnen alles. Sie hrten mir sehr neugierig zu und
bald empfanden auch sie Mitleid mit Marie. Einzelne von ihnen gingen
sogar so weit, da sie sie jetzt freundlich grten, wenn sie ihr
begegneten. Es ist dort Sitte, da einander Begegnende, gleichviel ob
sie sich kennen oder nicht, >Gr Gott< sagen. Ich kann mir denken, wie
erstaunt Marie anfangs gewesen sein mu. Einmal hatten zwei kleine
Mdchen sich irgendwoher Essen verschafft, und kamen dann zu mir, um es
mir zu erzhlen. Sie sagten, Marie habe angefangen zu weinen, und sie
htten sie jetzt sehr lieb. Es dauerte nicht lange, und sie wurde von
allen geliebt, und durch sie gewannen die Kinder auch mich pltzlich
lieb. Von der Zeit an kamen sie oft zu mir und baten mich, ihnen zu
erzhlen. Ich glaube, ich habe nicht schlecht erzhlt, denn sie hrten
mir sehr gern zu. Spterhin lernte und las ich nur zu dem Zweck, um
ihnen dann das Gelesene erzhlen zu knnen, und so habe ich ihnen ganze
drei Jahre lang erzhlt. Als mich dann spter alle, selbst Schneider
nicht ausgenommen, verurteilten, weil ich mit ihnen wie mit Erwachsenen
redete und ihnen nichts verheimlichte, sagte ich, da man sich schmen
mte, Kinder zu belgen, da sie ja sowieso alles wten, wie sehr man
es auch vor ihnen geheimhalten wollte. Wenn sie all das dann aber im
Leben erfahren wrden, dann wrden sie es als etwas Schmutziges
erfahren, von mir aber erfhren sie es als etwas Reines. Es sollte,
meinte ich, doch ein jeder nur daran denken, wie es gewesen war, als er
selbst noch ein Kind war. Die Menschen waren aber anderer Meinung ...
Da ich Marie gekt hatte, war ungefhr zwei Wochen vor dem Tode ihrer
Mutter gewesen, so da die Kinder, als der Pastor die Beerdigungsrede
hielt, schon alle auf meiner Seite waren. Ich erklrte ihnen
unverzglich die ganze Schndlichkeit dieser Rede, und sie wurden alle
bse auf ihn, einige sogar in dem Mae, da sie mit Steinen seine
Fensterscheiben einwarfen. Ich verbot es ihnen natrlich, denn das ging
doch nicht an; aber im Dorf hatte man schon den ganzen Zusammenhang
erfahren, und alle beschuldigten mich, da ich die Kinder verderbe.
Gleichzeitig erfuhren sie auch den Grund: da die Kinder Marie liebten
-- und sie erschraken unsglich. Marie aber war glcklich. Den Kindern
wurde strengstens verboten, mit ihr zusammenzukommen. Da liefen sie denn
heimlich fort und stahlen sich auf Umwegen zur Herde, die sie htete. Es
war ziemlich weit -- eine gute halbe Werst vom Dorf. Und sie brachten
ihr Leckerbissen, die sie sich selbst abgespart, oder sie liefen auch
nur so hin, um sie zu gren und zu streicheln und ihr zu sagen: >Ich
hab dich lieb, Marie<. Und dann liefen sie blitzschnell wieder nach
Hause. Marie war wie von Sinnen vor Glck: es kam so pltzlich, da sie
gar nicht wute, wohin damit! So etwas hatte sie ja nie im Traume fr
mglich gehalten. Sie schmte sich und war doch selig. Die Kinder aber,
namentlich die Mdchen, liefen gern zu ihr hin, um ihr zu sagen, da ich
sie liebe und ihnen sehr viel von ihr erzhle. Sie erzhlten ihr sogar,
da ich ihnen alles gesagt htte, und da sie sie jetzt liebten und
bemitleideten, und da es immer so bleiben wrde. Und von ihr kamen sie
dann eilig zu mir gelaufen, um mir mit freudigen Gesichtchen und
geschftigen Mienen hchst wichtig mitzuteilen, da sie soeben Marie
gesehen und gesprochen htten, und da sie mich gren lasse. Am Abend
ging ich dann zum Wasserfall: dort war eine rings von Pappeln
umstandene, einsame Stelle, die man vom Dorfe aus nicht sehen konnte,
und dorthin kamen sie dann zu mir gelaufen, viele nur ganz heimlich. Das
war unser Versammlungsort. Ich glaube, meine Zuneigung zu Marie war fr
sie von ungeheurem Reiz, und so habe ich ihnen denn nur in dieser einen
Beziehung nicht die Wahrheit gesagt: ich lie sie in dem Glauben, da
ich Marie tatschlich liebe, das heit, da ich in sie verliebt sei,
whrend sie mir doch nur leid tat; ich ersah aus allem, da es ihnen so
besser gefiel, wie sie es sich selbst zurechtgelegt hatten; und deshalb
schwieg ich und tat, als htten sie das Geheimnis erraten. Und wie
zartfhlend und zrtlich diese kleinen Herzen waren! Unter anderem
schien es ihnen ganz ungehrig, da Marie, die von ihrem guten Lew
geliebt wurde, so schlecht gekleidet war und sogar barfu ging. Und
knnen Sie sich denken: sie verschafften ihr Schuhe und Strmpfe und
Wsche und sogar ein Kleid -- wie sie das fertigbrachten, begreife ich
heute noch nicht! Jedenfalls wird sich die ganze Schar zusammengetan und
mit vereinten Krften am groen Werk gearbeitet haben. Als ich sie
fragte, wie sie das angestellt htten, lachten sie nur frhlich, und die
kleinen Mdchen klatschten in die Hnde und kamen zu mir gelaufen und
kten mich. Auch ich ging bisweilen zu Marie, aber gleichfalls nur
heimlich. Sie wurde immer schwcher und konnte bald kaum noch gehen.
Aber trotzdem schleppte sie sich an jedem Morgen hinaus und ging mit der
Herde mit und sa dort im Freien, den ganzen Tag: sie setzte sich etwas
abseits an einen steilen, fast senkrechten Abhang auf einen kleinen
Vorsprung, dort lag am uersten Rande ein groer Stein, ganz verborgen
hinter Felsvorsprngen. Und dort sa sie fast regungslos, vom Morgen bis
zum Abend, bis zu dem Augenblick, wenn die Herde heimkehren mute. Sie
war von der Schwindsucht so entkrftet, da sie gewhnlich mit
geschlossenen Augen sa, den Kopf an den Fels gelehnt, schwer atmend,
und so vertrumte sie halb schlummernd den ganzen Tag. Ihr Gesicht war
so mager geworden, da man glauben konnte, ein Skelett vor sich zu
haben, und auf der Stirn und an den Schlfen trat immer Schwei hervor.
So traf ich sie regelmig an, wenn ich sie aufsuchte. Ich blieb nicht
lange bei ihr, denn ich wollte nicht, da man mich mit ihr zusammen
sehen sollte. Kaum nherte ich mich ihr, so zuckte sie auch schon
zusammen, schlug die Augen auf, und dann strzte sie mir entgegen, um
meine Hnde zu kssen. Das verbot ich ihr nicht, denn sie war glcklich,
wenn sie es tun konnte. Die ganze Zeit, solange ich bei ihr sa,
zitterte und weinte sie. Sie begann allerdings ein paarmal zu sprechen,
aber es war schwer, sie zu verstehen. Sie war dann wie von Sinnen, doch
wei ich nicht, ob es nur krankhafte Erregung war oder inneres
Entzcken. Bisweilen kamen auch die Kinder mit mir zu ihr. Dann stellten
sie sich gewhnlich nicht weit von uns auf und bewachten und beschtzten
uns vor wei Gott was oder wem, und dann waren sie sehr froh. Wenn wir
fortgingen, blieb Marie wieder allein zurck, und sa wieder regungslos
mit geschlossenen Augen, den Kopf an die Felswand gelehnt; vielleicht
trumte sie von irgend etwas. Eines Morgens aber konnte sie nicht mehr
mit der Herde mitgehen und blieb in ihrem alten, leeren Huschen. Das
hatten die Kinder bald erfahren, und sie besuchten sie fast alle an
diesem Tage. Sie lag mutterseelenallein in ihrem armseligen Bett. Die
ersten zwei Tage wurde sie nur von den Kindern gepflegt, die abwechselnd
zu ihr liefen, so da die einen die anderen ablsten, dann jedoch, als
man im Dorfe erfuhr, da Marie im Sterben liege, gingen auch die alten
Dorfweiber zu ihr, um sie nicht ganz allein zu lassen und um sie zu
pflegen. Wahrscheinlich begann man jetzt im Dorf, sie zu bemitleiden
wenigstens hielt man die Kinder nicht mehr zurck, wenn sie zu ihr
laufen wollten. Marie lag die ganze Zeit ber wie im Halbschlummer, doch
hatte sie keinen ruhigen Schlaf: sie hustete entsetzlich. Die alten
Weiber lieen aber die Kinder nicht mehr in ihre Stube, und so liefen
die Kleinen immer unter ihr Fenster, um ihr von drauen >Guten Tag,
liebe, gute Marie< zuzurufen. Marie aber war, sobald sie wieder ein
Kleines hinter dem Fenster erblickte oder nur hrte, sogleich wie neu
belebt und mhte sich mit Aufbietung ihrer letzten Krfte, ohne auf die
alten Weiber zu hren, sich im Bett etwas aufzurichten, sich auf den
Ellbogen zu sttzen, und dann nickte sie ihnen mit dem Kopf zu und
dankte. Die Kinder brachten ihr nach wie vor ihre kleinen Leckerbissen,
aber sie a fast nichts mehr. Sie knnen mir glauben, da sie durch die
Liebe der Kinder mit Glck im Herzen starb. Die Liebe der Kinder lie
sie ihr trostloses Elend vergessen, sie empfing von ihnen gleichsam die
Vergebung ihrer Snden; denn sie hielt sich bis zum Tode fr eine groe
Verbrecherin. Sie kamen wie kleine Vgel an ihr Fenster geflogen und
riefen ihr an jedem Morgen einen Gru zu und sagten: >Wir haben dich
lieb, Marie!< Sie starb sehr bald. Ich dachte bis zuletzt, da sie noch
lnger leben wrde. Am Abend vor ihrem Tode, kurz vor Sonnenuntergang,
besuchte ich sie. Ich glaube, sie erkannte mich, und ich drckte ihr zum
letztenmal die Hand. Wie abgezehrt diese Hand war! Und pltzlich am
nchsten Morgen kamen sie und sagten, da Marie gestorben sei. Da konnte
man die Kinder nicht mehr zurckhalten: sie schmckten den ganzen Sarg
mit Blumen und setzten ihr einen Kranz aufs Haar. Der Pastor sagte kein
schlechtes Wort ber die Tote in seiner Leichenrede. Es waren nur sehr
wenige zugegen, nur so -- aus Neugier waren einige gekommen; doch als
man den Sarg hinaustragen wollte, strzten alle Kinder herbei, um ihn
selbst zu tragen. Natrlich waren sie zu schwach dazu, sie konnten beim
Tragen hchstens etwas helfen, aber dennoch liefen sie alle mit und alle
weinten herzbrechend. Maries Grab wurde von ihnen unermdlich mit Blumen
geschmckt, und ringsum wurden von ihnen kleine Rosenstcke gepflanzt
... Seit dieser Beerdigung wurde ich vom ganzen Dorf der Kinder wegen
verfolgt. Meine grten Feinde und die Hauptanstifter dieser Verfolgung
waren der Pastor und der Schulmeister. Den Kindern wurde strengstens
verboten, mit mir Umgang zu pflegen, und Schneider verpflichtete sich
sogar, mich besser zu beaufsichtigen und Annherungen zu verhindern.
Aber wir kamen dennoch zusammen oder verstndigten uns, wenn es nicht
anders ging, von ferne durch verschiedene Zeichen, oder sie schickten
mir heimlich ihre kleinen Briefe. Spterhin hrte das brigens wieder
auf, und wir brauchten nicht mehr heimlich zu verkehren. Aber es war
doch hbsch so: ich trat ihnen gleichsam noch nher dadurch, da ich
verfolgt wurde. Im letzten Jahre kam es zwischen mir und meinen beiden
Feinden, Thibaut und dem Pastor, sogar zu einer halben Ausshnung.
Schneider stritt oft mit mir ber mein schdliches >System< zur
Kindererziehung und redete viel darber. Aber was hatte ich denn fr ein
System! Schlielich sagte er mir noch etwas sehr Sonderbares -- einen
Gedanken, den er ber mich hatte ... und das war kurz vor meiner
Abreise. Er sagte mir, er habe sich berzeugt, da ich selbst ein
vollstndiges Kind sei, ein wirkliches Kind, da ich nur dem Alter und
dem uern nach einem Erwachsenen hnlich she, in jeder geistigen
Beziehung dagegen, in der ganzen psychischen Entwicklung, als Charakter,
als Seele -- und vielleicht sogar meinen Verstand nicht ausgenommen --
sei ich kein Erwachsener, und so wrde ich bleiben, wenn ich auch
sechzig Jahre alt wrde. Ich lachte nicht wenig, als er mir das gesagt
hatte, natrlich hat er nicht recht, denn -- nicht wahr -- was bin ich
denn fr ein Kind? Nur eines ist wahr: ich bin tatschlich nicht gern
mit Erwachsenen zusammen, mit groen Menschen, da habe ich selbst
bemerkt, -- nicht gern, weil ich es nicht verstehe, mit ihnen zusammen
zu sein. Was sie auch reden, und wie gut sie auch zu mir sein mgen, ich
fhle mich doch nicht wohl in ihrer Gesellschaft, es ist mir aus
irgendeinem Grunde schwer zumute, und ich bin sehr froh, wenn ich zu
meinen kleinen Freunden gehen kann, und das sind von jeher Kinder
gewesen -- nicht, weil ich selbst ein Kind bin, sondern ich fhle mich
eben immer zu ihnen hingezogen. Als ich noch zu Anfang meines
Aufenthaltes dort im Dorf umherstrich und die einsamen Berge aufsuchte,
um allein zu sein, begegnete mir bisweilen um die Mittagszeit die ganze
Schar der Dorfkinder, die aus der Schule mit Tschchen und
Schiefertafeln schreiend, lachend, spielend und streitend nach Hause
eilte, und meine ganze Seele strebte dann zu ihnen hin. Ganz pltzlich
kam es. Ich wei nicht, was es war, aber mich ergriff jedesmal ein
groes Glcksempfinden, wenn ich ihnen begegnete. Ich blieb stehen und
lachte vor Glck, wenn ich diese kleinen Beinchen sah, die so flink und
unermdlich durcheinanderliefen, diese kleinen Buben und Mdel, die in
bunter Schar nach Hause eilten, dazu ihr Lachen und ihre Trnen -- denn
viele hatten unterwegs Zeit genug, sich zu balgen und zu weinen, sich zu
vershnen und von neuem zu spielen -- und verga dann mein Leid. Und die
ganzen drei folgenden Jahre konnte ich deshalb auch nicht begreifen,
warum die Menschen sich grmen. Ich wollte den Kindern mein ganzes Leben
widmen. Ich hatte es mir ja nicht trumen lassen, da ich jemals das
Dorf verlassen und gar nach Ruland zurckkehren wrde. Es schien mir,
da ich ewig dort bleiben sollte, aber dann sah ich selbst ein, da
Schneider mich doch nicht ewig unterhalten konnte, und hinzu kam gerade
noch eine Angelegenheit von so groer Wichtigkeit, da Schneider selbst
mir zur unverzglichen Abreise riet und mir auch das ntige Reisegeld
vorstreckte. Ich will nun sehen, was es damit eigentlich fr eine
Bewandtnis hat. Ich werde mich wohl zuerst an einen Rechtsanwalt wenden
mssen, damit er mir wenigstens einen Rat erteilt; denn ich selbst habe
keine Ahnung, wie man solche Sachen anfassen mu. Es ist mglich, da
meine Verhltnisse sich sehr bald ndern werden ... aber das ist ja
nicht die Hauptsache! Wichtig ist vielmehr, da sich mein ganzes Leben
gendert hat. Ich habe viel dort zurckgelassen, gar zuviel. Alles
Bekannte liegt jetzt weit zurck. Als ich im Waggon sa, dachte ich:
>Jetzt gehe ich zu den erwachsenen Menschen; vielleicht wei ich noch
nichts von ihnen, vielleicht -- jedenfalls beginnt jetzt ein neues
Leben.< Ich beschlo, meine Aufgabe ehrlich und in Treue zu erfllen.
Ich werde es vielleicht schwer haben unter den Menschen und werde mich
einsam fhlen. Ich will aber, so beschlo ich, gegen alle ehrlich und
offen sein -- mehr wird doch niemand von mir verlangen. Vielleicht wird
man mich auch hier fr ein Kind halten, -- nun gut! Mich halten jetzt
alle aus irgendeinem Grunde fr einen Idioten ... ich war allerdings
einmal so krank, da ich fast einem Idioten glich. Aber wie kann ich
denn jetzt ein Idiot sein, wenn ich doch selbst sehr wohl begreife, da
man mich fr einen Idioten hlt? Wenn ich irgendwo eintrete, denke ich:
>Da hlt man mich nun fr einen Idioten, aber ich bin ja doch bei vollem
Verstande, und das errt man hier nicht einmal.< Diesen Gedanken habe
ich sogar sehr oft. Als ich in Berlin die ersten kleinen Briefe meiner
kleinen Freunde erhielt, begriff ich erst, wie sehr ich sie liebte. Es
tut weh, wenn man einen ersten Brief erhlt. Wie traurig sie waren, als
wir Abschied nahmen! Schon einen ganzen Monat vor meiner Abreise fingen
wir an, Abschied voneinander zu nehmen. >Lon geht fort, Lon geht fr
immer fort!< sagten sie tieftraurig. Wir versammelten uns jeden Abend am
Wasserfall, wie wir es auch frher getan hatten, und sprachen nur davon,
wie wir uns trennen wrden. Mitunter ging es ebenso heiter her wie
frher; nur wenn wir bei Anbruch der Nacht auseinandergingen, umarmten
sie mich geradezu krampfhaft, was sie frher nicht getan hatten. Einige
von ihnen kamen ganz allein und heimlich, so da niemand sie sah, zu mir
gelaufen, nur um mich unter vier Augen umarmen und kssen zu knnen. Sie
waren zu verschmt, um es in Gegenwart anderer zu tun. Und als ich dann
endlich fortfuhr, begleitete mich die ganze Schar bis zur Station. Die
war etwa eine Werst weit von unserem Dorf. Sie bezwangen sich, um nicht
zu weinen, doch viele konnten die Trnen nicht unterdrcken und weinten
laut, besonders die kleinen Mdchen. Wir muten schnell gehen, um uns
nicht zu verspten; doch pltzlich warf sich bald dieses, bald jenes
mitten auf dem Wege mir entgegen, umklammerte mich mit seinen kleinen
rmchen und kte mich -- und hielt uns alle dadurch auf -- die anderen
Kinder aber blieben, obschon wir eilen muten, jedesmal gleichfalls
stehen und warteten so lange, als unsere Umarmung dauerte. Und als ich
schon im Waggon sa und der Zug sich in Bewegung setzte, riefen sie alle
>Hurra!< und standen noch lange und sahen dem Zuge nach. Auch ich sah
noch lange aus dem Fenster ... Wissen Sie, als ich vorhin hier eintrat
und Ihre lieben Gesichter erblickte, -- ich betrachte jetzt immer sehr
aufmerksam die Gesichter der Menschen -- und als ich Ihre Worte hrte,
da wurde mir zum erstenmal wieder leicht ums Herz. Ich war auch sogleich
bereit, mich fr ein Glckskind zu halten: ich wei ja, da man
Menschen, die man auf den ersten Blick liebgewinnt, nicht so leicht
findet, Sie aber sind die ersten, die ich hier, kaum da ich angekommen
bin, kennen gelernt habe. Ich wei sehr wohl, da die Menschen im
allgemeinen sich schmen, von ihren Gefhlen zu reden, Ihnen aber
erzhle ich von meinen Gefhlen und schme mich nicht. Ich bin
menschenscheu und werde vielleicht lange Zeit nicht zu Ihnen kommen. Nur
fassen Sie das, bitte, nicht falsch auf: ich sage es nicht, weil ich Sie
nicht schtze, und denken Sie auch nicht, da ich Ihnen irgend etwas
belgenommen habe. Sie fragten mich, inwiefern ich Sie durch Ihre
Gesichter kenne, was ich aus ihnen herauszulesen wei, -- jetzt werde
ich es Ihnen gern sagen. Sie, Adelaida Iwanowna, Sie haben ein
glckliches Gesicht, das sympathischste von allen dreien. Ganz abgesehen
davon, da Sie sehr hbsch sind, denkt man, wenn man Sie ansieht: >Sie
hat das Gesicht einer guten Schwester.< Sie kommen einem einfach und
heiter entgegen, doch verstehen Sie auch, das Innere der Menschen zu
erraten. Das wre es, was mir aus Ihrem Gesicht zu sprechen scheint.
Sie, Alexandra Iwanowna, haben gleichfalls ein schnes und ein sehr
liebes Gesicht, aber Sie haben vielleicht irgendeinen geheimen Kummer;
Sie sind zweifellos ein herzensguter Mensch, aber Sie sind nicht
eigentlich frhlich. Sie haben einen gewissen ... einen ganz besonderen
Zug im Gesicht, hnlich der Holbeinschen Madonna in Dresden. Nun, das
wre Ihr Gesicht. Habe ich das Richtige erraten? Sie sind ja doch der
Meinung, da ich es erraten knne. Und was nun Ihr Gesicht betrifft,
Lisaweta Prokofjewna, wandte er sich pltzlich an die Generalin, so
scheint es mir nicht nur, sondern ich bin sogar fest berzeugt, da Sie
ein vollstndiges Kind sind, in jedem, in jedem guten wie jedem
schlechten Sinne, obschon Sie eine bejahrte Frau sind. Sie nehmen es mir
doch nicht bel, da ich so offen rede? Sie wissen doch, was ich fr
Kinder brig habe, und wieviel ich von ihnen halte. Glauben Sie nicht,
da ich Ihnen alles das ber Ihre Gesichter aus bloer Einfalt so offen
gesagt habe -- o nein, durchaus nicht! Vielleicht habe auch ich meine
Gedanken dabei gehabt.


                                  VII.

Als der Frst geendet hatte, blickten ihn alle mit heiteren Gesichtern
an, selbst Aglaja nicht ausgenommen, doch vor allen Lisaweta
Prokofjewna.

Da habt ihr ihn jetzt examiniert! rief sie aus. Nun, was, meine
verehrten Damen, ihr dachtet wohl, da ihr ihn noch protegieren wrdet,
so als armen Jungen -- und dabei wrdigt er euch nur gerade noch seiner
Bekanntschaft, und auch das noch mit der Randbemerkung, da er nur
selten kommen werde. Wer sind jetzt die Dummen? Natrlich wir. Das freut
mich. Aber am meisten ist's doch Iwan Fedorowitsch. Bravo, Frst, wir
wurden vorhin beauftragt, Sie zu examinieren. Und was Sie da von meinem
Gesicht sagten, ist vollkommen richtig: ich bin ein Kind, das wei ich
selbst. Das wute ich schon vor Ihnen. Sie haben nur meinen Gedanken in
einem einzigen Wort ausgedrckt. Ihren Charakter halte ich dem meinen
fr vollkommen hnlich, und das freut mich sehr. Wie zwei Tropfen
Wasser. Nur sind Sie ein Mann und ich bin eine Frau und bin nicht in der
Schweiz gewesen; das ist der ganze Unterschied.

Warten Sie noch ein wenig, Mama, rief Aglaja, der Frst sagt ja doch,
da er bei jedem seiner Bekenntnisse einen besonderen Gedanken gehabt
und nicht nur aus Einfalt so gesprochen habe.

Ja, ja! lachten die anderen.

Bitte, sich ber andere nicht lustig zu machen; er ist vielleicht noch
viel schlauer, als ihr alle drei zusammen genommen. Das werdet ihr
sehen. Aber warum haben Sie nichts von Aglaja gesagt, Frst. Sie wartet
und ich warte.

Augenblicklich kann ich nichts sagen; erst spter.

Warum spter? Ich dchte, sie sieht nicht danach aus, da man sie
bersehen knnte.

O nein, ganz im Gegenteil Sie sind eine auerordentliche Schnheit,
Aglaja Iwanowna. Sie sind so schn, da man fast Angst hat, Sie
anzusehen.

Und das ist alles? Aber ihre Eigenschaften? wollte die Generalin
wissen.

Eine Schnheit ist schwer zu beurteilen. Ich habe mich nicht darauf
vorbereitet. Schnheit ist ein Rtsel.

Das heit also, da Sie das Rtsel von Aglaja selbst lsen lassen
wollen, sagte Adelaida. Dann versuch' es mal zu lsen, Aglaja. Aber
ist sie nicht schn, Frst, ist sie nicht schn?

Auerordentlich! antwortete der Frst, der Aglaja begeistert
betrachtete. Fast so schn, wie Nastassja Filippowna, obschon das
Gesicht ein ganz anderes ist! ...

Erstaunt blickten sich die Damen untereinander an.

Wie we--e--er? fragte die Generalin, als traue sie ihren Ohren nicht.
Wie Nastassja Filippowna? Wo haben Sie denn Nastassja Filippowna
gesehen? Welch eine Nastassja Filippowna?

Vorhin zeigte Herr Iwolgin Ihrem Herrn Gemahl die Photographie ...

Was, er hat Iwan Fedorowitsch ihre Photographie gebracht?

Nein, nur gezeigt. Nastassja Filippowna hat heute Herrn Iwolgin ihr
Bild geschenkt und Herr Iwolgin zeigte es vorhin Iwan Fedorowitsch.

Ich will es sehen! fuhr die Generalin auf. Wo ist diese Photographie?
Wenn sie sie ihm geschenkt hat, dann mu er sie noch bei sich haben und
er ist gewi noch im Arbeitszimmer. Mittwochs arbeitet er immer hier und
geht dann niemals vor vier Uhr fort. Man mu ihn sofort herbitten
lassen! Doch nein, ich brenne durchaus nicht so darauf, ihn selbst zu
sehen. Ach, Frst, seien Sie so gut, mein Lieber, gehen Sie ins
Arbeitszimmer, erbitten Sie die Photographie von ihm und bringen Sie sie
her! Sagen Sie ihm, ich wolle sie sehen! Bitte!

Nicht bel, aber doch ein wenig gar zu offen, sagte Adelaida, als der
Frst das Zimmer verlassen hatte.

Ja, ein wenig gar zu sehr, pflichtete ihr Alexandra bei, so da es
mitunter sogar ein wenig lcherlich wirkt.

Es war aber, als htten beide nicht alles ausgesprochen, was sie bei
sich dachten.

Er hat sich brigens mit unseren Gesichtern gut aus der Affre
gezogen, sagte Aglaja, er hat allen geschmeichelt, selbst Mama nicht
ausgenommen.

Sei nicht so spitz, wenn ich bitten darf! verwies die Generalin ihre
Jngste. Nicht er hat geschmeichelt, sondern ich fhle mich
geschmeichelt.

Du glaubst, er habe sich auf diese Weise aus der Affre ziehen wollen?
fragte Adelaida.

Ich glaube, da er durchaus nicht so -- einfach ist.

Ach geh! rgerte sich die Generalin. Ich aber finde, da ihr drei
noch viel lcherlicher seid als er. Meinetwegen, mag er einfltig sein,
dafr hat er aber auch besondere Einflle -- im besten Sinn >besondere<.
Ganz wie ich.

Das ist natrlich dumm, da ich von der Photographie etwas habe
verlauten lassen, dachte der Frst bei sich, whrend er sich ins
Arbeitszimmer des Generals begab und so etwas wie leichte Gewissensbisse
empfand. Aber vielleicht ist es auch sehr gut, da es nun so gekommen
ist ...

Ihm war pltzlich ein sonderbarer Gedanke gekommen, doch war er ihm
selbst noch nicht so ganz klar.

Gawrila Ardalionytsch Iwolgin sa noch im Arbeitszimmer und hatte
sich ganz in den Inhalt der verschiedenen Papiere vertieft.
Selbstverstndlich wurde er nicht umsonst von der Aktiengesellschaft
honoriert!

Er schien sehr verlegen zu werden, als der Frst ihn um das Bild bat und
zur Erklrung noch ehrlich mitteilte, auf welche Weise die Damen von der
Existenz desselben erfahren hatten.

Verdammt! Was plagte Sie denn, davon zu schwatzen! fuhr er gergert
auf. Was wissen Sie berhaupt davon ... Idiot! brummte er unwirsch vor
sich hin.

Verzeihen Sie mir. Ich habe es gesagt, ohne mir dabei etwas Schlimmes
zu denken. Wir kamen zufllig auf die Schnheit zu sprechen. Ich sagte,
da Aglaja fast ebenso schn sei wie Nastassja Filippowna.

Ganj bat ihn, ausfhrlicher zu erzhlen, worauf der Frst das
vorhergegangene Gesprch in kurzen Worten wiedergab, whrend Ganj ihn
wiederum spttisch von der Seite betrachtete.

Diese ewige Nastassja Filippowna! Von anderem hrt man hier berhaupt
nichts ..., brummte er rgerlich, brach jedoch pltzlich ab und wurde
nachdenklich.

Er war sichtlich erregt. Der Frst erinnerte ihn an das Bild.

Hren Sie, Frst, begann Ganj pltzlich, als wre ihm mit einemmal
ein wichtiger Gedanke gekommen, ich habe eine groe Bitte an Sie ...
Nur wei ich nicht, in der Tat ...

Er wurde wieder etwas verlegen und sprach seine Bitte nicht aus. Er
schien innerlich zu kmpfen und sich nicht entschlieen zu knnen. Der
Frst wartete schweigend. Ganj sah ihn noch einmal mit forschendem,
prfendem Blick an.

Frst, begann er dann wieder, dort ist man jetzt auf mich ... infolge
eines besonderen Umstandes ... eines sehr lcherlichen Umstandes ... und
an dem ich nicht schuld bin ... nun, mit einem Wort -- doch das gehrt
nicht zur Sache ... Ich glaube, man ist dort ein wenig ungehalten ber
mich, so da ich eine Zeitlang nicht ungerufen hingehen will. Nur, sehen
Sie, mu ich jetzt unbedingt mit Aglaja Iwanowna sprechen. Ich habe hier
... ich habe hier fr jeden Fall ein paar Worte geschrieben (in seiner
Hand befand sich pltzlich ein kleiner Brief), nur wei ich nicht, wie
ich ihr diesen Zettel zustellen soll. Wrden nicht Sie, Frst, so
freundlich sein, ihn Aglaja Iwanowna gleich zu bergeben, aber nur
Aglaja Iwanowna allein, das heit so, da niemand es sieht, Sie
verstehen doch? Es ist nicht Gott wei was fr ein Geheimnis, es steht
hierin nichts von der Art ... aber ... wrden Sie ihn ihr bergeben?

Ihre Bitte ist mir nicht ganz angenehm, antwortete der Frst.

Ach, ich bitte Sie, Frst, es ist wirklich von groer Wichtigkeit fr
mich, begann Ganj beschwrend, Sie wird mir vielleicht auch antworten
... Sie knnen mir glauben, da ich mich an Sie wende, nur weil es
wirklich das uerste ist ... Durch wen knnte ich ihr denn sonst den
Brief schicken? Es ist unendlich wichtig fr mich, von unendlicher
Wichtigkeit ...

Ganj hatte groe Angst, da der Frst sich nicht dazu herablassen
wrde, und blickte ihm mit ngstlicher Bitte in die Augen.

Nun gut, ich werde ihn bergeben.

Aber nur so, da es niemand bemerkt, bat Ganj erfreut, und dann,
Frst -- nicht wahr -- ich kann mich doch auf Ihre Diskretion verlassen,
nicht?

Ich werde ihn keinem zeigen, sagte der Frst.

Der Brief ist nicht geschlossen, aber ... fuhr der erfreute Ganj im
Eifer fort, brach aber wieder pltzlich verwirrt ab.

Oh, ich werde ihn nicht lesen, antwortete der Frst ganz ruhig, nahm
die Photographie und verlie das Kabinett.

Als Ganj allein zurckblieb, griff er sich an den Kopf.

Nur ein Wort von ihr und ich ... und ich, wirklich, ich breche
vielleicht mit allem!

Er war zu erregt, um sich wieder an die Arbeit zu machen, und so begann
er, in gespannter Erwartung ruhelos im Zimmer hin und her zu gehen.

Der Frst kehrte nachdenklich zu den Damen zurck: der bernommene
Auftrag war ihm peinlich, und der Gedanke an irgendwelche Beziehungen
zwischen Aglaja und Ganj war ihm direkt unangenehm. Pltzlich blieb er
stehen, als wenn ihm etwas einfiele; er blickte sich im Zimmer um:
zwischen ihm und dem kleinen Salon lagen noch zwei Zimmer. Da trat er
schnell ans Fenster und begann Nastassja Filippownas Bild zu betrachten.

Es war, als htte er ein gewisses Etwas erraten wollen, das sich in
diesem Gesicht verbarg und ihn vorhin ganz betroffen gemacht hatte. Fast
die ganze Zeit hatte er die Wirkung dieses Eindrucks empfunden, und so
beeilte er sich jetzt, sich gewissermaen nochmals von der Richtigkeit
des ersten Eindrucks zu berzeugen. Da war es ihm pltzlich, als mache
dieses in seiner Schnheit und noch aus einem anderen unbestimmbaren
Grunde auergewhnliche Gesicht einen noch weit fesselnderen Eindruck
auf ihn. Grenzenloser Stolz, Verachtung und Ha sprachen aus diesem
Gesicht, und doch lag in ihm gleichzeitig etwas Vertrauendes, etwas
erstaunlich Gutherziges; und diese Kontraste erweckten sogar so etwas
wie Mitleid, wenn man diese Zge betrachtete. Seine blendende Schnheit
war unertrglich, diese Schnheit des bleichen Gesichts mit den fast
eingefallenen Wangen und den brennenden Augen. Eine eigenartige
Schnheit war es! Der Frst konnte den Blick nicht losreien vom Bilde.
Pltzlich jedoch zuckte er zusammen, sah sich um, fhrte dann schnell
das Bild an die Lippen und kte es. Als er nach einer Minute in den
groen Salon trat, war sein Gesicht vollkommen ruhig.

Gerade im Begriff, ins Ezimmer zu treten, prallte er in der Tr beinahe
mit Aglaja zusammen. Sie war allein. Im Salon der Mutter konnte man
nichts hren -- es lag noch ein Zimmer dazwischen -- und so entschlo
sich der Frst schnell.

Gawrila Ardalionytsch hat mich gebeten, Ihnen dieses zu bergeben,
sagte er und berreichte ihr den Brief.

Aglaja blieb stehen, nahm den Brief entgegen und blickte den Frsten
etwas sonderbar an. Nicht die geringste Verwirrung lag in ihrem Blick,
hchstens Verwunderung htte man aus ihm herauslesen knnen, doch auch
diese schien sich nur auf den Frsten zu beziehen. Ihr Blick verlangte
gleichsam Rechenschaft von ihm darber, wie er dazu kam, in dieser
Angelegenheit Helfershelfer zu sein: und er verlangte sie ruhig und
hochmtig. Sie standen sich ein paar Augenblicke lang stumm gegenber.
Endlich zuckte es kaum merklich wie leiser Spott in ihrem Gesicht, und
mit einem flchtigen Lcheln ging sie an ihm vorber.

Die Generalin betrachtete eine Zeitlang schweigend und mit einer
gewissen Nuance von Geringschtzung das Bild Nastassja Filippownas, das
sie effektvoll auf Armeslnge von den Augen entfernt hielt.

Ja, sie ist schn, sagte sie endlich, sogar sehr. Ich habe sie
zweimal gesehen, aber nur von weitem. Also eine solche Schnheit
schtzen Sie? wandte sie sich an den Frsten.

Ja ... eine solche ... antwortete der Frst mit einiger Gezwungenheit.

Das heit also, gerade eine solche Schnheit?

Ja, gerade eine solche.

Weshalb?

In diesem Gesicht ... ist viel Qual ..., sagte der Frst
unwillkrlich, doch gleichsam als sprche er nur zu sich selbst, und als
antworte er gar nicht auf eine Frage.

Sie phantasieren vielleicht nur, meinte die Generalin anmaend und
warf das Bild mit einer schroffen Bewegung auf den Tisch.

Alexandra nahm es auf, Adelaida trat hinter ihren Stuhl, und beide
betrachteten es schweigend. Im selben Augenblick kehrte Aglaja in den
Salon zurck.

Welch eine Macht! rief pltzlich Adelaida aus, die ber die Schulter
der Schwester ganz entzckt das Bild betrachtete.

Wo? Was fr eine Macht? fragte die Generalin scharf.

Eine solche Schnheit ist eine groe Macht, sagte Adelaida begeistert,
mit einer solchen Schnheit knnte man die ganze Welt umdrehen!

Nachdenklich ging sie zu ihrer Staffelei zurck. Aglaja blickte nur
flchtig auf die Photographie, kniff die Augen zusammen, schob die
Unterlippe etwas vor und setzte sich dann abseits nieder, die Hnde
mig im Schoe faltend.

Die Generalin klingelte.

Ich lasse Gawrila Ardalionytsch herbitten, er ist im Kabinett, sagte
sie zu dem eingetretenen Diener.

Mama! warf Alexandra in bedeutsamem Tone ein.

Ich will nur zwei Worte mit ihm reden, beruhige dich, schnitt ihr die
Mutter schnell das Wort ab, um jedem weiteren Einwand zuvorzukommen.

Sie war ersichtlich gereizt.

Bei uns, mssen Sie wissen, Frst, bei uns gibt es jetzt nur
Geheimnisse. Nichts als Geheimnisse! Heimlichkeiten scheinen jetzt hier
ganz allgemein zu sein -- etwas Dmmeres kann man sich nicht leicht
denken. Und das noch in einer Angelegenheit, in der Offenheit, Klarheit
und Ehrlichkeit die ersten Bedingungen sein sollten. Es soll jetzt mit
Gewalt geheiratet werden -- nein, diese Heiraten gefallen mir nicht ...

Mama, was soll das nur? beeilte sich wieder Alexandra, sie
aufzuhalten.

Was wnschst du, liebes Tchterchen? Gefallen sie denn dir? Und da der
Frst es hrt, das hat nichts zu sagen -- wir sind Freunde. Wenigstens
er und ich. Gott sucht Menschen, gute, versteht sich, bse und launische
dagegen braucht er nicht, namentlich launische nicht, die heute so und
morgen anders reden. Haben wir uns verstanden, Alexandra Iwanowna? Hier
glauben sie alle, ich htte nichts als Schrullen im Kopf; aber glauben
Sie mir, Frst, ich verstehe so manches sehr gut zu unterscheiden. Denn
die Hauptsache ist und bleibt doch immer das Herz, das andere ist alles
Unsinn. Verstand ist natrlich auch ntig ... vielleicht ist sogar der
Verstand gerade die Hauptsache. Bitte, nicht zu lcheln, Aglaja, ich
widerspreche mir durchaus nicht. Ein Weib mit Herz und ohne Verstand ist
eine ebenso unglckliche Trin, wie ein Weib mit Verstand und ohne Herz.
Das ist eine alte Wahrheit. Ich bin eine Trin mit Herz und ohne
Verstand, und du bist eine Trin mit Verstand und ohne Herz. Und so sind
wir beide unglcklich und mssen beide leiden.

Inwiefern sind Sie denn so unglcklich, Mama? Adelaida konnte sich die
etwas ungezogene Frage nicht verbeien. Sie war die einzige, die von
allen vier ihre gute Laune stets beibehielt.

Erstens durch meine gelehrten Tchter, antwortete die Generalin
schlagfertig, und da das allein schon vollkommen gengt, so brauche ich
mich wohl ber das andere nicht erst weitlufig zu verbreiten. Doch es
ist genug geredet worden. Wollen wir abwarten, wie ihr beide, von Aglaja
rede ich vorlufig nicht, wie ihr beide mit eurem Verstande und eurer
Redekunst euch herausziehen werdet, ob unsere verehrte Alexandra
Iwanowna sehr glcklich sein wird mit ihrem verehrten Gemahl ... Ah!
rief sie pltzlich aus, als sie den eintretenden Ganj erblickte. Da
kommt ja noch ein Heiratskandidat. Guten Tag, sagte sie auf Ganjs
Verbeugung und forderte ihn auf, Platz zu nehmen, Sie werden heiraten?

Heiraten? ... Wie? ... Wieso heiraten? stotterte Ganj, der aus den
Wolken zu fallen schien.

Man sah es ihm deutlich an, wie verlegen und verwirrt er war.

Werden Sie eine Ehe schlieen, frage ich, wenn Ihnen diese Redewendung
mehr zusagt?

N--ein ... ich ... n--ein, log Ganj und heie Schamrte stieg ihm ins
Gesicht.

Er wagte es, flchtig zu Aglaja hinberzublicken, wandte jedoch den
Blick sehr schnell von ihr ab. Aglaja betrachtete ihn khl, ruhig,
aufmerksam, ohne auch nur einen Blick von ihm abzuwenden, und
beobachtete seine Verwirrung.

Nein? Also nicht? Sie haben >Nein< gesagt? forschte Lisaweta
Prokofjewna geradezu unerbittlich. Nun gut, das werde ich mir merken.
Denken Sie daran, da Sie heute, am Mittwochvormittag, auf meine
diesbezgliche Frage mit einem Nein geantwortet haben. Was haben wir
heute? Mittwoch?

Ja, ich glaube, Mittwoch, Mama, antwortete Adelaida.

Niemals wissen sie die Tage! -- Welches Datum?

Den siebenundzwanzigsten, sagte Ganj.

Den siebenundzwanzigsten? Das ist nach einer gewissen Berechnung leicht
zu behalten. Nun, auf Wiedersehen; Sie sind, glaube ich, sehr
beschftigt, und auch fr mich ist es Zeit, mich anzuziehen und
fortzufahren. Nehmen Sie Ihre Photographie. Gren Sie Ihre arme Mutter,
Nina Alexandrowna, von mir. Auf Wiedersehen, Frst. Sie knnen fter
herkommen. Ich fahre jetzt zur alten Frstin Bjelokonskaja. Ich fahre
absichtlich zu ihr, um ihr von Ihnen zu erzhlen, mein Lieber. Und hren
Sie, Frst: ich glaube, da Gott Sie direkt um meinetwillen aus der
Schweiz hergeschickt hat. Vielleicht haben Sie auch noch andere Grnde
vorzubringen, aber der Hauptgrund bin doch ich allein. Der liebe Gott
hat es sicherlich mit Absicht so eingerichtet. Auf Wiedersehen, meine
Lieben. Alexandra, mein Freund, komm mit mir in mein Zimmer.

Die Generalin verlie den Salon.

Ganj, der zuerst ganz sprachlos dagestanden, nahm pltzlich die
Photographie vom Tisch und wandte sich mit einem verzerrten Lcheln, dem
man sehr wohl seine Wut ansah, an den Frsten.

Frst, ich gehe sogleich nach Hause. Wenn Sie Ihre Absicht, bei uns zu
wohnen, nicht aufgegeben haben, so wrde ich Sie heimbegleiten, Sie
wissen ja noch nicht einmal die Adresse.

Noch einen Augenblick, Frst, hielt ihn Aglaja auf und erhob sich
schnell von ihrem Platz. Sie mssen mir noch etwas ins Album schreiben.
Papa sagte, Sie htten eine schne Handschrift. Ich werde es Ihnen
sofort bringen.

Sie verlie das Zimmer.

Nun, auf Wiedersehen, Frst, auch ich mu gehen, verabschiedete
Adelaida sich von ihm.

Sie drckte dem Frsten fest die Hand, lchelte ihm froh und freundlich
zu und ging hinaus, ohne Ganj zu beachten.

Das haben Sie, natrlich Sie ausgeplaudert, da ich heirate! fiel
Ganj, kaum da sie allein zurckgeblieben waren, in wutbebendem
Flsterton ber den Frsten her. Sein Gesicht war bleich, und aus seinen
Augen blickte Ha. Ein schamloser Schwtzer sind Sie!

Ich versichere Sie, da Sie sich irren, antwortete der Frst ruhig und
hflich. Ich habe nicht einmal gewut, da Sie heiraten.

Wie denn nicht? Sie hrten doch vorhin, wie Iwan Fedorowitsch sagte,
da sich heute abend alles bei Nastassja Filippowna entscheiden wrde,
und das haben Sie hier erzhlt! Sie lgen einfach! Woher htte man es
denn sonst erfahren? Wer, zum Teufel, htte es ihnen denn erzhlen
knnen? Nur Sie! Haben Sie denn die Anspielungen der Alten nicht
verstanden?

Das mssen Sie besser wissen als ich, wer es den Damen erzhlt haben
kann ... wenn Sie glauben, da es eine Anspielung war. Ich jedenfalls
habe kein Wort davon gesagt.

Haben Sie den Brief bergeben? ... Die Antwort? ... unterbrach ihn
Ganj, zitternd vor Ungeduld.

Doch in dem Augenblick kehrte Aglaja zurck und der Frst konnte nichts
mehr antworten.

Hier, Frst, sagte Aglaja, indem sie ihr Album auf einem Tisch
aufschlug. Suchen Sie sich eine Seite aus, und schreiben Sie mir etwas
hinein. Hier ist eine Feder und noch dazu eine neue. Tut es nichts, da
es eine Stahlfeder ist? Kalligraphen, hab' ich gehrt, sollen nie mit
Stahlfedern schreiben.

Sie sprach und tat, als bemerke sie berhaupt nicht, da Ganj noch
anwesend war. Whrend nun der Frst die Feder nahm, eine Seite aussuchte
und sich zu schreiben anschickte, trat Ganj an den Kamin, wo Aglaja
rechts vom Fenster in dessen nchster Nhe stand, und flsterte ihr mit
bebender, vor Erregung stockender Stimme ins Ohr:

Nur ein Wort, nur ein einziges Wort von Ihnen -- und ich bin gerettet!

Der Frst wandte sich hastig um und sah beide an. Aus Ganjs Gesicht
sprach fast Verzweiflung. Allem Anschein nach hatte er diese Worte
vllig unberlegt, vielleicht sogar halb besinnungslos gesprochen.
Aglaja dagegen ma ihn ein paar Sekunden lang mit demselben ruhigen
Erstaunen, mit dem sie kurz vorher den Frsten angeblickt hatte, und
dieses ihr ruhiges Erstaunen, dieses vollkommene Nichtverstehenknnen
dessen, was zu ihr gesprochen wurde, war fr Ganj in jenem Augenblick
noch schrecklicher, als es die grte Verachtung gewesen wre.

Was soll ich schreiben? fragte der Frst.

Das werde ich Ihnen sogleich diktieren, sagte Aglaja, sich zu ihm
wendend. Sind Sie bereit? Dann schreiben Sie: >Ich lasse mich in keinen
Handel ein.< Jetzt schreiben Sie noch das Datum und den Monat. Zeigen
Sie.

Der Frst reichte ihr das Album.

Vorzglich! Sie haben es ausgezeichnet geschrieben! Sie haben die
schnste Handschrift, die ich je gesehen! Ich danke Ihnen. Auf
Wiedersehen, Frst ... Warten Sie -- ihr schien noch etwas einzufallen
-- kommen Sie, ich will Ihnen etwas zum Andenken schenken.

Der Frst folgte ihr; im Speisezimmer blieb Aglaja pltzlich stehen.

Lesen Sie dies, sagte sie, indem sie ihm Ganjs Brief hinhielt.

Der Frst nahm den Brief, blickte jedoch Aglaja verstndnislos fragend
an.

Ich wei es, da Sie ihn nicht gelesen haben und auch nicht der
Vertraute dieses Menschen sein knnen, sagte Aglaja. Lesen Sie den
Brief, ich will es, da Sie ihn lesen.

Der Brief war offenbar in aller Eile geschrieben:

   Heute wird sich mein Schicksal entscheiden. Sie wissen, auf welche
   Weise. Heute werde ich mein Wort geben mssen, und das soll
   unwiderruflich sein. Auf Ihr Mitleid habe ich kein Anrecht, und mir
   Hoffnungen zu machen, das wage ich nicht. Doch einmal haben Sie ein
   Wort fallen lassen, nur ein einziges Wort, und dieses Wort hat die
   ganze finstere Nacht meines Lebens erhellt und ist mir zur Leuchte
   geworden, die mir den richtigen Weg weist. Sagen Sie jetzt noch
   einmal ein solches Wort -- und Sie werden mich erretten, mich vor
   dem Untergang bewahren. Sagen Sie mir nur: >_Brich!_< -- und ich
   werde es heute noch tun, werde heute noch alles von mir werfen! Oh,
   was macht es Ihnen denn aus, dieses eine Wort zu sagen! Mit der
   Bitte um dieses eine Wort flehe ich Sie nur um ein Zeichen Ihrer
   Teilnahme, Ihres Mitleids an -- nur, _nur_ um Ihre Teilnahme! Und
   weiter nichts, _nichts_! Ich wage mich keinerlei Hoffnungen
   hinzugeben, denn ihrer Erfllung wre ich nicht wert. Doch sagen Sie
   nur das eine Wort, und ich werde von neuem meine Armut auf mich
   nehmen und freudig meine verzweifelte Lage ertragen. Ich werde den
   Kampf aufnehmen, werde mich freuen auf ihn und im Kampf mit neuen
   Krften wiedergeboren werden! Senden Sie mir dieses eine Wort des
   Mitgefhls (_nur_ des Mitgefhls, ich schwre es Ihnen!) und tragen
   Sie diese Khnheit dem Verzweifelten, dem Ertrinkenden nicht nach,
   der es wagt, eine letzte Anstrengung zu machen, um sich vor dem
   Untergang zu bewahren!

                                                                G. I.

Dieser Mensch versichert, sagte Aglaja scharf, als der Frst den Brief
zu Ende gelesen hatte, da das verlangte Wort, er solle mit allem
brechen, mich nicht kompromittieren und auch zu nichts verpflichten
wrde, wofr er mir noch, wie Sie sehen, in diesem Brief eine
schriftliche Garantie gibt. Bitte, beachten Sie doch nur, wie naiv er
sich beeilt hat, einzelne Wrtchen zu unterstreichen, und wie plump
dabei doch sein geheimer Gedanke berall hervorschaut. Im brigen wei
er sehr gut, da ich, wenn er mit allem brechen wrde -- aber aus
eigenem Antriebe, von sich aus, ohne mein Wort zu erwarten oder
berhaupt mir etwas davon zu sagen, ohne jede Hoffnung auf mich -- da
ich dann anders ber ihn denken und vielleicht sogar sein Freund werden
wrde. Das wei er selbst ganz genau! Aber er hat eine schmutzige Seele:
er wei es, und dennoch entschliet er sich nicht, sondern bittet um
Garantien. Er ist unfhig, auf sein eigenes Risiko hin sich zu
entscheiden; er will, da ich ihm, als Ersatz fr die dort aushngenden
Hunderttausend, auf mich zu hoffen erlaube. Und was das frher einmal
von mir ausgesprochene Wort betrifft, von dem er im Brief spricht, und
das sein ganzes Leben erhellt haben soll, so lgt er einfach
unverschmt. Ich habe ihn nur einmal flchtig bedauert, und das ist
alles. Ihm aber ist in seiner Frechheit sogleich der Gedanke an die
Mglichkeit einer Hoffnung gekommen. Das merkte ich sehr bald. Seit der
Zeit sucht er mich nun in die Falle zu locken. Und das tut er auch
jetzt. Doch genug davon. Behalten Sie diesen Brief und geben Sie ihn ihm
zurck, sogleich, das heit natrlich, sobald Sie unser Haus verlassen
haben, nicht frher.

Und was soll ich ihm als Antwort sagen?

Nichts, versteht sich. Das ist die beste Antwort. Ach so, Sie wollen,
glaube ich, bei ihm wohnen?

Iwan Fedorowitsch hat mir vorhin selbst diesen Rat gegeben, antwortete
der Frst.

Dann seien Sie auf der Hut vor diesem Menschen, ich warne Sie, er wird
es Ihnen nie verzeihen, da Sie ihm diesen Brief zurckgeben.

Aglaja drckte dem Frsten leicht die Hand und ging hinaus. Ihr Gesicht
war ernst und verriet ihren Unmut; sie lchelte nicht einmal, als sie
dem Frsten zum Abschied zunickte.

Sofort, ich hole nur noch mein Bndel, sagte der Frst zu Ganj, dann
gehen wir.

Ganj stampfte vor Ungeduld mit dem Fu auf. Sein Gesicht wurde ganz
dunkel vor Wut. Endlich traten sie beide auf die Strae, der Frst mit
seinem Bndel in der Hand.

Die Antwort, die Antwort? drngte Ganj wieder in grter Spannung.
Was hat sie Ihnen gesagt? Haben Sie ihr den Brief gegeben?

Der Frst reichte ihm schweigend den Brief. Ganj erstarrte.

Wie! Mein Brief! schrie er. Er hat ihn ihr berhaupt nicht gegeben!
Haha, das htte ich mir doch denken knnen! Oh, ver--r--rfl ...
Natrlich konnte sie dann nichts verstehen vorhin! Aber wie denn, wie
konnten Sie ihr denn meinen Brief nicht bergeben, o ver--r--rrfluch
...

Entschuldigen Sie, im Gegenteil: zufllig konnte ich ihr den Brief
sogleich, nachdem ich ihn erhalten hatte, einhndigen, und zwar ganz so,
wie Sie es wnschten. Ich bin nur jetzt wieder in seinen Besitz
gekommen, weil Aglaja Iwanowna ihn mir zurckgegeben hat.

Wann? Wann?

Nachdem ich in ihr Album eingeschrieben hatte und auf ihre Bitte ihr
ins andere Zimmer folgte -- Sie waren doch zugegen? Wir kamen ins
Speisezimmer, sie reichte mir den Brief, wnschte ausdrcklich, da ich
ihn lese und dann -- Ihnen zurckgebe.

Da Sie ihn l--e--esen? schrie Ganj fast aus vollem Halse,
l--e--esen? Und Sie lasen ihn?

Ganj blieb wie zu Stein erstarrt mitten auf dem Trottoir stehen und war
dermaen erstaunt, da er sogar den Mund zu schlieen verga.

Ja, ich las ihn.

Und sie selbst, sie selbst gab Ihnen den Brief zum Durchlesen? Sie
selbst?

Ja, sie selbst, und Sie knnen mir glauben, da ich ihn ohne ihre
Aufforderung gewi nicht gelesen htte.

Ganj schwieg eine Weile in qualvoll angestrengtem Nachdenken, doch
pltzlich packte ihn wieder die Wut:

Das kann nicht sein! Sie hat Ihnen den Brief unmglich zum Durchlesen
geben knnen! Sie lgen! Sie haben ihn eigenmchtig gelesen!

Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt, sagte der Frst in demselben
ruhigen Ton, und ich versichere Sie, es tut mir sehr leid, da diese
Nachricht einen so unangenehmen Eindruck auf Sie macht.

Aber, Sie Unglcksmensch, sie hat Ihnen bei der Gelegenheit doch
wenigstens etwas gesagt! Irgend etwas mu sie doch geantwortet haben!

Ja gewi ...

Aber dann tun Sie doch den Mund auf, reden Sie doch, sprechen Sie, zum
Teufel! ...

Und Ganj stampfte vor Ungeduld und Wut mit dem rechten Fu, der in der
Galosche stak, zweimal aufs Trottoir.

Als ich den Brief zu Ende gelesen hatte, sagte sie mir, da Sie sie in
eine Falle zu locken suchten; Sie mchten sie gern kompromittieren, um
sich dann Hoffnungen, von denen sie nichts wissen wolle, hingeben zu
knnen. Und auf Grund dieser Hoffnungen wrden Sie dann ohne Verlust
eine andere Hoffnung auf hunderttausend Rubel aufgeben. Ferner sagte
sie, da, wenn Sie dieses getan htten, ohne mit ihr zu handeln -- wenn
Sie von sich aus mit dem Frheren gebrochen htten, ohne von ihr im
voraus Garantien fr einen Ersatz zu erbitten -- sie vielleicht Ihr
Freund geworden wre. Und das war alles, glaube ich. Richtig, noch eins:
als ich sie dann fragte, welche Antwort ich Ihnen bringen solle, sagte
sie, da gar keine Antwort die beste Antwort sei -- ich glaube, so
war's. Verzeihen Sie, da ich den genauen Wortlaut vergessen habe und
Ihnen nur den Sinn mit meinen Worten so wiedergebe, wie ich ihn
verstanden habe.

Ganj erbleichte und seine ganze grenzenlose Wut schaffte sich in Worten
Ausdruck.

Ah! Also so! knirschte er. Also meine Briefe werden einfach
fortgeworfen! Ah! Sie lt sich in keinen Handel ein! Schn, dann werde
ich mich in einen Handel einlassen! Wollen wir doch sehen! Mir steht
noch vieles ... Wir werden schon sehen! Ich werde sie schon ins
Bockshorn jagen!

Er zitterte, erbleichte, schumte vor Wut; er drohte sogar mit der Faust
und machte wilde Bewegungen mit den Hnden. So gingen sie ein paar
Schritte. Der Frst genierte ihn nicht im geringsten -- >dieser Idiot<!
Er benahm sich, als wre er ganz allein in seinem Zimmer gewesen. Doch
pltzlich stutzte er und besann sich.

Ja, aber wie denn, wandte er sich an den Frsten, wie kommt es, da
Sie (dieser Idiot! fgte er innerlich wieder hinzu) da Sie pltzlich
dieses Vertrauen genieen, zwei Stunden nach der ersten Bekanntschaft?
Wie ist das zu erklren?

Zu all seinen Qualen kam jetzt noch der Neid hinzu -- der hatte gerade
noch gefehlt! Ganz pltzlich tauchte er auf und stach ihm ins Herz.

Das vermag ich Ihnen freilich nicht zu erklren, antwortete der Frst.

Ganj sah ihn gehssig an.

Sollte es nicht gar ihr _Vertrauen_ sein, was sie Ihnen in dem anderen
Zimmer schenken wollte? Sie sagte doch, bevor sie hinausging, da sie
Ihnen etwas schenken wolle!

Anders fasse ich es auch nicht auf, als gerade so.

Ja, aber wofr denn, zum Teufel noch eins! Was haben Sie denn dort so
Groes vollbracht? Womit haben Sie ihr Vertrauen errungen? Hren Sie,
unterbrach er sich pltzlich in seiner sich berstrzenden Weise --
alles in ihm war in diesem Augenblick gleichsam kopflos
durcheinandergeworfen und kochte in wirrer Unordnung, so da von einem
berlegen oder auch nur einem Zusammenhalten der Gedanken gar keine Rede
sein konnte. Hren Sie, knnen Sie sich denn nicht irgendwie noch
entsinnen oder sich in einigermaen richtiger Reihenfolge dessen
erinnern, was Sie dort gesprochen haben, alles, alles, jedes Wort, ganz
von Anfang an? Haben Sie vielleicht irgend so eine Bemerkung fallen
lassen -- knnen Sie sich denn gar nicht mehr Ihres Gesprchs
entsinnen?

Oh, gewi kann ich das, antwortete der Frst. Ganz zu Anfang, nachdem
das Erste berstanden war, sprachen wir von der Schweiz.

Nun, zum Teufel mit der Schweiz!

Dann sprachen wir von der Todesstrafe ...

Von der Todesstrafe?

Ja; es kam die Rede darauf ... Dann erzhlte ich ihnen, wie ich die
vier Jahre in der Schweiz verbracht habe, und ferner die Geschichte
eines armen Dorfmdchens ...

Ach, zum Teufel alle armen Dorfmdchen! Weiter! Ganj raste innerlich
vor Ungeduld.

Darauf erzhlte ich, wie Schneider mir seine Meinung ber meinen
Charakter gesagt und mich veranlate ...

Der Satan hole Ihren Schneider und seine Meinungen! Weiter!

Weiter -- kamen wir auf Gesichter zu sprechen, auf den Ausdruck der
Gesichter, und bei der Gelegenheit sagte ich, da Aglaja Iwanowna fast
ebenso schn sei, wie Nastassja Filippowna. Und da mute ich denn auch
sagen, da ich ihre Photographie gesehen hatte ...

Aber Sie sagten doch nicht, Sie erzhlten doch nicht, was Sie vorher im
Kabinett gehrt hatten? Nein? Nein?

Ich wiederhole es Ihnen -- nein.

Ja, aber woher denn ... Teufel ... Ach, zum! ... Aber hat Aglaja den
Brief nicht der Alten gezeigt?

Nein, sie hat ihn ihr nicht gezeigt. Dessen kann ich Sie vollkommen
versichern. Ich war die ganze Zeit nachher zugegen, so da ich es
unfehlbar gesehen htte.

Aber vielleicht haben Sie selbst irgend etwas bemerkt ... Oh, dieser
ver-r-rdammte Idiot, knirschte er auer sich -- diesmal ganz laut --
nicht einmal zu erzhlen versteht er etwas!

Ganj, der einmal ins Schimpfen hineingekommen war, hatte allmhlich,
wie das oft mit solchen Menschen geschieht, jede Zurckhaltung verloren.
Es fehlte vielleicht nicht mehr viel, und er htte den Frsten vor Wut
angespien. Doch gerade diese Wut blendete ihn; denn sonst htte er schon
lngst bemerkt, da dieser Idiot, den er so beleidigend behandelte,
sehr schnell und sehr feinfhlig alles begriff und es ungewhnlich
treffend wiederzugeben verstand. Doch da geschah mit einem Male etwas
ganz Unerwartetes.

Ich mu Ihnen sagen, Gawrila Ardalionytsch, sagte pltzlich der Frst,
da ich frher allerdings so krank war, da man mich in der Tat fast
als einen Idioten bezeichnen konnte. Jetzt aber bin ich schon lange
geheilt, und daher ist es mir etwas unangenehm, wenn man mich so
einfach, ins Gesicht, einen Idioten nennt. Zwar kann man Sie, in
Anbetracht Ihrer Mierfolge, noch entschuldigen, doch haben Sie mich in
Ihrem rger zweimal beschimpft. Dem will ich mich nun in der Folge nicht
mehr aussetzen; es ist mir, wie gesagt, sehr unangenehm, zumal es so
bald geschehen ist, nachdem wir uns kaum kennen gelernt haben. Wre es
deshalb nicht besser -- wir sind hier gerade an einer Straenkreuzung --
wenn wir jetzt auseinandergingen: Sie nach rechts, und ich nach links?
Ich bin im Besitz von fnfundzwanzig Rubeln und werde sicher Unterkunft
in irgendeinem _Htel garni_ finden.

Ganj machte ein entsetzlich betretenes Gesicht und wurde dunkelrot vor
Scham -- die Zurechtweisung kam ihm gar zu unerwartet.

Verzeihen Sie, Frst, rief er glhend aus -- sein soeben noch uerst
beleidigender Ton hatte sich schnell in einen uerst hflichen
verwandelt, um Gottes willen, verzeihen Sie! Sie sehen, in welch einer
Lage ich mich befinde! Und dabei wissen Sie noch nicht einmal alles;
wenn Sie aber alles wten, wrden Sie mich vielleicht ein wenig
entschuldigen, obschon ich, versteht sich, nicht mehr zu entschuldigen
bin ...

Oh, so groe Entschuldigungen verlange ich ja gar nicht, unterbrach
ihn der Frst, ich verstehe ja nur zu gut, wie unangenehm Ihnen das
alles sein mu, nur deshalb fluchen und schimpfen Sie so. Nun, gehen wir
also zu Ihnen. Es wird mir ein Vergngen sein ...

Nein, so kann man ihn nicht fortgehen lassen, dachte Ganj bei sich
mit einem gehssigen Seitenblick auf den Frsten. Dieser Spitzbube hat
als Idiot zuerst alles aus mir herausgeholt, um dann die Maske
abzunehmen ... Das hat etwas zu bedeuten. Nun, wir werden ja sehen,
jetzt mu sich alles entscheiden, alles, alles! Und noch heute!

Inzwischen waren sie an dem Hause, in dem Ganj wohnte, angelangt.


                                 VIII.

Ganjs Wohnung lag im dritten Stock, zu dem eine uerst saubere, helle
und breite Treppe hinauffhrte. Sie bestand aus sechs oder sieben
greren und kleineren Zimmern, die, wenn sie sich auch durch nichts
Besonderes auszeichneten, fr eine Beamtenfamilie, in der nur ein
einziger verdiente, doch sicherlich zu teuer war, mochte dieser eine
sich auch auf zweitausend Rubel jhrlich stehen. Es hatte jedoch einen
besonderen Grund, weshalb Iwolgins vor zwei Monaten in diese groe
Wohnung gezogen waren: Ganjs Mutter und Schwester -- Nina Alexandrowna
und Warwara Ardalionowna -- hatten, um die Einknfte wenigstens etwas zu
vergrern, schon vor lngerer Zeit beschlossen, einige Zimmer mit Kost
und Bedienung zu vermieten, was ihnen denn auch nach langen Kmpfen von
seiten Ganjs schlielich erlaubt worden war. Doch trotz seiner
Einwilligung rgerte sich Ganj nicht wenig darber und nannte diese
ganze Vermieterei einfach eine Unanstndigkeit; er glaubte sich jetzt
in der Gesellschaft, in der er bis dahin als junger, hoffnungsvoller
Mann stets mit Selbstbewutsein und als Gentleman aufgetreten war,
seiner Familie geradezu schmen zu mssen. Jedenfalls hinterlieen alle
diese Dmpfer, die ihm das Schicksal zugedacht hatte, und die
Erniedrigungen dieses engen Lebens die tiefsten Wunden in seiner
Seele. Seit einiger Zeit konnte er sich ber jede Kleinigkeit bis zur
Malosigkeit aufregen, und wenn er auch beschlossen hatte, vorlufig
noch nachzugeben und das Vermieten zu dulden, so tat er es doch nur,
weil er sich geschworen hatte, in krzester Frist diesem ganzen Zustande
ein Ende zu machen und eine neue Ordnung und neue Verhltnisse zu
schaffen. Nur sollte es sich leider bald zeigen, da das Mittel, das er
zur Ermglichung einer solchen Vernderung gewhlt hatte, an sich noch
viel unangenehmer und schwieriger war, als alles Vorhergegangene.

Die Wohnung wurde durch einen Korridor, der sogleich am Eingang begann,
in zwei Hlften geteilt. Auf der einen Seite des Korridors lagen die
drei Zimmer, die fr die besonders empfohlenen Mieter bestimmt waren,
und dann noch ein viertes, kleines Zimmerchen neben der Kche, das dem
Familienoberhaupt und verabschiedeten General, Ardalion Alexandrowitsch
Iwolgin, zugewiesen war; er schlief dort auf einem breiten Diwan und
mute stets durch die Kche und ber die Hintertreppe ein- und ausgehen.
In demselben Zimmerchen lebte auch der fnfzehnjhrige Bruder Gawrila
Ardalionytschs, der Gymnasiast Kolj: der mute sich gleichfalls hier
aufhalten, auf einem anderen alten, schmalen und kurzen Diwan schlafen
und vor allen Dingen nach dem Vater sehen, was mit jedem Tage
unerllicher wurde. Dem Frsten wurde das mittlere von den drei Zimmern
zugewiesen; im ersten Zimmer rechts wohnte Herr Ferdyschtschenko, und
links das dritte, stand noch leer. Doch Ganj fhrte den Frsten zuerst
in die Familienhlfte der Wohnung. Diese bestand aus einem Salon, der
zur Essenszeit in ein Speisezimmer verwandelt wurde, aus einem
Empfangszimmer, das aber nur tagsber Empfangszimmer war und am
Abend sich in Ganjs Arbeits- und Schlafzimmer verwandelte, und dann
noch aus einem kleinen, engen, stets verschlossenen Stbchen, in dem
Nina Alexandrowna und Warwara Ardalionowna schliefen. Mit einem Wort,
die ganze Familie hatte sich so eng wie mglich eingerichtet, worber
Ganj vor Emprung innerlich knirschte. Zwar bemhte er sich stets,
ehrerbietig zu seiner Mutter zu sein, aber nichtsdestoweniger merkte man
es doch sofort, da er der groe Despot in der Familie war.

Nina Alexandrowna und Warwara Ardalionowna saen nicht allein im
Empfangszimmer: sie unterhielten sich, beide mit irgendeiner
Strickarbeit beschftigt, mit ihrem Gast, Iwan Petrowitsch Ptizyn. Nina
Alexandrowna mochte etwa fnfzig Jahre alt sein; sie hatte ein hageres,
eingefallenes Gesicht und tiefe Schatten unter den Augen. Sie sah
krnklich und vergrmt aus, doch machten ihr Gesicht und ihr Blick einen
recht angenehmen Eindruck. Schon aus den ersten Worten sprach ein
ernster, ehrbarer Charakter. Trotz ihres vergrmten Antlitzes sah man
ihr sogleich ihre Festigkeit und sogar Entschlossenheit an. Gekleidet
war sie sehr bescheiden, dunkel und altjngferlich; doch ihre
Bewegungen, ihre Sprechweise, ihr ganzes Auftreten verrieten die Dame,
die sich einst in besserer Gesellschaft bewegt hatte.

Warwara Ardalionowna war ein Mdchen von dreiundzwanzig Jahren,
mittelgro, ziemlich hager und mit einem Gesicht, das nicht gerade sehr
schn war, dafr aber das Geheimnis in sich barg, ohne Schnheit zu
gefallen und bis zur Leidenschaft anzuziehen. Sie war der Mutter sehr
hnlich, sogar in ihrer Kleidung; denn ihr Sinn stand nicht danach, sich
zu putzen. Ihre grauen Augen konnten mitunter sehr heiter und freundlich
blicken, doch waren sie gewhnlich ernst und nachdenklich, ja in der
letzten Zeit waren sie es fast allzuoft. Auch aus ihrem Gesicht sprach
Festigkeit und Entschlossenheit, doch fhlte man, da diese
Entschlossenheit noch energischer sein konnte als die der Mutter.
Warwara Ardalionowna konnte sehr heftig werden, und ihr Bruder schien
diese Heftigkeit fast ein wenig zu frchten. Dasselbe tat auch der Gast,
der gerade jetzt bei ihnen sa, Iwan Petrowitsch Ptizyn. Es war das ein
noch junger Mann, von annhernd dreiig Jahren, nicht auffallend, doch
gut gekleidet, mit sympathischem, wenn auch vielleicht ein wenig gar zu
ehrbarem Wesen. Sein kurzgeschnittener, dunkelblonder Bart kennzeichnete
ihn als einen, der nicht im Staatsdienst stand. Er konnte sich sehr
verstndig und angenehm unterhalten, war aber sonst nicht gesprchig und
zog es gewhnlich vor, ganz zu schweigen. Der allgemeine Eindruck, den
er machte, war ein angenehmer. Warwara Ardalionowna war ihm offenbar
nicht gleichgltig, was er brigens auch gar nicht zu verbergen suchte.
Warwara Ardalionowna dagegen verhielt sich zwar freundschaftlich zu ihm,
zgerte aber immer noch mit der Antwort auf eine Frage, von der sie ihn
eigentlich auch nur ungern sprechen hrte, was Ptizyn jedoch durchaus
nicht entmutigte. Nina Alexandrowna war freundlich gegen ihn, und in der
letzten Zeit hatte sie sogar groes Zutrauen zu ihm gefat. brigens war
es allen bekannt, wie er sich sein Geld verdiente, -- da er gegen mehr
oder weniger sichere Garantien Geld zu hohen Prozenten lieh. Mit Ganj
stand er sich sehr gut.

Als der Frst und Gawrila Ardalionytsch eintraten, grte dieser nur
seine Mutter in sehr trockenem Tone, bersah die Schwester vollkommen,
und nachdem er den Frsten vorgestellt hatte, wandte er sich sofort an
Ptizyn, mit dem er gleich darauf das Zimmer verlie. Nina Alexandrowna
sagte dem Frsten ein paar freundliche Worte und befahl Kolj, dessen
Kopf sich gerade durch die Trspalte schob, den Frsten ins mittlere
Zimmer zu fhren. Kolj war ein munterer Knabe mit einem netten Gesicht
und zutraulichem, offenherzigem Benehmen.

Wo ist denn Ihr Gepck? fragte er, als er den Frsten in dessen Zimmer
gefhrt hatte.

Ich habe ein Bndel; es ist im Vorzimmer geblieben.

Ich werde es sofort herschaffen. Wir haben an Dienstboten nur die
Kchin und Matrjona, so da auch ich helfe. Warj[7] sieht nur nach
allem nach und rgert sich. Ganj sagt, Sie seien soeben aus der Schweiz
zurckgekehrt?

Ja.

Ist es schn in der Schweiz?

Sehr schn.

Alles Berge?

Ja.

Ich werde Ihnen sofort Ihre Bndel herbringen.

Warwara Ardalionowna trat ins Zimmer.

Matrjona wird Ihnen sogleich das Bett berziehen. Haben Sie einen
Koffer?

Nein, nur ein Bndel. Ihr Bruder wollte es herbringen; es ist im
Vorzimmer.

Dort ist berhaupt kein Bndel, auer diesem Bndelchen hier; wohin
haben Sie es denn gelegt? fragte Kolj, der wieder zurckgekommen war.

Ja, das ist auch alles, was ich habe, sagte der Frst und nahm sein
Bndel in Empfang.

A--a! Kolj sperrte etwas erstaunt den Mund auf. Und ich dachte
schon, ob nicht Ferdyschtschenko es bereits expediert hat.

Schwatz nicht so dummes Zeug, verwies ihn Warj streng, die auch mit
dem Frsten zwar nicht gerade unhflich, doch sehr trocken sprach.

Chre Bebette, mit mir kann man auch etwas zrtlicher umgehen, ich bin
ja doch nicht Ptizyn.

Dich kann man noch durchhauen, Kolj, so dumm bist du trotz deiner
fnfzehn Jahre. Wenn Sie sonst etwas brauchen, knnen Sie sich an
Matrjona wenden. Um halb fnf speisen wir. Sie knnen gemeinschaftlich
mit uns oder auch in Ihrem Zimmer essen, ganz wie Sie wnschen. Gehen
wir, Kolj, du sollst nicht stren.

Gehen wir, Charaktermensch!

In der Tr stieen sie auf Ganj.

Ist der Vater zu Hause? fragte er Kolj, und als dieser bejahte,
flsterte er ihm etwas zu.

Kolj nickte mit dem Kopf und folgte der Schwester.

Nur auf ein Wort, Frst -- ich habe es ber diesen ... diesen
Scherereien zu sagen vergessen. Ich will Sie um etwas bitten: seien Sie
so gtig und sprechen Sie, wenn es Ihnen nicht gar so schwerfllt, weder
hier davon, was ich mit Aglaja gehabt habe, noch dort davon, was Sie
hier erleben; denn auch hier gibt es genug des Widerwrtigen. Zum
Teufel, brigens ... Versuchen Sie wenigstens, sich heute zu bezwingen.

Ich versichere Sie, da ich weit weniger gesagt habe, als Sie
vermuten, sagte der Frst einigermaen gereizt.

Ihre Stellung zueinander wurde ersichtlich immer feindseliger.

Nun, ich habe heute schon genug durch Sie auszuhalten gehabt. Also mit
einem Wort, ich bitte Sie darum.

Gestatten Sie mir die Frage, Gawrila Ardalionytsch, inwiefern ich denn
vorhin gebunden war, und weshalb ich mit keinem Wort der Photographie
htte Erwhnung tun drfen? Sie hatten mich doch weder darum gebeten,
noch mich in die Verhltnisse eingeweiht.

Pfui, was das fr ein scheuliches Zimmer hier ist, lenkte Ganj von
diesem Gesprch ab, indem er sich mit angewiderter Miene im Zimmer
umsah, dunkel und die Fenster gehen auf den Hof. Sie sind in jeder
Beziehung zur Unzeit zu uns gekommen ... Nun, aber das ist nicht mehr
meine Sache, nicht ich vermiete hier Zimmer.

Ptizyn blickte zur Tr herein und rief Ganj. Dieser verlie eilig den
Frsten und ging hinaus, obwohl er augenscheinlich noch etwas sagen
wollte, doch schien er in der Verlegenheit nicht das richtige Wort
finden zu knnen. Auch das Zimmer hatte er offenbar nur aus Verlegenheit
kritisiert.

Der Frst hatte sich kaum gewaschen und mit einiger Sorgfalt
umgekleidet, als die Tr sich wieder ffnete und eine neue Gestalt
erschien.

Es war das ein Herr von etwa dreiig Jahren, gro von Wuchs,
breitschultrig und mit einem uerst groen Kopf, der durch das
rotblonde krause Haar noch grer erschien, als er an sich schon war.
Sein Gesicht war fleischig und rosig, die Lippen dick, die Nase breit
und platt und die kleinen Augen unter den dicken Lidern schienen
fortwhrend spttisch zu blinzeln. Der Gesamteindruck war der eines
ziemlich unverschmten Menschen. Seine Kleider lieen an Sauberkeit zu
wnschen brig.

Die Tr ffnete er anfangs nur so weit, da er knapp den Kopf
durchschieben konnte. Hierauf betrachtete der durchgeschobene Kopf das
Zimmer etwa fnf Sekunden lang in unvernderter Stellung. Dann erst
begann sich die Tr allmhlich so weit aufzuschieben, da man auch die
Gestalt auf der Schwelle erblickte, doch trat der Herr immer noch nicht
herein, sondern begann, von der Schwelle aus, blinzelnd den Frsten zu
betrachten. Endlich entschlo er sich zum ersten Schritt, schlo die
Tr, trat nher, setzte sich auf einen Stuhl, fate den Frsten mit
krftigem Griff bei der Hand und drckte ihn schrg gegenber auf das
Sofa nieder.

Ferdyschtschenko, stellte er sich vor und blickte aufmerksam und
fragend dem Frsten ins Gesicht.

Nun, und? fragte der Frst, der kaum noch ernst blieb.

'n Mieter, antwortete Ferdyschtschenko, mit dem Daumen ber die Achsel
nach rckwrts weisend, und blickte den Frsten unverndert mit
demselben Ausdruck an.

Sie wollen sich wohl mit mir bekannt machen?

O--oh! war die Antwort des Gastes, worauf er die Stirn in Lngsfalten
legte, whrend das Haar dabei gleichsam zu Berge stieg und er selbst in
die entgegengesetzte Zimmerecke zu schauen begann. Haben Sie Geld?
fragte er pltzlich, sich wieder dem Frsten zuwendend.

Nicht viel.

Wieviel denn auf den Knopf?

Fnfundzwanzig Rubel.

Zeigen Sie mal.

Der Frst entnahm seiner Westentasche den Fnfundzwanzigrubelschein, den
ihm der General Jepantschin gegeben hatte, und reichte ihn
Ferdyschtschenko. Dieser faltete die Note auseinander, betrachtete sie
zuerst von der einen, dann von der anderen Seite, drehte sie nochmals um
und hielt sie dann gegen das Licht.

Sonderbar, meinte er nachdenklich, weshalb mgen sie nur so braun
werden? Diese Fnfundzwanziger werden mitunter verteufelt braun, andere
aber bleichen wiederum vllig aus. Nehmen Sie.

Der Frst nahm sein Geld zurck. Ferdyschtschenko erhob sich vom Stuhl.

Ich bin gekommen, um Sie zu warnen: erstens, mir niemals Geld zu
pumpen; denn ich werde Sie unfehlbar darum bitten.

Gut.

Haben Sie die Absicht, hier zu bezahlen?

Gewi.

Ich nicht. Danke. Ich wohne hier rechts von Ihnen, die erste Tr -- Sie
wissen? Bemhen Sie sich, mich nicht allzuoft zu besuchen. Ich werde
schon zu Ihnen kommen, seien Sie unbesorgt. Den General haben Sie schon
gesehen?

Nein.

Und auch nicht gehrt?

Nein.

Na, dann werden Sie ihn noch sehen und hren; der will ja sogar mich
anpumpen! _Avis au lecteur._{[3]} Leben Sie wohl. Kann man denn leben
mit dem Namen: Ferdyschtschenko? Hm?

Weshalb nicht?

Adieu.

Und er ging zur Tr. Wie der Frst spter erfuhr, hatte es sich dieser
Herr gewissermaen zur Pflicht gemacht, einen jeden durch Originalitt
und Heiterkeit in Erstaunen zu setzen, doch wollte ihm das nie so recht
gelingen. Auf manche Leute machte er sogar einen direkt unangenehmen
Eindruck, was ihm selbst aufrichtigen Kummer bereitete. Trotzdem konnte
er es nicht ber sein Herz bringen, auf den einmal erwhlten Lebensberuf
zu verzichten. In der Tr hatte er Gelegenheit, den Eindruck, den er auf
den Frsten gemacht hatte, seiner Meinung nach noch zu verbessern: im
Begriff hinauszugehen, stie er nmlich mit einem lteren Herrn
zusammen, der gerade eintreten wollte; er trat vor diesem neuen, dem
Frsten gleichfalls unbekannten Gast zur Seite, und nachdem jener an ihm
vorbergegangen war, machte er hinter seinem Rcken verschiedene
warnende Zeichen, worauf er sich mit einem gewissen Siegesbewutsein
schneidig entfernte.

Der neue Gast war gro von Wuchs, etwa fnfundfnfzig Jahre alt oder
noch lter, ziemlich wohlbeleibt, mit einem leuchtendroten, fleischigen,
aufgedunsenen Gesicht, das von einem dichten grauen Backenbart umrahmt
wurde, mit einem Schnurrbart und groen, hervortretenden Augen. Die
Erscheinung wre ziemlich imposant gewesen, wenn ihr nicht etwas
Heruntergekommenes, Schbiges, geradezu Schmieriges angehaftet htte. Er
trug einen alten berrock, dessen Ellenbogen fast durchgerieben waren,
und auch die Wsche war nicht gerade sauber. In seiner Nhe roch es ein
wenig nach Branntwein. Nichtsdestoweniger war sein Auftreten sehr
effektvoll, ein wenig einstudiert vielleicht und augenscheinlich von dem
Wunsch beseelt, unter allen Umstnden Eindruck zu machen. Der Herr
nherte sich dem Frsten mit freundlichem Lcheln, doch ohne sich zu
beeilen, ergriff schweigend seine Hand, und indem er sie in der seinen
behielt, blickte er ihm eine Zeitlang ins Gesicht, als wolle er bekannte
Zge wiedererkennen.

Er! Er! sagte er dann leise und feierlich. Wie leibhaftig! Ich hre
einen mir so bekannten und teuren Namen nennen und mu an die
unwiederbringliche Vergangenheit denken ... Frst Myschkin?

Ja.

General Iwolgin, verabschiedet und unglcklich. Ihr Rufname und
Patronym, wenn ich fragen darf?

Lew Nikolajewitsch.

Ja, ja, ganz recht! Der Sohn meines Freundes und, ich kann wohl sagen,
Spielkameraden, Nikolai Petrowitsch!

Mein Vater hie Nikolai Lwowitsch.

Lwowitsch, verbesserte sich der General, ohne sich zu beeilen, eben
mit der vollkommenen Ruhe eines Menschen, der den Namen nicht im
geringsten vergessen, sondern sich nur zufllig versprochen hat. Er
setzte sich, und den Frsten bei der Hand erfassend, zog er ihn neben
sich auf das Sofa. Ich habe Sie auf den Armen getragen.

Wirklich? fragte der Frst berrascht. Mein Vater ist schon vor
zwanzig Jahren gestorben.

Ja; vor zwanzig Jahren; vor zwanzig Jahren und drei Monaten. Wir haben
zusammen die Schule besucht; ich kam dann zum Militr ...

Auch mein Vater war Offizier -- Sekondeleutnant beim Wassilkoffskischen
Regiment.

Beim Bjelomirskischen. Die Nachricht von seiner Versetzung ins
Bjelomirskische traf kurz vor seinem Tode ein. Ich war zugegen und
drckte ihm die Augen zu. Ihre Mutter ...

Der General hielt inne, wie um seine Ergriffenheit zu berwinden.

Ja, auch sie starb nach einem halben Jahr an einer Erkltung, sagte
der Frst.

Nicht an einer Erkltung! Nicht an einer Erkltung, glauben Sie einem
alten Mann. Ich war zugegen, ich habe auch sie beerdigt. Sie starb aus
Kummer um ihren verlorenen Gatten, nicht aber an einer Erkltung. Ja,
unvergelich ist mir diese Frstin! O Jugend! Ihretwegen wurden wir
beide, der Frst und ich, wir zwei Jugendfreunde, fast zu gegenseitigen
Mrdern.

Der Frst begann, etwas mitrauischer zuzuhren.

Ich hatte mich sterblich in Ihre Mutter verliebt, als sie noch Braut
war -- die Braut meines Freundes. Er aber merkte es! Kommt zu mir,
frhmorgens um sieben Uhr, weckt mich. Ich -- kleide mich ganz
verwundert an ... Schweigen beiderseits. Ich begriff alles. Er nimmt aus
der Tasche zwei Pistolen. Amerikanisches Duell, versteht sich. Ohne
Zeugen. Wozu Zeugen, wenn wir uns nach fnf Minuten beide in die
Ewigkeit befrdern? Wir luden, breiteten das Taschentuch aus, nahmen
jeder seine Stellung ein, setzten die Pistolenmndung einander auf die
Brust und schauten uns an. Pltzlich bricht ein Strom von Trnen aus
unseren Augen, die Hnde sinken herab -- bei beiden, bei beiden
gleichzeitig! Nun, dann natrlich Umarmungen, und jeder kmpft mit
seiner Gromut. Der Frst sagt: >Nimm du sie!< Mit einem Wort ... mit
einem Wort ... Sie wollen bei uns wohnen ... wirklich wohnen?

Ja, eine Zeitlang ... vielleicht, sagte der Frst, gleichsam etwas
stockend.

Frst, Mama lt Sie zu sich bitten, rief pltzlich Kolj, der in der
Tr erschien.

Der Frst erhob sich, doch der General legte ihm seine Rechte auf die
Schulter und drckte ihn wieder aufs Sofa.

Als aufrichtiger und treuer Freund Ihres Vaters will ich Sie warnen,
sagte der General. Ich selbst bin, wie Sie sehen, durch eine tragische
Katastrophe ins Unglck geraten. Doch ohne vor die Schranken, ohne vor
die Schranken gekommen zu sein! Nina Alexandrowna ist eine seltene Frau!
Warwara Ardalionowna, meine Tochter, ist ein seltenes Mdchen! Die
Verhltnisse zwingen uns, Zimmer zu vermieten -- eine unerhrte
Erniedrigung! ... Und das mir, dem es bevorstand, Generalgouverneur zu
werden! ... Doch Sie sind uns zu jeder Zeit willkommen. Aber jetzt,
gerade jetzt spielt sich in meinem Hause eine Tragdie ab!

Der Frst blickte ihn fragend und interessiert an.

Ein Ehe soll geschlossen werden, eine seltsame Ehe! Ein zweideutiges
Frauenzimmer soll einen jungen Mann heiraten, der, wenn er wollte,
Kammerjunker sein knnte. Und dieses Frauenzimmer soll in mein Haus
eingefhrt werden, in dem meine Frau und meine Tochter leben! Doch so
lange, wie ich noch lebe, wird ihr Fu nicht mein Haus betreten! Ich
werde mich auf die Schwelle hinwerfen, mag sie dann ber mich
hinwegtreten! ... Mit Ganj spreche ich jetzt fast berhaupt nicht mehr,
vermeide es sogar, ihm zu begegnen. Ich warne Sie absichtlich. Wenn Sie
bei uns leben werden, werden Sie ja ohnehin Zeuge sein ... Aber Sie sind
der Sohn meines Freundes, und ich kann doch wohl hoffen ...

Verzeihung, Frst. Bitte, seien Sie so freundlich und kommen Sie auf
einen Augenblick zu mir ins Empfangszimmer, unterbrach ihn Nina
Alexandrowna, die diesmal selbst gekommen war, um den Frsten zu sich zu
rufen.

Denke dir nur, mein Schatz, rief ihr der General sofort zu, es stellt
sich heraus, da ich den Frsten als kleines Kind auf meinen Armen
gewiegt habe!

Nina Alexandrowna warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und sah dann
forschend den Frsten an, sagte aber kein Wort. Der Frst folgte ihr.
Doch kaum waren sie im anderen Zimmer angelangt, kaum hatte Nina
Alexandrowna halblaut etwas offenbar Peinliches mitzuteilen begonnen,
als auch der General pltzlich wieder in der Tr erschien. Seine Frau
verstummte sofort und beugte sich ersichtlich rgerlich ber ihre
Strickarbeit. Der General bemerkte ihren rger sehr wohl, lie sich aber
dadurch nicht im geringsten seine gute Laune nehmen.

Der Sohn meines Freundes! rief er begeistert aus, sich an Nina
Alexandrowna wendend. Und so unerwartet! Wie htte ich das noch gestern
erhoffen knnen! Aber, mein Schatz, entsinnst du dich denn wirklich
nicht mehr des seligen Nikolai Lwowitsch? Du trafst ihn doch noch ... in
Twerj?

Nein, ich entsinne mich Nikolai Lwowitschs nicht. Ist das Ihr Vater?
fragte sie den Frsten.

Ja, aber er starb, glaube ich, nicht in Twerj, sondern in
Jelissawetgrad, bemerkte der Frst etwas verlegen. Ich habe es von
Pawlischtscheff gehrt ...

In Twerj starb er, behauptete der General. Kurz vor seinem Tode wurde
er nach Twerj versetzt, vor dem Ausbruch der Krankheit. Sie waren damals
viel zu klein, um sich jetzt noch der Versetzung oder der Reise
entsinnen zu knnen, und Pawlischtscheff kann sich geirrt haben -- er
war ja doch auch nicht mehr als ein Mensch, wenn er auch sonst ein
seltener Mensch war.

Sie kannten auch Pawlischtscheff?

Ein seltener Mensch war er, aber ich war ja doch Augenzeuge, ich habe
ihm die Augen zugedrckt ...

Aber mein Vater starb doch, soviel ich wei, als
Untersuchungsgefangener, bemerkte wieder der Frst, obwohl ich niemals
habe erfahren knnen, welches Vergehens er eigentlich beschuldigt worden
ist. Er starb im Hospital.

Oh, das war doch die Geschichte mit dem Soldaten Kolpakoff -- der Frst
wre ganz zweifellos freigesprochen worden!

Ja? Sie wissen es genau? fragte der Frst lebhaft interessiert.

Das fehlte noch, da ich's nicht wte! rief der General fast
entrstet aus. Das Kriegsgericht lste sich auf, ohne auch nur das
geringste Urteil zu fllen. Ein ganz unmglicher Fall! Man kann sogar
sagen -- geradezu mysteris! Eines Tages stirbt der Hauptmann Larionoff,
unser Kompagniechef; dem Frsten werden zeitweilig die Pflichten
desselben bertragen; schn. Der gemeine Soldat Kolpakoff begeht darauf
einen Diebstahl -- er stiehlt einem Kameraden die Stiefel und vertrinkt
sie; schn. Der Frst -- und vergessen Sie nicht, es geschah in
Gegenwart des Feldwebels und Korporals -- wscht dem Kolpakoff tchtig
den Kopf und droht ihm mit Prgelstrafe. Sehr schn. Kolpakoff geht in
die Kaserne, legt sich auf die Pritsche und nach einer Viertelstunde ist
er tot. Vortrefflich. Aber wie dem auch sein mag, jedenfalls bleibt die
Sache unerklrlich, geradezu unmglich. Nun gut, Kolpakoff wird
beerdigt; der Frst rapportiert und Kolpakoff wird aus den Listen
gestrichen. Die Sache ist erledigt, nicht wahr? Was kann man noch
verlangen? Doch siehe da, genau nach einem halben Jahre steht bei einer
Brigadebesichtigung der Soldat Kolpakoff, als wre er nie gestorben, in
der dritten Rotte des zweiten Bataillons des Nowosemljanskischen
Infanterie-Regiments, in derselben Brigade und derselben Division!

Was! Der Frst fiel natrlich aus den Wolken.

Es verhlt sich nicht so, das ist ein Irrtum! wandte sich pltzlich
Nina Alexandrowna an den Frsten, und ihr Blick bat ihn um Verzeihung.
_Mon mari se trompe_,{[4]} fgte sie leise hinzu.

Aber, mein Schatz, _se trompe_,{[5]} das ist leicht gesagt, aber
urteile du ber diesen Fall! Alles war natrlich baff! Ich htte ja gern
als erster gesagt, _qu'oun se trompe_!{[6]} Zum Unglck aber war ich
Augenzeuge und selbst ein Mitglied der Untersuchungskommission.
Smtliche Konfrontationen ergaben immer nur das eine: da es derselbe,
vollkommen derselbe Kolpakoff war, den man vor einem halben Jahr unter
Trommelwirbel begraben hatte. Der Fall war wirklich eine Seltenheit,
etwas fast Unmgliches, das gebe ich vollkommen zu, aber ...

Papa, das Essen fr Sie ist schon aufgetragen, meldete Warwara
Ardalionowna, ins Zimmer tretend.

Ah, schn, schn! Ich habe auch schon Hunger ... Aber der Fall war, man
kann wohl sagen, sogar psy--cho--logisch ...

Die Suppe wird wieder kalt werden! sagte Warj ungeduldig.

Ich geh' ja schon, murmelte der General, der sich bereits gehorsam auf
den Weg zu seiner Suppe machte, -- ... doch trotz aller
Untersuchungen, hrte man noch vom Korridor her.

Sie werden Ardalion Alexandrowitsch vieles nachsehen mssen, wenn Sie
bei uns bleiben, sagte Nina Alexandrowna zum Frsten. brigens wird er
Sie nicht gar zu oft belstigen. Er speist auch allein. Sie werden
zugeben, da ein jeder seine Mngel hat und seine ... besonderen
Eigenschaften, der kleinen vielleicht noch mehr als der groen, auf die
man gewhnlich mit Fingern zeigt. Nur um eines wollte ich Sie sehr
bitten: falls mein Mann sich einmal wegen des Kostgeldes an Sie wenden
sollte, so sagen Sie, da Sie es mir bereits bezahlt htten.
Selbstverstndlich wird Ihnen auch das, was Sie eventuell Ardalion
Alexandrowitsch geben, als Bezahlung der Pension angerechnet werden, ich
bitte Sie aber nur um der Ordnung willen ... Was ist das, Warj?

Warwara Ardalionowna, die den Vater hinausgeleitet hatte, war wieder
zurckgekehrt und reichte der Mutter Nastassja Filippownas Photographie.
Nina Alexandrowna zuckte zusammen und starrte, anfangs erschrocken, dann
jedoch mit einem erdrckend bitteren Ausdruck auf das Bild der schnen
Frau. Endlich blickte sie auf und sah fragend ihre Tochter an.

Sie hat es ihm heute selbst geschenkt, sagte Warj, und am Abend wird
sich alles entscheiden.

Heute abend!? stie Nina Alexandrowna wie in hoffnungsloser
Verzweiflung leise hervor. Nun, dann kann hierber kein Zweifel mehr
bestehen, dann lohnt es sich auch gar nicht mehr, noch zu hoffen: mit
dem Geschenk des Bildes hat sie alles gesagt ... Hat er es dir selbst
gezeigt? fragte sie gleich darauf ganz verwundert.

Sie wissen doch, da wir schon ber einen Monat kein Wort miteinander
sprechen. Ptizyn hat mir alles erzhlt, das Bild aber lag dort neben dem
Tisch auf dem Fuboden. Ich hob es auf.

Ich wollte Sie fragen, Frst, wandte sich Nina Alexandrowna an ihn,
deshalb bat ich Sie auch her -- ob Sie meinen Sohn schon lange kennen?
Er sagte, wenn ich mich nicht irre, da Sie heute erst irgendwoher
angekommen seien.

Der Frst gab ihr in kurzen Worten die ntigen Erklrungen. Mutter und
Tochter hrten ihn ruhig an.

Glauben Sie nicht, da ich Sie ber Gawrila Ardalionytsch ausforschen
will, wenn ich Sie einiges frage, sagte Nina Alexandrowna. O nein, das
mssen Sie nicht von mir denken. Wenn es etwas gibt, was er mir nicht
selbst sagen kann, so will ich sicher nicht hinter seinem Rcken danach
forschen. Ich meine nur ... Ganj sagte vorhin auf meine Frage, als Sie
hinausgegangen waren: >Er wei alles, vor ihm braucht man sich nicht zu
genieren!< Was hat das nun zu bedeuten? Ich meine nur ... ich mchte
gern wissen, inwiefern ...

Ganj und Ptizyn traten ins Zimmer. Nina Alexandrowna verstummte. Der
Frst blieb ruhig auf seinem Platz neben ihr sitzen, Warj jedoch trat
zur Seite. Nastassja Filippownas Bild lag, allen sichtbar, auf ihrem
Nhtischchen. Ganj bemerkte es sogleich, runzelte die Stirn, nahm es,
ohne zu fragen, fort und warf es rgerlich auf seinen Schreibtisch, der
am anderen Ende des Zimmers stand.

Was heute, Ganj? fragte pltzlich Nina Alexandrowna.

Was heute? fuhr Ganj auf und zornig wandte er sich an den Frsten.
Ah, ich verstehe, auch hier haben Sie! ... Ja, zum Teufel, ist das bei
Ihnen eine _Krank--heit_ oder was sonst fr eine Manie? Knnen Sie denn
wirklich nicht den Mund halten? So begreifen Sie doch wenigstens
endlich, Frst ...

Hier bin diesmal ich der Schuldige, Ganj, und kein anderer,
unterbrach ihn Ptizyn.

Ganj sah ihn fragend an.

Es ist schon besser so, Ganj, fuhr Ptizyn fort, um so mehr als es
doch schon beschlossene Sache ist, brummte er halblaut, trat zur Seite,
setzte sich am Tisch nieder und zog aus seiner Tasche ein mit Bleistift
beschriebenes Blatt Papier hervor, das er aufmerksam zu studieren
begann.

Ganj blieb finster stehen und erwartete unruhig eine Familienszene.
Sich beim Frsten zu entschuldigen, fiel ihm gar nicht ein.

Wenn alles beschlossen ist, so hat Iwan Petrowitsch natrlich recht,
pflichtete Nina Alexandrowna Ptizyn bei. Sei, bitte, nicht so bse und
rege dich nicht auf, Ganj, ich werde dich nicht danach fragen, wenn du
es nicht selbst erzhlen willst, und ich versichere dir, da ich mich
vollkommen ergeben habe. Also sei so gut und rege dich nicht mehr auf.

Sie sagte es, ohne von der Arbeit aufzublicken, und war auch allem
Anschein nach tatschlich ruhig. Ganj war etwas erstaunt, schwieg
jedoch vorsichtshalber und wartete, was sie weiter sagen wrde. Diese
Familienszenen kamen seinen Nerven etwas teuer zu stehen. Nina
Alexandrowna bemerkte diese Vorsicht, und so fgte sie mit bitterem
Lcheln hinzu:

Du zweifelst wohl immer noch und glaubst mir nicht. Ich versichere dir,
es wird weder Trnen noch Bitten geben wie frher, wenigstens nicht
meinerseits. Alles, was ich wnsche, ist ja nur, dich glcklich zu
sehen; das weit du doch. Ich habe mich dem Schicksal ergeben. Mein Herz
wird immer bei dir sein, gleichviel ob wir beisammenbleiben oder
auseinandergehn. Selbstverstndlich rede ich nur von mir, und du kannst
nicht verlangen, da auch deine Schwester ...

Ah, versteht sich! Wieder die Schwester! rief Ganj spttisch aus, mit
haerflltem Blick auf Warj. Mama! Ich schwre Ihnen nochmals, worauf
ich Ihnen schon mein Wort gegeben habe: solange ich hier bin, solange
ich lebe, wird niemand Ihnen seine Achtung versagen drfen. Gleichviel,
wer es sei: wer ber unsere Schwelle hereintritt, ist Ihnen die grte
Ehrerbietung schuldig ...

Ganj war so erfreut, da er fast zrtlich auf seine Mutter blickte.

Fr mich habe ich auch niemals etwas gefrchtet, Ganj, ich habe mich
nicht meinetwegen beunruhigt und geqult, das weit du. Heute, sagt man,
werde sich alles entscheiden -- was wird sich denn entscheiden?

Sie hat versprochen, heute abend zu erklren, ob sie einverstanden ist
oder nicht, antwortete Ganj.

Wir haben beinahe drei Wochen jedes Wort ber diese Angelegenheit
vermieden, und das war auch das Beste, was wir tun konnten. Jetzt, wo
nichts mehr zu ndern ist, erlaube ich mir nur eines -- dich zu fragen:
wie hat sie denn deinen Antrag annehmen und dir sogar ihr Bild schenken
knnen, wenn du sie doch nicht liebst? Hast du denn wirklich eine so ...
eine so ...

Nun, eine so erfahrene, wie?

Ich wollte mich nicht so ausdrcken. Hast du ihr denn wirklich in
solchem Mae ... Sand in die Augen zu streuen vermocht?

Eine ungewhnliche Gereiztheit klang pltzlich aus dieser Frage. Ganj
stand, dachte eine Weile nach und sagte dann mit unverhohlenem Spott:

Sie haben sich hinreien lassen, Mama, haben sich doch nicht bemeistern
knnen. So haben ja alle diese Gesprche bei uns begonnen. Sie sagten,
es wrde weder Fragen noch Vorwrfe geben, und da haben wir nun beides!
Wozu von neuem anfangen? Lassen wir es doch lieber, es ist wirklich
besser. Wenigstens haben Sie die Absicht gehabt ... Ich werde meine
Eltern und Geschwister niemals verlassen, unter keinen Umstnden; ein
anderer wrde von einer solchen Schwester zum mindesten fortlaufen, --
seht doch, wie sie mich fixiert! Doch beenden wir dieses Gesprch! Ich
hatte mich schon so gefreut ... Woher wissen Sie denn, da ich Nastassja
Filippowna betrge? Und was Warj betrifft, so -- nun, wie sie selbst
will. Doch genug! ... Aber jetzt wirklich einmal Schlu damit!

Ganj wurde mit jedem Wort erregter und wanderte ziellos im Zimmer
umher. Diese Gesprche waren der wunde Punkt der Familie.

Ich habe gesagt, sobald sie hier eintritt, gehe ich von hier fort, und
ich werde mein Wort halten, sagte Warj.

Aus Eigensinn! Natrlich! rief Ganj wtend aus. Aus Eigensinn will
sie ja auch nicht heiraten! Was zuckst du mit der Schulter? Mir ist es
wahrhaftig ganz egal, was Sie zu tun gedenken, gndigste Warwara
Ardalionowna! Ist es gefllig, dann -- bitte: fhren Sie Ihre Absicht
ohne Aufschub aus. Wei Gott, ich hab' Sie mehr als satt. Wie! Sie
entschlieen sich also endlich doch, uns allein zu lassen, Frst?
wandte er sich an diesen, als er bemerkte, da der Frst sich erhob.

Ganjs Stimme verriet bereits jenen Grad von Gereiztheit, in dem der
Mensch sich fast ber dieselbe freut und sich rckhaltlos und womglich
mit wachsender Freude von ihr hinreien lt, gleichviel wohin sie ihn
fhren kann. Der Frst wandte sich in der Tr zurck, um etwas zu
entgegnen, doch als er an dem krankhaft verzerrten Gesicht seines
Beleidigers sah, da nur noch ein Tropfen zum berflieen fehlte, trat
er schweigend aus dem Zimmer und zog die Tr hinter sich zu. Kaum war er
ein paar Schritte gegangen, als die Stimmen im Empfangszimmer noch
bedeutend lauter und heftiger wurden.

Er ging durch den sogenannten Salon -- richtiger die gute Stube --
ins Vorzimmer, um von dort durch den Korridor in sein Zimmer zu
gelangen, doch im Vorbergehen an der Eingangstr bemerkte er, da
drauen auf dem Treppenflur sich jemand vergeblich bemhte, die Klingel
zu ziehen. Am Klingelzuge mute aber irgend etwas nicht ganz in Ordnung
sein, denn die Glocke zitterte nur, doch ein Ton war nicht zu hren. Der
Frst trat nher, schlo auf, ffnete die Tr und -- trat
zusammenzuckend erschrocken einen Schritt zurck: vor ihm stand
Nastassja Filippowna. Er erkannte sie sofort. Ihre Augen blitzten vor
Unwillen. Sie trat schnell ins Vorzimmer, wobei sie ihn mit der Schulter
berhrte, da er ihr im Wege stand und sagte zornig, indem sie den Pelz
abwarf:

Wenn ein Diener zu faul ist, den Klingelzug in Ordnung zu bringen, so
sollte er doch wenigstens im Flur sitzen, damit man nicht stundenlang
vergeblich zu klopfen braucht. Da hat er noch den Pelz fallen lassen,
Tlpel!

Der Pelz lag tatschlich auf dem Fuboden. Nastassja Filippowna hatte,
an Bedienung gewhnt, den Pelz einfach abgeworfen, ohne sich umzusehen
oder zu warten, bis der Frst ihn ihr abgenommen htte. Dieser aber
versumte es, ihn aufzufangen.

Dich mte man wahrlich entlassen. Geh, melde mich.

Der Frst wollte zwar etwas sagen, war jedoch so verwirrt, da er nichts
hervorbrachte und mit dem Pelz, den er aufgehoben hatte, in das
Empfangszimmer gehn wollte.

Da! -- er geht mitsamt dem Pelz! Wozu nimmst du denn den Pelz mit!
Hahaha! Oder bist du total verrckt?

Der Frst kehrte zurck und starrte sie wie ein Gtzenbild an. Erst nach
ihrem Lachen kam etwas Leben in sein Gesicht: er lchelte, doch die
Zunge konnte er immer noch nicht bewegen. Im ersten Augenblick, als er
ihr die Tr geffnet hatte, war er erbleicht, jetzt stieg pltzlich eine
heie Blutwelle in sein Gesicht.

Ach, das ist ja ein Idiot! rief Nastassja Filippowna aus. Nun, wohin
gehst du denn? So wart' doch! Nun, wen wirst du denn melden?

Nastassja Filippowna, murmelte der Frst.

Woher kennst du mich? fragte sie erstaunt. Ich habe dich nie gesehen!
Geh jetzt, melde mich! Was ist das fr ein Geschrei?

Sie streiten dort, antwortete der Frst und begab sich ins
Empfangszimmer.

Er erschien dort in einem recht gefhrlichen Augenblick: Nina
Alexandrowna war bereits im Begriff, gnzlich zu vergessen, da sie sich
vollkommen ergeben hatte. Ihre Tochter verteidigte sie. Ptizyn hatte
sein mit Bleifeder beschriebenes Blatt Papier weggelegt und stand jetzt
neben Warj, die zwar selbst keine Angst hatte -- doch wurden die
Grobheiten ihres Bruders mit jedem Wort unertrglicher, und in solchen
Fllen pflegte sie gewhnlich zu verstummen und dann nur mit unsglich
spttischem Blick den Bruder zu betrachten, ohne auch nur auf eine
Sekunde die Augen von ihm abzuwenden. Dieses Verhalten aber konnte
Ganj, wie sie sehr wohl wute, bis zum uersten bringen. In diesem
Augenblick trat der Frst ins Zimmer und meldete:

Nastassja Filippowna.


                                  IX.

Alles verstummte. Alle blickten den Frsten an, als knnten oder wollten
sie ihn nicht verstehen. Ganj war vor Schreck wie zu Stein erstarrt.

Nastassja Filippownas Besuch war fr alle -- und namentlich noch in
diesem Augenblick -- eine wahrhaft erschreckende berraschung. Es war
ihr erster Besuch in diesem Hause! Bis dahin hatte sie sich dermaen
hochmtig zu ihnen verhalten, da in den Gesprchen mit Ganj nicht
einmal der Wunsch, seine Familie kennen zu lernen, von ihr geuert
worden war. In der letzten Zeit hatte sie seine Verwandten berhaupt
nicht mehr erwhnt, ganz als gbe es gar keine. Zwar war es Ganj
einesteils auch ganz angenehm gewesen, da dieses fr ihn so unangenehme
Gesprch hinausgeschoben wurde, doch im Herzen trug er diesen Hochmut
sofort in ihr Schuldbuch ein. Jedenfalls aber hatte er von ihr eher
spitze Bemerkungen ber seine Familie erwartet als einen Besuch. Er
wute ganz genau, da ihr alles bekannt war, was bei ihm zu Hause
infolge seiner Werbung um ihre Hand vorging, und welcher Meinung seine
Familie ber sie war. Ihr Besuch jedoch gerade an _diesem_ Tage und in
_diesem_ Augenblick, nachdem sie ihm ihr Bild geschenkt und am Abend
desselben Tages das letzte entscheidende Wort zu sagen versprochen hatte
-- war das nicht ebensogut wie dieses Wort selbst?

Die starre Verstndnislosigkeit, mit der alle den Frsten ansahen,
dauerte nicht lange: Nastassja Filippowna erschien selbst in der Tr und
stie beim Eintritt wiederum den Frsten leicht zur Seite.

Endlich ist es mir gelungen, einzutreten ... Warum binden Sie denn die
Glocke fest? sagte sie frhlich, indem sie Ganj, der ihr sofort
entgegenstrzte, die Hand reichte. Warum machen Sie ein so verdutztes
Gesicht? Stellen Sie mich doch vor, bitte ...

Ganj, der gnzlich den Kopf verloren hatte, stellte sie zuerst seiner
Schwester vor, und beide Frauen maen einander, bevor sie sich die Hand
reichten, mit seltsamem Blick. Nastassja Filippowna lachte brigens und
markierte Frhlichkeit, doch Warj wollte sich nicht verstellen und sah
sie finster und unverwandt an; nicht einmal der Schatten eines Lchelns
erschien auf ihrem Gesicht. Ganj erbleichte; sie bitten oder bereden
war unmglich, und so blickte er sie nur so drohend an, da sie aus
seinem Blick wohl begreifen mute, was die Minute fr sie bedeutete. Da
entschlo sie sich denn, nachzugeben, und sie lchelte Nastassja
Filippowna kaum merklich zu. Der schlechte Eindruck wurde etwas wieder
gutgemacht durch Nina Alexandrowna, welcher Ganj in seiner Verwirrung
Nastassja Filippowna nach der Schwester vorstellte. Doch kaum begann
Nina Alexandrowna etwas von ihrem besonderen Vergngen zu sprechen,
als Nastassja Filippowna, ohne sie bis zu Ende anzuhren, sich schon an
Ganj wandte, den sie, sich unaufgefordert auf ein kleines Sofa in der
Ecke am Fenster setzend, lachend fragte:

Wo ist denn Ihr Bureau? Und ... und wo sind denn die Pensionre? Sie
vermieten doch mblierte Zimmer mit Kost und Bedienung?

Ganj wurde feuerrot und wollte etwas erwidern, doch Nastassja
Filippowna lie ihn nicht zu Worte kommen:

Aber wie knnen Sie denn hier Pensionre halten? Sie haben ja nicht
einmal ein Arbeitszimmer fr sich! Bringt denn das auch viel ein?
wandte sie sich an Nina Alexandrowna.

Es macht ein wenig Mhe, antwortete diese, aber selbstverstndlich
mu es doch etwas einbringen. Wir haben brigens erst ...

Doch Nastassja Filippowna hrte ihr schon wieder nicht mehr zu: sie
betrachtete Ganj, lachte und fragte:

Was machen Sie denn fr ein Gesicht? Oh, mein Gott, sehen Sie doch nur,
was fr ein Gesicht er macht!

Whrend sie noch lachte, ging in Ganjs Gesicht eine groe Vernderung
vor sich: die Starrheit, die lcherliche, feige Fassungslosigkeit
verlieen ihn ganz pltzlich; er erbleichte unheimlich, seine Lippen
verzogen sich wie in einem krampfartigen Zucken, und schweigend,
unverwandt und ruhig sah er mit Bses verheiendem Blick seinem
lachenden Gast in die Augen.

Es war aber noch ein Beobachter anwesend, dem, wenn er auch immer noch
auf demselben Fleck an der Tr des Empfangszimmers stand, doch pltzlich
die Blsse und die unheilverkndende Vernderung in Ganjs Gesicht
auffiel, und den sie erschrecken machte. Dieser Beobachter war der
Frst. Fast mechanisch trat er vor und nherte sich Ganj:

Trinken Sie Wasser ... und sehen Sie nicht so ... stie er leise
hervor.

Man sah es ihm an, da er es ohne jede berlegung oder gar Berechnung
sagte, sondern da einfach sein Instinkt aus ihm sprach. Doch seine
Worte machten einen entsetzlichen Eindruck. Wie es schien, wandte sich
Ganjs ganze Wut pltzlich gegen den Frsten: er packte ihn an der
Schulter und blickte ihn mit unsglichem Ha an, mit einem Ha, der ihn
kein Wort hervorbringen lie. Alle fuhren zusammen. Nina Alexandrowna
schrie sogar leise auf. Ptizyn nherte sich schnell. Kolj und
Ferdyschtschenko, die in der offenen Tr erschienen, blieben verwundert
stehen. Nur Warj blickte unverndert unter der Stirn hervor und
beobachtete aufmerksam. Sie setzte sich absichtlich nicht, sondern
stand, die Arme ber der Brust gekreuzt, etwas abseits neben dem Stuhl
der Mutter.

Im brigen besann sich Ganj sofort, fast schon im nchsten Augenblick.
Dann lachte er nervs auf. Da war er bereits ganz zur Besinnung
gekommen!

Ja, sind Sie denn ein Arzt, Frst? rief er aus, bemht, mglichst
heiter zu erscheinen. Sie knnen einen ja wahrhaftig erschrecken!
Nastassja Filippowna, gestatten Sie, Ihnen vorzustellen -- ein kostbares
Subjekt! Zwar kenne ich ihn selbst erst seit dem Morgen ...

Nastassja Filippowna blickte erstaunt den Frsten an.

Frst? Er ist ein Frst? Denken Sie sich, ich hielt ihn, als ich
eintrat, dort im Vorzimmer fr den Diener und schickte ihn her, um mich
anzumelden! Hahaha!

Kein Malheur, kein Malheur! fiel Ferdyschtschenko sofort nhertretend
ein, sichtlich erfreut darber, da man zu lachen begann: Das hat
nichts zu sagen: _se non  vero_ ...

Und ich habe Sie ja fast gescholten, Frst. Verzeihen Sie, bitte. Aber
wie kommen Sie denn, Ferdyschtschenko, zu dieser Tageszeit hierher?
Haben Sie heute Feiertag? Ich glaubte, da ich zum mindesten Sie hier
nicht antreffen wrde. Was? Wer? Was fr ein Frst? Myschkin? fragte
sie Ganj, der ihr inzwischen den Frsten, den er immer noch an der
Schulter hielt, vorgestellt hatte.

Er wohnt bei uns, erluterte Ganj.

Augenscheinlich wurde der Frst, (der als Retter aus der peinlichen
Situation allen sehr gelegen kam) wie etwas Seltenes vorgestellt, ja, er
wurde ihrer Aufmerksamkeit nahezu aufgedrngt. Der Frst hrte sogar das
Wort Idiot hinter seinem Rcken flstern, das wahrscheinlich
Ferdyschtschenko Nastassja Filippowna zur Erklrung zuraunte.

Sagen Sie doch, warum klrten Sie mich vorhin nicht auf, als ich mich
so unverzeihlich ... in Ihnen tuschte? fragte Nastassja Filippowna,
die den Frsten in der ungeniertesten Weise vom Kopf bis zu den Fen
betrachtete.

Sie erwartete ungeduldig, was er sagen wrde, ganz, als wre sie von
vornherein berzeugt gewesen, eine so dumme Antwort zu erhalten, da
alle in schallendes Gelchter ausbrechen mten.

Ich war zu berrascht, als ich Sie so pltzlich vor mir sah ... begann
der Frst.

Aber woher wuten Sie denn, wer ich bin? Wo haben Sie mich frher
gesehen? Aber was ist das, wirklich, es scheint mir, da ich Sie
irgendwo gesehen habe ... Und erlauben Sie, -- warum erstarrten Sie denn
pltzlich, nachdem Sie mir die Tr aufgemacht hatten? Was ist denn an
mir, das so erstarren machen kann?

Nun! na! los doch! rief ihm Ferdyschtschenko Grimassen schneidend in
aufmunternd sein sollendem Tone zu. Na, schieen Sie doch los!
Herrgott! was ich auf eine solche Frage reden wrde! Aber so ... na!
Ach, bist du aber ein Tlpel, Frst!

Oh, an Ihrer Stelle wrde auch ich zu reden verstehen, wandte sich der
Frst lchelnd an Ferdyschtschenko. Mich hat heute Ihre Photographie
frappiert, fuhr er zu Nastassja Filippowna fort, dann habe ich mit
Jepantschins von Ihnen gesprochen ... und frh am Morgen, noch bevor ich
in Petersburg angekommen war, hat mir im Eisenbahnzuge Parfen Rogoshin
viel von Ihnen erzhlt. Und in jenem Augenblick, als ich Ihnen die Tr
aufmachte, dachte ich auch wieder an Sie -- und da standen Sie pltzlich
vor mir.

Aber wie haben Sie mich denn erkannt?

Nach der Photographie und ...

Und?

Und ... weil ich Sie mir gerade so vorstellte ... Ich glaube, Sie
gleichfalls irgendwo gesehen zu haben.

Wo? Wo?

Ich glaube Ihre Augen irgendwo gesehen zu haben ... aber das kann ja
nicht sein! Das ist nur so ... Ich bin nie hier gewesen. Vielleicht im
Traum.

Eh--hee! Seht doch mal an! rief Ferdyschtschenko laut dazwischen.
Nein, ich nehme mein >_se non  vero_< zurck! Doch ... doch brigens
-- das hat er ja alles nur aus Unschuld gesagt! fgte er mitleidig
bedauernd hinzu.

Der Frst hatte die wenigen Stze mit einer unruhigen Stimme gesprochen,
dazwischen in der Erregung oft Atem geschpft oder kurz abgebrochen,
weshalb seine Rede denn auch geradezu abgehackt klang. Nastassja
Filippowna sah ihn interessiert an, doch hatte sie aufgehrt zu lachen.
Da ertnte pltzlich eine neue laute Stimme hinter der Gruppe, die
Nastassja Filippowna umstand. Der Neueingetretene brach sich
majesttisch Bahn und -- vor Nastassja Filippowna verneigte sich das
Oberhaupt der Familie in eigener Person. General Iwolgin war im Frack
und in sauberem Vorhemd. Sein Schnurrbart war starr aufgewichst.

Doch das war zuviel fr Ganj:

Dieser selbstgefllige, bis zur Hypochondrie ehrgeizige Mensch, der in
den ganzen zwei Monaten vergeblich nach einem Piedestal gesucht, auf dem
er hher dastehen und sich edler ausnehmen knnte, mute nun fhlen, da
er noch ein Neuling auf dem erwhlten Wege war und vielleicht nicht
einmal bis zum Ende aushalten wrde; dieser Mensch, der sich dann in der
Verzweiflung zur grten Gemeinheit entschlossen hatte, was er bei sich
zu Hause, wo er als richtiger Despot herrschte, auch vollkommen
eingestand, Nastassja Filippowna gegenber jedoch -- die geradezu
unbarmherzig das bergewicht behielt, was sie ihn auch fhlen lie --
nie und nimmer einzugestehen gewagt htte; dieser ungeduldige Bettler,
wie sie ihn einmal genannt, was ihm bald darauf hinterbracht worden war,
hatte sich mit allen Schwren geschworen, sie in der Folge bitter dafr
ben zu lassen, whrend er gleichzeitig wie ein Kind davon trumen
konnte, wie er alles gutmachen, alle Widersprche vereinen und nichts
als Glck schaffen wrde; -- dieser Mensch mute jetzt den furchtbarsten
Kelch leeren! Ihm war auch noch diese schreckliche, fr einen
ehrgeizigen Menschen allerschrecklichste Folter zugedacht: die Qual, fr
seine Angehrigen errten zu mssen, und das dazu noch in seinem eigenen
Hause!

Aber ist denn schlielich der verheiene Lohn auch all dieser Qualen
wert? fuhr es ihm jetzt pltzlich durch den Kopf.

Und in eben diesem Augenblick geschah das, was in den letzten zwei
Monaten wie ein Alpdruck auf ihm gelastet, ihn vor Entsetzen frsteln
und vor Scham erglhen gemacht hatte: Nastassja Filippowna lernte seinen
Vater kennen. Wenn er sich bisweilen selbst gereizt und geqult hatte,
dann hatte er sich wohl den Vater whrend der Zeremonie der kirchlichen
Trauung vorzustellen versucht, doch nie war er fhig gewesen, das
peinigende Bild sich bis zu Ende vorzustellen, sondern hatte es immer
schnell wieder verscheucht. Vielleicht sah er das Unglck viel zu
schwarz -- aber das pflegt ja bei ehrgeizigen Menschen immer der Fall zu
sein! In diesen zwei Monaten hatte er sich die Sache mehrfach berlegt
und dann doch beschlossen und sich das Wort gegeben, seinen Vater
irgendwie unschdlich zu machen, ihn wenigstens fr eine kurze Zeit,
falls das mglich war, ganz aus Petersburg fortzuschaffen, gleichviel,
ob seine Mutter es billigte oder nicht. Vor zehn Minuten, nach Nastassja
Filippownas unerwartetem Erscheinen, war er so bestrzt, so betubt
gewesen, da er an die Mglichkeit, sein Vater knne gleichfalls
erscheinen, gar nicht gedacht hatte. Und nun stand der General hier vor
allen feierlich und lcherlich in Frack und weier Binde, und das in
einem Augenblick, in dem Nastassja Filippowna offenbar nur eine
Gelegenheit suchte, ihn und seine Familie zu verspotten -- davon war
Ganj berzeugt. Denn in der Tat: was konnte dieser ihr Besuch anders
bedeuten? War sie gekommen, um die Freundschaft seiner Mutter und
Schwester zu suchen, oder um sie in ihren vier Wnden zu beleidigen? Ein
Blick gengte, um zu erkennen, wie sich die beiden Parteien zueinander
stellten, und dieser Blick schlo jeden Zweifel aus: seine Mutter und
Schwester saen abseits, wie erniedrigt und verhhnt, whrend Nastassja
Filippowna ganz vergessen zu haben schien, da sie mit ihnen in ein und
demselben Zimmer sa ... Wenn sie sich aber in dieser Weise auffhrte,
so mute sie natrlich etwas Besonderes im Sinn haben.

Ferdyschtschenko sprang sofort herbei, um den General vorzustellen, doch
dieser kam ihm zuvor.

Ardalion Alexandrowitsch Iwolgin, sagte er pathetisch, sich verbeugend
und lchelnd, ein alter, unglcklicher Soldat und Vater einer Familie,
die glcklich ist in der Hoffnung, in ihrem Scho eine so bezaubernde
...

Er sprach nicht zu Ende: Ferdyschtschenko schob ihm von hinten ganz
unverhofft einen Stuhl unter, und zwar tat er das so schwungvoll, da
der General, der nach dem Essen gewhnlich etwas schwach auf den Fen
war, bei diesem pltzlichen Sto in die Kniekehlen wie ein Sack auf den
Sitz plumpste, was ihn im brigen durchaus nicht aus dem Konzept
brachte. So sa er denn jetzt Nastassja Filippowna gegenber, zog mit
sem Lcheln ihre Hand an die Lippen und kte sie langsam und
effektvoll. berhaupt war es ziemlich schwer, den General aus der
Fassung zu bringen. Sein ueres war, abgesehen von einer gewissen
Nachlssigkeit in der Kleidung, immer noch ganz anstndig, was er selbst
wohl wute. Er hatte frher nur in guter Gesellschaft verkehrt, von der
er erst seit zwei oder drei Jahren endgltig ausgeschlossen war. Seit
dieser Zeit hatte er sich auch erst angewhnt, etwas gar zu zgellos
gewissen Schwchen nachzugeben, doch die einmal erworbenen Manieren
hatte er deshalb nicht eingebt. Nastassja Filippowna schien hchst
erfreut ber das Erscheinen Ardalion Alexandrowitschs zu sein, von dem
sie natrlich schon viel gehrt hatte.

Ich habe gehrt, da mein Sohn ... begann Ardalion Alexandrowitsch.

Ja, Ihr Sohn! Aber auch Sie sind mir mal einer! Warum sieht man Sie
denn nie bei mir? Sie sind doch sein Vater? Verstecken Sie sich selbst
oder werden Sie von Ihrem Sohn versteckt? Sie knnen doch wirklich zu
mir kommen, ohne da sich deshalb jemand kompromittiert zu glauben
braucht.

Die Kinder des neunzehnten Jahrhunderts und deren Eltern ... wollte
wieder der General beginnen.

Nastassja Filippowna! Entschuldigen Sie, bitte, Ardalion
Alexandrowitsch auf einen Augenblick, es wird nach ihm verlangt,
unterbrach ihn pltzlich Nina Alexandrowna laut.

Verlangt? Aber ich bitte Sie, ich habe soviel von ihm gehrt und ihn
schon lange einmal sehen wollen! Und was hat er denn so Unaufschiebbares
vor? Er ist doch verabschiedet? Nicht wahr, Sie werden mich nicht
verlassen, Ardalion Alexandrowitsch, Sie werden doch nicht fortgehen?

Ich verspreche Ihnen, da er Sie selbst aufsuchen wird, doch jetzt
bedarf er dringend der Ruhe.

Ardalion Alexandrowitsch, Sie sollen der Ruhe bedrfen! rief Nastassja
Filippowna mit einer pikierten kleinen Grimasse aus, ganz wie ein
leichtfertiges, dummes Gnschen, dem man ein Spielzeug fortnimmt.

Der General aber war im besten Zuge, sich wieder lcherlich zu machen.

Aber mein Schatz! Du siehst doch! sagte er, sich feierlich an seine
Gattin wendend, in vorwurfsvollem Tone und die Hand aufs Herz gepret.

Werden Sie nicht von hier fortgehen, Mama? fragte Warj laut.

Nein, Warj, ich bleibe bis zu Ende.

Nastassja Filippowna konnte unmglich diese Frage und Antwort nicht
hren, doch ihre Frhlichkeit schien nur noch zuzunehmen. Sie
berschttete den General mit Fragen, und binnen fnf Minuten war dieser
in der siegesbewutesten Stimmung und redete uerst schwungvoll.

Kolj zupfte den Frsten am Rockscho.

So bringen Sie ihn doch irgendwohin fort! Das geht doch nicht! Bitte!
Dem armen Jungen standen vor Unwillen Trnen in den Augen. Oh, dieser
verwnschte Ganj! fgte er bei sich noch hinzu.

Mit Iwan Fedorowitsch Jepantschin war ich einstmals allerdings eng
befreundet, erzhlte der General in bester Laune auf eine Frage
Nastassja Filippownas. Ich, er und der verstorbene Frst Lew
Nikolajewitsch Myschkin, dessen Sohn ich heute nach zwanzigjhriger
Trennung in meine Arme geschlossen habe, -- wir drei waren eine
sozusagen unzertrennliche Kavalkade: Athos, Portos und Aramis. Aber ach,
der eine liegt im Grabe, gefllt von Kugeln und Verleumdungen, der
andere sitzt vor Ihnen und kmpft noch mit Verleumdungen und Kugeln ...

Kugeln? fragte Nastassja Filippowna, scheinbar sehr erstaunt.

Hier in meiner Brust, beim Sturm auf Kars erhalten, und wenn das Wetter
umschlgt, fhle ich jede einzeln. In allen anderen Beziehungen lebe ich
als Philosoph, gehe spazieren, mache in meinem Caf ein Spielchen, wie
ein vom Geschft zurckgezogener Bourgeois, und lese die Zeitung. Doch
mit unserem Portos Jepantschin habe ich nach jener vor drei Jahren im
Eisenbahncoup passierten Geschichte mit dem Bologneserhndchen ein fr
allemal die Freundschaft gebrochen.

Einem Bologneserhndchen? Was war denn das fr eine Geschichte? fragte
Nastassja Filippowna mit ganz besonderem Interesse. Mit einem
Bologneserhndchen sagen Sie? Erlauben Sie, und im Eisenbahncoup ...
sie schien in ihrem Gedchtnisse irgend etwas zu suchen.

Oh, nichts Besonderes, eine dumme Geschichte, die zu wiederholen sich
gar nicht lohnt: die Schuld an allem trug die Gouvernante der Frstin
Bjelokonskaja, eine Mrs. Smith, doch ... es lohnt sich nicht, sie zu
erzhlen.

Aber unbedingt mssen Sie sie uns erzhlen! bestand Nastassja
Filippowna frhlich auf ihrem Wunsch. Auch ich habe sie noch nie
vernommen! bemerkte Ferdyschtschenko. _C'est du nouveau!_{[7]}

Ardalion Alexandrowitsch! ertnte wieder beschwrend Nina
Alexandrownas Stimme.

Papa, jemand will Sie sprechen! rief Kolj.

Eine ganz dumme Geschichte, nur zwei Worte, begann der General mit
groer Selbstzufriedenheit. Vor zwei Jahren, ja fast vor zwei Jahren --
auf der neuen Eisenbahnlinie Petersburg--Warschau mute ich in einer fr
mich uerst wichtigen Angelegenheit, die mit meinem Austritt aus dem
Dienst in Zusammenhang stand -- ich trug bereits Zivil -- eine Reise
unternehmen. Ich lse also ein Billett erster Klasse, steige ein, setze
mich, rauche. Oder vielmehr, fahre fort zu rauchen; denn ich hatte mir
die Zigarre schon frher angesteckt. Bin ganz allein im Coup. Das
Rauchen ist nicht verboten, ist aber auch nicht gerade gestattet,
sondern so--o ... halb und halb, wie gewhnlich, und natrlich -- je
nachdem. Das Fenster ist heruntergelassen. Pltzlich, kurz vor dem
letzten Pfiff, steigen zwei Damen mit einem kleinen Bologneser ein und
setzen sich mir _vis--vis_. Hatten sich etwas versptet. Die eine
pomps gekleidet, ganz in Hellblau; die andere etwas bescheidener in
schwarzer Seide mit einer kleinen Pelerine. Beide, nicht gerade hliche
Frauenzimmer, scheinen nur im allgemeinen etwas sehr >von oben herab< zu
sein, sprechen englisch. Ich natrlich verhalte mich ganz ruhig; rauche
meine Zigarre. Das heit, im ersten Augenblick dachte ich wohl so bei
mir, aber schlielich -- das Fenster war heruntergelassen, weshalb soll
ich nicht zum Fenster hinausrauchen? Der kleine Bologneser ruht auf dem
Scho der Hellblauen so 'n kleines Tierchen, nicht grer als meine
Faust, pechschwarz, weie Pftchen -- eine Seltenheit zweifellos. Das
Halsbndchen war aus Silber und mit einer Inschrift versehen. Nun, ich
-- merke nichts. Bemerke nur, da die Damen sich ber mich zu rgern
scheinen, natrlich wegen der Zigarre. Die eine betrachtet mich durchs
Lorgnon -- aus echtem Schildpatt, versteht sich. Ich jedoch -- merke
nichts. Weshalb sagen sie denn nichts? So sollen sie doch den Mund
auftun! Htten sie mich darauf aufmerksam gemacht, etwas gesagt, mich
gebeten, sie waren doch nicht stumm! Aber so -- wie soll ich's denn
wissen? ... Pltzlich -- und zwar ohne die geringste Vorbereitung, ich
sage Ihnen, ohne die allergeringste, als wre sie bergeschnappt --
reit mir die Hellblaue, schwaps! die Zigarre aus der Hand und wirft sie
zum Fenster hinaus. Na, die war gewesen, den Zug hlt man nicht auf. Ich
mache ein dummes Gesicht, staune sie an: ein wildes Weib, ich sage
Ihnen, ein vollkommen wildes Weib! Stattlich, gro, ppig, blond, rosig
-- vielleicht etwas zu rosig -- und die Augen blitzen mich nur so an.
Ich -- ohne ein Wort zu verlieren, strecke mit der grten Hflichkeit,
mit der feinsten Hflichkeit langsam meine Hand nach dem Bologneser aus,
fasse ihn delikat mit zwei Fingern am Schopf und -- wups! werfe ihn
gleichfalls zum Fenster hinaus, dorthin, wo die Zigarre lag! Er quiekte
nur einmal, zum Klffen kam er gar nicht. Na, der Bologneser war auch
gewesen! Den Zug hlt man nicht auf, der geht.

Sie Ungeheuer! rief Nastassja Filippowna kstlich amsiert aus,
klatschte Beifall und lachte wie ein kleines Mdchen ber den gelungenen
Streich.

Bravo, bravo! rief Ferdyschtschenko.

Auch Ptizyn lachte, obgleich ihm das Erscheinen des Generals nicht
minder unangenehm war, und sogar Kolj lachte und rief seinem Vater ein
Bravo zu.

Und ich war doch im Recht, im Recht, doppelt und dreifach im Recht!
fuhr der triumphierende General fort; denn wenn im Coup das Rauchen
verboten ist, so sind es Hunde erst recht!

Bravo, Papa! rief Kolj begeistert aus, das war groartig! Ich htte
es unbedingt ebenso gemacht!

Aber was tat denn die Dame? fragte in ungeduldiger Neugier Nastassja
Filippowna.

Sie? Ja, hier erst beginnt das Unangenehme an der ganzen Geschichte,
fuhr der General stirnrunzelnd fort. Ohne ein Wort zu sagen und ohne
die geringste Vorbereitung, gab sie mir eine schallende Ohrfeige! Ein
wildes Weib, ein vollkommen, ein selten wildes Weib, sage ich Ihnen.

Und Sie?

Der General schlug die Augen nieder, zog die Brauen in die Hhe, prete
die Lippen zusammen, hob die Schultern, whrend er die Hnde gleichsam
entschuldigend auseinanderfhrte -- es war eine Kunstpause -- und sagte
dann pltzlich nur kurz:

Lie mich hinreien!

Oh! Und stark? Wirklich stark?

Bei Gott, durchaus nicht stark! Es kam zwar zu einem groen Skandal,
aber ich hatte ja nur ein einziges Mal den Schlag zurckgegeben, eben
nur -- nun, um ihn zurckzugeben. Da kam aber der Teufel dazwischen und
steckte seine Hand ins Spiel: die Hellblaue war, wie es sich
herausstellte, die Gouvernante oder Englnderin oder gar Freundin der
Frstin Bjelokonskaja, die Dame in Schwarz aber war die lteste Tochter
der Frstin, ein lteres Mdchen von fnfunddreiig Jahren. Und wie die
Generalin Jepantschin zum Hause Bjelokonskij steht, ist ja bekannt. Alle
Damen fielen in Ohnmacht, Trnen, Trauer um den geliebten Schohund,
Jammer und Geschrei aller sechs Tchter, und als siebente die
Englnderin noch dazu -- kurz, das Ende der Welt war nahe. Nun, versteht
sich: ich wollte meine Entschuldigung machen, machte einen Besuch, um
Verzeihung zu erbitten, schrieb sogar einen Brief, doch wurde weder
ich, noch der Brief angenommen, und mit Jepantschin gab es
Auseinandersetzungen, Kndigung der Freundschaft und darauf ewige
Feindschaft!

Aber erlauben Sie, wie ist denn das? begann pltzlich Nastassja
Filippowna, vor fnf oder sechs Tagen habe ich in der Zeitung genau
dieselbe Geschichte gelesen! Es war auf ein Haar dieselbe! Sie hatte
sich am Rhein in einem Eisenbahncoup zwischen einem Franzosen und einer
Englnderin zugetragen: genau so hatte sie ihm die Zigarre aus der Hand
gerissen, genau so hatte er ihr Hndchen aus dem Fenster geworfen, und
genau so hatte es auch zwischen ihnen geendet. Sogar das hellblaue Kleid
stimmt mit dem Bericht der Zeitung berein!

Der General wurde ber und ber rot, und auch Kolj errtete und
bedeckte vor Scham das Gesicht mit den Hnden. Ptizyn wandte sich
schnell ab. Nur Ferdyschtschenko lachte. Ganj aber stand und ertrug
stumm seine unertrgliche Qual.

Ich ... ich kann Sie versichern, stotterte der General, da auch mir
genau dasselbe passiert ist ...

Papa hatte wirklich einmal eine Unannehmlichkeit mit Mrs. Smith, der
Gouvernante von Bjelokonskijs, rief Kolj dazwischen, ich entsinne
mich dessen noch sehr gut.

Wie! Ein und dieselbe Geschichte sollte an zwei verschiedenen Punkten
Europas sich mit einer solchen bereinstimmung aller Einzelheiten
zutragen? Auch die Dame am Rhein hatte ein hellblaues Kleid! fuhr
Nastassja Filippowna erbarmungslos fort. Aber ich werde Ihnen doch die
Zeitung -- zuschicken!

Vergessen Sie nur nicht, bemerkte der General, da die Geschichte mir
zwei Jahre frher passiert ist!

Ah, so, richtig, das wre dann doch wenigstens ein Unterschied! Und
Nastassja Filippowna lachte hellauf.

Papa, ich bitte Sie, auf zwei Worte mit mir hinauszukommen, sagte
jetzt mit zitternder, gequlter Stimme Ganj, der den Vater mechanisch
an der Schulter fate.

In seinen Augen lag grenzenloser Ha.

Da ertnte pltzlich und jetzt erschreckend laut die Glocke im
Vorzimmer. Ein Wunder, da der Klingelzug nicht abgerissen wurde! Es
mute ein besonderer Besuch sein. Kolj eilte hinaus, um zu ffnen.


                                   X.

Im Vorzimmer wurde es sofort sehr geruschvoll und lebendig; wie es den
im Empfangszimmer Zurckgebliebenen schien, traten dort mehrere Menschen
ein, denen noch andere auf der Treppe folgten. Mehrere Stimmen sprachen
durcheinander, Ausrufe und Stimmen wurden auch im Treppenhaus laut, zu
dem die Tr offenbar noch nicht wieder geschlossen worden war. Der
Besuch mute allerdings kein gewhnlicher sein. Alle blicken einander
fragend an. Ganj besann sich als erster und eilte in den Salon, doch
trat ihm dort schon eine ganze Schar Menschen entgegen.

Ah, da ist ja der Judas! rief eine dem Frsten bekannte Stimme aus.
Guten Tag, Ganj, du Schuft!

Da, da ist er ja! ertnte eine andere Stimme.

Jetzt konnte der Frst nicht mehr zweifeln: das waren Rogoshin und
Lebedeff.

Ganj stand wie betubt in der Tr zum Salon und sah stumm, ohne zu
protestieren zu, wie etwa zehn bis zwlf Menschen Parfen
Rogoshin ins Zimmer folgten. Die ganze Rotte bestand aus recht
verschiedenartigen Leuten, doch zeichneten sie sich nicht nur durch ihre
Verschiedenartigkeit, sondern noch viel mehr durch ihre Unanstndigkeit
aus. Einige traten im Mantel oder im Pelz ins Zimmer. Wirklich
Betrunkene freilich gab es unter ihnen nicht, doch waren sie alle zum
mindesten in stark gehobener Stimmung. Wie es schien, bedurfte ein
jeder aller anderen, um einzutreten; denn als einzelner hatte niemand
den Mut dazu, alle zusammen aber ermutigten sich gegenseitig und stieen
und schoben sich durch die Tr. Selbst Rogoshin, der an der Spitze der
Schar stand, trat nicht ganz sicher vor, doch sah man ihm an, da er
eine bestimmte Absicht hatte. Sein Gesicht war finster, gereizt und
unruhig. Die anderen jedoch bildeten gewissermaen nur den Chor, oder
richtiger, eine Bande zu seiner Untersttzung. Auer Lebedeff befand
sich unter ihnen noch der wie ein Friseurgehilfe geschniegelte und
gekruselte Saljosheff, der seinen Pelz im Vorzimmer abgeworfen hatte
und als Stutzer selbstbewut und mit bertriebener Liebenswrdigkeit
eintrat; ferner zwei, drei andere Herren von derselben Art,
augenscheinlich junge Kaufleute, Kommis; irgendeiner steckte in einem
Uniformmantel; ferner war ein kleiner und auffallend dicker Mann
darunter, der bestndig lachte; und dann ein Riese, der gleichfalls sehr
dick war, dafr aber sehr finster und durchaus stumm schien, und der
sich offenbar sehr auf seine Fuste verlie. Auer diesen erschienen
noch ein Student der Medizin und ein windiges, scharwenzelndes
Polenkerlchen. Aus dem Treppenflur blickten noch zwei Damen ins
Vorzimmer, doch wagten sie nicht recht, einzutreten. Kolj besann sich
pltzlich, schlug ihnen die Tr vor der Nase zu und schob den Riegel
vor.

Guten Tag, Ganj, du Schuft! Was, hast wohl Parfen Rogoshin nicht
erwartet? fragte Rogoshin, der in der Tr des Empfangszimmers vor Ganj
stehen geblieben war.

Da erblickte er pltzlich sich gegenber auf dem Sofa in der anderen
Zimmerecke -- Nastassja Filippowna. Sicherlich hatte er alles andere
eher erwartet, als _sie_ hier anzutreffen; denn der Schreck lhmte ihn
geradezu: er erbleichte dermaen, da selbst seine Lippen wei wurden.

Dann ... dann ist es also wahr! brachte er leise, halb wie zu sich
selbst hervor, und der Blick seiner Augen war wie verloren. Alles aus!
... Nun ... Wart', das sollst du mir jetzt ben! knirschte er
pltzlich in unbndiger Wut, zu Ganj gewandt. Nun ... stie er wieder
kurz und rauh hervor. Oh, und seine Ngel preten sich in die
Handflchen.

Er schien nach Atem zu ringen, nur mit Mhe stie er die Worte hervor.
Mechanisch trat er nher, doch kaum hatte er einen Schritt getan, als er
pltzlich Nina Alexandrowna und Warj erblickte, und verwirrt blieb er
stehen, trotz seiner ganzen, ungeheuren Erregung. Nach ihm trat sofort
Lebedeff ins Zimmer; er folgte ihm wie sein Schatten und war wohl der am
strksten berauschte. Dann folgten der Student, der Riese mit den
Fusten, Saljosheff, der nach links und rechts seine Bcklinge machte,
und schlielich prete sich auch noch der kleine Dicke durch das
Gedrnge an der Tr und trat etwas vor. Die Anwesenheit von Damen hielt
sie alle noch zurck, war ihnen sichtlich unangenehm, strte sie in
ihrem Vorhaben. Doch selbstverstndlich konnte das nur anfangs
vorhalten, nur bis zur ersten Veranlassung, loszuschreien und zu --
_beginnen_ ... Dann htten sie wohl alle Damen der Welt nicht mehr
aufzuhalten vermocht.

Wie? Auch du bist hier, Frst? sagte Rogoshin zerstreut, wenn auch
offenbar verwundert ber dieses Wiedersehen. Und immer noch in diesen
Gamaschen ... a--ach! seufzte er geqult, indem er den Blick wieder
Nastassja Filippowna zuwandte und sich immer nher zu ihr, die ihn wie
ein Magnet anzog, vorbeugte.

Nastassja Filippowna betrachtete die Eingetretenen gleichfalls mit
unruhiger Neugier.

Endlich kam Ganj zur Besinnung.

Aber erlauben Sie, was hat denn das zu bedeuten? begann er laut, sich
vornehmlich an Rogoshin wendend, whrend er mit strengem Blick die
Eingetretenen ma. Ich dchte, Sie sind nicht in einen Stall
eingetreten, hier sind meine Mutter und Schwester!

Das sehen wir, da hier Mutter und Schwester sind, prete Rogoshin
durch die Zhne hervor.

Das sehen wir doch, da hier Mutter und Schwester sind! wiederholte
wie ein Echo Lebedeff, um den Worten Rogoshins mehr Nachdruck zu
verleihen.

Der Mann mit den Fusten glaubte wahrscheinlich, da der Augenblick
gekommen sei, und brummte irgend etwas.

Aber, was soll denn das? Ganz pltzlich erhob Ganj die Stimme, wie
aus der Pistole geschossen, und diese Pltzlichkeit machte einen
unangenehmen Eindruck, wie etwas, das nicht am Platz ist. Erstens bitte
ich Sie, von hier fortzugehen und in den Salon einzutreten ... Und dann
bitte ich Sie, mich wissen zu lassen, mit wem ...

Seht doch, er erkennt uns nicht! sagte Rogoshin mit boshaftem
Spottlcheln, ohne sich von der Stelle zu rhren. Hast du denn Rogoshin
nicht erkannt?

Ich--ch, allerdings, ich glaube mit Ihnen irgendwo einmal
zusammengekommen zu sein, aber ...

Seht doch, irgendwo zusammengekommen zu sein! Ich habe an dich ja doch
noch vor drei Monaten zweihundert Rubel von meines Vaters Geld
verspielt, der Alte ist darber gestorben, ohne was davon zu erfahren.
Du hattest mich doch selbst hingeschleppt! Fix zog er mir dann das Fell
ber die Ohren mit seiner Falschspielerei! Erkennst mich nicht? Ptizyn
war Zeuge! Ich brauch' dir ja nur drei Rubel zu zeigen, hier aus der
Tasche zu nehmen und dir zu zeigen, und du wirst auf allen vieren bis
zum Wassiljewskij Prospekt ihnen nachkriechen, -- sieh, so einer bist
du! Wer deine Seele nicht kennt! Ich bin jetzt auch gekommen, um dich
fr Geld zu kaufen, Leib und Seele kaufe ich dir ab; du sieh nicht
darauf, da ich mit solchen Stiefeln hereingekommen bin, ich hab' jetzt
viel Geld, Bruder, kaufe dich mitsamt deinem ganzen Leben ... wenn ich
will, kauf' ich euch alle! Kaufe alles! phantasierte Rogoshin, der
pltzlich wie trunken erschien. A--ach! seufzte er dann laut,
Nastassja Filippowna! Jagen Sie mich nicht fort, sagen Sie nur ein
einziges Wort: lassen Sie sich mit ihm trauen oder nicht?

Rogoshin stellte seine Frage wie in Verzweiflung, wie an eine Gottheit,
gleichzeitig jedoch mit dem Stolz eines zum Tode Verurteilten, der
nichts mehr zu verlieren hat. Und mit diesem Todesgefhl erwartete er
die Antwort.

Nastassja Filippowna ma ihn mit einem spttischen und hochmtigen
Blick, doch dann blickte sie auf Warj und Nina Alexandrowna, blickte
auf Ganj -- und pltzlich vernderte sie ihren Ton.

Durchaus nicht, wie kommen Sie darauf? Und wie kommen Sie dazu, diese
Frage an mich zu stellen? fragte sie leise und ernst und scheinbar mit
einer gewissen Verwunderung.

Nein? Nein!! schrie Rogoshin fast rasend vor Freude. Also doch
nicht?! Und mir sagte man ... Ach! Nu! ... Nastassja Filippowna! Alle
sagten, Sie htten sich mit Ganjka verlobt! Mit dem da? Ist denn das
berhaupt mglich? -- Ich hab's denen doch gleich gesagt! -- Ich kaufe
ihn ja doch mit Leib und Seele, so wie er da ist, fr hundert Rubel!
Gebe ihm tausend, nun, er wird noch am Tage vor der Hochzeit fortlaufen
und die Braut mir berlassen. Was, hab' ich nicht recht, Ganjka, Schuft?
Wrdest doch dreitausend mit Freuden nehmen! Hier sind sie, hier, sieh!
Darum bin ich ja gekommen, um's von dir schriftlich zu haben! Hab'
gesagt: ich kauf' ihn, -- ich kauf' ihn mir!

Mach', da du fortkommst, hinaus! Besoffen bist du! schrie ihn Ganj
an, der abwechselnd bleich und rot wurde. Doch kaum war seine Stimme
verhallt, als pltzlich durch die ganze Rotte Rogoshins eine Bewegung
ging und mehrere Stimmen laut wurden. Lebedeff flsterte eilig und
eifrig Rogoshin etwas ins Ohr.

Du hast recht, Alter! sagte Rogoshin auf sein Geflster, hast recht,
betrunkene Seele! Ach, wer wagt, gewinnt! Nastassja Filippowna! rief er
wie ein Halbwahnsinniger aus, offenbar mit Furcht im Herzen, doch
pltzlich sich bis zur Frechheit erkhnend, -- hier sind achtzehn
Tausend! Und er warf gleichzeitig ein in weies Papier eingewickeltes
und kreuzweise mit einer Schnur umbundenes Pckchen vor sie hin auf den
Tisch. Da! Und ... und es wird noch mehr geben!

Doch wagte er nicht auszusprechen, was er von ihr wollte ...

Nich-nich-nicht! flsterte ihm erschrocken Lebedeff zu, mit wahrhaft
entsetztem Gesicht.

Es war leicht zu erraten, da ihn die Hhe der gebotenen Summe
erschreckte und er zureden wollte, zu Anfang viel weniger zu bieten.

Nein, davon verstehst du nichts, Bruder, darin bist du dumm, weit
nicht, mit wem du es zu tun hast ... aber auch ich bin ebenso dumm wie
du! besann sich Rogoshin pltzlich, unter Nastassja Filippownas
aufblitzendem Blick zusammenzuckend. Ach! Nein, ich hab' nur gefaselt!
-- da ich auf dich auch hren mute! ... fgte er in heier Scham
hinzu.

Als Nastassja Filippowna Rogoshins betretene Miene sah, lachte sie
pltzlich auf.

Achtzehntausend mir? Da zeigt sich doch gleich der Bauer! sagte sie
pltzlich mit frecher Familiaritt und erhob sich vom Sofa, als wollte
sie fortgehen.

Ganj verfolgte klopfenden Herzens die ganze Szene.

Vierzigtausend, vierzig, vierzig, nicht achtzehn! rief Rogoshin
zitternd. Wanjk Ptizyn und Biskup haben mir versprochen, bis sieben
Uhr abends vierzigtausend zur Stelle zu schaffen. Vierzigtausend Rubel!
Alle blank und bar auf den Tisch!

Die Szene wurde immer gemeiner. Doch Nastassja Filippowna fuhr fort zu
lachen und ging auch nicht weg, als htte sie sie mit Absicht in die
Lnge ziehen wollen. Nina Alexandrowna und Warj erhoben sich
gleichfalls von ihren Pltzen und warteten erschrocken und
stillschweigend in qualvoller Spannung, womit das endlich enden wrde.
Warjs Augen glhten, doch Nina Alexandrowna zitterte und sah aus, als
wrde sie im nchsten Augenblick in Ohnmacht fallen.

Ah, nu ... wenn's so ist, dann -- hundert! Heute noch bringe ich
hunderttausend Rubel! Ptizyn, hilf mir, kannst dir die Hnde dabei
wrmen!

Du bist wohl wahnsinnig! raunte ihm Ptizyn, der pltzlich neben ihm
stand und ihn am Handgelenk packte, ungehalten zu. Du bist betrunken,
man wird nach der Polizei schicken. Besinn dich, weit du auch, wo du
bist!

Er phantasiert ja nur so in der Trunkenheit, sagte Nastassja
Filippowna verchtlich. Wie es schien, wollte sie ihn damit nur
aufstacheln.

Aber nein doch! ich lge nicht, ich bringe sie, bringe sie noch vor dem
Abend! ... Ptizyn, hilf, Prozentmensch, nimm, was du willst, mach
Hunderttausend flssig bis zum Abend! -- Ich werde beweisen, da ich
Wort halte! rief bis zur Begeisterung hingerissen Rogoshin aus.

Aber! Einstweilen! Was hat das zu bedeuten? mischte sich da ganz
unerwartet Ardalion Alexandrowitsch in drohendem Tone ein und nherte
sich Rogoshin.

Die Pltzlichkeit, mit der sich der bis dahin vollkommen vergessene,
zurckgedrngte Alte einmischte, hatte etwas beraus Komisches. Aus der
Rotte ertnte Gelchter.

Was ist denn das noch fr einer? fragte Rogoshin lachend. Komm mit,
Alter, wirst betrunken sein!

Das ist aber doch eine Gemeinheit! rief Kolj emprt aus, fast weinend
vor rger und Schande.

Findet sich denn wirklich kein einziger unter euch, der diese
Unverschmte hinausweist? rief pltzlich, zitternd vor Zorn, Warwara
Ardalionowna.

Wie, ich werde hier eine Unverschmte genannt! wehrte sich Nastassja
Filippowna mit nachlssiger Heiterkeit gegen die Beleidigung. Und ich
bin wie ein Gnschen hergekommen, um sie zu heute abend zu mir
einzuladen! Sehen Sie doch, wie Ihre liebe Schwester mich behandelt,
Gawrila Ardalionytsch!

Ganj stand ein paar Sekunden nach dem Ausfall der Schwester wie vom
Blitz getroffen. Als er aber dann pltzlich sah, da Nastassja
Filippowna tatschlich fortgehen wollte, strzte er wie ein Irrsinniger
auf Warj, deren Hand er in der Wut wie mit Klammern erfate.

Was hast du getan? schrie er mit einem Blick, der sie auf der Stelle
vernichten zu wollen schien.

Er hatte entschieden die Besinnung verloren.

Was ich getan habe? Wohin zerrst du mich? Doch nicht zu jener, damit
ich sie um Verzeihung bitte, weil sie deine Mutter beleidigt, und weil
sie hergekommen ist, um dein Haus zu beschimpfen, du gemeiner Mensch!
schrie Warj, die den Bruder emprt und herausfordernd ansah.

Eine Weile standen sie sich gegenber. Ganj hielt noch immer ihr
Handgelenk umklammert. Warj wollte sich losreien, einmal, noch einmal
aus aller Kraft, doch es gelang ihr nicht, und pltzlich, auer sich,
spie sie den Bruder an.

Das ist mir mal ein Mdchen! rief Nastassja Filippowna aus. Bravo,
Ptizyn, ich gratuliere!

Ganj wurde es schwarz vor den Augen, und er holte besinnungslos zu
einem Schlage aus, der die Schwester mitten ins Gesicht getroffen htte.
Doch da wurde seine Hand von einer anderen Hand aufgehalten: zwischen
ihm und der Schwester stand der Frst.

Lassen Sie, lassen Sie es gut sein! stie er mit fester Stimme hervor,
doch zitterte er am ganzen Krper.

Wirst du mir denn ewig in den Weg treten? brllte ihn Ganj an, und
Warjs Hand fahren lassend, holte er in rasender Wut aus und schlug dem
Frsten ins Gesicht.

Ach! schrie Kolj entsetzt auf. Ach Gott!

Von allen Seiten wurden Ausrufe laut.

Der Frst erbleichte. Mit seltsamem, vorwurfsvollem Blick sah er Ganj
unverwandt in die Augen: seine Lippen zitterten und schienen sich
vergeblich zu bemhen, etwas hervorzubringen -- ein seltsames Lcheln,
das gar nicht zur Situation pate, zitterte auf ihnen.

Nun, mag das ... mir zufallen ... aber sie ... das lasse ich nicht zu!
... sagte er endlich leise.

Doch pltzlich hielt er es doch nicht aus, wandte sich von ihm ab,
bedeckte das Gesicht mit den Hnden, ging in die nchste Ecke, sttzte
die Stirn an die Wand und brachte mit stockender Stimme hervor:

Oh, wie werden Sie das bereuen!

Ganj stand allerdings wie vernichtet da. Kolj strzte zum Frsten, den
er hei umarmte und kte; nach ihm drngten sich Rogoshin, Warj,
Ptizyn, Nina Alexandrowna, kurz -- alle, sogar der alte Ardalion
Alexandrowitsch, zum Frsten, der sich ihnen nun wieder zuwandte und sie
mit demselben rtselhaften Lcheln beruhigte:

Nichts, nichts, es ist wirklich nichts!

Und er wird's auch bereuen! rief Rogoshin rgerlich. Wirst dich
schmen, Ganjka, da du ein solches ... Lamm (er konnte kein anderes
Wort finden) beleidigt hast! Frst, du meine Seele, la sie laufen!
Speie sie an -- und gehen wir! Komm, sollst erfahren, wie Rogoshin
liebt!

Nastassja Filippowna war gleichfalls durch Ganjs Tat und die Antwort
des Frsten erschttert. Ihr stets bleiches Gesicht, das so wenig mit
ihrem gezwungen heiteren Lachen bereinstimmte, war jetzt
augenscheinlich durch ein neues Gefhl erregt; dennoch schien sie es
nicht zeigen und sich zwingen zu wollen, das spttische Lcheln
beizubehalten.

Nein, wirklich, irgendwo habe ich dieses Gesicht doch schon gesehen?
wiederholte sie mit einemmal ganz ernst, sich wieder ihrer Frage
entsinnend.

Und Sie schmen sich nicht! Sind Sie denn so, wie Sie sich hier gezeigt
haben? Ist denn das mglich! rief ihr pltzlich der Frst mit
erschtterndem Vorwurf zu.

Nastassja Filippowna stutzte, lchelte spttisch -- doch schien sie
hinter diesem Lcheln etwas verbergen zu wollen, wenigstens sah man ihm
ihre Verwirrung an -- blickte sich dann nach Ganj um und verlie das
Zimmer. Doch noch war sie nicht bis ins Vorzimmer gekommen, als sie
pltzlich zurckkehrte, eilig auf Nina Alexandrowna zutrat, ihre Hand
ergriff und an die Lippen fhrte.

Ich bin ja wirklich nicht so, er hat es erraten, flsterte sie schnell
und erregt, whrend ihr das Blut hei ins Gesicht stieg, doch schon
hatte sie sich abgewandt und verlie diesmal so schnell das Zimmer, da
niemand begriff, weshalb sie zurckgekommen war. Man hatte nur gesehen,
da sie Nina Alexandrowna etwas zugeflstert und ihr die Hand gekt
hatte. Deren Blick folgte erstaunt Nastassja Filippowna.

Ganj besann sich und eilte ihr nach, doch sie war bereits auf der
Treppe.

Begleiten Sie mich nicht! rief sie ihm zu. Auf Wiedersehen am Abend!
Kommen Sie unbedingt, hren Sie!

Er kehrte verwirrt und nachdenklich zurck; ein schweres Rtsel lag ihm
auf der Seele, ein noch schwereres als das frhere. Auch an den Frsten
dachte er flchtig ... ber seinen Gedanken verga er alles andere, so
da er es kaum bemerkte, wie die ganze Rogoshinsche Rotte sich an ihm
vorberwlzte und ihn in der Tr beiseite schob, um nur schneller die
Wohnung zu verlassen. Alle sprachen laut und schienen ber etwas zu
streiten. Rogoshin selbst ging mit Ptizyn hinaus, auf den er in sehr
bestimmtem Tone einredete. Offenbar handelte es sich fr ihn um etwas
uerst Wichtiges und Unaufschiebbares.

Hast verspielt, Ganjka! rief er diesem im Vorbergehen zu.

Erregt blickte ihm Ganj nach.


                                  XI.

Der Frst zog sich gleichfalls zurck und schlo sich in seinem Zimmer
ein. Doch es dauerte nicht lange und Kolj klopfte an die Tr. Der arme
Knabe konnte sich gar nicht mehr von ihm trennen und wollte ihn jetzt
wenigstens trsten.

Das war gut von Ihnen, da Sie fortgingen, sagte er, dort wird jetzt
der Skandal noch heftiger losgehen als vorher. So geht es jetzt bei uns
tagaus, tagein, und alles das hat uns nur diese Nastassja Filippowna
eingebrockt!

Hier gibt es viel Krankes, das sich mit der Zeit aufgespeichert hat,
Kolj, bemerkte der Frst.

Ja, viel Krankes. Aber von uns lohnt es sich gar nicht zu reden. Es ist
unsere eigene Schuld. Ich habe einen kranken Freund, der ist noch viel
unglcklicher. Wollen Sie, so werde ich Sie mit ihm bekannt machen?

Sehr gern. Es ist Ihr Schulkamerad?

Ja, so gut wie mein Schulkamerad. Ich werde Ihnen das spter erzhlen
... Aber ist Nastassja Filippowna nicht schn, was meinen Sie? Ich hatte
sie ja bis jetzt noch nie gesehen, obschon ich mich sehr darum bemhte.
Sie war wie ein Glanz! Ich wrde Ganjka alles verzeihen, wenn er es aus
Liebe tte; aber weshalb nimmt er Geld, das ist das Unglck!

Ja, Ihr Bruder gefllt mir nicht sehr.

Nun, das fehlte noch, da er Ihnen gefiele! Ihnen, nachdem er ... Aber
wissen Sie, ich kann alle diese verschiedenen Ansichten nicht ausstehen!
Irgendein Verrckter oder Esel oder Ruber in verrcktem Zustande gibt
eine Ohrfeige, und der Mensch ist dann fr sein Leben lang entehrt und
kann die Schmach nicht anders abwaschen als mit Blut, oder es sei denn,
da er kniend um Verzeihung gebeten wird. Meiner Meinung nach ist das
einfach Unsinn! Darauf ist auch Lermontoffs Drama >Die Maskerade<
aufgebaut, und deshalb ist es auch -- dumm, meiner Meinung nach,
vielmehr ... ich will damit nur sagen -- es ist nicht natrlich. Aber er
hat es ja fast noch in seiner Kindheit geschrieben.

Ihre Schwester gefllt mir sehr.

Wie sie Ganjka anspie, was? Bravo, Warjka! Sie htten nicht gespien,
aber nicht etwa aus Mangel an Mut, davon bin ich berzeugt. Ah, da ist
sie ja selbst, hat es nicht vergessen. Ich wute, da sie kommen wrde:
sie ist edelmtig, wenn sie auch sonst ihre Mngel hat.

Du hast hier nichts zu suchen, Kolj, wandte sich Warj zuerst an ihn.
Geh zum Vater. Langweilt er Sie nicht, Frst?

Durchaus nicht, im Gegenteil.

Da hrst du es, Warj! Sehen Sie, das ist das Schndlichstes an ihr:
da sie mich behandelt, als ob ich ein Baby wre! brigens -- ich
dachte, da der Vater bestimmt mit Rogoshin weggehen wrde. Bereut jetzt
wahrscheinlich. Nein, wirklich, man mu doch sehen, was er jetzt tut,
meinte Kolj und ging hinaus.

Gott sei Dank, Mama hat sich hingelegt und es ist zu keiner neuen Szene
gekommen. Ganj ist verwirrt und scheint ganz nachdenklich geworden zu
sein. Hat auch allen Grund dazu. Die Lehre war nicht schlecht! ... Ich
bin gekommen, um Ihnen zu danken, Frst. Und dann wollte ich Sie noch
eines fragen: Haben Sie Nastassja Filippowna bisher wirklich nicht
gekannt?

Nein, ich habe sie nicht gekannt.

Wie kamen Sie dann darauf, ihr ins Gesicht zu sagen, da sie nicht >so<
sei? Und Sie haben auch, glaube ich, die Wahrheit erraten. Es zeigte
sich, da sie vielleicht wirklich nicht >so< ist. brigens werde ich aus
ihr nicht klug. Natrlich hatte sie die Absicht, uns zu beleidigen, das
ist klar! Ich habe auch frher schon viel Sonderbares von ihr gehrt.
Aber wenn sie wirklich gekommen war, uns einzuladen, wie konnte sie dann
Mama so beleidigend behandeln? Ptizyn kennt sie sehr gut, auch er sagt,
er habe vorhin nicht aus ihr klug werden knnen. Aber das mit Rogoshin?
Wenn man sich selbst achtet, kann man so nicht reden im Hause seines ...
Mama beunruhigt sich Ihretwegen sehr.

Ach, nichts! Der Frst winkte abwehrend mit der Hand.

Aber wie sie Ihnen gehorchte ...

Inwiefern gehorchte?

Sie sagten, sie solle sich schmen, und da war sie pltzlich ganz
verndert. Sie haben einen Einflu auf sie, Frst, fgte Warj mit kaum
merklichem Lcheln hinzu.

Die Tr ffnete sich und ganz unerwartet erschien Ganj.

Er trat nicht zurck, als er Warj erblickte, stand eine Weile auf der
Schwelle, und pltzlich nherte er sich entschlossen dem Frsten.

Frst, ich habe schlecht gehandelt, verzeihen Sie es mir, lieber
Mensch, sagte er mit tiefem Gefhl. Seine Zge drckten Schmerz aus.
Der Frst blickte ihn verwundert an und antwortete nicht sogleich.

Nun, verzeihen Sie, nun, verzeihen Sie mir doch! drngte Ganj
ungeduldig. Wenn Sie wollen, ksse ich Ihnen sofort die Hand!

Der Frst war ganz betroffen und traute seinen Ohren nicht. Doch besann
er sich, und schweigend umarmte er ihn. Sie kten sich herzlich.

Ich htte nie, nie gedacht, da Sie dazu imstande wren, sagte endlich
der Frst erregt. Ich glaubte, Sie wren unfhig ...

Um Verzeihung zu bitten? ... Wie ich vorhin nur darauf gekommen bin,
Sie fr einen Idioten zu halten! Sie bemerken Dinge, die andere nie
bemerken. Mit Ihnen knnte man reden ... doch lieber nicht!

Hier ist noch jemand, den Sie um Verzeihung bitten mssen, sagte der
Frst, auf Warj weisend.

Nein, die gehrt zu meinen Feinden. Glauben Sie mir, Frst, es hat der
Versuche nachgerade genug gegeben. Hier wird nicht aufrichtig
verziehen! stie Ganj heftig hervor und wandte sich von seiner
Schwester ab.

Doch! ich werde verzeihen! sagte Warj pltzlich ganz unerwartet.

Und wirst heute auch zu Nastassja Filippowna kommen?

Ich werde kommen, wenn du es befiehlst, nur -- sage selbst: besteht
denn jetzt auch nur noch irgendeine Mglichkeit, da ich zu ihr gehe?

Sie ist ja doch nicht so! Du siehst doch, was fr Rtsel sie aufgibt!
Launen, weiter nichts!

Und Ganj lachte bse.

Das wei ich selbst, da sie nicht >so< ist und Launen hat, aber was
fr Launen?! Und dann noch eins, Ganj, sieh: wofr hlt sie dich
selbst? Gut, sie hat Mama die Hand gekt, mag das auch wiederum eine
Laune sein, aber sie hat sich doch ber dich lustig gemacht! Das aber,
bei Gott, wiegen die Fnfundsiebzigtausend nicht auf, Bruder! Du bist
noch edler Gefhle fhig, das wei ich, deshalb rede ich auch noch. Hr'
auf mich, fahr' auch selbst nicht zu ihr! Sei vorsichtig, nimm dich in
acht, Bruder! Das kann kein gutes Ende nehmen.

Erregt wandte sich Warj schnell von ihm ab und verlie das Zimmer.

So sind sie alle! sagte Ganj mit ironischem Lcheln. Ich mchte blo
wissen, ob sie wirklich glauben, da ich es nicht selbst wei? Ich wei
es ja noch hundertmal besser als sie.

Ganj setzte sich auf das Sofa, augenscheinlich in der Absicht, seinen
Besuch noch lnger auszudehnen.

Wenn Sie es selbst wissen, begann der Frst etwas unsicher, wie haben
Sie dann eine solche Qual auf sich nehmen knnen? Dann mssen Sie doch
auch wissen, da die Fnfundsiebzigtausend diese Qual nicht aufwiegen?

Ganj wandte sich mit einer hastigen Bewegung zum Frsten.

Ich rede nicht davon, brummte Ganj. Doch brigens, sagen Sie mir
Ihre Meinung, ich will gerade Ihre Meinung wissen: wiegen
fnfundsiebzigtausend Rubel diese Qual auf oder nicht?

Meiner Meinung nach -- nicht.

Nun, das konnt' ich mir denken. Und so zu heiraten, ist beschmend?

Sehr beschmend.

Nun, so hren Sie denn, da ich sie heiraten werde, und zwar jetzt
unbedingt. Vorhin war ich noch unschlssig, jetzt aber bin ich's nicht
mehr! Sagen Sie nichts! Ich wei, was Sie sagen wollen ...

Ich werde nicht von dem sprechen, was Sie meinen, mich wundert nur Ihre
feste berzeugung ...

berzeugung? Was fr eine berzeugung?

Ihre berzeugung, da Nastassja Filippowna Ihren Antrag so unfehlbar
annehmen wird, was Sie ja geradezu fr bereits entschieden und
unterschrieben zu halten scheinen. Und zweitens, da Sie glauben, die
fnfundsiebzigtausend Rubel, selbst wenn sie Sie heiraten sollte, wrden
dann in Ihren alleinigen Besitz gelangen, und Sie wrden sich das Geld
sofort in die Tasche stecken knnen ... Im brigen kenne ich die
Verhltnisse nicht so genau ...

Natrlich wissen Sie nicht alles, sagte er, weshalb sollte ich mir
denn wohl diese ganze Brde aufladen?

Ich glaube, da es bei solchen Heiraten immer auf eins hinauskommt: das
Geld wird geheiratet, doch die Besitzerin des Geldes bleibt die Frau.

N--nein, bei uns wird es nicht so sein ... Hier ... hier gibt es
besondere Umstnde ... brummte Ganj, erregt seinen Gedanken
nachhngend. Und was ihre Antwort betrifft, so kann doch wohl darber
kein Zweifel mehr bestehen, fgte er schnell hinzu. Oder woraus
schlieen Sie, da Nastassja Filippowna mir einen Korb geben wird?

Oh, ich wei nichts auer dem, was ich gesehen habe; aber auch Warwara
Ardalionowna sagte ja ...

Ach! Das sagen sie alle nur so, wissen selbst nicht, was sie reden. Und
ber Rogoshin hat sie sich einfach nur lustig gemacht, das knnen Sie
mir glauben, ich habe sie durchschaut. Das war ja ganz klar! Vorhin
bekam ich allerdings einen Schrecken, aber jetzt wei ich, woran ich
bin. Oder schlieen Sie es etwa daraus, wie sie meine Mutter und meinen
Vater und Warj behandelt hat?

Und Sie?

Nun, auch mich. Doch das ist ja nur Weiberart. Sie ist ein entsetzlich
reizbares, argwhnisches und selbstgeflliges Weib. Wie ein bei der
Befrderung bergangener Beamter. Sie wollte sich selbst zeigen und die
ganze Geringschtzung uern, die sie fr meine Familie empfindet ...
nun, und, versteht sich auch fr mich! Das ist wahr, ich will es nicht
leugnen ... Doch ganz abgesehen davon, -- heiraten wird sie mich! Sie
ahnen gar nicht, zu welchen Stckchen die menschliche Eigenliebe fhig
ist: da hlt sie mich nun fr einen Schuft, weil ich sie, die Geliebte
eines anderen, so offenkundig um des Geldes willen nehme, und sagt sich
nicht einmal, da ein anderer sie noch viel gemeiner betrgen wrde, --
ihr den Hof machen und verschiedenes, liberal-fortschrittliches Zeug
vorschwatzen wrde, smtliche Frauenfragen aufrollen und in diesem
gewissen Sinne beleuchten, bis er sie schlielich wie einen Faden durchs
Nadelhr zieht. Er wrde der selbstgeflligen Nrrin versichern --
nichts leichter als das! -- da er sie einzig wegen ihres >edlen
Herzens< und >Unglcks< nehme. In Wirklichkeit aber will er nur ihr Geld
haben. Ich gefalle ihr nicht, weil ich nicht schmeicheln will -- das
wre aber ntig. Und aus welchem Grunde heiratet sie mich? Ist das bei
ihr nicht ganz dieselbe Sache? Also mit welchem Recht darf sie mich dann
verachten? Und weshalb spielt sie alle diese Stckchen? Doch nur, weil
ich mich nicht unterwerfe und meinen Stolz zeige. Nun, wir werden ja
sehen!

Haben Sie sie wirklich einmal geliebt?

Anfangs, ja, da habe ich sie geliebt. Doch genug davon ... Es gibt
Weiber, die nur zu Geliebten taugen und zu nichts weiter. Ich will damit
nicht sagen, da sie meine Geliebte gewesen sei. Wenn sie vernnftig
leben will, werde auch ich vernnftig leben. Fllt es ihr aber ein,
rebellisch zu werden, so verlasse ich sie sofort und ziehe mit dem Gelde
los. Ich will mich nicht lcherlich machen lassen -- das vor allen
Dingen nicht.

Es will mir immerhin scheinen, begann der Frst vorsichtig, da
Nastassja Filippowna klug ist. Weshalb sollte sie dann, wenn sie doch
diese Qualen voraussieht, in die Falle gehen? Sie knnte ja ebensogut
einen anderen heiraten. Das ist es, was mich wundert.

Aber da liegt doch gerade die Berechnung! Sie wissen nicht alles, Frst
... hier ... und auerdem ist sie berzeugt, da ich sie bis zum
Wahnsinn liebe, das schwre ich Ihnen, und wissen Sie, ich vermute
stark, da auch sie mich liebt, auf ihre Art, versteht sich, etwa nach
dem Sprichwort: >Wen ich liebe, den schlage ich.< Sie wird mich ihr
Leben lang fr einen dummen Jungen halten -- das ist ja aber vielleicht
gerade das, was sie haben will! -- und mich dabei doch auf ihre Art
lieben; wenigstens bereitet sie sich dazu vor, das ist nun einmal ihr
Charakter. Sie ist eine echt russische Frau, das knnen Sie mir glauben.
Nun, ich aber habe auch schon meine berraschung fr sie in
Bereitschaft. Diese Szene vorhin mit Warj kam ganz unerwartet, doch
kann sie fr mich nur vorteilhaft sein: jetzt hat sie selbst gesehen und
sich berzeugt, da ich zu ihr halte und um ihretwillen mit allem zu
brechen bereit bin. Ja, ja, auch wir sind nicht ganz so dumm, wie es
vielleicht den Anschein hat, ich versichere Sie. Oder glauben Sie am
Ende gar, da ich nichts als ein leerer Schwtzer bin? Lieber Frst, es
ist vielleicht tatschlich dumm von mir, da ich mich Ihnen anvertraue.
Ich tue es ja nur, weil Sie der erste edle Mensch sind, der mir begegnet
ist, deshalb habe ich mich nun sofort auf Sie gestrzt ... das heit,
das sollte keine Anspielung sein. Sie sind mir doch wegen des
Vorgefallenen nicht mehr bse, wie? Ich spreche vielleicht jetzt nach
zwei Jahren wieder zum erstenmal frei vom Herzen. Hier gibt es furchtbar
wenig ehrliche Menschen; Ptizyn ist noch der ehrlichste unter ihnen.
Wie, Sie lachen, scheint es, oder nicht? Schufte haben immer ehrliche
Menschen gern -- wuten Sie das noch nicht? Ich aber bin doch ...
brigens, inwiefern bin ich denn ein Schuft, sagen Sie mir das doch auf
Ehre und Gewissen? Weshalb nennen mich alle, nachdem _sie's_ einmal
getan hat, einen Schuft? Und wissen Sie, weil sie es gesagt hat und die
anderen es nachschwtzen, nenne auch ich mich so! Sehen Sie, das ist
gemein von mir, -- das ist so scheulich gemein!

Ich werde Sie jetzt nie mehr so beurteilen, sagte der Frst. Vorhin
hielt ich Sie bereits fr einen ausgesprochenen Verbrecher ... Doch da
kamen Sie und bereiteten mir diese Freude. Das war eine gute Lehre:
Nicht urteilen, ohne geprft zu haben. Jetzt sehe ich, da man Sie nicht
nur nicht fr einen Verbrecher, sondern nicht einmal fr einen allzu
verdorbenen Menschen halten kann. Sie sind meiner Ansicht nach einfach
der gewhnlichste Mensch, den es nur geben kann, abgesehen hchstens von
dem einen, da Sie so ungemein schwach sind und so gar nicht originell.

Ganj lchelte spttisch in sich hinein, schwieg aber. Als der Frst
sah, da seine uerung ihre Wirkung verfehlt hatte, blickte er verwirrt
zu Boden und schwieg gleichfalls.

Hat mein Vater Sie schon um Geld gebeten? fragte pltzlich Ganj.

Nein.

Dann wird er Sie noch bitten, geben Sie ihm aber nichts. Und doch war
er einmal ein anstndiger Mensch, ich wei, ich entsinne mich. Er
verkehrte mit angesehenen Leuten. Wie schnell doch diese Leute alle
verschwinden! Kaum hatten sich die Verhltnisse gendert, und aus war es
mit ihnen, wie wenn Pulver verbrennt! Frher log er nicht so wie jetzt,
ich versichere Sie. Frher war er nur ein begeisterungsfhiger Mensch,
jetzt aber -- Sie sehen, was aus ihm geworden ist. Natrlich hat auch
der Wein seine Schuld daran. Wissen Sie schon, da er eine Geliebte hier
unterhlt? O ja, er ist nicht nur so ein unschuldiger kleiner Lgner.
Ich kann blo die Langmut meiner Mutter nicht begreifen. Hat er Ihnen
von der Belagerung der Festung Kars erzhlt? Ganj lachte. Oder wie
sein Schimmel das Maul auftat und sprach? Bisweilen kommt es sogar so
weit! Und Ganj hielt sich beinahe die Seiten vor Lachen.

Weshalb sehen Sie mich so an? fragte er den Frsten nach einer Weile
verwundert.

Ich wundere mich nur, da Sie so aufrichtig lachen knnen. Sie haben ja
noch ein ganz harmloses Kinderlachen. Als Sie mich um Verzeihung baten,
sagten Sie: >Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen die Hand kssen< -- ganz
wie kleine Kinder sagen, wenn sie um Verzeihung bitten. So sind Sie also
doch noch fhig zu solchen Worten und Regungen! Und dann pltzlich
beginnen Sie einen ganzen Vortrag ber die Finsternis in Ihrer Seele und
jene fnfundsiebzigtausend Rubel -- wirklich, alles das hat etwas so
Ungereimtes an sich und Unmgliches, das kann ja gar nicht sein!

Was wollen Sie damit sagen?

Ob Sie nicht doch gar zu leichtsinnig handeln, und es nicht besser
wre, wenn Sie sich die Sache vorher noch etwas berlegen wrden?
Warwara Ardalionowna hat vielleicht so unrecht nicht.

Ah, die Moral! Da ich noch ein ganzer Knabe bin, wei ich selbst,
fiel Ganj lebhaft ein, und wenn auch nur deshalb, weil ich mit Ihnen
ein solches Gesprch angeknpft habe. Ich, sehen Sie, Frst, ich trete
nicht aus Berechnung in die Ehe, fuhr er fort, wie ein in seiner
Eigenliebe verletzter junger Mann. Wenn ich es aus Berechnung tte,
wrde ich mich unfehlbar verrechnet haben, denn ich bin vorlufig weder
als Charakter noch als Mensch im allgemeinen gengend gefestigt. Ich tue
es jedoch aus Leidenschaft, aus innerem Triebe, denn ich habe ein groes
Ziel im Auge. Sie denken, da ich, wenn ich die fnfundsiebzigtausend
erhalte, mir dann sofort eine eigene Kutsche zulegen werde? Nein, lieber
Frst, dann werde ich meinen ltesten, vor drei Jahren getragenen Rock
hervorholen und ihn so lange tragen, wie er nur noch hlt, und mit
meinen Klubbekanntschaften ist es dann aus. Bei uns gibt es nur wenige
Leute, die durchzuhalten verstehen, wenn sie auch alle Wucherer sind,
ich aber will durchhalten. Hier ist die Hauptsache, da man durchfhrt,
was man beginnt -- das ist das ganze Problem! Ptizyn hat mit siebzehn
Jahren auf der Strae geschlafen und mit Federmessern gehandelt: er hat
mit Kopeken angefangen. Jetzt besitzt er sechzigtausend Rubel, aber
bedenken Sie, nach welch einer ... sagen wir Gymnastik! Nun, und
ebendiese Gymnastik werde ich dann berspringen und gleich mit dem
Kapital beginnen. Nach fnfzehn Jahren wird man sagen: >Sieh da, das ist
Iwolgin, der Krsus!< Sie sagen mir, ich sei kein origineller Mensch.
Merken Sie sich, lieber Frst, da es fr einen Menschen unserer Zeit
und unseres Volkes nichts Beleidigenderes gibt, als wenn man zu ihm
sagt, da er nicht originell, nicht talentvoll, kurzum ein Dutzendmensch
sei. Sie haben mich nicht einmal fr einen gutmtigen Schuft zu halten
geruht und wissen Sie, dafr htte ich Sie vorhin tten mgen! Sie haben
mich noch mehr beleidigt als Jepantschin, der mich fr fhig hlt -- und
zwar ohne viel Gerede, ohne Versuche, einfach in seiner Herzenseinfalt,
merken Sie sich das -- ja, fr fhig hlt, ihm fr Geld meine Frau zu
verkaufen! Das bringt mich schon lange aus der Haut. Geld will ich
haben, Geld! Wenn ich erst Geld habe, wissen Sie, werde ich sofort im
hchsten Grade originell sein. Das ist ja das Gemeinste und
Verchtlichste am Gelde, da es sogar Talente schafft! Und es wird sie
schaffen, wird Talente schaffen, solange die Welt steht! Sie
werden vielleicht sagen, da alles das kindisch von mir sei,
poetisch-sentimental womglich, -- nun gut, was ficht's mich an, mir
soll's um so amsanter sein; denn die Sache wird gemacht, da seien Sie
unbesorgt! Ich werde sie durchfhren! Wer zuletzt lacht, lacht am
besten! Weshalb beleidigt mich denn Jepantschin so in aller
Harmlosigkeit? Aus Bosheit etwa? Nicht die Spur! Einfach, weil ich
gesellschaftlich gar zu unbedeutend bin. Nun, dann aber ... Doch genug
davon, und es ist auch Zeit. Kolj hat schon zweimal seine Nase
hereingesteckt. Das bedeutet, da er Sie zum Essen rufen will. Ich gehe
fort. Ich werde hin und wieder bei Ihnen vorsprechen. Sie werden es bei
uns nicht schlecht haben -- man wird Sie jetzt mit offenen Armen in die
Familie aufnehmen. Nur sehen Sie sich vor, da Sie nichts ausplaudern.
Ich glaube, wir zwei werden entweder sehr gute Freunde oder -- bittere
Feinde werden. Aber was meinen Sie, Frst, wenn ich Ihnen vorhin die
Hand gekt htte -- wre ich deshalb nachher Ihr Feind geworden?

Zweifellos, nur nicht fr immer, lange wrden Sie es doch nicht
ausgehalten haben, und dann htten Sie verziehen, entschied der Frst
nach einer Weile und er lachte.

Oho! Mit Ihnen mu man ja wahrhaftig vorsichtig sein. Wei der Teufel,
Sie haben auch hier Gift hineingetrufelt. Wer wei, vielleicht sind Sie
auch mein Feind? brigens, haha! -- ich verga ganz zu fragen: habe ich
recht gesehen, wenn mir scheint, da Nastassja Filippowna auch Ihnen --
gefllt, wie?

Ja ... sie gefllt mir.

Verliebt?

N--nein.

Und dabei ist er feuerrot geworden und leidet! Nun tut nichts, tut
nichts, ich werde nicht lachen, -- auf Wiedersehen. Aber wissen Sie, sie
ist ja doch ein tugendhaftes Weib -- knnen Sie das glauben? Sie denken
vielleicht, da sie mit Tozkij lebt? Denkt nicht daran! Schon lange
nicht mehr! Aber haben Sie bemerkt, da sie selbst sehr leicht verlegen
wird? Vorhin war sie in manchen Augenblicken ganz betreten! Nein
wirklich. Gerade solche lieben dann das Herrschen. Nun, leben Sie wohl.

Ganetschka verlie das Zimmer weit aufgerumter, als er es betreten
hatte. Er war sogar sehr guter Laune. Der Frst blieb lange Zeit
regungslos und in Gedanken versunken sitzen.

Kolj steckte wieder den Kopf durch die Trspalte.

Ich will nicht essen, Kolj, ich habe bei Jepantschins gut
gefrhstckt.

Da trat Kolj ins Zimmer und reichte dem Frsten einen
zusammengefalteten versiegelten Zettel. Man sah es dem Gesicht des
Knaben an, wie peinlich es ihm war, den Brief zu bergeben. Der Frst
las ihn, erhob sich und nahm seinen Hut.

Es ist nur zwei Schritte von hier, sagte Kolj verwirrt. Er sitzt
jetzt bei der Flasche. Ich kann nur nicht begreifen, wie er sich dort
Kredit verschafft hat! Aber lieber, guter Frst, sagen Sie es dann nur
nicht hier den anderen, da ich Ihnen den Brief berbracht habe! Ich
habe tausendmal geschworen, da ich seine Briefe nicht mehr berbringen
wrde, aber er tut mir leid! Nur, wissen Sie, machen Sie keine Umstnde
mit ihm, geben Sie ihm irgendeine Kleinigkeit und damit abgemacht.

Ich hatte selbst die Absicht, ihn aufzusuchen, Kolj. Ich mu Ihren
Vater sprechen ... in einer gewissen Angelegenheit ... also gehen wir.


                                  XII.

Kolj fhrte den Frsten nicht weit: nur bis zur Liteinaja, in ein
Caf-Billard, das zu ebener Erde lag und seinen besonderen Eingang von
der Strae hatte. Hier hatte sich Ardalion Alexandrowitsch in der Ecke
eines kleinen Raumes als alter Stammgast niedergelassen, vor sich auf
dem Tisch eine Flasche und in der Hand seine Zeitung. Er erwartete den
Frsten. Kaum hatte er ihn erblickt, als er die Zeitung auch schon
beiseite legte und eine wortreiche Erklrung begann, von der der Frst
so gut wie nichts begriff; denn der General befand sich bereits in
vorgercktem Stadium.

Zehn Rubel habe ich nicht, unterbrach ihn der Frst, doch hier sind
fnfundzwanzig. Wechseln Sie das Geld und geben Sie mir fnfzehn zurck;
denn sonst bleibe ich selbst ohne eine Kopeke.

Oh, sofort, sofort, sofort! Seien Sie berzeugt, da ich sogleich ...

Ich bin mit einer Bitte zu Ihnen gekommen, General. Sind Sie niemals
bei Nastassja Filippowna gewesen?

Ich? Ich nicht bei ihr gewesen? Fragen Sie das mich? Unzhligemal,
unzhligemal, mein Lieber! rief der General wie in einem Anfall mit
selbstzufriedener und stolzer Miene aus. Doch habe ich schlielich
selbst diese Beziehungen abgebrochen; denn ich will diese unanstndige
Verbindung nun einmal nicht zulassen. Sie haben doch selbst gesehen, Sie
waren doch Zeuge heute: ich tat alles, was ein Vater tun konnte, und
nicht wahr, ein guter und nachsichtiger Vater! Jetzt jedoch wird ein
ganz anderer Vater auf die Szene treten, und dann -- wollen wir sehen,
ob dann der verdienstvolle alte Soldat die Intrige zerstren oder ob
eine schamlose Kamelie in die vornehmste Familie eindringen wird!

Ich wollte Sie gerade bitten, ob Sie mich nicht, als Bekannter, bei
Nastassja Filippowna heute abend einfhren knnten? Es mu unbedingt
noch heute geschehen, und ich wei keine andere Mglichkeit,
hinzugelangen. Ich wurde ihr heute zwar vorgestellt, doch hat sie mich
nicht aufgefordert, und heute abend empfngt sie nur geladene Gste. Ich
wrde sogar bereit sein, mich ber gewisse gesellschaftliche Formen
hinwegzusetzen, selbst wenn man sich auch ber mich lustig machen
sollte. Wenn ich nur nicht abgewiesen werde!

Ich habe genau, genau denselben Gedanken gehabt, mein junger Freund!
rief der General begeistert aus. Ich habe Sie nicht etwa dieses
lumpigen Geldes wegen gerufen, fuhr er fort, indem er das Geld in die
Tasche steckte, sondern ich wollte Sie gerade zu diesem Gang zu
Nastassja Filippowna auffordern, oder besser gesagt, zu diesem Feldzuge.
General Iwolgin und Frst Myschkin! Wie das klingt! Wird es ihr nicht
imponieren? Und ich werde dann in aller Liebenswrdigkeit an ihrem
Geburtsfest endlich meinen Willen aussprechen, -- durch die Blume,
versteht sich, nicht geradeaus ... aber es wird doch ebensogut wie
geradeaus sein. Mag dann Ganj selbst entscheiden, zu wem er halten
will: zum alten verdienstvollen Vater und ... sozusagen ... und so
weiter, oder ... Doch wir werden ja sehen. Ihr Einfall ist im hchsten
Grade fruchtbar. Um neun Uhr brechen wir auf; bis dahin haben wir noch
Zeit.

Wo wohnt sie?

Ziemlich weit von hier: neben dem Groen Theater, im Hause der
Mytowzowa in der Beletage, gleich am Platz ... Es werden nicht viele
Gste bei ihr sein, -- obschon sie heute ihren Geburtstag feiert, -- und
auch die werden frh aufbrechen.

Inzwischen wurde es Abend. Der Frst sa immer noch, hrte zu und
wartete, da der General sich endlich erheben wrde. Dieser jedoch war
ins Erzhlen hineingekommen und gab alle seine Geschichten zum besten,
von denen er immer wieder eine neue begann, ohne die vorhergehende
beendet zu haben. Als der Frst gekommen war, hatte der General eine
neue Flasche bestellt und im Verlauf einer Stunde ausgetrunken; dann
bestellte er noch eine, die er gleichfalls allein leerte. Man htte
denken knnen, da der General in dieser Zeit so ungefhr sein ganzes
Leben erzhlte. Endlich ri dem Frsten die Geduld: er erhob sich und
erklrte, da er nicht lnger warten knne. Der General trank noch den
letzten Rest aus, erhob sich dann gleichfalls und schritt uerst
unsicher aus dem Zimmer. Der Frst war der Verzweiflung nahe, als er ihn
gehen sah. Er konnte es sich nicht verzeihen, da er sich auf den alten
Trinker verlassen und sich ihm anvertraut hatte. (Im Grunde vertraute er
sich nie einem Menschen an.) Er bedurfte des Generals ja nur, um an
diesem Abend zu Nastassja Filippowna gelangen zu knnen, wenn es auch
einen kleinen Skandal kostete! Immerhin hatte er nicht mit einem so
unvermeidlichen und so groen Skandal gerechnet. Was sollte er tun? Der
General war vollkommen betrunken und von einer Redseligkeit, die ihn
ohne Unterbrechung mit Gefhl und Trnen in der Seele sprechen lie.
Es drehte sich zumeist darum, da durch die schlechte Auffhrung seiner
Familie -- er selbst war natrlich nicht darunter gemeint -- alles
zugrunde gehe, und da er nun endlich eingreifen msse.

Sie traten auf die Liteinaja hinaus. Das Tauwetter hielt noch immer an;
ein wehmtiger, warmer, modriger Wind pfiff durch die Straen, die
Gummireifen der Equipagen klatschten im Straenschmutz, und die Hufe der
Traber und Droschkengule klangen hier und da hell auf einem
Pflasterstein auf. Die Fugnger schoben sich in freudloser, durchnter
Masse auf den Trottoirs durcheinander. Hin und wieder sah man einen
Betrunkenen.

Sehen Sie dort diese erleuchteten Beletagen, fuhr der General
unermdlich fort, hier leben alle meine Freunde, ich aber, der ich dem
Vaterlande am meisten gedient und fr dasselbe gelitten habe, ich irre
zu Fu zum Groen Theater und begebe mich in die Wohnung eines
zweideutigen Weibes! Ein Mensch, der dreizehn Kugeln in der Brust hat
... Sie glauben mir nicht? Mein Herr, einzig meinetwegen hat Pirogoff[8]
nach Paris telegraphiert und das belagerte Sebastopol zeitweilig im
Stich gelassen. Nlaton, dem Pariser Hofarzt, wirkte er im Namen der
Wissenschaft freie Durchfahrt aus, worauf dieser persnlich im
belagerten Sebastopol erschien, um mich zu untersuchen. Oh, selbst den
hchsten Vorgesetzten war es bekannt. >Ah, das ist der Iwolgin mit den
dreizehn Kugeln in der Brust! ...< hie es allgemein. Sehen Sie, Frst,
dort jenes Haus? Dort wohnt in der Beletage mein alter Freund General
Ssokolowitsch, mit seiner edlen und zahlreichen Familie. Diese Familie
hier, drei, die am Newskij wohnen, und zwei in der Groen Morskaja --
das ist mein ganzer Verkehr; denn Nina Alexandrowna hat sich schon
lngst den Verhltnissen gefgt, whrend ich noch fortfahre, mich ...
sozusagen zu erholen im Kreise meiner frheren Bekannten, Freunde und
Untergebenen, die auch jetzt noch nicht aufgehrt haben, mich zu
vergttern. Dieser General Ssokolowitsch -- eigentlich habe ich ihn
lange nicht mehr besucht und auch Anna Fedorowna nicht gesehen ...
Wissen Sie, lieber Frst, wenn man selbst nicht empfngt, so gibt man es
ganz unwillkrlich auf, andere zu besuchen. Indes ... hm! ... Sie,
scheint es, glauben mir nicht ... Doch -- da fllt mir eben ein! --
weshalb soll ich nicht den Sohn meines besten Freundes und
Jugendgespielen in diese bezaubernd liebenswrdige Familie einfhren?
General Iwolgin und Frst Myschkin! Sie werden ein entzckendes, junges
Mdchen kennen lernen, nein, nicht nur eines, sondern zwei, sogar drei!
Eine schner als die andere! Sie sind die Zierde der Residenz und der
Gesellschaft. Schnheit, Bildung, Erziehung ... Frauenfrage, Poesie --
alles das hat sich in ihnen zu einem tadellosen Ganzen glcklich
vereinigt, ganz abgesehen von den achtzigtausend Rubeln Mitgift, die
eine jede erhlt -- was ja doch kein Fehler und niemals berflssig ist,
weder bei sozialen noch bei Frauenfragen ... Mit einem Wort, ich mu Sie
unbedingt, unbedingt dort einfhren; es ist sogar meine Pflicht, Sie mit
ihnen bekannt zu machen! General Iwolgin und Frst Myschkin! Mit einem
Wort ... Tableau!

Wie, doch nicht jetzt? Heute? Sie vergessen ... begann der Frst.

Nichts, nichts vergesse ich, gehen wir! Hier, diese prachtvolle Treppe
geht's hinauf. Ich wundere mich nur, da der Schweizer[9] nicht zu sehen
ist ... Richtig, es ist ja heut Feiertag, da kann auch er sich einmal
fortbegeben haben. Er ist brigens ein alter Trinker, den man eigentlich
schon lngst htte vor die Tr setzen mssen. Dieser Ssokolowitsch
verdankt sein ganzes Lebensglck und seine ganze Karriere einzig mir,
mir allein und keinem anderen, aber ... doch da sind wir ja schon.

Der Frst versuchte nichts mehr dagegen einzuwenden und folgte ergeben
dem General, um ihn nicht zu reizen. Er war fest berzeugt, da der
General Ssokolowitsch mit seiner ganzen Familie alsbald wie eine Fata
morgana verschwinden und sich als nie dagewesen erweisen werde, und da
ihnen somit nichts Schlimmes begegnen knne; und dann wrden sie die
Treppe wieder hinuntersteigen. Doch zu seinem Entsetzen mute er diese
berzeugung bald aufgeben; denn der General stieg die Treppen mit einer
Sicherheit hinauf, als habe er tatschlich alte Bekannte in diesem
Hause, und zwischendurch erzhlte er noch die verschiedensten
biographischen und topographischen Einzelheiten mit wahrhaft
erdrckender, nahezu mathematischer Genauigkeit. Als sie dann
schlielich im ersten Stock anlangten und der General bereits an der Tr
einer hochvornehmen Wohnung die Hand nach dem Klingelzuge ausstreckte,
beschlo der Frst, sogleich zurckzugehen ... doch da fiel ihm
pltzlich etwas auf:

Sie haben sich geirrt, General, sagte er schnell, hier an der Tr
steht Kulakoff, und Sie wollen doch zu Ssokolowitsch!

Kulakoff ... Kulakoff beweist noch nichts. Die Wohnung hat
Ssokolowitsch inne, und ich klingle bei Ssokolowitsch, zum Teufel mit
Kulakoff ... Da kommt man schon!

Die Tr wurde von einem Diener geffnet, der sie fragend ansah und dann
meldete, da die Herrschaft nicht zu Hause sei.

Wie schade, oh, wie schade, das ist ja wie vorherbestimmt! wiederholte
Ardalion Alexandrowitsch mehrmals mit tiefstem Bedauern. Dann melden
Sie, da General Iwolgin und Frst Myschkin ihre Aufwartung zu machen
wnschten und unendlich, unendlich bedauerten ...

Durch die offene Zimmertr blickte pltzlich das Gesicht einer
Haushlterin oder Gouvernante, eines etwa vierzigjhrigen Frauenzimmers
in einem dunklen Kleide. Neugierig und doch mitrauisch nherte sie
sich, als sie die Namen General Iwolgin und Frst Myschkin hrte.

Marja Alexandrowna ist nicht zu Hause, sagte sie mit kritischem Blick
auf den General, sie ist mit dem Frulein, mit Alexandra Michailowna,
zur Gromutter gefahren.

So ist auch Alexandra Michailowna nicht zu sprechen? O Gott, welches
Pech! Und das passiert mir wirklich jedesmal! Haben Sie die Gte, meinen
ergebensten Gru zu bestellen, und Alexandra Michailowna sagen Sie, da
sie nicht vergessen soll ... mit einem Wort, sagen Sie ihr, da ich ihr
von Herzen die Erfllung dessen wnsche, was sie sich Donnerstag abend
bei den Klngen der Chopinschen Ballade gewnscht hat. Sie wird es schon
selbst wissen ... Also meinen herzlichsten Gru! General Iwolgin und
Frst Myschkin!

Schn, ich werde es ausrichten, sagte die Person, die etwas Zutrauen
gefat hatte, mit einer leichten Verbeugung.

Als sie die Treppe hinunterstiegen, bedauerte der General noch aufs
lebhafteste, da sie die Familie nicht angetroffen und der Frst nun die
Bekanntschaft so entzckender Menschen nicht hatte machen knnen.

Wissen Sie, mein Lieber, ich bin im Grunde dichterisch veranlagt, ist
Ihnen das noch nicht aufgefallen? Doch brigens ... brigens ...
brigens sind wir, wie mir scheint, nicht ganz richtig gegangen, schlo
er pltzlich selbst vllig berrascht. Ssokolowitschs wohnen -- jetzt
fllt's mir ein! -- in einem ganz anderen Hause, ich glaube sogar in ...
Moskau. Ja, ich habe mich ein wenig versehen, doch ... doch das hat
nichts zu sagen.

Ich wrde jetzt nur eines wissen wollen, bemerkte der Frst
resigniert, ob ich mich berhaupt noch auf Sie verlassen kann, oder ob
ich besser tue, wenn ich allein zu ihr gehe?

Allein? Zu ihr? Ohne mich? Aber weshalb denn das, wenn es doch fr mich
ein groes Unternehmen ist, von dem soviel fr mich und meine ganze
Familie abhngt? Nein, mein junger Freund, dann kennen Sie Iwolgin
schlecht! Wer >Iwolgin< sagt, der sagt so viel wie >Mauer<. >Verla dich
auf Iwolgin wie auf eine Mauer!< -- sehen Sie, so sagte man schon in der
Schwadron, bei der ich einst meinen Dienst begann. Ich mu jetzt nur
hier auf einen Augenblick in ein Haus eintreten, wo meine Seele von den
Aufregungen und Schicksalsschlgen nun schon seit mehreren Jahren
Erholung findet ...

Wie, Sie wollen nach Hause gehen?

Nein! Ich will ... zu Frau Terentjewa, der Witwe des Hauptmanns
Terentjeff, meines ehemaligen Untergebenen ... und sogar Freundes ...
Hier bei dieser Kapitanscha[10] lebt meine Seele wieder auf, und hierher
trage ich mein Lebens- und Familienunglck und lasse mich von meinem
Kummer erlsen ... Und da ich heute gerade soviel auf dem Herzen habe,
will ich die groe Last ...

Ich sehe, da ich eine ungeheure Dummheit begangen habe, brummte der
Frst, als ich Sie vorhin mit meiner Bitte belstigte. Zudem sind Sie
ja jetzt ... Leben Sie wohl.

Aber ich kann, ich kann Sie nicht von mir fortlassen, mein junger
Freund! rief der General beschwrend aus und hielt ihn krampfhaft fest.
Sie ist Witwe, Mutter einer Familie! Nur sie allein versteht, in ihrem
Herzen jene Saiten anzuschlagen, die in dem meinen einen Widerhall
finden. Der Besuch bei ihr wird nur fnf Minuten dauern. In diesem Hause
kann ich ganz ohne Formalitten ein- und ausgehen, ich lebe ja hier so
gut wie ganz, wasche mich, kleide mich an ... und dann fahren wir sofort
zum Groen Theater. Glauben Sie mir, ich kann Sie den ganzen Abend nicht
entbehren ... Hier in diesem Hause ... wir sind schon da ... Ah, Kolj,
du bist auch schon hier? Ist Marfa Borissowna zu Hause? Oder bist du
selbst erst im Augenblick gekommen?

Oh, nein, sagte Kolj, der gleichzeitig mit ihnen an der Tr angelangt
war. Ich bin schon lange hier bei Hippolyt. Er fhlt sich schlecht,
liegt seit dem Morgen zu Bett. Ich war soeben nur in den Krmerladen
gegangen und habe ein Spiel Karten gekauft. Marfa Borissowna erwartet
Sie, Papa. Nur ... ach Gott, Papa, wie haben Sie sich ... rief Kolj
vorwurfsvoll und erschrocken aus, indem er prfend die Haltung des
Generals betrachtete. Ach nun, gehen wir, gleichviel!

Die Begegnung mit Kolj bewog den Frsten, den General zu Marfa
Borissowna zu begleiten, doch wollte er dort nur eine Minute bleiben. Er
mute mit Kolj sprechen. Den General beschlo er unbedingt zu
verlassen. Er konnte es sich nicht verzeihen, da er sich ihm berhaupt
anvertraut hatte. Langsam stiegen sie auf der Hintertreppe bis zum
vierten Stockwerk empor.

Wollen Sie den Frsten mit ihr bekannt machen? fragte Kolj.

Jawohl, mein Freund, gewi bekannt machen. General Iwolgin und Frst
Myschkin! Aber wie ... was sagt ... Marfa Borissowna?

Wissen Sie, Papa, es wre besser, Sie gingen jetzt nicht zu ihr! Sie
wird Sie zerreien vor Wut! Sie haben sich drei Tage lang nicht gezeigt,
sie aber wartet auf Geld. Weshalb haben Sie ihr denn wieder Geld
versprochen? Das tun Sie immer wieder. Sehen Sie jetzt zu, wie Sie sich
herausreden.

Im vierten Stockwerk angelangt, machten sie vor einer niedrigen Tr
halt. Dem General wurde ersichtlich bange, und er schob den Frsten vor.

Ich werde mich hier verstecken, flsterte er, um sie dann zu
berraschen ...

Kolj trat als erster ins Vorzimmer. Eine stark geschminkte und
gepuderte Dame von etwa vierzig Jahren, in Pantoffeln und einer alten
Hausjacke, die Haare in dnne Zpfchen geflochten, blickte aus dem
Zimmer durch die Trspalte und -- die berraschung des Generals fiel ins
Wasser. Kaum hatte sie ihn erblickt, als sie auch schon ein groes
Geschrei erhob.

Da ist er, da ist er, dieser niedrige, dieser gemeine Mensch, das ahnte
mein Herz!

Treten wir ein, das ist nur so, flsterte der General noch harmlos
lchelnd dem Frsten zu.

Doch er tuschte sich sehr. Die Hausfrau lie ihnen kaum Zeit, durch das
dunkle, niedrige Vorzimmer in die bessere Stube einzutreten -- ein
schmales Zimmer, in dem ein halbes Dutzend Rohrsthle und zwei einfache
Tische standen --, als sie auch schon von neuem mit ihrer gleichsam
eingebt weinerlichen und ordinr klingenden Stimme fortfuhr:

Und du schmst dich nicht, du schmst dich gar nicht, du Barbar und
Tyrann meiner Familie, du Barbar und Heide! Bestohlen hast du mich bis
aufs Letzte, all meine Sfte hast du mir ausgesogen, und immer hast du
noch nicht genug! Wie lange werde ich dich noch ertragen, du schamloser,
du ehrloser Mensch?

Marfa Borissowna, Marfa Borissowna! Das ... hier ist Frst Myschkin.
General Iwolgin und Frst Myschkin ... stotterte der zitternde und ganz
kleinlaut gewordene General.

Werden Sie es mir glauben, wandte sich die Kapitanscha sogleich an den
Frsten, werden Sie es mir glauben, da dieser schamlose Mensch nicht
einmal meine verwaisten Kinderchen verschont hat? Alles hat er uns
geraubt, alles hat er fortgeschleppt, alles hat er verkauft und
verpfndet, nichts hat er uns gelassen! Was soll ich denn mit deinen
Schuldverschreibungen anfangen, du schlauer, du gerissener Mensch? So
antworte doch wenigstens, du Betrger, antworte mir doch, du
nimmersatter, gemeiner Mensch! Sag' mir doch, womit soll ich, womit soll
ich jetzt meine verwaisten Kinderchen ernhren? Da kommt er nun
betrunken angetorkelt, kann kaum auf den Beinen stehen ... Womit ich
wohl den Zorn Gottes erregt haben mag, da er mich so bitter straft! --
So antworte, du schndlicher, du schamloser Mensch, so antworte doch
wenigstens!

Der General jedoch war nicht gerade aufgelegt zum Antworten, er hatte
anderes im Sinn.

Hier, Marfa Borissowna, hier sind fnfundzwanzig Rubel ... alles, was
ich dank der Gromut meines Freundes Ihnen geben kann. Frst! Ich habe
mich grausam geirrt! So ... ist das Leben ... Jetzt aber ... Verzeihung,
ich bin schwach, fuhr der General, der mitten im Zimmer stand, sich
nach allen Seiten verbeugend, mit schwacher Stimme fort. Ich ... bin
schwach, verzeiht! Lenotschka! ein Kissen ... Kleine!

Lenotschka, das achtjhrige Tchterchen der Witwe, lief flink nach einem
Kissen, das sie dann auf das harte, zerrissene Wachstuchsofa legte. Der
General setzte sich darauf nieder, mit der Absicht, noch vieles zu
sagen, doch kaum sa er, als sein Haupt auch schon aufs Kissen sank und
er -- einschlief.

Marfa Borissowna sah kummervoll den Frsten an, deutete zeremoniell auf
einen Stuhl am Tisch, setzte sich selbst ihm gegenber, sttzte das Kinn
in die rechte Hand und begann den Gast, nur ab und zu aufseufzend, stumm
zu betrachten. Ihre drei kleinen Kinder (zwei Mdchen und ein Knabe),
von denen Lenotschka das ltere war, traten auch an den Tisch heran,
legten alle drei die Hndchen auf die Tischkante und begannen
gleichfalls alle drei stumm und aufmerksam den Frsten anzusehen. Da
erschien Kolj in der Tr.

Kolj! Es freut mich sehr, da ich Sie hier angetroffen habe, wandte
sich der Frst an ihn, vielleicht knnen Sie mir helfen. Ich mu
unbedingt heute noch zu Nastassja Filippowna. Ich hatte Ardalion
Alexandrowitsch gebeten, mich hinzufhren, und er wollte mir auch den
Dienst erweisen, aber nun ist er mir, wie Sie sehen, eingeschlafen.
Wrden Sie mich hinbegleiten; denn ich kenne hier weder die Straen,
noch den Weg zu ihr. Zum Glck habe ich durch ihn wenigstens ihre
Adresse erfahren: am Groen Theater, im Hause der Mytowzowa.

Nastassja Filippowna? Aber die hat doch nie im Leben dort gewohnt, und
mein Vater ist niemals bei ihr gewesen, wenn Sie's wissen wollen. Mich
wundert nur, da Sie ihm berhaupt ein Wort geglaubt haben. Nastassja
Filippowna wohnt nicht weit von den >Fnf Ecken<, in der Gegend der
Wladimirskaja, das ist viel nher von hier. Wollen Sie jetzt gleich hin?
Es ist halb zehn. Schn, ich werde Sie hinbegleiten.

Der Frst und Kolj machten sich sofort auf den Weg. Der Frst hatte
kein Geld mehr, um eine Droschke zu bezahlen. So muten sie zu Fu
gehen.

Ich wollte Sie gerade mit Hippolyt bekannt machen, sagte Kolj, als
sie auf die Strae traten, das ist der lteste Sohn dieser Kapitanscha
mit den Rattenschwnzen auf dem Kopf. Er wohnt hinten, im anderen
Zimmer. Heute hat er den ganzen Tag gelegen, er fhlte sich bedeutend
schlechter. Er ist aber so sonderbar, ist entsetzlich empfindlich. Ich
glaube, er wrde sich vor Ihnen schmen, weil Sie in einem solchen
Augenblick gekommen sind ... Mir ist es doch immerhin weniger peinlich
als ihm; denn bei mir ist es ja nur der Vater, bei ihm aber die Mutter,
das ist doch noch ein Unterschied! Mnnern geht so etwas nicht gleich an
die Ehre. Doch ist das vielleicht nur ein Vorurteil, das sich aus dem
Vorrecht des mnnlichen Geschlechts entwickelt haben mag. Hippolyt ist
ein famoser Junge, blo in manchen Dingen ist er einfach Sklave seiner
Vorurteile.

Sie sagten, er sei schwindschtig?

Ja, wahrscheinlich. Es wre besser, er strbe bald. Ich wrde an seiner
Stelle unbedingt sterben wollen. Ihm tun aber die kleinen Geschwister
leid, die drei Gren, -- Sie haben sie ja gesehen. Wenn es nur ginge,
wenn wir nur das Geld dazu htten, wrden wir uns eine eigene Wohnung
mieten und uns von unseren Verwandten einfach lossagen. Das ist unser
Ideal! Aber wissen Sie, als ich ihm vorhin von Ihrer Szene erzhlte,
wurde er in seiner Reizbarkeit ganz wild und behauptete, da jeder, der
eine Ohrfeige erhlt und seinen Beleidiger nicht fordert, einfach ein
Lump sei. Er war aber in sehr gereizter Stimmung, daher wollte ich auch
weiter nicht mit ihm streiten. Also Nastassja Filippowna hat Sie denn
auch richtig gleich eingeladen zu sich?

Das ist es ja, da sie mich nicht eingeladen hat.

Wie? Aber wie knnen Sie dann zu ihr gehen? fragte Kolj fast
erschrocken und blieb vor Verwunderung mitten auf dem Trottoir stehen.
Und ... und in diesem Anzuge? Dort ist doch geladener Besuch!

Bei Gott, ich wei es selbst nicht, wie ich eintreten werde. Werde ich
empfangen -- gut, wenn nicht -- dann nicht: dann ist eben nichts daraus
geworden. Und was den Anzug betrifft -- ja, was ist da zu machen?

Ah so, Sie haben wohl einen ernsten Grund, hinzugehen? Oder gehen Sie
nur, _pour passer le temps_{[8]} in >gute Gesellschaft<?

Nein, im Grunde ... ja, doch, ich habe ... das lt sich schwer
erklren, Kolj ...

Nun, gleichviel was das fr ein Grund ist, das ist Ihre Sache. Ich
meine nur, -- Sie wollen sich doch nicht dieser Gesellschaft aufdrngen,
den Kameliendamen, Generlen und Wucherern ... Wenn das der Fall wre --
verzeihen Sie, Frst -- dann mte ich Sie auslachen und verachten! Hier
gibt es nur sehr wenige Menschen, die ehrenwert sind, wirklich, es gibt
hier keinen, den man achten kann. Da blickt man unwillkrlich auf sie
herab, wenn sie auch alle geachtet sein wollen. Warj ist die erste,
die's tut. Und ist es Ihnen nicht aufgefallen, Frst, da in unserem
Jahrhundert alle Abenteurer sind! Und namentlich noch bei uns in
Ruland, in unserem lieben Vaterlande. Woher das nur alles kommen mag --
wirklich, ich begreife es nicht. Man sollte meinen, da alles fest stand
-- aber jetzt? Das sagen und schreiben alle Menschen. Bei uns wollen
alle >alles entlarven<! Die Eltern sind die ersten, die sich ihrer
frheren >alten< Moral schmen. In Moskau zum Beispiel hat ein Vater
seinen Sohn gelehrt, vor _nichts_ zurckzuschrecken, wenn es sich um
Gelderwerb handelt -- tatschlich! Es stand in der Zeitung. Und nehmen
Sie doch zum Beispiel meinen General. Was ist aus ihm geworden? Aber
wissen Sie was, ich glaube, da mein General ein ehrlicher Mensch ist.
Bei Gott, er ist es. Das ist ja alles nur die Unordnung und der Alkohol.
Bei Gott! Er kann einem sogar leid tun. Ich will es nur nicht jedem
sagen; denn sie wrden mich ja alle auslachen. Aber er tut mir wirklich
leid, glauben Sie mir. Und was ist denn schlielich an den anderen dran?
-- an diesen sogenannten Klugen? Alle sind sie Wucherer, alle, vom
ersten bis zum letzten. Hippolyt verteidigt die Wucherer, er sagt, so
msse es sein, es wre konomische Umwlzung, Ebbe und Flut, oder so
etwas Gutes, hol's der Teufel. Mich rgert es scheulich, da _er_ so
etwas sagt. Aber was, er ist ja doch krank und verbittert. Stellen Sie
sich vor, seine Mutter, die Kapitanscha, erhlt von meinem Vater Geld,
und dieses Geld borgt sie ihm dann gegen Wucherzinsen! Ist das nicht
eine Gemeinheit? Aber wissen Sie, Mama, das heit, meine Mama, Nina
Alexandrowna, hilft Hippolyt mit Geld, Kleidern, Wsche und was sonst
noch ntig ist, und sogar den drei Kleinen hilft sie, durch Hippolyt;
denn die Kapitanscha vernachlssigt sie ganz und gar. Auch Warj hilft
ihnen.

Nun sehen Sie, Sie sagen, es gbe keine ehrenwerten und starken
Menschen, alle seien Wucherer. Da haben Sie doch Ihre Mutter und Warj.
Ist denn das kein Beweis sittlicher Kraft, wenn sie hier unter solchen
Umstnden helfen?

Warj tut es nur aus Eigenliebe, bei ihr ist es Prahlerei, sie will der
Mutter nicht nachstehen. Aber Mama allerdings ... ich mu sagen, da hat
man alle Hochachtung. Jawohl, das achte ich an ihr und diese Achtung ist
gerechtfertigt. Selbst Hippolyt fhlt es, aber er ist ja schon ganz
verbittert. Anfangs lachte er darber und nannte es von seiten meiner
Mutter eine Gemeinheit. Aber jetzt fngt er schon an, zu fhlen, da ...
Also Sie nennen so etwas Kraft? Das werde ich mir merken. Ganj wei
nichts davon, sonst wrde er es unntze Verwhnung nennen.

Ganj wei es nicht? Ich glaube, Ganj wei noch sehr vieles nicht,
kam es dem nachdenklichen Frsten unwillkrlich ber die Lippen.

Wissen Sie Frst, Sie gefallen mir sehr. Ich kann es noch immer nicht
vergessen, wie Sie sich da vorhin verhielten.

Auch Sie gefallen mir sehr, Kolj.

Hren Sie, wie beabsichtigen Sie hier zu leben? Ich werde mir
irgendeine Beschftigung suchen und Geld verdienen -- wollen wir dann
alle drei zusammen, Sie, Hippolyt und ich, eine Wohnung mieten?! -- und
der General kann uns dann besuchen!

Mit dem grten Vergngen. Doch wir werden ja brigens noch sehen ...
Ich bin sehr ... sehr zerstreut. Was? Wir sind schon da? In diesem
Hause? ... Was fr eine prchtige Vorfahrt! Der Schweizer ffnet schon
... Nun, Kolj, ich wei nicht, was daraus werden wird ...

Der Frst stand wie verloren vor der Tr.

Nun, morgen werden Sie mir alles erzhlen! Lassen Sie den Mut nicht
sinken. Gott gebe Ihnen guten Erfolg. Ich bin in allem ganz Ihrer
Meinung. Leben Sie wohl. Ich kehre wieder dorthin zurck und werde
Hippolyt alles erzhlen. Da Sie empfangen werden, ist bombensicher,
eine Abweisung brauchen Sie bestimmt nicht zu frchten! Sie ist
unglaublich originell. Hier, diese Treppe geht's hinauf, im ersten
Stock, der Schweizer wird Ihnen schon Bescheid sagen.


                                 XIII.

Der Frst suchte, als er die Treppe hinaufstieg, mit aller Gewalt seiner
Aufregung Herr zu werden. Das Schlimmste, was mir begegnen kann,
dachte er, ist, da man mich empfngt und etwas Schlechtes von mir
denkt ... oder schlielich empfngt man mich auch, um dann ber mich zu
lachen? ... Ach, mgen sie doch! Was ihn aber am meisten schreckte, war
der Gedanke oder die Frage, was er denn dort eigentlich zu tun
beabsichtige, und weshalb er berhaupt hinging, -- eine Frage, auf die
er entschieden keine zufriedenstellende und beruhigende Antwort zu
finden vermochte. Selbst wenn sich ihm dort die Gelegenheit bte,
Nastassja Filippowna unbemerkt zu sagen: Heiraten Sie diesen Menschen
_nicht_, strzen Sie sich nicht ins Verderben, er liebt nicht Sie,
sondern Ihr Geld, das hat er mir selbst gesagt, und auch Aglaja
Jepantschina hat es mir gesagt, ich aber bin gekommen, um es Ihnen zu
hinterbringen, -- so war damit wohl kaum in jeder Beziehung das Richtige
getan. Ferner gab es da noch eine andere schwierige Frage, und zwar eine
von solcher Wichtigkeit, da der Frst nicht einmal an sie zu denken
wagte, geschweige denn, sie bewut als vorhandene Tatsache anerkannte;
ja, er htte sie kaum zu formulieren verstanden, und er errtete und
zitterte, sobald seine Gedanken nur in diese Richtung kamen. Doch wie
dem auch war, jedenfalls endete es damit, da er trotz aller Zweifel und
Befrchtungen die Glocke zog, eintrat und sich bei der Dame des Hauses
anmelden lie.

Nastassja Filippowna hatte eine nicht sehr groe, doch luxuris
eingerichtete Wohnung inne. Zu Anfang dieser fnf Jahre, die sie nun
schon in Petersburg lebte, hatte Afanassij Iwanowitsch Tozkij ganz
besonders viel Geld fr sie verschwendet. Damals hatte er noch auf ihre
Liebe gerechnet und geglaubt, sie mit Luxus und Geld betren zu knnen,
mit Dingen, die, wie er wute, bald unentbehrlich werden, wenn man sich
einmal an sie gewhnt hat. Tozkij blieb eben seinen guten alten
Anschauungen treu, ohne von ihnen auch nur das Geringste aufzugeben. So
hoch schtzte er die unbezwingliche Macht seiner sinnlichen
Einwirkungen ein! Nastassja Filippowna wies die prunkvolle Ausstattung
nicht zurck, ja, sie gefiel ihr sogar. Nichtsdestoweniger aber -- und
das war doch sehr sonderbar -- lie sie sich durch dieselbe nicht im
geringsten bestechen. Es war, als htte sie jeglichen Komfort mit
Leichtigkeit entbehren knnen. Ja, sie uerte sich sogar hin und wieder
in diesem Sinne -- was Afanassij Iwanowitsch Tozkij recht unangenehm
berraschte. brigens gab es da noch so manches an ihr, das ihm im Laufe
der Zeit peinliche berraschungen bereitete. Ganz abgesehen von der
(gelinde gesagt) Unvornehmheit der Menschensorte, mit der sie verkehrte
-- und das hie doch so viel, da sie sich zu den Betreffenden
hingezogen fhlte -- legte sie noch andere uerst seltsame Neigungen an
den Tag. Es war eine geradezu barbarische Mischung zweier
Geschmacksrichtungen in ihr: sie war fhig, sich mit Dingen abzugeben
und an Dingen Gefallen zu finden, deren bloes Dasein ein
feingebildeter, sthetisch empfindender Mensch, wie man meinen sollte,
berhaupt nicht fr mglich halten konnte. Dagegen: htte Nastassja
Filippowna z. B. eine liebe kleine Unwissenheit verraten, wie etwa die,
da Bauernmdchen ebensolche Batistwsche tragen wie sie, so htte das
Afanassij Iwanowitsch aus unbestimmten Grnden sehr angenehm berhrt.
Htte doch nach Tozkijs Erziehungsprogramm Nastassja Filippownas
wissenschaftlich-literarisch-sthetische Bildung unfehlbar zu diesen
Resultaten fhren mssen -- und er hielt sich fr durchaus kompetent in
solchen Fragen. Doch leider waren die Resultate, wie es sich in der
Praxis erwies, ganz anderer und zum mindesten sehr seltsamer Art.
Trotzdem aber war und blieb in Nastassja Filippowna ein Etwas, das
sogar Tozkij durch seine ungewhnliche und anziehende Originalitt,
durch seine gewisse Kraft stutzig machte und ihn auch jetzt noch
mitunter bestrickte, obschon doch alle seine Hoffnungen auf
Luftschlsser schon lngst, lngst eingestrzt waren.

Dem Frsten ffnete eine Zofe die Tr (Nastassja Filippowna hatte
grundstzlich nur weibliche Bedienung), und diese vernahm zu seiner
Verwunderung ohne das geringste Erstaunen die Bitte, ihn anzumelden.
Weder seine schmutzigen Stiefel, noch sein breitrandiger Filzhut, weder
sein rmelloser Kapuzenmantel noch seine verwirrte Miene erregten
Bedenken in ihr. Sie half ihm, sich des Mantels zu entledigen, bat ihn
hflich, im Empfangssalon zu warten, und ging dann ohne weiteres, um
ihrer Herrin den Besuch zu melden.

Die Gesellschaft, die Nastassja Filippowna eingeladen hatte, bestand nur
aus ihren alten Bekannten. Es waren diesmal bedeutend weniger Gste
versammelt als an ihren frheren Geburtstagsfesten. In erster Reihe
waren Afanassij Iwanowitsch Tozkij und Exzellenz Iwan Fedorowitsch
Jepantschin anwesend; beide bemhten sich, liebenswrdig zu sein; doch
sah man beiden an, da die bevorstehende Entscheidung Nastassja
Filippownas sie nicht wenig beunruhigte. Auer ihnen war natrlich auch
Ganj anwesend -- finster, nachdenklich und, fast kann man sagen, das
Gegenteil von liebenswrdig. Er stand etwas abseits und schwieg. Warj
mitzubringen, hatte er doch nicht fr ratsam gehalten, aber Nastassja
Filippowna fragte auch mit keinem Wort nach ihr. Dafr jedoch hatte sie
ihn sogleich nach seiner Begrung an jenen Zwischenfall mit dem Frsten
erinnert. Der General, der noch nichts davon gehrt, erkundigte sich
interessiert, was denn vorgefallen sei, worauf Ganj in knappen Worten
sehr sachlich, doch vollkommen wahrheitsgetreu alles erzhlte und auch
ausdrcklich erwhnte, da er den Frsten bereits um Verzeihung gebeten
habe. Zum Schlu uerte er noch in etwas lebhafterem Tone seine
Meinung: da der Frst seltsamerweise -- Gott wei weshalb -- ein
Idiot genannt werde, da er, Ganj, sich aber vom vollkommenen
Gegenteil berzeugt habe; denn dieser Mensch hat sicher seinen Kopf fr
sich, wie er hinzufgte. Nastassja Filippowna hrte dieser
Meinungsuerung sehr aufmerksam zu und blickte Ganj neugierig an; doch
das Gesprch ging sogleich auf Rogoshin ber, der ja bei Iwolgins eine
so groe Rolle gespielt hatte, und diesem Gesprch folgten Tozkij und
Jepantschin mit grter Aufmerksamkeit. Ptizyn, der sich bis neun Uhr
abends fr Rogoshin in geschftlichen Angelegenheiten gemht hatte,
wute noch einzelne Neuigkeiten ber ihn zu berichten. Wie er erzhlte,
setzte Rogoshin alle Hebel in Bewegung, um noch vor der Nacht
hunderttausend Rubel in barem Gelde zusammenzubringen. Allerdings
scheint er betrunken zu sein, fgte Ptizyn hinzu, doch wird er
wahrscheinlich sein Wort halten; denn wenn es auch schwer ist,
hunderttausend an einem Tag flssig zu machen, so helfen ihm doch viele:
Trepaloff, Kinder und Biskup ... Nur wei ich nicht, ob es ihnen gerade
heute noch gelingen wird ... Auf die Hhe der Prozente kommt es ihm gar
nicht an, er zahlt alles -- natrlich in der Trunkenheit, im ersten
Rausch ... schlo Ptizyn. Alle diese Mitteilungen wurden von den
Anwesenden mit zum Teil finsterem Interesse vernommen. Nastassja
Filippowna schwieg, wahrscheinlich mit einer besonderen Absicht. Ganj
schwieg gleichfalls. General Jepantschin beunruhigte sich innerlich
vielleicht am meisten von allen: sein kostbares Geschenk war von ihr mit
etwas gar zu khler Freundlichkeit empfangen worden; ja, vielleicht
tuschte er sich nicht einmal, wenn er sogar so etwas wie leisen Spott
in ihrem Blick und Lcheln bemerkt zu haben glaubte. Nur
Ferdyschtschenko befand sich als einziger von allen Gsten in gehobener,
feiertglicher Stimmung und lachte laut, ohne selbst zu wissen weshalb
-- vielleicht nur, weil er sich selbst die Rolle des Narren auferlegt
hatte. Tozkij, den die Fama als eleganten und geistreichen Erzhler
pries, und der an solchen Abenden gewhnlich die ganze Unterhaltung
beherrscht hatte, war diesmal offenbar nicht dazu aufgelegt. Man merkte
ihm sogar eine gewisse, an ihm ganz fremde Betretenheit an. Die brigen
Gste -- ein armer, alter Lehrer, der Gott wei weshalb eingeladen
worden war, irgendein unbekannter und sehr junger Mann, der entsetzlich
schchtern zu sein schien und den Mund berhaupt nicht auftat, eine
lebhafte ltere Dame von etwa vierzig Jahren, die einstmals
Schauspielerin gewesen war, und dann noch eine auffallend hbsche, reich
gekleidete junge Dame, die gleichfalls so gut wie gar nichts sprach --
sie alle konnten das Gesprch nicht nur nicht beleben, sondern wuten
mitunter nicht einmal, was sie antworten oder wovon sie berhaupt
sprechen sollten.

So war es denn begreiflich, da das Erscheinen des Frsten allen
Anwesenden sehr gelegen kam. brigens rief seine Anmeldung doch gewisses
Erstaunen und auf manchen Gesichtern sogar ein gewisses Lcheln hervor,
namentlich als man aus Nastassja Filippownas berraschter Miene erriet,
da sie gar nicht daran gedacht hatte, ihn einzuladen. Doch schon im
nchsten Augenblick verriet ihr Gesicht so viel aufrichtige Freude ber
seinen Besuch, da die Mehrzahl der Gste sich sofort gleichfalls
anschickte, den ungebetenen Gast mit Vergngen zu empfangen.

Nun ja, wenn das auch wieder nur ein Ausdruck seiner Unschuld ist,
meinte General Jepantschin, und solche -- hm! -- Neigungen zu
begnstigen ziemlich gefhrlich sein kann, so ist es doch im Augenblick
nicht bel, da er das Geburtstagskind mit seinem Besuch bedacht hat,
zumal er es noch in einer so originellen Weise tut. Aller Voraussicht
nach wird er uns sogar erheitern, wenigstens ... soviel ich ber ihn --
urteilen kann.

Oh, das steht um so mehr zu erwarten, als er uneingeladen kommt! rief
sofort Ferdyschtschenko aus.

Sie meinen? fragte ihn der General trocken. Er konnte diesen Menschen
nicht ertragen.

Nun, ich meine, da er fr den Eintritt zahlen mu, erklrte jener.

Mir scheint, da ein Frst Myschkin nicht gerade ein Ferdyschtschenko
ist, konnte der General sich nicht enthalten zu bemerken. Es fiel ihm
ehrlich schwer, sich an den Gedanken zu gewhnen, da er, General
Jepantschin, sich mit einem Ferdyschtschenko in ein und derselben
Gesellschaft befand, ganz als wren sie gleichstehende Persnlichkeiten.

Ei, Exzellenz, mit Ferdyschtschenko mssen Sie Nachsicht haben,
antwortete jener lachend, ich bin doch hier mit ganz besonderen Rechten
ausgestattet!

Was sind denn das fr Rechte, wenn man fragen darf?

Das auseinanderzusetzen hatte ich bereits das vorigemal die Ehre, doch
fr Eure Exzellenz will ich es nochmals wiederholen. Also, ich bitte um
Ihre Aufmerksamkeit, Exzellenz: alle Menschen sind geistreich, nur ich
allein bin es nicht. Als Schadenersatz habe ich dafr die Erlaubnis
erhalten, die Wahrheit zu sagen, da doch bekanntlich nur jene die
Wahrheit sagen, die nicht gerade -- nun, wie gesagt, geistreich sind.
Zudem bin ich ein uerst rachschtiger Mensch, und das natrlich
gleichfalls nur aus Mangel an Geist. Ich nehme jede Beleidigung ruhig
hin, doch -- wohlgemerkt! -- nur bis zum ersten Mierfolge des
Beleidigers. Bei seiner ersten Niederlage entsinne ich mich unverzglich
alles dessen, was er auf dem Kerbholz hat, und zahle es ihm prompt auf
irgendeine Weise heim -- schlage mit den Hinterbeinen aus, wie Iwan
Petrowitsch Ptizyn es nennt, der, versteht sich, selbst niemals hinten
ausschlgt. Kennen Eure Exzellenz vielleicht Kryloffs Fabel vom Lwen
und vom Esel? Nun, sehen Sie, die ist wie auf uns gedichtet,
tatschlich, das sind Sie und ich.

Sie scheinen ja wieder mal in Ihr unleidliches Faseln hineingekommen zu
sein, Ferdyschtschenko, entgegnete der General gereizt und grob.

Aber was haben Sie denn dagegen einzuwenden, Exzellenz? griff
Ferdyschtschenko schnell auf, ganz als htte er nur auf diesen Einwand
gewartet. Beunruhigen Sie sich nicht, Exzellenz, ich kenne sehr wohl
den Platz, der mir zukommt: der Lwe sind natrlich Sie, Exzellenz:

   -- Der grimme Leu, des Waldes Schrecken,
   Ward mit den Jahren altersschwach --

Und ich, Exzellenz, bin selbstverstndlich der Esel ...

Mit letzterem bin ich vollkommen einverstanden, platzte der General
unvorsichtig genug heraus.

Diese ganze Plnkelei wurde natrlich mit Absicht von Ferdyschtschenko
in die Lnge gezogen: obwohl er nicht geistreich zu sein verstand, wurde
ihm doch vieles erlaubt, da er nun einmal offiziell den Narren spielte.

Aber ich werde ja doch nur deshalb hier empfangen, damit ich gerade in
diesem Genre zur allgemeinen Heiterkeit beitrage! hatte
Ferdyschtschenko einmal lachend erklrt. Wie wre es denn sonst
mglich, mich zu empfangen? -- Das begreife ich doch selbst! Aber ja
doch! Wie knnte man mich denn im Ernst, mich, Ferdyschtschenko, neben
einen so sthetisch-delikaten Gentleman wie Afanassij Iwanowitsch Tozkij
setzen? Da bleibt einem doch nur die eine Erklrung brig: eben weil es
unmglich ist, wird es getan!

Ferdyschtschenko konnte in seinen Spen sehr plump, bisweilen aber auch
sehr bissig sein, und bisweilen sogar noch mehr als bissig. Das aber war
es gerade, was Nastassja Filippowna zu gefallen schien. Daher mute auch
ein jeder, der mit ihr verkehren wollte, Ferdyschtschenkos Anwesenheit
in den Kauf nehmen. Er traf vielleicht den Nagel auf den Kopf, wenn er
sich sagte, da er nur deshalb empfangen wurde, weil er gleich bei
seinem ersten Besuch fr Tozkij unmglich geworden war. Auch Ganj
mute unendliche Qualen von ihm erdulden; und in der Beziehung kam
Ferdyschtschenko Nastassja Filippowna sogar sehr zustatten.

Der Frst aber wird bei uns damit beginnen mssen, da er eine moderne
Arie zum besten gibt, schlo Ferdyschtschenko mit einem Seitenblick auf
Nastassja Filippowna.

Das glaube ich nicht, Ferdyschtschenko, und bitte, geben Sie sich keine
Mhe, es wre berflssig, sagte diese kurz.

A--ah! Nun, wenn er unter so besonderer Protektion steht, so werde
natrlich auch ich mich danach richten.

Doch Nastassja Filippowna hatte sich schon erhoben und ging, ohne ihn
anzuhren, dem Frsten entgegen.

Es tut mir leid, sagte sie, als sie pltzlich vor ihm stand, da ich
Sie vorhin in der Eile zu mir einzuladen verga. Um so mehr freut es
mich, da Sie mir jetzt selbst Gelegenheit geben, Ihnen zu danken und
Sie zu versichern, da ich Ihre Entschlossenheit und die Art, wie Sie
eingriffen, bewundert habe.

Bei diesen Worten blickte sie ihn forschend an, bemht, wenn auch nur
halbwegs eine Erklrung fr sein seltsames Erscheinen zu finden.

Der Frst war durch ihre Erscheinung so geblendet und erregt, da er
kein Wort hervorzubringen vermochte. Nastassja Filippowna bemerkte es
und lchelte: es war ihr angenehm. Wie sie so in der kostbaren
Abendtoilette vor ihm stand, war sie allerdings berckend schn. Und das
sah sie auch an dem Eindruck, den sie auf ihn machte. Sie reichte ihm
die Hand und fhrte ihn dann zu ihren Gsten. Doch dicht vor der Tr zum
Salon blieb der Frst pltzlich stehen und flsterte ihr in
ungewhnlicher Erregung schnell, fast atemlos zu:

An Ihnen ist alles vollendet ... selbst das, da Sie mager und bleich
sind, ist schn ... Man will Sie sich gar nicht anders denken ... Ich
wollte um jeden Preis zu Ihnen kommen ... ich ... verzeihen Sie ...

Bitten Sie nicht um Verzeihung, unterbrach ihn Nastassja Filippowna
lchelnd, damit wrden Sie die ganze Seltsamkeit und Originalitt Ihres
Erscheinens zerstren. Man hat wohl ganz recht, wenn man Sie einen
sonderbaren Menschen nennt. Halten Sie mich also wirklich fr vollendet,
ja?

Ja.

Wenn Sie auch sonst ein Meister im Erraten sind, so tuschen Sie sich
diesmal doch arg. Ich werde Sie heute noch daran erinnern ...

Sie stellte ihn darauf ihren Gsten vor, von denen jedoch die meisten
ihn bereits kannten. Tozkij sagte ihm sogleich eine Liebenswrdigkeit.
Alle schienen sich zu beleben, alle begannen pltzlich zu sprechen und
zu lachen. Nastassja Filippowna lie den Frsten neben sich Platz
nehmen.

Aber was ist denn am Erscheinen des Frsten so Erstaunliches?
bertnte Ferdyschtschenkos Kraftorgan alle anderen Stimmen. Die Sache
liegt doch auf der Hand, sie spricht ja fr sich selbst!

Ja, sie spricht nur zu deutlich fr sich selbst, brach pltzlich Ganj
sein Schweigen. Ich habe den Frsten heute fast ununterbrochen
beobachtet, von dem Augenblick an, als er am Vormittage zum erstenmal
Nastassja Filippownas Bild erblickte auf dem Schreibtisch Iwan
Fedorowitschs. Ich entsinne mich noch sehr gut, da ich mir schon damals
dasselbe dachte, wovon ich jetzt vollkommen berzeugt bin, und was mir
der Frst, nebenbei bemerkt, auch selbst gestanden hat.

Ganj hatte mit sehr ernster, fast sogar finsterer Miene ohne den
geringsten Scherzton gesprochen, was eigentlich etwas sonderbar war.

Ich habe Ihnen keine Gestndnisse gemacht, entgegnete der Frst, der
bei Ganjs Worten rot geworden war, ich habe nur auf Ihre Frage
geantwortet.

Bravo, bravo! schrie Ferdyschtschenko laut. Das nenne ich wenigstens
aufrichtig! Und zwar ist es ebenso aufrichtig wie schlau!

Alles lachte.

Schreien Sie doch nicht so, Ferdyschtschenko, sagte Ptizyn halblaut
mit angewiderter Miene.

Ich htte solche Heldentaten gar nicht von Ihnen erwartet, Frst,
bemerkte Iwan Fedorowitsch Jepantschin. Aber wissen Sie auch, wem das
sehr zustatten kommt? ... Und ich habe Sie fr einen Philosophen
gehalten! Ja, ja, die Bescheidenen!

Und danach zu urteilen, da der Frst bei diesem harmlosen Scherz wie
ein unschuldiges, junges Mdchen errtet, mu er ja -- wenigstens glaube
ich, das annehmen zu drfen -- als edler Jngling nur die edelsten
Absichten in seinem Herzen hegen, sagte, oder richtiger, kaute mit
seinem zahnlosen Munde der bis dahin stumme siebzigjhrige kleine
Lehrer, von dem ein jeder alles andere eher erwartet htte, als da er
an diesem Abend berhaupt ein Wort hervorbringen wrde.

Die Bemerkung des Greises rief noch grere Heiterkeit hervor, und er
selbst begann in dem Glauben, da sein Witz die Ursache des Gelchters
sei, noch lauter als die anderen zu lachen -- bis er einen so heftigen
Hustenanfall bekam, da Nastassja Filippowna, die fr alte Originale,
Greise und sogar Schwachsinnige eine besondere Vorliebe besa, den Alten
zu streicheln begann, ihn kte und ihm Tee bringen lie. Von der
eintretenden Zofe lie sie sich einen Schal bringen, in den sie sich
dann frstelnd einhllte. Darauf mute das Mdchen noch Holzscheite in
den Kamin legen. Auf ihre Frage, wieviel Uhr es sei, antwortete das
Mdchen, da es schon halb elf geschlagen habe.

Meine Herren, wollen Sie nicht Champagner trinken? fragte pltzlich
Nastassja Filippowna. Er ist bereits kalt gestellt. Vielleicht wird es
dann lustiger werden. Also ganz ohne Zeremonien, wenn ich bitten darf.

Diese Aufforderung, zu trinken, die noch dazu so naiv ausgesprochen
wurde, erschien den Anwesenden sehr sonderbar von Nastassja Filippowna.
Und berhaupt wurde der Abend diesmal noch ungezwungener, als es die
Gste sonst bei ihr gewhnt waren. Doch gegen den Champagner hatte
niemand etwas einzuwenden, wenigstens was den General, die lebhafte
Dame, den alten Lehrer und Ferdyschtschenko betraf. Und ihrem Beispiel
folgten auch die anderen. Tozkij nahm gleichfalls einen der Kelche und
bemhte sich, dem neueingefhrten Ton nach Mglichkeit den Charakter
eines unbefangenen Scherzens zu geben. Nur Ganj trank nicht. Nastassja
Filippowna dagegen erklrte, da sie mindestens drei Glas trinken wrde.
Es war sehr schwer, aus ihrem oft grundlosen, verlorenen Lachen, das
bald ernster Nachdenklichkeit und finsterem Schweigen wich, um dann von
neuem in nervser Heiterkeit hervorzubrechen, klug zu werden oder gar
aus ihm zu erraten, was sie fr Absichten hegte. Es fiel mit der Zeit
auf, da sie gleichsam etwas erwartete, hufig nach der Uhr sah, immer
ungeduldiger wurde und sehr zerstreut war.

Bei Ihnen scheint ja eine richtige kleine Influenza im Anzuge zu sein,
meine Liebe? fragte die lebhafte Dame.

Oh, eine sehr groe sogar, nicht nur eine kleine, entgegnete, den
Schal fester um die Schultern ziehend, Nastassja Filippowna, die
merklich bleicher wurde und zuweilen sich krampfhaft zusammenzunehmen
schien, damit die anderen nicht merkten, wie der Schttelfrost sie
zittern machte.

Alle wurden unruhig und sahen einander fragend an; es ging eine Bewegung
durch die ganze Versammlung.

Oder sollten wir Nastassja Filippowna nicht Ruhe gnnen? fragte Tozkij
mit einem Blick auf Jepantschin.

Oh, nein, nein! auf keinen Fall! Ich bitte Sie alle, bei mir zu
bleiben, rief sie lebhaft. Ihre Anwesenheit ist mir heute
unentbehrlich, fgte sie pltzlich noch eigensinniger und recht
vielsagend hinzu.

Da nun fast alle Gste wuten, da an diesem Abend eine wichtige
Entscheidung bevorstand, so fielen diese ihre Worte schwer ins Gewicht.
Der General und Tozkij tauschten nochmals einen bedeutsamen Blick aus.
Ganj machte eine hastige Bewegung.

Wie wr's, wenn wir ein _Petit-jeu_{[9]} spielten? schlug die lebhafte
Dame vor.

Ach, ich wei ein famoses _Petit-jeu_! rief Ferdyschtschenko lebhaft
aus. Wenigstens ist es eines, das nur ein einziges Mal in der Welt
gespielt worden ist, und selbst da gelang es nicht!

Was ist denn das fr ein Spiel? fragte die lebhafte Dame.

Na, es hatte sich mal von uns 'ne ganze Gesellschaft zusammengefunden,
nun, es war getrunken worden, das lt sich nicht leugnen, und da machte
pltzlich jemand den Vorschlag, da jeder von uns etwas aus seinem Leben
erzhlen solle, ganz einfach, so wie wir da alle um den Tisch
herumsaen, doch dieses Etwas -- jetzt kommt der Haken! -- mute
unbedingt gerade das sein, was der Erzhler auf Ehr' und Gewissen fr
die schlechteste Tat hielt, die er je im Laufe seines ganzen Lebens
begangen, und zwar nur unter dieser einen Bedingung, da er nicht log,
sondern aufrichtig, ganz aufrichtig, nur der Wahrheit gem die Sache --
wiedergab.

Hm, ein etwas sonderbarer Einfall, meinte der General.

Aber erlauben Sie, Exzellenz, Sonderbarkeit ist doch nur ein Vorzug!

Ich finde den Einfall lcherlich, uerte Tozkij, doch ist er im
Grunde verstndlich: Prahlerei besonderer Art.

Aber das war's ja vielleicht gerade, was man wollte, Afanassij
Iwanowitsch.

Ach, gehen Sie! Ein solches _Petit-jeu_ bringt einen eher zum Weinen
als zum Lachen! sagte die lebhafte Dame geringschtzig.

Ich halte solche Spiele fr reinen Unsinn. Und sie sind ja auch ganz
unmglich, meinte Ptizyn.

Aber gelang es denn auch, Ferdyschtschenko? erkundigte sich Nastassja
Filippowna.

Das ist es ja eben, da es nicht gelang, oder wenn Sie wollen, gelang
es, aber es wurde gemein. Allerdings weigerte sich niemand, zu erzhlen,
viele erzhlten auch wahrheitsgetreu -- und denken Sie sich nur: es
erzhlte gar manch einer mit aufrichtigem Vergngen und Wohlgefallen!
Dann aber schmte sich doch ein jeder. Hielten's nicht aus. Im
allgemeinen aber war es brigens durchaus erheiternd, -- in seiner Art,
versteht sich ...

Vorzglich! Das ist ja wie geschaffen fr uns! fiel ihm Nastassja
Filippowna ins Wort; sie war wie neu belebt. Nein wirklich, das mssen
wir doch versuchen, meine Herren! Es ist heute gar nicht lustig bei mir.
Wenn nun ein jeder von uns bereit wre, etwas zu erzhlen ... irgend
etwas in dieser Art -- nicht? ... Natrlich nur, wenn er aus freien
Stcken einwilligt -- was meinen Sie? Vielleicht werden wir es
aushalten? Wenigstens ist es furchtbar originell!

Oh, gewi, es ist eine geniale Idee! begeisterte sich
Ferdyschtschenko. Die Damen brauchen brigens nicht mitzuwirken, die
Herren fangen an. Die Reihenfolge wird durch das Los bestimmt -- so
machten wir es auch damals. Unbedingt, unbedingt! Wer nun aber _gar
nicht_ will, der kann dann natrlich den Mund halten, nur ist es gerade
keine Liebenswrdigkeit. Also, meine Herren, ein jeder gebe ein Pfand,
irgendeinen x-beliebigen Gegenstand -- hier ... hier ist ein Hut -- also
hier hinein, meine Herren, der Frst wird dann die Pfnder herausnehmen.
Die ganze Aufgabe ist ja so einfach, wie man sie sich einfacher gar
nicht denken kann: die hlichste Tat von allen im Laufe des Lebens
begangenen ... wie gesagt: die Einfachheit selbst. Sie werden ja sehen,
meine Herren. Und falls jemand sein schlechtes Gedchtnis vorschtzen
sollte, so werde ich dem schon nachzuhelfen wissen!

Der Einfall war allerdings sehr eigenartig. Doch gefiel er keinem der
Gste. Einige waren verstimmt, andere lchelten verschmitzt, und wieder
andere versuchten dies und jenes einzuwenden, doch taten sie es nur mit
Vorsicht, so z. B. der General, der Nastassja Filippowna nie recht zu
widersprechen wagte. Er hatte sogleich bemerkt, da ihr dieser Einfall
sehr zusagte -- vielleicht nur weil er nichts weniger als alltglich und
eigentlich doch unerhrt war. Nastassja Filippowna war aber in ihren
Wnschen unberechenbar und rcksichtslos, wenn sie sie einmal offen
zeigte, gleichviel, ob es auch die kindischsten und fr sie selbst
nutzlosesten Wnsche waren. Sie war jetzt wie im Fieber, konnte kaum
ruhig sitzen. Das Lachen berkam sie wie ein Anfall, um dann ebenso
pltzlich abzubrechen. Sie amsierte sich kstlich ber Tozkijs
beleidigte und besorgte Miene. Ihre dunklen Augen glnzten. Auf ihren
bleichen Wangen erschienen zwei rote Flecke. Der Schatten unbehaglichen
Mivergngens in den Gesichtern einiger ihrer Gste reizte noch mehr
ihren Spott und ihre Heiterkeit. Vielleicht gefiel ihr am meisten an dem
ganzen Einfall gerade der Zynismus und die Grausamkeit. Einzelne waren
berzeugt, da sie damit etwas ganz Besonderes bezweckte. Jedenfalls war
man neugierig, wie es werden wrde, und diese Neugier zog sogar sehr.
Ferdyschtschenko war ganz Feuer und Flamme.

Aber wenn es irgend etwas ist, das man nicht erzhlen kann ... in
Gegenwart von Damen? fragte schchtern der schweigsame Jngling.

Dann erzhlt man es eben nicht, versetzte Ferdyschtschenko. Als ob
Sie nur eine einzige Schndlichkeit begangen htten! Ach, Sie --
Jngling!

Und ich wei nicht einmal, welches gerade die schlechteste Tat ist, die
ich begangen habe, seufzte die lebhafte Dame.

Die Damen sind nicht verpflichtet, zu erzhlen, wiederholte
Ferdyschtschenko, aber auch nur das: nicht verpflichtet! Inspiration
aus eigener Initiative wird mit Anerkennung zugelassen. Die Herren
dagegen werden nur dann der Pflicht enthoben, wenn sie nun mal ganz und
_gar_ nicht wollen.

Aber, wie wird man denn wissen, ob ich nicht lge? fragte Ganj. Wenn
ich aber lge, ist doch der ganze Sinn des Spieles verdorben. Und wer
wird nicht lgen? Das ist doch selbstverstndlich, da bei einer solchen
Gelegenheit ein jeder lgt.

Aber so ist doch schon allein das interessant, _wie_ ein jeder lgt,
versetzte Ferdyschtschenko. Du aber Ganetschka, brauchst dir darob, da
du lgen knntest, keine besonderen Sorgen zu machen, da doch deine
schmhlichste Tat ohnehin schon allen bekannt ist. Bedenken Sie doch
nur, meine Herrschaften, rief er pltzlich geradezu begeistert aus,
mit welchen Augen wir dann einander ansehen werden, morgen zum
Beispiel, nach den Erzhlungen, was?!

Wie, soll es denn wirklich? ... Ist es denn wirklich Ihr Ernst,
Nastassja Filippowna? fragte Tozkij wrdevoll.

Wer den Wolf frchtet, soll nicht in den Wald gehen! war ihre
spttisch lchelnde Antwort.

Aber erlauben Sie, Herr Ferdyschtschenko, ist denn das ein
Gesellschaftsspiel? fuhr Tozkij, immer erregter, fort. Ich versichere
Sie, solche Spe gelingen nie. Sie sagten ja auch selbst, da es
bereits einmal nicht gelungen sei.

Wieso, wieso nicht gelungen? Habe ich nicht das vorigemal erzhlt, wie
ich einmal drei Rubel gestohlen habe? Da tat ich's doch einfach und
erzhlte!

Nun ja. Aber es war doch von vornherein jede Mglichkeit
ausgeschlossen, die Sache so zu erzhlen, da sie glaubhaft erschien.
Und Gawrila Ardalionytsch hat ganz richtig bemerkt, da das ganze Spiel
sofort seine Pointe verliert, sobald man auch nur im geringsten von der
Wahrheit abweicht. Die strikte Beobachtung der Wahrheit wre in diesem
Fall doch nur bei einer gewissen Prahlsucht schlechten Tones mglich,
und dieser Ton ist hier doch ganz undenkbar, denke ich.

Herrgott, sind Sie mir mal ein delikater Mensch, Afanassij Iwanowitsch,
Sie vernichten mich ja geradezu! lachte Ferdyschtschenko. Mit dieser
Bemerkung, meine Damen und Herren, hat ja Afanassij Iwanowitsch in der
delikatesten Weise angedeutet, da ich ganz unmglich htte stehlen
knnen -- was direkt zu sagen, wohl direkt unvornehm wre -- wenn er
auch bei sich, versteht sich, vollkommen berzeugt ist, da
Ferdyschtschenko sehr wohl stehlen knnte! Doch zur Sache, meine Herren,
die Lose sind vollzhlig -- und auch Sie, Afanassij Iwanowitsch, haben
ja von sich einen Gegenstand in den Hut gelegt; folglich willigen Sie
also ein, etwas zum besten zu geben. Bitte, Frst, greifen Sie hinein.

Der Frst senkte schweigend die Hand in den Hut: der erste Gegenstand,
den er hervorholte, war von Ferdyschtschenko hineingelegt worden, der
zweite von Ptizyn, der dritte vom General, der vierte von Tozkij, der
fnfte von ihm selbst, der sechste von Ganj usw. Die Damen hatten es
vorgezogen, sich nicht zu beteiligen.

O Gott, welches Pech! jammerte Ferdyschtschenko. Und ich glaubte, als
erster wrde der Frst daran glauben mssen und als zweiter Seine
Exzellenz! Doch zum Glck folgt Iwan Petrowitsch Ptizyn sogleich hinter
mir, und das soll meine Entschdigung sein! Nun, dann -- los, meine
Herrschaften, ich mu mit gutem Beispiel vorangehen! Doch da tut es mir
im Augenblick unsglich leid, da ich so gering bin und mich durch
nichts auszeichne, nicht einmal durch einen Titel. Wie kann es da von
Interesse sein, wie und wann und ob berhaupt ein Ferdyschtschenko mal
was Gemeines begangen hat? Und schlielich: welches ist nun meine grte
Schandtat? Hier gert man ja frmlich in einen _embarras de
richesse_!{[10]} Es sei denn, da ich wieder den Diebstahl der drei
Rubel erzhle, um unseren verehrten Afanassij Iwanowitsch zu berzeugen,
da man sehr wohl stehlen kann, ohne dabei ein Dieb zu sein.

Sie berzeugen mich sogar davon, da gewisse Leute tatschlich ein
Vergngen bis zum Hochgenu daran finden knnen, von ihren schmutzigen
Taten zu erzhlen, selbst dann, wenn niemand sie darum bittet. ... Doch
brigens ... Verzeihen Sie, Herr Ferdyschtschenko.

Fangen Sie an, Ferdyschtschenko, Sie schwatzen viel zu viel
berflssiges und knnen nie zu einem Schlu kommen, sagte Nastassja
Filippowna gereizt und ungeduldig in zurechtweisendem Tone.

Es fiel allen auf, da sie nach ihren Lachanfllen pltzlich fast
finster geworden war. Nichtsdestoweniger bestand sie eigensinnig und
herrisch auf der Durchfhrung ihrer Laune. Tozkijs sthetisches
Empfinden litt unsglich. Auch der General rgerte ihn nicht wenig: der
sa vor seinem Champagner, als wre nichts passiert, und schien sogar
die Absicht zu haben, gleichfalls etwas zum besten zu geben, wenn die
Reihe an ihn kommen wrde.


                                  XIV.

Ich habe ja doch gesagt, Nastassja Filippowna: da mir jeder Geist
fehlt, schwatze ich dummes Zeug! begann Ferdyschtschenko, der als
erster erzhlen mute. Htte ich dagegen _tant d'esprit_{[11]} wie zum
Beispiel Afanassij Iwanowitsch oder so viel Scharfsinn wie Iwan
Petrowitsch Ptizyn, so wrde ich heute ganz wie Afanassij Iwanowitsch
und Iwan Petrowitsch dasitzen und den Mund halten. Frst, erlauben Sie,
da ich Sie eines frage: Was meinen Sie -- es will mir immer scheinen,
da es in der Welt mehr Diebe gibt als Nichtdiebe, und da es selbst
unter den ehrlichsten Menschen keinen gibt, der nicht wenigstens einmal
in seinem Leben gestohlen hat. Das ist so eine Privatanschauung von mir,
aus der ich jedoch noch lngst nicht schliee, da alle ohne Ausnahme
Diebe seien, obschon man, wei Gott, mitunter verteufelt gern auch
dieses daraus folgern mchte. Nun, was meinen Sie dazu, Frst?

Pfui, wie dumm Sie erzhlen, rgerte sich die lebhafte Dame. Und
welch ein Unsinn: jeder Mensch soll etwas gestohlen haben! Ich habe noch
nie etwas gestohlen.

Ich glaub's Ihnen gern, Darja Alexejewna, da Sie noch nie etwas
gestohlen haben, aber hren wir doch zu, was der Frst, der pltzlich
sogar errtet ist, wie ich sehe, dazu sagen wird.

Ich glaube, da Sie recht haben, nur bertreiben Sie sehr, sagte der
Frst, der tatschlich errtet war.

Und Sie selbst, Frst, haben Sie nie etwas gestohlen?

Pfui, Sie machen sich ja lcherlich, kommen Sie doch zur Besinnung,
Herr Ferdyschtschenko, unterbrach ihn der General.

Ach, jetzt, wo es erzhlen heit, schmen Sie sich der Geschichte,
warf Darja Alexejewna ein, und deshalb wollen Sie die Aufmerksamkeit
auf den Frsten ablenken.

Ferdyschtschenko: entweder Sie erzhlen oder Sie schweigen! Sie bringen
einen ja um den letzten Rest Geduld! sagte Nastassja Filippowna
rgerlich.

Im Augenblick, Nastassja Filippowna! Aber wenn schon der Frst es
gestanden hat -- denn ich behaupte, da er es so gut wie tatschlich
gestanden hat --: was wrde dann noch irgendein anderer gestehen mssen
-- ich rede ganz objektiv, ohne dabei an einen der Anwesenden speziell
zu denken --, wenn er es sich einmal einfallen liee, die Wahrheit zu
sagen? Was nun mich betrifft, meine Damen und Herren, so lohnt es sich
weiter gar nicht, zu erzhlen: 's ist sehr einfach, sehr dumm und sehr
hlich. Aber ich versichere Ihnen, ich bin kein Dieb. Gestohlen habe
ich, ohne selbst zu wissen, wie. Es war das vor etwa drei Jahren, auf
der Datsche[11] Ssemjon Iwanowitsch Ischtschenkos, an einem Sonntage. Es
waren mehrere Gste zu Tisch. Nach dem Essen blieben die Herren noch
beim Wein sitzen. Da fiel es mir ein, Marja Ssemjonowna, die Tochter des
Hausherrn, um einen musikalischen Genu zu bitten, d. h. ich wollte sie
bitten, uns etwas auf dem Flgel vorzuspielen. Wie ich nun gehe, um sie
zu suchen, komme ich auch ins Eckzimmer, und da sehe ich: -- auf dem
Nhtischchen Marja Iwanownas liegt ein grnes Papier: ein
Dreirubelschein. Sie hatte ihn kurz vorher herausgenommen, da sie das
Geld in der Wirtschaft brauchte. Kein Mensch im Zimmer. Ich nahm den
Schein und schob ihn in die Westentasche. Weshalb? -- Das wei ich
selbst nicht. Ich begreife wirklich nicht, was mir in dem Augenblick
einfiel. Nur drckte ich mich schleunigst und setzte mich wieder an den
Tisch zu den Gsten. Ich sa und wartete die ganze Zeit in nicht
geringer Erregung, schwatzte aber ohne Unterla, erzhlte Anekdoten,
lachte, ging dann zu den Damen hinber, setzte mich zu ihnen. Nach einer
halben Stunde ungefhr -- bemerkte man den Diebstahl und begann die
Dienstboten auszufragen. Der Verdacht fiel auf das Stubenmdchen Darja.
Ich zeigte eine ungeheure Neugier und Teilnahme, und als Darja ganz
konfus wurde, redete ich ihr zu, ihre Schuld doch einzugestehen, und
brgte mit meinem Kopf dafr, da die gndige Frau ihr verzeihen wrde,
und zwar redete ich laut, so da alle es hrten! Alle sahen sie an, ich
aber empfand ein ganz besonderes Vergngen bei dem Gedanken, da ich
groartig Moral predigte, whrend der Schein in meiner Tasche steckte.
Ich vertrank diese drei Rubel noch am selben Tag im Restaurant. Ich ging
hinein und verlangte eine Flasche Lafitte. Niemals hatte ich so ohne
Imbi Wein verlangt und eine Flasche solo ausgetrunken, und noch dazu
Lafitte. Ich wollte nur schnell das Geld loswerden. Besondere
Gewissensbisse habe ich weder damals noch spter empfunden. Ein zweites
Mal wrde ich's bestimmt nicht tun. Das knnen Sie mir nun glauben oder
nicht glauben, ganz wie es Ihnen beliebt, das interessiert mich nicht.
Nun, das wre also meine Geschichte.

Nur ist das selbstverstndlich nicht Ihre schlechteste Tat, sagte
Darja Alexejewna angewidert.

Das ist ein psychologischer Fall, aber keine Tat, bemerkte Tozkij.

Und das Mdchen? fragte Nastassja Filippowna, ohne ihren Ekel zu
verbergen.

Das Mdchen wurde am nchsten Tage fortgejagt. Es war ein strenges
Haus.

Und Sie lieen das zu?

Na, hren Sie mal! Das wre doch schn, wenn ich dann noch hingegangen
wre, um mich als Dieb vorzustellen? Und Ferdyschtschenko lachte,
jedoch nicht allzu laut; denn er war doch etwas verdutzt ber den so
auffallend unangenehmen Eindruck, den seine Erzhlung auf alle
Anwesenden gemacht hatte.

Wie schmutzig das ist! rief Nastassja Filippowna aus.

Bah! Sie wollen von einem Menschen seine gemeinste Handlung hren und
verlangen dabei eine glnzende Heldentat! Gemeine Handlungen sind immer
schmutzig, Nastassja Filippowna, das werden wir ja auch sogleich von
Iwan Petrowitsch Ptizyn hren. Und was erscheint nicht alles von auen
glnzend und tugendhaft, blo weil es in eigener Equipage fhrt! Als ob
wenige in eigenen Equipagen fahren! Wie aber diese ...

Kurzum, Ferdyschtschenko hielt es doch nicht aus und wurde pltzlich so
wtend, da er sich gnzlich verga. Selbst sein Gesicht verzerrte sich.
Wie sonderbar es auch klingen mag, aber es war doch sehr mglich, da er
eine ganz andere Wirkung erwartet hatte. Solche Fauxpas besonderer Art
und diese Prahlsucht schlechten Tones, wie Tozkij es nannte, lagen
ganz in seinem Charakter.

Nastassja Filippowna war bei seinem geschmacklosen Ausfall
zusammengezuckt und sah ihn zornig mit durchbohrendem Blick an.
Ferdyschtschenko erschrak und verstummte sofort. Es berlief ihn kalt.
Er sah ein, da er doch zu weit gegangen war.

Sollte man das Spiel nicht lieber aufgeben? fragte Tozkij scheinbar
harmlos.

Die Reihe ist jetzt an mir, doch ich habe ja das Recht, nicht zu
erzhlen, wenn ich nicht will, und so werde ich von diesem Recht
Gebrauch machen, sagte Ptizyn entschlossen.

Sie wollen nicht erzhlen?

Ich kann nicht, Nastassja Filippowna. Und berdies halte ich ein
solches Gesellschaftsspiel fr ganz unmglich.

Exzellenz, dann ist jetzt die Reihe an Ihnen, glaube ich, wandte sich
Nastassja Filippowna an diesen. Wenn auch Sie nicht wollen, so wird
nichts daraus, dann werden auch die anderen nicht wollen. Das wrde mir
aber leid tun; denn ich beabsichtigte, auch etwas aus meinem eigenen
Leben zu erzhlen. Doch nur nach Ihnen und Afanassij Iwanowitsch. Sie
mssen mich erst noch dazu ermutigen, schlo sie lchelnd.

Oh, wenn auch Sie etwas zu erzhlen versprechen, so bin ich bereit,
Ihnen mein ganzes Leben zu erzhlen, beteuerte der General mit galantem
Eifer. Ich will aber gleich gestehen, da ich mir meine Geschichte
bereits zurechtgelegt habe ...

Und schon aus der Miene Seiner Exzellenz kann man erraten, mit welch
hohem literarischem Verstndnis diese Geschichte bearbeitet sein wird,
wagte Ferdyschtschenko ironisch lchelnd zu bemerken.

Nastassja Filippowna blickte flchtig auf den General, und auch sie
konnte nur mit Mhe ein Lcheln verbergen. Trotzdem sah man es ihr an,
da ihre Stimmung sich bedeutend verschlechtert hatte. Tozkij wurde
bleich vor Schreck, als er von ihrer Absicht, gleichfalls etwas zu
erzhlen, hrte.

Es ist mir, meine Damen und Herren, im Laufe meines Lebens, wie jedem
Menschen, bisweilen passiert, da ich etwas getan habe, was man nicht
gerade schn nennen kann, hub der General seine Rede an. Doch am
seltsamsten ist bei alledem, da ich eine ganz gewhnliche und ganz
kurze kleine Geschichte, die ich Ihnen sogleich erzhlen werde, fr die
hlichste, fr die schndlichste je von mir verbte Tat halte. Es sind
jetzt inzwischen fnfunddreiig Jahre darber vergangen; doch
dessenungeachtet empfinde ich noch jedesmal, wenn ich daran denke, so
etwas wie ein nagendes Gefhl im Herzen. Die ganze Episode ist brigens
nichtssagend. Ich war damals erst Fhnrich und hatte schweren Dienst.
Nun, man wei ja, wie das ist: Fhnrich, heies Blut, und der Beutel
namentlich fr den Haushalt klein. Mein Bursche, Nikifor mit Namen, war
der treueste und ehrlichste Mensch: er sparte fr mich, nhte, wusch,
suberte, ja, er stibitzte sogar, wo er etwas erwischen konnte, nur um
unseren Besitz zu vermehren. Ich war natrlich streng, doch gerecht.
Einmal lagen wir in einer kleinen Stadt in Quartier. Mir wurde in der
Vorstadt bei einer alten Unteroffizierswitwe eine kleine Wohnung
angewiesen. Sie war ein altes Mtterchen von achtzig Jahren oder so um
die Achtzig herum. Ihr kleines Haus, natrlich nur ein Holzgebude, war
alt und nichts mehr wert, und dort lebte sie in ihrer Armut ganz allein,
ohne Magd oder Aufwrterin. Sie hatte einst eine beraus zahlreiche
Familie gehabt und eine ganze Schar von Verwandten; doch mit der Zeit
waren die einen gestorben, die anderen in die Welt hinausgezogen, und
die brigen hatten sie vergessen. Ihren Mann hatte sie aber schon vor
fnfundvierzig Jahren beerdigt. Ein paar Jahre lang hatte eine Nichte
bei ihr gelebt, eine verwachsene alte Jungfer; die soll aber, wie man
dort erzhlte, eine richtige Hexe gewesen sein, ja einmal soll sie im
Streit die Alte sogar in den Finger gebissen haben. Aber auch die war
gestorben, und nun lebte die Alte schon seit drei Jahren wieder
mutterseelenallein in ihrem Huschen. Gott, ich hatte es langweilig bei
ihr, und sie war auch solch ein leeres Frauenzimmer, nichts konnte man
aus ihr herausbringen. Schlielich stahl sie mir einen Hahn. Die Sache
hat sich bis heute noch nicht aufgeklrt, doch auer ihr htte ihn
niemand stehlen knnen. Wegen dieses Hahnes gerieten wir in Streit, und
sogar in sehr heftigen. Und da wurde mir auch gerade -- ich hatte schon
frher darum gebeten -- ein anderes Quartier angewiesen, am
entgegengesetzten Ende des Stdtchens, im Hause eines Kaufmanns. Dieser
hatte eine zahlreiche Familie und einen riesengroen Bart -- ich sehe
ihn noch wie leibhaftig vor mir. Ich zog also ohne weiteres mit meinem
Nikifor hinber -- beide waren wir guter Laune --, meine Alte aber
lieen wir hchst gergert zurck. Es vergingen drei Tage, am dritten
kehre ich mittags aus dem Dienst zurck, da sagt mir mein Nikifor, er
wisse nicht, wie er mir eigentlich die Suppe auf den Tisch bringen
solle, und es wre doch gar nicht ntig gewesen, unsere Terrine bei der
Alten zu lassen. Ich war natrlich ganz betroffen. >Wieso, weshalb ist
denn unsere Terrine bei der Alten geblieben?< Nikifor wundert sich ber
mich und meldet gehorsamst, da die Alte, als er meine Siebensachen
einpackte, die Terrine nicht herausgegeben habe, und zwar aus dem Grunde
nicht, weil ich ihren irdenen Topf zerschlagen und zum Ersatz fr diesen
meine Suppenterrine angeboten htte. Eine solche Niedertracht ihrerseits
brachte mich ganz aus dem Huschen. Mein Fhnrichsblut brauste auf, ich
nahm meine Mtze und fort ging's. Bis ich bei ihr anlangte, hatte ich
mich glcklich in die grte Wut hineingeredet. Wie ich eintrete, sehe
ich, sie sitzt im Flur, in einer Ecke, wie vor der Sonne verkrochen und
sttzt den Kopf in die Hand. Ich, wissen Sie, fange ohne weiteres mit
meinem Donnerwetter an und sage ihr so auf echt russisch die Wahrheit,
aber grndlich! Nur fllt mir pltzlich etwas auf: sonderbar, sie sitzt,
hat das Gesicht mir zugewandt, die Augen quellen hervor, sie spricht
aber kein Wort, sie sieht mich nur eigentmlich an, so, wissen Sie, ich
wei selbst nicht wie, und der Oberkrper scheint zu schwanken. Ich --
was sollt' ich tun? -- ich verstumme schlielich, rufe sie beim Namen --
keine Antwort! Ich stand, stand: ich konnte mich zu nichts entschlieen.
Die Fliegen summten, die Sonne ging unter, es war so still. Ganz
verwirrt ging ich schlielich fort. Noch bevor ich zu Hause ankam, holte
mich eine Ordonnanz ein, die mich zum Major rief, von dort mute ich
mich noch zur Kompagnie begeben, so da ich erst am Abend wieder
zurckkehrte. Das erste, was ich von Nikifor hre, ist: >Wissen Euer
Gnaden schon, da unsere Alte gestorben ist?< -- >Wann das?< -- >Heute,
vor etwa anderthalb Stunden.< Das hie aber, da sie dann gestorben war,
als ich auf sie loswetterte. Glauben Sie mir, ich war so betroffen, da
ich anfangs gar nicht recht zur Besinnung kommen konnte. Und wissen Sie,
der Gedanke an den Tod der Alten verfolgte mich geradezu, selbst in der
Nacht hat mir von ihr getrumt. Ich bin natrlich ganz vorurteilsfrei,
aber am dritten Tage ging ich doch in die Kirche zum Totenamt. Mit einem
Wort: je mehr Zeit drber verging, um so fter mute ich daran
zurckdenken. Ich will nicht sagen, da ... aber wenn man es sich
mitunter so vergegenwrtigt, kann einem wirklich unbehaglich zumute
werden. Die Hauptsache ist natrlich, wie ich mir die Sache nachher
selbst zurechtgelegt habe. Erstens, nun ja, es war eine alte Frau,
sozusagen eben ein menschliches Wesen. Sie hatte gelebt, lange gelebt,
bis sie dann endlich -- starb. Sie hatte einst einen Mann, Kinder, eine
Familie, Verwandte gehabt, um sie herum war, wie man sagt, volles Leben
gewesen, hier ein Kind, dort ein Kind, lachende Gesichter. Und pltzlich
-- ist alles weg, wie vom Winde fortgeblasen, sie ist allein wie ...
irgendeine Fliege, die den Fluch der Zeit trgt. Und schlielich, eines
schnen Tages ruft Gott der Herr sie zu sich. Bei Sonnenuntergang, an
einem schnen stillen Sommerabend schwebt meine Alte zu ihm empor. Doch
hier beginnt nun das erzieherische Prinzip: in dem Augenblick, in dem
sie ihren Geist aufgibt, steht anstatt eines mitleidigen Menschen, der
ihr eine Trne nachweint, ein junger grner Fhnrich mit in die Seite
gestemmten Armen vor ihr und begleitet ihr Hinscheiden mit den
charakteristischsten russischen Schimpfwrtern, weil -- weil sie seine
Suppenterrine behalten hat! Natrlich bin ich als der Schuldige zu
verurteilen! Aber wenn ich auch jetzt nach so langen Jahren und infolge
der Vernderung, die seitdem mit mir vorgegangen ist, diese ganze Tat
gewissermaen als von einem fremden Menschen begangen betrachte, so reut
sie mich doch nichtsdestoweniger tief ... So tief, da es mir sogar, ich
wiederhole es, selbst seltsam erscheint, um so mehr als die Schuld doch
schlielich nicht mich allein trifft: weshalb mute sie denn
ausgerechnet diesen Augenblick zum Sterben whlen? Selbstverstndlich
ist hier eine Rechtfertigung mglich: die Tat ist doch in ihrer Art
psychologisch zu verstehen! Doch trotzdem konnte ich mich nicht eher
darber beruhigen, als bis ich -- vor etwa fnfzehn Jahren -- auf den
Gedanken kam, in einem Armenhause zeit meines Lebens fr zwei alte
kranke Frauen den Unterhalt zu zahlen, um ihnen auf diese Weise ihre
letzten Tage hier auf Erden etwas zu erleichtern. Jetzt beabsichtige
ich, diesem Armenhause ein Kapital zu vermachen, dessen jhrliche Zinsen
auch weiterhin zum Unterhalt zweier Frauen ausreichen. Nun, und das wre
alles. Wie gesagt, vielleicht habe ich in meinem Leben noch sehr viel
Schlechtes getan, doch halte ich -- auf Ehrenwort! -- diese Handlung fr
die schlechteste von allen, die ich auf dem Gewissen habe.

Und doch haben Euer Exzellenz statt der schlechtesten wahrscheinlich
die beste erzhlt und somit Ferdyschtschenko betrogen! sagte
Ferdyschtschenko scheinbar rgerlich.

In der Tat, ich htte nicht gedacht, da Sie ein so gutes Herz haben;
wirklich schade, sagte Nastassja Filippowna.

Schade? Weshalb denn das? fragte der General mit liebenswrdigem
Lachen im Gesicht und trank darauf nicht ohne Selbstzufriedenheit einen
Schluck Champagner. Doch Nastassja Filippowna hatte sich schon von ihm
abgewandt.

Jetzt kam die Reihe an Tozkij, der sich inzwischen gleichfalls seine
Erzhlung zurechtgelegt hatte. Alle fhlten bereits, da er nicht wie
Ptizyn Schweigen vorziehen wrde, und aus gewissen Grnden sah man
seiner Erzhlung nicht ohne Spannung entgegen, whrend man gleichzeitig
auch zu Nastassja Filippowna hinberblickte. Und so begann denn Tozkij
mit der gewohnten Selbstachtung, die seinem gepflegten uern vollkommen
entsprach, und mit seiner nicht lauten, liebenswrdigen Stimme eine
seiner beliebten Geschichten. Bei der Gelegenheit sei hier noch etwas
ber seine uere Erscheinung gesagt: er war gro von Wuchs, ganz
stattlich, kann man sagen, war ein wenig kahlkpfig, auch ein wenig grau
schon -- aber nur ein wenig --, ziemlich wohlgenhrt, mit frischer
Gesichtsfarbe, weichen, etwas hngenden Wangen und mit falschen Zhnen.
Gekleidet war er stets sehr elegant, und namentlich seine Wsche war von
wunderbarer Feinheit. Seine Hnde waren wei und wohlgepflegt. Auf dem
Zeigefinger der rechten Hand trug er einen kostbaren Brillantring.

Nastassja Filippowna betrachtete whrend der ganzen Zeit seiner
Erzhlung unverwandt das Spitzenmuster an ihrem rechten rmel, indem sie
mit den Fingern der linken Hand die Spitze glatt strich und kein
einziges Mal zu dem Erzhler aufschaute.

Was mir meine Aufgabe vor allem sehr erleichtert, begann er langsam,
ist die strikte Vorschrift, unbedingt die hlichste Tat meines ganzen
Lebens wiederzugeben. In solchem Fall kann es, versteht sich, kein
Schwanken geben: das Gewissen, das Gedchtnis und das Herz sagen einem
von selbst das einzig Richtige. Ich mu zu meinen Kummer gestehen, da
es unter den vielleicht zahllosen leichtsinnigen und ... leichtfertigen
Handlungen meines Lebens eine gibt, deren Eindruck sich vielleicht sogar
etwas allzu tief meinem Gedchtnisse eingeprgt hat. Es wird nun wohl so
an die zwanzig Jahre her sein, als ich einmal zu Platon Ordynzeff fuhr,
um ihn auf seinem Gut zu besuchen. Er war kurz zuvor einstimmig zum
Adelsmarschall erwhlt worden, worauf er sich mit seiner jungen Frau fr
einige Zeit auf sein Gut zurckzog, um daselbst die Weihnachtsfeiertage
zu verbringen. In diese Zeit fiel nun auch das Geburtstagsfest Anfissa
Alexejewnas -- so hie seine Frau -- und es sollten zwei Blle gegeben
werden. Damals war gerade >_La dame aux camlias_<{[12]} in der hheren
Gesellschaft sehr _en vogue_,{[13]} dieses wundervolle Werk des
ausgezeichneten Dumas _fils_,{[14]} sein _chef-d'oeuvre_,{[15]} das
meiner Ansicht nach nie unmodern werden wird. In der Provinz waren alle
Damen ganz begeistert fr die _Dame aux camlias_, oder wenn auch,
versteht sich, nicht alle, so doch wenigstens diejenigen, die das Drama
gelesen hatten. Der abgerundete Stil der Sprache, die originelle
Darstellung der Hauptperson, dieses ganze interessante Milieu, das mit
unsglicher Feinheit wiedergegeben ist, alle diese berckenden
Einzelheiten, die man auf jeder Seite findet -- wie zum Beispiel die
Begrndung, weshalb sie abwechselnd weie und rosa Kamelien whlt --
kurz, alle diese glnzenden Details und der Zusammenhang des Ganzen
hatten einen nahezu erschtternden Eindruck auf die Damenwelt gemacht,
und Kamelien waren die beliebtesten und gesuchtesten Blumen. Es war
modern, nur Kamelien zu tragen. Nun frage ich Sie: wieviel Kamelien
lassen sich wohl in der Provinz auftreiben, wenn alle Damen zu Bllen
nichts anderes wnschen, als Kamelien und Kamelien, selbst wenn es auch
nur wenige Blle gibt? Petj Worchowskoj, der Arme, hatte sich gerade
sterblich in Anfissa Alexejewna verliebt. Wirklich, ich wei es nicht,
ob zwischen ihnen irgend etwas ... das heit, ich will nur sagen, da
ich nicht wei, ob Petj sich auch nur die geringsten ernsteren
Hoffnungen machen durfte. Doch wie dem auch war, jedenfalls wollte sich
der Arme schier zerreien, um seiner Angebeteten zum Ball Kamelien zu
verschaffen. Die Grfin Ssozkaja, die aus Petersburg eingetroffen war
und als Gast bei der Gouverneurin weilte, sowie Ssofja Bespalowa wrden,
wie verlautete, unfehlbar mit weien Kamelien erscheinen. Deshalb
wnschte nun Anfissa Alexejewna, um abzustechen, dunkelrote Kamelien.
Der arme Platon wurde fast zu Tode gehetzt; versteht sich -- er war
Gatte. Er schwrt unter allen Eiden, er werde ihr den gewnschten Strau
bestimmt verschaffen, doch was geschieht? Katherina Alexandrowna
Mytischtschewa, die grte Konkurrentin und Feindin Anfissa Alexejewnas,
kauft kurz vorher alle Blumen auf! Die Folge waren Weinkrmpfe und
Ohnmachtsanflle im Hause meines Platon. Er ist an allem schuld, ist
verhat und verfemt! Versteht sich: htte mein Petj irgendwo einen
Strau auftreiben knnen, so wren seine Aussichten bedeutend gestiegen.
Die Dankbarkeit einer Frau ist ja in solchen Fllen grenzenlos. Er jagt
wie gehetzt von einem zum anderen, aber es war nichts zu wollen:
Kamelien gab es nicht mehr. Da begegne ich ihm zufllig noch um elf Uhr
abends -- der Ball bei Maria Petrowna Subkowa, einer Gutsnachbarin
Ordynzeffs, sollte am nchsten Tage stattfinden -- und was sehe ich:
mein Petj strahlt! -- >Was ist denn los?< frage ich. -- >Heureka! Ich
habe Kamelien gefunden!< -- >Was du sagst! Wo?< -- >In Jekschaisk (es
war dort solch ein Stdtchen, kaum zwanzig Werst entfernt, doch gehrte
es nicht zu unserem Kreise) lebt ein gewisser Kaufmann Trepaloff, ein
alter brtiger, schwerreicher Mann, lebt ganz einsam mit seiner alten
Frau, und da sie keine Kinder haben, haben sie sich Kanarienvgel und
Blumen angelegt: der hat rote Kamelien.< -- >Aber deshalb hast du sie
doch noch nicht! Wenn er sie dir nun nicht geben will?< -- >Dann werde
ich vor ihm niederknien,< sagt Petj, >und so lange knien, bis er sie
mir gibt. Fahre einfach nicht frher fort.< -- >Wann fhrst du hin?< --
>Morgen in aller Frhe um fnf Uhr.< -- >Nun, dann glckliche Reise.<
Und ich freute mich noch fr ihn. Darauf kehre ich zu Ordynzeffs zurck;
es ist mittlerweile schon zwei Uhr geworden, ich bin gerade im Begriff,
zu Bett zu gehen, da pltzlich -- ein groartiger Gedanke! Ich begebe
mich unverzglich nach der Kche, von dort in die Kutscherstube, wecke
den Ssawelj -- >Hier sind fnfzehn Rubel, in einer halben Stunde mut du
die Pferde angeschirrt haben!< Nach einer halben Stunde fhrt also der
Schlitten vor. Anfissa Alexejewna, hre ich, hat Migrne, Fieber,
Schmerzen, deliriert! Ich fahre wie der Wind. Um fnf Uhr bin ich in
Jekschaisk, warte im Gasthof, bis es tagt, aber auch nur so lange: um
sieben bin ich bei Trepaloff. >So und so -- haben Sie Kamelien?< frage
ich, >Vterchen, dann helfen Sie, retten Sie, werde Ihnen die Hnde
kssen!< Der Alte, sehe ich, ist gro, grau, strenges Gesicht --
unerbittlich! >Nein, auf keinen Fall,< sagt er, >ich tue es nicht.< Ich,
plumps, falle vor ihm auf die Knie nieder. So wie ich stand, ohne
weiteres. >Was tun Sie, was tun Sie?< rief er ganz erschrocken aus, >das
geht doch nicht!< -- >Aber es handelt sich doch um ein Menschenleben!<
rufe ich. -- >Aber so nehmen Sie sie, nehmen Sie sie in Gottes Namen!<
Er war tatschlich ganz erschrocken. Ich lie es mir nicht zweimal sagen
und schnitt mir alle Blten ab. Wundervoll waren sie, eine ganze kleine
Orangerie besa er. Der Alte seufzte nur so. Da zog ich mein
Portefeuille hervor und berreichte ihm einen Hundertrubelschein. >Nein,
mein Bester, das geht nicht, Sie wollen mich doch damit nicht krnken,<
sagte er. >Nun, dann bitte ich Sie, diese hundert Rubel dem hiesigen
Hospital zur Verbesserung der Kost zu bergeben.< -- >Ja das, Vterchen,
ist eine andere Sache,< sagte er, >das ist eine gute und edle und Gott
wohlgefllige Tat. Ich werde das Geld in Ihrem Namen bergeben.< Er
gefiel mir sehr, dieser russische alte Mann, dieser autochthone Russe,
_de la vraie souche_,{[16]} wie man zu sagen pflegt. In der Freude ber
den gelungenen Streich machte ich mich unverzglich auf den Rckweg,
doch fuhren wir diesmal auf Umwegen, um Petj nicht zu begegnen. Kaum
war ich angelangt, da bersandte ich das Bukett auch schon Anfissa
Alexejewna, damit sie es beim Erwachen vorfnde. Nun, Sie knnen sich
diese berraschung, diese Freude, diese Dankbarkeit vorstellen! Platon,
der tags zuvor noch ganz zerschlagene, verzweifelte, vernichtete Platon
schluchzt an meiner Brust: Tja! So sind nun einmal alle Mnner seit der
Schpfung ... der Ehe. Ich wage nichts mehr hinzuzufgen ... Der arme
Petj aber verlor nach dieser Episode seine letzten Aussichten. Ich
befrchtete anfangs, da er sich mit einem Messer auf mich strzen
wrde, und ich traf bereits einige Maregeln fr den Fall, da ich ihm
begegnen sollte. Doch nein, es kam ganz anders -- und diese Wendung der
Dinge hatte ich nicht vorausgesehen und ich wollte es kaum glauben: er
fiel in Ohnmacht! Am Abend phantasierte er bereits, am nchsten Morgen
hatte er hohes Fieber, weinte wie ein kleines Kind, wand sich fast in
Krmpfen. Nach einem Monat, kaum aus dem Bett, bat er um seine
Versetzung nach dem Kaukasus -- und die Sache endete damit, da er
schlielich in der Krim fiel. Sein Bruder, Stepan Worchowskoj, zeichnete
sich damals im Krimkriege als Oberst ganz besonders aus. Offen
gestanden, mich haben nachher oft genug Gewissensbisse gemartert:
weshalb hatte ich ihm das angetan? Ich will nicht sagen, wenn ich selbst
in sie verliebt gewesen wre, aber so! Es sollte nur ein Scherz sein,
_pour faire la cour_,{[17]} und weiter nichts. Htte ich dagegen nicht
vor ihm die Kamelien dem Alten fortgenommen, so wrde der Mensch noch
heute leben, wre glcklich, htte es weit gebracht, und es wre ihm nie
in den Sinn gekommen, sich trkischen Kugeln auszusetzen.

Tozkij verstummte mit derselben soliden Wrde, mit der er seine
Erzhlung begonnen hatte. Die Gste bemerkten nur, da Nastassja
Filippownas Augen ganz besonders dunkel wurden und blitzten, und ihre
Lippen sogar ein wenig zuckten, als Tozkij geendet hatte. Neugierig
blickte man sie beide an.

Nein, das ist wiederum Betrug! Sie haben gleichfalls Ferdyschtschenko
betrogen! Ganz mordsmig haben Sie mich betrogen! beteuerte
Ferdyschtschenko und spielte den Gekrnkten; denn er fhlte, da man
doch etwas sagen mute.

Wer hat Sie geplagt, sich dem auszusetzen? Behalten Sie jetzt die
Lehre, die Ihnen Klgere erteilt haben, und seien Sie ein anderes Mal
selbst klger, schnitt ihm fast triumphierend Darja Alexejewna das Wort
ab. Sie hielt von jeher treu zu Tozkij, dem sie sehr zugetan war.

Sie hatten recht, Afanassij Iwanowitsch, das Spiel ist sehr langweilig,
wir wollen es abbrechen, sagte Nastassja Filippowna in wegwerfendem
Tone. Ich werde nur noch erzhlen, was ich versprochen habe, und dann
knnen wir gehen und Karten spielen ...

Aber zuerst unbedingt das Versprochene! sagte der General galant.

Frst, wandte sich pltzlich und ganz unerwartet Nastassja Filippowna
schroff an Myschkin, meine beiden alten Freunde da, der General und
Afanassij Iwanowitsch, wollen mich durchaus verheiraten. Sagen Sie mir
nun, was Sie fr richtiger halten: soll ich heiraten oder soll ich nicht
heiraten? Was Sie sagen, das werde ich tun.

Tozkij erbleichte und die Miene des Generals erstarrte. Alle rissen die
Augen auf und hoben die Kpfe. Ganj wurde es eiskalt.

Wen ... wen heiraten? fragte der Frst mit stockender Stimme.

Gawrila Ardalionytsch Iwolgin, antwortete Nastassja Filippowna schroff
und fest -- jede Silbe war deutlich zu vernehmen.

Alles schwieg. Der Frst schien wie unter einer erdrckenden Last nach
Worten zu ringen.

N--nein! ... heiraten Sie nicht! stie er endlich mit Mhe leise
hervor, und er atmete tief.

Schn, dabei bleibt es jetzt! Gawrila Ardalionytsch! wandte sie sich
herrisch und gleichsam erhaben an Ganj. Sie haben die Entscheidung des
Frsten gehrt? Nun, damit haben Sie auch meine Antwort. Und, bitte,
jetzt die Angelegenheit ein fr allemal als abgetan zu betrachten!

Nastassja Filippowna! stie Tozkij mit zitternder Stimme hervor.

Nastassja Filippowna! sagte in beschwrendem, doch erregtem Tone der
General.

Alles geriet in Aufregung und eine unruhige Bewegung ging durch die
ganze Gesellschaft.

Aber was wollen Sie denn, meine Herrschaften? wunderte sie sich
gleichsam, mit fragendem Blick die Anwesenden messend. Weshalb regen
Sie sich denn so auf? Und was fr Gesichter Sie machen!

Aber ... bedenken Sie doch, Nastassja Filippowna, stotterte Tozkij,
Sie vergessen, da Sie uns versprochen haben ... und zwar ganz
freiwillig, und ... Sie mssen doch auch etwas Rcksicht nehmen ... Ich
... ich wei nicht, wie ich mich ausdrcken soll ... ich bin ganz
verwirrt, aber ... Kurzum, heute abend, in einem solchen Augenblick und
... und in Gegenwart fremder Menschen ... und mit einem solchen
_Petit-jeu_ eine so ernste Sache zu erledigen, eine Ehren- und
Herzenssache ... von der so viel abhngt ...

Ich verstehe Sie nicht, Afanassij Iwanowitsch, Sie scheinen allerdings
ganz verwirrt zu sein. Was wollen Sie damit sagen >in Gegenwart fremder
Menschen<? Befinden wir uns denn nicht in bester, intimer Gesellschaft?
Und was haben Sie an dem >_Petit-jeu_< auszusetzen? Ich wollte doch
gleichfalls etwas zum besten geben -- ist es mir denn nicht erlaubt? Und
warum sagen Sie, da es nicht ernst sei? Ist denn das kein Ernst? Sie
haben doch gehrt, wie ich zum Frsten sagte: >Was Sie sagen, das werde
ich tun<. Htte er ja gesagt, so wrde ich sofort dieselbe Antwort auch
Gawrila Ardalionytsch gegeben haben; er aber sagte nein, und folglich
sagte ich ab. Ist denn das kein Ernst? Hier hing doch mein ganzes Leben
an einem Haar, was kann es denn noch Ernsteres geben?

Aber der Frst! -- was hat denn der Frst damit zu tun? Und was ist
denn schlielich dieser Frst? fiel der General rgerlich ein, fast
schon auerstande, seinen Unwillen ber diese ihn krnkende pltzliche
Autoritt des Frsten zu verbergen.

Der Frst? Er ist der erste mir wirklich zugetane Mensch, dem ich in
meinem Leben begegnet bin. Er hat auf den ersten Blick an mich geglaubt,
und so glaube ich auch an ihn.

Ich habe dann nur noch Nastassja Filippowna meinen Dank auszusprechen,
fr das auerordentliche Zartgefhl, mit dem sie ... mich behandelt
hat, sagte endlich mit unsicherer Stimme und verzerrt lchelnden Lippen
Ganj, der wchsern bleich war. Das hat selbstverstndlich alles so
kommen mssen, es ist ja nicht mehr wie recht und billig ... Doch ...
der Frst ... ist in dieser Angelegenheit ...

Nicht ganz unparteiisch und hat es wohl auf die Fnfundsiebzigtausend
abgesehen, wie? unterbrach ihn Nastassja Filippowna. Das war's doch
wohl, was Sie sagen wollten? Leugnen Sie es nicht, ich wei, da Sie
gerade das anzudeuten beabsichtigen, Afanassij Iwanowitsch! Ich habe
ganz vergessen, Ihnen noch eines zu sagen: diese fnfundsiebzigtausend
Rubel behalten Sie in aller Ruhe und vernehmen Sie, da ich Sie
unentgeltlich freigebe. So, und jetzt Schlu damit! Auch Sie mu man
doch einmal aufatmen lassen! Neun Jahre und drei Monate! Morgen --
beginnt mein neues Leben, heute aber bin ich noch das Geburtstagskind
und gehre mir selbst -- zum erstenmal in meinem Leben! Iwan
Fedorowitsch! wandte sie sich an den General, auch Sie, nehmen Sie
Ihre Perlen zurck, schenken Sie sie Ihrer Frau Gemahlin. Und morgen
ziehe ich aus, ich verlasse diese Wohnung. Abendversammlungen wird es
nicht mehr bei mir geben, meine Herren!

Und sie erhob sich pltzlich, als wollte sie fortgehen.

Nastassja Filippowna! Nastassja Filippowna! ertnte es von allen
Seiten.

Alle erhoben sich von ihren Pltzen und umdrngten sie erschrocken durch
ihre erregten, nervsen, wie im Fieber wirr phantasierten Worte. Ein
jeder empfand, da etwas nicht ganz in Ordnung war, und doch vermochte
niemand zu verstehen, was diese ihre Stimmung zu bedeuten hatte.

Da ertnte pltzlich schrill und laut die Glocke im Vorzimmer. Es mute
mit aller Kraft am Klingelzuge gezogen worden sein.

A--a--ah! Da ist die Lsung! Endlich! Halb zwlf! rief Nastassja
Filippowna. Ich bitte Sie, Platz zu nehmen, meine Herren, jetzt kommt
die Lsung!

Sie kehrte zu ihrem Platz zurck und setzte sich selbst als erste. Ein
eigentmliches Lcheln zitterte auf ihren Lippen. In fieberhafter
Erregung sa sie regungslos und sah auf den zugezogenen Vorhang der Tr.

Rogoshin mit den Hunderttausend, zweifellos, brummte Ptizyn.


                                  XV.

Ganz erschrocken trat die Zofe ins Zimmer.

Dort sind wei Gott wer, Nastassja Filippowna, eine ganze Bande ist
eingedrungen, und alle sind betrunken, und sie wollen hierher kommen!
Sie sagen, es sei Rogoshin, und Sie wten schon selbst ...

Ich wei, Katj, la sie sogleich alle herein.

Aber ... wie, alle, Nastassja Filippowna? Sie sind doch so unanstndig!
Ganz schrecklich!

Ja, la alle herein, Katj, du brauchst dich nicht zu frchten, alle
ohne Ausnahme, sonst werden sie auch ohne dich eintreten. Da, wie sie
schon lrmen, ganz wie vorhin! Meine Herren, wird es Sie nicht krnken,
da ich diese ganze Schar in Ihrer Gegenwart empfange? Das tte mir sehr
leid. Ich bitte Sie um Entschuldigung, aber es mu sein, und ich wrde
es sehr gern sehen, wenn Sie einwilligten, Zeugen dieses entscheidenden
Augenblicks zu sein ... Doch brigens, ganz wie Sie wollen ...

Die Gste wuten vor berraschung nicht, was sie tun sollten: sie sahen
sich gegenseitig fragend an, wunderten sich, hier und da wurden wohl
auch schnell und besorgt ein paar Worte geflstert, -- doch klar war nur
eines: da Nastassja Filippowna diesen Besuch vorausgesehen hatte, und
da, von Sinnen wie sie war, niemand sie mehr von der Ausfhrung ihres
Vorhabens ablenken konnte. Hinzu kam, da alle von unsglicher Neugier
erfat wurden. Und schlielich war ja nicht viel zu befrchten. Von
Damen befanden sich nur zwei unter den Gsten: die lebhafte Darja
Alexejewna, die als Schauspielerin schon so manches erlebt hatte und
deshalb auch schwer einzuschchtern war; und dann die schne, doch
schweigsame Unbekannte -- diese begriff jedoch kaum etwas von dem, was
um sie herum vorging: sie war eine zugereiste Deutsche und verstand kein
Wort Russisch. Auerdem war sie allem Anscheine nach ebenso dumm wie
hbsch. Es war nun einmal zur Gewohnheit geworden, sie als
Dekorationsstck einzuladen. Was aber die Herren betraf, so war Ptizyn
z. B. ein guter Bekannter von Rogoshin, und Ferdyschtschenko gar, der
fhlte sich in dieser Gesellschaft wie ein Fisch im Wasser. Ganetschka
war immer noch wie betubt, empfand aber, wenn auch halb unbewut, so
doch um so unbezwingbarer das heie Verlangen, bis zum Ende an seinem
Pranger stehen zu bleiben. Der alte Lehrer, der ebenfalls begriff, um
was es sich handelte, war dem Weinen nahe und zitterte buchstblich vor
Angst, da ihn die allgemeine Erregung und der ungewohnte Zustand
Nastassja Filippownas, die er wie seine Enkeltochter vergtterte,
aufrichtig erschreckte. Nein, der wre eher gestorben, als da er sie in
einem solchen Augenblick verlassen htte. Tozkij dagegen htte sich
sonst nie und nimmer so kompromittiert, da er mit dieser Kohorte
unter einem Dach verweilte, nur war er leider gar zu sehr bei der Sache
interessiert: Nastassja Filippowna hatte da einige Worte fallen lassen,
nach denen er unmglich so einfach wegfahren konnte, ohne sich vorher in
der ganzen Sache Klarheit verschafft zu haben. Er beschlo also,
gleichfalls bis zum Ende auszuharren, wenn auch, wie er sich vornahm,
nur als vllig stummer Beobachter, was er der Wahrung seiner Wrde
durchaus schuldig zu sein glaubte. Nur Jepantschin, den Nastassja
Filippowna noch vor einem Augenblick durch die so unzeremonielle und
lcherliche Rckgabe seines Geschenks beleidigt hatte, fhlte sich durch
diese neue Exzentrizitt, den Empfang Rogoshins, gar zu sehr gekrnkt.
berdies hatte er sich fr sein Empfinden ja ohnehin schon dadurch
unglaublich erniedrigt, da er neben einem Ptizyn und einem
Ferdyschtschenko gesessen. Doch was die Macht der Leidenschaft
verschuldet hatte, das mute jetzt schleunigst das Pflichtgefhl, wollte
er sich seines Ranges und seiner gesellschaftlichen Stellung nicht
unwrdig zeigen, gutmachen; denn sonst htte er seine ganze
Selbstachtung eingebt. Nein, Rogoshin und dessen Kohorte waren mit der
Anwesenheit Seiner Exzellenz unvereinbar!

Ach, Exzellenz, besann sich auch sogleich Nastassja Filippowna, kaum
da er einen Schritt auf sie zugetreten war, verzeihen Sie meine
Vergelichkeit! Sie knnen mir glauben, da ich es nicht anders erwartet
habe. Wenn es Ihnen so entwrdigend erscheint, so werde ich Sie nicht
zurckhalten, obschon ich gerade Sie jetzt sehr gern bei mir sehen
wrde. Nun, jedenfalls danke ich Ihnen sehr fr Ihre freundlichen
Besuche und die schmeichelhafte Aufmerksamkeit ... doch wenn Sie
frchten ...

Erlauben Sie, Nastassja Filippowna, unterbrach sie der General mit
galanten Eifer in einem Anfall ritterlicher Gromut, zu wem sagen Sie
das? Ich werde jetzt unbedingt bei Ihnen bleiben, schon allein zum
Beweis meiner Ergebenheit, und zudem, falls Ihnen eine Gefahr drohen
sollte ... Ich bin sogar auerordentlich gespannt ... Im Gegenteil, ich
meinte nur, ich wollte Sie nur darauf aufmerksam machen, da diese Leute
doch nur die Teppiche ruinieren und dies oder jenes zerschlagen knnten
... Wirklich, Nastassja Filippowna, tun Sie es lieber nicht, empfangen
Sie sie lieber nicht -- ich rate Ihnen gut! Wozu auch?

Da! Rogoshin selbst! rief Ferdyschtschenko.

Was meinen Sie, Afanassij Iwanowitsch, flsterte der General noch
schnell seinem Freunde Tozkij zu, sollte sie nicht irrsinnig geworden
sein? ich meine es ohne jede Symbolik -- ganz realiter irrsinnig? was
meinen Sie?

Ich habe Ihnen doch gesagt, da sie von jeher dazu disponiert gewesen
ist, flsterte Tozkij ironisch zurck.

Und jetzt noch die Influenza ...

Rogoshins Rotte bestand fast aus denselben zweifelhaften Individuen, mit
denen er schon bei Ganj eingedrungen war. Hinzugekommen waren nur noch
zwei: ein heruntergekommener Alter, der seinerzeit Redakteur gewesen war
-- Herausgeber irgendeines kleinen skandalsen Lokalblattes, das
ausschlielich polemische Artikel brachte -- und von dem man sich
erzhlte, da er seine ganze Habe und sogar sein falsches Gebi
vertrunken habe; und dann noch irgendein verabschiedeter Unterleutnant,
der in jeder Beziehung, sowohl dem Gewerbe, wie der Bestimmung nach, ein
Gegner und Konkurrent des Riesen mit den Fusten zu sein schien, und den
kein einziger der Rogoshinschen Rotte kannte. Er hatte sich ihnen auf
dem Newskij angeschlossen, wo er tglich auf der Sonnenseite die
Vorbergehenden in hochtrabenden Reden um eine Untersttzung anging,
und zwar gewhnlich mit der Begrndung, da er einst selbst Bettlern an
die fnfzehn Rubel gegeben habe. Beide Konkurrenten verhielten sich
sofort feindlich zueinander, ja, der Herr mit den Fusten fhlte sich
durch die Aufnahme des Bettlers in die Kompagnie direkt beleidigt,
und da er von Geburt schweigsam war, brummte er nur wie ein Br und
blickte mit tiefster Verachtung auf die Einschmeichelungsversuche des
andern herab, der ziemlich weltgewandt und diplomatisch veranlagt zu
sein schien. Dem uern nach zu urteilen, htte der Unterleutnant, wenn
es zu einem Kampf zwischen ihnen gekommen wre, es mehr mit Gewandtheit
und Geschick als mit Kraft versuchen mssen, so viel kleiner als der
Faustmensch war er von Wuchs. Vorsichtig, ohne sich in offenen Streit
einzulassen, und dabei doch unendlich selbstbewut, hatte er schon ein
paarmal die Vorzge des englischen Faustkampfes angedeutet, und da er
selbst ein Meister in der Boxkunst sei. Kurzum, er schien sich als
waschechten Westeuroper aufspielen zu wollen. Der Faustmensch dagegen
hatte bei dem Worte Boxkunst nur ein verchtliches Lcheln fr den
Gegner brig gehabt und seinerseits, gleichfalls offenen Widerspruch
vermeidend, schweigend und halb wie aus Versehen ein uerst nationales
Attribut -- eine riesige, sehnige, frmlich verknotete und mit rtlichem
Flaum bedeckte Faust -- hin und wieder vorgeschoben. Allen ward es denn
auch ohne weiteres klar, da, wenn diese ultranationale Keule gutgezielt
auf einen Gegenstand herabsauste, nur noch ein nasser Fleck von diesem
brigbleiben wrde.

Fertige, in des Wortes buchstblicher Bedeutung, gab es wiederum
keinen einzigen unter ihnen; denn Rogoshin hatte selbst die ganze Zeit
ber streng darauf achtgegeben, da sie sich nicht betranken. Mute er
doch, was es auch kosten mochte, noch vor Mitternacht mit hunderttausend
Rubeln bei Nastassja Filippowna erscheinen! Er selbst war inzwischen
vollkommen nchtern geworden, doch dafr war er jetzt wie betubt von
all den Aufregungen dieses Tages, dem an Wildheit kein einziger seines
frheren Lebens gleichkam. Nur ein einziger Gedanke lebte in seinem
glhenden Hirn, seinem klopfenden Herzen, seinem ganzen rasenden Wesen,
und der verlie ihn keine Minute, keinen Augenblick. Nur fr dieses
_eine_ qulte er sich, sprach, dachte, arbeitete er rastlos von fnf Uhr
nachmittags bis elf Uhr nachts in verzehrendem Verlangen und zitternder
Aufregung, whrend er mit Biskup und Konsorten, die sich im Eifer fr
ihn fast zerrissen, das Geld zusammenscharrte. Und er hatte seinen
Willen durchgesetzt: noch vor elf Uhr nachts hatte er hunderttausend
Rubel in barem Gelde aufgetrieben -- fr Prozente, von deren Hhe selbst
Biskup aus Schamgefhl nur flsternd mit seinen Genossen sprach.

Wieder war es Rogoshin, der als erster eintrat, und dem sich dann die
anderen nachschoben, was sie trotz des vollen Bewutseins ihrer Macht
doch etwas schchtern taten. Am meisten frchteten sie sich vor
Nastassja Filippowna. Viele waren sogar fest berzeugt, da sie allesamt
die Treppe hinunterbefrdert werden wrden. Dieser Meinung war unter
anderen auch der Stutzer und Herzensbesieger Saljosheff. Die anderen
jedoch, und zu denen gehrte vor allen der Faustmensch, empfanden, wenn
sie es auch nicht in ihren Worten uerten, in ihrem Herzen nur tiefste
Verachtung und sogar Ha fr Nastassja Filippowna und gingen zu ihr, wie
man zu einem Werk der Zerstrung zieht. Doch siehe, die kostbare
Ausstattung der ersten zwei Zimmer, die vielen nie gesehenen, ihnen ganz
mrchenhaft erscheinenden Dinge, die Gemlde an den Wnden, die
Portieren, die weie Mamorstatue der Venus von Milo -- alles das machte
einen niederdrckenden Eindruck auf die Schar und flte ihnen beinahe
Furcht ein. Aber das hinderte sie natrlich nicht, sich allmhlich immer
weiterzuschieben und trotz aller Furchtsamkeit mit frecher Neugier sich
hinter Rogoshin auch in den Salon hineinzudrngen. Als sie jedoch
pltzlich unter den Gsten den General erblickten, durchfuhr sie
wiederum ein unbehagliches Gefhl, und einige von ihnen, voran der
Faustmensch und der Boxknstler, begannen eingeschchtert ins andere
Zimmer zurckzudrngen. Nur Lebedeff, der am meisten seiner Stimmung
nachgeholfen hatte, hielt sich dicht neben Rogoshin; denn er wute,
was es heit, ein Kapital von einer Million vierhunderttausend Rubeln zu
besitzen und hunderttausend bar in der Hand zu halten. brigens waren
sie alle -- selbst der Kenner Lebedeff nicht ausgeschlossen -- etwas
unsicher in der Beurteilung ihrer Macht: und ob ihnen denn jetzt auch
wirklich alles oder nur manches erlaubt war? Lebedeff war in manchem
Augenblick zum heiligsten Schwur bereit, da ihnen alles, entschieden
alles erlaubt sei; doch empfand er in anderen Augenblicken wiederum das
beunruhigende Bedrfnis, sich auf alle Flle einzelne vornehmlich
beruhigende Paragraphen des Zivilgesetzes zu vergegenwrtigen.

Auf Rogoshin selbst machte die kostbare Einrichtung der Wohnung
Nastassja Filippownas einen ganz anderen Eindruck als auf seine
Begleiter: sie bewirkte bei ihm gerade das Gegenteil. Kaum hatte er die
Portieren zurckgeschlagen und Nastassja Filippowna erblickt, als alles
andere fr ihn zu existieren aufhrte, ganz wie auch schon vorher in der
Wohnung Ganjs, nur da es diesmal noch erschtternder geschah. Er
erbleichte und blieb stehen, und man erriet, da sein Herz unertrglich
schlug. Scheu und wie geistesabwesend sah er Nastassja Filippowna ein
paar Sekunden lang an, ohne den Blick von ihr loszureien. Pltzlich --
es war, als htte er die Besinnung verloren -- schritt er fast wankend
nher zum Tisch ... unterwegs stie er an Ptizyns Stuhl und trat der
hbschen Deutschen mit seinen schmutzigen, derben Stiefeln auf die
spitzenbesetzte Schleppe ihrer kostbaren, hellblauen Abendtoilette ...
weder entschuldigte er sich, noch schien er es bemerkt zu haben. Vor dem
Tisch blieb er stehen und legte einen Gegenstand auf ihn hin, den er
schon beim Eintritt in den Hnden gehalten hatte -- vor sich in beiden
Hnden. Es war ein Paket von etwa drei Zoll Hhe und vier Zoll Lnge, in
ein Blatt der Brsenzeitung fest eingewickelt und mehrmals kreuzweise
mit einer Schnur fest umbunden, einer Schnur, von der Art, wie sie um
Zuckerhte gebunden zu sein pflegt. Und nachdem er das Paket hingelegt
hatte, trat er mechanisch wieder einen Schritt zurck, seine Hnde
sanken herab und stumm blieb er stehen, als erwarte er sein Urteil. Er
war in denselben Kleidern wie vorhin, nur um den Hals hatte er ein ganz
neues seidenes Halstuch -- grn mit Rot -- das vorn mit einer groen
Brillantnadel, die einen Kfer darstellte, festgesteckt war; und an dem
schmutzigen Finger seiner rechten Hand trug er einen massiv goldenen
Ring, gleichfalls mit einem groen Brillanten. Lebedeff war drei
Schritte vom Tisch stehen geblieben. Von den brigen hatten sich nur
wenige in den Salon gewagt. Katj und Pascha, Nastassja Filippownas
Zofen, sahen erschrocken und erstaunt hinter der Portiere einer anderen
Tr hervor.

Was ist das? fragte Nastassja Filippowna, nachdem sie aufmerksam und
lebhaft Rogoshin betrachtet hatte, mit dem Blick auf das Paket in
Zeitungspapier weisend.

Hunderttausend! antwortete jener fast flsternd.

Ah, er hat sein Wort gehalten, nicht bel! Bitte, -- nehmen Sie Platz,
dort auf jenem Stuhl. Ich werde Ihnen spter etwas sagen. Wer ist dort
noch? Die ganze Gesellschaft vom Nachmittag? Nun, mgen sie hereinkommen
und sich setzen. Dort auf dem Sofa ist noch Platz, und auch dort auf
jener Chaiselongue. Dort sind noch zwei Sessel ... wie, Sie wollen
nicht?

In der Tat waren einige der Menschen verlegen geworden und zogen sich
immer mehr ins andere Zimmer zurck, um dort den Verlauf der Dinge
abzuwarten. Andere jedoch blieben im Salon und nahmen nach der
Aufforderung auch wirklich Platz, nur taten sie es mglichst fern vom
Tisch und bevorzugten namentlich die dunkleren Ecken. Einige htten sich
immer noch lieber gedrckt. Einzelne wiederum gewannen erstaunlich
schnell ihren Mut zurck, der dann zusehends wuchs. Rogoshin hatte sich
gleichfalls auf dem ihm angewiesenen Stuhle niedergelassen; doch erhob
er sich bald wieder, um sich dann nicht mehr zu setzen. Allmhlich
begann er auch die Gste, gleichsam jetzt erst, zu bemerken. Als er
Ganj erblickte, lchelte er hhnisch und sagte nur halblaut ein
spttisches Seht doch! Den General und Tozkij sah er ohne jede
Verwirrung und sogar ohne jedes besondere Interesse an. Als er jedoch
neben Nastassja Filippowna den Frsten erblickte, konnte er vor
Erstaunen lange den Blick nicht von ihm abwenden, ganz als wre er nicht
imstande gewesen, sich ber diese Begegnung Rechenschaft abzulegen. Man
konnte glauben, da er, wenigstens in manchen Augenblicken, ganz
benommen war, wie ein wachend Trumender; denn abgesehen von allen
Erschtterungen dieses Tages, hatte er die letzte Nacht auf der Reise
zugebracht und nun wohl schon zwei Nchte nicht geschlafen.

Das hier, meine Herren, sind hunderttausend Rubel, sagte Nastassja
Filippowna, sich mit einer geradezu fieberhaft ungeduldigen
Herausforderung an die Anwesenden wendend, hier in diesem schmutzigen
Zeitungspapier. Vorhin bei Ganetschka rief er pltzlich wie ein
Irrsinniger aus, da er mir noch heute abend hunderttausend Rubel
bringen werde, und ich habe ihn hier die ganze Zeit erwartet. Er wollte
mich nmlich kaufen: zuerst bot er mir achtzehntausend, dann sprang er
pltzlich auf vierzig, und dann -- auf die hundert hier. Er hat also
sein Wort gehalten! Pfui, wie bleich er geworden ist! ... Das geschah
vorhin bei Ganetschka: ich war zu ihm hingefahren, um seiner Mutter
einen Besuch zu machen und meine zuknftigen Verwandten kennen zu
lernen; doch seine Schwester schrie mir ins Gesicht: >Ist denn niemand
hier, der diese Unverschmte hinausweist!< worauf sie ihrem Brderchen
Ganetschka ins Gesicht spie. Ja, ein charaktervolles Mdchen ist sie,
das mu man ihr lassen!

Nastassja Filippowna! sagte der General vorwurfsvoll. Er begann zu
begreifen, was hier vor sich ging -- allerdings nur auf seine Art.

Wie beliebt? Unanstndig, was? Ach, Exzellenz, lassen wir doch die
Maske fallen! Da ich im franzsischen Theater wie eine unnahbare
Beletagentugend sa und alle, die sich fnf Jahre lang um mich bewarben,
wie eine Wilde floh und dabei die Miene einer stolzen Unschuld
aufsetzte, -- das waren ja doch alles nur Albernheiten! Da, da steht
jetzt vor Ihnen einer, der hunderttausend auf den Tisch geworfen hat,
nach fnf Jahren Unschuld! -- und sicher hat er schon seine Troiken
bereit, die nur auf mich warten. Auf hunderttausend hat er mich
geschtzt! Ganetschka, ich sehe, du bist mir immer noch bse? Ja,
wolltest du mich denn wirklich in deine Familie einfhren? Mich, die so
eine fr einen Rogoshin ist!? Was sagte doch der Frst vorhin?

Ich habe nicht gesagt, da Sie ... so eine seien, denn Sie sind es
nicht! sagte der Frst mit bebender Stimme.

Nastassja Filippowna, la gut sein, Tubchen, hr', was ich sage,
Tubchen, mischte sich pltzlich Darja Alexejewna ein, die sich nicht
mehr bezwingen konnte, wenn sie dich so rgern, wozu lt du sie dann
hier sitzen? Willst du denn wirklich mit solch einem gehen, und wenn
auch fr hunderttausend! Nun ja, hunderttausend -- sieh mal an! Ach was!
-- nimm die hunderttausend und ihn setz' vor die Tr! Siehst du, so
springt man mit solchen Leuten um! Wei Gott, ich an deiner Stelle wrde
sie alle ... nein wirklich, was soll denn das!

Darja Alexejewna rgerte sich aufrichtig. Sie war eine gute und
eindrucksfhige Seele.

Aber so rgere dich doch nicht, Darja Alexejewna, beruhigte Nastassja
Filippowna sie lchelnd. Ich habe ihm damit doch nichts Bses sagen
wollen. Habe ich ihm denn Vorwrfe gemacht? Ich kann wirklich nicht
verstehen, wie ich auf diesen albernen Einfall gekommen bin, in eine
anstndige Familie einzudringen. Ich habe auch seine Mutter gesehen und
ihr die Hand gekt. Da ich mich aber so bei dir auffhrte, Ganetschka,
das tat ich ja nur, um einmal zu sehen, wozu du fhig bist. Nun, du hast
mich in Erstaunen gesetzt, das mu ich sagen! Auf vieles war ich gefat,
auf das aber doch nicht! Httest du mich denn wirklich genommen, nachdem
du gesehen, da der General mir ein so kostbares Geschenk macht und ich
es fast am Tage vor der Trauung mit dir annehme? Und dann noch Rogoshin!
Der hat doch in deinem Hause in Gegenwart deiner Mutter und Schwester
mich zu kaufen versucht, du aber bist trotzdem als Bewerber gekommen und
hast beinahe noch deine Schwester mitgebracht! Ist es denn wirklich
wahr, was Rogoshin von dir sagt, da du fr drei Rubel auf allen vieren
bis zum Wassiljewskij Prospekt kriechst?

Sicher! sagte pltzlich Rogoshin halblaut vor sich hin, doch in einem
Tone, aus dem felsenfeste berzeugung sprach.

Ich wrde nichts sagen, wenn du dem Hungertode nahe wrst, aber du
bekommst doch, soviel ich wei, ein gutes Gehalt! Und obendrein, auer
der Schande, httest du ja dann eine verhate Frau in dein Haus
einfhren mssen! -- denn du hat mich doch, das wei ich. Nein, jetzt
glaube ich es, da so einer wie du fr Geld Menschen erdrosselt! Hat sie
doch heutzutage alle eine solche Geldgier ergriffen, da sie frmlich
von Sinnen zu sein scheinen -- so werden sie von der Habsucht
beherrscht. Unreife Jungen wollen Wucherer sein! Oder sie umwickeln die
Rasiermesserachse mit einem dicken Seidenfaden, damit das Messer
feststeht, und schleichen dann hinterrcks an den Freund heran und
schlachten ihn wie einen Hammel, wie ich vor kurzem noch gelesen habe.
Ein Schamloser bist du, Ganj! Auch ich bin eine Schamlose, du aber bist
es noch hundertmal mehr. Von diesem Blumenbesorger da will ich schon gar
nicht reden ...

Sind Sie das, Nastassja Filippowna, sind denn Sie das! rief der
General aus, in aufrichtigem Staunen die Hnde erhebend. Sie, die Sie
so zartfhlend sind, so vornehm denken, -- und nun! Welch eine Sprache!
Was fr Worte!

Ich bin jetzt im Rausch, Exzellenz! lachte pltzlich Nastassja
Filippowna auf, ich will durchgehen! Heute ist mein Tag, mein
Jahrestag, mein Schaltjahr! Ich habe lange genug darauf gewartet! Darja
Alexejewna, siehst du den Bukettherrn dort, jenen _Monsieur aux
camlias_,{[18]} da sitzt er und lacht ber uns ...

Ich lache nicht, Nastassja Filippowna, ich hre nur mit grter
Aufmerksamkeit zu, versetzte Tozkij wrdevoll.

Nun, sag' doch, wozu habe ich ihn wohl ganze fnf Jahre lang geqult
und nicht von mir fortgelassen? War er denn das wert? Er ist doch nur
so, wie er sein mu ... Er kann ja schlielich noch schuldige
Dankbarkeit von mir verlangen: er hat mich doch erziehen lassen, hat
mich wie eine Grfin ausgestattet und Geld, -- Gott! -- wieviel Geld er
fr mich ausgegeben hat! Schon dort hat er fr mich einen ehrenwerten
Mann gesucht und hier schlielich Ganetschka gefunden. Und was glaubst
du wohl: ich habe in diesen fnf Jahren nicht mit ihm gelebt und dabei
doch Geld von ihm angenommen und noch obendrein geglaubt, ich htte ein
Recht dazu! Ich hatte mich ja selbst ganz irre gemacht. Du sagst, nimm
die hunderttausend und jage ihn fort, wenn es dich anekelt. Es ist wahr,
es ekelt mich an ... Ich htte ja schon lngst heiraten knnen, und noch
ganz andere als Ganetschka, aber es war doch zu ekelhaft. Und wozu habe
ich nun meine fnf Jahre verloren! Aber wirst du's mir glauben, vor etwa
vier Jahren dachte ich eine Zeitlang daran, ob ich nicht schlielich
wirklich noch meinen Afanassij Iwanowitsch heiraten sollte! Aus Ha
dachte ich daran -- als ob ich wenig Einflle gehabt htte! Und glaub'
mir, ich htte es auch durchgesetzt! Er hat sich mir ja selbst
angetragen, kannst du dir das vorstellen? Freilich tat er es nicht aus
Liebe, aber er war doch gar zu erpicht, konnte es nicht aushalten. Da
berlegte ich es mir aber noch zum Glck und dachte: Ist er denn solcher
Bosheit berhaupt wert, lohnt es sich denn? Und da wurde er mir
pltzlich so ekelhaft, da ich ihn, selbst wenn er allen Ernstes um mich
angehalten htte, fr keinen Preis genommen haben wrde. Und so habe ich
es die ganzen fnf Jahre getrieben! Nein, lieber auf die Strae, wohin
ich ja doch sowieso gehre! Entweder mit Rogoshin in Saus und Braus,
oder ich werde morgen noch Wscherin! Denn ich habe ja doch nichts, mir
gehrt ja nichts! Wenn ich fortgehe, werfe ich ihm alles hin, alles,
alles, auch den letzten Lappen; ohne alles aber wird mich ja doch
niemand nehmen, frag mal Ganj! Nicht einmal Ferdyschtschenko wrde mich
nehmen!

Ferdyschtschenko wrde Sie vielleicht auch nicht nehmen, Nastassja
Filippowna, ich bin ein aufrichtiger Mensch, unterbrach sie
Ferdyschtschenko, dafr aber wrde der Frst Sie nehmen! Da sitzen Sie
und klagen, aber schauen Sie doch nur auf den Frsten! Ich beobachte ihn
schon lange ...

Nastassja Filippowna wandte sich neugierig brsk zum Frsten und sah ihn
an.

Ist das wahr? fragte sie.

Ja, sagte der Frst.

Sie wrden mich so nehmen, wie ich bin, ohne alles?

Ich wrde Sie so nehmen, Nastassja Filippowna ...

Da haben wir die Geschichte! stie der General hervor. Doch ... das
war vorauszusehen!

Der Frst, den Nastassja Filippowna immer noch betrachtete, sah sie mit
strengem und durchdringendem Blick an, in dem aber unsglich viel Leid
lag.

Da hat sich noch einer gefunden! sagte Nastassja Filippowna, sich
wieder Darja Alexejewna zuwendend. Und doch wirklich nur aus gutem
Herzen, ich kenne ihn. Da habe ich jetzt einen Wohltter! brigens --
vielleicht ist es wahr, was man von ihm sagt, da er ... nun, _jenes_
... Wovon wirst du denn leben, wenn du schon so verliebt bist, da du
eine Rogoshinsche nimmst, du, Frst Myschkin? ...

Ich nehme Sie als ehrbares Weib, Nastassja Filippowna, und nicht als
was Sie sich da bezeichnen, sagte der Frst.

Was, ich soll ein ehrbares Weib sein?

Ja, Sie.

Nun, das ist ... Romanphantasie. Das sind alte Ammenmrchen, lieber
Frst, heutzutage ist man klger und beurteilt so etwas auch ganz
richtig als Faselei. Und wie kannst du denn heiraten, du brauchst ja
selbst noch eine Wrterin!

Da erhob sich der Frst und begann mit scheuer, unsicherer Stimme, doch
mit der Miene eines tief berzeugten Menschen:

Ich wei nichts, Nastassja Filippowna, ich habe nichts gesehen, Sie
haben recht, aber ich ... ich fasse es so auf, da Sie mir eine Ehre
erweisen wrden, nicht ich Ihnen. Ich bin nichts, Sie aber haben
gelitten und sind aus dieser Hlle rein hervorgegangen, das aber ist
viel. Weshalb schmen Sie sich und weshalb wollen Sie zu Rogoshin gehen?
Das ist ja alles nur Fieber ... Sie haben Herrn Tozkij die
Fnfundsiebzigtausend zurckgegeben und sagen, da Sie alles, was hier
ist, ihm gleichfalls zurckgeben; das aber wrde keiner tun, keiner von
allen, die hier sind. Ich habe Sie ... Nastassja Filippowna ... lieb.
Ich liebe Sie, ich werde fr Sie sterben, Nastassja Filippowna. Ich
werde niemandem erlauben, ein schlechtes Wort ber Sie zu sagen,
Nastassja Filippowna. Wenn wir arm sind, werde ich arbeiten, Nastassja
Filippowna ...

Bei diesen Worten hrte man ein leises Kichern von Ferdyschtschenko und
Lebedeff, und selbst der General krchzte einmal ganz absonderlich, was
er sogleich mit einem ernsten Ruspern zu verdecken suchte. Ptizyn und
Tozkij konnten nur mit Mhe ein Lcheln verbergen. Die brigen begriffen
vor Erstaunen vorlufig berhaupt noch nichts.

... Doch vielleicht werden wir nicht arm sein, sondern sogar sehr
reich, Nastassja Filippowna, fuhr der Frst mit derselben scheuen
Stimme fort. Ich wei es nicht genau und ich bedauere es, da ich heute
den ganzen Tag noch nichts Bestimmtes darber habe erfahren knnen: ich
habe, als ich noch in der Schweiz war, von einem gewissen Herrn
Ssalaskin aus Moskau einen Brief erhalten, in dem er mir mitteilt, da
mir eine sehr groe Erbschaft zufallen solle. Ich habe ihn bei mir, den
Brief, hier ist er ...

Und der Frst zog tatschlich aus der Brusttasche seines Rockes einen
Brief hervor.

Sollte er nicht schon verrckt sein? fragte sich der General. Das ist
ja hier die reine Irrenanstalt!

Fr einen Augenblick trat allgemeines Schweigen ein.

Sie sagten, Frst, wenn ich mich nicht tusche, da Sie den Brief von
einem gewissen Ssalaskin erhalten htten? fragte Ptizyn. Ssalaskin ist
in seiner Sphre eine sehr bekannte Persnlichkeit, und wenn er Sie von
einer Ihnen zugefallenen Erbschaft benachrichtigt, so knnen Sie ihm
aufs Wort glauben. Ich kenne zufllig seine Handschrift, ich habe vor
einiger Zeit geschftlich mit ihm zu tun gehabt -- wenn Sie mir den
Brief zeigen wollten, knnte ich Ihnen wenigstens sagen, ob es derselbe
Ssalaskin ist.

Wa--as? Was soll denn das bedeuten? fuhr nun der General auf, indem er
verstndnislos von einem zum andern sah. Doch nicht tatschlich eine
Erbschaft?

Alles blickte auf Ptizyn, der den Brief las. Die allgemeine Neugier
hatte auf einmal eine neue Richtung bekommen. Ferdyschtschenko konnte
nicht mehr stillsitzen: er sprang auf. Rogoshin schaute malos bestrzt
bald auf den Frsten, bald auf Ptizyn. Darja Alexejewna sa in der
Erwartung wie auf Nadeln. Auch Lebedeff hielt es nicht aus und
schlpfte, gleichsam krumm und lahm geschlagen, herbei, um ber Ptizyns
Schulter wenigstens einen Blick auf den Brief werfen zu knnen, sah aber
dabei ganz so aus, wie ein Mensch, der in jedem Augenblick einen
Rippensto oder einen Schlag auf den Kopf erwartet.


                                  XVI.

Die Sache hat ihre Richtigkeit, erklrte endlich Ptizyn, indem er den
Brief zusammenfaltete und dem Frsten zurckgab. Sie bekommen ohne alle
Scherereien nach dem unantastbaren Testament Ihrer Tante ein sehr groes
Vermgen.

Nicht mglich! rief der General wie aus der Pistole geschossen aus.

Die meisten vergaen den Mund zu schlieen.

Hierauf erzhlte Ptizyn, sich vornehmlich an den General wendend, was
Ssalaskin dem Frsten im Brief mitgeteilt hatte. Der Inhalt war kurz
folgender:

Vor fnf Monaten war die Tante des Frsten Lew Nikolajewitsch Myschkin,
die ltere Schwester seiner Mutter gestorben. Sie war die Tochter des
Moskauer Kaufmanns dritter Gilde, Papuschin, der nach einem Bankerott,
wie es hie, in Armut gestorben war. (Der Frst hatte beide nie
gekannt.) Doch der ltere leibliche Bruder dieses Papuschin war ein
bekannter, sehr reicher Kaufmann. Vor etwa einem Jahre hatte er ganz
pltzlich -- in ein und demselben Monat -- seine beiden Shne verloren,
worauf der Alte aus Gram ebenfalls erkrankt und gestorben war. Seine
einzige noch lebende Verwandte und Erbin, jene Tochter seines armen
Bruders, die zu der Zeit auch schon von den rzten aufgegeben war (sie
starb bald darauf an der Wassersucht), hatte sogleich nach dem Frsten
zu forschen begonnen, hatte ihr Testament gemacht und Ssalaskin die
Erledigung der Angelegenheit bertragen. Nach dem Empfang dieses Briefes
von Ssalaskin hatte sich der Frst dann entschlossen, selbst nach
Ruland zurckzukehren ...

Ich kann Ihnen einstweilen nur sagen, schlo Ptizyn, sich an den
Frsten wendend, da Sie alles, was Ssalaskin Ihnen von der
Unantastbarkeit Ihrer Erbschaft schreibt, ohne weiteres als bare Mnze
annehmen knnen. Dieser Brief ist ebensogut wie bares Geld in der
Tasche. Ich gratuliere, Frst! Vielleicht erben Sie auch so an
anderthalb Millionen, vielleicht aber auch noch mehr. Papuschin war ein
sehr reicher Kaufmann.

Teufel noch eins! Na, er lebe hoch, der letzte Frst aus dem Geschlecht
der Myschkin! grhlte Ferdyschtschenko, der als erster die Fassung
wiedergewann.

Hurra! brllte mit lauter Stimme Lebedeff -- er hatte am meisten
getrunken.

Und ich habe dem armen Jungen noch mit fnfundzwanzig Rubel unter die
Arme gegriffen, hahaha! Wie nennt man das! Umgekehrte Welt! rief der
noch ganz erstarrte General lachend aus. Nun, mein Lieber, ich
gratuliere, ich gratuliere!

Und sich vom Platz erhebend, ging er auf den Frsten zu und umarmte ihn.
Nach ihm erhoben sich auch die anderen, um dem Erben Glck zu wnschen.
Selbst die Zaghafteren, die sich zuvor in das andere Zimmer
zurckgezogen hatten, begannen im Salon zu erscheinen. Alles sprach
durcheinander, es war kein Wort zu verstehen, Ausrufe wurden laut, man
verlangte Champagner -- alles geriet in Bewegung. Ja, im ersten
Augenblick verga man sogar Nastassja Filippowna und da sie doch
immerhin die Dame des Hauses war. Allmhlich aber erinnerte man sich
ihrer wieder, erinnerte sich ebenfalls, da der Frst ihr doch kurz
zuvor einen Heiratsantrag gemacht hatte, was die ganze Situation jetzt
noch dreimal unerhrter machte. Tozkij konnte vor Verwunderung nur noch
die Schultern hochziehen. Von den Herren war er der einzige, der noch
sa, whrend die anderen alle sich in einem dichten Haufen um den Tisch
drngten. Spter wurde von den meisten behauptet, da erst in diesem
Augenblick Nastassja Filippowna den Verstand verloren htte. Sie sa
immer noch auf ihrem Platz und betrachtete eine Weile alle mit einem
seltsamen, gewissermaen erstaunten Blick, als begriffe sie gar nicht,
was hier vorging, und als strenge sie sich an, etwas Unverstndliches zu
erfassen. Dann wandte sie sich pltzlich dem Frsten zu und sah ihn, die
Brauen drohend zusammengezogen, scharf und feindselig an -- doch das
dauerte nur einen Augenblick. Vielleicht schien es ihr, da es nur ein
Scherz sein knne, da er sich ber sie lustig mache. Doch der Blick des
Frsten schlo jeden Zweifel aus. Sie sann einen Augenblick nach und
dann lchelte sie -- es war ein Lcheln, das sie selbst nicht zu
bemerken schien ...

Also wirklich Frstin! murmelte sie gleichsam etwas spttisch vor sich
hin, und als ihr Blick zufllig auf Darja Alexejewna fiel, lachte sie
hellauf. Eine etwas unverhoffte Lsung ... ich ... ich ... hatte das
nicht erwartet ... Aber, meine Herren, was stehen Sie denn, bitte,
setzen Sie sich doch und gratulieren Sie uns! Jemand hat, glaube ich,
Champagner verlangt -- Ferdyschtschenko, gehen Sie, bitte, bestellen
Sie. Katj, Pascha! -- sie erblickte pltzlich ihre Mdchen in der Tr
-- kommt her, ich heirate, habt ihr es schon gehrt? Den Frsten dort,
er hat anderthalb Millionen, ist ein Frst Myschkin und nimmt mich!

Mit Gott, Mtterchen, es ist auch Zeit! Sonst verscherzt du sie ja
alle! warf Darja Alexejewna ein, die durch das Erlebte geradezu
erschttert war.

Aber so setzen Sie sich doch her zu mir, Frst, fuhr Nastassja
Filippowna lebhaft fort, so, und dort kommt ja auch schon der
Champagner, also, bitte, zu gratulieren, meine Herren!

Hurra! ertnte es von mehreren Seiten.

Hoch! Hurra! Wir gratulieren!

Viele drngten zum Champagnerkbel, darunter fast alle Begleiter
Rogoshins. Aber wenn auch vornehmlich sie es gewesen waren, die das Hoch
ausbrachten, so waren doch viele von ihnen noch immer schchtern und
erwarteten mitrauisch die weitere Entwicklung der Dinge. Sie fhlten,
da die Sache eine andere Wendung genommen hatte. Viele wieder
flsterten miteinander, da es ja doch nichts Auergewhnliches sei, da
doch so manche Frsten noch ganz andere Weiber geheiratet htten, sogar
Zigeunerinnen aus dem Steppenlager!

Rogoshin selbst stand und blickte mit einem starren, verstndnislosen
Lcheln drein.

Frst, lieber Junge, besinn' dich! flsterte der General ganz entsetzt
dem Frsten zu, indem er ihn, leise an ihn herantretend, am rmel
zupfte.

Nastassja Filippowna hrte es und lachte hellauf.

Nein, Exzellenz! Jetzt bin auch ich Frstin, und Sie haben doch gehrt,
da der Frst mich nicht beleidigen lassen wird! Afanassij Iwanowitsch,
so wnschen Sie mir doch Glck! Ich werde ja jetzt neben Ihrer Frau
Gemahlin sitzen. Was meinen Sie, ist es nicht vorteilhaft, einen solchen
Mann zu haben? Anderthalb Millionen und dazu noch Frst, und dann noch,
wie man sagt, ein Idiot, was will man mehr? Jetzt erst beginnt das
wirkliche Leben! Rogoshin, du bist zu spt gekommen! Nimm dein
schmutziges Geldpaket, ich heirate einen Frsten und bin jetzt selbst
reicher als du!

Da begriff Rogoshin endlich, was geschehen war. Sein Gesicht verzerrte
sich in unsglichem Schmerz. Er hob die Arme und ein Sthnen entrang
sich seiner Brust.

Tritt zurck! schrie er dem Frsten zu.

Ringsum erscholl Gelchter.

Damit du an seine Stelle treten kannst? fiel Darja Alexejewna
siegesstolz ein. Pfui so einer! Wie er das Geld auf den Tisch wirft, da
sieht man gleich den Bauer. Der Frst heiratet sie, du aber willst sie
nur zur Schande haben!

Auch ich heirate sie! Auf der Stelle heirate ich sie, sogleich! Alles
gebe ich hin! ...

Hrt doch! Du bist ja wie ein Betrunkener in der Schenke. Vor die Tr
setzen sollte man dich! sagte Darja Alexejewna unwillig.

Das Gelchter wurde noch lauter.

Hrst du es, Frst, wandte sich Nastassja Filippowna an ihn, wie ein
Bauer deine Braut kaufen will?

Er ist betrunken, sagte der Frst, er liebt Sie sehr.

Aber wirst du dich spter nicht dessen schmen, da deine Braut beinahe
mit einem Rogoshin davongefahren wre?

Das wollten Sie nur im Fieber, Sie sind auch jetzt noch im Fieber.

Und du wirst dich auch nicht schmen, wenn man dir spter sagt, da
deine Frau Tozkijs Mtresse gewesen ist?

Nein, ich werde mich nicht schmen. Sie waren nicht aus freiem Willen
bei Tozkij.

Und wirst es mir nie vorwerfen?

Nein, niemals.

Nun, sieh dich vor, versprich nicht frs ganze Leben!

Nastassja Filippowna, sagte der Frst leise und wie voll tiefen
Mitleids, ich sagte Ihnen vorhin, da ich Ihre Einwilligung als Ehre
auffassen werde, da Sie mir eine Ehre erweisen, und nicht ich Ihnen.
Sie lchelten ber diese Worte und ringsum, das sah ich, wurde
gleichfalls gelchelt. Ich habe mich vielleicht sehr lcherlich
ausgedrckt und bin vielleicht auch selbst lcherlich gewesen, aber es
will mir immer scheinen, da ich ... sehr wohl begreife, was Ehre ist --
und ich bin berzeugt, da ich die Wahrheit gesagt habe. Sie wollten
sich soeben ins Verderben strzen, unwiderruflich, fr immer, denn Sie
htten sich das nie verziehen. Aber Sie sind ja doch vllig unschuldig.
Es kann doch nicht sein, da Ihr Leben schon zugrunde gerichtet sei! Was
will denn das sagen, da Rogoshin zu Ihnen gekommen ist und Gawrila
Ardalionytsch Sie betrgen wollte? Weshalb kommen Sie immer wieder
gerade darauf zurck? Das, was Sie getan haben -- dazu wren nur wenige
fhig, das sage ich Ihnen. Da Sie aber mit Rogoshin fortfahren wollten,
das wollten Sie ja nur im Augenblick eines krankhaften Anfalls. Sie sind
auch jetzt noch krank, solche Anflle gehen nicht so schnell vorber. Es
wre besser, Sie gingen zu Bett. Sie wrden morgen Wscherin geworden
sein, denn bei Rogoshin wren Sie ja doch nicht geblieben. Sie sind
stolz, Nastassja Filippowna; vielleicht aber sind Sie schon dermaen
unglcklich, da Sie sich selbst tatschlich fr schuldig halten. Sie
mssen behutsam gepflegt werden, Nastassja Filippowna. Ich werde Sie
pflegen. Als ich heute Ihr Bild erblickte, war es mir, als htte ich ein
bekanntes Gesicht wiedererkannt. Und es schien mir sogleich, als riefen
Sie mich! ... Ich ... ich werde Sie mein ganzes Leben lang hochachten,
Nastassja Filippowna ... brach pltzlich der Frst kurz ab und er
errtete. Es war ihm mit einemmal zum Bewutsein gekommen, vor welchen
Menschen er redete.

Ptizyn senkte vor lauter Schamgefhl den Kopf und blickte zu Boden.
Tozkij dachte bei sich: Zwar ein Idiot, wei aber doch, da man mit
Schmeichelei am besten fngt. Instinkt. Der Frst fhlte und sah auch
Ganjs brennenden Blick auf sich ruhen, mit dem jener ihn gleichsam
versengen zu wollen schien. Ganj stand in der entferntesten Ecke.

Endlich sieht man einmal einen guten Menschen! sagte Darja Alexejewna
ganz gerhrt.

Ein gebildeter Mensch, doch ein verlorener! brummte der General fr
sich.

Tozkij schickte sich an, aufzustehen. Er sah sich nur noch nach dem
General um und verstndigte sich mit ihm durch einen Blick: sie wollten
sich beide entfernen.

Ich danke Ihnen, Frst. Bis jetzt hat noch niemand so zu mir
gesprochen, sagte Nastassja Filippowna. Man hat mich immer nur kaufen
wollen, doch heiraten wollte mich noch kein einziger Ehrenmann. Haben
Sie gehrt, Afanassij Iwanowitsch? Wie gefiel Ihnen das, was der Frst
sagte? Es war ja doch beinahe unschicklich ... Rogoshin! unterbrach sie
sich, du, wart' mal noch mit dem Fortgehen. Aber du gehst ja auch noch
gar nicht fort, wie ich sehe. Vielleicht werde ich noch mit dir gehen.
Wohin wolltest du mich bringen?

Nach Jekateringoff! berichtete sofort Lebedeff, Rogoshin aber zuckte
nur zusammen und starrte sie an, als knnte er nicht glauben, was er
gehrt hatte. Er schien vllig stumpf geworden zu sein, wie von einem
entsetzlichen Schlage auf den Kopf.

Was, was redest du, was fllt dir ein, Tubchen? La das doch jetzt,
diese Albernheiten! Bist du denn ganz von Sinnen? fuhr die erschrockene
Darja Alexejewna auf.

Ja, hast du denn im Ernst daran geglaubt? Nastassja Filippowna sprang
lachend auf. Diesen jungen Knaben da sollte ich zugrunde richten? Das
wre ja ganz nach Afanassij Iwanowitschs Geschmack, der liebt ja
namentlich halbwchsige Kinder! Fahren wir, Rogoshin! Halte dein
Geldpaket bereit! Das hat nichts zu sagen, da du mich heiraten willst,
das Geld mut du mir trotzdem geben. Ich nehme dich vielleicht noch gar
nicht. Du glaubst wohl, wenn du mich heiratest, behltst du das Geld?
Unsinn! Ich bin selbst eine Schamlose! Ich bin doch Tozkijs Geliebte
gewesen ... Frst! Du brauchst jetzt Aglaja Jepantschina, aber nicht
mich, denn sonst -- Ferdyschtschenko wrde doch mit dem Finger auf mich
zeigen. Du frchtest dich nicht, ich aber wrde mich frchten, da ich
dich zugrunde gerichtet habe und du es mir spter vorwerfen wirst! Und
was du da redest, da ich dir eine Ehre erweise, nun, so wei doch
Tozkij, wie es sich damit verhlt. Du aber, Ganetschka, hast Aglaja
Jepantschina schon verspielt -- weit du das auch? Httest du nicht mit
ihr geschachert, so wrde sie dich ja unbedingt genommen haben! Aber so
seid ihr ja alle: entweder mit entehrten oder mit ehrbaren Frauen leben
-- das ist die Wahl! Denn sonst verwirrt man sich unfehlbar ... Da sieht
mich der General an und kann den Mund nicht mehr schlieen ...

D--D--Das ist ja Sodom! Sodom!! stie der General hervor, die
Schultern vor Entrstung in die Hhe ziehend, und erhob sich
schleunigst. Alles war wieder auf den Beinen. Nastassja Filippowna
gebrdete sich wie eine Rasende.

Ist es denn mglich! sthnte der Frst, und seine Hnde krampften sich
zusammen.

Du glaubst wohl -- nicht? Ich bin vielleicht noch stolzer, als ihr
glaubt, und wenn ich auch tausendmal eine Verworfene bin! Du sagtest
vorhin, an mir sei alles vollendet -- eine schne Vollendung das, wenn
sie einzig dazu dient, um nachher damit prahlen zu knnen, da ich eine
Million und die Frstenkrone unter die Fe getreten und in die Spelunke
gehe! Was bin ich denn fr eine Frau fr dich? Afanassij Iwanowitsch,
hren Sie! Ich habe doch tatschlich eine Million zum Fenster
hinausgeworfen! Und Sie glaubten wohl, ich wrde es fr ein Glck
ansehen, wenn ich mit Ihren Fnfundsiebzigtausend Ihren Ganetschka
bekme? Die Fnfundsiebzigtausend kannst du behalten, Afanassij
Iwanowitsch -- nicht einmal bis zu Hundert hat er sich emporgeschwungen,
da ist doch Rogoshin nobler als er! -- Ganetschka aber werde ich selbst
trsten, ich habe schon einen Gedanken. Jetzt aber will ich leben!
leben! leben! wild und wst! ich bin ja doch eine Straendirne! Zehn
Jahre lang hab' ich im Gefngnis gesessen, jetzt kommt mein Glck! Was
stehst du, Rogoshin? Komm, fahren wir!

Fahren wir! jubelte Rogoshin, ganz auer sich vor Entzcken. He, ihr
alle! ... kommt! Wein her! Wein!

Sorge nur fr Wein, ich werde trinken. Wird dort auch Musik sein?

Alles, alles wird sein! -- Komm nicht zu nah! schrie Rogoshin in
seiner Raserei, als er sah, da Darja Alexejewna sich Nastassja
Filippowna nhern wollte. Sie gehrt mir! Alles gehrt mir! Knigin!
Nun komme, was will!

Der Atem stockte ihm vor Herzklopfen; er ging immer nur um Nastassja
Filippowna herum und schrie jedem zu: Komm nicht zu nah! Inzwischen
hatten sich schon alle seine Begleiter im Salon versammelt, selbst die
schchternsten hatten sich hervorgewagt. Die einen tranken, die anderen
schrien und lachten, alle waren sie in der lebhaftesten und
ungezwungensten Stimmung. Ferdyschtschenko versuchte bereits, sich
freundschaftlich ihnen anzuschlieen, um dann gleichfalls mit nach
Jekateringoff fahren zu knnen. Der General und Tozkij machten wieder
eine Bewegung zur Tr hin, um schnell zu verschwinden. Ganj hatte
gleichfalls schon seinen Hut in der Hand; doch schien er sich von dem
Bilde, das sich hier vor seinen Augen aufrollte, noch nicht losreien zu
knnen.

Komm nicht zu nah! schrie wieder Rogoshin.

Was grhlst du denn so! lachte ihn Nastassja Filippowna aus. Ich bin
doch hier noch die Herrin im Hause, wenn ich will, lasse ich dich
hinauswerfen. Ich habe von dir noch kein Geld genommen, da liegt es ja
noch auf dem Tisch! Gib es her, das ganze Paket! Und hier in diesem
Paket sind hunderttausend Rubel? Pfui, welch eine Abscheulichkeit! Was
hast du nur, Darja Alexejewna? Soll ich ihn denn wirklich zugrunde
richten? (Sie wies auf den Frsten.) Wo kann er denn ans Heiraten
denken, er braucht ja selbst noch eine Wrterin! Da, der General, der
wird seine Wrterin sein -- seht doch, wie er um ihn scharwenzelt. Sieh,
Frst, deine Braut hat das Geld hier genommen, denn sie ist ja doch eine
Dirne -- und du wolltest sie heiraten! Aber warum weinst du denn? Bitter
ist das, was? Du lach' doch, ich finde, du hast Grund, froh zu sein,
fuhr Nastassja Filippowna fort, in deren eigenen Augen groe Trnen
standen. Vertraue der Zeit -- alles wird vergehen! Es ist besser, sich
jetzt zu besinnen, als nachher, wenn's zu spt ist ... Aber warum weint
ihr denn alle -- da, auch Katj weint! Katj, was hast du, mein liebes
Ding? Ich hinterlasse dir und Pascha viele Sachen, es ist schon alles
vorgesehen ... Jetzt aber lebt wohl! Ich habe dich, ein ehrsames
Mdchen, mich Dirne bedienen lassen ... Es ist besser so, Frst,
wirklich besser, du wrdest mich spter doch verachten und wir wren
beide unglcklich. Schwre nicht, ich glaube ja doch nicht! Und es wre
ja auch so dumm! ... Nein, glaub' mir, es ist besser so, wir scheiden
als Freunde. Auch ich bin ja eine Schwrmerin, was kme dabei heraus?
Habe ich denn nicht selbst schon von dir getrumt? Du hast recht, schon
lange habe ich von dir getrumt, schon dort in Otradnoje, wo er mich
fnf Jahre in der Einsamkeit sitzen lie! Da denkt man denn bisweilen
und denkt und spinnt Trume und Trume -- da habe ich mir denn immer
solch einen wie du vorgestellt, einen wahren und ehrlichen und guten und
mutigen Menschen, und der auch ebenso dumm ist wie du, so dumm, da er
pltzlich zu mir kommt und sagt: >Sie sind unschuldig, Nastassja
Filippowna, und ich vergttere Sie!< Und so spinnt man die Trume weiter
und weiter, bis man wahnsinnig zu werden meint ... Und dann kommt wieder
jener da angefahren: weilt zwei Monate im Jahr, entehrt, beschmutzt,
entfacht, verdirbt und fhrt fort, -- oh, tausendmal schon wollte ich
mich im Teich ertrnken, war aber zu feig dazu, der Mut langte nicht! --
nun, und jetzt ... Rogoshin, bist du bereit?

Fahren wir! Komm nicht zu nah!

Fahren wir! ertnten mehrere Stimmen.

Die Troiken warten! Mit Schellen am Kummetholz!

Nastassja Filippowna ergriff das Geldpaket.

Ganj, ich habe einen guten Einfall: ich will dich entschdigen, denn
warum sollst du alles verlieren? Rogoshin, wird er fr drei Rubel bis
auf den Wassiljewskij kriechen?

Sicher!

Nun, dann hre mich, Ganj, ich will deine Seele zum letztenmal
bewundern: du hast mich selbst drei Monate lang geqult, jetzt ist die
Reihe an mir. Siehst du hier dieses Paket in Zeitungspapier: das sind
hunderttausend Rubel. Nun sieh, ich werde es sogleich in den Kamin
werfen, ins Feuer, hier in Gegenwart aller Anwesenden, alle sind Zeugen!
Sobald dann das Feuer das Papier erfat hat -- kriech' in den Kamin,
aber ohne Handschuhe, mit bloen Hnden, nur die rmel kannst du
aufkrempeln, -- und hol' das Paket aus dem Feuer! Holst du es heraus --
so gehrt es dir, die ganzen Hunderttausend gehren dir! Wirst dir
hchstens die zarten Fingerchen ein bichen verbrennen, aber dafr sind
es doch Hunderttausend, bedenk blo! Wie lange zieht man sie denn aus
dem Feuer! Es ist ja nur ein Augenblick! Ich aber will mich an deiner
Seele ergtzen, ich habe meine Freude dran, da du nach meinem Gelde ins
Feuer kriechst! Hier sind alle Zeugen: das ganze Paket gehrt dir!
Ziehst du es nicht heraus, so verbrennt es, ich werde es keinen anderen
herausnehmen lassen. Fort da vom Kamin! Alle fort! Das Geld gehrt mir!
Ich hab's fr eine Nacht von Rogoshin bekommen. Ist's mein Geld,
Rogoshin?

Deines, meine Freude! Deines, Knigin!

Nun, dann alle fort von dort! was ich will, das tue ich! Seht! Ruhe!
Mischt euch nicht ein! Ferdyschtschenko, schren Sie das Feuer!

Nastassja Filippowna, die Hnde gehorchen mir nicht! stammelte
Ferdyschtschenko wie betubt.

A--ach! rief Nastassja Filippowna unwillig, ergriff selbst die
Feuerzange, schob die zwei glimmenden Holzscheite zurecht, und wie das
Feuer aufschlug, warf sie das Geldpaket darauf.

Ein Schrei entfuhr den Anwesenden. Viele bekreuzigten sich
unwillkrlich.

Sie ist verrckt geworden! Sie ist wahnsinnig!

Soll ... soll ... soll man sie nicht binden? flsterte der General
Ptizyn zu; oder ... oder nach dem Arzt schicken ... Sie ist ja doch
wahnsinnig, wahnsinnig, das ist sie doch!

N--nein, das ist vielleicht doch nicht gerade Wahnsinn, murmelte
Ptizyn. Er war erbleicht und zitterte und vermochte seinen Blick von dem
bereits glimmenden Zeitungspapier nicht abzuwenden.

Sie ist doch wahnsinnig, absolut wahnsinnig, sehen Sie denn das nicht?
wandte sich der General an Tozkij.

Ich habe Ihnen ja gesagt, da sie ein Weib mit Kolorit ist, flsterte
der gleichfalls etwas erbleichte Tozkij zurck.

Aber, ich bitte Sie! -- es sind doch Hun--dert--tau--send! ...

Groer Gott, groer Gott, heiliger Vater im Himmel! ertnte es
ringsum. Alles drngte zum Kamin, alle wollten sehen, wie das Geld
brannte, alles rief und schrie durcheinander ... Einige sprangen sogar
auf die Sthle, um ber die Kpfe der anderen hinweg zu sehen. Darja
Alexejewna eilte in hchster Angst zur Tr und tuschelte dort entsetzt
mit Katj und Pascha. Die schne Deutsche lief fort.

Mtterchen! Knigin! Allmchtige! schrie Lebedeff, der vor Nastassja
Filippowna auf den Knien umherrutschte und immer wieder verzweifelt mit
beiden Armen auf den Kamin wies. Hunderttausend! Hunderttausend! Habe
ich selbst gesehen, vor meinen Augen wurden sie eingepackt! Mtterchen!
Barmherzige! La mich in den Kamin kriechen! Ich krieche dir mit allen
vieren hinein, den ganzen grauen Kopf steck' ich ins Feuer! ... Eine
kranke Frau ohne Beine, dreizehn Stck Kinder -- alles Waisen, der Vater
vor einer Woche beerdigt, sie haben nichts zu beien und zu nagen!
Erbarmen, Erbarmen, Nastassja Filippowna!

Und noch mit dem letzten Schrei auf den Lippen, kroch er schon zum
Kamin.

Fort! Nicht! Weg da! schrie ihn Nastassja Filippowna an und stie ihn
fort. Tretet zur Seite, alle, alle! Ganj, was stehst du denn da?
Schm' dich doch nicht! Kriech los! Dein Glck ist's!

Doch Ganj hatte an diesem Tage und Abend schon gar zuviel ausgehalten.
Auf diese letzte, unerwartete Folter war er nicht vorbereitet. Das
Gedrnge teilte sich vor ihm in zwei Hlften, es bildete sich eine Gasse
zwischen ihnen, und Ganj stand drei Schritte von Nastassja Filippowna,
Auge in Auge ihr gegenber. Sie stand am Kamin und wartete und sah ihn
mit flammendem, unverwandtem Blick an. Ganj stand schweigend mit
gekreuzten Armen, im Frack, den Hut und die Handschuhe in der Hand, vor
ihr, ohne sich zu rhren, und sah starr ins Feuer. Ein sinnloses, irres
Lcheln huschte ber sein Gesicht, das so bleich war wie eine
weigetnchte Wand. Zwar konnte er den Blick nicht losreien von dem
glimmenden Pckchen, doch schien sich pltzlich etwas Neues in seiner
Seele erhoben zu haben: es war, als htte er sich geschworen, die Folter
auszuhalten. Er rhrte sich nicht: nach ein paar Augenblicken wurde es
allen klar, da er nicht nach dem Geldpaket greifen wrde, da er es
_nicht wollte_!!!

Ei, sie verbrennen, die Hunderttausend! schrie ihm Nastassja
Filippowna zu. Du wirst dich ja spter erhngen, wenn du sie nicht
nimmst! Ich scherze nicht!

Das Feuer war zuerst zwischen den zwei glimmenden Holzscheiten fast
erloschen, als das Geldpaket darauf niedergefallen war. Nur ein kleines
blaues Flmmchen zngelte noch am unteren Rande des einen Holzscheits.
Allmhlich kroch es weiter, bis es die eine Ecke des Pckchens zu
belecken begann; das Feuer blieb haften und schlngelte sich dann als
schmale, dnne Zunge von der Ecke hinauf, lief von der oberen Ecke
wieder am Rande weiter und pltzlich umschlang es das ganze Paket, und
eine helle Flamme schlug flackernd nach oben, zugleich einen Feuerschein
ins Zimmer werfend.

Mtterchen! schrie Lebedeff und wieder wollte er auf den Knien zum
Kamin kriechen, doch da zog ihn Rogoshin fort und stie ihn zur Seite.
Rogoshin selbst war nichts als ein einziges glhendes Augenpaar, sein
ganzes Ich lag in seinem Blick, der wie gebannt immer wieder zu
Nastassja Filippowna zurckkehrte, -- er war berauscht, war trunken, war
ber der Erde!

Das, ja, das ist eine Knigin! rief er begeistert aus, sich an alle
und an jeden wendend, gleichviel an wen. Das, das ist nach unserer
Art! stie er wie besinnungslos hervor. Nun, wer von euch, ihr Gauner
allesamt, brchte so was fertig! was?!

Der Frst war der einzige, der schweigend beobachtete. Sein Gesicht war
ernst und in seinen Augen lag Trauer.

Ich zieh' es mit den Zhnen heraus, auch nur fr einen einzigen grauen
Lappen! erbot sich Ferdyschtschenko.

Ich auch! knirschte im Hintergrunde der Faustmensch, wahrscheinlich in
einem Anfall entschiedener Verzweiflung. T--teufel noch eins! Es
brennt, alles brennt! schrie er laut auf, als er die Flamme
emporschlagen sah.

Es brennt, es brennt! schrien alle wie aus einem Munde, und ein wildes
Drngen zum Kamin hub an.

Ganj, zier' dich nicht, ich sage es zum letztenmal!

So geh doch, geh! brllte Ferdyschtschenko auer sich und er strzte
sich auf Ganj, um ihn am rmel mit Gewalt zum Kamin zu zerren. So
kriech doch in den Kamin, du Prahlhans! Es verbrennt! Oh,
verrr--dammter!

Doch Ganj stie pltzlich mit aller Kraft Ferdyschtschenko zurck,
wandte sich um und ging zur Tr. Er hatte aber noch keine zwei Schritte
gemacht, als er pltzlich wankte und krachend zu Boden schlug.

Ohnmacht! Eine Ohnmacht! schrien mehrere Stimmen.

Mtterchen! Allbarmherzige! Sie verbrennen! schrie Lebedeff.

Sie verbrennen umsonst! brllte es von allen Seiten.

Katj, Pascha, bringt ihm Wasser, Essig, Essenz! rief Nastassja
Filippowna erregt ihren Mgden zu, ergriff dann selbst die Feuerzange
und zog das Paket aus den Flammen hervor.

Die ganze Umhllung war schon verbrannt und fiel in verkohlenden
Bltterschichten ab, doch sah man sofort, da der Inhalt unversehrt war.
Rogoshin hatte das Geld in dreifaches Zeitungspapier eingepackt. Alles
atmete erleichtert auf.

Nur ein einziges kleines Tausendchen ist angebrannt, die anderen sind
alle ganz! berichtete Lebedeff mit noch zitternder Stimme. Er weinte
fast vor Rhrung.

Alle gehren ihm! Das ganze Paket gehrt ihm! Sie hren es, meine
Herren! rief Nastassja Filippowna laut und sie legte das Geldpaket
neben den ohnmchtigen Ganj hin. Er ist doch nicht gegangen, hat es
doch ausgehalten! Seine Eigenliebe ist doch noch grer als seine
Geldgier! Tut nichts, er wird zu sich kommen! Er htte womglich
ermordet ... Da, er kommt schon zu sich! General, Ptizyn, Darja
Alexejewna, Katj, Pascha, Rogoshin, habt ihr's gehrt? Das ganze Geld
gehrt Ganj! Ich gebe es ihm als sein Eigentum, als Entschdigung, als
Belohnung ... nun, da, gleichviel wofr! Sagt es ihm. Mag es hier neben
ihm liegen. Rogoshin, marsch! Leb' wohl, Frst, ich habe zum erstenmal
einen Menschen gesehen! Leben Sie wohl, Afanassij Iwanowitsch, _merci_!

Die ganze Rotte Rogoshins drngte mit Gerusch und Geschrei dem Ausgang
zu, wohin Nastassja Filippowna und Rogoshin bereits vorausgegangen
waren. Im Saal brachten ihr die Mdchen den Pelz. Auch die Kchin Marfa
kam aus der Kche herbeigelaufen. Nastassja Filippowna kte sie alle
zum Abschied.

Mtterchen, ist es denn wirklich wahr, da Sie uns fr immer verlassen?
Wohin wollen Sie denn gehen? Und noch dazu am Geburtstage, an einem
solchen Fest! jammerten die weinenden Mdchen, die ihr die Hnde
kten.

Auf die Strae gehe ich jetzt, Katj, du hast es doch schon gehrt,
dort ist mein Platz, oder am Waschtroge! Genug von Afanassij
Iwanowitsch! Grt ihn mir und gedenkt meiner nicht im Bsen ...

Der Frst eilte, so schnell er konnte, zur Auffahrt, wo sich die ganze
Gesellschaft bereits in die vier Troiken gesetzt hatte. Der General
holte ihn nur noch mit Mhe auf der Treppe ein.

Frst Lew Nikolajewitsch, komm zur Besinnung! rief er, ihn am Arm
packend, um ihn zurckzuhalten. La sie doch! Du siehst doch, was fr
eine sie ist! Wie ein Vater rate ich dir ...

Der Frst sah ihn an, doch ohne ein Wort zu sagen, ri er sich los und
eilte hinaus.

Als der General auf die Strae trat, waren die Troiken schon fort und er
sah nur noch, wie der Frst dem nchsten Droschkenkutscher zurief: Nach
Jekateringoff, hinter den Troiken her!

Der Schweifuchs des Generals fuhr vor und brachte seinen Herrn in
schlankem Trabe heim, mit neuen Hoffnungen und Berechnungen und auch mit
den kostbaren Perlen, die Seine Exzellenz schlielich doch nicht
vergessen hatte, mitzunehmen. Und zwischen den Gedanken und Hoffnungen
des Generals tauchte auch wieder Nastassja Filippownas Bild vor ihm auf
in seiner ganzen verfhrerischen Schnheit. Der General seufzte:

Schade! Wirklich schade! Ein verlorenes Weib! Ein verrcktes Weib! ...
Nun, aber der Frst braucht jetzt etwas anderes als eine Nastassja
Filippowna. Schlielich ist es noch ganz gut, da es so gekommen ist
...

Fast in derselben Art wurden auch noch von zwei anderen Gsten Nastassja
Filippownas, die ein Stck Weges zu Fu zu gehen beschlossen hatten,
einige lehrreiche Ansichten ausgetauscht.

Wissen Sie, Afanassij Iwanowitsch, das ist ungefhr ebenso wie bei den
Japanern, sagte Iwan Petrowitsch Ptizyn zu Tozkij. Der Beleidigte geht
dort zu seinem Beleidiger und sagt: >Du hast mich beleidigt, und dafr
schlitze ich mir vor deinen Augen den Bauch auf<, und bei diesen Worten
schlitzt er sich auch in der Tat den Bauch auf und fhlt dabei
wahrscheinlich eine auerordentliche Genugtuung, ganz als htte er sich
nun wirklich an jenem gercht. Es gibt sehr seltsame Charaktere in der
Welt, Afanassij Iwanowitsch!

Sie meinen, da auch hier etwas hnliches getan worden sei? fragte
Tozkij mit einem Lcheln. Hm! Nicht bel ... Sie haben einen sehr
scharfsinnigen Vergleich angefhrt. Aber Sie haben doch selbst gesehen,
mein bester Iwan Petrowitsch, da ich alles getan habe, was ich nur tun
konnte: mehr als das kann ein Mensch nicht, das mssen Sie mir doch
selbst zugeben? Und andererseits, wenn man bedenkt -- es lt sich doch
nicht leugnen, da diese Frau kolossale Vorzge hat ... wirklich
glnzende Gaben! Ich wollte ihr vorhin schon zurufen -- wenn ich mir das
in diesem Sodom htte gestatten knnen -- da sie selbst meine beste
Rechtfertigung gegen alle ihre Beschuldigungen ist. Nun, sagen Sie doch
selbst, wer htte sich nicht an diesem Weibe berauscht, bis zum
Vergessen alles ... anderen? Sie sehen, dieser Bauer, dieser Rogoshin --
er hat doch hunderttausend Rubel fr sie herangeschleppt! Mag auch
alles, was dort geschehen ist, sagen wir grotesk, romantisch,
unschicklich sein, so hat es dafr doch Kolorit, es ist originell! --
das mssen Sie mir zugeben! Gott, was knnte sie nicht sein: bei diesem
Charakter und dieser Schnheit! Aber trotz aller Bemhungen, trotz aller
Mittel, selbst ungeachtet ihrer Erziehung und Ausbildung -- ist doch
alles verloren! Ein ungeschliffener Diamant -- das habe ich schon mehr
als einmal gesagt ...

Und Afanassij Iwanowitsch seufzte tief.




                              Zweiter Teil


                                   I.

Am zweiten Tage nach den sonderbaren Vorgngen in der Wohnung Nastassja
Filippownas reiste Frst Myschkin nach Moskau, um dort alles Ntige in
seiner Erbschaftsangelegenheit persnlich zu erledigen. Es wurde damals
davon gesprochen, da er auch noch aus anderen Grnden seine Abreise so
beschleunigt htte; doch knnen wir sowohl darber, wie auch ber alle
weiteren Erlebnisse des Frsten in Moskau oder berhaupt whrend seiner
Abwesenheit aus Petersburg nicht sehr viel Nheres berichten. Der Frst
war ganze sechs Monate von Petersburg abwesend, und in dieser Zeit
konnten selbst diejenigen, die Ursache hatten, sich fr sein Schicksal
zu interessieren, fast nichts ber seinen Verbleib oder sein Tun und
Treiben erfahren. Freilich drangen diesem und jenem bisweilen Gerchte
zu Ohren, doch waren dieselben grtenteils recht seltsamer Art und
widersprachen sich auerdem in der Regel sehr. Das grte Interesse
hatte man fr den Frsten im Hause des Generals Jepantschin, wo der
Frst, nebenbei bemerkt, nicht einmal seinen Abschiedsbesuch gemacht
hatte. Der General war mit ihm allerdings noch zwei- oder dreimal
zusammengekommen, und sie hatten beide sogar sehr ernst miteinander
gesprochen, doch hatte der General in der Familie kein Wort davon
verlauten lassen. Und berhaupt wurde bei Jepantschins in der ersten
Zeit, d. h. fast einen ganzen Monat nach der Abreise des Frsten, nicht
von diesem gesprochen. Nur die Generalin Lisaweta Prokofjewna uerte
ganz zu Anfang, da sie sich im Frsten grausam getuscht habe. Einige
Tage spter bemerkte sie, doch jetzt ohne den Frsten zu nennen, sondern
nur so im allgemeinen, ihr auffallendster Charakterzug sei, da sie
sich bestndig in den Menschen tusche. Und schlielich, nach Verlauf
weiterer zehn Tage, schlo sie, durch die Tchter aus irgendeinem Anla
in gereizte Stimmung versetzt, bereits in Form einer Sentenz: Genug der
Tuschungen! Jetzt werden keine mehr vorkommen. Das war ihr letztes
Wort. Doch auch ganz abgesehen davon, herrschte in ihrem Hause, was hier
nicht verschwiegen werden darf, ziemlich lange eine recht unangenehme
Stimmung: es lag eine gewisse Spannung, eine Unzufriedenheit in der
Luft, alle waren mivergngt und gereizt. Der General hatte namentlich
im Dienst viel zu tun; er war vom Morgen bis zum Abend beschftigt, so
da ihn seine Angehrigen kaum zu Gesicht bekamen. Was aber die drei
Mdchen betrifft, so lie keine von ihnen in Gegenwart der Eltern ein
Wort ber den Frsten fallen, und vielleicht hatten sie auch unter sich
nur wenig ber ihn gesprochen -- vielleicht aber auch nicht einmal das.
Sie waren stolze, hochmtige Mdchen, die auch dann, wenn sie unter sich
waren, nicht ihre innersten Gefhle aussprachen.

Jedenfalls htte aus oben Erwhntem ein Beobachter, falls ein solcher
vorhanden gewesen wre, mit ziemlicher Sicherheit das Richtige erraten
knnen: da der Frst doch einen gewissen Eindruck im Hause des Generals
hinterlassen hatte, obschon er nur ein einziges Mal und auch dann nur
kurze Zeit dort gewesen war. Mglicherweise war dieser Eindruck nur
durch die etwas seltsamen Erlebnisse des Frsten zu erklren ... Doch
wie dem auch sein mochte, jedenfalls hatte er Eindruck gemacht.

Die Gerchte, die sich anfnglich ber ihn in der Stadt verbreitet
hatten, gerieten alsbald in Vergessenheit. Es war eine Zeitlang in
gewissen Kreisen von irgendeinem recht beschrnkten jungen Frsten --
den Namen wute niemand genau -- gesprochen worden, von einem, man kann
wohl sagen, halben Idioten, der ein groes Vermgen geerbt und eine
zugereiste Franzsin, eine bekannte Kankantnzerin aus dem Chteau des
Fleurs zu Paris, geheiratet habe. Dann hatte es eine Zeitlang geheien,
das Vermgen htte ein gewisser General geerbt, und die Franzsin habe
ein ungeheuer reicher russischer Kaufmann geheiratet, der auf seiner
Hochzeit einzig aus Prahlsucht fr runde siebenhunderttausend Rubel
Lotterielose an einer Stearinkerze verbrannt htte, natrlich in der
Trunkenheit. Doch alle diese Gerchte verstummten sehr bald infolge der
Vernderung der Verhltnisse selbst. So war zum Beispiel die ganze Rotte
Rogoshins mit diesem selbst an der Spitze nach Moskau gereist -- eine
Woche nach der Orgie in Jekateringoff, an der auch Nastassja Filippowna
teilgenommen hatte --, und somit waren gerade diejenigen, die am ehesten
etwas htten erzhlen knnen, nicht mehr in Petersburg. Nur einige
wenige, die wirklich Grund hatten, sich fr die Angelegenheit zu
interessieren, erfuhren dann spter, da Nastassja Filippowna schon am
nchsten Tage nach jener Orgie geflchtet und verschwunden und da man
ihr jetzt endlich auf die Spur gekommen sei: wie verlautet, hatte sie
sich nach Moskau begeben, und als nun Rogoshin gleichfalls nach Moskau
fuhr, brachte man den Zweck seiner Reise unwillkrlich mit Nastassja
Filippowna in Zusammenhang.

Desgleichen wurde auch ber Gawrila Ardalionytsch Iwolgin, der in seinem
Kreise durchaus nicht so unbekannt war, gar mancherlei gesprochen; doch
auch hier trat bald ein Umstand ein, der alle fr ihn nachteiligen
Gerchte vergessen lie: er erkrankte und konnte daher nicht nur nicht
in der Gesellschaft erscheinen, sondern auch nicht einmal die Arbeit,
die er als Angestellter der Aktiengesellschaft zu verrichten hatte,
fortsetzen. Nachdem er einen Monat das Bett gehtet, setzte er seine
Bekannten dadurch in Erstaunen, da er diese Anstellung aufgab, worauf
seinen Posten ein anderer erhielt. Auch beim General Jepantschin
erschien er nicht mehr, so da ihn auch dort ein anderer ersetzen mute.
Seine Feinde htten nun annehmen knnen, da er sich schme, sich auch
nur auf der Strae zu zeigen, doch das war nicht der Fall. Er fhlte
sich in der Tat nicht wohl, war fast zum Hypochonder geworden, war
nachdenklich und sehr reizbar. Warwara Ardalionowna verheiratete sich
noch im Laufe des Winters mit Iwan Petrowitsch Ptizyn. Alle Bekannten
der Familie behaupteten, da sie ihn einzig deshalb genommen habe, weil
Ganj seine frhere Arbeit nicht wieder aufnehmen wollte und daher auch
die Familie nicht mehr untersttzen konnte; ja, er bedurfte sogar selbst
der Untersttzung und wollte gepflegt sein.

Bei der Gelegenheit sei noch nebenbei bemerkt, da im Hause des Generals
Jepantschin auch Gawrila Ardalionytschs mit keinem Wort Erwhnung getan
wurde, ganz als htte es nie einen solchen Menschen in der Welt gegeben.
Und doch hatten dort alle Damen bald etwas sehr Bedeutsames ber ihn
erfahren. Es war das folgendes: Als er in jener Nacht von Nastassja
Filippowna zurckgekehrt war, hatte er sich nicht schlafen gelegt,
sondern in fieberhafter Ungeduld die Rckkehr des Frsten erwartet. Der
Frst nun war aus Jekateringoff erst um sechs Uhr morgens zurckgekehrt.
Da war Ganj zu ihm ins Zimmer gegangen und hatte das Geldpaket -- die
ihm, als er ohnmchtig auf dem Boden lag, von Nastassja Filippowna
geschenkten hunderttausend Rubel -- vor dem Frsten auf den Tisch gelegt
und ihn mit allem Nachdruck gebeten, bei nchster Gelegenheit dieses
Geschenk Nastassja Filippowna zurckzugeben. Als Ganj beim Frsten
eintrat, war er in feindseliger und verzweifelter Stimmung gewesen,
doch, hie es, waren dann zwischen ihm und dem Frsten einige Worte
gefallen, woran Ganj noch ganze zwei Stunden bei jenem geblieben war
und die ganze Zeit bitterlich geschluchzt hatte. Geschieden waren sie
freundlich voneinander.

Und diese Nachricht beruhte auch vollkommen auf Wahrheit. Unverstndlich
war nur, da Nachrichten dieser Art sich so schnell verbreiten konnten;
so war zum Beispiel der Verlauf der ganzen Abendgesellschaft bei
Nastassja Filippowna fast schon am nchsten Tage im Hause des Generals
bekannt geworden, und sogar noch mit ziemlich genauen Einzelheiten. Man
htte annehmen knnen, da Warwara Ardalionowna, die zum grten
Erstaunen Lisaweta Prokofjewnas ganz pltzlich mit den drei jungen
Mdchen enge Freundschaft pflegte, diesen alles Nhere erzhlt habe.
Doch wenn es Warwara Ardalionowna aus irgendeinem Grunde auch ntig
erschienen war, mit Jepantschins Freundschaft zu schlieen, so wrde sie
doch niemals ungebeten von ihrem Bruder erzhlt haben. Sie war
gleichfalls stolz, allerdings in ihrer Art -- und obwohl sie jetzt
Freundschaft dort anknpfte, wo ihrem Bruder der Verkehr so gut wie
abgesagt worden war. Sie war freilich schon frher mit den Schwestern
bekannt gewesen, doch hatte sie dieselben nur wenige Male besucht.
brigens zeigte sie sich auch jetzt nur selten in ihrem Empfangssalon,
und gewhnlich kam sie ber die Hintertreppe, um dann nur eine kurze
Zeit bei den jungen Mdchen zu verweilen. Die Generalin war ihr niemals
besonders gewogen gewesen, obschon sie Warjs Mutter sehr achtete. ber
Warjs Besuche rgerte sie sich und schrieb diese neue Freundschaft
ihrer Tchter den Launen dieser Mdchen zu, die selbst nicht mehr
wten, was sie ihr noch zum Trotz antun sollten. Doch ungeachtet ihres
rgers setzte Warwara Ardalionowna auch nach ihrer Verheiratung mit
Ptizyn die Besuche bei den Generalstchtern fort.

Da erhielt die Generalin eines Tages -- es war ungefhr ein Monat nach
der Abreise des Frsten vergangen -- von der alten Frstin
Bjelokonskaja, die vor etwa zwei Wochen nach Moskau zu ihrer ltesten,
verheirateten Tochter gefahren war, einen Brief, und dieser Brief machte
auf die Generalin Jepantschin offenbar einen nicht geringen Eindruck.
Zwar teilte sie von seinem Inhalt weder ihren Tchtern, noch ihrem
Gemahl Iwan Fedorowitsch etwas mit; doch konnte man aus untrglichen
Anzeichen schlieen, da sie sich durch ihn in merkwrdig gehobener
Stimmung befand. Sie knpfte mit den Tchtern Gesprche ber die
seltsamsten Dinge an, ber Dinge, die, wie man meinen sollte, ganz fern
lagen. Allem Anscheine nach hatte sie etwas auf dem Herzen, das sie
jedoch vorlufig noch fr sich behalten wollte. Am ersten Tage nach dem
Empfang des Briefes war sie sogar sehr lieb zu ihren Tchtern, kte
Aglaja und Adelaida und erklrte sich in irgend etwas fr schuldig vor
ihnen -- doch worin gerade, das konnten beide nicht verstehen. Selbst
gegen Iwan Fedorowitsch, der jetzt einen Monat in Acht und Bann war,
ward sie pltzlich gndig gestimmt. Versteht sich: schon am nchsten
Tage rgerte sie sich wieder unsglich ber ihre Sentimentalitt und
fand bereits vor Tisch Zeit und Gelegenheit, sich mit allen von neuem zu
berwerfen, doch zum Abend klrte sich der Horizont wieder auf. Diese
freundlichere Stimmung hielt sogar eine ganze Woche an, was man
eigentlich lange nicht mehr erlebt hatte.

Es vergingen acht Tage, und die Generalin erhielt einen zweiten Brief
von der Bjelokonskaja, worauf sie sich dann doch entschlo, ihr
Schweigen zu brechen. Nicht ohne eine gewisse Feierlichkeit hub sie ihre
Mitteilung an: da die alte Bjelokonskaja -- sie nannte sie nie
Frstin, wenn sie mit anderen von ihr sprach -- ihr uerst beruhigende
Dinge ber diesen ... nun, diesen da, diesen Sonderling, den Frsten
mitgeteilt habe. Die alte Dame hatte in Moskau Erkundigungen ber ihn
eingezogen und, wie sie schrieb, etwas sehr Gutes ber ihn erfahren.
Schlielich sei auch der Frst selbst bei ihr erschienen und habe einen
fast ungeheuren Eindruck auf sie gemacht. Ferner habe sie ihn
eingeladen, sie tglich zwischen eins und zwei zu besuchen, und jener
schleppt sich auch tglich zu ihr hin und ist ihr bis jetzt noch nicht
langweilig geworden, schlo die Generalin, worauf sie noch kurz
hinzufgte, da der Frst dank der alten Bjelokonskaja auch in zwei
oder drei anderen sehr angesehenen Familien empfangen worden sei. --
Gut wenigstens, da er nicht nur in seinen vier Wnden hockt und sich
nicht wie ein Tlpel vor den Menschen frchtet.

Den jungen Mdchen fiel es nach diesen Mitteilungen sogleich auf, da
die Mutter ihnen lange nicht alles gesagt hatte, was die Briefe
enthielten. Vielleicht hatten sie bereits viel mehr von anderer Seite
erfahren, etwa von Warwara Ardalionowna, die ja doch alles wissen
konnte, was Ptizyn wute. Ptizyn aber wute hchstwahrscheinlich mehr
als alle anderen, und wenn er auch als Geschftsmann einem jeden
gegenber sehr verschwiegen war, so machte er doch in der Beziehung mit
Warj eine Ausnahme, weshalb sich denn auch die Generalin nicht wenig
ber deren Besuche rgerte.

Doch wie dem nun auch sein mochte, jedenfalls war das Eis gebrochen, und
in der Familie konnte man wieder von dem Frsten sprechen: und da zeigte
es sich denn nur zu deutlich, einen wie groen Eindruck der Frst im
Hause des Generals hinterlassen hatte. Die Generalin wunderte sich auch
nicht wenig ber den Eindruck, den ihre Moskauer Nachrichten auf die
drei Mdchen machten, und diese wiederum wunderten sich ebenfalls nicht
wenig ber ihre Mutter, die doch so feierlich erklrt hatte, da ihr
auffallendster Charakterzug das ewige Sichtuschen in Menschen sei,
und die dabei gleichzeitig den Frsten der Aufmerksamkeit der
allmchtigen Frstin empfahl -- wobei nicht zu vergessen war, da man
deren Aufmerksamkeit mit endlosen Reden erkaufen mute, denn die alte
Dame war etwas schwer von Begriff. Doch da nun, wie gesagt, das Eis
gebrochen war und ein neuer Wind in der Familie wehte, entschlo sich
auch der General, seine Meinung zu uern, und so zeigte es sich, da
auch er sich in ganz erstaunlicher Weise fr den Frsten interessierte.
Was er mitteilte, bezog sich brigens nur auf die geschftliche Seite
der Angelegenheit. Zur nicht geringen Verwunderung der Gattin und
Tchter hatte der General zwei zuverlssige und in ihrer Art
einflureiche Herren in Moskau beauftragt, ber den Frsten und
namentlich ber Ssalaskin, seinen Rechtsbeistand, Erkundigungen
einzuziehen und ihn auch gewissenhaft zu berwachen. Die Erbschaft, das
heit die Tatsache der Erbschaft, habe ihre Richtigkeit, doch das
Vermgen sei schlielich gar nicht so gro, wie man zuerst angenommen
hatte; die Hlfte desselben liege fest; da seien Schulden; da seien wei
Gott was fr Prtendenten; und der Frst selbst verfhre trotz aller
Ratgeber und Beirte in einer Weise mit dem Kapital, die bei jedem
Geschftsmann nur ein Kopfschtteln hervorrufen knne. Ich wnsche ihm
selbstverstndlich nur das Beste, sagte der General, und da jetzt der
Bann aufgehoben war, konnte er es sogar von ganzem Herzen wnschen;
denn wenn der Junge auch so ... nun ja ... etwas _so_ ist, so ist er es
doch wert, da man ihm Gutes wnscht. Kurz und gut, der Junge habe aber
bei dieser Gelegenheit doch eine groe Dummheit begangen: es seien da
verschiedene Glubiger des alten Kaufmanns gekommen, mit ganz
ungengenden Dokumenten, mit Dokumenten, deren Ungltigkeit auf der Hand
lag, und manche, die von dem frstlichen Erben Wind bekommen hatten,
seien sogar ohne Dokumente gekommen, und was war geschehen? -- der Frst
hatte ihre Forderungen beglichen, trotz aller Vorhaltungen seiner
Freunde, die ihm vergeblich versicherten, da alle diese Leutchen ganz
rechtlos wren. Und zwar htte er ihnen nur deshalb gezahlt, weil einige
von ihnen andernfalls ihr tatschlich geliehnes Geld verloren oder
sonstwie durch Papuschin gelitten htten.

Die Generalin bemerkte hierauf, da auch die Bjelokonskaja ihr in diesem
Sinne schriebe, und das sei natrlich sehr dumm von ihm, sehr dumm,
aber einen Dummen kann man nicht klug machen, fgte sie schroff hinzu;
doch ihrem Gesicht sah man es an, wie sehr ihr die Handlungsweise dieses
Dummen innerlich gefiel. Jedenfalls fiel es dem General pltzlich auf,
da seine Lisaweta Prokofjewna fr diesen Frsten eine Teilnahme
brighabe, als wre er ihr leiblicher Sohn, und da sie zu Aglaja doch
etwas auffallend zrtlich war. Nach Beendigung dieses Gedankenganges und
einem nochmaligen prfenden Blick auf seine Gattin beschlo der General,
zeitweilig die Haltung eines vielbeschftigten Mannes anzunehmen.

Doch diese gute Stimmung sollte wiederum nicht lange dauern. Es
vergingen nur kurze zwei Wochen, und pltzlich schlug das Wetter wieder
um, wie der General bei sich sagte: die Generalin war wieder schlechter
Laune und er selbst mute sich, nachdem er ein paarmal die Schultern in
die Hhe gezogen, schlielich doch drein fgen, da ber gewisse
Vorgnge und Personen fortan eisiges Schweigen herrschte. Vor zwei
Wochen hatte er die kurze und deshalb etwas unklare, doch
nichtsdestoweniger glaubwrdige Nachricht erhalten, da Nastassja
Filippowna, die anfangs in Moskau gelebt, und die Rogoshin nach langem
Suchen endlich dort gefunden, wieder geflohen und wieder von Rogoshin
aufgesucht worden war, zu guter Letzt doch eingewilligt habe, diesen zu
heiraten. Das war die erste Nachricht. Und nun, nach kaum vierzehn
Tagen, hatte Seine Exzellenz wieder eine Nachricht erhalten, die ihn
nicht weniger erregte: Nastassja Filippowna war zum drittenmal geflohen,
fast vom Altare fort, und diesmal sollte sie irgendwo in einer Provinz
verschwunden sein. Nun aber war pltzlich auch Frst Myschkin aus Moskau
verschwunden, nachdem er alle seine Erbschaftsangelegenheiten Ssalaskin
bertragen hatte; ob nun mit ihr zusammen oder hinter ihr her, das wei
man nicht, doch steht seine Abreise zweifellos mit ihrer Flucht in
Zusammenhang, schlo der General. Auch die Generalin hatte unangenehme
Nachrichten erhalten. So kam es, da man nach zwei Monaten in Petersburg
nichts mehr vom Frsten wute, und im Hause des Generals Jepantschin
wurde das Eis des Schweigens hinfort nicht mehr gebrochen. Doch
Warwara Ardalionowna besuchte immer noch ab und zu die drei jungen
Mdchen ...

Um nun mit all diesen Gerchten, Nachrichten und Stimmungen
abzuschlieen, sei hier noch erwhnt, da sich bei Jepantschins zum
Frhling hin sehr vieles vernderte, so da es schlielich nur natrlich
war, wenn man den Frsten, der nichts von sich hren lie und vielleicht
auch sogar selbst vergessen sein wollte, mit der Zeit tatschlich ganz
verga. Im Laufe des Winters hatte man sich allmhlich entschlossen, im
Sommer eine Reise ins Ausland zu machen, das heit, nur Lisaweta
Prokofjewna und die drei Tchter. Der General dagegen hatte keine Zeit
fr nutzlose Zerstreuungen. Der Beschlu war gefat worden, weil die
drei jungen Mdchen sich eingeredet hatten, da die Eltern sie nur
deshalb nicht ins Ausland bringen wollten, weil sie sie sobald als
mglich an den Mann zu bringen wnschten. Vielleicht waren nun die
Eltern zur berzeugung gekommen, da es ja auch im Auslande Mnner gab,
und die Reise ins Ausland nicht nur nichts verderben, sondern sogar
sehr zustatten kommen knnte. Hier mu noch erwhnt werden, da die
einstmals projektierte Heirat zwischen Afanassij Iwanowitsch Tozkij und
Alexandra Jepantschin ganz ins Wasser gefallen und es zu einem formellen
Antrag seinerseits gar nicht gekommen war. Es hatte sich das ganz von
selbst gemacht, ohne viele Worte oder gar Familienszenen. Seit der
Abreise des Frsten war von beiden Seiten nicht mehr davon gesprochen
worden, aber wenn die Generalin auch damals schon gesagt hatte, da es
sie nur freue und sie mit beiden Hnden ein Kreuz schlage, so war das
doch den Winter ber mit ein Grund der schlechten Stimmung gewesen, in
der sich die Familie befunden. Der General fhlte zwar, da er selbst
daran schuld war, spielte aber trotzdem oder vielmehr gerade deshalb den
Stolzen. Ihm tat nur Freund Tozkij leid -- wenn man bedenkt: ein
solches Vermgen und dazu ein so gewandter Mensch! Doch es dauerte
nicht lange, und der General erfuhr, da Freund Tozkij sich von den
Reizen einer vor kurzem in Petersburg eingetroffenen Franzsin hatte
bestricken lassen, einer Marquise und Legitimistin, und da Freund
Tozkij sie baldigst heiraten wrde, worauf sie mit ihm nach Paris und
von dort nach der Bretagne zu fahren gedchte. Nun, wenn du dich schon
mit Franzsinnen einlt, ist es aus mit dir, Freund! dachte der
General bei sich.

Und so stand es denn fest, da Jepantschins im Sommer verreisen wrden.
Doch siehe, pltzlich kam wieder etwas dazwischen, das abermals alle
Plne umwarf und die Reise zur grten Freude des Generals und der
Generalin hinausschob.

Vor nicht langer Zeit war in Petersburg ein gewisser Frst Sch.
eingetroffen, ein Moskauer Aristokrat, der sich eines sehr, sehr guten
Rufes erfreute. Er war einer jener Leute oder man kann sogar sagen
Tatmenschen der neuen Zeit, die ehrlich und bescheiden sind, die sich
niemals vordrngen, die aufrichtig und bewut das Ntzliche wollen und
durchfhren, immer arbeiten und sich auch noch durch die seltene und
glckliche Eigenschaft auszeichnen, da sie immer Arbeit finden. Ohne
sich um die Zwietracht und die Hndel der groredenden Parteien zu
kmmern, ohne sich zu berheben oder zu den Ersten zhlen zu wollen,
fate der Frst doch vieles von dem jngst Geschehenen oder sich noch
Vollziehenden in hchst verstndiger Weise auf. Er hatte zuerst im
Staatsdienst gestanden und sich dann mit den Agrarfragen zu beschftigen
begonnen. Auerdem war er ein geschtzter Mitarbeiter mehrerer gelehrter
Verbnde. In Gemeinschaft mit einem bekannten Techniker hatte er auf
Grund eingehender Untersuchungen einer gerade projektierten, sehr
wichtigen Eisenbahnlinie die Baukommission derselben auf verschiedene
Fehler im Projekt aufmerksam gemacht und gleichzeitig das Projekt einer
mit Rcksicht auf die Ortsverhltnisse weit zweckmigeren Linie
eingereicht. Er war fnfunddreiig Jahre alt, gehrte zur vornehmsten
Gesellschaft und besa ein gutes, sicheres Vermgen, wie der General
verlauten lie, der den Frsten in einer ziemlich schwierigen Sache beim
Grafen, seinem Vorgesetzten, kennen gelernt hatte. Der Frst machte
seinerseits wiederum sehr gern die Bekanntschaft von russischen
Tatmenschen. Kurzum, der Frst wurde mit der Familie des Generals
bekannt und Adelaida Iwanowna, die mittlere der drei Schwestern, machte
einen so groen Eindruck auf ihn, da er zu Ende des Winters bei den
Eltern um ihre Hand anhielt. Und da er sowohl Adelaida Iwanowna wie auch
der Generalin sehr gefiel, wurde die Hochzeit auf das Frhjahr
festgesetzt. Der General freute sich von Herzen und war in sehr
gehobener Stimmung. Selbstverstndlich mute nun die Reise ins Ausland
vorlufig aufgeschoben werden.

Freilich htte die Generalin deshalb immer noch im Sommer oder zu Ende
des Sommers auf ein bis zwei Monate mit Alexandra und Aglaja reisen
knnen, allein schon um der Zerstreuung willen: nach der Trauer um den
Verlust Adelaidas! Doch da kam wieder etwas dazwischen: gegen Ende des
Frhlings fhrte Frst Sch. -- die Hochzeit war auf die Mitte des
Sommers verschoben worden -- seinen entfernten Verwandten Jewgenij
Pawlowitsch Radomskij bei Jepantschins ein. Es war das ein noch junger
Offizier, Flgeladjutant des Zaren, eine auffallend schne Erscheinung,
vornehmer Herkunft, geistreich, glnzend, modern in jeder Beziehung und
unerhrt gebildet, wie es hie, und zum berflu noch enorm reich. In
betreff dieses letzten Punktes pflegte der General stets etwas skeptisch
zu sein. Er zog Erkundigungen ein, aber das Ergebnis derselben war
zufriedenstellend: Es scheint tatschlich etwas Wahres daran zu sein,
doch, wie gesagt, man mu sich noch vergewissern, uerte sich der
General. Dieser junge Offizier, dem eine glnzende Zukunft bevorstand,
war von der alten Bjelokonskaja in einem Brief aus Moskau in den
siebenten Himmel gehoben worden. Nur ein einziger Punkt war dabei etwas
kitzliger Art: man sprach von gewissen Verbindungen, von gewissen Siegen
und Eroberungen und von unglcklichen Herzen. Nachdem er aber Aglaja
erblickt und kennen gelernt hatte, wurde er auffallend sehaft im Hause
Jepantschin. Es war allerdings noch von nichts gesprochen worden, selbst
Andeutungen hatte noch niemand gehrt, doch den Eltern wurde es trotzdem
klar, da man in diesem Sommer an eine Reise ins Ausland wirklich nicht
denken konnte. Aglaja selbst war vielleicht die einzige, die anders
dachte.

Alles das geschah kurz vor der abermaligen Ankunft unseres Helden in
Petersburg, zu einer Zeit, als dem Anscheine nach bereits alle den armen
Frsten Myschkin vergessen hatten. Wre er jetzt pltzlich unter seinen
Bekannten aufgetaucht, so htten sie ihn wie einen vom Himmel
Herabgefallenen berrascht und verwundert angestarrt. Indes -- es mu
doch noch eines Faktums Erwhnung getan werden, bevor wir die Einleitung
abschlieen.

Kolj Iwolgin setzte nach der Abreise des Frsten sein frheres Leben
unverndert fort, d. h. er besuchte das Gymnasium, besuchte seinen
Freund Hippolyt, beaufsichtigte den General und half Warj in der
Wirtschaft, indem er gewissermaen als Laufbursche in ihren Diensten
stand. Mit den Mietern war es brigens bald zu Ende. Ferdyschtschenko
verschwand am dritten Tage nach der Orgie in Jekateringoff, und bald war
er ganz verschollen; anfangs hatte es noch geheien, er trinke dort
irgendwo, aber Genaueres wute niemand von ihm. Frst Myschkin fuhr,
wie gesagt, nach Moskau, und weitere Pensionre hatten sie nicht gehabt.
Spterhin, als Warj heiratete, zogen mit ihr auch Nina Alexandrowna und
Ganj zu Ptizyn, der in dem Stadtteil Ismailowskij Polk lebte. Was
jedoch den alten verabschiedeten General Iwolgin betrifft, so war ihm
etwas sehr Seltsames zugestoen: er kam nmlich in das Schuldgefngnis.
Hineingebracht hatte ihn seine ehemalige Seelenfreundin, die
Kapitanscha, auf Grund seiner ihr zu verschiedenen Zeiten ausgestellten
Schuldverschreibungen, alle zusammen in der Hhe von zirka zweitausend
Rubeln. Diese Einforderung der Schuld kam fr den armen General
vollkommen unerwartet, er war entschieden das Opfer seines
unbeschrnkten Glaubens an den Edelmut des Menschenherzens, im
allgemeinen gesprochen, wie er sich ausdrckte. Es war ihm zur
beruhigenden Gewohnheit geworden, Pfandbriefe und Wechsel zu
unterzeichnen, da er nicht einmal an die Mglichkeit, da die
verschriebenen Summen eingefordert werden knnten, dachte, sondern
vielmehr berzeugt war, da das alles _nur so_ sei. Traue jetzt noch
den Menschen, bekunde jetzt noch Zutrauen! rief er pathetisch im Kreise
seiner neuen Freunde im Gefngnis aus und erzhlte ihnen dann bei einer
Flasche Rotspon die Belagerung von Kars und die Geschichte vom
auferstandenen Soldaten. brigens hatte er sich dort sehr schnell und
vorzglich eingelebt. Ptizyn und Warj sagten, da diese Unterkunft fr
ihn wie geschaffen sei, und Ganj war ungefhr derselben Ansicht. Nur
die arme Nina Alexandrowna weinte im stillen bitterlich -- was ihre
Angehrigen eigentlich recht wunderte --, und obschon sie krnkelte,
machte sie sich doch immer wieder auf und ging zu ihrem Mann ins
Schuldgefngnis.

Seit dieser Generalberraschung, wie Ganj sie nannte, und der
Verheiratung Warjs hatte sich Kolj immer mehr von der Familie
losgemacht und in der letzten Zeit brachte er es sogar so weit, da er
selbst zur Nacht nicht nach Hause kam, sondern es vorzog, bei seinen
Freunden zu schlafen. Wie man hrte, hatte er viele neue Freundschaften
angeknpft und war auch im Schuldgefngnis ein fast tglicher Besucher
geworden. Nina Alexandrowna konnte dort gar nicht ohne ihn auskommen, zu
Hause aber wurde er nicht einmal mit Neugier belstigt, obschon eine
solche bei seinem Treiben doch ganz verstndlich gewesen wre. Selbst
Warj, die frher so strenge Warj, nahm ihn jetzt nie ob seiner
Lebensweise ins Verhr. Und auch Ganj begann, zur grten Verwunderung
der Familie, ganz freundschaftlich mit ihm zu reden und umzugehen --
trotz seiner Hypochondrie --, was gegen sein frheres Verhltnis zum
Bruder sehr abstach. Hatte doch der siebenundzwanzigjhrige Ganj den
fnfzehnjhrigen Kolj nicht der geringsten freundschaftlichen Beachtung
gewrdigt, ihn einfach grob behandelt, von allen anderen wie auch von
sich selbst nur Strenge ihm gegenber verlangt und ewig gedroht, einmal
noch mit seinen Ohren in nhere Berhrung zu kommen, was dann Kolj
aus den letzten Grenzen menschlicher Geduld brachte. Man konnte sogar
glauben, da der jngere Bruder Ganj gewisse Dienste leistete und
diesem daher unentbehrlich wurde. Kolj war sehr erstaunt darber
gewesen, da Ganj das Geld zurckgegeben hatte, und war deshalb bereit,
ihm vieles zu verzeihen.

Etwa im dritten Monat nach der Abreise des Frsten erfuhr man in der
Familie Iwolgin, da Kolj inzwischen auch mit Jepantschins bekannt
geworden war und von den jungen Mdchen sehr nett behandelt wurde. Das
hatte Warj bald in Erfahrung gebracht. brigens war Kolj nicht durch
Warj bekannt geworden, sondern von sich aus, wie er sagte. Allmhlich
gewannen ihn Jepantschins sehr gern. Die Generalin war ihm anfnglich
nicht sehr geneigt gewesen. Doch bald wurde er fast ihr Liebling, weil
er aufrichtig ist und nicht schmeichelt, wie sie behauptete. Da Kolj
nicht schmeichelte, war richtig: er hatte es verstanden, als
gesellschaftlich vollkommen gleichstehender, unabhngiger junger Mann
aufzutreten, und dabei blieb es auch, selbst wenn er der Generalin
Zeitungen oder Bcher vorlas -- er war eben gern gefllig. Zweimal hatte
er sich aufs heftigste mit Lisaweta Prokofjewna berworfen, hatte ihr
erklrt, da sie eine Despotin sei und er seinen Fu nicht mehr in ihr
Haus setzen werde. Das erstemal war der Grund des Streites die
Frauenfrage gewesen und das zweitemal die Frage, welche Jahreszeit zum
Zeisigfang die beste sei. Wie unwahrscheinlich es nun auch scheinen mag,
so ist es doch Tatsache, da Lisaweta Prokofjewna ihm am dritten Tage
nach dem Zerwrfnis mit dem Diener einen Brief sandte, in dem sie ihn
bat, unbedingt zu ihr zu kommen, worauf Kolj sich nicht lange zierte
und ohne Aufschub hinging. Nur Aglaja allein schien ihm nicht ganz
wohlgeneigt zu sein und behandelte ihn von oben herab. Gerade sie aber
sollte er einmal in Erstaunen setzen.

Eines Tages, es war in der Osterwoche, benutzte Kolj, als sie einmal
allein im Zimmer waren, die Gelegenheit, um ihr einen Brief zu
berreichen. Er sagte nur, es sei ihm aufgetragen, den Brief zu
bergeben. Aglaja ma den eingebildeten Bengel mit zornigem Blick vom
Kopf bis zu den Fen, doch Kolj kmmerte sich weiter nicht um sie und
ging hinaus. Aglaja entfaltete den Brief und las:

   Eines Tages wrdigten Sie mich Ihres Vertrauens. Doch vielleicht
   haben Sie mich jetzt schon ganz vergessen? Wie komme ich nun darauf,
   an Sie zu schreiben? Ich wei es nicht; aber ich habe pltzlich ein
   unbezwingbares Verlangen, Sie, gerade Sie an mich zu erinnern. Wie
   oft habe ich mich nach Ihrer aller Gegenwart gesehnt, doch von allen
   dreien sah ich immer nur Sie vor mir stehen. Ich bedarf Ihrer, ich
   bedarf Ihrer unsglich. Von mir habe ich Ihnen nichts zu schreiben,
   nichts zu erzhlen. Nicht deshalb schreibe ich an Sie; ich wrde nur
   unendlich gern Sie glcklich wissen. Sind Sie glcklich? Das ist
   alles, was ich Sie fragen wollte.

                                       Ihr Bruder Frst Lew Myschkin.

Als Aglaja diesen kurzen und eigentlich recht sinnlosen Brief zu Ende
gelesen hatte, wurde sie pltzlich dunkelrot, bi sich dann auf die
Lippe und wurde nachdenklich. Ihren Gedankengang wiederzugeben, wrde
nicht leicht fallen. Unter anderem fragte sie sich auch, ob sie den
Brief jemandem zeigen solle. Es war ihr doch ein wenig so zumute, als
schmte sie sich. Schlielich warf sie den Brief mit einem spttischen
und seltsamen Lcheln in das Schubfach ihres Tischchens. Am nchsten
Tage jedoch nahm sie ihn von dort heraus und legte ihn in ein dickes, in
Leder eingebundenes Buch, wie sie es mit allen ihren Papieren tat, um
sie schneller zu finden, wenn sie sie suchte. Erst nach einer Woche
sah sie zufllig auf das Titelblatt des Buches: es stand darauf in
dicken Lettern: _Don Quijote de la Mancha_. Aglaja lachte hellauf --
der Grund ihres Lachens blieb aber unaufgeklrt. Auch wre es schwer,
festzustellen, ob sie den Brief jemals den Schwestern gezeigt hat.
Whrend sie ihn aber noch las, kam ihr pltzlich ein Gedanke: sollte
dieser eingebildete Bengel vom Frsten zum Vertrauensmann erkoren sein,
und war er vielleicht gar sein einziger Korrespondenzvermittler? Sie
beschlo, Kolj auf den Zahn zu fhlen. Sie setzte eine mglichst
geringschtzige Miene auf und fragte ihn wie von ungefhr, wie er denn
zu diesem Brief gekommen sei. Doch der sonst stets empfindliche Bengel
bersah diesmal ihre Geringschtzung und erklrte, allerdings ziemlich
kurz und trocken, da er dem Frsten vor dessen Abreise zwar seine
stndige Adresse mitgeteilt und seine Dienste angeboten habe, doch sei
dies der erste Auftrag, der ihm vom Frsten zuteil geworden, worauf er
als Beweis den Brief hervorzog, den der Frst an ihn persnlich
gerichtet hatte. Aglaja wollte den Brief zuerst nicht lesen, nahm ihn
dann aber doch und las folgendes:

   Lieber Kolj, seien Sie so freundlich und bergeben Sie das
   beigefgte Schreiben Aglaja Iwanowna. Ich wnsche Ihnen das Beste.

                                 Ihr Sie liebender Frst L. Myschkin.

Es ist aber doch lcherlich, sich einem so kleinen Bengel
anzuvertrauen, sagte Aglaja, indem sie Kolj den Brief zurckgab, in
beleidigendem Tone und ging mit verchtlicher Miene an ihm vorber.

Das aber war denn doch zu emprend fr Kolj! Er hatte sich noch
absichtlich zu diesem Nachmittage von Ganj dessen neue Krawatte
ausgebeten, ohne einen Grund anzugeben, und nun wurde er so behandelt!
Er fhlte sich tief und grausam beleidigt.


                                  II.

Es war in den ersten Tagen des Juni und das Wetter war in Petersburg
schon seit einer ganzen Woche selten schn. Jepantschins besaen eine
prchtige eigene Villa in Pawlowsk[12]. Eines schnen Tages bekam die
Generalin Sehnsucht nach dem frischen Grn des Parks dort drauen, und
in zwei Tagen war die Familie bergesiedelt.

Zwei oder drei Tage darauf traf mit dem Frhzug aus Moskau Frst Lew
Nikolajewitsch Myschkin in Petersburg ein. Ihn erwartete niemand; doch
als er das Kupee verlie, schien es ihm pltzlich, da ein seltsamer,
glhender Blick zweier Augen aus der Menge, die sich auf dem Bahnsteig
drngte, starr auf ihn gerichtet wre. Er sah genauer hin, doch es war
nichts mehr zu sehen. Natrlich war es ihm nur so vorgekommen, wie man
zuweilen etwas vor den Augen flimmern sieht; doch nichtsdestoweniger
blieb in ihm eine unangenehme Empfindung zurck, die ihn in seiner
traurigen, nachdenklichen Stimmung noch mehr bedrckte. Der Frst sah
unruhig und besorgt aus.

Er nahm eine Droschke und sagte dem Kutscher, er solle ihn zu einem
Hotel fahren. In der Nhe der Liteinaja hielt der Kutscher vor einem
mittelmigen Gasthof. Der Frst lie sich zwei Zimmer anweisen, schien
es kaum zu bemerken, da sie klein, dunkel und schlecht mbliert waren,
wusch sich, kleidete sich um, verlangte sonst nichts und ging eilig
wieder fort, als htte er gefrchtet, unntz seine kostbare Zeit zu
verlieren oder irgend jemand nicht zu Hause anzutreffen.

Htte ihn jetzt jemand von seinen frheren Bekannten gesehen, die ihn
vor sechs Monaten in Petersburg kennen gelernt, so wrden sie ihn auf
den ersten Blick sehr verndert gefunden haben, und zwar zum Besseren
verndert. Doch im Grunde genommen war es wohl kaum der Fall. Nur die
Kleidung war allerdings ganz anderer Art: sie war in Moskau gearbeitet,
und man sah ihr sofort den guten Schneider an; aber schlielich wre
auch an ihr etwas auszusetzen gewesen: es war alles zu sehr nach der
Mode gefertigt, wie es eben alle guten Schneider machen, und das pate
nicht zu einem Menschen, der sich dafr nicht im geringsten
interessierte, so da Lachlustige bei nherem Betrachten des Frsten
vielleicht Grund zu einem Lcheln gefunden htten ... Doch worber
lcheln diese Leute schlielich nicht?

Der Frst nahm wieder eine Droschke und fuhr nach Peski. In der
Roshdestwenskijstrae fand er alsbald ohne Mhe die Hausnummer, die er
suchte. Zu seiner Verwunderung war es ein sehr hbsches, wenn auch nicht
groes hlzernes Huschen, das offenbar sauber und in guter Ordnung
gehalten wurde, und an der Strae davor lag sogar ein kleines Grtchen,
in dem Sonnenblumen blhten. Die Fenster zur Strae waren geffnet, und
man hrte eine laute Stimme fast schreiend reden, und zwar redete sie so
ununterbrochen, da man glauben konnte, es werde etwas laut vorgelesen
oder eine Rede gehalten, die nur hin und wieder von schallendem
Gelchter heller, jugendlicher Stimmen bertnt wurde. Der Frst trat
auf den Hof, stieg eine kleine Treppe zum Flur hinauf und fragte nach
Herrn Lebedeff.

Da ist er ja, hren Sie ihn denn nicht! sagte die Kchenmagd, die mit
aufgekrempelten rmeln erschienen war, um ihm die Tr zu ffnen -- und
rgerlich wies sie mit dem Finger auf die Zimmertr.

Dem Frsten blieb nichts anderes brig, als durch die bezeichnete Tr
einzutreten. Das Besuchszimmer Lebedeffs war sehr sauber und sogar mit
einer gewissen Prtention auf Komfort eingerichtet, d. h. in dem nicht
hell-, aber auch nicht gerade dunkelblau tapezierten Zimmer befanden
sich ein Sofa, ein runder Tisch, eine Stutzuhr unter einer Glasglocke,
zwischen den Fenstern ein Stehspiegel, und an dem Ampelhaken in der
Mitte der Decke hing an einer Bronzekette ein alter, kleiner
Kronleuchter mit Glasprismen. Herr Lebedeff, der mit dem Rcken zur Tr
stand, durch die der Frst eingetreten war, befand sich wegen der
Sommerhitze nur in Hemdsrmeln und Weste -- der Rock war im Zimmer nicht
zu sehen -- und redete unter berzeugungsvollen Faustschlgen gegen die
eigene Brust ohne Punkt und Komma in hinreiender Begeisterung. Seine
Zuhrer waren: ein etwa fnfzehnjhriger Knabe mit einem lustigen und
nicht dummen Gesicht und einem Buch in der Hand, ein zwanzigjhriges
Mdchen in Trauerkleidern mit einem kleinen Kinde im Steckkissen auf den
Armen, ein dreizehnjhriges Mdchen, gleichfalls in Trauer, das beim
Lachen den Mund erschreckend weit aufri, und ferner noch ein uerst
seltsamer Zuhrer, der sich auf dem Sofa ausgestreckt hatte, ein junger
Mann von etwa zwanzig Jahren, mit einem recht hbschen Gesicht, mit
dichtem, dunklem, ziemlich langem Haar, groen dunklen Augen und einem
kleinen Ansatz zu jenem kurz geschnittenen Backenbart, der kaum bis zur
halben Wange reichte, wie man ihn zu Anfang des Jahrhunderts trug. Allem
Anscheine nach unterbrach dieser Zuhrer mitunter den unaufhaltsam
redenden Lebedeff, und wahrscheinlich waren es seine Fragen, die das
brige Publikum zu schallendem Gelchter reizten.

Lukjan Timofejewitsch, he, Lukjan Timofejewitsch! Ob der hrt, wenn man
ihn ruft! So seht doch her! ...

Und die Kchenmagd entfernte sich wtend, indem sie nur -- zum Ausdruck,
da Reden doch vergeblich sei -- mit der Hand abwinkte und vor rger
ganz rot wurde.

Lebedeff sah sich aber doch um und -- erstarrte. Der Anblick des Frsten
berraschte ihn wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Dann fuhr er
sich an den Kopf und strzte dem Frsten entgegen, doch auf halbem Wege
blieb er wie angewurzelt stehen, bis er sich so weit fate, da er mit
untertnigem Lcheln stottern konnte:

Du--Du--Du--Durchlauchtigster Frst!

Doch pltzlich, immer noch ohne Fassungskraft, besann er sich eines
anderen, wandte sich zurck und strzte sich auf das junge Mdchen in
Trauer mit dem Sugling auf den Armen, so da diese ob der Pltzlichkeit
zurckschreckte. Aber Lebedeff lie sie bereits im Stich und strzte
sich auf das dreizehnjhrige Mdchen, das in der Tr zum nchsten Zimmer
sich noch die Seiten von der Anstrengung der letzten Lachsalve hielt,
und dessen Gesicht die Lachfalten noch nicht aufgegeben hatte. Sie
zuckte erschrocken zusammen, als der Vater sie so anfuhr, und strzte
davon, in die Kche, whrend Lebedeff hinterdrein wie in Berserkerwut
mit den Beinen trampelte und drohend die Faust hob. Doch da begegnete er
zufllig dem Blick des Frsten, der ihn ganz verlegen ansah, und er
beeilte sich, seine Handlungsweise zu rechtfertigen:

Um--um--um Ehrerbietung beizubringen, he--he--he ...

Aber wozu ... wollte der Frst beginnen, doch schon unterbrach ihn
Lebedeff.

Sofort, sofort, sofort ... wie 'n Wirbelwind bin ich wieder da!

Und er verschwand im Handumdrehen aus dem Zimmer. Der Frst blickte
verwundert das junge Mdchen, den Knaben und den jungen Mann auf dem
Sofa an: alle lachten. Da mute auch der Frst lcheln.

Er will sich nur den Rock anziehen, sagte der Knabe.

Wie fatal, da er ... sagte der Frst, ich wollte mich ihm ... Sagen
Sie, ist er ...

Betrunken, meinen Sie? rief der junge Mann vom Sofa. Keine Spur! Nur
so seine drei, vier Glschen wird er gekippt haben, nun, sagen wir fnf,
hchstens, aber das ist doch nur der Disziplin halber, um in der bung
zu bleiben.

Der Frst wollte sich der Stimme auf dem Sofa zuwenden, doch da begann
das junge Mdchen mit dem aufrichtigsten Ausdruck in ihrem lieblichen,
sympathischen Gesicht zu sprechen.

Morgens trinkt er niemals viel; wenn Sie mit ihm etwas Geschftliches
zu besprechen haben, so reden Sie nur; jetzt ist die beste Zeit dazu.
Nur des Abends, wenn er nach Hause kommt, ist er etwas ... aber dann
weint er gewhnlich und liest uns bis in die Nacht hinein aus der Bibel
vor. Unsere Mutter ist vor fnf Wochen gestorben.

Hren Sie, er ist ja nur fortgelaufen, weil er noch nicht genau wei,
was er Ihnen antworten soll! lachte der junge Mann auf dem Sofa. Ich
knnte wetten, da er Ihnen ein X fr ein U vormachen will und sich
gerade jetzt den Verfahrungsmodus berlegt.

Fnf Wochen! Vor genau fnf Wochen! griff Lebedeff, der schon wieder
zurckkehrte, die letzten Worte seiner Tochter auf und blinzelte betrbt
mit den Augen, whrend er aus der Rocktasche das Schnupftuch hervorzog,
um seine Trnen abzuwischen. Waisen sind wir! Ganz verwaist!

Aber, Papa, weshalb haben Sie denn diesen alten Rock angezogen? Der hat
ja Lcher! sagte das junge Mdchen, hier hinter der Tr hngt doch Ihr
neuer Rock, haben Sie ihn denn nicht gesehen?

Schweig, Heuschrecke! schrie Lebedeff sie an. Uh, du! und wieder
stampfte er mit den Beinen.

Doch diesmal lachten alle schallend auf.

Was erschrecken Sie mich, ich bin doch nicht Tanj, da ich fortlaufe!
So knnen Sie noch Ljubotschka aufwecken und die kann noch Krmpfe
bekommen ... was schreien Sie denn!

Pst-pst-pst! Pfeffer auf deine Zunge! flsterte Lebedeff ganz
entsetzt, schlich auf den Fuspitzen zum jungen Mdchen, das das Kind
hielt, und bekreuzte das kleine Ding mehrmals mit ngstlicher Miene.
Gott behte uns davor! Gott behte! Das ist ja doch mein eigener
Sugling, mssen Sie wissen, meine Tochter Ljubow, wandte er sich an
den Frsten, geboren in der gesetzmigsten Ehe von meiner jngst
verschiedenen Gattin Helena, die bei der Geburt das Leben lie. Und
diese Kiebitzin hier ist meine Tochter Wjera, in Trauer, wie Sie sehen
... dieser aber, dieser dort, oh, dieser ...

Na was, kommst mit Worten zu kurz? rief der junge Mann lachend
dazwischen. Fahr nur fort, genier' dich nicht.

Euer Durchlaucht! rief Lebedeff pltzlich wie aus der Pistole
geschossen aus und mit einer Stimme, die fast berklappte. Haben Sie
von der Ermordung der Familie Shemarin in den Zeitungen zu lesen
geruht?

J...ja, sagte der Frst etwas verwundert.

Nun, dann sehen Sie hier: das ist der leibhaftige Mrder der Familie
Shemarin, er selbst, er selbst!

Was! Was reden Sie! Der Frst war ganz verdutzt.

Das heit, allegorisch gesprochen, ein zuknftiger zweiter Mrder einer
zuknftigen zweiten Familie Shemarin, wenn sich eine solche nochmals
irgendwo finden sollte. Dazu bereitet er sich vor ...

Alle lachten. Dem Frsten kam es in den Sinn, da Lebedeff vielleicht
tatschlich nur deshalb so viel sprach und schrie, weil er seine Fragen
voraussah und nun Zeit gewinnen wollte, um sich seine Antworten zu
berlegen.

Er revoltiert! Ein Emprer! -- ein Verschwrer ist er! schrie
Lebedeff, als befnde er sich in einer Wut, die jede Selbstbeherrschung
ausschlo. Nun, wie kann ich denn, nun, habe ich denn berhaupt das
Recht, ein solches Lstermaul, einen solchen, man kann schon sagen --
Wstling und Auswurf des Menschengeschlechts, eine solche _Kreatur_ als
meinen leiblichen Neffen, als den einzigen Sohn meiner Schwester
Anissja, der Seligen, anzuerkennen?

Na, weit du, jetzt kannst aber auch aufhren, Alter! Werden Sie es
glauben, Frst, jetzt ist es ihm eingefallen, sich mit der Advokatur zu
befassen: er spielt den Verteidiger vor Gericht, und so redet er auch zu
Hause mit seinen Kindern nur noch im Deklamatorenstil. Vor fnf Tagen
hat er vor dem Friedensrichter pldiert, und was glauben Sie wohl,
wessen Verteidigung er bernommen hatte? Nicht die des alten Weibes, das
ihn hier angefleht und das ein alter Wucherer kahl gestohlen hat --
fnfhundert Rubel, ihr ganzes Vermgen, hat sich der Kerl eingesackt --
o nein, sondern die des Wucherers, Saidler mit Namen, irgend so ein
Judenvieh, weil der Kerl ihm fnfzig Rubel zu geben versprochen hat ...

Fnfzig Rubel, wenn ich gewinne, und nur fnf, wenn ich verliere,
erklrte Lebedeff pltzlich mit einer ganz anderen Stimme, als er bisher
gesprochen, mit einer so zahmen, als htte er nie geschrien.

Na, natrlich ist er durchgefallen, es ist ja doch nicht mehr die gute
alte Zeit, man hat sich nur krank gelacht ber ihn. Aber er ist doch
ungeheuer zufrieden mit sich selbst und seiner Leistung. >Bedenken Sie,<
hat er gesagt, >bedenken Sie, meine hochverehrten Herren Richter, ohne
Ansehen der Person, wollte sagen, ganz unparteiisch, da dieser
armselige Greis, dem die Fe schon den Dienst versagen, und der von
ehrlicher Arbeit lebt, da er somit sein letztes Stck Brot verlieren
wrde! Gedenket der weisen Worte des Gebers aller Gesetze: Es walte die
Milde im Gericht!< -- Und was glauben Sie, diese Rede hlt er an jedem
Morgen, den Gott werden lt, vor der versammelten Familie, Wort fr
Wort, wie er sie dort gehalten hat. Heute war's schon das fnftemal;
kurz bevor Sie kamen, redete er wieder, dermaen hat er sich in sie
verliebt. Leckt sich die Lippen ab vor lauter Gefallen an sich selbst.
Und nun bereitet er sich vor, wieder irgend jemand zu verteidigen ...
Sie sind, glaube ich, Frst Myschkin? Kolj hat mir schon von Ihnen
erzhlt; einen klgeren Menschen als Sie habe er noch nie angetroffen,
und es gbe einen solchen auch wohl in der ganzen Welt nicht ...

Stimmt! Stimmt! gibt 's auch nicht! mute Lebedeff sofort besttigen
...

Na, was dieser sagt, das brauchen Sie nicht zu glauben, der lgt jedes
Wort. Der eine liebt Sie und dieser will Ihnen blo schmeicheln. Was nun
mich betrifft, so habe ich durchaus nicht die Absicht, Ihnen
Schmeicheleien zu sagen, das sei vorausgeschickt. Aber Sie sind doch
immerhin ein vernnftig denkender Mensch, -- seien Sie jetzt mal unser
Richter und schlichten Sie unseren Streit. Na, du, willst du, der Frst
soll unser Richter sein? wandte er sich an den Onkel. Ich bin sogar
sehr froh darber, da Sie uns in den Weg gelaufen sind, Frst.

Abgemacht! Ich will's auch! rief Lebedeff entschlossen aus und sah
sich unwillkrlich nach dem Publikum um, das wieder heranzurcken
begann.

Was haben Sie denn hier zu schlichten? fragte der Frst stirnrunzelnd.

Sein Kopf tat ihm weh, und zudem fhlte er mit jedem Augenblick
deutlicher, da Lebedeff ihn betrog und sehr froh darber war, da er
die Aussprache hinausschieben konnte.

Also, die Sache verhlt sich so: Ich bin sein Neffe, das hat er
seltsamerweise nicht gelogen, wenn er auch sonst alles lgt. Ich bin
Student, habe aber das Studium nicht beendet, doch will und werde ich es
unfehlbar beenden, denn ich habe Charakter. Vorlufig aber nehme ich, um
meine Existenz fortzusetzen, eine Anstellung an der Eisenbahn fr
fnfundzwanzig Rubel monatlich an. Ich gestehe freiwillig und gebe zu,
da er mir zwei- oder dreimal bereits geholfen hat. Nun besa ich
zwanzig Rubel und die habe ich jetzt verspielt. Werden Sie es glauben,
Frst, ich war tatschlich so gemein, so unendlich dumm, da ich sie
verspielte? ...

Und noch an einen Schurken, an einen Schurken, den er gar nicht htte
bezahlen drfen! schrie Lebedeff.

Ja, an einen Schurken, den man jedoch nichtsdestoweniger bezahlen mu,
fuhr der junge Mann fort. Da er aber ein Schurke ist, kann auch ich
bezeugen, und zwar nicht etwa deshalb, weil er dich mal gerupft hat. Das
ist nmlich, mssen Sie wissen, ein heruntergekommener ehemaliger
Offizier, ein verabschiedeter Unterleutnant aus Rogoshins Bande, der
jetzt Unterricht im Faustkampf erteilt und sich einen meisterhaften
Boxer nennt. Jetzt, nachdem Rogoshin die Kerle zum Deubel gejagt hat,
treiben sie sich brotlos in der Stadt umher. Doch was das dmmste dabei
ist: das ist, da ich schon ohnehin wute, wer er war, -- nmlich ein
Schurke und Spitzbube und Taschendieb -- und mich dennoch hinsetzte und
mit ihm zu spielen begann, und da ich, als ich den letzten Rubel
verspielte -- wir spielten ein Hasardspiel -- bei mir dachte: Verliere
ich ihn, so gehe ich zu Onkel Lukjan, mache ihm meinen Bckling -- er
wird schon geben. Sehen Sie, das war eben die Gemeinheit, ja, das war
wirklich eine Gemeinheit, das gebe ich zu. Das war schon ganz bewute
Niedertracht!

Jawohl, das war schon ganz bewute Niedertracht! besttigte Lebedeff.

Na, triumphier' nur nicht, wart' noch ein bichen damit! rief der
Neffe gekrnkt dem Onkel zu. Er freut sich noch! Ich kam also zu ihm,
Frst, hierher in dieses Haus und gestand ihm alles: Sie sehen, ich
handelte edel, denn ich habe mich selbst nicht geschont; ich beschimpfte
mich vor ihm, wie ich nur konnte -- hier sind die Zeugen. Um nun die
Stelle bei der Eisenbahn antreten zu knnen, mu ich mich vorher doch
einigermaen equipieren, ich bin ja doch ganz zerlumpt. Da, sehen Sie
nur die Stiebel! So kann ich mich doch nicht dort einfinden, das geht
doch nicht -- finde ich mich aber nicht ein, nun, so erhlt die Stelle
eben ein anderer, und ich sitze dann wieder auf dem quator und kann
warten, bis ich eine neue Stelle finde. Jetzt bitte ich ihn im ganzen
nur um fnfzehn Rubel und verspreche ihm hoch und heilig, da ich
fernerhin niemals mehr einen Pumpversuch bei ihm machen und zweitens
innerhalb der drei ersten Monate ihm die ganze Schuld bezahlen werde --,
ich aber pflege mein Wort zu halten! Was verlangt also der Mensch
eigentlich? Ich kriege es schon fertig, ganze Monate nur von Brot und
Kwa zu leben, denn, wie gesagt, ich habe Charakter. Fr drei Monate
Dienst erhalte ich fnfundsiebzig Rubel. Mit dem Frheren zusammen
schulde ich ihm summa summarum nur fnfunddreiig Rubel, folglich kann
ich ihm die Schuld bezahlen, ich habe dann was, womit! Na, und wenn er
Prozente haben will, so zahle ich sie ihm auch, hol's der Deubel! Kennt
er mich denn etwa noch nicht? Bin ich ihm denn ein Fremder? Fragen Sie
ihn doch, Frst, ob ich nicht alles ehrlich bezahlt habe, was er mir
frher gepumpt hat? Weshalb will er mir denn jetzt nichts mehr pumpen?
Es rgert ihn, da ich dem Leutnant die Spielschuld bezahlt habe, das
ist der ganze Grund, einen anderen gibt es nicht! Sehen Sie, so ist
dieser Mensch, -- weder sich noch anderen!

Und er geht nicht fort! rief Lebedeff aus, klagend und emprt
zugleich. Hat sich hier festgesetzt und geht nicht fort!

Ich habe dir doch gleich gesagt: ich gehe nicht eher fort, als bis du
gibst. Sie scheinen zu lcheln, Frst? Sie finden wohl, da ich im
Unrecht bin?

Ich lchle nicht, doch meiner Meinung nach sind Sie allerdings ein
wenig im Unrecht, sagte der Frst zgernd. Dieses ganze Gesprch
behagte ihm sehr wenig.

Na, sprechen Sie es doch ruhig aus, da ich ganz und gar im Unrecht
bin, Winkelzge sind hier nicht angebracht: was heit das -- >ein
wenig<!

Nun, ja, wenn Sie wollen: Sie sind ganz und gar im Unrecht.

Wenn ich will! Das ist mal nett! Aber glauben Sie denn wirklich, ich
wte nicht, da es kitzlig ist, so vorzugehen, das Geld gehrt doch
ihm, sein freier Wille gleichfalls; meinerseits aber luft es
schlielich auf einen Vergewaltigungsversuch hinaus. Aber Sie, Frst ...
kennen Sie das Leben nicht! Wenn man diese Leute nicht belehrt, kommt
nichts Gescheites aus ihnen heraus. Man mu sie belehren, sie zwingen.
Mein Gewissen ist doch rein; nach meinem Gewissen bringe ich ihm keinen
Schaden, sondern gebe ihm noch die Prozente zu verdienen. Eine
moralische Genugtuung hat er gleichfalls durch mich gehabt: er hat meine
Erniedrigung gesehen. Was verlangt er also noch? Wozu wird er denn
berhaupt taugen, wenn er nicht wenigstens in dieser Weise der
Menschheit Nutzen bringt? Und erlauben Sie mal, wie treibt er's denn
selbst? Fragen Sie mal, was er mit anderen Leuten tut, wie er denen das
Fell ber die Ohren zieht! Wie ist er denn zu diesem Hause hier
gekommen? Und ich gebe meinen Kopf darauf, da er auch Sie bereits
betrogen und sich auch schon berlegt hat, wie er Sie noch mehr betrgen
kann! Sie lcheln -- Sie glauben mir nicht?

Ich glaube, da das nicht ganz zur Sache gehrt, bemerkte der Frst.

Ich liege hier schon den dritten Tag, und was habe ich hier nicht schon
alles gesehen! rief der junge Mann lachend aus, ohne die Bemerkung des
Frsten weiter zu beachten. Denken Sie sich nur, Frst, er verdchtigt
diesen Engel, dieses reizende junge Mdchen dort, meine leibliche Kusine
und seine leibliche Tochter -- unerlaubter Beziehungen und vermutet in
jeder Nacht liebe Freunde in ihrem Zimmer! berall schnffelt er nach
Liebhabern herum, selbst hierher zu mir schleicht er sich des Nachts und
sucht sogar unter dem Sofa nach einem Eindringling. Er ist verrckt
geworden, vor lauter Mitrauen, in jeder Ecke glaubt er Diebe zu sehen.
In der Nacht springt er alle fnf Minuten aus dem Bett, um bald die
Fenster, bald die Tren zu untersuchen, ob auch alles hbsch fest ist,
sogar in den Ofen steckt er den Kopf hinein, und das wiederholt sich
ungefhr siebenmal in einer Nacht. Vor Gericht verteidigt er Spitzbuben,
um dann in der Nacht den Himmel um Hilfe vor ihnen anzuflehen; dann
kniet er hier in diesem Zimmer nieder, schlgt mit der Stirn auf den
Fuboden und betet und bittet. Herr des Himmels, wenn Sie wten, fr
wen alles er hier betet! Natrlich unter der Einwirkung des Alkohols.
Sogar fr die Seele der Grfin Dubarry! -- ich hab's mit meinen eigenen
Ohren gehrt, glauben Sie mir! Kolj hat es gleichfalls gehrt. Er ist
ja doch total bergeschnappt, glauben Sie mir!

Sehen Sie, hren Sie, wie er mich verleumdet, Frst! schrie Lebedeff,
ganz rot im Gesicht und entschieden aus der Fassung gebracht. Ob er
aber auch das erzhlt, wie ich Trunkenbold und Herumtreiber, ich Ruber
und Missetter dieses Lstermaul als Sugling in Windeln gewickelt, in
der kleinen Kinderwanne gebadet, wie ich bei meiner verwitweten
Schwester Anissja, die ebenso arm war wie ich, ganze Nchte aufgesessen
habe, ohne auch nur ein Auge zuzudrcken, wie ich sie beide gepflegt
habe -- denn beide waren sie krank --, wie ich beim Hausknecht Holz
gestohlen, wie ich ihm Wiegenlieder gesungen und zu seiner Erheiterung
mit den Fingern geschnippt habe, alles mit leerem Magen -- ob er das
wohl auch erzhlt? Da habe ich jetzt den Dank dafr, da ich seine Amme
gewesen bin, da sitzt jetzt das Produkt und lacht mich alten Mann noch
aus! Was kmmert's dich, wenn ich wirklich einmal fr die Grfin Dubarry
ein Kreuz schlage? Ich werde Ihnen sagen, Frst, vor vier Tagen las ich
zum erstenmal die Biographie der Dubarry im Lexikon. Weit du auch
berhaupt, wer sie war, diese Dubarry? Sprich, weit du's oder weit
du's nicht?

Na, du hltst dich wohl fr den einzigen, der's wei? brummte der
junge Mann spttisch und unwillig.

Das war eine solche Grfin, da sie, als sie erst aus dem
Straenschmutz heraus war, an Stelle einer Knigin regierte, und die
eine groe Kaiserin in einem eigenhndigen Schreiben mit >_ma
cousine_{[19]}< anredete. Jawohl, ja! Und der Kardinal, der ppstliche
Nuntius erbot sich beim _lever-du-roi_{[20]} (weit du auch, was das ist
>_lever-du-roi_<?) die seidenen Strmpfchen ber ihre bloen Fchen zu
ziehen, eigenhndig, er, der ppstliche Nuntius und Kardinal -- so ein
groes Tier! -- und er rechnete sich das noch zur Ehre an! Wutest du
das? Ich sehe es ja schon an deinem Gesicht, da du davon keinen
Schimmer hattest! Nun, und wie ist sie gestorben? Antworte, wenn du's
weit!

Ach, hr' auf!

Gestorben aber ist sie so, da sie, diese Herrscherin, nach aller Macht
und allem Glanz und allen Ehren, da sie, die schlielich doch nichts
verbrochen hatte, zur Freude der Pariser Marktweiber von dem Henker auf
die Guillotine geschleppt wurde und selbst vor Angst berhaupt nicht
begriff, was mit ihr geschah. Sie sieht nur, da er ihren Kopf unter das
Messer drckt und ihr noch Pffe und Ste versetzt, jene aber lachen.
Und da schreit sie in ihrer Todesangst: >_Encore un moment, monsieur le
bourreau, encore un moment!_< das heit soviel, wenn du's wissen willst,
wie: >Noch einen Augenblick, Herr Henker, noch einen Augenblick!< Und
fr diesen einen Augenblick wird ihr Gott der Herr vielleicht auch noch
alles vergeben, denn eine grere _misre_{[21]} der Menschenseele kann
man sich kaum vorstellen. Weit du berhaupt, was dieses Wort >_misre_<
bedeutet? Nun sieh, jetzt habe ich dir erlutert, was es bedeutet? Ich
sage dir, als ich von diesem einen _moment_{[22]} las, war mir's, als
htte man mir das Herz mit einer Kneifzange festgeklemmt. Und was
kmmert das dich, du Wurm, da ich auch sie, die groe Snderin, in mein
Gebet eingeschlossen habe? Vielleicht habe ich es nur deshalb getan,
weil seit ihrem Hinscheiden noch niemand auf dem ganzen Erdenrund fr
sie gebetet hat oder auch nur daran gedacht hat, fr sie zu beten. Wird
es ihr doch in jener Welt sicher angenehm sein, zu hren, da sich ein
ebenso groer Snder wie sie gefunden, der wenigstens einmal auf Erden
fr sie betet. Was lachst du? Du glaubst mir nicht, Atheist! Was kannst
du wissen? Und dabei hast du mich noch falsch verstanden, obschon du
gewissenlos genug gewesen bist, mich zu belauschen: ich habe nicht nur
fr die Grfin Dubarry gebetet, sondern wortwrtlich so, wie folgt:
>Erbarme dich, Vater, der Seele der Grfin Dubarry, der groen Snderin,
wie der Seelen aller ihresgleichen!< -- das aber ist etwas ganz anderes!
Denn solcher Snderinnen und Beispiele der Vernderungssucht Fortunas,
solcher Menschen, die viel gelitten haben, hat es in der Welt allerorten
unzhlige gegeben, und sie alle winden sich jetzt in der Hllenpein und
sthnen und warten! Aber damit habe ich ja doch auch fr dich und
deinesgleichen Gott den Herrn um Gnade angefleht, fr ganz genau solche
unverschmte Lstermuler und unverfrorene Frechlinge, wie du einer
bist, das schreib dir hinter die Ohren, wenn du dich schon mal so weit
verirrt hast, da du mich belauschen willst, wenn ich bete ...

Na, aber jetzt hr' auf, Schlu! Bet' fr wen du willst, hol' dich der
Deubel! unterbrach ihn der Neffe rgerlich. Er ist ja doch ein
belesener Mann, wuten Sie das schon, Frst? sagte er dann pltzlich
mit einem gewissermaen betretenen Lcheln. Er ist ja jetzt ohne irgend
so ein Memoirenbchelchen gar nicht mehr denkbar.

Ihr Onkel ist jedenfalls ... kein herzloser Mensch, bemerkte halb
wider Willen der Frst, dem der junge Mann auf dem Sofa durchaus nicht
gefiel.

Oh, ihn zu loben ist gefhrlich! Mit solchen Bemerkungen knnen Sie ihn
ja noch ganz verrckt machen! Sehen Sie, da hat er schon wieder die Hand
aufs Herz gepret und den Mund zum >O< geformt. Ist in Geschmack
gekommen. Herzlos ist er gerade nicht, dafr aber gerieben, das ist der
Jammer. Zudem ist er jetzt noch dem Alkohol ergeben, da hat er denn so
ein paar Schrauben verloren, wie es schlielich jedem passiert, der
jahrelang keinen nchternen Tag sieht. Seine Kinder liebt er, das mu
man ihm lassen, seine Frau hat er sehr geachtet ... Sogar mich hat er
gern, und was glauben Sie, er hat mich sogar im Testament bedacht, bei
Gott, er will auch mir etwas hinterlassen!

N--nichts hinterlasse ich dir! schrie Lebedeff in ingrimmiger
Erbitterung.

Hren Sie, Lebedeff, wandte sich der Frst fest und entschlossen an
ihn, indem er dem jungen Mann den Rcken zukehrte, ich wei aus eigener
Erfahrung, da Sie ein guter Geschftsmann sind, wenn Sie es sein wollen
... Ich habe sehr wenig Zeit, und wenn Sie jetzt ... Verzeihung, wie ist
Ihr Vorname und Ihr Vatername? Ich habe es im Augenblick ...

Ti--ti--Timofej.

Und?

Lukjanowitsch.

Alle Anwesenden brachen in schallendes Gelchter aus.

Er lgt ja! schrie der Neffe. Auch das mu er lgen! Er heit ja gar
nicht Timofej Lukjanowitsch, Frst, sondern Lukjan Timofejewitsch! Na,
sag' doch, weshalb hast du denn wieder gelogen? Kann es dir denn nicht
ganz egal sein, ob du Lukjan oder ob du Timofej heit, und was macht
sich schlielich der Frst daraus? Glauben Sie mir, Frst, ihm ist das
Lgen so zur Gewohnheit geworden, da er berhaupt kein wahres Wort mehr
reden kann, ich versichere Sie!

Ist es wahr? fragte der Frst ungeduldig.

Lukjan Timofejewitsch, allerdings, besttigte der verlegen gewordene
Lebedeff, indem er schuldbewut die Augen niederschlug und die Hand auf
das Herz prete.

Ja, warum tun Sie denn das, ach Gott!

Aus ... zur Selbsterniedrigung, flsterte Lebedeff, der immer
schuldbewuter den Kopf hngen lie.

Wo ist denn hier Selbsterniedrigung! Wenn ich nur wte, wo ich jetzt
Kolj finden knnte! sagte der Frst stirnrunzelnd und wandte sich zur
Tr, um fortzugehen.

Ich werde es Ihnen sagen, wo Kolj ist, rief der junge Mann.

Ni--ni--nicht doch! fuhr Lebedeff entsetzt dazwischen.

Kolj hat hier bernachtet, und am Morgen begab er sich auf die Suche
nach seinem General, den Sie, Frst, aus dem Schuldgefngnis ausgekauft
haben, wozu und weshalb, mag Gott wissen. Der General aber versprach
gestern noch, zur Nacht herzukommen, ist aber bis jetzt noch nicht
erschienen. Es ist anzunehmen, da er im Gasthaus >Zur Wage< die Nacht
verbracht hat. Kolj wird also entweder dort sein -- das ist hier in
nchster Nhe -- oder in Pawlowsk bei Jepantschins. Geld hatte er und
hinfahren wollte er schon gestern. Also entweder in der >Wage< oder in
Pawlowsk.

In Pawlowsk, in Pawlowsk, versteht sich! ... Wir aber, wir aber wollen
ins Grtchen gehen, hier, hier, wenn ich bitten darf, und ... ein
Tchen Kaffee zu uns nehmen ...

Lebedeff hatte den Frsten schon am rmel gefat und zog ihn fort. Sie
traten aus dem Hause, gingen ber den kleinen Hof und gelangten zu einem
Gartenpfrtchen, das Lebedeff aufschlo. Vor ihnen lag ein sehr netter,
wenn auch nur sehr kleiner Garten, dessen Bume dank dem warmen Wetter
schon hellgrne Bltter hatten. Lebedeff fhrte den Frsten zu einer
grnen Bank, vor der auf einem eingerammten Pfosten ein gleichfalls grn
angestrichener Tisch stand. Er bat den Frsten, Platz zu nehmen, und
setzte sich selbst ihm gegenber. Eine Minute spter wurde auch schon
der Kaffee gebracht. Der Frst lehnte nicht ab. Lebedeff fuhr fort, ihn
mit ergebenen, doch gierig-neugierigen Blicken zu betrachten.

Ich wute es gar nicht, da Sie ein hbsches Grundstck besitzen,
sagte der Frst in dem Tone eines Menschen, der an etwas ganz anderes
denkt, nicht aber an das, was er spricht.

W--waisen ... stotterte Lebedeff erschrocken, brachte aber nichts mehr
hervor, als das eine Wort, da ihm Schweigen ratsamer erschien.

Der Frst blickte zerstreut vor sich hin und hatte seine Frage natrlich
schon lngst vergessen. Das Schweigen dauerte eine ganze Weile. Lebedeff
beobachtete ihn und wartete.

Nun, was? sagte der Frst, gleichsam erwachend. Ach so! Ja, Sie
wissen es doch selbst, Lebedeff, um was es sich handelt. Ich bin auf
Ihren Brief hin gekommen. Also reden Sie.

Lebedeff senkte ganz verwirrt den Blick, wollte etwas sagen, schlo aber
wieder den Mund, ohne eine Silbe hervorgebracht zu haben. Der Frst
wartete und ein trauriges Lcheln glitt ber sein Gesicht.

Ich glaube Sie sehr gut zu verstehen, Lukjan Timofejewitsch: Sie haben
mich ganz einfach nicht erwartet. Sie dachten wohl nicht, da ich mich
auf Ihre erste Benachrichtigung hin aufmachen und meine Einde verlassen
wrde, und so schrieben Sie nur zur Beruhigung Ihres Gewissens. Und da
bin ich nun pltzlich hier eingetroffen. Doch nun genug, hren Sie jetzt
auf mit dem Betrgen. Zweien Herren kann man nicht zu gleicher Zeit
dienen. Rogoshin ist schon seit drei Wochen hier, ich wei alles. Haben
Sie inzwischen Zeit gehabt, sie ihm wieder zu verkaufen, wie damals?
Sagen Sie die Wahrheit.

Das Ungeheuer hat ja doch von selbst alles erfahren, ganz von selbst!

Schelten Sie ihn nicht. Er hat Sie freilich nicht gut behandelt ...

Verprgelt hat er mich, verprgelt hat er mich! fiel Lebedeff
aufgeregt dazwischen. Und in Moskau hat er mir noch einen Hund auf den
Hals gehetzt, mitten auf der Strae, einen tollen Hund, eine wtende
Bestie!

Sie scheinen mich fr ein kleines Kind zu halten, Lebedeff. Sagen Sie
im Ernst: Hat sie ihn wirklich verlassen, jetzt, in Moskau?

Im Ernst, im Ernst, und wieder fast vom Altar fort. Jener zhlte schon
die Minuten, sie aber entfloh hierher, direkt zu mir. >Rette mich,
beschtze mich, Lukjan, und auch dem Frsten sag' kein Wort< ... Sie
frchtet Sie jetzt noch mehr als ihn, Frst, und darin liegt -- hohe
Weisheit!

Und Lebedeff tippte sich bedeutsam mit dem Finger vor die Stirn.

Und jetzt haben Sie sie wieder zusammengefhrt?

Durchlauchtigster Frst, wie htte ich ... wie htte ich das nicht
zulassen knnen!

Nun, genug, ich werde schon selbst alles erfahren. Sagen Sie nur -- wo
ist sie jetzt? Bei ihm?

O nein! Denkt nicht dran! Gehrt sich noch ganz allein, sich selbst!
>Ich bin vollkommen frei<, sagt sie, und wissen Sie, Frst, darauf
besteht sie! >Ich bin<, sagt sie, >noch vollkommen frei!< Sie wohnt
jetzt immer noch auf der Petersburger Seite im Hause meiner Schwgerin,
wie ich Ihnen schrieb.

Und ist sie auch jetzt dort?

Auch jetzt, wenn sie bei dem schnen Wetter nicht nach Pawlowsk
gefahren ist, zu Darja Alexejewna, die dort eine Villa besitzt! >Ich bin
noch vollkommen frei, noch vollkommen frei<, sagt sie. Noch gestern hat
sie Nikolai Ardalionytsch, dem Kolj, viel von ihrer Freiheit erzhlt.
Brstet sich sogar. 'n schlechtes Zeichen!

Und Lebedeff lchelte.

Ist Kolj oft bei ihr?

Oh, der ist leichtsinnig und unvernnftig und obendrein noch nicht
einmal verschwiegen! lenkte Lebedeff ab.

Sind Sie oft bei ihr gewesen?

Jeden Tag, jeden Tag.

Also auch gestern.

N--nein, vor vier Tagen zum letztenmal.

Wie schade, da Sie heute etwas zuviel getrunken haben, Lebedeff! Ich
htte Sie sonst etwas gefragt ...

Ni--ni--nicht die Spur, nicht die Spur!

Lebedeff war ganz Ohr.

Sagen Sie, wie haben Sie sie verlassen?

S--su--suchend ...

Suchend?

Ja, so als wrde sie immer etwas suchen, als htte sie etwas verloren.
Von der Heirat darf man berhaupt nicht reden, sie fat es als
Beleidigung auf. Selbst der Gedanke daran ist ihr ekelhaft geworden. An
_ihn_ denkt sie nicht mehr -- und nicht _mehr_ jedenfalls als etwa an
ein Apfelsinenschalenstckchen, das heit selbstverstndlich --
bedeutend mehr, sogar mit Furcht und Entsetzen, verbietet strengstens,
von ihm auch nur zu sprechen, und sie sehen sich auch nur dann, wenn es
durchaus ntig ist ... und er empfindet das sogar sehr! Doch was! -- was
geschehen soll, wird geschehen! ... Unruhig ist sie, spttisch,
doppelzngig, znkisch ...

Doppelzngig, znkisch??

Jawohl. Viel fehlte nicht, und sie wre mir das letztemal, als ich dort
war, in die Haare gefahren, wegen eines Gesprches. Das zog ich mir
durch die Apokalypse zu.

Was? Wie? fragte der Frst, der sich verhrt zu haben glaubte.

Sie ist nun einmal eine Dame mit unruhigem Geist. Jawohl, ja! Und wie
ich beobachtet habe, gar zu geneigt zu ernsten, wenn auch
nebenschlichen Gesprchen. Ja, das hat sie gern, nein wirklich! Ohne
Spa. Ich aber bin nun in der Auslegung der Apokalypse eine Kompetenz
und befasse mich damit schon seit fnfzehn Jahren. Sie war sogar ganz
meiner Meinung, da wir jetzt beim dritten Rosse stehen, bei dem
braunen, und bei dem Reiter mit dem Ma in der Hand, da doch heutzutage
alles nach Ma und Vertrag geht und jeder Mensch nur sein eigenes Recht
sucht: >ein Ma Weizen fr einen Denar und drei Ma Gerste fr einen
Denar<, wie es in der Heiligen Schrift geschrieben steht ... und dabei
wollen sie noch freien Geist und reines Herz und gesunden Krper und
alle guten Gaben Gottes behalten und bewahren. Das aber knnen und
werden sie nicht, wenn sie das Recht so auffassen, und hierauf folgt das
>bleiche Ro< und der, dessen Name ist Tod, und dann folgt schon die
Hlle ... Darber disputieren wir nun, wenn wir zusammenkommen und -- es
hat stark gewirkt.

Ist das Ihr eigener Glaube? fragte der Frst und betrachtete Lebedeff
mit seltsamem Blick.

Jawohl. Also glaube ich und also lege ich es aus; denn ich bin arm und
nackend und nur ein Atom im Kreislauf der Menschen. Wer wird einen
Lebedeff achten? Ein jeder hat ihm etwas am Zeuge zu flicken und
versetzt ihm wenn nichts anderes, dann wenigstens einen Rippensto. Hier
aber, in der Auslegung der Apokalypse, bin ich jedem Wrdentrger
ebenbrtig. Das macht der Verstand! Und hat doch schon einmal ein
Wrdentrger vor mir gezittert ... auf seinem Fauteuil, als ihm das
Licht aufging. Seine erhabene Exzellenz Nil Alexejewitsch lieen mich
vor drei Jahren -- es war kurz vor dem Osterfest und ich hatte damals
noch in ihrem Departement eine Anstellung -- durch Pjotr Sacharytsch in
ihr Kabinett rufen und fragten mich also unter vier Augen: >Ist es wahr,
da du ein Professor des Antichrist bist?< Und ich verschwieg's auch
nicht: >Ich bin's<, sprach ich, und ich begann meine Auslegung und
stellte es dar und verminderte auch den Schrecken nicht im geringsten,
sondern vergrerte ihn noch, indem ich die ganze Allegorie aufrollte
und mathematische Zahlen anfhrte. Anfangs hatten sie noch gelchelt,
bei den Zahlen aber und den Gleichnissen begannen sie zu zittern und
baten, das Buch zu schlieen und fortzugehen, und zu Ostern versprachen
sie mir noch eine Gratifikation, doch zu St. Thomas gaben Seine
Exzellenz bereits den Geist auf.

Was reden Sie, was ist in Sie gefahren, Lebedeff?

Tatsache! Nach dem Mittagessen geruhten Seine Exzellenz aus dem Wagen
zu fallen ... an einer Straenecke mit dem Oberschdel senkrecht auf
einen Prellstein, und wie ein Kindchen, wie ein kleines Kindchen
geruhten sie sogleich die Seele auszuhauchen. Dreiundsiebzig Jahre alt,
nach dem Taufschein gerechnet. Ein rosa-graues Herrchen in einer Wolke
von Parfm und ewig mit einem Lcheln im Gesicht, ewig lchelnd, auf ein
Haar wie ein kleines Kindlein. Da sagte noch Pjotr Sacharytsch zu mir:
>Das hast du ihm vorausgesagt!< sagte er.

Der Frst erhob sich. Lebedeff wunderte sich darber und sah ihn ganz
verblfft an.

Sie sind mir aber doch mal etwas zu gleichmtig geworden, he--he ...
wagte er mit unterwrfigem Blick zu bemerken.

Ich ... ich fhle mich nicht ganz wohl, der Kopf ist mir schwer, von
der Reise natrlich, antwortete der Frst stirnrunzelnd.

Sie mten aufs Land, mten sich eine Datsche mieten, bemerkte
Lebedeff vorsichtig.

Der Frst stand in Gedanken versunken vor ihm.

Auch ich werde so in drei Tagen mit Kind und Kegel auf die Datsche
ziehen, um das neugeborene Wrmchen zu erhalten und inzwischen hier das
Haus renovieren zu lassen. Ich gehe gleichfalls nach Pawlowsk.

Und auch Sie gehen nach Pawlowsk? fragte der Frst berrascht. Was
ist denn das, hier zieht ja wirklich alle Welt nach Pawlowsk? Und Sie
haben, sagen Sie, eine eigene Datsche?

Oh, nach Pawlowsk zieht durchaus nicht alle Welt. Mir aber hat Iwan
Petrowitsch Ptizyn eine der Datschen, die ihm sehr billig zugefallen
sind, ebenso billig abgetreten. Es ist dort sehr schn und vornehm und
grn und billig und musikalisch, und deshalb zieht auch alle Welt fr
den Sommer nach Pawlowsk. Ich, das heit, ich wohne selbst nur im
Nebengebude, die eigentliche Villa aber ...

Haben Sie vermietet?

N--n--nein. N--n--noch nicht ganz.

berlassen Sie sie mir, ich will sie mieten! schlug der Frst
pltzlich vor.

Lebedeff schien nur darauf gewartet zu haben. Erst vor einem Augenblick
war der Gedanke in ihm aufgetaucht, und sofort bersah er die ganze
neue Wendung der Dinge, die ihm sehr fruchtbar erschien. Zwar hatte
sich ein Villenmieter bereits bei ihm gemeldet, der, wie Lebedeff wute,
die Villa bestimmt nehmen wrde; doch da jener beim Fortgehen sich mit
Vielleicht und Wahrscheinlich verabschiedet hatte, so fhlte sich
Lebedeff nicht gebunden. Auf den Vorschlag des Frsten ging er dagegen
mit Begeisterung ein, so da er selbst auf die Frage nach dem Preise nur
mit der Hand abwinkte.

Nun, gleichviel, Sie sollen das Ihrige nicht verlieren, sagte der
Frst.

Sie gingen bereits zum Pfrtchen.

Ich wrde Ihnen ... ich wrde Ihnen ... wenn Sie nur wollten, knnte
ich Ihnen etwas Hochinteressantes mitteilen, sehr geehrter Frst, knnte
Ihnen etwas mitteilen, das sich gleichfalls darauf bezieht, flsterte
Lebedeff, der vor Freude fast zappelnd neben dem Frsten einherlief.

Der Frst blieb stehen und sah ihn fragend an.

Darja Alexejewna hat in Pawlowsk gleichfalls ein Datschchen.

Nun, und?

Und die gewisse Dame ist mit ihr befreundet und beabsichtigt allem
Anschein nach, sie oft in Pawlowsk zu besuchen. Und -- zu einem gewissen
Zweck!

Und?

Und Aglaja Iwanowna ...

Ach, genug, hren Sie auf, Lebedeff! unterbrach ihn der Frst mit
einem unangenehmen Gefhl, ganz als sei eine wunde Stelle in seinem
Innern berhrt worden. Alles das ... ist doch nicht so. Sagen Sie mir
lieber, wann Sie bersiedeln, mir wre es -- je frher -- desto
angenehmer; denn ich bin in einem Hotel abgestiegen, das ...

Sie traten durch das Pfrtchen und gingen ber den Hof zur Strae.

Aber da ist es doch das beste, fiel Lebedeff ein, Sie ziehen sogleich
zu mir herber und leben so lange hier, bis wir dann bermorgen alle
zusammen nach Pawlowsk auswandern!

Ich werde sehen, sagte der Frst nachdenklich und trat aus dem Hof auf
die Strae.

Lebedeff sah ihm verwundert nach. Ihn machte diese pltzliche
Zerstreutheit des Frsten stutzig: beim Fortgehen hatte er nicht einmal
Adieu gesagt, nicht einmal mit dem Kopf genickt, das aber schien ihm mit
der ihm bekannten Hflichkeit und Korrektheit des Frsten ganz
unvereinbar.


                                  III.

Es war bereits zwlf Uhr. Der Frst wute, da er bei Jepantschins in
ihrer Stadtwohnung jetzt nur den General antreffen wrde, und vielleicht
nicht einmal diesen. Auerdem stand zu befrchten, da der General ihn
sogleich nach Pawlowsk wrde mitnehmen wollen, er aber wollte vorher
noch unbedingt einen bestimmten Menschen aufsuchen. Und so entschlo er
sich, selbst auf die Gefahr hin, den General nicht mehr anzutreffen und
die Fahrt nach Pawlowsk auf den nchsten Tag hinausschieben zu mssen,
zuerst jenes Haus aufzusuchen, zu dem es ihn geradezu gewaltsam hinzog.

Dieser Besuch hatte indessen etwas Gewagtes fr ihn. Er wute eigentlich
noch nicht, ob er gehen oder nicht gehen sollte. Die Adresse kannte er
nicht genau; er wute nur, da das Haus in der Gorochowaja, nicht weit
von der Ssadowaja lag, und so ging er in dieser Richtung weiter, whrend
er sich innerlich beruhigte, da er ja bis dahin noch Zeit genug haben
wrde, sich endgltig zu entscheiden.

Als er an die Kreuzung der beiden Straen kam, wunderte er sich selbst
ber seine ungewhnliche Aufregung: er hatte nicht gedacht, da sein
Herz so heftig schlagen wrde. Ein Haus in der Gorochowaja zog,
wahrscheinlich durch seine besondere Bauart, schon von weitem die
Aufmerksamkeit des Frsten auf sich, und er sagte sich: >Bestimmt ist es
dieses Haus!< Mit fast schmerzhafter Neugier nherte er sich ihm, um
sich zu berzeugen, ob seine Ahnung ihn nicht betrog; er fhlte, da es
ihm aus irgendeinem Grunde ganz besonders unangenehm sein wrde, wenn er
es erraten htte. Es war ein groes, dsteres Haus von drei Stockwerken,
ohne jeden architektonischen Schmuck, von dunkler, schmutziggrner
Farbe. Einige, brigens nur sehr wenige Huser dieser Art, die aus dem
Ende des vorigen Jahrhunderts stammen, haben sich noch hier und da
unverndert erhalten, selbst hier in diesen Straen Petersburgs, wo sich
sonst doch alles so schnell verndert. Sie sind sehr dauerhaft gebaut,
mit dicken Mauern und verhltnismig nur wenigen Fenstern, die in der
unteren Etage bisweilen noch mit einem starken Eisengitter versehen
sind. Im Erdgescho befindet sich gewhnlich eine Wechselbank, und der
Besitzer, ein Sektierer (in der Regel ist es einer von der
Skopzensekte), hat seine Wohnung in einem der oberen Stockwerke. Von
auen wie von innen scheinen diese Huser in gewisser Weise ungastlich
zu sein, dunkel und ernst, alles scheint sich gleichsam zurckziehen und
verbergen zu wollen, hinter allem scheint ein Geheimnis zu stecken,
weshalb das aber so scheint, nur aus der Physiognomie des Hauses heraus
so scheint -- das wre schwer zu erklren. Die architektonischen Linien
und Umrisse haben natrlich ihr eigenes Geheimnis. In solchen Husern
leben, wie gesagt, fast ausschlielich Kaufleute. Als der Frst an den
Eingang des Hauses kam, blickte er auf das Schild ber der groen Tr
und las: Haus des erblichen Ehrenbrgers Rogoshin.

Der Frst hatte sich entschlossen. Er ffnete die Glastr, die
geruschvoll hinter ihm zuschlug, als er eingetreten war und auf der
steinernen Treppe zum zweiten Stockwerk emporzusteigen begann. Das ganze
Treppenhaus war dunkel, massiv aus Stein gebaut, ohne jeden Schmuck, und
die Wnde waren dunkelrot angestrichen. Er wute, da Parfen Rogoshin
mit seiner Mutter und seinem Bruder Ssemjon das ganze zweite Stockwerk
dieses dsteren Hauses bewohnte. Der Bediente, der dem Frsten ffnete,
fhrte ihn sogleich, ohne ihn vorher anzumelden, durch mehrere groe und
kleine Rume: zuerst gingen sie durch einen groen Saal, dessen Wnde
nach altem Stil marmorartig bemalt waren, mit kostbarem Eichenparkett
und den schweren geradlinigen Mbeln aus den zwanziger Jahren; dann
folgten kleinere Rume, einzelne fast wie Kfige so klein, doch der
Diener fhrte ihn immer noch weiter, im Zickzack bald nach rechts, bald
nach links; zu manchen Zimmern stiegen sie zwei oder drei Stufen hinauf,
um dann bald wieder ebensoviel Stufen hinabzusteigen, bis der Bediente
endlich vor einer Tr stehen blieb und anklopfte.

Man hrte Schritte und die Tr wurde geffnet -- von Parfen Rogoshin.
Als er den Frsten erblickte, wich alles Blut aus seinem Gesicht, und er
blieb wie zu Stein erstarrt stehen und sah ihn mit seinem unbeweglichen,
fragend erschrockenen Blick an, whrend sein Mund pltzlich zuckte, als
wolle er sich zu einem Lcheln verziehen, und dann lchelte er auch
wirklich, wie in hchster Verwunderung. Es war, als htte Rogoshin den
Besuch des Frsten fr etwas ganz Unmgliches, fr ein tatschliches
Wunder gehalten. Der Frst hatte zwar etwas Derartiges erwartet, mute
sich nun aber doch selber darber wundern.

Parfen ... vielleicht komme ich dir nicht gelegen -- dann will ich dich
nicht stren, sagte er schlielich verwirrt.

Doch! Doch! besann sich pltzlich Rogoshin, bitte, tritt nur ein!

Sie standen beide auf du und du. In Moskau waren sie oft und stundenlang
zusammen gewesen, und es hatte in ihrem Zusammensein Augenblicke
gegeben, die sich leider zu tief ins Herz geprgt hatten, um jemals von
ihnen vergessen werden zu knnen. Jetzt hatten sie sich seit mehr als
drei Monaten nicht gesehen.

Rogoshin war immer noch bleich, und von Zeit zu Zeit lief es wie ein
pltzliches, kaum merkliches Zucken ber sein Gesicht. Er hatte den
Frsten wohl aufgefordert, nher zu treten, doch seine ungewhnliche
Erregung und Verwirrung waren noch nicht vergangen. Whrend er den
Frsten zu einem der groen Lehnsthle am Tisch fhrte, blickte sich
jener wie zufllig nach ihm um und blieb regungslos unter dem seltsamen
Eindruck seines unbestimmbaren, schweren Blickes stehen. Es war dem
Frsten, als htte ihn etwas durchbohrt, und gleichzeitig fhlte er sich
an etwas erinnert -- etwas Schweres, Finsteres, Dsteres ... vor ein
paar Stunden Geschehenes. Regungslos, ohne sich zu setzen, blickte er
Rogoshin unverwandt in die Augen; die waren im ersten Augenblick
gleichsam noch mehr erglht. Endlich lachte Rogoshin kurz und leise auf;
doch aus diesem kurzen, fast lautlosen Lachen tnte eine gewisse
Verwirrung hervor, lag etwas wie Verlorenes.

Was siehst du mich so aufmerksam an? brummte er dann mit halblauter
Stimme. Setz dich!

Der Frst setzte sich.

Parfen, sagte er, sage mir aufrichtig: Wutest du, da ich heute in
Petersburg eintreffen wrde?

Da du kommen wrdest, das hab' ich mir gedacht, und da hab' ich mich,
wie du siehst, auch nicht geirrt, sagte jener mit ironischem Lcheln.
Aber wie sollte ich wissen, da du gerade heute kommen wrdest!

Die gewisse schroffe Heftigkeit und seltsame Gereiztheit der Frage, die
seine Antwort in sich schlo, machten den Frsten noch stutziger.

Und wenn du auch gewut hast, da ich _heute_ kommen wrde, weshalb
braucht man sich denn da zu rgern? fragte der Frst leise und
augenscheinlich verwirrt.

Wozu stellst du denn diese Frage?

Als ich heute morgen aus dem Kupee stieg, sah ich ein Augenpaar, das
genau so aussah und so blickte wie deine Augen, als du soeben hinter
meinem Rcken auf mich sahst.

Sieh mal an! Wessen Augen waren denn das? fragte Rogoshin mitrauisch.

Dem Frsten schien es, als sei er zusammengezuckt.

Ich wei nicht, in der Menge irgendwo ... Es will mir sogar scheinen,
da es mir nur so vorgekommen ist -- ich fange jetzt wieder an, alles
mgliche zu sehen. Und berhaupt, weit du, fhle ich mich fast ebenso
wie damals vor fnf Jahren, als ich noch meine epileptischen Anflle
hatte.

Nu was, vielleicht hat es dir auch nur so geschienen; ich wei nicht
... brummte Parfen, und er versuchte, freundlich zu lcheln, doch
dieses Lcheln pate in diesem Augenblick nicht zu ihm, es war, als
htte er gewaltsam etwas unterdrcken wollen, und das gelang ihm nicht,
wie sehr er sich auch dazu zwang.

Was, nun geht's wieder ins Ausland? fragte er, und pltzlich lachte
er: Aber weit du noch, wie wir im Waggon dritter Klasse damals im
Herbst aus Pskow kamen, ich hierher, und du ... in dem Kapuzenmantel,
weit du noch, und den Gamaschen?

Und Rogoshin lachte, doch tat er es diesmal mit unverhohlenem Ingrimm,
und ganz als htte es ihn gefreut, da er diesen Ingrimm wenigstens in
irgendeiner Weise ausdrcken konnte.

Lebst du jetzt ganz hier? fragte der Frst, indem er sich im Kabinett
umsah.

Ja, ich bin hier zu Hause. Wo sollte ich denn sonst sein?

Wir haben uns lange nicht gesehen. Ich habe von dir Dinge gehrt, die
ich dir gar nicht zugetraut htte.

Als ob wenig erzhlt werden kann, bemerkte Rogoshin trocken.

Aber du hast doch die ganze Bande fortgejagt; selbst sitzt du zu Hause
und machst keine Geniestreiche mehr. Ich dachte -- das ist gut. Gehrt
das Haus dir oder euch gemeinsam?

Das Haus gehrt der Mutter. Zu ihr geht man hier durch den Korridor.

Und wo wohnt dein Bruder?

Mein Bruder Ssemjon Ssemjonytsch wohnt im Seitenflgel.

Ist er verheiratet?

Witwer. Wozu fragst du das?

Der Frst sah ihn an, ohne zu antworten. Er war pltzlich wie in
Gedanken versunken und hrte die Frage nicht. Rogoshin bestand nicht auf
der Antwort, er wartete. Beide schwiegen.

Ich habe dieses Haus, als ich herkam, schon auf hundert Schritt als das
deinige erkannt, sagte der Frst.

Woran denn das?

Das wei ich selbst nicht. Dein Haus hat die Physiognomie eurer ganzen
Familie und eures ganzen Rogoshinschen Lebens; wenn du aber fragen
wolltest, woraus ich das schliee, so knnte ich es dir mit nichts
erklren. Wahn, natrlich. Es ngstigt mich sogar, da mich das so
beunruhigt. Ich htte frher nie gedacht, da du in solch einem Hause
wohnst; als ich es jedoch erblickte, kam mir sogleich der Gedanke: >Aber
genau so mu ja doch sein Haus sein, es kann ja gar nicht anders sein!<

Sieh mal! sagte Rogoshin unbestimmt, das Gesicht kurz zu einem Lcheln
verziehend. Er hatte den unklaren Gedanken des Frsten nicht ganz
verstanden. Dieses Haus hat noch mein Grovater gebaut, bemerkte er.
Hier haben bestndig Sektierer gewohnt, Skopzen, eine Familie
Chludjkoff. Und auch jetzt noch leben sie hier zur Miete.

Wie dster es hier ist! Im Dstern sitzt du, sagte der Frst, sich im
Kabinett umschauend.

Es war das ein groes Zimmer mit hoher, dunkler Decke, und auch alles
brige war ziemlich dunkel gehalten. Das ganze Zimmer war voll von
allerhand Mbelstcken: da waren groe Arbeitstische, ein Pult und an
den Wnden groe Schrnke, in denen verschiedene Geschftspapiere und
noch andere Papiere aufgestapelt lagen. Ein groes, breites Kanapee, das
mit rotem Saffianleder berzogen war, diente Rogoshin augenscheinlich
als Schlafstelle. Der Frst bemerkte auf dem Tisch, an dem sie beide
saen, ein paar Bcher. Eines von denen, die Russische Geschichte
Ssolowjoffs, war aufgeschlagen und mit einem Lesezeichen versehen. An
den Wnden hingen in einstmals vergoldeten, doch nun matt und braun
gewordenen Rahmen einige stark nachgedunkelte lgemlde, auf denen man
nur schwer noch etwas unterscheiden konnte. Dagegen zog ein lebensgroes
Mnnerportrt sofort die Aufmerksamkeit des Frsten auf sich: es stellte
einen etwa fnfzigjhrigen Mann dar in einem langschigen Rock, der
jedoch deutschen Schnitt verriet, mit zwei Medaillen auf der Brust,
einem sehr sprlichen, kurzen, grauen Bart, runzligem und gelbem Gesicht
und einem argwhnischen, verschlossenen und leidenden Blick.

Ist das nicht gar dein Vater? fragte der Frst.

Er selbst, antwortete Rogoshin mit einem unangenehmen einmaligen
Auflachen, ganz, als htte er sich im nchsten Augenblick irgendeinen
unzeremoniellen Scherz ber seinen verstorbenen Vater erlauben wollen.

Er war doch kein Altglubiger?

Nein, er ging in die Kirche; aber es ist schon wahr, er sagte, da der
alte Glaube richtiger sei. Die Skopzen hat er auch immer sehr geachtet.
Das hier war ja sein Kabinett. Wozu hast du das gefragt, das von der
Altglubigkeit?

Wirst du die Hochzeit hier feiern?

Hi--ier, antwortete Rogoshin langsam, doch war er bei der unerwarteten
Frage kaum merklich zusammengezuckt.

Bald?

Du weit doch selbst: hngt es denn von mir ab?

Parfen, ich bin nicht dein Feind und will dich an nichts verhindern.
Ich sage es dir jetzt nochmals, wie ich es dir schon frher einmal
gesagt habe, in einer hnlichen Stunde. Als in Moskau deine Trauung
vollzogen werden sollte, bin ich nicht dazwischengetreten, das weit du.
Das erstemal kam _sie_ von selbst zu mir gestrzt, fast vom Altare fort,
und flehte mich an, sie vor dir zu >retten<. Ich wiederhole nur ihre
eigenen Worte. Dann lief sie auch von mir fort. Du suchtest sie wieder
auf und brachtest sie wieder zum Altar, und da, sagt man mir, sei sie
wieder von dir fortgelaufen und habe sich hierher geflchtet. Ist das
wahr? So hat es mir Lebedeff geschrieben, und deshalb bin ich auch
hergekommen. Da ihr euch aber hier wieder halbwegs ausgeshnt habt,
habe ich erst gestern im Eisenbahnkupee von einem deiner frheren
Freunde erfahren, von Saljosheff, wenn es dich interessiert. Hergereist
aber bin ich mit einer ganz bestimmten Absicht: ich will _sie_ bereden,
ins Ausland zu fahren, um dort fr ihre Gesundheit etwas zu tun; denn
sie ist sowohl geistig wie krperlich sehr der Pflege bedrftig ...
namentlich macht mir ihr seelischer Zustand Sorge. Ich selbst wollte sie
nicht ins Ausland begleiten, sondern beabsichtigte, es irgendwie ohne
mich zu arrangieren, mich selbst dabei ganz aus dem Spiel zu lassen. Ich
sage dir die volle Wahrheit. Wenn es aber wahr ist, da ihr wieder einig
seid, so werde ich mich berhaupt nicht mehr zeigen und auch zu dir
werde ich dann nie mehr kommen. Du weit, da ich dich nicht betrgen
werde; denn ich bin ja auch frher immer offen und ehrlich gegen dich
gewesen. Ich habe dir auch meine berzeugung nicht verschwiegen, da die
Heirat mit dir -- _ihr_ unbedingtes Verderben sein wrde. Auch dein
Verderben ... vielleicht sogar noch mehr als ihres. Wenn ihr wieder
auseinandergehen solltet, wird es mich sehr beruhigen; doch habe ich
deshalb noch nicht die Absicht, euch zu entzweien oder zwischen euch zu
treten. Sei also in der Beziehung ganz ruhig und verdchtige mich nicht.
Doch du weit es ja selbst -- bin ich denn jemals im Ernst dein
Nebenbuhler gewesen, selbst damals, als sie von dir zu mir flchtete? Da
lachst du nun wieder dein kurzes Lachen! Ich wei, weshalb du so kurz
aufgelacht hast. Wir haben dort ganz getrennt gelebt, sogar in
verschiedenen Stdten, und das weit du ja selbst ganz genau. Ich habe
dir ja schon frher einmal erklrt, da ich sie nicht >aus Liebe<,
sondern >aus Mitleid< liebe. Ich glaube es so ganz richtig zu
bezeichnen. Du sagtest damals, da du diese meine Worte begriffen
httest. Ist das nun wahr? Hast du sie wirklich begriffen? Du, weshalb
siehst du mich jetzt so haerfllt an? Ich bin doch nur gekommen, weil
auch du mir teuer bist. Ich liebe dich, Parfen. Ich werde jetzt
fortgehen und niemals wiederkommen. Leb' wohl.

Der Frst erhob sich.

Bleib noch ein wenig bei mir, sagte Parfen leise, den Kopf in die
rechte Hand gesttzt, ohne sich zu erheben. Ich habe dich lange nicht
gesehen.

Der Frst setzte sich wieder. Beide schwiegen sie.

Ich ... wenn ich dich nicht vor mir sehe, fhle ich gleich Ha gegen
dich, Lew Nikolajewitsch. In diesen drei Monaten, da ich dich nicht
gesehen habe, bin ich dir immerwhrend, in jeder Minute bse gewesen,
bei Gott. Ich htte dich so genommen und erwrgt vor lauter Wut, sieh
so! Und jetzt sitzt du noch keine Viertelstunde bei mir, und schon ist
meine ganze Wut vergangen, und ich hab' dich wieder so lieb wie frher.
Bleib noch ein wenig bei mir ...

Wenn ich bei dir bin, dann glaubst du mir, und wenn ich nicht mehr da
bin, dann hrst du sogleich auf mir zu glauben und verdchtigst mich
wieder. Du bist wie dein Vater! sagte der Frst mit freundschaftlichem
Lcheln, bemht, das Gefhl, das aus seinen Worten sprach, zu verbergen.

Ich glaube deiner Stimme, wenn du bei mir bist. Ich begreife doch, da
man uns beide nicht vergleichen kann, dich und mich ...

Weshalb sagst du gerade das? Da bist du nun wieder gereizt, sagte der
Frst.

Ach, hier, Freund, wird nicht nach unserer Meinung gefragt, entgegnete
jener, das ist schon ohne uns so bestimmt worden. Auch lieben tun wir
ja beide ganz verschieden ... Ich will damit sagen, in allem ist eben
ein Unterschied, fuhr er nach kurzem Schweigen leise fort. Du liebst
sie, sagst du, nur aus Mitleid. Ich aber empfinde nichts von Mitleid in
mir, so was fhle ich gar nicht fr sie. Und sie hat mich ja auch nur,
hat mich mehr als alles andere. Jede Nacht trumt mir jetzt, da sie
mit einem anderen ber mich lacht. Und so ist es auch, Freund. Sie wird
mit mir zum Altar gehen; aber an mich auch nur dabei denken, das tut sie
nicht, selbst das wird sie vergessen -- es ist einfach so, wie wenn sie
Schuhe wechselte. Glaubst du mir, ich habe sie schon seit fnf Tagen
nicht gesehen; denn ich wage nicht hinzugehen: wenn sie nun fragt: >Wozu
hast du dich herbemht?< Hat sie mir denn wenig Schimpf angetan ...

Was -- wieso Schimpf angetan? Was sagst du?

Als ob du's selbst nicht weit! Hast doch noch selbst vorhin
ausgesprochen, da sie >vom Altar< weg zu dir gelaufen ist.

Aber, du glaubst doch selbst nicht, da ...

Und das mit dem Offizier, dem Semtjushnikoff in Moskau -- war denn das
kein Schimpf? Ich wei es ganz genau, da sie mir die Schande, die
Schmach angetan hat, und das noch, nachdem sie schon selbst den Tag der
Trauung bestimmt hatte.

Nicht mglich! rief der Frst aus.

Ich wei es ganz genau, wiederholte Rogoshin in fester berzeugung.
Was >keine solche<, meinst du? Darber, Bruder, darber lohnt es sich
gar nicht zu reden, da sie keine solche ist. Mit dir wird sie keine
solche sein und vielleicht wird sie vor diesen Sachen sogar Entsetzen
empfinden, mit mir aber ist sie, siehst du, gerade eine solche. Das ist
schon so. Sie hlt mich fr den letzten Pbelkerl: als gehrte ich zum
Gesindel. Mit Keller, mit diesem Leutnant, dem Boxer -- hat sie, das
wei ich ganz genau, nur um ber mich zu spotten angefangen ... Du weit
noch gar nicht alles, was sie in Moskau angestellt hat! Und wieviel Geld
habe ich fortgeworfen ...

Ja, aber ... wie wirst du sie denn jetzt heiraten! ... Wie wird denn
das spter werden? fragte der Frst ganz entsetzt.

Rogoshin sah ihm mit schwerem, furchtbarem Blick in die Augen und
antwortete nichts.

Jetzt bin ich schon fnf Tage nicht bei ihr gewesen, fuhr er nach
einer Weile fort, als htte er sein Schweigen vergessen. Ich frchte
immer, da sie mich hinausjagt. Ich bin immer noch meine eigene Herrin,
sagt sie; wenn ich will, jage ich dich ganz von mir fort und fahre ins
Ausland. -- Das hat auch sie mir schon gesagt, da sie ins Ausland
fahren wrde, fgte er pltzlich, wie zur Ergnzung noch hinzu, whrend
er dabei dem Frsten mit einem ganz besonderen Blick in die Augen sah.

Manches Mal wiederum will sie mich nur erschrecken, immer bin ich ihr
lcherlich. Ein anderes Mal aber verdstert sich ihr Gesicht, sie
runzelt die Stirn und spricht kein Wort mit mir. Das aber frchte ich am
meisten. Neuerdings dachte ich: ich werde von jetzt ab nicht mehr mit
leeren Hnden hinfahren, -- da machte sie sich wieder nur lustig ber
mich und schlielich wurde sie sogar bse. Ihrer Kammerzofe, der Katjka,
schenkte sie meinen Schal, den ich ihr als Geschenk mitgebracht hatte;
aber wenn sie frher auch ppig gelebt und teure Sachen getragen hat,
einen solchen Schal hatte sie vielleicht doch noch nie gesehen! Und
davon, wann denn die Trauung sein soll, davon darf man berhaupt nicht
zu sprechen anfangen. Was ist denn das fr ein Brutigam, der sich
frchtet, sie auch nur zu besuchen? So sitze ich denn hier, und wenn es
unertrglich wird, dann gehe ich heimlich, schleichend an ihrem Hause
vorber, auf der Strae, oder ich verberge mich hinter einer Hausecke.
Vor kurzem noch habe ich so eine ganze Nacht bis zum Morgen an ihrer
Hofpforte Wache gestanden, -- mir hatte damals so etwas geschienen ...
Sie aber mu mich wohl aus dem Fenster beobachtet haben. >Was httest du
denn,< fragte sie spter, >was httest du denn mit mir getan, wenn du
einem Betrug auf die Spur gekommen wrst?< Da hielt ich's nicht aus und
sagte: >Das weit du selbst.<

Was wei sie denn?

Ja, wie soll ich's denn wissen! lachte Rogoshin boshaft. In Moskau
hab' ich sie damals mit keinem berraschen knnen, obschon ich ihr lange
genug auflauerte. Da ging ich einmal zu ihr hin und sagte: >Du hast dein
Wort gegeben, da du dich mit mir trauen lassen wirst, du kommst in eine
ehrenwerte Familie; weit du aber auch, was fr eine du jetzt bist?
Sieh, solch eine bist du!< sagte ich.

Das sagtest du ihr ins Gesicht?

Ja.

Und?

>Ich werde dich,< antwortete sie, >ich werde dich jetzt vielleicht noch
nicht einmal als Diener zu mir nehmen, geschweige denn dich heiraten!<
-- >Und du glaubst, da ich fortgehe?< fragte ich. -- >Dann werde ich
sofort Keller rufen,< sagte sie, >und ihm befehlen, dich
hinauszuwerfen.< Da packte ich sie und schlug sie, bis sie blaue Flecken
hatte.

Nicht mglich! Das kann nicht sein! stie der Frst atemlos hervor.

Ich sage: es war so, sagte leise, doch mit blitzenden Augen Rogoshin.
Zwei Tage a ich nicht, trank nicht, schlief nicht, ging nicht aus dem
Zimmer hinaus, kniete vor ihr nieder. >Ich sterbe, aber ich gehe nicht
eher fort,< sagte ich, >ich gehe nicht eher fort, als bis du mir
verziehen hast; lt du mich aber hinauswerfen, so ertrnke ich mich,
denn -- was bin ich jetzt noch ohne dich?< Wie eine Wahnsinnige war sie
den ganzen Tag: bald weinte sie, bald wollte sie mich mit dem Messer
erstechen, bald drohte sie mit der Faust und begann mich wie eine
Rasende zu beschimpfen, -- jawohl, zu beschimpfen. Saljosheff, Keller,
Semtjushnikoff, alle, alle rief sie zusammen, zeigte dann auf mich und
begann mich wieder zu schmhen. >Gehen wir, meine Herren,< sagte sie
dann, >gehen wir jetzt alle ins Theater, mag er hier allein sitzen, wenn
er nicht fortgehen will, ich bin fr ihn nicht angebunden. Ihnen aber,
Parfen Ssemjonytsch, wird man hier in meiner Abwesenheit Tee bringen,
Sie mssen ja ganz hungrig sein.< Aus dem Theater kehrte sie allein
zurck. >Alle sind sie Feiglinge und Lumpen,< sagte sie, >alle haben sie
Angst vor dir und da wollen sie natrlich auch mir Angst einflen: sie
behaupten, du wrdest so nicht fortgehen, sondern mich vorher noch
unbedingt ermorden. Ich aber werde, sieh, wenn ich dorthin in mein
Schlafzimmer gegangen bin, die Tr nicht hinter mir zuschlieen, sieh,
so wenig frchte ich dich! Damit du das ein fr allemal weit und
siehst! Hast du Tee getrunken?< -- >Nein,< sagte ich, >und ich werde es
auch nicht.< -- >Wenn das dir Ehre einlegen wrde, wre es etwas
anderes, aber so -- wenn du wtest, wie wenig das zu dir pat.< Und wie
sie gesagt hatte, so tat sie's auch: die Tr zu ihrem Schlafzimmer blieb
offen. Am nchsten Morgen kam sie -- lachte. >Bist du denn ganz von
Sinnen, sag' doch? So wirst du ja noch vor Hunger sterben.< -- >Vergib,<
sagte ich. >Ich will nicht, und heiraten will ich dich erst recht nicht;
es bleibt dabei, was ich gesagt habe. Hast du denn die ganze Nacht in
diesem Lehnstuhl gesessen und nicht geschlafen?< -- >Nein, ich habe
nicht geschlafen,< sagte ich. -- >Ach, wie klug! Und Tee trinken und
essen wirst du wieder nicht?< -- >Ich habe doch gesagt: Vergib!< --
>Wenn du wtest, wie schlecht das zu dir pat, wie ein Sattel zu einer
Kuh! Oder ist es dir etwa in den Sinn gekommen, mich schrecken zu
wollen? Daraus mache ich mir gerade viel, und da du hier hungrig sitzt,
ach, wie entsetzlich du mich damit einschchterst!< Dann wurde sie bse,
aber nicht auf lange, und dann begann sie wieder zu spotten und zu
sticheln. Da wunderte ich mich ber sie, da doch eigentlich keine
Bosheit in ihr war. Sonst vergit sie doch Bses nicht so leicht,
vergit es lange nicht! Und da kam es mir in den Sinn, da sie mich wohl
fr so niedrig hlt, da sie nicht einmal groe Wut ber mich empfinden
kann. Und das ist wahr. >Weit du auch, wer das ist: der rmische
Papst?< fragte sie. -- >Ja, ich habe gehrt, wer das ist,< sage ich.
>Du, Parfen Ssemjonytsch, hast ja von der allgemeinen Geschichte nicht
viel gelernt!< sagt sie. -- >Ich habe berhaupt nichts gelernt,< sage
ich. -- >Dann werde ich dir etwas zu lesen geben, oder hr' zu: Es war
einmal ein Papst, und der wurde auf einen Kaiser bse, und dieser Kaiser
lag drei Tage ohne Essen und Trinken barfu auf den Knien vor dem Schlo
des Papstes, bis dieser ihm verzieh. Was meinst du -- was hat wohl der
Kaiser in diesen drei Tagen, als er so barfu dort kniete, bei sich
gedacht und welche Rache dem Papst geschworen? ... Doch warte, ich werde
es dir selbst vorlesen!< sagte sie und stand auf und brachte das Buch.
>Es sind Verse,< sagte sie, und dann las sie mir vor, wie dieser Kaiser
in diesen drei Tagen geschworen, sich an dem Papst zu rchen. >Gefllt
dir das nicht, Parfen Ssemjonytsch?< fragte sie. -- >Das stimmt alles,
was du da gelesen hast,< sage ich. -- >Aha,< rief sie aus, >du gibst
also selbst zu, da es stimmt, dann schwrst auch du jetzt Rache und
sagst dir: Wenn sie mich erst geheiratet hat, dann werde ich ihr schon
alles heimzahlen, dann werde ich mich dafr entschdigen!< -- >Ich wei
nicht,< sag' ich, >vielleicht denk' auch ich so!< -- >Wie, weit du das
denn nicht?< -- >Ach,< sag' ich >ich wei es nicht, nicht daran denke
ich jetzt.< -- >Woran denkst du denn jetzt?< -- >Wenn du aufstehst vom
Stuhl, gehst du an mir vorber, und ich sehe auf dich und folge dir mit
dem Blick; dein Kleid wird rauschen und mir wird das Herz stillstehen,
und wenn du hinausgegangen bist aus dem Zimmer, denke ich an jedes
einzelne deiner Worte, was und wie und mit welch einer Stimme du es
gesagt hast; diese ganze Nacht habe ich an nichts anderes gedacht, ich
habe nur gehorcht, wie du im Schlafe atmetest und dich zweimal bewegtest
...< -- >Ja, dann denkst du ja vielleicht,< lachte sie, >dann denkst du
ja vielleicht auch daran gar nicht mehr, da du mich geschlagen hast?<
-- >Vielleicht,< sag' ich, >vielleicht denke ich auch daran nicht mehr,
ich wei nicht.< -- >Wenn ich dir aber nicht verzeihe und dich nicht
heirate?< -- >Ich habe gesagt, ich ertrnke mich.< -- >Schlgst mich
aber vorher wahrscheinlich noch tot ...< Sagte es und wurde
nachdenklich. Dann wurde sie bse und ging aus dem Zimmer. Nach einer
Stunde kommt sie wieder zu mir zurck, ernst, dster. >Ich werde dich
heiraten, Parfen Ssemjonytsch,< sagt sie, >doch nicht deshalb, weil ich
dich etwa frchte, sondern weil es doch auf eins herauskommt, wo man
umkommt. Wo ist's denn besser? Setz' dich,< sagt sie, >man wird dir
gleich zu essen bringen. Wenn ich dich aber heirate,< fgte sie hinzu,
>werde ich dir ein treues Weib sein, daran brauchst du nicht zu
zweifeln, kannst ruhig sein.< Dann schwieg sie eine Weile und dann sagte
sie noch: >Du bist doch kein Lakai -- ich dachte frher, du seist ein
echter, ein ganzer Lakai.< Und nun bestimmte sie selbst den Tag, an dem
die Trauung stattfinden sollte; nach einer Woche aber lief sie von mir
fort und flchtete sich hierher zu Lebedeff. Als ich dann herkam, sagte
sie: >Ich habe mich durchaus nicht von dir losgesagt, ich will es nur
noch aufschieben, solange es mir pat; denn ich bin ja doch noch ganz
Herrin meiner selbst. Warte auch du, wenn du willst.< Siehst du, so
stehen wir jetzt miteinander ... Was meinst du zu alledem, Lew
Nikolajewitsch?

Wie denkst du selbst darber? fragte der Frst mit traurigem Blick auf
Rogoshin.

Denk' ich denn berhaupt! entfuhr es diesem ganz unwillkrlich.

Er wollte noch etwas hinzufgen, doch dann senkte er den Blick und
schwieg.

Der Frst erhob sich von neuem, um fortzugehen.

Trotzdem werde ich dir nicht in den Weg treten, sagte er leise, fast
wie in Gedanken versunken, und es war, als htte er auf einen eigenen
inneren Gedanken geantwortet.

Weit du, was ich dir sagen werde? wandte sich pltzlich Rogoshin
erregt an ihn, und seine Augen blitzten auf. Wie kannst du sie mir nur
so abtreten, das verstehe ich nicht! Oder hast du schon ganz aufgehrt,
sie zu lieben? Frher warst du doch immerhin noch traurig, ich wei es,
ich habe es doch gesehen. Wozu bist du denn jetzt so Hals ber Kopf
hergereist? Aus Mitleid? (Sein Gesicht verzog sich in boshaftem Spott)
He--he!

Du glaubst, da ich dich betrge? fragte der Frst.

Nein, ich glaube dir, nur verstehe ich davon nichts. Am
wahrscheinlichsten ist wohl, da dein Mitleid noch grer ist als meine
Liebe!

Etwas Bses, das gleichsam herausdrngte, das sich unbedingt sogleich
uern wollte, war in seinem Gesicht aufgeflammt.

Deine Liebe kann man vom Ha kaum unterscheiden, lchelte der Frst,
und wenn sie vergeht, Bruder, wird das Unglck vielleicht noch grer
sein. Ich sage dir nur das eine, Parfen ...

Da ich sie ermorden werde?

Der Frst zuckte zusammen.

Du wirst sie um dieser Liebe, dieser Qual willen, mit der du dich jetzt
qulst, gar zu sehr hassen. Am meisten wundert mich aber, wie sie
berhaupt wieder zu dir zurckkehren kann. Als ich es gestern hrte,
wollte ich es kaum glauben, so schwer wurde es mir ... Zweimal ist sie
schon von dir fortgelaufen, fast vom Altar weg, also mu sie doch eine
Vorahnung haben! ... Weshalb will sie dich denn jetzt noch nehmen? Doch
nicht deines Geldes wegen? Das ist ja doch Unsinn! Und von deinem Gelde
hast du ja auch schon so viel vergeudet. Und doch auch nicht, um nur
einen Mann zu bekommen? Denn du bist doch nicht der einzige, den sie
heiraten knnte! Da wre doch jeder andere besser als du, denn du wirst
sie ja vielleicht wirklich ermorden, und das begreift sie doch selbst
nur zu gut! Oder weil du sie so leidenschaftlich liebst? Ja, es sei denn
dieses eine ... Ich habe gehrt, da es welche geben soll, die gerade
eine solche Liebe suchen ... nur ...

Der Frst hielt nachdenklich inne.

Was lchelst du wieder ber meines Vaters Bild? fragte Rogoshin, der
seinen Blick nicht vom Gesicht des Frsten abwandte und aufmerksam jede
Vernderung im Gesicht, jeden Blick des Frsten verfolgte.

Weshalb ich soeben lchelte? Es kam mir in den Sinn, da du, wenn dir
nicht dieses Unglck zugestoen, wenn nicht diese Liebe ber dich
gekommen wre, da du dann auf ein Haar wie dein Vater geworden wrst,
und das sogar in sehr kurzer Zeit. Du wrdest dich schweigend hier in
diesem Hause niederlassen mit deiner Frau, einem gehorsamen,
verschchterten Wesen, wrdest nur wenig und jedes Wort in strengem Tone
sprechen, wrdest keinem Menschen trauen, keines Menschen Vertrauen
brauchen und nur schweigend und finster dein Geld aufhufen. Viel wre
es, wenn du einmal die alten Bcher loben und dich fr das Bekreuzen mit
zwei Fingern aussprechen wrdest,[13] aber auch das hchstens im Alter
...

Spotte nur. Genau dasselbe hat auch sie mir vor nicht langer Zeit
gesagt, gleichfalls als sie dieses Portrt betrachtete. Das ist doch
wunderlich, wie jetzt bei euch alles bereinstimmt ...

Ja, ist sie denn schon einmal bei dir gewesen? fragte der Frst
berrascht.

Einmal. Das Portrt betrachtete sie lange, fragte mich ber den
Verstorbenen aus. >Du wrdest genau so sein,< sagte sie dann lachend,
>du hast mchtige Leidenschaften, Parfen Ssemjonytsch,< sagte sie,
>solche Leidenschaften, da du unentgeltlich nach Sibirien mit ihnen
kmst, wenn du nicht -- wenn du nicht deinen Verstand httest, und du
hast einen groen Verstand,< sagte sie -- geradeso sagte sie's, wirst
du's mir glauben! Zum erstenmal hrte ich von ihr ein solches Wort! --
>Du wrdest diesen ganzen Unsinn bald lassen. Und da du ein ganz
ungebildeter Mensch bist, so wrdest du dich einfach aufs Geldverdienen
verlegen und wrdest dich ganz wie dein Vater in diesem Hause hier
festsetzen, mit deinen Skopzen natrlich. Vielleicht wrdest du zum
Schlu auch noch zu ihrem Glauben bertreten. Das Geld aber, das wrdest
du so liebgewinnen, da du nicht nur zwei Millionen, sondern vielleicht
ganze zehn Millionen zusammenscharrtest, um dann auf deinen Goldscken
am Ende Hungers zu sterben; denn du bist in allem leidenschaftlich, ja,
bei dir wird alles, was du beginnst, zur Leidenschaft.< Genau so sagte
sie, mit denselben Worten. Niemals noch hatte sie so zu mir gesprochen!
Denn sonst hat sie nur Albernheiten mit mir geredet oder ber mich
gespottet. Auch hier hatte sie lachend begonnen, dann aber wurde sie
pltzlich sehr ernst. Durch das ganze Haus ging sie, alles besah sie,
ganz als frchte sie sich immer vor etwas. >Ich werde das alles hier
verndern,< sage ich, >alles verschnern oder auch zur Hochzeit ein
neues Haus kaufen.< Da war sie ganz erschrocken: >Nein, nein, um Gottes
willen nicht!< sagte sie; >alles mu so bleiben, wie es ist, gerade so
wollen wir hier leben. Ich will neben deiner Mutter leben,< sagte sie,
>wenn ich deine Frau sein werde.<

Dann fhrte ich sie zu meiner Mutter -- sie war ehrerbietig gegen sie
wie eine leibliche Tochter. Meine Mutter ist nun schon seit zwei Jahren
nicht ganz bei vollem Verstande -- krank ist sie -- und nun seit dem
Tode des Vaters ist sie ganz wie ein Kind geworden, spricht gar nicht
mehr, kann nicht mehr gehen, die Fe tragen sie nicht, und so sitzt sie
und grt nur vom Platz aus einen jeden, den sie sieht. Wenn man ihr
nicht zu essen geben wollte, wrde sie es drei Tage lang nicht merken,
so steht's mit ihr. Ich nahm die rechte Hand meiner Mutter, legte die
drei Finger zum Segen zusammen und sagte: >Mtterchen, segnet sie, sie
geht mit mir zum Altar,< und da kte sie meiner Mutter die Hand, aber
nicht nur so, sondern wirklich innig. >Viel Leid,< sagte sie, >mu deine
Mutter erduldet haben.< Dieses Buch hier sah sie: >Was ist das,< fragte
sie, >fngst du an, russische Geschichte zu lesen?< Sie selbst hatte mir
einmal in Moskau gesagt: >Wenn du dich doch wenigstens etwas bilden
wrdest, lies doch wenigstens Ssolowjoffs Russische Geschichte, du weit
ja doch gar nichts;< ja, das hatte sie mir schon in Moskau gesagt. >Das
ist gut,< sagte sie jetzt, >lies nur weiter. Ich werde dir ein kleines
Verzeichnis aufschreiben von Bchern, die du ganz zuerst lesen mut.
Willst du, soll ich?< Nie, nie hatte sie vorher so mit mir gesprochen,
ich war ganz erstaunt; zum erstenmal atmete ich auf, wie ein lebendiger
Mensch.

Das freut mich, das freut mich sehr, Parfen, sagte der Frst warm,
ich bin sehr froh darber. Wer wei, vielleicht hat Gott euch doch noch
zu einem gemeinsamen Leben bestimmt.

Nein, das ist unmglich! rief Rogoshin heftig aus.

Hre, Parfen, wenn du sie so liebst -- willst du dann nicht ihre
Achtung erwerben? Und wenn du es willst -- weshalb willst du dann nicht
auch hoffen? Ich sagte vorhin, da es fr mich unbegreiflich sei:
weshalb sie dich berhaupt noch heiraten will? Doch wenn ich es mir auch
jetzt noch nicht ganz erklren kann, so sehe ich doch eines ein: da sie
dazu einen gengenden Grund, einen vernnftigen Grund haben mu. Von
deiner Liebe ist sie berzeugt, doch ganz gewi ist sie es auch von
deinen Vorzgen, wenigstens von einigen. Anders kann es ja gar nicht
sein! Und was du soeben erzhltest, besttigt meine Annahme vollkommen.
Du sagst doch selbst, da es ihr mglich gewesen ist, in einer ganz
anderen Weise mit dir zu reden, als sie frher getan. Du bist
argwhnisch und eiferschtig, deshalb vergrerst du auch alles, was du
Schlechtes von ihr erfahren hast. Es liegt doch auf der Hand, da sie
lange nicht so schlecht von dir denkt, wie du erzhlst; denn sonst mte
man ja doch von ihr sagen, da sie mit vollem Bewutsein ins Wasser geht
oder unter das Messer, wenn sie dich heiratet. Ist denn das mglich? Wer
geht denn bewut aufs Messer los?

Mit bitterem Spottlcheln hrte Rogoshin den Frsten an. Seine
berzeugung schien schon unerschtterlich festzustehen.

Wie schwer dein Blick ist, mit dem du mich ansiehst, Parfen! stie
pltzlich der Frst unter einem erdrckenden Gefhl hervor.

Ins Wasser oder unter das Messer! sprach Rogoshin endlich langsam
nach. He--he! Ja, einzig deshalb nimmt sie mich doch, weil sie
berzeugt ist, da sie bei mir der Dolch erwartet! Solltest du denn bis
jetzt wahrhaftig noch nicht erraten haben, Frst, um was es sich hier
handelt?

Ich verstehe dich nicht.

Was, vielleicht begreift er's auch wahrhaftig nicht, he--he! Sagt man
doch von dir, da du ... nun, _jenes_! ... Einen anderen liebt sie! --
begreifst du's jetzt? Ganz so, wie ich sie jetzt liebe, genau so liebt
sie jetzt einen anderen. Und dieser andere ist -- weit du, wer? Das
bist _du_! Was, wutest du das noch nicht?

Ich?

Ja, _du_. Sie hat sich gleich damals, damals an ihrem Geburtstage in
dich verliebt -- und seit der Stunde liebt sie dich. Nur glaubt sie
jetzt, da sie dich nicht heiraten darf, weil sie dir damit eine Schande
antun und dein Leben verderben wrde. >Man wei ja doch, was fr eine
ich bin,< sagte sie. Und davon ist sie nicht abzubringen. Alles das hat
sie mir selbst ins Gesicht gesagt. Dich zu verderben und dir Schande
anzutun -- das frchtet sie, mich aber, siehst du, mich kann man
heiraten, bei mir macht's nichts aus -- sieh, so hoch schtzt sie mich
ein! -- das kannst du dir gleichfalls merken!

Aber wie ist sie denn ... wie ist sie denn von dir zu mir und ... von
mir wieder ...

Von dir wieder zu mir zurckgekehrt! Haha! Als ob ihr wenig in den Kopf
kommt! Sie ist ja doch jetzt ganz wie im Fieber, wie im Delirium. Bald
schreit sie mir zu: >Dich heiraten oder ins Wasser -- ist eins! Die
Hochzeit so schnell wie mglich!< sie drngt selbst, bestimmt den Tag,
rckt aber die Zeit heran, dann -- erschrickt sie, oder es kommen ihr
andere Gedanken. Gott wei -- du hast sie doch gesehen: weint, lacht,
gebrdet sich wie in Raserei. Was Wunder, wenn sie da auch von dir
wieder fortgelaufen ist? Sie ist ja doch nur deshalb von dir
fortgelaufen, weil es ihr pltzlich zum Bewutsein kam, wie sehr sie
dich liebt. Sie hielt bei dir ihre eigene Liebe zu dir nicht mehr aus.
Du sagtest, ich htte sie damals in Moskau aufgesucht. Das ist ja gar
nicht wahr -- sie selbst kam von dir zu mir gelaufen. >Bestimme den
Tag,< sagte sie, >ich bin bereit! Gib Champagner her! Fahren wir zu den
Zigeunerinnen!< schrie sie ... Wre ich nicht gewesen, so htte sie sich
schon lngst ertrnkt. Glaube mir! Nur deshalb tut sie es nicht, weil
ich vielleicht noch furchtbarer bin als der Tod im Wasser. Nur aus
Bosheit will sie mich heiraten ... Wenn sie mich heiratet, so kannst du
sicher sein, da sie es nur aus Bosheit tut.

Ja, aber wie kannst du dann ... wie kannst du dann! ... rief der Frst
ganz bestrzt aus, doch sprach er nicht zu Ende, was er sagen wollte.

Ganz entsetzt sah er Rogoshin an.

Warum sprichst du's denn nicht aus? fragte jener spttisch, und man
sah seine Zhne zwischen den Lippen. Willst du, so werde ich dir sagen,
was du in diesem Augenblick bei dir denkst? -- >Nun, wie kann sie dann
jetzt noch zu ihm gehen? Wie kann man das zulassen?< Ich wei schon, was
du denkst.

Ich bin nicht deshalb hergekommen, Parfen, ich schwre es dir, glaub'
mir, ich hatte nicht das im Sinn ...

Schon mglich, da du nicht deshalb gekommen bist, und da du nicht das
im Sinn hattest; nur ist es jetzt schon ganz sicher geworden, da du
doch deshalb gekommen bist, he--he! ... Nun, genug! Was bist du so
bestrzt? Wutest du es denn wahrhaftig nicht? Du wunderst mich!

Das ist alles nur deine Eifersucht, Parfen, deine Krankheit, du
vergrerst alles unendlich, du bertreibst ... stotterte der Frst in
unbeschreiblicher Erregung. Was willst du?

La! sagte Rogoshin herrisch, indem er dem Frsten das Messer aus der
Hand ri, das jener vom Tisch genommen hatte. Rogoshin legte es neben
das Buch auf dieselbe Stelle zurck, wo es gelegen.

Es ist mir, als htte ich es bei der Einfahrt in Petersburg schon
gewut, als htte ich es vorausgefhlt ... fuhr der Frst fort. Ich
wollte nicht herfahren! Ich wollte alles das hier vergessen, aus dem
Herzen herausreien! Nun, aber jetzt leb' wohl ... Was hast du?

In seiner Zerstreutheit hatte der Frst beim Sprechen wieder das Messer
in die Hand genommen, und wieder ri es ihm Rogoshin aus der Hand, um es
auf den Tisch zurckzuwerfen. Es war das ein ganz einfaches Messer,
nicht zusammenlegbar, mit einem Griff aus Hirschhorn und einer etwa
dreieinhalb Zoll langen und dementsprechend breiten Klinge.

Als Rogoshin sah, da der Frst stutzig wurde -- denn das Messer mute
ihm doch auffallen, wenn es ihm zweimal in dieser Weise aus der Hand
gerissen wurde --, nahm er es sichtlich rgerlich und legte es ins Buch,
das er mit einer kurzen Bewegung auf den anderen Tisch schleuderte.

Schneidest du damit die Bltter auf? fragte der Frst, doch war seine
Frage immer noch wie in Zerstreutheit gestellt, als wre er nach wie vor
noch in seine Gedanken versunken.

Ja, die Bltter ...

Das ist doch ein Gartenmesser?

Ja, ein Gartenmesser. Darf man denn mit einem Gartenmesser keine
Bltter aufschneiden?

Ja, aber ... es ist ganz neu.

Was ist denn dabei, da es neu ist? Darf ich mir denn nicht, wenn ich
will, ein neues Messer kaufen? schrie Rogoshin schlielich wtend
heraus, jedes Wort hatte ihn immer mehr gereizt und aufgebracht.

Der Frst fuhr zusammen und blickte ihm aufmerksam ins Gesicht.

Ach, wir sind aber auch! lachte er dann auf, pltzlich zur Besinnung
gekommen. Verzeih mir, Bruder, mein Kopf ist mir jetzt so schwer, und
diese Krankheit ... ich bin jetzt immer so zerstreut und lcherlich. Ich
wollte das ja gar nicht fragen ... ich wei nicht mehr, was es war. Leb'
wohl!

Nicht durch diese Tr, sagte Rogoshin.

Ich -- ...

Hier, hier, komm, ich werde dir den Weg zeigen.


                                  IV.

Sie gingen durch dieselben Zimmer, durch die der Frst bereits gekommen
war. Rogoshin ging voran und der Frst folgte ihm. Sie kamen in den
groen Saal. Hier hingen an den Wnden mehrere Gemlde, meistens waren
es Portrts von Bischfen und stark nachgedunkelte Landschaften, deren
Einzelheiten kaum noch zu erkennen waren. ber der Tr zum folgenden
Zimmer hing ein Bild von sehr sonderbarem Format: es war ungefhr zwei
Meter lang und nicht mehr als sechs Zoll hoch. Es war die Darstellung
einer Kreuzabnahme. Der Frst blickte flchtig darauf hin, und es war
ihm, als entsnne er sich eines hnlichen oder auch desselben Bildes,
blieb aber weiter nicht davor stehen, sondern wollte durch die Tr
hinaustreten. Es war ihm sehr schwer zumute, und er wollte schnell aus
diesem Hause hinaus. Da blieb pltzlich Rogoshin in der Tr stehen und
trat wieder einen Schritt zurck.

Alle diese Bilder hier, sagte er, alle sind sie fr einen oder fr
zwei Rubel von meinem Vater auf Auktionen erstanden, er liebte Bilder
sehr. Ein Kenner hat sie sich hier einmal alle angesehen; taugen nichts,
sagte er, dieses aber, sagte er, dieses hier ber der Tr, das
gleichfalls fr zwei Rubel erstanden ist -- dieses, sagte er, sei von
groem Wert. Schon damals fand sich einer, der fr das Bild
dreihundertfnfzig Rubel bot, Ssaweljeff aber, Iwan Dmitritsch -- das
ist ein Kaufmann, ein groer Bilderliebhaber -- der bot dem Verstorbenen
vierhundert, und in der vorigen Woche hat er meinem Bruder Ssemjon
Ssemjonytsch sogar fnfhundert geboten. Ich hab's fr mich behalten.

Das ist ... das ist die Kopie einer Kreuzabnahme von Hans Holbein,
sagte der Frst, das Bild jetzt aufmerksamer betrachtend. Ich bin zwar
kein groer Kenner, aber wie mir scheint, ist es eine vorzgliche Kopie.
Ich habe das Original im Auslande gesehen, und seitdem kann ich dieses
Bild nicht mehr vergessen. Aber ... was hast du ...

Rogoshin hatte sich pltzlich wieder abgewandt und ging bereits durch
die Tr, um den Frsten dem Ausgang zuzufhren. Freilich konnten seine
Zerstreutheit und seine seltsam gereizte Stimmung diese Pltzlichkeit
sehr wohl erklren; doch trotzdem wunderte es den Frsten, da Rogoshin
so schnell das Gesprch abgebrochen, das er doch selbst begonnen hatte,
und seine Bemerkung nicht zu beachten schien.

Aber wie nun, Lew Nikolajewitsch, ich wollte dich schon lange fragen,
glaubst du an Gott? fragte pltzlich Rogoshin, nachdem sie ein paar
Schritte gegangen waren.

Wie sonderbar du fragst und ... mich ansiehst! sagte der Frst
unwillkrlich.

Auf dieses Bild da liebe ich zu sehen, sagte Rogoshin nach kurzem
Schweigen, als htte er seine Frage vergessen.

Auf dieses Bild! rief der Frst unter dem Eindruck eines pltzlichen
Gedankens ganz erschrocken aus, auf dieses Bild! Aber vor diesem Bilde
kann einem ja doch nur noch jeder Glaube vergehen!

Der vergeht auch ohnedem, sagte Rogoshin ganz unerwartet.

Sie waren an der Tr zum Treppenhaus angelangt.

Was? Der Frst blieb vor berraschung stehen. Was sagst du! Ich habe
ja doch nur gescherzt, du aber sagst es so ernst! Weshalb fragtest du
mich, ob ich an Gott glaube oder nicht?

Nichts, nur so. Ich wollte es dich eigentlich schon immer fragen. Aber
wie nun, ist es wahr -- du hast doch im Auslande gelebt --, mir sagte
einmal einer in der Betrunkenheit, da es bei uns in Ruland mehr als in
allen anderen Lndern solche geben soll, die an Gott nicht glauben. Uns,
sagte er, falle das leichter als ihnen, denn wir seien darin
fortgeschrittener ...

Rogoshin lachte kurz und leise auf. Es lag etwas Beiendes in seinem
Lachen. Er ffnete die Tr und wartete, den Trgriff in der Hand, bis
der Frst hinaustrat.

Der Frst wunderte sich darber, trat aber doch hinaus. Rogoshin folgte
ihm auf den Treppenflur und zog die Tr hinter sich zu. Beide standen
sie sich gegenber, und wie es schien, hatten sie beide vergessen, wohin
sie gekommen waren, und was sie hier tun wollten.

Nun, so leb' denn wohl, sagte der Frst sich besinnend und reichte
Rogoshin die Hand.

Leb' wohl, sagte Rogoshin, indem er fest, doch ganz mechanisch die ihm
entgegengestreckte Hand drckte.

Der Frst trat eine Stufe hinunter, wandte sich dann aber nochmals
zurck.

Und was den Glauben anbetrifft, sagte er lchelnd -- offenbar wollte
er den anderen nicht so verlassen, und wahrscheinlich war ihm pltzlich
etwas in den Sinn gekommen -- so hatte ich an zwei Tagen der letzten
Woche vier verschiedene Begegnungen. Am Morgen des einen Tages fuhr ich
auf einer neuen Eisenbahnstrecke und unterhielt mich vier Stunden lang
mit einem gewissen S., mit dem ich im Kupee zusammensa. Ich hatte schon
frher von ihm gehrt, unter anderem auch, da er ein Atheist sei. Er
war ein allerdings sehr gelehrter Mann, und es freute mich, da ich mit
einem solchen ber dieses Thema sprechen konnte. Auerdem war er
vorzglich erzogen, so da er mit mir sprach, als wre ich ihm an
Gelehrsamkeit vollkommen gleich. An Gott glaubt er nicht. Nur machte
mich eines stutzig: da er die ganze Zeit gar nicht _davon_ sprach, und
zwar machte mich das gerade deshalb stutzig, weil es mir auch frher
aufgefallen ist, so oft ich mit Atheisten zusammengekommen bin oder
Schriften von ihnen gelesen habe, da sie gar nicht _davon_ gesprochen
oder geschrieben haben, wenn es auch hundertmal diesen Anschein hat. Ich
sagte ihm, da ich diese Beobachtung gemacht htte, doch mu ich mich
wohl nicht ganz verstndlich ausgedrckt haben, denn er begriff nicht,
was ich damit sagen wollte ... Am Abend desselben Tages mute ich im
Gasthof einer kleinen Kreisstadt absteigen, um zu bernachten. Dort
hatte sich in der vorhergehenden Nacht ein Mord zugetragen, und so wurde
natrlich, als ich eintraf, nur davon gesprochen. Zwei vollkommen
nchterne und bejahrte Bauern, zwei alte Bekannte, oder man kann sogar
sagen, zwei gute Freunde, hatten am Abend Tee getrunken und wollten in
einem kleinen Stbchen die Nacht verbringen. Der eine aber hatte in den
zwei Tagen, die sie schon in der Stadt waren, bemerkt, da der andere
eine silberne Uhr an einer Glasperlenkette trug, die er frher nicht an
ihm gesehen hatte. Dieser Mann war durchaus kein Dieb, er war sogar ein
ehrlicher Kerl und als einfacher Bauer durchaus nicht arm. Die
Taschenuhr gefiel ihm aber in solchem Mae, und ihr Besitz erschien ihm
so verlockend, da er sein Messer nahm und, als der Freund sich
abwandte, leise hinterrcks an ihn heranschlich, die Augen zum Himmel
aufschlug, sich fromm bekreuzte und inbrnstig betete: >Gott, verzeihe
mir um Christi willen!< -- um darauf den Freund mit einem einzigen Sto
niederzustechen wie einen Hammel und ihm die Uhr aus der Tasche zu
nehmen.

Rogoshin brach in ein schallendes Gelchter aus. Er lachte unglubig,
lachte, als htte er einen Lachkrampf. Und dieses pltzliche konvulsive
Lachen erschien um so sonderbarer, als er noch vor einem Augenblick
ernst, ja sogar finster gewesen war.

Das gefllt mir! Nein, das ist aber doch unbertrefflich! stie er
zwischendurch hervor. Der eine glaubt berhaupt nicht an Gott, der
andere aber glaubt schon so sehr, da er, zu ihm betend, sogar Menschen
ermordet! Nein, das, Bruder, das ist zu wundervoll, so etwas kann man
nur erleben, das kann man sich nicht ausdenken, Frst, Freund!
Ha--ha--ha--ha--ha! Nein, das ist unbertrefflich! ...

Am folgenden Morgen machte ich einen Spaziergang durch die Stadt, fuhr
der Frst fort, sobald Rogoshin sich ein wenig beruhigt hatte, wenn auch
sein Mund immer noch krampfhaft zuckte und das Lachen aus seinem Gesicht
nicht verschwinden wollte. Da sehe ich, vor mir auf dem Trottoir kommt
mir im Zickzack ein betrunkener Soldat entgegen, zerzaust, unordentlich
und schmutzig. Wie er sich mir nhert, sagt er pltzlich: >Kauf', Herr,
ein silbernes Kreuz, gebe es dir fr zwanzig Kopeken; ein echt
silbernes!< Ich sehe, er hat in der Hand ein Kreuz, das er offenbar
soeben erst vom Halse genommen, an einem hellblauen, nur schon sehr
abgetragenen Bande, doch ist es ein schweres Bleikreuz, das sieht man
auf den ersten Blick, ziemlich gro, achtendig, mit echt byzantinischem
Muster. Ich gab ihm ein Zwanzigkopekenstck und legte mir sogleich das
Kreuz um den Hals. Man sah seinem Gesicht an, wie zufrieden er darber
war und wie es ihn freute, da er den dummen Herrn so geschickt hatte
betrgen knnen, worauf er sich zweifellos in die nchste Schenke begab,
um das Geld fr sein Kreuz zu vertrinken. Weit du, Freund, ich war
damals noch so unter dem Einflu all der Eindrcke, die hier in Ruland
auf mich eingestrmt waren, da ich mitunter glaubte, sie wrden mich
erdrcken. Hatte ich doch frher nichts von unserem Vaterlande
begriffen, war ich doch wie ein Taubstummer aufgewachsen, und nur
phantastisch entsann ich mich in diesen fnf Jahren im Auslande des
einen oder des anderen. Ich ging weiter und dachte bei mir: Nein, ich
werde doch damit warten, diesen Christusverkufer zu verurteilen. Kann
doch nur Gott allein wissen, was diese trunkenen, schwachen Herzen in
sich bergen. Nach einer Stunde, als ich zum Gasthof zurckkehrte,
begegnete ich einem jungen Weibe, das ein kleines Kindchen auf den Armen
trug. Es war ein noch junges Weib, und das Kleine wird so sechs Wochen
alt gewesen sein. Da sehe ich, wie sie sich pltzlich so fromm bekreuzt,
so inbrnstig geradezu. >Weshalb bekreuzt du dich, junge Mutter?< fragte
ich sie -- ich frage doch nach allem auf Schritt und Tritt. Da sagte
sie: >Ebenso gro, wie die Freude der Mutter ist, wenn sie das erste
Lcheln ihres Kindes erblickt, ist auch die Freude Gottes jedesmal, wenn
er sieht, wie ein Snder vor ihm zum Gebet niederkniet.< Fast mit
denselben Worten sagte es mir das Weib, und damit sprach sie einen so
tiefen, so feinen und wahrhaft religisen Gedanken aus, einen Gedanken,
in dem sich das ganze Wesen des Christentums ausdrckt, das heit, der
ganze Begriff von Gott, als von unserem leiblichen Vater, und von der
Freude Gottes am Menschen, als von der Freude eines Vater an seinem
leiblichen Kinde -- das aber ist ja doch der Grundgedanke Christi! Es
war ein ganz einfaches junges Bauernweib! Freilich, sie war Mutter ...
Und wer wei, vielleicht war sie das Weib jenes Soldaten. Hre, Parfen,
ich will dir noch auf deine Frage antworten: Das Wesen des religisen
Gefhls steht auerhalb aller Verbrechen und atheistischen Lehrstze;
wenn man von ihm sprechen will, wird man immer irgendwie _nicht davon_
sprechen, und so wird es ewig sein; es ist hierin etwas, von dem alle
Atheismen abgleiten, und ich sage dir, man kann gar nicht _davon_,
sondern nur von etwas ganz anderem sprechen. Doch die Hauptsache ist,
da man dies am klarsten und schnellsten am russischen Herzen bemerkt,
-- davon bin ich berzeugt! Es ist das eine meiner ersten berzeugungen,
die ich hier in unserem Ruland gewonnen habe. Es gibt hier etwas zu
tun, Parfen! Es gibt vieles zu tun, hier in unserer russischen Welt,
glaub' es mir! Denk' daran, wie wir in Moskau zusammenkamen und sprachen
... Nein, ich wollte gar nicht mehr hierher zurckkehren! ... Und da
wir so, da wir in dieser Weise uns wiedersehen wrden, htte ich
niemals, niemals erwartet! Doch was! ... Leb' wohl, auf Wiedersehen! ...
Mge Gott dich behten!

Er wandte sich um und stieg die Treppe hinab.

Lew Nikolajewitsch! rief pltzlich Parfen von oben, als der Frst beim
ersten Treppenabsatz angelangt war, das Kreuz, das du dem Soldaten
abgekauft hast -- hast du das bei dir?

Ja, bei mir.

Und der Frst blieb stehen.

Zeig' mal her.

Wieder eine neue Seltsamkeit. Der Frst dachte einen Augenblick nach,
dann entschlo er sich und stieg die Treppe wieder hinauf, zog das Kreuz
hervor und zeigte es Rogoshin, ohne es jedoch abzunehmen.

Gib's mir, sagte Rogoshin.

Weshalb? Willst du denn ...

Der Frst wollte sich nicht gern von diesem Kreuz trennen.

Ich werde es tragen und mein Kreuz dir geben, trag du es.

Du willst mit mir die Kreuze tauschen?[14] Wenn du das willst, Parfen,
wird es mich freuen -- seien wir Brder!

Der Frst nahm sein bleiernes Kreuz ab und Parfen sein goldenes, und sie
tauschten die Kreuze. Parfen schwieg. Es fiel dem Frsten auf und
berhrte ihn unangenehm, da das frhere Mitrauen, das frhere bittere
und fast spttische Lcheln immer noch im Gesicht seines Bruders zu
zucken schien, wenigstens trat es fr Augenblicke sichtbar hervor.
Schweigend nahm schlielich Rogoshin die Hand des Frsten und behielt
sie eine Weile gleichsam unentschlossen in der seinen; pltzlich zog er
ihn dann nach sich, indem er kaum hrbar ein Komm! brummte. Sie gingen
ber den Treppenflur, und Rogoshin klingelte an der zweiten Tr, die
jener, aus der sie herausgetreten waren, gegenberlag. Es wurde ihnen
bald geffnet. Ein altes, kleines Frauchen in einem schwarzen Kleide,
mit gekrmmtem Rcken und einem kleinen, um die Haare gebundenen Tuch
verbeugte sich schweigend und tief vor Rogoshin. Dieser stellte flchtig
irgendeine Frage an sie, zog jedoch, ohne stehen zu bleiben oder ihre
Antwort abzuwarten, den Frsten weiter durch die folgenden Zimmer. Auch
hier waren es dunkle, hohe Rume, in denen eine ganz besondere
Sauberkeit herrschte, und kalt und streng wirkten auch die
altertmlichen Mbel in den weien, sauberen berzgen. Ohne Anmeldung
fhrte Rogoshin den Frsten in ein nicht groes Zimmer, das etwa als
Gastzimmer eingerichtet zu sein schien, doch wurde ein Teil vom Raume
durch eine glnzend polierte Mahagoniholzwand, in der rechts und links
eine Tr war, abgeteilt, und dieser Teil diente wahrscheinlich als
Schlafzimmer.

In der einen Ecke des Gastzimmers sa dicht am Ofen in einem groen
Lehnstuhl eine kleine, alte Frau. brigens war sie vielleicht noch gar
nicht so sehr alt; ihr angenehmes, rundes Gesicht hatte noch eine
ziemlich gesunde Farbe, doch ihr Haar war schon ganz silbergrau, und auf
den ersten Blick konnte man erkennen, da sie bereits vollkommen
kindisch geworden war. Sie trug ein schwarzes Wollenkleid, um die
Schultern ein weiches, schwarzes Tuch und auf dem Kopf eine saubere,
weie Haube, die unter dem Kinn nach alter Art festgebunden war. Die
Fe sttzte sie auf ein kleines Fubnkchen. Neben ihr sa ein anderes,
ebenso sauberes Frauchen, vielleicht etwas lter an Jahren, gleichfalls
in einem Trauerkleide und einer weien Haube -- offenbar eine arme, alte
Bekannte, die im Hause lebte und von Rogoshins ernhrt wurde. Sie
strickte schweigend an einem Strumpf. Augenscheinlich hatten sie beide
die ganze Zeit geschwiegen. Als die ltere, fremde Frau Rogoshin und den
Frsten erblickte, lchelte sie freundlich und nickte mehrmals zum
Zeichen ihrer Freude mit dem Kopf.

Mtterchen, sagte Rogoshin, nachdem er seiner alten Mutter die Hand
gekt hatte, hier ist mein Freund, Frst Lew Nikolajewitsch Myschkin;
wir haben beide die Kreuze getauscht; er war eine Zeitlang in Moskau wie
ein leiblicher Bruder zu mir, er hat viel fr mich getan. Segne du ihn,
Mtterchen, wie du deinen leiblichen Sohn segnen wrdest. Wart,
Mtterchen, gib her, ich werde dir die Hand zum Segnen zurechtlegen ...

Doch noch bevor Parfen ihre Hand ergreifen konnte, hatte sein Mtterchen
schon ihre rechte Hand erhoben, die drei Finger zusammengelegt und
andchtig dreimal das Kreuz ber den Frsten geschlagen. Es war ein fast
zrtlicher Ausdruck in ihrem Gesicht, als sie ihm darauf freundlich mit
dem Kopfe zunickte.

Nun, gehen wir, Lew Nikolajewitsch, sagte Parfen, ich habe dich nur
deshalb hierhergefhrt ...

Als sie wieder auf den Treppenflur hinaustraten, fgte er noch hinzu:

Sie versteht doch sonst nichts, was man zu ihr sagt, und auch meine
Worte hat sie nicht verstanden, und doch segnete sie dich; sie mu es
selbst gewollt haben ... Nun leb' wohl, es ist Zeit fr uns beide, fr
dich wie fr mich.

Und er ffnete die Tr, die zu seiner Wohnung fhrte.

Aber so la mich dich doch zum Abschied wenigstens umarmen, du
sonderbarer Mensch! rief der Frst aus, indem er ihn mit liebevollem
Vorwurf anblickte, und er nherte sich ihm.

Doch Parfen hatte kaum die Hnde erhoben, als er sie auch schon wieder
sinken lie. Er konnte sich nicht entschlieen, er wandte sich von ihm
ab, um ihn nicht ansehen zu mssen. Er wollte ihn nicht umarmen.

Hab' keine Angst! Ich habe wohl von dir dein Kreuz genommen, aber wegen
einer Taschenuhr werde ich dich doch nicht ermorden! brummte er
undeutlich und lachte dann ganz eigentmlich auf.

Doch pltzlich vernderte sich sein ganzes Gesicht: er erbleichte
unheimlich, seine Lippen erzitterten und seine Augen wurden dunkel und
flammten auf. Er erhob die Arme, umarmte den Frsten krampfhaft und
stie, vor Erregung ganz atemlos, hervor:

So _nimm_ sie denn, wenn's das Schicksal so will! Sie sei dein! Ich
lasse sie dir! ... Gedenke Rogoshins!

Und hastig verlie er den Frsten, ohne ihn anzusehen, und trat durch
die Tr, die er krachend hinter sich zuschlug.


                                   V.

Es war schon ziemlich spt, fast halb drei Uhr nachmittags, und so traf
der Frst den General nicht mehr in seiner Stadtwohnung an. Er
hinterlie seine Visitenkarte und begab sich hierauf in den Gasthof Zur
Wage, um dort mit Kolj zu sprechen oder, falls er auch ihn nicht
antreffen sollte, ein paar Worte an ihn zu schreiben, die er dann bei
seiner Rckkunft vorfinden wrde. Im Gasthof wurde ihm aber auf seine
Frage mitgeteilt, da Nikolai Ardalionytsch Iwolgin bereits am Morgen
ausgegangen sei; doch habe er vor dem Fortgehen hinterlassen, fr den
Fall, da jemand nach ihm fragen sollte, da er um drei Uhr vielleicht
zurckkehren werde; wenn er aber bis halb vier noch nicht erschienen
sein sollte, so bedeute das, da er mit der Bahn nach Pawlowsk gefahren
sei, und dann wrde er auch wohl bis zum Abend dort bleiben. Der Frst
beschlo, bis halb vier zu warten, und lie sich die Speisekarte geben,
um inzwischen zu Mittag zu speisen.

Die Uhr schlug halb vier und schlug vier, doch Kolj kam nicht. Der
Frst trat auf die Strae hinaus und ging mechanisch weiter. Es gibt
bisweilen zu Anfang des Sommers wundervolle Tage in Petersburg, die Luft
ist dann so hell, warm und still. Ein solcher Tag war es gerade jetzt.
Der Frst schlenderte eine gute Weile ziellos umher. Die Stadt war ihm
wenig bekannt. An den Straenkreuzungen, vor einzelnen Husern, auf
Pltzen und Brcken blieb er stehen; einmal setzte er sich in eine
Konditorei, um etwas auszuruhen. Hin und wieder begann er auch mit
groem Interesse die Vorbergehenden zu betrachten; doch am hufigsten
sah er weder diese, noch bemerkte er berhaupt, wo er sich befand. Er
fhlte sich in qualvoll gespannter und unruhiger Stimmung, und
gleichzeitig empfand er ein unbezwingbares Bedrfnis nach Einsamkeit. Er
wollte allein sein, um sich dieser ganzen, qulenden Stimmung vllig
passiv hingeben zu knnen, ohne auch nur den geringsten Ausweg aus ihr
zu suchen. Ihn ekelte vor all diesen Fragen, die pltzlich seine Seele
und sein Herz bestrmten. Wie denn, bin ich denn schuld an alledem?
murmelte er halb unbewut vor sich hin.

Es war bereits gegen sechs, als er pltzlich gleichsam erwachte und sich
auf dem Bahnhof der Zarskoje-Sselo-Bahn sah. Die Einsamkeit auf dem
Bahnsteig wurde ihm bald unertrglich; ein neues Gefhl erfate ihn hei
und erhellte fr einen Augenblick grell das Dunkel, in dem seine Seele
rang. Er lste ein Billett nach Pawlowsk, und es drngte ihn, so schnell
wie nur mglich fortzufahren. Doch offenbar verfolgte ihn etwas, und was
ihn verfolgte, war nicht irgendein Wahn seiner Phantasie, wie er
vielleicht zu glauben geneigt war, sondern Wirklichkeit. Kaum hatte er
sich ins Kupee gesetzt, als er mit einemmal das soeben gelste Billett
hinwarf, auf den Bahnsteig hinabsprang und zerstreut und wie in Gedanken
versunken den Bahnhof verlie. Nach einer Weile, bereits auf der Strae,
kam ihm dann pltzlich eine Vorstellung ganz besonderer Art, die ihm zum
Bewutsein brachte, was ihn schon lange beunruhigt hatte. Er ertappte
sich nun mit einem Male bei einer sehr sonderbaren Empfindungsuerung,
die schon ziemlich lange andauerte, die er jedoch erst jetzt bemerkte:
schon seit mehreren Stunden, sogar schon in der Wage, vielleicht aber
auch schon vorher, kamen ihm immer wieder Augenblicke, in denen er
pltzlich mit den Blicken ringsum irgend etwas zu suchen begann, bis er
es dann pltzlich wieder verga -- und sogar auf lange Zeit, auf ganze
halbe Stunden --, um sich dann ebenso pltzlich wieder umzusehen und
wieder unruhig mit den Augen zu suchen und zu suchen.

Doch kaum waren ein paar Minuten vergangen, nachdem er diesen
krankhaften und bisher vollkommen unbewuten Vorgang bemerkt hatte, als
pltzlich auch noch eine andere Erinnerung in ihm auftauchte, die
sogleich ein ganz besonderes Interesse in ihm erweckte: er entsann sich,
da er in dem Augenblick, als er sich seines immer wiederkehrenden
Suchens bewut wurde, gerade auf dem Trottoir vor einem Schaufenster
gestanden und mit groem Interesse die ausgestellte Ware betrachtet
hatte. Nun wollte er sich unbedingt berzeugen, ob er tatschlich vor
vielleicht fnf Minuten auf seinem Wege an einem solchen Fenster
vorbeigekommen war, oder ob er es sich nur einbildete, vor einem solchen
Fenster gestanden zu haben. Hatte er nicht irgend etwas verwechselt? Gab
es wirklich ein solches Schaufenster mit dieser Ware? Fhlte er sich
doch heute eigentmlich krank, unruhig, unbehaglich, fast in derselben
Stimmung, die frher seinen epileptischen Anfllen vorausgegangen zwar.
Er wute, da er in den Stunden vor einem Anfall stets ungewhnlich
zerstreut gewesen war und hufig sogar Gegenstnde und Personen
verwechselt hatte, wenn er sie nicht gerade mit angespannter
Aufmerksamkeit ansah. Doch es gab da noch einen besonderen Grund,
weshalb er sich unbedingt vergewissern wollte, ob er in dem Augenblick
tatschlich vor einem Schaufenster gestanden: unter den zur Schau
gestellten Gegenstnden war ein Gegenstand gewesen, den er unverwandt
angesehen, und den er sogar auf sechzig Silberkopeken geschtzt hatte,
-- dessen entsann er sich noch genau, trotz seiner ganzen Zerstreutheit
und Erregung. Wenn nun dieses Schaufenster existierte und dieser
Gegenstand sich wirklich unter den brigen fand, so war er nur wegen
dieses Gegenstandes stehen geblieben; folglich aber mute dieser doch
von so groem Interesse fr ihn sein, da er seine Aufmerksamkeit auf
sich gelenkt hatte, und das noch dazu in einem Augenblick so
bedrckender Zerstreutheit, nachdem er kaum aus dem Bahnhof
herausgetreten war! Der Frst ging denselben Weg zurck, den er
gekommen, und blickte fast angstvoll auf die Schaufensterreihe, whrend
sein Herz in ungeduldiger Erwartung laut schlug. Endlich, da war das
Fenster! Er war also schon an fnfhundert Schritt an ihm
vorbergegangen. Und da war auch jener Gegenstand, den er auf sechzig
Kopeken geschtzt hatte. Natrlich, sechzig Kopeken, nicht mehr und
nicht weniger! dachte er bei sich und lachte. Doch dieses Lachen war
nervs, es wurde ihm unsglich schwer zumute. Und auf einmal entsann er
sich, da er gerade hier, als er vor diesem Fenster gestanden, sich
pltzlich umgewandt hatte, ganz wie vorhin bei Rogoshin, als er dessen
Blick auf sich ruhen gefhlt. Nachdem er sich berzeugt, da er sich im
Schaufenster nicht getuscht hatte -- wovon er brigens auch schon vor
der Rckkehr zum Fenster eigentlich berzeugt gewesen war -- wandte er
sich wieder um und ging schnell fort. ber alles das hie es jetzt
nachdenken, um mglichst bald mit sich selbst ins reine zu kommen. Jetzt
war es ja klar, da auch am Morgen bei seiner Ankunft etwas unbedingt
Wirkliches auf ihm gelastet hatte, das zweifellos mit dieser seiner
frheren Unruhe zusammenhing. Er wollte ber alles nachdenken ... doch
da stieg in ihm ein gewisser, unbezwinglicher Ekel auf und erstickte
alles brige; er mochte nicht nachdenken, er wollte nicht daran denken,
... seine Gedanken hingen an etwas ganz anderem.

Er dachte unter anderem auch daran, da in seinem frheren epileptischen
Zustande kurz vor jedem Anfall -- wenn der Anfall nicht in der Nacht,
nicht gerade im Schlafe kam -- ganz pltzlich mitten in der Trauer, in
der inneren Dunkelheit -- wie er es nannte -- des Bedrcktseins und der
Qual, sein Gehirn sich fr Augenblicke gleichsam blitzartig erhellte und
alle seine Lebenskrfte sich mit einem Schlage krampfhaft anspannten.
Die Empfindungen des Lebens, des Seins verzehnfachten sich in diesen
Augenblicken, und wenn sie vergangen waren, war alles nur wie ein Blitz
gewesen. Der Verstand und das Herz waren pltzlich von ungewhnlichem
Licht erfllt; alle Aufregung, alle Zweifel, alle Unruhe lste sich
gleichsam in eine hhere Ruhe auf, in eine Ruhe voll klarer,
harmonischer Freude und Hoffnung. Doch diese Augenblicke, diese
Lichtblicke waren erst nur eine Vorahnung jener einen Sekunde, in der
dann der Anfall eintrat -- lnger als eine Sekunde whrte es nie. Diese
Sekunde aber war unertrglich. Wenn er spter in bereits gesundem
Zustande ber diese Sekunde nachgedacht, hatte er sich sagen mssen, da
doch all diese Lichterscheinungen und Augenblicke eines hheren
Bewutseins und einer hheren Empfindung seines Ich, und folglich auch
eines hheren Seins, schlielich nichts anderes waren als eine
Unterbrechung des normalen Zustandes, als eben seine Krankheit; war aber
das der Fall, so konnte man es doch durchaus nicht als hheres Sein,
sondern im Gegenteil nur als ein sehr niedriges betrachten. Doch
dessenungeachtet kam er zu guter Letzt zu einer beraus paradoxen
Schlufolgerung: Nun, was tut denn das, da es Krankheit und unnormal
ist? entschied er schlielich, Was geht das mich an, ob es normal oder
nicht normal ist, wenn das Resultat, wenn die Empfindung des Augenblicks
in der Erinnerung an sie in gesundem Zustande mir als hchste Harmonie
und Schnheit erscheint, in mir bis dahin ungeahnte Gefhle erweckt,
Gre, Flle und Ewigkeit mich fhlen lt und mich mit allem ausshnt,
wie in einem begeisterten, gottschauenden Zusammenflieen mit der
hchsten Synthese des Lebens? Diese nebelhaften Ausdrcke fr seine
Gefhle erschienen ihm selbst sehr verstndlich, nur fand er sie noch
viel zu schwach. Da es aber tatschlich Schnheit und Gottschauen und
die hchste Synthese des Lebens war -- daran zweifelte er nicht, er
htte es berhaupt nicht vermocht, einen Zweifel auch nur zuzulassen.
Waren es doch keine Visionen von der Art, wie man sie nach dem Genu von
Haschisch, Opium oder Wein trumt, die die Vernunft vernichten und die
Seele verzerren, die unnormal und knstlich sind. Darber konnte er in
gesundem Zustande ganz objektiv urteilen. Diese Augenblicke waren
schlielich nichts anderes als eine unendliche Ausspannung des
Sichselbstempfindens -- wenn man diesen Zustand in einem Wort ausdrcken
soll -- oder der Erkenntnis, des Bewutseins eines im hchsten Grade
unmittelbaren Selbstgefhls. Wenn er in dem Augenblick, d. h. in jener
letzten bewuten Sekunde vor dem Anfall, sich noch deutlich und bewut
sagen konnte: Ja, fr diese Sekunde kann man das ganze Leben hingeben!
so mute diese Sekunde selbstverstndlich auch das ganze Leben wert
sein. brigens -- fr die Richtigkeit der Dialektik seiner
Schlufolgerung stand er nicht ein: die geistige Stumpfheit, die
seelische Dunkelheit, der Idiotismus standen als Folgen dieser
hchsten Sekunde nur zu deutlich in seiner Erinnerung, und so htte er
natrlich nicht versucht, seine Auffassung im Ernst zu verteidigen. Es
mute also in seiner Folgerung, in seiner Einschtzung dieses
Augenblicks doch irgendwo ein Fehler sein, ein Versehen vielleicht, aber
die Wirklichkeit der Empfindung war nun einmal Tatsache, und ihren
Eindruck konnte und wollte er nicht herabsetzen. In diesem Augenblick
glaube ich jenes ungeheuere Wort zu verstehen, da >die Zeit nicht mehr
sein wird<, hatte er einmal in Moskau zu Rogoshin gesagt. Und lchelnd
hatte er noch hinzugefgt: Wahrscheinlich ist es dieselbe Sekunde, in
der der bis zum Rande mit Wasser gefllte Krug des Epileptikers Mohammed
umstrzte und doch nicht Zeit hatte, berzuflieen, whrend Mohammed in
derselben Sekunde alle Grten Allahs berschaute. Ja, in Moskau war er
oft mit Rogoshin zusammengekommen, und dann hatten sie fast nur davon
gesprochen.

Rogoshin sagte vorhin, da ich damals sein Bruder gewesen sei ... Das
hat er heute zum erstenmal gesagt, dachte der Frst bei sich.

Als er daran dachte, sa er auf einer Bank, unter einem Baume im
Sommergarten[15]. Es war gegen sieben Uhr und der Garten schon ganz
menschenleer; etwas Dunkles schob sich fr einen Augenblick vor die
untergehende Sonne. Es war schwl; ... in der Ferne zog ein Gewitter
herauf. Der Frst befand sich in einer Stimmung, die seine Gedanken
immer wieder auf einen gewissen Weg zu locken schien, und deshalb
heftete er instinktmig sein Denken an jeden ueren Gegenstand, der
ihm auffiel oder im Laufe des Tages aufgefallen war, und dieses Spiel
gefiel ihm. Es war ihm, als wollte er etwas vergessen, etwas
Gegenwrtiges, Drohendes, -- doch schon beim ersten Blick ringsum
erkannte er in sich wieder seinen dunklen Gedanken, diesen Gedanken, den
er doch um jeden Preis loswerden wollte. Er zwang sich, daran zu denken,
was er in der Wage mit dem Oberkellner ber einen sehr seltsamen Mord,
der in letzter Zeit viel von sich reden gemacht, eigentlich gesprochen
hatte. Doch kaum begann er daran zu denken, als pltzlich schon wieder
etwas Sonderbares mit ihm geschah: ein allmchtiger, unbezwingbarer
Wunsch, der fast wie eine teuflische Versuchung war, umkrallte pltzlich
seinen ganzen Willen. Er erhob sich von der Bank und ging aus dem Garten
geradeswegs zur Petersburger Seite[16]. Als er vorhin am Newakai
gestanden, hatte er sich von einem Vorbergehenden den Weg dorthin
zeigen lassen, doch war er damals nicht hingegangen. Es wre ja auch
ganz zwecklos gewesen, hinzugehen, das wute er. Die Adresse war ihm
bekannt, und das Haus der Verwandten Lebedeffs htte er bald gefunden;
doch was half das, wenn er fast genau wute, da er sie nicht zu Hause
antreffen wrde?

Bestimmt ist sie nach Pawlowsk gefahren, sonst htte Kolj nach der
Verabredung eine Nachricht in der >Wage< hinterlassen. Wenn er aber
jetzt dennoch hinging, so tat er es natrlich nicht, um sie zu sehen.
Eine andere dunkle und qulende Neugier lockte ihn dahin. Es war ihm
pltzlich ein neuer Gedanke gekommen ...

Vorlufig gengte es ihm vollkommen, da er ging und da er wute, wohin
er ging. Doch kaum war eine Minute verstrichen, und er wute nicht mehr,
wohin er ging; er empfand es berhaupt nicht, da er sich weiterbewegte.
An seinen neuen Gedanken zu denken, ekelte ihn und wurde ihm ganz
unmglich. Mit qualvoll angespannter Aufmerksamkeit begann er alles zu
betrachten, was ihm in den Weg kam, oder er betrachtete den Himmel, die
Newa. Ein kleines Kind, das ihm begegnete, redete er an. Vielleicht war
es nur die epileptische Spannung, die immer grer in ihm wurde.

Das Gewitter schien in der Tat, wenn auch nur langsam, heraufzuziehen.
In der Ferne hrte man bisweilen ein dumpfes Grollen. Es war
unertrglich schwl ...

Aus irgendeinem Grunde mute er jetzt fortwhrend an den Neffen
Lebedeffs denken, den er am Vormittage gesehen hatte -- wie einen
bisweilen ein dummes, musikalisches Motiv verfolgt, das man auf keine
Weise loswerden kann, auch wenn es einem schon bis zur belkeit
langweilig geworden ist. Das Sonderbarste daran war aber, da dieser
Neffe ihm immer als jener Mrder erschien, als den Lebedeff ihn
vorgestellt hatte. Von diesem Mrder hatte er noch vor ein paar Tagen
gelesen. berhaupt hatte er viel von derartigen Geschehnissen gelesen,
seitdem er wieder in Ruland war; er verfolgte alle diese Dinge sehr
gespannt. Und in der Wage hatte er mit dem Oberkellner sehr
interessiert ber die Ermordung der Familie Shemarin gesprochen. Der
Oberkellner war ganz seiner Meinung gewesen, dessen entsann er sich. Er
dachte an den Eindruck, den dieser Oberkellner auf ihn gemacht hatte: es
war das ein nicht dummer Bursche, solide und vorsichtig, -- brigens
... Gott wei, was er sein kann ... es ist schwer in einem neuen Lande
neue Menschen zu durchschauen. An die russische Seele begann er
brigens leidenschaftlich zu glauben. Oh, viel, viel fr ihn ganz Neues,
Ungeahntes, Unerhrtes, Unerwartetes hatte er in diesen sechs Monaten
ertragen! Doch eine fremde Seele bleibt stets ein Rtsel, und auch die
russische Seele ist ein Rtsel, fr viele ein Rtsel. Da war er nun
lange Zeit so oft mit Rogoshin zusammengekommen, wie Brder waren sie
zueinander gewesen, und dennoch -- kannte er Rogoshin? -- Was ist das
hier alles fr ein Chaos, welch ein Durcheinander, welch eine Unordnung!
Was doch dieser Neffe Lebedeffs fr ein unsympathischer und
selbstzufriedener Bengel ist! brigens, was fllt mir ein! fuhr der
Frst in seinem Gedankengang fort, er hat doch nicht diese Familie
ermordet, die sechs Menschen? Ich glaube, ich verwechsele alles ... wie
sonderbar das ist! Ich glaube, mein Kopf ist ganz wirr, es dreht sich
alles in ihm ... Was fr ein reizendes, sympathisches Gesicht doch die
lteste Tochter Lebedeffs hat, die dort mit dem Kinde stand, welch ein
unschuldiger, fast kindlicher Ausdruck in ihren Augen lag und dazu
dieses kindlich-heitere Lachen! Seltsam, da er dieses Gesicht fast
ganz vergessen hatte und es erst jetzt in seiner Erinnerung auftauchte.
Und Lebedeff, der sie mit den Fen trampelnd anschreit, vergttert
hchstwahrscheinlich alle seine Kinder. Und was sogar noch
wahrscheinlicher, was sogar ganz zweifellos Tatsache ist, das ist -- da
Lebedeff auch seinen Neffen vergttert!

brigens, wie kommt er darauf, ber sie alle ein endgltiges Urteil
fllen zu wollen, er, der erst heute hier eingetroffen ist? Nehmen wir
selbst diesen Lebedeff -- der hat ihm doch vorhin einfach ein Rtsel
aufgegeben: htte er denn frher jemals einen solchen Lebedeff fr
mglich gehalten? Lebedeff und die Dubarry -- Heiliger Vater! Wenn
Rogoshin mordet, so wird er wenigstens nicht so unanstndig morden. Es
wird nicht dieses Chaos sein. Eine nach eigener Zeichnung bestellte
Mordwaffe und sechs Menschen, alle sechs vorher in bewutlosem Zustande!
Hat denn Rogoshin eine nach eigener Zeichnung bestellte Mordwaffe ... er
hat ... aber ... steht es denn fest, da Rogoshin morden wird?! fragte
sich der Frst, pltzlich zusammenzuckend. Ist es nicht ein Verbrechen,
eine Schndlichkeit, eine Niedertracht meinerseits, so zynisch offen
eine solche Annahme auch nur in Gedanken zuzulassen? rief er innerlich,
und die Rte der Scham stieg ihm jh ins Gesicht. Wie von einem Schlage
getroffen blieb er stehen, und mit einem Schlage stand auch deutlich vor
seinem geistigen Auge der Bahnhof der Zarskoje-Sselo-Bahn, von wo aus er
nach Pawlowsk hatte fahren wollen, dann der Nikolaibahnhof am Morgen bei
der Ankunft und die direkte Frage an Rogoshin in betreff der Augen und
dann das Kreuz Rogoshins, das er jetzt auf seiner Brust trug und der
Segen der alten Mutter Rogoshins, zu der ihn jener selbst gefhrt hatte,
und dann die letzte krampfhafte Umarmung und pltzlich der Verzicht
Rogoshins, vorhin, auf der Treppe -- und nach alledem mute er sich nun
immerwhrend darauf ertappen, da er irgend etwas in seiner Umgebung
gleichsam suchte, -- und dann jenes Schaufenster und jener eine
Gegenstand ... welch eine Gemeinheit von ihm! Und nach alledem geht er
jetzt mit einer besonderen Absicht und einem besonderen pltzlichen
Gedanken dorthin. Verzweiflung und Qual erfate seine ganze Seele. Er
wollte sofort umkehren und in sein Hotel zurckgehen; er wandte sich
auch schon um und ging, doch nach einer Minute blieb er stehen, dachte
nach, wandte sich wieder um und setzte seinen frheren Weg fort.

Da sah er, da er bereits auf der Petersburger Seite war, und da es
zu dem Hause der Verwandten Lebedeffs nicht mehr weit sein konnte. Ging
er doch jetzt nicht mehr mit der frheren Absicht hin, nicht mehr mit
seinem besonderen Gedanken! Wie ging das zu? Ja, seine Krankheit kehrt
wieder, daran kann er nicht mehr zweifeln; vielleicht wird er heute noch
einen Anfall haben? Deshalb auch diese ganze Dunkelheit innerlich,
deshalb auch dieser pltzliche Gedanke, diese neue Idee! Jetzt ist das
Dunkel zerstreut, der Dmon vertrieben, alle Zweifel sind aufgehoben, in
seinem Herzen ist Freude! Und -- er hat _sie_ so lange nicht gesehen, er
mu sie schnell sehen und ... ja, er mchte jetzt Rogoshin treffen, er
wrde ihn bei der Hand nehmen, und sie wrden beide zusammen gehen ...
Sein Herz ist rein. Ist er denn Rogoshins Nebenbuhler? Morgen wird er zu
Rogoshin gehen und ihm sagen, da er bei ihr gewesen; war er doch
herbeigeeilt, wie Rogoshin vorhin sagte, nur um sie zu sehen! Vielleicht
wird er sie doch antreffen; es steht ja noch gar nicht fest, da sie
nach Pawlowsk gefahren ist!

Ja, es mu jetzt vor allen Dingen Klarheit geschaffen werden, damit sich
alle ber alle klar seien, damit es in der Leidenschaft nicht wieder zu
solchen erschreckenden Verzichten kommt, wie heute, als Rogoshin auf sie
verzichtete und sie ihm abtrat ... Ja, es mu das alles frei geschehen,
frei und ... licht. Ist denn Rogoshin unfhig zu einem Leben im Lichten?
Er sagt, er liebe sie nicht so, empfinde kein Mitleid wie ich.
Allerdings fgte er dann noch hinzu: Dein Mitleid ist vielleicht noch
grer als meine Liebe, -- aber er verleumdet sich ja doch nur. Hm! ...
Rogoshin liest Bcher, -- ist denn das nicht Mitleid, nicht der Anfang
des Mitleids? Beweist denn nicht schon dieses eine Buch auf seinem
Tisch, da er sein Verhltnis zu _ihr_ vollkommen begreift? Und was er
vorhin erzhlte? Nein, das ist tiefer als bloe Leidenschaft. Und kann
denn ihr Gesicht nur Leidenschaft allein erwecken? Und noch dazu jetzt,
so wie es jetzt ist? Mitleid erweckt es, die ganze Seele nimmt es
gefangen, es ... Brennende, qulende Erinnerung durchzuckte pltzlich
das Herz des Frsten.

Ja, qulend war die Erinnerung. Er mute daran denken, wie er sich
berzeugt hatte, da sie ja doch ganz von Sinnen war. Er war damals der
Verzweiflung nahe gewesen. Und wie hatte er sie damals verlassen knnen,
als sie von ihm zu Rogoshin gelaufen war? Seine Pflicht wre es gewesen,
ihr nachzueilen, nicht aber, auf Nachrichten zu warten. Aber ... sollte
Rogoshin noch immer nicht bemerkt haben, da sie von Sinnen ist? Hm! ...
Rogoshin vermutet in allem andere Ursachen, in allem vermutet er
Leidenschaft. Und was das doch fr eine sinnlose Eifersucht ist! Was
wollte er vorhin mit seiner Annahme sagen? (Der Frst errtete
pltzlich, und es war ihm, als ob etwas in seinem Herzen erzitterte.)

Doch wozu daran denken? Sowohl Rogoshin wie sie -- beide waren sie
wahnsinnig. Da aber er, der Frst, diese Frau leidenschaftlich lieben
sollte -- das war ja ganz undenkbar, das wre ja fast eine Grausamkeit,
eine Unmenschlichkeit gewesen. Ja, ja! Nein, Rogoshin verleumdet sich
selbst: er hat ein groes, ein so groes Herz, ein Herz, das leiden und
auch Mitleid zu empfinden vermag. Wenn er erst die ganze Wahrheit
erfahren wird, wenn er erst sehen wird, was fr ein armes Geschpf
dieses beschimpfte und erniedrigte, halb wahnsinnige Weib ist, -- wird
er ihr dann nicht alles verzeihen, alle Qualen, die er durch sie
gelitten? Wird er dann nicht ihr Diener, ihr Bruder, ihr Freund, ihre
Vorsehung werden? Das Mitleid wird ihn lehren und lenken. Das Mitleid
ist ja doch das erste und vielleicht auch einzige Daseinsgesetz der
ganzen Menschheit. Oh, wie unverzeihlich und unehrenhaft seine Schuld
Rogoshin gegenber war! Nein, nicht die russische Seele ist ein Rtsel,
sondern seine eigene Seele mute ein Rtsel sein, wenn er einen so
schndlichen, so entsetzlichen Verdacht hegen konnte. Fr ein paar warme
herzliche Worte, die er in Moskau zu ihm gesprochen, nennt ihn Rogoshin
bereits seinen Bruder, er aber ... Doch das ist ja alles nur Krankheit,
nur Fieber! Es wird sich ja alles bald entscheiden! ... Wie finster doch
Rogoshin vorhin gesagt hatte, da sein Glaube vergehe! Nein, dieser
Mensch mu sich unsglich qulen. Er sagt, er liebe es, dieses Bild zu
betrachten; das heit, er liebt es nicht, aber er empfindet das
Bedrfnis, es zu betrachten. Rogoshin ist nicht nur ein
Leidenschaftsmensch, er ist -- ein Kmpfer! Ja, ein Kmpfer ist er: wenn
nicht anders, dann mit Gewalt den verlorenen Glauben wiedergewinnen, das
will er. Und den Glauben, nach dem verlangt es ihn jetzt bis zur Pein
... Ja, an etwas glauben! An jemand glauben! Aber wie sonderbar doch
diese Holbeinsche Kreuzabnahme ist ... Ah, da ist die Strae! Da ist
auch wahrscheinlich schon das Haus ... Richtig: Nr. 16. Haus der
Kollegien-Sekretrin Filissoff. Das ist es!

Der Frst zog die Klingel und fragte nach Nastassja Filippowna.

Die Hausbesitzerin, die ihm selbst geffnet hatte, teilte ihm mit, da
Nastassja Filippowna bereits am Morgen nach Pawlowsk zu Darja Alexejewna
gefahren sei -- und es ist mglich, da sie etliche Tage daselbst
verbleibt, fgte sie mitteilsam hinzu.

Die Filissowa war ein mageres, spitzes Dmchen von etwa vierzig Jahren,
mit spitzem Gesicht und scharfen Augen, die den Frsten listig und
aufmerksam musterten. Auf ihre Frage, mit wem sie denn die Ehre habe
-- sie hatte gleichsam mit Absicht so gefragt, als handle es sich um ein
groes Geheimnis -- wollte der Frst eigentlich nicht gern antworten,
und er wandte sich bereits zum Fortgehen; doch besann er sich sogleich,
nannte seinen Namen und bat sie, Nastassja Filippowna von seinem Besuch
in Kenntnis zu setzen. Die Filissowa horchte auf und machte ein hchst
geheimnisvolles Gesicht, als htte sie damit sagen wollen: I, ich
verstehe schon, seien Sie unbesorgt! Der Name des Frsten hatte
offenbar groen Eindruck auf sie gemacht. Der Frst blickte sie nur
zerstreut an, wandte sich dann um und kehrte auf die Strae zurck. Doch
als er das Haus verlie, sah er anders aus als beim Eintritt in
dasselbe. Es war in ihm wieder eine Vernderung vor sich gegangen, und
wieder war es in einer einzigen Sekunde geschehen: wieder war er bleich,
mde, geqult und erregt; seine Knie zitterten und ein unstetes, trbes
Lcheln lie seine blau gewordenen Lippen hin und wieder zucken: sein
pltzlicher Gedanke hatte sich pltzlich besttigt, es hatte also
seine Richtigkeit damit, und -- wieder glaubte er an seinen Dmon!

Aber hatte er sich auch wirklich besttigt? Hatte es wirklich seine
Richtigkeit damit? Weshalb zitterte er denn jetzt wieder? Woher kam
dieser kalte Schwei auf der Stirn, diese Dunkelheit und Klte in der
Seele? Weil er soeben wieder jene _Augen_ gesehen? Aber er war ja doch
nur deshalb aus dem Sommergarten hergekommen, um sie zu sehen! Das war
ja doch sein ganzer pltzlicher Gedanke gewesen. Er hatte unbedingt,
unbedingt jene Augen sehen wollen, um sich endgltig zu berzeugen,
da er sie unfehlbar _dort_, bei jenem Hause sehen wrde. Dieser
krampfhafte Wunsch hatte ihn hergefhrt, -- weshalb ist er denn jetzt so
zermalmt, nachdem er sie nun auch wirklich gesehen? Ganz als htte er es
nicht erwartet! Ja, es waren _dieselben_ Augen -- da es tatschlich
_dieselben_ waren, darber konnte kein Zweifel bestehen! -- _dieselben_,
die in der drngenden Volksmenge pltzlich aufblitzend starr ihn
angesehen hatten, als er aus dem Kupee gestiegen war; _dieselben_
(genau, genau dieselben!), deren Blick er vorhin auf sich ruhen gefhlt,
die Augen dicht hinter seinen Schultern, als er bei Rogoshin im Begriff
gewesen war, sich zu setzen. Rogoshin hatte geleugnet, hatte nur mit
ironischem, eisigem Lcheln gefragt: Wessen Augen waren's denn? Und
der Frst hatte noch vor kurzem -- als er sich auf dem Bahnhof der
Zarskoje-Sselo-Bahn ins Kupee gesetzt, um zu Aglaja zu fahren, und
pltzlich wieder diese Augen sah, bereits zum drittenmal an diesem Tage
-- auf Rogoshin zugehen und _ihm_ sagen wollen, wessen Augen es waren!
Statt dessen war er aus dem Bahnhof hinausgeeilt und erst vor dem
Schaufenster jener Messerhandlung halbwegs zur Besinnung gekommen, als
er dort stehen geblieben war und halb unbewut einen Gegenstand mit
einem Hirschhorngriff auf sechzig Kopeken geschtzt hatte. Der seltsame,
grauenvolle Dmon heftete sich endgltig an ihn und wollte ihn nicht
mehr verlassen. Dieser Dmon hatte ihm im Sommergarten, als er
gedankenverloren unter der Linde gesessen, pltzlich zugeflstert, da
Rogoshin, wenn er es fr ntig fand, ihn seit dem Morgen zu verfolgen,
sich gleichsam an seine Fersen zu heften, dann doch sicherlich nach der
Feststellung, da der Frst nicht nach Pawlowsk fuhr (was fr Rogoshin
natrlich von verhngnisvoller Bedeutung war), ganz zweifellos _dorthin_
gehen wrde, zu jenem Hause auf der Petersburger Seite, um dort den
Frsten zu erwarten, der ihm doch noch am Vormittage sein Ehrenwort
gegeben, da er sie nicht sehen werde und nicht deshalb nach
Petersburg gekommen sei. Und dennoch -- wie im Krampf war er zu jenem
Hause gestrebt. Und was ist denn dabei, da er dort tatschlich Rogoshin
antraf? Er hatte doch nur einen unglcklichen Menschen gesehen, dessen
Seelenzustand dunkel und dster, doch nichtsdestoweniger nur zu
verstndlich war. Dieser unglckliche Mensch hatte sich jetzt nicht
einmal mehr versteckt. Ja, Rogoshin hatte, als er ihn nach jenen Augen
gefragt, geschwiegen und nicht die Wahrheit gesagt, doch auf dem
Bahnsteig der Zarskoje-Sselo-Bahn hatte er, fast ohne sich verbergen zu
wollen, dagestanden; eher war sogar er es gewesen, der Frst, der sich
verborgen hatte, nicht aber Rogoshin. Jetzt aber, bei jenem Hause, hatte
er auf der anderen Seite der Strae gestanden, vielleicht fnfzig
Schritt entfernt, schrg gegenber dem Hause; auf dem Trottoir hatte er
gestanden, die Arme ber der Brust verschrnkt, und gewartet. Hier hatte
er frei gestanden, allen sichtbar, und offenbar hatte er mit Absicht
gewollt, da der Frst ihn she. Wie ein Anklger und Richter hatte er
dort gestanden und nicht wie ... Nicht wie wer?

Aber weshalb war er, der Frst, denn nicht auf ihn zugegangen? Weshalb
hatte er sich von ihm abgewandt, als htte er ihn nicht bemerkt, obschon
ihre Blicke sich begegnet waren? (Ja, ihre Blicke waren sich begegnet,
und sie hatten einander in die Augen gesehen.) Hatte er doch noch vor
kurzem selbst den Wunsch gehabt, Rogoshin bei der Hand zu nehmen und mit
ihm zusammen _dorthin_ zu gehen? Hatte er doch selbst morgen zu ihm
gehen und ihm sagen wollen, da er bei ihr gewesen war? Hatte er sich
doch selbst von seinem Dmon losgesagt, noch auf dem halben Wege
dorthin, als pltzlich Freude seine ganze Seele erfllt hatte. Oder war
in Rogoshin tatschlich irgend etwas gewesen, in der ganzen _heutigen_
Erscheinung dieses Menschen, in der Gesamtheit seiner Worte, Bewegungen,
Handlungen, Blicke, das die entsetzlichen Vorahnungen des Frsten und
die furchtbaren Einflsterungen seines Dmons rechtfertigen konnte?
Irgend etwas, das man vielleicht ganz unbewut, ganz von selbst sieht,
das sich aber schwer analysieren oder in Worten ausdrcken lt, und
das, wenn man es auch tausendmal nicht begrnden kann, dennoch einen
vollkommen in sich abgeschlossenen und unwiderstehlichen Eindruck macht,
der ganz unwillkrlich zur vollen berzeugung auswchst? ...

berzeugung? -- Zu was fr einer berzeugung? (Oh, wie die
Ungeheuerlichkeit dieser erniedrigenden berzeugung, dieser niedrigen
Vorahnung den Frsten qulte, und wie bittere Vorwrfe er sich
ihretwegen machte!) So sag' es doch, wenn du es wagst, was das fr eine
berzeugung ist? sagte er immer wieder herausfordernd zu sich selbst,
formuliere, wage es doch, deinen ganzen Gedanken klar, treffend, ohne
zu zgern, auszusprechen! Oh, ein Ehrloser bin ich! rief er verzweifelt
aus, und die Rte der Scham stieg ihm ins Gesicht. Mit welchen Augen
werde ich jetzt mein Leben lang auf diesen Menschen sehen! Was ist das
heute fr ein Tag! Gott, welch ein Alpdruck!

Whrend der Frst den langen Weg von der Petersburger Seite bis zu
seinem Gasthof zurcklegte, berkam ihn in einem Augenblick pltzlich
der unbezwingbare Wunsch, sogleich zu Rogoshin zu gehen, ihn zu
erwarten, beschmt und unter Trnen zu umarmen und ihm alles zu sagen,
alles, alles. Doch da war er bereits bei seinem Gasthof angelangt. Das
ganze Haus, die Korridore, seine Nummer hatten ihm schon auf den ersten
Blick unsglich mifallen, und im Laufe des Tages hatte er mehr als
einmal mit ganz besonderem Widerwillen daran gedacht, da er ja doch
noch hierher wrde zurckkehren mssen ... Aber was ist heute mit mir,
ich fange ja wahrhaftig an, wie eine kranke Frau an jedes Vorgefhl zu
glauben! dachte er mit gereiztem Spott und blieb vor dem Haustor
stehen: ihm fiel pltzlich ein heute gesehener Gegenstand ein, doch
dachte er kalt, mit vollem Bewutsein an ihn, nicht wie unter einem
Alpdruck: er entsann sich pltzlich des Messers auf Rogoshins Tisch.
Nein, aber weshalb darf denn Rogoshin nicht so viele Messer auf dem
Tisch haben, wie er will? dachte er verwundert ber sich selbst, und im
selben Augenblick fhlte er, wie er erstarrte: ihm war sein
Stehenbleiben vor dem Schaufenster der Messerhandlung eingefallen. Aber
was hat denn das damit zu tun ... rief er aus, doch pltzlich brach er
ab. Wie eine jeden Widerstand verschlingende Welle berkam ihn von neuem
das Schamgefhl, das diesmal fast an Verzweiflung grenzte, und bannte
ihn an den Fleck, wo er stand -- als er gerade im Begriff war, durch das
Haustor einzutreten. Er stand eine Weile wie erstarrt. So pflegt es
bisweilen Leuten zu ergehen: pltzliche, berwltigende Erinnerungen,
namentlich wenn diese noch ein heies Schamgefhl in ihnen erwecken,
machen sie fr einen Augenblick gleichsam erstarren. Ja, ich bin ein
herzloser Mensch und ein Feigling! sagte der Frst dster zu sich
selbst und machte eine hastige Bewegung, wie um weiterzugehen, doch ...
Da blieb er pltzlich wieder wie gebannt stehen.

In dem Torweg, wo es sonst ohnehin schon dunkel war, wurde es in diesem
Augenblick ganz finster: die mittlerweile heraufgezogene Gewitterwolke
hatte den letzten Abendschein verdunkelt, und, als der Frst in den
Torweg trat, fielen die ersten groen Tropfen, denen sofort ein
strmender Gewitterregen folgte. Doch in derselben Sekunde, in der er
nach seinem momentanen Stehenbleiben hastig einen Schritt vortrat -- er
befand sich noch am Eingang auf der Strae und trat erst durchs Tor --,
sah er pltzlich im dunklen Hintergrunde des Torwegs, dort wo die Treppe
begann, einen Menschen. Dieser Mensch schien auf irgend etwas gewartet
zu haben, doch als der Frst im Tor erschien, bewegte er sich schnell
zur Seite und verschwand. Der Frst hatte ihn kaum gesehen und htte
natrlich nicht sagen knnen, wer es gewesen war -- zudem war das hier
ein Gasthof, und es gingen doch fortwhrend Menschen ein und aus --,
aber nichtsdestoweniger war er pltzlich fest berzeugt, da er diesen
Menschen erkannt habe, und da dieser Mensch kein anderer als Rogoshin
war. In demselben Augenblick strzte der Frst ihm nach auf die Treppe.
Das Herz stand ihm still. Sogleich wird sich alles entscheiden! dachte
er bei sich in seltsamer berzeugung.

Die Treppe, die der Frst hinaufeilte, und die zu den Korridoren des
ersten und zweiten Stockwerkes fhrte, war wie in fast allen alten
Petersburger Husern eine schmale, dunkle, steinerne Wendeltreppe, die
sich um einen dicken, steinernen Pfeiler wand. Auf dem ersten
Treppenabsatz befand sich in diesem breiten, steinernen Pfeiler eine Art
Nische; sie war etwa einen Schritt breit und einen halben Schritt tief
-- jedenfalls htte ein Mensch sich hier verbergen knnen. Wie dunkel es
auch war, so konnte der Frst doch sofort, als er den Treppenabsatz
erreicht hatte, erkennen, da der Mensch sich hier in der Nische aus
irgendeinem Grunde verbarg. Der Frst wollte zuerst vorbergehen, ohne
nach rechts zu sehen, er machte bereits einen Schritt weiter -- doch da
hielt er es pltzlich nicht aus und wandte sich zurck zur Nische.

Zwei Augen, _dieselben_ Augen, die ihn den ganzen Tag verfolgt hatten,
begegneten seinem Blick. Der Mensch, der sich in der Nische verborgen
hatte, war gleichfalls schon einen Schritt vorgetreten. Eine Sekunde
lang standen sie sich dicht gegenber. Pltzlich packte der Frst ihn an
den Schultern und kehrte ihn zurck zur Treppe, zum Licht: er wollte das
Gesicht sehen.

Rogoshins Augen funkelten ihn an, und ein irrsinniges Lcheln verzerrte
seine Lippen. Seine rechte Hand erhob sich, und es blitzte etwas in ihr;
der Frst dachte nicht daran, die Hand aufzuhalten. In der Erinnerung
schien es ihm spter, da er ausgerufen habe:

Parfen, ich glaub's nicht! ...

Dann war es ihm pltzlich, als tte sich etwas vor ihm auf:
unbeschreibliches, nie dagewesenes Licht erstrahlte in seinem Innern und
erhellte seine Seele. Das dauerte im ganzen vielleicht nur eine halbe
Sekunde, doch entsann er sich spter noch deutlich und bewut des
Anfangs, des ersten Tones jenes entsetzlichen Schreis, der sich
pltzlich ganz von selbst seiner Brust entrungen hatte, und den er mit
keiner Gewalt htte aufzuhalten, zu unterdrcken oder abzubrechen
vermocht. Dann schwand ihm momentan das Bewutsein und tiefe Finsternis
trat ein.

Es war ein epileptischer Anfall, wie er ihn lange nicht mehr gehabt.
Bekanntlich kommen solche Anflle ganz pltzlich, das Gesicht verzerrt
sich, namentlich der Blick ist entstellt, Krmpfe und Zuckungen erfassen
den ganzen Krper und alle Gesichtszge zucken. Ein entsetzlicher, mit
nichts vergleichbarer Schrei, der vielleicht entfernt an das Brllen
eines Tieres gemahnt, entringt sich der Brust; in diesem Schrei
verschwindet gleichsam alles Menschliche, und einem Beobachter ist es
ganz unmglich, sich vorzustellen, da es wirklich ein Mensch ist, der
da schreit. Es scheint vielmehr, da jemand anderes es tut, einer, der
sich im Innern dieses Menschen befindet. Wenigstens haben viele mit
diesen Worten ihren Eindruck geschildert; in vielen ruft der Anblick
eines Menschen im epileptischen Anfall entschieden unertrgliches
Entsetzen hervor, ein Entsetzen, dem sogar etwas Mystisches anhaftet. Es
ist anzunehmen, da der unheimliche Schrei des Frsten und das durch ihn
hervorgerufene pltzliche Entsetzen Rogoshin im Augenblick erstarren
machte, und das war's, was den Frsten vor dem Messer bewahrte, das der
andere bereits ber ihm erhoben hatte. Dann aber, als Rogoshin sah, da
der Frst pltzlich zurcktaumelte, rcklings die Treppe hinunterfiel
und sein Kopf krachend auf die steinernen Stufen schlug, da zuckte er
zusammen und strzte, ohne zu erraten, da es ein Anfall war, fast
besinnungslos die Treppe hinab, am Gefallenen vorber, hinaus auf die
Strae.

Von den krampfartigen Zuckungen und dem Umsichschlagen rutschte der
Krper des Kranken immer weiter die Treppe hinab, von Stufe zu Stufe,
von denen es bis zum Flur noch ganze fnfzehn waren. Sehr bald, schon
nach wenigen Minuten, bemerkte man den Liegenden, und in krzester Zeit
umstand ihn eine Menge Menschen. Die Blutlache, in der der Kopf lag,
flte Schrecken ein: Hat sich der Mensch selbst beschdigt, oder ist
ein Verbrechen geschehen? fragte man sich. Alsbald jedoch erkannten
einige an gewissen Anzeichen den epileptischen Anfall. Einer von den
Hotelgsten erinnerte sich, den Liegenden am Morgen im Korridor gesehen
zu haben. Der Unbekannte mute also hier abgestiegen sein. Durch einen
Zufall klrte sich die Ungewiheit sehr schnell auf.

Kolj Iwolgin, der versprochen hatte, bis halb vier Uhr in der Wage zu
sein, statt dessen aber nach Pawlowsk gefahren war, hatte aus
irgendeinem Grunde dort abgelehnt, zu Tisch zu bleiben, und war nach
Petersburg zurckgekehrt, wo er um sieben Uhr in der Wage eintraf. Der
Frst hatte an ihn einen Zettel mit seiner Adresse hinterlassen, und so
war Kolj sogleich in jenen Gasthof geeilt, wo ihm gesagt worden war,
da der Frst noch nicht zurckgekehrt sei. Darauf hatte sich Kolj in
das Bfettzimmer begeben, um dort bei einer Tasse Tee und den Klngen
eines Polyphons auf den Frsten zu warten. Als er dann zufllig von
einem epileptischen Anfall reden hrte, den soeben jemand von den im
Gasthof Abgestiegenen gehabt habe, eilte er, von einer gewissen
Vorahnung getrieben, schnell hinaus und erkannte in dem Liegenden den
Frsten. Nun wurden sogleich Vorkehrungen getroffen, und vorsichtig trug
man den Frsten hinauf in sein Zimmer. Er erwachte schon recht bald;
doch dauerte es noch ziemlich lange, bis er das volle Bewutsein
wiedererlangte. Der Arzt, der den verletzten Kopf untersuchte, hatte
bereits Wundwatte mitgebracht und empfahl kalte Kompressen, erklrte
aber die Verletzung fr durchaus ungefhrlich. Als der Frst ungefhr
nach einer Stunde seine Umgebung langsam zu erkennen begann, brachte ihn
Kolj in einem Wagen zu Lebedeff. Dieser empfing den Kranken mit seinem
ganzen Diensteifer, gerhrt und freudig zugleich. Seinetwegen
beschleunigte er auch die bersiedelung nach Pawlowsk: schon am dritten
Tage waren sie alle auf der Datsche.


                                  VI.

Lebedeffs Landhaus war nicht gro, dafr aber hbsch, und sogar sehr
bequem gebaut. Namentlich jener Teil des Hauses, der zum Vermieten
bestimmt war, zeichnete sich durch besonderen Schmuck aus. Auf der recht
gerumigen Terrasse, ber die man von den nicht weit vorberfhrenden
Parkwegen in die Wohnrume gelangte, standen in groen grnen Kbeln
mehrere Pomeranzen-, Zitronen- und Jasminbume, die nach Lebedeffs
Meinung den Gesamteindruck der Villa zu einem geradezu verfhrerischen
machten. Diese Bume hatte er zum Teil mit dem Landhaus zusammen
erstanden, und da sie ihm so ungemein gefielen, hatte er sich
entschlossen, auf einer Auktion noch etliche solcher Bumchen zur
Erhhung des wundervollen Effektes in gleichfalls grnen Kbeln zu
billigem Preise hinzuzukaufen. Als dann endlich alle Bumchen auf der
Datsche angelangt und symmetrisch auf der Terrasse aufgestellt waren,
lief Lebedeff an jenem Tage alle fnf Minuten die paar Stufen der
Terrasse hinunter, um sich von der Strae aus am Anblick seines Besitzes
zu erfreuen, wobei er jedesmal in Gedanken die Summe erhhte, die er von
seinem knftigen Datschenmieter verlangen wrde. Dem Frsten, der sich
nach dem Anfall mde, geschwcht, bedrckt und krperlich wie
zerschlagen fhlte, gefiel die Villa sehr. brigens hatte der Frst am
Tage der bersiedelung nach Pawlowsk uerlich bereits das Aussehen
eines fast vllig Gesunden, wenn er sich auch innerlich immer noch sehr
angegriffen fhlte. Es war ihm in diesen drei Tagen besonders angenehm
gewesen, Menschen um sich zu haben: er freute sich ber Koljs
Anwesenheit, der fast ununterbrochen bei ihm sa, freute sich ber die
ganze Familie Lebedeff -- ohne den Neffen, der irgendwohin verschwunden
war -- und empfing sogar mit Vergngen den alten General Iwolgin, der
ihm schon am zweiten Tage seine Aufwartung machte. Am Tage der
bersiedelung versammelte sich um ihn auf der Terrasse eine ganze Schar
von Bekannten, die sich alle nach seinem Befinden erkundigen wollten!
Zuerst kam Ganj, der sich so verndert hatte und so abgemagert war, da
der Frst ihn kaum wiedererkannte. Darauf erschienen Warj und Ptizyn,
die gleichfalls in Pawlowsk ihr eigenes Landhaus besaen. General
Iwolgin dagegen schien sich bei Lebedeff ganz und gar einquartiert zu
haben, ja, er hatte sogar allem Anschein nach nur zu dem Zweck
Petersburg verlassen. Lebedeff bemhte sich freilich aus allen Krften,
ihn vom Frsten fernzuhalten, ging aber sonst ganz freundschaftlich mit
ihm um, offenbar waren sie schon lange mit einander bekannt. In den
letzten drei Tagen hatte der Frst bemerkt, da sie mitunter lange
Gesprche fhrten, nicht selten im Eifer des Disputs sogar schrien und
zeterten, und zwar schien es sich dann gewhnlich um wissenschaftliche
Probleme zu handeln, die Lebedeff offenbar mit besonderem Vergngen
errterte. Ja, man konnte sogar glauben, da ihm der General zu dieser
dialektischen Gymnastik einfach unentbehrlich war.

Leider erstreckte Lebedeff seine Vorsichtsmaregeln auf Grund der
Schonungsbedrftigkeit des Frsten auch auf alle anderen Hausbewohner,
auf seine Kinder sowohl, wie auf jeden Gast. Sobald sich erstere in der
Nhe der Terrasse zeigten, strzte Lebedeff sofort wutschnaubend auf sie
los -- selbst mit Wjera, die stets das kleine Schwesterchen trug, machte
er keine Ausnahme -- und schrie sie trampelnd an, da sie auf der
Terrasse, wo sich der Frst gewhnlich aufhielt, nichts zu suchen
htten, obschon ihn dieser immer wieder bat, keinen Menschen von ihm
fernhalten zu wollen.

Erstens tu' ich es deshalb, weil sonst jede Ehrerbietung aufhrte, wenn
man sie so 'rumlaufen liee; und zweitens schickt es sich fr sie auch
gar nicht ... erklrte er schlielich auf die direkte Frage des
Frsten, weshalb er sie nicht zu ihm lie.

Aber warum denn nicht? wunderte sich der Frst. Ich versichere Sie,
da Sie mich mit diesem Aufpassen und Bewachen nur qulen. Ich habe
Ihnen doch gesagt, da ich mich oft langweile, wenn ich hier allein im
Freien sitze, Sie selbst aber fallen mir mit Ihren ewigen lebhaften
Gesten und dem Umherschleichen auf den Fuspitzen weit mehr auf die
Nerven.

Der Frst wollte ihm zu verstehen geben, da er ihn nur qule: er, der
alle anderen unter dem Vorwande der Ruhebedrftigkeit des Kranken
davonjagte, selbst dagegen fast alle Viertelstunden einmal zum Frsten
kam, wobei er jedesmal dasselbe Manver wiederholte, das er von
Ferdyschtschenko gelernt haben mute: hatte er die Tr aufgemacht, so
steckte er zuerst nur den Kopf durch die Spalte, betrachtete das Zimmer
und den Frsten -- ganz als htte er Angst gehabt, der Kranke knne am
Ende gar fortgelaufen sein, und als wolle er sich daher nur von seiner
Anwesenheit berzeugen -- und dann erst trat er vorsichtig auf den
Fuspitzen herein, um sich geradezu schleichend dem Frsten zu nhern,
so da er diesen oftmals wirklich erschreckte. Ewig erkundigte er sich
nach seinen Wnschen, und als der Frst ihn endlich bat, ihn doch nicht
immer zu belstigen, da machte er sofort gehorsam kehrt, schlich wieder
auf den Fuspitzen zur Tr, wobei er die ganze Zeit ngstlich abwehrend
die Hnde bewegte (was etwas an das Flgelschlagen einer Krhe
erinnerte), als htte er damit sagen wollen, da er ja kein Wort mehr
rede, er gehe ja schon und werde nicht mehr stren, um Gottes willen nie
mehr stren. Nach zehn Minuten aber -- oder sptestens einer
Viertelstunde -- ffnete sich wieder die Tr und Lebedeff steckte von
neuem den Kopf ins Zimmer. Da Kolj zu jeder Zeit beim Frsten
eintreten durfte, rief in Lebedeff tiefen Kummer und sogar gekrnkten
Unwillen hervor. Alsbald jedoch bemerkte Kolj, da Lebedeff bisweilen
eine halbe Stunde lang hinter der Tr stand und horchte, was im Zimmer
gesprochen wurde. Natrlich teilte er seine Entdeckung sofort dem
Frsten mit.

Sie scheinen mich ja frmlich als Ihren Privatbesitz zu betrachten und
hinter Schlo und Riegel halten zu wollen, protestierte der Frst. Ich
bitte Sie, doch wenigstens hier in der Sommerfrische Ihr Verhalten zu
ndern, und im brigen versichere ich Sie, da ich hier jeden Menschen,
wenn es mir pat, empfangen und zu jeder Zeit ganz nach meinem Gutdnken
ausgehen werde.

Aber ohne den allermindesten, den allerleisesten Zweifel! pflichtete
Lebedeff sogleich mit beschwichtigendem Handwinken bei.

Der Frst musterte ihn aufmerksam vom Kopf bis zu den Fen.

Sagen Sie mal, Lukjan Timofejewitsch, haben Sie Ihr Schrnkchen, das
Sie in Ihrer Petersburger Wohnung ber dem Bett hatten, bereits
hergeschafft?

Nein, das ist dort geblieben.

Was Sie sagen? Ist's mglich?

's geht nicht: man mte es aus der Wand herausbrechen ... zu fest, zu
fest.

Aber vielleicht haben Sie hier auch so ein Schrnkchen?

Sogar noch ein besseres, ein noch viel besseres, hab's mitsamt der
Datsche gekauft.

A--h! ... Wer war's, den Sie vorhin nicht zu mir hereinlassen wollten?
Vor etwa einer Stunde.

Das ... das war sozusagen der General. Allerdings: ich lie ihn nicht
zu Ihnen, das stimmt, und es ist auch besser so -- es schickt sich
nicht. Wissen Sie, Frst, ich achte diesen Menschen sehr hoch, jawohl,
er ist ... ist sozusagen ein durch und durch groartiger Mensch. Sie
glauben mir nicht? Nun, Sie werden selbst sehen, aber wie gesagt,
trotzdem -- besser ist besser, und ich sage Ihnen: es ist besser,
durchlauchtigster Frst, Sie empfangen ihn nicht bei sich.

So, und weshalb denn das, wenn man fragen darf? Und weshalb stehen Sie
jetzt wieder die ganze Zeit auf den Fuspitzen, Lebedeff, und weshalb
nhern Sie sich mir jedesmal, als wollten Sie mir ein ungeheures
Geheimnis mitteilen?

Gemein, gemein bin ich, ich fhl's ja selbst, war Lebedeffs
unerwartete Antwort, und reuig schlug er sich vor die Brust. Wird aber
der General nicht allzu gastfreundlich fr Sie sein?

Allzu gastfreundlich?

Jawohl ja. Erstens: wie ich merke, schickt er sich bereits an, sich bei
mir huslich niederzulassen. Na, das mag noch hingehen. Zweitens ist er
seinen Mitmenschen beraus zugetan, und das sogar in solchem bermae,
da er sich sofort jedem als Verwandten vorstellt. Wir beide haben uns
schon mehrmals klipp und klar bewiesen, da wir unbedingt verwandt sein
mssen, und wie er nun herausgetftelt hat, sind wir auch ber diese und
jene und noch eine dritte hinweg verschwgert. Also bon, mir soll's
recht sein. Aber auch Sie, Durchlauchtigster Frst, sind, wie er mir
ausfhrlich erklrt hat, mtterlicherseits der Neffe seiner Nichte --
hat's mir noch gestern mathematisch bewiesen. Sind Sie aber mit ihm
verwandt, so sind Sie es ja durch ihn auch mit mir, nach der neuen
Verfassung sozusagen. Aber was, das mag noch hingehen -- 'ne kleine
Schwche, wie gesagt, und weiter nichts. Aber soeben hat er mir
versichert, da er whrend seines ganzen Lebens, angefangen von seiner
Fhnrichszeit bis zum elften Juni vorigen Jahres, tglich niemals
weniger als zweihundert Personen zu Tisch gehabt habe. Schlielich
ging's sogar so weit, da sie berhaupt nicht mehr von den Sthlen
aufstanden, so da sie zirka dreiig Jahre lang tglich mindestens
fnfzehn Stunden zum Frhstck, zu Mittag und zu Abend bei ihm speisten
und zwischendurch noch Tee tranken! Und das wohlgemerkt! ohne die
geringste Unterbrechung, kaum da sie Zeit lieen, die Tischtcher zu
wechseln: der eine steht auf, geht fort, der andere kommt, setzt sich --
und an Fest- und Feiertagen gab es sogar _drei_hundert Menschen, und am
Tage der Feier des tausendjhrigen Bestehens des Russischen Reiches
zhlte er mir sogar _sieben_hundert vor! Das ist doch schauderhaft! So
etwas, bei Licht betrachtet, ist doch 'n schlimmes Zeichen! Und solche
Menschen bei sich zu empfangen, deren Gastfreundschaft mit einem so
endlosen Mastabe gemessen werden mu -- da--da--das ist doch mehr als
riskant! Nun, sehen Sie wohl, und deshalb dachte ich denn auch so bei
mir, ob er fr Sie vielleicht nicht gar zu gastfreundlich sein wrde?

Aber Sie selbst stehen sich doch mit ihm, wir mir scheint, sehr gut?

Wie Brder! Aber ich fa's ja auch nur als Scherz auf. Nun gut, wir
sind also verschwgert -- bon, mir soll's recht sein. Gereicht mir ja
nur zur Ehre. Und im brigen erkenne ich auch trotz der zweihundert
Personen und der Jahrtausendfeier unseres Vaterlandes einen
auergewhnlichen Menschen in ihm. Jawohl ja -- ich bin die
Aufrichtigkeit selbst. Sie, Frst, beliebten vorhin ein Wort ber
Geheimnisse fallen zu lassen, und zwar in dem Sinne, da ich mich Ihnen
jedesmal so nhere, als htte ich ein ungeheures Geheimnis mitzuteilen.
Damit haben Sie diesmal den Nagel auf den Kopf getroffen: ich bin
nmlich soeben tatschlich mit einem Geheimnis hergekommen. Die gewisse
Dame hat mich soeben wissen lassen, da sie mit Ihnen unbedingt ein
heimliches Zusammentreffen wnscht.

Weshalb denn ein heimliches? Das ist durchaus nicht ntig. Ich werde
selbst zu ihr hingehen, meinetwegen heute noch.

Um--um--um Gottes willen! winkte Lebedeff mit beiden Hnden ab. Und
sie frchtet ja gar nicht das, was Sie vielleicht denken! brigens: das
Ungeheuer kommt jeden Tag, um sich nach Ihrer Gesundheit zu erkundigen
-- wuten Sie das schon?

Sie nennen ihn etwas gar zu oft ein Ungeheuer, das kommt mir sehr
verdchtig vor.

Aber ich bitte Sie, hier kann doch von Verdacht gar nicht die Rede sein
... und im brigen wollte ich ja nur erklren, lenkte Lebedeff schnell
ab, da die betreffende Dame nicht ihn, sondern einen ganz anderen
Menschen frchtet, jawohl ...

Nun, wen denn? So sagen Sie doch endlich alles, was Sie zu sagen
haben, drngte der Frst ungeduldig, da ihn die Geheimnistuerei
Lebedeffs aufrichtig rgerte.

... Das ist aber eben das Geheimnis.

Und Lebedeff lchelte vielsagend.

Wessen Geheimnis?

Ihres, natrlich doch! Durchlauchtigster Frst, Sie werden sich doch
wohl dessen entsinnen, da Sie selbst mir verboten haben, auch nur mit
einem Wort davon zu sprechen, sagte Lebedeff wichtigtuend, und nachdem
er sich an der krankhaften Ungeduld des anderen genugsam geweidet hatte,
schlo er pltzlich ganz unerwartet: Sie frchtet Aglaja Iwanowna.

Der Frst runzelte die Stirn und schwieg eine Weile.

Bei Gott, Lebedeff, ich verlasse Ihre Villa, stie er mit einemmal
hervor. Wo sind Gawrila Ardalionytsch und Ptizyns? Bei Ihnen? Die
wollen Sie wohl gleichfalls von mir fernhalten?

Sie kommen ja, sie kommen schon! Und sogar der General kommt mit ihnen.
Ich werde alle Tren aufreien, alle meine Tchter herrufen, alle, alle,
sofort, sofort! flsterte Lebedeff erschrocken, wieder mit den Hnden
beschwichtigend, und geschftig strzte er zur Tr, besann sich aber,
lief zur anderen Tr, zgerte jedoch auch dort und kehrte dann wieder
zur ersten zurck.

In dem Augenblick erschien Kolj auf dem Parkwege, sprang eilig die
Stufen zur Terrasse empor und meldete, da ihm auf dem Fue Gste
folgten -- Lisaweta Prokofjewna mit ihren drei Tchtern.

Soll ich Ptizyns und Gawrila Ardalionytsch hereinlassen? Ja oder nein?
Und den General? fragte geschwind Lebedeff, den diese Nachricht in
hchste Aufregung versetzt hatte.

Aber natrlich, weshalb denn nicht? Alle, wer nur zu mir kommen will.
Ich versichere Sie nochmals, Lebedeff, da Sie sich in Ihrer Auffassung
meiner Beziehungen zu meinen Bekannten arg tuschen; Sie fassen alles
immer ganz anders auf. Ich habe nicht die geringste Ursache, mich vor
irgend jemand, sei es, wer es wolle, zu verbergen, sagte der Frst
lachend, und im Augenblick verzog auch Lebedeff sein Gesicht zu einem
Schmunzeln; denn trotz seiner ganzen Aufregung war er doch ersichtlich
uerst zufrieden mit der Entwickelung der Dinge.

Koljs Meldung erwies sich als richtig: er war den Damen nur ein paar
Schritte vorausgeeilt, so da nun pltzlich von beiden Seiten Gste
erschienen: aus dem Park nherten sich der Terrasse Jepantschins, und
durch die Zimmertr traten Ptizyns, Ganj und General Iwolgin.

Jepantschins hatten von der Erkrankung des Frsten und seiner
Anwesenheit in Pawlowsk soeben erst durch Kolj erfahren. Der General
hatte ihnen zwar schon vor drei Tagen von der in ihrer Stadtwohnung
vorgefundenen Visitenkarte des Frsten erzhlt und damit in seiner
Gemahlin die feste berzeugung erweckt, da der Frst sogleich in
eigener Person auch in ihrer Villa erscheinen wrde. Vergeblich wandten
die Tchter ein, da ein Mensch, der ein halbes Jahr nicht geschrieben,
es wohl auch mit dem Besuch nicht so eilig haben werde, und auerdem
knne ihn ja noch viel Wichtigeres in Petersburg zurckhalten. Die
Generalin rgerten diese Bemerkungen nicht wenig; sie htte wetten
mgen, da der Frst unfehlbar am nchsten Tage erscheinen wrde,
obschon auch das noch unverzeihlich spt wre. Und so erwartete sie
ihn am nchsten Tage den ganzen Vormittag, doch leider vergeblich;
nachdem sie um eins ihr Frhstck ohne den Frsten eingenommen hatten,
begann sie ihn zum Diner zu erwarten; da er jedoch auch zum Diner nicht
erschien, erwartete sie ihn zum Abend; doch als es gar zu dunkeln
begann, ohne da der Frst erschienen wre, da rgerte sie sich
dermaen, da sie in krzester Zeit mit allen in Streit geriet und sich
aufs rgste mit ihren Tchtern und ihrem Gatten verfeindete.
Selbstverstndlich ward dabei ihrerseits mit keinem Wort des Frsten
Erwhnung getan. Als aber Aglaja am dritten Tage bei Tisch pltzlich die
Bemerkung fallen lie, da _maman_ sich ja nur deshalb so rgere, weil
der Frst noch immer nicht kme (worauf der General sogleich vorbeugend
feststellte, da er, der General, doch nichts dafr knne, das sei doch
nicht seine Schuld) -- da erhob sich Lisaweta Prokofjewna in hellem Zorn
und verlie, ohne ein Wort zu sagen, das Zimmer. Endlich bereits am
Abend, erschien Kolj und erzhlte, da der Frst einen epileptischen
Anfall gehabt. Das Ergebnis dieser Mitteilung war, da Lisaweta
Prokofjewna triumphierte, doch vorher bekam noch Kolj seinen Teil.

Sonst sitzt er hier tagelang und ist nicht loszuwerden, diesmal aber
ist er nicht einmal auf den Gedanken gekommen, uns wenigstens zu
benachrichtigen, wenn er nicht selbst kommen konnte!

Kolj wollte sich zwar sogleich wegen des Nichtloszuwerden gekrnkt
fhlen, schob es aber noch auf; wenn nicht das Wort an sich gar so
beleidigend gewesen wre, htte er die Bemerkung sogar ganz verziehen,
dermaen freuten ihn die Aufregung und Unruhe Lisaweta Prokofjewnas nach
der Mitteilung von der Krankheit des Frsten. Sie bestand sofort mit
allem Nachdruck auf der Notwendigkeit, einen Diener nach Petersburg zu
senden, um eine der grten medizinischen Berhmtheiten zur Konsultation
zu bitten; doch die Tchter rieten davon ab. Doch wollten sie ihrer
Mutter nicht nachstehen, als diese sich sogleich aufmachte, um den
Kranken zu besuchen.

Er liegt im Sterben, und da sollen wir nun Zeremonien beobachten! rief
sie erregt. Ist er ein Freund unseres Hauses oder nicht?

Nur finde ich es nicht ratsam, sich anderen Menschen aufzudrngen,
wagte zwar Aglaja einzuwenden, doch die Mutter bemerkte hierauf nur
scharf:

Dann geh nicht mit. Und du tust sogar sehr gut daran: Jewgenij
Pawlowitsch wird kommen, und da wre sonst niemand hier, der ihn
empfangen knnte.

Nach diesen Worten folgte Aglaja natrlich sofort den anderen, was sie
brigens sowieso zu tun beabsichtigt hatte. Frst Sch., der sich mit
Adelaida unterhielt, war auf deren Bitte sogleich bereit, die Damen zu
begleiten. Er interessierte sich sehr fr den Frsten, nachdem ihm so
manches von diesem erzhlt worden war. brigens war er mit ihm auch
persnlich bekannt: sie hatten beide vor etwa drei Monaten in einem
Provinzstdtchen fast ganze zwei Wochen in ein und demselben Gasthof
gelebt. Er hatte auch seinerseits Jepantschins vom Frsten erzhlt, und
zwar uerte er sich sehr sympathisch ber ihn, weshalb er denn jetzt
gern seinen alten Bekannten besuchen wollte. Der General war nicht zu
Hause, und auch Jewgenij Pawlowitsch war noch nicht aus Petersburg
eingetroffen.

Lebedeffs Landhaus war von der Villa Jepantschin nicht mehr als
dreihundert Schritte entfernt. Die erste unangenehme berraschung war
dort fr Lisaweta Prokofjewna -- so viele Gste anzutreffen (ganz
abgesehen davon, da zwei oder drei von diesen ihr entschieden verhat
waren), und die zweite -- statt des auf dem Sterbebett geglaubten, einen
anscheinend vollkommen gesunden, elegant gekleideten, lachenden jungen
Mann zu erblicken, der sofort die Stufen der Terrasse hinunterstieg und
sie sichtlich erfreut begrte. Sie blieb sogar stehen vor Verwunderung
-- zum grten Gaudium Koljs, der sie natrlich sehr gut ber das
augenblickliche Befinden des Frsten htte aufklren knnen, als sie
noch nicht zum Besuch aufgebrochen war. Er hatte es jedoch absichtlich
unterlassen, um sich an ihrem Zorn ergtzen zu knnen, wenn sie, die dem
Frsten von Herzen das Beste wnschte, diesen bei guter Gesundheit
antraf. Ja, Kolj war sogar so taktlos, da er seinen Gedanken laut
aussprach, was er wiederum nur deshalb tat, um Lisaweta Prokofjewna zu
necken. Solche Neckereien waren trotz der sie verbindenden Freundschaft
gang und gbe zwischen ihnen.

Wart' noch ein wenig, mein Lieber, beeile dich nicht allzusehr, verdirb
nicht deinen Triumph! versetzte Lisaweta Prokofjewna, indem sie sich
auf den vom Frsten ihr hingeschobenen Sessel niederlie.

Lebedeff, Ptizyn und der alte General Iwolgin beeilten sich, sogleich
den jungen Damen Sthle zu bringen. Der General brachte seinen Stuhl
Aglaja. Lebedeff eilte auch zum Frsten Sch. mit einem Stuhl und bot ihn
mit einer so tiefen Verbeugung an, als htte er durch die Krmmung
seines Rckgrates die Tiefe seiner Ergebenheit ausdrcken wollen. Warj
begrte die jungen Mdchen wie gewhnlich, mit ihnen flsternd und ganz
begeistert.

Es ist wahr, Frst, ich glaubte wirklich, dich womglich im Bett
vorzufinden; denn als ich von deiner Erkrankung hrte, mute ich in der
Angst natrlich gleich bertreiben. Aber lgen werde ich deshalb um
keinen Preis, und so hr' du es nur ruhig, da ich mich ber dein
glckliches Gesicht furchtbar rgerte; aber, ich schwre dir, das tat
ich nur einen Augenblick, bis ich den richtigen Gedanken erfat hatte.
Wenn ich eine Sache erst erfat habe, handle und rede ich immer viel
klger; ich glaube, du auch. Jetzt aber kann ich dir sagen, da ich mich
ber die Genesung meines leiblichen Sohnes, wenn ich einen htte,
vielleicht weniger freuen wrde, als ber die deine; wenn du mir das
nicht glaubst, so hast du dich zu schmen und nicht ich. Dieser boshafte
Bengel aber erlaubt sich mir gegenber doch etwas zu weitgehende
Scherze. Du protegierst ihn, glaube ich? Nun, dann sage ich dir im
voraus, da ich eines schnen Tages auf das Vergngen seiner weiteren
Bekanntschaft verzichten werde.

Ja, aber was habe ich denn verbrochen? fragte Kolj lachend. Selbst
wenn ich Ihnen auch noch so berzeugend versichert htte, da der Frst
fast schon gesund sei, Sie htten es mir doch nicht glauben wollen; denn
ihn sich als Sterbenden vorzustellen, war doch unvergleichlich
interessanter.

Wirst du lange hierbleiben? wandte sich Lisaweta Prokofjewna brsk an
den Frsten.

Den ganzen Sommer und vielleicht noch lnger.

Du bist doch allein? Nicht verheiratet?

Nein, nicht verheiratet, antwortete der Frst, lchelnd ber die
Naivitt dieses Stiches.

Da ist nichts zu lcheln; das kommt vor. Ich rede von der Datsche, --
weshalb bist du nicht zu uns gekommen? Bei uns steht ein ganzer
Seitenflgel leer. brigens, wie du willst. Wohnst du bei diesem? Bei
dem da? fragte sie halblaut, mit einem Kopfnicken auf Lebedeff weisend.
Was fehlt ihm, weshalb kann er nicht ruhig stehen?

In dem Augenblick trat Wjera aus dem Zimmer auf die Terrasse; wie
gewhnlich trug sie das Kindchen auf den Armen. Lebedeff, der sich
zwischen den Sthlen der Gste hin und her wand und entschieden nicht
wute, wo er sich lassen sollte -- jedenfalls aber um alles in der Welt
nicht die Terrasse verlassen wollte -- strzte sich pltzlich, wie
besessen mit den Armen fuchtelnd, seiner Tochter entgegen, um sie nur ja
fortzutreiben, und in der Hitze verga er sich sogar so weit, da er mit
den Fen trampelte.

Was fehlt ihm, ist er wahnsinnig? fragte die Generalin erschrocken.

Nein, er ist ...

Betrunken vielleicht? Nein, dein Umgangskreis ist nicht nach meinem
Geschmack, offen gesagt, mein Lieber, meinte sie schroff, whrend ihr
Blick auch die anderen Gste streifte. Aber wer war dieses reizende
Mdchen?

Das war Wjera Lukjanowna, die Tochter dieses Lebedeff.

Ah! ... Wirklich reizend. Ich mchte sie kennen lernen.

Kaum hatte Lebedeff die lobenden Worte der Generalin aufgefangen, als er
seine Tochter auch schon mit Gewalt herbeizog, um sie untertnigst
vorzustellen.

Waisen, Waisenkinder! erluterte er zerschmelzend. Und dieses
Kindchen im Steckkissen -- ist gleichfalls eine Waise, ihr Schwesterchen
und meine Tochter, Ljubow mit Namen, und geboren in gesetzmigst
geschlossener Ehe, von meiner jngst verstorbenen Gattin Helena, die vor
sechs Wochen im Kindbett, wie gesagt, gestorben ist, nach Gottes
Ratschlu ... jawohl. Und sie vertritt jetzt Mutterstelle an der
Kleinen, obwohl sie nur ihre Schwester ist, nicht mehr und nicht
weniger, als ihre Schwester, glauben Sie mir ...

Und du, Vterchen, bist nicht mehr und nicht weniger als ein Dummkopf,
verzeih mir, aber das kannst du mir gleichfalls glauben. Nun, genug, du
wirst mich schon richtig verstehen, denke ich, schnitt ihm Lisaweta
Prokofjewna ungehalten das Wort ab.

Stimmt! Mir aus der Seele gesprochen! sagte Lebedeff, sich
ehrfurchtsvoll und tief vor ihr verneigend.

Hren Sie, Herr Lebedeff, ist es wahr, da Sie die Apokalypse
auslegen? fragte Aglaja.

Jawohl! Die reinste Wahrheit ... seit fnfzehn Jahren.

Ich habe davon gehrt. Es ist von Ihnen auch in den Zeitungen
geschrieben worden, glaube ich, nicht?

Nein, nicht von mir, aber von einem anderen, jawohl, einem anderen,
aber der ist jetzt tot, und nun bin ich an seiner Stelle, berichtete
Lebedeff ganz auer sich vor Freude.

Oh, dann seien Sie so gut und erklren Sie sie mir einmal gelegentlich,
als unser nunmehriger Nachbar! Ich verstehe so gut wie nichts von der
ganzen Apokalypse.

Ich kann leider nicht umhin, Aglaja Iwanowna, Sie darauf aufmerksam zu
machen, da diese ganze Auslegung seinerseits nichts als Scharlatanerie
ist, ich versichere Sie, mischte sich pltzlich General Iwolgin ein,
der neben Aglaja wie auf Nadeln sa und in grter Ungeduld eine
Gelegenheit erwartete, gleichfalls etwas sagen zu knnen. Ich verstehe
ja, Nachbarschaft zieht gewisse Privilegien nach sich, fuhr er in
demselben Tone fort, verknpft mit Pflichten und Vorrechten, und der
Empfang eines solchen Scharlatans um der Auslegung der Apokalypse willen
ist zwar ein Einfall wie jeder andere oder vielmehr ein Einfall, der
durch das Niveau seiner geistigen Hhe sogar bemerkenswert ist, doch ich
... Sie sehen mich, wie ich bemerke, etwas erstaunt an? General Iwolgin
-- habe die Ehre, mich vorzustellen. Ich habe Sie auf den Armen
getragen, Aglaja Iwanowna.

Freut mich sehr. Ich bin mit Warwara Ardalionowna und Nina Alexandrowna
bekannt, murmelte Aglaja, sich auf die Lippen beiend, um nicht
aufzulachen. Doch Lisaweta Prokofjewna wurde rot vor Unwillen. Es hatte
sich in ihrem Herzen so manches angesammelt, das nun mit Gewalt zum
Ausbruch drngte. Sie konnte den General Iwolgin, mit dem sie einmal vor
langen, langen Jahren bekannt gewesen war, nicht ausstehen.

Das lgst du natrlich wieder, wie gewhnlich, niemals hast du sie auf
den Armen getragen! fuhr sie ihn zornig an.

Doch, _maman_, er hat mich tatschlich auf den Armen getragen, in Twerj
war's, besttigte pltzlich Aglaja.

Wir lebten damals in Twerj. Ich war vielleicht sechs Jahre alt, oh, ich
entsinne mich dessen noch ganz genau! Er machte mir auch einen Bogen und
Pfeile und lehrte mich, damit zu schieen, und ich traf auch eine Taube.
Erinnern Sie sich dessen, wie wir beide auf die Taube schossen?

Und mir schenkten Sie einen Helm aus Goldpappe und einen hlzernen
Sbel! rief lustig Adelaida dazwischen.

Ja, auch ich entsinne mich dessen, besttigte nun auch Alexandra. Du
und Adelaida, ihr gerietet beide wegen der verwundeten Taube in Streit
und wurdet jede in einen Winkel gestellt; und Adelaida stand noch mit
ihrem Helm und Sbel im Winkel -- ein guter Soldat das!

Der General hatte Aglaja wie gewhnlich _nur so_ erzhlt, da er sie
auf den Hnden getragen habe, -- zum Teil, um ein Gesprch anzuknpfen,
und zum Teil, weil er mit jedem jngeren Menschen auf diese Weise das
Gesprch begann, wenn er einmal die Bekanntschaft eines solchen machte.
Diesmal aber hatte er ganz zufllig die Wahrheit gesagt, und gerade die
Wahrheit hatte er natrlich vergessen. Als ihn nun aber Aglaja so
unerwartet daran erinnerte, wie sie beide die Taube geschossen hatten,
entsann er sich pltzlich des ganzen Vorfalls, entsann sich seiner mit
allen Einzelheiten! So pflegt es nicht selten alten Leuten mit alten
Erinnerungen zu ergehen. Freilich ist es schwer, festzustellen, was
gerade an dieser Erinnerung so erschtternd auf den armen alten, auch
jetzt lngst nicht nchternen General wirken konnte: er war aber
tatschlich ganz ergriffen.

O ja, jetzt fllt es mir ein, ja! ich entsinne mich! rief er vor
Freude ganz begeistert aus. Ich war damals noch Hauptmann! Und Sie
waren so ein kleines, reizendes Ding! Nina Alexandrowna ... Ganj ...
Ich wurde bei Ihnen empfangen ... Iwan Fedorowitsch ...

Und nun sieh, wie weit du es jetzt gebracht hast! fiel ihm pltzlich
die Generalin ins Wort. Aber es scheint, da du deine edleren Gefhle
doch noch nicht gnzlich vertrunken hast, wenn alte Erinnerungen noch
einen so starken Eindruck auf dich machen knnen! Deine Frau aber hast
du doch zu Tode geqult. Anstatt deine Kinder zu erziehen, sitzt du im
Schuldgefngnis. Geh mal, Vterchen, geh mal fort von hier, geh in einen
Winkel und wein' ein bichen, denk' an das Vergangene, und wie schn es
war, vielleicht wird dir Gott dann verzeihen. Geh mal, geh, ich rate dir
gut. Wenn man sich bessern will, ist das Beste, was man tun kann --
reuig an Vergangenes zu denken. Ich sage es dir im Ernst.

Doch die Versicherung, da sie es im Ernst sagte, war eigentlich
berflssig: der General war, wie alle Trinker, im Grunde genommen
ungeheuer zartfhlend und verwand es nur schwer, wenn man ihn an seine
bessere Vergangenheit erinnerte. Er erhob sich und schritt gehorsam zur
Tr, so da er Lisaweta Prokofjewna sofort leid tat.

Ardalion Alexandrowitsch! Vterchen! rief sie ihm schnell nach. Wart'
noch einen Augenblick -- wir sind ja allesamt Snder! Wenn du fhlst,
da das Gewissen dich weniger drckt, dann komm zu mir auf ein
Stndchen, la uns von den alten Zeiten plaudern. Ich habe ja vielleicht
noch fnfzigmal mehr gesndigt als du -- aber jetzt geh nur, adieu,
adieu, geh nur jetzt, was sollst du hier ... drngte sie ihn
erschrocken fort, als er Miene machte, zurckzukehren.

Gehen Sie ihm vorlufig noch nicht nach! hielt der Frst Kolj auf,
der dem Vater folgen wollte. Er wrde sich nach einer Minute rgern,
und damit wre die ganze Stimmung verdorben.

Das ist wahr, la ihn jetzt in Ruh'; nach einer halben Stunde kannst du
gehen, entschied Lisaweta Prokofjewna.

Da sieht man, was das heit, einmal im Leben die Wahrheit zu hren --
hat doch bis zu Trnen auf ihn gewirkt! wagte Lebedeff zu bemerken.

Nun, Vterchen, auch du mut gut sein, wenn es wahr ist, was ich von
dir gehrt habe! setzte ihm die Generalin sofort einen Dmpfer auf.

Die Stellungnahme der Gste zueinander sprach sich allmhlich deutlicher
aus. Der Frst, der die ganze Gre der Anteilnahme Lisaweta
Prokofjewnas und ihrer Tchter durchaus zu schtzen wute, fhlte sich
verpflichtet, der Generalin zu sagen, da es seine feste Absicht
gewesen, sie sptestens morgen, wenn nicht noch an diesem Abend trotz
der spten Stunde und seiner angegriffenen Gesundheit zu besuchen.

Lisaweta Prokofjewna meinte hierauf -- nach einem Blick auf seine Gste
--, da er es ja doch sogleich tun knne, worauf Ptizyn, als hflicher
und stets vertrglicher Mensch, sich sogleich erhob und sich zu
Lebedeffs zurckzog. Beim Hinausgehen machte er noch den Versuch, auch
Lebedeff mitzuziehen; doch dieser machte sich mit einem Sofort, sofort,
werde mich sofort hier losmachen von -- Ptizyn los und blieb natrlich.
Warj hatte inzwischen mit den jungen Mdchen ein Gesprch angeknpft.
Sie und Ganj atmeten erleichtert auf, als ihr Vater hinausgegangen war.
Ganj folgte jedoch bald Ptizyns Beispiel. In der kurzen Zeit, die er
auf der Terrasse verbracht, hatte er sich bescheiden und doch wrdig
gehalten und sich durch die strengen Blicke Lisaweta Prokofjewnas nicht
im geringsten einschchtern lassen. Er hatte sich im Vergleich zu frher
allerdings sehr verndert, was Aglaja beraus gefiel.

Das war doch Gawrila Ardalionytsch, der soeben hinausging? fragte sie
pltzlich, wie sie es gewhnlich zu tun pflegte, laut, schroff, ohne
sich an jemand persnlich zu wenden oder sich darum zu kmmern, da sie
mit ihrer Frage das Gesprch der anderen unterbrach.

Allerdings, antwortete der Frst.

Ich habe ihn kaum wiedererkannt. Er hat sich auffallend verndert, und
zwar ... bedeutend zu seinem Vorteil.

Das freut mich sehr fr ihn, sagte der Frst.

Er war sehr krank, bemerkte Warj mit erfreutem Mitleid.

Inwiefern zu seinem Vorteil verndert? fragte fast zornig und
erschrocken die Generalin. Wie kommst du darauf? Ich finde nichts
Besseres. Was scheint dir denn jetzt an ihm besser?

Etwas Besseres als den >armen Ritter< gibt es berhaupt nicht! rief
pltzlich Kolj, der die ganze Zeit hinter dem Stuhl Lisaweta
Prokofjewnas gestanden hatte, pathetisch aus.

Der Meinung bin auch ich, sagte Frst Sch. lachend.

Und ich gleichfalls, erklrte Adelaida.

Was ist das fr ein >armer Ritter<? fragte die Generalin
verstndnislos und blickte rgerlich die Sprechenden an. Als sie aber
sah, da Aglaja pltzlich rot wurde, fuhr sie ungehalten auf: Welch ein
Unsinn! Was ist denn das fr ein >armer Ritter<?

Ach, hat denn dieser Bengel, Ihr Liebling Nikolai Ardalionytsch, noch
nicht genug Worte verdreht! lenkte Aglaja mit hochmtigem Unwillen ab.

Wenn Aglaja sich rgerte -- und das tat sie ziemlich oft -- blickte
durch ihren scheinbaren Ernst und abweisenden Stolz so viel Kindliches,
da es mitunter ganz unmglich war, bei ihrem Anblick ernst zu bleiben
(was brigens Aglaja zu noch grerem rger reizte, da sie es gar nicht
begreifen konnte, wie man _berhaupt wagen durfte_, ber sie zu
lachen!). So brachen denn auch diesmal die Schwestern in Lachen aus,
auch Frst Sch. lachte, und selbst Frst Lew Nikolajewitsch, der
pltzlich aus irgendeinem Grunde gleichfalls ganz rot geworden war,
mute lcheln. Kolj triumphierte darber und amsierte sich kstlich.
Aglaja aber rgerte sich ber alle Maen, und das stand ihr vorzglich:
sie wurde noch reizender durch ihre Verwirrung und den rger ber diese
ihre Verwirrung.

... Oder haben Sie schon vergessen, _maman_, wie oft er den Sinn Ihrer
eigenen Worte entstellt hat? fragte sie verletzt.

Aber wieso, ich wiederhole doch ganz wortgetreu Ihren eigenen Ausruf!
verteidigte sich Kolj eifrig. Vor einem Monat bltterten Sie im >Don
Quijote< und pltzlich riefen Sie buchstblich aus, etwas Besseres als
den >armen Ritter< gbe es berhaupt nicht. Leider wei ich nicht, von
wem die Rede war: von Don Quijote oder Jewgenij Pawlowitsch oder
vielleicht von irgendeinem Dritten; nur konnte ich konstatieren, da
jedenfalls von einer bestimmten Persnlichkeit gesprochen worden war,
und zwar offenbar schon recht lange ...

Mein lieber Junge, ich sehe, du erlaubst dir mitunter doch etwas zuviel
mit deinen Voraussetzungen, unterbrach ihn die Generalin rgerlich.

Aber was habe ich denn getan? wunderte sich der nicht zum Schweigen zu
bringende Kolj. Ich habe doch meines Wissens durchaus keine
Indiskretion begangen: alle sprachen damals davon, und das tun sie ja
auch jetzt: soeben sprachen doch noch Frst Sch. und Adelaida von ihm,
und alle sagten damals, da sie fr den >armen Ritter< stnden! Folglich
mu es doch diesen >armen Ritter< nicht nur in der Literatur, sondern
wirklich und leibhaftig geben, und meiner Meinung nach ist es nur die
Schuld Adelaida Iwanownas, da wir ihn noch nicht nher kennen.

Meine Schuld? Um Gottes willen, was habe ich denn verbrochen? fragte
Adelaida lachend.

Ganz einfach das, da Sie nicht sein Portrt gemalt haben! Aglaja
Iwanowna bat Sie damals, den >armen Ritter< zu malen, und wird Ihnen
wohl auch ganz genau beschrieben haben, wie sie sich das Bild dachte,
Sie aber ...

Aber was htte ich denn malen sollen? Von dem Sujet heit es doch:

   >Und niemals sah man ihn schlagen
   Zurck das feste Visier.<

Also was? -- einen Harnisch? -- ein Visier?

Ich verstehe kein Wort! Harnisch! Visier! -- Was soll das heien, wovon
redet ihr? fragte die Generalin aufrichtig gergert; denn sie begann
bereits zu erraten, wer mit dem armen Ritter gemeint war und offenbar
schon seit langer Zeit nach gemeinsamer, stillschweigender Verabredung
so genannt wurde.

Da bemerkte sie, da auch Frst Lew Nikolajewitsch ganz verwirrt aussah
und schlielich wie ein zehnjhriger Knabe verlegen wurde -- und da war
sie emprt.

Aber so sagt mir doch endlich, was diese ganze Dummheit zu bedeuten
hat! Nun ... wird's bald? Was hat es fr eine Bewandtnis mit dem >armen
Ritter<? Oder ist es denn ein so furchtbares Geheimnis, da man
berhaupt nicht daran rhren darf?

Doch die anderen fuhren nur fort zu lachen.

Es gibt ein russisches Gedicht, ein Fragment, nahm es schlielich
Frst Sch. auf sich, den Sachverhalt zu erklren, um dem Gesprch dann
eine andere Wendung geben zu knnen, ein Fragment vom >armen Ritter<,
das weder einen richtigen Anfang noch ein richtiges Ende hat. Vor etwa
einem Monat scherzten wir einmal alle nach Tisch und schlugen wie
gewhnlich Sujets zu dem zuknftigen groen Gemlde Adelaida Iwanownas
vor. Sie wissen doch, da es die wichtigste Aufgabe der ganzen Familie
ist, fr Adelaida Iwanowna ein passendes Sujet zu ersinnen! Und da
schlug dann jemand den >armen Ritter< vor, -- wer es zuerst getan,
dessen entsinne ich mich nicht mehr ...

Aglaja Iwanowna! verriet Kolj lachend.

Vielleicht, es ist mglich, nur entsinne ich mich dessen nicht mehr,
fuhr Frst Sch. fort. Die einen lachten ber diesen Vorschlag, die
anderen wiederum meinten, es gbe sicher nichts Edleres, Erhabeneres;
doch, um den >armen Ritter< zu malen, msse man vor allen Dingen ein
Gesicht malen, und dazu brauche man ein Modell. Da begannen wir denn,
alle Bekannten der Reihe nach durchzunehmen; doch das Resultat der
Prfung war, da uns kein einziges Gesicht als dazu passend erschien,
und dabei blieb es. Tja, und das war alles. Ich verstehe nur nicht,
weshalb Nikolai Ardalionytsch jetzt darauf zu sprechen gekommen ist? Was
damals scherzhaft und _bien  propos_{[23]} war, ist doch jetzt von
durchaus keinem Interesse.

Wahrscheinlich weil wieder eine Dummheit damit beabsichtigt wird,
irgendeine neue verletzende Taktlosigkeit, versetzte die Generalin
scharf.

Durchaus keine Taktlosigkeit oder Dummheit, sondern nur der Ausdruck
der grten Hochachtung, wenigstens meinerseits, sagte pltzlich ganz
unerwartet Aglaja, die sich inzwischen gefat und ihre Verlegenheit
vollkommen berwunden hatte. Ja, man konnte sogar glauben, es freue sie
jetzt, da sie den Scherz so weit getrieben hatte und die Erklrung nun
notwendigerweise folgen mute. Und diese ganze Vernderung war in dem
einen Augenblick vor sich gegangen, als sie pltzlich die ganz
erstaunliche Verlegenheit und Verwirrung des Frsten Lew Nikolajewitsch
bemerkt hatte.

Da werd' einer klug draus! Zuerst lachen sie wie die Wahnsinnigen und
dann empfinden sie pltzlich die grte Hochachtung! Sag' sofort,
weshalb du jetzt mir nichts dir nichts die grte Hochachtung
empfindest?

Ganz einfach deshalb, antwortete Aglaja ebenso ernst und -- man kann
sagen -- feierlich auf die fast zornige Frage der Mutter, weil uns in
diesem Gedicht ein Mensch geschildert wird, der, nachdem er sich einmal
ein Ideal auserkoren und an dasselbe zu glauben begonnen -- ganz
abgesehen davon, da er berhaupt dazu fhig ist --, diesem Ideal sein
ganzes Leben weiht. So etwas hrt man jetzt nicht alle Tage. Leider ist
in dem Gedicht nicht direkt gesagt, worin denn eigentlich dieses Ideal
des >armen Ritters< bestand; aber es geht doch wenigstens aus ihm
hervor, da es etwas so >Lichtes< gewesen, da der verliebte Ritter
sogar auf den Schmuck der seidenen Schrpe verzichtet und statt dessen
stets den Rosenkranz zum Gebet bei sich trug. Allerdings gibt es dann
noch eine leise Anspielung im Gedicht, eine etwas unverstndliche
Devise, die Buchstaben N. F. B., die er auf seinen Schild gemalt ...

A. M. D.! korrigierte Kolj.

Ich aber sage N. F. B.! unterbrach ihn Aglaja rgerlich. Doch
gleichviel -- jedenfalls ist es klar, da dem >armen Ritter< der wahre
Wert seiner Dame oder ihr Tun und Treiben mit der Zeit ganz gleichgltig
wird: er hat sie einmal zu seinem Ideal erwhlt und ihrer >Erscheinung
so licht< Glauben geschenkt, das Weitere geht ihn nichts mehr an. Doch
das ist eben das Groe, da er auch dann, wenn sie zur Diebin wrde,
dennoch an sie glauben und fr ihre reine Schnheit Lanzen brechen
mte. Der Dichter hat in der Gestalt des >armen Ritters< offenbar die
ganze Gre der mittelalterlichen platonischen Liebe irgendeines reinen
und hochstehenden Edelmannes darstellen wollen. Natrlich war das alles
nichts als Idealismus. Und im >armen Ritter< geht dieser Idealismus bis
zur letzten Grenze, so da er schon Asketismus wird. Man mu aber doch
zugeben, da die Fhigkeit zu einem solchen Idealismus eine groe und
tiefe Bedeutung hat und an sich sogar sehr lobenswert ist. Der >arme
Ritter< ist auch ein Don Quijote, nur ein ernster und kein lcherlicher.
Zu Anfang begriff ich diesen armen Ritter nicht und lachte ber ihn,
doch jetzt liebe ich ihn sehr und habe Hochachtung vor ihm.

Als Aglaja geendet hatte, wute keiner von den Anwesenden, ob sie im
Ernst oder nur im Scherz gesprochen.

Nun, das mu wohl irgendein Dummkopf gewesen sein, ebenso dumm wie sein
ganzes groes Ideal! entschied die Generalin. Aber auch du, meine
Liebe, hast viel dummes Zeug zusammengeredet. Das war wirklich ganz
unpassend von dir. Was ist das fr ein Gedicht? Sage es auf, du kannst
es doch gewi auswendig. Ich will es unbedingt hren. Mein Lebtag habe
ich keine Gedichte ausstehen knnen, als htte ich's vorausgeahnt! Und
da haben wir's nun! Um Gottes willen, lieber Frst, dulde noch ein
wenig, wir sind beide, scheint es, zu gemeinsamem Dulden verurteilt,
wandte sie sich an den Frsten Lew Nikolajewitsch.

Sie rgerte sich aufrichtig ber Aglaja.

Frst Lew Nikolajewitsch wollte zwar etwas sagen, brachte aber in seiner
Verwirrung kein Wort hervor. Nur Aglaja, die sich soviel herausgenommen
hatte, war die einzige von allen Anwesenden, die sich nicht im
geringsten geniert fhlte; ja, sie schien sich sogar darber zu freuen,
da es so weit gekommen war. Sie erhob sich sogleich, und es hatte fast
den Anschein, als htte sie sich darauf vorbereitet und jetzt nur auf
die erste Aufforderung gewartet: sie trat vor und blieb mitten auf der
Terrasse, gegenber dem im Lehnstuhl sitzenden Frsten stehen. Alle
sahen sie im ersten Augenblick erstaunt an, und fast alle, wenigstens
die Mutter, die Schwestern und Frst Sch. erschraken ein wenig; denn sie
frchteten, da diese neue Unart vielleicht doch gar zu weit gehen
knnte. Aus der Art und Weise, wie Aglaja vortrat und sich aufstellte,
ersah man, da sie an diesem ganzen affektierten Vortrag des Gedichts
Gefallen fand. Es fehlte nicht viel, und Lisaweta Prokofjewna htte sie
mit einem strengen Verweis auf ihren Platz zurckgeschickt. Doch kaum
hatte Aglaja die bekannte Ballade begonnen, als sich pltzlich zwei neue
Gste laut sprechend auf dem Parkwege der Terrasse nherten. Es waren
das General Iwan Fedorowitsch Jepantschin und ein unbekannter junger
Mann. Auf der Terrasse ging eine kleine Bewegung durch die Anwesenden.


                                  VII.

Der junge Mann, in dessen Begleitung der General erschien, war eine
groe und schlanke Erscheinung mit einem klugen Gesicht und dunklen
Augen, deren Blick sofort Scharfsinn und Spottlust verriet. Er zhlte
etwa achtundzwanzig Jahre. Aglaja blickte sich nicht einmal nach ihm um,
sondern fuhr unbehelligt in ihrem Vortrag fort, und zwar wandte sie sich
ausschlielich an den Frsten Myschkin, der nun seinerseits begriff, da
sie mit diesem scheinbaren Scherz eine ganz bestimmte Absicht verfolgte.
Zum Glck half ihm das Erscheinen der neuen Gste ein wenig aus seiner
unangenehmen Lage: er erhob sich sogleich, als er sie erblickte, nickte
dem General von weitem zu und bat ihn durch einen Wink, den Vortrag
nicht zu stren, worauf er hinter seinen Stuhl trat und, den linken
Ellenbogen auf die Lehne sttzend, die Ballade in gewissermaen freierer
Haltung zu Ende hren konnte. Lisaweta Prokofjewna hatte ihrerseits
sogleich durch eine befehlende Handbewegung ihrem Gatten und dem fremden
Herrn zu verstehen gegeben, da sie dort stehen bleiben sollten, wo sie
waren. Frst Lew Nikolajewitsch interessierte sich brigens ungeheuer
fr den neuen Gast, den ihm der General da zufhrte: er erriet sofort,
da der junge Mann kein anderer sein konnte als Jewgenij Pawlowitsch
Radomskij, von dem er so viel gehrt, und an den er oft gedacht hatte.
Nur eines machte ihn stutzig: der junge Mann trug Zivilkleider, whrend
doch Jewgenij Pawlowitsch, soviel er wute, Offizier war und eine
glnzende Uniform trug. Whrend des ganzen Vortrages der Ballade zuckte
ein spttisches Lcheln um den Mund des jungen Mannes, als wre in
seiner Gegenwart schon des fteren vom >armen Ritter< die Rede gewesen.

Vielleicht stammt sogar der ganze Einfall nur von ihm, dachte der
Frst bei sich.

Doch whrenddem war mit Aglaja eine vollkommene Vernderung vor sich
gegangen. Die affektierte Feierlichkeit, mit der sie begonnen hatte, war
alsbald einem tiefen Ernst gewichen, und sie sprach jedes Wort so
einfach und doch mit so innigem Verstndnis aus, da sie zum Schlu
nicht nur die allgemeine Aufmerksamkeit gefesselt, sondern auch die
anfangs affektiert erschienene Feierlichkeit, mit der sie vorgetreten
war, gleichsam gerechtfertigt hatte. Wenigstens konnte man jene
Feierlichkeit nur noch als Ausdruck der Gre und, nun ja, auch Naivitt
ihrer Hochachtung auffassen, die sie fr den >armen Ritter< hegte. Ihre
Augen glnzten, und zweimal glitt kaum merklich ein leises Beben der
Begeisterung ber ihr entzckendes Gesicht, als sie die Ballade vortrug.

Wenn der Frst spter an Aglajas Vortrag dieser Ballade zurckdachte,
peinigte ihn stets etwas fr ihn ganz Unbegreifliches, und das war: wie
sie einen so innigen, schnen Vortrag, der doch von ihrer Begeisterung
fr den Sinn der Ballade sprach, mit einer so boshaften Absicht, deren
Spott doch auf der Hand lag, hatte vereinigen knnen? Da sie ihn aber
hatte verspotten wollen, daran zweifelte er keinen Augenblick. Den Spott
hatte er sogleich herausgemerkt, und zwar aus folgendem: Aglaja hatte
statt der drei Buchstaben A. M. D. drei andere Buchstaben, N. F. B.,
genannt. Da sie es nicht aus Zerstreutheit oder sonstwie unbeabsichtigt
getan, davon war er fest berzeugt -- und mit Recht, wie sich spter
herausstellte. Jedenfalls war aber dann Aglajas, sagen wir, Scherz ein
beabsichtigter. Und doch mute er sich sagen, da sie diese Buchstaben
nicht nur ohne jeden Hohn oder Spott oder auch nur die leiseste
Scherzhaftigkeit ausgesprochen hatte, sondern im Gegenteil mit so
unverndertem Ernst, mit so unschuldiger und naiver Einfachheit, da man
sehr wohl htte glauben knnen, vom Dichter seien in der Ballade gerade
diese Buchstaben und keine anderen angegeben. Es war dem Frsten bei
diesen Gedanken zumute, als bohre sich etwas Schweres und Unangenehmes
in ihn hinein. Lisaweta Prokofjewna war die Vernderung berhaupt nicht
aufgefallen, und ihr Gatte, der General, begriff nur, da Verse
deklamiert wurden -- das gengte ihm. Allen brigen dagegen war Aglajas
Ausfall sogleich aufgefallen, und sie wunderten sich nicht wenig ber
sie; doch bemhte man sich, so zu tun, als wre nichts vorgefallen, um
so ber die Sache hinwegzukommen. Nur Jewgenij Pawlowitsch hatte nicht
blo begriffen, sondern -- darauf htte der Frst wetten mgen -- schien
auch zeigen zu wollen, wie gut er es begriffen hatte: so spttisch
lchelte er.

Wundervoll! Ein prchtiges Gedicht! rief die Generalin aufrichtig
entzckt aus, als Aglaja geendet hatte. Von wem ist es?

Von Puschkin, _maman_, beschmen Sie uns nicht, das mu man doch
wissen! sagte Adelaida lachend.

Ach, wenn man mit euch zusammenlebt, kann man noch viel dmmer werden!
meinte Lisaweta Prokofjewna nicht ohne Bitterkeit. Freilich ist es eine
Schande, Puschkin nicht zu kennen! Wenn wir nach Hause kommen, mt ihr
mir sofort den Puschkin geben.

Ich glaube, wir besitzen gar keinen Puschkin.

Doch, zwei alte, halb zerrissene Bnde liegen dort irgendwo seit
undenklichen Zeiten herum, sagte Alexandra.

Dann mssen wir sogleich in die Stadt schicken, Fedor oder Alexei, mit
dem nchsten Zug -- besser Alexei, damit er die Gesamtausgabe kauft.
Aglaja, komm her! Gib mir einen Ku, du hast es vorzglich vorgetragen,
aber -- wenn du es aufrichtig getan hast, fuhr sie fast flsternd fort,
so tust du mir leid; hast du's aber getan, um ihn zu verspotten, so
hei' ich deine Gefhle nicht gut, so da es dann jedenfalls besser
gewesen wre, du httest geschwiegen. Verstehst du? So, und jetzt gehen
Sie, mein Frulein, ich werde noch spter mit dir reden, wir aber sind
hier doch etwas zu lange sitzen geblieben.

Inzwischen hatte der Frst den General begrt, worauf ihm dieser den
mitgebrachten Gast als Jewgenij Pawlowitsch Radomskij vorstellte.

Unterwegs griff ich ihn auf, er war gerade mit dem letzten Zuge aus
Petersburg gekommen. Als er erfuhr, da ich mich hierherbegebe und auch
die Meinigen alle hier sind ...

Als ich erfuhr, da auch Sie hier sind, unterbrach ihn Jewgenij
Pawlowitsch, beschlo ich, da ich mir fest vorgenommen hatte, nicht nur
Ihre Bekanntschaft zu machen, sondern mich auch um Ihre Freundschaft zu
bewerben, weiter keine Zeit zu verlieren und die Gelegenheit zu
benutzen. Sie sind krank gewesen, wie ich hre ...

Gewesen, jetzt jedoch bin ich wieder ganz gesund, und es freut mich
sehr, Sie kennen zu lernen. Ich habe durch Frst Sch. viel von Ihnen
gehrt und sogar viel mit ihm ber Sie gesprochen, sagte Frst Lew
Nikolajewitsch, indem er ihm die Hand reichte.

Die Begrungsworte waren ausgetauscht, sie drckten einander die Hand
und blickten sich eine Sekunde lang prfend in die Augen. Die
Unterhaltung wurde im Handumdrehen allgemein. Der Frst bemerkte
brigens (er bemerkte jetzt sehr vieles und sehr schnell, vielleicht
aber auch manches, was gar nicht der Fall war), da die Zivilkleidung
Jewgenij Pawlowitschs ganz ungewhnliches Aufsehen erregte und die
Anwesenden so in Erstaunen setzte, da im Augenblick alle brigen
Eindrcke vergessen wurden. Daher war es auch nur natrlich, wenn der
Frst in dieser Vernderung einen Umstand von besonderer Bedeutung und
groer Wichtigkeit vermutete. Adelaida und Alexandra begannen Jewgenij
Pawlowitsch erstaunt auszufragen, und Frst Sch., der mit ihm verwandt
war, schien sogar sehr beunruhigt zu sein. Der General war geradezu
aufgeregt. Nur Aglaja betrachtete den jungen Mann mit vollkommener Ruhe,
ganz als htte sie nur feststellen wollen, was ihm wohl besser stand,
die Uniform oder der Zivilanzug; doch kaum hatte sie ihn einmal von oben
bis unten betrachtet, als sie sich auch schon abwandte, um ihn dann
berhaupt nicht mehr zu beachten. Auch die Generalin stellte keine
einzige Frage an ihn, obschon auch sie sich vielleicht beunruhigt
fhlte. Dem Frsten wollte es scheinen, da Jewgenij Pawlowitsch bei ihr
zurzeit in Ungnade stand.

Ich fiel aus den Wolken! Ich traute meinen Augen nicht! war des
Generals Antwort auf die Fragen der Damen. Ich wollte es einfach nicht
glauben, als ich ihm vorhin in Petersburg begegnete! Und weshalb so
pltzlich, das ist das Problem! Sonst ist er doch der erste, der anderen
den Rat gibt, nicht bereilt zu handeln.

Wie aber aus dem folgenden Gesprch hervorging, hatte Jewgenij
Pawlowitsch schon vor langer Zeit mitgeteilt, da er den Abschied nehmen
wrde; doch hatte er es stets in einem so unernsten Tone gesagt, da es
ihm von niemand geglaubt worden war. brigens war es seine Eigenart, von
allen ernsten Sachen unernst oder fast scherzend zu sprechen, so da es
wirklich schwer war, herauszufhlen, wie er es nun in Wirklichkeit
meinte, namentlich, wenn er selbst wollte, da die anderen es nicht
herausbekmen.

Aber ich werde ja doch nur kurze Zeit, nur ein paar Monate, hchstens
ein Jahr in der Reserve bleiben, sagte er lachend.

Aber wozu das, das ist doch ganz berflssig, wenigstens soweit ich
Ihre Verhltnisse kenne! konnte sich der General noch immer nicht
beruhigen.

Um meine Gter zu inspizieren. Dazu haben Sie mir doch selbst geraten;
und zudem will ich auch mal ins Ausland ...

Das Gesprch ging auf einen anderen Gegenstand ber, doch die
eigentmliche andauernde Unruhe bestrkte den Frsten Lew Nikolajewitsch
unwillkrlich in der Vermutung, da es sich hier um etwas Besonderes
handelte.

Also der >arme Ritter< ist wieder in Szene gegangen? fragte Jewgenij
Pawlowitsch, an Aglaja herantretend.

Doch diese ma ihn zur grten Verwunderung des Frsten nur mit erstaunt
fragendem Blick, als wolle sie sagen, da zwischen ihnen doch wohl nie
vom >armen Ritter< die Rede gewesen sein knne und sie seine Frage
berhaupt nicht verstehe.

Aber es ist doch zu spt, jetzt ist es doch viel zu spt, noch in die
Stadt zu schicken, um den Puschkin zu kaufen! bemhte sich Kolj, die
Generalin, mit der er sich wieder stritt, von ihrem Vorhaben
abzubringen. Glauben Sie mir doch endlich, ich sage es Ihnen zum
dreitausendstenmal: es ist heute viel zu spt dazu!

Ja, heute ist es allerdings zu spt, noch in die Stadt zu schicken,
pflichtete ihm Jewgenij Pawlowitsch, der sich von Aglaja mglichst
schnell abwandte, bei. Auch, glaube ich, drften die Lden in
Petersburg schon geschlossen sein, die Uhr geht bereits auf neun, sagte
er nach einem Blick auf seine Taschenuhr.

Und in der vornehmen Welt ist's ja auch gar nicht Sitte, sich so
lebhaft fr Literatur zu interessieren! Fragen Sie mal Jewgenij
Pawlowitsch. Das fashionabelste ist heutzutage, in einem gelben
Char--bancs mit roten Rdern spazieren zu fahren.

Schon wieder ein Zitat, Kolj! seufzte Adelaida in komischer
Verzweiflung.

Aber ich bitt' Sie, er spricht ja doch nie anders als in Zitaten,
versetzte Jewgenij Pawlowitsch. Mitunter kann man ganze Phrasen der
>Kritischen Rundschau< von ihm wiederhren. Ich habe schon lange das
Vergngen, Nikolai Ardalionytschs Redeweise zu kennen; doch diesmal war
es kein Zitat, sondern eine nicht mizuverstehende Anspielung auf meinen
gelben Char--bancs mit roten Rdern. Nur haben Sie sich damit leider
ein wenig versptet, denn ich habe meinen Wagen bereits umgetauscht.

Der Frst hrte Radomskij mit groem Interesse zu. Er fand, da Jewgenij
Pawlowitsch sich ganz vorzglich hielt, und namentlich gefiel ihm auer
seiner Bescheidenheit und Scherzhaftigkeit, da er so freundschaftlich
mit Kolj sprach, wie mit einem vllig Gleichstehenden, und obgleich
dieser ihn doch offenbar hatte foppen wollen.

Was ist das? fragte Lisaweta Prokofjewna erstaunt, als pltzlich Wjera
Lebedewa mit mehreren ganz neuen, prchtig eingebundenen Bchern groen
Formats vor ihr erschien und ihr eines derselben reichte.

Puschkin, sagte Wjera. Unser Puschkin. Papa befahl mir, Ihnen unseren
Puschkin zu bringen.

Wie das? Wie ist das mglich? wunderte sich die Generalin.

Nicht als Geschenk, nicht als Geschenk! Wie drfte ich das wagen!
beteuerte sofort Lebedeff, der im Augenblick neben seiner Tochter
auftauchte. Zum selben Preise, fr den ich ihn gekauft! Das ist mein
eigener, sozusagen unser Familien-Puschkin, die Gesamtausgabe
Annenkoffs, die jetzt nirgends mehr zu haben ist -- zu demselben Preise,
wie gesagt. Ich biete Ihnen die ganze Ausgabe untertnigst zum Kaufe an,
um die edle Ungeduld des literarischen Wissensdranges Eurer Exzellenz zu
befriedigen.

Ach so, du willst deinen Puschkin verkaufen, -- besten Dank. Sollst
nichts verlieren, hab' keine Angst; nur krmme dich, bitte, nicht so
viel, Vterchen. Ich habe von dir gehrt: du sollst ja ungeheuer belesen
sein, sagt man. Dann knnen wir einmal diskutieren. Wirst du selbst
deinen Puschkin zu mir bringen?

Gewi mit der grten Ehrfurcht und ... Ehrerbietung! -- Lebedeff, der
die Bcher seiner Tochter bereits aus den Hnden gerissen, zerschmolz
frmlich vor Seligkeit.

Verlier' sie nur nicht bis dahin, bring sie meinetwegen auch ohne
Ehrerbietung, doch mit der einen Bedingung, fgte sie langsam, ihn
kritisch betrachtend, hinzu, nur bis zur Schwelle; denn heute werde ich
dich nicht empfangen. Deine Tochter Wjera dagegen la mal ruhig sogleich
zu uns kommen, die gefllt mir sehr.

Warum sagen Sie denn nichts von jenen, Papa? wandte sich Wjera
ungeduldig an ihren Vater. So werden sie ja schlielich noch
unaufgefordert eintreten, sie sind ja doch nicht mehr zu halten. Lew
Nikolajewitsch, wandte sie sich an den Frsten, der nach seinem Hut
gegriffen hatte, um Jepantschins, die bereits aufbrechen wollten, zu
begleiten; es sind dort welche, die mit Ihnen sprechen wollen, vier
junge Leute, sie warten bei uns und sind wtend, weil Papa sie nicht zu
Ihnen lassen will.

Was wollen sie von mir? fragte der Frst.

Es sei eine geschftliche Angelegenheit, sagen sie; aber sie sind jetzt
so weit, da sie, wenn man sie nicht empfngt, schlielich noch einen
groen Skandal machen werden. Sie knnen Sie im Park aufhalten. Ich
denke, es ist besser, Lew Nikolajewitsch, Sie empfangen sie jetzt
schnell und schicken sie dann fort -- dann sind Sie sie los. Gawrila
Ardalionytsch und Ptizyn reden dort mit ihnen und wollen sie beruhigen,
aber sie wollen sich nicht fortschicken lassen.

Pawlischtscheffs Sohn, Pawlischtscheffs Sohn ist's! Lohnt sich nicht,
nicht der Mhe wert! beteuerte Lebedeff, mit beiden Hnden abwinkend.
Es lohnt sich wahrhaftig nicht, sie berhaupt anzuhren! Und sich von
solchen Leutchen auch nur aufhalten zu lassen, wre ganz unter Ihrer
Wrde, durchlauchtigster Frst. Jawohl, das ist meine Meinung. Es lohnt
sich wahrhaftig nicht ...

Pawlischtscheffs Sohn! Groer Gott! entfuhr es dem Frsten in der
ersten Bestrzung. Ich wei ... aber ich habe doch ... ich habe doch
diese ganze Angelegenheit Gawrila Ardalionytsch bergeben! Und Gawrila
Ardalionytsch sagte mir vor einer Stunde ...

In dem Augenblick trat Gawrila Ardalionytsch aus dem Zimmer auf die
Terrasse und ihm folgte Ptizyn. Im nchsten Zimmer hrte man Lrm und
wstes Stimmengewirr, aus dem nur die laute Stimme des alten Iwolgin zu
unterscheiden war, da dieser offenbar die anderen berschreien wollte.
Kolj eilte sofort hin.

Das ist ja sehr interessant, bemerkte pltzlich Jewgenij Pawlowitsch
laut, so da es alle hrten.

Ah, also er wei etwas davon! dachte der Frst bei sich.

Was? Ein Sohn von Pawlischtscheff? Aber ... was kann denn das fr ein
Sohn von Pawlischtscheff sein? wunderte sich General Jepantschin und
blickte fragend vom einen zum anderen. Zu seinem Erstaunen bemerkte er,
da alle etwas zu wissen schienen, wovon nur er allein keine Ahnung
hatte.

Allerdings wre die allgemeine Erwartung und das offenkundige Interesse
der Anwesenden selbst einem Unbefangenen aufgefallen; den Frsten aber
wunderte es unsglich, da eine Angelegenheit, die nur ihn persnlich
etwas anging, so vielen bereits bekannt war, und da so viele auch nur
das geringste Interesse daran haben konnten.

Das ist sehr gut, da Sie diese ganze Angelegenheit hier sogleich
_selbst_ erledigen werden, sagte Aglaja, die pltzlich an den Frsten
herangetreten war, mit auffallendem Ernst, und ich hoffe, da Sie uns
allen erlauben, Ihre Zeugen zu sein. Man will Sie herabziehen, Frst,
deshalb mssen Sie sich stolz verteidigen. Ich freue mich schon im
voraus fr Sie.

Ja, auch ich wnsche es, da diese emprende Prtention endlich einmal
energisch zurckgewiesen wird! sagte die Generalin laut. Lieber Frst,
schone sie nicht, gib's ihnen ordentlich! Mir gellen schon die Ohren von
dieser Skandalgeschichte, wei Gott, sie hat viel bses Blut in mir
gemacht. Deinetwegen, Frst. Und es wird auch nicht uninteressant sein,
diese Menschensorte einmal kennen zu lernen. Ruf' sie nur herein, wir
setzen uns inzwischen. Das war sehr richtig von dir, Aglaja, was du da
sagtest. Haben Sie schon davon gehrt, Frst? wandte sie sich an den
Frsten Sch.

Oh, gewi; in Ihrem Hause. Doch was mich besonders interessiert, ist --
jene jungen Leute mit eigenen Augen zu sehen, antwortete Frst Sch.

Das sind jetzt also Nihilisten, nicht wahr?

Nein, nicht gerade Nihilisten, griff sofort Lebedeff, der vor
Aufregung nicht wute, wo er sich lassen sollte, einen Schritt
nhertretend, das Wort auf; sie gehren zu einer anderen, einer ganz
besonderen Kategorie. Mein Neffe sagt, sie gingen viel weiter als die
Nihilisten. Eure Exzellenz glauben vielleicht, sie durch Eurer Exzellenz
Anwesenheit einzuschchtern; das wre aber ein groer Irrtum Eurer
Exzellenz: die pfeifen drauf! Nihilisten sind mitunter auch verstndige
Leute, sogar gelehrte Leute, diese aber sind weitergegangen, sie sind
vor allem Geschftsleute und beginnen sogleich mit der Tat. Diese Sorte
Menschen ist eigentlich nur eine gewisse Folge des Nihilismus, doch
wiederum auch keine direkte Folge, sondern sozusagen eine indirekte,
halb nur nach dem Hrensagen, und ihre Meinung uern sie nicht etwa wie
jene in Zeitungsartikelchen, sondern direkt in Taten, sehen Sie! Und
nicht nur um die, nun, zum Beispiel, Sinnlosigkeit Puschkins, oder, zum
Beispiel, um die Notwendigkeit des Zerfalls des Russischen Reiches
handelt es sich bei ihnen! -- nein, sie erklren einfach, ein jeder habe
das Recht, wenn er nach irgend etwas Verlangen trgt, vor keinem
Hindernis mehr zurckzuschrecken oder sich von moralischen Bedenken
abhalten zu lassen, und wenn es auch heit, bei der Gelegenheit acht
lebendige Menschen um einen Kopf krzer zu machen. Deshalb wrde ich
Ihnen, durchlauchtigster Frst, aufrichtig abraten ...

Doch der Frst schritt bereits zur Tr, um sie den ungebetenen Gsten zu
ffnen.

Sie verleumden sie, Lebedeff, sagte er lchelnd, Ihr Neffe hat Sie
gar zu sehr betrbt. Glauben Sie ihm nicht, Lisaweta Prokofjewna. Ich
versichere Sie, die Gorskys und Daniloffs[17] sind nur einzelne Flle,
diese hier aber ... irren sich nur ... Nur wrde ich nicht gern hier in
Gegenwart aller ... Verzeihen Sie, Lisaweta Prokofjewna, wenn ich die
jungen Leute nur auf einen Augenblick hierherbitte, damit Sie sie sehen
knnen, und sie dann wieder fortfhre. -- Bitte, meine Herren!

Ihn beunruhigte weniger die bevorstehende Aussprache, als ein gerader
qualvoller Gedanke: wie nun, wenn dieses Zusammentreffen, gerade an
diesem Tage und zu dieser Stunde, von irgend jemand absichtlich
herbeigefhrt worden war, um gerade diesen Zeugen nicht etwa seinen
Sieg, sondern seine Niederlage zu zeigen? Doch das Qulendste waren die
Vorwrfe, die er sich selbst wegen seines schndlichen, schamlosen
Argwohns machte. Er wre gestorben vor Scham, wenn jemand um seine
geheimen Gedanken gewut htte, und als die neuen Gste auf die Terrasse
hinaustraten, war er aufrichtig bereit, sich unter allen Anwesenden in
sittlicher Beziehung fr den Letzten der Letzten zu halten.

Auf die Terrasse traten im ganzen fnf Mann, vier neue Gste und hinter
diesen der alte General Iwolgin -- hchst ereifert und aufgebracht und,
wie gewhnlich in solchen Fllen, von berstrmender Redelust. Der
wenigstens wird zu mir halten! dachte der Frst lchelnd. Mit Hippolyt
war gleichzeitig auch Kolj wieder auf die Terrasse zurckgekehrt --
Hippolyt war einer von den vieren. Kolj redete eifrig auf ihn ein, doch
jener lchelte nur boshaft.

Der Frst bat die Neueingetretenen, Platz zu nehmen. Sie waren aber alle
noch so unausgewachsene Jungen, da man sich ber sie, ihr Vorhaben und
die Umstnde, die man mit ihnen machen mute, nur wundern konnte. Iwan
Fedorowitsch Jepantschin zum Beispiel, der von dieser ganzen neuen
Geschichte nichts wute und nichts begriff, rgerte sich sogleich ber
ihre Jugend und htte sicherlich irgendwie gegen eine weitere
Verhandlung protestiert, wenn ihn nicht dies unerklrliche Interesse
seiner Gemahlin fr die Privatangelegenheit des Frsten stutzig gemacht
htte. brigens blieb er zum Teil auch aus Neugier und zum Teil aus
Gutmtigkeit, in der Hoffnung, vielleicht auch helfen, doch jedenfalls
durch seine Autoritt von Nutzen sein zu knnen. Da aber wagte es der
alte General Iwolgin, ihn von weitem zu gren, was Seine Exzellenz
sogleich wieder so emprte, da er beschlo, finster und schweigend
auszuharren.

brigens war einer von den vier doch nicht mehr so ganz jung -- so an
die Dreiig; das war jener Unterleutnant aus der Rogoshinschen Rotte,
der Boxer genannt, der einst selbst an die fnfzehn Rubel den
Bettlern gegeben. Er begleitete die brigen drei als aufrichtiger
Freund zur Untersttzung ihres Mutes und, falls erforderlich, auch ihrer
Muskeln. Unter den brigen drei spielte die erste Rolle natrlich
derjenige, der von sich behauptete, Pawlischtscheffs Sohn zu sein; doch
stellte er sich dessenungeachtet als Antip Burdowskij vor. Er war ein
langer, magerer, blonder, junger Mann von etwa zweiundzwanzig Jahren, in
rmlicher Kleidung, die sich noch durch Unordentlichkeit, Schmierigkeit
und fast spiegelblanke Ellenbogen auszeichnete; die Weste hatte er bis
zum Halse zugeknpft, die Wsche war Gott wei wo geblieben, die
Krawatte war bis zur Unglaublichkeit fettig und fast zur Schnur
zusammengerollt; die Hnde waren ungewaschen, das Gesicht sehr finnig,
und der Blick war, wenn man sich so ausdrcken kann, unschuldig-frech.
Dennoch lag in seinem Gesicht keine Spur von Ironie oder Berechnung,
sondern nur ein stumpfes Berauschtsein von seinem Recht und
gleichzeitig ein seltsames Etwas, das sein unersttliches Bedrfnis,
bestndig beleidigt zu sein oder sich beleidigt zu fhlen, mit
ziemlicher Deutlichkeit verriet. Er sprach aufgeregt und schnell, blieb
jedoch nach jeden drei Worten im Satz stecken, als wre ihm das Stottern
angeboren oder als wre er ein Auslnder.

Ihn begleiteten der Neffe Lebedeffs, der den Lesern bereits bekannt ist,
und Hippolyt. Diesen sah der Frst zum erstenmal. Er war noch sehr jung,
-- siebzehn, hchstens achtzehn Jahre mochte er zhlen; sein Gesicht
hatte einen klugen, doch stets gereizten Ausdruck und zeigte deutlich
die furchtbaren Anzeichen seiner Krankheit. Mager war er wie ein
Skelett, seine Augen glnzten, und auf den eingefallenen Wangen von
gelblich-bleicher Farbe zeichneten sich zwei rote Flecke ab. Er hustete
sehr stark und sein Atmen hatte etwas Pfeifendes. Man sah es ihm sofort
an, da er im hchsten Grade schwindschtig war -- zwei bis drei Wochen
konnte er vielleicht noch leben. Er war erschpft und lie sich als
erster auf einen Stuhl nieder. Die anderen waren im ersten Augenblick
etwas zeremoniell und fast sogar schchtern geworden, blickten indes
doch noch mglichst wichtig drein und waren offenbar sehr darauf
bedacht, sich nicht irgendwie eine gesellschaftliche Ble zu geben, was
mit ihrer Reputation, grundstzliche Gegner aller unntzen
gesellschaftlichen Formen, aller Vorurteile und fast alles brigen auer
der Wahrnehmung ihrer eigenen Interessen zu sein, sehr sonderbar
harmonierte.

Antip Burdowskij, stellte sich eilig und doch stotternd der sogenannte
Sohn Pawlischtscheffs vor.

Wladimir Doktorenko, sagte klar und deutlich und als wolle er sich
damit brsten, da er ein Doktorenko war, der Neffe Lebedeffs.

Keller! brummte kurz und nicht sehr laut der verabschiedete
Unterleutnant.

Hippolyt Terentjeff, meldete sich als letzter mit ganz unerwartet
kreischender Stimme der Schwindschtige. Alle setzten sich in einer
Reihe auf die Sthle, gegenber dem Frsten; alle machten sie, nachdem
sie ihre Namen genannt, finstere Gesichter und nahmen, gleichsam um sich
zu ermutigen, die Mtzen aus der einen Hand in die andere; alle
bereiteten sich vor, zu sprechen, doch keiner machte den Anfang, und so
schwiegen sie und erwarteten mit herausfordernden Mienen, was nun kommen
werde, whrend ihre Blicke selbstbewut zu sagen schienen: Nein,
Verehrtester, uns fhrt man nicht hinters Licht! Man fhlte gleichsam,
da sie, falls nur einer von ihnen den Mund auftun und mit einem Wort
beginnen wrde, sogleich alle Mann ihm in die Rede fallen und dann kreuz
und quer durcheinander reden wrden.


                                 VIII.

Ich habe keinen von Ihnen erwartet, meine Herren, begann der Frst,
denn ich war bis heute krank. Doch Ihre Angelegenheit, wandte er sich
an Burdowskij, habe ich bereits vor einem Monat Herrn Gawrila
Ardalionytsch Iwolgin anvertraut, wovon Sie durch mich noch an demselben
Tage in Kenntnis gesetzt worden sind. brigens habe ich auch gegen eine
persnliche Aussprache nichts einzuwenden, nur werden Sie doch wohl
selbst einsehen, da ... zu einer so spten Stunde ... Ich mache Ihnen
den Vorschlag, wir ziehen uns in eines meiner Zimmer zurck, wenn es
voraussichtlich nicht allzulange dauern wird ... Ich habe hier
augenblicklich Besuch ...

Besuch ... das geht uns nichts an, aber Sie werden mir doch die
Bemerkung gestatten, unterbrach ihn der Neffe Lebedeffs in uerst
belehrendem Ton, wenn auch nicht mit allzu erhobener Stimme, die
Bemerkung gestatten, da Sie uns auch etwas hflicher behandeln knnten
und uns nicht zwei Stunden lang in Ihrer Dienerstube warten lassen ...

Und natrlich ... auch ich ... das ist natrlich nach Frstenart! Und
das ... Sie sind also ein General! Ich bin aber nicht Ihr Diener! Auch
ich ... ich ... begann pltzlich in unbeschreiblicher Erregung Antip
Burdowskij zu stottern; seine Lippen und seine Stimme bebten, und bei
jedem Wort spritzte Speichel aus seinem Munde, als wre er im Begriff
vor Wut zu bersten; doch ebenso pltzlich, wie er begonnen, hrte er
auch wieder auf; was er aber hatte sagen wollen, das begriff kein
einziger.

Das war echt frstlich! lachte hhnisch mit heiserer, gleichsam
kreischender Stimme Hippolyt.

Wenn man sich das mir gegenber erlaubt htte, brummte der Boxer, ich
meine, direkt mir gegenber, so htte ich als Mann von Ehre an
Burdowskijs Stelle ... ich ... khm -- er rusperte sich.

Aber, auf Ehrenwort, meine Herren, ich habe es erst vor zwei Minuten
erfahren, da Sie da sind, versicherte der Frst.

Wir haben keine Furcht vor Ihren Freunden, Frst, wer diese Freunde
auch immer sein mgen, denn wir sind in unserem Recht, erklrte
Lebedeffs Neffe.

Was fr ein Recht aber haben Sie? Erlauben Sie, da ich Sie das frage,
schrie wieder Hippolyt mit seiner heiseren Stimme, was fr ein Recht
haben Sie, Burdowskijs Privatangelegenheit dem Urteil Ihrer Freunde zu
unterbreiten? Woher wissen Sie, ob wir das Urteil Ihrer Freunde
berhaupt hren wollen? Man kann sich ja denken, was das fr ein Urteil
sein wird!

Aber wenn Sie, Herr Burdowskij, die Sache nicht in Gegenwart
Unbeteiligter errtern wollen, gelang es dem Frsten, den dieser Anfang
ganz betroffen gemacht hatte, einzuwenden, so bin ich ja doch, wie
gesagt, sogleich bereit, mich mit Ihnen allen in ein Zimmer
zurckzuziehen, und ich bitte Sie, mir nur glauben zu wollen, da ich
erst vor zwei Minuten ...

Aber Sie haben kein Recht, Sie haben kein Recht, Sie haben nicht das
Recht dazu! ... Ihre Freunde ... besagen gar nichts! ... ereiferte sich
wieder der stotternde Burdowskij mit wildem und doch scheuem Blick auf
all die fremden Menschen ringsum. Je mehr er seiner Umgebung mitraute
und je unsicherer er sich in ihr fhlte, um so aufgebrachter wurde er.
Und Sie haben kein Recht! Ganz einfach!

Und nachdem er das hervorgestoen, verstummte er wieder so pltzlich wie
vorher und starrte, indem er seine kurzsichtigen, auffallend gewlbten
Augen, deren derchen sehr dick und sehr rot waren, unheimlich aufri,
mit fragendem Blick den Frsten an, wobei er seinen ganzen Oberkrper
weit vorbeugte. Diesmal aber war der Frst so verblfft, da auch er
verstummte und ihn gleichfalls wortlos fragend ansah.

Lew Nikolajewitsch! rief ihn pltzlich Lisaweta Prokofjewna zu sich,
hier, lies das, dieses hier, und bitte laut; lies es sofort, es bezieht
sich direkt auf diese Angelegenheit.

Sie hielt ihm mit einer befehlenden Handbewegung eines unserer
humoristischen Wochenbltter hin und deutete mit dem Finger auf den
Titel des Leitartikels. Lebedeff, der sich eifrig um die Gunst Lisaweta
Prokofjewnas bewarb, war beim Eintritt der Gste sogleich hinter ihren
Stuhl geschlpft, hatte aus der Seitentasche seines Rockes das Blatt
hervorgezogen und es ihr vor die Augen gehalten, mit dem Zeigefinger
eifrig auf die erste angestrichene Spalte weisend. Sie berflog den
Anfang des Artikels, und was sie da las, emprte sie sichtlich tief.

Wre es nicht besser, wenn man es nicht laut lesen wrde, wagte der
Frst, nicht wenig verwirrt, einzuwenden, ich kann es ja auch spter
lesen, wenn ich allein bin ...

Ach, dann lies lieber du es, sofort, laut! So da es alle hren!
wandte sich Lisaweta Prokofjewna an Kolj in einem Tone, der keinen
Widerspruch duldete, und gereizt nahm sie dem Frsten das Blatt, das er
kaum genommen hatte, wieder aus der Hand, um es Kolj zu geben. Lies es
laut vor, laut, hrst du, so da alle es hren, hier, dies hier!

Lisaweta Prokofjewna war eine heibltige Dame, die sich leicht
hinreien lie. Es kam oft vor, da sie pltzlich ganz unbedacht alle
Anker lichtete und ins offene Meer hinausfuhr, ohne dabei vorher nach
dem Wetter zu fragen. Iwan Fedorowitsch bewegte sich unruhig. Doch alle
waren noch so berrascht und verwundert, da niemand daran dachte, gegen
das laute Vorlesen Einspruch zu erheben, und so begann denn Kolj, dem
Lebedeff sogleich eifrig zeigte, von wo er anfangen sollte, mit lauter
Stimme den Artikel vorzulesen, der folgendermaen lautete:

_Proletarier und Aristokraten!_ Ein Beispiel unserer alltglichen
Diebsthle! _Fortschritt! Reform! Gerechtigkeit!_

Seltsame Dinge ereignen sich in unserem sogenannten heiligen Ruland,
in unserem Jahrhundert der Reformen und handelspolitischen Initiativen,
des erwachenden Nationalbewutseins und der jhrlichen Ausfuhr von
mehreren Hundertmillionen ins Ausland, im Jahrhundert der Handels- und
Industriebegnstigung und der Ohnmacht des Arbeiters usw. usw., -- alles
lt sich gar nicht aufzhlen, meine Herrschaften, und deshalb zur
Sache.

Er war ein Spro unsrer einst so allmchtig _gewesenen_ (_de
profundis!_) Aristokratie, einer von jenen, deren Grovter bereits ihr
ganzes Vermgen im Auslande auf grnen Tischen verzettelt, deren Vter
dann ihr Leben als Junker und Leutnants fristen muten und in der Regel
wegen eines harmlosen Kassendefizits im Untersuchungsgefngnis starben,
und deren Kinder jetzt entweder als Idioten vegetieren, gleich dem
Helden unserer Erzhlung, oder sich in Kriminalprozesse verwickeln,
wofr sie brigens -- wohl infolge der neuen Erziehungs- und
Besserungsprinzipien -- von den Geschworenen freigesprochen werden; oder
die schlielich fr Unterhaltungsstoff sorgen, indem sie Stckchen
losschieen, die das Publikum in Erstaunen setzen und unseren ohnehin
schon beschmenden Zeitgeist zu einem noch beschmenderen machen.

Vor etwa einem halben Jahre kehrte unser Adelsspro in auslndischen
Stiefeletten und zitternd vor Klte in einem ungeftterten Kapuzenmantel
mitten im Winter nach Ruland zurck, und zwar kam er damals direkt aus
der Schweiz, wo er sich lngere Zeit aufhielt, um sich zu heilen; denn
er war krank, und seine Krankheit war -- die Idiotie. (_Sic!_) Man mu
gestehen, da ihm das Glck nicht abhold gewesen ist; denn von Idiotie
geheilt zu werden, drfte mehr Glck sein, als Fortuna je einem
Sterblichen vergnnt hat. Man bedenke: von Idiotie! Und diese Gunst
Fortunas lt sich in seinem ganzen Leben nachweisen: als Sugling
allein auf Erden zurckgeblieben -- nach dem Tode eines Vaters, der
infolge des Verlustes der Regimentskasse -- im Kartenspiel, versteht
sich -- in Untersuchungshaft gestorben, vielleicht aber auch infolge
einer fr Untergebene in Menschengestalt zu reichlich bemessenen
Prgelstrafe (Sie entsinnen sich wohl noch der alten Zeiten, meine
Herrschaften?), war unser Adelsspro von einem uerst reichen
Gutsbesitzers aus Gnade und Mitleid erzogen worden. Dieser russische
Gutsbesitzer -- nennen wir ihn der Krze halber Herrn P. -- besa in der
alten goldenen Zeit seine viertausend Leibeigene (Leibeigene! Begreifen
Sie diesen Ausdruck, meine Herrschaften? Ich nicht. Ich werde im
Konversationslexikon nachschlagen: -- >Jung ist die Sage, und doch kaum
glaublich<[18] kann man mit Gribojedoff sagen) und gehrte offenbar zu
jenen Russen, die ewig auf der Brenhaut liegen und ihre mige Zeit im
Auslande verbringen, im Sommer in Kurorten und im Winter in Paris, und
dort gewhnlich in einem Chteau des Fleurs, wo sie seinerzeit
unermeliche Summen zurckgelassen haben. Man kann ja doch fast positiv
behaupten, da wenigstens ein Drittel des ganzen zur Zeit der
Leibeigenschaft in Ruland gezahlten Pachtzinses in die Hnde der
Besitzer des Pariser Chteau des Fleurs geflossen ist. (Mu das ein
glcklicher Mensch gewesen sein!). Doch wie dem auch sei, jedenfalls
lie der sorglose Herr P. seinen Pflegling frstlich erziehen,
engagierte fr ihn Erzieher und Gouvernanten (zweifellos recht hbsche),
die er natrlich nicht verga, aus Paris selbst mitzubringen. Doch
leider erwies sich der Spro, der Letzte seines Stammes, als Idiot. Da
half auch die ganze Kunst der Pariser Gouvernanten nichts, und bis zum
zwanzigsten Lebensjahre erlernte ihr Zgling berhaupt keine Sprache,
die russische nicht ausgenommen. Letzteres drfte brigens verzeihlich
sein. Eines schnen Tages aber beglckte das ruhende Gehirn des Herrn P.
der wundervolle Gedanke, da man dem Idioten in der Schweiz ganz
sicherlich zu gesundem Verstande verhelfen knne -- ein Gedanke, der
unter diesen Verhltnissen von einwandfreier Logik war: wie sollte ein
Mensch seines Schlages nicht der Meinung sein, da man fr Geld selbst
Verstand auf dem Markte kaufen knne, und noch dazu in der Schweiz! Fr
seinen Zgling folgten also fnf Jahre lang kalte Duschen in der Schweiz
unter Aufsicht eines berhmten Professors, wie es sich von selbst
versteht, und Geld ward fr ihn ausgegeben zu Tausenden. Aus dem Idioten
wurde natrlich kein Philosoph; aber immerhin entwickelte sich in ihm
ein Quantum Verstand, das vorlufig gengte, um ihn wenigstens einen
Menschen nennen zu knnen, allerdings nur mit knapper Not. Da aber
stirbt Herr P. ganz unvorhergesehen. Ein Testament hinterlt er
selbstverstndlich nicht, und selbstverstndlich herrscht in seinen
Vermgensverhltnissen die grte Unordnung; Erben aber gibt es mehr als
genug, Erben, denen um die Heilung erblicher Idioten in der Schweiz
nicht das allermindeste zu tun ist. Der Idiot war zwar ein Idiot, wute
aber dennoch so klug zu sein, da er seinen Professor geschickt betrog
und sich jahrelang umsonst von ihm behandeln lie, indem er ihm den Tod
P.'s verschwieg. Doch auch der Professor war nicht auf den Kopf
gefallen: der vllige Geldmangel erschien ihm schlielich doch etwas
bedenklich, und da der zunehmende Appetit seines fnfundzwanzigjhrigen
Zglings die Sache fr ihn noch bedenklicher machte, so entschlo er
sich, seinen Patienten abzuschtteln, schenkte ihm seine alten
Stiefeletten, desgleichen seinen alten Kapuzenmantel und expedierte ihn
nach Ruland, indem er auch noch die Reise dritter Klasse aus seiner
Tasche bezahlte. Nun sollte man meinen, Fortuna habe dem Jngling fortan
nur noch ihre Rckseite gezeigt, doch nein, -- mitnichten! Sie, die
ganze Gouvernements Hungers sterben lt, schttet pltzlich das
Fllhorn ihrer Gaben ber dem Haupte des aristokratischen Idioten aus,
gleich der >Wolke< in Kryloffs berhmter Fabel, die ber das drre Feld
zieht, ohne einen Tropfen Wassers zu spenden, und ber dem Ozean einen
ganzen Gewitterregen niedergehen lt. Also geschah es auch hier: fast
an demselben Tage, an dem der junge Mann in Petersburg eintrifft, stirbt
in Moskau ein Verwandter seiner Mutter (der natrlich nur ein Kaufmann
war), ein alter, kinderloser, griesgrmiger Altglubiger mit einem
langen Bart, und hinterlt ein Kapital von mehreren Millionen, und
dieses ganze unantastbare, bare Geld (wenn wir es doch htten!) -- alles
das fllt unserem Idioten, der frwahr mehr Glck als Verstand hat, ohne
die geringsten Scherereien in den Scho! Da zog natrlich alle Welt
sogleich ganz andere Saiten auf: unser Baron in den alten Stiefeletten,
der sich sofort in eine berhmte Schnheit und ebenso berhmte Mtresse
verliebte, war in krzester Frist von einer Schar von Freunden umgeben,
es fanden sich sogar Verwandte ein, und bald ward er von einem ganzen
Heer hochwohlgeborener junger Mdchen belagert, die nur noch eine
Sehnsucht kannten: von ihm zum Altar gefhrt zu werden; denn er ist doch
das Ideal eines Gatten: Aristokrat, Millionr und Idiot -- was will man
mehr? -- alle guten Eigenschaften in einer Person! Einen solchen Mann
kann man ja mit der Laterne suchen, ohne ihn zu finden, und selbst auf
Bestellung knnte einem keiner einen zweiten solchen liefern! ...

Das ... das ist aber doch emprend! rief Iwan Fedorowitsch Jepantschin
in hchster Entrstung aus.

Hren Sie auf, Kolj! rief ihm der Frst beschwrend zu.

Von allen Seiten wurden Ausrufe laut.

Lesen! Um jeden Preis weiterlesen! befahl Lisaweta Prokofjewna kurz
und bndig. Man sah es ihr an, da sie nur noch mit Mhe an sich hielt.
Frst! wandte sie sich an diesen, wenn du ihn nicht weiterlesen lt
-- sind wir Feinde!

Es war also nichts zu machen, und Kolj, der vor Scham errtet war, fuhr
mit erregter Stimme in der Lektre fort.

Doch whrend unser junger Millionr sozusagen im berflusse schwelgt,
geschieht etwas ganz Nebenschliches. Eines schnen Morgens erscheint
bei ihm ein Herr mit einem ruhigen, strengen Gesicht, tadellos, doch
unauffllig gekleidet, mit hflicher, wrdiger und rechtschaffener Rede
und mit augenscheinlich liberalen Ansichten. In zwei Worten erklrt er
ihm den Grund seines Erscheinens: er ist ein bekannter Advokat, der von
einem jungen Mann, in dessen Namen er erschienen ist, einen gewissen
Auftrag erhalten hat, und jener ist nichts mehr und nichts weniger als
der natrliche Sohn des verstorbenen Herrn P., wenn er auch einen
anderen Namen trgt. Der alte Lstling P. hatte ein ehrsames, armes
Mdchen von seinem Gutsgesinde, das jedoch europische Erziehung
genossen, mit Hilfe seiner Gutsherrnrechte verfhrt und dann, als sich
die Folgen seines Leichtsinns bemerkbar machten, schnell mit einem
anderen verheiratet, mit einem Kaufmann oder, wie man sagt, sogar
Beamten, der dieses Mdchen seit langem liebte. Zu Anfang der Ehe half
er hin und wieder den Neuvermhlten; doch bald wurde seine Hilfe von dem
edelgesinnten Gatten der jungen Frau zurckgewiesen, und mit der Zeit
verga Herr P. nicht nur die beiden Eheleute, sondern auch den Sohn, den
sein ehemaliges Gutsmdchen bald nach ihrer Verheiratung ihrem -- Gatten
geboren hatte. Und dann kam, wie gesagt, ein Tag, an dem Herr P.
unvorhergesehen starb, ohne ein Testament gemacht zu haben. Inzwischen
war der Sohn, den der edeldenkende Gatte seiner Mutter wie seinen
leiblichen Sohn erzogen hatte, nachdem er auch diesen seinen
Pflegevater, dessen brgerlichen Namen er trug, durch einen pltzlichen
Tod verloren, ganz allein auf sich und seine Kraft angewiesen und mute
nicht nur fr sich, sondern auch fr seine alte, kranke, halbgelhmte
Mutter sorgen. So zog er denn allein nach Petersburg, um durch Erteilung
von Privatunterricht in Kaufmannsfamilien zuerst ein Gymnasium besuchen
und nachher fr ihn ntzliche Lektionen nehmen zu knnen, da er als
strebsamer, junger Mann hhere Ziele im Auge hatte. Doch wie weit kommt
man mit Privatunterricht zu fnfzig Kopeken die Stunde, wenn man auer
sich selbst auch noch eine kranke Mutter ernhren mu? Deshalb wre auch
der Tod seiner im Sterben liegenden Mutter keine besondere Erleichterung
fr ihn. Jetzt ist die Frage aufzuwerfen: Was htte unser Adelsspro in
diesem Falle tun sollen? Sie, meine verehrten Herren Leser, werden
natrlich der Meinung sein, da er folgendes bei sich gedacht habe: >Ich
habe mein ganzes Leben lang von P. alles Gute erfahren; fr meine
Erziehung, meine Gouvernanten und meine Heilung von der Idiotie hat er
Zehntausende ausgegeben. Jetzt besitze ich Millionen, der natrliche
Sohn P.s jedoch mu bei seinem edlen Charakter durch Unterricht
kmmerlich sein Leben fristen und unschuldig fr die Snden seines
leichtsinnigen, vergelichen Vaters ben. Alles, was er fr mich
ausgegeben hat, htte er von Rechts wegen fr ihn, seinen Sohn, ausgeben
mssen. Diese riesigen, fr mich ausgegebenen Summen hatte ich ja gar
nicht verdient, das war ein blinder Irrtum der blinden Fortuna oder
meines phantastischen Wohltters. Wenn ich wirklich dankbar, zartfhlend
und gerecht sein will, so mu ich jetzt seinem Sohne die Hlfte meiner
gegenwrtigen Millionen geben. Da ich aber in allen Dingen ein
berechnender Mensch bin und nur zu gut begreife, da er gesetzlich
nichts von mir verlangen kann, so werde ich ihm die Hlfte meiner
Millionen nicht geben; da aber _nichts_ geben doch gar zu gemein wre,
so mu ich ihm jetzt zum mindesten doch jene Zehntausende zurckgeben,
die sein Vater fr meine Heilung von der Idiotie ausgegeben hat. Damit
tue ich nach meinem Gewissen und der Gerechtigkeit nur meine Pflicht und
Schuldigkeit. Denn was wre schlielich aus mir geworden, wenn sich P.
nicht meiner, sondern seines natrlichen Sohnes erbarmt htte?<

Doch nein, meine verehrten Leser! Unsere Adelssprlinge denken anders!
Wie beredt auch der Advokat, der einzig aus Freundschaft und fast gegen
den Willen des Jnglings die Sache bernommen hatte, dem gegenwrtigen
Millionr und ehemaligen Idioten diese Pflicht der Ehre und
Gerechtigkeit und sogar der logischen Berechnung vorhlt, der in der
Schweiz geschulte Idiot bleibt unerbittlich -- und was tut er? Ja, was
er tut, das lt sich nicht mehr mit interessanten Krankheiten
entschuldigen, das ist und bleibt unverzeihlich: dieser Millionr, der
kaum aus den Stiefeletten seines Professors heraus ist, begreift nicht
einmal, da der edelgesinnte Sohn seines Wohltters, der sich mit
Privatunterricht abqult, nicht um eine gndige Untersttzung bittet,
sondern nur um das, was ihm von Rechts wegen zukommt, und nicht einmal
selbst bittet, sondern da nur von seinen Freunden fr ihn gebeten wird.
In aufgeblasenem Hochmut und berauscht von der Macht seiner Millionen,
die es ihm jetzt erlauben, ungestraft die Machtlosen unter die Fe zu
treten, zieht unser Adelsspro eine fnfzigrublige Banknote aus seinem
Portemonnaie und schickt sie frech als Almosen dem edlen jungen Manne
zu. Sie wollen es nicht glauben, meine verehrten Leser? Sie sind emprt,
beleidigt, Sie finden keine Worte -- und dennoch: er hat es getan!
Selbstverstndlich ist ihm das Geld sogleich zurckgesandt, sozusagen
ins Gesicht geworfen worden. Doch welch eine Lsung ist wohl jetzt, wie
die Verhltnisse liegen, zu erwarten? Juridisch ist ihm nicht
beizukommen, nach dem geschriebenen Gesetz kann man ihm nichts anhaben;
es bleibt also nichts anderes brig, als die Sache der ffentlichkeit zu
bergeben. So unterbreiten wir sie denn dem Urteil des Publikums, das
wir zum Schlu noch der Wahrheit jedes geschriebenen Wortes versichern.
Es heit, da einer unserer bekanntesten Humoristen, dem dieser Fall
gleichfalls zu Ohren gekommen ist, ein kstliches Epigramm darauf
verfat hat, das durchaus wert ist, selbst in Residenzblttern
verffentlicht zu werden, weshalb wir es denn hier auch noch anfhren
wollen:

   Seit fnf Jahren schon trug Ljowa[19]
   -- Also hie der Adelsspro --
   Ein paar enge Stiefeletten
   Seines Schweizer Professors.
   Als er dann im fnften Jahre
   Noch Millionen erben tat,
   Wollt' er nimmer das berappen,
   Was man ihm gepumpt einst hat.

Als Kolj zu Ende gelesen hatte, warf er das Blatt angeekelt auf den
Tisch und eilte, das Gesicht mit den Hnden bedeckend, in den nchsten
Winkel, wo er die Stirn fest an die Wand prete. Er schmte sich bis in
sein Innerstes hinein, und seine kindlich reine Seele, die sich an
solchen Schmutz noch nicht gewhnt hatte, litt unsglich. Es schien ihm,
da etwas Entsetzliches geschehen war, etwas, das alles Schne und Gute
zerstrt hatte, und da er selbst womglich die Ursache dessen gewesen
war, allein schon dadurch, da er dieses Schndliche laut vorgelesen
hatte.

Doch auch die anderen schienen fast alle hnliches zu empfinden.

Den jungen Mdchen war die Situation mehr als peinlich. Die Generalin
bezwang mit aller Gewalt ihren Zorn und bereute vielleicht bitter, da
sie sich in diese Angelegenheit berhaupt hineingemischt hatte; jetzt
schwieg sie. Der Frst aber schmte sich, wie das mit zartfhlenden
Menschen oft geschieht, dermaen fr die Verfasser dieses Artikels, da
er seine Gste gar nicht anzusehen wagte. Ptizyn, Warj, Ganj und sogar
Lebedeff schauten alle etwas verwirrt und betreten drein. Doch am
sonderbarsten war wohl, da auch Hippolyt und Burdowskij, der Sohn
Pawlischtscheffs, erstaunt und gleichsam etwas erschrocken aussahen;
und selbst der Neffe Lebedeffs schien offenbar mit irgend etwas
unzufrieden zu sein. Nur der Boxer sa wichtig und ruhig auf seinem
Stuhl und drehte seinen Schnurrbart, den Blick ein wenig gesenkt --
jedoch nicht etwa aus Verlegenheit gesenkt, sondern gleichsam aus
Bescheidenheit infolge gar zu offenkundigen Triumphes. Jedenfalls war
aus allem zu ersehen, da der Artikel ihm sehr gefallen hatte.

Der Teufel mag wissen, was das sein soll! brummte Iwan Fedorowitsch
halblaut, das ist ja, wie wenn fnfzig Lakaien sich zusammengetan und
dann auch glcklich die grte Gemeinheit zustande gebracht htten!

Erla--auben Sie, mein Herr, wie drfen Sie uns mit solchen Vermutungen
beleidigen? emprte sich, am ganzen Krper zitternd, Hippolyt.

Das, das, das ist fr einen Mann von Ehre ... das werden Sie doch
selbst zugeben, Exzellenz, da fr einen, einen Mann von Ehre so etwas
beleidigend sein mu! brummte diesmal etwas lauter der Boxer, der sich
gleichfalls aus irgendeinem Grunde verletzt zu fhlen schien, und mit
gekrnkter Miene fuhr er fort, seine Schnurrbartspitzen zu zwirbeln,
whrend er dazu bald mit dieser, bald mit jener Schulter zuckte.

Ich bin fr Sie nicht >mein Herr<, und im brigen habe ich nicht die
Absicht, Ihnen irgendwelche Erklrungen zu geben! antwortete mit
verhaltener Wut Iwan Fedorowitsch. Er erhob sich und ging ohne ein
weiteres Wort zu den Stufen der Terrasse, wo er auf der obersten Stufe,
den Rcken der Gesellschaft zugekehrt, stehen blieb. Er rgerte sich
unbeschreiblich ber Lisaweta Prokofjewna, die sich auch jetzt noch
nicht von ihrem Platz rhrte.

Meine Herren, ich bitte Sie, meine Herren, lassen Sie uns doch so
sprechen, da wir einander verstehen! kam der Frst, in dessen Gesicht
sich seine ganze Qual und Erregung widerspiegelte, endlich zu Wort. Der
Artikel -- nun, was ... vergessen wir ihn. Ich meine ja nur -- es ist
doch alles unwahr, was dort geschrieben steht, und das sage ich Ihnen
jetzt, weil Sie das doch selbst wissen. Es wrde mich doch wirklich nur
wundern, wenn das jemand von Ihnen verfat haben sollte.

Ich habe von diesem ganzen Artikel bis jetzt nichts gewut, erklrte
Hippolyt. Ich billige ihn nicht.

Ich habe zwar gewut, da er geschrieben war, aber ... von einer
Verffentlichung htte ich entschieden abgeraten; denn dazu ist es noch
zu frh, sagte Wladimir Doktorenko, Lebedeffs Neffe.

Ich habe gewut, aber ich habe das Recht ... ich ... stotterte der
Sohn Pawlischtscheffs.

Was! Sie haben das selbst geschrieben? fragte der Frst fast
erschrocken, und erstaunt blickte er Burdowskij an. Das kann doch nicht
sein!

Man knnte Ihnen brigens das Recht zu solchen Fragen auch absprechen,
trat Doktorenko fr seinen Freund ein.

Ich wunderte mich ja nur, da es Herrn Burdowskij gelungen ist ... doch
... wenn Sie die Sache bereits an die ffentlichkeit gebracht haben,
weshalb waren Sie dann vorhin so beleidigt, als ich in Gegenwart meiner
Freunde davon zu sprechen begann?

Endlich! stie Lisaweta Prokofjewna halblaut hervor, indem sie
gleichzeitig mit der Fuspitze aufschlug.

Und dabei geruhen Sie noch, Frst, mit Stillschweigen darber
hinwegzugehen, warf Lebedeff, der sich wie im Fieber hinter den Sthlen
der anderen herumwand, diensteifrig ein, jawohl, darber hinwegzugehen,
da es einzig und allein Ihr guter und freier Wille und die
unvergleichliche Gte Ihres Herzens war, diese Herren zu empfangen und
anzuhren, und sie infolgedessen berhaupt kein Recht haben, von Ihnen
eine Unterredung zu verlangen, um so weniger, als Sie, durchlauchtigster
Frst, bereits Gawrila Ardalionytsch mit der Fhrung dieser Sache
betraut haben. Deshalb, durchlauchtigster Frst, wird es Ihro Gnaden
niemand verargen drfen, wenn Ihro Gnaden jetzt den Wunsch aussprechen,
diese Herren die Stufen hinunterbefrdert zu sehen, was ich in meiner
Eigenschaft als Hausbesitzer sogar mit ganz besonderem Vergngen ...

Gewi, das einzig Richtige! drhnte pltzlich aus dem Hintergrunde die
Stimme des alten Iwolgin.

Genug, Lebedeff, hren Sie auf ... wollte der Frst beginnen, doch ein
ganzer Sturm von Ausrufen verschlang seine Worte.

Nein, verzeihen Sie, Frst, verzeihen Sie, jetzt ist's mit einem >hren
Sie auf< nicht abgetan! berschrie Lebedeffs Neffe alle anderen. Vor
allem tut jetzt not, da man die Sache klar und deutlich hinstellt; denn
offenbar versteht sie hier keiner richtig. Wie ich sehe, will man uns
mit juristischen Winkelzgen einschchtern, und man droht uns sogar, uns
hinauszuwerfen! Aber halten Sie uns denn, Frst, wirklich fr zu dumm,
um zu begreifen, da wir, wenn wir juridisch gegen Sie vorgehen wollten,
keinen Rubel von Ihnen zu verlangen das Recht htten! Doch andererseits
verstehen wir nur zu gut, da es hier, wenn von juridischem Recht keine
Rede sein kann, ein um so greres menschliches, natrliches Recht gibt,
das Recht der gesunden Vernunft und der Stimme unseres Gewissens, und
wenn dieses Recht auch nicht in alten vermoderten Kodexen steht, so ist
doch ein edler und ehrlicher Mensch, das heit soviel wie ein Mensch mit
gesunder Vernunft, dennoch verpflichtet, auch in solchen Punkten, die in
keinem Kodex stehen, eben ein ehrlicher und edler Mensch zu sein und
dementsprechend zu handeln. Deshalb sind wir auch hergekommen, ohne zu
frchten, da man uns hinauswerfen wird -- wie Sie soeben gedroht haben
--, weil wir _nicht bitten_, sondern _fordern_ ... und weil unser Besuch
etwas spt ausgefallen ist -- was jedoch mehr Ihre als unsere Schuld
ist, denn Sie haben uns zwei Stunden lang in Ihrer Dienerstube warten
lassen. Deshalb, wie gesagt, sind wir ohne Furcht zu Ihnen gekommen,
weil wir Sie fr einen Menschen mit gesunder Vernunft hielten, das heit
soviel wie fr einen Mann von Ehre und Gewissen. Es ist wahr, wir sind
nicht de- und wehmtig, nicht wie Bettler hier eingetreten, sondern
erhobenen Hauptes, als freie Menschen, die wir sind, und durchaus nicht
mit untertnigen Bitten, sondern mit einer freien und stolzen Forderung,
ja, Forderung und _nicht_ Bitte -- merken Sie sich das! Und jetzt
stellen wir ohne alle Winkelzge frei und offen die Frage an Sie:
Glauben Sie in dieser Angelegenheit im Recht oder im Unrecht zu sein?
Geben Sie es zu oder geben Sie es _nicht_ zu, da Pawlischtscheff Ihr
Wohltter gewesen ist und Sie vielleicht vom Tode errettet hat? Wenn Sie
das zugeben -- und das tun Sie doch offenbar -- so fragen wir Sie, ob
Sie die Absicht haben, oder ob Sie es vor Ihrem Gewissen fr gerecht
oder _un_gerecht halten, wenn wir von Ihnen, nachdem Sie Millionen
geerbt haben, einfach fordern, da Sie dem natrlichen, doch darbenden
Sohne Ihres Wohltters das zurckzahlen, was Sie von seinem Vater
ungerechterweise geschenkt erhalten haben? _Ja_ oder _nein_? Wenn _ja_,
das heit mit anderen Worten: wenn Sie auch nur einen Funken von dem in
sich haben, was Sie in Ihrer Sprache Ehre und Gewissen nennen, und was
wir noch treffender mit gesunder Vernunft bezeichnen, so befriedigen Sie
uns -- und die Sache ist erledigt. Befriedigen Sie uns, ohne dabei auf
Bitten und Dankbarkeit unsererseits zu rechnen, erwarten Sie sie nicht;
denn Sie tun es ja doch nicht fr uns, sondern fr sich, weil die
Gerechtigkeit es von Ihnen verlangt. Wollen Sie uns jedoch _nicht_
befriedigen, das heit: wenn Sie auf unsere Frage mit einem _Nein_
antworten, so werden wir uns sofort zurckziehen und die Sache ist
gleichfalls abgetan; doch werden Sie uns dann wohl gestatten, da wir in
Gegenwart all Ihrer Freunde und Zeugen Ihnen ins Gesicht sagen, da Sie
ein Mensch mit rohem Verstande sind und jedenfalls auf einer sehr
niedrigen Entwicklungsstufe stehen, und da Sie hinfort nicht mehr das
Recht haben, sich einen Mann von Ehre und Gewissen zu nennen, da Sie
sich dieses Recht denn doch gar zu billig kaufen wollen. So, ich habe
geendet. Die Frage ist gestellt! Lassen Sie uns doch jetzt hinauswerfen,
wenn Sie es wagen. Sie haben ja die Macht dazu. Aber vergessen Sie
nicht, da wir dennoch fordern und nicht bitten!

Ja, fordern, fordern, fordern, und nicht bitten! ... stotterte
Burdowskij, der vor Aufregung so rot geworden war wie ein Krebs.

Nach dieser Rede, die Lebedeffs Neffe mit viel Temperament gehalten
hatte, ging eine allgemeine Bewegung durch die Gesellschaft: Ausrufe
wurden laut, hier und da wurde getuschelt, geflstert, obschon es alle
auer Lebedeff sichtlich vermieden, sich in die Sache laut einzumischen.
Lebedeff dagegen war wie im Fieber, und seltsam: obschon er
bedingungslos zum Frsten hielt, empfand er jetzt doch so etwas wie
Familienstolz nach der Rede Doktorenkos und blickte sich im Kreise um,
als wolle er sagen: Und seht, das ist mein Neffe!

Meiner Ansicht nach, begann der Frst, ziemlich leise, meiner Ansicht
nach haben Sie, Herr Doktorenko, in dem, was Sie soeben gesagt, zum Teil
recht, sogar zum weit greren Teil, und ich wre mit Ihnen vollkommen
einverstanden, wenn Sie in Ihrer Rede nicht etwas ganz aus dem Auge
gelassen htten. Was es freilich ist, was Sie bersehen haben, vermag
ich nicht genau auszudrcken ... Doch kommen wir lieber zur Sache, meine
Herren. Weshalb haben Sie diesen Artikel verffentlicht? Jedes Wort in
diesem Artikel ist doch eine Verleumdung. Ich finde, da diese
Verffentlichung Ihrerseits eine Schndlichkeit ist.

Erlauben Sie! ...

Mein Herr! ...

Das ... das ... das ... hrte man gleichzeitig von den aufgeregten
Gsten.

Was diesen Artikel betrifft, griff Hippolyt mit seiner heiseren Stimme
auf, was diesen Artikel betrifft, so habe ich Ihnen bereits gesagt, da
sowohl ich wie auch die anderen ihn nicht billigen. Geschrieben aber hat
ihn dieser hier. (Er wies auf den neben ihm sitzenden Boxer.) Ich gebe
zu, da er ihn unanstndig und in einem Stil geschrieben hat, der allen
Verabschiedeten seines Schlages eigen ist. Er ist dumm und obendrein
noch kuflich, das gebe ich zu -- ich sage es ihm ja jeden Tag ins
Gesicht --, aber halbwegs ist er doch in seinem Recht: da ein jeder das
Recht zur Verffentlichung hat, kann auch er davon Gebrauch machen.
Seinen Stil jedoch und seine Dummheit mag er selbst verantworten. Und
was das betrifft, da ich vorhin im Namen aller gegen die Anwesenheit
Ihrer Freunde protestierte, so erklre ich jetzt einfach, da ich einzig
deshalb protestiert habe, um unser Recht zu behaupten, im Grunde aber
sind uns Zeugen sogar erwnscht, und darin sind wir bereits frher, noch
bevor wir hier eintraten, bereinkommen. Also gleichviel, wer die Zeugen
sind, und wenn wir Ihre Freunde vor uns haben -- um so besser; denn da
sie einsehen werden, da Burdowskij vollkommen in seinem Recht ist --
das liegt ja doch auf der Hand! das ist ja mathematisch klar! -- Nun,
und so wird eben der Sieg der Wahrheit ein um so grerer sein.

Das ist wahr, wir waren bereingekommen, da ... wollte Lebedeffs
Neffe Hippolyts Mitteilung besttigen.

Aber weshalb erhoben Sie denn vorhin ein solches Geschrei, wenn Ihnen
Zeugen sogar erwnscht waren? wunderte sich der Frst.

In betreff des Artikels, Frst, bemerkte eilig der Boxer, der
furchtbar gern auch zu Wort kommen wollte und sich nun, als es ihm
endlich gelang, in angenehmer Selbstzufriedenheit immer mehr belebte (es
war unschwer zu erraten, da die Anwesenheit von Damen einen starken
Einflu auf ihn ausbte), in betreff des Artikels mu ich allerdings
gestehen, da ich der Verfasser bin, obschon mein kranker Freund, dem
ich um seiner Krankheit willen zu verzeihen geneigt bin, sich soeben
sehr absprechend ber diesen meinen Artikel geuert hat. Ich habe ihn
aber in dem Blatt meines anderen Freundes gewissermaen nur als
eingesandten Brief verffentlicht. Nur das Gedicht zum Schlu stammt
allerdings nicht von mir, sondern von einem Bekannten, und man kann
sogar sagen, berhmten Humoristen. Vorgelesen habe ich ihn nur meinem
Freunde Burdowskij, doch auch ihm nicht alles; ich erhielt aber von ihm
sogleich die Erlaubnis, meinen Artikel zu verffentlichen, was ich
schlielich auch ohne seine Erlaubnis htte tun knnen, das werden Sie
doch zugeben. Das Recht der Verffentlichung ist ein allgemeines, ein
edles und ntzliches. Ich hoffe, auch Sie, Frst, sind so weit
fortgeschritten, da Sie das nicht in Abrede stellen werden ...

Das nicht, aber Sie sehen doch wohl selbst ein, da Ihr Artikel ...

Etwas scharf ist, wollen Sie vielleicht sagen? Aber hier handelt es
sich doch, das mssen Sie nicht vergessen, um den allgemeinen Nutzen,
und dann -- wie htte man eine solche Gelegenheit unbenutzt vorbergehen
lassen knnen? Der Nutzen der Allgemeinheit geht stets voran. Und was
die einzelnen Ungenauigkeiten betrifft -- man kann sie eigentlich nur
Hyperbeln nennen -- so sind doch diese nicht von Belang, die Hauptsache
bleibt doch die Initiative, der Zweck und die Absicht sozusagen. Von
Wichtigkeit ist das Beispiel, die Privatfragen kommen erst spter in
Betracht. Und dann ist's doch eine vortreffliche Gelegenheit, den Stil
zu entwickeln, es ist ja frmlich eine humoristische Aufgabe, und --
alle schreiben doch so! Ha--ha!

Aber das ist doch ein ganz falscher Weg! Ich versichere Sie, meine
Herren, rief der Frst, Sie haben den Artikel in dem Glauben
geschrieben, da ich unter keiner Bedingung einwilligen wrde, Herrn
Burdowskijs Ansprche zu befriedigen, und so haben Sie mich in dieser
Weise schrecken und sich an mir rchen wollen. Woher aber wissen Sie,
was ich zu tun beschlossen habe? Ich sage Ihnen jetzt offen in Gegenwart
aller, da ich seine Ansprche bedingungslos befriedigen werde ...

Ah, das ist doch endlich ein kluges und edles Wort eines klug- und
edeldenkenden Menschen! rief der Boxer begeistert aus.

Groer Gott! stie Lisaweta Prokofjewna hervor.

Das ist ja unertrglich! brummte der General emprt.

Erlauben Sie, meine Herren, erlauben Sie, da ich Ihnen die Sache
auseinandersetze, bat der Frst. Vor etwa fnf Wochen erschien bei mir
in S. Ihr Bevollmchtigter, Herr Burdowskij, ein gewisser Herr
Tschebaroff. Sie haben ihn aber doch etwas gar zu schmeichelhaft
geschildert, Herr Keller, das mu ich sagen! wandte sich der Frst
pltzlich an den Boxer. Mir dagegen gefiel dieser Herr durchaus nicht.
Ich begriff sogleich, da die ganze Geschichte nur von diesem
Tschebaroff ausging und er vielleicht sogar Sie, Herr Burdowskij, dazu
bewogen hat, diesen Anspruch zu erheben, indem er geschickt Ihre
Unwissenheit und Vertrauensseligkeit auszunutzen verstanden hat, wenn
ich offen sein soll.

Sie haben kein Recht dazu ... ich ... ich bin nicht unwissend ... das
... stotterte Burdowskij sehr erregt.

Sie haben durchaus kein Recht dazu, solche Vermutungen zu uern,
belehrte ihn Lebedeffs Neffe.

Das ist im hchsten Grade beleidigend! krhte Hippolyt mit seiner
heiseren Stimme. Beleidigend, unwahr und gehrt nicht zur Sache.

Verzeihung, Verzeihung, meine Herren, beeilte sich der Frst
einzuwenden, verzeihen Sie mir, bitte. Ich sagte es ja nur, weil ich
glaubte, wir tten besser, vollkommen offen miteinander zu reden. Doch
wie Sie wollen. Ich sagte Herrn Tschebaroff, da ich, da ich nicht
selbst nach Petersburg fahren konnte, meinen Freund sogleich mit der
Untersuchung der Angelegenheit betrauen und Sie, Herr Burdowskij,
unverzglich davon in Kenntnis setzen wrde. Ich sage Ihnen ganz offen,
meine Herren, da mir dieses ganze Ansinnen als niedertrchtige
Spitzbberei erschien, und zwar gerade deshalb, weil Tschebaroff ... Oh,
um Gottes willen, seien Sie doch nicht wieder beleidigt! Ich bitte Sie,
meine Herren! unterbrach sich der Frst schnell, als er in Burdowskijs
Miene die Unruhe des Gekrnkten und in denen der Freunde Protest und
Emprung bemerkte. Das kann Sie doch unmglich krnken, wenn ich sage,
da ich die Sache fr eine Spitzbberei, fr einen schndlichen Betrug
gehalten habe! Ich kannte doch damals noch keinen einzigen von Ihnen,
nicht einmal Ihre Namen waren mir bekannt! Ich konnte doch nur nach dem
Eindruck urteilen, den Tschebaroff auf mich gemacht hatte ... und ich
sage es ja nur so im allgemeinen; denn ... wenn Sie wten, wie ich
betrogen worden bin, seitdem ich die Erbschaft gemacht habe!

Sie sind unglaublich naiv, Frst, meinte Lebedeffs Neffe spttisch.

Und dabei -- Frst und Millionr! Doch ungeachtet Ihres vielleicht
guten Herzens, knnen Sie sich immerhin nicht dem allgemeinen Gesetz
entziehen, erklrte Hippolyt.

Mglich, sehr mglich, meine Herren, beeilte sich wieder der Frst zu
erwidern, das heit wenn ich auch nicht verstehe, von welch einem
allgemeinen Gesetz Sie reden ... doch ich fahre fort. Nur bitte ich Sie,
sich nicht sogleich gekrnkt zu fhlen; ich versichere Sie, mir liegt
nichts so fern als die Absicht, Ihnen irgendwie zu nahezutreten. Aber
was ist das, wirklich, meine Herren: man kann kaum zwei Worte offen zu
Ihnen reden, da fhlen Sie sich schon gekrnkt! ... Vor allem
berraschte es mich ungeheuer, da ein natrlicher Sohn von
Pawlischtscheff lebte und das noch dazu in solchen Verhltnissen, wie
sie Tschebaroff mir schilderte. Pawlischtscheff war mein Wohltter und
der Freund meines Vaters. Ach, weshalb haben Sie so schndliche
Unwahrheiten ber meinen Vater geschrieben, Herr Keller? Da er die
Regimentskasse verspielt oder einen Soldaten geprgelt habe -- das ist
doch nicht wahr, davon bin ich ja fest berzeugt! Wie hat Ihre Hand nur
eine solche Verleumdung schreiben knnen? Doch das, was Sie ber
Pawlischtscheff geschrieben haben, ist einfach unertrglich! Sie nennen
diesen durch und durch edelmtigen Menschen so dreist und berzeugt
einen alten Lstling, als wrden Sie damit die unantastbarste Wahrheit
sagen! Pawlischtscheff war sicherlich einer der sittenstrengsten Mnner,
die es je gegeben hat! Er war sogar ein groer Gelehrter und hat in
seinem Leben viel Geld fr die Wissenschaft ausgegeben. Was Sie aber
ber sein gutes Herz und seine Gte gegen mich geschrieben haben, ist
vollkommen zutreffend. Ich war damals wirklich fast ein Idiot und konnte
nur wenig begreifen -- aber Russisch sprach ich doch fehlerfrei -- und
Sie knnen mir glauben, da ich sehr wohl zu schtzen wei, was und
wieviel er fr mich getan hat ...

Erlauben Sie, krchzte Hippolyt, wird das nicht gar zu gefhlvoll
werden? Wir sind keine Kinder. Sie wollten doch zur Sache kommen, die
Uhr geht auf zehn, vergessen Sie das nicht.

Gewi, gewi, meine Herren, willigte der Frst sogleich ein. Nach dem
ersten Mitrauen sagte ich mir denn auch, da ich mich tuschen und da
Pawlischtscheff vielleicht wirklich einen natrlichen Sohn haben knne.
Mich wunderte nur sehr, da dieser Sohn so leichtfertig, das heit,
Verzeihung, ich will sagen: so ffentlich das Geheimnis seiner Herkunft
aufdeckt und vor allem seine Mutter nicht schont. Denn Tschebaroff
drohte mir schon damals mit der Verffentlichung ...

Welch eine Dummheit! rief Lebedeffs Neffe rgerlich aus.

Sie haben nicht das Recht ... haben nicht das Recht! stotterte fast
schreiend Burdowskij.

Der Sohn ist fr die Handlungen seines Vaters nicht verantwortlich und
die Mutter ist in diesem Fall unschuldig, erklrte Hippolyt.

Um so mehr, denke ich, htte er sie schonen sollen ... bemerkte der
Frst fast schchtern.

Sie sind nicht nur furchtbar naiv, Frst, sondern sind noch etwas
mehr, meinte Lebedeffs Neffe mit boshaftem Lachen.

Und welches Recht hatten Sie? ... krchzte wieder mit seiner
unnatrlichen Stimme Hippolyt.

berhaupt keines, berhaupt keines! kam ihm der Frst eilig zuvor.
Darin haben Sie recht, das sehe ich vollkommen ein! Ich habe mir auch
schon in demselben Augenblick, als ich es aussprach, gesagt, da meine
persnlichen Gefhle mit der Sache selbst nichts zu tun haben drfen;
denn wenn ich es einmal als meine Pflicht ansehe, Herrn Burdowskijs
Forderung auf Grund meiner Pawlischtscheff schuldigen Dankbarkeit zu
befriedigen, so mu ich es in jedem Fall tun, also gleichviel, ob ich
Herrn Burdowskij achte oder nicht achte. Ich kam jetzt, meine Herren,
nur deshalb darauf zu sprechen, weil es mir doch gar zu unnatrlich
schien, da der Sohn das Geheimnis seiner Mutter der ffentlichkeit
preisgibt ... Mit einem Wort, gerade daraus glaubte ich zu ersehen, da
Tschebaroff eine Kanaille sein msse und er allein Herrn Burdowskij zu
einer solchen Niedertracht bewogen haben knne.

Aber das ist ja nicht mehr zum Aushalten! ertnte es von den jungen
Leuten, von denen drei sogar von ihren Pltzen aufsprangen.

Meine Herren! Nur deshalb kam ich zu der berzeugung, da der
unglckliche Herr Burdowskij ein treuherziger, schutzloser, einfacher
Mensch sein mu, der leicht das Opfer jedes geschickten Spitzbuben
werden kann! Folglich aber war es meine Pflicht, ihm als >Sohn
Pawlischtscheffs< zu helfen, und zwar, indem ich vor allem _gegen_ Herrn
Tschebaroff auftrat und ihm als treuer Freund mit Rat und Tat behilflich
sein wollte, und ihm ferner zehntausend Rubel auszuzahlen bestimmte,
also dieselbe Summe, die Pawlischtscheff nach meiner Berechnung fr mich
ausgegeben hat ...

Was! Nur zehntausend! kreischte Hippolyt.

Nein, Frst, Sie sind doch in der Arithmetik sehr schwach! ... oder
vielleicht sehr stark, wenn Sie sich auch als noch so harmlosen Menschen
hinstellen wollen! rief der Neffe Lebedeffs hhnisch aus.

Mit zehntausend bin ich nicht einverstanden! erklrte Burdowskij, zum
erstenmal nicht stotternd.

Antip, sei kein Esel! flsterte ihm schnell und deutlich vernehmbar
der Boxer zu, indem er sich ber Hippolyts Stuhllehne zu Burdowskij
beugte. Greif zu, spter kann man ja dann immer noch sehen!

Hren Sie, Herr Myschkin, ereiferte sich Hippolyt und seine Stimme
klang noch heiserer, begreifen Sie doch endlich, da Sie nicht dumme
Jungen vor sich haben, wie hier alle Ihre Gste von uns zu glauben
scheinen, und namentlich diese Damen, die jetzt so emprt ber uns sind
und so spttisch lcheln, und auch jener hochwohlgeborene Herr dort (er
wies auf Jewgenij Pawlowitsch), den zu kennen ich freilich nicht die
Ehre habe, doch von dem mir, wenn ich mich nicht tusche, schon manches
zu Ohren gekommen ist ...

Erlauben Sie, erlauben Sie, meine Herren, Sie haben mich ja wieder
nicht verstanden! wandte sich der Frst erregt an seine Gste. Sie,
Herr Keller, haben in Ihrem Artikel mein Vermgen sehr falsch taxiert:
ich habe ja gar keine Millionen geerbt, ich besitze vielleicht den
achten oder zehnten Teil von dem, was Sie glauben. Und dann:
Zehntausende sind fr mich bestimmt nicht verausgabt worden. Professor
Schneider erhielt nicht mehr als sechshundert Rubel jhrlich, und auch
die hat er nur in den ersten drei Jahren erhalten. Hbsche Gouvernanten
aber hat Pawlischtscheff niemals aus Paris mitgebracht, -- das ist
wiederum eine Verleumdung. Ich bin berzeugt, da Pawlischtscheff alles
in allem bedeutend weniger als zehntausend Rubel fr mich ausgegeben
hat, doch ich habe nun einmal die Summe nach oben abgerundet, und dabei
bleibt es. Mehr aber als das, was ich empfangen habe, kann ich doch
Herrn Burdowskij nicht anbieten, selbst wenn ich ihn auch noch so
liebgewonnen htte, denn sonst wrde ich doch sein Zartgefhl verletzen;
was von mir verlangt wird, ist: eine Schuld zu bezahlen, nicht ein
Almosen zu geben! Ich begreife nicht, meine Herren, wie Sie das nicht
einsehen! Ich aber wollte ihm dafr noch meine Freundschaft schenken,
ich wollte ihm in jeder Beziehung behilflich sein und ihm beistehen;
denn er wird doch offenbar von allen und jedem betrogen! Anders ist es
ja gar nicht mglich, denn wie htte er sich sonst zu einer solchen ...
solchen Gemeinheit verstehen knnen, wie zum Beispiel der
Verffentlichung jener Stze in Herrn Kellers Artikel ber seine Mutter
... Aber weshalb regen Sie sich denn wieder auf, meine Herren? Man kann
ja mit Ihnen keine zwei Worte reden! So werden wir uns ja bald berhaupt
nicht mehr verstehen! Und ich habe mich ja auch nicht getuscht in
meinen Voraussetzungen, davon habe ich mich jetzt mit eigenen Augen
berzeugen knnen, versicherte der Frst, bemht, die aufgeregten
Geister zu beruhigen, ohne dabei zu bemerken, da er sie nur noch mehr
aufregte.

Was? Wovon haben Sie sich berzeugt? drangen sie geradezu zornig auf
ihn ein.

Aber ich bitte Sie, meine Herren, erstens habe ich Herrn Burdowskij
sehr gut verstanden, ich sehe doch, was er ist ... Er ist ein
unschuldiger Mensch ... und deshalb mu ich ihn in Schutz nehmen. Und
zweitens hat Gawrila Ardalionytsch, -- von dem ich lange keine
Nachrichten ber den Stand der Dinge erhalten, da ich fast die ganze
Zeit gereist und dann hier in Petersburg drei Tage krank gewesen bin --
hat mir Gawrila Ardalionytsch erst heute vor etwa einer Stunde
mitgeteilt, als wir uns zum erstenmal wiedersahen, da er die Absichten
Tschebaroffs sehr wohl durchschaue, und da Tschebaroff genau das sei,
fr was ich ihn gehalten habe. Ich wei es, meine Herren, da mich viele
fr einen Idioten halten, und auch Tschebaroff nur deshalb, weil ich
diesen Ruf habe, und in dem Glauben, da man mit Leichtigkeit von mir
Geld erhalten knne, mich eben betrgen wollte, indem er schlau meine
Gefhle fr Pawlischtscheff auszunutzen gedachte. Aber die Hauptsache,
-- so hren Sie doch, meine Herren, lassen Sie mich doch zu Ende
sprechen! --: wie sich jetzt herausstellt, ist ja Herr Burdowskij gar
nicht Pawlischtscheffs Sohn! Vor einer Stunde hat mir Gawrila
Ardalionytsch mitgeteilt, da er unantastbare Beweise dafr habe! Nun,
in welch einem Licht erscheint Ihnen jetzt die Sache? Es ist ja doch
berhaupt nicht zu glauben, nach allem, was Sie bereits angestiftet
haben! Und Sie hren: unantastbare Beweise! Ich glaube es noch nicht,
ich glaube es selbst noch nicht, ich versichere Sie! Ich zweifle auch
jetzt noch, denn Gawrila Ardalionytsch hatte heute keine Zeit, mir alles
ausfhrlich zu erklren. Da aber Tschebaroff eine Kanaille ist, daran
zweifle ich keinen Augenblick mehr! Er allein ist es, der den armen
Herrn Burdowskij und auch Sie alle, meine Herren, die Sie Ihrem Freunde
beistehen -- da er des Beistandes offenbar bedarf, das begreife ich
doch! -- ja, der Sie alle betrogen hat; denn diese ganzen Ansprche sind
doch im Grunde nichts als Betrug und gemeine Spitzbberei!

Wie! Was! Spitzbberei! ... Nicht Pawlischtscheffs Sohn!? ... Wie ist
das mglich!? ertnten emprte und erschrockene Ausrufe durcheinander.

Die ganze Kompagnie Burdowskijs war auer sich vor Entrstung.

Gewi Spitzbberei! Wie wollen Sie denn die Ansprche Herrn Burdowskijs
anders nennen, wenn er mit Pawlischtscheff berhaupt nicht verwandt ist?
Das heit: selbstverstndlich hat er das nicht gewut! Aber das ist es
ja, weshalb ich immer wieder sage, da er das Opfer eines Betruges ist
-- ich will ihn doch rechtfertigen! Deshalb sage ich auch, da man ihn
bemitleiden mu, da er in seiner Treuherzigkeit unbedingt des
Beistandes bedarf, denn andernfalls wrde er doch jetzt als Spitzbube
dastehen. Ich bin berzeugt, da er nichts davon ahnt! Ich bin ja doch
selbst in einem solchen Zustande gewesen wie er, bevor ich in die
Schweiz fuhr, ich stammelte gleichfalls zusammenhanglose Worte, -- man
will alles, alles sagen und kann kein einziges Wort finden ... Ich wei,
ich wei, wie das ist, ich kann es ihm nachfhlen; denn ich selbst bin
ja fast ebenso, deshalb kann er es mir nicht belnehmen, wenn ich es
sage. Aber ich werde dennoch -- ganz abgesehen davon, da es einen >Sohn
Pawlischtscheffs< nicht mehr gibt, und das Ganze sich als Mystifikation
erweist -- ich werde dennoch meinen Entschlu nicht ndern, und ich bin
trotzdem bereit, Herrn Burdowskij zehntausend Rubel anzuweisen. Ich
hatte frher die Absicht, sie zu einer Schule zu verwenden, im Namen
Pawlischtscheffs, aber ich kann sie ja ebensogut Herrn Burdowskij
zusprechen; denn wenn er auch nicht tatschlich Pawlischtscheffs Sohn
ist, so ... ist er doch so gut wie sein Sohn: er ist doch selbst so
schndlich betrogen worden. Er selbst ist doch berzeugt, da er der
Sohn Pawlischtscheffs sei! Ich bitte Sie, meine Herren, Gawrila
Ardalionytsch anzuhren, damit dann die Sache endlich einmal abgetan
ist. Regen Sie sich nicht auf und seien Sie mir nicht bse. Bitte,
setzen Sie sich wieder. Gawrila Ardalionytsch wird Ihnen sogleich alles
erklren, und, offen gestanden, auch ich bin sehr gespannt darauf, alle
Einzelheiten zu erfahren. Er reiste sogar nach Pskow und hat mit Ihrer
Frau Mutter gesprochen, Herr Burdowskij. Nur hat er sie durchaus nicht
sterbend vorgefunden, wie es in jenem Artikel heit ... Setzen Sie sich,
meine Herren, bitte, nehmen Sie Platz!

Der Frst setzte sich, und seinem Beispiel folgten auch die jungen
Leute. In den letzten zehn oder zwanzig Minuten hatte der Frst laut,
ungeduldig und schnell gesprochen und in dem Bestreben, sich berhaupt
Gehr zu verschaffen und womglich alle zu berzeugen, sich in immer
greren Eifer hineingeredet, so da er jetzt, kaum zur Ruhe gekommen,
manches Ausgesprochene bitter zu bereuen begann. Htte er sich nicht so
ereifert, so wrde er seine Mutmaungen nicht ausgesprochen und alles
berflssige vermieden haben. Doch kaum hatte er sich wieder hingesetzt,
als ihn auch schon brennende Reue erfate und bis zur Pein qulte. Nicht
nur, da er Burdowskij beleidigt hatte mit der Annahme, da er mit
derselben Krankheit behaftet sei, von der er, der Frst, in der Schweiz
geheilt worden war, er hatte ihn auch noch tief gekrnkt; denn das
Angebot, die zehntausend Rubel ihm statt einer Schule zu geben, war
seiner Meinung nach in einer verletzenden Weise geschehen, da er es in
Gegenwart anderer, also gewissermaen ffentlich getan hatte.

Ich htte damit warten sollen, ich htte es ihm morgen unter vier Augen
anbieten sollen, dachte der Frst geqult, und das lt sich jetzt
nicht mehr gutmachen! Ja, ich bin ein Idiot, ich bin wirklich ein
Idiot! sagte er sich in einem Anfall unertrglicher Scham und
Selbstbeschuldigung.

Gawrila Ardalionytsch, der bis dahin abseits gestanden und vorstzlich
geschwiegen hatte, trat auf die Aufforderung des Frsten hin neben
seinen Stuhl und schickte sich ruhig an, den Sachverhalt der
Angelegenheit, die zu untersuchen er vom Frsten beauftragt worden war,
auseinanderzusetzen. Alles verstummte sogleich, und neugierig und in
erwartungsvollem Interesse richteten sich aller Augen auf ihn.


                                  IX.

Sie werden es gewi nicht in Abrede stellen wollen, Herr Burdowskij,
begann Gawrila Ardalionytsch, sich direkt an den >Sohn Pawlischtscheffs<
wendend, der ihm mit auffallend glotzendem Blick und ebenso groer
Verwunderung wie Verwirrung zuhrte, da Sie genau zwei Jahre nach der
Verheiratung Ihrer achtbaren Mutter mit dem Herrn Kollegiensekretr
Burdowskij, Ihrem Vater, geboren sind. Der Tag Ihrer Geburt ist an der
Hand von Dokumenten gar zu leicht und genau nachzuweisen, und deshalb
wollen wir, um Sie und Ihre Mutter nicht zu verletzen, die Entstellung
der Tatsache in jenem Artikel mit einer Verwirrung der zweifellos
blhenden Phantasie Herrn Kellers erklren, der mit diesen ... Hyperbeln
Ihnen und Ihren Interessen offenbar zu dienen gemeint hat. Herr Keller
sagte, da er Ihnen seinen Artikel nur zum Teil vorgelesen habe; daher
knnen wir annehmen, da er es nur bis zu dieser Stelle getan ...

Allerdings nur bis dahin, unterbrach ihn der Boxer, aber die Fakta
waren mir von einer durchaus glaubwrdigen Person mitgeteilt, und ich
...

Erlauben Sie, Herr Keller, da ich jetzt rede, unterbrach ihn Gawrila
Ardalionytsch. Sobald ich auf Ihren Artikel zu sprechen komme, knnen
Sie Ihre Erklrungen vorbringen; jetzt aber wollen wir zuerst sachgem
fortfahren. Zufllig gelangte ich durch die Freundin meiner Schwester,
einer gewissen Wjera Alexejewna Subkowa, einer Witwe und Gutsbesitzerin,
in den Besitz eines Briefes, den der verstorbene Nikolai Andrejewitsch
Pawlischtscheff vor vierundzwanzig Jahren aus dem Auslande an sie
geschrieben hat. Auf meine Bitte um nhere Auskunft erteilte mir Wjera
Alexejewna den Rat, mich an den Obersten a. D. Timofej Fedorowitsch
Wjsowkin zu wenden, an einen entfernten Verwandten und einstmaligen
groen Freund des Herrn Pawlischtscheff. Von diesem erhielt ich dann
noch weitere zwei Briefe Pawlischtscheffs an ihn, die gleichfalls aus
dem Auslande geschrieben sind. Der Inhalt dieser drei Briefe schliet
jeden Zweifel daran, ob Herr Pawlischtscheff auch wirklich damals,
anderthalb Jahre vor Ihrer Geburt, ins Ausland gefahren ist, wo er dann
drei Jahre verblieb, von vornherein vllig aus. Ihre Mutter aber hat,
wie Sie wissen, Ruland nie verlassen. Ich will mir augenblicklich nicht
die Zeit nehmen, die drei Briefe vorzulesen; es ist heute etwas spt
geworden, deshalb begnge ich mich mit der bloen Mitteilung der
Tatsachen. Doch wenn Sie wnschen, Herr Burdowskij, knnen Sie morgen
vormittag, sagen wir, um zehn oder um elf -- wann es Ihnen genehm ist,
-- mit Ihren Zeugen und Experten zu mir kommen, um die Authentizitt der
Briefe festzustellen; denn ich zweifle keinen Augenblick daran, da Sie
sich von der Wahrheit berzeugen lassen werden, und wenn Sie sich
berzeugt haben, so drfte die Sache damit abgetan sein, denke ich.

Wieder folgte diesen Worten eine allgemeine Bewegung und Aufregung. Doch
pltzlich erhob sich Burdowskij.

Wenn es so ist, dann bin ich betrogen worden, betrogen ... jedoch nicht
von Tschebaroff, sondern schon vor langer Zeit; ich will keine Experten
... ich will nichts feststellen, ich glaube es ... ich ... ich verzichte
... Die Zehntausend will ich nicht ... adieu ...

Er nahm seine Mtze, schob den Stuhl zurck und wollte fortgehen.

Verzeihung, Herr Burdowskij, hielt ihn Gawrila Ardalionytsch mit
leiser, slich klingender Stimme zurck, knnten Sie nicht noch fnf
Minuten verzgern? Es haben sich in dieser Angelegenheit noch einige
uerst wichtige Tatsachen herausgestellt, namentlich fr Sie wichtige,
fr uns dagegen nur interessante. Meiner Meinung nach drften Sie es
sich nicht entgehen lassen, mit ihnen bekannt zu werden, und es wird
Ihnen gewi eine Erleichterung sein, wenn der ganze Sachverhalt ein fr
allemal aufgeklrt und damit abgetan ist ...

Antip Burdowskij setzte sich schweigend, den Kopf ein wenig gesenkt, wie
in Gedanken versunken. Seinem Beispiel folgte auch Lebedeffs Neffe, der
sich gleichfalls erhoben hatte, um mit ihm fortzugehen; dieser schien
zwar den Kopf und die Dreistigkeit noch nicht verloren zu haben, schaute
aber doch sehr befremdet drein. Hippolyt sah finster, traurig und sehr
erstaunt aus. In diesem Augenblick hatte er brigens einen so starken
Hustenanfall, da auf dem Taschentuch, das er vor den Mund prete,
Blutflecken erschienen. Der Boxer war unglaublich erschrocken.

Ach, Antip! rief er pltzlich kummervoll aus, hab' ich's dir damals
nicht gleich gesagt, vor drei Tagen schon, da du vielleicht wirklich
gar nicht Pawlischtscheffs Sohn bist!

Verhaltenes Lachen ertnte, zwei oder drei lachten lauter.

Was Sie da soeben mitteilen, Herr Keller, griff Gawrila Ardalionytsch
schnell auf, ist als Faktum von unschtzbarer Bedeutung.
Nichtsdestoweniger kann ich auf Grund der sichersten Beweise behaupten,
da Herr Burdowskij, dem die Zeit seiner Geburt sehr wohl bekannt war,
von jenem Aufenthalt Herrn Pawlischtscheffs im Auslande jedoch vllig
ununterrichtet gewesen ist. Bekanntlich hat Herr Pawlischtscheff den
grten Teil seines Lebens im Auslande verbracht und ist immer nur auf
kurze Zeit nach Ruland zurckgekehrt. Auerdem ist seine Abreise
anderthalb Jahre vor Ihrer Geburt, Herr Burdowskij, an sich so wenig
aufsehenerregend gewesen, da es nur zu begreiflich ist, wenn sich ihrer
nach vierundzwanzig Jahren selbst seine Verwandten und Freunde nicht
mehr erinnern. Deshalb wren auch alle meine Nachforschungen ergebnislos
gewesen, wenn der Zufall mir nicht ganz unvermutet diese Briefe in die
Hnde gespielt htte. Und deshalb wren auch fr Herrn Burdowskij und
sogar fr Tschebaroff solche Nachforschungen fast unmglich gewesen,
selbst wenn sie welche htten vornehmen wollen ...

Erlauben Sie, Herr Iwolgin, unterbrach ihn pltzlich Hippolyt gereizt,
wozu halten Sie diese ganze Rede, wenn ich fragen darf? Die Hauptsache
ist doch erklrt, und wir haben eingewilligt, an die Richtigkeit zu
glauben; wozu also noch breittreten, was ohnehin schon schwer und
verletzend ist? Oder wollen Sie vielleicht Ihre Geschicklichkeit als
Nachforscher, als Detektiv zeigen? Oder beabsichtigen Sie gar, eine
Verteidigungsrede fr Burdowskij zu halten, weil er das alles nur aus
Unwissenheit getan hat? Das wre denn doch zu verletzend, mein Herr!
Burdowskij bedarf weder Ihrer Rechtfertigungen noch Entschuldigungen! Es
krnkt ihn nur, er ist ohnehin in einer peinlichen Situation, das htten
Sie erraten, begreifen sollen ...

Pardon, Herr Terentjeff, erlauben Sie, da ich fortfahre, unterbrach
ihn Gawrila Ardalionytsch, beruhigen Sie sich, Sie regen sich ganz
unntz auf. Sie sind, glaube ich, sehr krank. Ich kann Ihnen durchaus
nachfhlen ... In dem Falle habe ich, wenn Sie wollen, alles gesagt oder
vielmehr bin ich gezwungen, nur noch in aller Krze jene Fakta
mitzuteilen, die zu erfahren meiner Meinung nach nicht berflssig sein
drfte, lenkte er ein, als er eine gewisse allgemeine Bewegung
bemerkte, die bereits Ungeduld zu verraten schien. Ich habe Ihnen
mitzuteilen, Herr Burdowskij, da Herr Pawlischtscheff nur deshalb Ihrer
Mutter gutgesinnt gewesen ist und ihr so oft geholfen hat, weil sie die
leibliche Schwester jenes Hofmdchens ist, in die sich Herr
Pawlischtscheff in seiner Jugend so verliebt hatte, da er sie unfehlbar
geheiratet htte, wenn sie nicht gestorben wre. Ich habe Beweise, da
dieser Jugendroman nur sehr wenigen bekannt gewesen und von diesen
alsbald sogar ganz vergessen worden ist. Ferner kann ich Ihnen
mitteilen, da Herr Pawlischtscheff Ihre Mutter seit ihrem zehnten Jahre
hat erziehen lassen und ihr eine gute Mitgift gegeben hat, und gerade
diese seine Anteilnahme hat unter seinen Verwandten und Bekannten eine
gewisse Besorgnis erregt und zu verschiedenen Gerchten Anla gegeben;
eine Zeitlang hat es sogar geheien, da er seinen Pflegling heiraten
wrde. Doch es endete damit, da sie im Alter von zwanzig Jahren aus
Liebe, wofr ich gleichfalls Beweise habe, den Feldmessungsbeamten
Burdowskij heiratete. Ferner habe ich die sichersten Beweise dafr, da
Ihr Vater, Herr Burdowskij, nach Empfang der Mitgift Ihrer Mutter, die
sich auf fnfzehntausend Rubel belief, seinen Dienst aufgab, sich an
verschiedenen kommerziellen Spekulationen beteiligte, betrogen wurde,
das ganze Kapital verlor und vor Kummer zu trinken begann, worauf er
bald erkrankte und starb, im achten Jahr seiner Ehe mit Ihrer Mutter.
Ihre Mutter blieb hierauf, wie sie mir selbst erzhlt hat, in der
grten Armut zurck und wre elend zugrunde gegangen, wenn nicht Herr
Pawlischtscheff ihr gromtig immer wieder geholfen htte. Er hat ihr
bis zu sechshundert Rubel im Jahr gegeben. Ferner gibt es unzhlige
Beweise dafr, da Pawlischtscheff Sie als Kind sehr liebgewonnen hatte.
Aus diesen Beweisen und nicht zum mindesten aus den Aussagen Ihrer
Mutter geht hervor, da er Sie hauptschlich deshalb so liebgewonnen,
weil Sie ein schwchliches, stotterndes, armseliges Kindchen gewesen
sind. Pawlischtscheff aber hat bekanntlich sein Leben lang eine ganz
besondere, fast zrtliche Liebe fr alles Behaftete empfunden, fr alles
>von der Natur Gekrnkte<, wie das Volk sagt, namentlich aber fr solche
Kinder. Diese Tatsache, fr die ich gleichfalls mehrere Beweise habe,
ist fr uns in diesem Falle von besonderer Wichtigkeit. Und schlielich
kann ich mich noch rhmen, auch das erklren zu knnen, wie diese
auffallende Liebe Pawlischtscheffs -- dank dessen Hilfe Sie das
Gymnasium besucht und unter besonderer Aufsicht gelernt haben -- mit der
Zeit unter seinen Verwandten den Glauben erweckt hat, da Sie sein Sohn
seien. Doch dieser Glaube ist erst in den letzten Lebensjahren
Pawlischtscheffs, als man sich seines Testaments wegen Sorgen zu machen
begann, in seinen Verwandten zur berzeugung geworden, also erst dann,
als die alten Fakta vergessen waren und Nachforschungen immer
unmglicher wurden. Zweifellos ist dieses Gercht auch Ihnen zu Ohren
gekommen und hat dann auch einen entsprechenden Eindruck auf Sie
gemacht. Ihre Mutter, die persnlich kennen zu lernen ich das Vergngen
gehabt habe, hat zwar von diesen Gerchten gehrt, wei aber bis jetzt
noch nicht -- auch ich verschwieg es natrlich --, da auch Sie, ihr
Sohn, sich von ihnen haben beeinflussen lassen. Ihre Mutter fand ich in
Pskow krank und in groer Armut vor, da sie mit Pawlischtscheffs Tod
nicht nur den Freund und Gnner, sondern auch die Untersttzung verloren
hatte. Unter Trnen der Dankbarkeit teilte sie mir mit, da sie nur noch
dank Ihrer Hilfe lebe; sie erwartet groe Dinge von Ihnen und glaubt
felsenfest an Ihre zuknftigen, groen Erfolge ...

Das ist aber jetzt doch nicht mehr zu ertragen! erklrte pltzlich
laut in grter Ungeduld Lebedeffs Neffe. Was bezwecken Sie mit der
Wiedergabe dieses ganzen Romans?

Ekelhaft! Einfach unanstndig! stie Hippolyt mit einer gereizten
Bewegung hervor.

Burdowskij jedoch bemerkte nichts und rhrte sich nicht einmal.

Was ich damit bezwecke? wunderte sich Gawrila Ardalionytsch, sich mit
verschlagenem Lcheln zu seiner Schlufolgerung vorbereitend. Erstens
wird Herr Burdowskij jetzt berzeugt sein, da Herr Pawlischtscheff ihn
nicht als leiblichen Sohn, sondern nur aus Mitleid geliebt hat. Das aber
drfte fr Herrn Burdowskij, der die Handlungsweise Herrn Kellers vorhin
nach der Vorlesung des Artikels guthie, jedenfalls wissenswert sein.
Ich sage das nur deshalb, weil ich Sie fr einen guten Menschen halte,
Herr Burdowskij. Ferner stellt es sich jetzt heraus, da selbst von
seiten Tschebaroffs durchaus keine bewute Spitzbberei vorliegt, das
aber ist auch fr mich von Wichtigkeit; denn der Frst uerte sich
vorhin im Eifer des Gesprchs ungefhr in dem Sinne, da auch ich in
dieser Beziehung seiner Meinung sei. Im Gegenteil, hier handelte es sich
bei allem um eine feste berzeugung, und wenn auch Tschebaroff
vielleicht in der Tat ein groer Spitzbube ist, so ist er wenigstens in
dieser Sache nur ein echter Winkeladvokat. Er hat offenbar gehofft, bei
der Gelegenheit viel Geld verdienen zu knnen, und seine Berechnung ist
durchaus nicht so dumm gewesen: er rechnete auf die Leichtigkeit, mit
der man vom Frsten Geld erhalten kann, sowie auf dessen Gefhle fr den
verstorbenen Pawlischtscheff; vor allem jedoch -- was am wichtigsten ist
-- auf gewisse ritterliche Ansichten des Frsten bezglich Ehren- und
Gewissenspflichten. Von Herrn Burdowskij aber kann man sagen, da er,
der sich infolge einiger seiner Ansichten von Tschebaroff und seinem
Freundeskreise offenbar leicht beeinflussen lt, seine Ansprche
anfangs eigentlich gar nicht aus materiellem Interesse erhoben hat,
sondern fast nur infolge seiner berzeugung, da er damit der Wahrheit,
dem Fortschritt und der ganzen Menschheit diene. Jetzt, nachdem ich alle
Fakta mitgeteilt und die Beweggrnde auseinandergesetzt habe, hoffe ich,
da alle in Herrn Burdowskij einen ehrenwerten Menschen sehen werden und
der Frst ihm jetzt leichteren Herzens seine Freundschaft und auch jene
Hilfe anbieten kann, deren er vorhin Erwhnung tat, als er von der in
Pawlischtscheffs Namen einer Schule zugedachten Summe sprach ...

Um Gottes willen, hren Sie auf, Gawrila Ardalionytsch, hren Sie auf!
unterbrach ihn der Frst wahrhaft entsetzt, doch es war schon zu spt.

Ich habe gesagt, ich habe schon dreimal gesagt, rief Burdowskij
gereizt, ich will das Geld nicht! Ich werde es nicht annehmen ...
weshalb nicht ... ich will es nicht ... so! ...

Und kaum hatte er das hervorgestoen, als er sich schnell dem Ausgang
zuwandte und die Stufen hinunterlief. Doch Lebedeffs Neffe eilte ihm
nach, ergriff ihn am Arm und flsterte ihm etwas zu, worauf Burdowskij
ebenso pltzlich zurckkehrte, aus der inneren Rocktasche ein offenes
Kuvert groen Formats hervorzog und auf den kleinen Tisch neben dem
Frsten hinwarf.

Da! das Geld! ... Sie durften nicht ... durften nicht ... durften
nicht! ... Das Geld! ...! stie er erregt hervor.

Das sind die zweihundertundfnfzig Rubel, die Sie gewagt haben, ihm wie
ein Almosen durch Tschebaroff zu bersenden, erklrte Doktorenko.

Im Artikel ist gesagt, da er ihm nur fnfzig Rubel zugesandt habe!
rief Kolj dazwischen.

Ich bitte Sie, mir zu verzeihen, sagte der Frst, auf Burdowskij
zutretend, ich habe Ihnen ein groes Unrecht abzubitten, Herr
Burdowskij. Dieses Geld aber habe ich Ihnen nicht wie ein Almosen
zugesandt, das bitte ich Sie, mir zu glauben. Es ist ein anderes
Unrecht, das ich meine -- eines, das ich vorhin begangen habe. (Der
Frst sah sehr angegriffen, mde und schwach aus, und seine Worte waren
fast zusammenhanglos.) Ich sprach von einer Spitzbberei ... doch das
bezog sich nicht auf Sie, ich habe mich falsch ausgedrckt. Ich sagte,
da Sie ... ebenso seien wie ich, ebenso krank. Doch Sie sind nicht
ebenso wie ich, Sie ... erteilen Unterricht, Sie ... ernhren Ihre
Mutter. Ich sagte, Sie htten Ihre Mutter nicht geschont, doch Sie
lieben sie; sie sagt es selbst ... ich wute das nicht ... Gawrila
Ardalionytsch hatte mir vorher nicht alles erzhlt ... ich bitte Sie,
mir zu verzeihen. Ich habe es gewagt, Ihnen zehntausend Rubel
anzubieten, verzeihen Sie es mir, ich htte sie nicht so anbieten
sollen, jetzt aber ... geht es nicht, denn Sie mssen mich verachten.

Das ist ja, um wahnsinnig zu werden! Oder _sind_ wir hier in einer
Irrenanstalt? konnte sich Lisaweta Prokofjewna nicht mehr beherrschen.

Wuten Sie das noch nicht, Mama? fragte Aglaja schroff, denn auch ihr
ri die Geduld.

Doch ihre Worte hrte fast niemand in dem Lrm, der sich erhoben hatte.
Alle sprachen durcheinander, die einen stritten, andere redeten laut und
gescheit und erteilten guten Rat, einige lachten. Iwan Fedorowitsch
Jepantschin war im hchsten Grade emprt und wartete mit der Miene
gekrnkter Wrde nur auf den Augenblick, in dem sich seine Gattin
endlich erheben wrde.

Ja, Frst, das mu man Ihnen lassen, ergriff Lebedeffs Neffe noch
einmal das Wort, Sie verstehen es groartig, aus Ihrer ... nun, sagen
wir, um uns hflicher auszudrcken -- Krankheit Kapital zu schlagen. Sie
haben Ihre Freundschaft und das Geld in einer so geschickten Form
anzubieten gewut, da ein Mann von Ehre sie in keinem Fall annehmen
kann. Das war Ihrerseits entweder gar zu naiv oder vielleicht ungeheuer
geschickt ... Das werden Sie brigens selbst am besten wissen.

Verzeihung, meine Herren, rief pltzlich Gawrila Ardalionytsch, der
mittlerweile das Kuvert untersucht hatte, hier sind im ganzen nur
hundert Rubel und nicht zweihundertfnfzig. Ich mache Sie jetzt nur
darauf aufmerksam, Frst, damit es spter nicht zu irgendwelchen
Miverstndnissen kommt.

Lassen Sie, lassen Sie! winkte der Frst schnell Gawrila Ardalionytsch
ab.

Nein, >lassen Sie< es durchaus nicht! griff sofort Doktorenko auf.
Ihr >lassen Sie<, Frst, ist fr uns uerst beleidigend. Wir wollen
nichts verheimlichen, wir gehen offen und ehrlich vor: ja, dieses Kuvert
enthlt nur hundert und nicht zweihundertundfnfzig Rubel, aber ist denn
das nicht ganz gleich ...

N--nein, ich dchte nicht, unterbrach ihn Gawrila Ardalionytsch mit
naiver Verwunderung.

Unterbrechen Sie mich nicht; wir sind nicht so dumm, wie Sie glauben,
mein Herr Advokat, bemerkte Doktorenko rgerlich. Selbstverstndlich
sind hundert Rubel nicht zweihundertundfnfzig Rubel; ich will nur
sagen, da es nicht auf die Vollzhligkeit der Summe ankommt, sondern
auf das Prinzip. Die Hauptsache ist hier die Initiative, der fehlende
Rest ist -- Privatsache! Wichtig ist, da Burdowskij Ihr Almosen nicht
empfngt, Durchlaucht, da er es Ihnen ins Gesicht wirft, und in diesem
Sinne ist es ganz gleich, ob es hundert oder zweihundertundfnfzig sind.
Burdowskij hat die Zehntausend nicht angenommen, das haben Sie gesehen;
und er wrde auch die hundert Rubel nicht zurckgebracht haben, wenn er
das wre, fr was Sie ihn halten: ein Ehrloser! Die hier fehlenden
hundertfnfzig Rubel sind fr Tschebaroffs Unkosten, seine Reise zu
Ihnen, usw. draufgegangen. Wenn Sie lachen wollen, dann lachen Sie ber
unser Unvermgen, eine Sache richtig anzufassen, ber unsere Unkenntnis
in solchen Dingen -- Sie haben sich ja so redlich drum bemht, uns
lcherlich zu machen! -- aber wagen Sie es nicht, uns zu sagen, da wir
keine Ehre htten. Diese hundertfnfzig Rubel werden wir alle, mein
Herr, dem Frsten zurckzahlen, und wenn wir die Summe auch nur
rubelweise zusammenbringen sollten -- wenn Sie wollen, auch noch mit
Prozenten. Burdowskij ist arm, er besitzt keine Millionen, Tschebaroff
aber prsentierte nach der Reise seine Rechnung. Wir hofften zu gewinnen
... Wer htte an seiner Stelle anders gehandelt?

Wer?? mischte sich Frst Sch. hinein.

Ich werde hier wahnsinnig! rief Lisaweta Prokofjewna aus.

Das erinnert ja auffallend, begann lachend Jewgenij Pawlowitsch, der
die ganze Zeit geschwiegen und sie alle beobachtet hatte, ganz
auffallend an eine vor kurzer Zeit gehaltene berhmte Rede eines
Advokaten, der, nachdem er als Entschuldigungsgrund die Armut seines
Klienten hervorgehoben, -- sein Klient hatte sechs Menschen in einer
Nacht ermordet und beraubt -- pltzlich mit den Worten schlo:
>Selbstverstndlich ist dem Angeklagten nur infolge seiner Armut der
Gedanke in den Kopf gekommen, diesen Mord an sechs Menschen zu begehen;
aber wem wre denn an seiner Stelle dieser Gedanke nicht in den Kopf
gekommen?< -- Oder ungefhr mit diesen Worten. Jedenfalls war's etwas
beraus Seltsames.

Genug jetzt! erklrte pltzlich bebend vor Zorn Lisaweta Prokofjewna.
Es ist Zeit, da man diesem Unsinn endlich ein Ende macht! ... Sie
kochte innerlich vor Wut, doch uerlich trat sie geradezu majesttisch
auf: fast drohend hatte sie den Kopf in den Nacken geworfen und mit
stolzer, hochmtiger Herausforderung lie sie ihren Blick ber die ganze
Gesellschaft schweifen, offenbar ohne im Augenblick die Freunde von den
Feinden zu unterscheiden. Sie war bei jenem Punkt angelangt, ber den
hinaus ihr Zorn sich nicht mehr eindmmen lie, sondern rcksichtslos
zum Ausbruch, zum offenen Kampfe drngte. Alle, die sie nher kannten,
fhlten sofort, da diesmal ein ganz besonderer Ausbruch bevorstand. Am
nchsten Tage sagte Iwan Fedorowitsch zum Frsten Sch.: Ja, das kommt
bei ihr vor, aber mit einer solchen Wucht, wie gestern, doch nur sehr
selten, hchstens alle drei Jahr einmal. Wie gesagt, hchstens einmal in
drei Jahren, nicht fter, nein, nicht fter, hchstens einmal! schrfte
er ihm noch nachdrcklich ein.

Lassen Sie mich, Iwan Fedorowitsch! herrschte Lisaweta Prokofjewna
ihren Mann an, der auf sie zutrat und ihr den Arm bot, um sie
fortzufhren. Was soll ich jetzt noch mit Ihrem Arm! Wenn es Ihnen als
Mann und Familienvater nicht frher eingefallen ist, mich von hier
fortzufhren -- jetzt ist es zu spt. Am Ohr htten Sie mich fortziehen
sollen, wenn ich nicht freiwillig gegangen wre. Wenn Sie sich doch
wenigstens um Ihre Tchter bekmmern wrden! Jetzt aber werden wir auch
ohne Sie den Weg finden ... die Schmach reicht fr ein ganzes Jahr ...
Warten Sie noch einen Augenblick, ich will mich nur noch bei dem Frsten
bedanken! ... Ich danke dir, Frst, fr die Vorstellung! ... Und ich
hatte mich hier hingesetzt, um unsere Jugend zu hren! ... Das ist ja
eine Niedertracht, eine Niedertrchtigkeit! Das ist ja ein Chaos, so
etwas kann man sich ja nicht einmal trumen lassen! Gibt es denn
wirklich noch viele solche? ... Schweig, Aglaja! Sei still, Alexandra!
Ihr habt euch nicht hineinzumischen! ... So lassen Sie mich doch,
Jewgenij Pawlowitsch, ich habe Ihre Bcklinge wirklich satt! ... Also
du, mein Junge, bittest sie noch um Verzeihung, wandte sie sich an den
Frsten, >verzeiht mir, da ich euch ein Kapital anzubieten gewagt
habe!< -- ganz allerliebst! ... Was lachst du, du dummer Bengel! fuhr
sie emprt Lebedeffs Neffen an, der zu lcheln gewagt hatte, also >wir
bitten nicht, wir fordern, wir werfen ihm das Geld ins Gesicht!<
Reizend! Wirklich reizend! Und dabei tut er noch, als wte er nicht,
da dieser Idiot sich sptestens morgen zu ihnen hinschleppen wird, um
wieder seine Freundschaft und sein Geld anzubieten! Hab' ich nicht
recht? Du wirst doch gehen! Du wirst doch gehen? Wirst du gehen oder
nicht?

Ich werde gehen, antwortete der Frst leise und ruhig.

Habt ihr's gehrt! Und darauf rechnest du ja nur, wandte sie sich
wieder an Doktorenko, das Geld hast du ja jetzt schon so gut wie in der
Tasche, deshalb prahlst du ja auch so unverfroren, um uns noch vorher zu
imponieren ... Nein, mein Tubchen, da mt ihr euch andere Dumme
suchen, denn ich durchschaue euch mehr, als ihr ahnt ... euer ganzes
Spiel durchschaue ich!

Lisaweta Prokofjewna! rief der Frst.

Gehen wir, Lisaweta Prokofjewna, es ist Zeit, und den Frsten fordern
wir auf, sich uns anzuschlieen, sagte mglichst ruhig und mglichst
harmlos lchelnd Frst Sch.

Die jungen Mdchen standen fast erschrocken etwas abseits, der General
aber schien frmlich erstarrt zu sein. brigens waren alle zum mindesten
erstaunt. Einige, die etwas weiter ab standen, lchelten verstohlen oder
flsterten sich ein paar Worte zu. Lebedeff war geradezu in Ekstase.

Niedertrchtigkeit und Chaos, gndige Frau, findet man berall, sagte
bedeutsam Lebedeffs Neffe, der brigens gleichfalls etwas verblfft war.

Aber nicht solche! Nicht solche, Vterchen, wie jetzt bei euch, nicht
solche Niedertracht, das kannst du mir glauben! fiel ihm Lisaweta
Prokofjewna mit schmerzlicher und zorniger Schadenfreude ins Wort. Ach,
werdet ihr mich denn nicht endlich in Ruhe lassen! fuhr sie die anderen
an, die sie beschwichtigen wollten. Nein, wenn sogar die Verteidiger
vor Gericht es ganz natrlich finden, da man sechs Menschen umbringt,
blo weil man arm ist, so kann ja wahrhaftig das Ende der Welt nicht
mehr weit sein. So etwas habe ich denn doch noch nicht gehrt! Jetzt ist
mir alles klar geworden! Wrde denn dieser Stotterer, dieser dort (sie
wies auf Burdowskij, der sie vor Verwunderung ganz sprachlos anstarrte),
wrde denn der nicht ermorden? Ich knnte wetten, da er's
fertigbringt! Dein Geld, die zehntausend Rubel wird er vielleicht nicht
nehmen, das ist wahr, wird sie aus Gewissenhaftigkeit nicht nehmen; aber
in der Nacht hingehen und ermorden, um sie aus der Schatulle
herauszunehmen -- das wird er bestimmt tun und wird es noch dazu ruhig
auf sein Gewissen nehmen! -- _Das_ wird dann vor seinem Gewissen _nicht_
ehrlos sein! Das nennt man jetzt >Ausbruch edler Verzweiflung< oder
>Negation der alten Moral<, oder wei der Himmel wie noch ... Pfui!
Alles ist jetzt verkehrt, alle stellen sich auf den Kopf und strampeln
mit den Beinen in der Luft! Wird da ein junges Mdchen von ehrsamen
Eltern im Hause erzogen -- pltzlich springt sie mitten auf der Strae
in einen Wagen und fhrt davon: >Mamachen, ich habe mich vor ein paar
Tagen mit einem Karlytsch oder Iwanytsch verheiratet, adieu!< Und das
ist Ihrer Meinung nach sehr richtig, nicht wahr? Aller Achtung wert?
Durchaus natrlich? Frauenfrage? ... Sogar dieser Bengel hier (sie wies
auf Kolj) wollte noch vor kurzem mit mir streiten, behauptete, gerade
das sei ja der ganze Kern der >Frauenfrage<. Wenn auch die Mutter dumm
gewesen ist, so sei du doch immerhin wie ein Mensch zu ihr! ... Weshalb
hoben Sie die Nasen so hoch, als Sie hier eintraten? Es war ja, als
htten Sie sagen wollen: >Platz da, wir kommen! Uns gebt alle Rechte,
ihr aber drft euch kein einziges anmaen! Uns mt ihr alle Ehren
erweisen, sogar solche, die es berhaupt noch nicht gegeben hat, und zum
Dank dafr werden wir euch wie die letzten Kanaillen behandeln<! Das
sagte da jede eurer Nasenspitzen! Ihr sagt: >Wir suchen die Wahrheit<
und >wir bestehen auf unserem Recht< -- was wit ihr von Recht und
Wahrheit, wenn ihr in eurem Artikel wie die Straenruber ber einen
Unschuldigen herfallt und Lgen ber Lgen schreibt! >Wir bitten nicht,
wir fordern, und erwarten Sie von uns keine Dankbarkeit; denn Sie tun es
nur zur Beruhigung Ihres Gewissens!< Das ist mir mal eine Moral. Wenn du
im voraus sagst, da du ihm nicht dankbar sein wirst, so kann dir doch
der Frst gleichfalls sagen, da auch er fr Pawlischtscheff keine Spur
von Dankbarkeit empfindet, denn dieser habe das Gute auch nur zur
Beruhigung des eigenen Gewissens getan. Auf was aber hast du denn
gerechnet, wenn nicht auf die Dankbarkeit, die er fr Pawlischtscheff
empfindet? _Du_ hast ihm doch nicht das Geld gegeben, er schuldet es
doch nicht _dir_, auf was hast du denn sonst gerechnet, wenn nicht auf
seine Dankbarkeit? Wie kannst du dich dann aber selbst von jeder
Dankbarkeit lossagen? Verrckt seid ihr! Ihr behauptet, die Gesellschaft
sei roh und unmenschlich, weil sie ein verfhrtes Mdchen ausstt. Aber
wenn du deshalb die Gesellschaft fr roh und unmenschlich erklrst, so
gibst du doch damit zu, da diese Handlungsweise der Gesellschaft dem
Mdchen weh tut. Wenn du aber das zugibst, wie kannst du dann von ihr
verlangen, da ihr das nicht weh tun soll? Verrckt seid ihr! Eure
Ruhmsucht hat euch alle verrckt gemacht! Ihr glaubt weder an Gott noch
an Christus. Ihr seid ja von eurer Ruhmsucht und eurem Stolz so
geschwollen, da ihr euch zum Schlu noch gegenseitig auffressen werdet,
das prophezeie ich euch! Und das soll kein Chaos sein, das soll keine
Schndlichkeit sein? Und nach alledem geht dieser Schamlose noch hin und
bittet sie noch um Verzeihung! Sagt, gibt es viele solche wie ihr seid?
Was lacht ihr? Weil ich mich so erniedrige, da ich berhaupt mit euch
rede? Jetzt ist es zu spt, was geschehen ist, ist geschehen, da ist
nichts zu machen ... Du aber hast hier nichts zu lachen, du ungezogener
Bengel! fuhr sie pltzlich emprt Hippolyt an. Er selber kann kaum
noch atmen, verdirbt aber noch andere! Du hast mir diesen Bengel da
(sie wies wieder auf Kolj) den hast du mir auch verdorben, er
phantasiert ja berhaupt nur noch von dir, du hast ihn zum Atheismus
bekehrt, du glaubst nicht an Gott, hast aber selbst noch Prgel
verdient, ja wohl, denen bist du noch nicht entwachsen, mein Junge! ...
Also du wirst morgen zu ihnen gehen, Frst Lew Nikolajewitsch? fragte
sie pltzlich fast atemlos den Frsten.

Ich werde gehen.

Dann kenne ich dich von Stund' an nicht mehr! -- Sie wandte sich
hastig zur Treppe, um fortzugehen, doch pltzlich kehrte sie wieder
zurck. Und auch zu diesem Atheisten wirst du gehen? fragte sie, auf
Hippolyt weisend, -- aber was lachst du denn wieder ber mich, du
unverschmter Bengel! schrie sie pltzlich wie rasend und packte ihn an
der Hand -- sein beiendes Lcheln hatte sie um den letzten Rest von
Selbstbeherrschung gebracht.

Lisaweta Prokofjewna! Lisaweta Prokofjewna! Lisaweta Prokofjewna!
ertnte es von allen Seiten.

_Maman_, das ist eine Schande! rief Aglaja laut.

Beunruhigen Sie sich nicht, Aglaja Iwanowna, antwortete Hippolyt
ruhig, obgleich die Generalin immer noch krampfhaft seine Hand festhielt
und ihn mit ihrem glhenden Blick frmlich durchbohren zu wollen schien,
beunruhigen Sie sich nicht, Ihre _maman_ wird einsehen, da man sich an
einem Sterbenden nicht vergreifen darf ... Ich bin gern bereit zu
erklren, weshalb ich gelacht habe ... es wird mir eine Freude sein,
wenn man es mir erlaubt ...

Ein pltzlicher Hustenanfall, der eine ganze Minute andauerte, erstickte
seine Worte.

Lisaweta Prokofjewna lie erschrocken seine Hand fahren und sah mit
Entsetzen, wie er sich das Blut von den Lippen wischte.

Mein Gott, er stirbt ja doch schon und will noch reden! Du darfst kein
Wort mehr sprechen, hrst du! Du mut einfach gehen und dich hinlegen
...

Das werde ich auch tun, sagte heiser, leise, fast flsternd Hippolyt.
Sobald ich heute zurckkehre, werde ich mich sogleich hinlegen ... nach
zwei Wochen bin ich tot ... Das hat mir schon in der vorigen Woche B--n
gesagt ... Wenn Sie erlauben, werde ich Ihnen noch zwei Worte zum
Abschied sagen.

Bist du von Sinnen? Unsinn! Kurieren mut du dich, was willst du denn
jetzt reden? Geh, leg dich ins Bett! ... Lisaweta Prokofjewna war
wirklich ganz erschrocken.

Wenn ich mich hinlege, so werde ich ja doch nicht mehr aufstehen, bis
man mich aus dem Bett in den Sarg legt, meinte Hippolyt lchelnd. Ich
wollte mich eigentlich schon gestern so hinlegen ... um dann nie mehr
aufzustehen ... bis zum Tode ... aber dann beschlo ich, es bis morgen
aufzuschieben, solange ich mich noch auf den Fen halten kann ... um
heute mit ihnen hierherzukommen ... Nur mde bin ich jetzt ...

Aber so setz dich doch, setz dich, was stehst du denn! Hier hast du
einen Stuhl! und Lisaweta Prokofjewna schob ihm selbst schnell einen
Stuhl hin. Hippolyt setzte sich -- es war wie ein Zusammenbrechen.

Ich danke Ihnen, fuhr er leise fort, aber Sie mssen sich mir
gegenbersetzen, und dann lassen Sie uns miteinander reden ... wir
werden unbedingt miteinander reden, Lisaweta Prokofjewna, jetzt bestehe
ich darauf ... lchelte er ihr wieder zu. Bedenken Sie doch nur, da
ich heute zum letztenmal im Freien bin, in frischer Luft und unter
Menschen, nach zwei Wochen aber bin ich in der Erde. Das wird also jetzt
so etwas wie mein Abschied von den Menschen und von der Natur werden.
Ich bin zwar nicht besonders sentimental, aber stellen Sie sich vor, es
freut mich doch sehr, da alles das hier drauen in Pawlowsk geschehen
ist: so habe ich doch wenigstens noch Bume mit grnen Blttern gesehen
...

Was sprichst du da, sei still, du hast ja doch Fieber! unterbrach ihn
Lisaweta Prokofjewna in wachsender Angst. Vorhin schriest du und
sprachst du so viel, jetzt aber kannst du kaum noch Atem schpfen!

Ich werde mich sogleich erholen. Weshalb wollen Sie mir nicht meine
letzte Bitte gewhren? ... Wissen Sie auch, da ich schon lange davon
getrumt habe, wie ich einmal mit Ihnen zusammenkommen wrde, Lisaweta
Prokofjewna? ... Ich habe viel von Ihnen gehrt. -- Kolj hat mir von
Ihnen erzhlt; er ist ja fast der einzige, der mich nicht verlt ...
Sie sind eine originelle Frau, das habe ich jetzt selbst gesehen ...
wissen Sie auch, da ich Sie sogar ein wenig geliebt habe? ...

Gott, und ich htte ihn doch beinah geschlagen!

Aglaja Iwanowna hat Sie daran verhindert; ich irre mich doch nicht? Das
ist doch Ihre Tochter Aglaja Iwanowna? Sie ist so schn, da ich vorhin
auf den ersten Blick erriet, sie msse es sein, obgleich ich sie vorher
nie gesehen habe. Lassen Sie mich noch zum letztenmal im Leben eine
Schnheit sehen, bat er mit einem seltsam schchternen und doch
gleichsam sich verzerrenden Lcheln. Auch der Frst ist hier und Ihr
Mann und der ganze Bekanntenkreis. Weshalb wollen Sie meinen letzten
Wunsch nicht erfllen?

Einen Stuhl! rief Lisaweta Prokofjewna, ergriff jedoch schnell selbst
einen und setzte sich Hippolyt gegenber. Kolj, rief sie diesem zu,
du wirst mit ihm unverzglich aufbrechen, begleit ihn nach Hause,
morgen aber werde ich unbedingt selbst ...

Wenn Sie erlauben, wrde ich den Frsten um ein Glas Tee bitten ... Ich
bin sehr mde ... Wissen Sie was, Lisaweta Prokofjewna, Sie wollten,
glaube ich, den Frsten zu sich zum Tee mitnehmen: bleiben Sie hier,
verbringen wir die Zeit zusammen, und der Frst wird bestimmt so
freundlich sein, uns mit Tee zu bewirten. Verzeihen Sie, da ich so ...
ungefragt Anordnungen treffe ... Aber ich kenne Sie doch, Sie haben ein
gutes Herz, der Frst auch ... wir sind ja alle bis zur Lcherlichkeit
herzensgute Menschen ...

Der Frst bestellte sogleich den Tee, Lebedeff strzte hinaus, als
stnde sein Haus in Flammen, und ihm folgte auf dem Fue Wjera.

Nun gut, entschied die Generalin, sprich also, nur sprich leiser und
rege dich nicht auf. Du tust mir so leid, mein Junge ... Frst! Du bist
es eigentlich nicht wert, da ich bei dir Tee trinke, aber mag es denn
so sein, ich bleibe. Doch bitte ich, nicht etwa zu glauben, da ich hier
jemanden um Verzeihung bitten werde! Unsinn! brigens -- wenn ich dich
gescholten habe, Frst, so verzeihe es mir, -- das heit: wenn du
willst. Ich will hier niemand zurckhalten, wandte sie sich pltzlich
in geradezu hochmtigem Zorn an ihren Gemahl und ihre Tchter, als
htten diese ihr -- und nicht sie ihnen -- ein furchtbares Unrecht
angetan. Ich werde auch allein den Weg nach Hause finden ...

Doch man lie sie nicht zu Ende sprechen: sogleich traten alle
bereitwilligst nher und umringten sie und Hippolyt. Sthle wurden
herbeigerckt, man setzte sich. Der Frst forderte alle zum Tee auf und
entschuldigte sich, da er nicht frher selbst darauf verfallen war.
Sogar der General wurde liebenswrdig, brummte etwas Beruhigendes und
fragte ritterlich besorgt seine Gemahlin, ob es ihr nicht vielleicht
etwas zu khl auf der Terrasse werde. Es fehlte nicht viel, und er htte
Hippolyt gefragt: Wie lange sind Sie schon auf der Universitt? --
unterlie es aber noch im letzten Augenblick. Jewgenij Pawlowitsch und
Frst Sch. wurden pltzlich ungeheuer liebenswrdig und waren
ersichtlich sehr aufgerumt; Alexandra und Adelaida sah man es trotz
ihrer noch immer andauernden Verwunderung an, da sie gern blieben.
Kurz, alle waren erfreut, da Lisaweta Prokofjewna sich besnftigt
hatte. Nur Aglaja setzte sich finster und schweigend etwas abseits
nieder. Auch Burdowskij und seine Freunde blieben, keiner wollte
fortgehen, auch der alte General Iwolgin blieb, doch Lebedeff flsterte
ihm im Vorbergehen etwas zu -- augenscheinlich etwas nicht ganz
Angenehmes -- und da zog er sich mehr in den Hintergrund zurck.
Doktorenko entgegnete auf die Aufforderung des Frsten, als dieser an
ihn und seine Freunde herantrat, da sie auf Hippolyt warten wrden, und
hierauf setzten sie sich in der entferntesten Ecke der Terrasse wieder
alle in einer Reihe hin. Der Ssamowar mute bei Lebedeff schon
aufgestellt gewesen sein, denn er wurde im Augenblick hereingetragen.
Die Uhr schlug elf.


                                   X.

Hippolyt trank nur einen Schluck Tee aus dem Tchen, das ihm Wjera
Lebedewa gereicht hatte, kaum aber hatte er die Lippen benetzt, da
stellte er auch schon die Tasse wieder auf den Tisch und blickte sich
verwirrt und beschmt im Kreise um.

Sehen Sie doch diese Tchen, Lisaweta Prokofjewna, lenkte er schnell
ihre Aufmerksamkeit von sich ab, und berhaupt sprach er jetzt gleichsam
sich berhastend, das sind ja Porzellantassen, und wie's scheint, ist
es sogar vorzgliches Porzellan ... die stehen ja bei ihm sonst immer im
Schmuckschrnkchen unter Glas verriegelt und verschlossen, niemals gibt
er sie her ... sie gehren noch zur Aussteuer seiner Frau ... heute aber
hat er sie hergegeben, Ihnen zu Ehren, versteht sich, dermaen hat ihn
Ihr Besuch erfreut ...

Er wollte noch weitersprechen, fand aber in der Verwirrung keine Worte.

Glcklich verlegen geworden, das dachte ich mir, raunte pltzlich
Jewgenij Pawlowitsch unbemerkt dem Frsten zu. So etwas ist gefhrlich,
nicht? Das sicherste Zeichen, da er jetzt aus rger darber irgend
etwas so Exzentrisches losschieen wird, da Lisaweta Prokofjewna es
vielleicht wirklich nicht mehr verzeihen kann.

Der Frst sah ihn fragend an.

Frchten Sie das nicht? fragte Jewgenij Pawlowitsch, etwas erstaunt
ber den fragenden Blick des anderen. Ich sehe es jedenfalls kommen,
und ich wnsche sogar, da es so kme: mir ist dabei nur darum zu tun,
da unsere liebe Lisaweta Prokofjewna bestraft wird, und zwar unbedingt
heute noch, sogleich, vorher werde ich nicht fortgehen. Aber Sie
scheinen ja ganz krank zu sein.

Spter, stren Sie nicht. Ja, ich bin nicht ganz gesund, antwortete
der Frst zerstreut und sogar etwas ungeduldig.

Er hrte seinen Namen nennen, Hippolyt sprach von ihm.

Sie glauben es mir nicht? fragte Hippolyt hysterisch auflachend. Das
dachte ich mir, der Frst aber wird es sofort glauben und sich nicht im
geringsten wundern.

Hrst du, Frst? wandte sich Lisaweta Prokofjewna an ihn, hast du
gehrt?

Die meisten lachten. Lebedeff trat geschftig vor und drehte und wand
und verbeugte sich wiederholt vor der Generalin.

Er sagt, da dieser hier, dieser verkrperte Bckling, dein Hauswirt,
jenem Herrn dort den Artikel korrigiert habe, der vorhin hier laut
vorgelesen wurde.

Der Frst sah mit erstauntem Blick Lebedeff an.

Was schweigst du denn, so sag' doch! sagte Lisaweta Prokofjewna
rgerlich und schlug wieder mit der Fuspitze auf den Boden.

Was soll ich denn noch sagen, murmelte der Frst halblaut, ohne den
Blick von Lebedeff abzuwenden, ich sehe doch schon, da er ihn
korrigiert hat.

Ist es wahr? wandte sich Lisaweta Prokofjewna hastig an Lebedeff.

Unantastbar, Exzellenz! besttigte Lebedeff mit unerschtterlicher
Miene, indem er die Hand aufs Herz prete.

Und das sagst du noch, als wenn du stolz darauf wrst? fuhr ihn
Lisaweta Prokofjewna, fast vom Stuhle aufspringend, an.

Gemein, gemein bin ich! erklrte Lebedeff in tiefer Selbsterkenntnis,
schlug sich vor die Brust und senkte das Haupt immer tiefer.

Was hab' ich davon, da du dich jetzt >gemein< nennst! Er glaubt, da
er, wenn er sich selbst >gemein< nennt, damit alles wieder gutgemacht
habe! Und du schmst dich nicht, Frst, dich mit solchen Leuten
abzugeben? Das werde ich dir niemals verzeihen!

Mir wird der Frst verzeihen! sagte Lebedeff berzeugt und gerhrt
zugleich.

Einzig aus Anstndigkeit, Gndigste, fiel pltzlich mit lauter Stimme
der aufspringende Boxer ein, einzig aus Anstndigkeit und um meinen
Freund nicht zu kompromittieren, habe ich vorhin kein Wort ber diese
Korrektur verlauten lassen, sogar ungeachtet dessen, da er sich erboten
hatte, uns die Treppe hinunterzubefrdern, wie Sie selbst gehrt haben.
Doch um die Wahrheit nicht zu entstellen, mu ich gestehen, da ich mich
allerdings an ihn gewandt und seine Hilfe fr sechs Rubel in Anspruch
genommen habe, nur wohlgemerkt, nicht zur Verbesserung des Stils,
sondern einzig um die Fakta von ihm zu erfahren, die mir zum grten
Teil vllig unbekannt waren, also wie gesagt, weil mir seine Kompetenz
fehlte. Die Stiefeletten, der zunehmende Appetit beim Schweizer
Professor, die fnfzig Rubel anstatt der zweihundertfnfzig, mit einem
Wort, diese ganze Gruppierung des Materials stammt von ihm, fr sechs
Rubel, wie gesagt, den Stil aber hat er nicht korrigiert.

Ich mu bemerken, da ich nur die erste Hlfte des Artikels korrigiert
habe, unterbrach ihn Lebedeff mit geradezu fieberhafter Ungeduld,
jawohl, nur die erste Hlfte; denn da wir in der Mitte wegen eines
Gedankens in Streit gerieten, habe ich die zweite Hlfte nicht mehr
korrigiert, daher ist auch alles grammatisch Unzulssige in dieser
Hlfte -- und von Fehlern wimmelt es dort nur so! -- nicht mir
zuzuschreiben ...

Also das ist deine grte Sorge! fuhr Lisaweta Prokofjewna emprt auf.

Gestatten Sie die Frage, wandte sich Jewgenij Pawlowitsch an Keller,
wann haben Sie den Artikel korrigiert?

Gestern morgen, rapportierte Keller gehorsamst. Wir hatten eine
Zusammenkunft verabredet und uns gegenseitig ehrenwrtlich verpflichtet,
das Geheimnis beiderseits zu wahren.

Also zur selben Zeit, als er vor dir seine Bcklinge gemacht und dich
seiner Ergebenheit versichert hat! >Er trgt dich ja seit drei Tagen auf
den Hnden<, wie Kolj sagt! Das sind mir mal Menschen! Ich brauche
deinen Puschkin nicht und deine Tochter hat nichts bei mir zu suchen!

Lisaweta Prokofjewna wollte sich bereits erheben, doch da bemerkte sie,
da Hippolyt lachte, und gereizt wandte sie sich an ihn:

Was, mein Lieber, wolltest du dich hier etwa ber mich lustig machen?

Gott behte! versetzte Hippolyt mit verzerrtem Lcheln, mich wundert
nur, da Sie wirklich so exzentrisch sind, Lisaweta Prokofjewna. Ich
will's gestehen, da ich mit Absicht diese Sache zur Sprache gebracht
habe: ich wute, wie das auf Sie wirken wrde, auf Sie allein; denn der
Frst wird ihm bestimmt verzeihen, er hat ihm schon verziehen und sucht
bereits offenbar nach einer Entschuldigung fr ihn. Nicht wahr, Frst,
hab' ich nicht recht?

Er atmete schnell und seine seltsame Aufregung wuchs mit jedem Wort.

Nun! ... sagte Lisaweta Prokofjewna kurz und ungehalten, denn der Ton,
den er jetzt anschlug, wunderte sie. Nun?

Ich habe viel von Ihnen gehrt ... vieles von dieser Art ... es hat
mich furchtbar gefreut ... und ich habe Sie achten gelernt ... fuhr
Hippolyt fort.

Es war, als htte er gar nicht das sagen wollen, was er sprach, sondern
etwas ganz anderes; etwas, das er mit keinem Wort andeutete. Er sprach
mit einem leisen Schimmer von Spott, regte sich aber dabei ganz
unbegreiflich auf, blickte sich mitrauisch im Kreise um, schien sehr
verwirrt zu sein und verlor bestndig den Faden, so da er durch dieses
sonderbare Wesen, einen eigentmlich flackernden, an Wahnsinn
gemahnenden Blick in dem hageren Gesicht, auf dessen Wangen zwei rote
Flecke brannten, unwillkrlich die Aufmerksamkeit der Anwesenden
fesselte.

Ich htte mich eigentlich darber wundern mssen, obgleich ich doch die
Welt und die Gesellschaft fast gar nicht kenne -- ich gebe das selbst zu
--, da Sie nicht nur selbst in unserer, fr Sie so unanstndigen
Gesellschaft geblieben sind, sondern auch diesen ... jungen Mdchen
erlaubt haben, diese skandalse Geschichte anzuhren, wenn den Damen
auch aus ... Romanen schon lngst alles bekannt ist. brigens, ich ...
vielleicht ... ich wei nicht ... ich habe es nicht so sagen wollen ...
doch jedenfalls -- wer wre denn sonst geblieben ... auf die Bitte eines
Knaben ... nun, ja, Knaben -- ich geb' es wieder selbst zu -- mit ihm
einen Abend zu verbringen und ... Anteil zu nehmen ... an allem ... um
sich dann am nchsten Tage dessen zu schmen ... Ich gebe brigens
selbst zu, da ich mich nicht richtig ausdrcke. Ich kann das alles nur
loben ... und Hochachtung dafr empfinden ... obschon ich an der Miene
Seiner Exzellenz, Ihres Gatten, deutlich ersehe, wie wenig das
gesellschaftlich _comme il faut_{[24]} fr ihn ist ... Hihi! kicherte
er, da er in eine aussichtslose Sackgasse geraten war; doch pltzlich
bekam er einen heftigen Hustenanfall, da er erst nach zwei Minuten
wieder sprechen konnte.

Da hat man's! meinte khl und schroff Lisaweta Prokofjewna, indem sie
ihn mit strengem Blick musterte. Nun, mein lieber Junge, genug, es ist
Zeit.

Gestatten Sie auch mir, mein Herr, die Bemerkung, begann pltzlich
gereizt Iwan Fedorowitsch, der allmhlich seine Geduld verloren hatte,
da meine Gemahlin sich hier beim Frsten Lew Nikolajewitsch befindet,
unserem Freunde und Nachbarn, und da es in jedem Fall nicht Ihnen,
junger Mann, zusteht, die Handlungen Lisaweta Prokofjewnas zu
kritisieren, ebensowenig mir ins Gesicht zu sagen, was mein Gesicht
ausdrckt. Und wenn meine Gemahlin hier geblieben ist, fuhr er, mit
jedem Wort gereizter werdend, fort, so hat sie es, mein Herr, nur aus
Verwunderung getan und aus der sehr verstndlichen Neugier, einmal
Reprsentanten der heutigen Jugend kennen zu lernen. Auch ich bin hier
geblieben, wie man eben bisweilen auch wohl auf der Strae stehen
bleibt, wenn man eben etwas ... etwas ... etwas ...

Etwas Seltsames erblickt, half Jewgenij Pawlowitsch.

Ganz recht, sehr richtig und treffend, gerade etwas Seltsames, fuhr
Seine Exzellenz erfreut fort, nachdem man ihm ber den schwierigen
Vergleich hinweggeholfen hatte. Doch ganz abgesehen davon, wundert es
mich sehr und betrbt mich sogar, da Sie, junger Mann, nicht einmal
begriffen haben, da meine Gemahlin nur deshalb bei Ihnen geblieben ist,
weil Sie krank sind, -- ich nehme an, da Sie es auch wirklich sind --
das heit also, da sie nur aus Mitleid geblieben ist, weil Sie ihr
sozusagen leid tun, junger Mann, und vielleicht merken Sie es sich,
geflligst, da sowohl dem Namen, wie den Eigenschaften und der
Bedeutung meiner Gemahlin unter keinen Umstnden sich etwas Schmutziges
anheften kann ... Lisaweta Prokofjewna! wandte sich der im Eifer rot
gewordene General an seine Gattin, wenn du jetzt aufbrechen willst, so
knnen wir uns von unserem lieben Frsten verabschieden und ...

Ich danke Ihnen fr die Lehre, General, unterbrach ihn ganz unerwartet
mit ernstem Gesicht Hippolyt, und nachdenklich sah er ihn an.

Gehen wir, _maman_, wie lange soll das denn noch dauern! sagte Aglaja
ungeduldig und gergert, und sie erhob sich von ihrem Platz.

Nur noch einen Augenblick, lieber Iwan Fedorowitsch, wenn du erlaubst,
wandte sich Lisaweta Prokofjewna an ihren Gemahl, im Tone, in der
Haltung und Miene durchaus _grande Dame_. Ich glaube, er hat hohes
Fieber und phantasiert einfach; ich sehe es an seinen glnzenden Augen;
so darf man ihn nicht fortlassen. Lew Nikolajewitsch! Knnte er nicht
hier bei dir bernachten, damit man ihn heute nicht noch nach Petersburg
zurckzubringen braucht? _Cher prince_,{[25]} Sie langweilen sich doch
nicht? wandte sie sich aus irgendeinem Grunde an den Frsten Sch. Komm
her, Alexandra, du mut dir die Haare ein wenig ordnen, meine Liebe.

Und sie ordnete ihr das Haar, an dem brigens nichts zu ordnen war, und
gab ihr einen Ku; nur deshalb hatte sie sie zu sich gerufen.

Ich glaubte, Sie seien entwicklungsfhig ... begann wieder Hippolyt,
aus seiner Versunkenheit auffahrend. Ja! richtig, was ich sagen
wollte, rief er erfreut aus, als wenn ihm pltzlich etwas eingefallen
wre. Da haben wir Burdowskij, der aufrichtig seine Mutter verteidigen
will, nicht wahr? Und dabei kommt es so heraus, da gerade er sie
beleidigt und herabzieht. Da will nun der Frst Burdowskij helfen,
bietet ihm ohne Arg und Falsch einfach aus Herzensgte seine
Freundschaft und sein Geld an und ist vielleicht der einzige von uns
allen, der sich nicht von ihm angeekelt fhlt, und gerade sie stehen
sich beide als echte Feinde gegenber ... Ha--ha--ha! Sie alle hassen
Burdowskij, weil er sich ihrer Meinung nach hlich und unfein seiner
Mutter gegenber benommen hat, das ist es doch? Nicht wahr? Nicht? Sie
lieben doch alle unbeschreiblich Schnheit und elegante Form, nur fr
die allein leben Sie doch, hab' ich nicht recht? (Das habe ich ja schon
lngst gemutmat, da Sie alle nur dafr leben!) Nun, dann hren Sie
jetzt, da vielleicht kein einziger von Ihnen seine Mutter so geliebt
hat, wie Burdowskij! Sie, Frst, ich wei, Sie haben durch Ganetschka
heimlich der Mutter Burdowskijs Geld zugesandt, und da knnt' ich nun
wetten -- hihihi! lachte er hysterisch, knnte wetten, da gerade
dieser Burdowskij Ihnen jetzt Unzartheit und Miachtung seiner Mutter
gegenber vorwerfen wird, bei Gott, er wird's tun, hahaha!

Wieder unterbrach ihn ein Hustenanfall.

Nun, ist das jetzt alles? Hast du alles gesagt, was du sagen wolltest?
Nun, dann geh jetzt schlafen, du hast dich erkltet, du fieberst ja
doch, unterbrach ihn ungeduldig Lisaweta Prokofjewna, die ihren
besorgten Blick nicht von ihm abwandte. Ach, Gott! Da fngt er schon
wieder an!

Sie lachen, wie es scheint? Weshalb lachen Sie ber mich? Ich habe es
gesehen, da Sie die ganze Zeit ber mich lachen! wandte sich Hippolyt
pltzlich unruhig und gereizt an Jewgenij Pawlowitsch.

Dieser lchelte in der Tat.

Ich wollte Sie nur fragen, Herr ... Hippolyt ... pardon, ich habe Ihren
werten Namen vergessen ...

Herr Terentjeff, sagte der Frst.

Richtig, Terentjeff, ich danke Ihnen, Frst; vorhin hrte ich ihn zwar,
doch momentan war er mir entfallen ... Ich wollte Sie fragen, Herr
Terentjeff, ob es wahr ist, was ich gehrt habe: Sie sollen, sagte man
mir, der Meinung sein, da Sie nur eine Viertelstunde lang aus dem
Fenster zum Volk zu sprechen brauchten und dasselbe wrde sogleich in
allem Ihrer Ansicht sein und sogleich Ihnen folgen ...

Sehr mglich, da ich das gesagt habe ... antwortete Hippolyt, indem
er sich gleichsam dessen zu entsinnen suchte. Bestimmt hab' ich's
gesagt! besttigte er dann pltzlich, wieder lebhafter werdend, und mit
festem Blick sah er Jewgenij Pawlowitsch an. Nun, und?

Nichts weiter; ich fragte nur zur Kenntnisnahme, nur so, um das Bild zu
vervollstndigen ...

Jewgenij Pawlowitsch verstummte, doch Hippolyt sah ihn immer noch in
ungeduldiger Erwartung an.

Nun, ist das alles, hast du alles gefragt? wandte sich Lisaweta
Prokofjewna an Jewgenij Pawlowitsch. Komm schneller zum Schlu,
Vterchen, er mu schlafen gehen. Oder verstehst du das nicht?

Sie rgerte sich entsetzlich.

Oh, ich bin gern bereit, fortzufahren, sagte Jewgenij Pawlowitsch
lchelnd. Alles, was ich hier von Ihren Kameraden gehrt habe,
Herr Terentjeff, und was Sie soeben selbst mit unstreitigem
Beobachtungstalent vorgebracht haben, ist meiner Meinung nach im
Resultat nichts anderes, als in erster Linie und ganz abgesehen von
allem anderen und sogar mit Ausschlu alles anderen die Theorie des
Triumphes dessen, was Sie >Recht< nennen, und das vielleicht sogar ohne
jede nhere Untersuchung, worin denn dieses Recht berhaupt besteht.
Oder irre ich mich vielleicht?

Natrlich irren Sie sich, ich verstehe Sie sogar nicht einmal ...
weiter?

Im Hintergrund hrte man Lebedeffs Neffen halblaut irgend etwas
sprechen.

Weiter? -- oh, so gut wie nichts, fuhr Jewgenij Pawlowitsch fort, ich
will nur bemerken, da man von diesem Standpunkt sehr leicht auf den des
Rechtes der Kraft berhaupt berspringen kann, ich meine, auf das Recht
der einzelnen Faust und des jeweiligen willkrlichen Wunsches des
einzelnen, womit es ja brigens auch stets in der Welt geendet hat. Ist
doch auch Proudhon zur Theorie des Rechtes der Kraft gelangt. Und zur
Zeit der Negerbefreiung in Amerika haben sich ja sogar viele der
angesehensten Liberalen fr die Plantagenbesitzer erklrt, mit der
Begrndung, da die Neger eben Neger seien und niedriger als die
Menschen der weien Rasse stnden, und folglich htten die Weien das
Recht, die Neger als Sklaven zu behandeln ...

Nun?

Sie haben also gegen das Recht der Kraft nichts einzuwenden, Sie haben
nichts dawider?

Weiter?

Sie sind mir mal konsequent! Ich wollte nur bemerken, da es von dem
Recht der Kraft bis zum Recht der Tiger und Krokodile und sogar dem der
Gorsky und Daniloffs nicht weit ist.

Ich wei nicht, weiter?

Hippolyt hrte kaum darauf, was Jewgenij Pawlowitsch sprach, und auch
das nun und weiter schien er nicht aus Interesse fr das Weitere zu
sagen, sondern einfach, weil es ihm zur Gewohnheit geworden war, einen
jeden, der ihm von der Welt drauen an seinem Krankenlager erzhlte, mit
nun und weiter zum Weitererzhlen zu drngen.

Tja, weiter ist nichts ... das war alles.

Ich bin Ihnen brigens nicht bse, sagte Hippolyt pltzlich ganz
unvermittelt und streckte, vielleicht ohne sich selbst dessen bewut zu
sein, Jewgenij Pawlowitsch die Hand entgegen und lchelte sogar dazu.

Jewgenij Pawlowitsch wunderte sich zuerst, berhrte dann aber doch mit
dem ernstesten Gesicht die ihm entgegengestreckte Hand, als empfinge er
wirklich Hippolyts Verzeihung.

Ich kann nicht umhin, Ihnen meinen Dank auszusprechen fr die
Aufmerksamkeit, mit der Sie mich angehrt haben, sagte er in demselben
zweideutig-hflichen Tone, denn nach meinen unzhligen Beobachtungen
ist unser Liberaler nie imstande, einem anderen Menschen eine andere
berzeugung zu gestatten und seinem Opponenten nicht sogleich mit
Geschimpf zu antworten oder mit noch Schlimmerem ...

Das haben Sie sehr richtig bemerkt, versetzte General Iwan
Fedorowitsch, worauf er, die Hnde auf dem Rcken, mit der
gelangweiltesten Miene wieder an die Treppe der Terrasse trat, wo er vor
rger heimlich ghnte.

Nun, jetzt haben wir aber genug von dir, erklrte Lisaweta
Prokofjewna, zu Jewgenij Pawlowitsch gewandt. Ihr werdet mir langweilig
...

Es ist Zeit! erhob sich sofort Hippolyt besorgt und fast erschrocken
und blickte sich verwirrt im Kreise um. Ich habe Sie aufgehalten ...
ich wollte Ihnen alles sagen ... ich glaubte, da alle ... das war nur
eine phantastische Idee ...

Man sah es ihm an, da er sich nur vorbergehend belebte, da er aus
seinen Fieberdelirien ganz pltzlich nur auf kurze Zeit zu sich kam und
mit vollem Bewutsein dachte und sprach. Letzteres meistenteils nur in
abgerissenen Stzen, die er vielleicht alle schon vorher gedacht -- in
den langen endlosen Stunden auf seinem Krankenlager, wenn er schlaflos
in seiner Einsamkeit lag.

Nun, leben Sie wohl! sagte er pltzlich schroff. Sie glauben, da es
mir leicht ist, Ihnen >Leben Sie wohl< zu sagen? Na -- ha! lachte er
kurz auf, rgerlich ber seine ungeschickte Frage, und pltzlich,
gewissermaen aus rger darber, da er nichts von dem gesagt hatte und
nichts aussprechen konnte, sagte er laut und gereizt: Exzellenz! ich
habe die Ehre, Sie zu meiner Beerdigung aufzufordern, vorausgesetzt, da
Sie mich dieser Ehre wrdigen, ... und nach Seiner Exzellenz auch alle
anderen!

Wieder lachte er auf; doch diesmal klang es wie das Lachen eines
Irrsinnigen. Lisaweta Prokofjewna nherte sich ihm erschrocken und
erfate seine Hand. Hippolyt sah sie, mit demselben Lachen im Gesicht,
forschend und unbeweglich an; doch er lachte nicht mehr hrbar, das
Lachen war nur als solches gleichsam in seinem Gesicht erstarrt.

Wissen Sie auch, da ich eigentlich nur deshalb hergekommen bin, um
Bume zu sehen? Diese hier ... (er wies auf die Bume des Parks) ist
das nicht lcherlich, was? Aber hierbei ist doch nichts Lcherliches?
fragte er ernst Lisaweta Prokofjewna und versank pltzlich in Gedanken;
nach einem Augenblick hob er aber wieder den Kopf und begann neugierig
in der Schar der Anwesenden jemanden mit den Augen zu suchen. Er suchte
Jewgenij Pawlowitsch, der sich rechts von ihm ganz in seiner Nhe auf
demselben Platz wie vorhin befand, doch Hippolyt mute schon vergessen
haben, wo er gestanden hatte. Ah, da sind Sie, Sie sind nicht
fortgegangen! rief er erfreut aus, als er ihn endlich entdeckte. Sie
lachten darber, da ich nur eine Viertelstunde aus dem Fenster sprechen
wollte ... Aber wissen Sie auch, da ich gar nicht achtzehn Jahr alt
bin? Ich habe so lange auf diesem Kopfkissen gelegen, ich habe so lange
durch dieses Fenster geschaut, ich habe so endlos nachgedacht ... ber
alle ... so da ... Ein Toter steht auerhalb jedes Alters, das wissen
Sie doch. Noch in der vorigen Woche dachte ich, als ich in der Nacht
erwachte ... Aber wissen Sie auch, was Sie am meisten frchten? Unsere
Aufrichtigkeit frchten Sie am meisten, wenn Sie uns auch verachten! Das
habe ich gleichfalls damals, in jener Nacht, auf meinem Kopfkissen
gedacht ... Sie glauben, da ich mich vorhin ber Sie lustig machen
wollte, Lisaweta Prokofjewna? Nein, ich habe mich nicht ber Sie lustig
gemacht, ich wollte nur sagen, da alles gut ist ... Kolj hat mir
gesagt, der Frst habe Sie ein Kind genannt ... das ist gut ... Aber was
wollt' ich doch ... ich wollte doch noch etwas sagen ... Er bedeckte
das Gesicht mit den Hnden und dachte krampfhaft nach. Richtig, das
war's! -- als Sie sich vorhin schon verabschieden wollten, dachte ich
pltzlich: hier sind jetzt Menschen, und nie mehr wirst du sie
wiedersehen, und nie mehr wird das alles so sein, niemals! Und auch die
Bume nicht, -- nur die Backsteinmauer wird vor mir sein, die rote von
Meyers Mietkaserne ... die Brandmauer vor meinem Fenster ... nun, so
sag' ihnen doch jetzt alles das ... versuch' es doch, sage es; da -- er
wies auf Aglaja -- eine Schnheit! ... du bist so gut wie ein Toter,
stell' dich ihnen als Toter vor, sag' ihnen: >ein Toter kann alles
sagen< ... und da die Frstin Maria Alexejewna nicht schelten wird[20],
ha--ha! ... Sie lachen nicht ber mich? Er blickte sich mitrauisch im
Kreise um. Aber wissen Sie, auf diesem Kopfkissen sind mir viele
Gedanken gekommen ...: wissen Sie, ich habe eingesehen, da die Natur
sehr spottlustig ist ... Sie sagten, ich sei ein Atheist, aber wissen
Sie auch, da diese Natur ... Weshalb lachen Sie wieder? Sie sind
furchtbar grausam! unterbrach er sich traurig und unwillig, indem er
sich wieder mitrauisch umblickte. Ich habe Kolj nicht verdorben,
schlo er pltzlich in einem ganz anderen Tone, ernst und berzeugt, als
wre ihm pltzlich wieder ein anderer Gedanke gekommen ...

Niemand, niemand lacht hier ber dich, beruhige dich! bat ihn Lisaweta
Prokofjewna fast geqult. Morgen wird dich ein anderer Arzt
untersuchen, deiner hat sich geirrt; aber so setz dich doch, was stehst
du denn, du kannst dich ja kaum auf den Fen halten! Du fieberst und
phantasierst ... Ach, was soll man jetzt mit ihm anfangen! sorgte sie
sich um ihn und bemhte sich ngstlich, ihn wieder zum Niedersitzen zu
bewegen, damit er nur ja nicht mehr stehe.

Eine Trne erglnzte auf ihrer Wange.

Hippolyt blieb ganz betroffen stehen, hob die Hand, die er ngstlich
vorstreckte, und berhrte zaghaft diese Trne.

Er lchelte, es war ein eigentmliches, kindliches Lcheln.

Ich ... ich ... habe Sie ... begann er selig, Sie wissen nicht, wie
ich Sie ... er hat mir immer mit einer solchen Begeisterung von Ihnen
erzhlt, er da, Kolj ... ich liebe seine Begeisterung ... Ich habe ihn
nicht verdorben! Nur ihn allein lasse ich zurck ... ich wollte alle
zurcklassen, alle, -- aber es war niemand da, niemand war da ... Ich
wollte ein groer Tatmensch sein, ich hatte das Recht ... oh, wieviel
ich gewollt habe! Jetzt will ich nichts, ich will nichts mehr wollen,
ich habe mir das Wort gegeben, da ich nichts mehr wollen werde; mgen
sie ohne mich die Wahrheit suchen, mgen sie doch! Ja, die Natur ist
spottlustig! Weshalb erschuf sie mich, brach es in zitternder
Leidenschaft aus ihm hervor, weshalb erschafft sie die besten
Geschpfe, um dann spter ihren Spott mit ihnen zu treiben? Hat sie es
doch auch zugelassen, da das einzige Wesen, das auf Erden als
vollkommen anerkannt wurde ... hat sie es doch so gemacht, da gerade
dieses Wesen _das_ aussprechen mute, um dessenwillen so viel Blut
geflossen ist, da die Menschen, wenn es auf einmal geflossen wre, im
Blute htten ertrinken mssen!

Oh, es ist gut, da ich sterbe! Ich wrde ja vielleicht auch irgendeine
furchtbare Lge sagen, die Natur wrde es schon so einrichten! ... Ich
habe niemanden verdorben ... Ich wollte zum Glcke aller Menschen leben,
um die Wahrheit zu ergrnden und zu verknden ... Ich sah durch mein
Fenster auf Meyers Backsteinmauer und glaubte, eine Viertelstunde wrde
mir gengen, um alle, alle zu berzeugen, und da bin ich nun einmal im
Leben zusammen ... mit Ihnen, wenn auch nicht mit den Menschen! -- und
was ist nun herausgekommen? Nichts! Es ist das herausgekommen, da Sie
mich verachten! Folglich bin ich ein Dummkopf, folglich bin ich
berhaupt nicht ntig, folglich ist es Zeit! Und nicht die geringste
Erinnerung habe ich zu hinterlassen verstanden! Keinen Laut, keine Spur,
nicht eine einzige Tat, keine einzige berzeugung habe ich verbreitet!
Lachen Sie nicht ber den Dummen! Vergessen Sie ihn! Vergessen Sie alles
... vergessen Sie, ich bitte Sie darum, seien Sie nicht so grausam!
Wissen Sie auch, da ich, wenn nicht diese Schwindsucht gekommen wre,
mich selbst umgebracht htte ...

Er wollte offenbar noch mehr sagen, sprach es aber nicht aus, sondern
fiel pltzlich auf seinen Sessel nieder, bedeckte das Gesicht mit den
Hnden und schluchzte wie ein kleines Kind.

Da! Er weint! Mein Gott, was soll man jetzt mit ihm tun! rief Lisaweta
Prokofjewna aufs uerste erschrocken aus; sie trat schnell an seinen
Sessel, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hnde und drckte ihn fest, fest
an ihre Brust. Er schluchzte wie im Krampf.

Nu -- nu -- nu! Nu, wein' doch nicht, nu, genug, du bist ein guter
Junge, Gott wird dir alles verzeihen, wegen deiner Unwissenheit; nu,
genug, sei ein ganzer Mann ... Und du wirst dich ja doch spter schmen
...

Ich habe dort, begann Hippolyt stockend, und er bemhte sich, den Kopf
zu erheben, ich habe einen Bruder und zwei Schwestern, Kinder, kleine
Kinder, arme, unschuldige ... _Sie_ wird sie verderben! Entreien Sie
sie ihr ... Sie -- sind eine Heilige, Sie ... Sie sind selbst ein Kind,
-- retten Sie sie! Retten Sie sie vor dieser ... sie ... wird sie der
Schande ... Oh, helfen Sie ihnen, erbarmen Sie sich ihrer, Gott wird es
Ihnen hundertfach vergelten, um Christi willen! ...

So sagen Sie doch endlich, Iwan Fedorowitsch, was soll man jetzt tun!
rief Lisaweta Prokofjewna gereizt ihren Mann um Rat an. Haben Sie doch
die Gte und brechen Sie endlich Ihr erhabenes Schweigen! Wenn Sie sich
zu nichts entscheiden, werde ich selbst hier nchtigen, damit Sie's nur
wissen; Sie haben mich zur Genge mit Ihrer Herrschsucht tyrannisiert!

Lisaweta Prokofjewna war zu jedem Opfer bereit, was sie uerlich in
ihrem Zorn verriet, und erwartete eine sofortige Antwort. Leider pflegen
in solchen Fllen die Anwesenden, selbst wenn ihrer viele sind, mit
Schweigen und passiver Neugier zu antworten, um nur ja nichts auf sich
zu nehmen. Ihre Gedanken aber uern sie gewhnlich erst lange nachher.
Hier nun gab es unter den Anwesenden sogar solche, die womglich die
ganze Nacht bis zum nchsten Morgen gesessen htten, ohne auch nur ein
Wort zu sagen -- zum Beispiel Warwara Ardalionowna Ptizyn, die die ganze
Zeit schweigend dagesessen und nur mit ungeheurem Interesse zugehrt
hatte, -- vielleicht nicht ohne ihre besonderen Grnde zu diesem
Interesse zu haben.

Meine Liebe, versetzte der General, meine Meinung wre die, da hier
jetzt eher eine Krankenpflegerin am Platze wre als unsere Aufregung ...
oder fr diese Nacht zum mindesten ein nchterner, zuverlssiger Mensch.
Jedenfalls mssen wir aber den Frsten bitten und ... diesem hier
unverzglich Ruhe gnnen. Morgen kann man sich ja dann wieder nach ihm
erkundigen.

Es ist sogleich zwlf, wir fahren. Wird er mit uns kommen oder bleibt
er bei Ihnen? wandte sich Doktorenko gereizt und gergert an den
Frsten.

Wenn Sie wollen, so bleiben Sie doch auch hier bei ihm, forderte ihn
der Frst auf, Platz habe ich genug.

Exzellenz, wandte sich ganz unerwartet und frmlich begeistert Herr
Keller an den General, wenn ein zuverlssiger Mensch fr die Nacht
verlangt wird, so bin ich gern bereit, meinem Freunde das Opfer zu
bringen ... er ist ein seltener Mensch, wenn Sie wten, was fr eine
Seele er hat! Ich halte ihn schon lngst fr ein Genie, Exzellenz! Ich
habe gewilich, sowohl in meiner Bildung wie in meiner Karriere, Pech
gehabt und Exzellenz werden das verstehen ... aber wenn er kritisiert,
das kann auch ich beurteilen, dann streut er ja nur so Perlen aus dem
rmel, Perlen, sag' ich Ihnen! ...

Mit Verzweiflung im Gesicht wandte ihm der General den Rcken.

Es wird mich sehr freuen, wenn er hier bleibt; es wrde ihm natrlich
sehr schwer fallen, jetzt noch zu fahren, sagte der Frst auf die
gereizte Frage Lisaweta Prokofjewnas.

Ja, schlfst du denn? Wenn du nicht willst, Vterchen, werde ich ihn zu
mir bringen! Gott, du hltst dich ja selbst kaum auf den Fen! Bist du
krank? Was fehlt dir?

Als Lisaweta Prokofjewna den Frsten nicht sterbend vorgefunden, hatte
sie ihn nach seinem Aussehen fr viel gesunder gehalten, als er war. In
Wirklichkeit aber hatten der Anfall, die schweren Erinnerungen, die sich
an ihn knpften, die physische Mdigkeit in den Gliedern und der
ermdende Abendbesuch, ferner dieser ganze Vorfall mit dem Sohn
Pawlischtscheffs und nun auch noch der mit Hippolyt -- alles das hatte
auf die krankhafte Empfindsamkeit des Frsten geradezu fieberhaft
eingewirkt. Auerdem verrieten jetzt seine Augen noch irgendeine
besondere Sorge oder sogar Angst: fast furchtsam blickte er auf
Hippolyt, ganz als befrchte er von diesem irgend etwas.

Da erhob sich pltzlich Hippolyt, unheimlich bleich, mit einem Ausdruck
unertrglicher, an Verzweiflung grenzender Scham in seinem verzerrten
Gesicht. Diese Scham drckte sich vor allem in seinem Blick aus, der
haerfllt und doch angstvoll ber die Anwesenden huschte, und in dem
verlorenen, verzogenen und gleichsam sich windenden Spottlcheln auf
seinen zuckenden Lippen. brigens senkte er den Blick sogleich zu Boden
und wankte mit unsicheren Schritten, immer noch dasselbe Lcheln auf den
Lippen, zu Burdowskij und Doktorenko, die bereits an der Treppe standen:
er fuhr mit ihnen.

Das ... das frchtete ich ja! rief der Frst aus. So mute es ja
kommen!

Hippolyt wandte sich brsk nach ihm um, und rasende Wut sprach aus
seinem Gesicht, in dem jeder Nerv zu zittern und zu sprechen schien.

Ah, also das haben Sie befrchtet! >So mute es ja kommen< Ihrer
Meinung nach? So hren Sie denn, da ich, wenn ich hier jemanden hasse
-- und ich hasse Sie hier alle! -- schrie er heiser, kreischend, bei
jedem Satz spritzte der Speichel von seinen Lippen und an seinen
Mundwinkeln hatte sich Schaum gebildet, -- da ich Sie, Sie Jesuit, Sie
Idiot, Sie tugendreicher Millionr und Wohltter, da ich Sie mehr als
alles auf der Welt hasse! Ich habe Sie lngst durchschaut und zu hassen
begonnen, schon damals, als ich Sie nur vom Hrensagen kannte, hate ich
Sie mit dem ganzen Ha meiner Seele ... Das haben Sie jetzt so
herbeigefhrt! Sie haben mich zu diesem Anfall gebracht! Sie haben mich,
den Sterbenden, dieser Schmach ausgesetzt, Sie, Sie, Sie allein sind
schuld an meiner erbrmlichen Verzagtheit! Ich wrde Sie totschlagen,
wenn ich am Leben bliebe! Ich brauche Ihre Wohltaten nicht, ich nehme
von keinem welche an, hren Sie, von keinem, nichts! Ich fieberte ...
ich habe nur phantasiert, Sie drfen es nicht wagen, zu triumphieren!
Ich verfluche Sie alle ein fr allemal!

Seine Stimme brach ab, er war atemlos.

Schmt sich seiner Trnen! flsterte Lebedeff Lisaweta Prokofjewna zu.
Da haben wir das >So mute es kommen!< Ja, der Frst! Hat ihm wieder
bis ins Innerste geschaut ...

Doch Lisaweta Prokofjewna wrdigte ihn nicht einmal eines Blickes. Sie
stand, stolz aufgerichtet, den Kopf in den Nacken geworfen, und
betrachtete mit verchtlichem Blick diese Leutchen. Als Hippolyt
atemlos verstummt war, hatte der General nur die Schultern mit
entsprechender Mundbewegung in die Hhe gezogen, woraufhin ihn seine
Gattin jetzt zornig vom Kopf bis zu den Fen ma, als verlange sie
Rechenschaft ber diese seine Bewegung; doch dann wandte sie sich, ohne
ein Wort zu sagen, an den Frsten.

Ich danke Ihnen, Frst -- unserem exzentrischen Freunde, der Sie sind
-- fr den angenehmen Abend, den Sie uns allen bereitet haben. Sie
knnen sich ja jetzt von Herzen freuen, da es Ihnen doch gelungen ist,
auch uns in Ihre Dummheiten zu verwickeln ... Genug jetzt, lieber
Freund, ich danke Ihnen, da Sie uns dabei wenigstens Gelegenheit
geboten haben, Sie einmal gut zu durchschauen! ...

Und unwillig begann sie ihre Mantille zurechtzuziehen, da sie erst
abwarten wollte, bis jene sich fortbegeben hatten. Doktorenko hatte
bereits vor einer Viertelstunde Lebedeffs Sohn, den Gymnasiasten, nach
einer Droschke geschickt, mit der dieser nun gerade vorgefahren war. Dem
Beispiel seiner Gattin folgend, wandte sich auch der General an den
Frsten.

In der Tat, ich htte es nicht erwartet ... nach allem ... nach allen
freundschaftlichen Beziehungen ... und schlielich -- Lisaweta
Prokofjewna ...

Nein, pfui, nein, wie kann man nur so! rief Adelaida im Unwillen ber
ihre Eltern aus, trat schnell auf den Frsten zu und reichte ihm die
Hand.

Mit mdem, verlorenem Blick lchelte der Frst sie an, vielleicht ohne
sie zu sehen. Pltzlich drang ein heies, schnelles Geflster an sein
Ohr.

Wenn Sie diese erbrmlichen Menschen nicht sogleich hinauswerfen
lassen, werde ich mein ganzes Leben, mein ganzes Leben lang nur Sie
allein hassen!

Es war Aglaja; sie war wie rasend, wie auer sich; doch noch bevor der
Frst sie ansehen konnte, hatte sie sich schon von ihm abgewandt.
brigens gab es niemanden mehr hinauszuwerfen: Hippolyt war von seinen
Freunden inzwischen in den Wagen gehoben worden -- in diesem Augenblick
fuhren sie bereits davon.

Nun, gedenken Sie sich noch lange hier aufzuhalten, Iwan Fedorowitsch?
Was meinen Sie? fragte Lisaweta Prokofjewna.

Tja, ich, mein Freund ... ich-ch ... bin selbstverstndlich sofort
bereit ... Lieber Frst ...

Der General streckte doch noch seine Hand aus, um sich vom Frsten zu
verabschieden, wartete aber nicht, bis der Frst, der ihn nur zerstreut
ansah, ihm gleichfalls die Hand reichte, sondern eilte seiner Gemahlin
nach, die soeben zornig und rauschend die Treppe hinunterstieg.
Adelaida, deren Brutigam und Alexandra verabschiedeten sich herzlich
vom Frsten, desgleichen Jewgenij Pawlowitsch, der als einziger seine
heitere Stimmung bewahrt hatte.

Sehn Sie, da habe ich doch recht gehabt! Schade nur, da auch Sie
rmster jetzt darunter zu leiden haben! sagte er halblaut mit dem
gewinnendsten Lcheln zum Frsten gewandt -- vielleicht aber lag dennoch
ein wenig Spott in diesem Lcheln.

Aglaja ging fort, ohne sich zu verabschieden.

Doch die berraschungen dieses Abends waren damit noch nicht zu Ende.

Lisaweta Prokofjewna war kaum von der Treppe auf den Fahrweg getreten,
der sich durch den Park schlngelte, als pltzlich ein entzckendes
Gespann, eine offene Kalesche, vor der zwei prchtige Schimmel elegant
ausgriffen, in schnellem Tempo an der Villa des Frsten vorberfuhr. Im
Fond des Wagens saen zwei reich gekleidete Damen. Doch pltzlich, kaum
waren sie zehn Schritte an der Terrasse vorbergefahren, hielt der
Wagen; die eine der Damen wandte sich hastig zurck, als htte sie einen
Bekannten erblickt, mit dem sie unbedingt ein paar Worte wechseln mute.

Jewgenij Pawlowitsch! Bist du's? ertnte pltzlich eine helle,
wundervolle Stimme, die den Frsten zusammenzucken machte, und
vielleicht nicht nur den Frsten allein. Nein, bin ich froh, da ich
dich endlich gefunden habe! Ich habe doch einen Boten zu dir in die
Stadt geschickt; zwei! Den ganzen Tag wirst du gesucht!

Jewgenij Pawlowitsch stand wie vom Schlage gerhrt auf der Treppenstufe.
Auch Lisaweta Prokofjewna war stehen geblieben, doch nicht vor Schreck
und Verwunderung wie Jewgenij Pawlowitsch: sie blickte die geputzte Dame
mit derselben kalten Verachtung an, mit der sie vor fnf Minuten die
Leutchen betrachtet hatte.

Freue dich! fuhr die helle Stimme fort. Rogoshin hat deine Wechsel
aufgekauft, von Kupfer, fr dreiigtausend, ich habe ihn darum gebeten.
Jetzt kannst du noch drei Monate lang ruhig sein! Und mit Biskup und dem
ganzen anderen Wuchererpack werden wir es auch noch arrangieren, aus
alter Bekanntschaft! Na, wie du siehst, alles geht gut! Kannst dich
freuen! Auf Wiedersehen morgen!

Die Pferde zogen an und griffen aus, der Wagen verschwand ebenso
schnell, wie er aufgetaucht war.

Ist sie wahnsinnig! stie endlich Jewgenij Pawlowitsch hervor, bis
ber die Stirn errtend vor Unwillen, und verstndnislos blickte er sich
im Kreise um. Ich habe keine Ahnung von dem, was sie da sprach! Was
sind das fr Wechsel? Wer ist sie berhaupt?

Doch Lisaweta Prokofjewna sah ihn immer noch unbeweglich an: zwei
Sekunden lang ruhten ihre Blicke ineinander; dann wandte sie sich
pltzlich stolz ab und begab sich zu ihrer Villa. Die anderen folgten
ihr.

Nach einer Minute kehrte Jewgenij Pawlowitsch in hchster Erregung zum
Frsten auf die Terrasse zurck.

Frst, sagen Sie mir die Wahrheit, wissen Sie nicht, was das zu
bedeuten hat?

Ich habe keine Ahnung! antwortete der Frst, der sich gleichfalls in
krankhafter Spannung und Erregung befand.

Wirklich nicht?

Sie knnen es mir glauben.

Tja, auch ich wei es nicht, lachte pltzlich Jewgenij Pawlowitsch.
Bei Gott, ich habe keinen Schimmer von irgendwelchen Wechseln, Sie
knnen es mir wahrhaftig glauben, ich versichere Sie auf mein Ehrenwort!
... Aber was ist mit Ihnen, Sie werden doch nicht ohnmchtig?

Oh, nein, nein, gewi nicht, nein ...


                                  XI.

Erst am dritten Tage wurde dem Frsten von Jepantschins verziehen. Zwar
sprach der Frst, wie gewhnlich, sich allein die ganze Schuld zu und
erwartete daher mit Gewiheit seine Strafe; trotzdem war er innerlich
von Anfang an berzeugt, da Lisaweta Prokofjewna ihm nicht ernstlich
bse sein knne, sondern sich aller Wahrscheinlichkeit nach mehr ber
sich selbst rgere. Deshalb fhlte er sich denn auch am dritten Tage,
als ihm noch immer nicht Verzeihung gewhrt worden war, moralisch ganz
niedergedrckt. Auerdem kamen noch andere Dinge hinzu, die ihn qulten,
namentlich etwas, das sich im Laufe der drei Tage dank dem zunehmenden
Mitrauen des Frsten progressiv vergrerte und immer bengstigender
wurde. (Er machte sich seit einiger Zeit heftige Vorwrfe wegen seines
sinnlosen, zudringlichen Vertrauens und seines finsteren, niedrigen
Mitrauens.) Kurz und gut -- bis zum Abend des dritten Tages hatte der
Zwischenfall mit der exzentrischen Dame, die aus dem Wagen zu Jewgenij
Pawlowitsch gesprochen, in seinen Gedanken bereits eine wahrhaft
rtselhafte Bedeutung von nahezu erschreckendem Umfang angenommen. Die
unheimlichste Frage war fr ihn -- ganz abgesehen von allen anderen
unangenehmen Seiten des Vorfalls -- ob nun wiederum er allein an dieser
neuen Ungeheuerlichkeit schuld sei, oder nur ... Doch er sprach es
nicht aus, wen er meinte. Was jedoch die Umnderung der Buchstaben A. M.
D. in N. F. B. anlangte, so glaubte er jetzt nur einen harmlosen Scherz
darin erblicken zu drfen, eine kindliche Unart, so da ihm selbst
lngeres Nachdenken darber beschmend und in einer Beziehung sogar
unehrenhaft erschien.

brigens hatte der Frst am nchsten Tage nach jenem scheulichen
Abend das Vergngen gehabt, den Frsten Sch. und Adelaida bei sich zu
empfangen: sie waren _hauptschlich_ deshalb gekommen, um sich nach
seiner Gesundheit zu erkundigen. Adelaida hatte im Park einen
entzckenden alten Baum entdeckt, eine Trauerbirke mit langen
hngenden sten in frischem jungen Grn; unterwegs -- sie waren beide
nur so spazieren gegangen -- hatte Adelaida beschlossen, unbedingt,
unbedingt diesen Baum zu malen. Und von diesem Baum war fast die ganze
Zeit gesprochen worden, mindestens eine halbe Stunde lang. Frst Sch.
war so liebenswrdig und aufmerksam gewesen, wie er es immer war, hatte
den Frsten nach diesem und jenem gefragt, hatte ihn an ihre erste
Begegnung in der kleinen Provinzstadt erinnert, so da des
vorhergegangenen Abends mit keinem Wort Erwhnung getan wurde.
Schlielich hatte es Adelaida doch nicht ausgehalten: sie hatte zu
lachen begonnen und gestanden, da sie beide gewissermaen inkognito
zu ihm gekommen seien. Doch das war auch alles, was sie verriet, --
nicht viel, aber auch gewi nicht wenig, denn aus diesem inkognito
konnte man mit Leichtigkeit die Stimmung ihrer Eltern erraten. Doch
weder ber ihre Mutter, noch ber Aglaja und nicht einmal ber Iwan
Fedorowitsch lie Adelaida ein Wort fallen, und als sie aufbrachen, um
ihren Spaziergang wieder fortzusetzen, forderten sie den Frsten nicht
auf, sich ihnen anzuschlieen, -- von sie zu besuchen war erst recht
keine Rede! Ja, in der Beziehung verriet ein kurzes Gesprch sogar noch
viel mehr: als Adelaida von ihrer letzten Aquarellmalerei erzhlte,
wnschte sie pltzlich sehr, da der Frst sie kritisiere. Aber wie
soll ich sie Ihnen zeigen? stutzte sie auf einmal. Warten Sie! Ich
werde Kolj bitten, wenn er heute zu uns kommt ... oder nein, ich werde
sie Ihnen morgen selbst bringen, wenn ich mit dem Frsten wieder
spazieren gehe! entschied sie schnell, sehr erfreut ber die gefundene
Lsung des Problems.

Sie verabschiedeten sich bereits, als Frst Sch. sich scheinbar erst
jetzt ganz pltzlich einer Sache zu entsinnen schien.

Ach, _ propos_, wandte er sich an den Frsten, wissen Sie nicht
wenigstens, bester Lew Nikolajewitsch, wer diese Dame war, die gestern
Jewgenij Pawlowitsch diese rtselhaften Worte zurief?

Das war Nastassja Filippowna, sagte der Frst. Sollten Sie es noch
nicht erfahren haben, da sie es war? ...

Doch, doch, ich wei, ich hab's gehrt! unterbrach ihn Frst Sch.
eilig. Aber was bedeutete das, was sie ihm da zurief? Das ist, ich mu
gestehen, ein solches Rtsel ... fr mich, wie auch fr alle anderen
...

Frst Sch. sprach ersichtlich in grter Verwunderung.

Sie sprach von irgendwelchen Wechseln Jewgenij Pawlowitschs,
antwortete der Frst sehr einfach, die Rogoshin von einem Wucherer
gekauft hat, auf ihre Bitte hin, und da Rogoshin auf die Einlsung
derselben noch warten werde.

Ich wei, ich wei, mein bester Frst, aber das ist ja doch ein Ding
der Unmglichkeit! Jewgenij Pawlowitsch hat berhaupt keine Wechsel
ausgestellt, wozu htte er das ntigt -- bei seinem Vermgen! ... Es ist
ja wahr, er hat ja frher mitunter aus Leichtsinn welche ausgestellt,
und sogar ich habe ihn manchesmal aus der Patsche gezogen ... Aber bei
einem solchen Vermgen einem Wucherer Wechsel auszustellen und sich dann
ihretwillen noch Sorgen zu machen -- das ist doch ausgeschlossen, ganz
ausgeschlossen! Und ebenso kann er sich doch mit Nastassja Filippowna
unmglich auf du und du stehen -- das ist mir noch das Rtselhafteste!
Er schwrt, da er kein Wort von der ganzen Sache verstehe, und ich
glaube es ihm gern. Die Sache ist nur die, bester Frst, -- ich wollte
Sie fragen, ob _Sie_ nicht vielleicht irgend etwas wissen? Das heit,
ich meine ja nur -- vielleicht ist Ihnen durch irgendeinen Zufall etwas
zu Ohren gekommen?

Nein, ich wei nichts, und ich versichere Sie, da ich daran nicht
beteiligt gewesen bin.

Aber lieber Frst, wer denkt denn daran! Wie Sie wirklich sind! Ich
erkenne Sie heute kaum wieder. Htte ich denn jemals so etwas auch nur
vermuten knnen? -- _Sie_, beteiligt an einer _solchen_ Intrige? ...
Doch Sie sind heute nervs.

Er umarmte und kte ihn herzlich.

Das heit -- an welch einer >_solchen_< Intrige beteiligt? Ich kann
hier keinerlei >_solche_< Intrige sehen.

Nun, zweifellos hat doch die betreffende Person Jewgenij Pawlowitsch an
irgend etwas verhindern wollen, indem sie ihm in den Augen der
Anwesenden Eigenschaften beilegte, die er nicht hat und auch gar nicht
haben kann, antwortete Frst Sch. ziemlich trocken.

Den Frsten Lew Nikolajewitsch schien diese Antwort nicht wenig zu
verwirren, doch blickte er trotzdem unverwandt Frst Sch. an; jener
verstummte aber pltzlich.

Sollten es nicht doch einfach Wechsel sein? Ist es nicht buchstblich
so, wie sie gestern sagte? stie der Frst pltzlich in nervser
Ungeduld hervor, man hrte jedoch heraus, da er unsicher war.

Aber so urteilen Sie doch selbst, was kann es denn Gemeinsames geben
zwischen Jewgenij Pawlowitsch und ... ihr und auerdem noch Rogoshin?
Glauben Sie mir, er besitzt tatschlich ein groes Vermgen, ich wei es
ganz positiv. Und ein zweites groes Vermgen wird ihm vielleicht bald
noch von seinem Oheim zufallen. Einfach, Nastassja Filippowna ...

Wieder verstummte Frst Sch. ganz pltzlich; offenbar wollte er dem
anderen gegenber nicht mit seinen Gedanken ber Nastassja Filippowna
herausrcken.

Aber dann ist sie doch jedenfalls mit ihm bekannt? fragte der Frst
nach kurzem Schweigen.

Das allerdings -- ja. Doch brigens, wenn er auch mit ihr bekannt
gewesen ist, so ist das immerhin schon lange her, so ... sagen wir, --
zwei bis drei Jahre. Er war ja doch mit Tozkij gut bekannt. Jetzt aber
kann von einer nheren Bekanntschaft oder gar einer Freundschaft auf du
und du berhaupt nicht die Rede sein! So intim ist er mit ihr nie
gewesen, nie! Und Sie wissen doch selbst sehr gut, da sie lange Zeit
gar nicht in Petersburg gelebt hat. Und die meisten wissen es berhaupt
noch nicht, da sie wieder hier aufgetaucht ist. Diesen Wagen und die
Pferde habe ich erst vor etwa drei Tagen zum erstenmal hier gesehen.

Ein entzckendes Gespann! bemerkte Adelaida.

Ja, das Gespann ist allerdings tadellos.

brigens verlieen sie den Frsten in der freundschaftlichsten Stimmung,
fast kann man sogar sagen, da sie sich wie Geschwister von ihm
verabschiedeten.

Fr den Frsten Lew Nikolajewitsch war aber dieser Besuch von ganz
ungeheuerer Bedeutung. Nun ja, er hatte ja selbst vieles vermutet,
bereits seit der gestrigen Nacht (vielleicht aber auch schon frher);
doch hatte er bis zu ihrem Besuch immer noch nicht gewagt, seine
Befrchtungen vor sich selbst zu rechtfertigen. Jetzt aber war
wenigstens so viel klar, da Frst Sch., der natrlich das Ganze an sich
falsch auffate, immerhin der Wahrheit auf der Spur war, wenn er hier
eine _Intrige_ vermutete.

brigens ... dachte der Frst bei sich, vielleicht fat er es im
geheimen ganz richtig auf, will es aber nur nicht anderen aufdecken und
legt die Sache deshalb absichtlich falsch aus.

Jedenfalls stand jetzt eines fest: da Adelaida und Frst Sch.
(namentlich Frst Sch.) in der Hoffnung zu ihm gekommen waren, von ihm
etwas Nheres erfahren zu knnen; war aber das der Fall, so mute man
ihn doch unbedingt fr beteiligt an der Intrige halten. Und auerdem:
wenn der ganze Vorfall wirklich von solch einer Wichtigkeit war, dann
mute _sie_ doch irgend etwas Furchtbares im Sinne haben, -- was aber
konnte das sein? ... Wie diese Gedanken qulten!

Und wie knnte man _sie_ von etwas abbringen, das sie sich einmal in
den Kopf gesetzt hat? Das ist ja doch ganz unmglich, ganz
ausgeschlossen, wenn sie sich von der Notwendigkeit der Durchfhrung
ihrer Absicht berzeugt hat! Das wute der Frst aus Erfahrung nur zu
gut. Sie ist ja doch wahnsinnig! ... wahnsinnig! ...

Doch der qulenden Probleme gab es fr ihn an diesem Morgen gar zu
viele; alle tauchten sie jetzt auf einmal auf, und ber alle mute er
nachdenken, lange nachdenken, und alle wollten schnell gelst sein. So
kam es, da der Frst sehr ernst und niedergedrckt war. Ein wenig
Zerstreuung brachte ihm Wjera Lebedewa, die mit ihrem kleinen
Schwesterchen Ljubotschka zu ihm kam und lachend irgend etwas erzhlte.
Bald darauf erschien auch ihre andere Schwester, die, welche beim
Sprechen und beim Lachen den Mund immer so unheimlich weit auftat, und
dieser folgte Lebedeffs Sohn, der Gymnasiast, der sich dann gleichfalls
an der Zerstreuung des Frsten beteiligte und lebhaft versicherte, da
der Stern in der Apokalypse, der auf die Quellen der Gewsser fiel,
nach der Auslegung seines Vaters nichts anderes als das Eisenbahnnetz
bedeute, das sich jetzt ber Europa auszubreiten beginne. Der Frst
wollte es nicht glauben, da Lebedeff den Stern so deute, worauf dann
beschlossen wurde, ihn selbst bei nchster Gelegenheit danach zu fragen.
Von Wjera Lebedewa erfuhr der Frst ferner, da Herr Keller sich bei
ihnen gestern heimisch niedergelassen hatte und aller Voraussicht nach
nicht sobald wieder fortziehen werde, zumal er in dem alten General
Iwolgin einen Kompagnon und guten Freund gefunden htte; brigens habe
er erklrt, da er einzig zur Komplettierung seiner Bildung bei ihnen
bliebe. berhaupt begannen die Kinder Lebedeffs, dem Frsten mit jedem
Tage mehr zu gefallen.

Kolj erschien den ganzen Tag nicht: er war am Morgen nach Petersburg
gefahren (Lebedeff hatte sich bereits in aller Frhe dorthin begeben --
in Geschften, wie es hie), und so erwartete der Frst mit Ungeduld den
Besuch Gawrila Ardalionytschs, den ihm dieser am Abend vorher beim
Abschied zugesagt hatte.

Um sieben Uhr abends erschien er denn auch richtig -- sogleich nach dem
Essen[21]. Beim ersten Blick auf ihn glaubte der Frst zu erraten, da
ihm alles, was an dem Abend passiert war, bis aufs Letzte bekannt sei.
Wie sollte es auch anders sein, wenn er solche Helfershelfer wie seine
Schwester Warj und seinen Schwager Ptizyn hatte! Zwischen Ganj und dem
Frsten bestand ein etwas eigentmliches Verhltnis. Der Frst hatte ihm
zum Beispiel die Fhrung der ganzen Angelegenheit mit Burdowskij
anvertraut und ihn noch ganz besonders gebeten, die Sache zu bernehmen;
doch ungeachtet dieses Vertrauens und noch so mancher anderen Bande, die
sie verknpften, blieben gewisse Punkte zwischen ihnen bestehen, die von
ihnen gleichsam nach gemeinsamer Verabredung mit keinem Wort berhrt
wurden. Dem Frsten hatte allerdings geschienen, da Ganj ihm gegenber
vielleicht vollkommen und freundschaftlich aufrichtig zu sein wnschte,
und so dachte er auch jetzt, da Ganj, als er eintrat, im hchsten
Grade berzeugt sei, da nun der Augenblick gekommen wre, in dem das
Eis an diesen gewissen Punkten von beiden Seiten gebrochen werden
knnte. Nur hatte Ganj diesmal leider nicht viel Zeit: seine Schwester
wartete auf ihn bei Lebedeffs, und sie hatten beide noch etwas Eiliges
vor.

Doch wenn Ganj vielleicht tatschlich eine ganze Reihe ungeduldiger
Fragen, unwillkrlicher uerungen oder gar freundschaftlicher
Mitteilungen und Herzensergsse erwartet hatte, so harrte seiner
allerdings eine groe Enttuschung. Whrend der ganzen Zeit seines
Besuches war der Frst fast wie geistesabwesend, wenigstens sehr
wortkarg und sehr zerstreut.

Die ganze Reihe Fragen, oder vielmehr die eine Frage, die Ganj erwartet
hatte, wurde vom Frsten nicht an ihn gerichtet. Da beschlo auch Ganj,
zurckhaltender zu sein. Nichtsdestoweniger erzhlte er ohne Unterla
die ganze Zeit, lachte, scherzte, -- kurzum, unterhielt den Frsten
whrend der zwanzig Minuten, die er bei ihm war, in der
liebenswrdigsten Weise, doch die Hauptsache berhrte er mit keinem
Wort.

Unter anderem erzhlte er, da Nastassja Filippowna sich erst seit etwa
vier Tagen in Pawlowsk aufhalte und doch bereits die allgemeine
Aufmerksamkeit auf sich gelenkt habe. Sie wohne in einem kleinen,
unscheinbaren Hause bei Darja Alexejewna, irgendwo in einer
Matrosenstrae, wenn er sich nicht irre, ihre Equipage aber sei die
schnste in Pawlowsk. Es habe sich auch bereits eine ganze Schar von
alten und jungen Verehrern um sie versammelt, von denen sie auf ihren
Spazierfahrten mitunter hoch zu Ro begleitet werde. Zwar sei sie immer
noch sehr whlerisch in ihrem Verkehr mit Herren, doch stnde ihr
trotzdem ein ganzes Korps zur Verfgung, falls sie irgendwie desselben
bedrfen sollte. Ein erklrter Brutigam, einer der Pawlowsker
Datschenbesitzer, habe sich bereits ihretwegen mit seiner Braut entlobt,
und ein alter General habe ihretwegen seinen Sohn fast verflucht.
Gewhnlich fahre sie mit einem sehr schnen jungen Mdchen, einer
Verwandten Darja Alexejewnas aus; dieses junge, etwa sechzehnjhrige
Mdchen habe eine wundervolle Stimme und singe des Abends so schn, da
das unansehnliche Haus Darja Alexejewnas die Aufmerksamkeit von ganz
Pawlowsk auf sich lenke. brigens fhre sich Nastassja Filippowna
berall tadellos auf, kleide sich nicht auffallend, doch stets so
elegant, da alle Damen sie wegen ihres Geschmacks, ihrer Schnheit und
ihrer prachtvollen Equipage beneideten.

Ihr exzentrischer Ausfall von gestern abend, verschnappte sich Ganj
schlielich doch einmal, ist natrlich auf eine besondere Absicht
zurckzufhren und zhlt daher nicht mit. Um ihr etwas anhaben zu
knnen, mte man es direkt darauf absehen oder sie einfach verleumden,
was brigens das schnellste und sicherste Mittel wre, schlo er in der
Erwartung, da der Frst jetzt unbedingt fragen werde, weshalb er ihrem
Ausfall eine besondere Absicht zugrunde lege und weshalb er
Verleumdung das schnellste und sicherste Mittel nenne.

Doch der Frst sagte nichts.

Da begann Ganj auch von Jewgenij Pawlowitsch ohne besondere
Aufforderung des Frsten zu sprechen, was um so seltsamer war, als er
ganz unvermittelt begann. Seiner Meinung nach war Jewgenij Pawlowitsch
frher nicht mit Nastassja Filippowna bekannt gewesen und kannte sie
auch jetzt kaum, da er ihr erst vor vier Tagen auf dem Spaziergang
vorgestellt worden sei; und da er sie mit den anderen zusammen in ihrem
Hause besucht habe, sei wiederum aus gewissen Grnden nicht anzunehmen.
Was jedoch die Wechselgeschichte betreffe, so knne sehr wohl etwas
Wahres daran sein (das wurde von Ganj mit auffallender Sicherheit
behauptet, -- offenbar hatte er etwas Nheres hierber von Ptizyn
erfahren). Jewgenij Pawlowitschs Vermgen sei allerdings sehr gro,
doch zum Teil sind seine Vermgensverhltnisse ziemlich im unklaren,
fgte er kurz hinzu und damit brach er pltzlich ab. Auch ber Nastassja
Filippowna sprach er weiter kein Wort. Endlich kam Warj, um den Bruder
abzuholen, setzte sich aber doch noch auf einen Augenblick und erzhlte
-- gleichfalls ungebeten --, da Jewgenij Pawlowitsch heute den ganzen
Tag und vielleicht auch noch morgen in Petersburg bleiben werde, und
da auch ihr Mann, Iwan Petrowitsch Ptizyn, in Petersburg sei. Ja, fast
kam es so heraus, als weile ihr Mann nur wegen einer Geldangelegenheit
Jewgenij Pawlowitschs in der Stadt. Bereits im Fortgehen begriffen,
sagte sie dann noch, da Lisaweta Prokofjewna sich in entsetzlicher
Stimmung befinde, doch am meisten befremde es sie, Warj, da Aglaja
sich mit der ganzen Familie, nicht nur dem Vater und der Mutter, sondern
auch mit den beiden Schwestern ernstlich entzweit habe, -- und sogar
wirklich im Ernst. Und nachdem sie anscheinend ganz gleichmtig diese
Nachrichten -- die fr den Frsten von so groer Wichtigkeit waren! --
mitgeteilt hatte, entfernten sich Bruder und Schwester.

Der Frst blieb allein zurck. Auch Burdowskijs hatte Ganj mit keinem
Wort Erwhnung getan, vielleicht aus falschem Zartgefhl, um den Frsten
nicht an Unangenehmes zu erinnern; doch der Frst lie es sich trotzdem
nicht entgehen, ihm fr seine Mhe zu danken.

Es freute ihn sehr, da er endlich allein war. Langsam stieg er die
Stufen der Terrasse hinunter und ging ber den Fahrweg in den Park. Er
wollte sich einen entscheidenden Schritt, den er fast im Begriff war zu
tun, reiflich berlegen. Doch dieser Schritt war gerade einer von
denen, die man sich nicht berlegt, sondern zu denen man sich einfach
kurz entschliet; er wollte pltzlich unsglich gern wieder dorthin
zurckkehren, woher er gekommen, nur irgendwohin, weit, weit fort, in
den Wald, in die einsamste Gegend, und alles hier so zurcklassen, wie
es war, nicht einmal sich von jemandem verabschieden! Eine fast drohende
Ahnung sagte ihm, da er, wenn er auch nur noch wenige Tage hier blieb,
sich rettungslos in diese Welt wrde hineinziehen lassen, und diese
Welt, die wrde dann sein Schicksal sein! Doch er hatte noch keine zehn
Minuten den Plan dieser Flucht erwogen, als er auch schon entschied, da
es ganz unmglich fr ihn sei, so zu flchten, da es von ihm
kleinmtig wre, da er jetzt vor groen Aufgaben stnde, die er
unbedingt lsen msse, oder wenn auch nicht das, so habe er jetzt doch
berhaupt nicht mehr das Recht, fortzufahren, sondern msse zum
mindesten alle seine Krfte anspannen zu ihrer Lsung. Mit diesem
Gedanken kehrte er zur Villa zurck, nachdem er kaum eine Viertelstunde
im Park gewesen war. Er fhlte sich entsetzlich unglcklich in diesem
Augenblick.

Lebedeff war noch immer nicht aus der Stadt zurckgekehrt, und so gelang
es am Abend dem verabschiedeten Leutnant Keller, ungehindert beim
Frsten einzutreten. Er war nicht gerade betrunken, aber jedenfalls auch
nicht gerade nchtern; denn seine Redseligkeit war auffallend und seine
geradezu verblffende Offenherzigkeit mehr als verdchtig. Er begann
sogleich damit, da er den Grund seines Erscheinens erklrte: er sei
gekommen, um dem Frsten seine ganze Lebensgeschichte zu erzhlen, und
nur zu dem Zweck sei er in Pawlowsk geblieben. Es war nicht die
geringste Hoffnung vorhanden, ihn loszuwerden; selbst wenn man ihm die
Tr gewiesen htte, wre er doch nicht gegangen. Er setzte sich fest und
schickte sich an, lange und ziemlich ungereimt zu reden; doch siehe da,
fast schon nach den ersten Worten sprang er ganz pltzlich auf den
Schlu ber und erklrte, mit der Zeit sei ihm jeder Schimmer von
Sittlichkeit abhanden gekommen -- und das einzig infolge seines
Unglaubens an den Hchsten --, so da er sogar gestohlen habe.

Knnen Sie sich das vorstellen!

Hren Sie, Keller, ich wrde an Ihrer Stelle doch nicht so
unntzerweise solche Dinge gestehen, wandte der Frst ein. Doch --
vielleicht wollen Sie sich mit Absicht anschwrzen? Wozu sagen Sie das
alles?

Nur Ihnen auf Gottes ganzem Erdboden, einzig und allein Ihnen sage ich
es, und zwar nur deshalb, um damit meine Entwicklung zu frdern! Sonst
keinem eine Silbe! Keinem einzigen! Wenn ich sterbe, soll mein Geheimnis
mit mir in die Grube fahren und von dort dann meinetwegen aufwrts gen
Himmel! Aber, Frst, wenn Sie nur wten, wenn Sie nur wten, wie
schwer es heutzutage ist, irgendwo Geld zu bekommen! Wo soll man es denn
hernehmen, wenn Sie mir das doch wenigstens geflligst sagen knnten?
Die einzige Antwort ist: >Bring Gold und Brillanten, dann kriegst du
welches<, -- mit anderen Worten, also gerade das, was ich nicht habe. --
Knnen Sie sich das vorstellen? Ich -- wurde schlielich wtend, stand,
stand: -- >Aber fr Smaragden<, fragte ich, >geben Sie dafr auch
welches?< -- >Gewi, auch fr Smaragden geben wir welches.< -- >Na,
bon,< sagte ich, nahm meinen Hut und ging. Der Teufel hol' sie samt und
sonders, 's ist 'ne Gaunerbande, bei Gott!

Hatten Sie denn Smaragden?

Wie sollt' ich wohl Smaragden haben? Oh, Frst, wie ahnungslos und
unschuldig, wie rosig und, man kann wohl sagen -- schferhaft Sie noch
auf das Leben blicken!

Dem Frsten tat er schlielich ... nicht gerade leid, aber der Frst
glaubte pltzlich, sich schmen zu mssen. Ihm kam sogar der Gedanke:
Knnte man nicht noch etwas aus diesem Menschen machen? -- wenn er
unter einen guten Einflu kme? Seinen eigenen Einflu hielt er aus
gewissen Grnden fr absolut untauglich dazu, und das nicht etwa aus
falscher Bescheidenheit oder falscher Beobachtung, sondern eigentlich
nur infolge seiner nunmehrigen Auffassung verschiedener Dinge und
Verhltnisse. Allmhlich aber kamen sie beide so ins Sprechen hinein,
da sie ans Aufhren gar nicht mehr dachten. Keller bekannte mit
ungewhnlicher Bereitwilligkeit, sogar an solchen Dingen schuldig zu
sein, von denen auch nur zu sprechen man wohl nie und nimmer fr mglich
halten wrde. Vor Beginn jeder neuen Erzhlung versicherte er
nachdrcklich, da er es bereue und inwendig voll Trnen sei, worauf
er aber dann jedesmal so erzhlte, als wenn er auf seine Tat noch ganz
besonders stolz gewesen wre, und dabei wute er noch alles so amsant
wiederzugeben, da schlielich beide, sowohl er selbst wie auch der
Frst, sich die Seiten vor Lachen hielten.

Die Hauptsache ist, da Sie noch eine gewissermaen kindliche
Zutraulichkeit und eine wirklich seltene Wahrheitsliebe besitzen, sagte
schlielich der Frst. Wissen Sie auch, da Sie schon allein damit sehr
vieles wieder gutmachen?

Edel bin ich, edel, ritterlich edel! besttigte Keller sofort gerhrt.
Aber wissen Sie, Frst, das beschrnkt sich alles leider immer nur auf
die Trume, auf die Gedankenwelt, und tritt sozusagen immer nur in
meiner Courage so etwas wie zutage, in der Wirklichkeit aber kommt's nie
eigentlich heraus! Und weshalb ist es so? Ich begreif's wahrhaftig
nicht!

Verzagen Sie deshalb nicht. Sie haben mir jetzt alles bis aufs Letzte
erzhlt; wenigstens knnen Sie doch an Hlichem und Schlechtem nichts
mehr hinzufgen, denke ich ...

Nichts mehr hinzufgen?! rief Keller in einem geradezu mitleidigen
Tone aus. Jesus, Frst, bis zu welch einem Grade Sie die Menschen doch
immer noch sozusagen schweizerisch auffassen!

Gibt es denn wirklich noch etwas ...? fragte mit zaghafter
Verwunderung der Frst. Aber was haben Sie denn von mir erwartet,
Keller, sagen Sie mir das doch, bitte, weshalb sind Sie denn mit Ihrer
Beichte zu mir gekommen?

Von Ihnen? Was ich von Ihnen erwartet habe? Erstens ist es so angenehm,
Ihre Herzenseinfalt zu sehen; es ist ein wahrhaft herzerquickendes
Gefhl, bei Ihnen zu sitzen und zu schwatzen; wenigstens wei ich dann,
da der tugendhafteste Mensch vor mir sitzt; und zweitens ... zweitens
... khm ...

Er stockte, rusperte sich und wute nicht recht, wie weiter.

Sie wollten vielleicht Geld von mir leihen? half ihm der Frst
vollkommen ernst und sehr einfach, sogar ein wenig schchtern.

Keller sprang fast vom Stuhl auf; er blickte dem Frsten ganz starr vor
Verwunderung in die Augen ... und pltzlich schlug er mit der Faust auf
den Tisch.

Das ist es ja, wei der Teufel, womit Sie einen total aus dem Konzept
bringen! Erbarmen Sie sich, Frst: bald sind Sie die leibhaftige
Verkrperung einer solchen Unschuld, einer solchen Herzenseinfalt, wie
sie selbst im goldenen Zeitalter unerhrt gewesen sein mu, und bald
wiederum oder vielmehr gleichzeitig durchschauen Sie einen mit den
tiefsten psychologischen Beobachtungen, die einem wie Pfeile durch Mark
und Bein gehen! Erlauben Sie, Frst, das verlangt noch Erklrungen, denn
ich ... ich bin einfach auf den Kopf getroffen! Selbstverstndlich war
zu guter Letzt Zweck und Ziel meines Besuches -- von Ihnen Geld zu
leihen. Sie aber fragen mich das pltzlich von vornherein und noch dazu
in einem Tone, als wrden Sie nicht den geringsten Ansto daran nehmen,
als ob es gerade so sein mte!

Ja ... von Ihnen mute es auch so sein.

Und Sie sind nicht emprt?

Weshalb denn?

Hren Sie, Frst, ich mu Ihnen alles von Anfang an sagen: ich blieb
gestern abend in erster Linie aus besonderer Hochachtung fr den
franzsischen Erzbischof Bourdaloue hier -- wir entkorkten bei Lebedeff
bis drei Uhr morgens Flaschen --, und in zweiter Linie und hauptschlich
-- ich schlage mir alle Kreuze vor die Stirn, Sie knnen es mir also
aufs Wort glauben! -- hauptschlich deshalb, weil ich die Absicht hatte,
Ihnen, Frst, einmal mein ganzes Herz auszuschtten, um durch diese
sozusagen von Herzen kommende Ohrenbeichte meiner eigenen moralischen
Entwicklung etwas auf die Beine zu helfen; mit diesem Gedanken schlief
ich denn auch so gegen vier Uhr morgens unter flieenden Trnen ein. Und
jetzt glauben Sie mir: in demselben Augenblick, als ich im Begriff war,
einzuschlummern -- ich war schon halbwegs weg -- (und dabei war ich doch
so voll aufrichtiger innerer Trnen, da sie sozusagen sogar
berflossen; denn zu guter Letzt weinte ich tatschlich, dessen entsinne
ich mich noch ganz genau!) in demselben Augenblick kam mir pltzlich ein
teuflischer Gedanke: >Aber was,< dachte ich bei mir, >sollte man nicht
ganz zum Schlu, nach der Beichte, einen Pumpversuch bei ihm machen?<
Und so bereitete ich mich denn unter Trnen einerseits zu meiner Beichte
vor, die ich gleichfalls unter Trnen vortragen wollte, um andererseits
mit diesen Trnen den Weg zu finden oder Ihr Herz zu erweichen, damit
Sie dann zum Schlu, von Mitleid bewegt, mir hundertundfnfzig Rubel
einhndigten. Ist das nun nicht eine Gemeinheit, was meinen Sie?

Aber das ist doch bestimmt nicht so gewesen, das eine ist nur ganz
zufllig zum anderen gekommen, zwei Gedanken sind sich begegnet, wie das
sehr oft geschieht. Bei mir geschieht das fortwhrend. brigens glaube
ich, da das nicht gut ist, und offen gestanden, gerade wegen dieser
Doppelgedanken mache ich mir die grten Vorwrfe. Es ist mir fast, als
htten Sie mir von mir selbst erzhlt. Ich habe sogar mitunter gedacht,
fuhr der Frst sehr ernst und aufrichtig interessiert fort, da alle
Menschen so seien, so da ich schlielich aufhrte, mich deshalb zu
qulen; denn es ist sehr schwer, gegen diese Doppelgedanken anzukmpfen;
ich wei es ... Gott wei, woher sie kommen, wie sie entstehen ... Da
kommen Sie aber jetzt und nennen es doch einfach eine Gemeinheit! Nun
fange auch ich wieder an, diese Gedanken zu frchten. Jedenfalls kann
ich nicht Ihr Richter sein. Aber immerhin finde ich, da man es doch
nicht so ohne weiteres eine Gemeinheit nennen kann, was meinen Sie? Sie
haben auf schlaue Weise durch Trnen Geld herauslocken wollen; aber Sie
schwren doch selbst, da Ihre Beichte fr Sie auch einen anderen Zweck
hatte, einen geistigen, edlen, und nicht nur materiellen. Und was das
Geld betrifft, so brauchen Sie es doch zum Verzechen, nicht wahr? Das
aber ist freilich nach solch einer Beichte zum mindesten kleinmtig.
Aber andererseits: wie soll man so pltzlich von seinen bisherigen
Gewohnheiten lassen? Das geht doch nicht. Also was tun? Am besten ist,
man berlt das Ihrem eigenen Gewissen, was meinen Sie?

Der Frst blickte Keller mit ungeheurem Interesse an. Das Problem der
Doppelgedanken hatte ihn offenbar schon lange beschftigt.

Jetzt sagen Sie mir nur geflligst, weshalb man Sie nach alledem noch
einen Idioten nennt! -- das verstehe ich nicht! -- da hrt doch alles
auf! rief Keller ganz begeistert aus.

Der Frst errtete ein wenig.

Selbst der gerechte Mann Gottes, Bourdaloue, htte einen Menschen nicht
so geschont wie Sie! Und Sie haben mich noch menschlich mir selbst nher
gebracht! Nun gut, um mich zu bestrafen und zu beweisen, da ich gerhrt
bin, will ich jetzt nicht mehr hundertundfnfzig Rubel -- geben Sie mir
nur fnfundzwanzig, und damit basta! Das ist alles, was ich brauche,
wenigstens fr zwei Wochen. Vor zwei Wochen werde ich bestimmt nicht
wiederkommen mit dieser Bitte. Ich wollte mal meine Agaschka etwas
verwhnen, aber was! -- sie ist es ja doch nicht wert! O nein, gtigster
Frst, ich danke Ihnen, Gott segne Sie dafr!

Lebedeff, der soeben aus der Stadt zurckgekehrt war und gerade eintrat,
machte, als er Keller die Banknote von fnfundzwanzig Rubeln in Empfang
nehmen sah, ein finsteres Gesicht; doch Keller drckte sich schleunigst.
Da begann Lebedeff sofort ber ihn herzuziehen.

Sie sind ungerecht, bemerkte schlielich der Frst, er hat
tatschlich aufrichtig bereut.

Ja, aber was will das sagen! Das ist ja doch ebenso wie ich gestern:
>gemein, gemein bin ich< -- wunderschn, aber das sind doch alles nur
kurze Worte!

So waren es also nur Worte von Ihnen? Und ich dachte bereits ...

Na, ich will Ihnen, aber auch nur Ihnen allein, die Wahrheit sagen;
denn Sie durchschauen ja doch jeden Menschen: leere Worte und
Aufrichtigkeit, Lge und Wahrheit -- alles zusammen war's, und jedes war
echt, war wirklich echt! >Wahrheit und Aufrichtigkeit< bestehen bei mir
in der aufrichtigen Reue -- glauben Sie es oder glauben Sie es nicht,
ich schwre es jedenfalls -- >leere Worte und Lge< bestehen in dem
teuflischen und immer gegenwrtigen Gedanken, wie ich auch hier den
Menschen bers Ohr hauen, wie ich auch hier aus den Trnen der Reue
Vorteil ziehen knnte! Bei Gott, so ist es! Einem anderen wrde ich es
nicht sagen -- er wrde mich auslachen; Sie aber Frst, Sie denken
menschlich.

Nun, sehen Sie: genau dasselbe, fast mit denselben Worten, hat mir auch
Keller soeben gesagt, -- und beide scheinen Sie sich damit gleichsam
brsten zu wollen! Sie setzen mich sogar damit wirklich in Erstaunen ...
nur hat er aufrichtiger gesprochen als Sie; denn bei Ihnen ist es schon
entschieden zu einer Art Handwerk geworden. Nun, genug, reden wir nicht
davon, und machen Sie schnell ein anderes Gesicht, Lebedeff, und pressen
Sie doch nicht immer so die Hand aufs Herz! Haben Sie mir nicht etwas zu
sagen? Sie pflegen doch nie grundlos zu mir zu kommen ...

Lebedeff begann sich zu krmmen, zu wenden und zu drehen und hinterm Ohr
zu kratzen, sagte aber kein Wort.

Ich habe Sie den ganzen Tag erwartet, um eine Frage an Sie stellen zu
knnen; antworten Sie mir jetzt und sagen Sie mir doch wenigstens einmal
im Leben sogleich die Wahrheit: Sind Sie an dem Vorfall mit dem Wagen
gestern abend beteiligt oder nicht?

Lebedeff begann sich wieder zu winden, fuhr sich mit dem Finger in den
Kragen und zweimal unter der Gurgel hin und her, rusperte sich,
kicherte, rusperte sich wieder, rieb sich die Hnde, nieste sogar; doch
zu sprechen entschlo er sich noch immer nicht.

Ich sehe schon, da Sie mitgewirkt haben.

Aber indirekt, einzig nur indirekt! Ich sage die reinste Wahrheit! Nur
insoweit mitgewirkt, als ich die gewisse Dame rechtzeitig benachrichtigt
habe, da bei ... bei mir sich so eine Gesellschaft versammelt habe, und
da auch gewisse Personen darunter seien.

Ich wei, da Sie Ihren Sohn _dorthin_ geschickt haben, er hat es mir
vorhin selbst gesagt; aber was soll denn diese Intrige wieder bedeuten!
rief der Frst ungeduldig aus.

Das ist nicht meine Intrige, nicht meine Intrige, bei Gott nicht!
wehrte Lebedeff mit beiden Hnden ab. Hier handelte es sich um andere,
ganz andere, und das Ganze ist mehr ein phantastischer Einfall, als eine
Intrige zu nennen.

Aber um _was_ handelt es sich denn, so erklren Sie mir doch wenigstens
_das_, um Christi willen! Begreifen Sie denn nicht, da mich das diesmal
direkt angeht? Hier wird doch Jewgenij Pawlowitsch angeschwrzt!

Frst! Durchlauchtigster Frst! begann Lebedeff wieder sich zu
verneigen und dabei die Hand aufs Herz zu pressen, Sie erlauben mir
doch nicht, die ganze Wahrheit zu sagen! Ich habe doch schon oft davon
angefangen, nicht nur einmal, Sie aber haben mir immer sofort verboten,
weiterzusprechen ...

Der Frst schwieg eine Weile und dachte nach.

Nun gut; sprechen Sie die Wahrheit, sagte er endlich gepret,
augenscheinlich nach einem schweren Kampfe.

Aglaja Iwanowna ... begann Lebedeff sofort bereitwillig.

Schweigen Sie, schweigen Sie! schrie ihn der Frst sogleich
beschwrend an, und er wurde rot vor Unwillen, -- vielleicht auch vor
Scham. Das ist doch unmglich, das kann doch nie und nimmer sein, das
ist doch Unsinn! Sie haben sich das alles selbst ausgedacht, oder ebenso
Wahnsinnige wie Sie! Und hren Sie: da ich nie mehr auch nur ein Wort
davon aus Ihrem Munde vernehme!

Spt am Abend, bereits gegen elf Uhr, erschien endlich Kolj mit einem
ganzen Sack voll Neuigkeiten. Zuerst erzhlte er schnell in ein paar
Worten das Wichtigste aus der Stadt, das sich hauptschlich auf Hippolyt
und den vorhergegangenen Abend bezog, und ging dann, um spter wieder
darauf zurckzukommen, schnell zu den Pawlowsker Neuigkeiten ber.

Vor etwa drei Stunden war er aus Petersburg zurckgekehrt und, ohne beim
Frsten vorzusprechen, direkt zu Jepantschins gegangen. Dort ist
einfach alles auf den Kopf gestellt! Natrlich steht in erster Linie und
obenan der Vorfall mit dem Wagen, berichtete Kolj; doch msse
unbedingt noch etwas geschehen sein, was ihm und dem Frsten noch
unbekannt war.

Ich wollte natrlich nicht spionieren oder ausforschen. brigens wurde
ich sehr gut empfangen, sogar so gut, wie ich es gar nicht erwartet
hatte; doch von Ihnen, Frst, -- kein Wort!

Die Hauptsache und das interessanteste jedoch sei, da Aglaja sich mit
allen anderen Ganjs wegen verrissen habe. Wie und weshalb -- das
wei ich nicht, nur ist es tatschlich Ganjs wegen geschehen -- knnen
Sie sich das denken? Und nicht etwa im Scherz, sondern vollkommen ernst,
also mu es doch etwas Wichtiges sein. Der General sei erst spt aus
der Stadt ziemlich brummig heimgekehrt, zusammen mit Jewgenij
Pawlowitsch, der gleichfalls vorzglich empfangen worden sei. Jewgenij
Pawlowitsch sei selbst erstaunlich guter Laune, heiter und liebenswrdig
gewesen. Die kapitalste Nachricht war aber die, da die Generalin
Lisaweta Prokofjewna ohne viel Wesens und Aufsehen Warwara Ardalionowna,
Koljs Schwester, die bei den jungen Mdchen gesessen, zu sich gerufen
und sie ein fr allemal ersucht habe, ihr Haus fernerhin nicht mehr zu
betreten -- brigens in der hflichsten Weise -- Warj selbst hat's mir
erzhlt, fgte Kolj hinzu. Als Warj dann noch zu den jungen Mdchen
gegangen war, um sich von ihnen zu verabschieden, hatten diese ihr alle
ganz unbefangen die Hand gereicht und offenbar keine Ahnung davon
gehabt, da die Mutter der Freundin die Tr gewiesen hatte und diese
sich nun zum letztenmal von ihnen verabschiedete.

Aber Warwara Ardalionowna -- war noch um sieben Uhr bei mir, bemerkte
der Frst verwundert, und ...

Und hinausgeworfen worden ist sie erst um acht oder kurz vor acht!
Warj tut mir sehr leid und ebenso Ganj ... Sie haben natrlich immer
etwas vor, ewig spinnen sie ihre Intrigen, ohne die knnen sie, wie's
scheint, nicht auskommen. Was sie aber eigentlich wollen, was sie im
Schilde fhren, was sie beabsichtigen -- das habe ich nie begreifen
knnen ... und will's auch nicht. Aber ich versichere Ihnen, lieber,
guter Frst, Ganj hat wirklich Herz! Er ist in vielen Dingen natrlich
ein verlorener Mensch, aber in anderen Dingen hat er doch gewisse Zge,
die zu entdecken sich wirklich lohnt, und ich werde es mir nie
verzeihen, da ich ihn frher nicht begriffen habe ... Ich wei nicht,
soll ich dort noch weiter verkehren, nach der Geschichte mit Warj? Ich
habe mich ja wohl von Anfang an ganz unabhngig gestellt, aber man mu
es sich doch noch berlegen.

Sie haben keine Ursache, Ihren Bruder zu bedauern, bemerkte der Frst.
Wenn es schon dazu gekommen ist, da Lisaweta Prokofjewna Ihrer
Schwester den Verkehr mit ihren Tchtern verboten hat, so mu Gawrila
Ardalionytsch in ihren Augen gefhrlich geworden sein; folglich aber
mssen sich doch einzelne seiner Hoffnungen besttigen.

Wie, was fr Hoffnungen? fragte Kolj erstaunt. Oder glauben Sie
etwa, da Aglaja Iwanowna ... das ist doch unmglich!

Der Frst schwieg eine Weile.

Sie sind ein furchtbarer Skeptiker, Frst, sagte Kolj endlich, nach
vielleicht ganzen zwei Minuten. Es fllt mir auf, da Sie seit einiger
Zeit immer skeptischer werden; Sie fangen an, an nichts mehr zu glauben
und alles zu vermuten ... Habe ich in diesem Fall das Wort >Skeptiker<
nicht richtig gebraucht?

Ich glaube, da es richtig ist, doch brigens -- wei ich es selbst
nicht genau.

Nein, nein! -- ich sage mich selbst vom >Skeptiker< los; denn ich habe
eine andere Erklrung gefunden! rief pltzlich Kolj laut auflachend,
Sie sind nicht skeptisch, sondern einfach eiferschtig! Sie sind wegen
eines gewissen stolzen Mdchens hllisch eiferschtig auf Ganj!

Kolj sprang auf und lachte, lachte, -- lachte, wie er vielleicht noch
nie im Leben gelacht hatte. Und als er sah, da der Frst pltzlich ganz
rot geworden war, lachte er noch unbndiger. Ihm gefiel der Gedanke, da
der Frst Aglajas wegen auf Ganj eiferschtig sei ganz furchtbar!
Doch kaum bemerkte er, da der Frst aufrichtig darunter litt, als er
auch sofort zu lachen aufhrte. Dann sprachen sie noch eine oder
anderthalb Stunden sehr ernst und besorgt miteinander.

Am nchsten Tage mute der Frst in einer unaufschiebbaren Angelegenheit
nach Petersburg fahren, wo er den ganzen Vormittag verblieb. Als er
gegen fnf Uhr auf den Bahnhof kam, um nach Pawlowsk zurckzufahren,
stie er dort mit General Jepantschin zusammen. Dieser erschrak zuerst,
ergriff dann schnell seine Hand, und nachdem er sich fast ngstlich
umgeblickt, zog er ihn schnell mit sich in ein Coup erster Klasse, um
mit ihm zusammen zurckzufahren. Er brannte vor Verlangen, mit ihm ber
alle die wichtigen Ereignisse zu reden.

Vor allen Dingen, mein lieber Frst, sei mir nicht bse, und wenn
meinerseits etwas nicht so war, wie es htte sein sollen -- so vergi
es. Ich wre selbst gestern zu dir gekommen, ich war aber nicht sicher,
wie Lisaweta Prokofjewna es ... Bei mir zu Hause ist einfach ... die
Hlle los! Eine rtselhafte Sphinx hat sich dort niedergelassen, und ich
gehe umher und verstehe nichts. Was dich betrifft, so bist du meiner
Meinung nach von uns allen am wenigsten an der Sache schuld, wenn auch
nur durch dich allein fast alles gekommen ist. Sieh, mein lieber Frst,
Philanthrop zu sein, ist angenehm, aber an sich sehr schwer. Wirst
vielleicht auch schon selbst in die Frchte gebissen haben. Ich,
versteht sich, ich liebe Gte und achte Lisaweta Prokofjewna, aber ...

Der General sprach noch lange in dieser Art, doch seine Stze waren
seltsam unzusammenhngend. Jedenfalls sah man es ihm an, da er durch
etwas fr ihn absolut Unbegreifliches vor den Kopf gestoen und
verwirrt, wenn nicht erschttert war.

Ich zweifle keinen Augenblick daran, da du an diesem ganzen
Zwischenfall nicht im geringsten beteiligt bist, sprach er sich endlich
etwas deutlicher aus; aber ich bitte dich als Freund von ganzem Herzen:
besuch' uns vorlufig nicht, warte ab, bis sich der Wind gedreht hat.
Und was Jewgenij Pawlowitsch betrifft, fuhr er mit ungewhnlichem Eifer
fort, so war das die sinnloseste Verleumdung, die man sich nur denken
kann! Es liegt doch auf der Hand, da einfach eine Intrige
dahintersteckt! Die Absicht, uns mit ihm zu entzweien, schaut doch nur
zu deutlich hervor! Sieh, Frst, ich werde dir etwas ins Ohr sagen:
zwischen uns und Jewgenij Pawlowitsch ist noch kein Wort gefallen, du
weit -- du verstehst doch? Wir sind noch durch nichts gebunden, -- aber
dieses Wort kann vielleicht bald gesprochen werden, vielleicht sogar
sehr bald! Also galt es, das zu verhindern! Weshalb aber das, wozu,
warum -- das mag ein anderer wissen! Sie ist ja doch ein
un--be--_rechen_--bares Frauenzimmer! Ich frchte sie so, da ich kaum
noch schlafen kann. Und was fr Pferde sie hat, was fr einen Wagen! Das
ist doch einfach schick, genau das, was der Franzose unter schick
versteht! Und wer hat ihr das geschenkt? Bei Gott, ich habe gesndigt,
noch vorgestern verdchtigte ich Jewgenij Pawlowitsch. Jetzt aber hat es
sich herausgestellt, da das ganz ausgeschlossen ist ... Wenn es aber
ausgeschlossen ist, was will sie dann eigentlich, weshalb kommt sie uns
dann in den Weg, weshalb will sie dann die Sache aus dem Leim bringen?
_Das, das_ ist ja das Rtsel! Um Jewgenij Pawlowitsch zu behalten? Aber
ich versichere dir, und hier hast du ein Kreuz, da er mit ihr berhaupt
nicht bekannt und die Wechselgeschichte nichts als ihre eigene Erfindung
ist! Und mit welch einer Frechheit sie ihn noch ffentlich mit >du<
anredet! Das ist ja eine reine Verschwrung! Es ist doch klar, da man
das Ganze nur mit Verachtung zurckweisen kann und die Hochachtung fr
Jewgenij Pawlowitsch verdoppeln mu. Das habe ich auch Lisaweta
Prokofjewna gesagt. Doch jetzt werde ich dir meinen intimsten Gedanken
mitteilen -- was ich so bei mir selbst denke: ich bin _fest berzeugt_,
da sie das nur deshalb getan hat, um sich an mir persnlich zu rchen;
du weit doch, fr das Frhere, obgleich ich mir doch ihr gegenber nie
etwas habe zuschulden kommen lassen! Ich errte wirklich schon bei der
bloen Erinnerung daran. Jetzt, sieh, ist sie wieder aufgetaucht, und
ich glaubte bereits, sie sei fr immer verschwunden. Wo sitzt denn
dieser Rogoshin eigentlich, sag' mir das doch wenigstens! Ich glaubte,
sie sei schon lngst Madame Rogoshina!

Mit einem Wort, man sah es dem Manne an, da er tatschlich durch dieses
Ereignis wie vor den Kopf gestoen war. Whrend der ganzen Fahrt sprach
fast nur er allein; er stellte Fragen, die er selbst beantwortete,
drckte dem Frsten die Hand, und wenn er diesen von etwas schlielich
berzeugt hatte, so war es nur das, da er, der General, in bezug auf
ihn, den Frsten, nicht den geringsten Verdacht in irgendeiner,
gleichviel welch einer Beziehung, ja nicht einmal ein leises Ahnen von
einem mglichen Verdacht hegte. Das aber war fr den Frsten von
auerordentlicher Wichtigkeit. Zum Schlu erzhlte er noch von einem
leiblichen Onkel Jewgenij Pawlowitschs, der in irgendeiner Kanzlei so
etwas wie ein Prsident war -- jedenfalls ein groes Tier, stark in den
Siebzigern, _viveur_,{[26]} Gastronom, berhaupt, wie gesagt, ein
verlockender Greis ... haha! Wie ich wei, hat er sich auch um Nastassja
Filippownas Gunst bemht. Ich war heute zu ihm hingefahren; leider ist
er krank, empfngt nicht. Aber reich ist er, schwer reich, nicht ohne
Einflu und ... gebe Gott ihm langes Leben, aber wenn er stirbt, fllt
sein ganzes Vermgen wiederum Jewgenij Pawlowitsch zu ... Ja, ja ...
aber ich habe doch Angst! Ich wei selbst nicht, was ich frchte, aber
ich frchte mich ... Es mu etwas in der Luft sein, etwas Dunkles, wie
eine Fledermaus ... irgendein Unheil ist in der Luft ... Ich frchte
mich, wei Gott, ich frchte mich wirklich! ...

Und erst am dritten Tage, wie bereits oben erwhnt, erfolgte schlielich
die formelle Ausshnung der ganzen Familie Jepantschin mit dem Frsten
Lew Nikolajewitsch.


                                  XII.

Es war sieben Uhr nachmittags; der Frst schickte sich an, in den Park
zu gehen. Pltzlich erschien Lisaweta Prokofjewna ganz allein bei ihm
auf der Terrasse.

_Erstens_: Da du mir nicht zu denken wagst, begann sie, ich sei
hergekommen, um dich um Verzeihung zu bitten. Unsinn! Du allein bist der
Schuldige.

Der Frst schwieg.

Bist du der Schuldige oder nicht?

In demselben Mae wie auch Sie. brigens bin weder ich es, noch sind
Sie es. Wir sind beide in nichts bewut die Schuldigen. Vor drei Tagen
hielt ich mich allerdings fr schuldig, doch jetzt habe ich nachgedacht
und eingesehen, da das nicht richtig ist.

Also _so_ bist du! Nun gut; jetzt hre und setz' dich, denn ich habe
nicht die Absicht, noch lange so zu stehen.

Sie setzten sich.

_Zweitens_: Kein Wort ber die Bengel. Ich werde hier sitzen und zehn
Minuten mit dir sprechen; ich bin gekommen, um mich bei dir nach etwas
zu erkundigen (du dachtest wohl schon wei Gott was?), aber wenn du auch
nur mit einer Silbe die frechen Bengel erwhnst, stehe ich auf und gehe,
und dann ist es ein fr allemal aus zwischen uns, damit du's weit.

Gut, ich werde sie nicht erwhnen, sagte der Frst.

Jetzt erlaube die Frage: Hast du vor zwei oder zweieinhalb Monaten, so
um Ostern herum, an Aglaja einen Brief zu schreiben versucht?

J--j--ja.

Zu welchem Zweck? Was stand im Brief? Zeig' ihn mir!

Lisaweta Prokofjewnas Augen glhten, sie zitterte beinahe vor Ungeduld.

Ich habe den Brief nicht, sagte der Frst verwundert, und ihm ward
entsetzlich angst und bange zumute; wenn er noch existiert und ganz
ist, so befindet er sich im Besitze Aglaja Iwanownas.

Mach' keine Flausen! Was hast du in diesem Brief geschrieben?

Ich mache durchaus keine Flausen und ich brauche mich vor nichts zu
frchten. Nur kann ich durchaus keinen Grund sehen, weshalb ich nicht
htte schreiben sollen ...

Schweig! Spter kannst du reden. Was stand in dem Brief? Weshalb bist
du rot geworden?

Der Frst dachte eine Weile nach.

Ich kenne Ihre Gedanken nicht, Lisaweta Prokofjewna. Ich sehe nur, da
dieser Brief Ihnen sehr mifllt. Sie werden aber doch einsehen, da ich
mich sehr wohl weigern knnte, auf diese Frage zu antworten. Doch um
Ihnen zu beweisen, da ich nichts frchte und durchaus nicht bereue, den
Brief geschrieben zu haben, und auch keineswegs deshalb errte, -- der
Frst wurde fast noch einmal so rot -- werde ich Ihnen Wort fr Wort
den ganzen Brief hersagen, -- ich glaube, da ich den Inhalt behalten
habe.

Und der Frst sagte tatschlich aus dem Gedchtnis den ganzen Wortlaut
des Briefes her.

Solch ein Bldsinn! Was soll denn das alles bedeuten, deiner Meinung
nach? fragte Lisaweta Prokofjewna schroff, nachdem sie ungeheuer
aufmerksam die Wiedergabe des Briefes angehrt hatte.

Das wei ich selbst nicht genau; ich wei nur, da ich gerade das
empfand, was ich schrieb. Ich hatte dort bisweilen Augenblicke, in denen
ich so voll Leben und voll ungeheurer Hoffnungen war ...

Was waren denn das fr Hoffnungen?

Das ist schwer zu erklren, jedenfalls aber nicht eine solche, wie Sie
jetzt vielleicht annehmen. Eine Hoffnung ... nun, mit einem Wort,
Hoffnung auf die Zukunft und Freude darber, da ich in Ruland
vielleicht kein Fremder bin, kein Auslnder. Es gefiel mir pltzlich
ganz unsglich im Vaterland. Und an einem sonnigen Morgen setzte ich
mich hin und schrieb an sie diesen Brief; weshalb gerade an sie -- das
wei ich nicht. Mitunter sehnt man sich doch nach einem Freunde ... so
werde ich mich damals wohl auch nach einem Freunde gesehnt haben ...
fgte der Frst nach kurzem Schweigen hinzu.

Sag' mal: bist du etwa in sie verliebt?

N--nein. Ich ... ich habe an sie wie meine Schwester geschrieben; ich
unterschrieb mich ja auch >Ihr Bruder<.

Hmhm! absichtlich; ich verstehe.

Es fllt mir sehr schwer, Ihnen auf diese Fragen zu antworten, Lisaweta
Prokofjewna.

Ich wei, da es dir schwerfllt, aber was geht das mich an, ob es dir
schwerfllt. Hre, sag' mir die Wahrheit, antworte mir wie deinem Gott:
lgst du mir da was vor oder lgst du nicht?

Ich lge nicht.

Ist es wirklich wahr, da du nicht verliebt bist?

Ich ... ich glaube, da es wahr ist.

Sieh mal an! -- >ich glaube<! Der Bengel hat ihn bergeben?

Ich hatte Nikolai Ardalionytsch gebeten ...

Der Bengel! Der Bengel! unterbrach ihn Lisaweta Prokofjewna zornig.
Einen Nikolai Ardalionytsch kenne ich berhaupt nicht! Der Bengel heit
er!

Nikolai Ardalionytsch ...

Der Bengel, sag' ich dir!

Nein, er heit nicht der Bengel, sondern Nikolai Ardalionytsch,
widersprach fest, wenn auch ziemlich leise, der Frst.

Nun gut, mein Tubchen, gut! Das werde ich dir nicht vergessen!

Sie kmpfte ihre Erregung nieder und erholte sich ein Weilchen.

Aber was ist das mit dem >armen Ritter<?

Das wei ich nicht; davon habe ich keine Ahnung; wohl ein Scherz, denke
ich.

Sehr angenehm, das pltzlich zu erfahren! Sollte sie es wirklich
fertiggebracht haben, sich fr dich zu interessieren? Hat dich doch
selbst noch einen >Narren< und >Idioten< genannt.

Das htten Sie mir auch nicht zu sagen brauchen, bemerkte der Frst
vorwurfsvoll, wenn auch sehr leise.

Sei nicht bs. Sie ist ein eigenwilliges, verrcktes, verzogenes
Mdchen, -- liebt sie, so wird sie unbedingt vor den anderen ber ihn
herziehen und ihn verspotten; ich war genau so. Nur, bitte, triumphier'
deshalb noch nicht, mein Tubchen, noch ist sie nicht dein! Niemals
werde ich das glauben! Ich sage es dir, damit du jetzt gleich deine
Maregeln ergreifen kannst. Hr' mal, schwre mir, da du nicht mit
_jener_ verheiratet bist.

Lisaweta Prokofjewna! Was fllt Ihnen ein? Erbarmen Sie sich! Der
Frst sprang fast vom Stuhl auf.

Aber fast httest du sie doch geheiratet?

Fast htte ich sie geheiratet, murmelte der Frst, zu Boden blickend,
und er senkte den Kopf tiefer.

Was, bist du dann etwa in _sie_ verliebt, wenn es so ist? Bist du jetzt
_ihretwegen_ hergekommen? Wegen _jener_?

Ich bin nicht deshalb hergekommen, um zu heiraten, antwortete der
Frst.

Gibt es fr dich etwas in der Welt, was dir heilig ist?

Ja.

Schwre mir, da du nicht deshalb gekommen bist, um _jene_ zu
heiraten.

Ich schwre es!

Ich glaube dir; komm, gib mir einen Ku. So, endlich kann man freier
aufatmen. Doch wisse: Aglaja liebt dich nicht, richte dich danach, und
solange ich lebe, wird sie nicht die Deine werden! Hast du gehrt?

Ich habe gehrt.

Der Frst errtete dermaen, da er Lisaweta Prokofjewna berhaupt nicht
anzusehen wagte.

Merk' dir's. Ich habe dich wie die Vorsehung selbst erwartet -- bist es
natrlich nicht wert gewesen! Ich habe mein Kissen in jeder Nacht mit
Trnen benetzt -- nicht deinetwegen, mein Tubchen, beunruhige dich
nicht, ich habe noch ein ganz anderes, mein eigenes Leid, ewig ein und
dasselbe. Nein, da gab es einen anderen Grund, weshalb ich dich mit
einer solchen Ungeduld erwartete: ich glaube immer noch, da dich Gott
der Herr selbst zu mir gesandt hat, als Freund und leiblichen Bruder.
Ich habe doch keine Menschenseele auer der alten Bjelokonskaja, aber
auch die ist jetzt fortgeflogen, und auerdem ist sie vor Alter auch
noch dumm geworden. Jetzt antworte mir einfach _ja_ oder nein: Weit du,
weshalb _sie_ an jenem Abend Jewgenij Pawlowitsch das zurief?

Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, da ich weder daran irgendwie beteiligt
bin, noch sonst etwas von ihren Beweggrnden wei.

Genug, ich glaube es dir. Jetzt denke ich auch anders darber, aber
gestern noch, gestern morgen noch beschuldigte ich in allem Jewgenij
Pawlowitsch. Die ganzen ersten vierundzwanzig Stunden bis gestern
morgen, den Morgen noch mitgerechnet. Jetzt mu ich den anderen
natrlich beistimmen: es liegt ja doch auf der Hand, da man ihn hier
aus irgendeinem Grunde und zu irgendeinem Zweck zum Narren gehabt hat.
Das allein ist schon verdchtig! -- und kann auch nichts Gutes
verheien! Aber Aglaja bekommt er doch nicht, das sage ich dir! Mag er
hundertmal ein guter Mensch sein, aber dabei bleibt es. Frher war ich
noch unschlssig, aber jetzt steht es fest: >Legt mich zuerst in den
Sarg und begrabt mich, dann knnt ihr sie verheiraten!< -- sieh, das
habe ich heute in kurzen Worten Iwan Fedorowitsch erklrt. Siehst du
jetzt, da ich dir vertraue, siehst du es?

Ich sehe es und verstehe es.

Lisaweta Prokofjewna blickte den Frsten durchdringend an: vielleicht
wollte sie gar zu gern erfahren, welch einen Eindruck diese Mitteilung
betreffs Jewgenij Pawlowitsch auf ihn gemacht hatte.

Von Gawrila Iwolgin weit du nichts?

Doch ... ich wei sehr vieles.

Weit du oder weit du es noch nicht, da er mit Aglaja
korrespondiert?

Nein, davon wute ich noch nichts! Der Frst war im ersten Augenblick
sogar ein wenig zusammengezuckt. Wie, Sie sagen, Gawrila Ardalionytsch
korrespondiere mit Aglaja Iwanowna? Unmglich!

Erst seit kurzem. Hier hat die Schwester ihm den ganzen Winter den Weg
gebahnt, wie eine Ratte hat sie gearbeitet und genagt.

Ich glaube es nicht, sagte der Frst berzeugt nach kurzem Nachdenken,
und seine Aufregung legte sich. Wenn es wahr wre, wrde ich es
bestimmt gewut haben.

Du glaubst wohl, da er dann zu dir gekommen wre, um an deiner Brust
unter Trnen sein Herz auszuschtten! Du bist mir mal eine heilige
Unschuld! Alle betrgen dich doch wie ... wie ... Und du schmst dich
gar nicht, ihm dein Vertrauen zu schenken? Siehst du denn wirklich
nicht, da er dich wie einen dummen Jungen betrogen hat?

Ich wei es, da er mich bisweilen betrgt, gab der Frst wider Willen
halblaut zu, und er wei, da ich es wei ... fgte er noch hinzu.

Wissen, da man betrogen wird, und dabei doch vertrauen! Das fehlte
gerade noch! brigens, von dir war auch nichts anderes zu erwarten.
Worber wundere ich mich noch? Groer Gott! Hat man jemals solch einen
Menschen gesehen! Pfui! Aber weit du auch, da dieser Ganjka oder diese
Warjka sie mit Nastassja Filippowna in Beziehungen gebracht haben?

Wen?! stie der Frst entsetzt hervor.

Aglaja.

Das glaube ich nicht! Das kann nicht sein! Zu welchem Zweck denn
eigentlich?

Er sprang vom Stuhle auf.

Auch ich glaube nicht daran, obwohl es Beweise dafr gibt. Sie ist doch
ein eigenwilliges Mdchen, ein phantastisches Mdchen, ein verrcktes
Mdchen! Und bse, bse, bse ist sie! Tausend Jahre werde ich
behaupten, da sie bse ist! Alle sind sie jetzt bei mir so, selbst
diese Alexandra, dieses begossene Huhn, -- doch die ist mir schon
entwachsen. Aber auch ich glaube noch nicht daran! Vielleicht weil ich
nicht glauben will, fgte sie wie zu sich selbst hinzu. Weshalb bist
du nicht gekommen? wandte sie sich pltzlich wieder an den Frsten.
Weshalb bist du in diesen drei Tagen nicht zu uns gekommen?
wiederholte sie in hchster Ungeduld ihre Frage.

Der Frst begann seine Grnde aufzuzhlen, doch sie unterbrach ihn
wieder.

Alle halten sie dich fr dumm und betrgen dich, da man es nicht mit
ansehen kann! Du bist gestern in der Stadt gewesen, -- ich knnte
wetten, da du diesen Spitzbuben auf den Knien gebeten hast, die
zehntausend Rubel anzunehmen!

Durchaus nicht, ich habe nicht einmal daran gedacht. Ich habe ihn
berhaupt nicht gesehen ... und auerdem ist er kein Spitzbube. Ich habe
von ihm einen Brief erhalten.

Zeig' ihn her!

Der Frst zog seine Brieftasche hervor, entnahm ihr den Brief und
reichte ihn ihr. Lisaweta Prokofjewna las folgendes:

   Sehr geehrter Herr!

   Ich habe natrlich in den Augen der Leute nicht das geringste Recht,
   Eigenliebe zu besitzen. Nach ihrer Meinung bin ich viel zu gering
   dazu. Doch das ist die Meinung der Leute, nicht Ihre Meinung. Ich
   habe mich berzeugt, da Sie, geehrter Herr, vielleicht besser sind
   als alle anderen. Ich bin nicht mehr mit Doktorenko einverstanden,
   in diesem Punkt sind unsere Ansichten jetzt ganz verschieden. Ich
   werde niemals auch nur eine Kopeke von Ihnen annehmen, doch Sie
   haben meiner Mutter geholfen, und so mu ich Ihnen dankbar sein,
   wenn auch nur aus Schwche. Ich beurteile Sie jetzt anders und habe
   es fr ntig befunden, Sie davon zu benachrichtigen. Ich nehme an,
   da es zwischen uns nach dem Vorgefallenen keinerlei Beziehungen
   mehr geben kann.

                                                     Antip Burdowskij.

   P. S. Die an den zweihundertfnfzig Rubeln fehlende Summe wird Ihnen
   mit der Zeit sicher zurckgezahlt werden.

Solch ein Bldsinn! sagte Lisaweta Prokofjewna verchtlich und warf
den Brief auf den Tisch. Nicht der Mhe wert, da man's liest. Was
lachst du?

Gestehen Sie es doch nur, da es Ihnen sehr lieb war, diesen Brief zu
lesen.

Was! Diesen von Eitelkeit durchtrnkten Bldsinn? Ja, siehst du denn
nicht, da sie vor Stolz, Ehrgeiz und Ruhmsucht alle einfach den
Verstand verloren haben?

Ja, aber er hat doch gewissermaen um Entschuldigung gebeten, und das
ist ihm um so schwerer gefallen, je grer sein Stolz und sein Ehrgeiz
sind. Oh, was fr ein kleines Kind Sie sind, Lisaweta Prokofjewna!

Wa... du willst wohl eine Ohrfeige von mir haben?!

Nein, das will ich durchaus nicht. Ich sage es deshalb, weil Sie sich
ber den Brief freuen und Ihre Freude doch nicht eingestehen wollen.
Weshalb schmen Sie sich Ihrer Gefhle? Und das ist doch bei Ihnen in
allem so.

Da du deinen Fu jetzt nicht mehr ber meine Schwelle setzt! Lisaweta
Prokofjewna fuhr, bleich vor Zorn, vom Stuhle auf. Da du mir nie im
Leben mehr unter die Augen kommst!

Aber nach drei Tagen werden Sie doch selbst kommen und mich zu sich
auffordern ... Nun, schmen Sie sich denn nicht? Das sind doch Ihre
besten Gefhle, weshalb verleugnen Sie sie? Damit qulen Sie sich doch
nur selbst.

Ich sterbe eher -- als da ich zu dir komme! Auch deinen Namen werde
ich vergessen!! Hab' es schon!!!

Und fast rasend vor Zorn wandte sie sich zur Treppe.

Mir ist ja ohnehin verboten, Ihr Haus zu besuchen! rief ihr der Frst
nach.

Wa--as? Wer hat's dir verboten?

Wie mit der Nadel gestochen, fuhr sie zusammen und im Augenblick kehrte
sie sich zurck.

Der Frst war etwas unschlssig: er fhlte, da er sich unbedacht
verraten hatte.

Wer hat es dir verboten? fuhr ihn Lisaweta Prokofjewna in hchster
Emprung an.

Aglaja Iwanowna ...

Wann? So sprich doch!!!

Heute morgen schickte sie mir einen Zettel; ich drfe es nicht mehr
wagen, bei Ihnen zu erscheinen.

Lisaweta Prokofjewna stand wie erstarrt vor ihm, doch ihre Gedanken
arbeiteten.

Was hat sie geschickt? Durch wen? Den Bengel? Mndlich? fuhr sie
pltzlich wieder auf.

Ich habe einen Zettel erhalten, sagte der Frst.

Wie? Gib ihn her! Sofort!

Der Frst dachte einen Augenblick nach, zog aber dann doch aus seiner
Westentasche ein gewhnliches Stck Papier hervor, auf dem geschrieben
stand:

   Frst Lew Nikolajewitsch!

   Wenn Sie nach allem, was geschehen ist, mich noch durch den Besuch
   unserer Villa in Erstaunen setzen sollten, so werden Sie mich,
   dessen knnen Sie sicher sein, nicht unter der Zahl der Erfreuten
   finden.

                                                 Aglaja Jepantschina.

Lisaweta Prokofjewna berlegte eine Weile. Pltzlich fate sie den
Frsten bei der Hand und zog ihn mit sich fort.

Sofort! Du kommst jetzt sofort! Unverzglich! befahl sie in
ungewhnlicher Aufregung und Ungeduld.

Aber Sie setzen mich doch den grten ...

Was? Wem setze ich dich aus? Du unschuldige Einfalt! Gott, das soll ein
Mann sein! Nun werde ich selbst alles sehen, mit eigenen Augen ...

Aber meinen Hut lassen Sie mich doch wenigstens nehmen ...

Hier hast du deinen elenden Hut, gehen wir! Nicht mal eine Fasson hast
du dir mit Geschmack aussuchen knnen! ... Das hat sie ... Das hat sie
nach jenem Auftritt ... das hat sie in der ersten Wut ... murmelte
Lisaweta Prokofjewna, den Frsten, dessen Hand sie keinen Augenblick
loslie, hinter sich herziehend. Vorhin trat ich fr dich ein, sagte
laut, da du ein Esel seist, weil du nicht kmst ... sonst htte sie
nicht diesen Zettel --! Wie sie als wohlerzogenes, kluges Mdchen
berhaupt so etwas fertiggebracht hat! ... Hm! fuhr sie in ihrem
Gedankengang fort, oder ... vielleicht ... vielleicht hat sie sich
selbst darber gergert, da er nicht kam, nur hat sie vergessen, da
man an einen Idioten so nicht schreiben darf; denn der nimmt es ja doch
wrtlich, wie er es nun auch getan hat. Was horchst du? fuhr sie
pltzlich zusammen, als sie gewahr wurde, da sie ihre Gedanken immerhin
hrbar ausgesprochen hatte. Einen Narren braucht sie, gerade solch
einen wie du einer bist, hat dich lange nicht gesehen, deshalb schreibt
sie! Aber mich freut es, mich freut es, da sie dich jetzt durch die
Hechel ziehen wird, das freut mich! Gerade das hast du verdient!
Geschieht dir recht. Und sie versteht es, oh, sie versteht es, das
kannst du mir glauben!




                              Dritter Teil


                                   I.

Es wird bei uns so oft geklagt, da wir keine praktischen Leute htten;
Staatsmnner zum Beispiel gbe es unzhlige, Generle nicht minder;
Beamte und alle mglichen Rte knne man sogleich in beliebiger Anzahl
zur Stelle schaffen -- aber praktische Leute gbe es bei uns trotzdem
nicht. Wenigstens klagen alle, da es sie nicht gbe. Nicht einmal
ein anstndiges Eisenbahnpersonal htten wir auf manchen
Strecken aufzuweisen, und die Administration irgendeiner
Dampfschiffahrtsgesellschaft zustande zu bringen, sei, wenn man sich
eine auch nur einigermaen ertrgliche wnsche, bei uns in Ruland ganz
unmglich. Dort, hrt man, sind zwei Eisenbahnzge zusammengestoen,
oder auf einer neuerffneten Strecke ist eine ganze Brcke mitsamt
einigen Waggons eingestrzt; hier, heit es, hat ein Zug auf offenem
Felde fast berwintert: die Fahrt sollte nur ein paar Stunden dauern,
man blieb aber ganze fnf Tage im Schnee stecken. Dort, wird erzhlt,
faulen mehrere Tausend Pud Fracht in den Waggons auf ein und derselben
Station und warten drei Monate vergeblich auf Weiterbefrderung, und als
ein Kaufmann -- es klingt fast unglaublich! -- einem der
Administratoren oder Oberaufseher mit den Bitten um Zustellung der
Waren seines Lieferanten lstig geworden war, da hat ihm dieser statt
der lagernden Ware eine administrative Ohrfeige verabfolgt und seine
Handlungsweise nachher noch damit zu rechtfertigen gesucht, da er es
im Eifer getan habe. Man sollte meinen, da wir doch nachgerade
gengend Amts-, Rats-, Gerichts- und noch andere Personen im
Staatsdienst haben -- in Wirklichkeit kann einem geradezu angst und
bange werden vor ihrer unabsehbaren Anzahl! -- alle haben im
Staatsdienst gestanden, alle stehen darin, und alle haben die Absicht,
in Staatsdienste zu treten --, wie sollte man da aus einem solchen
Material nicht eine gute Administration zustande bringen, selbst wenn es
sich nur um eine Dampfschiffahrtsgesellschaft handelt?!

Auf diese Frage wird uns aber eine so einfache Antwort zuteil, eine so
einfache, da man dieser Antwort berhaupt nicht glauben will.

Freilich, heit es, freilich stehen bei uns alle im Staatsdienst, oder
wenn sie im Augenblick nicht darin stehen, dann haben sie darin
gestanden oder werden sie darin stehen, und das geht bei uns schon so
seit zweihundert Jahren nach dem schnsten deutschen Vorbild von den
Urgrovtern bis zu den Ururenkeln, -- aber gerade die Staatsbeamten,
gerade die sind die unpraktischsten Leute der Welt, und es ist ja bei
uns sogar so weit gekommen, da die Abstraktheit, wenn man sich so
ausdrcken darf, und die Mangelhaftigkeit des praktischen Wissens unter
den Staatsdienern selbst noch vor kurzem fast als grte Tugend und
beste Empfehlung betrachtet wurden. brigens sind wir da vom Thema etwas
abgekommen, wir wollten ja nur von den praktischen Leuten reden. Was
nun diese betrifft, so wird wohl niemand leugnen wollen, da
Zaghaftigkeit und der absoluteste Mangel an eigener Initiative bei uns
stets fr das sicherste und beste Anzeichen eines praktischen Menschen
gehalten worden sind, -- und sogar jetzt noch gehalten werden. Doch
weshalb immer nur sich selbst beschuldigen und sich Vorwrfe machen ...
das heit, wenn diese Ansicht berhaupt einen Vorwurf in sich schliet?
Der Mangel an Originalitt wird doch von jeher in der ganzen Welt fr
die beste Eigenschaft und beste Empfehlung eines tchtigen, brauchbaren
und praktischen Menschen gehalten, und wenigstens neunundneunzig Prozent
der ganzen Menschheit -- es ist das sogar noch sehr niedrig gegriffen --
sind immer dieser Ansicht gewesen, und hchstens einer vom Hundert hat
bestndig anders geurteilt, und urteilt auch jetzt noch anders.

Die grten Erfinder und Genies sind fast immer zu Beginn ihrer Laufbahn
-- sehr oft aber auch noch zu Ende derselben -- von der Gesellschaft fr
nichts weniger als ausgesprochene Dummkpfe gehalten worden: dazu bedarf
es keiner Beweise. Wenn nun im Laufe von mehreren Jahrzehnten alle Welt
ihr Geld auf die Bank schleppte und Milliarden dort zu vier Prozent
zusammensparte, so mute, versteht sich, als es mit der Bank schlielich
einmal ein Ende nahm und die guten Leute sich wieder auf ihre eigene
Initiative angewiesen sahen, die Mehrzahl dieser Millionen im
Aktionrfieber oder in den Hnden von Betrgern verloren gehen --, und
da hatte man denn, was Anstand und Sittlichkeit verlangen! Gerade die
Sittlichkeit: denn, wenn die sittliche Zaghaftigkeit und der
anstndige Mangel an Originalitt bei uns bis jetzt nach allgemeiner
berzeugung die notwendigsten Eigenschaften eines tchtigen und
brauchbaren Menschen sind, so wre es doch gar zu unanstndig und
unsittlich, seine berzeugung pltzlich zu verndern! Welche zrtlich
liebende Mutter wird nicht erschrecken und vor Angst womglich
erkranken, wenn ihr Sohn oder ihre Tochter auch nur ein wenig aus dem
Gleise gert? Nein, mag es lieber glcklich sein und ohne Originalitt
in Zufriedenheit und Wohlstand leben, denkt eine jede Mutter, wenn sie
ihr Kind wiegt. Und unsere Ammen singen doch mit Vorliebe Wiegenlieder,
in denen sie die Zukunft des Kindes so schn wie nur mglich ausmalen:
Wirst noch goldene Kleider tragen, wirst einst ein groer General
sein! Wenn aber unseren Kinderfrauen das General-sein als hchstes
russisches Glck erscheint, so mu das doch das populrste nationale
Ideal ruhiger, ungetrbter Seligkeit sein! Und in der Tat: wer konnte
bei uns, wenn er vorschriftsmig die Examina bestanden und
fnfunddreiig Jahre abgedient hatte, schlielich nicht General werden
und sich auf der Bank eine gewisse Summe zusammensparen? So hat sich
denn der Russe fast ohne jede Anstrengung seinerseits schlielich den
Ruf eines praktischen Menschen erworben. Genau genommen konnte ja bei
uns nur der originelle d. h. der unruhige Mensch nicht General werden
... Vielleicht hat sich hier ein kleines Miverstndnis eingeschlichen,
im allgemeinen jedoch scheint es mit der Wahrheit bereinzustimmen, und
somit kann man unserer Gesellschaft wegen ihres Ideals eines praktischen
Menschen keinen Vorwurf machen.

Nichtsdestoweniger haben wir hier viel berflssiges gesagt, denn im
Grunde sollten es nur ein paar erklrende Worte ber die uns bekannte
Familie Jepantschin werden. Diese Familie, oder wenigstens die am
meisten denkenden Angehrigen derselben, litten bestndig unter einem
ihnen fast allen mehr oder weniger eigenen Familienfehler, der ungefhr
das gerade Gegenteil jener Tugenden war, ber die wir soeben
philosophiert haben. Ohne die Grnde davon vollkommen zu begreifen --
und das war auch nicht so leicht -- wurden sie von der Empfindung
gepeinigt, da in ihrer Familie alles ganz anders sei, als bei anderen
Menschen und in deren Familien. Bei allen ging es glatt, nur bei ihnen
ging es holprig; alle anderen fuhren hbsch im Gleise, nur sie
entgleisten jeden Augenblick. Alle waren zaghaft, nur sie waren es
nicht. Freilich ngstigte sich Lisaweta Prokofjewna mitunter sogar sehr,
aber es war bei ihr doch nie jene sittsame Zaghaftigkeit, die
Jepantschins so wertvoll fanden. brigens war es eigentlich auch nur
Lisaweta Prokofjewna, die sich deshalb so beunruhigt fhlte: die Mdchen
waren noch zu jung dazu -- wenn auch gewi nicht zu unintelligent. Der
General aber pflegte, wenn er auch manches begriff -- was brigens nicht
immer ohne Mhe ging -- in allen schwierigen Fllen nur Hm! zu sagen
oder Gewi, gewi, mein Freund! worauf er dann doch das weitere seiner
Lisaweta Prokofjewna berlie. Damit lag dann auf ihr allein die ganze
Verantwortung. Und doch sprang diese Familie durchaus nicht etwa aus
bewutem Hang zur Originalitt aus dem Gleise, was allerdings hchst
unanstndig gewesen wre, o nein! Davon konnte berhaupt nicht die Rede
sein, ich meine, von einem mit Bewutsein gesetzten Ziel! Aber wie dem
auch sein mochte, jedenfalls war das Resultat: da die Familie
Jepantschin, wenn sie auch noch so achtbar erscheinen mute, doch
irgendwie nicht so war, wie sonst alle ehrenwerten Familien zu sein
pflegen. In der letzten Zeit hatte nun Lisaweta Prokofjewna begonnen,
die Schuld daran nur sich allein oder vielmehr nur ihrem unseligen
Charakter zuzuschreiben, weshalb sich denn auch ihre Gewissensqualen um
ein Betrchtliches vergrerten. Sie nannte sich selbst tglich dumm und
hypochondrisch, qulte sich mit ihrem Mitrauen, fand oft in den
einfachsten Dingen keinen Ausweg und hielt jedes Unglck fr grer als
es war.

Wie bereits frher erwhnt, waren Jepantschins eine berall sehr
geachtete Familie. Wenn der General auch nicht vornehmer Herkunft und
auch sicherlich nicht sehr geistreich war, so war er doch ein reicher
und durch und durch anstndiger Mann, der als General durchaus nicht
zu den Letzten zhlte. brigens scheint eine gewisse geistige
Stumpfheit fast ein unvermeidliches Attribut jedes Tatmenschen zu sein.
Die Hauptsache war, da Iwan Fedorowitsch gute Protektion hatte. Im
brigen war wenigstens Lisaweta Prokofjewna eine geborene Frstin
Myschkin, und das war immerhin nicht zu verachten, obschon man bei uns
auf vornehme Herkunft nicht viel gibt, wenn die Herkunft nicht von
Protektion untersttzt wird. Lisaweta Prokofjewna aber war schlielich
von so hochstehenden Personen liebgewonnen worden, da deren ganzer
Bekanntenkreis sie gleichfalls zu achten und hochzuschtzen begonnen
hatte. Selbstverstndlich qulte sie sich ihres Mannes und ihrer Tchter
wegen ganz grundlos; die kleinsten Dinge konnte sie bis zur
Lcherlichkeit vergrern. Doch das ist ja gewhnlich so: hat man eine
Warze auf der Stirn oder auf der Nase, so scheint es einem
unwillkrlich, da alle Menschen nichts weiter in der Welt zu tun haben,
als diese Warze anzusehen, ber sie zu lachen und einen ihretwegen zu
verachten, selbst wenn man dabei Amerika entdeckt htte. Zweifellos
wurde Lisaweta Prokofjewna auch in der Gesellschaft als etwas
wunderliche Dame betrachtet, doch, wie gesagt, nichtsdestoweniger sehr
geachtet. Das Unglck war nur, da Lisaweta Prokofjewna schlielich an
diese Achtung nicht mehr glauben wollte. Und wenn sie ihre Tchter
ansah, qulte sie sich mit der Angst, da sie deren Lebenslauf verderbe,
weil ihr Charakter lcherlich, unanstndig und unertrglich sei, was
sie wiederum tglich diesen ihren Tchtern und ihrem treuen Gatten Iwan
Fedorowitsch zum Vorwurf machte, oder weshalb sie tagelang mit ihnen
stritt, whrend sie sie gleichzeitig doch bis zur vlligen
Selbstverleugnung, wenn nicht bis zur Leidenschaft, liebte.

Am meisten qulte sie die Angst, da ihre Tchter ebenso werden knnten,
wie sie, ihre Mutter, und da es solche jungen Mdchen, wie ihre drei,
in der ganzen Welt nicht gbe und auch gar nicht geben knne.
Nihilistinnen sind sie, weiter nichts! Dieser traurige Gedanke, der
sie schon ein ganzes Jahr gefoltert hatte, lie ihr namentlich in der
letzten Zeit keine Ruhe mehr. Erstens: weshalb heiraten sie nicht?
fragte sie sich fortwhrend. Um ihre Mutter zu qulen, -- darin sehen
sie doch alle drei ihren Lebenszweck, und das kommt natrlich nur daher,
weil sie sich alle diese neuen Ideen in den Kopf gesetzt haben! Schuld
ist nichts anderes, als diese verwnschte Frauenfrage! Fiel es denn
Aglaja nicht vor einem halben Jahre ein, sich ihr wundervolles Haar
abzuschneiden? Groer Gott, selbst ich habe zu meiner Zeit nicht solches
Haar gehabt! -- Hatte sie doch die Schere schon in der Hand, mute ich
sie doch auf den Knien anflehen, um sie davon abzubringen! ... Nun,
Aglaja tat es natrlich nur aus Bosheit, um ihre Mutter zu martern, denn
sie ist bse, eigensinnig, verwhnt und vor allem bse, bse, bse! Aber
wollte denn diese Alexandra es ihr nicht schon nachmachen? Die aber
wollte es sicher nicht aus Bosheit; nicht aus Launenhaftigkeit, sondern
in aufrichtiger Einfalt, wie eine dumme Gans, die sich von Aglaja
einreden lt, da sie mit kurzem Haar besser werde schlafen knnen und
da der Kopf ihr nicht mehr weh tun wrde? Und wie oft, wie oft, wie
oft, -- nun schon seit fnf Jahren --, wie oft htten sie heiraten
knnen! Und es waren doch alles wirklich tadellose Partien, und einzelne
doch wirklich reizende Menschen! Worauf warten sie denn, wenn sie nicht
heiraten? Was wollen sie eigentlich? Warum wollen sie nicht heiraten?
Nur um ihre Mutter zu rgern -- einen anderen Grund haben sie doch
nicht! Das ist es! Nur das ist es!

Endlich aber sollte auch ihr Mutterherz eine Freude erleben: Adelaida
verlobte sich. Gott sei Dank, wenigstens eine vom Halse! sagte
Lisaweta Prokofjewna, wenn sie sich laut ber dieses Ereignis uerte.
(Im Herzen drckte sie sich unvergleichlich zrtlicher aus.) Und wie
gut, wie tadellos sich das alles abgewickelt hatte! Auch in der
Gesellschaft war man des Lobes voll: eine bekannte Persnlichkeit, ein
Frst, reich, ein guter Charakter, und auerdem war noch von beiden
Seiten Liebe vorhanden. Was wollte man mehr? Doch um Adelaida hatte sie
sich stets am wenigsten gesorgt, wenn auch deren knstlerische Neigungen
oft genug ihr stets Unheil frchtendes Herz beunruhigt hatten. Dafr
hat sie ein heiteres Gemt und ist nicht so unvernnftig wie die
anderen, -- die wird nicht untergehen, beruhigte sie sich schlielich.
Am meisten jedoch ngstigte sie sich um Aglaja. Was sie aber von der
ltesten, Alexandra, denken sollte, wute sie selbst nicht: sollte sie
sich auch um diese ngstigen oder war das berflssig? Mitunter schien
es ihr, da sie schon ganz verloren sei, -- fnfundzwanzig Jahre alt
-- natrlich bleibt sie unverheiratet! Und das bei ihrer Schnheit!
Lisaweta Prokofjewna weinte sogar ihretwegen nachts, whrend Alexandra
Iwanowna in denselben Nchten den ruhigsten und sorglosesten Schlaf
schlief. Was ist sie eigentlich -- Nihilistin, oder ist sie einfach
dumm? Da sie in Wirklichkeit _nicht_ dumm war, daran zweifelte
Lisaweta Prokofjewna selbst keinen Augenblick: sie schtzte selbst
Alexandras Urteil sehr und fragte sie gern um Rat. Doch ebensowenig
zweifelte sie daran, da diese Alexandra einfach jedes Temperamentes
entbehrte. Sie ist so ruhig, da man sie berhaupt nicht in Bewegung
bringen kann! Ich wei wirklich nicht, was ich mit ihnen allen anfangen
soll! Lisaweta Prokofjewna empfand fr ihre lteste eine ganz
unerklrliche Sympathie, in der vielleicht das Mitleid keine so geringe
Rolle spielte, und fhlte sich zu ihr fast noch mehr hingezogen, als zu
Aglaja, ihrem Abgott. Doch alle ihre bissigen Bemerkungen -- in denen
sich ihre ganze mtterliche Sorge und Sympathie uerte -- erheiterten
nur Alexandra; konnten doch mitunter die nichtigsten Dinge Lisaweta
Prokofjewna einfach rasend machen! So liebte es z. B. Alexandra
Iwanowna sehr, lange zu schlafen, und gewhnlich hatte sie in der Nacht
viele Trume; diese Trume jedoch zeichneten sich alle durch ganz
besondere Sinnlosigkeit aus und waren von einer Unschuld und Naivitt,
da man sie fr Trume eines siebenjhrigen Kindes htte halten knnen.
Diese Naivitt der Trume ihrer ltesten nun begann aber Lisaweta
Prokofjewna aus irgendeinem Grunde geradezu zu empren. Einmal hatte
Alexandra neun Hhner im Traume gesehen, und das Resultat war, da die
Mutter sich mit ihr ernstlich entzweite, -- weshalb? -- das liee sich
schwer erklren. Nur ein einziges Mal gelang es ihr, etwas Originelles
im Traum zu sehen, einen Mnch in einer dunklen Zelle, in die
einzutreten sie sich gefrchtet hatte. Der Traum ward sogleich von den
zwei jngeren Schwestern lachend und triumphierend der Mutter erzhlt,
doch diese rgerte sich wieder und nannte sie alle beide dumm. Hm!
dachte sie dann spter bei sich, Temperament hat sie nicht, und in
Bewegung bringen kann man sie auch nicht, aber es ist doch eine Trauer
in ihr, wei Gott, mitunter hat sie ganz traurige Augen! Was mag sie nur
haben, was? Bald darauf stellte sie diese Frage auch an ihren Gatten
Iwan Fedorowitsch, was sie wie gewhnlich schroff, ungeduldig und beinah
wie drohend tat, in offenkundiger Erwartung einer sofortigen
entscheidenden Antwort. Iwan Fedorowitsch sagte etliche Male Hm! und
legte die Stirn in nachdenkliche Falten, bis er dann schlielich die
Schultern in die Hhe zog, die Hnde auseinanderspreizte und ein etwas
lakonisches Urteil sprach:

Mu heiraten!

Nur gebe ihr Gott nicht einen solchen Mann, wie Sie sind, Iwan
Fedorowitsch! platzte Lisaweta Prokofjewna zornig heraus; nicht einen
so unfhigen Menschen, der nicht einmal ein Urteil zu fllen versteht,
nicht einen so rohen Grobian wie Sie, Iwan Fedorowitsch ...

Iwan Fedorowitsch brachte sich schleunigst in Sicherheit, indem er mit
durch bung erlangter Geschicklichkeit einen glnzenden Rckzug
ausfhrte, und Lisaweta Prokofjewna beruhigte sich nach dem Ausbruch
wieder sehr schnell. Selbstverstndlich wurde sie noch bis zum Abend
desselben Tages uerst aufmerksam, still, freundlich und liebenswrdig
zu Iwan Fedorowitsch, zu ihrem rohen Grobian Iwan Fedorowitsch, zu
ihrem guten und lieben, ihrem vergtterten Iwan Fedorowitsch, denn sie
liebte ihn nicht nur ihr ganzes Leben lang, sie war sogar direkt
verliebt in ihren Iwan Fedorowitsch, was Iwan Fedorowitsch selbst sehr
wohl wute und wofr er seine Lisaweta Prokofjewna um keinen Deut
weniger liebte und weniger hoch hielt.

Doch die grten Sorgen bereitete ihr von jeher Aglaja.

Ganz, ganz wie ich, mein Ebenbild in jeder Beziehung! sagte sich
Lisaweta Prokofjewna, ein eigensinniges, schlechtes, vom Teufel
besessenes Ding! Eine Nihilistin, sonderbar in allem, was sie tut --
ganz wie ich! -- und bse, bse, bse! O, Gott, wie unglcklich sie sein
wird!

Da sollte sie die Freude erleben, da Adelaida sich verlobte, und fast
einen ganzen Monat verbrachte sie ohne Sorgen. Nach der Verlobung
Adelaidas hatte man in der Gesellschaft auch mehr ber Aglaja zu
sprechen begonnen, doch Aglaja hatte sich berall so vortrefflich
aufgefhrt, so gleichmig und klug, so sicher und ... ein wenig stolz
vielleicht, aber das stand ihr doch so vorzglich! Und zur Mutter war
sie den ganzen Monat ber so nett und lieb gewesen! (Nein, diesen
Jewgenij Pawlowitsch mu man sich doch noch genauer ansehn ... brigens
scheint ihm Aglaja noch gar nicht so besonders gewogen zu sein.)
Jedenfalls war sie eine ganz prchtige Tochter gewesen -- und wie schn
sie dabei ist, Gott, wie schn sie ist, und mit jedem Tage wird sie noch
schner! Und nun pltzlich ...

Kaum war nmlich dieser Frst, dieser jammervolle Idiot aufgetaucht,
als pltzlich wieder alles im Hause auf dem Kopf stand!

Aber was war denn geschehen?

Nach der berzeugung aller Unbefangenen war sicher nichts geschehen.
Doch dadurch gerade zeichnete sich ja Lisaweta Prokofjewna aus, da sie
infolge ihrer inneren Unruhe auch in den gewhnlichsten Dingen ein Etwas
zu entdecken vermochte, das sie mit der argwhnischsten, der
unerklrlichsten, und das heit soviel wie furchtbarsten Angst erfllte.
Wie mute ihr aber nun zumute sein, als sie pltzlich in dem Wirrwarr
vollkommen unbegrndeter Befrchtungen etwas erblickte, das tatschlich
wichtig zu sein schien und tatschlich ihrer Zweifel, ihres Mitrauens
und der Bengstigungen wert war?

Nein, wie hat man sich nur unterstehen knnen, diesen gemeinen anonymen
Brief an mich zu schreiben? -- da jenes Geschpf mit Aglaja in
Beziehung stehe! dachte Lisaweta Prokofjewna ununterbrochen, whrend
sie den Frsten an der Hand zu ihrer Villa zog und dort auf einen der
Sthle am runden Tisch, um den sich die ganze Familie versammelt hatte,
Platz zu nehmen ntigte. Wie hat man daran berhaupt nur zu denken
gewagt? Ich mte ja sterben vor Scham, wenn ich auch nur ein Wort
geglaubt und den Brief Aglaja gezeigt htte! Und so etwas erlaubt man
sich uns gegenber! An allem, allem ist doch nur Iwan Fedorowitsch
schuld! Ach, warum sind wir in diesem Sommer nicht nach Jelagin gezogen!
Ich wollte doch unbedingt dorthin und nicht hierher nach Pawlowsk!
Diesen Brief kann vielleicht die Warjka geschrieben haben, oder
vielleicht ... nein, an allem, an allem ist doch nur Iwan Fedorowitsch
schuld! Nur um ihn zum besten zu haben, hat uns dieses Geschpf das
eingebrockt! -- zum Andenken an ihre frhere Bekanntschaft, als er ihr
noch Perlen schenkte ... Aber genau genommen sind wir doch alle
hineingezogen, mein bester Iwan Fedorowitsch, sowohl Sie wie Ihre Gattin
und Tchter, -- junge Damen der besten Gesellschaft, Brute! -- und sie
standen keine zehn Schritt vom Wagen, alles haben sie gehrt, und auch
jene schmutzige Geschichte haben sie mit angehrt! Sie knnen sich jetzt
freuen, Iwan Fedorowitsch! Niemals, niemals werde ich das diesem elenden
Frsten verzeihen, niemals! Weshalb ist Aglaja seit drei Tagen
hysterisch, weshalb hat sie sich mit beiden Schwestern verzankt, sogar
mit Alexandra, der sie doch sonst immer die Hand kte -- so hat sie sie
geachtet! Weshalb gibt sie uns seit drei Tagen ein Rtsel nach dem
anderen auf? Was hat das mit Gawrila Iwolgin zu bedeuten? Weshalb hat
sie ihn gestern und heute so auffallend gelobt, um dann wiederum in
Trnen auszubrechen? Weshalb ist auch in dem anonymen Brief von diesem
verwnschten >armen Ritter< die Rede? Sie aber hat den Brief des Frsten
nicht einmal ihren Schwestern gezeigt! Und weshalb ... mein Gott,
weshalb, weshalb bin ich jetzt zu ihm gelaufen, und weshalb habe ich ihn
jetzt wieder zu mir geschleppt? Mein Gott, was habe ich getan, bin ich
nicht von Sinnen? Mit einem jungen Herrn ber die Geheimnisse der
eigenen Tochter zu reden, und noch dazu ... ber solche Geheimnisse, die
womglich ihn selbst angehen! Gott, ein Glck noch, da er ein Idiot ist
und ... und ... ein Freund unseres Hauses! Nur ... sollte sich Aglaja
denn wirklich in diesen Kranken verliebt haben? Gott, was ist mit mir
heute! Pfui! Originale sind wir ... Unter Glas mte man uns setzen,
mich als erste, auf einer Ausstellung, fr zehn Kopeken Entree ... Nein,
das verzeihe ich Ihnen niemals, Iwan Fedorowitsch, niemals werde ich
Ihnen das verzeihen! Weshalb zieht sie ihn jetzt nicht durch die Hechel,
wie sie's versprochen? Was versprach sie's denn, wenn sie jetzt ihr Wort
nicht hlt? -- Da! wie sie ihn ansieht! Weshalb geht sie denn nicht
fort, wenn sie ihm selbst verboten hat, herzukommen? Jetzt steht sie,
schweigt und sieht ihn an ... Und er ist auch ganz bleich geworden ...
O, dieser verwnschte Schwtzer Jewgenij Pawlowitsch -- hat sich des
ganzen Gesprchs bemchtigt! Er lt einen ja berhaupt nicht zu Wort
kommen! Ich wrde sofort alles erfahren, wenn ich nur endlich sprechen
knnte ...

Der Frst sa allerdings ganz bleich am Tisch, und wie es schien war er
in groer Erregung; doch gleichzeitig befand er sich wie in einem ihm
selbst unerklrlichen, fast atemraubenden Rausch des Entzckens. O, wie
frchtete er sich, in jenen Winkel zu schauen, von wo aus ein Paar
bekannter dunkler Augen auf ihn gerichtet waren, deren aufmerksamen,
forschenden, prfenden Blick er fast krperlich zu fhlen meinte. Und
wie selig war er doch darber, da er jetzt wieder hier unter ihnen
sitzen konnte, da er wieder ihre Stimme hren wrde, -- selbst nach
dem, was sie an ihn geschrieben. Was wird sie nur jetzt sagen, was wird
sie sagen! Er selbst hatte noch kein Wort gesprochen und bemhte sich
krampfhaft, den unaufhaltsam redenden Jewgenij Pawlowitsch zu verstehen,
der sich wohl nur selten in einer so zufriedenen und angeregten Stimmung
befunden haben mochte, wie an diesem Abend. Der Frst hrte ihm lange
zu, ohne auch nur ein Wort zu begreifen. Auer dem Familienoberhaupt
Iwan Fedorowitsch, der noch in der Stadt weilte, waren alle versammelt.
Auch Frst Sch. war zugegen. Wie es schien, hatte man die Absicht, nach
einer Weile zu einem Spaziergang aufzubrechen, da am Abend die
Militrkapelle spielen sollte. Das Gesprch, in dem man sich befand,
mute bereits vor dem Erscheinen des Frsten begonnen worden sein.
Pltzlich erschien auch noch Kolj auf der Veranda. Nun, dann hat man
ihn hier wieder gut empfangen, dachte der Frst bei sich.

Die Villa Jepantschin war im Schweizerstil erbaut, machte einen
wohlhabenden Eindruck und war von einem wundervollen, zwar nicht sehr
groen, doch dafr um so schneren Blumengarten umgeben. Man sa auf der
verandenartigen Terrasse, die hnlich der Terrasse der Villa Lebedeffs
gebaut war, nur, versteht sich, grer und eleganter.

Das Thema des Gesprchs schien nicht allen sonderlich zuzusagen, doch
Jewgenij Pawlowitsch, den ein heftiger Disput mit Frst Sch. auf dieses
Thema gebracht hatte, kmmerte sich nicht um die Wnsche der brigen,
die wohl lieber von etwas anderem gesprochen htten, sondern fuhr in
seinen Widerlegungen fort, wozu ihn das Erscheinen des Frsten noch mehr
anzuregen schien. Lisaweta Prokofjewna rgerte sich ber ihn und seine
Reden, wenn sie auch kaum ein Wort von dem ganzen Gesprch verstand.
Aglaja, die sich etwas abseits hingesetzt hatte, in einen Winkel, blieb
dort, hrte zu und schwieg.

... Erlauben Sie, widersprach Jewgenij Pawlowitsch eifrig, ich habe
gegen den Liberalismus nichts einzuwenden. Liberalismus ist keine Snde,
sondern ein notwendiger Teil des Ganzen, das ohne ihn zerfallen oder
absterben wrde; der Liberalismus hat dieselbe Existenzberechtigung wie
der wohlgesittetste Konservatismus; ich greife aber doch nur den
russischen Liberalismus an, und, ich wiederhole, greife ihn nur deshalb
an, weil der russische Liberale nicht ein _russischer_ Liberaler,
sondern eben ein _nichtrussischer_ Liberaler ist. Geben Sie mir einen
wirklich russischen Liberalen und ich werde ihm in Ihrer aller Gegenwart
sogleich einen Ku geben.

Vorausgesetzt, da er sich von Ihnen kssen lt, versetzte Alexandra
Iwanowna, die ungewhnlich angeregt zu sein schien. Sogar ihre Wangen
hatten sich gertet.

Seht doch mal! dachte Lisaweta Prokofjewna bei sich, sonst versteht
sie nur zu schlafen und zu essen, und jetzt pltzlich tut sie auch zum
Sprechen den Mund auf!

Der Frst bemerkte flchtig, da Alexandra Iwanowna Jewgenij
Pawlowitschs Heiterkeit, mit der er ber ein so ernstes Thema sprach,
sehr zu mifallen schien, denn wenn sich dieser auch scheinbar
ereiferte, so konnte man andererseits doch fast glauben, da er nur
scherze.

Ich behauptete soeben -- kurz bevor Sie kamen, Frst -- fuhr Jewgenij
Pawlowitsch fort, da wir bis jetzt nur Liberale aus zwei
Gesellschaftsklassen gehabt haben: aus dem Kreise der Intellektuellen,
aus dem Stande der ehemaligen Gutsbesitzer und der Klasse der
Seminaristen, Popenshne, Lehrer. Da sich aber nun jeder dieser Stnde
mit der Zeit zu einer richtigen Kaste ausgebildet hat, zu etwas von der
brigen Nation ganz Abgesondertem, und dieser Zustand sich von
Generation zu Generation noch verschrft, so ist folglich auch alles
das, was sie getan haben oder noch tun, im hchsten Grade _nicht_
national ...

Was? Alles, was getan worden ist, alles das -- sei nicht russisch?
unterbrach ihn Frst Sch.

Nicht national; wenn es auch russisch ist, so ist es doch nicht
national; die Liberalen sind bei uns nicht russisch und auch die
Konservativen sind bei uns nicht russisch. Und Sie knnen berzeugt
sein, da die Nation nichts von dem anerkennt, was von den Gutsbesitzern
und Seminaristen getan worden ist, -- weder tut sie es jetzt, noch wird
sie es spter tun ...

Das ist mal gut! Wie kannst du ein solches Paradox behaupten? wenn du
es im Ernst tust! Ich kann solche Angriffe auf den russischen
Gutsbesitzer nicht zulassen; du bist doch selbst ein russischer
Gutsbesitzer, widersprach ihm Frst Sch. eifrig.

Aber ich rede ja doch nicht in dem Sinne vom russischen Gutsbesitzer,
wie du es auffat. Es ist ein beraus ehrenwerter Stand, und wenn auch
nur, sagen wir, deshalb, weil ich zu ihm gehre; namentlich jetzt,
nachdem er aufgehrt hat, Kaste zu sein ...

Sollte denn wirklich auch in der Literatur nichts Nationales geschaffen
worden sein? unterbrach ihn Alexandra Iwanowna.

Ich bin in der Literatur nicht sehr bewandert, aber meiner Meinung nach
ist auch unsere ganze Literatur nicht russisch, ausgenommen hchstens
Lomonossoff, Puschkin und Gogol.

Erstens war das nicht wenig, und zweitens war der eine aus dem Volk und
die zwei anderen waren -- Gutsbesitzer! bemerkte Adelaida lachend.

Ganz recht, doch triumphieren Sie nicht zu frh. Da es nur diesen
dreien von allen russischen Schriftstellern gelungen ist, etwas
tatschlich _Eigenes_, ihr Eigenstes zu sagen, etwas, das sie von keinem
anderen entlehnt haben, so sind diese drei sogleich auch national
geworden; wer von uns Russen etwas Eigenes, etwas unanfechtbar Eigenes,
von keinem Entlehntes sagt, wird unfehlbar sogleich national, und wenn
er auch nur schlechtes Russisch sprche. Das ist fr mich ein Axiom.
Doch wir wollten ja nicht von der Literatur sprechen, wir sprachen von
den Sozialisten. Und so behaupte ich denn nochmals, da wir keinen
einzigen russischen Sozialisten haben; weder jetzt noch frher, denn
alle unsere sogenannten Sozialisten sind ausnahmslos aus den
Gutsbesitzern und Intellektuellen hervorgegangen. Selbst unsere
berzeugtesten, verschriensten Sozialisten, sowohl die hiesigen wie die
im Auslande lebenden, sind nichts anderes, als liberale Gutsbesitzer aus
der Zeit der Leibeigenschaft. Weshalb lachen Sie? Geben Sie mir ihre
Bcher, geben Sie mir ihre Theorien, geben Sie mir alle ihre Memoiren,
und ich werde, ohne Literaturkritiker zu sein, die berzeugendste
literarische Kritik schreiben, in der ich sonnenklar beweisen werde, da
jede Seite ihrer Bcher, Broschren und Memoiren in erster Linie von dem
ehemaligen russischen Gutsbesitzer geschrieben ist. Ihr Unwille, ihre
Wut, ihr Esprit -- alles ist gutsbesitzerhaft; ihr Entzcken, ihre
Ekstase, ihre Trnen, ihre vielleicht sogar aufrichtigen Trnen -- sind
gutsbesitzerhaft! Oder seminaristenhaft ... Sie lachen wieder, und auch
Sie lachen, Frst? Sie sind gleichfalls nicht damit einverstanden?

Da alle lachten, hatte auch der Frst gelchelt.

Das kann ich so direkt noch nicht sagen, ob ich einverstanden bin oder
nicht, sagte der Frst, indem er sogleich ernst wurde -- er war sogar
wie ein ertappter Schler zusammengezuckt, als sich Jewgenij Pawlowitsch
pltzlich an ihn gewandt hatte -- aber ich versichere, da ich Ihnen
sehr gespannt zuhre ... brachte er fast atemlos hervor, und kalter
Schwei trat ihm auf die Stirn. Es waren das die ersten Worte, die er
hier sprach, und instinktiv wollte er sich umschauen, doch wagte er es
nicht. Jewgenij Pawlowitsch erriet es und lchelte.

Ich werde Ihnen, meine Damen und Herren, eine Tatsache mitteilen, fuhr
er im selben Ton fort, so, als wre er mit ungeheurem Eifer bei der
Sache und mache doch dabei gleichzeitig sich fast lustig, lache
womglich ber seine eigenen Worte, eine Tatsache, deren Beobachtung
und sogar Entdeckung ich die Ehre habe, mir, und zwar mir ganz allein,
zuschreiben zu drfen; wenigstens ist davon noch niemals gesprochen oder
geschrieben worden. In dieser Tatsache drckt sich das ganze Wesen jenes
Liberalismus, jener Art von Liberalismus aus, von der ich rede. Erstens:
was ist denn der Liberalismus anderes, im allgemeinen gesprochen, als
ein Herfallen -- ob ein vernnftiges oder unvernnftiges ist eine andere
Frage --, ein Herfallen ber die bestehende Ordnung der Dinge? So ist es
doch? Nun, diese meine Beobachtung besteht aber darin, da der russische
Liberalismus kein Herfallen ber die bestehende Ordnung der Dinge ist,
sondern ein Herfallen ber das Wesen unserer Dinge, ber die Dinge
selbst -- nicht nur ber deren Ordnung, nicht ber die russischen
>Ordnungen<, wenn man sich so ausdrcken darf, sondern ber Ruland.
Unser Liberaler ist schlielich so weit gekommen, da er Ruland selbst
verneint, also seine eigene Mutter hat und schlgt; jede miglckte
russische Tat erweckt in ihm Gelchter, wenn nicht gar Entzcken. Er
hat die Volksbruche, die russische Geschichte, alles. Wenn es eine
Rechtfertigung fr ihn gibt, so kann es hchstens die sein, da er
selbst nicht wei, was er tut, und seinen Ha fr den fruchtbarsten
Liberalismus hlt. O, Sie knnen bei uns oft einen Liberalen sehn, dem
die brigen begeistert Beifall spenden, und der vielleicht im Grunde
genommen der unsinnigste, stumpfste und gefhrlichste Konservative ist,
ohne es selbst auch nur zu ahnen! Dieser Ha auf Ruland wurde vor noch
nicht allzu langer Zeit von manchen unserer Liberalen fast fr die
wirkliche Liebe zum Vaterlande gehalten, und sie taten noch gro damit,
da sie besser shen, als die anderen, worin diese Liebe bestehen msse;
jetzt jedoch sind sie bereits aufrichtiger geworden, jetzt schmen sie
sich des Wortes >Vaterlandsliebe<, ja, sie wollen sogar den Begriff
desselben als schdlich und dumm ausrotten und aus der Welt schaffen;
diese Tatsache ist an sich vollkommen richtig, dafr komme ich auf und,
einmal wenigstens mu man doch die Wahrheit ganz aussprechen, einfach
und offen. Gleichzeitig ist aber diese Tatsache in keinem anderen
Jahrhundert und bei keinem anderen Volke zu finden, folglich ist sie
eine zufllige und vorbergehende, ich gebe es zu. Kann es doch in
keinem Lande einen Liberalen geben, der sein eigenes Vaterland hat.
Womit nun lt sich das bei uns erklren? Ich denke, nur damit, worauf
ich bereits vorhin hinwies: da der russische Liberale vorlufig noch
gar kein russischer Liberaler ist. Und zwar ist das die einzige
Erklrung, meine ich.

Ich fasse alles, was du da gesagt hast, als Scherz auf, Jewgenij
Pawlowitsch, bemerkte der Frst Sch. sehr ernst.

Ich habe nicht alle Liberalen gesehen und kann daher auch nicht
urteilen, sagte Alexandra Iwanowna, aber ich habe mit Unwillen Ihre
Auffassung angehrt: Sie haben einen einzelnen Fall zur allgemeinen
Regel erhoben, folglich haben Sie verleumdet.

Einen einzelnen Fall? A--a! Weil das Wort jetzt ausgesprochen ist!
griff sogleich Jewgenij Pawlowitsch auf. Frst, wie denken Sie darber,
ist es ein einzelner Fall oder nicht?

Ich mu zwar gleichfalls sagen, da ich wenig ... Liberale gesehen und
auch nur wenig mit solchen gesprochen habe, sagte der Frst, doch will
es mir trotzdem scheinen, da Sie vielleicht in gewissem Sinne recht
haben ... da jener russische Liberalismus, von dem Sie sprechen,
allerdings geneigt ist, Ruland selbst zu hassen, und nicht nur etwa die
staatliche Ordnung der Dinge bei uns. Natrlich ist das nur zum Teil
wahr ... selbstverstndlich kann man das nicht von allen sagen ...

Er stockte und verstummte, ohne seinen Gedanken ganz auszusprechen. Man
sah es ihm jedoch an, da das Gesprch sein Interesse in hohem Mae
erweckt hatte, ungeachtet seiner sonstigen inneren Erregung. Die
ungewhnliche Naivitt der Aufmerksamkeit, mit der der Frst allem
zuhrte, was ihn auch nur einigermaen interessierte, und mit der er
dann auch seine Antworten gab, wenn man sich an ihn wandte, machte
mitunter einen ganz eigentmlichen Eindruck. Diese Naivitt, dieses
blinde Vertrauen, das von Spott und Scherz nichts zu ahnen schien,
drckte sich nicht nur in seinem Gesicht, sondern auch in seiner ganzen
Krperhaltung aus.

Jewgenij Pawlowitsch hatte sich noch nie anders als mit einem feinen,
ganz feinen Spottlcheln an ihn gewandt, doch jetzt, nachdem ihm diese
Antwort zuteil geworden, blickte er ihn zum erstenmal mit vllig ernstem
Gesicht an, ganz als htte er nie und nimmer eine solche Antwort von ihm
erwartet.

Also ... wie Sie das doch sonderbar ... begann er verwundert, ... Und
Sie haben mir wirklich im Ernst geantwortet, Frst?

Ja, haben Sie denn nicht auch im Ernst gefragt? versetzte der Frst
erstaunt.

Alle lachten.

Glauben Sie das doch nicht, Adelaida lachte, Jewgenij Pawlowitsch
treibt mit allem und allen nur seinen Spott! Wenn Sie erst wten, von
was fr Dingen er bisweilen wie von etwas durchaus Ernstzunehmendem
redet!

Ich finde, da man mit so ernsten Dingen nicht scherzen sollte, lassen
wir daher dieses Gesprch, versetzte Alexandra unwillig. Wir wollten
doch spazieren gehen.

Gewi, gehen wir, der Abend ist wundervoll! rief Jewgenij Pawlowitsch
lebhaft aus. Doch um Ihnen zu beweisen, da ich diesmal im Ernst
gesprochen habe, um es vor allem Ihnen zu beweisen, Frst -- Sie haben
mich in der Tat auerordentlich zu interessieren gewut, Frst, und ich
versichere Sie, da ich denn doch noch nicht ein so leerer Mensch bin,
wie es den Anschein haben mu ... obschon ich in der Tat ein leerer
Mensch bin! -- und ... wenn Sie erlauben, meine Damen und Herren, werde
ich nur noch eine, meine letzte Frage an den Frsten stellen, nur aus
besonderem Interesse, und damit wollen wir dann die Sache beenden. Diese
Frage ist mir erst vor etwa zwei Stunden in den Sinn gekommen -- wie Sie
sehen, Frst, denke ich bisweilen auch ber ernste Dinge nach; ich
selbst habe mir meine Frage bereits beantwortet, doch wollen wir sehen,
was nun der Frst zu ihr sagen wird. Soeben ist hier von einem
>einzelnen Fall< gesprochen worden. Dieses Wort ist bei uns sehr
bedeutungsvoll, man hrt es gar zu oft. Vor nicht langer Zeit wurde so
viel geschrieben und gesprochen von diesem entsetzlichen Morde der sechs
Menschen ... den ein ganz junger Mann begangen hatte, und von der
wunderlichen Rede des Verteidigers, in der dieser es _ganz natrlich_
fand, da dem Angeklagten infolge seiner Armut der Gedanke gekommen war,
diese sechs Menschen zu ermorden. Er hat es zwar nicht so kurz und mit
diesen Worten gesagt, doch der Sinn seiner Rede war kein anderer. Meiner
persnlichen Ansicht nach ist der Verteidiger, als er diesen so
seltsamen Gedanken ausgesprochen, fest berzeugt gewesen, da er das
Liberalste, Humanste und Fortgeschrittenste gesagt habe, das man in
unserer Zeit berhaupt sagen knnte. Nun, was aber meinen Sie, welches
wre Ihre Meinung: ist diese Entstellung unserer bisherigen Begriffe und
berzeugungen, die Mglichkeit einer so schiefen Auffassung der Sache
ein einzelner Fall oder ein allgemeiner Ausdruck?

Wieder lachten alle.

Ein einzelner, selbstverstndlich ein einzelner! sagten Alexandra und
Adelaida lachend.

Erlaube mir, zu bemerken, Jewgenij Pawlowitsch, wandte Frst Sch. ein,
da dieser Prozescherz schon mehr als alt ist ...

Was meinen Sie, Frst? fragte Jewgenij Pawlowitsch, ohne den anderen
anzuhren, als er den neugierigen ernsten Blick des Frsten Lew
Nikolajewitsch auffing, mit dem ihn dieser ansah. Wie scheint es Ihnen:
ist es ein einzelner, sozusagen ein Privatfall, oder ein typischer? Ich
habe, offen gestanden, nur fr Sie diese Frage ausgedacht.

Nein, kein einzelner Fall, sagte leise, doch fest der Frst.

Aber ich bitte Sie, Lew Nikolajewitsch! rief fast unwillig Frst Sch.
aus, sehen Sie denn nicht, da er Ihnen nur Fallen stellt! Er treibt
doch nur Scherz und will Sie fangen.

Ich dachte, Jewgenij Pawlowitsch habe im Ernst gesprochen,
entschuldigte sich der Frst; das Blut stieg ihm hei ins Gesicht, und
er senkte den Blick zu Boden.

Mein lieber Frst, fuhr Frst Sch. fort, entsinnen Sie sich noch
dessen, was wir einmal vor drei Monaten sprachen? Wir sprachen gerade
ber unser Rechtswesen und meinten, da wir unter unseren Juristen eine
ganze Reihe von wirklich bemerkenswerten und talentvollen Verteidigern
htten, und auf wie viele, wie viele im hchsten Grade bemerkenswerte
Urteile der Geschworenen knne man nicht bereits hinweisen! Und wie Sie
sich darber freuten, und wie ich mich ber Ihre Freude freute! ... Wir
sagten noch, da wir stolz sein knnten ... Diese ungeschickte
Verteidigungsrede aber ist selbstverstndlich ein Ausnahmefall, eine
Eins unter Tausenden ...

Frst Lew Nikolajewitsch dachte nach und antwortete dann offenbar fest
berzeugt, wenn er auch nur leise und fast schchtern sprach:

Ich wollte nur sagen, da die Entstellung der Ideen und Begriffe, wie
sich Jewgenij Pawlowitsch ausdrckte, sehr oft vorkommt und weit mehr
ein typischer als ein einzelner Fall ist, leider. Und das sogar in dem
Mae, da es vielleicht, wenn diese Entstellung nicht so allgemein wre,
vielleicht auch weniger solche unmglichen Verbrechen geben wrde, wie
jetzt.

Unmgliche Verbrechen? Aber ich versichere Sie, da es genau solche
Verbrechen und noch viel schrecklichere auch frher gegeben hat, und
nicht nur bei uns, sondern berall, und meiner Ansicht nach werden sie
sich auch noch sehr lange fortsetzen und wiederholen. Der Unterschied
besteht nur darin, da sie frher weniger bekannt wurden, whrend jetzt
alle Zeitungen spaltenlange Berichte von jeder neuen Mordtat bringen,
und deshalb scheint es dann, da diese Verbrechen erst jetzt aufgetaucht
sind. Sehen Sie, das ist Ihr ganzer Irrtum, lieber Frst, ein sehr
naiver Irrtum, kann man sagen, schlo mit etwas spttischem Lcheln
Frst Sch.

Ich wei es selbst, da es auch frher sehr viele Verbrechen gegeben
hat, entgegnete Lew Nikolajewitsch, und zwar ebenso entsetzliche wie
jetzt. Ich bin noch vor kurzem in Gefngnissen gewesen und es ist mir
sogar gelungen, mit einzelnen Verbrechern und Angeklagten nher bekannt
zu werden. Es gibt sogar noch viel entsetzlichere Mrder als diese hier,
Verbrecher, die ganze zehn Menschen ermordet haben und ihre Tat nicht im
geringsten bereuen. Aber es ist mir bei der Gelegenheit doch eines
aufgefallen: da selbst der eingefleischteste und klteste Mrder, der
nicht die geringste Reue empfindet, dennoch wei, da er ein
_Verbrecher_ ist, vor seinem Gewissen wei, da er schlecht gehandelt
hat, wenn er dabei vielleicht auch keine Reue empfindet. Und so ist ein
jeder von ihnen. Diese aber, von denen Jewgenij Pawlowitsch spricht,
wollen sich nicht fr Verbrecher halten und sind innerlich fest
berzeugt, da sie das Recht dazu gehabt und sogar etwas sehr Gutes
getan haben oder doch fast etwas Gutes. Und darin besteht eben, meiner
Ansicht nach, der ganze furchtbare Unterschied. Und nicht zu vergessen,
da diese Verbrecher noch alle sehr jung sind, sich gewhnlich in einem
Alter befinden, in dem man am leichtesten und wehrlosesten den
Entstellungen gewisser Ideen gegenbersteht.

Frst Sch. hatte aufgehrt zu lachen und hrte verwundert dem Frsten
zu. Alexandra Iwanowna, die noch etwas hatte bemerken wollen, sagte
nichts mehr, als htte sie ein besonderer Gedanke davon zurckgehalten.
Jewgenij Pawlowitsch sah aber den Frsten ganz verblfft an, und diesmal
war tatschlich keine Spur von einem Lcheln in seinem Gesicht zu
bemerken.

Nun, warum sind Sie denn so erstaunt, mein Herr? trat ganz pltzlich
Lisaweta Prokofjewna fr den Frsten ein. Meinten Sie, da er zu dumm
sei, um ebenso wie Sie denken zu knnen?

N--nein, das nicht, brachte Jewgenij Pawlowitsch etwas verwirrt
hervor, nur ... wie haben Sie denn, Frst -- verzeihen Sie meine Frage
-- wenn Sie das selbst sehen und bemerken, wie haben Sie dann,
Verzeihung, in dieser sonderbaren Angelegenheit ... die da vor ein paar
Tagen ... Burdowskij hie der Mann, wenn ich nicht irre ... wie haben
Sie dann in dieser Affre dieselbe Entstellung der Ideen und sittlichen
berzeugungen nicht gesehen? Das war doch ganz genau dasselbe! Es schien
mir damals, da Sie es berhaupt nicht bemerkt htten.

Hren Sie mal, mein Lieber, wandte sich Lisaweta Prokofjewna mit
gerteten Wangen an Jewgenij Pawlowitsch, wir hier haben es alle
bemerkt und sitzen jetzt und tun gro vor ihm, er aber hat heute einen
Brief von dem Hauptanfhrer erhalten, von dem finnigen, entsinnst du
dich, Alexandra? In diesem Brief bittet er ihn um Verzeihung, wenn auch
auf seine Art, und teilt mit, da er mit jenem Freunde gebrochen habe,
der ihn da aufhetzte, -- entsinnst du dich, Alexandra? Und da er dem
Frsten jetzt mehr Glauben schenkt als ihnen. Nun, wir aber haben einen
solchen Brief noch nicht erhalten, und da ist es vielleicht etwas wenig
am Platz, wenn wir hier vor ihm unsere Nasen hochheben.

Und Hippolyt ist soeben gleichfalls beim Frsten eingetroffen! rief
Kolj.

Wie? Ist er schon hier? fuhr der Frst fast erschrocken auf.

Ja, Sie waren gerade mit Lisaweta Prokofjewna fortgegangen; ich brachte
ihn.

Da haben wir's! fuhr Lisaweta Prokofjewna sogleich emprt auf, ohne
daran zu denken, da sie soeben erst den Frsten gelobt hatte. Ich
wette, da er gestern in seine Dachstube geklettert ist und ihn auf den
Knien um Verzeihung gebeten hat, damit diese giftige Fliege sich dazu
herabliee, hierherzukommen und bei ihm zu wohnen! Du bist doch gestern
bei ihm gewesen? Du hast es doch vorhin schon gestanden! Ja oder nein?
Hast du vor ihm auf den Knien gelegen, sprich!

Durchaus nicht! rief Kolj ebenso emprt wie Lisaweta Prokofjewna.
Ganz im Gegenteil: Hippolyt hat seine Hand erfat und sie zweimal
gekt, ich habe es selbst gesehen, und damit endete die ganze
Unterredung! Der Frst hatte ihm nur gesagt, da er es hier in Pawlowsk
leichter haben wrde, und Hippolyt war sofort einverstanden,
herberzufahren, sobald er sich nur etwas besser fhle ...

Das haben Sie ganz unntigerweise gesagt, Kolj ... murmelte der Frst
betreten, indem er nach seinem Hut griff, weshalb erzhlen Sie das, ich
...

Wohin? hielt ihn Lisaweta Prokofjewna auf.

Lassen Sie sich nicht stren, Frst, fuhr Kolj fort, gehen Sie jetzt
nicht zu ihm, es wrde ihn nur aufregen, die Fahrt hat ihn sowieso schon
so angegriffen, da er sogleich eingeschlafen ist. Er ist sehr froh. Und
wissen Sie, Frst, ich glaube, es ist viel besser so, da er Sie nicht
sogleich sieht, schieben Sie es noch bis morgen auf, sonst wrde er sich
ja doch unbedingt wieder so tief vor Ihnen schmen. Heute morgen sagte
er, da er sich lange nicht so gut und so leicht gefhlt habe, und er
hustete auch viel weniger.

Der Frst bemerkte, da Aglaja sich pltzlich erhob und an den Tisch
trat. Er wagte nicht, hinzusehen, aber er fhlte mit jeder Fiber, da
sie ihn ansah, vielleicht sogar zornig ansah, mit einem deutlichen
Unwillen in ihrem dunklen Blick, und mit gertetem Gesicht.

Mir will es aber scheinen, da Sie ihn ganz unntz hierhergebracht
haben, Nikolai Ardalionowitsch, wenn Sie nur von demselben
schwindschtigen Knaben sprechen, der damals auf der Terrasse zu weinen
begann und uns alle zu seiner Beerdigung einlud, bemerkte Jewgenij
Pawlowitsch. Er sprach damals so schn von der Brandmauer des
Nachbarhauses, da er sich bald nach ihr zurcksehnen wird, dessen
knnen Sie sicher sein.

Natrlich! -- er wird launisch werden, wird mit dir streiten, ihr
werdet euch in die Haare geraten und dann fhrt er fort und lt dich
sitzen -- da hast du's dann!

Und Lisaweta Prokofjewna zog wrdevoll ihr Handarbeitstschchen zu sich
heran, ohne daran zu denken, da sich alle bereits zum Spaziergang
erhoben hatten.

Soviel mir erinnerlich ist, prahlte er sogar sehr mit dieser Wand,
bemerkte wieder Jewgenij Pawlowitsch. Ohne diese Wand wird er nicht
>schn< sterben knnen, er aber will doch vor allen Dingen gerade
>schn< sterben.

Nun, was ist denn dabei? murmelte der Frst. Wenn Sie ihm nicht
vergeben wollen, so wird er doch auch ohne Ihre Vergebung sterben ...
Jetzt ist er wegen der Bume hergekommen.

O, was mich betrifft, so bin ich gern bereit, ihm alles zu vergeben,
dessen knnen Sie ihn versichern.

Nein, das ist nicht so zu verstehen, sagte leise und gleichsam
widerstrebend der Frst, indem er fortfuhr, unbeweglich auf einen Punkt
des Fubodens zu sehen, ohne den Blick zu erheben, sondern so, da auch
Sie bereit waren, von ihm die Vergebung zu empfangen.

Ich? Wozu denn das? Was habe ich denn verbrochen?

Wenn Sie das nicht verstehen, so ... aber Sie verstehen es doch. Er
wollte damals ... Sie alle segnen und auch von Ihnen Segen empfangen,
und das war alles ...

Lieber Frst, unterbrach ihn Frst Sch. etwas furchtsam, wie es
schien, als wolle er schnell vorbeugen, nachdem er mit jemand einen
Blick ausgetauscht hatte, das Paradies ist auf Erden nicht so leicht zu
erwerben, Sie aber rechnen doch auch ein wenig auf ein irdisches Glck.
Nein, das Paradies ist eine schwere Sache, lieber Frst, viel schwerer,
als es Ihrem prchtigen Herzen scheint. Doch brechen wir ab, sonst
geraten wir wieder in eine Debatte und dann ...

Gehen wir, wir wollten doch die Musik anhren, sagte Lisaweta
Prokofjewna schroff und erhob sich rgerlich.

Ihrem Beispiel folgten auch die anderen.


                                  II.

Pltzlich trat der Frst auf Jewgenij Pawlowitsch zu.

Jewgenij Pawlowitsch, sagte er in seltsamer Erregung und er streckte
ihm die Hand entgegen, seien Sie berzeugt, da ich Sie fr den
edelsten und besten Menschen halte, trotz allem; seien Sie davon
berzeugt ...

Jewgenij Pawlowitsch trat sogar einen Schritt zurck vor Erstaunen.
Einen Augenblick lang mute er sich Gewalt antun, um nicht hell
aufzulachen, doch nachdem er etwas aufmerksam den Frsten angesehen,
bemerkte er, da dieser sich in einem ganz eigentmlichen Zustande
befand: er war wie auer sich.

Ich bin berzeugt, rief er aus, da Sie, Frst, gar nicht das sagen
wollten und vielleicht sogar auch gar nicht zu mir das sagen wollten ...
Aber was ist Ihnen? Ist Ihnen schlecht?

Vielleicht, ja, es ist sogar sehr mglich, da ich gar nicht, das ...
Sie haben das sehr fein bemerkt, da ich vielleicht gar nicht auf Sie
zutreten wollte!

Und nachdem er das gesagt, lchelte er sehr sonderbar, lchelte er fast
lcherlich. Doch pltzlich ging ein Zusammenzucken ber seine Gestalt,
er rief laut aus:

Erinnern Sie mich nicht daran, was ich damals tat, vor drei Tagen! Ich
habe mich diese ganzen drei Tage unsglich geschmt ... Ich wei, da
ich schuldig bin ...

Ja ... ja aber, was haben Sie denn so Furchtbares begangen?

Ich sehe, da Sie sich vielleicht am meisten fr mich schmen, Jewgenij
Pawlowitsch. Sie errten, das ist das Zeichen eines guten Herzens. Ich
werde sogleich fortgehen, seien Sie berzeugt.

Aber was hat er nur! wandte sich Lisaweta Prokofjewna ganz erschrocken
an Kolj. Fangen etwa seine Anflle so an?

Beunruhigen Sie sich nicht, Lisaweta Prokofjewna, ich habe keinen
Anfall, ich werde sogleich gehen. Ich wei, da ich ... von der Natur
zurckgesetzt bin. Ich war vierundzwanzig Jahre lang krank, jawohl, bis
zu meinem vierundzwanzigsten Lebensjahr. So ... mssen Sie mich auch
jetzt als Kranken beurteilen. Ich werde sogleich fortgehen, sogleich,
ich versichere Sie. Ich errte nicht -- denn es wre doch sonderbar,
deshalb zu errten, nicht wahr? -- aber in der Gesellschaft bin ich
berflssig ... Ich sage das nicht aus gekrnkter Eigenliebe ... Ich
habe in diesen drei Tagen nachgedacht und bin zu der Einsicht gekommen,
da ich, wenn ich mich jetzt ganz zurckziehe, Sie darber bei der
ersten Gelegenheit aufklren mu. Es gibt Ideen, es gibt hohe Ideen, von
denen zu reden ich gar nicht anfangen darf, denn ich wrde doch nur alle
erheitern; Frst Sch. hat mich soeben daran erinnert ... Ich habe kein
Benehmen, ich kenne kein Mahalten; meine Worte entsprechen nicht meinen
Gedanken -- das aber ist eine Erniedrigung dieser Gedanken. Und deshalb
habe ich kein Recht ... Zudem bin ich noch mitrauisch, ich ... ich bin
berzeugt, da mich in diesem Hause niemand krnken will und man mich
mehr liebt, als ich es wert bin, aber ich wei, ich wei ja doch ganz
genau, da von einer vierundzwanzigjhrigen Krankheit unbedingt etwas
nachgeblieben sein mu, so da man bisweilen ... unwillkrlich ber mich
lachen mu ... nicht wahr, so ist's doch?

Er schien eine Antwort, eine Entscheidung zu erwarten, indem er sich
fragend im Kreise umsah. Doch alle standen noch ganz berrascht und
verwundert unter dem Eindruck dieses unerwarteten, krankhaften, und wie
man meinen sollte, in jedem Falle grundlosen Ausfalls, und niemand sagte
ein Wort.

Weshalb sagen Sie das hier? stie pltzlich Aglaja zitternd hervor.
Weshalb sagen Sie das ihnen? ihnen! ihnen!

Sie schien auer sich zu sein. Ihre Augen glhten. Ihr Blick blitzte.
Der Frst sah sie sprachlos an ... und pltzlich erbleichte er.

Hier gibt es keinen einzigen, der dieser Worte wert wre! fuhr Aglaja
wie rasend fort. Alle diese hier, alle, alle, sind nicht einmal Ihres
kleinen Fingers wert, geschweige denn Ihres Verstandes oder Herzens! Sie
sind ehrlicher als alle, Sie sind edler als alle, Sie sind besser, Sie
sind reiner, Sie sind klger als alle! Kein einziger von ihnen ist wert,
dieses Taschentuch da, das Sie haben fallen lassen, aufzuheben ...
Weshalb erniedrigen Sie sich, weshalb stellen Sie sich niedriger als
alle anderen? Weshalb haben Sie das alles hier vorgebracht, weshalb
haben Sie so gar keinen Stolz?

Groer Gott, wer htte das je ahnen knnen! rief Lisaweta Prokofjewna,
die Hnde zusammenschlagend, aus.

Der arme Ritter! Hurra! schrie Kolj begeistert.

Schweigen Sie! ... Wie darf man es wagen, mich hier in Ihrem Hause zu
beleidigen! brachte Aglaja zornbebend hervor und strzte zur Mutter.
Sie befand sich bereits in jenem hysterischen Zustande, in dem man alle
Grenzen vergit. Alle, alle, alle qulen mich! Und weshalb? Frst,
weshalb werde ich die ganze Zeit, ganze drei Tage schon, Ihretwegen
geqult? Unter keiner Bedingung werde ich Sie heiraten! Hren Sie? Unter
keiner Bedingung, nie, niemals! Damit Sie es nur wissen! Kann man denn
einen so lcherlichen Menschen wie Sie berhaupt lieben? So blicken Sie
doch nur einmal in den Spiegel, sehen Sie doch, wie Sie dastehen und wie
Sie jetzt aussehen! Weshalb, weshalb necken mich alle, weshalb ziehen
sie mich immer damit auf, da ich Sie heiraten wrde? Sie mssen es
wissen! Sie sind gleichfalls mit ihnen im Bunde, alle haben sie sich
gegen mich verschworen!

Niemand hat sie aufgezogen, was redet sie! stotterte Adelaida
aufrichtig erschrocken.

Es ist uns berhaupt nicht in den Sinn gekommen, auch nur ein Wort
davon zu sagen! versicherte Alexandra Iwanowna sichtlich bestrzt.

Wer hat sie aufgezogen? Wann denn? Wer hat ihr so etwas sagen knnen?
Phantasierst du, bist du krank? brachte Lisaweta Prokofjewna zitternd
vor Emprung hervor.

Alle, alle haben mich aufgezogen, diese ganzen drei Tage! Niemals,
niemals werde ich ihn heiraten! raste Aglaja, und pltzlich brach sie
in bittere Trnen aus, prete ihr Taschentuch vor das Gesicht und sank
auf einen Stuhl.

Ja aber ... er hat dich ja noch gar nicht darum geb...

Ich habe Sie gar nicht darum gebeten, Aglaja Iwanowna, entfuhr es
pltzlich ganz unwillkrlich dem Frsten.

Wa--as? fragte erstaunt und fast entsetzt Lisaweta Prokofjewna.
Wa--as war das?

Sie traute ihren Ohren nicht.

Ich wollte sagen ... ich wollte nur sagen, stammelte der Frst
zitternd, ich wollte Aglaja Iwanowna nur erklren ... die Ehre haben,
ihr zu erklren, da ich durchaus nicht die Absicht gehabt habe ... die
Ehre gehabt habe, um Ihre Hand anzuhalten ... Ich bin hier wirklich, bei
Gott, ganz unschuldig, Aglaja Iwanowna! Ich habe es niemals gewollt, es
ist mir nie in den Sinn gekommen, und ich werde es auch niemals wollen,
Sie werden sehen, Sie knnen vollkommen ruhig sein, ich versichere Sie!
Es mu mich hier ein mir belwollender Mensch verleumdet haben! Sie
knnen wirklich ganz ruhig sein!

Whrend er das sprach, hatte er sich Aglaja genhert. Pltzlich nahm sie
das Taschentuch vom Gesicht, blickte ihn schnell an, dachte einen
Augenblick nach und -- brach in helles Gelchter aus, in ein so
frhliches, unbezwingbares, ansteckendes Lachen, da Adelaida als erste
nicht widerstehen konnte, namentlich nach einem Blick auf den Frsten,
schnell zur Schwester lief, sie umarmte und in ein ebenso unbezwingbares
Lachen ausbrach wie diese. Beim Anblick der beiden, wie die Schulrangen
lachenden Schwestern mute pltzlich auch der Frst lcheln, und
erleichtert, froh und glcklich sagte er:

Gott sei Dank, nun, Gott sei Dank!

Da hielt es auch Alexandra nicht aus und begann gleichfalls von ganzem
Herzen zu lachen. Das Gelchter der drei schien gar kein Ende mehr
nehmen zu wollen.

Verrckt seid ihr! brummte Lisaweta Prokofjewna. Zuerst erschreckt
ihr einen -- ich wei nicht wie, und dann ...

Da lachte auch schon Frst Sch., und lachten Jewgenij Pawlowitsch und
Kolj, und beim Anblick so vieler Lachenden mute schlielich auch der
Frst lachen.

Gehen wir spazieren, gehen wir spazieren! rief Adelaida. Alle, alle,
auch der Frst mu mitkommen! Nein, Sie drfen jetzt nicht fortgehen,
Sie lieber Mensch, Sie! Nein, wie reizend er doch ist, Aglaja! Nicht
wahr, _maman_? Nein, ich mu ihm jetzt unbedingt, unbedingt einen Ku
dafr geben, fr ... fr den Korb, den er Aglaja gegeben hat! _Maman_,
liebe, gute, Sie erlauben mir doch, ihn zu kssen? Aglaja, erlaubst du,
da ich _deinen_ Frsten ksse? rief die Unartige in ihrem bermut,
lief schnell zum Frsten und kte ihn auch tatschlich auf die Stirn.

Frst Lew Nikolajewitsch ergriff ihre beiden Hnde, prete sie so fest
zusammen, da Adelaida fast aufschreien wollte, blickte sie mit
unendlicher Freude an, und pltzlich fhrte er schnell ihre Hand an
seine Lippen und kte sie dreimal.

Gehen wir! rief Aglaja. Frst, Sie werden mit mir gehen. Darf ich,
_maman_? Er hat mir doch einen Korb gegeben! Sie haben sich doch auf
ewig von mir losgesagt, Frst? Aber doch nicht so, doch nicht so reicht
man einer Dame den Arm! Wissen Sie denn noch nicht, wie man einer Dame
den Arm reicht? So, sehen Sie, so macht man das. Nun, gehen wir jetzt,
gehen wir! Und wir sind das erste Paar, wir wollen vorausgehen! Wollen
Sie so mit mir gehen -- _tte--tte?_

Sie sprach ohne Unterla, und immer noch konnte sie ihr Lachen nicht
ganz bezwingen.

Gott sei Dank! Nun, Gott sei Dank! atmete Lisaweta Prokofjewna wie
erlst auf, ohne selbst so recht zu wissen, worber sie sich eigentlich
freute und wofr sie dankte.

Sonderbare Menschen! dachte Frst Sch., vielleicht zum hundertsten
Male schon, seit er sie kennen gelernt hatte ... sie gefielen ihm, diese
sonderbaren Menschen. Nur der Frst gefiel ihm bedeutend weniger. Frst
Sch. fhlte sich sehr beunruhigt, als sie alle zusammen den Spaziergang
antraten.

Jewgenij Pawlowitsch war scheinbar in der heitersten Laune. Auf dem
ganzen Wege bis zum Kurhaus scherzte er mit Alexandra und Adelaida, die
ihrerseits mit so auffallender Bereitwilligkeit auf seine Spe
eingingen, da er den Verdacht schpfte, sie knnten ihm berhaupt nicht
zuhren. Bei diesem Gedanken lachte er dann pltzlich, ohne einen Grund
anzugeben, laut auf, und zwar aufrichtig, von ganzem Herzen, -- das war
schon so sein Charakter! Die Schwestern befanden sich beide in gehobener
Stimmung, ununterbrochen beobachteten sie Aglaja und den Frsten, die
ihnen vorangingen; augenscheinlich kam ihnen ihre jngste Schwester sehr
rtselhaft vor. Frst Sch. wiederum gab sich Mhe, Lisaweta Prokofjewna
mit nebenschlichen Dingen zu unterhalten, vielleicht um sie von
gewissen anderen Dingen abzulenken, und langweilte und rgerte sie
schrecklich damit. Sie schien sehr niedergeschlagen zu sein, antwortete
zerstreut und manchmal berhaupt nicht. Doch das rtselhafte Benehmen
Aglaja Iwanownas sollte an diesem Abend noch nicht sein Ende finden. Als
man sich ungefhr hundert Schritt von der Datsche entfernt hatte,
flsterte Aglaja halblaut ihrem schweigsamen Begleiter zu:

Sehen Sie nach rechts.

Der Frst blickte hin.

Sehen Sie diese Bank im Park, dort wo die drei groen Bume stehen ...
die grne Bank?

Der Frst bejahte.

Gefllt Ihnen dieser Platz? Dorthin gehe ich bisweilen des Morgens
gegen sieben Uhr, allein, wenn die anderen noch schlafen.

Der Frst antwortete verwirrt, da der Platz in der Tat sehr schn sei.

Doch jetzt gehen Sie fort von mir, ich will nicht mehr mit Ihnen Arm in
Arm gehen. Oder bleiben Sie, doch sprechen Sie mit mir kein Wort. Ich
will mich mit meinen eigenen Gedanken beschftigen ...

Diese Aufforderung war jedenfalls sehr berflssig; der Frst htte
sicher auch ohne diesen Befehl auf dem ganzen Wege zu ihr nicht ein
einziges Wort gesprochen. Sein Herz klopfte so heftig, als sie ihm die
Bank zeigte, doch beruhigte er sich bald darauf wieder und wies die
dummen Gedanken, die ihm kamen, mit Entrstung von sich.

Bei den Pawlowsker Kurhauskonzerten[22] ist das Publikum bekanntlich an
Wochentagen ein besseres und gewhlteres, als an den Sonn- und
Feiertagen, an denen alle Welt aus Petersburg dorthin kommt. Die
Toiletten sind nicht so auffallend, doch eleganter, und es gehrt zum
guten Ton, dorthin zur Musik zu gehen. Das Orchester ist in der Tat das
beste von allen unseren Sommerorchestern und setzt immer die neuesten
Kompositionen auf das Programm. Der gesellschaftliche Ton ist
vorzglich, der Besuch des Publikums trgt einen intimeren Charakter.
Die Datschenbewohner geben sich hier ihr Rendezvous. Viele finden sich
mit Vergngen nur um des Rendezvous' willen hier ein; doch gibt es auch
andere, die wirklich der Musik wegen kommen. Skandalgeschichten ereignen
sich an diesen Tagen uerst selten, doch pflegen auch sie manchmal
vorzukommen. Ganz ohne Skandal scheint es denn doch einmal in der Welt
nicht abzugehen.

Der Abend war diesmal wunderschn, und es hatte sich viel Publikum
versammelt. Um das Orchester herum waren alle Pltze besetzt. Unsere
Gesellschaft nahm auf einigen Sthlen am linken Ausgange des Saales
Platz. Das Wogen der Menge und die Musik belebte Lisaweta Prokofjewna
und erheiterte auch die jungen Damen; sie nickten freundlich Bekannten
zu, die sie erblickten, kritisierten die Toiletten und machten sich ber
manche auffallende Einzelheiten an ihnen lustig. Auch Jewgenij
Pawlowitsch grte des fteren. Aglaja und der Frst, die immer noch
zusammen waren, lenkten die Aufmerksamkeit der Anwesenden ersichtlich
auf sich. Bald kamen bekannte junge Leute zu ihnen, meistenteils
Leutnants und Freunde Jewgenij Pawlowitschs, die bei der Mutter und den
jungen Damen ihre Aufwartung machten. Unter diesen befand sich auch ein
junger, sehr schner, sehr lustiger und unterhaltender Offizier: er
bemhte sich, die Aufmerksamkeit Aglajas auf sich zu lenken und sie in
ein Gesprch zu ziehen. Aglaja war sehr liebenswrdig und heiter zu ihm.
Jewgenij Pawlowitsch stellte seinen Freund auch dem Frsten vor.

Der Frst begriff kaum, was um ihn vorging, er reichte fast unbewut dem
Leutnant seine Hand. Der Freund Jewgenij Pawlowitschs richtete an ihn
eine Frage, doch der Frst beantwortete sie nicht oder murmelte etwas
Unverstndliches vor sich hin, so da der Leutnant ihn befremdet
musterte, darauf Jewgenij Pawlowitsch ansah und sofort begriff, warum
der sie miteinander bekannt gemacht hatte. Lchelnd wandte er sich dann
wieder Aglaja zu. Nur Jewgenij Pawlowitsch war es aufgefallen, da
Aglaja pltzlich darber errtete.

Der Frst bemerkte es nicht einmal, da andere sich um die Gunst Aglajas
bewarben, ja, er verga sogar minutenlang, da er neben ihr sa. Am
liebsten wre er irgendwohin entflohen, an einen dsteren, den Ort, nur
um mit seinen Gedanken allein sein zu knnen, und so, da niemand wute,
wo er sich befand. Oder, wre er wenigstens bei sich allein zu Hause auf
der Terrasse gewesen, ohne Lebedeff, ohne die Kinder, knnte er
wenigstens allein in seinem Zimmer sich auf seinem Diwan ausstrecken,
sein Gesicht in die Kissen drcken und so liegen Tag und Nacht und noch
einen Tag! Fr Augenblicke sehnte er sich nach den Bergen und dachte an
seinen Lieblingsplatz an der Trift: wohin er, als er dort lebte, immer
zu gehen pflegte, um von ihm aus hinunter ins Dorf sehen zu knnen, auf
den nebligen weien Strich des Wasserfalls, auf die weien Wolken und
die alte Schloruine. Oh, wie gerne wre er jetzt dort, um nur an das
eine zu denken, -- oh, sein ganzes Leben lang nur daran --, und auf
tausend Jahre htte es gereicht! Und mge man, mge man ihn hier ganz
vergessen. Oh, es mte sogar so sein, und es wre besser, wenn sie ihn
berhaupt nicht gekannt htten und wenn alles, was er hier erlebt, nur
ein Traum gewesen wre. Aber ist es denn nicht einerlei, ob Traum, ob
Wirklichkeit! Pltzlich starrte er Aglaja an und wandte ganze fnf
Minuten lang seinen Blick von ihrem Gesicht nicht ab. Doch sonderbar war
dieser Blick von ihm: es schien, als sehe er auf sie wie einen
Gegenstand, der sich weit, weit von ihm befnde, oder wie auf ihre
Photographie, und nicht auf sie selbst.

Weshalb sehen Sie mich so an, Frst? fragte sie ihn pltzlich, das
Gesprch mit ihrer Umgebung abbrechend. Ich frchte mich vor Ihnen; mir
scheint es, als wollten Sie Ihre Hand ausstrecken, um mit einem Finger
mein Gesicht zu berhren. Genau so sieht er mich an, nicht wahr,
Jewgenij Pawlowitsch?

Der Frst hrte sie an und schien ganz verwundert, da sie sich an ihn
gewandt hatte, auch verstand er sie gar nicht, denn er antwortete nichts
darauf. Als er aber sah, da sie und alle lachten, da verzog auch er
seinen Mund zu einem Lcheln. Das Gelchter um ihn herum verstrkte
sich; der Leutnant, offenbar ein sehr lachlustiger Mensch, platzte vor
Lachen. Aglaja murmelte pltzlich wtend vor sich hin:

Idiot!

Groer Gott, knnte sie denn wirklich solch einen ... hat sie wirklich
ganz ihren Verstand verloren! murmelte knirschend vor Wut Lisaweta
Prokofjewna.

Das ist nur Scherz, wie das mit dem armen Ritter, flsterte ihr
Alexandra ins Ohr, und nichts mehr! Sie hat ihn wieder aufs Korn
genommen. Doch dieser Spa geht wirklich zu weit, _maman_, man mu dem
ein Ende machen. Vorhin am Abend gebrdete sie sich ja wie eine
Schauspielerin, hat uns nur erschrecken wollen ...

Es ist doch gut, da sie auf einen solchen Idioten gestoen ist,
antwortete ihr leise Lisaweta Prokofjewna.

Der Frst hatte es gehrt, da man ihn einen Idioten nannte und zuckte
zusammen -- doch nicht eigentlich, weil man ihn so genannt hatte. Das
Wort Idiot verga er sofort. Aber im Gedrnge, nicht weit davon
entfernt, wo er sa -- er htte nicht sagen knnen, an welcher Stelle
--, tauchte pltzlich wieder ein Gesicht auf, ein bleiches Gesicht mit
dunklen lockigen Haaren, mit dem bekannten, nur zu bekannten Lcheln und
dem Blick, -- tauchte auf und verschwand. Vielleicht hatte ihm alles das
nur so geschienen. Von der ganzen Erscheinung blieben ihm nur die Augen,
das Lcheln und das hellgrne Halstuch haften, das die vor ihm
auftauchende Erscheinung getragen. Verlor sich dieser Mensch in der
Menge? oder war er zum Saal hinausgegangen? Das konnte der Frst nicht
sagen.

Eine Minute nachher sprang er pltzlich auf und blickte unruhig um sich;
wie wenn die erste Erscheinung der Vorlufer einer zweiten wre? So
mute es sicher kommen. Hatte er wirklich die Mglichkeit einer
Begegnung so ganz vergessen, da er hierher gekommen war? Wirklich, als
er hierher gekommen war, hatte er berhaupt nicht gewut, wohin er ging,
in einem solchen Zustande befand er sich. Wenn er nur etwas aufmerksamer
gewesen wre, so htte er noch vor einer Viertelstunde bemerken knnen,
mit welcher Unruhe und Erwartung Aglaja um sich geblickt hatte, als ob
sie jemanden suchte, erwartete. Jetzt, als sie seine Unruhe bemerkte,
wuchs auch ihre Aufregung, und als er sich umblickte, folgte auch sie
seinen Blicken. Die Katastrophe sollte nicht ausbleiben.

In demselben Eingange, in dessen Nhe Jepantschins sich niedergelassen
hatten, erschien pltzlich ein Schwarm von etwa zehn Menschen. Ihnen
voran gingen drei Damen, zwei von ihnen waren von ungewhnlicher
Schnheit, so da es weiter nicht wunderlich schien, wenn ihnen so viele
Verehrer folgten. Doch sie selbst wie ihr Gefolge waren etwas
auergewhnlicher Art und in Haltung und Auftreten gar nicht dem sonst
anwesenden Publikum hnlich. Alle bemerkten sie sofort, doch der grte
Teil des Publikums bemhte sich auch sogleich, sie nicht zu beachten,
und nur einige jngere Herren schauten ihnen lchelnd nach oder sprachen
miteinander halblaut ber sie. Die Neuangekommenen berhaupt nicht zu
bemerken, war eigentlich unmglich, da sie sich laut benahmen und
lachten. Einige aus dieser sonderbaren Gesellschaft schienen schon recht
angeheitert zu sein, obgleich die meisten von ihnen elegant und
stutzerhaft gekleidet waren. Doch befanden sich unter ihnen auch Leute
von zweifelhaftem Aussehen und zweifelhafter Kleidung und mit
hochgerteten Gesichtern. Auch etliche niedere Militrpersonen waren
dabei und Gentlemen in lteren Jahren, mit schwarzen, glnzenden
Percken, mit prchtigen Backenbrten, goldenen Ringen und kostbaren
Busennadeln, eine Sorte von Menschen, deren Bekanntschaft Leute aus
guter Gesellschaft wie die Pest scheuen.

Um vom Kurhaus auf den freien Platz zu gelangen, wo die Musikhalle sich
befand, mute man einige Stufen hinabsteigen. Bei diesen Stufen jedoch
blieb die Gesellschaft stehen; offenbar wagte man sich nicht recht vor,
nur eine von den Damen ging weiter, gefolgt von zwei Herren aus ihrer
Gesellschaft. Der eine von ihnen war ein Mann in mittleren Jahren, von
bescheidenem, anstndigem ueren. Doch machte er den Eindruck eines
Menschen, der niemand kennt und von niemandem gekannt wird. Der andere
dagegen, der ihr folgte, machte in jedem Sinne einen gnzlich zerlumpten
Eindruck. Sonst folgte keiner der exzentrischen Dame, doch schien ihr
das vollstndig gleichgltig zu sein, denn als sie die Treppe
hinabstieg, sah sie sich nicht einmal nach den anderen um. Sie lachte
und unterhielt sich mit lauter Stimme wie vorher; gekleidet war sie
kostbar und geschmackvoll, wenn auch etwas auffallender, als es sich
schickte. Sie ging die Estrade entlang auf die andere Seite hinber, wo
vor dem Ausgang eine Equipage auf sie zu warten schien.

Der Frst hatte _sie_ bereits drei Monate nicht mehr gesehen. Alle diese
Tage, seit seiner Ankunft in Petersburg, hatte er zu ihr gehen wollen,
doch ein geheimes Vorgefhl hielt ihn immer wieder davon zurck.
Wenigstens konnte er sich ein Wiedersehen mit ihr gar nicht vorstellen,
und vor dem Eindruck, den diese Begegnung auf ihn machen wrde, hatte er
gezittert. Eines war ihm klar -- diese Begegnung, wenn sie stattfand,
wrde eine verhngnisvolle sein. Wie oft dachte er in diesen sechs
Wochen an den ersten Eindruck, den das Gesicht dieser Frau auf ihn
gemacht hatte, damals, als er es auf der Photographie gesehen: es war
ein schwerer, ein qulender Eindruck gewesen. Und dieser Monat, den er
mit ihr in der Provinz verlebt, wo er sie jeden Tag gesehen hatte, war
fr ihn eine so qulende Erinnerung, da er an diese jngste
Vergangenheit gar nicht zu denken wagte. Das Gesicht dieser Frau machte
ihn leiden. Er hatte diese Empfindung Rogoshin gegenber Mitleid
genannt, endloses Mitleid, und so war es auch: schon das Gesicht auf der
Photographie hatte in seinem Herzen eine Qual von Mitleid entzndet, und
diese qualvolle Mitleidenschaft wrde ihn nie mehr verlassen und verlie
ihn auch jetzt nicht, das wute er. O, es hatte sogar noch zugenommen!
Doch jetzt, in diesem Augenblick, als sie so pltzlich erschien, begriff
er oder vielmehr fhlte er unbewut, da auch diese Erklrung seines
Gefhls Rogoshin gegenber allein nicht ausreichte. Denn es fehlten ihm
die Worte, dieses Entsetzen, ja, dieses Entsetzen, diese Angst
auszudrcken! Jetzt, in dieser Minute fhlte er es wieder, ja, er war
berzeugt, vollstndig berzeugt, aus seinen eigenen besonderen Grnden
berzeugt, da diese Frau -- wahnsinnig sei! Er empfand dasselbe, wie
jemand, der eine Frau ber alles in der Welt liebt oder die Mglichkeit
einer solchen Liebe versteht -- und pltzlich diese Frau angekettet
hinter Eisengittern und unter dem Stock des Aufsehers sieht.

Was ist Ihnen? flsterte Aglaja erschrocken und berhrte naiv seine
Hand.

Er wandte den Kopf nach ihr um, sah sie an, blickte in ihre schwarzen,
fr ihn unverstndlich blitzenden Augen und versuchte zu lcheln. Doch
in demselben Augenblick verga er sie schon wieder, und wieder
schweiften seine Augen nach rechts und suchten diese auergewhnliche
Erscheinung. Nastassja Filippowna ging in diesem Augenblick gerade an
den Sthlen der jungen Damen vorber, in deren Gesellschaft Jewgenij
Pawlowitsch lachte und scherzte. Der Frst erinnerte sich noch, wie
Aglaja pltzlich halblaut ausrief: Welche ...

Sie sprach das Wort nicht aus, doch hatte es gengt. Nastassja
Filippowna, die tat, als ob sie bis dahin niemand bemerkt htte, wandte
sich pltzlich nach ihnen um, und, als ob sie jetzt erst Jewgenij
Pawlowitsch she, rief sie aus:

Bah, da ist er ja! zugleich blieb sie stehen. Sonst kann man ihn
vergeblich suchen, kein Bote erreicht ihn. Da sitzt er jetzt, wo man ihn
am wenigsten vermutet ... Ich dchte, du solltest dort sein bei ihm ...
bei deinem Onkel.

Jewgenij Pawlowitsch fuhr jh auf und blickte Nastassja Filippowna
wtend an, doch wandte er ihr sogleich wieder den Rcken zu.

Wie? Weit du es denn noch nicht? Stellt euch doch nur vor, er wei es
noch nicht! Er hat sich ja erschossen! Heute morgen hat dein Onkel sich
erschossen! Heute um zwei Uhr habe ich es erfahren, die halbe Stadt wei
es bereits -- dreihundertfnfzigtausend Rubel fehlen in der Kronskasse,
andere sagen: fnfhunderttausend. Und ich rechnete darauf, da du noch
mal erben wrdest, -- alles hat er durchgebracht. Der allerverkommenste
Lebemann war dein Alter ... Nun, leb wohl, _bonne chance_!{[27]} Willst
du denn wirklich nicht hinfahren? Hast also zur rechten Zeit deinen
Abschied genommen, du Schlaukopf! Doch Unsinn, er wute es sicher schon
frher; vielleicht schon gestern ...

Mit der falschen Vorspiegelung einer intimen Bekanntschaft, die gar
nicht existierte, schien Nastassja Filippowna sicher eine besondere
Absicht zu verfolgen, das wute Jewgenij Pawlowitsch, und er hatte daher
zuerst versucht, sich so zu stellen, als ob er sie berhaupt nicht
bemerkte. Doch ihre Worte trafen ihn wie Keulenschlge; als er vom Tode
des Onkels hrte, wurde sein Gesicht so wei wie ein Tuch, und er wandte
sich unwillkrlich zu der Sprechenden. In dem Augenblick erhob sich auch
Lisaweta Prokofjewna von ihrem Stuhl, forderte die anderen auf, ihr zu
folgen, und verlie so schnell als mglich den Saal. Nur der Frst Lew
Nikolajewitsch blieb unentschlossen stehen, als besnne er sich noch
eine Sekunde, und auch Jewgenij Pawlowitsch stand noch immer wie
besinnungslos da. Doch hatten sich Jepantschins kaum auf zwanzig Schritt
entfernt, als es zu einem schrecklichen Skandal kam.

Der Leutnant und Freund Jewgenij Pawlowitschs, der sich mit Aglaja
unterhalten hatte, geriet pltzlich auer sich.

Hier ist einfach eine Peitsche ntig, sonst wird man dieses Geschpf
nicht los werden! rief er laut. Wie es schien, mute auch er schon
vorher ein Vertrauter Jewgenij Pawlowitschs gewesen sein.

Nastassja Filippowna wandte sich blitzschnell nach ihm um. Ihre Augen
flammten. Sie strzte sich auf den ersten jungen ihr gnzlich
unbekannten Mann, der zwei Schritte von ihr entfernt stand und in der
Hand ein dnnes geflochtenes Rohrstckchen hielt, ri es ihm aus der
Hand und schlug damit ihrem Beleidiger quer bers Gesicht. Das alles
geschah in einem Augenblick ... Der Leutnant, auer sich, strzte sich
auf sie. Nastassja Filippowna stand ganz allein da, ihr Gefolge hatte
sie verlassen. Auch der anstndige Herr in den mittleren Jahren war
nicht mehr zu sehen. In einer Minute freilich wre die Polizei
erschienen, aber diese eine Minute wrde Nastassja Filippowna gefhrlich
geworden sein, wenn ihr nicht unerwartet Hilfe gekommen wre. Der Frst,
einige Schritte nur vom Leutnant entfernt, packte diesen hinterrcks an
beiden Armen. Der Leutnant ri sich jedoch sofort los und stie den
Frsten so heftig vor die Brust, da er in einer Entfernung von drei
Schritt auf einen Stuhl fiel. Unterdessen hatte aber Nastassja
Filippowna andere Hilfe erhalten: vor dem Leutnant stand pltzlich der
Boxer und Autor des Zeitungsartikels, einstiger Genosse der frheren
Rogoshinschen Rotte.

Mein Name ist Keller, Leutnant a. D., stellte sich dieser vor. Wenn
Sie einen Faustkampf wnschen, Herr Hauptmann, so stehe ich, in
Vertretung der Dame, Ihnen zu Diensten. Verstehe mich vortrefflich auf
die englische Boxkunst. Beruhigen Sie sich, Herr Hauptmann! Ich bedaure
sehr, da man Sie so beleidigt hat, doch kann ich es nicht erlauben, da
Sie einer Dame gegenber, noch dazu vor den Augen des Publikums, von
Ihrem Faustrecht Gebrauch machen wollen. Wenn Sie sonst auf andere,
anstndigere Weise von mir Rechenschaft zu fordern wnschen, so werde
ich selbstverstndlich, Herr Hauptmann ...

Doch der Hauptmann-Leutnant war schon wieder zu sich gekommen und hrte
ihn gar nicht mehr an. In diesem Augenblick tauchte pltzlich Rogoshin
aus der Menge auf, reichte Nastassja Filippowna den Arm und fhrte sie
fort. Er war bla vor Erregung und zitterte. Doch konnte er sich nicht
enthalten, im Vorbergehen dem Leutnant ins Gesicht zu lachen und
hhnisch-triumphierend zu rufen:

Das hat gezogen! Das ganze Gesicht blutunterlaufen! Ha!

Dem Leutnant kam zum Bewutsein, mit wem er es zu tun hatte, er bedeckte
sein Gesicht mit dem Taschentuch und wandte sich hflich an den Frsten:

Frst Myschkin, ich hatte die Ehre, mit Ihnen bekannt zu sein?

Sie ist wahnsinnig! wahnsinnig! Ich versichere es Ihnen, antwortete
ihm der Frst mit bebender Stimme und streckte ihm seine zitternden
Hnde entgegen.

Ich kann mir freilich mit solchen Kenntnissen nicht schmeicheln; Ihren
Namen jedoch mu ich wissen.

Er verneigte sich leicht und ging davon. Die Polizei erschien genau fnf
Sekunden nachher, als die letzten Beteiligten des Skandals verschwunden
waren. brigens dauerte das Ganze nur fnf Minuten. Ein Teil des
Publikums hatte sich von seinen Sthlen erhoben und verlie das Konzert;
ein anderer wieder wechselte nur die Pltze; ein dritter freute sich
ber den Skandal, und alle sprachen interessiert und lebhaft darber.
Mit einem Wort, es endete wie gewhnlich. Das Orchester spielte wieder.
Der Frst war bereits Jepantschins gefolgt. Htte er sich whrend des
Vorfalles umgesehen, so htte er bemerkt, wie Aglaja, zwanzig Schritt
von ihm entfernt, der Szene zuschaute, ohne auf die Zurufe ihrer Mutter
und ihrer Schwestern zu achten, die weitergingen. Frst Sch. kehrte zu
ihr zurck und bat sie, ihm zu folgen. Lisaweta Prokofjewna fiel es auf,
da Aglaja, als sie in hchster Erregung zu ihnen zurckkehrte, ihre
Vorwrfe berhaupt nicht beachtete. Doch nach zwei Minuten, als die
Gesellschaft in den Park trat, sagte sie bereits mit der
allergleichgltigsten und launenhaftesten Stimme:

Ich wollte nur sehen, wie die Komdie enden wrde.


                                  III.

Der Vorfall hatte der Generalin und ihren Tchtern einen furchtbaren
Schrecken verursacht. In der Erregung legte Lisaweta Prokofjewna den Weg
nach Hause fast laufend zurck. Nach ihren Begriffen hatte sich bei
diesem Vorfall so vieles entschleiert, da in ihrem Kopfe, ungeachtet
ihrer Aufregung und ihres Schreckens, groe Entschlsse reiften. Doch
auch die anderen begriffen, da etwas ganz Besonderes vorgefallen und
da vielleicht zum Glck ein Geheimnis aufgedeckt worden war. Ungeachtet
der frheren Versicherungen und Erklrungen des Frsten Sch. schien
Jewgenij Pawlowitsch jetzt in der Tat entlarvt und seiner Beziehungen zu
diesem Geschpf berfhrt zu sein. So dachte Lisaweta Prokofjewna, und
so schien es auch den beiden lteren Tchtern. Das Ergebnis dieser
Annahme war, da die Sache noch verwickelter, noch rtselhafter wurde.
Die Tchter, die im Grunde vielleicht ber ihren Schrecken und die
Flucht ihrer Mutter ungehalten waren, wagten es doch nicht, sie mit
Fragen zu belstigen und zu beunruhigen. Auerdem schien es ihnen aus
irgendeinem Grunde, da ihre Schwester, Aglaja Iwanowna, vielleicht mehr
von dieser Sache wute, als sie alle drei, ihre Mutter einbezogen. Frst
Sch. war finster wie die Nacht und schwieg. Lisaweta Prokofjewna sprach
zu ihm whrend des ganzen Weges kein Wort, er aber schien es nicht
einmal zu bemerken. Adelaida versuchte, ihn zu fragen: von welchem Onkel
da die Rede gewesen und was in Petersburg sich ereignet hatte? Doch er
murmelte ihr mit saurer Miene etwas ganz Unverstndliches zur Antwort:
von Untersuchungen usw., und da das alles Unsinn wre. Darber besteht
kein Zweifel, stimmte ihm Adelaida bei und verstummte. Aglaja war
ungewhnlich ruhig und meinte nur, da man zu schnell gehe. Einmal
wandte sie sich um und bemerkte den Frsten, der ihnen nacheilte. ber
seine Bemhungen, sie einzuholen, lachte sie spttisch, doch beachtete
sie ihn weiter nicht mehr.

Kurz vor der Datsche begegnete ihnen Iwan Fedorowitsch, der soeben aus
Petersburg zurckkehrte. Seine erste Frage war nach Jewgenij
Pawlowitsch. Doch seine Gemahlin ging mit drohender Miene an ihm
vorber, ohne ihm zu antworten, ja, ohne ihn berhaupt anzusehen. An den
Gesichtern der Tchter und des Frsten Sch. erriet er sofort, da ein
Gewitter zum mindesten im Anzuge war. Auf seinem Gesicht lag sowieso
schon eine auergewhnliche Erregtheit. Er ergriff den Frsten Sch. am
Arm und hielt ihn am Eingang des Hauses zurck, um im Flsterton einige
Erkundigungen von ihm einzuziehen. An ihren erregten Gesichtern, als sie
auf die Terrasse traten und Lisaweta Prokofjewna in die Zimmer folgten,
konnte man sehen, da sie beide etwas Auergewhnliches erfahren hatten.
Auch die anderen folgten Lisaweta Prokofjewna nach oben, und auf der
Terrasse blieb Frst Myschkin ganz allein zurck. Er setzte sich in
einen Winkel, als erwartete er dort irgend jemanden, brigens wute er
selbst nicht, warum er das tat; ihm kam es gar nicht in den Sinn,
fortzugehen, obgleich ihn niemand bei der allgemeinen Aufregung vermit
htte. Er schien alles um sich herum vergessen zu haben und wre bereit
gewesen, so in Gedanken versunken jahrelang dazusitzen. Von Zeit zu Zeit
hrte er von oben Stimmen von einer erregten Unterhaltung. Der Frst
wute nicht, wie lang er schon so gesessen hatte, es wurde spt und
begann zu dunkeln. Pltzlich trat Aglaja auf die Terrasse, dem Aussehen
nach war sie ruhig, nur ein wenig bleich. Als sie den Frsten erblickte,
den sie augenscheinlich hier nicht erwartet hatte, lchelte sie
unwillig.

Was machen Sie hier? fragte sie und trat an ihn heran.

Der Frst stand verwirrt vom Stuhle auf, doch Aglaja setzte sich sofort
neben ihn, und so setzte auch er sich wieder hin. Sie betrachtete ihn
pltzlich sehr aufmerksam und sah darauf zum Fenster hinaus, ganz
gedankenlos in die Ferne starrend, und dann sah sie wieder ihn an.
Vielleicht will sie sich ber mich lustig machen, dachte der Frst,
doch wrde sie mich dann wohl einfach auslachen.

Vielleicht wollen Sie Tee, sagte sie pltzlich nach lngerem
Schweigen.

Nein. Ich wte nicht ...

Wie kann man das nicht wissen! Ach Sie, hren Sie: wenn jemand Sie zum
Duell forderte, was wrden Sie dann machen? Ich wollte Sie schon neulich
fragen.

Ja ... wer denn ... wer wrde mich denn zum Duell fordern?

Wenn man Sie aber forderte? Wrden Sie sich dann sehr frchten?

Ich glaube, da ich mich ... sehr frchten wrde.

Wirklich? So sind Sie also ein Feigling?

N--ein; vielleicht auch nicht. Ein Feigling ist der, welcher sich
frchtet und davonluft; doch wer sich frchtet und nicht davonluft,
der ist kein Feigling, sagte der Frst und lchelte nachdenklich.

Also, Sie wrden nicht fortlaufen?

Vielleicht wrde ich nicht fortlaufen, lachte er endlich ber ihre
Frage laut auf.

Ich bin zwar nur eine Frau, aber ich wrde um nichts in der Welt
fortlaufen, bemerkte sie in fast beleidigendem Tone. brigens, scheint
es, da Sie wie gewhnlich ber mich lachen, um selbst berlegen zu
erscheinen. Sagen Sie doch, bitte, meist schiet man sich auf zwlf
Schritt, einige auf zehn -- folglich wird man dabei erschossen oder
verwundet?

Im Duell, scheint es, wird selten jemand erschossen.

Wieso, selten? Puschkin wurde doch gettet.

Das war vielleicht zufllig.

Durchaus nicht zufllig: es war eben ein Duell auf Leben und Tod.

Die Kugel traf ihn so niedrig, da man annehmen mu, Dants habe hher
gezielt, etwa nach der Brust oder nach dem Kopfe. Dahin, wo er getroffen
wurde, zielt kein Mensch, also war der Tod Puschkins doch mehr ein
Zufall. Das haben mir sachverstndige Leute gesagt.

Und mir hat ein Soldat, mit dem ich einmal darber gesprochen habe,
gesagt, sie htten beim Militr ausdrcklich Befehl, wenn sie bungen
machen, gerade in die Mitte des Menschen zu zielen, in die >untere
Hlfte des Menschen<, wie sie sich ausdrcken. Also in die Brust und
nicht in den Kopf, vielmehr gerade in die Mitte des Menschen ist ihnen
befohlen zu schieen. Ich fragte darauf einen Leutnant, und er
besttigte es mir.

Das ist wahr, doch nur der groen Entfernung wegen.

Und Sie, knnen Sie schieen?

Ich habe noch niemals geschossen.

Knnen Sie wirklich nicht einmal eine Pistole laden?

Nein, ich kann es nicht. Das heit, ich wei, wie man es macht, doch
habe ich es noch niemals versucht.

Das heit soviel, da Sie es nicht knnen, denn dazu gehrt bung!
Hren Sie, lernen Sie es: zuerst kaufen Sie sich gutes Pulver, nicht
feuchtes etwa, sondern sehr trockenes ist ntig -- ganz feines Pulver,
sagen Sie nur Pistolenpulver, und nicht etwa solches, womit man Kanonen
ldt. Die Kugel, sagt man, giet man sich selbst. Haben Sie denn
Pistolen?

Nein, ich brauche keine, lachte der Frst laut auf.

Ach, was fr ein Unsinn! Kaufen Sie sich sofort eine Pistole, eine gute
franzsische oder englische, das sollen die besten sein. Dann nehmen Sie
einen Fingerhut voll Pulver, vielleicht auch zwei, und schtten es
hinein. Besser, Sie nehmen etwas mehr. Dann stopfen Sie Filz hinein, man
sagt, da durchaus Filz ntig sei, den knnen Sie ja irgendwoher, aus
einer Matratze oder aus einer Trpolsterung nehmen. Wenn der Filz drin
ist, dann stecken Sie die Kugel hinein, hren Sie: das Pulver zuerst und
die Kugel darauf, sonst geht's nicht los. Warum lachen Sie? Ich mchte,
da Sie jetzt jeden Tag Schiebungen machten, und sogar mehrmals am
Tage, damit Sie gut ins Ziel schieen knnen. Werden Sie es tun?

Der Frst schttelte sich vor Lachen; Aglaja war wtend und stampfte mit
dem Fue zornig auf. Ihre ernste Miene, mit der sie diesen Gegenstand
errterte, verwunderte den Frsten zuletzt. Zum Teil fhlte er, da er
hier ber irgend etwas nicht unterrichtet war, wonach er htte fragen
mssen -- und da es sicher was Ernsteres war, als ein bloes Gesprch.
All das ging ihm durch den Kopf, doch hatte er nur dafr Gefhl, da sie
neben ihm sa, da er sie ansah, whrend das, was sie sprach, ihm in
diesem Augenblick vllig gleichgltig war.

Auf die Terrasse trat pltzlich Iwan Fedorowitsch. Er schien einen
wichtigen Gang vor sich zu haben, in seiner besorgten Miene lag feste
Entschlossenheit.

Ah, Lew Nikolajewitsch, du hier ... Wohin gehst du? fragte er ihn,
obwohl Lew Nikolajewitsch auch nicht einmal daran gedacht hatte, sich
von seinem Platze zu erheben. Komm her, ich habe dir ein Wrtchen zu
sagen.

Auf Wiedersehen, sagte Aglaja und reichte ihm ihre Hand.

Auf der Terrasse war es schon ganz dunkel geworden, der Frst konnte ihr
Gesicht in diesem Augenblick nicht deutlich erkennen. Nach einer Minute,
als er mit dem General die Datsche verlassen hatte, errtete er
pltzlich ber und ber und prete seine rechte Hand fest zusammen und
an sich.

Offenbar hatten sie beide denselben Weg. Ungeachtet der spten Stunde
wollte Iwan Fedorowitsch wohl noch irgendwohin gehen, um sich mit irgend
jemand ber den Vorfall auszusprechen. Er sprach unzusammenhngende
Worte zum Frsten, erregt, schnell, und erwhnte des fteren Lisaweta
Prokofjewna. Wenn der Frst in diesem Augenblick etwas aufmerksam
gewesen wre, so htte er vielleicht bemerkt und erraten, da Iwan
Fedorowitsch ihn unter anderem gern ber etwas ausgefragt htte, oder
besser gesagt, eine offene und gerade Frage an ihn gestellt htte, aber
nicht wagte, an den betreffenden Punkt zu rhren, der dabei die
Hauptsache war. Der Frst war aber so zerstreut, da er anfangs
berhaupt nicht zugehrt und gar nicht verstanden hatte, was der General
zu ihm gesprochen, und als dieser ihm schlielich eine Frage stellte,
mute er zu seiner Schande gestehen, da er diese Frage nicht
beantworten konnte, weil er sie nicht begriff.

Der General zuckte die Achseln.

Sonderbare Menschen seid ihr doch alle, ich sage dir, da ich die Ideen
und die Aufregung Lisaweta Prokofjewnas berhaupt nicht verstehen kann.
Sie ist auer sich, weint und behauptet, da man uns beleidigt und
beschimpft habe. Wer? Wie? Womit? Wann und warum? Ich gebe zu, da ich
an vielem schuld bin ... doch die Ausflle ... dieses teuflischen
Weibes, das sich dazu noch unschicklich betrgt, gehen wirklich etwas zu
weit und mssen von der Polizei ... Ich habe die Absicht, mit einer
magebenden Persnlichkeit darber Rcksprache zu nehmen. Man knnte
alles im Guten, ruhig und liebenswrdig ohne jeglichen Skandal abmachen.
Ich selbst bin auch durchaus der Meinung, da die Zukunft noch viele
Ereignisse in ihrem Schoe birgt, und da noch vieles unaufgeklrt ist.
Oh, da steckt noch eine Intrige dahinter, und wenn man hier _nichts_
davon versteht, so versteht man dort noch weniger. Niemand wei etwas,
niemand hat was gehrt; du hast nichts gehrt, der hat nichts gehrt,
der fnfte hat auch noch nichts gehrt, ja, so bitte ich dich, wer hat
denn eigentlich was gehrt? Wie soll man da nicht den Verstand
verlieren, zur Hlfte scheinen es Halluzinationen, etwas, was berhaupt
nicht vorhanden ist ...

Sie ist wahnsinnig, murmelte der Frst schmerzlich, sich der Vorgnge
erinnernd.

Wenn du davon redest ... Diese Idee hatte ich auch zuerst und beruhigte
mich dabei. Doch jetzt sehe ich, da die anderen recht haben und glaube
nicht an ihren Wahnsinn. Nehmen wir an, sie sei wirklich eine irre Frau,
so ist sie doch auch wieder sehr schlau und durchaus nicht wahnsinnig.
Die Geschichte mit Hauptmann Alexejewitsch beweist das. Ihrerseits
steckt da eine sehr jesuitische Absicht dahinter.

Was fr ein Hauptmann Alexejewitsch?

Ach, mein Gott, Lew Nikolajewitsch, du hast wieder nichts gehrt! Davon
habe ich dir doch gleich zu Anfang erzhlt, von Hauptmann Alexejewitsch.
Deshalb bin ich doch heute so lange in der Stadt geblieben, zittere noch
jetzt an Hnden und Fen. Hauptmann a. D. Alexejewitsch Radomskij, der
Onkel von Jewgenij Pawlowitsch ...

Nun, was ist mit ihm? rief der Frst.

Hat sich erschossen, heute morgen um sieben Uhr. Ein angesehener Mann
von fnfundsiebzig Jahren, Epikurer, -- und ganz so, wie sie es gesagt
hat -- Kronsgelder sind verschwunden, eine bedeutende Summe!

Woher hat sie denn ...

Gewut? Ha, ha! Sie hat ja einen ganzen Stab um sich, kaum da sie sich
hier gezeigt hat. Du weit, was fr Leute sie besuchen und >die Ehre
ihrer Bekanntschaft< anstreben. So konnte sie doch sofort von dem
Unglck gehrt haben, denn ganz Petersburg wei es schon und hier halb
oder ganz Pawlowsk. Und was fr eine feine Anspielung sie Jewgenij
Pawlowitsch wegen seiner Zivilkleidung gemacht haben soll, wie man mir
erzhlte! Was fr eine teuflische Bemerkung! Nein, das kann keine
Wahnsinnige tun. Ich bestreite es natrlich durchaus, da Jewgenij
Pawlowitsch von der Katastrophe etwas gewut hat, das heit, da er Zeit
und Stunde genau gewut hat. Doch hat er es vielleicht kommen sehen,
vorausgefhlt. Wir aber, ich und auch Frst Sch., rechneten darauf, da
er ihn beerben wrde! Schrecklich! Schrecklich! Verstehe mich recht,
natrlich beschuldige ich ja Jewgenij Pawlowitsch in keiner Weise und
beeile mich, dir das ausdrcklich zu erklren, doch immerhin ist es
verdchtig ... Frst Sch. ist ganz auerordentlich betroffen. Alles das
hat ihn so erschttert.

Im Betragen Jewgenij Pawlowitschs liegt doch nichts Verdchtiges?

Nichts, nein! Er hat sich sehr anstndig verhalten. Ich habe auch auf
nichts anspielen wollen. Sein eigenes Vermgen ist, glaube ich,
unangerhrt. Lisaweta Prokofjewna will nichts davon hren ... Aber die
Hauptsache -- alle diese Familienkatastrophen, oder besser gesagt --
Reibereien oder wie man's nennen soll ... dir kann man's ja sagen, du
bist ein Freund des Hauses, Lew Nikolajewitsch, stelle dir doch nur vor,
erst jetzt erweist es sich, -- wenn ich mir auch darber noch gar nicht
klar bin --, da Jewgenij Pawlowitsch schon vor einem Monat Aglaja einen
Antrag gemacht hat und von ihr eine formelle Absage erhalten haben
soll.

Das kann nicht sein! rief der Frst, ganz Feuer und Flamme.

Ja, weit du denn etwas davon? Siehst du, mein Teurer, -- der General
blieb wie festgewurzelt an der Stelle stehen -- ich habe es dir doch
nur gesagt, weil du ... weil du ... man kann wohl sagen, ein solcher
Mensch bist. Vielleicht weit du was Nheres darber?

Ich wei nichts ... ich wei durchaus nichts von Jewgenij Pawlowitsch,
murmelte der Frst.

Und auch ich habe keine Ahnung! Mich, scheint es, will man wirklich
schon in die Erde stecken, und keiner will zugeben, da es fr mich
unertrglich ist, von alledem nichts zu erfahren. Soeben hatten wir eine
Szene, die schrecklich war! Ich erzhle sie dir nur, weil du wie mein
leiblicher Sohn bist. Hauptschlich macht sich Aglaja ber die Mutter
lustig. Von der Geschichte mit Jewgenij Pawlowitsch haben die Schwestern
erzhlt. Sie ist ja doch ein so eigenwilliges und phantastisches
Geschpf, da man schon gar nicht wei, was man mit ihr anfangen soll!
Sie hat grozgige und glnzende Eigenschaften, hat Herz und Verstand --
das ist wahr, doch launenhaft, spottlustig ist sie, mit einem Wort, ein
unbndiger Charakter, und dabei voll Phantasie. Sie lacht der Mutter ins
Gesicht; den Schwestern desgleichen; Frst Sch. lacht sie aus; ber mich
macht sie sich bestndig lustig, davon lohnt es sich berhaupt gar nicht
zu sprechen. Doch ich, ich liebe sie, liebe sie fast, weil sie mich
auslacht -- und mir scheint es, da sie mich darum auch besonders lieb
hat, mehr als die anderen, ja, so scheint es mir. Ich mchte wetten, da
sie auch schon ber dich gelacht hat. Soeben traf ich sie mit dir im
Gesprch an, sie sa da bei dir nach diesem Skandal, ganz, als ob nichts
geschehen wre.

Der Frst errtete und prete wieder seine rechte Hand an sich, doch
schwieg er.

Mein lieber, guter Lew Nikolajewitsch! Ich ... und selbst Lisaweta
Prokofjewna -- die dich brigens wieder achtet, und mit dir zusammen
auch mich, ich wei nicht warum -- wir lieben dich wirklich, lieben dich
aufrichtig und achten dich trotz aller dieser Vorflle. Ach, lieber
Freund, gib es doch zu, da solche Rtsel unertrglich sind, die dieser
kleine kaltbltige Satan uns da aufgibt -- sie stand da vor der Mutter
mit dem Ausdruck grter Verachtung fr alle unsere Fragen, und zwar
besonders fr mich, weil ich, der Teufel hol's, so dumm war und ihr mit
Strenge zu imponieren versuchte, als Haupt der Familie, versteht sich, o
dumm, dumm war ich -- als dieser kaltbltige kleine Teufel uns pltzlich
erklrt, da diese >Wahnsinnige< (so drckte sie sich aus, mit denselben
Worten wie du), >da diese Wahnsinnige sich in den Kopf gesetzt habe,
sie mit Lew Nikolajewitsch zu verheiraten und Jewgenij Pawlowitsch
deshalb in unserem Hause unmglich zu machen ...< Das war alles, auf
weitere Erklrungen lie sie sich nicht ein, lachte nur, wir rissen die
Muler auf, und sie geht einfach hinaus und schlgt die Tr hinter sich
zu. Darauf erzhlte man mir von dem Vorfall mit ihr ... ich meine --
deinem ... und ... und -- hre, lieber Frst, du bist doch ein
vernnftiger Mensch und kein empfindlicher Mensch, ich wrde dir gerne
etwas sagen ... doch rgere dich nicht: bei Gott, sie hlt auch dich zum
Narren. Wie ein Kind lacht sie ber dich, sei du ihr deshalb nicht bse,
aber es ist so. Denke dir nichts dabei, sie spottet ber dich und ber
uns alle, aus purer Langeweile. Nun, leb wohl! Du kennst unsere Gefhle
fr dich? Unsere aufrichtige Liebe zu dir? Wir bleiben dir
unvernderlich treu, doch ... jetzt mu ich fort, auf Wiedersehen!
Niemals habe ich so in der Klemme gesessen, wie gerade jetzt ... Ach,
diese Sommerfrischen!

Er lie den Frsten allein an einer Straenkreuzung. Der Frst blickte
um sich und schritt dann rasch ber die Strae, an das erleuchtete
Fenster einer Datsche, entfaltete einen kleinen Zettel, den er die ganze
Zeit whrend des Gesprches mit Iwan Fedorowitsch in der rechten Hand
gehalten hatte und las beim matten Schein des erleuchteten Fensters:

   Morgen, sieben Uhr frh, werde ich auf der grnen Bank im Park auf
   Sie warten. Ich habe mich entschlossen, ber eine sehr wichtige
   Angelegenheit, die Sie nahe angeht, mit Ihnen zu reden.

   P. S. Ich hoffe, Sie werden diesen Zettel niemandem zeigen. Obwohl
   ich mich schme, Ihnen das ausdrcklich zu sagen, so halte ich es
   doch fr ntig -- und ich errte beim Gedanken an Ihren lcherlichen
   Charakter.

   P. S. Es ist dieselbe grne Bank, die ich Ihnen vorhin gezeigt
   habe. Schmen Sie sich. Auch das mu ich noch hinzufgen.

Das Zettelchen war in aller Eile geschrieben und irgendwie
zusammengefaltet worden, wahrscheinlich kurz bevor Aglaja auf die
Terrasse hinausgetreten war. Eine unbeschreibliche Erregung, eine an
Schrecken grenzende Erregung ergriff den Frsten. Er prete seinen
Zettel wieder in die Hand und sprang wie ein aufgescheuchter Dieb vom
Fenster hinweg. Dabei stie er mit einem Menschen zusammen, der nicht
weit von ihm gestanden haben mute.

Ich suchte Sie, Frst! sagte der Herr.

Was? Sie sind es, Keller? rief Lew Nikolajewitsch erstaunt aus.

Ich suchte Sie, Frst, ich wartete auf Sie an der Datsche bei
Jepantschins und folgte Ihnen, als Sie mit dem General gingen. Ich stehe
zu Ihren Diensten, Frst, verfgen Sie ber Keller. Ich bin bereit, mich
fr Sie zu opfern, und wenn es sein mu, zu sterben.

Aber ... weshalb denn?

Nun, es wird doch sicher eine Forderung zum Duell erfolgen. Ich kenne
diesen stolzen Leutnant -- nicht persnlich etwa ... --, er ertrgt eine
Beleidigung nicht. Unsereinen, mich zum Beispiel und Rogoshin, hlt er
fr nichts, und vielleicht nicht mit Unrecht, darum kommen Sie allein
fr ihn in Frage. Die Rechnung werden Sie bezahlen mssen, Frst. Er hat
sich nach Ihnen erkundigt, ich hrte es, und sicher schickt er Ihnen
schon morgen seinen Sekundanten, oder, vielleicht wartet der schon jetzt
auf Sie. Wenn Sie mich der Ehre fr wrdig halten, so whlen Sie mich,
bitte, zu Ihrem Sekundanten, ich bin bereit, mit Ihnen bis aufs Schafott
zu gehen. Deshalb suchte ich Sie, Frst.

Also auch Sie reden von einem Duell! lachte pltzlich der Frst laut
auf, zu Kellers grter Verwunderung, und hrte gar nicht auf zu lachen,
so da Keller, der die ganze Zeit ber wie auf Nadeln gestanden, sich
fast beleidigt fhlte, als er dieses herzliche Lachen des Frsten hrte.

Sie haben ihn doch, Frst, vorhin an den Armen gepackt, ffentlich vor
allem Publikum. Ein Mann von Ehre wird sich das nicht gefallen lassen.

Und er hat mich vor die Brust gestoen! rief der Frst lachend. Warum
sollen wir uns denn schlagen? Ich werde ihn um Entschuldigung bitten,
das ist alles. Nun, und wenn wir uns schon schieen sollen, meinetwegen!
Mge er schieen, ich werde auch schieen. Ha, ha! Ich verstehe jetzt
einen Revolver zu laden! Wissen Sie, man hat es mir gesagt, wie man eine
Pistole ldt! Verstehen Sie, eine Pistole zu laden, Keller? Zuerst mu
man Pulver kaufen, Pistolenpulver, nicht zu feucht und nicht zu grob --
nicht etwa Pulver, womit man Kanonen ldt. Man mu zuerst das Pulver
hineinschtten, dann stopft man Filz von einer Trpolsterung in die
Mndung und dann steckt man die Kugel hinein -- nicht etwa die Kugel vor
dem Pulver, sonst geht's nicht los! Ha, ha! Ist das nicht eine prchtige
Regel, lieber Keller? Ach, Keller, wissen Sie, da ich Sie sofort
umarmen und abkssen werde. Ha, ha, ha! Woher sind Sie eigentlich vorhin
so pltzlich aufgetaucht? Kommen Sie nchstens zu mir: Champagner
trinken! Wir wollen uns alle betrinken! Wissen Sie, da ich zwlf
Flaschen Champagner besitze? Lebedeff hat sie im Keller, er verkaufte
sie mir >zufllig< vor drei Tagen. Ich will die ganze Gesellschaft dazu
einladen! Werden Sie heute nacht schlafen gehen?

Natrlich, wie immer, Frst.

Nun, dann, trumen Sie s! Ha, ha!

Der Frst ging ber die Strae in den Park hinein. Keller blieb ganz
verdutzt und nachdenklich stehen. Er hatte den Frsten noch nie in einer
so sonderbaren Stimmung angetroffen und htte sie niemals bei ihm fr
mglich gehalten.

Er hat wohl Fieber, auf einen nervsen Menschen mu das alles auch sehr
stark einwirken, freilich! Angst scheint er nicht zu haben. Sieh mal an,
solche haben also keine Angst, bei Gott! dachte Keller bei sich. Hm!
Champagner! Eine bemerkenswerte Aufforderung, wirklich. Zwlf Flaschen,
ein ganzes Dutzend; eine anstndige Batterie. Doch, ich mchte wetten,
da Lebedeff diesen Champagner irgendwie unter der Hand gekauft hat. Hm!
... er ist eigentlich sehr nett, dieser Frst; wirklich, ich liebe
solche ... doch da ist jetzt keine Zeit zu verlieren und ... wenn schon
Champagner, dann ...

Da der Frst wie im Fieber war, darin hatte Keller recht.

Lange, traumverloren, irrte der Frst im dunklen Park umher, bis er
pltzlich wahrnahm, da er sich in einer Allee befand. Er konnte sich
nicht entsinnen, wenn er es auch gewollt htte, was er diese ganze
Stunde im Park gedacht hatte. Doch ertappte er sich jetzt auf einem
Gedanken, ber den er pltzlich laut auflachen mute, obgleich
eigentlich gar kein Grund dazu vorhanden war. Es kam ihm in den Sinn,
da der Gedanke an das Duell nicht nur im Kopfe Kellers entsprungen war,
sondern auch in ihrem Kopfe, und da sie die ganze Pistolengeschichte
durchaus nicht zufllig erzhlt hatte. Bah! Pltzlich kam ihm eine
andere Idee. Vorhin, als sie auf die Terrasse trat und ich dort in der
Ecke sa, tat sie furchtbar verwundert, mich dort anzutreffen, und ...
lachte -- und sprach von Tee. In derselben Zeit hatte sie aber schon das
Zettelchen in der Hand gehabt: also wute sie doch, da ich auf der
Terrasse war! Warum war sie denn so verwundert darber? Ha, ha, ha!

Er zog das Zettelchen aus seiner Tasche und prete es an seine Lippen,
doch verstummte er pltzlich und wurde nachdenklich.

Wie ist das sonderbar! Wie ist das sonderbar! sagte er voll tiefer
Traurigkeit vor sich hin. In Momenten freudiger Erregung berkam ihn
immer eine tiefe Traurigkeit, er wute selbst nicht warum. Er schaute
sich aufmerksam um und wunderte sich, da er sich hier befand. Er fhlte
sich pltzlich sehr mde, ging auf eine Bank zu und setzte sich hin.
Rings um ihn herrschte ungewhnliche Stille. Die Musik am Kurhaus war
verstummt. Im Parke selbst befand sich vielleicht kein Mensch, es war ja
auch schon halb zwlf geworden. Die Nacht war still, warm und hell --
eine Petersburger Nacht im Anfang Juni, doch in dem dichten schattigen
Park und in der Allee war es vollstndig dunkel.

Wenn ihm jemand in dieser Minute gesagt htte, da er verliebt,
leidenschaftlich verliebt sei, so wrde er diese Bemerkung mit
Erstaunen, ja, vielleicht mit Unwillen aufgenommen haben. Wenn aber der
Betreffende noch hinzugefgt htte, da Aglajas Brief ein Liebesbrief,
eine Aufforderung zum Stelldichein sei, so wre er vor Scham rot
geworden und htte diesen Menschen vielleicht selbst zum Duell
gefordert. Es wre das wirklich von ihm aufrichtig empfunden gewesen,
denn nie wre es ihm in den Sinn gekommen, nie htte er an die
Mglichkeit einer Liebe dieses Mdchenherzens zu ihm geglaubt, oder gar
einer Liebe seinerseits zu diesem Mdchen. Bei einem solchen Gedanken
htte er sich geschmt: an die Mglichkeit einer Liebe zu ihm, zu einem
solchen Menschen wie er htte er nie geglaubt oder er htte sie fr ein
Wunder gehalten. Wenn er an etwas dachte, so dachte er an nichts weiter
als an einen mutwilligen Streich ihrerseits. Doch diesem Streich
gegenber verhielt er sich vollstndig gleichgltig und fand ihn
durchaus in der Ordnung. Er selbst war mit etwas ganz anderem
beschftigt. An die Richtigkeit der Bemerkung, die vorhin dem erregten
General entschlpft war -- da sie sich ber alle nur lustig mache, ber
ihn aber, den Frsten, am meisten und noch ganz besonders --, glaubte er
bedingungslos. Und dabei fhlte er sich nicht im geringsten gekrnkt,
seiner Meinung nach mute es sogar gerade so sein. Alles konzentrierte
sich jetzt fr ihn in dem einen Gedanken: da er sie morgen wiedersehen,
morgen in aller Frhe neben ihr auf der grnen Bank sitzen, die
Erklrung des Pistolenladens anhren und sie ansehen wrde! Das gengte
ihm vollkommen. Zwar tauchte ein- oder zweimal die Frage in ihm auf, was
sie ihm denn nur eigentlich zu sagen habe und was das wohl fr eine so
wichtige Angelegenheit sein knne -- dazu noch eine, die unmittelbar ihn
angehen sollte! --, doch trotzdem empfand er nicht einmal das Verlangen,
nachzudenken oder zu erraten, was sie damit wohl gemeint haben knnte;
da sie jedoch tatschlich vorhanden war, diese wichtige Angelegenheit,
daran zweifelte er keinen Augenblick.

Das Knirschen leiser Schritte auf dem Kies der Allee lie ihn
aufblicken. Ein Mensch, dessen Gesicht in der Dunkelheit nicht zu
erkennen war, nherte sich der Bank und setzte sich auf sie nieder. Der
Frst rckte schnell nher, fast bis dicht an ihn heran, und erkannte
das bleiche Gesicht Rogoshins.

Konnt mir ja denken, da du hier irgendwo herumbummelst, hab dich auch
nicht lange zu suchen gebraucht, brummte Rogoshin zwischen den Zhnen.

Sie sahen sich zum erstenmal nach jener Begegnung auf der Treppe des
Hotels. Es dauerte eine Weile, bis der Frst nach dem ersten Schreck
ber das pltzliche Auftauchen Rogoshins seine Gedanken gesammelt hatte.
Und schon fhlte er, da ein bekanntes, qulendes Gefhl in seinem
Herzen wieder auferstanden war. Rogoshin begriff offenbar, welch eine
Empfindung er im Frsten hervorgerufen hatte; und wenn er auch selbst zu
Anfang ein wenig verwirrt zu sein schien und mit einer gleichsam
gewollten Unbefangenheit sprach, so sah doch der Frst bald ein, da in
Rogoshins Wesen nichts bewut Gewolltes und auch keinerlei besondere
Verwirrung lag. Wenn sich aber in seinen Gesten und seinem Gesprch
vielleicht dennoch eine gewisse Befangenheit bemerkbar machte, so war
das hchstens etwas uerliches. In der Seele konnte sich dieser Mensch
nie verndern.

Wie ... wie hast du mich hier gefunden? fragte der Frst, um etwas zu
sagen.

Keller sagte es mir -- ich war zu dir gegangen -- >ist in den Park
gegangen<, sagte er; da dachte ich, nun, dann ist ja alles richtig!

Wieso, was ist >richtig<? griff der Frst erregt das Wort auf.

Rogoshin lachte kurz, gab aber keine Antwort.

Ich habe deinen Brief erhalten, Lew Nikolajewitsch; du hast das ganz
unntz geschrieben ... was du nur davon hast! ... Jetzt aber bin ich von
_ihr_ zu dir gekommen: sie befahl, dich unbedingt zu rufen ... mu dir
dringend etwas sagen ... Heute noch, bat sie zu kommen.

Ich werde morgen kommen. Jetzt gehe ich nach Haus; du ... kommst du zu
mir?

Wozu? Ich hab dir alles gesagt; leb wohl.

So kommst du nicht? fragte der Frst leise.

Ein seltsamer Mensch bist du, Lew Nikolajewitsch, man kann sich
wirklich nur ber dich wundern.

Rogoshin lachte wieder kurz und gehssig auf.

Weshalb hegst du jetzt solchen Groll gegen mich? fragte der Frst
traurig und doch mit verhaltener Leidenschaft. Du weit doch jetzt
selbst, da alles, was du frher dachtest, nicht richtig war. brigens
habe ich es selbst nicht anders erwartet, als da dein Ha auch jetzt
noch nicht vergehen wrde, und weit du, weshalb? Nicht deshalb, weil
nicht ich dir nach dem Leben getrachtet habe, sondern weil du mir nach
dem Leben getrachtet hast, deshalb vergeht dein Ha noch nicht. Aber ich
sage dir: ich kenne nur jenen Parfen Rogoshin, mit dem ich an jenem Tage
die Kreuze getauscht habe und der mir zum Bruder geworden ist, das habe
ich dir auch gestern in meinem Brief geschrieben, damit du diesen ganzen
Fiebertraum vergit und berhaupt nicht mehr an ihn denkst und auch nie
mehr darauf zu sprechen kommst. Weshalb wendest du dich von mir ab?
Weshalb verbirgst du deine Hand? Ich sage dir doch, da ich alles, was
damals war, fr nichts anderes als einen Fiebertraum halte: ich kenne
dich jetzt, wei, wie du damals warst, wei es so gut, als wre ich es
selbst gewesen. Das, was du damals glaubtest, das gab es gar nicht und
konnte es auch gar nicht geben. Weshalb aber soll dann dieser Ha
zwischen uns sein?

Du und Ha! lachte wieder Rogoshin in seiner gehssigen Weise als
Antwort auf die glhende Rede des Frsten.

Er stand halb von ihm abgewandt, nachdem er noch zwei Schritte zur Seite
getreten war, und verbarg allerdings seine Hand.

Jetzt steht es mir nicht mehr zu, berhaupt noch zu dir zu kommen, Lew
Nikolajewitsch, fgte er langsam und bedeutungsvoll nach einer Weile
hinzu.

So gro ist also dein Ha, wie?

Ich liebe dich nicht, Lew Nikolajewitsch, weshalb sollte ich also zu
dir kommen? Wei Gott, Frst, du bist ganz wie so 'n kleines Kind!
Willst du ein Spielzeug haben -- da nimm's aus der Tasche und leg's hin.
Begreifst doch nicht, um was es sich handelt. Das hast du auch alles
genau so in deinem Brief niedergeschrieben, ganz wie du's jetzt sagst,
aber was -- glaube ich dir denn etwa nicht? Ich glaube dir doch jedes
Wort und wei, da du mich niemals betrogen hast und auch hinfort nie
betrgen wirst, aber -- ich liebe dich trotzdem nicht. Da schreibst du
nun, da du alles vergessen hast, da du dich nur deines Bruders
Rogoshin erinnerst, der mit dir sein Kreuz getauscht hat, und nicht
jenes Rogoshin, der sein Messer gegen dich erhob. Aber woher kennst du
denn meine Gefhle? Rogoshin lachte wieder kurz auf. Ich habe doch
seither vielleicht noch kein einziges Mal das Geschehene bereut, du aber
hast mir schon deine brderliche Verzeihung zugesandt. Vielleicht hab
ich schon an jenem Abend an ganz was andres gedacht, daran aber --

Hast du berhaupt nicht gedacht! fiel ihm der Frst ins Wort. Aber
was hat denn das auf sich? Ich wette meinen Kopf darauf, da du damals
mit der Bahn hierher nach Pawlowsk gefahren bist, um sie dort in der
Menschenmenge ganz so wie heute zu beobachten und zu verfolgen! Nein, da
hast du mich nicht in Erstaunen gesetzt! Wei ich doch, da du, wenn du
damals nicht in einem Zustande gewesen wrst, in dem du berhaupt nur an
eins zu denken vermochtest, auch das Messer nicht gegen mich erhoben
httest. Ich hatte ja damals schon seit dem Morgen ein solches
Vorgefhl, sobald ich dich nur ansah. Weit du auch, wie du damals
warst? Gerade als wir die Kreuze tauschten, da mu sich in mir der
Gedanke geregt haben. Weshalb fhrtest du mich zu deiner alten Mutter?
Glaubtest du, damit deine Hand aufzuhalten? Doch was rede ich, das kann
ja gar nicht sein, da du damals daran gedacht httest, du hast es
vielleicht nur so gefhlt, ganz wie auch ich ... Wir fhlten es damals
in ein und demselben Augenblick. Und wenn du dann spter deine Hand --
die Gott abgelenkt hat -- nicht erhoben httest: als was wrde ich dann
jetzt vor dir dastehen? Ich habe dich doch sowieso dessen verdchtigt,
also ist es nur unsere gemeinsame Snde! Wir dachten es doch beide
zugleich! (So mach doch kein so finsteres Gesicht! Nun? und weshalb
lachst du jetzt?) >Nicht bereut<! Ja, aber du httest es doch vielleicht
berhaupt nicht zu bereuen vermocht, selbst wenn du gewollt httest,
denn du liebst mich ja noch nicht einmal! Und wenn ich auch so
unschuldig wie ein Engel vor dir dastnde, du wrdest mich doch hassen,
so lange du glaubst, da sie nicht dich, sondern mich liebt. Das ist
doch nichts als Eifersucht! Nur hre jetzt, was ich in dieser Woche
gedacht habe, Parfen, ich will es dir sagen: weit du auch, da sie dich
jetzt vielleicht mehr als alle anderen liebt, und sogar um so mehr
liebt, je mehr sie dich qult? Dir wird sie das nicht sagen, aber man
mu es zu sehen verstehen. Weshalb will sie dich denn sonst schlielich
trotz allem heiraten? Einmal wird sie es dir selbst sagen. Manche Frauen
wollen gerade so geliebt werden und sie -- sie ist von dieser Art. Dein
Charakter und deine Liebe mssen sie doch stutzig machen! Weit du auch,
da eine Frau fhig ist, einen Mann mit Grausamkeiten und Spott zu Tode
zu martern, ohne auch nur ein einziges Mal Gewissensbisse zu empfinden,
denn jedesmal wird sie bei sich denken, wenn sie ihn ansieht: >jetzt
qule ich ihn, wie aber werde ich ihn dafr lieben, wie mit meiner Liebe
die Qual wieder gut machen ...<

Rogoshin begann zu lachen, nachdem er bis dahin den Frsten wortlos
angehrt hatte.

Was, Frst, du bist jetzt wohl auch selbst einer solchen in die Finger
geraten? Ich hab so was gehrt, wenn's wahr ist?

Was, wieso, was kannst du gehrt haben? fuhr der Frst erschrocken auf
und stockte pltzlich wieder malos verwirrt.

Rogoshin fuhr fort zu lachen. Er hatte nicht ohne Neugier und vielleicht
auch nicht ohne Freude dem Frsten zugehrt; die freudige Beredsamkeit
desselben wunderte ihn und flte ihm Mut ein.

Nicht nur gehrt, jetzt seh ich's ja selbst, da es wahr ist, sagte
er. Wann httest du wohl sonst so gesprochen wie jetzt? Solch ein
Gesprch ist doch wie gar nicht von dir. Htt ich aber nicht so was von
dir gehrt, so wr ich auch nicht hergekommen -- und noch dazu in den
Park um Mitternacht.

Ich verstehe dich nicht, Parfen Ssemjonytsch.

Sie hat mir schon lange von dir das gesagt, jetzt aber habe ich selbst
gesehen, wie du dort whrend der Musik mit jener saest. Sie hat mir
geschworen, hat mir gestern und heute geschworen, da du in Aglaja
Jepantschina wie ein Kater verliebt seiest. Mir ist das aber, Frst, an
sich ganz gleich, und das ist auch nicht meine Sache: wenn du aufgehrt
hast, sie zu lieben, so hat sie deswegen noch nicht aufgehrt, dich zu
lieben. Du weit doch, da sie dich unbedingt mit jener verheiraten
will, hat es sich geschworen, hehe! >Anders heirate ich dich nicht,<
sagte sie zu mir, >erst wenn sie zum Altar gehen, gehen auch wir zum
Altar.< Was das von ihr aus bedeutet, kann ich nicht verstehen und hab's
auch noch nicht verstanden: entweder liebt sie dich bis zur
Sinnlosigkeit -- oder aber ... wenn sie dich liebt, warum will sie dich
dann mit einer anderen verheiraten? >Ich will ihn glcklich sehen<, sagt
sie, also liebt sie dich doch.

Ich habe dir gesagt und geschrieben, da sie ... von Sinnen ist,
brachte der Frst, dem Rogoshins Worte schwere Qualen bereiteten,
stockend hervor.

Wei Gott! Du hast dich vielleicht auch getuscht ... sie hat doch
heute schon den Tag bestimmt, jawohl heute, als ich sie nach der Musik
nach Hause brachte: nach drei Wochen, vielleicht aber auch noch frher,
sagte sie, lassen wir uns trauen; hat geschworen, nahm das Heiligenbild,
kte es. Jetzt hngt also alles nur von dir ab, Frst, hehe!

Das ... das ist doch Wahnsinn! Das, was du da sagst, kann doch nie und
nimmer geschehen! Morgen werde ich zu euch kommen ...

Weshalb soll sie denn wahnsinnig sein? fragte Rogoshin. Weshalb ist
sie denn fr alle anderen nicht wahnsinnig? Wie kann sie denn Briefe
dorthin schreiben? Wenn sie wahnsinnig wre, wrde man es doch auch dort
aus den Briefen herausmerken.

Was fr Briefe? fragte der Frst erschrocken.

Sie schreibt doch dorthin, an _jene_, und jene liest die Briefe. Oder
weit du das noch nicht? Nun, dann wirst du's noch erfahren. Sie wird
bestimmt sie dir schon selbst zeigen.

Das ... das kann ich nicht glauben! rief der Frst.

E--e! Dann mut du, Lew Nikolajewitsch, noch wenig auf solchen Wegen
gegangen sein, soviel ich sehe, dann fngst du ja erst an. Aber wart
noch ein bichen: wirst auch noch deine eigene Polizei unterhalten,
selbst Tag und Nacht auf der Lauer liegen und jeden Schritt von dort
wissen, wenn du nur ...

Hr auf! und sprich nie wieder davon! unterbrach ihn der Frst. Hre,
Parfen, vorhin ging ich hier herum, bevor du kamst, und pltzlich mute
ich lachen, worber -- das wei ich selbst nicht, nur war mir gerade
eingefallen, da morgen -- mein Geburtstag ist. Es wird bald zwlf sein.
Gehen wir, erwarten wir den Tag! Ich habe Wein zu Hause, trinken wir! Du
wnsch mir, was ich mir selbst jetzt nicht zu wnschen wei, und gerade
_du_ sollst es mir wnschen, und ich werde dir dafr dein volles Glck
wnschen. Oder sonst gib das Kreuz zurck! Hast es mir doch nicht am
anderen Tage zurckgesandt! Du hast es doch auch jetzt auf der Brust? Du
trgst es doch?

Ich trage es, sagte Rogoshin.

Nun, dann gehen wir. Ich will nicht ohne dich mein neues Leben
beginnen, denn jetzt -- jetzt beginnt mein neues Leben! Weit du's noch
nicht, Parfen, da heute mein neues Leben begonnen hat?

Jetzt sehe und wei ich's selbst, da es begonnen hat; so werd ich's
auch _ihr_ sagen. Du bist nicht mehr der alte, Lew Nikolajewitsch!


                                  IV.

Als der Frst sich mit Rogoshin seiner Villa nherte, bemerkte er zu
seiner nicht geringen Verwunderung, da sich auf der hellerleuchteten
Terrasse eine zahlreiche und geruschvolle Gesellschaft versammelt
hatte. Lachen und lautes Stimmengewirr drang hinaus in den dunklen Park.
Jedenfalls sah man auf den ersten Blick, da der Gesellschaft die Zeit
nicht lang wurde: man war in freudiger Stimmung und disputierte fast
schreiend laut. Freilich war das nur zu erklrlich: als der Frst die
Stufen der Treppe hinanstieg, sah er, da alle tranken, und zwar
Champagner tranken, und das offenbar schon seit einiger Zeit, denn viele
schienen bereits nicht mehr ganz nchtern zu sein. Smtliche Gste waren
dem Frsten bekannt, doch wunderte es ihn nichtsdestoweniger, da sie
sich alle gleichzeitig versammelt hatten, als wren sie gerufen worden,
obschon der Frst keinen einzigen aufgefordert und er sich selbst seines
Geburtstages erst soeben ganz zufllig erinnert hatte.

Mut wohl jemandem gesagt haben, da du Champagner auffhrst, brummte
Rogoshin, als er hinter dem Frsten zur Terrasse hinaufstieg.

Das kennt man; da braucht man nur zu pfeifen ... fgte er fast
haerfllt hinzu, natrlich in Gedanken an seine eigene jngste
Vergangenheit.

Mit Freudengeschrei und Glckwnschen wurde der Frst empfangen und
sogleich von allen umringt. Einzelne benahmen sich recht geruschvoll,
andere wiederum viel ruhiger, doch alle beeilten sich, ihm Glck zu
wnschen, da sie von seinem Geburtstage gehrt htten. Ein jeder wartete
ungeduldig, bis er an die Reihe kam. Die Anwesenheit einiger berraschte
den Frsten besonders; so htte er z. B. Burdowskij sicherlich nicht
vorzufinden erwartet; doch am meisten setzte ihn in Erstaunen, inmitten
dieser Schar pltzlich Jewgenij Pawlowitsch Radomskij zu entdecken: er
wollte zuerst kaum seinen Augen trauen und erschrak fast, als er ihn
erblickte.

Inzwischen war Lebedeff mit seinen Erklrungen glcklich zu Wort
gekommen; er war rot und begeistert und in nicht geringem Mae das, was
man fertig nennt. Aus seinem Geschwtz ging hervor, da sich alle ganz
zufllig eingefunden hatten. Ganz zuerst, noch vor Abend, war Hippolyt
gekommen, und da er sich so wohl gefhlt, habe er gewnscht, den Frsten
auf der Terrasse zu erwarten. Er hatte sich also dort auf dem Diwan
niedergelassen. Darauf hatte sich Lebedeff zu ihm gesellt, und diesem
war seine ganze Familie gefolgt, d. h. seine Tchter und der alte
General Iwolgin. Burdowskij war mit Hippolyt und Kolj gekommen,
sozusagen als Begleiter des Kranken. Ganj und Ptizyn waren erst vor
kurzer Zeit, beim Vorbergehen, eingetreten -- ihr Erscheinen fiel
zusammen mit dem Ereignis vor dem Kurhaus --; bald darauf war auch
Keller erschienen, hatte mitgeteilt, da am nchsten Tage des Frsten
Geburtstag sei, und mit dieser Begrndung Champagner verlangt. Jewgenij
Pawlowitsch war erst vor knapp einer halben Stunde gekommen. Auf der
Bewirtung mit Champagner und der Feier des Geburtstages hatte namentlich
Kolj mit allem Nachdruck bestanden, worauf Lebedeff denn auch mit
Glsern und dem ntigen Stoff bereitwillig herausgerckt war.

Aber es ist mein eigener, mein eigener! flsterte er in lchelnder
Seligkeit dem Frsten zu, auf meine Kosten, um den Geburtstag zu feiern
und um zu gratulieren ... es wird auch einen Imbi, einen Imbi geben,
meine Tochter sorgt schon dafr ... Aber, Frst, wenn Sie wten, was
fr ein Thema sie jetzt vorhaben. Entsinnen Sie sich -- im >Hamlet<:
>Sein oder Nichtsein?< Ein aktuelles Thema, ein hchst aktuelles Thema.
Fragen und Antworten ... Und Herr Terentjeff will auf keinen Fall ... zu
Bett gehn! Vom Champagner aber hat er nur einen Schluck, nur 'n
Schlckchen geschlrft, das schad't nichts ... Treten Sie nher, Frst,
und entscheiden Sie! Alle haben Sie erwartet, nur auf Ihren
scharfsinnigen Verstand gewartet ...

Der Frst bemerkte den lieben, freundlichen Blick Wjera Lebedeffs, die
sich gleichfalls bemhte, an ihn heranzukommen. ber alle hinweg reichte
er ihr zuerst die Hand; sie wurde ganz rot vor Freude und wnschte ihm
_von diesem Tage_ an ein glckliches Leben. Darauf lief sie eilig in
die Kche, um dort den Imbi vorzubereiten, doch so oft sie nur auf eine
Minute Zeit fand, erschien sie wieder auf der Terrasse, um dem
leidenschaftlichen Gesprch ber die abstraktesten und fr sie
seltsamsten Dinge, das unter den Gsten niemals verstummte, zuzuhren.
So hatte sie es schon vor dem Erscheinen des Frsten getan. Ihre jngere
Schwester, die, welche immer so weit den Mund aufri, war im
Nebenzimmer, auf einem Koffer sitzend, eingeschlafen. Ihr Bruder, der
Sohn Lebedeffs, stand dagegen zwischen Kolj und Hippolyt und allein der
Ausdruck seines lebhaften Gesichts verriet es, da er bereit war, auf
demselben Platz stehend, noch ganze zehn Stunden zuzuhren.

Ich habe Sie ganz besonders erwartet und bin sehr froh, da Sie so
glcklich sind, sagte Hippolyt zum Frsten, als dieser gleich nach
Wjera ihm die Hand reichte.

Woher wissen Sie, da ich >so glcklich< bin?

Man sieht es Ihrem Gesicht an. Begren Sie sich mit den Herren und
kommen Sie schnell und setzen Sie sich hierher zu mir. Ich habe sehr auf
Sie gewartet, fgte er hinzu und betonte es besonders, da er gewartet
habe. Auf die Bemerkung des Frsten: ob ihm das spte Aufsein nicht
schade, antwortete er, da er sich selbst wundere -- er, der noch vor
drei Tagen zu sterben glaubte -- wie wohl er sich an diesem Abend fhle.

Burdowskij sprang von seinem Platz auf und brummte, da er nur so
gekommen ... da er Hippolyt begleitet und da auch er sehr froh sei
... Im Briefe habe er nur Unsinn geschrieben, jetzt aber sei er
einfach froh ... Er beendete seinen Satz nicht, drckte nur krftig
dem Frsten die Hand und setzte sich auf seinen Stuhl.

Ganz zuletzt ging der Frst auf Jewgenij Pawlowitsch zu. Dieser nahm ihn
einfach unter den Arm.

Ich habe Ihnen ein paar Worte zu sagen, sagte er halblaut -- und in
einer sehr wichtigen Angelegenheit; kommen Sie, auf eine Minute.

Ein paar Worte, flsterte eine andere Stimme dem Frsten ins andere
Ohr und eine andere Hand packte den Frsten an der anderen Seite am Arm.

Der Frst bemerkte zu seiner Verwunderung ein vom Wein gertetes,
lachendes Gesicht, das er sofort als das Ferdyschtschenkos erkannte.
Gott wei, woher der sich eingefunden hatte.

Erinnern Sie sich noch Ferdyschtschenkos? fragte ihn dieser.

Woher sind Sie denn gekommen? rief der Frst aus.

Er hatte sich versteckt! sagte hinzutretend Keller. Er hatte sich
versteckt und wollte sich nicht zeigen, dort in der Ecke hatte er sich
versteckt, er bereut es, Frst, er fhlt sich vor Ihnen schuldig.

Ja, worin denn, worin?

Ich begegnete ihm, Frst, soeben begegnete ich ihm und habe ihn
hierhergebracht; er ist der beste meiner Freunde, -- doch bereut er sehr
...

Ich freue mich sehr, meine Herren, doch setzen Sie sich, bitte, dahin
zu den anderen, ich werde gleich wiederkommen. Der Frst machte sich
von ihnen los und beeilte sich, Jewgenij Pawlowitsch einzuholen.

Hier bei Ihnen ist es sehr interessant, bemerkte dieser, ich habe mit
vielem Vergngen eine halbe Stunde auf Sie gewartet. Wissen Sie, mein
bester Lew Nikolajewitsch, ich habe mit Kurmyschoff alles geordnet, ich
bin gekommen, um Sie zu beruhigen. Machen Sie sich keine Sorgen, er hat
die Sache sehr vernnftig aufgefat, um so mehr, da er meiner Meinung
nach selbst schuld daran war ...

Was fr ein Kurmyschoff?

Dieser da, den Sie vorhin an den Armen packten. Er war so auer sich,
da er Ihnen morgen seine Forderung schicken wollte.

Aber ich bitte Sie, welch ein Unsinn!

Versteht sich, Unsinn, und mit einem Unsinn htte es auch geendet, doch
...

Sie sind, vielleicht, doch noch aus einem anderen Grunde gekommen,
Jewgenij Pawlowitsch?

Oh, versteht sich, noch aus einem anderen Grunde, lachte dieser. Ich,
lieber Frst, fahre noch morgen, bevor es tagt, nach Petersburg, wegen
der unseligen Geschichte mit meinem Onkel. Stellen Sie sich vor, alles
ist wahr und alle wissen es, nur ich wute es nicht. Mich hat das alles
so erschttert, da ich noch nicht dazu gekommen bin, _dahin_ zu gehen,
zu Jepantschins, meine ich. Morgen werde ich auch nicht hingehen, denn
ich werde ja in Petersburg sein, verstehen Sie mich? Vielleicht werde
ich zwei, drei Tage dort bleiben, mit einem Wort, meine Sache ist
verloren. Ich habe mich darum entschlossen, mich mit Ihnen offen
auszusprechen, ohne Zeit zu verlieren, noch vor meiner Abfahrt. Ich
werde hier sitzen und werde warten, bis die ganze Gesellschaft sich
verabschiedet, sonst wei ich nicht, wo ich bleiben soll, ich bin so
aufgeregt und schlafen kann ich nicht. Freilich ist es gewissenlos,
einen Menschen so zu belstigen, doch ich werde Ihnen aufrichtig sagen:
ich bin gekommen, um mit Ihnen, mein lieber Frst, Freundschaft zu
schlieen. Sie sind ein unvergleichlicher Mensch, das heit, Sie sind
aufrichtig, Sie lgen niemals, vielleicht berhaupt nicht und ich habe
in einer Sache einen Freund und Ratgeber ntig, denn ich gehre jetzt zu
den Unglcklichen ... jawohl!

Er lachte.

Schade nur, da Sie warten wollen, bis die da fortgehen, meinte
nachdenklich der Frst, wei Gott, wann das sein wird. Wre es nicht
besser, wenn wir jetzt in den Park gingen? Die da knnen wirklich
warten. Ich werde mich entschuldigen.

Nein, nein, ich habe meine Grnde, jedem Verdacht ihrerseits
zuvorzukommen, denn unter ihnen gibt es Leute, die sich sehr fr unsere
Beziehungen interessieren. Sie wissen das nicht, Frst. Und es ist viel
besser, da sie nichts Aufflliges in unseren Beziehungen bemerken --
verstehen Sie? Sie werden in zwei Stunden fortgehen, ich werde Sie dann
nur zwanzig Minuten, vielleicht eine halbe Stunde in Anspruch nehmen.

Wie Sie wnschen, bitte; ich werde sehr froh darber sein, und fr Ihre
guten Worte und fr Ihre Freundschaftsversicherung danke ich Ihnen noch
besonders. Entschuldigen Sie, da ich heute zerstreut bin, ich kann in
diesem Moment nicht so aufmerksam sein, wie --

Ich sehe, ich sehe es, lchelte Jewgenij Pawlowitsch etwas ironisch.
Er war berhaupt recht lachlustig diesen Abend.

Was sehen Sie? beeilte sich der Frst zu fragen.

Und Sie ahnen gar nicht, lieber Frst, versetzte immer noch lachend
Jewgenij Pawlowitsch, ohne direkt auf die Frage des Frsten zu
antworten, Sie ahnen gar nicht, da ich einfach gekommen bin, um Sie zu
betrgen und alles ber Sie zu erfahren, ah?

Da Sie gekommen sind, um mich auszuforschen, nun, darber besteht kein
Zweifel, scherzte jetzt auch der Frst, und vielleicht haben Sie sich
sogar vorgenommen, mich zum besten zu halten. Doch was tut's, ich
frchte Sie nicht, berdies ist mir das jetzt ganz gleichgltig, glauben
Sie es mir? Und ... und ... und da ich vor allem berzeugt bin, da Sie
doch ein auergewhnlicher Mensch sind, so wird es damit enden, da wir
uns sehr anfreunden werden. Sie haben mir sehr gefallen, Jewgenij
Pawlowitsch, Sie ... sind, meiner Meinung nach, ein sehr, sehr
anstndiger Mensch!

Nun, mit Ihnen ist es wenigstens sehr angenehm, etwas zu tun zu haben,
was es auch sei, schlo Jewgenij Pawlowitsch. Kommen Sie, ich werde
auf Ihre Gesundheit ein Glas leeren, ich bin sehr zufrieden, da ich zu
Ihnen gekommen bin. Ah! brach er pltzlich ab. Dieser Herr Hippolyt
wird jetzt bei Ihnen leben?

Ja.

Er wird nicht so bald sterben, denke ich?

Und, was weiter?

Weiter nichts; ich war hier mit ihm eine halbe Stunde zusammen ...

Hippolyt wartete die ganze Zeit ber auf den Frsten und sah
ununterbrochen nach ihm und Jewgenij Pawlowitsch hin, als diese
miteinander sprachen. Er belebte sich fieberhaft, als sie an den Tisch
traten. Er war unruhig und aufgeregt, Schwei trat auf seine Stirn. An
seinen blitzenden Augen bemerkte man eine groe Unruhe und eine
unerklrliche Ungeduld; sein Blick schweifte ziellos von einem
Gegenstand zum andern, von einem Gesicht zum andern. Obgleich er am
allgemeinen, lebhaften Gesprch teilnahm, so war seine Lebhaftigkeit
doch nur eine kranke, unnatrliche. Dem Gesprche selbst folgte er nur
zerstreut, stritt sich ganz sinnlos mit den anderen herum, spottete ber
alles und uerte nur Paradoxes. Er sprach nicht zu Ende, was er soeben
mit groem Feuer begonnen. Der Frst sollte mit Verwunderung und
Bedauern erfahren, da man ihm heute zwei Glas Champagner zu trinken
erlaubt hatte, und da das gefllte Glas vor ihm schon das dritte war.
Doch das erfuhr er erst spter, in diesem Augenblick war er zunchst
selbst unaufmerksam und zerstreut.

Wissen Sie auch, da ich sehr froh bin, da gerade heute Ihr Geburtstag
ist! rief Hippolyt aus.

Warum?

Sie werden es sehen; setzen Sie sich nur schnell! Erstens schon darum,
weil hier so viel Menschen sind. Darauf hatte ich gerechnet, da alle
hier sein wrden. Zum erstenmal in meinem Leben stimmt meine Rechnung!
Schade, da ich nichts von Ihrem Geburtstag wute, sonst wre ich mit
einem Geschenk gekommen ... Ha, ha! Ja, vielleicht wre ich mit einem
Geschenk gekommen! Was kann nicht alles in der Welt passieren?

Es sind nur noch zwei Stunden bis Sonnenaufgang, bemerkte Ptizyn und
sah nach der Uhr.

Was will denn das jetzt sagen, wo es drauen so hell ist, da man lesen
kann? uerte jemand.

Ich mchte nur den Rand der Sonne sehen, man kann dann auf Ihre
Gesundheit trinken, was meinen Sie, Frst?

Hippolyt wandte sich damit an alle, er tat es ohne jegliche Zeremonie,
aber in einem Tone, als kommandiere er, doch ohne es selbst zu bemerken.

Schn, trinken wir auf die Sonne, nur werden Sie ruhiger, Hippolyt.

Sie reden immer vom Schlafen, Sie sind meine Njnj,[23] Frst! Wenn
nur die Sonne erscheint und es >erklingt< am Himmel (wer hat es doch in
einem Gedicht gesagt: >am Himmel erklang die Sonne?< Sinnlos, aber
schn) -- so gehen wir schlafen. Lebedeff! Was bedeuten die Quellen des
Lebens in der Apokalypse? Haben Sie von dem Stern gehrt, Frst?

Ich habe gehrt, da Lebedeff unter dem >Stern< das Eisenbahnnetz
versteht, das sich ber ganz Europa ausbreiten wird.

Nein, erlauben Sie, das geht nicht an! schrie Lebedeff, sprang vom
Stuhl und fuchtelte und zappelte mit Hnden und Fen, als wollte er das
Gelchter aller verstummen machen. Erlauben Sie doch! Mit diesen Herren
... alle diese Herren, wandte er sich pltzlich an den Frsten, sind
in gewissen Punkten, ich wei nicht was ... und er schlug ganz
unzeremoniell mit den Fusten auf den Tisch, so da sich das allgemeine
Gelchter noch verstrkte.

Lebedeff war, wenn auch in seinem gewhnlichen, allabendlichen
Zustande, diesmal doch ganz besonders aufgeregt und durch den langen
vorausgegangenen wissenschaftlichen Disput obendrein gereizt. Bei
solcher Gelegenheit hatte er fr seine Opponenten nur eine unendliche,
im hchsten Grade offenherzige Verachtung brig.

Das geht nicht an! Wir haben, Frst, vor einer halben Stunde
beschlossen, niemanden zu unterbrechen, nicht zu lachen, whrend einer
spricht, damit er alles frei heraussagen kann, was er sich denkt. Mgen
die Atheisten, wenn sie wollen, erwidern! Wir haben den General zum
Prsidenten erwhlt, sehen Sie's. Denn sonst? Kann man jeden an seiner
hohen Idee, an seiner tiefen Idee, verhindern ...

Reden Sie nur, reden Sie nur, niemand wird Sie verhindern! lieen sich
verschiedene Stimmen hren.

Reden Sie doch, machen Sie keine Umstnde.

Was ist das fr ein >Stern<? erkundigte sich jemand.

Habe keine Ahnung! antwortete General Iwolgin, mit wichtiger Miene
seine Stelle eines Prsidenten vertretend.

Ich liebe auerordentlich solche Dispute und Auseinandersetzungen,
Frst, natrlich nur wissenschaftliche ... murmelte whrenddessen
Keller, der vor Entzcken und Ungeduld auf seinem Stuhle hin und her
rckte, wissenschaftliche, und natrlich politische, wandte er sich
pltzlich ganz unerwartet an Jewgenij Pawlowitsch, der fast mit ihm in
einer Reihe sa. Wissen Sie, ich liebe furchtbar in den Zeitungen vom
englischen Parlament zu lesen, d. h. nicht eigentlich um zu erfahren, um
was es sich da handelt (ich, wissen Sie, bin kein Politiker), sondern
wie sie sich auffhren, wie sie miteinander verhandeln als Politiker,
die uere Form: der ehrenwerte Herr Viscount von der Gegenseite, der
ehrenwerte Herr Graf, der meine Ansicht teilt, mein ehrenwerter
Opponent, der ganz Europa mit seinem Vorschlag in Erstaunen gesetzt hat,
d. h. alle diese Ausdrcke, dieser ganze Parlamentarismus eines freien
Volkes, das ist es, was unsereinem verlockend erscheint! Ich bin
entzckt davon, Frst. Ich war immer im Grunde meiner Seele ein
Knstler, Jewgenij Pawlowitsch.

Und was ergibt sich denn daraus? ereiferte sich in einer anderen Ecke
Ganj. Ihrer Meinung nach sind die Eisenbahnen ein Fluch, das Verderben
der Menschheit, eine Pest, die auf die Erde gefallen ist, um die
>Quellen des Lebens< zu trben.

Gawrila Ardalionytsch war an diesem Abend ganz besonders guter Laune, in
einer ausgelassenen, fast triumphierenden Stimmung, wie es dem Frsten
schien. Mit Lebedeff scherzte er natrlich, um ihn anzufeuern, geriet
aber selbst dabei in Feuer.

Nein, nicht die Eisenbahn! ereiferte sich wieder Lebedeff, auer sich
geratend und ganz berauscht von Entzcken. Die Eisenbahnen allein
trben nicht die Quellen des Lebens, aber alles das zusammen ist
verflucht, die ganze Richtung unserer letzten Jahrhunderte in
Wissenschaft und Praxis ist, wie mir scheint, verflucht.

Ob wirklich verflucht, oder nur fr unser Empfinden: Das wre in diesem
Falle sehr wichtig zu wissen, bemerkte Jewgenij Pawlowitsch.

Verflucht, verflucht, wirklich verflucht! beteuerte Lebedeff
bombensicher.

berstrzen Sie sich nicht, Lebedeff, Sie sind am anderen Morgen immer
viel vorsichtiger, bemerkte lchelnd Ptizyn.

Dafr bin ich aber am Abend um so aufrichtiger! Am Abend bin ich
seelenvoller und aufrichtiger! wandte sich Lebedeff feurig an ihn.
Aufrichtiger und bestimmter, ehrenhafter und ehrenwerter, damit wrde
ich Ihnen schon ein Bein stellen, doch ich spucke drauf: ich fordere
euch jetzt alle heraus, euch Atheisten alle: womit errettet ihr die Welt
und worin habt ihr dieser Welt einen Weg gewiesen, ihr Mnner der
Wissenschaft und des Handels, der Verbnde und der Nationalkonomie?
Womit? Mit dem Kredit etwa? Was ist das: Kredit? Wozu fhrt euch der
Kredit?

Sehen Sie doch, wie der neugierig ist! bemerkte Jewgenij Pawlowitsch.

Meiner Meinung nach ist einer, der sich nicht fr diese Fragen
interessiert, nur ein Geck und Salonheld! schrie Lebedeff.

Kredit fhrt zur allgemeinen Solidaritt und zur Statik der
Interessen, bemerkte Ptizyn.

Und nur das, nur das! Ohne jegliche sittliche Grundlage nur zur
Befriedigung des persnlichen Egoismus und der materiellen
Notwendigkeiten? Das ganze All, das allgemeine Glck nur -- materielle
Notwendigkeit? So ist's, wenn ich Sie zu fragen wage, wenn ich Sie
verstanden habe, mein werter Herr?

Nun ja, die allgemeine Notwendigkeit zu leben, zu trinken und zu essen
und die volle wissenschaftliche berzeugung, da man diese Notwendigkeit
ohne eine allgemeine Assoziation und die Solidaritt der Interessen
nicht befriedigen kann, -- das, scheint mir, ist eine Idee, gro genug,
und Grundlage, fest genug fr die kommenden Jahrhunderte, um der
Menschheit als >Quelle des Lebens< zu dienen, bemerkte Ganj diesmal in
vollem Ernst.

Die Notwendigkeit zu trinken und zu essen, also nur das Gefhl der
Selbsterhaltung ...

Ja, ist denn das etwa zu wenig? Das Gefhl der Selbsterhaltung ist doch
das Grundgesetz der Menschheit ...

Wer hat Ihnen das gesagt? rief pltzlich Jewgenij Pawlowitsch aus.
Ein Gesetz -- das mag sein, aber nicht weniger ist es das Gesetz der
Zerstrung, und meinetwegen auch der Selbstzerstrung. Liegt denn in der
Selbsterhaltung wirklich das ganze Grundgesetz der Menschheit?

Aha! rief Hippolyt, wandte sich schnell nach Jewgenij Pawlowitsch um
und betrachtete ihn mit wilder Neugier. Als er aber sah, da dieser
lachte, da lachte er selbst auch, stie den neben ihm stehenden Kolj an
und fragte ihn wieder, wieviel Uhr es sei, er zog sogar selbst Kolj die
silberne Uhr aus der Tasche und sah nach dem Zeiger. Darauf blickte er
ganz verloren um sich, streckte sich auf dem Diwan aus, legte die Hnde
unter den Kopf und starrte zur Decke. Nach einer halben Minute setzte er
sich schon wieder an den Tisch, hielt sich stramm aufrecht und hrte dem
Gesprch Lebedeffs zu, der jetzt glcklich bis zum uersten erregt war.

Ein hinterlistiger, ein spitzfindiger Gedanke, griff Lebedeff mit
wahrer Gier das Paradox Jewgenij Pawlowitschs auf. Ein Gedanke, der nur
ausgesprochen wurde, um die Gegner aufeinander zu hetzen -- aber welch
ein wahrer Gedanke! Sie sind ein Sptter und Weltverchter, wenn auch
nicht ohne Fhigkeiten! Doch wissen Sie selbst nicht, bis zu welchem
Grade Ihr Gedanke tief und wahr ist. Ja--a. Das Gesetz der
Selbsterhaltung und das Gesetz der Selbstzerstrung, sie sind beide
gleich stark im Menschen! Der Teufel beherrscht noch immer die
Menschheit, und er wird sie beherrschen bis zu einer Zeit, die uns
unbekannt ist. Sie lachen? Sie glauben nicht an den Teufel? Der Unglaube
an den Teufel ist ein franzsischer Gedanke, ist ein leichtsinniger
Gedanke. Wissen Sie denn auch, wer der Teufel ist? Kennen Sie denn
seinen Namen? Und ohne seinen Namen zu kennen, lachen Sie ber seine
Form, nach dem Beispiel Voltaires, ber seinen Huf, seinen Schwanz und
seine Hrner, wie man ihn euch geschildert hat. Denn der unreine Geist
ist ein groer, ein furchtbarer Geist, aber Hrner und Hufe hat er
nicht. Doch nicht davon ist jetzt die Rede.

Woher wissen Sie, da jetzt nicht davon die Rede ist? lachte Hippolyt
laut auf wie in einem Krampfanfall.

Eine sehr feine und geschickte Anspielung! lobte ihn Lebedeff. Und
doch ist die Rede nicht davon. Die Frage bei uns war vielmehr die, ob
die >Quellen des Lebens< nicht versiegen infolge ...

Der Eisenbahnen?! rief Kolj.

Nicht der Eisenbahnen, junger, aber khner Mann, doch infolge der
ganzen Richtung, der auch die Eisenbahnen dienen, sozusagen als Bild,
als knstlerischer Ausdruck. Sie rasen, sie hmmern, sie drhnen fr das
Glck der Menschheit, wie man sagt. >Zu lrmend, zu ttig wird die
Menschheit, wenig geistige, seelische Ruhe hat sie<, beklagte sich
bereits ein einsamer Denker. >Mglich, doch das Drhnen der Wagen, die
der hungernden Menschheit Brot bringen, ist vielleicht wertvoller als
die Ruhe des Geistes<, antwortete ihm ein anderer triumphierend, einer,
der berall herumfhrt. Ich glaube es ihnen nicht, ich erbrmlicher Kerl
Lebedeff: die Wagen, die der Menschheit Brot bringen sollen! Denn die
Wagen, die ohne sittliche Grundlagen der Menschheit Brot bringen,
knnten ebensogut kaltbltig einen bedeutenden Teil der Menschheit von
dem Genu des Brotes ausschlieen, was ja auch schon vorgekommen ist
...

Diese Wagen knnen kaltbltig jemand ausschlieen? griff jemand auf.

Was auch schon vorgekommen ist, besttigte Lebedeff, ohne weiter dem
Frager Beachtung zu schenken, wir hatten schon einen Malthus, einen
Freund der Menschheit. Doch dieser Freund der Menschheit ist mit seinen
wankenden sittlichen Grundlagen in Wahrheit ein Menschenfresser der
Menschheit, ganz zu schweigen von seiner Eitelkeit. Denn beleidigen Sie
die Eitelkeit eines dieser zahllosen Freunde der Menschheit und er ist
sofort bereit, aus kleinlicher Rachsucht die Welt an ihren vier Enden
anzuznden, -- brigens genau so, wie es jeder von uns auch tun wrde,
und, der Gerechtigkeit die Ehre, genau wie ich, der allererbrmlichste
von allen, der vielleicht als erster das Holz dazu herbeischleppen,
selbst aber davonlaufen wrde. Doch nicht davon ist die Rede!

Ja, wovon denn eigentlich?

Wirklich langweilig!

Es handelt sich um eine Anekdote aus dem vergangenen Jahrhundert. In
unserer Zeit, in unserem Vaterlande, das Sie, meine Herren, hoffe ich,
ebenso lieben wie ich, denn ich bin meinerseits bereit, mein Blut fr
das Vaterland zu vergieen ...

Weiter, weiter!

In unserem Vaterlande, wie in Europa, pflegen schreckliche, verheerende
Hungersnte -- jetzt, in unserer Zeit -- die Menschheit nur einmal im
Vierteljahrhundert heimzusuchen, wenn ich mich nicht irre und so weit
ich mich entsinnen kann, mit anderen Worten, alle fnfundzwanzig Jahre.
Ich will mich ja nicht auf die genaue Zahl versteifen. Nur, meine ich,
ist es verhltnismig sehr selten --

Im Vergleich womit?

Im Vergleich zum zwlften Jahrhundert mit seinen Auslufern nach vorne
und nach hinten. Denn damals herrschte, wie die Schriftsteller jener
Zeit behaupten, die Hungersnot einmal in zwei Jahren, jedenfalls einmal
in drei Jahren, so da unter solchen Umstnden die Menschen schon zur
Menschenfresserei ihre Zuflucht nahmen, wenn auch nur heimlich. Einer
dieser Menschenfresser, als er sich seinem Ende nherte, hat selbst und
ohne Zwang eingestanden, da er im Laufe seines langen, mhevollen
Lebens im geheimen sechzig Mnche und einige weltliche Jnglinge selbst
gettet und sie aufgegessen habe. Im ganzen nur sechs weltliche
Jnglinge, das ist wenig im Vergleich mit der Anzahl Geistlicher, die er
verspeist hat. Erwachsene weltliche Leute hat er, wie es scheint, zu
diesem Zwecke berhaupt nicht verwendet.

Das ist einfach unmglich! rief hier der Prsident in fast
beleidigtem Tone. Ich habe mich des fteren, meine Herren, mit ihm
darber gestritten, und immer ber dieselben Dinge. Er redet solch
unglaubliches Zeug, da einem die Ohren davon welk werden. Nicht fr
einen Groschen Wahrheit!

General! Denken Sie an die Belagerung von Kars, und Sie, meine Herren,
Sie wissen, da meine Anekdote die -- volle Wahrheit ist. Ich bemerke
nur von mir aus, da die Wirklichkeit, die durchaus ihre unleugbaren
Gesetze hat, uns immer als unwahrscheinlich und unwahr erscheint, und je
wirklicher sie ist, um so unwahrscheinlicher erscheint sie uns.

Ja, kann man denn sechzig Mnche aufessen? lachte alles ringsum.

Da er sie nicht auf einmal gegessen hat, das ist doch
selbstverstndlich, aber in fnfzehn bis zwanzig Jahren ist es ganz
verstndlich und natrlich ...

Und natrlich?

Und natrlich! verteidigte sich Lebedeff eigensinnig. Und auerdem
ist der katholische Mensch schon von Natur aus neugierig und zutraulich,
und man kann ihn nur zu leicht in den Wald locken oder an irgendeinen
verborgenen Ort und mit ihm in erwhnter Weise verfahren. Doch bestreite
ich durchaus nicht, da die Anzahl der verspeisten Menschen
ungeheuerlich erscheint, bis zum ...

Vielleicht hat er recht, meine Herren, bemerkte pltzlich der Frst.

Er hatte bisher den Streitenden schweigend zugehrt und sich nicht am
Gesprch beteiligt, nur oft von ganzem Herzen gelacht, sobald auch die
anderen lachten. Er war offenbar sehr froh darber, da alle so heiter,
so lrmend waren; sogar darber, da sie alle soviel tranken. Vielleicht
htte er den ganzen Abend kein Wort gesprochen. Doch pltzlich fiel es
ihm ein, zu reden. Er sprach sogar mit auergewhnlichem Ernst, so da
sich alle mit Neugier ihm zuwandten.

Ich, meine Herren, rede davon, da damals die Hungersnte wirklich sehr
hufig waren. Davon habe auch ich gehrt, obgleich ich die Geschichte
wenig kenne. Doch scheint es mir, da es wohl gar nicht anders htte
sein knnen. Als ich in die Schweizer Berge kam, war ich sehr erstaunt
ber die Ruinen alter Ritterburgen, die an den Abhngen der Berge erbaut
waren, auf steilen Felsen, oft von einer halben Werst Hhe, was dann auf
schmalen Fupfaden etliche Werst ausmacht. Das Schlo selbst ist ja, wie
bekannt, ein ganzer Berg von Stein. Eine schreckliche, fast unmgliche
Arbeit! Und diese Arbeit wurde natrlich von den armen Leuten, den
Fronleuten der Ritter, verrichtet. Auerdem muten sie Steuern zahlen
und die Geistlichkeit erhalten. Wie konnten sie sich da selbst ernhren
und ihre Erde bebauen! Die Bevlkerung war damals nicht zahlreich und
viele mssen vor Hunger gestorben sein, denn zu essen gab es vielleicht
wirklich buchstblich nichts. Ich habe manchmal darber nachgedacht, wie
es doch nur mglich war, da das Volk nicht ganz zugrunde ging, und wie
es alledem Widerstand leisten konnte? Da es Menschenfresser gegeben
hat, und sogar sehr hufig, darin hat Lebedeff zweifellos recht; nur
wei ich nicht, warum er gerade die Mnche herbeigezogen hat, und was er
damit sagen will?

Wahrscheinlich ist er der Meinung, da im zwlften Jahrhundert nur die
Mnche sich zum Verzehren eigneten, da nur sie fett waren, bemerkte
Gawrila Ardalionytsch.

Ein prchtiger Gedanke, schrie Lebedeff voll Begeisterung. Denn die
Weltlichen hat er ja berhaupt nicht angerhrt. Nicht ein einziges
weltliches Exemplar, im Verhltnis zu sechzig Geistlichen. Es ist ein
welthistorischer Gedanke, ein statistischer Gedanke! Aus solchen Fakten
ergeben sich fr den Fachmann die berraschendsten geschichtlichen
Schlsse; denn mit zahlenmiger Genauigkeit ist dadurch nachgewiesen,
da die Geistlichkeit damals wenigstens sechzigmal glcklicher und
freier lebte, als die ganze brige Menschheit.

bertreibung, bertreibung, Lebedeff! Man lachte ringsum.

Ich bin damit einverstanden, da es ein welthistorischer Gedanke ist,
doch was wollen Sie daraus schlieen? stellte der Frst eine weitere
Frage an Lebedeff, ber den alle lachten, und zwar tat er es mit solchem
Ernst, ohne jeglichen Spott, da sein Ton bei der heiteren Stimmung der
ganzen Gesellschaft unwillkrlich gleichfalls komisch wirkte. Es fehlte
nicht viel, und man htte auch ber ihn gelacht. Doch bemerkte er das
gar nicht.

Sehen Sie denn nicht, Frst, da der Mann verrckt ist? Jewgenij
Pawlowitsch beugte sich vor und wandte sich an den Frsten. Man sagte
mir neulich, er habe sich in den Kopf gesetzt, Advokat zu werden, und
seine Reden seien ihm zu Kopf gestiegen. Er soll ein Examen machen
wollen. Nun, ich erwarte eine famose Parodie.

Ich werde einen grandiosen Schlu daraus ziehen, rief Lebedeff
unterdessen mit Donnerstimme. Doch analysieren wir zuerst den
psychologischen und den juridischen Zustand des Verbrechers. Wir sehen,
da der Verbrecher, oder sozusagen mein Klient, ungeachtet dessen und
obschon es ihm unmglich war, andere Nahrungsmittel aufzutreiben, des
fteren whrend seiner interessanten Karriere den Wunsch empfand, sich
zu bessern und von der Geistlichkeit abzulassen. Wir ersehen es aus
verschiedenen Tatsachen: wir erinnern uns, da er wenigstens fnf bis
sechs Jnglinge weltlichen Standes verzehrt hat, eine verhltnismig
geringe Anzahl, dafr aber bemerkenswert in anderer Beziehung. Offenbar
von schrecklichen Gewissensbissen geqult (denn mein Klient ist ein
religiser und gewissenhafter Mensch, was ich Ihnen gleich beweisen
werde) und um nach Mglichkeit seine Schuld zu verringern, ersetzte er,
wenigstens zur Probe, sechsmal seine mnchische Nahrung durch eine
weltliche. Unzweifelhaft zur Probe, denn wenn er es nur um der
gastronomischen Abwechslung getan htte, so wrde die Zahl sechs viel zu
gering sein: warum denn nur sechsmal, warum nicht dreiigmal? (Ich nehme
nur die Hlfte, die Hlfte von der Hlfte.) Doch wenn es etwa nur zur
Probe geschehen wre, und aus Verzweiflung und Angst vor dem Verbrechen
der Kirchenschndung, dann wird die Zahl sechs um so verstndlicher;
denn sechs Proben gengen doch wohl zur Beruhigung der Gewissensbisse,
da die Proben ja nicht von Erfolg begleitet waren. Erstens waren meiner
Meinung nach die Knaben viel zu klein, d. h. nicht dick und gro genug,
so da er der weltlichen Knaben wenigstens um das Doppelte, um das
Fnffache bedurft htte, als der Geistlichen. Wenn die Snde sich also
einerseits auch verringert htte, so htte sie sich andererseits nur
vergrert, wenn nicht qualitativ, so doch quantitativ. Wenn ich die
Sache so beurteile, meine Herren, so versetze ich mich natrlich in die
Seele eines Verbrechers des zwlften Jahrhunderts. Was mich nun
betrifft, als Mensch des neunzehnten Jahrhunderts, so wrde ich ganz
anders urteilen, was ich hier Ihnen gegenber betone, damit Sie durchaus
nicht das Recht haben, meine Herren, mir die Zhne zu zeigen, wie es
denn von Ihnen, Herr General, direkt unanstndig ist. Zweitens, meiner
persnlichen Ansicht nach, ist ein Knabe auch nicht gengend nahrhaft,
zu s und widerlich im Geschmack, ohne die Bedrfnisse zu befriedigen,
verursacht er nur Gewissensbisse. Und jetzt der Schlu, das Finale,
meine Herren, das Finale, in dem die Antwort aller damaligen und
heutigen groen Fragen enthalten ist. Der Verbrecher endet damit, da er
hingeht und sich selbst der Geistlichkeit und der Gerechtigkeit
ausliefert. Man stelle sich vor, welche Qualen ihn in jener Zeit
erwarteten, welche Folter, Rder und Scheiterhaufen? Wer hat ihn dazu
getrieben, sich selbst anzuzeigen? Warum nicht einfach bei der Zahl
sechzig verbleiben, das Geheimnis bewahren bis zum letzten Atemzuge?
Warum nicht einfach von den Mnchen ablassen und als Einsiedler der Reue
leben? Warum ist er denn schlielich nicht selbst Mnch geworden? Sehen
Sie, da steckt das Rtsel! Also mu da doch etwas gewesen sein, das
strker war als Flammen und Scheiterhaufen, und selbst strker als eine
zwanzigjhrige Gewohnheit! Also gab es eine Idee, die strker war als
alles Unglck wie Miernten, Foltern, Pestilenzen, diese ganze Hlle,
die die Menschheit nicht htte ertragen knnen, ohne eine das Herz
beherrschende und die Lebensquelle befruchtende Idee! Zeigen Sie mir,
bitte, doch irgend etwas, das eine derartige Kraft in unserem
Jahrhundert der Laster und Eisenbahnen besitzt ... das heit, man mte
sagen, in unserem Zeitalter der Dampfschiffe und Eisenbahnen, doch ich
sage: in unserem Zeitalter der Laster und Eisenbahnen -- wenn ich auch
betrunken bin, so bin ich doch gerecht! Zeigen Sie mir eine Idee, die
uns auch nur mit der Hlfte der Kraft beherrschte, wie die jener
Jahrhunderte. Und wagen Sie es noch zu behaupten, da die >Quellen des
Lebens< unter diesem >Sterne<, unter diesem Netze, worin die Menschheit
sich verstrickt hat, nicht versiegt und getrbt worden sind! Und
widerlegen Sie mir das nicht durch Hinweise auf unseren Wohlstand,
unseren Reichtum, durch die Seltenheit der Hungersnte und die
Geschwindigkeit unserer Verkehrsmittel! Der Reichtum ist grer, aber
die Kraft ist geringer, die einigende Idee fehlt uns; alles ist wie
Gummi; alles ist nchtern, und die Menschen sind auch nchtern geworden!
Alle, alle, alle sind wir nchtern! ... Doch genug: Nicht davon ist die
Rede, sondern davon, ob wir jetzt nicht, ehrenwerter Frst, unsere Gste
zu einem kleinen Imbi einladen wollen?

Lebedeff, der einige seiner Zuhrer schon bis zur uersten Ungeduld
gebracht hatte, vershnte aber alle seine Gegner mit dem unerwarteten
Schlu seiner Rede. Er selbst nannte einen solchen Schlu einen sehr
geschickten Advokatenkniff, die Gste belebten sich, frhliches Lachen
ertnte wieder, alle erhoben sich, um ihre Glieder zu strecken und sich
auf der Terrasse zu ergehen. Nur Keller war mit Lebedeffs Rede sehr
unzufrieden und benahm sich ungewhnlich erregt.

Er ist gegen die Aufklrung, er predigt den Aberglauben des zwlften
Jahrhunderts, er will sich zeigen, von Unschuld des Herzens wei er
nichts: womit hat er sich ein Haus erworben, wenn man fragen darf? tief
er laut und hielt die Gste zurck.

Ich habe einen ganz anderen Interpreten der Apokalypse gekannt, wandte
sich der General in der anderen Ecke an andere Zuhrer und insbesondere
zu Ptizyn, den er am Knopf festhielt --, den verstorbenen Grigorij
Ssemjonowitsch Burmistroff, der verstand es, die Herzen zu entznden.
Erstens, setzte er sich die Brille auf, schlug ein groes schwarzes Buch
in schwarzem Ledereinband auf, dabei hatte er einen weien Bart und zwei
Rettungsmedaillen auf der Brust. Er legte sie streng und ernst aus. Vor
ihm beugten sich Generle, Damen fielen in Ohnmacht, aber dieser da --
endet mit einer Einladung zum Imbi! Das ist unerhrt!

Ptizyn hrte dem General lchelnd zu und griff nach seinem Hut, um
fortzugehen, doch schien er sich dann doch nicht dazu entschlieen zu
knnen oder verga wenigstens immer wieder seine Absicht. Ganj hatte
schon vorhin, als man sich vom Tisch erhob, seinen Pokal von sich
gestoen: ein finsterer Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Als man vom
Tische aufstand, ging er zu Rogoshin und setzte sich zu ihm. Man htte
denken knnen, da die beiden in den freundschaftlichsten Beziehungen
zueinander stnden. Auch Rogoshin, der sich zu Anfang ein paarmal
anschickte, leise fortzugehen, sa jetzt unbeweglich da wie in Gedanken
versunken, als htte er ganz vergessen, wo er war. Den ganzen Abend ber
hatte er keinen Tropfen Wein getrunken und war sehr nachdenklich. Hin
und wieder hob er seinen Blick und betrachtete alle und jeden. Es
schien, als ob er hier etwas erwartete, etwas fr ihn auerordentlich
Wichtiges.

Der Frst hatte im ganzen zwei oder drei Glas getrunken und war nur
einfach heiter. Als er sich vom Tisch erhob, begegnete er dem Blick
Jewgenij Pawlowitschs, erinnerte sich der ihnen beiden bevorstehenden
Aussprache und lchelte entgegenkommend. Jewgenij Pawlowitsch winkte ihm
zu und zeigte auf Hippolyt, den er soeben aufmerksam betrachtet hatte.
Hippolyt lag auf dem Diwan ausgestreckt und schlief.

Weshalb hat dieses Brschchen sich so an Sie gehngt, Frst? sagte er
pltzlich mit ersichtlichem rger, so da der Frst erstaunte. Ich
wollte wetten, Frst, er hat nichts Gutes im Sinne!

Ich habe bemerkt, erwiderte der Frst, oder es scheint mir wenigstens
so, da er Sie, Jewgenij Pawlowitsch, heute ganz besonders interessiert;
ist das wahr?

Denken Sie sich, ich wundere mich selbst darber. Whrend ich Grund
genug htte, ber meine eigene Lage nachzudenken, beschftige ich mich
den ganzen Abend mit ihm und kann meinen Blick von diesem widerwrtigen
Gesicht gar nicht losreien.

Sein Gesicht ist doch hbsch ...

Da, da, sehen Sie nur! rief Jewgenij Pawlowitsch und packte die Hand
des Frsten. Da ...!

Der Frst betrachtete Jewgenij Pawlowitsch nochmals mit Erstaunen.


                                   V.

Hippolyt, der gegen Ende des Lebedeffschen Vortrags auf dem Diwan
eingeschlafen war, erwachte pltzlich: ganz als ob ihn jemand in die
Seite gestoen htte, fuhr zusammen, erhob sich, sah sich um und
erbleichte. Mit einem Ausdruck des Schreckens lie er seine Augen durchs
Zimmer schweifen und eine furchtbare Angst lag in seinen Gesichtszgen,
als er sich wieder zu besinnen schien.

Wie, sie gehen fort? Ist alles aus? Alles schon zu Ende? Ist die Sonne
schon aufgegangen? fragte er erregt, indem er die Hand des Frsten
erfate. Wieviel ist die Uhr, um Gottes willen, die Uhr? Ich habe mich
verschlafen. Habe ich lange geschlafen? fgte er verzweifelt hinzu, als
htte er etwas verschlafen, wovon sein ganzes Schicksal abhing.

Sie haben im ganzen sieben oder acht Minuten geschlafen, antwortete
Jewgenij Pawlowitsch.

Hippolyt sah ihn starr an und dachte einen Augenblick nach.

Nur! Also habe ich nichts verloren ...

Und er atmete auf, als ob eine unendlich schwere Last von ihm genommen
wre. Er begriff endlich, da nichts verloren war, da die Sonne noch
nicht aufgegangen, da die Gste nur ihre Sthle verlieen, um einen
Imbi einzunehmen, und da lediglich das Geschwtz Lebedeffs zu Ende
war. Er lchelte und ein schwindschtiges Rot in Gestalt zweier Flecke
erschien auf seinen Wangen.

Sie haben also die Minuten gezhlt, whrend ich schlief, Jewgenij
Pawlowitsch, griff er spttisch auf. Sie haben sich den ganzen Abend
nicht von mir losreien knnen, ich habe es gesehen ... Ah! Rogoshin!
Ich habe ihn soeben im Traume gesehen, flsterte er dem Frsten zu und
sah stirnrunzelnd zu Rogoshin hinber. Ach, ja, wo ist denn der Redner
geblieben, sprang er wieder auf etwas anderes ber, wo ist Lebedeff?
Lebedeff hat also seine Rede beendet? Wovon sprach er? Ist es wahr,
Frst, da Sie einmal gesagt haben, die Welt wird durch die Schnheit
erlst werden? Meine Herren, wandte er sich mit lauter Stimme an alle,
der Frst behauptet, da Schnheit die Welt erlsen werde! Doch ich
behaupte, da er nur deshalb so sonderbare Gedanken hat, weil er
verliebt ist. Meine Herren, der Frst ist verliebt. Vorhin, als er
eintrat, habe ich mich davon berzeugt. Errten Sie nicht, Frst, sonst
mu ich Sie bedauern. Welche Schnheit wird die Welt erlsen? Mir hat es
Kolj gesagt ... Sie sind ein eifriger Christ? Kolj sagt, da Sie sich
selbst einen Christen genannt haben.

Der Frst sah ihn durchdringend an und antwortete ihm nicht.

Sie antworten mir nicht? Sie denken vielleicht, da ich Sie sehr
liebe, fgte pltzlich Hippolyt wie abgebrochen hinzu.

Nein, das denke ich nicht. Ich wei, da Sie mich nicht lieben.

Wie, auch nicht nach dem gestrigen Vorfall? Gestern war ich doch
aufrichtig gegen Sie?

Ich wute auch gestern, da Sie mich nicht lieben.

Das heit, weil ich Sie beneide, beneide? Sie dachten es schon immer
und denken es auch jetzt, doch ... doch warum sage ich Ihnen das? Ich
mchte noch Champagner trinken, schenken Sie mir ein, Keller.

Sie drfen nicht mehr trinken, Hippolyt, ich gebe Ihnen keinen.

Und der Frst nahm ihm das Glas fort.

Nun, meinetwegen ... willigte Hippolyt sofort ein, wie in Gedanken
versunken. Sie werden noch alle sagen ... doch, den Teufel auch! was
geht's mich an, was sie sagen werden! Nicht wahr, nicht wahr? Mgen sie
nachher sagen, was sie wollen, nicht, Frst? Und was geht es uns alle
an, was _dann_ sein wird! ... Ich glaube, ich bin noch verschlafen. Was
fr einen furchtbaren Traum ich hatte -- jetzt erst erinnere ich mich
... Ich wnsche Ihnen solche Trume nicht, Frst, obgleich ich Sie
vielleicht wirklich nicht liebe. brigens, wenn man einen Menschen auch
nicht liebt, warum soll man ihm Schlechtes wnschen, nicht wahr? Doch
was frage ich Sie denn, immer frage ich Sie! Geben Sie mir Ihre Hand,
ich werde Sie Ihnen krftig drcken, so ... Sie haben mir also gleich
Ihre Hand gegeben! Also mssen Sie wissen, da ich sie aufrichtig
drcke? ... brigens, ich werde nicht mehr trinken. Wieviel ist die Uhr?
Nein, es ist nicht ntig, ich wei, wieviel die Uhr ist. Es ist Zeit!
Die Stunde ist gekommen. Was, dort in der Ecke wird der Imbi
eingenommen? Also wird dieser Tisch hier frei? Vorzglich! Meine Herren,
ich ... doch alle diese Herren hren ja gar nicht ... ich bin bereit,
Ihnen etwas vorzulesen, Frst; der Imbi ist natrlich interessanter,
aber ...

Und pltzlich zog er ganz unerwartet aus seiner Seitentasche ein groes
rotversiegeltes Paket hervor und legte es vor sich hin auf den Tisch.

Das Unerwartete der Sache brachte einen groen Effekt in der
Gesellschaft hervor. Auf so etwas war man gar nicht vorbereitet.
Jewgenij Pawlowitsch sprang sogar von seinem Stuhl auf. Ganj kam
schnell an den Tisch heran. Rogoshin auch, doch mit geringschtziger,
rgerlicher Miene, als ob er wte, um was es sich handelte. Lebedeff,
der in der Nhe beschftigt war, kam auch herbei und betrachtete das
Paket mit neugierigen Augen, als wollte er erraten, wovon es handelte.

Was haben Sie denn da? fragte beunruhigt der Frst.

Sobald der uerste Rand der Sonne am Horizont erscheint, werde ich zur
Ruhe gehen, Frst, ich habe es gesagt; mein Ehrenwort: Sie werden es
sehen! rief Hippolyt. Doch ... doch ... glauben Sie wirklich, da ich
nicht imstande sein werde, dieses Paket zu ffnen? fgte er hinzu, als
forderte er sie alle heraus, und als wandte er sich ausnahmslos an alle.

Der Frst bemerkte, da er am ganzen Krper zitterte.

Niemand von uns glaubt es, antwortete der Frst fr alle, und warum
glauben Sie, da jemand von uns einen solchen Gedanken haben knne ...
aber was ... was fr eine sonderbare Idee von Ihnen, uns vorlesen zu
wollen? Was ist Ihnen denn, Hippolyt?

Was fehlt ihm? Was ist wieder mit ihm passiert? fragte man ringsum.

Alle kamen herbei, einige aen noch, doch das Paket mit dem roten Siegel
zog alle wie ein Magnet an.

Das habe ich gestern selbst geschrieben, gleich nachdem ich Ihnen das
Wort gegeben, da ich zu Ihnen bersiedeln wrde, Frst. Ich habe
gestern den ganzen Tag daran geschrieben, die Nacht darauf, und beendet
habe ich es heute morgen -- in der Nacht gegen Morgen hatte ich einen
Traum ...

Wrde es nicht besser sein, wenn Sie es morgen ... unterbrach ihn
schchtern der Frst.

Morgen >wird keine Zeit mehr sein<! lachte Hippolyt hysterisch auf.
brigens, beunruhigen Sie sich nicht, ich lese es in vierzig Minuten,
vielleicht -- in einer Stunde ... Und sehen Sie, wie sich alle dafr
interessieren, alle sind gekommen, alle sehen nach meinem Paket. Ich
glaube, wenn es nicht so versiegelt wre, so htte es gar keinen Effekt
gemacht! Ha--ha! Sehen Sie, was ein Geheimnis bedeutet! Soll ich es
ffnen, meine Herren, oder nicht? rief er mit eigentmlichem Lcheln
und mit blitzenden Augen. Ein Geheimnis! Ein Geheimnis! Doch entsinnen
Sie sich, Frst, wer hat es gesagt, da >keine Zeit mehr sein wird<? Das
verkndet der groe und mchtige Engel in der Apokalypse.

Lassen Sie bitte das Lesen! rief pltzlich Jewgenij Pawlowitsch, von
solcher Unruhe ergriffen, da es vielen sonderbar erschien.

Lesen Sie nicht! rief auch der Frst aus und legte die Hand aufs
Paket.

Warum lesen? Jetzt essen wir, bemerkte jemand.

Einen Artikel? Aus der Zeitung, wie? erkundigte sich ein anderer.

Vielleicht ist es langweilig? fgte ein dritter hinzu.

Was ist denn eigentlich los? erkundigten sich die brigen.

Die erschrockene Bewegung des Frsten machte auf Hippolyt einen starken
Eindruck.

Also ... nicht lesen? stammelte er mit einem verzerrten Lcheln auf
seinen blutleeren Lippen. Nicht lesen? wandte er sich an alle, an das
ganze Publikum und blickte jedem einzeln ins Gesicht. Sie frchten
sich? wandte er sich wieder an den Frsten.

Weshalb? fragte dieser ganz verwundert.

Hat jemand ein Zwanzigkopekenstck? Hippolyt sprang pltzlich vom
Stuhle auf, als htte er einen Sto bekommen, oder irgendeine Mnze?

Hier! Lebedeff reichte ihm sofort eine. Ihm kam der Gedanke, da der
kranke Hippolyt den Verstand verloren habe.

Wjera Lukjanowna! wandte sich Hippolyt hastig an das junge Mdchen,
nehmen Sie, werfen Sie es auf den Tisch: Adler oder Aufschrift? Adler
-- heit lesen!

Wjera sah erschrocken auf die Mnze, auf Hippolyt und auf ihren Vater.
Darauf warf sie das Geldstck auf den Tisch mit der berzeugung, da sie
es gar nicht zu sehen brauchte. Der Adler lag oben.

Lesen! flsterte Hippolyt, als htte wirklich das Schicksal
gesprochen. Er htte nicht strker erblassen knnen, selbst wenn ihm das
Todesurteil vorgelesen worden wre. brigens, fuhr er auf, nach einer
halben Minute Schweigen. Was soll das? Habe ich nicht soeben mein Los
geworfen? wandte er sich von neuem an seine Umgebung, mit derselben
fragenden Aufrichtigkeit. Das ist ja wirklich ein sonderbarer, ein
psychologischer Zug! rief er pltzlich und wandte sich mit aufrichtiger
Verwunderung diesmal wieder an den Frsten. Das ist ... das ist ja ein
ganz unfabares Moment, Frst! besttigte er sich den Gedanken selbst,
und als kme er jetzt wieder ganz zu sich. Das schreiben Sie sich auf,
Frst, denken Sie daran, Sie sammeln doch Material bezglich der
Todesstrafe ... man sagte es mir, ha, ha! O mein Gott, welch eine
sinnlose Dummheit! Er fiel auf den Diwan zurck, sttzte seine beiden
Ellenbogen auf den Tisch und legte seinen Kopf in beide Hnde. Das ist
ja geradezu schandbar! ... Zum Teufel, was geht es mich an, wenn es
schandbar ist! er erhob sofort wieder seinen Kopf. Meine Herren! meine
Herren, ich ffne jetzt das Paket! entschied er mit pltzlicher
Entschlossenheit. Ich ... ich zwinge brigens niemanden, zuzuhren!
...

Mit vor Erregung zitternden Hnden entsiegelte er das Paket, zog einige
engbeschriebene Bltter Postpapier aus ihm heraus, legte sie vor sich
hin und glttete sie.

Was soll das? Was ist denn los? Was will er lesen? murmelten einige.
Andere schwiegen.

Doch alle setzten sich und sahen ihm mit Neugierde zu. Vielleicht
erwarteten sie wirklich etwas Auergewhnliches. Wjera klammerte sich an
den Stuhl ihres Vaters und htte vor Angst beinahe zu weinen angefangen.
Fast ebenso erschrocken war Kolj. Lebedeff, der sich soeben hingesetzt,
erhob sich wieder, ergriff einen Leuchter und stellte ihn vor Hippolyt
hin, damit er es heller zum Lesen htte.

Meine Herren, das ... das werden Sie gleich sehen, was das bedeutet,
bemerkte Hippolyt aus irgendeinem Grunde und fing zu lesen an: Eine
notwendige Erklrung! Motto: _Aprs moi le dluge_{[28]} ... Pfui, zum
Teufel! fuhr er pltzlich auf, als htte er sich verbrannt. Wie konnte
ich denn im Ernst ein so dummes Motto whlen? ... Hren Sie, meine
Herren! ... ich versichere Sie, es sind vielleicht zum Schlu nichts als
Albernheiten! Nur einige meiner Ideen sind darin ... Wenn Sie vielleicht
glauben, da es ... irgend etwas Geheimnisvolles oder ... Verbotenes ist
... mit einem Wort ...

Wenn Sie doch ohne Vorreden lesen wollten, unterbrach ihn Ganj.

Er dreht und windet sich! fgte jemand hinzu.

Viel zu viel Gerede! uerte sich pltzlich Rogoshin, der die ganze
Zeit ber geschwiegen hatte.

Hippolyt wandte sich zu ihm, und als ihre Blicke sich trafen, lchelte
Rogoshin bitter und sprach langsam die sonderbaren Worte:

Nicht so mu man die Sache anfassen, junger Mann, nicht so ...

Was Rogoshin damit sagen wollte, begriff natrlich niemand, doch seine
Worte machten trotzdem einen sonderbaren Eindruck auf alle. In einem
jeden berhrten sie eine ihnen allen gemeinsame Ahnung. Auf Hippolyt
selbst machten die Worte einen geradezu schrecklichen Eindruck: er
wankte so stark, da der Frst seine Hand nach ihm ausstreckte, um ihn
zu halten, und er htte aufgeschrien, wenn ihm nicht pltzlich die
Stimme abgebrochen wre. Eine ganze Minute konnte er kein Wort
hervorbringen, er atmete schwer und sah unverwandt Rogoshin an. Endlich
atmete er tief auf und sagte mit groer Anstrengung:

Also das waren Sie ... Sie waren es ... Sie?

Wer war? Wo war? fragte sehr erstaunt Rogoshin.

Doch Hippolyt schrie pltzlich wie besessen auf:

Sie waren bei mir in der vergangenen Woche, in der Nacht, um zwei Uhr,
an dem Tage, als ich morgens zu Ihnen kam, Sie!!! Geben Sie es zu, Sie?

Vergangene Woche, in der Nacht? Du schliefst wohl und bist jetzt von
Sinnen, junger Mann?

Der junge Mann schwieg wieder eine Minute lang, legte seinen Finger an
die Stirn und dachte nach, und in seinem bleichen, vor Furcht verzerrtem
Lcheln tauchte etwas Schlaues, Triumphierendes auf.

Das waren Sie! wiederholte er kaum hrbar, doch mit fester
berzeugung. Sie kamen zu mir und saen schweigend bei mir auf dem
Stuhl, am Fenster, eine ganze Stunde und noch lnger; um ein oder zwei
Uhr nachts; Sie standen dann auf und gingen um drei Uhr fort ... Das
waren Sie, Sie! Warum haben Sie mich erschreckt, Sie kamen, um mich zu
qulen, -- ich verstehe es nicht, doch das waren Sie!

Und in seinen Augen blitzte ein grenzenloser Ha auf, obgleich noch
Angst und Schrecken in ihnen lagen.

Sie werden sofort, meine Herren, alles erfahren, ich ... ich ... hren
Sie ...

Er griff wieder, sich jetzt schrecklich beeilend, nach seinen Blttern,
sie waren durcheinander gekommen, er suchte sie wieder zusammen; sie
zitterten in seinen schwachen Hnden, er konnte lange nicht mit ihnen in
Ordnung kommen.

Er ist wahnsinnig, oder er phantasiert! murmelte kaum hrbar Rogoshin.

Endlich begann er doch vorzulesen. Zu Anfang, in den ersten fnf Minuten
rang der Autor der Abhandlung nach Atem und las ungleich und
abgebrochen; doch wurde seine Stimme immer fester und gleichmiger, so
da er die niedergeschriebenen Gedanken vollkommen ausdrcken konnte.
Hin und wieder unterbrach ihn nur ein heftiger Husten und in der Mitte
der Vorlesung wurde er vollstndig heiser. Er belebte sich aber whrend
des Lesens immer mehr und mehr und war zum Schlu so mitgerissen, da er
einen schmerzlichen, krampfhaften Eindruck bei den Zuhrern hervorrief.

Hier folgt die Abhandlung in ihrem ganzen Umfange:


                     Meine notwendige Erklrung.

                                        _Aprs moi le dluge!_{[28]}

Gestern frh war der Frst bei mir; unter anderem beredete er mich, zu
ihm auf die Datsche zu ziehen. Ich wute es und war berzeugt, da er
darauf bestehen wrde, mit der Begrndung, da fr mich >unter Menschen
und Bumen leichter zu sterben wre<, wie er sich ausdrckt. Doch heute
sagte er nicht _sterben_, sondern er sagte >leichter zu leben<, was fr
mich und in meiner Lage ungefhr dasselbe ist. Ich fragte ihn, was er
denn mit seinen >Bumen< eigentlich wolle und warum er immer von den
>Bumen< erzhle, -- und da hrte ich denn zu meinem nicht geringen
Erstaunen, da ich selbst an dem Abend in Pawlowsk geuert htte, ich
sei gekommen, um zum letzten Mal Bume zu sehen. Als ich darauf die
Bemerkung machte, da es doch ganz gleichgltig wre, ob ich unter
Bumen sterbe oder hier durch das Fenster auf meine Backsteinmauer sehe,
und da es sich wegen dieser zwei Wochen nicht weiter lohne, gab er mir
das sofort zu. Doch wrde das frische Grn und die reine Luft auf mich
physisch sehr gut wirken, meinte er, ich wrde ruhiger werden und
schwere Trume wrden mich nicht mehr qulen. Ich bemerkte ihm wieder
lachend, da er ein Materialist sei. Da er niemals spottet, so muten
seine Worte etwas bedeuten. Sein Lcheln war so gtig, ich betrachtete
ihn jetzt aufmerksamer. Ich wei nicht, ob ich ihn liebe, doch darber
nachzudenken, habe ich jetzt keine Zeit mehr. Mein fnfmonatlicher Ha
auf ihn, ich mu es gestehen, hatte sich im letzten Monat vollstndig
beruhigt. Wer kann's wissen, vielleicht fuhr ich nur nach Pawlowsk, um
hauptschlich ihn zu sehen. Doch ... warum hatte ich nur damals mein
Zimmer verlassen?! Ein zum Tode Verurteilter mu seinen Winkel nicht
verlassen; und wenn ich mich jetzt nicht endgltig zu etwas entschlossen
htte, statt auf meine letzte Stunde zu warten, so htte ich freilich
mein Zimmer niemals verlassen und wre nicht hierher bergesiedelt, um
zu sterben. Ich mu mich beeilen, um mit dieser ganzen >Erklrung< bis
morgen fertig zu werden. Wahrscheinlich werde ich keine Zeit haben, sie
durchzulesen und zu korrigieren. Ich werde sie morgen dem Frsten und
zwei bis drei Personen, die ich dort anzutreffen gedenke, vorlesen. Da
ich keine einzige Lge schreiben werde, sondern nur die Wahrheit, die
letzte, feierliche Wahrheit, so bin ich neugierig, welchen Eindruck
dieses Schriftstck in der Stunde und Minute, da ich es vorlesen werde,
auf mich selbst machen wird? brigens habe ich unntz die Worte >letzte
und feierliche Wahrheit< geschrieben. Wegen zweier Wochen lohnt es sich
sowieso nicht, zu lgen, weil es sich auch zwei Wochen zu leben nicht
lohnt; der Beweis dafr ist ja, da ich nur die Wahrheit schreibe. (NB.
Vergesse ich nicht am Ende meine Gedanken? Bin ich nicht vielleicht
wahnsinnig in dieser Minute, d. h. minutenlang wahnsinnig? Man hat es
mir besttigt, da Schwindschtige im letzten Stadium ihrer Krankheit
zeitweise den Verstand verlieren. Ich werde mich morgen davon beim
Eindruck auf die Zuhrer berzeugen. Dieser Frage mu mit der grten
Genauigkeit nachgesprt werden, sonst kann man zu keiner berzeugung
kommen.)

Mir scheint es, da ich soeben eine furchtbare Dummheit geschrieben
habe, doch sie zu verbessern, habe ich keine Zeit, auerdem habe ich mir
das Wort gegeben, in diesem Handschreiben keine einzige Zeile zu
verbessern, selbst wenn ich bemerken sollte, da ich mir auf jeder
fnften Zeile widerspreche. Ich mchte mich ja gerade morgen beim Lesen
von dem richtigen logischen Flu meiner Gedanken berzeugen; und ob ich
meine Fehler bemerke und ob es mglich ist, da alles, was ich in diesen
sechs Monaten in diesem Zimmer gedacht habe, nur Fieberphantasien sind?

Wenn ich vor zwei Monaten, wie jetzt, mein Zimmer htte verlassen und
von der Meyerschen Wand mich verabschieden mssen, so, ich mu es
gestehen, so wre es mir sehr schwer gefallen. Jetzt empfinde ich nichts
mehr, und verlasse doch dieses Zimmer und diese Wand auf ewig! Also mu
meine berzeugung, da es sich fr zwei Wochen nicht mehr lohnt, diese
Gefhle aufkommen zu lassen, meine ganze Natur beherrschen. Verhlt es
sich nun wirklich so? Ist meine Natur wirklich vollstndig besiegt? Wenn
man mich jetzt auf die Folter spannte, so wrde ich doch sicher
schreien, und wrde nicht sagen, da es sich nicht lohnte, zu schreien
oder Schmerz zu empfinden, nur weil zwei Wochen schon nichts mehr
bedeuten.

Sind es denn wirklich nur vierzehn Tage, die mir zum Leben verblieben
sind, und nicht mehr? Damals in Pawlowsk hatte ich gelogen: B--n hatte
mir nichts gesagt und hat mich berhaupt nicht gesehen. Doch vor acht
Tagen besuchte mich ein Student Kilorodoff; nach seiner berzeugung ist
er Materialist, Atheist und Nihilist, und das war es, warum ich ihn
rufen lie. Ich hatte einen Menschen ntig, der mir endlich die nackte
Wahrheit sagen konnte, ohne alle Rcksichten und Umstnde. Das tat er
denn auch, und nicht nur aus Geflligkeit und ohne Umstnde, sondern mit
sichtlichem Vergngen (was ich meinerseits schon berflssig fand). Er
sagte mir auch gerade ins Gesicht, da ich noch ungefhr einen Monat
leben knnte; vielleicht auch etwas lnger, wenn die Umstnde gnstig
seien, doch vielleicht auch noch nicht einmal so lange. Seiner Meinung
nach knnte ich auch ganz pltzlich sterben, zum Beispiel morgen; solche
Flle habe es oft gegeben und erst vorgestern sei eine junge Frau in
Kolomna, deren Zustand dem meinen ganz gleich gewesen, gestorben. Sie
habe auf den Markt gehen wollen, pltzlich sich schlecht gefhlt, habe
sich auf den Diwan gelegt, einmal noch geatmet und -- sei gestorben.
Alle diese Mitteilungen machte mir Kilorodoff mit einer gewissen
schneidigen Gefhlslosigkeit, als htte er mir damit eine Ehre angetan
und als hielte er mich fr ein ebenso hheres, alles verneinendes
Geschpf, wie er es selbst zu sein glaubte, und den zu sterben
selbstverstndlich nichts kostete. Ich hatte also jetzt wirklich die
Gewiheit: noch einen Monat und nicht lnger zu leben! Da er sich nicht
geirrt hat, davon bin ich fest berzeugt.

Sehr erstaunt war ich darber, da der Frst vorhin bemerkte, da mich
>schlechte Trume< qulen; er sagte buchstblich, in Pawlowsk wrden
>meine Erregung und meine Trume< nachlassen. Wie kommt er darauf? Ist
er Mediziner oder hat er wirklich einen auergewhnlichen Verstand und
kann vieles erraten? (Da er am Ende doch ein >Idiot< ist, darber
besteht kein Zweifel.) Gerade vor seinem Erscheinen hatte ich einen
jener reizenden Trume, wie sie mich, brigens, jetzt zu Tausenden
heimsuchen. Ich schlief ein -- ich denke, eine Stunde vor seiner
Ankunft, und befand mich in einem Zimmer, das grer und hher war, als
das meinige, besser mbliert und auch heller. In ihm stand ein Schrank,
eine Kommode, ein Diwan und mein Bett, nur grer und breiter und
bedeckt mit einer grnseidenen Steppdecke. Doch bemerkte ich in diesem
Zimmer ein schreckliches Tier, eine Art Skorpion und doch kein Skorpion,
sondern viel widerwrtiger und schrecklicher, unheimlicher. Es war,
glaube ich, um so ekelhafter, weil es solche Tiere in der Natur nicht
gibt und weil es _gerade_ zu _mir_ gekommen war, mit einer
geheimnisvollen Absicht, als enthielte es selbst ein furchtbares
Geheimnis. Ich habe es sehr genau betrachtet: es war ein braunes,
kriechendes, amphibienartiges Krustentier, etwa vier Zoll lang, am Kopfe
vielleicht zwei Finger breit, zum Schwanze hin verdnnte es sich immer
mehr, so da die uerste Spitze desselben nicht dicker als ein Zehntel
Zoll war. Einen Zoll tiefer unter dem Kopf, traten in einem Winkel von
etwa fnfundvierzig Grad zwei Pfoten aus dem Rumpfe hervor, jede
ungefhr zwei Zoll lang, so da das Tier von oben gesehen die Form eines
Dreizackes hatte. Den Kopf konnte ich nicht sehen, doch sah ich zwei
Fhler, nicht sehr lang, wie zwei groe Nadeln, von rotbrauner Farbe.
Solche zwei Fhler hatte es auch am Ende des Schwanzes und am Ende jeder
Pfote, im ganzen also acht Fhler. Das Tier lief wahnsinnig schnell ber
das ganze Zimmer und sttzte sich dabei auf Pfoten und Schwanz, und wenn
es lief, so dehnte sich der ganze Krper und der Schwanz in ringelnden
Bewegungen, wie bei einer Schlange, ungeachtet seiner Kruste, was ein
widerwrtiger Anblick war. Ich hatte furchtbare Angst, da es mich
stechen wrde, man hatte mir gesagt, es wre giftig, doch qulte ich
mich am meisten darber, was man mir damit antun wolle, warum man es mir
ins Zimmer gesetzt und worin sein Geheimnis bestand? Es kroch unter die
Kommode, unter den Schrank, in alle Ecken. Ich sa auf dem Stuhl und
hatte die Fe hochgezogen. Es lief schnell ber das ganze Zimmer und
verschwand pltzlich unter meinem Stuhl. Angstvoll suchte ich es mit
meinen Augen, die Fe hatte ich, wie gesagt, hochgezogen und ich hoffte
im stillen, da es nicht an dem Stuhl hinaufklettern wrde. Pltzlich
hrte ich hinter mir fast an meinem Kopfe ein knisterndes Gerusch: ich
blicke mich um und sehe, da das Reptil an der Wand emporkriecht in
gleicher Hhe mit meinem Kopfe. Mit seinem Schwanze, den es mit groer
Schnelligkeit wand und drehte, berhrte es schon mein Haar. Ich sprang
vom Stuhl und -- auch das Tier verschwand. Ich frchtete mich, mich aufs
Bett zu legen, da es vielleicht unter das Kissen gekrochen. Ins Zimmer
traten meine Mutter und irgendein Bekannter von ihr. Sie versuchten, das
Scheusal zu fangen, waren viel ruhiger als ich, und frchteten sich
nicht einmal. Doch verstanden sie nichts davon. Pltzlich kroch das Tier
wieder hervor, diesmal sehr langsam, als htte es eine besondere
Absicht, sich langsam ber das Zimmer zur Tr hin dehnend, was noch
widerwrtiger war. Da ffnete meine Mutter die Tr und rief Norma,
unseren Hund, einen groen, schwarzen, zottigen Neufundlnder -- er
starb vor fnf Jahren. Norma strzte ins Zimmer und blieb wie
angewurzelt vor dem Reptil stehen, das gleichfalls im Laufe einhielt,
doch sich weiter wand und mit Schwanz und Pfoten auf den Boden schlug.
Tiere empfinden keinen mystischen Schrecken, wenn ich mich nicht irre;
in dieser Minute jedoch schien es mir, da auch Norma diesen
auergewhnlichen, diesen fast mystischen Schrecken empfand, ganz als ob
er, wie ich, geahnt htte, da in diesem Tier etwas Verhngnisvolles,
etwas Geheimnisvolles enthalten war. Norma zog sich langsam vor dem
Reptil zurck, das nun seinerseits vorsichtig auf ihn loskam. Pltzlich
wollte das Reptil sich auf ihn werfen und ihn beien. Trotz seiner Angst
und trotzdem er an allen Gliedern zitterte, wich der Hund nicht zurck:
er fletschte seine groen weien Zhne, ffnete seinen groen roten
Rachen, legte sich sprungbereit und entschlo sich dann mit einem Mal,
das Reptil mit seinen Zhnen zu packen. Das Reptil wand sich und
zappelte so heftig, da es loskam, und Norma mute es noch einmal im
Falle packen. Zweimal nacheinander tat er es und schnappte nach ihm. Die
Kruste knackte unter seinen Zhnen, Schwanz und Pfoten des Reptils
zappelten mit wahnsinniger Schnelligkeit. Pltzlich heulte Norma
klglich auf. Das Scheusal hatte ihn doch in die Zunge gestochen. Der
Hund winselte und schrie vor Schmerz und ich sah, wie das zerbissene
Reptil ihm quer im Rachen lag und wie eine groe Menge weien Saftes,
hnlich dem Safte einer zertretenen, groen Schabe, aus dem
zerquetschten Leib sich auf die Zunge des Hundes ergo ... Da erwachte
ich und erblickte den Frsten, der soeben eingetreten war.

Meine Herren, unterbrach sich Hippolyt, als schme er sich, ich habe
das Geschriebene nicht durchgelesen, es ist da viel Unntzes ... Dieser
Traum ...

Stimmt, beeilte sich Ganj zu bemerken.

Ich gebe es zu, es ist zu viel Persnliches ...

Als Hippolyt das sagte, hatte er ein mdes, erschpftes Aussehen. Er
wischte sich mit dem Taschentuch den Schwei von der Stirn.

Tja, Sie interessieren sich schon zu sehr fr sich, lispelte Lebedeff.

Ich, meine Herren, zwinge niemanden, zuzuhren, wer da will, kann sich
entfernen.

Er jagt uns fort ... aus einem fremden Hause, brummte, kaum hrbar,
Rogoshin.

Wie? Sollen wir denn alle pltzlich aufstehen? und uns entfernen?
bemerkte ganz unerwartet Ferdyschtschenko, der bis jetzt nicht laut zu
sprechen gewagt hatte.

Hippolyt senkte die Augen und griff nach seinem Schriftstck, doch in
demselben Augenblick erhob er wieder seinen Kopf und sagte mit
blitzenden Augen und roten Flecken auf beiden Wangen, Ferdyschtschenko
scharf ansehend:

Sie lieben mich wohl gar nicht!

Lachen erscholl. brigens -- die Mehrzahl lachte nicht. Hippolyt
errtete ber und ber.

Hippolyt, sagte der Frst, legen Sie die Bltter zusammen und geben
Sie sie mir. Sie selbst legen sich bitte schlafen, hier in meinem
Zimmer. Wir knnen ja noch morgen miteinander davon reden, doch unter
der Bedingung, da wir diese Bltter da nicht mehr anrhren. Wollen
Sie?

Wie ist denn das mglich? fragte ihn Hippolyt mit strenger
Verwunderung. Meine Herren, rief er aus, sich wieder fieberhaft
belebend, das war nichts als eine dumme Episode, mit der ich nicht
recht fertigzuwerden gewut habe. Jetzt aber werde ich mich im Lesen
nicht mehr unterbrechen. Wer hren will, der hre ...

Er trank noch schnell einen Schluck Wasser, sttzte sich auf den Tisch,
wie um sich vor den Blicken der Anwesenden zu verbergen und setzte sein
Lesen hartnckig fort. Seine Verlegenheit verlor sich brigens bald ...

Er las weiter: Die Idee, da es sich gar nicht lohnte, noch einige
Wochen zu leben, berkam mich ungefhr vor einem Monat, damals, als man
mir gesagt hatte, da ich jetzt nur noch vier Wochen leben knne. Doch
beherrschte sie mich erst vollstndig, als ich vor drei Tagen, an jenem
Abend, aus Pawlowsk zurckkehrte. Zum absoluten Bewutsein dieses
Gedankens kam ich hier auf der Terrasse des Frsten, in demselben
Augenblick, als ich die letzte Probe aufs Leben machte, als ich Menschen
und Bume sehen wollte. Ich regte mich furchtbar auf, stand fr das
Recht Burdowskijs, >meines Nchsten<, ein und trumte davon, wie alle
mir pltzlich die Hnde reichen, mich umarmen und mich wegen irgend
etwas um Verzeihung bitten wrden, und wie -- wir es gegenseitig tun
wrden; mit einem Wort, ich dachte und trumte recht wie ein Narr. In
diesen Stunden kam ich dann zu dieser >letzten berzeugung<. Jetzt
wundere ich mich, wie ich die letzten sechs Monate ohne diese
>berzeugung< berhaupt habe leben knnen! Ich wute doch zu genau, da
ich die Schwindsucht hatte und unheilbar war; ich belog mich nicht und
hatte die Tatsache durchaus begriffen. Je mehr ich sie jedoch begriff,
desto krampfhafter wollte ich leben. Ich klammerte mich an das Leben und
wollte leben, was es auch koste! Ich hatte alle Ursache, an meinem
schrecklichen, grauenvollen Schicksal zu verzweifeln, das mich wie eine
Fliege zerdrcken wollte, ohne da ich wute, warum? Doch warum
verzweifelte ich nicht? Warum wollte ich erst anfangen, zu leben, als
ich wute, da ich nicht mehr anfangen konnte? Warum versuchte ich es,
als nichts mehr zu versuchen war? Ich konnte keine Bcher mehr lesen,
ich hrte auf zu lesen: wozu noch was wissen, erfahren, auf sechs
Monate? Dieser Gedanke zwang mich jedesmal, die Bcher wieder
fortzuwerfen.

Ja, diese Meyersche Backsteinwand knnte viel erzhlen! Viel habe ich
ihr anvertraut. Es gibt keinen Flecken an dieser schmutzigen Wand, den
ich nicht kenne. Diese verfluchte Wand! Und doch ist sie mir teurer als
alle Bume von Pawlowsk, das heit, sie mte mir teurer sein, wenn mir
jetzt nicht alles ganz gleichgltig wre!

Ich erinnere mich jetzt, mit welch gierigem Interesse ich anfing, _ihr_
Leben zu verfolgen: niemals hatte ich vordem ein solches Interesse
empfunden. Mit Ungeduld und mit Geschimpfe auf Kolj erwartete ich ihn,
als ich so erkrankte, da ich mein Zimmer nicht mehr verlassen konnte.
Ich drang bis in alle Kleinigkeiten, interessierte mich fr alle
Gerchte, bis ich selbst, glaube ich, zu einer Klatschbase wurde. Ich
verstand zum Beispiel nicht, wie diese Menschen, die noch so groen
Vorrat Leben vor sich hatten, es nicht verstanden, Millionre zu werden
(brigens begreife ich das auch jetzt nicht). Ich hrte von einem Armen,
der Hungers gestorben sei, und ich erinnere mich noch, da ich ganz
auer mir war: wenn dieser Arme wieder lebendig geworden wre, ich
glaube, ich htte ihn hinrichten lassen. Mir ging es dann wieder
tagelang besser und ich konnte auf die Strae gehen. Doch das Treiben
auf der Strae erbitterte mich dermaen, da ich mich wieder tagelang
auf mein Zimmer zurckzog, obgleich ich wie die anderen htte ausgehen
knnen. Ich konnte diese hastenden, ewig bekmmerten, finsteren,
aufgeregten Menschen nicht ertragen, die neben mir auf dem Trottoir
herumliefen. Woher ihre ewige Unruhe, ihre ewige Sorge, ihr
unaufhrlicher rger! Weil sie bse, bse, bse sind. Wer ist schuld
daran, da sie unglcklich sind und nicht zu leben verstehen, obgleich
sie noch sechzig Jahre vor sich haben? Warum hat Sarnizyn es dazu kommen
lassen, da er vor Hunger sterben mute, whrend er noch sechzig Jahre
htte leben knnen? Und jeder zeigt auf seine Lumpen, auf seine
abgearbeiteten Hnde, rgert sich und schreit: >Wir arbeiten wie Ochsen
und mhen uns und sind doch arm und hungrig wie die Wlfe! Andere
arbeiten nicht und mhen sich nicht und sind reich!< Das alte Klagelied!
Iwan Fomitsch Ssurikoff, der in unserem Hause ber uns lebte und ewig
mit durchlcherten Ellenbogen und abgerissenen Knpfen umherluft, der
immer fr andere Leute unterwegs und bestndig auf den Beinen ist, Tag
und Nacht: Fragen Sie ihn doch, was er damit erreicht? Er ist arm und
krank, seine Frau starb, weil er ihr keine Medizin kaufen konnte, im
Winter erfror ihm ein Kind ... die lteste Tochter mu mitverdienen ...
ewig jammert er und weint er! Niemals, oh, niemals habe ich Mitleid mit
diesem Mann empfunden, nicht jetzt und nicht frher -- mit Stolz sage
ich das! Warum ist er kein Rothschild geworden? Wer ist denn schuld
daran, da er nicht Millionen besitzt wie Rothschild, da er nicht Berge
von Imperialen und Napoleondors aufhufen kann, solche Berge, wie man
sie bei uns in der Butterwoche[24] auf dem Kirme aufbaut. Er lebt und
kann leben, folglich ist alles in seiner Macht! Wer ist schuld daran,
da er dies nicht begreift?

Oh, jetzt ist mit das alles ganz gleichgltig, jetzt habe ich keinen
Grund, mich zu rgern; aber damals, damals, ich wiederhole es, habe ich
buchstblich in mein Kissen gebissen und vor Wahnsinn meine Decke
zerrissen. Oh, wie sehnte ich mich danach, wie wnschte ich, da man
mich Achtzehnjhrigen, kaum angezogen, pltzlich auf die Strae jagte
und mich allein liee, ohne Wohnung, ohne Arbeit, ohne ein Stck Brot,
ohne Eltern, allein in dieser Riesenstadt, ohne einen bekannten
Menschen, hungrig, zerlumpt, zerschlagen (um so besser!), doch gesund,
gesund ... dann wrde ich zeigen.

Was zeigen?

O glauben Sie wirklich, da ich es nicht wei, wie ich mich schon
sowieso mit meiner Erklrung erniedrige! Wer wird mich nicht fr einen
dummen Jungen halten, der mit seinen achtzehn Jahren das Leben noch
nicht kennt. Doch er vergit, da so leben, wie ich diese sechs Monate
gelebt habe, gleichbedeutend ist mit leben -- bis zum Greisenalter! Mge
man doch lachen, mge man sagen, da es Mrchen sind, denn es ist wahr,
ich habe mir selbst Mrchen vorerzhlt, ganze Tage und Nchte lang, und
ich erinnere mich jetzt ihrer aller.

Soll ich sie mir denn jetzt wieder erzhlen, jetzt, wo es Zeit ist, auch
die Mrchen zu lassen? Und wozu noch? Ich vertrieb mir die Zeit mit
ihnen, damals, als ich einsah, da es mir sogar versagt war, die
griechische Grammatik zu lernen, da ich, wie ich mir sagen mute, >kaum
bis zur Syntax kommen wrde, bevor ich strbe<. Ich warf das Buch unter
den Tisch -- dort liegt es jetzt noch. Matrjona wollte es aufheben, ich
habe es ihr verboten.

Mge der, dem meine Erklrung in die Hnde fllt, und der die Geduld
hat, sie durchzulesen, mge er mich fr einen Wahnsinnigen oder, noch
schlimmer, fr einen Gymnasiasten halten -- oder richtiger: fr einen
zum Tode Verurteilten, dem es nur zu natrlich schien, da alle
Menschen, nur er selbst ausgenommen, das Leben nicht zu schtzen wissen,
es leichtsinnig verschwenden, faul und gewissenlos sich seiner bedienen,
und da alle, bis auf den letzten, es nicht verdienen! Doch ich erklre,
da der Leser sich irrt, wenn er glaubt, diese meine berzeugung sei
abhngig von meinem Todesurteil. Fragen Sie, fragen Sie sie doch nur,
vom ersten bis zum letzten, worin ihrer Meinung nach das Glck besteht?
Oh, seien Sie berzeugt, da Kolumbus nicht damals glcklich war, als er
Amerika entdeckt hatte, sondern als er es entdecken wollte; seien Sie
berzeugt, da der Augenblick seines hchsten Glckes vielleicht damals
war, als drei Tage vor der Entdeckung der Neuen Welt seine Mannschaft
meuterte und in der Verzweiflung schon nach Europa zurckkehren wollte!
Nicht auf die Neue Welt kommt es hierbei an -- hol sie der Henker! Und
Kolumbus starb ja auch, fast ohne sie zu sehen, ja im Grunde genommen,
ohne zu wissen, was er entdeckt hatte. Sondern auf das Leben kommt es
an, einzig auf das Leben -- auf das Entdecken des Lebens, das
ununterbrochene und ewige Entdecken, und durchaus nicht auf das
Entdeckte selbst! Doch was rede ich! Ich frchte, da alles, was ich
soeben gesagt habe, allgemein bekannten Phrasen hnlich ist, da man
mich fr einen Schler der unteren Klassen halten wird, der seinen
Aufsatz ber den >Sonnenaufgang< schreibt. Oder man wird sagen, da ich
etwas habe sagen wollen, doch bei aller Anstrengung mich nicht habe ...
>auszudrcken< verstanden. Ich mchte indessen bemerken, da von jeder
neuen und genialen menschlichen Idee, oder sogar von jedem ernsten
Gedanken, der in einem Menschenhirn entsteht, immer noch irgend so etwas
nachbleibt, was sich auf keine Weise andern Menschen mitteilen lt,
selbst wenn man ganze Bnde darber schriebe und den Gedanken
fnfunddreiig Jahre lang auslegte. Dieses eine Unbestimmbare wird um
keinen Preis aus Ihrem Schdel hinausgehen wollen und wird ewig in Ihnen
verbleiben. Und damit sterben Sie zu guter Letzt und nehmen so
vielleicht gerade das Wichtigste von Ihrer ganzen Idee mit ins Grab. Und
wenn auch ich jetzt nicht alles das wiederzugeben verstanden habe, was
mich in diesen sechs Monaten geqult hat, so wird man jetzt doch
wenigstens einsehen, da ich, indem ich diese meine >letzte berzeugung<
erwarb, sie vielleicht zu teuer habe bezahlen mssen. Sehen Sie, das ist
es, was ich -- aus gewissen, nur mir bekannten Grnden -- in meiner
>Erklrung< sichtbar zu machen fr notwendig hielt.

Ich fahre also fort.


                                  VI.

Ich will nicht lgen: In diesen sechs Monaten hat die Wirklichkeit auch
mich gekdert und manches Mal dermaen gepackt, da ich mein Todesurteil
vollstndig verga, oder besser gesagt, nicht daran denken wollte und
sogar eine Tat ausfhrte.

Als ich vor acht Monaten sehr schwer erkrankte, gab ich alle meine
Beziehungen zu meinen frheren Kameraden auf. Da ich ein verschlossener
Mensch bin, so vergaen meine Kameraden mich bald: freilich htten sie
mich auch sowieso vergessen. Mein Leben im Hause, das heit >in der
Familie<, war ein vollstndig einsames. Vor fnf Monaten schlo ich mich
ganz in mein Zimmer ein, niemand durfte hereinkommen, auer wenn das
Zimmer aufgerumt wurde, oder wenn man mir das Essen brachte. Meine
Mutter zitterte vor mir und wagte nicht einmal zu weinen oder zu klagen,
wenn ich sie zu mir hereinlie. Die kleinen Geschwister wurden von ihr
geprgelt, wenn sie lrmten und mich strten, denn ich beklagte mich oft
ber sie; ich kann mir denken, wie sehr sie mich dafr lieben! Den
>treuen Kolj<, wie ich ihn nannte, habe ich wohl auch sehr geqult. In
der letzten Zeit freilich hat aber auch er mich recht gepeinigt: das ist
ja ganz natrlich, die Menschen sind ja auch nur dazu geschaffen, um
sich gegenseitig zu qulen. Doch ich wute, da er meine Reizbarkeit
ertrug, wie ein Mensch, der sich das Versprechen gegeben hat, einen
Kranken zu schonen. Natrlich reizte mich das um so mehr: er schien dem
Frsten >in christlicher Demut< nachzueifern, was auf mich jedoch nur
lcherlich wirkte. Dieser junge und feurige Knabe wird natrlich alles
nachahmen; doch scheint es mir manchmal, da es fr ihn allmhlich Zeit
wre, nach seinem eigenen Verstande zu leben. Ich liebe ihn sehr. Ich
habe auch Ssurikoff geqult, der ber uns wohnte und im Auftrage anderer
Leute Tag und Nacht herumlief; ich bewies ihm jedesmal, da er ganz
allein an seinem Elend schuld sei, so da er zuletzt seine Besuche bei
mir einstellte. Er ist ein sehr demtiger Mensch, der Demtigste aller
Demtigen. (NB. Man sagt, da Demut eine furchtbare Kraft sei: man mu
den Frsten darber befragen, denn das ist ein Ausspruch von ihm.) Doch
als ich im Mrz zu ihm hinauf ging, um nach seinem, wie Sie sagten,
>erfrorenem< Kinde zu sehen und ber der Leiche des Kindes zufllig zu
lachen begann, whrend ich dem Ssurikoff wiederum bewies, da er selbst
daran >schuld< sei, da sah ich die Lippen des armen Wichtes pltzlich
erzittern. Er erhob sich, fate mich mit der einen Hand an der Schulter,
mit der anderen wies er mir die Tr und leise, fast flsternd sagte er
zu mir: >Gehen Sie!< Ich ging hinaus und die Szene gefiel mir furchtbar,
auch in dem Moment, als er mich hinauswarf. Aber in der Erinnerung
machten seine Worte einen schweren Eindruck auf mich; ich empfand fr
ihn ein sonderbares, mit Verachtung gemischtes Mitleid, das ich dabei
durchaus nicht empfinden wollte. Selbst in dem Augenblick einer solchen
Beleidigung -- ich fhlte es ja, da ich ihn beleidigt hatte, obgleich
es durchaus nicht meine Absicht gewesen war -- selbst in jenem
Augenblick konnte er nicht zornig werden. Seine Lippen zitterten
durchaus nicht aus Zorn, ich kann es schwren: er fate mich am Arm und
sprach sein wunderbares >Gehen Sie<, ohne irgendwie erzrnt zu sein. Es
lag viel Wrde darin, die ihm aber leider durchaus nicht stand, so da
eigentlich viel Komik dabei war. Vielleicht verachtete er mich auch nur
ganz pltzlich. Seit der Zeit zog er, wenn er mir mal auf der Treppe
begegnete, den Hut vor mir, was er sonst nie getan hatte, blieb aber
nicht stehen wie frher, sondern lief ganz konfus an mir vorber. Wenn
er mich auch verachtete, so tat er es doch auf seine Art: er verachtete
mich sozusagen >demtig<. Vielleicht zog er auch seinen Hut blo aus
Furcht vor mir, weil ich der Sohn seiner Glubigerin war, denn er
schuldete meiner Mutter bestndig und war niemals imstande, aus seinen
Schulden herauszukommen. Und das ist sogar viel wahrscheinlicher. Ich
wollte mich mit ihm aussprechen und wute, da er mich wohl schon nach
zehn Minuten um Entschuldigung bitten wrde; doch entschlo ich mich
zuletzt, mich nicht weiter mit ihm abzugeben und ihn zu lassen, wie er
war.

Um dieselbe Zeit, das heit um die Zeit, in der Ssurikoff sein Kind
verlor, ungefhr Mitte Mrz, fhlte ich mich pltzlich sehr wohl und das
dauerte ungefhr zwei Wochen lang. Ich ging fters aus, besonders in der
Dmmerstunde. Ich liebe diese Dmmerstunden im Mrz, wenn die Sonne
untergeht, es wieder zu frieren anfngt, und man das Gas auf den Straen
anzndet; ich ging oft sehr weit. Eines Tages htte mich auf der
Schestilawotschnaja in der Dunkelheit fast ein Herr berrannt. Ich
betrachtete ihn mir genauer und bemerkte, da er einen kurzen
Sommerpaletot trug, der viel zu dnn fr die Jahreszeit war. Unter dem
Arm hielt er ein in Papier eingewickeltes Paket. Als er an der nchsten
Straenlaterne, ungefhr zehn Schritte vor mir, vorberging, bemerkte
ich, da ihm etwas aus der Tasche fiel.

Ich beeilte mich, es aufzuheben und -- es war die hchste Zeit, denn
auer mir strzte sich noch ein Mensch im langen Kaftan auf das
Beutestck, und nur der Umstand, da ich es schon in den Hnden hielt,
lie ihn auf den Fund verzichten: nach einem flchtigen Blick auf den
Gegenstand schlpfte er an mir vorber. Der Gegenstand selbst war eine
groe saffianlederne Brieftasche, die ganz mit Papieren angefllt war;
auf den ersten Blick erkannte ich sonderbarerweise sofort, da in ihr
alles, nur kein Geld enthalten war. Der Herr hatte sich whrenddessen
schon auf vierzig Schritt von mir entfernt, und entschwand in der Menge
alsbald meinen Blicken. Ich lief ihm nach und fing an, ihn zu rufen,
doch da ich nichts anderes als >Hallo!< schreien konnte, so wandte er
sich auch nicht um. Pltzlich bog er nach links ab, in das Hoftor eines
Hauses. Als ich ihm aber in das Tor folgte, wo es sehr dunkel war,
konnte ich nichts mehr von ihm entdecken. Das Haus gehrte zu diesen
riesigen Mietskasernen, wie sie von unternehmenden Geschftsleuten fr
kleine Mieter gebaut werden. In einem solchen Hause befinden sich
manchmal hundert Wohnungen. Als ich gerade in den Torweg trat, schien es
mir, da in der rechten, hinteren Ecke des groen Hofes ein Mensch ging,
obgleich ich ihn in der Dunkelheit nicht sehen konnte. Ich lief zur Ecke
und fand einen Treppeneingang; die Treppe selbst war schmal, schmutzig
und fast gar nicht erleuchtet, doch hrte ich, wie ein Mensch oben auf
der Treppe ging. Ich strzte die Treppe hinauf, ihm nach -- glaubte ihn
schon zu erreichen, bevor man ihm die Tr ffnete.

Die Treppe war steil, die Stiegen waren schmal; als ich auf dem dritten
Treppenabsatz ankam, war ich auer Atem. Im fnften Stock wurde eine Tr
geffnet und wieder geschlossen. Bis ich das Stockwerk erreicht und bis
ich die Klingel gefunden hatte, vergingen einige Minuten. Mir ffnete
endlich ein altes Mtterchen, das in der winzig kleinen Kche den
Ssamowar anmachte; sie hrte schweigend meine Frage an, die sie
natrlich berhaupt nicht begriff, schweigend ffnete sie mir die Tr
ins nchste Zimmer, einem ebenso kleinen und engen, schlecht mblierten
Raum, in dem sich auf einem groen, breiten Bett mit Vorhngen ein
scheinbar Betrunkener, den die Alte mit Terentjitsch anredete,
ausgestreckt hatte. Auf dem Tisch brannte in einem eisernen Leuchter ein
Lichtstumpf. Daneben stand eine fast geleerte Halbliterflasche
Branntwein. Terentjitsch brummte mir etwas zu und wies ohne sich
aufzurichten auf die nchste Tr.

Die Alte war fortgegangen, so da mir nichts anderes brigblieb, als
diese Tr zu ffnen. Das tat ich denn auch und trat ins nchste Zimmer.

Dieses Zimmer war noch kleiner und enger, so da ich nicht wute, wohin
ich treten sollte; das schmale, einschlfrige Bett in der Ecke nahm fast
den ganzen Raum ein, die brige Einrichtung bestand aus drei einfachen
Sthlen, die mit allerlei Lumpen bepackt waren, und einem ganz einfachen
Kchentisch, der vor einem kleinen alten, wachstuchbezogenen Divan
stand. Zwischen Bett und Tisch gab es keinen Raum mehr zum Durchgehen.
Auf dem Tisch stand gleichfalls wie im anderen Zimmer ein eiserner
Leuchter, in dem ein Talglicht brannte. Im Bette schrie ein kleiner
Sugling, vielleicht drei Wochen alt, nach seinem Schreien zu urteilen.
Eine bleiche, kranke junge Frau, in tiefem Neglig, die wohl erst vor
kurzem das Wochenbett verlassen hatte, wechselte dem Kleinen die
Windeln. Das Kind schrie ohne aufzuhren nach der Mutterbrust. Auf dem
Divan schlief ein dreijhriges kleines Mdchen, das mit einem Rock
zugedeckt war. Am Tisch stand der Herr, in einem sehr abgetragenen
Anzug, den Paletot hatte er bereits abgelegt und aufs Bett geworfen --
er war eben im Begriff, ein Stck Brot und zwei kleine Wrstchen aus
einem blauen Papier zu wickeln. Auf dem Tisch stand ferner eine Teekanne
mit Tee und auerdem lagen Schwarzbrotstckchen auf ihm herum. Unter dem
Bett sah ich einen offenen Reisekoffer und zwei Bndel mit allerlei
Kleidungsstcken und Lumpen. Mit einem Wort, es war eine schreckliche
Unordnung in dem kleinen Raum. Ich erkannte sofort, da sie beide, der
Herr und die Frau, anstndige Leute waren, die die Armut in diesen
erniedrigenden Zustand versetzt hatte, der jeden Versuch eines
Widerstandes aufhebt und die Leute dazu bringt, da sie in der Unordnung
ein gewisses, bitteres Gefhl der Genugtuung empfinden.

Als ich eintrat, war der Herr beim Auspacken seiner Einkufe in einem
lebhaften Gesprch mit seiner Frau begriffen; diese, noch mit dem
Wickeln beschftigt, brach in Schluchzen aus; die Nachrichten, die er
ihr brachte, muten schlecht gewesen sein. Das Gesicht ihres Mannes, das
mager und gebrannt war -- er trug einen schwarzen Backenbart mit
glattrasiertem Kinn --, schien mir sehr sympathisch; es war ernst, die
Augen blickten dster, mit einem gewissen krankhaften Ausdruck von
Stolz. Er mochte achtundzwanzig Jahre zhlen. Als ich eintrat, spielte
sich eine eigentmliche Szene ab.

Es gibt Leute, denen es ein Genu ist, sich ihrer reizbaren
Empfindlichkeit ganz hinzugeben, besonders wenn sie, was sehr leicht
geschieht, auer sich geraten knnen -- in einem solchen Augenblick ist
es ihnen sogar angenehm, beleidigt zu werden. Diese Reizbaren bereuen
ihre Heftigkeit nachher sehr, wenn sie klug sind, versteht sich, und
imstande, sich einzugestehen, da der Grund zu ihrer Heftigkeit ein viel
zu geringer war. Der Herr sah mich zuerst ganz erstaunt an und die Frau
starrte mich geradezu wie ein Gespenst an, denn -- wie konnte jemand zu
ihnen kommen? Pltzlich strzte er mir wie ein Wahnsinniger entgegen;
ich konnte kaum ein paar Worte stammeln. Offenbar fhlte er sich
gekrnkt, als er sah, da ich anstndig angezogen war und da ich es
wagte, so ohne weiteres bei ihm einzutreten, und da ich nun die
Unordnung erblickte, deren er sich selbst so sehr schmte. Andererseits
freute es ihn, einen Anla gefunden zu haben, an mir die ganze Wut ber
sein Migeschick auszulassen. Einen Augenblick dachte ich, da er sich
wirklich auf mich strzen wrde: er erbleichte wie in einem hysterischen
Anfall und erschreckte seine Frau aufs uerste.

>Wie wagen Sie es, so einzutreten? Hinaus!< schrie er, zitternd vor Wut
und kaum fhig, die Worte auszusprechen. Doch pltzlich bemerkte er
seine Brieftasche in meinen Hnden.

>Ich glaube, Sie haben sie verloren,< sagte ich so ruhig und trocken wie
mglich.

Er stand wie vor Schreck gelhmt da, als knne er nichts begreifen;
darauf griff er nach seiner Seitentasche, ri den Mund weit auf und
schlug sich vor die Stirn.

>Mein Gott! Wo haben Sie sie gefunden? Auf welche Weise?<

Ich erzhlte ihm alles mit ein paar kurzen Worten und nach Mglichkeit
sachlich und ruhig erklrend, wie ich das Ding aufgehoben, wie ich ihm
nachgelaufen und ihn angerufen ...

>Oh, mein Gott!< rief er aus und wandte sich an seine Frau, >das sind
alle unsere Dokumente, auch meine letzten Instrumente sind dabei ... oh,
geehrter Herr, wissen Sie auch, was Sie fr mich getan haben? Ich wre
sonst verloren! ...<

Ich griff nach der Trklinke, um mich zu entfernen; doch war ich selbst
auer Atem und es berfiel mich ein so starker Husten, da ich mich kaum
auf den Fen halten konnte. Ich sah, wie der Herr fr mich nach einem
Stuhl suchte, wie er die Lappen, die auf dem Stuhl lagen, auf den
Fuboden warf, sich beeilte, ihn mir zu reichen und mich vorsichtig auf
den Stuhl zog. Doch mein Husten wollte nicht aufhren. Als ich endlich
zu mir kam, sa er auf einem anderen Stuhl vor mir und betrachtete mich
aufmerksam.

>Sie sind leidend ... wie es scheint?< sagte er in dem Tone eines Arztes
zu einem Kranken. >Ich bin selbst ... Mediziner< -- er sagte nicht
Doktor -- und er wies mit der Hand auf das Zimmer, als protestiere er
gegen seine jetzige Lage. >Ich sehe, da Sie ...<

>Schwindschtig sind,< sagte ich so trocken wie mglich und stand auf.

Auch er sprang auf.

>Sie bertreiben vielleicht ... und wenn Mittel dagegen ...<

Er konnte immer noch nicht ganz zu sich kommen; seine Brieftasche hielt
er in der linken Hand.

>Oh, beunruhigen Sie sich nicht,< unterbrach ich ihn wieder und griff
nach der Trklinke, >mich hat in der vergangenen Woche B--n untersucht,
mein Schicksal ist entschieden. Entschuldigen Sie ... die Strung ...<

Ich wollte die Tr wieder ffnen und meinen verwirrten, dankbaren und
beschmten Doktor verlassen, doch packte mich der verfluchte Husten von
neuem. Der Doktor bestand darauf, da ich mich nochmals hinsetzte und
ausruhte. Er wandte sich zu seiner Frau, und diese sagte mir, von ihrem
Platze aus, ein paar dankbare und freundliche Worte. Sie wurde dadurch
selbst sehr verwirrt und auf ihre bleichen, eingefallenen Wangen trat
eine helle Rte. Ich blieb, doch verhielt ich mich so, da ich jeden
Augenblick bereit war zu gehen, weil ich sie nicht stren wollte. Die
Reue qulte den Doktor jetzt aufs hchste, wie ich bemerkte.

>Wenn ich ...< begann er verwirrt in abgerissenen Stzen. >Ich bin Ihnen
so dankbar und so schuldig vor Ihnen ... ich ... Sie sehen ...< Er wies
wieder auf das Zimmer, >augenblicklich befinde ich mich in einer Lage
...<

>Oh,< sagte ich, >das ist keine Seltenheit! Sie haben wahrscheinlich
Ihre Stellung verloren und sind hierher gekommen, um den Sachverhalt
hier auseinanderzusetzen und eine neue zu erhalten?<

>Woher ... wissen Sie denn das?< fragte er mich mit Verwunderung.

>Das sieht man doch auf den ersten Blick,< antwortete ich, unwillkrlich
etwas spttisch. >Es kommt so mancher aus der Provinz mit groen
Hoffnungen hierher, mht sich hier ab und lebt so wie Sie.<

Da fing er pltzlich zu reden an; leidenschaftlich, mit zitternden
Lippen erzhlte er alles: wie es ihm ergangen war, und ich mu gestehen
-- es interessierte mich sehr. Ich blieb daher fast eine Stunde lang bei
ihm. Seine Geschichte war brigens eine ganz gewhnliche: er war Arzt in
der Provinz gewesen, hatte eine staatliche Anstellung gehabt. Man
intrigierte aber gegen ihn und sogar gegen seine Frau. Er war stolz,
hitzkpfig. Ein neuer Vorgesetzter kam ins Gouvernement und handelte
zugunsten seiner Feinde, die sich ber ihn beklagt hatten. Er verlor die
Stellung und reiste mit seinen letzten Mitteln nach Petersburg, um sich
hier vor den Behrden zu rechtfertigen. In Petersburg, wie das ja
bekannt ist, wollte man ihn jedoch zuerst gar nicht hren, dann wies man
seinen Antrag ab, dann wurde er durch Versprechungen hingehalten, darauf
antwortete man ihm mit einem Verweis, darauf befahl man ihm, eine
Verteidigungsschrift einzureichen, darauf eine Bittschrift -- mit einem
Wort, er bemhte sich schon den fnften Monat vergebens, hatte alles
verbraucht, die letzten Sachen seiner Frau versetzt; schlielich wurde
auch noch das Kindchen geboren und ... und heute hatte er den
endgltigen abschlgigen Bescheid auf seine eingereichte Bittschrift
erhalten, und besa nun kein Brot mehr, kein Geld, nichts mehr. Die Frau
in den Wochen er ... er ...

Er sprang vom Stuhl auf und wandte sich ab. In der Ecke weinte seine
Frau, das Kind fing an zu schreien. Ich zog mein Notizbuch heraus und
notierte mir etwas. Als ich damit fertig war und aufstand, stand er vor
mir und sah mich mit neugierigen, ngstlichen Blicken an.

>Ich habe mir Ihren Namen aufgeschrieben,< sagte ich zu ihm, >und alles
brige: den Ort Ihrer Anstellung, den Namen des Gouverneurs, das Datum.
Ich habe einen Schulkameraden, Bachmutoff, der hat einen Onkel Pjotr
Matwejewitsch Bachmutoff, wirklicher Staatsrat und Direktor ...<

>Pjotr Matwejewitsch Bachmutoff!< rief mein Arzt fast zitternd aus. >Von
ihm hngt ja fast alles ab!<

Und in der Tat, die Geschichte meines Mediziners, in die ich so
unfreiwillig eingreifen sollte, wickelte sich von nun an gnstig ab,
ganz als ob alles in ihr, wie in Romanen, im voraus darauf vorbereitet
gewesen wre. Frs erste jedoch sagte ich diesen armen Leuten, da sie
auf mich keine Hoffnungen setzen mchten, da ich selbst ein armer
Gymnasiast sei (ich bertrieb absichtlich, ich hatte schon lngst das
Gymnasium beendet) und da sie meinen Namen nicht zu wissen brauchten,
da ich jedoch sofort zu meinem Kameraden Bachmutoff gehen wollte,
dessen Onkel wirklicher Staatsrat, Junggeselle und kinderlos sei und der
seinen Neffen daher leidenschaftlich lieb habe und in ihm den letzten
Spro seiner Familie she. Vielleicht wrde mein Kamerad etwas fr sie
tun und fr sie beim Onkel ...

>Wenn ich doch nur eine Audienz bei Seiner Exzellenz erhalten knnte!
Wenn man mir doch die Ehre verschaffen wrde, mein Gesuch mndlich
aussprechen zu drfen!< Er zitterte wie im Fieber und seine Augen
glnzten.

Ich wiederholte noch einmal, da ich der Sache durchaus nicht sicher sei
und fgte noch hinzu, da, wenn ich morgen frh nicht zu ihnen kme, die
Sache gescheitert wre und sie nichts mehr zu erwarten htten. Sie
begleiteten mich unter Danksagungen zur Tr hinaus. Sie waren einfach
auer sich; nie werde ich den Ausdruck dieser Gesichter vergessen. Ich
nahm eine Droschke und fuhr sofort nach dem Wassiljewskij Ostroff[25] zu
Bachmutoff.

Mit diesem Bachmutoff stand ich mich im Gymnasium whrend mehrerer Jahre
auf feindlichem Fue. Bei uns wurde er als Aristokrat angesehen,
wenigstens habe ich ihn so genannt: er kleidete sich ausgezeichnet,
hatte seine eigenen Pferde, tat aber niemals wichtig, war ein
vorzglicher Kamerad, immer auerordentlich lustig, zuweilen sogar
witzig, obgleich sein Verstand nicht von weitem her war, wenn er auch in
der Klasse als einer der Ersten galt, whrend ich niemals und in keinem
Fache Erster war. Alle Kameraden liebten ihn, ich war der einzige, der
ihn nicht liebte. Er kam mir des fteren in diesen Jahren entgegen, doch
wandte ich mich jedesmal finster und gereizt von ihm ab. Jetzt hatte ich
ihn schon seit einem Jahr nicht mehr gesehen: er besuchte die
Universitt. Als ich nun um neun Uhr abends zu ihm kam, feierlich und
umstndlich angemeldet wurde, empfing er mich zuerst mit Verwunderung
und nicht gerade sehr entgegenkommend, doch alsbald wurde er heiter und
pltzlich lachte er laut auf.

>Wie ist das mglich, da Sie mich aufgesucht haben, Terentjeff?< rief
er mit seiner liebenswrdigen Ungezwungenheit aus, die nie beleidigte
und um derentwillen ich ihn so hate. >Aber was ist denn mit Ihnen,<
rief er pltzlich erschrocken, >sind Sie krank!<

Der Husten qulte mich wieder, ich fiel auf einen Stuhl und konnte kaum
atmen.

>Beunruhigen Sie sich nicht, ich habe nur die Schwindsucht,< sagte ich,
>ich bin mit einer Bitte zu Ihnen gekommen.<

Er setzte sich vor Verwunderung, und ich erzhlte ihm sofort die ganze
Geschichte und bat ihn, da er doch einen so groen Einflu auf seinen
Onkel htte, vielleicht etwas fr die Leute zu tun.

>Das werde ich, das werde ich unbedingt, ich werde morgen sofort zu
meinem Onkel gehen; ich bin sogar sehr froh, Ihnen gefllig sein zu
knnen, Sie haben so hbsch erzhlt ... Doch wie sind Sie, Terentjeff,
darauf verfallen, sich gerade an mich zu wenden?<

>Von Ihrem Onkel hngt hier alles ab, und wir waren auerdem immer
Feinde. Da Sie, Bachmutoff, ein Gentleman sind, so dachte ich, da Sie
einem Feinde niemals etwas abschlagen wrden,< fgte ich etwas ironisch
hinzu.

>Ganz wie Napoleon sich an England wandte!< rief er laut lachend. >Ich
werde es tun, ich werde es tun! Ich gehe sofort, wenn es noch mglich
ist!< fgte er eifrig hinzu, als er sah, da ich mit ernster Miene mich
vom Stuhl erhob.

Und wirklich nahm die Angelegenheit ganz unerwarteterweise einen sehr
gnstigen Verlauf. Nach anderthalb Monaten erhielt unser Doktor wieder
eine Stelle in einem anderen Gouvernement, erhielt obendrein das
Reisegeld und eine Untersttzung. Ich vermute, da Bachmutoff sie
besucht hat, whrend ich es unterlie, hinzugehn und den Doktor sehr
trocken bei mir empfing -- auch vermute ich, da Bachmutoff dem Doktor
Geld vorgeschossen hat. Mit Bachmutoff traf ich im Laufe dieser sechs
Wochen zweimal zusammen, das drittemal sahen wir uns, als wir den
Abschied des Doktors feierten. Die Abschiedsfeier veranstaltete
Bachmutoff in seinem Hause, ein Diner mit Champagner, an dem auch die
Frau des Doktors teilnahm. Es war zu Anfang Mai, der Abend war hell, die
Sonne sank gro und rot ins Meer. Bachmutoff begleitete mich nach Haus.
Wir gingen ber die Nikolaibrcke -- beide hatten wir etwas getrunken.
Bachmutoff sprach seine Freude darber aus, da diese Sache ein so gutes
Ende genommen hatte, dankte mir dafr, sagte mir, wie gut er sich nach
dieser Tat fhle, versicherte mir, da nur mir alles Verdienst an ihr
zukomme, und meinte: >Es ist doch ganz unsinnig, was jetzt einige
Menschen bei uns predigen, da eine einzelne gute Tat nichts zu bedeuten
habe!< Auch ich befand mich in einer redseligen Stimmung.

>Wer die persnliche >gute Tat< anzugreifen wagt, der greift die Natur
des Menschen an und verachtet den Wert der Persnlichkeit. Doch die
Frage der persnlichen Freiheit und die Frage der >organisierten
Untersttzung< sind zwei ganz verschiedene Fragen, wenn sie sich
gegenseitig auch nicht auszuschlieen brauchen. Die einzelne gute Tat
wird immer bestehen bleiben, denn sie ist ein Bedrfnis der
Persnlichkeit, das lebendige Bedrfnis des unmittelbaren Einflusses des
einen Menschen auf den andern. In Moskau lebte frher ein alter General,
das heit, er war ein wirklicher Staatsrat, mit deutschem Namen. Er ging
sein ganzes Leben lang in den Gefngnissen und unter den Verbrechern
umher. Jeder Verbrechertrupp, der nach Sibirien abging, wute schon im
voraus, da auf den >Sperlingsbergen<[26] >der alte General< sie
besuchen werde. Er erfllte seine Pflicht mit Ernst und Andacht; er
erschien, ging die Reihen der Verschickten ab, blieb bei jedem von ihnen
stehen, fragte jeden nach seinen Bedrfnissen, machte niemandem einen
Vorwurf und redete sie alle mit >Tubchen< an. Er gab jedem von ihnen
Geld, schickte ihnen die notwendigsten Dinge, Tcher, Fulappen usw.,
brachte zuweilen Andachtsbcher mit und gab sie denjenigen, die da lesen
konnten, und war fest davon berzeugt, da sie dieselben unterwegs auch
wirklich lesen und den Kameraden, die nicht zu lesen verstanden,
vorlesen wrden. Nach der Art des Verbrechens fragte er nie, er hrte
nur zu, wenn der Verbrecher selbst davon zu sprechen anfing. Alle
Verbrecher standen bei ihm auf der gleichen Stufe, einen Unterschied gab
es fr ihn nicht. Er sprach mit ihnen wie mit seinen Brdern, und sie
betrachteten ihn zuletzt als ihren Vater. Wenn er eine Verschickte sah,
die ein Kind auf den Armen trug, so ging er zu ihr, streichelte das Kind
und schnippte mit den Fingern, um es lcheln zu machen. Und das tat er
eine ganze Reihe von Jahren bis zu seinem Tode. Alle Verbrecher in ganz
Ruland und ganz Sibirien kannten ihn. Mir erzhlte selbst ein
ehemaliger Verschickter aus Sibirien, da er Zeuge gewesen, wie sich die
eingefleischtesten Verbrecher des >alten Generals< erinnerten, obgleich
der General nie mehr als zwanzig Kopeken pro Person geben konnte. Nicht,
da sie seiner mit Dank und Rhrung dachten! Irgendeiner der
>Unglcklichen<, der vielleicht zwlf Seelen auf dem Gewissen und sechs
Kinder nur so zu seinem Vergngen gettet hatte -- man sagt, da es
solche geben soll --, erinnerte sich seiner pltzlich, mir nichts dir
nichts, und vielleicht auch nur einmal in zwanzig Jahren, seufzte und
sagte: >Sollte der alte General am Ende noch immer leben?< Und dabei
lchelte er -- und das war alles. Doch, wer kann es wissen, welch ein
Samenkorn der >alte General<, den er in zwanzig Jahren nicht vergessen,
ihm auf ewig in die Seele gepflanzt hat? Was wissen Sie, Bachmutoff,
welch eine Bedeutung diese Aufnahme des einen Menschen in die Seele des
andern im Schicksal eines Menschen haben kann? ... Da ist ein ganzes
Leben mit seinen zahllosen uns verborgenen Verzweigungen. Der beste,
scharfsinnigste Schachspieler kann nur einige kleine Zge voraussehen;
von einem franzsischen Schachspieler, der zehn Schachzge
vorausberechnen konnte, berichtete man wie von einem Weltwunder. Wieviel
Zge des Lebens aber sind uns bekannt? Indem Sie Ihr Samenkorn
ausstreuen, Ihre >Tat< vollbringen, geben Sie, in welcher Form es auch
sei, einen Teil Ihrer Persnlichkeit hin und nehmen den Teil der anderen
Persnlichkeit in sich auf; in dieser Wechselbeziehung stehen Sie beide
zueinander. Schenken Sie dieser Tatsache nur ein wenig Ihre
Aufmerksamkeit und Sie werden durch die unerwartetsten Entdeckungen
belohnt werden. Sie werden zuletzt auf dieses Tatsachenmaterial wie auf
eine Wissenschaft sehen; sie absorbiert Ihr ganzes Leben und kann
sogleich auch Ihr ganzes Leben ausfllen. Andererseits knnen alle Ihre
Gedanken, alle die Samenkrner, die Sie ausgestreut haben und die von
Ihnen selbst vielleicht vergessen worden sind, in anderen wachsen und
Frchte tragen. Und woher knnen Sie wissen, welch einen Anteil Sie an
der zuknftigen Entscheidung der Geschicke des Menschengeschlechts haben
werden? Wenn diese Erkenntnis und ein ganzes Leben solcher Arbeit Sie
dazu befhigt, einen einzigen groen Gedanken der Menschheit zu
hinterlassen, so haben Sie -- Ihre Lebensaufgabe erfllt ...< usw. ich
habe damals viel gesprochen.

>Und wenn man bedenkt, da gerade Ihnen, Ihnen das Leben versagt ist!<
rief Bachmutoff, mit heiem Vorwurf an einen Unbekannten, pltzlich aus.

Wir standen gerade auf der Nikolaibrcke und blickten, die Arme
aufgesttzt, auf die Newa.

>Wissen Sie, was mir durch den Kopf geht?< Dabei bog ich mich weit ber
das Gelnder.

>Doch nicht etwa, ins Wasser zu springen?< rief Bachmutoff fast
erschrocken aus. Vielleicht hatte er diesen Gedanken in meinem Gesicht
gelesen.

>Nein, vorlufig war es nur ein Gedanke. Angenommen, ich habe noch zwei
bis drei, vielleicht auch noch vier Monate zu leben, und ich htte nun
den groen Wunsch, noch eine gute Tat zu vollfhren, die viel Arbeit und
Mhe verlangt. So mte ich in meinem Falle auf sie verzichten. Geben
Sie doch zu, da es ein drolliger Gedanke ist!<

Der arme Bachmutoff qulte sich meinetwegen sehr; er begleitete mich
nach Haus und war so taktvoll, da er die ganze Zeit ber schwieg. Er
verabschiedete sich von mir, drckte mir herzlich die Hand und bat um
die Erlaubnis, mich besuchen zu drfen. Ich antwortete ihm, da er, wenn
er etwa als >Trster< zu mir kme, mich jedesmal an den Tod erinnern
wrde. Er zuckte mit den Achseln und gab mir recht; wir verabschiedeten
uns hflich voneinander, hflicher als ich es erwartet hatte.

An diesem Abend und in dieser Nacht wurde der erste Keim zu meiner
>letzten berzeugung< gelegt. Ich klammerte mich an diese _neue_ Idee,
berlegte sie mir mit allen ihren Folgen -- ich schlief die ganze Nacht
nicht -- und je mehr ich mich in sie vertiefte, desto mehr erschrak ich
ber sie. Zuletzt packte mich eine wahnsinnige Angst, die mich die
ganzen folgenden Tage nicht mehr verlie. Und wenn mir diese Angst zum
Bewutsein kam, so erstarrte ich zu Eis; ich fhlte, da diese >letzte
berzeugung< von mir Besitz ergriffen hatte und mich nun sicher zu einem
Entschlu fhren wrde. Doch zum Entschlu fehlte mir noch die Kraft.
Nach drei Wochen war auch das berwunden, und die Kraft kam mir durch
einen sehr sonderbaren Umstand.

Ich verzeichne hier in meiner Erklrung alle diese Daten. Die knnen mir
freilich jetzt ganz gleichgltig sein, doch wnsche ich, da diejenigen,
die mein Vorhaben beurteilen werden, klar sehen, aus welcher logischen
Kette von Schlssen meine >letzte berzeugung< entsprungen ist. Ich
schrieb soeben, da die Kraft, die mir zur Ausfhrung meiner >letzten
berzeugung< noch fehlte, mir durchaus nicht aus einer logischen
Folgerung kam, sondern durch einen sonderbaren Sto von auen, also von
ganz uerlichen Umstnden her, die, vielleicht, mit dem Gang der Sache
in keinerlei Zusammenhang standen. Vor zehn Tagen erschien bei mir
Rogoshin in einer Angelegenheit, die ich hier zu erwhnen fr unntz
halte. Ich hatte Rogoshin niemals frher gesehen, doch viel von ihm
gehrt. Ich gab ihm die verlangte Auskunft und er ging bald darauf fort,
und da zwischen uns berhaupt keine Beziehungen bestanden, so war die
Sache damit zu Ende. Doch fing er mich pltzlich sehr zu interessieren
an und den ganzen Tag ber stand ich unter dem Einflu der sonderbarsten
Ideen, so da ich mich endlich entschlo, am nchsten Tage zu ihm
hinzugehen und seinen Besuch zu erwidern. Rogoshin war augenscheinlich
nicht sehr erfreut darber und lie sogar durchblicken, da er nicht
geneigt sei, diese Bekanntschaft mit mir fortzusetzen; doch erlebten wir
-- denn ich glaube auch er -- eine sehr interessante Stunde zusammen.
Zwischen uns bestand ein solcher Gegensatz, da er uns beiden ganz
unmglich nicht auffallen konnte, besonders mir nicht: ich war ein
Mensch, dessen Tage gezhlt waren, und er -- voll Leben, voll
unmittelbarem Leben, ohne jede Sorge um die >letzten< Schlsse oder
Zahlen oder was es sonst wre, wenn es sich nur nicht darum handelte,
was er ... worauf er ... nun, wovon er besessen war. Mge mir Herr
Rogoshin diesen Ausdruck verzeihen, wie etwa, sagen wir, einem
schlechten Schriftsteller, der seine Gedanken nicht auszudrcken vermag.
Ungeachtet seiner Unliebenswrdigkeit erschien er mir als ein Mensch von
groem Verstande, obgleich ihn kaum etwas fr ihn Nebenschliches
interessierte. Ich sagte ihm nichts von meiner >letzten berzeugung<,
doch schien es mir, als htte er sie aus meinen Bemerkungen erraten. Er
schwieg, er war schrecklich schweigsam. Ich sagte zu ihm, als ich
fortging, da ungeachtet aller Unterschiede zwischen uns und aller
Gegenstze -- _les extrmes se touchent_{[29]} -- er von meiner letzten
berzeugung vielleicht gar nicht so weit entfernt sei, wie es scheine.
Darauf antwortete er mir nur mit einer dster-bitteren Grimasse, stand
auf, suchte selbst meine Mtze, tat, als ob ich die Absicht geuert
htte, fortzugehen und fhrte mich einfach aus seinem dunklen, groen
Hause hinaus, dem Anscheine nach, als gebe er mir aus Hflichkeit das
Geleit. Sein Haus schien mir wie ein Totenhaus, doch lebte er offenbar
gern in ihm, und brigens ist das verstndlich: ein so volles
unmittelbares Leben, wie er es lebt, braucht keine andere Umgebung.

Dieser Besuch bei Rogoshin ermdete mich sehr. Auerdem fhlte ich mich
schon seit dem Morgen nicht gut; gegen Abend war ich so schwach, da ich
mich zu Bett legen mute, ich hatte starkes Fieber und phantasierte
dabei ber alles das, wovon er gesprochen und wovon wir uns unterhalten
hatten. Wenn meine Augen minutenlang zufielen, sah ich sofort Iwan
Fomitsch Ssurikoff, der anscheinend Millionen erhalten hatte. Er wute
nicht, was er mit ihnen anfangen sollte, rang die Hnde ber seinem
Haupte, zitterte vor Furcht, da sie ihm gestohlen werden knnten und
entschlo sich zuletzt, sie irgendwo zu vergraben. Ich riet ihm, aus
diesem Golde einen Sarg fr sein >erfrorenes Kind< machen zu lassen und
darum das Kind so schnell wie mglich auszugraben. Diesen Spott hielt
Ssurikoff unter Trnen der Dankbarkeit fr Ernst und schritt sofort zur
Ausfhrung seines Planes. Ich spuckte aus und kehrte ihm den Rcken.
Kolj versicherte mir, als ich zu mir kam, da ich durchaus nicht
geschlafen, vielmehr die ganze Zeit mit ihm ber Ssurikoff gesprochen
htte. Von Zeit zu Zeit berkam mich schreckliche Verzweiflung, so da
Kolj sehr beunruhigt darber fortging. Als ich aufstand, um die Tr
hinter ihm zuzuschlieen, erinnerte ich mich pltzlich des Bildes, das
ich bei Rogoshin in einem groen, dsteren Saal ber der Tr gesehen
hatte. Rogoshin selbst wies im Vorbergehen darauf hin, ich glaube, ich
betrachtete es fnf Minuten lang. In ihm war nichts schn im
knstlerischen Sinne, doch erfllte es mich mit Unruhe.

Das Bild war eine Kreuzabnahme Christi. Sonst stellen die Maler
gewhnlich Christus am Kreuze oder nach der Kreuzabnahme immer noch in
der auergewhnlichen Schnheit seiner verklrten Zge dar und diese
Schnheit versuchen sie ihm selbst bei den schrecklichsten Qualen
beizulegen. Auf dem Bilde bei Rogoshin konnte jedoch von Schnheit nicht
die Rede sein: das war der wirkliche Leichnam eines Menschen, der noch
vor der Kreuzigung die endlosesten Qualen erlitten hatte. Da sah man
Wunden von Geielhieben und den Mihandlungen durch das Volk, als Er das
Kreuz tragen mute und unter dem Kreuze zusammenbrach, und, zum Schlu
noch die (nach meiner Berechnung) sechsstndigen Qualen am Kreuze.
Wahrhaftig, die Zge dieses Menschen, der soeben vom Kreuze genommen
worden ist, enthielten noch etwas Lebendiges, Warmes, sie waren noch
nicht erstarrt, ein Hauch von Leiden, ein Empfinden des Schmerzes schien
noch aus ihnen zu sprechen, und das war ganz wundervoll von dem Knstler
wiedergegeben. Nichts war beschnigt in diesem Gesicht, es war die reine
Natur und genau so mu der Leichnam eines Menschen aussehen, wer er auch
sei, nach solchen Qualen. Ich wei, da die christliche Kirche in den
ersten Jahrhunderten das Dogma aufgestellt hat, da Christus nicht nur
bildlich gelitten, sondern wirklich und leibhaftig gelitten habe und da
sein Leib am Kreuze vollstndig den Gesetzen der Natur unterworfen
gewesen sei. Auf dem Bilde nun war das Gesicht von Stcken zerschlagen,
angeschwollen, mit blauen, blutunterlaufenen Flecken, die Augen starrten
aus weit geffneten Lidern. Und sonderbar, wenn man nun auf den Leichnam
dieses gequlten Menschen sah, so drngte sich einem die eigentmliche
Frage auf: wenn alle die Jnger, seine zuknftigen Apostel, die Frauen,
die ihm folgten und die am Kreuze standen, alle die an ihn und sein
Gttliches glaubten, diesen Leichnam gesehen haben -- und es mu doch
ein Leichnam gewesen sein -- wie konnten sie da, nachdem sie diesen
Leichnam gesehen hatten, noch glauben, da er auferstehen wrde?
Unwillkrlich mute man sich sagen: wenn der Tod so schrecklich und die
Gesetze der Natur so stark sind, wie kann man sie dann berwinden? Wie
sie besiegen, wenn selbst _Er_ sie nicht berwand, _Er_, der die Natur
zu seinen Lebzeiten besiegte, und dem sie sich unterwarf, _Er_, der
ausrufen konnte: >stehe auf< -- und das Mdchen stand auf! -- und der
Lazarus dem Grabe entri? Die Natur erschien auf diesem Bilde als
groes, unberwindbares und stummes Tier, oder, besser gesagt, obgleich
es sonderbar klingt, -- wie eine ungeheure Maschine neuester
Konstruktion, die ganz sinnlos und gefhllos dieses groe und herrliche
Wesen ergriff, es stumpfsinnig zerkaute und zermalmte --, dieses Wesen,
das mehr wert war, als die ganze Natur und ihre Gesetze, und zu dessen
Hervorbringung die ganze Natur vielleicht berhaupt nur geschaffen
worden war. Dieses Bild war gleichsam gemalt worden, nur um einem diese
dunkle, gemeine und sinnlose Kraft, der alles unterlegen ist, zum
Bewutsein zu bringen. Die Menschen, die den Toten damals umgaben und
die man auf dem Bilde gar nicht sieht, muten an diesem Abend einen
groen Schrecken und Kummer erlebt haben, da alle ihre Hoffnungen auf
einmal vernichtet waren. Sie muten in schrecklicher Angst auseinander
gegangen sein, obgleich ein jeder von ihnen eine groe Idee mit sich
trug, die ihm schon nicht mehr genommen werden konnte. Und wenn der
Meister selbst am Vorabend seiner Hinrichtung dieses Bild seines
Leichnams htte sehen knnen, wer wei, ob er sich htte kreuzigen
lassen? Auch diese Frage beschftigte einen unwillkrlich, wenn man auf
das Bild sah.

Alles das ging mir stckweise durch den Sinn, halb in Fieberphantasien,
zum Teil in Halbschlummer, ungefhr ganze anderthalb Stunden nachdem
Kolj mich verlassen hatte. Ich konnte in Bildern sehen, was sonst kein
Bildnis offenbart. Und mir schien von Zeit zu Zeit, da ich diese
sonderbare und unmgliche Form, diese unendliche Kraft, dieses taube,
dunkle und stumme Wesen mit meinen leiblichen Augen erblicken knnte.
Ich wei noch, es war mir, als fhrte mich jemand an der Hand, mit einem
Licht in der andern und der zeigte mir eine riesige, widerliche Tarantel
und versicherte mir, da dieses Tier jenes dunkle taube und allmchtige
Wesen sei und er lachte ber meinen Unwillen.

In meinem Zimmer brennt unter dem Heiligenbild in der Nacht die kleine
Lampe -- ein trbes flackerndes Lichtlein --, doch kann man alles im
Zimmer sehen und unter der Lampe sogar lesen. Ich glaube, es war schon
ein Uhr nachts; ich schlief nicht, ich lag mit offenen Augen, als
pltzlich die Tre meines Zimmers sich ffnete und Rogoshin eintrat.

Er trat ein, schlo dann die Tr, sah mich schweigend an, ging in die
Ecke und setzte sich auf den Stuhl, der immer unter dem Heiligenbilde
steht. Ich war sehr erstaunt und sah ihn erwartungsvoll an. Rogoshin
sttzte sich mit seinen beiden Ellenbogen auf den Tisch und fing auch
seinerseits an, mich schweigend anzusehen. So vergingen zwei, drei
Minuten und sein Schweigen beleidigte und rgerte mich. Warum spricht er
nicht? Da er so spt zu mir gekommen war, das wunderte mich, wei Gott,
gar nicht. Sogar im Gegenteil: Ich hatte am Morgen bei ihm meinen
Gedanken nicht voll ausgesprochen, doch hatte er ihn wohl verstanden; er
htte also deswegen, um sich mit mir auszusprechen, sehr gut zu mir
kommen knnen, wenn es auch schon etwas spt war. Ich dachte denn auch
sofort daran, da er deshalb gekommen sei. Am Morgen hatten wir uns fast
feindlich verabschiedet und ich hatte bemerkt, wie er mich zweimal sehr
spttisch betrachtet. Und diesen Spott sah ich jetzt wieder in seinen
Augen -- das war es, was mich beleidigte. Da ich tatschlich Rogoshin
vor mir sah und nicht etwa eine Erscheinung, eine Fieberphantasie, daran
zweifelte ich keinen Augenblick. Mir kam nicht einmal der Gedanke an
diese Mglichkeit.

Inzwischen blieb Rogoshin ruhig sitzen und betrachtete mich spttisch.
Ich sttzte mich wtend gleichfalls mit beiden Ellenbogen auf mein
Kopfkissen und beschlo, wie er zu schweigen, selbst wenn wir die ganze
Zeit so verbringen sollten. Ich wollte durchaus, da er als erster zu
sprechen anfinge. Ich glaube, wir schwiegen ungefhr zwanzig Minuten so.
Pltzlich kam mir der Gedanke: wenn das nun aber gar nicht Rogoshin ist,
sondern nur -- eine Erscheinung?

Weder whrend meiner Krankheit, noch sonst in meinem Leben habe ich
jemals eine Halluzination gehabt; doch schien es mir immer, als ich noch
ein Knabe war, und auch jetzt noch, obgleich ich nicht aberglubisch
bin, da ich in einem solchen Falle sofort, auf der Stelle wrde sterben
mssen. Aber als mir nun der Gedanke kam, da es gar nicht Rogoshin,
sondern nur eine Halluzination sein knnte, da erschrak ich nicht im
geringsten, ja ich war nicht einmal zornig darber. Sonderbar war es
auch, da mich die Frage, ob es nun wirklich Rogoshin oder nicht
Rogoshin sei, gar nicht sehr aufregte. Es war, als gehre es sich gerade
so! Ich erinnere mich, ich dachte damals in Wirklichkeit an etwas ganz
anderes. Zum Beispiel interessierte mich die Frage: warum Rogoshin, der
vordem in Schlafrock und Pantoffeln gewesen war, jetzt in Frack und
weier Binde dasa? Auch tauchte in mir der Gedanke auf: wenn es eine
Erscheinung ist und ich mich gar nicht vor ihr frchte, warum sollte ich
da nicht aufstehen und mich davon berzeugen? Vielleicht frchtete ich
mich doch davor? Denn als ich nur daran zu denken wagte, da ich mich
frchten knnte, da berlief in der Tat meinen ganzen Krper ein eisiger
Schauer und meine Knie fingen an zu zittern. Im selben Augenblick, als
ob Rogoshin es erraten htte, da ich ihn frchtete, zog er seinen Arm,
auf den er sich gesttzt hatte, fort und verzog, indem er mich starr
ansah, langsam seinen Mund zu einem Lachen. Heller Wahnsinn berkam mich
und ich wollte mich schon auf ihn strzen, doch ich hatte mir
geschworen, ihn nicht als erster anzugreifen, und so blieb ich denn auf
dem Bett liegen, zumal ich mich auerdem noch gar nicht berzeugt hatte,
ob er es auch wirklich selbst war oder nicht?

Ich wei nicht mehr genau, wie lange dieser Zustand andauerte, auch wei
ich nicht, ob ich nicht von Zeit zu Zeit bewutlos war. Zuletzt sah ich
nur noch, wie Rogoshin aufstand, mich ebenso aufmerksam und starr ansah
-- wie vorher, als er eintrat -- doch lchelte er jetzt nicht mehr, ging
dann leise auf den Fuspitzen zur Tr, ffnete sie, ging hinaus und
schlo sie wieder. Ich rhrte mich nicht, mit offenen Augen lag ich auf
meinem Bett und dachte nach. Gott wei, worber ich nachdachte, und ich
erinnere mich nicht mehr, wann ich eingeschlafen bin. Am anderen Morgen
erwachte ich, als man um zehn Uhr an meine Tr klopfte. Ich hatte ein
fr allemal befohlen, mir um zehn Uhr den Tee zu bringen, und so mute
Matrjona an die Tr klopfen. Als ich ihr die Tr ffnete, beschftigte
mich sofort der Gedanke: Wie konnte er ins Zimmer kommen, wenn die Tr
verschlossen war? Ich berzeugte mich davon, da der wirkliche Rogoshin
gar nicht htte hereinkommen knnen, da alle Tren unserer Wohnung die
Nacht ber verschlossen und verriegelt gewesen waren.

Dieser sonderbare Zwischenfall, den ich soeben ausfhrlich beschrieben
habe, war der Grund zu meinem endgltigen >Entschlu<. Zu diesem
Entschlu brachte mich keine Logik, keine logische berzeugung, sondern
Ekel. Man kann nicht ein Leben fhren, das so sonderbare Formen annimmt,
Formen, die mich beleidigen.

Diese Vision erniedrigte mich! Ich bringe es nicht ber mich, mich einer
dunklen Gewalt zu ergeben, die die Formen einer Tarantel annimmt! Und
erst dann, als ich gegen Abend den endgltigen unwiderruflichen
Entschlu gefat hatte, wurde mir leichter. Das war nur das erste
Moment; wegen des zweiten fuhr ich nach Pawlowsk; doch das ist schon zur
Genge erklrt.


                                  VII.

Ich besitze eine kleine Taschenpistole; ich hatte sie mir noch als
Knabe angeschafft, in dem komischen Alter, da einem pltzlich
Rubergeschichten und Duelle zu gefallen anfangen und man es liebt, sich
vorzustellen, wie man selbst zum Duell gefordert wird und wie man sich
mutig vor die Pistole stellt. Vor einem Monat habe ich sie mir
angesehen, geputzt und wieder zurecht gemacht. In dem Kasten, in dem sie
lag, fand ich zwei Kugeln und Pulver fr drei Schsse. Die Pistole ist
natrlich nichts wert, die reine Kinderpistole, trifft auch kaum auf
fnfzehn Schritt; wenn man sie jedoch dicht an die Schlfe setzt, wird
sie schon noch einen Schdel zerschmettern knnen.

Ich beschlo, in Pawlowsk bei Sonnenaufgang zu sterben: und zwar
beschlo ich, in den Park zu gehen, damit niemand auf der Datsche
gestrt werde. Meine >Erklrung< wird die Polizei gengend ber alles
unterrichten. Liebhaber der Psychologie mgen daraus schlieen was sie
wollen. Ich wnsche indessen nicht, da meine Schrift verffentlicht
wird. Ich bitte den Frsten, das eine Exemplar an sich zu nehmen und das
andere Exemplar Aglaja Iwanowna Jepantschin zu geben. Dieses ist mein
Wille. Ich vermache meinen Leichnam der medizinischen Fakultt zu
wissenschaftlichen Zwecken.

Ich erkenne keinen Richter ber mich an und wei, da ich auerhalb
jedes Rechtspruchs stehe. Vor kurzem belustigte mich die Vorstellung:
wie, wenn ich jetzt pltzlich auf den Einfall kme, irgendeinen Menschen
einfach totzuschlagen, vielleicht zehn Menschen auf einmal oder sonst
irgend etwas Schreckliches zu tun, irgend etwas, was diese Welt fr das
schrecklichste hlt -- in welch einer dummen Lage wrde sich dann das
Gericht bei meiner zwei- bis dreiwchentlichen Lebensfrist befinden? Ich
wrde vielleicht sehr komfortabel in einem Hospital, unter der Aufsicht
eines guten Arztes, und vielleicht viel angenehmer, als bei mir zu
Hause, sterben. Ich verstehe nicht, da Leuten in meiner Lage niemals
ein solcher Gedanke in den Kopf gekommen ist, wenn auch nur zum Spa?!
Vielleicht verfllt doch einmal jemand darauf! Es gibt doch auch bei uns
in Ruland lustige Leute.

Aber -- wenn ich auch keinen Richter ber mich anerkenne, so wei ich
doch, da man mich richten wird, wenn ich bereits auf ewig taub und
stumm sein werde. Ich mchte jedoch nicht fortgehen, ehe ich nicht ein
Wort zur Antwort hinterlassen habe -- ein freies, unerzwungenes Wort.
Nicht zur Verteidigung etwa -- o nein! Ich habe niemanden und wegen
nichts um Verzeihung zu bitten.

Da ist zunchst ein sonderbarer Gedanke: Wer wollte mir denn mein Recht
auf diese Frist von zwei bis drei Wochen bestreiten? Auf Grund welchen
Rechtes? Wem ntzt es, da ich als Verurteilter noch artig die Frist bis
zur Urteilsvollstreckung abwarte? Wem ntzt es denn? Oder soll ich's um
der Sittlichkeit willen etwa? Ich verstehe noch, wenn ich bei blhender
Gesundheit und groen Krften mein Leben selbst vernichten wollte,
dieses Leben, das >meinem Nchsten noch Nutzen bringen knnte<: da
knnte man mir vom sittlichen Standpunkt aus und nach altem Brauch
vorwerfen, da ich ohne zu fragen ber mein eigenes Leben verfge --
oder was man sich da ausdenkt. Doch jetzt, wo ber mich bereits das
Urteil gefllt ist? Welches Sittengesetz wird denn auch noch auf das
letzte Rcheln eines Sterbenden Anspruch erheben, mit dem er sein Leben
aushaucht? Was hilft mir der Trost des Frsten, der in seiner
christlichen Auslegung den glcklichen Gedanken gehabt hat, da es im
Grunde genommen fr mich viel besser ist, zu sterben. (Solche Christen
wie er kommen immer zu diesem Schlu: das ist ihr geliebtes
Steckenpferd.) Und was wollen sie eigentlich mit ihren lcherlichen
>Pawlowsker Bumen<? Die letzten Stunden meines Lebens versen?
Begreifen sie denn nicht, da ich mich, je mehr ich mich diesen letzten
Illusionen von Leben und Liebe hingebe, mit denen sie mich von der
Meierschen Lehmwand und allem, was ich ihr so aufrichtig bekannt habe,
trennen wollen, desto unglcklicher fhlen mu? Was soll ich mit ihrer
schnen Natur, mit ihrem Pawlowsker Park, mit ihrem Sonnenaufgang und
-untergang, mit ihrem blauen Himmel und ihren selbstzufriedenen
Gesichtern, wenn das ganze Fest, das kein Ende nimmt, fr mich damit
beginnt, da es mich allein fr einen berflssigen Gast erklrt. Was
soll ich mit all dieser Schnheit, wenn ich jede Minute, jede Sekunde
gezwungen bin, daran zu denken, da die kleinste Fliege, die neben mir
in der Sonne summt, an diesem Fest, an diesem Chor teilnehmen kann,
ihren Platz in ihm kennt, ihn liebt und glcklich ist. Nur ich allein
bin ein Ausgestoener und wollte es nur, aus kleinmtiger Feigheit vor
mir selbst, bis jetzt nicht eingestehen! Oh, ich wei, wie sehr der
Frst und all die anderen mich dazu bringen wollen, da ich statt all
der >boshaften und verbitterten< Reden eine Hymne auf den Sieg der
sittlichen Selbstberwindung anstimmte, wie Milvoye in den berhmten und
klassischen Strophen:

   >_O, puissent voir votre beaut sacre_
   _Tant d'amis, sourds  mes adieux!_
   _Qu'ils meurent pleins de jours, que leur mort soit pleure._
   _Qu'un ami leur ferme les yeux!_<{[30]}

Doch glaubt mir, glaubt mir, ihr gutmtigen Seelen, da in dieser
wohlanstndigen Strophe, in diesem akademischen Segensspruch der
Franzosen, so viel heimliche Galle, so viel unvershnliche und mit
Rhythmen berzuckerte Wut ist, da der Poet vielleicht sich selbst damit
belogen und seine Wut als trnenreichen Trost empfunden hat und in dem
Glauben auch gestorben ist: Friede seiner Asche! Wissen Sie auch, da es
in der Erkenntnis der eigenen Schande, Richtigkeit und Schwachheit eine
Grenze gibt, ber die der Mensch nicht mehr hinaus kann? An dieser
Stelle beginnt er dann eine groe Wollust in seiner Demtigung zu
empfinden ... Nun, freilich, auch die Demut ist in gewissem Sinne eine
groe Kraft, ich gebe es zu, wenn auch nicht in dem Sinne, wie die
Religion sie auffat.

Die Religion! Ein ewiges Leben erkenne ich an und habe es vielleicht
immer anerkannt. Mag der Wille einer hheren Gewalt das Feuer meines
Bewutseins entzndet haben, mag es sich umgesehen haben im All und sich
gesagt: >Ich bin<! Und mag ihm eine hhere Gewalt befohlen haben, dann
zu vergehen, sogar ohne Erklrung weshalb und wozu. Doch meine Demut --
das ist die ewige Frage -- wozu soll denn die ntig sein? Kann man mich
denn nicht einfach auffressen, ohne von mir noch Lob und Preis dafr zu
verlangen, da ich aufgefressen werde? Wird sich denn wirklich dort
irgend jemand beleidigt fhlen, wenn ich nicht mehr zwei Wochen darauf
warten will? Das glaube ich nicht; und es ist schon viel richtiger,
anzunehmen, da mein erbrmliches Leben, das Leben eines einzelnen
Atomes, zugunsten einer allgemeinen Harmonie im Weltganzen, zu
irgendeinem Plus oder Minus, zu einem Kontrast usw. usw. ntig ist,
genau so, wie das Leben tglich das Opfer von Millionen von Lebewesen
verlangt, ohne deren Tod die brige Welt nicht existieren knnte. (Ich
bemerke hier, da dieser Gedanke an sich durchaus nicht gromtig ist.)
Doch mge es so sein! Ich gebe es zu, da die Welt ohne diese
gegenseitige Vernichtung nicht htte aufgebaut werden knnen, und ich
gebe sogar zu, da ich nichts von ihrer Einrichtung begreife, doch wei
ich dafr ganz genau eines: wenn man mir auch das Bewutsein gegeben
hat, da >Ich bin<, so geht es mich doch noch nichts an, ob die Welt nun
fehlerhaft aufgebaut und ohne Vernichtung nicht bestehen kann. Wer also,
und wofr wird man mich danach verurteilen? Sagen Sie, was Sie wollen --
ich finde jedenfalls, da es unmglich und zugleich ungerecht wre.

Trotzdem habe ich niemals, trotz meines grten Verlangens, mir
vorstellen knnen, da es _kein_ zuknftiges Leben und _keine_ Vorsehung
gebe. Es ist viel wahrscheinlicher, da wir das zuknftige Leben und
seine Gesetze nicht verstehen knnen. Doch wenn das so schwer und
berhaupt nicht zu begreifen ist, wie soll ich dann dafr verantwortlich
sein, da ich nicht imstande bin, das Unfabare zu fassen? Natrlich
sagen da die Leute und natrlich auch der Frst, da Gehorsam ntig sei,
da man gehorchen _mu_, auch ohne zu verstehen, und zwar aus
moralischen, sittlichen Grnden, und da ich in der anderen Welt dafr
belohnt werde. Wir erniedrigen jedoch die Vorsehung, wenn wir ihr aus
rger darber, da wir sie nicht verstehen knnen, unsere Begriffe
unterschieben. Und wiederum, wenn man die Vorsehung nicht verstehen kann
-- wie kann denn der Mensch dafr verantwortlich sein, was er nicht
verstehen kann? Und ebenso, wer kann mich denn verurteilen, wenn ich den
Willen und die Gesetze der Vorsehung nicht verstanden habe? Nein, lassen
wir die Religion lieber!

Aber damit wre es auch genug! Wenn ich beim Vorlesen bis zu diesen
Zeilen gekommen sein werde, wird die Sonne aufgehen und >am Himmel
erklingen< und ihre groe Feuerkraft wird die Erde berfluten. Mag ich
sterben! Ich werde in diese Quelle des Lebens und der Kraft sehen, und
mein Leben, das ich nicht mehr ertragen will, von mir werfen! Wenn ich
die Macht gehabt htte, nicht geboren zu werden, so htte ich ein Leben
unter so spottenden Bedingungen gewi nicht angenommen. Aber noch habe
ich die Macht, zu sterben, obgleich ich nur Tage hinwerfen kann, die
schon gezhlt sind. Und doch ist es eine Macht und doch ein Protest ...

Meine letzte Erklrung: Ich sterbe durchaus nicht deshalb, weil ich
nicht imstande wre, diese drei Wochen noch zu ertragen; oh, dazu htte
ich wohl noch die Kraft, und wenn ich wollte, so wre mir allein schon
die Erkenntnis der mir angetanen Schmach eine Genugtuung; doch ich bin
kein franzsischer Dichter und brauche solch einen Trost nicht. Und dann
die Versuchung: Die Natur hat meine Bettigungsmglichkeit mit ihren
drei Wochen Frist dermaen eingeengt, da der Selbstmord die einzige Tat
ist, die ich noch vollfhren kann, das heit anfangen und beenden nach
meinem eigenen Willen. Nun und vielleicht will ich eben nur die letzte
Mglichkeit einer _Tat_ ausnutzen? Der Protest ist manchmal keine
geringe Tat ...

Die Erklrung war damit zu Ende. Hippolyt verstummte ...

Ein nervser Mensch, der gereizt und auer sich den uersten Grad
zynischer Offenherzigkeit erreicht hat, ist gewhnlich zu allem bereit,
selbst zum grten Skandal, und ist sogar froh ber ihn: er strzt sich
auf die Menschen und hat selbst dabei das unklare, aber feste Ziel, eine
Minute nachher sich von einem Turm hinabzustrzen und damit alle
Miverstndnisse, wenn solche vorliegen, auf einmal zu beseitigen. Die
Folge eines solchen Zustandes ist meistens Erschpfung der physischen
Krfte. Die ungewhnliche, beinahe unnatrliche Anstrengung hatte
Hippolyt bisher aufrechterhalten. An sich erschien dieser
achtzehnjhrige, von der Krankheit erschpfte Jngling so schwach, wie
ein vom Baum gerissenes, zitterndes Blatt. Kaum hatte er seine Augen
ber die Zuhrer hingleiten lassen, zum erstenmal nach seiner Lektre,
so drckte sich auch schon in ihnen, in seinem Lcheln, Hochmut,
Verachtung und Widerwillen aus. Es drngte ihn zu einer Herausforderung.
Doch auch die Zuhrer waren unwillig. Alle erhoben sich lrmend und
gergert vom Tisch. Die Mdigkeit, der Wein, die Anstrengung erhhten
noch das Peinliche des Eindrucks.

Pltzlich sprang Hippolyt vom Stuhl auf, als htte ihn jemand vom Platze
gerissen.

Die Sonne geht auf! schrie er, als er die glnzenden Spitzen der Bume
sah und zeigte sie dem Frsten, wie man ein Wunder zeigt. Sie ist
aufgegangen!

Und Sie glaubten wohl, da sie nicht aufgehen werde, wie? bemerkte
Ferdyschtschenko.

Das gibt wieder eine Hitze den ganzen Tag ber, brummte nachlssig,
rgerlich Ganj, drehte seinen Hut in den Hnden, ghnte und reckte
sich. Den ganzen Monat schon diese Drre! ... Gehen wir oder gehen wir
nicht, Ptizyn?

Hippolyt starrte ihn ganz verwundert bis zur Versteinerung an,
erbleichte, und ein Zittern befiel seinen Krper.

Sie zeigen Ihre Gleichgltigkeit, mit der Sie mich krnken wollen,
recht ungeschickt, wandte er sich an Ganj und sah ihm gerade ins
Gesicht. Sie sind ein Lump!

Das bersteigt denn doch schon alles! brllte Ferdyschtschenko.

Das ist doch eine phnomenale ...!

Einfach ein Dummkopf, sagte Ganj.

Hippolyt nahm sich wieder zusammen.

Ich verstehe, meine Herren, begann er wie vorher, zitternd und jedes
Wort wie abgerissen hervorstoend, da ich mir vielleicht Ihren
persnlichen Ha zugezogen habe, ich ... bedaure es, da ich Sie mit
diesen Phantasien geqult habe -- er wies auf seine Schrift -- oder
ich bedaure vielmehr, Sie nicht ganz totgeqult zu haben; er lchelte
dumm. Ich habe Sie gelangweilt, Jewgenij Pawlowitsch? wandte er sich
pltzlich mit einer Frage an diesen. Habe ich Sie gelangweilt oder
nicht? Sagen Sie!

Etwas lang, doch im brigen ...

Sagen Sie alles! Lgen Sie doch wenigstens einmal in Ihrem Leben
nicht! befahl ihm zitternd Hippolyt.

Oh, mir ist das ganz gleichgltig! Lassen Sie mich bitte geflligst in
Ruh, antwortete ihm Jewgenij Pawlowitsch, sich angewidert von ihm
abwendend.

Gute Nacht, Frst, verabschiedete sich Ptizyn vom Frsten.

Er wird sich sofort erschieen, was tun Sie! Sehen Sie ihn doch an!
rief Wjera, strzte zu Hippolyt und packte ihn an beiden Hnden. Er
sagte doch, da er sich bei Sonnenaufgang erschieen wrde, was machen
Sie denn mit ihm!

Der wird sich nicht erschieen! riefen hhnisch einige Stimmen, unter
denen auch die Ganjs war.

Meine Herren, nehmen Sie sich in acht! rief Kolj und packte auch
Hippolyt am Arm. Sehen Sie ihn doch nur an! Frst! Frst, was haben Sie
denn!

Um Hippolyt bemhten sich Wjera, Kolj, Keller und Burdowskij.

Er hat das Recht ... das Recht ... brummte Burdowskij, brigens ganz
gedankenverloren.

Erlauben Sie, Frst -- welche Anordnungen ... wollen Sie jetzt
tr...effen? wandte sich Lebedeff, der halb betrunken war, an den
Frsten.

Was fr Anordnungen?

Nein--n; erlauben--n Sie; ich bin hier der Wirt und will in meiner
Hochachtung ... N--nehmen wir an, da Sie der Wirt sind, so will ich
d--doch nicht, da in meinem Hause ... J--a--a.

Wird sich nicht erschieen; der Junge renommiert ja nur! rief voll
Unwillen und ganz unerwartet General Iwolgin.

Ah, der General! griff Ferdyschtschenko auf.

Ich w--ei, da er sich nicht erschieen wird, mein General, mein sehr
verehrter General ... doch immerhin ... i--ich bin der Wirt.

Hren Sie, Herr Terentjeff, sagte pltzlich Ptizyn und reichte,
nachdem er sich vom Frsten verabschiedet hatte, Hippolyt die Hand, Sie
uerten sich, glaube ich, vorhin darber, da Sie Ihren Leichnam der
Akademie vermachen wollten? Haben Sie da wirklich Ihren Leichnam
gemeint, oder vermachen Sie ihr nur Ihre Knochen?

Ja, meine Knochen ...

So, so. Man knnte sich da leicht irren: man sagt, es sei schon einmal
vorgekommen.

Warum reizen Sie ihn? schrie pltzlich der Frst.

Sie haben ihn schon bis zu Trnen gebracht, fgte Ferdyschtschenko
hinzu.

Doch Hippolyt weinte durchaus nicht. Er wollte sich von der Stelle
bewegen, aber alle, die um ihn herumstanden, ergriffen ihn sofort am
Arm. Allgemeines Gelchter.

So weit hat er's gebracht, da ihn alle jetzt festhalten werden; darum
hat er also aus dem Papier da vorgelesen, bemerkte Rogoshin. Lebe
wohl, Frst! Eh, mir schmerzen die Knochen vom Sitzen.

Wenn Sie wirklich die Absicht hatten, sich zu erschieen, Terentjeff,
sagte lachend Jewgenij Pawlowitsch, so wrde ich jetzt an Ihrer Stelle,
nach solchen Komplimenten, mich absichtlich nicht erschieen, um sie
alle zu rgern.

Sie mchten es wohl furchtbar gerne sehen, wie ich mich erschiee!
stie Hippolyt hastig hervor.

Sie rgern sich alle, da sie es nicht sehen werden.

So denken auch Sie, Jewgenij Pawlowitsch, da sie es nicht sehen
werden?

Ich will Sie nicht aufhetzen; im Gegenteil, ich glaube, da es sogar
sehr mglich ist. Hauptschlich, rgern Sie sich nicht ... sagte
gnnerhaft Jewgenij Pawlowitsch.

Ich sehe jetzt, was fr einen Fehler ich damit begangen habe, da ich
Ihnen dieses Schriftstck vorlas! wandte sich Hippolyt so
vertrauensvoll an Jewgenij Pawlowitsch, als htte er einen Freund um
seinen freundschaftlichen Rat gefragt.

Die Lage ist ziemlich lcherlich, doch ... wirklich, ich wei nicht,
was ich Ihnen raten soll, antwortete ihm lchelnd Jewgenij Pawlowitsch.

Hippolyt sah ihn starr an, ohne seinen Blick von ihm abzuwenden, und
schwieg. Man htte denken knnen, da er geistesabwesend wre.

N--nein, erlauben Sie, das ist doch eine sonderbare Manier, mischte
sich wieder Lebedeff ins Gesprch, >werde mich erschieen, im Park, um
niemanden zu beunruhigen!< Er glaubt also, damit niemanden zu
beunruhigen, wenn er drei Schritt von der Treppe entfernt in den Park
geht.

Meine Herren ... begann der Frst.

N--nein, erlauben Sie, sehr verehrter Frst, griff Lebedeff wieder mit
Eifer auf, wie Sie es selbst gesehen haben, ist es kein Spa,
wenigstens ist die Hlfte Ihrer Gste auch der Meinung und berzeugt,
da er sich jetzt, nach diesen hier ausgesprochenen Worten, und um seine
Ehre zu retten, erschieen mu, und da fordere ich Sie auf, als Wirt,
hier einzugreifen!

Was soll ich denn tun, Lebedeff? Ich bin sofort bereit, hier ...

Was Sie tun sollen: erstens, soll er sofort die Pistole herausgeben,
die er uns ja so ausfhrlich beschrieben hat. Wenn er sie herausgegeben
hat, so bin ich damit einverstanden, da er diese Nacht hier im Hause
schlft, in Anbetracht seines Zustandes, doch unter meiner Aufsicht.
Aber morgen mge er sich fortbegeben, einerlei wohin; entschuldigen Sie,
Frst! Wenn er die Pistole nicht sofort herausgibt, so nehme ich ihn an
der einen Hand, der General an der anderen, und bringe ihn dann sofort
auf die Polizei. Denn es ist dann schon Sache der Polizei und nicht mehr
meine Sache. Herr Ferdyschtschenko kann auch noch als guter Bekannter
mitkommen.

Es erhob sich ein Lrm. Lebedeff geriet immer mehr auer sich.
Ferdyschtschenko machte sich schon bereit, mit auf die Polizeiwache zu
gehen. Ganj bestand hartnckig darauf, da sich niemand erschieen
werde. Jewgenij Pawlowitsch schwieg.

Frst, sind Sie schon einmal vom Turm gestrzt? fragte ihn flsternd
pltzlich Hippolyt.

Nein ... antwortete naiv der Frst.

Glauben Sie wirklich, da ich diesen ganzen Ha nicht vorausgesehen
habe! flsterte wieder Hippolyt mit glnzenden Augen und sah den
Frsten an, als htte er wirklich von ihm eine Antwort erwartet. Gut!
wandte er sich pltzlich an alle, ich bin schuldig ... vor allen!
Lebedeff, hier ist der Schlssel -- er zog ein Portemonnaie aus der
Tasche und entnahm ihm einen Schlsselring mit vier kleinen Schlsseln.
Dieser vorletzte ist es ... Kolj wird Ihnen zeigen ... Kolj! Wo ist
Kolj? rief er und bemerkte Kolj nicht, obgleich er ihn starr ansah.
Da ... er wird Ihnen zeigen, er hat mit mir zusammen den Koffer
gepackt. Fhren Sie ihn ... Kolj ... dahin, beim Frsten im Kabinett,
unter dem Tisch ... mein Koffer ... mit diesem Schlssel ... unten ...
meine Pistole ... und das Horn mit dem Pulver. Herr Lebedeff, er wird
sie Ihnen zeigen; doch unter der Bedingung, da Sie sie mir morgen frh,
wenn ich nach Petersburg fahre, zurckgeben. Hren Sie? Ich tue es nur
fr den Frsten, nicht Ihretwegen.

So ist's besser! Lebedeff griff nach dem Schlssel, und hhnisch
lchelnd lief er ins Nebenzimmer.

Kolj zgerte, wollte etwas sagen, wurde aber von Lebedeff mitgerissen.

Hippolyt blickte auf die lachenden Gste, der Frst bemerkte, wie seine
Zhne vor Wut klapperten.

Was fr Schufte das doch sind! flsterte er wieder wie in Verzweiflung
dem Frsten zu.

Wenn er mit dem Frsten sprach, so redete er jetzt immer nur im
Flsterton.

Lassen Sie sie doch: Sie sind sehr erschpft ...

Sofort, sofort ... ich gehe sofort.

Pltzlich umarmte er den Frsten.

Sie glauben vielleicht, da ich nicht mehr bei Sinnen bin? fragte er
ihn, und sah ihn sonderbar lchelnd an.

Nein, aber Sie ...

Sofort, sofort, schweigen Sie; sprechen Sie nicht; stehen Sie still ...
ich mchte in Ihre Augen sehen. Still ... ich mchte Sie ansehen. Ich
werde mich vom >Menschen< verabschieden.

Er stand und sah den Frsten ungefhr zehn Sekunden schweigend an; er
war sehr bla, an den Schlfen trat Schwei hervor; er griff so
sonderbar nach der Hand des Frsten, und es schien, als frchte er, sie
loszulassen.

Hippolyt, Hippolyt, was fehlt Ihnen? schrie der Frst auf.

Sofort ... sofort ... genug, ich gehe. Ich trinke nur noch einen
Schluck auf das Wohl der Sonne ... Ich will, ich will, lassen Sie!

Er griff schnell nach dem Champagnerglas auf dem Tisch und schritt mit
demselben zum Ausgang der Terrasse. Der Frst wollte ihm nachlaufen,
doch trat in diesem Augenblick gerade Jewgenij Pawlowitsch auf ihn zu,
um sich von ihm zu verabschieden. Es verging eine Sekunde, und pltzlich
erhob sich ein allgemeines Geschrei auf der Terrasse, dem eine
allgemeine Bestrzung und Verwirrung folgte.

Es geschah folgendes:

Hippolyt ging bis zur obersten Stufe der Terrasse, mit der linken Hand
hielt er das Glas, mit der rechten griff er in seine rechte
Seitentasche. Keller behauptete nachher, da Hippolyt schon vorher immer
seine Hand in dieser rechten Seitentasche gehalten habe, und da es ihm
schon damals verdchtig vorgekommen sei. Wenigstens hatte ihn eine
innere Unruhe getrieben, Hippolyt zu folgen. Doch wre auch er zu spt
gekommen. Er sah nur pltzlich, wie in der rechten Hand Hippolyts etwas
aufblitzte und wie in demselben Augenblick der Lauf einer kleinen
Pistole Hippolyts Schlfe berhrte. Keller griff mit der Hand danach,
doch hatte Hippolyt bereits den Hahn abgedrckt. Man hrte das kurze
Knacken des Hahnes -- doch kein Schu erfolgte. Hippolyt fiel rcklings
in Kellers Arme und schien wie leblos: vielleicht hielt er sich selbst
fr erschossen. Keller bemchtigte sich der Pistole. Hippolyt schob man
einen Stuhl unter, und alles drngte sich zu ihm, alle schrien, sprachen
durcheinander. Alle hatten sie das Knacken des Hahnes gehrt und sahen
den Menschen unverletzt und lebendig vor sich. Hippolyt schien immer
noch nicht zu begreifen, was mit ihm vorgegangen war, er sah alle
geistesabwesend an. In diesem Augenblicke strzten Lebedeff und Kolj
auf die Terrasse.

Hat sie versagt? fragten die einen.

Vielleicht war sie gar nicht geladen? die anderen.

Geladen ist sie! bemerkte Keller, der die Pistole untersuchte Aber
...

Also hat sie versagt?

Das Zndhtchen fehlt.

Die Szene, die daraus folgte, ist schwer wiederzugeben. Der Schrecken
aller verwandelte sich schnell in ein schallendes Gelchter. Einige
darunter lachten aus vollem Halse voll boshafter Schadenfreude. Hippolyt
berfiel ein hysterischer Weinkrampf, er rang die Hnde, strzte sich
auf alle und jeden, sogar auf Ferdyschtschenko, packte ihn an beiden
Schultern und schwor ihm, da er es vergessen, rein zufllig vergessen
habe, das Zndhtchen hineinzulegen, da sie sich alle in seiner
Westentasche befnden, zehn an der Zahl. Er zeigte sie allen -- er habe
sie nmlich nicht frher hineinlegen wollen, damit seine Pistole in der
Tasche nicht von selbst losgehe: und nun habe er es ganz vergessen. Er
strzte zum Frsten, zu Jewgenij Pawlowitsch, flehte Keller an, ihm die
Pistole zurckzugeben, damit er seine Ehre, seine Ehre, die er jetzt
auf ewig verloren, wieder erhalten knne ...

Er fiel zuletzt bewutlos hin. Man trug ihn in das Kabinett des Frsten,
und Lebedeff schickte sofort zum Arzt, whrend er mit seiner Tochter,
dem General und Antip Burdowskij am Bett des Kranken blieb. Als man den
bewutlosen Hippolyt hinausgetragen hatte, stellte sich Keller mitten
auf der Terrasse hin und verkndete allen Anwesenden mit lauter Stimme
und jedes Wort betonend, wie in hherer Begeisterung:

Meine Herren, wenn es noch jemand von Ihnen wagen sollte, laut in
meiner Gegenwart zu behaupten, da das Zndhtchen mit Absicht vergessen
worden war, und da dieser unglckliche junge Mann nur eine Komdie
gespielt habe -- so wird derjenige es mit mir zu tun haben.

Doch keiner antwortete ihm. Die Gste beeilten sich, fortzukommen.
Ptizyn, Ganj und Rogoshin verlieen zusammen die Datsche.

Der Frst war sehr erstaunt, da Jewgenij Pawlowitsch seine Absicht,
sich mit ihm auszusprechen, aufgegeben hatte.

Sie hatten mir doch noch etwas sagen wollen? fragte er ihn.

Allerdings, sagte Jewgenij Pawlowitsch und setzte sich auf einen Stuhl
neben den Frsten, doch jetzt habe ich mein Vorhaben aufgeschoben. Ich
gestehe, da ich vom Geschehenen noch zu aufgeregt bin, und Sie sind es
auch. Meine Gedanken sind ganz verwirrt, und da mein Vorhaben fr Sie
wie fr mich von zu groer Bedeutung ist, so mchte ich die Aussprache
noch aufschieben. Sehen Sie, Frst, ich mchte einmal im Leben eine
wirklich aufrichtige Tat vollfhren, eine Tat ohne alle Hintergedanken.
In diesem Augenblick, denke ich, bin ich zu dieser ehrlichen Tat nicht
fhig, und Sie ... sind es vielleicht ... auch ... nicht, wir wollen
nchstens davon sprechen. Die Sache wird vielleicht auch noch an
Klarheit gewinnen, fr Sie wie fr mich, wenn wir sie auf die drei Tage
aufschieben, die ich noch in Petersburg verbringen mu.

Er erhob sich vom Stuhl. Dem Frsten schien es, da Jewgenij Pawlowitsch
sich gereizt und unzufrieden fhlte und ihn feindlich ansah: in seinem
Blick lag etwas, was er zuvor nicht bemerkt hatte.

Sie mssen brigens jetzt zum Kranken.

Ja ... ich frchte.

Frchten Sie nichts; er wird noch sechs Wochen leben und vielleicht
noch lnger; hier wird es ihm sehr gefallen. Doch jagen Sie ihn besser
morgen hinaus.

Vielleicht hat es ihn gereizt, da ich schwieg, vielleicht dachte er,
ich zweifelte an seinem Entschlu, sich zu erschieen? Was glauben Sie,
Jewgenij Pawlowitsch?

Nein, nein. -- Es ist viel zu viel Gte von Ihnen, da Sie sich darber
Sorgen machen. Ich habe davon gehrt, doch htte ich es in Wirklichkeit
nie fr mglich gehalten, da Menschen sich erschieen, damit man sie
lobt, oder aus Wut, weil man sie nicht lobt. Nein, das htte ich nie fr
mglich gehalten! Sie jagen ihn morgen hinaus, nicht?

Sie denken, er wird doch noch Selbstmord verben?

Nein, das wird er nicht mehr tun. Doch hten Sie sich vor dieser Sorte.
Ich wiederhole es: Das Verbrechen ist die einzige Zuflucht der
talentlosen, ungeduldigen und gierigen Unbedeutendheit. Sie werden
sehen, ob dieser Mensch nicht fhig sein wird, zehn Seelen umzubringen,
nur um eine >Tat< zu vollbringen, wie er das doch vorhin in seiner
Niederschrift bekannte. Diese Bemerkung von ihm wird mich jetzt nicht
mehr schlafen lassen.

Sie regen sich, glaube ich, darber unntz und viel zu sehr auf.

Sie sind sonderbar, Frst; Sie glauben also nicht, da er jetzt fhig
ist, zehn Seelen zu morden?

Ich kann Ihnen darauf keine Antwort geben, das ist alles so sonderbar;
doch ...

Nun, wie Sie wollen, wie Sie wollen! brach Jewgenij Pawlowitsch erregt
das Gesprch ab. Auerdem sind Sie ein tapferer Mensch, geraten Sie nur
selbst nicht unter die zehn Seelen.

Es ist viel eher anzunehmen, da er niemanden ttet, sagte der Frst
und sah nachdenklich Jewgenij Pawlowitsch an.

Der lachte boshaft.

Es ist Zeit, leben Sie wohl! Haben Sie bemerkt, da er die Kopie seiner
Beichte Aglaja Iwanowna zugedacht hat?

Ja, ich habe es bemerkt und ... denke soeben daran.

Ja, ja, die zehn Seelen, bemerkte Jewgenij Pawlowitsch wieder lachend
und ging von dannen.

Eine Stunde nachher, ungefhr um vier Uhr morgens, ging der Frst in den
Park hinaus. Er hatte versucht zu schlafen, doch war es ihm seines
starken Herzklopfens wegen nicht mglich gewesen. Im Hause hatte sich
wieder alles beruhigt; der Kranke schlief, und der Arzt hatte
festgestellt, da ihm keine besondere Gefahr drohe. Lebedeff, Kolj,
Burdowskij hatten sich im Zimmer des Kranken niedergelassen, um
abwechselnd zu wachen. Zu befrchten war fr den Augenblick nichts.

Die Unruhe des Frsten wuchs von Minute zu Minute. Er schweifte im Park
umher und blickte zerstreut um sich. Erstaunt nahm er wahr, da er sich
pltzlich beim Kurhaus befand und auf der Estrade die leeren Bnke und
Notenpulte des Orchesters erblickte. Der Ort widerte ihn an; er kehrte
sofort um und kam auf dem Wege, den er auch gestern abend mit
Jepantschins gegangen, zur grnen Bank, die Aglaja zum Rendezvous
bestimmt hatte. Er lie sich auf ihr nieder und brach pltzlich in ein
lautes Gelchter aus, gleich darauf aber wurde er von neuem dster.
Wieder lastete auf ihm etwas Schweres und bedrckte ihn so, da er am
liebsten fortgelaufen wre, ... doch wute er nicht, wohin? Im Baume
ber ihm sang ein Vgelchen, seine Augen suchten es in den grnen
Zweigen, und sofort fiel ihm die Fliege ein, von der Hippolyt gesagt
hatte, da sie ihren Platz an der Sonne kenne und an dem allgemeinen
Chore teilnehme, von dem nur er, Hippolyt, allein ausgeschlossen sei.
Diese Phrase hatte einen so starken Eindruck auf ihn gemacht, da er
auch jetzt wieder an sie denken mute. Eine lngst vergessene Erinnerung
stieg in ihm auf.

Er sah sich in der Schweiz, in den ersten Monaten seines Aufenthalts in
den Bergen. Damals war er noch vollstndig Idiot, er konnte noch nicht
recht sprechen und verstand nicht gut alles, was man von ihm verlangte.
An einem hellen, sonnigen Tag ging er in die Berge und ging lange,
geqult von einem Gedanken, ber den er sich nicht Rechenschaft geben
konnte. ber ihm wlbte sich ein endloser Himmel, unter ihm lag ein
blauer See, rings ein leuchtender Horizont, der kein Ende kannte. Lange
schaute er aus, er erhob seine Hnde zu diesem flimmernden unendlichen
All und htte weinen mgen. Es qulte ihn, da er alledem fremd
gegenberstand. Was war das fr ein Fest, was fr ein groer Feiertag,
der ihn schon seit seiner Kindheit lockte und den er nicht erfassen
konnte. Jeden Morgen ging diese glnzende Sonne auf, jeden Morgen stand
ber dem Wasserfall der Regenbogen, und jeden Abend brannte der
schneebedeckte Berggipfel in der Ferne, am Rande des Himmels in
purpurner Flammenlohe. Jede kleinste Fliege, die im heien Sonnenstrahl
ihn umsummt, nimmt teil an diesem Chor, kennt ihren Platz, liebt ihn und
ist glcklich; jeder Grashalm, der da wchst, ist glcklich. Jeder hat
seinen Weg, jeder kennt seinen Weg, mit einem Lied geht er, mit einem
Liede kommt er; nur er allein wei nichts, versteht nichts, nicht die
Menschen, nicht die Tne, allem ist er fremd und fr alle ein
Ausgestoener. O, freilich, damals konnte er sich noch nicht in Worten
ausdrcken; er qulte sich nur, war taub und stumm. Aber jetzt schien es
ihm, da er alles das damals in derselben Weise empfunden, in der
Hippolyt von der kleinen Fliege gesprochen, ganz als htte Hippolyt
mit seinen eigenen Worten, mit seinen eigenen Trnen es gesagt. Er war
fest davon berzeugt, und bei dem Gedanken schlug ihm das Herz zum
Zerspringen ...

Er war auf der Bank eingeschlafen und seine ganze Erregung ging in Traum
ber. Kurz vorher fiel ihm noch ein, da Hippolyt zehn Menschen
umbringen wollte und er lchelte ber diese Annahme. Rings um ihn
herrschte lichte, wonnige Stille, die sich durch das Geflster der
Bltter noch erhhte, noch lautloser wurde. Er sah viele wundervolle
Traumbilder, und vieles erregte ihn so, da er hin und wieder
zusammenzuckte. Zuletzt kam eine Frau auf ihn zu; er erkannte sie und er
htte ihren Namen genannt, htte sie angerufen -- doch sonderbar -- sie
hatte nicht dasselbe Gesicht, das er sonst an ihr kannte, sondern das
Gesicht einer anderen, die er nicht nennen wollte. In diesem Gesicht lag
soviel Qual und Schrecken, wie auf dem Gesicht einer Verbrecherin, die
soeben eine groe Greueltat vollfhrt hat. Eine Trne zitterte auf ihrer
bleichen Wange. Sie winkte mit der Hand und legte den Finger auf seine
Lippen, als wollte sie ihm befehlen, ihr nur leise zu folgen. Das Herz
erstarb ihm, er wollte sie doch fr nichts, fr nichts in der Welt, als
eine Verbrecherin ansehen, und er fhlte, da sogleich etwas
Schreckliches, fr sein ganzes Leben Schreckliches sich ereignen wrde.
Sie wollte ihm scheinbar etwas zeigen, etwas nicht weit Entferntes, hier
im Park. Er erhob sich, um ihr zu folgen und pltzlich ertnte neben ihm
helles, frisches Lachen. Er fhlte eine Hand in der seinigen, prete sie
fest zusammen und -- erwachte. Vor ihm stand Aglaja.


                                 VIII.

Sie lachte, aber zugleich war sie unwillig ber ihn.

Er schlft! Sie haben geschlafen! rief sie mit fast verchtlichem
Erstaunen.

Sie sind es! murmelte der Frst, noch nicht ganz zu sich gekommen, und
er blickte sie verwundert an. Ach richtig! Unsere Verabredung ... der
Frst erhob sich schnell. Ich habe hier geschlafen.

Das habe ich gesehen.

Hat mich niemand auer Ihnen geweckt? War niemand hier auer Ihnen? Ich
glaubte, hier sei eine ... andere gewesen.

Hier war eine andere ...?!

Endlich besann sich der Frst vollkommen.

Das war nur ein Traum, sagte er gedankenverloren. Seltsam, in einem
solchen Augenblick solch ein Traum ... Setzen wir uns.

Er erfate ihre Hand und ntigte sie zum Platznehmen, worauf er sich
neben sie hinsetzte. Aglaja zgerte, etwas zu sagen, und musterte
zunchst nur mitrauisch ihren Nachbar. Dieser blickte sie gleichfalls
hin und wieder an, schien sie aber bisweilen berhaupt nicht
wahrzunehmen. Sie errtete.

Ach so! fuhr pltzlich der Frst, zusammenzuckend, aus seinen Gedanken
auf. Hippolyt hat sich erschossen!

Wann das? Bei Ihnen? fragte sie, jedoch ohne besondere Verwunderung.
Gestern abend lebte er doch noch, glaube ich? Aber wie konnten Sie dann
hier so schlafen, nachdem er sich das Leben genommen?!

Er ist ja nicht tot, die Pistole versagte.

Auf Aglajas dringenden Wunsch mute ihr der Frst sogleich den ganzen
Vorgang erzhlen, und zwar mit groer Ausfhrlichkeit. Sie trieb ihn
immer wieder an, unterbrach ihn jedoch selbst in jedem Augenblick mit
ungeduldigen Fragen, die sich zumeist auf ganz Nebenschliches bezogen.
Unter anderem hrte sie mit groem Interesse zu, als der Frst Jewgenij
Pawlowitschs Aussprche wiedergab, und auch hier unterbrach sie ihn mit
nheren Fragen.

Nun genug davon, wir haben keine Zeit zu verlieren, schlo sie
pltzlich, nachdem sie alles gehrt hatte. Wir knnen nur eine Stunde
hierbleiben, denn um acht mu ich unbedingt zu Hause sein, damit sie
nicht erfahren, da ich hier gewesen bin. Ich mu Ihnen zuvor noch
vieles mitteilen. Nur haben Sie mich jetzt ganz aus dem Text gebracht.
Was diesen Hippolyt betrifft, nun -- ich glaube, da das mit der Pistole
gerade so hat sein mssen! Da die Pistole versagte, als er sich
erschieen wollte, das pat vollstndig zu ihm. Aber sind Sie auch
wirklich berzeugt, da er sich im Ernst erschieen wollte, da hier
kein Betrug vorliegt?

Nein, ein Betrug ist ausgeschlossen.

Das scheint mir auch so. Und er hat wirklich geschrieben, da Sie seine
Beichte mir bringen sollen? Warum haben Sie sie dann nicht mitgebracht?

Aber er ist doch nicht gestorben. Ich werde sie mir von ihm ausbitten.

Bringen Sie sie mir unbedingt, zu bitten ist da nichts. Es wird ihm
sicherlich sehr angenehm sein, denn es ist doch mglich, da er sich nur
deshalb hat erschieen wollen, damit ich dann seine Beichte lesen solle.
Ich bitte Sie, nicht ber die Worte, die ich spreche, zu lachen, Lew
Nikolajewitsch, es ist wirklich sehr leicht mglich, da es so gewesen
ist.

Ich lache nicht, ich bin vielmehr selbst berzeugt, da es sich zum
Teil wirklich so verhalten haben kann.

berzeugt? Sind Sie wirklich derselben Meinung wie ich? wunderte sich
Aglaja.

Sie fragte schnell und sprach hastig, bisweilen jedoch verwirrte sie
sich und fhrte dann den schon begonnenen Satz nicht zu Ende. Sie schien
es sehr eilig zu haben -- obschon sie sich hundertmal selbst unterbrach
-- und schien ungewhnlich erregt zu sein. Wenn sie auch mutig und fast
herausfordernd dreinschaute, so war ihr im Herzen doch sicherlich recht
bange. Sie trug ihr alltgliches, schlichtes Kleid, das ihr sehr gut
stand. Oft fuhr sie zusammen und errtete pltzlich. Auch sa sie nur
auf dem uersten Rande der Bank. Die Besttigung des Frsten, da der
Beweggrund Hippolyts zu diesem Selbstmordversuch teilweise tatschlich
der Wunsch gewesen sein knne, da sie seine Beichte lesen solle,
wunderte sie sehr.

Natrlich wollte er, erklrte der Frst, da auer Ihnen auch wir ihn
loben sollten ...

Inwiefern loben?

Das heit, da ... wie soll man das sagen? Das ist sehr schwer zu
erklren. Zunchst hat er sicherlich gewollt, da alle ihn umringen und
ihm sagen sollten, wie sehr sie ihn liebten und achteten. Ferner, da
ihn alle bitten sollten, sich doch nicht zu erschieen, vielmehr am
Leben zu bleiben. Es ist sehr mglich, da er dabei in erster Linie an
Sie gedacht hat ... ohne es vielleicht selbst zu wissen.

Das verstehe ich nicht: er soll gedacht und dabei nicht gewut haben,
was er gedacht hat? Doch brigens ... ich glaube, ich verstehe es doch
... Wissen Sie, da ich selbst wohl schon dreiigmal daran gedacht habe,
mich zu vergiften -- noch als dreizehnjhriges Mdchen -- und in einem
Brief an meine Eltern ganz genau zu schildern, was mich in den Tod
getrieben hat. Und dann stellte ich es mir immer vor, wie ich im Sarge
liegen und die anderen um ihn herumstehen und weinen und sich anklagen
wrden, da sie so hart und streng zu mir gewesen waren ... Weshalb
lcheln Sie wieder, wandte sie sich brsk an den Frsten, die Brauen
zusammenziehend, ich mchte wohl wissen, was Sie sich alles gedacht
haben, wenn Sie allein gewesen sind und etwas zusammentrumten! Sie
sahen sich dann womglich als groen Feldmarschall ... und vielleicht
als Besieger Napoleons!

Nun, werden Sie es mir glauben, lachte der Frst, ich sehe mich, mein
Ehrenwort, oft als Feldherrn! Namentlich wenn ich abends im Begriff bin,
einzuschlafen. Nur besiege ich nicht Napoleon, sondern immer nur die
sterreicher.

Ich habe durchaus nicht die Absicht, mit Ihnen zu scherzen, Lew
Nikolajewitsch. Mit Hippolyt werde ich persnlich reden, und ich bitte
Sie, ihm das mitzuteilen. Von Ihnen aber finde ich es sehr hlich, eine
Menschenseele so zu beurteilen, so zerlegend, wie Sie soeben Hippolyt
beurteilt haben. Sie haben kein Zartgefhl: was Sie sagen, das ist
nichts als Wahrheit, und schon deshalb ist es ungerecht.

Der Frst dachte nach.

Ich glaube, _Sie_ sind ungerecht gegen _mich_, sagte er. Ich sehe
doch nichts Schlechtes darin, da er so gedacht hat, denn alle sind doch
zu solchen Gedanken geneigt! Oh, und wie das! Zudem hat er es vielleicht
nicht einmal gedacht, sondern nur unbewut so gewollt ... er wollte zum
letztenmal mit Menschen zusammenkommen, ihre Achtung und Liebe erwerben
-- das sind doch alles sehr gute Beweggrnde, nur ist hier alles
gewissermaen nicht so herausgekommen, wie er es sich gedacht hat. Es
ist eben die Krankheit ... und dann noch etwas. Bekanntlich kommt bei
den einen immer alles gut heraus, und bei den anderen immer alles
schlecht ...

Sie haben das wohl in bezug auf sich hinzugefgt? fragte Aglaja.

Ja, in bezug auf mich, antwortete der Frst, ohne auch nur im
geringsten ihren Spott aus der Frage herauszuhren.

Nur wre ich an Ihrer Stelle doch nicht eingeschlafen; wohin Sie nur
kommen -- berall schlafen Sie sogleich ein; das ist sehr wenig schn
von Ihnen.

Aber ich habe doch die ganze Nacht nicht geschlafen, und dann ging ich
hier umher, ging zur Musik ...

Zu was fr einer Musik?

Ich ging dorthin, wo gestern die Musik spielte, und dann kam ich
hierher, setzte mich, begann nachzudenken, und dachte so lange nach, bis
ich einschlief.

Ah, also so war es! Das ndert die Sache ein wenig zu Ihrem Vorteil ...
Aber wozu gingen Sie zum Kurhaus?

Ich wei es nicht, so ...

Gut, gut, davon spter; Sie unterbrechen mich immer ... und was geht es
mich an, wo Sie gewesen sind! Von welch einer anderen hat Ihnen
getrumt?

Das ... das war ... Sie haben sie gesehen ...

Ich verstehe, verstehe sehr gut. Sie mssen sie sehr ... Wie erschien
sie Ihnen im Traum, in welcher Gestalt? brigens geht mich das nichts
an, ich will nichts davon wissen, brach sie pltzlich rgerlich ab.
Unterbrechen Sie mich nicht ...

Sie wartete eine Weile, wie um neuen Mut zu sammeln oder ihren rger
zuerst zu berwinden.

Ich will Ihnen sagen, weshalb ich Sie hierhergerufen habe: ich will
Ihnen den Vorschlag machen, mein Freund zu werden. Was sehen Sie mich
pltzlich so an? fragte sie fast zornig.

Der Frst sah sie in diesem Augenblick allerdings sehr scharf und
forschend an, und es fiel ihm auf, da sie wieder stark zu errten
begann. In solchen Fllen, das heit wenn sie errtete, rgerte sie sich
unsglich ber sich selbst, was ihre Augen nur zu deutlich verrieten. In
der Regel begann sie aber dann schon im nchsten Augenblick ihren Zorn
auf denjenigen zu bertragen, mit dem sie sich gerade unterhielt,
gleichviel ob dieser nun schuldig oder unschuldig war, und brach dann
gewhnlich einen Streit vom Zaun. Deshalb lie sie sich auch
verhltnismig nur selten auf Gesprche ein, und war, da sie ihre
scheue Schamhaftigkeit kannte, bisweilen sogar allzu schweigsam. Mute
sie jedoch in kitzlichen Fllen, wie es zum Beispiel dieser hier war,
notgedrungen sprechen, so verschanzte sie sich hinter anscheinend
unnahbarem Hochmut und begann das Gesprch geradezu mit alles
verachtender Herausforderung. Sie fhlte es stets im voraus, wann sie
errten wrde.

Sie wollen das Anerbieten vielleicht ablehnen? fragte sie ihn stolz
und fast von oben herab.

O nein, gewi nicht, nur ist das doch gar nicht ntig ... ich ... ich
habe gar nicht gedacht, da man hier noch Anerbietungen machen mu,
sagte der Frst verwirrt.

So, was haben Sie dann gedacht! Wozu htte ich Sie denn sonst herrufen
sollen? Was haben Sie eigentlich im Sinn? Oder halten Sie mich auch fr
ein kleines Gnschen, wie es zu Hause alle tun?

Ich habe nicht gewut, da man Sie fr ein Gnschen hlt, ich ... ich
halte Sie nicht dafr.

Nicht? Sehr klug von Ihnen. Und namentlich sehr klug ausgedrckt.

Ich finde, da Sie manches Mal sogar sehr tief sind, fuhr der Frst
fort. Sie sagten vorhin etwas, was mir sehr gefallen hat. Sie sagten:
>das hier ist nichts als Wahrheit, schon deshalb ist es ungerecht<. Das
werde ich behalten und darber werde ich noch nachdenken.

Aglaja wurde pltzlich rot vor Freude. Alle diese Vernderungen gingen
mit ungewhnlicher Offenheit und Schnelligkeit vor sich. Der Frst
freute sich gleichfalls und lchelte sogar vor Freude bei ihrem Anblick.

So hren Sie denn, begann sie wieder, ich habe Sie lange erwartet, um
Ihnen das alles erzhlen zu knnen, schon seit dem Tage, als ich Ihren
Brief erhielt, oder sogar noch frher ... Die Hlfte haben Sie bereits
gestern von mir gehrt: ich halte Sie fr den ehrlichsten und wahrsten
Menschen, der ehrlicher und wahrer ist als alle anderen, und wenn man
von Ihnen sagt, da Ihr Verstand ... das heit, da Ihr Verstand, Ihr
Geist mitunter krank sei, so ist das nicht richtig; davon habe ich mich
auch berzeugt, und ich habe mit ihnen allen da gestritten, und wenn Sie
auch tatschlich krank sind im ... im Geiste -- Sie werden mir das
natrlich nicht belnehmen, denn ich meine doch nur im hheren Sinne --
so ist Ihr Hauptverstand, das ist es, was ich sagen will, doch grer
und besser als bei denen allen dort zusammengenommen -- die haben sich
solch einen berhaupt noch nicht trumen lassen. Denn es gibt doch in
jedem Menschen zwei Arten von Verstand: einen hheren und einen
niedrigeren. Nicht? Ist es nicht so?

Mglich, da es so ist, brachte der Frst kaum vernehmbar hervor; sein
Herz bebte entsetzlich und schlug laut.

Ich wute ja, da Sie es verstehen wrden, fuhr sie wichtig fort.
Frst Sch. und Jewgenij Pawlowitsch begreifen nichts von diesen zwei
Verstandesarten, Alexandra auch nicht, aber stellen Sie sich vor: Mama
begriff sofort.

Sie hneln sehr Lisaweta Prokofjewna.

Wie das? Wirklich? wunderte sich Aglaja.

Jawohl, Sie knnen es mir glauben.

Ich danke Ihnen, sagte sie nach einer Weile nachdenklich. Es freut
mich sehr, da ich Mama gleiche. Dann achten Sie sie wohl sehr? fragte
sie pltzlich, ohne die Naivitt der Frage selbst zu gewahren.

Sehr, sehr, und es freut mich, da Sie das so ohne weiteres verstanden
haben.

Und mich freut es, weil ich bemerkt habe, wie man bisweilen ber sie
... lacht. Doch hren Sie nun die Hauptsache: ich habe es mir lange
berlegt -- und ich habe dann schlielich Sie erwhlt. Ich will nicht,
da man zu Hause ber mich lacht; ich will nicht, da man mich fr ein
dummes Gnschen hlt; ich will nicht, da man mich aufzieht. Ich habe
das sogleich bemerkt und deshalb Jewgenij Pawlowitsch sofort kategorisch
abgewiesen, denn ich will auch nicht, da man mich immer nur als
Heiratsobjekt betrachtet! Ich will ... ich will ... einfach -- ich will
entfliehen, und Sie habe ich erwhlt, damit Sie mir dabei behilflich
sind.

Entfliehen! rief der Frst aufs hchste erschrocken aus.

Ja, ja, ja, aus dem Hause meiner Eltern entfliehen! wiederholte sie
zornig, sich an ihrer eigenen Phantasie berauschend. Ich will nicht,
ich will nicht, da man mich dort immer zwingt, zu errten! Ich will vor
keinem Menschen errten, weder vor Frst Sch., noch vor Jewgenij
Pawlowitsch, noch vor sonst jemandem, und deshalb habe ich Sie erwhlt.
Mit Ihnen will ich ber alles, alles reden, sogar ber das
Hauptschlichste, sobald ich will. Das werde ich -- aber auch Sie drfen
mir nichts verheimlichen. Ich will doch wenigstens mit einem Menschen
ber alles reden drfen wie mit mir selbst. Die da -- die begannen da
pltzlich alle zu sagen, da ich Sie erwarte und Sie liebe. Das war noch
vor Ihrer Ankunft, und ich hatte ihnen Ihren Brief doch gar nicht
gezeigt ... jetzt aber pfeifen es schon alle Spatzen auf dem Dach. Ich
will dreist sein, dreist und mutig, und keinen Menschen frchten. Ich
will nicht mehr ihre Blle besuchen, ich will Nutzen bringen. Ich habe
schon lngst entfliehen wollen. Zwanzig Jahre lang habe ich bei ihnen
hinter Schlo und Riegel gelebt, und ewig wird davon geredet, da ich
heiraten soll. Schon mit vierzehn Jahren wollte ich fortlaufen, wenn ich
auch sonst noch dumm war. Jetzt aber habe ich mir alles reiflich
berlegt und nur auf Sie gewartet, um Sie ber das Ausland auszufragen.
Ich habe noch keinen einzigen gotischen Dom gesehen, ich will Rom sehen,
ich will alle wissenschaftlichen Sammlungen besuchen, ich will in Paris
studieren. Ich habe mich das ganze letzte Jahr schon dazu vorbereitet
und gelernt, ich habe sehr viele Bcher gelesen, ich habe alle
verbotenen Bcher durchgelesen. Alexandra und Adelaida drfen alle
Bcher lesen, ihnen ist es erlaubt, mir aber werden nicht alle gegeben,
ich mu mir auch darin noch Vormundschaft gefallen lassen. Mit den
Schwestern will ich deshalb nicht streiten, aber meiner Mutter und
meinem Vater habe ich schon lngst erklrt, da ich meine soziale
Stellung vollkommen verndern will. Ich habe beschlossen, mich mit
Kindererziehung zu beschftigen, und ich habe dabei auf Ihren Beistand
gerechnet, denn Sie sagten doch, da Sie Kinder lieben. Vielleicht
knnen wir uns gemeinsam damit befassen, wenn auch nicht jetzt -- aber
warum schlielich nicht spter einmal? Dann knnten wir beide der Welt
Nutzen bringen. Ich will nicht mehr einzig und allein als
Generalstochter weiterleben. Sagen Sie, sind Sie ein sehr gelehrter
Mann?

Oh, durchaus nicht.

Das ist schade, ich aber dachte gerade ... nein, wie bin ich nur darauf
gekommen, das zu denken? Aber Sie werden mich trotzdem leiten, ich habe
Sie dazu erwhlt.

Das ist doch alles ... sinnlos, Aglaja Iwanowna.

Ich will, ich will entfliehen! rief sie heftig, und wieder erglhten
ihre Augen. Wenn Sie nicht einwilligen, heirate ich Gawrila
Ardalionytsch. Ich will nicht, da man mich zu Haus fr ein gemeines
Frauenzimmer hlt und mich Gott wei wessen noch alles beschuldigt.

Sind Sie ... sind Sie von Sinnen! Der Frst sprang fast auf vor
Schreck. Wessen beschuldigt man Sie, wer beschuldigt Sie?

Zu Hause tun's alle, Mama, Alexandra, Adelaida, Papa, Frst Sch., sogar
Ihr dummer naseweiser Bengel Kolj! Wenn sie es auch nicht direkt sagen,
so denken sie es doch. Ich habe es ihnen aber allen ins Gesicht gesagt,
beiden, Mama sowohl wie Papa. Mama war den ganzen Tag krank; am nchsten
Tage aber sagten mir Alexandra und Papa, da ich selbst nicht wte, was
ich da schwatzte und welche Worte ich gebrauchte. Ich sagte ihnen aber
direkt ins Gesicht, da ich bereits alles begriffe, alle Worte, da ich
kein Baby mehr sei, da ich schon vor zwei Jahren absichtlich zwei
Romane von Paul de Kock gelesen habe, um endlich alles zu erfahren. Als
Mama das hrte, fiel sie sofort in Ohnmacht.

Dem Frsten kam pltzlich ein seltsamer Gedanke. Er blickte Aglaja
prfend an ... und lchelte.

Er konnte es kaum glauben, da er dasselbe unnahbare Mdchen vor sich
hatte, das ihm einst mit so hochmtigem Stolz Gawrila Ardalionytschs
Brief zurckgegeben hatte. Es schien ihm unerklrlich, wie sich in einer
so khlen, abweisenden Schnheit ein solches Kind verbergen konnte, ein
Kind, das offenbar auch _jetzt_ noch nicht alle Worte begriff.

Haben Sie immer zu Hause gelebt, Aglaja Iwanowna? fragte er. Ich
meine -- haben Sie nie eine ffentliche Schule besucht, sind Sie nie in
einem Institut gewesen?

Nein, niemals und nirgends; ich habe immer nur zu Haus gesessen, wie in
einer Flasche verkorkt, und aus der Flasche werde ich verheiratet.
Worber lachen Sie wieder? Ich sehe, da auch Sie, wie es scheint, sich
ber mich lustig machen und zu den anderen halten, sagte sie schroff
mit finster gerunzelter Stirn. rgern Sie mich nicht, ich wei ohnehin
nicht, was mit mir geschieht ... ich bin berzeugt, Sie sind
hierhergekommen in der Meinung, da ich in Sie verliebt sei und Sie zu
einem Stelldichein gerufen habe, versetzte sie gereizt.

Gestern habe ich das in der Tat gefrchtet, verriet der Frst in
seiner treuherzigen Offenheit -- er war uerst verwirrt --, doch heute
bin ich berzeugt, da Sie ...

Was! rief Aglaja ganz entsetzt aus, und ihre Unterlippe begann zu
beben. Sie haben gefrchtet, da ich ... Sie haben zu denken gewagt,
da ich ... Herr des Himmels! Sie haben dann am Ende gar vermutet, da
ich Sie hergerufen habe, um Sie ins Netz zu locken und damit man uns
dann hier antrifft und Sie zwingt, mich zu heiraten ...

Aglaja Iwanowna! Schmen Sie sich denn nicht! Wie kann ein so
schmutziger Gedanke in Ihrem reinen, unschuldigen Herzen entstehen? Ich
bin berzeugt, da Sie an kein einziges Ihrer Worte glauben und ...
selbst nicht wissen, was Sie sagen!

Aglaja rhrte sich nicht und blickte unverwandt zu Boden, als htten
ihre Worte sie jetzt selbst erschreckt.

Ich schme mich nicht ein bichen, murmelte sie schlielich
eigensinnig. Woher wissen Sie, da mein Herz unschuldig ist? Wie haben
Sie mir damals einen Liebesbrief zu schreiben gewagt?

Einen Liebesbrief? Mein Brief soll ein -- Liebesbrief gewesen sein! Das
war der ehrerbietigste Brief, den ich je geschrieben habe; was ich Ihnen
schrieb, strmte aus meinem Herzen in der schwersten Stunde meines
Lebens! Ich entsann mich Ihrer, wie einer lichten Erscheinung ... ich
...

Nun gut, gut, unterbrach sie ihn pltzlich, doch bereits nicht mehr im
alten Tone, sondern in aufrichtiger Reue und fast erschrocken, ja sie
beugte sich sogar etwas nher zu ihm, jedoch immer noch bemht, ihn
nicht offen anzusehen, und sie schien ihn leise an der Schulter berhren
zu wollen, um ihn noch dringender zu bitten, sich doch nicht zu rgern.
Nun gut, sagte sie unsglich beschmt. Ich fhle, da ich einen sehr
dummen Ausdruck gebraucht habe. Das habe ich aber nur so ... nur, um Sie
zu prfen. Vergessen Sie es, tun Sie, als wre es berhaupt nicht
gesprochen. Und wenn ich Sie gekrnkt habe, so verzeihen Sie mir. Sehen
Sie mich, bitte, nicht so an, blicken Sie dorthin, wenden Sie sich von
mir ab. Sie sagen, das sei ein schmutziger Gedanke: ich habe ihn aber
absichtlich ausgesprochen, um Sie zu reizen. Bisweilen habe ich selber
Angst vor dem, was ich sagen will, und dann pltzlich sage ich es doch.
Sie sagten soeben, da Sie diesen Brief in der schwersten Stunde Ihres
Lebens geschrieben htten ... Ich wei, in welch einer Stunde das
gewesen ist, fgte sie leise hinzu, den Blick wieder zu Boden gesenkt.

O, wenn Sie alles wten!

Ich wei alles! rief sie pltzlich von neuem erregt aus. Sie lebten
damals in ein und demselben Zimmer mit jenem gemeinen Weibe, mit dem Sie
entflohen waren ...

Sie wurde nicht rot, sondern bleich, als sie das sagte, und pltzlich
erhob sie sich von der Bank, wie in Gedanken verloren, doch besann sie
sich sogleich wieder und setzte sich: ihre Unterlippe fuhr noch lange
fort, zu zucken. Das Schweigen dauerte wohl eine ganze Minute. Der Frst
war unsglich betroffen durch diesen pltzlichen Umschlag in ihrem Wesen
und wute nicht, welch einer Ursache er ihn zuschreiben sollte.

Ich liebe Sie ganz und gar nicht, sagte sie pltzlich auffallend
unvermittelt und barsch -- wie gehackt klang der Satz.

Der Frst entgegnete hierauf nichts. Wieder schwiegen sie.

Ich liebe Gawrila Ardalionytsch ... sagte sie dann hastig, jedoch kaum
hrbar, und sie senkte noch mehr den Kopf.

Das ist nicht wahr, sagte der Frst, gleichfalls fast flsternd.

Sie wollen mich also Lgen strafen? Nein, es ist wahr: ich habe ihm vor
drei Tagen hier auf dieser Bank mein Jawort gegeben.

Der Frst erschrak und sann eine Weile nach.

Nein, das ist nicht wahr, sagte er entschieden, Sie haben sich das
alles jetzt hier ausgedacht.

Sie sind wirklich ausnehmend hflich. So hren Sie denn: er hat sich
sehr gebessert und liebt mich mehr als sein Leben. Er hat vor meinen
Augen seine Hand verbrannt, nur um mir zu beweisen, da er mich mehr als
sein Leben liebt.

Seine Hand verbrannt?

Ja, seine Hand. Glauben Sie's, oder glauben Sie's nicht, mir ist es
gleich.

Der Frst schwieg wieder. Es war nicht der geringste Scherzton aus
Aglajas Stimme herauszuhren.

Wie, hat er denn eine Kerze mitgebracht, wenn es hier geschehen sein
soll? Anders kann ich es mir gar nicht vorstellen ...

Ja ... eine Kerze. Was ist denn dabei so unwahrscheinlich?

Eine ganze Kerze oder ... eine im Leuchter?

Nun ja ... nein ... eine halbe Kerze, einen Lichtstumpf ... eine
ganze Kerze, -- gleichviel, hren Sie auf! ... Und auch eine
Streichholzschachtel hat er, wenn Sie wollen, mitgebracht. Er hat hier
die Kerze angezndet und eine ganze halbe Stunde lang den Finger in die
Flamme gehalten. Klingt denn das so unmglich?

Ich habe ihn gestern gesehen: er hat keinen verbrannten Finger.

Aglaja platzte endlich laut heraus und lachte wie ein Kind.

Wissen Sie, warum ich soeben gelogen habe? wandte sie sich ebenso
pltzlich an den Frsten -- mit der kindlichsten Zutraulichkeit und
einem Lachen, das schalkhaft um ihre Lippen zuckte. Weil jedesmal, wenn
man beim Lgen geschickt etwas nicht ganz Gewhnliches hineinflicht,
irgend etwas, nun wissen Sie, etwas, das ganz selten vorkommt, oder
sogar berhaupt nicht, dann die Lge sogleich viel wahrscheinlicher
wird. Das habe ich oft bemerkt. Mir ist es diesmal nur leider nicht
gelungen, ich verstand nicht, es richtig zu machen ...

Pltzlich wurde sie wieder ernst und runzelte die Stirn, wie wenn sie
sich besonnen htte.

Wenn ich Ihnen damals, wandte sie sich an den Frsten, indem sie ihn
ernst und beinahe traurig ansah, wenn ich Ihnen damals auch die Ballade
vom >armen Ritter< vortrug, so wollte ich Sie damit ... wenn ich Sie
auch damit einesteils loben wollte -- doch andernteils fr Ihr Benehmen
brandmarken und Ihnen zeigen, da ich alles wei ...

Sie sind sehr ungerecht zu mir ... und zu jener Unglcklichen, ber die
Sie sich soeben so hlich geuert haben, Aglaja.

Weil ich eben alles wei, alles, deshalb habe ich mich auch so
ausgedrckt. Ich wei, da Sie ihr vor einem halben Jahr in Gegenwart
aller Gste einen Heiratsantrag gemacht haben. Unterbrechen Sie mich
nicht, Sie sehen, ich rede ohne Kommentar. Darauf entfloh sie mit
Rogoshin; dann lebten Sie mit ihr in irgendeinem Dorf oder kleinen
Stdtchen, bis sie von Ihnen wieder fortging zu einem anderen. Aglaja
errtete entsetzlich. Dann kehrte sie wieder zu Rogoshin zurck, der
sie immer noch liebte, wie ... wie ein Irrsinniger. Darauf sind nun Sie,
gleichfalls ein sehr kluger Mann, hierher ihr nachgereist, sobald Sie
nur erfahren hatten, da sie in Petersburg eingetroffen ist. Gestern
abend beeilten Sie sich, sie zu verteidigen, und soeben haben Sie sie
hier im Traum gesehen. -- Sehen Sie jetzt, da ich alles wei! Sie sind
doch ihretwegen, einzig ihretwegen hergekommen?

Ja, ihretwegen, antwortete der Frst leise, traurig und nachdenklich,
indem er den Kopf senkte, ohne auch nur zu ahnen, mit welch glhendem
Blick Aglaja an ihm hing. Ihretwegen ... nur um zu erfahren ... Ich
glaube nicht an ihr Glck mit Rogoshin, wenn auch ... mit einem Wort,
ich wei nicht, was ich hier fr sie tun knnte, wie ihr helfen, aber
ich bin in der Tat um ihretwillen gekommen.

Er zuckte zusammen und blickte Aglaja an, die ihm mit Verachtung
zuhrte.

Wenn Sie gekommen sind, ohne selbst zu wissen weshalb, so mssen Sie
sie ja sehr lieben, sagte sie schlielich.

Nein, antwortete der Frst, nein, ich liebe sie nicht. Oh, wenn Sie
wten, mit welch einem Entsetzen ich an jene Zeit, die ich mit ihr
zusammen verbracht habe, jetzt zurckdenke!

Ein Zittern berlief bei diesen Worten seinen Krper.

Erzhlen Sie alles, sagte Aglaja.

Hier ist nichts, was ich Ihnen nicht erzhlen drfte. Weshalb ich
gerade Ihnen alles erzhlen will, und zwar nur Ihnen allein -- das wei
ich nicht; vielleicht, weil ich Sie in der Tat sehr liebe. Diese
unglckliche Frau ist unerschtterlich davon berzeugt, da sie das in
der ganzen Welt am tiefsten gefallene, lasterhafteste Wesen sei. Oh,
schmhen Sie sie nicht, werfen Sie keinen Stein auf sie! Sie hat sich
selbst schon gar zu sehr mit dem Bewutsein ihrer unverdienten Schande
gemartert! Und worin besteht ihre Schuld, mein Gott! Oh, sie schreit es
ja tglich wie auer sich: da sie nicht die geringste Schuld sich
zuzuschreiben hat, da sie ein Opfer der Menschen ist, das Opfer eines
Lstlings und Buben; aber was sie Ihnen auch sagen mag, sie ist doch
selbst die erste, die ihren eigenen Worten nicht glaubt, sondern mit
ihrem ganzen Gewissen berzeugt ist, da sie im Gegenteil ... selbst
schuld ist. Als ich diese unseligen, dsteren Gedanken aus ihrer Seele
verscheuchen wollte, da wurde ihre Qual, ihre Seelenpein so gro -- ich
sah doch, wie ihre Seele sich wand unter der Marter -- da ... da mein
Herz nie aufhren wird zu bluten, solange ich diese furchtbaren Stunden
nicht aus meinem Gedchtnis bannen kann. Es war mir damals, als wrde
mein Herz fr immer durchbohrt. Wissen Sie, weshalb sie von mir
fortlief? -- Nur um mir zu beweisen, da sie tatschlich ein --
gefallenes Weib sei. Doch das Furchtbarste war gerade das, da sie
vielleicht selbst nicht einmal wute, da sie nur mir das hatte beweisen
wollen, und innerlich in dem Glauben befangen war, da sie nur deshalb
geflohen sei, weil sie innerlich unbedingt das Bedrfnis nach einer
neuen schamlosen Tat gehabt habe, um sich dann immerfort sagen zu
knnen: >Sieh, was du jetzt getan hast, beweist doch mehr als deutlich,
da du nichts anderes als eben nur ein niedriges, verworfenes,
schmutziges Geschpf bist!< Oh, vielleicht werden Sie das alles gar
nicht verstehen, Aglaja! Wissen Sie auch, da in diesem immerwhrenden
Sich-ihrer-Schmach-bewut-sein ein unheimlicher, unnatrlicher Genu fr
sie liegen kann, wie eine gewisse Rache an irgend jemandem ... Bisweilen
gelang es mir, sie so weit zu bringen, da sie etwas Licht in der
Finsternis um sich zu sehen begann; aber sogleich emprte sie sich
wieder und ging dann so weit, da sie mir, mir bitter vorwarf, ich
stelle mich hoch und hochmtig ber sie -- whrend ich doch nicht einmal
im Traum daran gedacht hatte -- und schlielich sagte sie mir, als ich
um sie anhielt, da sie von keinem weder anmaendes Mitleid, noch Hilfe,
noch >Erhebung zu ihm empor< verlange. Sie haben sie gestern gesehen;
glauben Sie denn, da sie in dieser Gesellschaft glcklich ist, da
dieses Leben ihr zusagt? Sie wissen nicht, wie sie geistig entwickelt
ist, und was sie alles begreifen kann! Sie hat mich bisweilen geradezu
in Erstaunen gesetzt!

Haben Sie ihr dort auch solche ... Predigten gehalten?

O nein, fuhr der Frst gedankenverloren fort, ohne da ihm der Ton der
Frage irgendwie aufgefallen wre, ich habe fast immer geschwiegen. Oft
genug habe ich reden wollen, aber, offen gestanden, ich habe dann nie
gewut, was ich sagen sollte. Wissen Sie, in manchen Fllen ist es
besser, berhaupt nicht zu sprechen. Oh, ich habe sie geliebt; oh, sehr
geliebt ... dann aber ... dann ... dann erriet sie alles.

Was erriet sie?

Da ich nur unendliches Mitleid mit ihr hatte, und da ich sie ...
bereits nicht mehr liebte.

Woher wissen Sie, da sie sich nicht tatschlich in jenen ...
Gutsbesitzer verliebt hatte, mit dem sie losgezogen war?

Nein, ich wei ... sie hat sich ber ihn nur lustig gemacht.

Und ber Sie hat sie sich niemals lustig gemacht?

N--ein. Sie hat vielleicht aus Bosheit ber mich gelacht; oh, sie hat
mir auch entsetzliche Vorwrfe gemacht, im Zorn -- und litt doch selbst
mehr als ich darunter! Doch ... dann ... oh, erinnern Sie mich nicht,
erinnern Sie mich nicht daran!

Er bedeckte das Gesicht mit den Hnden.

Aber wissen Sie auch, da ich fast tglich einen Brief von ihr
erhalte?

So ist es also wahr! rief der Frst erregt. Ich habe davon gehrt,
aber ich konnte es nicht glauben.

Von wem haben Sie es gehrt? fuhr Aglaja erschrocken auf.

Rogoshin sagte es mir gestern, nur sprach er es nicht ganz deutlich
aus.

Gestern? Gestern morgen? Wann gestern? Vor dem Konzert oder nachher?

Nachher; spt am Abend, kurz vor zwlf.

A--a, nun, wenn's Rogoshin ... Aber wissen Sie auch, was sie in diesen
Briefen schreibt?

Ich wrde mich ber nichts wundern, sie ist ja wahnsinnig.

Hier sind diese Briefe. Aglaja zog aus ihrer Tasche drei Briefe in
drei Kuverts hervor und warf sie dem Frsten hin. Schon seit einer
ganzen Woche fleht sie mich an, beredet, beschwrt sie mich, Sie zu
heiraten. Sie ist ... nun ja, sie ist klug, wenn sie auch wahnsinnig
ist, und Sie haben recht, wenn Sie sagen, da sie viel klger sei als
ich ... sie schreibt, da sie in mich verliebt sei, da sie jeden Tag
eine Gelegenheit suche, um mich, wenn auch nur von ferne, zu sehen. Sie
schreibt, da Sie mich lieben, sie wisse es ganz genau, habe es schon
lngst bemerkt, und Sie htten dort mit ihr auch ber mich gesprochen.
Sie will Sie glcklich sehen; sie ist berzeugt, da nur ich Ihr Glck
ausmachen knne ... Sie schreibt so sonderbar ... so ungeheuerlich ...
Ich habe ihre Briefe keinem Menschen gezeigt, ich habe Sie erwartet;
wissen Sie, was das alles zu bedeuten hat? Erraten Sie nichts?

Das ist Wahnsinn, ein Beweis ihres Irrsinns, sagte der Frst mit
bebenden Lippen.

Weinen Sie nicht gar?

Nein, Aglaja, nein, ich weine nicht. Er blickte sie an.

Was soll ich nun hier tun? Wozu wrden Sie mir raten? Ich kann doch
nicht ewig diese Briefe empfangen!

O, lassen Sie sie, ich beschwre Sie! rief der Frst. Und was sollten
Sie auch in dieser Finsternis ... ich werde alles tun, damit sie keine
Briefe mehr an Sie schreibt.

Wenn Sie das tun, dann sind Sie ein herzloser Mensch! rief Aglaja.
Oder sehen Sie denn wirklich nicht, da sie nicht in mich verliebt ist,
sondern in Sie, da sie nur Sie allein liebt! Sollte Ihnen wirklich
gerade dieses entgangen sein, whrend Sie doch alles andere bemerkt
haben? Wissen Sie, was diese Briefe bedeuten? -- Eifersucht bedeuten
sie! Es ist sogar noch mehr als Eifersucht! Sie wird ... Glauben Sie,
da sie Rogoshin wirklich heiraten wird, wie sie es hier in diesen
Briefen schreibt? Tten wird sie sich am nchsten Tage nach unserer
Hochzeit!

Der Frst fuhr zusammen. Sein Herz stand still. Doch verwundert sah er
Aglaja an und pltzlich begriff er, da dieses Kind lngst Weib war.

Aglaja, um ihr die Ruhe wiederzugeben und sie glcklich zu machen,
wrde ich mein Leben hingeben, aber ... jetzt kann ich sie nicht mehr
lieben und das wei sie!

So opfern Sie sich doch, das wrde Ihnen ja so gut stehen. Sie sind ja
ein so groer Wohltter! Und, bitte, nennen Sie mich nicht >Aglaja< ...
Sie haben dreimal einfach >Aglaja< gesagt ... Sie meinen, es ist Ihre
Pflicht, sie wieder aufzurichten, Sie mssen wieder mit ihr reisen, um
ihr Herz zu beruhigen und zu vershnen. Sie lieben doch keine andere als
gerade sie!

Ich habe mich nicht so opfern knnen, obschon ich es einmal wollte und
... vielleicht auch jetzt noch will. Ich wei aber, ich _wei_, da sie
mit mir unglcklich werden wrde, und deshalb verlasse ich sie. Ich
sollte sie heute um sieben Uhr sehen; jetzt werde ich vielleicht nicht
zu ihr gehen. In ihrem Stolz wird sie mir nie meine Liebe verzeihen --
und so wrden wir beide zugrunde gehen. Das ist unnatrlich, aber ist
hier nicht alles unnatrlich? Sie sagen, da sie mich liebt, aber ist
denn das Liebe? Kann denn hier wirklich noch von Liebe die Rede sein,
nach allem, was ich erduldet habe! Nein, hier ist es etwas ganz anderes,
nicht aber Liebe!

Wie bleich Sie sind! sagte Aglaja pltzlich erschrocken.

Ich habe wenig geschlafen, es ist nichts ... ich bin abgespannt, ich
... wir haben damals in der Tat von Ihnen gesprochen, Aglaja ...

So ist es wahr? Sie haben wirklich _mit ihr ber mich sprechen knnen_
und ... und wie konnten Sie mich liebgewinnen, wenn Sie mich doch nur
erst einmal gesehen hatten?

Ich wei nicht, wie ich es konnte. In jenem Dunkel, in dem ich mich
damals befand, trumte ich ... trumte ich vielleicht von einer
Morgenrte. Ich wei nicht, wie es kam, da ich an Sie dachte, an Sie
zuerst und vor allen anderen. Ich habe Ihnen damals die volle Wahrheit
geschrieben, ich wute es wirklich nicht. Alles das war nur eine
Illusion ... die durch das damalige Entsetzen heraufbeschworen wurde ...
Dann begann ich zu lernen; ich wre wohl vor drei Jahren nicht wieder
hergereist ...

Sie sind also _ihretwegen_ gekommen?

Es war ein Beben in Aglajas Stimme.

Ja, ihretwegen.

Zwei Minuten lang herrschte dsteres Schweigen zwischen ihnen. Dann
erhob sich Aglaja von ihrem Platz.

Wenn Sie sagen, begann sie mit unsicherer Stimme, wenn Sie selbst
glauben, da dieses ... Ihr Frauenzimmer ... wahnsinnig ist, so ... habe
ich mit ihren wahnsinnigen Phantasien nichts zu schaffen ... Ich bitte
Sie, Lew Nikolajewitsch, diese drei Briefe an sich zu nehmen und sie ihr
vor die Fe zu werfen, in meinem Namen! Und wenn sie, schrie pltzlich
Aglaja wie rasend, wenn sie es noch einmal wagt, mir auch nur eine
Zeile zu schreiben, so -- sagen Sie ihr das -- werde ich mich bei meinem
Vater beklagen, und dann wird man sie ins Zuchthaus werfen ...

Der Frst sprang auf und blickte sie verstndnislos an, ganz erschrocken
durch ihre pltzliche Heftigkeit. Und pltzlich fiel es auch ihm wie
Schuppen von den Augen ...

Sie knnen nicht so fhlen ... das ist nicht wahr, murmelte er.

Doch! Es ist wahr, es ist wahr! schrie Aglaja wie rasend, als htte
sie jede Besinnung verloren.

Was ist wahr? Was soll hier wahr sein? ertnte pltzlich eine
angstvolle Stimme.

Vor ihnen stand Lisaweta Prokofjewna.

Das ist wahr, da ich Gawrila Ardalionytsch heiraten werde! Da ich
Gawrila Ardalionytsch liebe und morgen noch mit ihm entfliehe! wandte
sich Aglaja zornbebend an die Mutter. Haben Sie es jetzt gehrt? Ist
Ihre Neugier befriedigt? Sind Sie zufrieden damit?

Und sie wandte sich schroff um und lief davon.

Nein, mein Bester, so gehen Sie mir nicht fort, hielt Lisaweta
Prokofjewna den Frsten auf, haben Sie die Gte, sich zu uns zu bemhen
und mir das ein wenig zu erklren ... Hat mich doch meine Ahnung die
ganze Nacht geqult und nicht schlafen lassen! ...

Der Frst folgte ihr.


                                  IX.

Als sie in der Villa angelangt waren, blieb Lisaweta Prokofjewna
sogleich im ersten Zimmer stehen: weiter konnte sie nicht mehr gehen und
vllig erschpft lie sie sich auf eine kleine Chaiselongue nieder, ohne
in der Zerstreutheit auch den Frsten zum Platznehmen aufzufordern. Es
war das in einem ziemlich groen Saal, mit reichen Blumenarrangements
vor den Fenstern, einem schweren runden Tisch in der Mitte, einem Kamin
und einer groen Glastr in der anderen Wand, durch die man in den
Garten gelangte.

Kaum waren sie eingetreten, als auch Alexandra und Adelaida erschienen
und in fragender Verstndnislosigkeit die Mutter und den Frsten
anblickten.

Die jungen Mdchen pflegten in der Sommerfrische gewhnlich gegen neun
Uhr aufzustehen; nur Aglaja hatte sich in den letzten zwei oder drei
Tagen etwas frher erhoben, um dann im Garten spazieren zu gehen, doch
immerhin war das noch nicht um sieben geschehen, sondern erst so um
acht, halb neun herum. Lisaweta Prokofjewna, deren unzhlige Sorgen sie
whrend der Nacht in der Tat keinen Schlaf hatten finden lassen, hatte
sich schlielich kurz vor acht angekleidet, um Aglaja im Garten zu
treffen, doch siehe da: ihre Jngste war weder im Schlafzimmer noch im
Garten zu finden. Von dem Stubenmdchen erfuhr sie, da Aglaja Iwanowna
bereits um sieben in den Park gegangen sei. Die Schwestern hatten ber
Aglajas neuen phantastischen Einfall zu lachen begonnen und gemeint,
Aglaja wrde sich sicherlich sehr rgern, wenn die Mutter sie im Park
aufsuchte. Sie hatten dabei geuert, da sie bestimmt mit einem Buch
auf jener grnen Bank sitze, um derentwillen sie sich noch vor drei
Tagen mit Frst Sch. gezankt hatte, weil es diesem nicht gegeben war, in
der Lage dieser Bank etwas Besonderes zu erblicken. So begab sich denn
die Generalin zur grnen Bank und erschrak unsglich ber das
Stelldichein, dessen Zeuge sie wurde, und ber die Worte, die sie noch
auffing. Als sie aber jetzt dem Frsten gegenbersa, wurde ihr bange
bei dem Gedanken daran, was sie angestiftet hatte. Weshalb sollte denn
Aglaja nicht mit ihm zusammenkommen drfen, selbst wenn es auch ein
verabredetes Rendezvous war?

Glauben Sie nicht, mein Lieber, sagte sie schlielich, sich
zusammennehmend, da ich Sie hergebeten habe, um Sie auszuforschen ...
Ich htte nach dem, mein Tubchen, was gestern geschah, vielleicht lange
nicht den Wunsch gehabt, dich wiederzusehen ...

Sie stockte ein wenig.

Doch immerhin wrden Sie gern erfahren wollen, wie es kam, da ich
heute mit Aglaja Iwanowna zusammengetroffen bin? beendete der Frst mit
der grten Ruhe ihren Satz.

Nun ja, gewi wollte ich das! sagte Lisaweta Prokofjewna sogleich
rgerlich und sie errtete pltzlich. Ich frchte mich nicht vor
offener Aussprache, denn ich trete keinem zu nah und habe auch nicht die
Absicht gehabt, jemanden zu beleidigen ...

Aber ich bitte Sie, da bedarf es doch gar keiner Entschuldigungen, es
ist doch nur natrlich, da Sie es wissen wollen. Sie sind -- ihre
Mutter. Wir trafen uns heute, Aglaja Iwanowna und ich, um sieben Uhr,
bei der grnen Bank, weil sie mich dazu aufgefordert hatte. Sie teilte
mir gestern abend schriftlich mit, da sie mich in einer wichtigen
Angelegenheit sprechen msse. Wir trafen uns und sprachen eine ganze
Stunde von Dingen, die eigentlich nur Aglaja Iwanowna angehen -- und das
war alles.

Selbstverstndlich war das alles, Vterchen, und sogar ohne jeden
Zweifel alles, sagte die Generalin wrdevoll.

Vortrefflich, Frst! sagte Aglaja, die pltzlich in den Saal trat.
Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, da Sie auch mich fr unfhig
gehalten haben, mich zur Lge zu erniedrigen. Gengt Ihnen diese
Erklrung, Mama, oder beabsichtigen Sie, noch weiter zu fragen?

Du weit, da ich vor dir noch niemals zu errten gebraucht habe, wenn
du es vielleicht auch gern sehen wrdest, antwortete Lisaweta
Prokofjewna zurechtweisend. Leben Sie wohl, Frst, und verzeihen Sie
mir, da ich Sie beunruhigt habe. Ich hoffe, da Sie von meiner
unvernderlichen Hochachtung fr Sie berzeugt bleiben werden.

Der Frst verbeugte sich sogleich nach beiden Seiten und verlie
schweigend den Saal. Alexandra und Adelaida lchelten und flsterten ein
paar Worte unter sich. Die Generalin ma sie beide mit strengem Blick.

Wir lachen ja nur darber, Mama, sagte Adelaida auflachend, da der
Frst sich so wundervoll verbeugt hat; mitunter tut er es wie ein Sack,
und nun auf einmal wie ... wie Jewgenij Pawlowitsch!

Zartgefhl und Wrde lehrt das eigene Herz und nicht der Tanzmeister,
bemerkte Lisaweta Prokofjewna und sie rauschte hinaus, ohne Aglaja auch
nur mit einem Blick zu streifen. Sie begab sich in ihr Zimmer, das im
oberen Stockwerk lag.

Als der Frst nach Hause kam -- es war mittlerweile fast schon neun
geworden -, traf er auf der Terrasse Wjera Lukjanowna und die Stubenmagd
beim Aufrumen an, und das war nach der letzten Nacht auch dringend
ntig.

Gott sei Dank, wir sind gerade fertig geworden! sagte Wjera erfreut.

Guten Morgen! Mein Kopf geht mir ein wenig in die Runde, ich habe
schlecht geschlafen und wrde es jetzt gern nachholen.

Wollen Sie nicht wieder auf der Terrasse schlafen, so wie gestern? Gut,
ich werde allen sagen, da man Sie nicht wecken soll. Papa ist
irgendwohin gegangen.

Die Magd ging hinaus, Wjera wollte ihr folgen, doch pltzlich kehrte sie
zurck und nherte sich mit besorgter Miene dem Frsten.

Frst, haben Sie Mitleid mit diesem ... Unglcklichen, jagen Sie ihn
heute nicht fort.

Ich denke nicht daran, er soll so lange bleiben wie er will.

Er wird jetzt nichts tun und ... seien Sie nicht streng gegen ihn.

O nein, weshalb sollte ich?

Und ... lachen Sie nicht ber ihn, das ist das Wichtigste.

Oh, das fllt mir gar nicht ein!

Ach, ich bin dumm, da ich das einem Menschen, wie Ihnen, auch noch
sage! sagte Wjera errtend. brigens wenn Sie auch noch mde sind,
lachte sie, bereits halb abgewandt, um hinauszugehen, so haben Sie
jetzt doch so prchtige Augen ... so glckliche Augen.

Ja? In der Tat glckliche? fragte der Frst lebhaft und lachte
gleichfalls erfreut.

Doch Wjera, die sonst wie ein Knabe harmlos und unbefangen war, geriet
pltzlich aus irgendeinem Grunde in Verwirrung, errtete noch mehr und
zog sich, immer noch lachend, schnell zurck.

Was fr ein ... liebes Ding ... dachte der Frst, verga sie aber
schon im nchsten Augenblick. Er setzte sich auf die Chaiselongue an der
Rckwand der Terrasse, bedeckte das Gesicht mit den Hnden und verharrte
in dieser Stellung wohl zehn Minuten; pltzlich griff er schnell und
erregt in die Rocktasche und zog die drei Briefe hervor. In diesem
Augenblick ffnete sich die Tr und Kolj trat ein. Der Frst schien
gleichsam erfreut darber, da er die Briefe in die Tasche
zurckschieben mute und so der Augenblick des Lesens ein wenig
hinausgeschoben wurde.

Nun, das war was! sagte Kolj, lie sich gleichfalls auf die
Chaiselongue nieder und ging wie alle seinesgleichen ohne Umschweife auf
die Hauptsache ber. Mit welchen Augen sehen Sie jetzt auf Hippolyt?
Ohne jede Achtung?

Wieso, weshalb das? ... Nur ... wissen Sie, Kolj, ich bin sehr mde
... Zudem wre es auch gar zu traurig, wieder davon anzufangen ...
brigens, was macht er jetzt?

Er schlft und wird noch seine zwei Stunden schlafen. Ich begreife, Sie
haben die ganze Nacht nicht geschlafen, sind im Park gewesen ...
versteht sich, die Aufregung ... das fehlte noch!

Woher wissen Sie, da ich im Park gewesen bin und nicht zu Hause
geschlafen habe?

Wjera sagte es mir. Sie wollte mich bereden, Sie nicht zu stren: ich
hielt's aber nicht aus -- nur auf einen Augenblick. Ich habe zwei
Stunden an seinem Bett gewacht. Jetzt habe ich Kostj Lebedeff zur
Ablsung hingepflanzt. Burdowskij ist abgezogen. So legen Sie sich denn
hin, Frst. Gute N--n ... nein, guten Tag! Nur, wissen Sie, ich bin
baff!

Natrlich ... alles das ...

Nein, Frst, nein; ich bin baff ber die >Beichte<! Namentlich ber die
Stelle, wissen Sie, wo er von der Vorsehung und dem knftigen Leben
spricht. Dort ist ein gi--gan--tischer Gedanke!

Der Frst blickte Kolj freundlich an, der offenbar nur deshalb gekommen
war, um so bald wie mglich von dem >gigantischen Gedanken< reden zu
knnen.

Doch die Hauptsache, die Hauptsache liegt nicht in dem einen Gedanken
allein, sondern in dem ganzen Aufbau der Sache! Wenn das ein Voltaire,
Rousseau oder Proudhon geschrieben htte -- gut, ich wrde es gelesen
und mir gemerkt haben, aber ich wrde doch nicht in dem Mae baff sein.
Wenn jedoch ein Mensch, der genau wei, da ihm nur noch zehn Minuten
geblieben sind, so spricht -- das ist doch stolz! Das ist doch eine
hhere Unabhngigkeit des Selbstbewutseins, das bedeutet doch einfach
direkte Herausforderung ... Nein, das ist eine wahrhaft gigantische
Geisteskraft! Und danach behaupten, er habe absichtlich das Zndhtchen
nicht hineingelegt -- das ist doch einfach niedrig, einfach abscheulich!
Aber wissen Sie, das war doch gar nicht wahr, das eine, was er da
gestern sagte: ich hatte ihm ja gar nicht beim Einpacken geholfen, das
war nur eine Finte von ihm, ich hatte seine Pistole nie gesehn; er
selbst hatte alles eingepackt, so da ich im Augenblick ganz perplex
war. Wjera sagt, Sie wrden ihn hierbehalten. Ich schwre Ihnen, da Sie
nichts zu befrchten brauchen, es liegt ja gar keine Gefahr vor, um so
weniger, als doch stndig jemand bei ihm ist.

Wer war heute nacht bei ihm?

Ich, Kostj Lebedeff und Burdowskij. Keller blieb nur kurze Zeit bei
ihm, dann ging er zu Lebedeff schlafen, bei uns war kein Platz.
Ferdyschtschenko schlief gleichfalls bei Lebedeff, der ging um sieben.
Der General schlft ja stets bei Lebedeff, jetzt ist er auch schon
fortgegangen ... Lebedeff wird vielleicht bald zu Ihnen kommen, er
suchte Sie, fragte zweimal nach Ihnen, -- ich wei nicht, was er vor
hat. Soll man ihn hereinlassen oder nicht, wenn Sie sich jetzt hinlegen?
Ich gehe gleichfalls schlafen. Ach, ja, das mu ich Ihnen doch noch
sagen: der General hat mich vorhin beraus in Erstaunen gesetzt.
Burdowskij weckte mich vor sieben, oder vielmehr fast schon um sechs;
ich ging auf einen Augenblick aus dem Zimmer -- da kommt mir der General
entgegen, und zwar noch so berauscht, da er mich kaum erkannte, und
bleibt wie ein Pfosten vor mir stehen, bis er dann ganz pltzlich zu
sich kam. >Was macht der Kranke?< fragte er. >Ich wollte nach dem
Kranken sehn ...< Ich rapportierte, nun, soundso. >Das ist gut,< meinte
er, >aber ich kam hauptschlich -- deshalb stand ich auch auf --, um
dich zu warnen: ich habe Grund, anzunehmen, da man in Herrn
Ferdyschtschenkos Gegenwart nicht alles reden darf und ... die Taschen
zuknpfen mu.< Begreifen Sie, Frst, was das bedeuten soll?

Ist's mglich? brigens ... wir haben nichts auf dem Gewissen, uns kann
das gleichgltig sein.

Versteht sich, wir sind keine Verschwrer! Aber ich wunderte mich
wirklich, da mein General deshalb in der Nacht aufsteht und mich
weckt.

Ferdyschtschenko ist fortgegangen, sagen Sie?

Ja, er ging schon um sieben, kam aber noch im Vorbergehen zu mir: ich
wachte bei Hippolyt. Er sagte nur, er gehe zu Wilkin, um weiter zu
schlafen, -- hier gibt's nmlich so einen gewissen Trunkenbold Wilkin.
Na, jetzt gehe ich. Ah! Da ist ja auch schon Lebedeff ... Der Frst will
schlafen, Lukjan Timofetsch, also linksum kehrt!

Nur auf eine Sekunde, hochverehrter Frst, in einer gewissen, meiner
Ansicht nach, hchst bedeutsamen Angelegenheit, begann eintretend
Lebedeff in einem gezwungenen und von Ernst durchdrungenen Tone nicht
gerade laut, und verbeugte sich wrdevoll.

Er war soeben erst zurckgekehrt und ohne in seine Wohnung zu gehen,
beim Frsten eingetreten, weshalb er denn auch den Hut noch in der Hand
hielt. In seinem Gesicht drckte sich Besorgnis aus, sowie ein gewisser
Schimmer von Selbstbewutsein. Der Frst bat ihn, Platz zu nehmen.

Sie haben zweimal nach mir gefragt? Beunruhigen Sie sich wegen des
gestrigen Vorfalls?

Wegen jenes Knaben, meinen Sie, Frst? O nein. Gestern befanden sich
meine Gedanken in nicht ganz klarem Zustande ... heute jedoch
beabsichtige ich nicht, Ihnen, gleichviel worin es sei, zu
konterkarieren.

Zu konterka... wie sagten Sie?

Ich sagte: zu konterkarieren; ein franzsisches Wort, das, wie auch
unzhlige andere seinesgleichen, in den Bestand der russischen Sprache
aufgenommen ist; doch ist mir, genau genommen, nicht viel an ihm
gelegen.

Was ist mit Ihnen heute, Lebedeff, Sie sind so wrdevoll und gesetzt
und reden ja wie ein Buch, fragte der Frst, erheitert durch die Komik
des wrdevollen Ernstes, der zu der ganzen Erscheinung Lebedeffs so
wenig pate.

Nikolai Ardalionytsch! wandte sich Lebedeff in fast beschwrendem Tone
an Kolj, da ich dem Frsten etwas mitzuteilen habe, das eigentlich und
im besonderen nur ...

Ich versteh', ich versteh' schon, geht mich nichts an! Auf Wiedersehen,
Frst! Und Kolj entfernte sich sogleich.

Ich schtze das Kind wegen seines Begriffsvermgens, uerte sich
Lebedeff, ihm nachblickend. Ein feiner Knabe, wenn auch mitunter etwas
naseweis. Doch ein ungeheures Unglck ist mir widerfahren, hochverehrter
Frst, gestern abend oder heut bei Tagesanbruch -- noch schwanke ich
selbst in der definitiven Zeitangabe.

Was ist denn geschehen?

Vierhundert Rubel sind aus meiner Rocktasche verduftet, hochverehrter
Frst, da haben wir die Bescherung! erklrte Lebedeff mit saurem
Lcheln.

Sie haben vierhundert Rubel verloren? Das ist schade.

Und namentlich wenn's noch _nota bene_ einem armen, ehrlich von seiner
Arbeit lebenden Familienvater passiert.

Gewi, gewi, -- aber wie ist denn das zugegangen?

Dank dem Alkohol, der bekanntlich die Hauptsubstanz jedes Weines ist.
Ich, sehen Sie, hochverehrter Frst, ich wende mich an Sie, wie an meine
leibhaftige Vorsehung. Die Summe von vierhundert Rubeln erhielt ich
gestern Punkt fnf Uhr nachmittags von einem Schuldner, worauf ich mit
dem nchsten Zuge hierher zurckkehrte. Die Brieftasche hatte ich in der
Brusttasche. Nachdem ich dann, zu Hause angelangt, meinen Uniformrock
mit einem Hausrock vertauscht hatte, steckte ich die Brieftasche mit dem
Gelde in die Rocktasche meines Hausrocks, da ich die Absicht hatte,
selbiges Geld noch am gleichen Abend meinem Bevollmchtigten ... zu
einem gewissen Zweck einzuhndigen.

Ist es wahr, Lukjan Timofetsch, da Sie, wie Sie in den Zeitungen
bekanntgemacht haben sollen, auf Gold- und Silbersachen Geld leihen?

Durch einen Vermittler, jawohl. Mein eigener Name ist in der Annonce
nicht genannt. Zumal ich nur geringes Kapital besitze und in Anbetracht
dessen, da meine Familie mit den Jahren heranwchst -- so ist ein
ehrlicher Prozentverdienst, das werden Sie doch zugeben ...

Nun ja, gewi, ich fragte ja nur so ... verzeihen Sie, da ich Sie
unterbrochen habe.

Doch mein Vermittler erschien nicht. Da wurde der Kranke gebracht; ich
befand mich bereits in einem etwas forcierten Zustande -- um sechs, nach
dem Mittagsmahl. Darauf kamen diese Gste, tranken ... Tee, und ...
meine Stimmung hob sich, zu meinem Pech, versteht sich. Als aber dann --
das war schon ziemlich spt -- dieser Keller mit der Nachricht von Ihrem
Geburtstage erschien und als Champagner verlangt wurde, begab ich mich,
werter, hochverehrter Frst, da ich ein Herz habe -- das werden Sie
wahrscheinlich schon bemerkt haben, denn ich verdiene es -- also ein
Herz habe, das ... ich will nicht gerade sagen, da es gefhlvoll sei,
aber jedenfalls ist es ein dankbares Herz, wessen ich mich auch mit
Stolz rhme, -- also wie gesagt, da begab ich mich zur Erhhung der
Feierlichkeit des bevorstehenden Empfanges und um mich auf eine
persnliche Aussprache meines Glckwunsches vorzubereiten, in mein
Schlafgemach, um meinen alten Hausrock wieder mit meinem Uniformrock zu
vertauschen, woran Sie offenbar nicht zweifeln werden, zumal Sie mich
whrend der ganzen Nacht im Uniformrock zu sehen geruht haben. Bei
dieser Prozedur verga ich jedoch die Brieftasche in der Tasche des
Hausrocks ... Kurz und gut, wenn Gott der Herr zu strafen beabsichtigt,
so beraubt er uns zuerst und vor allen Dingen der Vernunft. Und erst
heute morgen, so um halb acht herum, sprang ich pltzlich wie ein
Besessener aus dem Bett und griff nach meinem Hausrock -- die Rocktasche
war noch da, aber die Brieftasche war nicht mehr da! Die hatte nicht mal
'ne Spur von sich hinterlassen!

Ach, das ist aber unangenehm!

Sehr richtig, gerade >unangenehm<. Da haben Sie mit feinem Taktgefhl
sogleich den entsprechenden Ausdruck gefunden, fgte er bei allem Humor
doch mit einem gewissen Ingrimm hinzu.

Aber wie, einstweilen ... sagte der Frst nach kurzem Nachdenken, das
ist doch etwas sehr Ernstes.

Sehr richtig, etwas sehr Ernstes -- da haben Sie eine zweite beraus
zutreffende Bezeichnung gefunden ...

Ach, lassen Sie doch das, Lukjan Timofetsch, was soll das jetzt? Hier
kommt es doch nicht auf Redewendungen und Worte an ... Glauben Sie, da
Sie in betrunkenem Zustande die Brieftasche haben verlieren knnen?

Knnen kann man alles. Namentlich in betrunkenem Zustande, wie Sie sich
mit aller Aufrichtigkeit ausgedrckt haben, hochverehrter Frst! Doch
bitte ich, eines zu bedenken: wenn die Brieftasche beim Umkleiden aus
der Rocktasche gefallen wre, so mte sie doch auf dem Fuboden liegen.
Wenn sie nun aber da nicht liegt?

Haben Sie sie nicht irgendwohin fortgelegt, in einen Kasten vielleicht,
oder in ein Schubfach?

Ich habe alles durchgesucht, berall nachgewhlt, um so mehr, als ich
genau wute, da ich keinen einzigen Kasten geffnet und kein Schubfach
auch nur angerhrt habe, dessen entsinne ich mich ganz genau.

Haben Sie auch im Schrnkchen nachgesehen?

Versteht sich, dort ganz zuerst, und nicht nur einmal, sondern immer
wieder ... Aber wie htt' ich's denn ins Schrnkchen tun knnen, mein
aufrichtig hochverehrter Frst?

Ich mu gestehen, Lebedeff, die Sache regt mich nicht wenig auf. Dann
hat es vielleicht jemand auf dem Fuboden gefunden?

Oder in der Rocktasche entdeckt! Wir sind allerdings vor eine solche
Alternative gestellt, wie Sie sehen!

Es regt mich tatschlich auf, denn wer htte es wohl sein knnen ...
Das ist die Frage!

Ganz ohne allen Zweifel ist das die Frage! Sie bekunden ja heute eine
wahrhaft erstaunliche Begabung im Finden treffender Worte und
bezeichnender Gedanken, und ebenso in der klaren Darlegung der Sachlage,
durchlauchtigster Frst.

Ach, Lukjan Timofetsch, lassen Sie doch jetzt den Spott, hier ...

Spott! Lebedeff hob wie in Entrstung abwehrend die Hnde empor.

Nun, nun, nun, schon gut, ich rgere mich ja nicht, hier handelt es
sich doch um etwas ganz anderes ... Ich frchte nur fr den Menschen,
der ... Wen verdchtigen Sie denn?

Das ist eben die schwierige und ... nicht minder komplizierte Frage!
Die Magd -- kann ich nicht verdchtigen, die hat in ihrer Kche
gesessen. Meine leiblichen Kinder -- das geht auch nicht gut ...

Das fehlte noch!

Also folglich -- jemand von den Gsten.

Aber ... ist denn das mglich?

Absolut und im hchsten Grade unmglich, nur mu es nichtsdestoweniger
unbedingt der Fall sein. Indessen bin ich bereit, zuzugeben, oder ich
bin vielmehr berzeugt, da, wenn es sich um einen Diebstahl handelt,
dieser dann nicht am Abend geschehen ist, als alle noch versammelt
waren, sondern in der Nacht oder sogar erst gegen Morgen, und zwar von
einem der Herren, die hier genchtigt haben.

Ach, mein Gott!

Burdowskij und Nikolai Ardalionytsch schliee ich selbstverstndlich
aus; sie sind berhaupt nicht in meinem Zimmer gewesen.

Das fehlte noch! -- und selbst wenn sie in Ihrem Zimmer gewesen wren!
Wer hat denn sonst noch bei Ihnen geschlafen?

Mit mir zusammen waren's vier -- in zwei nebeneinander liegenden
Zimmern: ich, der General, Keller und Herr Ferdyschtschenko. Also einer
von uns vieren.

Das heit einer von dreien; aber wer denn?

Der Ordnung und Gewissenhaftigkeit halber habe ich auch mich
mitgezhlt, aber Sie werden doch zugeben, Frst, da ich mich nicht
selbst bestohlen haben werde, obschon auch solche Flle in der Welt
vorgekommen sind ...

Ach, Lebedeff, wie langweilig Sie sind! unterbrach ihn der Frst
ungeduldig. So bleiben Sie doch bei der Sache ...

Also; es bleiben drei. Erstens Herr Keller -- ein uerst unbestndiger
Mensch, ein Mensch, dem das Wesen nchterner Tage schon lngst in
nebelhafte Ferne entrckt ist, und ein Mensch, der in gewissen Dingen
hchst liberale Ansichten hat, wollte sagen in Taschendingen, im brigen
jedoch ein Mensch mit sozusagen mehr alt-ritterlichen Neigungen als mit
liberalen. Zuerst schlief er im Zimmer des Kranken und krabbelte erst
nachher zu uns herber, und zwar mit der Motivierung, da auf dem
Fuboden zu schlafen nichts weniger als weich, respektive angenehm sei.

Und Sie haben ihn im Verdacht?

Gehabt. Als ich um acht erwachte und wie'n Besessener aufgesprungen
war, griff ich mit der Hand an die Stirn und weckte sogleich den
General, der noch den Schlaf des Gerechten schlief. Nachdem wir dann das
seltsame Verschwinden Herrn Ferdyschtschenkos wohl erwogen hatten, was
wiederum manchen Argwohn in uns erweckt hatte, beschlossen wir sogleich,
Herrn Keller nher zu untersuchen, da dieser noch nicht verschwunden
war, sondern wie ... wie festgenagelt dalag. Wir verrichteten unsere
Sache mit aller Grndlichkeit: in seinen Taschen fand sich aber auch
keine einzige Kopeke. Dafr entdeckten wir ein Schnupftuch, ein
blaukariertes, baumwollenes, in einem Zustande, ber den man besser
Schweigen wahrt. Ferner befrderten wir einen Liebesbrief zutage, von
einem Stubenmdchen, das Geld verlangt und mit Verschiedenem droht; und
schlielich noch Fetzen des bekannten Feuilletons. Der General
entschied, da er unschuldig sei. Zur Vergewisserung der Richtigkeit des
Urteiles weckten wir ihn auf, was durchaus nicht so einfach war und uns
erst nach lngeren Bemhungen gelang: er begriff aber kaum, um was es
sich handelte, tat nur den Mund auf, stierte vor sich hin, mit einem
Gesichtsausdruck: bldsinnig und unschuldig, sogar dumm, kann man sagen,
-- nein, der war es nicht!

Nun, das freut mich! atmete der Frst erfreut auf. Ich frchtete
wirklich fr ihn!

Sie frchteten? ... Dann hatten Sie also Ursache dazu? forschte
Lebedeff blinzelnd.

O nein, das nicht, ich meinte nur ... Der Frst stockte. Ich habe
mich da sehr dumm ausgedrckt und unberlegt ... Seien Sie so gut,
Lebedeff, und erzhlen Sie es keinem ...

Frst! Frst! Ihre Worte ruhen in meinem Herzen ... in der tiefsten
Tiefe meines Herzens! Und dort ist ein Grab! ... beteuerte Lebedeff
halb wie in Verzckung, indem er den Hut in der Herzgegend an sich
drckte.

Gut, gut ... Also dann Ferdyschtschenko? Das heit, ich meine nur, dann
verdchtigen Sie wohl Herrn Ferdyschtschenko?

Wen denn sonst? fragte Lebedeff leise mit aufmerksamem Blick auf den
Frsten.

Nun ja, versteht sich ... wen knnte man denn sonst ... das heit,
haben Sie denn Beweise?

Die habe ich. Erstens: sein Verschwinden um sieben Uhr oder noch
frher.

Ich wei, Kolj erzhlte mir, da er zu ihm gekommen sei und gesagt
habe, da er lieber zu ... ich habe den Namen vergessen -- zu seinem
Freunde schlafen gehen wolle.

Zu Wilkin. Dann wei es Nikolai Ardalionytsch schon?

Von dem Diebstahl hat er nichts gesagt.

Kann er auch gar nicht, denn er wei ja doch noch nichts davon. Ich
behandle die Sache vorlufig als grtes Geheimnis. Also: er geht zu
Wilkin. Nun sollte man meinen, nicht wahr, da es doch nichts auf sich
haben knne, wenn ein betrunkener Mensch zu einem ebenso betrunkenen
geht, selbst wenn er es ohne jeden triftigen Grund und womglich schon
bei Tagesanbruch tut? Aber sehen Sie, gerade hier beginnt die Spur
deutlich zu werden: beim Fortgehen hinterlt er noch die Adresse ...
Passen Sie jetzt auf, Frst, jetzt fragt es sich: weshalb sagte er,
wohin er geht? ... Weshalb geht er absichtlich zu Nikolai Ardalionytsch,
obgleich das einen Umweg bedeutet, um ihm zu sagen, da er zu Wilkin
geht? Und wen kann's denn schlielich interessieren, da er fortgeht,
selbst wenn er zu Wilkin geht? Weshalb meldet er das vorher? Nein, sehen
Sie, das ist Raffiniertheit, diebische Geriebenheit! Das bedeutet soviel
wie: >Seht, ich verheimliche meine Schritte absichtlich nicht, wie kann
ich also ein Dieb sein? Wrde denn ein Dieb sagen, wohin er geht?< Das
aber ist doch nichts als ein Ausdruck des Verlangens, den Verdacht von
sich abzulenken und seine Spuren sozusagen im Sande zu verwischen ...
Haben Sie meinen Gedanken begriffen, hochverehrter Frst?

Ja, sogar sehr gut begriffen, aber das allein ist doch zu wenig!

Warten Sie 'n bichen, jetzt folgt sogleich der zweite Beweis: die Spur
ist falsch und die gegebene Adresse ungenau. Nach einer Stunde, schon um
acht, klopfte ich bei Wilkin -- der wohnt hier nicht sehr weit, in einer
der nchsten Straen ... ich bin sogar bekannt mit ihm. Von meinem
Ferdyschtschenko war jedoch dort nichts vorhanden, noch zu entdecken.
Von der Dienstmagd erfuhr ich dann mit Mh und Not -- es ist ein dummes
Weibsbild --, da vor etwa einer Stunde allerdings jemand Einla begehrt
habe, und zwar ziemlich nachdrcklich, da der Betreffende den Klingelzug
abgerissen habe. Doch die Dienstmagd hatte ihm die Tr nicht aufgemacht,
um, wie sie vorgab, den Herrn nicht zu wecken, vielleicht aber auch, um
sich selbst nicht zu wecken. So etwas pflegt mitunter vorzukommen.

Sind das alle Ihre Beweise? Es ist wenig.

Frst, wen soll man denn sonst verdchtigen, bedenken Sie doch nur
das! bat Lebedeff nicht ohne Galgenhumor -- doch lag in seinem
Augenzwinkern und Lcheln eine gewisse Listigkeit.

Suchen Sie doch noch einmal im Zimmer und in den Schubfchern! rief
der Frst nachdenklich und mit besorgter Miene.

Frst, das habe ich schon bedeutend mehr als einmal getan, seufzte
Lebedeff in komischer Ergebenheit.

Hm! ... aber weshalb, wozu hatten Sie es ntig, sich umzukleiden?
rgerte sich der Frst, und er schlug mit der Faust auf den Tisch --
allerdings nicht allzu stark.

Die Frage stammt aus einer alten Komdie. Aber, edelster, bester Frst,
Sie nehmen sich mein Unglck nachgerade doch gar zu sehr zu Herzen! Das
bin ich ja gar nicht wert. Das heit, ich allein bin es nicht wert, aber
Sie leiden ja auch fr den Verbrecher ... fr den nichtsnutzigen Herrn
Ferdyschtschenko!

Nun ja, ich bin in der Tat besorgt, sagte der Frst zerstreut. Aber
was beabsichtigen Sie nun zu tun ... wenn Sie so berzeugt sind, da es
Ferdyschtschenko gewesen ist?

Frst, hochverehrter Frst, wer soll's denn sonst gewesen sein?
entschuldigte sich mit wachsender Rhrung Lebedeff. Ist doch schon der
Mangel an einer anderen Verdachtsmglichkeit, ich meine, der Mangel an
jeder Mglichkeit, einen anderen als Ferdyschtschenko zu verdchtigen,
ein neuer Beweis gegen Ferdyschtschenko, der dritte Beweis! Denn, ich
frage Sie nochmals, wer htte sie sonst nehmen knnen? Ich kann doch
nicht Herrn Burdowskij verdchtigen, he--he--he!

Ach, reden Sie nicht solch einen Bldsinn!

Und schlielich doch auch nicht den General, he--he--he?

Welch ein Unsinn! sagte der Frst rgerlich und bewegte sich
ungeduldig auf seinem Platz.

Selbstverstndlich ist das Unsinn! He--he--he! Aber hat mich der Mensch
doch erheitert heute, wei Gott! -- ich rede vom General. Wir gehen
beide flugs auf frischer Spur zu Wilkin ... aber ich mu Ihnen doch noch
sagen, da der General zu Anfang fast noch mehr erschrocken war als ich!
Ganz zuerst als ich ihn im ersten Schrecken sogleich aufweckte, erschrak
er so, da er sich sogar im Gesicht vollkommen vernderte: wurde bleich,
wurde rot, und geriet dann pltzlich in solche Wut, war so aufrichtig
entrstet und emprt, da ich mich wirklich nur wunderte, zumal ich's
von ihm gar nicht erwartet htte. Ein edler Mensch, wie man sieht! Er
lgt zwar ununterbrochen, aber er birgt die hchsten Gefhle in seiner
Brust, zudem ist er nicht gerade sehr gedankenreich und flt einem
durch seine Unschuld das grte Zutrauen ein. Ich habe Ihnen bereits
einmal gesagt, hochverehrter Frst, da ich fr ihn nicht nur eine
Schwche, sondern geradezu Liebe empfinde. Pltzlich bleibt er mitten
auf der Strae stehen, reit seinen Rock auf, entblt die Brust.
>Durchsuche mich<, sagt er, >du hast Keller durchsucht, weshalb
durchsuchst du nicht auch mich? Du mut es tun, das verlangt die
Gerechtigkeit!< Seine Hnde und Fe aber zittern nur so, er erbleicht
sogar und steht fast drohend vor mir. Ich lachte. >Hr' mal, General,<
sagte ich, >wenn jemand anderes dich dessen verdchtigen wollte, so
wrde ich mit meinen eignen Hnden meinen Kopf abnehmen, auf eine groe
Schale setzen und ihn persnlich allen Zweiflern anbieten.< >Seht ihr
diesen Kopf?< wrde ich sie fragen, >nun dann seht: mit diesem meinen
eigenen Kopf stehe ich fr ihn ein, und nicht nur mit dem Kopf, sondern
auch mit dem ganzen Krper, wenn's beliebt, und das nicht nur in der
Luft, sondern sogar im Feuer!< >Siehst du jetzt,< fragte ich, >wie gro
mein Vertrauen in dich ist!< Da strzte er mir in die Arme -- alles
mitten auf der Strae, nicht zu vergessen -- brach in Trnen aus,
zitterte nur so und prete mich so fest an seine Brust, da ich kaum
noch atmen konnte. >Du bist mein einziger Freund,< sagte er, >der
einzige, der mir in meinem Unglck treugeblieben ist!< Tja, ein
gefhlvoller Mensch ist er, das mu man ihm lassen! Nun und dann,
versteht sich, erzhlte er sogleich eine Geschichte: wie er in seiner
Jugend einmal gleichfalls eines Diebstahls verdchtigt worden sei, und
zwar hatte es sich damals um fnfhunderttausend Rubel gehandelt. Doch am
nchsten Tage hatte er sich in ein brennendes Haus gestrzt und aus den
Flammen den ihn verdchtigenden Grafen samt Nina Alexandrowna
hervorgezogen, die damals noch nicht mit ihm verheiratet war. Der Graf
hatte ihn umarmt, und das Ereignis hatte seine Verlobung mit Nina
Alexandrowna zur Folge gehabt, am nchsten Tage aber hatte man unter den
Trmmern des Hauses die Schatulle mit dem vermiten Gelde gefunden. Sie
war in England gefertigt, von ganz besonderer Bauart aus Stahl und
Eisen, mit doppeltem Verschlu und noch etlichen Geheimschlssern, und
war vorher auf irgendeine Weise unter den Fuboden geraten, so da
niemand sie hatte finden knnen: nun und durch diesen Brandschaden war
sie wieder zutage befrdert worden. Kurzum -- alles wste Lge und
blhende Phantasie. Als er aber auf Nina Alexandrowna zu sprechen kam,
schluchzte er. Eine edle Dame, diese Nina Alexandrowna, obschon sie auf
mich bse ist.

Sie kennen sie?

Beinahe. Das heit, beinahe nicht, aber ich wnschte es von Herzen,
wenn auch nur, um mich vor ihr rechtfertigen zu knnen. Sie behauptet
nmlich von mir, da ich ihren Gatten hier zum Trinken verfhre, whrend
ich doch in Wirklichkeit eher das Gegenteil tue, indem ich ihn vor einer
noch verderblicheren Gesellschaft bewahre. Zudem ist er mein Freund, und
ich garantiere Ihnen, da ich ihn hinfort nicht mehr verlassen werde,
und das sogar so buchstblich, da berall, wo er ist und steht, auch
ich bin und stehe -- denn ihn kann man doch wirklich nur mit Gemt
behandeln. Jetzt hat er seine Visiten bei der Kapitanscha ganz
eingestellt, obschon es ihn innerlich noch sehr zu ihr drngt, was er
mitunter durch Seufzer verrt, was wiederum namentlich jeden Morgen
geschieht, wenn er sich erhebt und sthnend seine Stiefel anzieht --
weshalb jedoch gerade zu dieser Zeit, vermag ich Ihnen nicht zu sagen.
Geld hat er nicht, das ist das ganze Unglck, ohne Geld aber darf er ihr
nicht unter die Augen kommen. Hat er Sie noch nicht um Geld gebeten,
hochverehrter Frst?

Nein, er hat mich nicht darum gebeten.

Schmt sich. Aber er wollte es tun, gestand mir sogar, da er Sie zu
beunruhigen beabsichtige, doch schme er sich, da Sie ihn ja vor kurzem
noch ausgekauft htten, und, berdies ist er der Meinung, da Sie ihm
nichts geben wrden. Er hat mir als seinem Freunde sein ganzes Herz
ausgeschttet.

Und Sie, Sie geben ihm kein Geld?

Frst! Durchlauchtigster Frst! Diesem Menschen wrde ich nicht nur
Geld, sondern sozusagen sogar mein Leben ... brigens, nein, ich will
nicht bertreiben, -- mein Leben nicht, aber sozusagen 'ne kleine
Influenza, irgend so'n Geschwr oder selbst einen Husten -- das, bei
Gott, das bin ich bereit fr ihn zu erdulden, wenn es nun gerade
wirklich sehr ntig sein sollte ... denn ich halte ihn fr einen groen,
wenn auch verdorbenen Menschen! Jawohl! Sehen Sie, nicht nur Geld!

So geben Sie ihm also welches?

N--n--nein, Geld habe ich ihm noch nicht gegeben und er wei es selbst,
da ich es ihm nicht geben werde, aber das geschieht doch nur im
Hinblick auf seine Migung und Besserung. Heute begab er sich mit mir
nach Petersburg -- ich fuhr doch sogleich hin, um Herrn Ferdyschtschenko
auf frischer Spur zu verfolgen, denn ich wute genau, da er nach
Petersburg gefahren war. Mein General kochte nur so. Mir ahnte so was,
da er in Petersburg von meiner Seite verschwinden wrde, um seine
Kapitanscha aufzusuchen. Ich, ich mu gestehen, ich lie ihn beinahe mit
Absicht von mir fort. Wir waren berein gekommen, uns bei der Ankunft
sogleich zu trennen, da es uns auf diese Weise leichter sein wrde, den
Schuldigen zu ertappen. Also wir trennten uns -- und jetzt will ich ihn
bei der Kapitanscha aufsuchen ... wenn auch eigentlich nur deshalb, um
ihn als Familienvater und als Menschen berhaupt zu beschmen.

Nur machen Sie keinen unntzen Lrm, Lebedeff, sagen Sie um
Gotteswillen keinem ein Wort davon, bat der Frst halblaut in groer
Unruhe.

O nein, ich will ja im Grunde nur deshalb hingehen, um ihn zu
beschmen, und dann auch, um zu sehen, was fr eine Physiognomie er
machen wird, -- denn aus der Physiognomie kann man auf vieles schlieen,
hochverehrter Frst, und besonders noch bei solch einem Menschen! Ach,
Frst! Wie gro aber auch mein eigenes Unglck im gegenwrtigen
Augenblick ist, so kann ich doch nicht umhin, auch an die Hebung seiner
Sittlichkeit zu denken. Deshalb habe ich an Sie eine groe Bitte,
durchlauchtigster Frst, die genau genommen auch der Grund meines
Kommens ist: Sie sind mit seiner Familie bekannt, haben sogar dort
gewohnt -- wenn Sie nun also, edelster Frst, sich dazu entschlieen
knnten, mir ein wenig behilflich zu sein, einzig zum Glcke des
Generals ...

Lebedeff faltete die Hnde in instndiger Bitte.

Aber, wie soll ich Ihnen denn behilflich sein? Ich verstehe Sie nicht,
Lebedeff.

... Einzig in dieser meiner berzeugung bin ich zu Ihnen gekommen! Zum
Beispiel knnte man doch durch Nina Alexandrowna auf ihn einwirken,
indem man sozusagen im Schoe der eigenen Familie liebevoll ein
achtsames Auge auf ihn hat. Ich selbst bin zum Unglck nicht mit ihr
bekannt ... ferner knnte auch Nikolai Ardalionytsch, der Ihnen doch mit
allen Fasern seines jungen Herzens ergeben ist, gleichfalls behilflich
sein ...

Nein, Nina Alexandrowna darf von dieser ganzen Sache nichts erfahren,
und Kolj ebensowenig ... Ich verstehe Sie aber noch nicht ganz,
Lebedeff.

Aber hier ist doch nichts zu verstehen! rief Lebedeff und sprang vom
Stuhl auf. Nichts, nichts als Zrtlichkeit und Gefhl sind hier ntig
-- das ist das einzige Mittel fr unseren Kranken. Sie, Frst, werden
mir doch erlauben, ihn als Kranken zu betrachten?

Das zeugt nur von Ihrem Zartgefhl und Ihrer Einsicht.

Ich will es Ihnen durch ein Beispiel erklren, das ich um der greren
Klarheit willen aus der Praxis nehme. Sehen Sie, was das fr ein Mensch
ist: da hat er nun diese seine Schwche fr die Kapitanscha, der er sich
aber ohne Geldmittel nicht zeigen darf, und bei der ich ihn heute zu
ertappen gedenke, zu seinem eigenen Glck, versteht sich. Doch gesetzt
den Fall, da er ein richtiges Verbrechen begangen, nun, ... irgendeine
ehrlose Handlung -- wenn er dazu auch absolut unfhig ist -- so wrde
man doch dann, sage ich, einzig mit so einer gewissen Sensibilitt alles
bei ihm erreichen, denn er ist ein selten feinfhliger Mensch! Glauben
Sie mir, keine fnf Tage wrde er es aushalten! -- Wrde sich selbst
verraten, in Trnen ausbrechen, alles gestehen, -- und namentlich,
namentlich wenn man noch geschickt vorgeht und edelmtig -- und durch
das Auge der liebenden Familie oder durch Ihr Auge alle seine Schritte
sorgsam verfolgt ... Oh, edelster Frst! Lebedeff wollte fast
aufspringen vor Begeisterung. Ich behaupte ja nicht, da er es
unfehlbar sei ... Ich bin ja sozusagen sogar bereit, mein ganzes Blut
fr ihn sogleich hinzugeben, aber ein solches Leben, dazu die
Trunkenheit und die Kapitanscha -- das alles kann einen doch noch zu
ganz anderen Dingen verleiten!

Wenn es sich so verhlt, dann werde ich Ihnen gern behilflich sein,
sagte der Frst, sich gleichfalls erhebend, nur will ich Ihnen
gestehen, Lebedeff, da mich die Sache ernstlich beunruhigt. Sagen Sie,
Sie ... Sie sagten doch selbst, da Sie Herrn Ferdyschtschenko
verdchtigten?

Ja, aber wen denn sonst? Ich bitte Sie, wen denn sonst, mein gtigster
Frst? Lebedeff legte mit rhrendem Lcheln wieder wie betend die Hnde
zusammen.

Sehen Sie, Lukjan Timofetsch, hier kann es sich um ein groes Versehen
handeln. Dieser Ferdyschtschenko ... ich meine nur, da man doch
schlielich nicht wissen kann, ob nicht er ... Das heit, ich will nur
sagen, da er vielleicht tatschlich eher dazu fhig ist, als ... als
der andere ...

Lebedeff spitzte Ohren und Augen.

Sehen Sie, verwirrte und rgerte sich der Frst immer mehr, indem er
auf und ab zu gehen begann und sich bemhte, Lebedeff nicht anzusehen,
man hat mir mitgeteilt ... man hat mir von diesem Herrn
Ferdyschtschenko gesagt, da er ... auerdem solch ein Mensch sei ...
da man besser tut, in seiner Gegenwart nichts ... berflssiges zu
reden -- Sie verstehen? Ich meine ja nur, da er vielleicht wirklich
eher fhig dazu wre, als der andere ... Ich teile es Ihnen blo mit, um
einen vielleicht grausamen Irrtum zu verhten, Sie verstehen mich doch?

Wer hat Ihnen das von Herrn Ferdyschtschenko mitgeteilt? fragte
Lebedeff fast zitternd vor Spannung.

So ... man hat es mir so zu verstehen gegeben. brigens glaube ich
selbst noch nicht daran ... es ist mir sehr unangenehm, da ich es habe
weitererzhlen mssen, aber ich versichere Ihnen nochmals, da ich
selbst nicht daran glaube ... das ist bestimmt nur leeres Geschwtz ...
Pfui, wie dumm ich gehandelt habe!

Sehen Sie, Frst, begann Lebedeff, immer noch am ganzen Krper
zitternd, das ist sehr wichtig, was Sie da von Herrn Ferdyschtschenko
sagen, und namentlich, namentlich ist's die Frage, wie Ihnen das zu
Ohren gekommen ist. Und Lebedeff lief, whrend er sprach, in grter
Aufregung hinter dem Frsten her, von einer Ecke zur anderen und wieder
zurck, bemht, mit ihm gleichen Schritt zu halten. Sehen Sie, Frst,
jetzt werde auch ich Ihnen etwas mitteilen: als wir vorhin beide zu
Wilkin eilten, begann der General, nach der Erzhlung des Brandes, und
natrlich in edler Entrstung, hnliche Anspielungen auf Herrn
Ferdyschtschenko zu machen, doch kamen sie mir so ungereimt vor, da ich
einige Fragen an ihn stellte. Auf diese Weise berzeugte ich mich
vollkommen, da diese ganze Verdchtigung Ferdyschtschenkos einzig,
sagen wir, auf das Bettigungsbedrfnis der Phantasie des Generals
zurckzufhren war ... Oder eigentlich, sozusagen, auf seine
Seelengre. Denn er lgt ja doch nur deshalb, weil er seinen
berschwang nicht meistern kann. Nun beachten Sie folgendes: wenn er nun
gelogen hat, wovon ich berzeugt bin, und die ganze Geschichte folglich
von ihm frei erfunden ist, wie ist es dann zugegangen, da auch Sie
dasselbe haben hren knnen? Das ist sehr wichtig ... das ist von
ungeheurer Wichtigkeit ...

Mir hat es vorhin Kolj mitgeteilt und dem hatte es der Vater, der
General, gesagt, als er ihm um sechs oder nach sechs im Flur begegnet
war.

Und der Frst erzhlte ausfhrlicher, was Kolj ihm gesagt hatte.

Das ... das ... da haben wir jetzt genau das, was man eine richtige
Fhrte nennt! lachte hndereibend Lebedeff leise vor sich hin. So
dacht' ich's mir! Das bedeutet, da der General absichtlich seinen
unschuldigen Schlaf um sechs Uhr morgens unterbrochen hat, um sein
Shnchen zu wecken und ihm mitzuteilen, da es gefhrlich sei,
Ferdyschtschenko zum Nachbar zu haben! Wie kann nun Herr
Ferdyschtschenko noch gefhrlich sein, ich bitte Sie! -- und wie gefllt
Ihnen die vterliche Besorgnis seiner Exzellenz, he--he--he! ...

Hren Sie, Lebedeff, -- der Frst war uerst betreten -- hren Sie,
da Sie aber keinen Lrm machen! Handeln Sie im stillen! Ich bitte Sie
darum, Lebedeff, ich bitte Sie instndig! ... Nur in dem Falle werde ich
Ihnen behilflich sein, wenn niemand etwas davon erfhrt, es darf niemand
auch nur ein Wort erfahren!

Seien Sie versichert, bester, edelster, durchlauchtigster Frst, rief
Lebedeff in Ekstase, seien Sie versichert, da das Ganze einzig in
meinem gleichfalls edelmtigen Herzen wie in einem Grabe ruhen wird! Und
mit leisen Schritten gehen wir gemeinsam vor, mit leisen Schritten! Ich
wrde sogar mein ganzes Blut ... Durchlauchtigster Frst, ich bin sowohl
geistig wie seelisch ein niedriger Mensch, aber fragen Sie wen Sie
wollen, sogar einen richtigen Schuft, nicht nur einen blo niedrigen
Menschen: mit wem er lieber zu tun hat, mit einem Schuft, wie er selbst
einer ist, oder mit dem edelsten Menschen, wie Sie einer sind,
hochverehrter Frst? Sie knnen sicher sein, da er die Frage zugunsten
des letzteren beantworten wird und eben darin liegt der Triumph der
Tugend! ... Auf Wiedersehen, hochverehrter Frst! Also mit leisen
Schritten ... Ganz sacht! ... Und vorsichtig ...


                                   X.

Als der Frst am Abend dieses Tages wieder im Park umherstrich, begriff
er endlich, weshalb ihn jedesmal ein Kltegefhl durchrieselte, sobald
er die drei Briefe in seiner Tasche berhrte, und weshalb er das Lesen
derselben bis jetzt noch immer hinausgeschoben hatte. Er hatte sich am
Morgen, bevor er sich hingelegt, nicht entschlieen knnen, auch nur
einen der drei Briefe hervorzuziehen, und spter hatte ihn der Schlaf
bermannt -- und wieder hatte er einen schweren Traum gehabt. Wieder war
_sie_ zu ihm gekommen, jene Verbrecherin. Wieder hatte sie ihn
angesehen mit glnzenden Trnen an den langen Wimpern. Wieder hatte sie
ihn zu sich gerufen, und wieder mute er, ganz wie am Morgen, mit Qual
an ihr Gesicht denken. Er hatte sich erheben und sogleich zu ihr gehen
wollen, hatte es jedoch nicht vermocht. Und dann hatte er endlich fast
verzweifelt die Briefe hervorgezogen und zu lesen begonnen ...

Diese Briefe glichen gleichfalls einem Traum. Wie oft hat man nicht ganz
unmgliche und widernatrliche Trume. Beim Erwachen entsinnt man sich
ihrer noch genau und wundert sich ber die seltsamen Tatsachen. Zuerst
entsinnt man sich, da die Vernunft einen whrend der ganzen Dauer des
Traumes keinen Augenblick verlassen hat, man entsinnt sich sogar, da
man whrend der ganzen langen, langen Zeit, in der man von Rubern und
Mrdern umgeben war, tatschlich sehr schlau und logisch gehandelt hat.
Man entsinnt sich, wie sie mit einem scherzten und dabei doch klug ihre
Absicht verbargen und sich freundschaftlich benahmen, wenn sie auch alle
ihre Waffen schon in Bereitschaft hatten und nur noch auf einen Wink
warteten. Man entsinnt sich, wie schlau man sie schlielich betrogen und
sich vor ihnen versteckt hat, und wie man dann erraten, da sie den
ganzen Betrug schon lngst durchschauten und es nur nicht merken lassen
wollten, da sie ganz genau wuten, wo man sich versteckt hielt -- dann
aber wurde man selbst noch schlauer und betrog sie erst recht. Wie aber
geht es zu, da die Vernunft zu derselben Zeit so augenscheinlichen
Bldsinn und so auf der Hand liegende Unmglichkeiten -- aus denen der
ganze Traum fast ausschlielich bestanden --, hat zulassen knnen? Einer
der Mrder verwandelt sich zum Beispiel in eine Frau und die Frau in
einen kleinen, schlauen, abscheulichen Zwerg, die Vernunft aber strubt
sich nicht im geringsten dagegen -- sie akzeptiert die Metamorphose
vollkommen, eben als vollendete Tatsache. Und das geschieht ohne die
geringste Verwunderung, whrend doch die Vernunft gleichzeitig
ungewhnlich scharf arbeitet und eine geradezu seltene Schlauheit und
Logik beweist. Weshalb hat man dann, wenn man aus dem Traum bereits
erwacht und wieder ganz in der Wirklichkeit ist, jedesmal das Gefhl --
bisweilen ist der Eindruck sogar von ungeheurer Strke --, da einen
zusammen mit dem Traum etwas fr uns ganz Unerratbares, Unwibares
verlassen habe? Man lchelt ber die Absurditt des Traumes und fhlt
doch gleichzeitig, da in der Verflechtung dieser Absurditten irgendein
Sinn enthalten ist, und zwar ein wirklicher Sinn, der bereits zu unserem
wirklichen Leben gehrt, ein Etwas, das in unserem Herzen vorhanden und
sogar immer vorhanden gewesen ist; der Traum scheint uns etwas Neues,
Prophetisches, von uns Erwartetes gesagt zu haben; der Eindruck ist
stark, gleichviel ob freudiger oder qulender Art, doch worin er
bestanden, was er enthlt, und was einem gesagt worden ist -- das knnen
wir weder begreifen, noch uns dessen entsinnen.

Fast dasselbe empfand der Frst auch nach dem Lesen dieser Briefe. Doch
noch bevor er den ersten dem Kuvert entnommen hatte, empfand der Frst
die Tatsache der Existenz dieser Briefe, die bloe Mglichkeit, da sie
berhaupt geschrieben werden konnten, als etwas traumhaft Unmgliches,
das auch jetzt in wachem Zustande wie ein Alp auf ihm lag. Wie hat
_sie_ sich entschlieen knnen, an _Aglaja_ zu schreiben? fragte er
sich geqult immer wieder, als er -- es war inzwischen Abend geworden --
umherging, ohne selbst zu wissen, wo er sich befand. Wie konnte sie
_davon_ schreiben, wie konnte nur ein so wahnsinniger Gedanke in ihrem
Gehirn entstehen? Doch der Gedanke war bereits Wirklichkeit geworden,
und am meisten wunderte ihn jetzt nur noch das, da er schon whrend des
Lesens an die Mglichkeit dieses Gedankens zu glauben und ihn fast sogar
zu rechtfertigen begonnen hatte. Natrlich war das alles nur Traum,
Alpdruck und Wahnsinn, doch war hier auerdem noch irgend etwas, etwas
qulend Wirkliches und mrtyrerhaft Gerechtes, das alles zusammen, den
Traum und den Alpdruck und den Wahnsinn rechtfertigte. Nachdem er die
Briefe gelesen, befand er sich mehrere Stunden wie in einem
Traumzustand, in dem einzelne Stze und Worte phantastisch durch seine
Gedanken zogen, bis ihn dann irgendein Ausdruck stutzig machte und er
grbelnd ber ihn nachzudenken begann. Bisweilen wollte er sich sogar
sagen, da er alles das schon vorausgeahnt habe, ja es schien ihm sogar,
da er alles das schon frher, irgend einmal vor langer, langer Zeit
gelesen habe, und da alles, was ihn seit der Zeit geqult und
gengstigt hatte -- da alles das in diesen schon vor langer Zeit von
ihm gelesenen Briefen enthalten war.

Wenn Sie diesen Brief entfaltet haben, begann das erste Schreiben, so
blicken Sie zuerst nach der Unterschrift. Die Unterschrift wird Ihnen
alles sagen und alles erklren, so da ich mich weiter nicht zu
rechtfertigen und Ihnen auch nichts mehr zu erklren brauche. Wenn ich
auch nur einigermaen als Ihnen gleichstehend gelten knnte, wrde diese
Dreistigkeit meinerseits Sie vielleicht beleidigen, aber wer bin ich und
wer sind Sie? Wir sind zwei solche Gegenstze und ich stehe so auerhalb
Ihres Lebenskreises, da ich Sie berhaupt nicht beleidigen knnte,
selbst wenn ich es wollte.

An einer anderen Stelle schrieb sie weiter:

Halten Sie meine Worte nicht fr krankhafte Begeisterung eines kranken
Geistes, wenn ich Ihnen sage, da Sie in meinen Augen die --
Vollkommenheit selbst sind! Ich habe Sie gesehen, ich sehe Sie jeden
Tag. Ich kritisiere Sie dabei nicht, ich habe nicht etwa mit meiner
Vernunft eingesehen, da Sie vollkommen sind -- es ist einfach mein
Glaube und dieser Glaube macht mich selig. Aber ich mu Ihnen auch meine
groe Schuld gestehn: ich liebe Sie. Eine Vollkommenheit kann man aber
doch nicht lieben! die kann man doch nur als Vollkommenheit betrachten,
nicht wahr? Und doch bin ich verliebt in Sie. Nur beunruhigen Sie sich
deshalb nicht, denn wenn auch Liebe die Menschen gleich macht, so habe
ich dabei doch nicht an irgendeine Gleichheit zwischen uns gedacht,
nicht einmal in meinen heimlichsten Gedanken, glauben Sie es mir. Da
habe ich geschrieben: >beunruhigen Sie sich nicht<, -- knnen Sie sich
denn berhaupt deshalb beunruhigen? ... Wenn es mglich wre, wrde ich
die Spuren Ihrer Fe kssen. Oh, ich will mich nicht mit Ihnen
gleichstellen ... Blicken Sie nach der Unterschrift, blicken Sie schnell
nach der Unterschrift!

Ich bemerke soeben, schrieb sie im zweiten Brief, da ich Sie mit ihm
vereinigen will, ohne berhaupt gefragt zu haben, ob auch Sie ihn
lieben. Er hat Sie liebgewonnen, nachdem er Sie nur einmal gesehen hat.
In seiner Erinnerung waren Sie ihm etwas >Lichtes< -- das ist sein
eigener Ausdruck, ich habe ihn von ihm selbst gehrt. Doch ich habe auch
ohne Worte begriffen, da Sie fr ihn >Licht< sind. Ich habe einen
ganzen Monat neben ihm gelebt und da habe ich es gefhlt, da auch Sie
ihn lieben. Sie und er sind fr mich eines.

Gestern ging ich an Ihnen vorber, schrieb sie weiter, und ich
glaubte zu bemerken, da Sie errteten. Aber das kann doch nicht sein,
ich mu mich getuscht haben. Selbst wenn man Sie in die schmutzigste
Hhle fhren und Ihnen das nackte Laster zeigen wrde, drften Sie nicht
errten; es ist ganz ausgeschlossen, da eine Beleidigung Sie krnken
knnte. Sie knnen wohl alle Gemeinen und Niedrigen hassen, aber nicht
... von sich aus, sondern fr andere, fr jene, die von ihnen gekrnkt
werden. Sie dagegen wird niemand beleidigen knnen. Wissen Sie, ich
glaube, da Sie mich sogar lieben mssen. Fr mich sind Sie dasselbe,
was Sie fr ihn sind: ein lichter Geist. Ein Engel kann nicht hassen, er
kann nur lieben. Kann man aber alle lieben, alle Menschen, alle seine
Nchsten? (Ich habe oft diese Frage an mich gestellt.) Gewi nicht, und
das ist sogar ganz natrlich. (In der abstrakten Liebe zur Menschheit
liebt man fast immer nur sich selbst.) Uns ist jene Liebe unmglich, Sie
aber sind etwas ganz anderes: wie wre es Ihnen mglich, _nicht_
jemanden zu lieben, da Sie sich doch mit keinem vergleichen knnen und
ber jeder Beleidigung stehen, sogar ber jedem persnlichen Unwillen.
Sie allein knnen ohne Egoismus lieben, Sie allein knnen es nicht fr
sich selbst, sondern fr jenen tun, den Sie lieben. Oh, wie bitter wre
es fr mich, zu erfahren, da Sie bei dem Gedanken an mich Scham oder
Zorn empfnden! Das wre ja dann _Ihr Sturz_: Sie wrden sofort bis zu
mir herabsinken, mit mir auf einer Stufe stehen ... Als ich gestern
nach der Begegnung mit Ihnen nach Hause kam, sah ich im Geiste ein Bild
vor mir, das noch nie gemalt worden ist. Christus wird von den Malern
immer nach irgendeiner Schilderung des Evangeliums dargestellt, und nie
als vllig Abseitsstehender, als einsamer Mensch. Ich wrde ihn gern
einmal mit einem kleinen Kinde dargestellt sehen, dessen Kindererzhlung
er vielleicht soeben noch angehrt, dessen blondes Kinderkpfchen er
vielleicht soeben noch gestreichelt hat. Vielleicht ist auch seine Hand
noch auf dem Kinderkopf ruhen geblieben, whrend er schon
gedankenversunken in die Ferne blickt und in seinem Blick ein Gedanke so
gro wie die Welt ruht. Dieser schweigende Mensch in der Abendstimmung,
vor dem fernen Horizont -- das wre ein Bild, das ich gern einmal sehen
mchte ... Sie sind unschuldig, und in Ihrer Unschuld liegt Ihre ganze
Vollkommenheit. Oh, vergessen Sie das nie! Was geht Sie meine
Leidenschaft fr Sie an? Jetzt sind Sie bereits mein, und ich werde mein
ganzes Leben lang bei Ihnen sein ... Ich werde bald sterben.

Schlielich, im letzten Brief schrieb sie:

Um Gottes willen, denken Sie nichts von mir. Denken Sie auch nicht, da
ich mich erniedrige, wenn ich so an Sie schreibe, oder da ich zu jenen
Geschpfen gehre, denen Selbsterniedrigung ein Genu ist, und wenn sie
es auch nur aus Stolz tun. Nein, ich habe meinen besonderen Trost, doch
fiele es mir schwer, Ihnen das zu erklren. Es wrde mir sogar schwer
fallen, mir selbst das klar zu machen, wenn ich mich auch selbst gerade
damit qule. Doch ich wei, da ich mich auch nicht einmal in einem
Anfall von Stolz erniedrigen knnte. Und zu einer Selbsterniedrigung aus
Herzensreinheit bin ich unfhig. Folglich aber erniedrige ich mich auch
jetzt nicht.

Weshalb ich Sie beide vereinigen will -- um Ihretwillen oder um
meinetwillen? Selbstverstndlich um meinetwillen, die ganze
Willenshandlung geht hier von mir aus; ich habe gehrt, da Ihre
Schwester Adelaida beim Betrachten meines Bildes gesagt haben soll, mit
einer solchen Schnheit knne man die ganze Welt umdrehen. Ich habe aber
auf die Welt verzichtet. Es wird Ihnen vielleicht lcherlich erscheinen,
gerade von mir das zu hren, nachdem Sie mich in Spitzen und Brillanten
in Gesellschaft von Lebemnnern und Nichtswrdigen gesehen haben.
Beachten Sie das nicht, fast leb ich ja gar nicht mehr, und das wei ich
auch; was aber statt meines Ichs in mir lebt, mag Gott allein wissen.
Ich lese das Tag fr Tag in zwei grauenvollen Augen, die mich
ununterbrochen ansehen, selbst dann, wenn sie nicht vor mir sind. Diese
Augen _schweigen_ jetzt (sie schweigen immer), doch ich kenne ihr
Geheimnis. Ich bin berzeugt, da er in irgendeinem Kasten ein
Rasiermesser liegen hat, dessen Gelenk ebenso mit einem Seidenfaden
umwickelt ist, wie das Messer jenes Moskauer Mrders; jener lebte
gleichfalls mit seiner Mutter in einem Hause und hatte auch sein
Wassermesser bereit, um eine Kehle zu durchschneiden. Die ganze Zeit,
whrend der ich in seinem Hause war, schien es mir immer, da dort
irgendwo eine Leiche versteckt sein msse; vielleicht noch von seinem
Vater her, und ebenso mit einem Wachstuch bedeckt, wie jene Moskauer
Leiche, und umstellt von kleinen Glsern mit irgendeiner scharfen
Flssigkeit. Ich knnte Ihnen sogar den Winkel zeigen, wo sie liegen
mu. Er schweigt ununterbrochen; aber ich wei ja doch, da er mich viel
zu sehr liebt, um mich nicht zu hassen -- er kann ja gar nicht anders,
als mich hassen! Sobald Ihre Hochzeit ist, wird auch meine Hochzeit
sein, an ein und demselben Tage: so haben er und ich es beschlossen. Ich
habe kein Geheimnis vor ihm. Ich wrde ihn tten vor Angst ... Doch er
wird mich frher tten ... Er lacht soeben und sagt, ich deliriere. Er
wei, was ich an Sie schreibe.

Und noch vieles andere von der Art schrieb sie in diesen Briefen. Der
zweite Brief war der lngste: zwei Briefbogen groen Formats eng
beschrieben ...

Endlich verlie der Frst den dunkleren Teil des Parks, wo er lange
ziellos umhergeschweift war. Die helle, klare Sommernacht erschien ihm
heller als sonst. Sollte es noch so frh sein? fragte er sich
verwundert. Seine Taschenuhr hatte er nicht bei sich. Aus der Ferne
glaubte er einmal Musik zu vernehmen, die spielt wohl vor dem Kurhaus,
dachte er bei sich. Natrlich werden sie heute nicht hingegangen sein.
Und als er das dachte, bemerkte er pltzlich, da er dicht vor ihrer
Villa stand. Es war ihm, als htte er es geahnt, da er zu guter Letzt
unfehlbar hier anlangen wrde. Mit klopfendem Herzen trat er auf die
Veranda. Es war niemand dort. Er wartete eine Weile und ffnete dann die
Glastr zum Saal. Diese Tr wird bei ihnen nie zugeschlossen, dachte
er bei sich. Doch auch im Saal war kein Mensch. Es war ganz dunkel um
ihn. Verwundert blieb er stehen. Da ffnete sich pltzlich eine Tr und
Alexandra Iwanowna trat mit einer Kerze in der Hand ein. Als sie den
Frsten erblickte, erschrak sie und blieb wie fragend vor ihm stehen.
Offenbar hatte sie nur hindurchgehen wollen, von einer Tr zur anderen.

Wie sind Sie hierher gekommen? fragte sie schlielich.

Ich ... ich bin gekommen ...

Mama ist nicht ganz gesund und auch Aglaja fhlt sich nicht wohl.
Adelaida ist soeben schlafen gegangen und ich wollte jetzt auch gehen.
Wir sind heute den ganzen Abend allein gewesen ... Papa und der Frst
sind in Petersburg.

Ich kam ... ich kam zu Ihnen ... jetzt ...

Wissen Sie auch, wieviel die Uhr ist?

N--nein ...

Halb eins. Wir gehen gewhnlich um eins schlafen.

Ach, und ich dachte, es wre erst ... halb zehn.

Na, tut nichts, lachte Alexandra. Aber warum sind Sie heute abend
nicht zu uns gekommen? Vielleicht wurden Sie erwartet.

Ich ... dachte ... murmelte der Frst, im Begriff fortzugehen.

Auf Wiedersehen! lachte Alexandra. Morgen will ich aber auch die
anderen zum Lachen bringen mit der Erzhlung unserer nchtlichen
Begegnung.

Er kehrte auf dem Fahrwege, der sich durch den Park schlngelte, zu
seiner Villa zurck. Sein Herz klopfte laut, seine Gedanken waren
verwirrt und alles um ihn her war im Helldunkel der Sommernacht wie ein
Traum. Und pltzlich, ganz wie an diesem Tage schon zweimal im Traume,
sah er wieder jene Erscheinung vor sich. Dieselbe Frauengestalt trat
pltzlich aus dem Park, als htte sie hier auf ihn gewartet, und blieb
vor ihm stehen. Er zuckte zusammen; sie ergriff seine Hand und
umklammerte sie krampfhaft. Nein, das ist kein Traumbild!

Da stand sie ihm nun endlich zum erstenmal nach ihrer Trennung -- von
Angesicht zu Angesicht gegenber. Sie sprach auch irgendetwas zu ihm,
doch er starrte sie nur wortlos an: sein Herz war zum Zerspringen voll
und zitterte vor Schmerz. Oh, so oft er an diese Begegnung spter noch
zurckdachte, jedesmal empfand er denselben unertrglichen Schmerz. Sie
sank vor ihm auf die Knie nieder, mitten auf dem Fahrweg, wie eine
Wahnsinnige. Erschrocken trat er einen Schritt zurck, doch sie ergriff
seine Hnde, um sie mit Kssen zu bedecken, und ganz wie er es im Traum
gesehen, glnzten Trnen an ihren langen Wimpern.

Steh auf, steh auf! flsterte er erschrocken, indem er sie mit Gewalt
zu erheben suchte. Steh schnell auf!

Bist du glcklich? Glcklich? fragte sie. Sag mir nur ein Wort, sag
mir nur, ob du jetzt glcklich bist? Heute, jetzt? Du warst bei ihr? Was
hat sie gesagt?

Sie erhob sich nicht, sie achtete nicht auf sein Flehen; sie fragte so
schnell, als wrde sie gehetzt, als wren Verfolger hinter ihr her.

Ich reise morgen ab, wie du befohlen hast. Ich werde nicht ... Zum
letztenmal sehe ich dich jetzt, zum letztenmal! Jetzt ist es endgltig
das letztemal!

Beruhige dich, steh auf! bat er verzweifelt.

Gierig hing sie mit ihren Blicken an seinem Antlitz, und krampfhaft
hielt sie seine Hnde umklammert.

Leb wohl! sagte sie dann endlich, erhob sich schnell und verlie ihn
eilig -- fast lief sie von ihm fort. Der Frst sah nur noch, wie
pltzlich Rogoshin neben ihr auftauchte, sie mit einem Griff unter den
Arm fate und schnell fortfhrte.

Wart, Frst, rief ihm Rogoshin ber die Schulter zu, nach fnf
Minuten kehr ich zu dir zurck!

Und so war es auch: nach fnf Minuten kam er -- der Frst hatte ihn
erwartet und sich noch nicht von der Stelle gerhrt.

Hab sie in den Wagen gebracht, sagte Rogoshin kurz. Dort hinter der
Wegbiegung hat er seit zehn Uhr abends gewartet. Sie wute es, da du
den ganzen Abend bei den anderen verbringen wrdest. Was du an mich
geschrieben hast, habe ich genau so wiedergegeben. Sie wird jetzt nicht
mehr an jene schreiben, und von hier wird sie auf deinen Wunsch morgen
noch fortreisen. Sie wollte dich nur noch zum letztenmal sehen, wenn du
es ihr auch verboten hattest. Dort haben wir dich erwartet, um dich auf
dem Heimwege abzufangen, dort auf jener Bank haben wir gesessen.

Sie hat dich freiwillig mitgenommen?

Warum nicht? meinte Rogoshin mit einem Lcheln, das seine Zhne
zeigte. Hab gesehen, was ich schon lngst wute. Die Briefe hast du
wohl schon gelesen?

Hat sie dieselben wirklich auch dir zu lesen gegeben? fragte der
Frst, der nicht wute, was er davon denken sollte.

Natrlich doch! Jeden Brief hat sie mir gezeigt. Hast du vergessen, was
sie da vom Rasiermesser schreibt, he--he!

Sie ist ja doch wahnsinnig! rief der Frst fassungslos in seiner
Verzweiflung.

Wer kann das wissen, vielleicht ist sie's auch nicht, sprach Rogoshin
vor sich hin -- gewissermaen wie zu sich selbst.

Der Frst entgegnete nichts.

Nun, leb wohl, sagte pltzlich Rogoshin, auch ich reise ja doch
morgen ab. Gedenke meiner nicht im schlechten. Aber was, Bruder, fragte
er, sich pltzlich nach ihm umblickend, weshalb hast du ihr denn auf
ihre Frage nichts geantwortet? Bist du nun glcklich oder nicht?

Nein, nein, nein! rief der Frst in grenzenloser Verzweiflung.

Das htte auch noch gefehlt, da du >ja< gesagt httest! meinte
Rogoshin mit boshaftem Auflachen und entfernte sich schnell, ohne sich
nach dem Frsten auch nur einmal umzublicken.




                              Vierter Teil


                                   I.

Es gibt Menschen, von denen sich nur schwer etwas sagen lt, was sie
einem in ihrer typischen, charakteristischsten Art sogleich
handgreiflich-deutlich vor Augen fhrte. Es sind das jene Leute, die man
gewhnlich Dutzendmenschen oder kurzweg die Mehrzahl nennt, und die
auch in Wirklichkeit die ungeheure Mehrzahl in einer jeden Gesellschaft
ausmachen. In der Regel schildern die Schriftsteller in ihren Romanen
und Novellen nur solche Typen der Gesellschaft, die es in Wirklichkeit
nur uerst selten in so vollkommenen Exemplaren gibt, wie die Knstler
sie darstellen, die aber als Typen nichtsdestoweniger fast noch
wirklicher als die Wirklichkeit selbst sind. Podkoljossin[27] ist in
seiner typischen Gestalt vielleicht ein wenig bertrieben, doch deshalb
nichts weniger als frei erdichtet und erfunden. Finden nicht alle
Menschenkenner, die Gogols Lustspiel sehen oder lesen, da eine Menge
ihrer alten Freunde und Bekannten zu dieser Figur Modell gestanden haben
knnten? Sie haben wohl auch schon frher gewut, da dieser oder jener
Bekannte wie Podkoljossin war, blo war ihnen der Name fr diesen Typ
noch nicht gegeben worden. In Wirklichkeit springen zwar nur sehr wenige
kurz vor der Trauung aus dem Fenster, denn eine solche Handlungsweise
ist schlielich doch, ganz abgesehen von allem brigen, ziemlich
unbequem; aber wieviel Heiratskandidaten sind nicht kurz vor der Trauung
bereit gewesen, sich trotz ihrer mitunter wirklich vorhandenen Wrde und
Klugheit im tiefsten Inneren dennoch fr Seitenstcke Podkoljossins zu
halten! Auch nicht alle Mnner werden auf Schritt und Tritt sagen: _Tu
l'as voulu, George Dandin!_{[31]} Aber, o Gott, wieviel millionen- und
billionenmal ist dieser Herzensschrei von den Mnnern der ganzen Welt
nach Ablauf ihres Honigmonds oder -- wer kann es wissen? -- vielleicht
schon am Tage nach der Hochzeit ausgestoen worden!

Indes wollen wir hier nur sagen, ohne uns auf weitere ernste Erklrungen
einzulassen, da in der Wirklichkeit die Typik der einzelnen Personen
gewissermaen wie mit Wasser verdnnt ist, und wenn es George Dandins
und Podkoljossins auch in Wirklichkeit gibt und sie einem sogar tglich
in den Weg laufen, so sind sie doch gleichsam noch in verdnntem
Zustande. Zum Schlu sei nur noch bemerkt, da man nichtsdestoweniger
auch einen George Dandin, wie ihn Molire geschaffen hat, unter lebenden
Menschen antreffen kann, allerdings nicht auf Schritt und Tritt, und
damit wollen wir unsere Betrachtung schlieen, die sonst gar zu lebhaft
an ein Feuilleton erinnern knnte. Doch wie dem auch sei, jedenfalls
bleibt eine recht schwierige Frage bestehen, und die ist: was soll ein
Romanschriftsteller mit den Durchschnittserscheinungen, mit den absolut
gewhnlichen Menschen beginnen, wie soll er sie darstellen, um sie
seinem Leser wenigstens einigermaen interessant erscheinen zu lassen?
Ganz bergehen kann man sie in keinem Roman, denn gerade die
gewhnlichen Menschen sind die unentbehrlichen Bindeglieder in der Kette
der Ereignisse des groen Lebens; wollte man sie dennoch umgehen, so
wrde man nicht wirklichkeitsgetreu schreiben. Ein Roman, der nur
Typen enthlt, nur Sonderlinge und Ausnahmemenschen, wrde nicht
Wiedergabe der Wirklichkeit und vielleicht sogar nicht einmal
interessant sein. Meiner Meinung nach mu der Schriftsteller sich
bemhen, selbst in den gewhnlichen Menschen interessante Zge zu
entdecken und lehrreich hervorzuheben. Wenn z. B. das Wesen gewisser
Dutzendmenschen gerade in ihrer unvernderlichen Gewhnlichkeit
liegt, oder wenn diese Leute ungeachtet all ihrer Anstrengungen, um
jeden Preis aus dem Geleise der Gewhnlichkeit und Gewohnheit
herauszukommen, dennoch unvernderlich bei der Gewhnlichkeit bleiben,
so werden auch sie zu einem gewissen Typ -- in ihrer Art, versteht sich
-- zum Typ der Gewhnlichkeit eben, die um keinen Preis das bleiben
will, was sie ist, sondern um jeden Preis originell und selbstndig
erscheinen mchte, ohne auch nur im geringsten die ntigen Gaben zur
Selbstndigkeit zu besitzen.

In diese Kategorie gewhnlicher Menschen gehren auch einzelne Personen
dieser Erzhlung, und zwar: Warwara Ardalionowna Ptizyn, deren Gatte
Iwan Petrowitsch und dessen Schwager Gawrila Ardalionytsch Iwolgin.

In der Tat, es gibt nichts rgerlicheres, als z. B. reich, aus
anstndiger Familie, von gutem ueren, nicht ungebildet, nicht dumm,
sogar ein sogenannter guter Mensch zu sein und dabei gleichzeitig doch
kein einziges Talent zu besitzen, keine einzige besondere Eigenschaft,
nicht einmal besondere Schrullen und auch keine einzige eigene Idee zu
haben, kurzum -- genau so wie alle zu sein. Man besitzt ein gewisses
Kapital, jedoch kein Rothschildsches; die Familie ist durchaus
ehrenwert, hat sich aber niemals auch nur im geringsten ausgezeichnet;
das uere ist anstndig, drckt aber sehr wenig aus; die Bildung ist
nicht gering, doch was man mit ihr beginnen soll, wei man nicht;
Verstand ist gleichfalls vorhanden, nur leider ohne da die geringsten
eigenen Ideen mit ihm verbunden wren; sogar Herz ist da, nur fehlt ihm
wiederum Gromut, und so ist es auch in jeder anderen Beziehung. Solcher
Leute gibt es in der Welt eine ungeheure Menge, sogar viel mehr als es
den Anschein hat. Unter ihnen kann man zwei Arten unterscheiden: die
einen sind ausgesprochen beschrnkt, die anderen viel gescheiter. Die
ersteren sind natrlich die glcklicheren. Einem beschrnkten
gewhnlichen Menschen fllt z. B. nichts leichter, als sich fr einen
ungewhnlichen, originellen Menschen zu halten und sich durch diesen
Glauben das Leben ruhigen Gewissens zu versen. Gengte es doch gar
mancher Dame, sich das Haar abzuschneiden, eine blaue Brille auf die
Nase zu setzen und sich Nihilistin zu nennen, um sogleich davon
berzeugt sein zu knnen, da sie nun auch eigene berzeugungen habe.
Es braucht so manch einer nur ein etwas menschenfreundlicheres Gefhl in
seinem Herzen zu hegen, und er wre ohne weiteres berzeugt, da er der
fortgeschrittenste und feinfhligste Mensch sei. Und wie vielen gengte
es, in irgendeiner Broschre einen beliebigen Abschnitt mitten heraus zu
lesen, um sich einzubilden, die gelesenen Gedanken seien im eigenen
Gehirn entstanden. Die Frechheit der Naivitt, wenn man sich so
ausdrcken kann, ist in solchen Fllen oft geradezu wunderbar, und
sollte sie auch noch so unwahrscheinlich sein, sie ist und bleibt
Tatsache. Diese bodenlose Unverschmtheit der Naivitt, diese sozusagen
unerschtterliche berzeugung eines dummdreisten Menschen, da er ein
groes Talent sei, ist von Gogol meisterhaft in dem Typ der Leutnants
Pirogoff[28] dargestellt. Pirogoff zweifelt keinen Augenblick daran, da
er ein Genie sei oder sogar noch mehr als das. Ja, er ist sogar so
berzeugt davon, da er einen Zweifel daran berhaupt nicht fr mglich
halten wrde. Gogol war sogar gezwungen, ihn zur Beruhigung des
verletzten Sittlichkeitsgefhls seines Lesers durchprgeln zu lassen,
doch als er dann sah, da der groe Mann sich nach der Strafe nur einmal
wie ein Pudel nach dem Bade schttelte, und zur Strkung eine Pastete
verzehrte, blieb ihm schlielich nichts anderes brig, als mit der
Achsel zu zucken und den Leser vor dem Berge sitzen zu lassen. Es hat
mir nur von jeher sehr leid getan, da Gogol diesem groen Pirogoff
einen so geringen Titel beigelegt hat. Ist er doch von sich selbst so
eingenommen, da ihm nichts leichter fallen wrde, als sich proportional
mit seiner Rangerhhung fr einen immer greren Feldherrn zu halten,
oder nicht einmal blo zu halten, sondern einfach _berzeugt_ zu sein,
da er der grte Feldherr sei. Und wie viele von solchen machen dann
auf dem Schlachtfelde in so erbrmlicher Weise Fiasko! Und wie viele
Pirogoffs hat es doch unter unseren Literaten, Gelehrten und
Propagandisten gegeben! Ich sage hat gegeben, aber selbstverstndlich
kann man auch gibt sagen ...

Von den Personen unseres Romans gehrte Gawrila Ardalionowitsch Iwolgin
zur zweiten Kategorie der gewhnlichen Menschen, zu den bedeutend
gescheiteren, und war demgem vom Kopf bis zu den Fen nur von dem
einen Wunsch nach Originalitt erfllt. Leider sind die Menschen dieser
Kategorie sehr viel schlimmer daran als die der ersten. Das ist es ja,
da der gescheite gewhnliche Mensch, selbst wenn er sich
vorbergehend -- oder meinetwegen auch sein ganzes Leben lang -- fr den
genialsten und originellsten Menschen hlt, nichtsdestoweniger in seinem
Herzen einen Wurm des Zweifels sitzen hat, der ihn mitunter zur grten
Verzweiflung bringt. Doch brigens haben wir hier ein wenig bertrieben,
denn gewhnlich sind diese gescheiteren Leute lngst nicht so tragisch
zu nehmen, sie werden zum Schlu hchstens leberleidend -- mehr oder
weniger, je nachdem -- und das ist alles. Doch immerhin sind sie von
einer ungeheuren Zhigkeit im Festhalten an ihren Illusionen: oft
beginnen sie damit schon in der grnsten Jugend und lassen selbst im
hchsten Alter nicht um Haaresbreite von ihren Illusionen ab, so stark
ist ihr Verlangen, originell zu sein. Ja, es gibt sogar recht
eigentmliche Flle: manch ein grundehrlicher Mensch ist aus
Originalittssucht sogar zu einer gemeinen Handlungsweise bereit, und
wie oft kommt es vor, da manch einer dieser Unglcklichen, der nicht
nur ehrlich, sondern auch herzensgut und die Vorsehung seiner Familie
ist, einer, der nicht nur die Seinigen, sondern auch noch Fremde ernhrt
und ... ja, und der doch sein ganzes Leben lang nicht zu einer
wirklichen Ruhe mit sich und ber sich selbst kommen kann! Der Gedanke,
da er so gut seine Pflichten erfllt, trstet ihn nicht im geringsten,
im Gegenteil, er regt ihn nur auf und rgert ihn: Da seht ihr, wofr
ich mein Leben hingeben mu, was mich an Hnden und Fen fesselt, was
mich gehindert hat, das Pulver zu erfinden! Wre das nicht gewesen, so
htte ich unbedingt etwas Ungeheures entdeckt, ob gerade das Pulver oder
ob Amerika, das wei ich selbst noch nicht genau, nur wre es unbedingt
etwas Groes gewesen! Das Charakteristischste dieser Menschen ist das,
da sie tatschlich bis zum Grabe nicht wissen, was sie nun eigentlich
entdeckt htten, wenn -- oder was zu entdecken sie ihr Leben lang
bereit waren. Doch ihre Seelenqualen und ihre Sehnsucht nach dem zu
Entdeckenden reichten selbst fr einen Kolumbus oder Galilei aus.

Gawrila Ardalionytsch begann gerade in dieser Art, nur war
er, wie gesagt, noch ein Anfnger. Das immerwhrende
Sich-seiner-Talentlosigkeit-bewut-sein und gleichzeitig das
unbezwingbare Verlangen, sich berzeugungsvoll einzureden, da er der
selbstndigste Mensch sei, hatten sein Herz tief verwundet, und zwar
schon im frhesten Jnglingsalter. Er war ein Mensch mit neidischen und
heftigen Wnschen, und seine Reizbarkeit schien ihm bereits angeboren zu
sein. Die Heftigkeit seiner Wnsche hielt er fr Willenskraft. Bei
seinem leidenschaftlichen Wunsch, sich auszuzeichnen, war er bisweilen
sogar zu einem sehr unberlegten Sprung bereit, nur fhrte er ihn im
letzten Augenblick nicht aus, da er sich dann als doch zu vernnftig
dazu erwies -- und gerade dies marterte ihn. Vielleicht htte er sich
gegebenenfalls sogar zu einer uerst niedrigen Tat entschlossen, nur um
endlich das Erwnschte zu erlangen, aber sobald es dann zur Ausfhrung
kam, war er doch wieder zu anstndig dazu. brigens: zu kleinen
Gemeinheiten htte man ihn immer bereit gefunden. Mit Ha und Ekel
dachte er an die Armut und die Heruntergekommenheit seiner Familie.
Selbst seine Mutter behandelte er nichtachtend, obschon er selbst sehr
wohl begriff, da gerade der Ruf und Charakter seiner Mutter bisher der
wichtigste Sttzpunkt seiner Karriere gewesen waren. Als er die Stellung
bei Jepantschin angenommen, hatte er sich gesagt: Hat man sich einmal
erniedrigt, dann bleibt man auch bis zum Schlu konsequent bei den
Gemeinheiten, wenn man nur das Gewnschte auf diese Weise erreicht, und
dabei hatte er doch noch keine einzige Gemeinheit wirklich begangen! Wie
er berhaupt nur darauf gekommen war, da Gemeinheiten notwendig wren?
Aglaja hatte ihm damals allerdings einen Schrecken eingejagt, doch hatte
er sie deshalb noch nicht aufgegeben, wenn er auch genau genommen
niemals glauben konnte, da eine Aglaja zu ihm herabsteigen wrde. Als
er dann Nastassja Filippowna heiraten sollte, hatte er sich eingeredet,
da die Quintessenz alles Erstrebenswerten Geld und nichts als Geld sei.
Wenn schon, denn schon, hatte er sich tglich mit groer
Selbstzufriedenheit, jedoch auch nicht ohne eine gewisse Angst, gesagt,
wenn ich mich einmal auf Schndlichkeiten verlege, dann aber auch ohne
Wenn und Aber, dann soll es kein Zurck mehr geben! Doch nachdem er
dann auch noch Nastassja Filippowna verloren hatte, war ihm aller Mut
abhanden gekommen, und er hatte die hunderttausend Rubel tatschlich dem
Frsten eingehndigt, was er spter wohl tausendmal bereute, obschon er
unermdlich vor sich selbst damit prahlte. Allerdings hatte er ganze
drei Tage, so lange der Frst noch in Petersburg war, geweint, doch
gleichzeitig hatte er den Frsten auch zu hassen begonnen, weil dieser
ihn gar zu mitleidig betrachtet hatte, whrend sich doch nicht ein
jeder zu einer solchen Tat entschlieen knnte! Am meisten aber qulte
ihn ein Eingestndnis, das er sich selbst wohl oder bel machen mute:
da sein ganzer Kummer nichts anderes als ewig unbefriedigter Ehrgeiz
war. (Erst lange nachher sah er ein, welch eine ernste Wendung seine
Beziehungen zu Aglaja htten nehmen knnen, und dann ergriff ihn
qulende Reue.) Er gab sogar seine Stellung auf und versenkte sich ganz
und gar in trbe Betrachtungen. Wie bereits erwhnt, lebte er mit seiner
Mutter und seinem Vater bei Ptizyn, den er ohne Heuchelei verachtete,
wenn er auch seine Ratschlge befolgte und vernnftig genug war, ihn um
seinen Rat zu bitten. Unter anderem rgerte er sich auch deshalb ber
Ptizyn, weil dieser nicht den Ehrgeiz hatte, ein zweiter Rothschild
werden zu wollen. Wenn du ein Wucherer bist, so sei es doch ganz,
presse den Leuten den letzten Saft aus, prge Geld aus ihrem Schwei,
sei doch ein groes Geldgenie, werde >Knig der Juden<! Ptizyn war aber
ein bescheidener, stiller Mensch, der auf solche Ausflle gewhnlich mit
nichts als einem Lcheln antwortete. Nur ein einziges Mal fand er es
ntig, sich ber diesen Punkt auszusprechen, was er dann sehr ernst und
sogar mit einer gewissen Wrde tat. Vor allem suchte er Ganj zu
beweisen, da er nichts Unredliches tue, und Ganj ihn mit Unrecht einen
Manicher nenne; wenn flssiges Geld mit jedem Tag im Preise steige,
so sei das nicht seine Schuld; er handle durchaus offen und ehrlich und
sei schlielich nur ein Agent in diesen Geschften, und dank seiner
Akkuratesse sei er eben in gewissen Kreisen von einer sehr guten Seite
bekannt geworden, weshalb sich denn auch sein Bekanntenkreis stetig
vergrere und desgleichen seine Einnahmen. Ein Rothschild werde ich
nie werden, und ich will es auch gar nicht, sagte er lachend, aber ein
Haus an der Liteinaja werde ich zu guter Letzt unfehlbar besitzen,
vielleicht sogar zwei Huser, und das gengt fr mich. Bei sich dachte
er zwar noch: Vielleicht werde ich auch drei Huser besitzen, sprach
aber diesen Gedanken nicht laut aus. Die Natur liebt solche Menschen und
das Schicksal erfllt ihre Wnsche: sie gibt solchen Ptizyns nicht nur
drei, sondern vier Huser, und zwar einzig deshalb, weil sie schon von
Kindheit an wissen, da sie nie so reich wie Rothschild werden wrden.
Doch ber vier Huser geht das Schicksal dann nie hinaus, weiter bringen
es die Ptizyns unter keinen Umstnden.

Ein ganz anderer Mensch war Warwara Ardalionowna, Gawrilas Schwester,
trotz aller Charakterhnlichkeit mit ihrem Bruder. Ihre Wnsche
zeichneten sich nicht durch Heftigkeit, sondern durch Bestndigkeit und
Hartnckigkeit aus. Wenn man vom Bruder sagen konnte, da er im letzten
Augenblick, d. h. wenn die Sache zur Entscheidung kam, regelmig zur
Einsicht gelangte, so konnte man von Warj sagen, da Einsicht bei ihr
stets vorhanden war und sich nicht nur im letzten Augenblick einstellte.
Freilich gehrte auch sie zu den Dutzendmenschen, die originell sein
mchten, nur begriff und gestand sie sich sehr bald -- letzteres will
viel besagen --, da sie keine Spur von Originalitt besa, und da war
sie klug genug, sich nicht darob zu grmen -- vielleicht unterlie sie
es auch aus einem gewissen Stolz. Ihren ersten praktischen Schritt im
Leben tat sie mit bewundernswerter Entschlossenheit, indem sie Ptizyn
heiratete. Nur sagte sie sich bei dieser Gelegenheit durchaus nicht,
wenn schon, denn schon wie ihr Bruder -- der ihr seine Meinung auch
fast mit denselben Worten zu verstehen gab, als sie ihn um sein
Gutachten in betreff ihres Entschlusses bat. Im Gegenteil: Warwara
Ardalionowna heiratete erst, nachdem sie sich grndlich berzeugt hatte,
da ihr zuknftiger Gatte ein bescheidener, sympathischer, nicht
ungebildeter Mann war und eine groe Gemeinheit nie begehen wrde. Um
kleine Gemeinheiten kmmerte sie sich nicht, und wo waren die
schlielich nicht zu finden? Man kann doch nicht auf ein Ideal warten!
Zudem wute sie, da sie durch diese Heirat ihren Eltern und
Geschwistern ein Unterkommen gab, und da sie den Bruder im Unglck sah,
wollte sie ihm helfen; ihre frheren Streitigkeiten mit ihm verga sie
vllig. In der Folge versuchte Ptizyn in Ganj Interesse fr eine neue
Arbeit zu erwecken, was er natrlich immer nur ganz freundschaftlich
tat: Da verachtest du nun Generle und die Generalswrde, meinte er
scherzend, aber sieh sie dir doch nur einmal an, diese junge
Generation: wie sehr sie sie jetzt auch verachten, nach einer kleinen
Weile sind sie selbst Generle und haben das Verachten vergessen. Und du
wirst ebenso sein. Wie kommt er nur darauf, da ich Generle und die
Generalswrde verachten soll? dachte Ganj sich etwas sarkastisch, lie
ihn jedoch in dem Glauben. Desgleichen erweiterte Warwara Ardalionowna
nur um des Bruders willen ihren Bekanntenkreis: es gelang ihr, sich bei
Jepantschins auf Grund ihres frheren Verkehrs einzudrngen: sie und
Ganj hatten als Kinder mit den drei kleinen Jepantschins gespielt.
Htte Warwara Ardalionowna mit diesen Besuchen bei Jepantschins
irgendein groes Ziel verfolgt, so wre sie vielleicht mit einem Schlage
ber das Niveau der gewhnlichen Menschen hinausgewachsen, doch von
einem groen Ziel oder einer besonderen Idee konnte hier berhaupt nicht
die Rede sein: sie verfolgte eine ganz kleinliche Berechnung, auf Grund
ihrer genauen Kenntnis aller Charaktere der Familie Jepantschin --
namentlich hatte sie Aglajas Charakter trefflich beobachtet. Vorlufig
aber wollte sie nichts weiter, als Aglaja mit ihrem Bruder wieder
ausshnen und die beiden gegenseitig nherbringen. Vielleicht hatte sie
auch schon einiges erreicht, vielleicht hatte sie auch Fehler begangen,
indem sie vom Bruder mehr Beistand erwartet hatte, als er fhig war zu
leisten. Jedenfalls aber wute sie sich bei Jepantschins sehr geschickt
zu benehmen: erwhnte oft wochenlang mit keinem Wort ihres Bruders,
zeigte sich stets sehr aufrichtig und wahrheitsliebend und gab sich
schlicht, doch ohne sich dabei etwas in ihrer Wrde zu vergeben. Was ihr
Gewissen betrifft, so scheute sie sich nicht, auch in die letzte Kammer
desselben hineinzublicken: sie hatte sich keine Vorwrfe zu machen, und
gerade das verlieh ihr Kraft. Nur eines bemerkte sie bisweilen an sich:
da auch sie sich rgerte, da auch sie Eigenliebe besa und fast bis
zur Reizbarkeit ehrgeizig war -- was ihr in der Regel brigens gerade
dann auffiel, wenn sie von Jepantschins kam.

Es war nach jener Zusammenkunft des Frsten mit Aglaja im Park ungefhr
eine Woche vergangen, als Warwara Ardalionowna eines schnen Morgens
gegen halb elf recht nachdenklich und niedergeschlagen von einem Besuch
bei Jepantschins nach Hause zurckkehrte. Nur lag in dieser
Niedergeschlagenheit doch etwas bitter Spttisches. Ptizyn bewohnte in
Pawlowsk ein von auen nicht sehr schnes, wenn nicht gar unansehnliches
hlzernes Haus, das aber dafr sehr gerumig war. Es lag an einer
staubigen Strae, und da es bald ganz in Ptizyns Besitz bergehen
sollte, so sah er sich bereits nach einem Kufer um. Als Warj sich der
Haustr nherte, hrte sie, da im oberen Stock des Hauses geschrien und
gelrmt wurde, und sie unterschied sogar die Stimmen ihres Bruders und
ihres Vaters. Als sie nach einer Weile ins Zimmer trat, raste Ganj
daselbst bleich vor Wut auf und ab und raufte sich fast das Haar aus.
Sie runzelte die Stirn und lie sich mde auf das Sofa nieder, ohne den
Hut abzunehmen. Da sie sehr wohl begriff, da der Bruder sich unfehlbar
rgern wrde, wenn sie sich nicht nach der Ursache seiner rasenden Wut
erkundigte, beeilte sie sich zu fragen:

Immer dasselbe?

Was heit hier dasselbe! schrie Ganj. Dasselbe! Nein, hier geht wei
der Teufel was vor sich, aber nicht dasselbe! Der Alte ist total
verrckt geworden, Mama weint. Bei Gott, Warj, tu' was du willst, aber
ich werfe ihn hinaus oder ... oder geh' selbst von euch fort, fgte er
wtend hinzu, da es ihm offenbar noch rechtzeitig in den Sinn gekommen
sein mochte, da er doch nicht aus fremden Husern Menschen hinausjagen
konnte.

Man mu nachsichtig sein, brummte Warj.

Wozu nachsichtig? Gegen wen? Gegen was? fuhr Ganj zornig auf.
Nachsichtig gegen seine Gemeinheiten? Nein, sag', was du willst, aber
das geht nicht so weiter! Das geht nicht, geht nicht, geht nicht! Und
was soll das heien: er selbst ist der Schuldige, und je mehr er's ist,
um so mehr nimmt er das Maul voll ... Was sitzt du so? Was machst du fr
ein Gesicht?

Ach, la das doch, versetzte Warj bellaunig.

Ganj blickte sie aufmerksamer an.

Warst du dort? fragte er pltzlich.

Ja.

Da, dieses Geschrei! Das ist doch wirklich ... und noch dazu zu einer
solchen Zeit!

Was ist denn jetzt fr eine so besondere Zeit?

Ganj betrachtete die Schwester aufmerksamer.

Hast du etwas erfahren? fragte er.

Nichts Unerwartetes. Ich habe erfahren, da alles seine Richtigkeit
hat. Mein Mann hatte recht: so wie er es von Anfang an voraussagte, so
ist es nun auch gekommen. Wo ist er?

Nicht zu Hause. Aber was ist denn jetzt auch so gekommen?

Der Frst ist erklrter Brutigam, die Sache ist entschieden. Die
lteren Schwestern sagten's mir: Aglaja hat eingewilligt, und es wird
auch gar nicht mehr verheimlicht. Bis jetzt war es ja dort eine
Geheimnistuerei, da Gott erbarm'! Adelaidas Hochzeit wird wieder
aufgeschoben, denn die Trauungen sollen an ein und demselben Tage
stattfinden -- irgendein poetischer Einfall ... Du aber ttest jetzt
wirklich besser, ein Hochzeitsgedicht zu verfassen, als hier auf und ab
zu rennen! Heute abend wird die Bjelokonskaja bei ihnen sein; die ist
sehr zur rechten Zeit angekommen. Auerdem sind auch noch andere Gste
eingeladen. Wie es scheint, soll er der Bjelokonskaja vorgestellt
werden, wenn er auch mit ihr schon bekannt ist; ich glaube, sie wollen
ihn heute als >offiziellen Brutigam< prsentieren. Nur frchten sie, er
knne irgend etwas umstoen, zerschlagen, wenn er ins Zimmer tritt, oder
gar selbst hinfallen -- all dessen mu man ja bei ihm gewrtig sein.

Ganj hrte seiner Schwester sehr aufmerksam zu, doch machten diese
Nachrichten zu Warjs nicht geringer Verwunderung durchaus keinen so
erschtternden Eindruck auf ihn, wie sie eigentlich erwartet hatte.

Das war ja schlielich vorauszusehen, meinte er nach einer Weile
ziemlich ruhig. Also aus! fgte er dann noch mit einem eigentmlichen
Lcheln hinzu, und listig blickte er seiner Schwester in die Augen;
worauf er seinen Spaziergang durchs Zimmer fortsetzte, wenn auch bereits
viel ruhiger.

Gut wenigstens, da du die Sache als Philosoph aufnimmst. Das hatte ich
kaum erwartet, sagte Warj.

Ach was, jetzt ist man die Geschichte los, du wenigstens.

Ich glaube, dir aufrichtig gedient zu haben, unablssig und ohne meinen
eigenen Vorteil zu verfolgen. Ich habe dich nicht gefragt, welches Glck
du bei Aglaja suchtest.

Ja, habe ich denn ... Glck bei ihr gesucht?

Ach, bitte, la jetzt das Philosophieren! Selbstverstndlich hast du's
gesucht. Jetzt knnen wir mit einer langen Nase abziehen und damit ist
es aus. Wenn ich offen sein soll, so kann ich dir nur sagen, da ich nie
ernstlich an einen Erfolg gedacht habe. Ich nahm es nur auf alle Flle
in die Hand, indem ich auf ihren lcherlichen Charakter rechnete, doch
in erster Linie wollte ich eigentlich nur dich etwas zerstreuen.
Natrlich hatten wir mindestens neunzig Chancen von hundert, da die
Sache ins Wasser fllt. Ich begreife bis jetzt noch nicht, was du
eigentlich sonst erreichen wolltest.

Jetzt werdet ihr mich beide wieder bereden, eine Stelle anzunehmen, mir
wieder Lektionen ber Ausdauer und Willenskraft halten, und den weisen
Rat erteilen, da man auch Weniges nicht miachten soll, und so weiter,
und so weiter, ich kann's ja schon auswendig, sagte Ganj lachend.

Er mu etwas Neues im Sinn haben, dachte Warj bei sich.

Nun und -- wie ist man dort? Freuen sie sich? fragte pltzlich Ganj.

N--ein, nicht besonders, wie es scheint. Kannst es dir ja selbst
denken. Der General ist zufrieden, die Mutter frchtet sich. Sie hat ihn
ja auch frher nur mit Widerwillen als Freier betrachtet, das wei man
doch schon.

Ich rede nicht davon. Als Freier ist er ja ganz unmglich, einfach
undenkbar, das ist doch klar. Ich frage nur, wie es jetzt dort ist? Hat
sie ihm offiziell ihr Jawort gegeben?

Sie hat bis jetzt nicht >nein< gesagt und das ist alles, aber mehr ist
ja von ihr auch nicht zu erwarten. Du weit doch, bis zu welch einer
Bldsinnigkeit sie frher schchtern und verschmt war: Kroch sie doch
als kleines Mdchen, wenn Besuch bei ihnen war, immer in irgendeinen
Schrank und sa dort stundenlang, nur um nicht zu den Gsten gehen und
einen Knix machen zu mssen, und ebenso albern ist sie auch heute noch.
Weit du, ich glaube eigentlich, da es jetzt wirklich ernst ist, sogar
ihrerseits. ber den Frsten, sagten die Schwestern, mache sie sich den
ganzen Tag lustig, vom Morgen bis zum Abend, damit man nur ja nicht
glauben solle, da sie ihn liebe; nur wird sie es schon so einzurichten
wissen, da sie ihm tglich unter vier Augen etwas sagen kann, denn er
scheint ja frmlich in den Himmel entrckt zu sein, strahlt einfach ...
Soll dabei entsetzlich komisch sein. Das sagten sie selbst. Auch schien
es mir, da sie sich ber mich ein wenig lustig machten, wenigstens
lachten sie mir ins Gesicht, die beiden lteren.

Ganj wurde schlielich doch rgerlich und runzelte die Stirn. Warj
hatte vielleicht nicht unbeabsichtigt die letzte Bemerkung gemacht. Sie
wollte seine geheimen Gedanken ausforschen.

Da begann pltzlich der Lrm und das Geschrei im oberen Stockwerk von
neuem.

Nein! Ich jage ihn hinaus! schrie Ganj wtend, doch gleichsam erfreut
darber, da er seinem rger freien Lauf lassen konnte und ein anderes
Objekt gefunden hatte.

Damit wre nichts gewonnen, im Gegenteil, er wrde dann noch zu Gott
wei wem gehen, um ber uns zu klatschen, wie er es gestern schon getan
hat.

Wie -- was gestern? Was heit das, was hat er gestern getan? Ist er
etwa ... fragte Ganj pltzlich sehr erschrocken.

Ach, mein Gott, weit du es denn noch nicht? unterbrach ihn Warj.

Wie ... was ... ist es denn wirklich mglich, da er dort war? rief
Ganj auer sich vor Scham und Unwillen. Gott, du kommst ja von dort
her! Was hast du denn erfahren? Ist der Alte dort gewesen? War er? oder
war er nicht?

Ganj strzte zur Tr. Warj lief ihm nach und packte ihn am Arm.

Was tust du? Wohin gehst du? Wenn du ihn jetzt hinauswerfen willst, um
so schlimmer, er wird berall herumgehen, allen wird es bekannt werden!
...

Was hat er dort angerichtet? Was hat er gesprochen?

Ja, das wuten sie selbst nicht zu sagen, haben ihn offenbar gar nicht
verstanden; er hat sie nur alle erschreckt. Gekommen war er zu Iwan
Fedorowitsch, -- traf ihn nicht zu Hause; verlangte nach Lisaweta
Prokofjewna. Bat sie zuerst um Protektion: er suche einen Dienst, sagte
er, sie mge ihm eine Stelle verschaffen; darauf hat er sich ber uns
beklagt, ber mich, ber meinen Mann, besonders aber ber dich ... Wer
wei, worber er noch alles gesprochen hat.

Und das konntest du nicht mehr erfahren? schrie Ganj hysterisch, fast
kreischend auf.

Wie sollt' ich denn! Er wird wohl selbst kaum gewut haben, wovon er
sprach -- oder vielleicht hat man mir nicht alles wiedererzhlt.

Ganj fate mit beiden Hnden nach seinem Kopf und lief ans Fenster.
Warj sa am anderen Fenster.

Diese sonderbare Aglaja, bemerkte sie pltzlich, als ich fortging,
hielt sie mich noch zurck und sagte mir: >Drcken Sie Ihren Eltern
meine persnliche Hochachtung fr sie aus, ich hoffe bestimmt, in diesen
Tagen Ihren Vater wiederzusehen.< Und das sagte sie so ernst. Wirklich
sonderbar ...

Machte sie sich nicht etwa lustig?

Nein, das ist ja das Sonderbare.

Wei sie das vom Alten, oder wei sie es nicht, was glaubst du?

Da man im Hause nichts wei, davon bin ich fest berzeugt; doch du
hast mich auf einen Gedanken gebracht. Aglaja wird es vielleicht wissen.
Ja: Sie allein wei es, denn auch die Schwestern waren sehr erstaunt,
als sie mir so ernst einen Gru an Papa auftrug. Und warum gerade an
ihn? Wenn sie es aber wei, so hat der Frst es ihr gesagt!

Interessant zu wissen, wer ihr das gesagt haben mag? Das fehlte noch!
Ein Dieb in unserer Familie, >das Haupt der Familie<!

Ach, Unsinn, rief Warj rgerlich aus. Eine Sache, in der Trunkenheit
geschehen, hat doch nichts zu sagen. Und wer hat sie sich ausgedacht?
Lebedeff, der Frst ... das sind die Rechten. Ich mache mir nicht soviel
draus!

Der Alte ist ein Dieb, fuhr Ganj bitter fort, ich bin ein Bettler,
der Mann meiner Schwester ein Wucherer -- recht verlockend fr Aglaja!
Da ist nichts zu sagen, das ist wirklich schn!

Dieser Mann deiner Schwester, der Wucherer ist ...

Ernhrt mich, nicht wahr? bitte, mache keine Umstnde, und sag es nur
gerade heraus.

Warum rgerst du dich denn? fragte Warj. Von alledem verstehst du
nichts, bist wie ein Schuljunge. Du glaubst, das knnte dir in den Augen
Aglajas schaden? Du kennst ihren Charakter nicht. Sie wrde sich vom
besten Bewerber abwenden und zu irgendeinem Studenten gehen, um mit ihm
unter dem Dach zu wohnen und vielleicht Hungers zu sterben. So denkt
sie. Du hast es immer noch nicht begriffen, wie interessant du in ihren
Augen sein wrdest, wenn du unsere Verhltnisse mit Festigkeit und Stolz
ertrgest. Der Frst hat sie nur damit gefangen, da er sich gar nicht
um sie kmmerte, und zweitens, da er in den Augen aller als Idiot gilt.
Schon allein, da sie seinetwegen die ganze Familie aufregt -- das ist
es, was sie will. Ach, ihr Mnner versteht auch gar nichts davon.

Nun, wir werden noch sehen, ob wir etwas davon verstehen oder ob wir
nichts davon verstehen, uerte sich Ganj rtselhaft, doch trotzdem
mchte ich nicht haben, da sie das vom Alten erfhrt. Ich hoffe, der
Frst wird darber schweigen. Er hat auch Lebedeff zum Schweigen
verpflichtet; auch hat er mir gegenber geschwiegen, als ich ihn
versuchsweise ausfragte ...

Du mut aber doch einsehen, da es trotzdem allen bekannt werden wird.
Ja, und was erhoffst du denn jetzt noch? Wenn dir eine einzige Hoffnung
geblieben, so wre es die, in ihren Augen als Mrtyrer zu erscheinen.

Ungeachtet aller Romantik wrde sie sich doch vor dem Skandal frchten.
Alles nur bis zu einer gewissen Grenze, so seid ihr Weibsmenschen nun
mal.

Aglaja sich vor dem Skandal frchten? fuhr Warj heftig auf und sah
den Bruder verchtlich an. Hast doch eine niedrige Seele! Ihr seid alle
nicht viel wert. Wenn sie auch wunderlich und lcherlich erscheinen mag,
so ist sie doch tausendmal anstndiger als wir alle.

Nun, sei nur nicht so bse, brummte Ganj einlenkend.

Mir tut nur die Mutter leid, fuhr Warj fort, wenn nur diese
Geschichte mit Papa nicht zu ihren Ohren kommt, ach, das frchte ich!

Sicher hat sie es schon erfahren, bemerkte Ganj.

Warj hatte sich erhoben, um zu Nina Alexandrowna hinaufzugehen, sie
blieb jetzt stehen und sah den Bruder aufmerksam an.

Wer htte es ihr denn sagen knnen?

Hippolyt sicherlich. Er wird es fr seine erste Pflicht gehalten haben,
bei seiner Einquartierung bei uns, es der Mutter zu hinterbringen.

So, woher soll er es denn erfahren haben, sag' mir es doch, bitte? Der
Frst und Lebedeff werden darber schweigen, Kolj wei auch nichts
davon.

Hippolyt? Hat es vielleicht irgendwie -- erraten. Du kannst es dir
nicht vorstellen, was das fr eine schlaue Pflanze ist. Eine Klatschbase
und eine Sprnase, die alles Schlechte, jeden Skandal wittert. Glaub' es
oder glaub' es nicht, ich bin berzeugt, da er auf Aglaja einen groen
Einflu gewinnen wird. Wenn noch nicht jetzt, so doch spter! Mit
Rogoshin hat er sich schon angefreundet. Da der Frst das nicht bemerkt
hat? Jetzt mchte er mich unterkriegen! Mich hlt er fr seinen
persnlichen Feind, doch wozu das alles? Bald wird er sterben -- ich
kann es nicht begreifen. Doch werde ich ihn ... Du wirst sehen, _ich_
werde _ihn_ unterkriegen!!

Warum bemhst du dich um ihn, wenn du ihn nicht magst? Und ist er es
denn berhaupt wert, da er untergekriegt werden mu?

Du hast mir doch geraten, ihn zu uns einzuladen.

Ich dachte, da er uns von Nutzen sein knnte. Weit du, da er selbst
in Aglaja verliebt ist und ihr geschrieben hat? Man hat mich ber ihn
ausgefragt ... er soll sogar Lisaweta Prokofjewna einen Brief
geschrieben haben ...

In der Hinsicht -- ist er ungefhrlich! bemerkte Ganj boshaft
lchelnd. Da er verliebt ist, das kann ja mglich sein, denn er ist
doch ein Jngling! Er wird aber hoffentlich der Alten keinen anonymen
Brief schicken? Er ist ja eine so boshafte, selbstzufriedene
Mittelmigkeit, der Mensch! ... Ich bin berzeugt, ich wei es genau:
er hat mich ihr gegenber als einen Intriganten hingestellt. Damit hat
es bei ihm angefangen. Ich gebe es zu, da ich mich ihm anfangs recht
wie ein Dummkopf anvertraut habe; ich dachte, da er nur aus Rache gegen
den Frsten auf meine Interessen eingehen wrde. Oh, so ein
hinterlistiges Geschpf! Aber dafr habe ich ihn jetzt vollstndig
erkannt. Vom Diebstahl hat er sicher durch seine Mutter erfahren. Der
Alte hat den Diebstahl doch nur der Kapitanscha, seiner Mutter, wegen
verbrochen! Neulich teilte er mir wie zufllig mit, da der >General<
seiner Mutter dreihundert Rubel versprochen habe, und das einfach --
nun, eben so, ohne alle Umstnde. Ich begriff sofort. Dabei sah er mir
mit sichtlichem Vergngen in die Augen; auch Mama wird er es erzhlt
haben, nur, um ihr das Herz schwer zu machen. Und warum stirbt er nicht
endlich, sage mir das doch, bitte? Er verpflichtete sich, in drei Wochen
zu sterben, und jetzt hat er sich hier wieder erholt, hat zugenommen,
hustet weniger. Gestern abend sagte er, da er schon den zweiten Tag
kein Blut mehr speit.

Wirf ihn doch hinaus.

Ich kann ihn nicht leiden, ich verachte ihn. Ja, ja, ich verachte ihn!
schrie Ganj auer sich vor Wut. Und das werde ich ihm ins Gesicht
sagen, und wenn er auch im gleichen Augenblick in seinen Kissen sterben
sollte! Wenn du nur seine Beichte gelesen httest ... Gott, welch eine
Naivitt der Gemeinheit! Oh, mit was fr einem Vergngen htte ich ihn
damals durchgeprgelt, nur, um ihn grndlich in Erstaunen zu setzen.
Jetzt mchte er sich an allen rchen, dafr, da es ihm nicht gelingen
konnte, uns ... Doch, was ist das fr ein Lrm! Was soll das bedeuten?
Ich werde es nicht mehr dulden ... Ptizyn! rief er dem ins Zimmer
tretenden Ptizyn entgegen. Was ist denn das? Soweit ist es also bei uns
schon gekommen? Das ist ... das ist ...

Der Lrm kam nher und nher, die Tr ffnete sich pltzlich und -- der
alte Iwolgin strzte sich wtend, gereizt, auer sich auf Ptizyn. Dem
General folgten Nina Alexandrowna, Kolj und ganz zuletzt Hippolyt.


                                  II.

Hippolyt wohnte bereits seit fnf Tagen im Hause Ptizyns. Das hatte sich
so ganz von selbst gemacht, ohne besondere Erklrungen zwischen Hippolyt
und dem Frsten. Beide schieden als Freunde voneinander. Gawrila
Ardalionytsch, der sich an dem Abend so feindselig gegen Hippolyt
verhalten hatte, kam schon am dritten Tage zu Hippolyt, um ihn zu
Ptizyns berzufhren, wahrscheinlich mit einer besonderen Absicht. Auch
Rogoshin besuchte den Kranken. Dem Frsten schien es, da es fr den
armen Knaben am besten wre, dieses Haus zu verlassen. Hippolyt teilte
ihm mit, da er zu Ptizyns wolle, da Ptizyn so gut sei und ihm einen
Winkel gebe, doch vermied er zu sagen, da er zu Ganj ginge, denn Ganj
war es eigentlich gewesen, der darauf bestanden hatte, da man ihn ins
Haus nahm. Ganj hatte das wohl bemerkt und fhlte sich darob sehr
gekrnkt.

Er hatte recht, als er zu seiner Schwester die Bemerkung machte, der
Kranke habe sich erholt. In der Tat, Hippolyt sah besser aus, was man
auf den ersten Blick bemerkte. Er folgte den anderen, ohne sich zu
beeilen, ins Zimmer, auf seinen Lippen lag ein spttisches, bses
Lcheln. Nina Alexandrowna schien ganz erschrocken zu sein. Sie hatte
sich in diesem halben Jahr sehr verndert. Seit sie ihre Tochter
verheiratet hatte und bei ihr lebte, mischte sie sich berhaupt nicht
mehr in die Angelegenheiten ihrer Kinder. Kolj war besorgt und offenbar
sehr unwillig ber irgend etwas, doch schien er die Grillen des
Generals, wie er sich ausdrckte, nicht zu begreifen, denn er wute ja
nicht den Hauptgrund der Unruhe im Hause ... Es war ihm klar, da der
Vater sich in jeder Hinsicht so verndert hatte, als wre er nicht mehr
derselbe Mensch. Es beunruhigte ihn geradezu, da der Alte bereits seit
drei Tagen nichts mehr getrunken. Er wute, da der Vater sich sogar mit
Lebedeff und dem Frsten berworfen hatte. Kolj selbst war soeben mit
einem Liter Schnaps zurckgekehrt, den er fr sein eigenes Taschengeld
gekauft.

Lassen Sie ihn trinken, Mama, hatte er schon oben seiner Mutter
zugeredet, wirklich, lassen Sie ihn lieber trinken. Seit drei Tagen
schon hat er nichts getrunken. Er mu einen Kummer haben. Darum wre es
besser, er trinkt etwas; ich habe ihm auch dorthin ...

Der General stie die Tr weit auf und stand auf der Schwelle, zitternd
vor Erregung und Unwillen.

Mein werter Herr! donnerte er Ptizyn entgegen. Wenn Sie wirklich
beschlossen haben, diesem Milchbart und Atheisten einen ehrwrdigen
Greis, Ihren Vater, oder wenigstens den Vater Ihrer Frau, und einen
Mann, der seinem Herrscher treu gedient hat, zu opfern, so wird mein Fu
dieses Haus nicht mehr betreten. Whlen Sie, mein Herr, whlen Sie
sofort, ihn oder mich ... diesen dort, diesen Bohrer! Ja, Bohrer! Ich
habe es nur so ausgesprochen, doch es stimmt, diesen -- Bohrer! Denn er
bohrt in meiner Seele, und ohne jede Achtung ... wie mit einer
Schraube!

Warum nicht wie mit einem Korkzieher? fragte ihn spttisch Hippolyt.

Nein, nicht Korkzieher, denn ich bin ein General und keine Flasche. Ich
besitze Auszeichnungen, Orden ... was besitzt denn du? Er oder ich.
Entscheiden Sie sich, mein Herr, aber sofort, sofort! schrie er wieder
Ptizyn an.

Kolj reichte ihm einen Stuhl, auf dem er sich ganz erschpft
niederlie.

Wirklich, es wre besser, Sie legten sich ein wenig hin, murmelte
Ptizyn ganz betreten.

Er droht uns sogar! bemerkte Ganj halblaut zur Schwester.

Mich hinlegen! schrie der General. Ich bin nicht betrunken, mein
werter Herr, Sie beleidigen mich. Ich sehe, und er erhob sich wieder
vom Stuhl, da hier alle gegen mich sind, alle und alles. Genug! Ich
gehe ... Doch wissen Sie, werter Herr, wissen Sie ...

Man lie ihn nicht weiter reden, man setzte ihn hin, man versuchte ihn
zu beruhigen. Ganj ging wutschnaubend in die uerste Ecke des Zimmers.
Nina Alexandrowna zitterte und weinte.

Was habe ich ihm getan? Worber beklagt er sich eigentlich! rief
Hippolyt wieder spttisch zu der Gruppe hinber.

Wie, Sie htten ihm nichts getan? erwiderte ihm pltzlich Nina
Alexandrowna. Sie sollten sich schmen, einen alten Mann so
unmenschlich zu qulen ... und dazu noch an Ihrer Stelle.

Was heit das, an Ihrer Stelle, gndige Frau! Ich achte Sie sehr,
gerade Sie persnlich, doch ...

Das ist ein Bohrer! schrie wieder der General. Er bohrt mir die
Seele, das Herz durch! Er will mich zum Atheismus bekehren! Weit du
auch, du Milchbart, als du noch nicht geboren warst, da hatte man mich
schon mit Ehren berhuft; du aber bist nur ein neidischer Wurm, der in
zwei Hlften gebrochen wird, vom Husten ... und der vor Bosheit und
Unglauben stirbt ... Warum hat Gawrila dich hierher gebracht? Alle sind
sie gegen mich, alle, und selbst der eigene Sohn!

Genug, spielen Sie hier keine Tragdie vor! rief Ganj. Es wre
besser, wenn Sie uns nicht vor der ganzen Stadt Schande bereiten
wollten!

Was, ich mache dir Schande, du Gelbschnabel! Ich -- dir? Ich kann dir
nur Ehre machen, doch nicht Schande.

Er war schon vllig auer sich und konnte sich nicht mehr beherrschen,
doch auch Gawrila Ardalionytsch schien die Geduld zu reien.

Was reden Sie von Ehre! rief er boshaft.

Was hast du gesagt? donnerte der General erbleichend und einen Schritt
auf ihn zugehend.

Ich brauchte nur den Mund zu ffnen, um ... brllte Ganj, doch brach
er pltzlich ab.

Beide standen sich in hchster Erregung gegenber.

Ganj, was tust du! rief Nina Alexandrowna und warf sich ihrem Sohn
entgegen.

Was fr Torheiten! unterbrach sie Warj unwillig. Lassen Sie ihn
doch, Mama!

Nur der Mutter wegen schon ich dich, rief Ganj pathetisch aus.

Sprich! brllte der General in maloser Wut, sprich, oder frchte
meinen vterlichen Fluch! Sprich!

Als ob ich Ihren Fluch frchtete, haha! Wer ist denn daran schuld, da
Sie seit acht Tagen ganz wie wahnsinnig sind? Den achten Tag, Sie sehen,
ich wei sogar das Datum ... Sehen Sie zu, da Sie mich nicht zum
uersten bringen, sonst sage ich alles ... Warum sind Sie gestern zu
Jepantschin gegangen? Das nennt sich ein ehrenwerter Greis mit weien
Haaren, Familienvater! Wundervoll!

Schweige, Ganjka! schrie Kolj, schweige, Dummkopf!

Und ich, und ich, womit habe ich ihn denn beleidigt? mischte sich
Hippolyt wieder in spttischem Tone ein. Warum nennt er mich einen
Bohrer, fragen Sie ihn doch? Er hat sich mir selbst aufgedrngt, kam und
erzhlte mir von einem Kapitn Jeropjegoff. Ich habe, wie Sie wissen,
immer Ihre Gesellschaft gemieden, General, das sollten Sie wenigstens
wissen. Was geht mich der Kapitn Jeropjegoff an? Sagen Sie sich das
doch selbst. Ich bin doch nicht dieses Kapitns wegen hierher gekommen?
Ich habe ihm nur meine Meinung gesagt, da dieser Kapitn Jeropjegoff
vielleicht berhaupt nicht existiert hat. Er erhob natrlich sofort ein
groes Geschrei.

Selbstverstndlich hat er nicht existiert, schnitt ihm Ganj das Wort
ab.

Der General stand wie vom Schlage gerhrt da und blickte sinnlos im
Kreise herum. Die Worte des Sohnes hatten ihn durch ihre kaltbltige
Offenheit vollstndig niedergeschmettert. Im ersten Augenblick konnte er
keine Worte finden. Nur zuletzt, als Hippolyt lachend auf die Antwort
Ganjs ausrief: Nun haben Sie's gehrt, Ihr eigener Sohn hat es doch
gesagt, da es einen Kapitn Jeropjegoff gar nicht gegeben hat! -- da
murmelte er schlielich ganz leise vor sich hin:

Kapiton Jeropjegoff, nicht Kapitn, Kapiton[29] ... Oberst a. D.
Jeropjegoff ... Kapiton ...

Auch einen Kapiton hat es nicht gegeben! rief Ganj rgerlich.

Warum ... hat es keinen gegeben? murmelte der General und eine Rte
stieg ihm ins Gesicht.

Lassen Sie doch! lenkten Ptizyn und Warj ein.

Schweig, Ganjka! rief wieder Kolj dazwischen.

Der General jedoch schien es nicht begreifen zu wollen.

Wie, gab es denn keinen? Warum hat es denn keinen gegeben? schrie er
drohend Ganj an.

Weil es eben keinen gegeben hat. Und damit basta. Er kann berhaupt
nicht existiert haben! Verstehen Sie jetzt? Bitte, lassen Sie mich nun
in Ruh, sage ich Ihnen.

Und das soll mein Sohn sein ... mein leiblicher Sohn, den ich ... o,
mein Gott! Jeropjegoff, Jeroschka Jeropjegoff soll nicht existiert
haben!

Da, sehen Sie mal, einmal heit er Jeroschka, das andere Mal
Kapitoschka! bemerkte Hippolyt.

Kapitoschka, mein Herr, Kapitoschka und nicht Jeroschka! Kapiton,
Kapiton Alexejewitsch, so ist's, Kapiton ... Oberstleutnant ... auer
Diensten ... verheiratet mit Marja ... mit Marja ... Petrowna ... Ssu...
Ssu... mein Freund und Kriegskamerad ... Ssutugowa, seit meiner
Fhnrichszeit her. Ich habe fr ihn vergossen ... ich habe ihn ... ich
bin vernichtet! Einen Kapitoschka Jeropjegoff soll es nicht gegeben
haben! Nicht gegeben!

Der General rief Hlle und Himmel an, doch htte man denken knnen, da
sein Geschrei ganz anderen Dingen galt. Zu anderer Zeit freilich htte
ihn eine viel beleidigendere Vermutung, als es die der absoluten
Nichtexistenz Kapiton Jeropjegoffs war, berhaupt nicht weiter
aufgeregt. Vielleicht htte er auch geschrien, eine lange Geschichte
erfunden, wre vielleicht sogar auer sich geraten, zu guter Letzt aber
wrde er ruhig nach oben in sein Zimmer schlafen gegangen sein. Dieses
Mal jedoch, infolge der bekannten Unberechenbarkeit des menschlichen
Herzens, geschah es, da dieser Zweifel an der Existenz Jeropjegoffs den
Krug zum berlaufen brachte. Der General, totenbla, wie er war, schlug
seine Hnde ber dem Kopf zusammen und schrie:

Genug, mein Fluch komme ber dieses Haus! Nikolai, hole meinen
Reisesack, ich gehe ... fort, hinaus!

Er strzte hinaus, Nina Alexandrowna, Kolj, Ptizyn bemhten sich, ihn
zurckzuhalten.

Was hast du jetzt angerichtet! wandte sich Warj an den Bruder. Er
wird sich womglich wieder dahin schleppen. Diese Schande! Diese
Schande!

Dann soll er nicht stehlen! schrie Ganj immer noch wutschnaubend.
Pltzlich begegneten seine Augen denen Hippolyts. Ganj zuckte zusammen.
Und Sie, mein werter Herr, schrie er ihn an, Sie sollten nicht
vergessen, da Sie in einem fremden Hause ... Gastfreundschaft genieen.
Sie htten den Alten, der offenbar von Sinnen ist, nicht reizen sollen
...

Hippolyt fuhr gleichfalls zusammen, doch fate er sich sofort wieder.

Ich bin nicht Ihrer Meinung, da Ihr Vater von Sinnen ist, antwortete
er ihm ruhig. Mir scheint im Gegenteil, da sein Verstand sich in
letzter Zeit verschrft hat, bei Gott: Sie glauben es nicht? So
vorsichtig und mitrauisch ist er geworden, jedes Wort wgt er
ordentlich ... Nicht ohne Absicht hat er mir von diesem Kapitoschka
erzhlt; stellen Sie sich doch nur vor, er wollte mir einreden ...

Zum Teufel, was geht es mich an, was er Ihnen einreden wollte! Ich
bitte Sie, mich nicht zu reizen und hier nicht zu intrigieren, mein
Herr! Wenn Sie den wahren Grund wissen, warum der Alte in einer solchen
Stimmung ist -- Sie haben ja hier bei uns fnf Tage lang herumspioniert,
so da Sie ihn wohl wissen -- so htten Sie ihn nicht reizen sollen ...
diesen Unglcklichen -- und meine Mutter mit diesen Dingen nicht qulen
sollen, da es sich ja doch nur um einen dummen Streich handelt, um einen
Streich in der Betrunkenheit. Und er ist nicht einmal erwiesen ... es
lohnt sich nicht einmal, davon zu sprechen ... Aber Sie, Sie natrlich
mssen berall spionieren und herumschnffeln, denn Sie sind ja ...

Ein Bohrer. Hippolyt lchelte hmisch.

Weil Sie ein Nichtsnutz sind! Eine halbe Stunde lang qulen Sie
Menschen und glauben sie zu erschrecken -- mit Ihrer ungeladenen
Pistole, und dem verfehlten Selbstmord. Ich habe Ihnen meine
Gastfreundschaft angeboten, Sie sind hier dick geworden, haben aufgehrt
zu husten und Sie bezahlen mir das ...

Erlauben Sie, nur ein Wort; ich bin bei Warwara Ardalionowna und nicht
bei Ihnen; Sie haben mir berhaupt keine Gastfreundschaft anzubieten,
ich glaube, Sie genieen selbst Gastfreundschaft bei Herrn Ptizyn. Vor
vier Tagen habe ich meine Mutter gebeten, mir hier in Pawlowsk eine
Wohnung zu mieten, und sie ferner gebeten, selbst auch hierher zu
ziehen, denn ich fhle mich tatschlich hier besser, wenn ich auch
durchaus nicht zugenommen habe, noch aufgehrt habe, zu husten. Gestern
abend teilte mir meine Mutter mit, da die Wohnung fertig sei, und ich
beeile mich meinerseits, Ihnen mitzuteilen, da ich mich bei Ihrer Frau
Mutter und Ihrer Frau Schwester fr die mir erwiesene Gastfreundschaft
bedanken werde, und heute abend ihr Haus verlasse. Entschuldigen Sie,
ich hatte Sie unterbrochen; es schien mir, da Sie noch etwas sagen
wollten.

Oh, wenn das so ist ...

Ja, wenn das so ist, so erlauben Sie, bitte, da ich mich setze, fgte
Hippolyt hinzu und setzte sich ruhig auf den Stuhl, auf dem der General
gesessen hatte, ich bin immerhin krank; doch bin ich jetzt bereit, Sie
anzuhren, um so mehr, da es unser letztes Gesprch, ja, unsere letzte
Begegnung sein drfte.

Ganj empfand pltzlich Gewissensbisse. Glauben Sie denn, da ich mich
dazu hergeben werde, mit Ihnen abzurechnen, und wenn Sie ...

Sie tun vergeblich so von oben herab, unterbrach ihn Hippolyt. Schon
am ersten Tage meines Aufenthaltes hier, gab ich mir das Wort, Ihnen bei
meinem Abschied aufrichtig die Wahrheit zu sagen. Ich habe die Absicht,
es jetzt zu tun -- nachdem Sie sich ausgesprochen haben, versteht sich.

Und ich bitte Sie, dieses Zimmer zu verlassen.

Sprechen Sie sich lieber aus, sonst werden Sie bedauern, es nicht getan
zu haben.

Hren Sie auf, Hippolyt, das ist alles so unwrdig ... Tun Sie mir den
Gefallen und hren Sie auf! sagte Warj.

Soll ich es der Dame wegen tun? Hippolyt erhob sich lchelnd vom
Stuhl. Erlauben Sie, Warwara Ardalionowna, fr Sie bin ich bereit, das
Gesprch sofort abzukrzen, doch nur abzukrzen, denn einige
Auseinandersetzungen mit Ihrem Bruder und mir sind unerllich, und ich
kann mich nicht entschlieen, fortzugehen, ohne das Miverstndnis
beseitigt zu haben.

Weil Sie einfach ein Klatschmaul sind, schrie Ganj, ohne Klatsch
knnen Sie sich nicht entschlieen, fortzugehen!

Sehen Sie, bemerkte kaltbltig Hippolyt, da knnen Sie sich wieder
nicht beherrschen. Wirklich, Sie werden es bedauern, nicht alles gesagt
zu haben. Ich gebe Ihnen noch einmal das Wort. Ich werde warten.

Gawrila Ardalionytsch schwieg und betrachtete ihn verchtlich.

Sie wollen nicht. Sie haben also die Absicht, Charakter zu zeigen --
Ihr Wille geschehe. Was mich betrifft, so werde ich es nach Mglichkeit
kurz machen. Zwei- oder dreimal hrte ich von Ihnen den Vorwurf, ich
htte Ihre Gastfreundschaft mibraucht; das ist ungerecht. Sie wollten
mich mit Ihrer Aufforderung in ein Netz fangen, Sie rechneten darauf,
da ich mich am Frsten rchen wollte. Auerdem hrten Sie, da Aglaja
Iwanowna fr mich Teilnahme bekundete und meine Beichte gelesen hatte.
Sie rechneten aus irgendeinem Grunde darauf, da ich Ihren Interessen
ergeben sein wrde, und hofften, in mir einen Helfer zu finden. Ich
werde mich darber nicht ausfhrlicher erklren! Ich verlange auch
Ihrerseits durchaus kein Bekenntnis oder eine Bejahung. Es gengt, da
wir uns jetzt gegenseitig vollstndig verstehen.

Sie machen ja aus der allergewhnlichsten Sache Gott wei was! rief
Warj rgerlich aus.

Ich habe es dir gesagt: ein Klatschmaul und Gelbschnabel ist er,
murmelte Ganj.

Erlauben Sie, Warwara Ardalionowna, da ich fortfahre. Den Frsten kann
ich freilich weder lieben, noch achten; doch ist er ein wirklich guter
Mensch, wenn auch ein wenig ... lcherlich. Aber warum ich ihn hassen
sollte, das sehe ich wirklich nicht ein? Ihr Bruder, der mit einem
solchen Ha meinerseits rechnete, hat sich mir vollstndig anvertraut.
Wenn ich jetzt bereit bin, ihn zu schonen, so tue ich es nur Ihretwegen,
Warwara Ardalionowna. Ich wollte Ihnen damit sagen, da man mich nicht
allzu leicht fangen kann. Ihren Herrn Bruder aber, den wollte ich vor
sich selbst als Dummkopf hinstellen. Und das habe ich allerdings aus Ha
getan, ich gestehe es offen ein. Auf meinem Sterbebett -- ich werde ja
doch bald sterben, obgleich Sie behaupten, da ich dicker geworden sei
-- fhlte ich, da ich unvergleichlich ruhiger in das Paradies eingehen
wrde, wenn es mir vorher noch gelnge, einem Vertreter dieser zahllosen
Sorte von Menschen einen Streich zu spielen, die mich in meinem ganzen
Leben so gergert haben und die ich mein ganzes Leben hindurch gehat
habe, und deren vollendetster Typ und Vertreter Ihr Herr Bruder ist. Ich
hasse Sie, Gawrila Ardalionytsch, einzig und allein darum -- das mag
Ihnen sehr sonderbar vorkommen --, weil Sie der Typ und die Verkrperung
dieser gemeinen, selbstzufriedenen Gewhnlichkeit sind. Dieser
Gewhnlichkeit, die an nichts mehr zweifelt, die von olympischer Ruhe
und Vollendung ist. In Ihrem Verstande, in Ihrem Herzen haben Sie noch
nie auch nur die allerkleinste Idee geboren. Und neidisch sind Sie,
grenzenlos neidisch; Sie sind fest davon berzeugt, da Sie das grte
Genie seien, nur hin und wieder in schwachen Stunden steigt ein Zweifel
in Ihnen auf, und dann werden Sie bse und neidisch, unendlich neidisch!
Oh, einige schwarze Wlkchen haben Sie noch an Ihrem Horizonte, doch
auch die werden verschwinden, wenn Sie schlielich ganz verdummt sein
werden, was nicht mehr lange dauern kann. Immerhin steht Ihnen ein
langer und abwechslungsvoller Weg bevor -- kein froher Weg, und das
freut mich. Doch eines sage ich Ihnen: Eine gewisse Person werden Sie
doch nicht bekommen ...

Das ist ja unertrglich! schrie Warj. Hren Sie doch endlich auf,
Sie giftige Krte.

Ganj war erbleicht, zitterte und schwieg. Hippolyt verstummte und
betrachtete ihn mit ersichtlicher Schadenfreude, darauf sah er Warj an,
lchelte, verbeugte sich vor ihr und ging hinaus, ohne auch nur ein Wort
hinzuzufgen.

Gawrila Ardalionytsch konnte sich wirklich ber sein Schicksal und seine
Mierfolge beklagen. Warj schwieg eine Zeitlang und wagte ihn weder
anzusehen noch anzusprechen, whrend er mit groen Schritten vor ihr auf
und ab ging. Zuletzt ging er ans Fenster und kehrte ihr den Rcken zu.
Warj dachte an das russische Sprichwort: Jedes Unangenehme hat auch
sein Gutes. Im oberen Stock hrte man wieder lrmen.

Du gehst? wandte sich Ganj pltzlich an seine Schwester, als er
hrte, da sie aufstand. Warte ein wenig: Du kannst das lesen.

Er reichte ihr ein kleines zusammengefaltetes Zettelchen hin.

Mein Gott! rief Warj und schlug die Hnde zusammen.

Das Zettelchen enthielt sieben Zeilen.

Gawrila Ardalionytsch! Da ich mich davon berzeugt habe, da Sie mir
wohlwollen, so habe ich mich entschlossen, Sie in einer fr mich sehr
ernsten Angelegenheit um Rat zu bitten. Ich mchte Sie morgen frh um
sieben Uhr auf der grnen Bank treffen, die nicht weit entfernt von
unserer Datsche steht. Warwara Ardalionowna, die Sie unbedingt begleiten
mu, kennt diesen Platz sehr gut. A. J.

Da soll man nach alledem noch aus ihr klug werden! sagte Warwara
Ardalionowna, die Hnde ringend.

Wie gerne Ganj in dieser Minute auch triumphiert htte, so mute er
sich doch wegen des Vorhergegangenen zusammennehmen. Immerhin glnzte
ein selbstzufriedenes Lcheln auf seinem Gesicht und Warj selbst war
freudig erregt.

Und das am selben Tage, an dem sie ihre Verlobung feiern soll! Da soll
noch einer aus ihr klug werden!

Was glaubst du, was wird sie mir morgen zu sagen haben? fragte Ganj.

Das ist doch gleichgltig, die Hauptsache ist doch, da sie dich nach
sechs Monaten zum erstenmal wieder sprechen will. Hre mich an, Ganj:
was es auch sei, vergi nicht, da diese Zusammenkunft von groer
Wichtigkeit ist! Prahle nicht wieder, mache keine Dummheiten, aber sei
auch kein Feigling, sieh zu! Sie mu doch wissen, warum ich mich ein
halbes Jahr lang tglich zu ihnen schleppte? Und denke dir nur: nicht
ein Wort hat sie mir heute davon gesagt, nicht eine Silbe! Ich habe es
heute doch wieder riskiert, hinzugehen -- die Alte wute nicht, da ich
da war, sonst htte sie mich vielleicht hinausgeworfen. Nur deinetwegen
habe ich es getan, um zu erfahren ...

Im oberen Stock wurde der Lrm noch lauter; Schritte kamen die Treppe
herunter.

Um alles in der Welt darf jetzt nichts geschehen! rief Warj
erschrocken. Damit kein Schatten eines Skandals ... Geh', bitt' ihn um
Verzeihung!

Der Vater der Familie befand sich schon auf der Strae. Kolj trug ihm
den Reisesack nach. Nina Alexandrowna stand auf der Treppe und weinte;
sie wollte ihm nachlaufen, doch Ptizyn hielt sie zurck.

Sie werden ihn damit nur noch mehr aufregen, sagte er zu ihr. Wohin
soll er denn gehen, in einer halben Stunde kommt er wieder; ich habe
schon mit Kolj gesprochen; lassen Sie ihn sich austoben.

Was tun Sie denn da, wohin gehen Sie denn! rief ihm Ganj aus dem
Fenster nach.

Kommen Sie zurck, Papa. Die Nachbarn werden es erfahren.

Der General blieb stehen, erhob seine Hand und rief:

Verflucht sei mein ganzes Haus!

Immer wieder theatralisch! murmelte Ganj und schlug das Fenster zu.

Die Nachbarn hatten die Szene natrlich beobachtet. Warj lief aus dem
Zimmer.

Als Ganj allein war, nahm er das Zettelchen vom Tisch und kte es.
Dann schnalzte er mit der Zunge und machte ein paar Tanzschritte.


                                  III.

Die Emprung des Generals wre zu jeder anderen Zeit ohne Folgen
geblieben. Es waren auch schon frher Flle solcher pltzlichen
Anwandlungen vorgekommen, wenn auch sehr selten, denn der General war im
Grunde genommen ein friedlicher und gtiger Mensch. Er hatte in den
letzten Jahren vielleicht schon hundertmal gegen die ihn beherrschende
Unordnung anzukmpfen versucht. Er erinnerte sich dann pltzlich, da er
Vater einer Familie war, vershnte sich mit seiner Frau und weinte
aufrichtige Trnen der Reue. Er verehrte Nina Alexandrowna bis zur
Vergtterung, weil sie ihm schweigend alles verzieh und ihn selbst jetzt
in seiner lcherlichen und erniedrigten Gestalt liebte. Doch dieser
heldenmtige Kampf gegen sein unordentliches, lasterhaftes Leben dauerte
gewhnlich nicht lange an. Der General war zu gleicher Zeit ein sehr
heftiger Mensch, freilich ein in seiner Art heftiger Mensch: Er konnte
dieses gefesselte und tatenlose Leben in seiner Familie nicht ertragen
und emprte sich immer wieder gegen dasselbe; er wurde wieder
abenteuerlich, unstet, und wenn er sich auch selbst deshalb Vorwrfe
machte, so konnte er sich doch nicht beherrschen; er stritt mit allen,
redete schn und pathetisch, verlangte grenzenlose und unmgliche
Hochachtung seiner Person gegenber -- verschwand dann wieder aus dem
Hause, oft sogar auf lange Zeit. Die letzten zwei Jahre kmmerte er sich
um die Familienangelegenheiten berhaupt nicht mehr oder wute nur etwas
vom Hrensagen von ihnen: auf sie nher einzugehen, dazu fehlte ihm
jegliche Neigung.

Diesmal jedoch lag der Emprung des Generals etwas ganz besonderes
zugrunde; alle schienen irgend etwas zu wissen und alle frchteten sich,
irgend etwas zu sagen. Der General war formell in der Familie oder bei
Nina Alexandrowna vor etwa drei Tagen erschienen, doch nicht etwa reuig
und friedlich, wie es sonst der Fall gewesen, sondern im Gegenteil, sehr
gereizt. Auch war er gesprchig und unruhig, strzte sich mit Feuer in
jede Unterhaltung, sprach von verschiedenen und ganz unerwarteten
Dingen, so da niemand eigentlich verstehen konnte, weswegen er sich im
Grunde genommen beunruhigte. Er war bald heiter, bald nachdenklich, bald
gesprchig, er erzhlte von Jepantschins, vom Frsten, von Lebedeff,
pltzlich brach er ab und hrte ganz auf zu sprechen, auf alle weiteren
Fragen antwortete er nur mit einem blden Lcheln, ja, er bemerkte nicht
einmal, ob man ihn fragte, sondern lchelte nur. Die letzte Nacht
verbrachte er sthnend und seufzend, strte Nina Alexandrowna, die ihm
die ganze Nacht ber kalte Kompressen machte: gegen Morgen schlief er
ein, schlief ungefhr vier Stunden und erwachte in sehr schlechter,
hypochondrischer Stimmung, weshalb es denn auch zu dem Streit mit
Hippolyt und zur Verfluchung seines ganzen Hauses kam. Man hatte auch
bemerkt, da in diesen drei Tagen ein ganz ungewhnliches Ehrgefhl und
infolgedessen eine ungewhnliche Empfindlichkeit sich bei ihm gezeigt
hatte. Kolj bestand darauf und versicherte der Mutter, da der Kummer
des Alten eine Folge der Nchternheit sei oder der Sehnsucht nach
Lebedeff, mit dem sich der General in der letzten Zeit so angefreundet
hatte. Doch vor drei Tagen hatte er sich pltzlich auch mit
Lebedeff verzankt und beide waren in groer Wut und Feindschaft
auseinandergegangen -- auch mit dem Frsten hatte er eine
Auseinandersetzung gehabt! Kolj hatte den Frsten um eine Erklrung
ber das, was sich zwischen ihnen zugetragen, gebeten und dabei bemerkt,
da der Frst ihm etwas verheimlichte. Falls nun wirklich eine
Aussprache zwischen Hippolyt und Nina Alexandrowna stattgefunden haben
sollte, wie Ganj mit solcher Bestimmtheit annahm, so war es doch
sonderbar, da dieser bsartige und klatschhafte Junge, wie Ganj
Hippolyt benannte, durchaus kein Vergngen darin fand, auch Kolj ber
die Sache aufzuklren. Also wre es doch mglich, da dieser boshafte
Junge von einer anderen Art Bosheit war, und es ist auch nicht
anzunehmen, da er Nina Alexandrowna seine Beobachtungen mitgeteilt
hatte, nur, um ihr Herz zu zerreien. Vergessen wir nicht, da die
Grnde aller menschlichen Handlungen gewhnlich zahllos, sehr verwickelt
und so verschiedenartig sind, da der Autor viel besser tut, wenn er
sich nur mit der einfachen Wiedergabe der Tatsachen begngt. So werden
wir wenigstens bei der weiteren Entwicklung der Katastrophe mit dem
General verfahren, denn wir mssen den Personen zweiten Ranges in
unserer Erzhlung hier ohnehin schon mehr Aufmerksamkeit und Platz
schenken, als wir es bis jetzt vorgesehen hatten.

Diese Ereignisse folgten, eines dem anderen, in folgender Ordnung:

Als Lebedeff mit dem General von seinen Nachforschungen nach
Ferdyschtschenko am selben Tage aus Petersburg zurckgekehrt war, hatte
er dem Frsten von dem Ergebnis nichts mitgeteilt. Wenn der Frst zu
dieser Zeit nicht gerade mit ganz anderen Dingen und fr ihn viel
wichtigeren Eindrcken beschftigt gewesen wre, so htte er es wohl
bemerken mssen, wie Lebedeff in diesen zwei Tagen geradezu eine
Begegnung mit ihm zu vermeiden schien, geschweige denn ihm eine
Erklrung darber abzugeben wnschte. Als dies dem Frsten endlich
auffiel, so wunderte es ihn, da er bei jeder zuflligen Begegnung mit
Lebedeff diesen in der allerbesten und heitersten Laune und fast immer
mit dem General zusammen getroffen hatte. Die beiden Freunde schienen
einfach unzertrennlich zu sein. Oft hrte der Frst ber sich im zweiten
Stock ihre lauten und lebhaften Gesprche, ihre frhlichen Lachsalven.
Einmal, am spten Abend, vernahm er aus Lebedeffs Zimmer Tne eines
bacchantischen Kriegsliedes und erkannte sofort den heiseren Ba des
Generals. Doch brach das Lied pltzlich ab. Darauf hrte er noch eine
Stunde lang ein begeistertes Gesprch, das offenbar im Rausch gefhrt
wurde. Die beiden Freunde schienen sich zu kssen und zu umarmen und
einen von ihnen hrte man pltzlich weinen. Darauf folgte ein heftiger
Streit, der wieder abbrach. Kolj war die ganze Zeit in sorgenvoller,
gespannter Stimmung. Den Frsten traf er meistens nicht zu Hause an,
denn dieser kehrte abends immer sehr spt heim, doch hatte man ihm
jedesmal gemeldet, da Kolj ihn gesucht und nach ihm gefragt htte. Als
Kolj ihn dann einmal antraf, wute er ihm jedoch nichts besonderes zu
sagen, auer da er sehr unzufrieden mit dem General und seiner
jetzigen Auffhrung sei. Er treibt sich hier mit Lebedeff in der
Trinkstube herum, sie umarmen sich und schimpfen sich auf der Strae und
knnen nicht voneinander lassen. Als der Frst daraufhin bemerkte, da
es frher ebenso gewesen wre, wute Kolj wirklich nicht, was er darauf
antworten und wie er erklren sollte, worin seine jetzige Unruhe
bestand.

Als der Frst am nchsten Morgen nach dem bacchantischen Liede und dem
darauffolgenden Streit aus dem Hause gehen wollte, erschien vor ihm
pltzlich, auerordentlich aufgeregt und fast erschttert, der General.

Ich habe schon lange die Ehre und die Gelegenheit gesucht, Ihnen zu
begegnen, hochverehrter Lew Nikolajewitsch, schon lange, lange, sagte
er, und drckte heftig, bis zur Schmerzhaftigkeit, die Hand des Frsten.
Schon sehr, sehr lange.

Der Frst forderte ihn auf, sich zu setzen.

Nein, ich nehme nicht Platz, zudem wrde ich Sie aufhalten, ich --
werde ein anderes Mal kommen. Ich glaube, ich kann Ihnen gratulieren ...
zur Erfllung Ihres Herzenswunsches ...

Welch eines Herzenswunsches? Der Frst stutzte und eine gewisse
Verwirrung kam ber ihn. Er hatte, wie viele andere in seiner Lage,
gedacht, da niemand etwas bemerkt, erraten oder verstanden habe ...

Seien Sie unbesorgt, seien Sie unbesorgt! Ich werde Ihre zarten Gefhle
nicht verletzen. Ich habe es selbst empfunden, und ich wei, wie es ist,
wenn ein Fremder ... sozusagen, seine Nase ... wie nach dem Sprichwort
... in Dinge steckt ... wo er nichts zu suchen hat. Ich habe das jetzt
selbst jeden Morgen zu empfinden gehabt. Doch, ich komme in einer
anderen Angelegenheit, in einer wichtigen ... einer sehr wichtigen
Angelegenheit, Frst.

Der Frst bat ihn noch einmal, sich zu setzen und nahm selbst Platz.

Doch nur auf eine Sekunde ... ich kam, um Sie um einen Rat zu bitten
... ich habe freilich bis jetzt ohne praktische Ziele gelebt, doch ich
achte jede ... Ttigkeit, die gerade der russische Mensch so oft
versumt ... nun aber ... ich mchte mir, meiner Frau und meinen Kindern
eine Stellung schaffen ... mit einem Wort, Frst, ich suche einen Rat.

Der Frst lobte mit Eifer seine Absicht.

Doch alles das wrde nichts bedeuten, unterbrach ihn schnell der
General, die Hauptsache ist nicht dies, sondern etwas anderes, viel
Wichtigeres. Ich habe mich entschlossen, mich Ihnen zu erklren, als
einem Menschen, dessen Aufrichtigkeit und Ehrenhaftigkeit ich kenne, und
an die ich glaube bis ... bis ... Sie wundern sich doch nicht ber meine
Worte, Frst?

Der Frst hrte seinem Gast, wenn auch nicht besonders erstaunt, so doch
mit groer Aufrichtigkeit und Neugier zu. Der General war bleich, seine
Lippen zitterten leicht und seine Hnde schienen keinen ruhigen Platz
finden zu knnen. Er sa kaum einen Augenblick und schon erhob er sich
wieder, um sich dann abermals hinzusetzen. Augenscheinlich schenkte er
seiner Haltung berhaupt keine Beachtung. Auf dem Tisch lagen Bcher: er
nahm ein Buch, schlug es auf, schlug es wieder zu, legte es auf den
Tisch zurck und griff nach einem andern Buch, das er nicht aufschlug,
aber in die rechte Hand nahm und damit in der Luft herumfuchtelte.

Genug! rief er pltzlich. Ich sehe, da ich Sie nur belstige.

Aber durchaus nicht, ich bitte Sie, ich hre Ihnen im Gegenteil gerne
zu und bemhe mich zu erraten ...

Frst! ich wnsche geachtet zu werden ... vor mir selbst und meinen ...
Rechten Achtung zu haben.

Ein Mensch, der solche Wnsche hat, ist schon der Achtung wert.

Der Frst sagte diese Worte, berzeugt, da sie eine gute Wirkung
ausben wrden. Er hatte instinktiv erraten, da eine vielleicht leere,
doch angenehme Phrase, zur rechten Zeit gesagt, die Seele eines solchen
Menschen, eines Menschen in der Lage des Generals, beruhigen und
erleichtern msse. Vor allen Dingen sah er ein, da er diesem Gast das
Herz erleichtern msse. Das war die Aufgabe.

Die Phrase schmeichelte, rhrte und gefiel denn auch sehr: der General
vernderte sofort seinen Ton, wurde berschwenglich und verfiel in
feierlich lange Erluterungen. Doch wie der Frst sich auch anstrengen
mochte, wie aufmerksam er ihm auch zuhrte, er konnte buchstblich nicht
verstehen, um was es sich handelte. Der General sprach zehn Minuten lang
begeistert, schnell, kaum da er die auf ihn einstrmende Menge der
Gedanken aussprechen konnte -- in seinen Augen glnzten sogar Trnen --
und doch waren es nur Phrasen ohne Anfang und Ende, ganz unerwartete
Worte, berraschende Gedanken, alles mgliche durcheinander und
bereinander geworfen.

Genug! Sie haben mich verstanden, und ich bin beruhigt, schlo er
pltzlich, sich von neuem erhebend. Ein Herz wie das Ihre kann nicht
umhin, einen Leidenden zu verstehen. Frst, Sie sind so edel wie ein
Ideal! Was sind die anderen im Vergleich zu Ihnen? Doch Sie sind noch
jung, und deshalb segne ich Sie. Aber der Endzweck meines Kommens war,
-- Sie zu bitten, mir Tag, Ort und Stunde anzugeben, wann und wo ich mit
Ihnen eine wichtige Angelegenheit besprechen knnte. Ich suche nichts
als Freundschaft und Herz, Frst.

Aber weshalb nicht jetzt gleich? Ich bin gern bereit ...

Nein, Frst, nein! unterbrach ihn der General lebhaft. Nicht jetzt!
Das ist gar zu wichtig, das ist von gar zu groer Wichtigkeit! Diese
eine Stunde unserer Unterhaltung wird fr mich von schicksalsschwerer
Bedeutung sein. Das soll _meine_ Stunde sein, und ich wrde nicht
wnschen, da man uns in so heiligen Minuten strt, was schlielich
jeder erste beste tun kann, jeder Unverschmte, der pltzlich eintritt,
und vielleicht sogar, fuhr er in fast ngstlichem Flsterton fort, sich
nher zum Frsten beugend, ein ... ein Frechling, der nicht einmal
Ihren Stiefelabsatz wert ist ... nicht einmal den Absatz Ihres Stiefels,
vielgeliebter Frst! oh, ich sage nicht: meines Stiefels! Vergessen Sie
nicht, da ich nicht meines Stiefels gesagt habe! Ich achte mich viel zu
sehr, um Ausflchte zu machen ... nur Sie allein sind fhig, zu
begreifen, da ich, indem ich in diesem Falle meinen Absatz sozusagen
zurcksetze -- da ich hierbei einen ungeheuren Stolz im Bewutsein
meiner Wrde beweise. Auer Ihnen wird mich niemand begreifen, _er_ aber
ist an der Spitze der anderen! Er begreift berhaupt nichts, Frst, er
ist vollkommen, vollkommen unfhig zu begreifen! Um begreifen zu knnen,
mu man Herz haben!

Schlielich durchfuhr den Frsten denn doch ein gelinder Schreck, und er
sagte dem General nach diesen krausen Reden bereitwillig, da er ihn am
nchsten Tage um dieselbe Zeit erwarten wrde, worauf ihn dieser denn
getrstet und beruhigt und fast sogar ermuntert verlie. Am Abend, gegen
sieben Uhr, lie der Frst Lebedeff auf einen Augenblick zu sich bitten.

Lebedeff erschien unverzglich, es sich zur Ehre anrechnend, wie er
schon in der Tr zu versichern begann. Nichts, aber auch nichts verriet,
da er drei Tage lang sich gleichsam vor dem Frsten versteckt oder doch
wenigstens ein Zusammentreffen mit ihm vermieden hatte. Er setzte sich
auf den Rand des Stuhles, auf den der Frst gewiesen hatte, lchelte und
blinzelte und schnitt unbewut Grimassen, whrend seine lachenden Augen
flink beobachteten, und er sich hndereibend in der naivsten Weise
irgend etwas zu vernehmen vorbereitete, eine gewisse kapitale Nachricht,
deren Sinn wohl schon lngst von allen erraten war. Der Frst stutzte
wieder: er begriff pltzlich, da alle jetzt etwas von ihm erwarteten;
sahen ihn doch seit einiger Zeit alle so seltsam lchelnd an, und
schienen doch alle das offenkundige Verlangen zu haben, ihn zu
beglckwnschen, was sie ihm in Andeutungen auch genug zu verstehen
gaben. Keller war bereits dreimal nur auf einen Moment erschienen, mit
dem sichtlichen Wunsch, zu gratulieren: er hatte jedesmal begeistert,
doch nichtsdestoweniger unverstndlich zu sprechen begonnen, jedoch
keinen Satz beendet, sondern sich festgerannt -- und dann war er wieder
schleunigst verduftet. In den letzten Tagen schwelgte er tchtig in
Alkohol und lrmte in irgendeiner Billardstube. Selbst Kolj hatte trotz
seiner Niedergeschlagenheit zweimal ziemlich unklar zu reden angefangen.

Der Frst wurde etwas nervs und fragte Lebedeff gereizt nach seiner
Meinung ber den gegenwrtigen Zustand des Generals: ob er den Grund
wisse, weshalb jener so unruhig sei? Und er erzhlte ihm zum Schlu in
kurzen Worten das letzte Gesprch, das er mit dem General gehabt hatte.

Heutzutage hat jedermann seine Unruhe, Frst, und ... das ist nun mal
so in unserem unruhigen Jahrhundert. Tja! antwortete Lebedeff
auffallend trocken und verstummte gekrnkt, mit der Miene eines
Menschen, der in seinen Erwartungen grausam enttuscht worden ist.

Sie sind ja Philosoph! meinte der Frst mit einem Lcheln.

Ohne das geht's nicht. Philosophie tut heutzutage allerorten not -- ich
rede vornehmlich von der praktisch angewandten --, nur wird sie nicht
gengend beachtet; das ist's. Was jedoch mich betrifft, hochgeehrter
Frst, so haben Sie mich zwar in einem Ihnen wohlbekannten Punkte durch
Ihr Vertrauen auszuzeichnen geruht, jedoch nur bis zu einer gewissen
Grenze, und darber hinaus keinen Schritt weiter, also wie gesagt, nur
insofern, als es sich auf diesen einen Punkt bezog ... Das begreife und
fhle ich, doch will ich deshalb nicht klagen.

Kommen Sie nur mit der Wahrheit heraus, Lebedeff, Sie scheinen sich
ber irgend etwas zu rgern?

Keineswegs, mitnichten, hochverehrter, durchlauchtigster Frst, nicht
im allermindesten! versicherte Lebedeff, im Augenblick belebt, und
prete die Hand wieder ans Herz. Ich habe vielmehr sogleich begriffen,
da ich weder durch meine gesellschaftliche Stellung, noch durch meine
Herzens- und Geistesentwicklung, noch durch Erwerb von Reichtmern, noch
durch meine frhere Auffhrung, zumal auch meine Kenntnisse an die
Ihrigen nicht hinanreichen --, da ich dieserhalb durch nichts Ihr
ehrendes, hoch erhaben ber all meinen Hoffnungen stehendes Vertrauen
verdient habe, und ich, falls Sie sich meiner zu bedienen belieben,
Ihnen nur als Sklave und Mietling zu dienen vermag, nicht anders ... ich
rgere mich also nicht, wohl aber bin ich tief betrbt.

Lukjan Timofejewitsch, Gott, was reden Sie da!

Jawohl: nicht anders! Und so ist es auch jetzt im vorliegenden Fall!
Indem ich Ihnen mit meinem Herzen und meinen Gedanken berallhin folgte,
sprach ich also zu mir selbst: freundschaftlichen Verhaltens seinerseits
bin ich zwar nicht wert, doch in meiner Eigenschaft als Besitzer des
Hauses, in dem er wohnt, knnte ich vielleicht zur rechten Zeit
sozusagen Verhaltungsvorschriften fr die zu ergreifenden Maregeln
empfangen, im Hinblick auf etwaige bevorstehende oder zu erwartende
Vernderungen ... wie gesagt ...

Lebedeffs listige uglein blickten unverwandt den Frsten an, der ihn
verstndnislos und vom Kopf bis zu den Fen betrachtete. Offenbar
wollte Lebedeff die Hoffnung, da seine Neugier endlich befriedigt
werden wrde, nicht so leichten Kaufes aufgeben.

Ich verstehe kein Wort, sagte schlielich der Frst ungehalten. Sie
... Sie sind ein grauenvoller Intrigant! schlo er pltzlich herzlich
auflachend.

Im Augenblick begann auch Lebedeff zu lachen, whrend sein
aufleuchtender Blick sofort verriet, da seine Hoffnung sich verdoppelt
hatte.

Wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, Lukjan Timofejewitsch? Seien Sie
mir nur nicht bse ... Ich kann mich wirklich blo wundern ber Ihre
Naivitt, und nicht nur ber die Ihre allein! Sie erwarten mit einer so
erstaunlichen Naivitt etwas von mir -- gerade jetzt, gerade in diesem
Augenblick --, da ich mich vor Ihnen geradezu schme und mich fast
sogar irgendwie schuldig fhle, weil ich nichts habe, womit ich Sie
befriedigen knnte, wirklich, ich schwre es Ihnen, beteuerte der Frst
lachend.

Lebedeff setzte eine wichtige Miene auf. Bisweilen konnte er allerdings
etwas gar zu naiv und zudringlich werden mit seiner Neugier, doch war er
sonst ein selten schlauer Kopf und verstand es vorzglich, sich glatt
wie ein Aal jeder Hand, die nach ihm griff, zu entwinden, wenn er sich
nicht selbst greifen lassen wollte; in gewissen Fllen aber war er, der
sonst viel zu viel redete, geradezu hinterlistig schweigsam, wenn ihm
Schweigen ratsamer schien als Reden. Ohne zu wollen, machte der Frst
ihn fast zu seinem Feinde, indem er ihn mit seiner Neugier immer wieder
zurckwies; nur tat er es nicht etwa deshalb, weil er ihn verachtete,
sondern weil der Gegenstand seiner Neugier fr den Frsten ein gar zu
peinliches Thema war. Betrachtete der Frst doch noch vor ein paar Tagen
gewisse Traumgedanken, in denen er sich mitunter unbewut verlor,
direkt als Verbrechen. Lebedeff jedoch fate diese Abweisungen des
Frsten als Ausdruck persnlicher Antipathie und groen Mitrauens auf
und war in diesem Punkte nicht nur auf Kolj und Keller, sondern auch
auf seine leibliche Tochter Wjera Lukjanowna eiferschtig. In diesem
Augenblick zum Beispiel htte er dem Frsten etwas mitteilen knnen, das
diesen sehr interessiert haben wrde, doch er verstummte gekrnkt und
teilte nichts mit, obwohl er es selbst ganz gern getan htte.

Womit also kann ich Ihnen denn jetzt dienen, hochverehrter Frst, da
Sie mich doch immerhin ... herbestellt haben? fragte er schlielich
nach lngerem Schweigen.

Ja, ich wollte mich eigentlich nur nach dem General erkundigen, sagte
der Frst, aus seiner Gedankenversunkenheit auffahrend, und ... wie
steht es nun mit diesem Diebstahl, von dem Sie mir Mitteilung machten
...

Von dem ich -- was?

Ach, als ob Sie mich nicht verstehen! Wei Gott, Lukjan Timofejewitsch,
Sie mssen sich aber auch ewig verstellen! Das Geld, das Geld, die
vierhundert Rubel, die Sie damals verloren haben, mit der ganzen
Brieftasche, Sie wissen doch, und von denen Sie mir dann hier erzhlten,
am Morgen, bevor Sie nach Petersburg fuhren -- haben Sie endlich
begriffen?

Ach so, Sie reden von jenen Vierhundert! sagte Lebedeff enttuscht und
als entsnne er sich jetzt erst. Ich danke Ihnen, Frst, fr Ihre
aufrichtige Teilnahme, ich fhle mich sehr geehrt durch sie, nur ... ich
habe sie bereits gefunden, und zwar schon vor langer Zeit.

Gefunden? Ach, Gott sei Dank!

Dieser Ausruf bekundet Ihre edle Denkweise, Frst, denn vierhundert
Rubel zu verlieren -- das ist kein Kinderspiel fr einen armen
Familienvater, der seine verwaisten Kinder durch schwere Arbeit ernhren
mu ...

Nein, so war es eigentlich nicht gemeint, ich meinte nicht das ...
Natrlich freut es mich, da Sie sie gefunden haben, verbesserte sich
der Frst, aber ... wie haben Sie sie denn gefunden?

uerst einfach: unter dem Stuhl, ber dessen Lehne ich meinen Hausrock
geworfen hatte, so da die Brieftasche offenbar aus der Rocktasche
herausgefallen sein mu.

Wie -- unter dem Stuhl? Das ist doch nicht mglich ... Sie sagten mir
doch selbst, da Sie berall gesucht htten -- wie konnten Sie dann die
wichtigste Stelle bersehen?

Das ist es ja eben, da ich berall gesucht habe! Das wei ich selbst
nur zu gut, nur zu gut! Ich bin auf den Knien im Zimmer umhergekrochen,
habe jedes Brett des Fubodens mit der Hand befhlt, da ich meinen
eigenen Augen nicht gengend traute. Und obschon ich sah, da da nichts
war, fuhr ich doch fort, mit der Hand alles zu befhlen. Dieser Kleinmut
ist jedem Menschen eigen, wenn es sich ums Suchen verlorener Gegenstnde
handelt ... oder um hnliches Verschwinden seines Eigentums. So etwas
ist sehr betrbend: er sieht doch, da dort nichts ist, und dennoch wird
er mindestens fnfzehnmal nach jeder leeren Stelle hinblicken: ich sehe
doch mit meinen eigenen Augen, da dort nichts auf dem Fuboden liegt,
die Stelle ist glatt wie hier meine Handflche, und dennoch fahre ich
fort, sie zu betasten.

Nun ja ... aber wie ist denn das? ... Ich verstehe Sie noch immer
nicht, sagte der Frst, dessen Gedanken im Augenblick halb betubt
waren. Sie sagten doch frher, da Sie trotz allen Suchens nichts
gefunden htten, und nun pltzlich ...

Und nun pltzlich habe ich gefunden.

Der Frst blickte Lebedeff eigentmlich an.

Und der General? fragte er nach einer Weile.

Der General? Was ist mit dem? begriff Lebedeff wieder nicht.

Ach, Gott! Ich frage, was der General dazu sagte, als Sie die
Brieftasche unter dem Stuhl fanden? Sie haben doch mit ihm zusammen
gesucht.

Anfangs allerdings mit ihm zusammen. Doch ich zog es vor, ihm bisher
nichts davon zu sagen, da ich die Brieftasche selbst und allein
gefunden hatte.

Aber ... weshalb das? Das Geld ist doch vollzhlig?

Ich ffnete die Brieftasche, sah nach: alles bis auf den letzten Rubel,
nichts hat er angerhrt.

Htten Sie mir das doch gleich gesagt! sagte der Frst mit leisem
Vorwurf und versank in Gedanken.

Ich frchtete, Sie zu beunruhigen, Frst, bei Ihren persnlich in
dieser Zeit empfangenen tiefgehenden Eindrcken. Und auerdem gab ich
mir auch selbst den Anschein, als htte ich nichts gefunden. Die
Brieftasche ffnete ich, sah hinein, zhlte nach, schlo sie wieder und
legte sie zurck auf dieselbe Stelle unter dem Stuhl.

Aber weshalb denn das?

S--so--o, aus Neugier; um zu sehen, was weiter geschehen wrde. Hehe,
meinte Lebedeff, mit seligem Lcheln sich die Hnde reibend.

Und so liegt sie auch jetzt noch dort, seit drei Tagen?

Oh, nein; blo vierundzwanzig Stunden lag sie so dort. Ich, sehen Sie
mal, ich wollte zum Teil, da der General sie selbst fnde. Denn wenn
ich sie gefunden habe, weshalb soll dann schlielich nicht auch der
General sie finden knnen, da sie doch dort, auf dem Boden liegend,
einem jeden sozusagen in die Augen springt -- denn der Stuhl verdeckt
sie doch nicht! Und ich habe noch mehrmals diesen Stuhl umgestellt, so,
wissen Sie, ganz harmlos im Vorbergehen, so da die Brieftasche wie auf
dem Prsentierteller lag, doch der General bemerkte sie kein einziges
Mal! Und das dauerte so ganze zwlf Stunden. Er mu doch, wie man sieht,
recht zerstreut sein, man kann gar nicht mehr aus ihm klug werden. Er
spricht, spricht, erzhlt, lacht -- und pltzlich rgert er sich ber
mich ohne jede Veranlassung, ich begreif' ihn wahrhaftig nicht!
Schlielich verlieen wir das Zimmer, ich aber lie die Tr absichtlich
offen stehen; er -- ich sah es wohl -- er zgerte ein wenig und wollte
schon etwas sagen, frchtete wahrscheinlich fr die Brieftasche, die mit
so viel Geld dort liegen blieb, doch pltzlich rgerte er sich
entsetzlich und sagte nichts; keine zwei Schritt gingen wir auf der
Strae zusammen, da verlie er mich, ohne ein Wort zu sagen, und ging in
der entgegengesetzten Richtung davon. Erst am Abend trafen wir uns
wieder im Restaurant.

Aber schlielich haben Sie die Brieftasche doch aufgehoben?

N--nein, in derselben Nacht verschwand sie von dort.

Aber, wo ist sie denn jetzt?

Hi--ier, sagte pltzlich Lebedeff lachend, erhob sich halbwegs vom
Stuhl, tippte auf den vorderen Zipfel seines linken Rockschoes und
blickte den Frsten mit unschuldig gutmtigen Augen an. Pltzlich
befand sie sich hier in meinem eigenen Rockscho. Hier, bitte, sich zu
berzeugen, fhlen Sie mal.

In der Tat bildete sich vorn in der Rockschoecke, gerade auf der
sichtbarsten Stelle eine kleine Erhhung, die, wie man auf den ersten
Blick erkannte, von einem viereckigen, zwischen dem Oberzeug und dem
Rockfutter befindlichen Gegenstande, einem greren Portemonnaie oder
einer Brieftasche, herrhren konnte.

Ich nahm sie heraus, sah nach: nichts fehlte, alles da. Dann steckte
ich sie wieder hinein, und jetzt spaziere ich so schon seit gestern
morgen mit ihr herum und lasse sie hier ruhig baumeln.

Und tun, als bemerkten Sie nichts?

Und tue, als bemerkte ich nichts, hehehe! Aber stellen Sie sich doch
blo mal vor, hochverehrter Frst -- wenn auch der Gegenstand an sich
keiner so besonderen Beachtung Ihrerseits wert ist --, noch nie hat eine
meiner Rocktaschen ein Loch gehabt, und nun pltzlich ist in einer
einzigen Nacht ein so riesengroes entstanden! Das bewog mich denn auch,
etwas schrfer hinzusehen, und da schien es mir, als habe jemand mit
einem stumpfen Federmesserchen das Taschenfutter aufgeschnitten -- fast
nicht zu glauben, nicht wahr?

Und ... der General?

rgert sich, sowohl gestern wie heute, und ist uerst unzufrieden mit
sich und der ganzen Welt, wie's scheint: bald ist er freudig erregt bis
zu bacchantischer Ausgelassenheit, bald wiederum ist er zu Trnen
gerhrt, um dann wiederum ganz pltzlich in wahre Berserkerwut zu
geraten, so da, bei Gott, selbst ich Angst bekam. Ich bin doch immerhin
kein Soldat, wie er! Gestern saen wir beide im Restaurant, mein
Rockschozipfel steht aber zufllig wie ein Berg: er guckt, guckt, sagt
aber kein Wort, rgert sich blo. Offen mir in die Augen zu sehen, wagt
er lngst nicht mehr, hchstens wenn er schon ganz beseelt ist oder ganz
gerhrt. Aber gestern sah er mich zweimal so an, da es mir einfach kalt
ber den Rcken lief. brigens beabsichtige ich, die Brieftasche morgen
zu finden, den Abend aber will ich heute noch mal gemeinsam mit ihm
verbringen.

Weshalb qulen Sie ihn so?! rief der Frst vorwurfsvoll.

Ich qul' ihn nicht, Frst, ich qul' ihn nicht im geringsten,
bewahre! versetzte Lebedeff mit Eifer. Ich liebe ihn aufrichtig und
... achte ihn sogar; aber jetzt -- glauben Sie es mir oder glauben Sie
es mir nicht -- jetzt ist er mir noch teurer geworden, jetzt schtze ich
ihn noch viel mehr!

Lebedeff sagte das alles so ernst und aufrichtig, da es den Frsten
einfach emprte.

Wenn Sie ihn lieben, wie knnen Sie ihn dann so qulen! Ich bitte Sie,
er hat doch allein schon damit, da er das Vermite so offen hingelegt,
zuerst unter den Stuhl und dann in den Rock, allein schon damit hat er
Ihnen bewiesen, da er sich nicht vor Ihnen versteckt, da er keine
Kniffe anwenden will, da er Sie ehrlich um Verzeihung bittet! Hren
Sie: um Verzeihung bittet! Er vertraut auf ihr Zartgefhl, er glaubt an
Ihre Freundschaft! Und diesen ... diesen ehrlichsten Menschen knnen Sie
so weit erniedrigen!

Stimmt! -- er ist der ehrlichste Mensch, Frst, der ehrlichste von
allen! griff Lebedeff sogleich lebhaft auf. Nur Sie allein, edelster
Frst, sind fhig, eine so richtige und gerechte Bemerkung zu machen!
Dafr aber bin ich Ihnen bis zur Vergtterung zugetan, wenn ich auch
selbst verkommen und verdorben bin in all meinen Lastern! Also
abgemacht! Ich finde die Brieftasche hier sogleich, soeben, und nicht
erst morgen. Hier, ich nehme sie hier vor Ihren Augen heraus, hier ...
hier ist sie, und hier ... ist das Geld bis auf den letzten Rubel. Hier
-- nehmen Sie es, Frst, verwahren Sie es bis morgen. Morgen oder
bermorgen werde ich Sie darum bitten. Aber wissen Sie, Frst, jetzt
ist's doch klar, da sie in der ersten Nacht irgendwo in meinem Garten
unter einem Stein gelegen hat, oder nicht? -- was meinen Sie?

Hren Sie, sagen Sie ihm das nur nicht so offen ins Gesicht, da Sie
die Brieftasche gefunden haben. Mag er einfach sehen, da sie nicht mehr
im Rockscho ist, dann wird er schon begreifen.

Ja--a? Wre es nicht doch besser, zu sagen, da ich sie gefunden habe
und sich dabei so zu stellen, als htte ich nichts erraten?

N--nein, sagte der Frst nachdenklich, n--nein, jetzt ist es schon zu
spt dazu, es wre zu gefhrlich. Nein, wirklich, sagen Sie lieber
nichts. Seien Sie nur freundlich zu ihm, doch ... lassen Sie ihn nichts
merken, und ... und ... wissen Sie ...

Ich wei, Frst, ich wei! -- das heit, ich wei, da ich es
wahrscheinlich nicht erfllen werde, denn dazu mte man ein Herz haben,
wie nur Sie allein eines besitzen. Zudem bin auch ich ein reizbarer
Mensch. -- Er hat mich bisweilen doch gar zu sehr von oben herab
behandelt, namentlich in der letzten Zeit: bald weint er und umarmt
mich, bald wiederum behandelt er mich mit ausgesprochener Verachtung --
nein, das konnte ich ihm nicht schenken, da stellte ich den
Rockschozipfel so, da die dicke Stelle einem jeden auffallen mute!
hehehe! Auf Wiedersehen, Frst, denn ich stre wohl, wie ich sehe, und
hindere Sie, sich ganz in die interessantesten Gefhle zu vertiefen ...

Lassen Sie nur um Gottes willen kein Wort verlauten, hten Sie das
Geheimnis, hren Sie!

Jawohl, gewi, gewi, gehe mit sachten Schritten und als wre nichts
geschehen!

Der Frst blieb, obschon die Sache so gut wie abgetan war, doch in
Sorgen um den General zurck, ja fast hatten sich diese Sorgen jetzt
noch vergrert. Unruhig sah er der bevorstehenden Unterredung mit dem
General entgegen.


                                  IV.

Der General erschien, wie verabredet, Punkt zwlf, so da der Frst, der
ein wenig spter nach Hause zurckkehrte, ihn bereits wartend bei sich
antraf. Es fiel ihm sogleich auf, da der General ungehalten zu sein
schien, und zwar offenbar deshalb, weil er hatte warten mssen. Der
Frst machte seine Entschuldigung, und beeilte sich, ihm gegenber Platz
zu nehmen, tat es jedoch eigentmlich ngstlich, als wre sein Gast eine
zarte Porzellanfigur, die er durch eine unvorsichtige Bewegung zu
zerschlagen frchtete. Diese Furcht war um so seltsamer, als er bisher
noch nie etwas hnliches im Verkehr gerade mit dem General empfunden
hatte. Bald jedoch gewahrte der Frst, da sein Gast heute ein ganz
anderer Mensch war, als tags zuvor: Die frhere Verwirrung und
Zerstreutheit war gnzlich verschwunden, und statt ihrer bemerkte man
nur eine ungewhnliche Zurckhaltung, aus der man nur folgern konnte,
da dieser Mensch sich zu etwas Groem entschlossen hatte. Die Ruhe war
brigens eine mehr uerliche; jedenfalls schien der Gast bei aller
zurckhaltenden Wrde immer noch recht aufgerumt zu sein! ja zu Anfang
sprach er sogar mit einer gewissen Herablassung zum Frsten -- gerade
so, wie mitunter stolze Leute, die mit Unrecht verletzt oder
zurckgesetzt worden sind, leutselig, herablassend und dementsprechend
liebenswrdig zu sein pflegen. Der General sprach freundlich, wenn auch
im Ton seiner Stimme eine gewisse Betrbnis durchklang.

Hier ist Ihr Buch, das Sie mir vor ein paar Tagen gegeben haben,
machte er den Frsten mit einer hinweisenden Kopfbewegung auf das Buch
aufmerksam, das er auf den Tisch gelegt hatte. Besten Dank.

Ach ja! Sie haben den Artikel gelesen? Wie hat er Ihnen gefallen? Doch
sehr interessant? fragte der Frst, erfreut ber die Mglichkeit, ein
nebenschliches Gesprch anfangen zu knnen.

In--ter--essant? -- ja, das allerdings, aber alles in allem doch recht
unbehauen und natrlich auch albern. Vielleicht ist berhaupt kein
wahres Wort daran.

Der General sprach mit erstaunlicher Sicherheit -- dem Frsten
wenigstens war dieser Ton an ihm ganz neu -- und zog dabei mit einer
gewissen berlegenen Nachlssigkeit die Worte in die Lnge.

Ach, aber das ist doch eine so harmlose Erzhlung, eine so echte
Schilderung eines alten Soldaten, der selbst Augenzeuge der Plnderung
Moskaus gewesen ist. Einzelne Stellen sind, finde ich, einfach
wundervoll. Zudem sind doch alle Aufzeichnungen von Augenzeugen schon
als solche ungeheuer wertvoll, gleichviel wer der Augenzeuge ist, nicht
wahr?

Ich htte an Stelle des Autors diese Aufzeichnungen nicht gedruckt, und
was solche Aufzeichnungen von Augenzeugen im allgemeinen anlangt, so--o
... kann man sagen, da die Menschen eher einem groben Lgner glauben,
als einem alten, ehrwrdigen und verdienstvollen Manne. Ich kenne
Aufzeichnungen aus dem Jahre achtzehnhundertzwlf, die ... Ich habe mich
entschlossen, Frst, dieses Haus hier zu verlassen -- das Haus Herrn
Lebedeffs.

Der General blickte den Frsten bedeutsam an.

Sie haben ja wohl auch Ihre eigene Wohnung in Pawlowsk, bei ... bei
Ihrer Frau Tochter ... sagte der Frst, nur um etwas zu sagen.

Er erinnerte sich, da der General ja doch gekommen war, um zu einer
schicksalsschweren Entscheidung seinen Rat einzuholen.

Bei meiner Frau, korrigierte der General, mit anderen Worten, bei
mir, und im Hause meiner Tochter.

Verzeihen Sie, ich ...

Ich verlasse das Haus Herrn Lebedeffs deshalb, lieber Frst, weil ich
mit diesem Manne gebrochen habe; ich habe es gestern abend getan,
bedauernd, da es von mir aus nicht schon frher geschehen ist. Ich
fordere Achtung fr meine Person von jedermann, Frst, selbst von jenen
Leuten, denen ich, wie man sagt, mein Herz schenke. Frst, ich
verschenke oft mein Herz und werde fast immer betrogen. Dieser Mensch
hat sich als meines Geschenkes unwrdig erwiesen.

Es ist viel Unordnung in ihm, bemerkte der Frst zurckhaltend, und
gewisse Zge ... aber er hat trotzdem Herz und einen schlauen Kopf, der
bisweilen sogar recht spaige Gedanken hervorbringt.

Die psychologische Richtigkeit des Urteils und der ernste Ton des
Frsten schmeichelten augenscheinlich dem General, obschon er sein
Gegenber ab und zu doch noch mit einem mitrauischen Blick von der
Seite ansah. Der Ton des Frsten war aber so natrlich und arglos
aufrichtig, da sein Mitrauen von selbst schwand.

Da er auch gute Eigenschaften hat, fiel der General ein, das drfte
ich wohl als erster bemerkt haben -- da ich doch diesem Individuum fast
meine Freundschaft geschenkt habe. Er soll nur nicht glauben, da ich
seiner Gastfreundschaft bedarf -- ich habe mein eigenes Heim. Ich will
meine Fehler nicht beschnigen. Ich verstehe eben nicht, mich zu
migen. Ich habe mit ihm zusammen gekneipt, was ich jetzt lebhaft
bereue. Aber ich habe doch nicht nur um des Kneipens willen -- verzeihen
Sie, Frst, einem gereizten Manne das rohe offene Wort --, doch nicht
nur um des Kneipens willen habe ich mich mit ihm abgegeben! Gerade seine
Eigenschaften, wie Sie sagen, haben mich zu ihm hingezogen. Freilich,
alles nur bis zu einer gewissen Grenze! Und was sind selbst seine
Eigenschaften! Wenn er pltzlich die Frechheit hat, mich berzeugen zu
wollen, da er im Jahre achtzehnhundertundzwlf, also noch als Kind,
sein linkes Bein verloren und auf dem Waganjkoffskischen Friedhof in
Moskau begraben habe, so bersteigt das doch alle Grenzen, und ist eben
eine ... eine Miachtung meiner Person, eben eine ... eine Frechheit
sondergleichen! ...

Vielleicht war es nur ein Scherz, zur Erheiterung ...

Ich verstehe. Eine unschuldige Lge, die nur Gelchter hervorrufen
soll, wird, selbst wenn sie roh ist, kein Menschenherz beleidigen. Lgt
doch so manch einer, wenn Sie wollen, nur aus Freundschaft, um seinem
Gesellschafter ein Vergngen zu bereiten. Sobald aber Miachtung der
Person des anderen durchblickt, oder wenn man zum Beispiel durch solche
Miachtung dem anderen zu verstehen geben will, da seine Bekanntschaft
einem lstig ist, so bleibt einem Ehrenmann nichts anderes brig, als
sich abzuwenden, fr weitere freundschaftliche Beziehungen zu danken,
und damit den Beleidiger auf den ihm zukommenden Platz zu verweisen.

Der General wurde rot vor Emprung.

Aber Lebedeff htte ja berhaupt nicht achtzehnhundertundzwlf in
Moskau sein knnen! Natrlich ist das nur ein Scherz. Er ist doch viel
zu jung dazu.

Erstens das; doch nehmen wir an, er wre damals schon geboren gewesen.
Aber wie kann er mir ins Gesicht behaupten, da ein franzsischer
Chasseur eine Kanone auf ihn gerichtet und ihm das linke Bein einzig zum
Zeitvertreib abgeschossen habe; da er dann selbst dieses sein
abgeschossenes Bein aufgehoben und nach Hause gebracht und spter auf
dem Friedhof begraben habe, und ferner, da er ber dem Grabe des Beines
ein Denkmal errichtet, das auf der einen Seite die Inschrift trage:
>Hier ruht in Frieden das Bein des Kollegien-Sekretrs Lebedeff<, und
auf der anderen: >Ruhe sanft, geliebter Staub, bis zum frhlichen
Wiedersehen<, und schlielich, da er alljhrlich fr dieses Bein eine
Seelenmesse lesen lasse -- was doch einfach Blasphemie wre -- und da
er zu dem Zweck in jedem Jahr nach Moskau reise. Zur Bekrftigung
fordert er mich noch auf, mit ihm nach Moskau zu fahren, um mir von ihm
das Grab seines Beines zeigen zu lassen und im Kreml sogar jene
franzsische Kanone, die mit anderen zusammen erbeutet worden und nun
dort aufgestellt sei -- die elfte vom Tore soll es sein --, ein
Falkonettgeschtz alter franzsischer Bauart.

Und dabei sind doch seine beiden Beine vollkommen ganz und gesund,
wenigstens soviel man sehen kann! meinte der Frst lachend. Ich
versichere Sie, es ist nur ein unschuldiger Scherz von ihm gewesen,
seien Sie ihm deshalb nicht bse.

Erlauben Sie, da auch ich meine Meinung uere. Was die Beine und
das Bemerken anlangt, so wre das schlielich noch nicht
so unwahrscheinlich, denn wie er behauptet, habe er ein
Tschernosswitoffsches falsches Bein ...

Ach ja, mit einem solchen Bein soll man ja sogar tanzen knnen, sagt
man.

Das wei ich; Tschernosswitoff kam, als er sein Bein erfunden hatte,
ganz zuerst zu mir geeilt, um es mir zu zeigen. Aber er hat seine
Erfindung viel spter gemacht ... Und berdies behauptet er, da selbst
seine verstorbene Frau whrend der ganzen Zeit ihrer Ehe nicht gewut
habe, da er, ihr Mann, ein Holzbein hatte. >Wenn du,< sagte er zu mir,
als ich ihn auf diese Unmglichkeiten aufmerksam machte, >wenn du
achtzehnhundertundzwlf Napoleons Leibpage gewesen bist, dann gestatte
auch mir, eines meiner Beine auf dem Waganjkoffskischen Friedhof
begraben zu haben<.

Ja, aber sind Sie denn ... begann der Frst, brach jedoch verwirrt ab.

Der General schien gleichfalls etwas verlegen zu werden, doch schon nach
einem Augenblick sah er den Frsten von oben herab an, und um seine
Lippen spielte ein spttisches Lcheln.

Sprechen Sie es nur aus, Frst, sagte er mit geradezu erhabener Ruhe,
sprechen Sie es nur aus. Ich bin nachsichtig, sagen Sie ruhig alles,
was Sie denken: gestehen Sie nur, da Ihnen der Gedanke kaum glaublich
erscheint, der Gedanke, einen Menschen vor sich zu sehen, der jetzt
erniedrigt und ... berflssig ist, und gleichzeitig vernehmen zu
mssen, da dieser Mensch ein Augenzeuge ... groer Ereignisse gewesen
ist. Hat _er_ Ihnen noch nicht ... vorgeschwatzt?

Nein, Lebedeff hat mir nichts davon gesagt -- wenn Sie Lebedeff meinen
...

Hm! ... und ich dachte im Gegenteil ... Das war eigentlich unser ganzes
Gesprch gestern abend ... wir kamen zufllig auf diese ... seltsame
Geschichtsperiode zu sprechen. Ich bemerkte sogleich die Ungereimtheit,
und da ich selbst Zeuge war ... Sie lcheln, Frst, Sie blicken mich
fragend an?

N--ein, ich ...

Ich sehe allerdings jnger aus, als ich bin, fuhr der General langsam
fort, doch bin ich eben lter als man allgemein glaubt. Im Jahre
achtzehnhundertzwlf war ich ungefhr zehn oder elf Jahre alt -- genau
entsinne ich mich dessen nicht mehr. In meinen Papieren ist natrlich
mein Geburtsjahr genau angegeben, doch im Leben, wie gesagt, hatte ich
die Schwche, mich stets fr jnger auszugeben als ich war.

Ich versichere Sie, General, ich halte es durchaus nicht fr unmglich,
da Sie damals in Moskau gewesen sind, und ... selbstverstndlich knnen
Sie jetzt auch manches mitteilen ... wie alle, die es miterlebt haben.
Beginnt doch einer unserer Schriftsteller seine Autobiographie damit,
wie ihn Anno achtzehnhundertundzwlf, als er noch ein Sugling war,
franzsische Soldaten in Moskau mit Brot gepppelt htten.

Nun sehen Sie, begutachtete der General herablassend diesen Fall.
Mein Fall geht noch ein wenig mehr ber die Grenzen des Gewhnlichen
hinaus, doch liegt in ihm schlielich nichts Unmgliches. Die Wahrheit
erscheint uns oft unmglicher als irgendeine Lge. Leibpage! Es mu
demjenigen seltsam genug klingen, der es zum ersten Male hrt. Doch
dieses Erlebnis eines zehnjhrigen Kindes lt sich gerade durch sein
Alter erklren. Einem Fnfzehnjhrigen wre das nicht mehr passiert,
denn als Fnfzehnjhriger wre ich nicht so leichtsinnig aus unserem
Hause an der Staraja Basmannaja am Tage des Einzugs Napoleons in Moskau
auf die Strae gelaufen. Meine Mutter hatte es in ihrer Angst immer noch
aufgeschoben, die Stadt zu verlassen, bis -- bis es eben zu spt war.
Mit fnfzehn Jahren htte ich es nicht so ohne weiteres gewagt, aber so
als Zehnjhriger frchtete ich mich vor nichts und drngte mich
unbekmmert durch die Menge bis dicht an den Eingang des Palais, als
Napoleon gerade vom Pferde stieg ...

Das haben Sie sehr richtig bemerkt, da Sie nur als zehnjhriges Kind
so furchtlos sein konnten ... versetzte der Frst, gepeinigt von dem
Gedanken, da er sogleich errten wrde.

Nicht wahr? -- und alles geschah so einfach und natrlich, wie es eben
nur in der Wirklichkeit geschehen kann -- wollte ein Schriftsteller so
etwas schildern, so wrde er nur ungereimtes, unmgliches Zeug
zusammenschreiben.

Ganz recht! rief der Frst. Diesen Gedanken habe auch ich gehabt,
noch vor kurzem. Ich hrte von einem Mord wegen einer Taschenuhr --
jetzt ist die Geschichte schon in allen Zeitungen. Htte das ein Dichter
geschrieben: die sogenannten Kenner des russischen Volkes und die
Literaturkritiker wrden doch sogleich geschrien haben, da es
unwahrscheinlich, unmglich sei; liest man es aber in der Zeitung als
Tatsache, so fhlt man doch unwillkrlich, da man gerade aus solchen
Tatsachen die russische Wirklichkeit kennen lernt. Das haben Sie ganz
vorzglich bemerkt, General, schlo der Frst, froh darber, da er dem
Errten hatte entgehen knnen.

Nicht wahr? Nicht wahr? rief der General ungeheuer geschmeichelt, und
seine Augen blitzten vor Vergngen. Ein Knabe, ein Kind, das die Gefahr
berhaupt nicht ahnt, drngt sich durch die Menge, um den Pomp, die
glnzenden Uniformen, die ganze Suite zu sehen, und schlielich doch
auch den groen Kaiser, von dem man ihm schon so unendlich viel erzhlt
hat. In der ganzen Welt hatte seit Jahren nur dieser eine Name: Napoleon
gehallt, und ich hatte ihn, wie man zu sagen pflegt, schon mit der
Muttermilch eingesogen. Als Napoleon so dicht an mir vorberging, fiel
ihm pltzlich mein Blick auf -- ich war auerdem vornehm gekleidet,
meine Mutter gab stets sehr viel darauf. Und ich allein so gekleidet in
dieser Volksmenge, nicht wahr ...

Zweifellos mute ihm das auffallen, denn das bewies doch, da nicht
alle Edelleute oder vornehmeren Familien die Stadt verlassen hatten.

Eben, eben! Er wollte ja gerade den Adel fr sich gewinnen! Als sein
Adlerblick mich nun streifte, muten wohl meine Augen aufgeleuchtet
haben. >_Voil un garon bien veill!_< bemerkte er pltzlich zu seiner
Suite. >_Qui est ton pre?_<{[32]} Ich antwortete ihm sofort, allerdings
fast atemlos vor Aufregung: >Ein General, der auf dem Schlachtfelde frs
Vaterland gefallen ist.< -- >_Ah_,< sagte er, >_le fils d'un boyard et
d'un brave par-dessus le march! J'aime les boyards. M'aimes-tu,
petit?_<{[33]} Auf diese schnelle Frage antwortete ich ebenso schnell:
>Das Herz eines Russen ist fhig, selbst im Feinde seines Vaterlandes
den groen Mann anzuerkennen!< Das heit, ich wei eigentlich nicht mehr
genau, ob ich mich auch buchstblich so ausdrckte ... ich war noch ein
Kind aber der Sinn war jedenfalls derselbe. Napoleon war zuerst ganz
berrascht, sann einen Augenblick nach und wandte sich dann zu seiner
Suite. >Mir gefllt der Stolz dieses Kindes!< sagte er, >doch wenn alle
Russen so denken wie dieser Knabe, dann ...< Er sprach den Satz nicht zu
Ende und trat ins Palais. Ich mischte mich sogleich unter seine Suite
und folgte ihm ins Palais. Man machte mir berall Platz und betrachtete
mich bereits als Favorit. Aber das war ja alles nur Nebensache, ich
bemerkte es kaum ... Ich entsinne mich nur noch, wie der Kaiser, gerade
als ich in den ersten Saal eintrat, pltzlich vor dem Bildnis Katharinas
der Zweiten stehenblieb, es nachdenklich lange betrachtete und
schlielich sagte: >Das war eine groe Frau!< und dann weiterging. Nach
zwei Tagen kannte mich ein jeder im Palais und im ganzen Kreml, und man
nannte mich nur noch >_le petit boyard_<.{[34]} Zu Hause, wo alles auf
dem Kopf stand, fand ich mich erst abends ein, um frhmorgens wieder
aufzubrechen und in den Kreml zurckzukehren. Da starb ganz unverhofft,
am zweiten Tage nach dem Einzug in Moskau der Leibpage Napoleons, Baron
de Bazancourt, der die Strapazen des Feldzuges nicht ausgehalten hatte.
Napoleon erinnerte sich meiner: man suchte mich, brachte mich ins
Palais, ohne mir ein Wort zu sagen, zog mir die Kleider des Verstorbenen
an, eines Knaben von etwa zwlf Jahren, und erst als ich in der
Leibpagenuniform dem Kaiser vorgestellt worden war und er mit dem Kopf
genickt hatte, erklrte man mir den Sachverhalt und wozu man mich
ausersehen hatte. Ich freute mich, denn ich empfand, und zwar schon seit
langer Zeit, eine glhende Sympathie fr ihn ... nun, und auerdem die
glnzende Uniform, das bedeutet doch sehr viel fr ein Kind, nicht wahr
... Ich trug einen dunkelgrnen Frack mit langen, schmalen Schen,
goldenen Knpfen, roten, goldgestickten rmelaufschlgen, einem hohen,
offenstehenden Kragen, gleichfalls mit Goldstickerei auf rot, und auf
den Frackschen ebenfalls Goldstickerei; dazu trug ich weie
smischlederne Beinkleider, eine weiseidene Weste, seidene Strmpfe und
Schnallenschuhe ... wenn aber der Kaiser ausritt und ich ihn mit der
Suite begleitete, trug ich hohe Kanonenstiefel. War auch die Situation
keine glnzende, und sah man auch noch viel greres Unglck kommen, so
wurde doch die Etikette nach Mglichkeit eingehalten, und zwar um so
peinlicher, je mehr man das Unglck vorausfhlte.

Ja, natrlich ... murmelte der Frst geradezu hilflos, Ihre Memoiren
wrden sehr ... interessant sein.

Der General, der natrlich ganz dasselbe wiedergab, was er am Abend
vorher Lebedeff erzhlt hatte, erzhlte flieend. Doch diese Bemerkung
des Frsten erweckte wieder sein Mitrauen und -- prfend sah er ihn an.

Meine Memoiren, sagte er mit Stolz, Sie meinen, ich soll meine
Memoiren schreiben? Nein, das verlockt mich nicht, Frst! Wenn Sie
wollen ... so sind meine Memoiren bereits niedergeschrieben, nur ... sie
liegen in meinem Pult. Mgen sie dann, wenn man mich begraben hat,
erscheinen. Sie werden zweifellos in alle Sprachen bersetzt werden,
nicht wegen ihrer literarischen Form, sondern wegen der Bedeutung dieser
allerkolossalsten Tatsachen, die ich als Augenzeuge erlebt habe, wenn
ich auch noch ein Kind war. Doch das ist schlielich noch ein Vorzug:
als Kind bin ich, wie man sagt, in die intimste Kammer des groen Mannes
eingedrungen, und das nicht etwa nur bildlich: ich habe in den Nchten
das Gesthn dieses vom Unglck erfaten Riesen gehrt! Vor mir, dem
Kinde, tat er sich keinen Zwang an, obschon ich sehr wohl begriff, da
die Ursache seines Leidens -- das Schweigen Kaiser Alexanders war.

Ja, richtig, er hat ja doch an Alexander Briefe geschrieben ... mit
Friedensvorschlgen ... bemerkte der Frst schchtern.

Genau wissen wir es nicht, welche Vorschlge er ihm gemacht hat, nur
hat er tatschlich an ihn tglich, fast stndlich einen Brief
geschrieben, einen Brief nach dem anderen ... Er regte sich dabei
natrlich ber alle Maen auf. Einmal in der Nacht -- wir waren beide
ganz allein -- strzte ich weinend zu ihm -- oh, ich liebte ihn! -- und
ich flehte ihn an: >Bitten Sie, bitten Sie den Kaiser Alexander um
Verzeihung!< Das heit, ich htte sagen sollen: >Schlieen Sie mit ihm
Frieden<, doch als kleines Kind drckte ich meine Gedanken eben ganz
naiv aus. Er nahm es mir aber nicht bel. >Mein Kind!< sagte er -- er
promenierte auf und ab im Zimmer --, >oh, mein Kind!< -- er schien es
damals gar nicht zu bemerken, da ich erst zehn Jahre alt war, und er
liebte es sogar, sich mit mir zu unterhalten. >Oh, mein Kind,< sagte er,
>ich bin bereit, Kaiser Alexander die Fe zu kssen, doch dem Knig von
Preuen und dem Kaiser von sterreich, oh, denen schwre ich ewigen Ha
und ... schlielich ... was verstehst du von Politik!< Es war, als htte
er pltzlich bemerkt, mit wem er sprach, und er verstummte, doch seine
Augen sprhten noch Funken. Wollte ich nun all diese Tatsachen
niederschreiben -- und ich war Zeuge von noch weit wichtigeren
Ereignissen --, wollte ich jetzt meine Memoiren herausgeben, so mte
ich all diese Kritiken ber mich ergehen lassen, diese Reden des
literarischen Ehrgeizes, diesen ganzen Neid und Parteigeist und ...
nein, ich danke dafr!

Was Sie da vom Parteigeist sagen, ist sehr richtig, sagte der Frst
nach kurzem Schweigen. Da habe ich vor nicht langer Zeit ein Buch von
Charras, >_Campagne de 1815_<,{[35]} gelesen. Es ist augenscheinlich ein
ernstes Buch, und, wie Fachmnner sich uern, mit ungeheurer Kenntnis
der Sache geschrieben. Nur spricht, finde ich, aus jeder Seite des
Buches eine so groe Freude ber die Besiegung und Erniedrigung
Napoleons, da Charras sicherlich sehr froh sein wrde, wenn man
Napoleon auch auf Grund der anderen Kriege jedes Talent absprechen
knnte. Das ist natrlich nicht gut in einem sonst so ernsten Buch, denn
es ist doch nichts als, nun, eben Parteigeist. Waren Sie sehr in
Anspruch genommen durch Ihren Dienst beim ... Kaiser?

Der General war begeistert. Die ernste, treuherzige Frage des Frsten
zerstreute sein letztes Mitrauen.

Charras! Oh, auch ich war darber entrstet! Ich schrieb auch sogleich
an ihn, nur ... ich entsinne mich im Augenblick nicht ganz ... Sie
fragen, ob ich sehr in Anspruch genommen war? Oh, nein! Man nannte mich
zwar Leibpage, aber ich fate es ja doch selbst damals nicht als Ernst
auf. Hinzukam, da Napoleon bald jede Hoffnung verlor, den Russen
nherzutreten, und so htte er wohl auch mich vergessen, nachdem er mich
aus Politik herangezogen, wenn ... wenn er mich nicht persnlich
liebgewonnen htte, was ich jetzt ruhigen Gewissens behaupten kann. Mich
aber zog mein Herz zu ihm. Ein besonderer Dienst wurde von mir durchaus
nicht verlangt: ich mute ab und zu im Palais erscheinen und ... den
Kaiser auf seinen Spazierritten zu Pferde begleiten, und das war alles.
Ich ritt damals schon ganz gut. Er ritt gewhnlich vor dem Diner aus,
und seine Suite bestand dann meist aus Davoust, mir, dem Mameluken
Rustan ...

Constant, entfuhr es pltzlich fast unbewut dem Frsten.

N--ein, Constant war damals nicht in Moskau, er war unterwegs mit einem
Schreiben an ... die Kaiserin Josephine; doch statt seiner waren
gewhnlich noch zwei Ordonnanzen da, einige polnische Ulanen ... nun,
und das war seine ganze Suite, auer den Generalen, versteht sich, und
Marschllen, von denen Napoleon sich stets begleiten lie, um sich mit
ihnen beraten zu knnen, das Terrain zu studieren, die Positionen der
einzelnen Truppenteile, und so weiter ... Am hufigsten war Davoust bei
ihm. Ich sehe ihn noch wie leibhaftig vor mir, diesen groen, stark
gebauten, kaltbltigen Mann mit dem seltsamen Blick hinter den
Brillenglsern. Mit ihm beriet sich der Kaiser am hufigsten. Er
schtzte seine Meinung sehr hoch. Ich wei noch genau: einmal hatten sie
sich schon mehrere Tage lang beraten. Davoust war morgens und abends
gekommen, sie hatten oft gestritten, endlich schien Napoleon
nachzugeben. Sie befanden sich beide im Kabinett, er, Davoust und, fast
unbemerkt von ihnen, ich als Dritter. Da fiel pltzlich ganz zufllig
Napoleons Blick auf mich, und ein seltsamer Gedanke blitzte in seinen
Augen auf. >Kind!< wandte er sich an mich, >was meinst du: wenn ich zur
rechtglubigen Kirche bertreten sollte und eure Leibeigenen befreite,
wrden mir die Russen dann folgen?< -- >Niemals!< rief ich mit Unwillen.
Napoleon war ganz betroffen. >In den Augen dieses Kindes, aus denen der
Patriotismus glht,< sagte er, >habe ich die Gesinnung des ganzen
russischen Volkes gelesen. Genug, Davoust! Das war nur ein
phantastischer Einfall. Legen Sie Ihr zweites Projekt vor.<

Ja, aber auch dieses Projekt war ... ein groer Gedanke, sagte der
Frst, sichtlich interessiert. Und Sie schreiben es Davoust zu?

Wenigstens beriet sich Napoleon mit ihm. Der Gedanke selbst stammte
natrlich von Napoleon, dieser Adlergedanke, aber auch das andere
Projekt war ... Das war jener >_conseil du lion_<,{[36]} wie Napoleon
selbst diesen ihm von Davoust erteilten Rat nannte. Dieser Rat bestand
darin, sich mit dem ganzen Heer im Kreml zu verschanzen, Baracken zu
bauen, Befestigungen zu errichten, die Kanonen aufzustellen, mglichst
viel Pferde zu schlachten und einzusalzen, mglichst viel Getreide
aufzutreiben und so zu berwintern, um dann im Frhling sich durch die
Russen durchzuschlagen. Dieses Projekt gefiel Napoleon sehr. Wir ritten
hierauf tglich um die Kremlmauern, er ordnete selbst alles an, zeigte,
wo Schanzen, wo Verhaue, wo Blockhuser, Schutzwlle errichtet werden
sollten -- ein Blick, ein Wort und -- die Sache war gemacht. Schlielich
war man so weit, da Davoust zur letzten, endgltigen Entscheidung
drngte. Wieder waren sie beide ganz allein im Kabinett, nur ich war als
Dritter zugegen. Wieder ging Napoleon mit verschrnkten Armen auf und
ab. Ich lie ihn nicht aus den Augen, mein Herz klopfte stark. >Ich
gehe<, sagte Davoust. >Wohin?< fragte Napoleon. >Pferde einsalzen zu
lassen<, sagte Davoust. Napoleon zuckte zusammen, jetzt kam der
Augenblick der Entscheidung. >Kind,< wandte er sich pltzlich an mich,
>was meinst du zu unserem Vorhaben?< Natrlich fragte er mich nur, wie
bisweilen der klgste Mensch in einer wichtigen Frage lieber das Los
entscheiden lt, als da er's selbst tut ... wie man eine Mnze
hinwirft und Adler oder Schrift entscheiden lt. Doch statt an ihn
wandte ich mich an Davoust und sagte, fast auf hhere Eingebung: >Sehen
Sie lieber zu, General, da Sie noch mit heiler Haut davonkommen!< Damit
war das Projekt verworfen. Davoust zuckte nur mit der Achsel und brummte
beim Hinausgehen: >_Bah! Il devient superstitieux!_<{[37]} Am nchsten
Tage wurde der Befehl zum Rckzug gegeben.

Das ist natrlich alles sehr interessant, murmelte der Frst kaum
hrbar, wenn es nur auch wirklich so ... das heit, ich will nur sagen
... beeilte er sich, sich zu verbessern.

Oh, Frst! rief der General, der selbst von seiner Erzhlung so
begeistert war, da er sich nicht einmal mehr vor der grten
Unvorsichtigkeit zurckzuhalten vermocht htte. Sie sagen: >wenn es nur
auch wirklich so war!< Aber es war ja noch viel mehr, ich versichere
Sie, es war ja noch viel mehr als das! Das waren ja nur erst kleine
Nebensachen, politische Dinge. Aber ich versichere Sie, ich bin sogar
Zeuge seiner nchtlichen Trnen gewesen, ich habe das Sthnen dieses
groen Mannes gehrt, dessen aber kann sich auer mir keiner rhmen! Zum
Schlu allerdings, da weinte er nicht mehr, er sthnte nur noch, und
sein Gesicht wurde immer finsterer. Es war, als htte die Ewigkeit ihn
bereits mit ihren dunklen Fittichen beschattet. In manch einer Nacht
verbrachten wir beide ganze Stunden allein, schweigend -- der Mameluk
Rustan schnarchte im Nebenzimmer. Einen entsetzlich festen Schlaf hatte
dieser Mensch. >Dafr ist er mir und meiner Dynastie treu ergeben<,
sagte Napoleon von ihm. Einmal tat er mir unsglich leid, und pltzlich
bemerkte er eine Trne in meinem Auge: gerhrt blickte er mich an. >Du
bemitleidest mich!< rief er aus, >nur du, Kind, tust es, und vielleicht
wird es noch ein anderes Kind tun, mein Sohn, _le roi de Rome_!{[38]}
Die anderen alle hassen mich nur, und meine Brder werden die ersten
sein, die mich im Unglck verlassen!< Ich schluchzte laut auf und eilte
zu ihm -- da hielt auch er es nicht mehr aus, und Trnen strzten ihm
aus den Augen. >Oh, schreiben Sie, schreiben Sie an die Kaiserin
Josephine!< bat ich ihn schluchzend. Napoleon zuckte zusammen, dachte
nach und sagte dann zu mir: >Du hast mich an ein drittes Herz erinnert,
das mich liebt. Ich danke dir, Freund!< Und er setzte sich sogleich an
den Schreibtisch und schrieb an Josephine jenen Brief, mit dem dann am
nchsten Tage Constant nach Paris geschickt wurde.

Das war sehr gut von Ihnen, sagte der Frst, mitten in seinen
dsteren Gedanken riefen Sie ein lichtes Gefhl in ihm hervor.

Eben, Frst, und wie gut Sie das zu erklren verstehen, das entspricht
auch Ihrem eigenen Herzen! stimmte der General begeistert bei, und
seltsam: Trnen, wirkliche Trnen glnzten in seinen Augen. Ja, Frst,
ja, das war ein groer Anblick! Und wissen Sie, fast wre ich mit ihm
nach Paris gefahren, und dann htte ich ihn, versteht sich, auch nach
St. Helena begleitet, doch leider trennte uns das Schicksal! Er kam auf
jene wste Insel, wo er vielleicht in einer trben Stunde an die Trnen
jenes armen Knaben, der ihn einst umarmt und gekt, gedacht hat. Ich
aber -- kam damals in die Kadettenschule, wo ich nichts als Strenge fand
und die Roheit der Mitschler und ... Und dann war alles aus! >Ich will
dich deiner Mutter nicht entreien, deshalb nehme ich dich nicht mit,<
sagte er zu mir an dem Tage, als er Moskau verlie, >ich wrde aber gern
etwas fr dich tun.< Er war schon im Begriff, in den Sattel zu steigen.
>Schreiben Sie mir zum Andenken etwas ins Album meiner Schwester,< bat
ich schchtern, denn er war sehr zerstreut und dster. Er wandte sich
wirklich zurck, verlangte eine Feder, nahm das Album. >Wie alt ist
deine Schwester?< fragte er, die Feder bereits in der Hand. >Drei
Jahre<, antwortete ich. >_Petite fille alors._<{[39]} Und er schrieb ins
Album:

                         >_Ne mentez jamais._<
                 >_Napolon, votre ami sincre._<{[40]}

Ein solcher Rat in einem solchen Augenblick, Sie werden doch zugeben,
Frst, was!

Ja, das ist sehr bezeichnend.

Dieses Albumblatt hing unter Glas in einem goldenen Rahmen bis zum Tode
meiner Schwester in ihrem Empfangszimmer, auf der sichtbarsten Stelle
der Wand -- sie starb im Wochenbett --, wo es jetzt ist, wei ich nicht
... aber ... ach, mein Gott! Schon zwei Uhr! Wie ich Sie aufgehalten
habe, Frst! Das ist ja unverzeihlich!

Der General erhob sich.

Oh, im Gegenteil! murmelte der Frst. Sie haben mich so gut
unterhalten und ... schlielich ... es war so interessant, ich bin Ihnen
sehr dankbar dafr!

Frst! sagte der General, indem er ihn mit blitzenden Augen unverwandt
ansah und seine Hand fast schmerzhaft in der seinen drckte -- er schien
pltzlich wieder zur Besinnung gekommen und jetzt von irgendeinem klaren
Gedanken ganz betroffen zu sein, doch das dauerte nur einen Augenblick.
Frst! rief er aus, Sie sind dermaen gut und dermaen harmlos, da
Sie mir bisweilen leid tun und ich Sie nur mit Rhrung betrachten kann.
Oh, mge Gott der Herr Sie segnen! Mge Ihr Leben jetzt gut beginnen und
erblhen ... in der Liebe! Meines ist zu Ende! Oh, verzeihen Sie mir,
verzeihen Sie!

Er bedeckte sein Gesicht mit den Hnden und verlie schnell das Zimmer.
Wenigstens an der Echtheit seiner Aufregung konnte der Frst nicht
zweifeln, wenn er auch begriff, da der Alte ihn nur vor Freude ber
seinen Erfolg ganz begeistert verlassen hatte. Er fhlte es, da dieser
Mensch zu jener Kategorie von Lgnern gehrte, die, wenn sie auch bis
zur Leidenschaft, bis zur vlligen Selbstvergessenheit lgen, selbst im
Augenblick ihrer hchsten Ekstase im Herzen doch argwhnen, da man
ihnen nicht glaube, und ja auch gar nicht glauben knne. In seiner
gegenwrtigen Verfassung konnte der General, wenn er zur Besinnung
gekommen war, sich unertrglich schmen, den Frsten verdchtigen, da
er ihm nur aus bergroem Mitleid zugehrt habe, und sich dann selbst
tief gekrnkt fhlen.

Wre es nicht besser gewesen, ich htte ihn nicht bis zu dieser
Begeisterung gebracht? fragte sich der Frst beunruhigt, doch pltzlich
mute er lachen. Zwar wollte er sich auch schon sogleich wieder Vorwrfe
wegen dieses Lachens machen, sagte sich aber, da er sich gar nichts
vorzuwerfen habe, da der General ihm doch unendlich leid tat.

Seine Ahnung betrog ihn nicht: noch am Abend desselben Tages erhielt er
einen sehr seltsamen, kurzen, aber entschlossenen Brief, in dem der
General ihm mitteilte, da er von ihm auf ewig Abschied nehme, da er
ihn zwar achte und ihm dankbar sei: doch werde er jeden Ausdruck des
Mitleids, der die Wrde eines ohnehin schon erniedrigten Menschen noch
mehr erniedrige, stets zurckweisen. Dieser Brief beunruhigte den
Frsten nicht wenig, als er dann aber hrte, da der Alte sich bei Nina
Alexandrowna eingeschlossen hatte, sorgte er sich nicht weiter. Wie wir
bereits erzhlt haben, war der General inzwischen zu Jepantschins
gegangen und hatte -- um die Unterredung kurz wiederzugeben -- Lisaweta
Prokofjewna durch bittere Bemerkungen ber seinen Sohn Ganj emprt,
worauf er in beschmender Weise verabschiedet worden war. Deshalb
hatte er denn auch eine so schlechte Nacht verbracht und am Morgen die
Szenen im Hause seines Schwiegersohnes aufgefhrt, um dann, als er
schlielich ganz den Kopf verloren, halb irrsinnig auf die Strae
hinauszulaufen.

Kolj, der den Sachverhalt immer noch nicht ganz begriff, glaubte
zuerst, ihn mit Strenge am ehesten zur Vernunft bringen zu knnen.

Na, wohin soll's denn jetzt gehen, General, was meinen Sie? fragte er.
Zum Frsten wollen Sie nicht, mit Lebedeff haben Sie sich verzankt,
Geld haben Sie nicht, und ich pflege niemals welches zu haben: da sitzen
wir jetzt auf der Strae!

Mein Sohn, sitzen ist immer noch besser als stehen, antwortete der
General belehrend. Mit diesem ... Witz habe ich ... homerisches
Gelchter hervorgerufen im ... Offizierskreise ... Das war im Jahre
vierundvierzig ... Tausend ... achthundert und vierundvierzig, ja! Ich
entsinne mich ... Oh, erinnere mich nicht, erinnere mich nicht daran.
>Wo ist meine Jugend, wo blieb mein Lenz!< wie ... wie ... wer ...
welcher Poet hat das doch ausgerufen, Kolj?

Gogol, Papa, in seinen >Toten Seelen<, sagte Kolj mit einem etwas
ngstlichen Seitenblick auf den Vater.

>Die toten Seelen<! Oh, ja die Toten! Wenn du mich beerdigt hast, dann
schreibe auf mein Grab: >Hier ruht eine tote Seele!<

>Schmach und Schande verfolgen mich!< Wer hat das gesagt, Kolj?

Ich wei nicht, Papa.

Nicht Jeropjegoff? ... Jeroschka Jeropjegoff! schrie er pltzlich laut
wie auer sich und blieb auf der Strae stehen. Und das soll mein Sohn,
mein leiblicher Sohn sein! Jeropjegoff ist elf Monate lang wie ein
Bruder zu mir gewesen, fr ihn habe ich ein Duell ... Frst Wygorezkij,
unser Hauptmann, fragte ihn bei einer Flasche Wein: >Du, Grischa, wo
hast du denn eigentlich deinen Annenorden verdient, wenn du mir das
sagen knntest!< -- >Auf den Schlachtfeldern meines Vaterlandes, wenn
du's wissen sollst!< -- Ich schreie: >Bravo, Grischa!< Nun und da kam's
denn zum Duell, spter aber heiratete er ... Marja Petrowna Ssu...
Ssutugowa und ward erschossen in der Schlacht bei ... Die Kugel sprang
von meinem Orden ab und traf gerade seine Stirn. >Ich werde dich nie
vergessen!< rief er und fiel tot hin. Ich ... ich habe ehrlich dem
Vaterlande gedient, Kolj, ich bin immer anstndig gewesen, aber ...
>Schmach und Schande verfolgen mich!< Du und Nina, nur ihr zwei werdet
mein Grab besuchen ... >Arme Nina!< so pflegte ich sie frher stets zu
nennen, Kolj, in der ersten Zeit ... das ist jetzt schon lange her ...
sie hatte das so gern ... Nina, Nina! Was habe ich mit deinem Leben
gemacht! Wofr kannst du mich lieben, du geduldige Seele! Deine Mutter
ist ein Engel, Kolj, hrst du, ein Engel!

Ich wei es, Papa. Papa, Tubchen, gehen wir zurck nach Haus zu Mama!
Sie lief uns doch nach! Nun, was stehen Sie? Begreifen Sie denn nicht
... Nun, weshalb weinen Sie denn jetzt?

Kolj weinte dabei selbst und kte dem Vater die Hand.

Du kt mir die Hand, mir!

Ja, ja doch, Ihnen, Ihnen! Was ist denn dabei Wunderliches? Aber was
weinen Sie denn hier mitten auf der Strae, und das noch dazu als
General, als alter Soldat! Nun, gehen wir!

Gott segne dich dafr, mein kleiner Junge, da du zu mir Schmhlichem
so ehrerbietig bist ... Ja, zum schmachbedeckten, elenden Greise, deinem
Vater ... Mgest auch du einst einen solchen Sohn haben ... _le roi de
Rome_ ... Oh, >Fluch, Fluch diesem Hause<!

Aber, was hat denn das zu bedeuten! rief pltzlich Kolj in seiner
Angst aus. Was ist denn geschehen? Weshalb wollen Sie jetzt nicht nach
Hause kommen? Sind Sie denn ganz von Sinnen?

Ich werde dir erklren, alles erklren ... ich sage dir alles ...
schrei nur nicht, man knnte es sonst hren ... _le roi de Rome_ ... Oh,
mir ist bel, mir ist traurig zumut!

   >Amme, sag', wo ist dein Grab!<

Wer hat das gesagt, Kolj?

Ich wei nicht, ich wei nicht, wer es gesagt hat! Gehen wir jetzt nach
Haus, aber ohne Umwege, sofort! Ich werde schon den Ganj durchhauen,
wenn's ntig ist ... aber wohin wollen Sie denn jetzt wieder?

Der General zog ihn zur Treppe eines Hauses, von dem sie nicht weit
entfernt waren.

Wohin wollen Sie? Das ist doch ein fremdes Haus!

Doch der General lie sich nicht aufhalten, setzte sich auf eine Stufe
der Treppe und zog Kolj immer noch nher zu sich heran.

Beug' dich zu mir! murmelte er. Ich werde dir alles sagen ... die
Schmach ... beug' dich ... dein Ohr ... ich will dir ins Ohr sagen ...

Aber was denn! rief Kolj unsglich erschrocken, hielt aber doch sein
Ohr hin.

_Le roi de Rome_ ... flsterte der General, der am ganzen Krper zu
zittern schien.

Was? ... Was wollen Sie mit dem _roi de Rome_ ... Was?

Ich ... ich ... flsterte wieder der General, immer schwerer sich auf
die Schulter seines lieben Knaben sttzend, ich ... will ... ich werde
dir ... alles, Marja, Marja ... Petrowna Ssu-ssu-ssu ...

Kolj fuhr zurck, ergriff den Vater an den Schultern und starrte ihm
bleich vor Schreck ins Gesicht, das pltzlich purpurrot wurde, whrend
die Lippen sich blau frbten. Ein krampfhaftes, zitterndes Zucken lief
ber seine Zge. Pltzlich senkte sich der Oberkrper und sank immer
schwerer auf Koljs sttzende Arme.

Schlag! schrie pltzlich Kolj laut ber die ganze Strae, nachdem er
endlich erraten, was geschehen war.


                                   V.

Warwara Ardalionowna hatte im Gesprch mit ihrem Bruder alles, was sie
bei Jepantschins ber die Verlobung des Frsten mit Aglaja in
Erfahrung gebracht, genau genommen, ziemlich bertrieben. Allerdings war
es mglich, da sie mit dem Instinkt der echten Frau aus den erhaltenen
Mitteilungen das Bevorstehende um so sicherer erraten hatte. Vielleicht
aber hatte sie sich nach der eigenen Enttuschung blo die Genugtuung
nicht versagen knnen, auch dem Bruder, den sie sonst aufrichtig liebte,
eine ebenso groe, wenn nicht noch viel grere Enttuschung zu
bereiten. Jedenfalls ist es nicht anzunehmen, da ihre Freundinnen sie
so genau unterrichtet hatten: es werden wohl nur Andeutungen oder mit
Schweigen bergangene Fragen gewesen sein, aus denen dann Warj selbst
das Weitere gefolgert hatte. Vielleicht hatten auch Aglajas Schwestern
mit Absicht manches verlauten lassen, um auf diese Weise selbst von
Warj etwas zu erfahren. Endlich aber konnte es sich noch so verhalten,
da auch sie ihre ehemalige Gespielin ein wenig rgern wollten, denn da
sie in dieser langen Zeit berhaupt nichts von Warjs Plnen erraten
haben sollten, ist wohl nicht anzunehmen.

Andererseits kann man auch vom Frsten sagen, da er sich in einem
kleinen Irrtum befand, als er Lebedeff versicherte, da er ihm nichts
besonderes mitzuteilen habe, da mit ihm nichts besonderes geschehen sei.
Das war gerade das Eigentmliche an der Sache: es war allerdings nichts
geschehen, dabei war aber doch sehr viel geschehen, und gerade das hatte
Warwara Ardalionowna mit ihrem sicheren weiblichen Instinkt sogleich
erraten.

Wie es nun eigentlich gekommen war, da bei Jepantschins pltzlich alle
in dem Gedanken, Aglaja stehe vor einem entscheidenden Schritt und es
sei etwas Besonderes mit ihr vorgefallen, bereinstimmten, drfte nicht
leicht zu erklren sein. Doch kaum war dieser Gedanke aufgetaucht --
seltsamerweise kam er allen fast zu gleicher Zeit --, als auch alle
sogleich berzeugt waren, da sie es schon lngst bemerkt und klar
vorausgesehen htten, und zwar habe es bereits mit dem Armen Ritter
begonnen, oder noch frher, nur habe man an etwas so Widersinniges
anfangs berhaupt nicht glauben wollen. So wenigstens behaupteten die
Schwestern. Natrlich hatte Lisaweta Prokofjewna alles noch viel frher
vorausgesehen, und lange schon hatte ihr das Herz deshalb weh
getan; doch ob nun lange oder nicht lange, jedenfalls war ihr der
Gedanke an den Frsten qulend, und das hauptschlich deshalb, weil sie
so gar nicht wute, was sie nun eigentlich denken sollte. Vorlufig war
ihr nur eines klar: da es sich hier um eine Frage handelte, ber die
sie unverzglich mit sich selbst ins reine kommen mute; nur konnte sich
die arme Lisaweta Prokofjewna nicht einmal die Frage, d. h. worin diese
Frage nun eigentlich bestand, klar und deutlich vorlegen, von einem
Ins-Reine-Kommen ganz zu schweigen. Die Sache war in der Tat nicht
einfach: War nun der Frst berhaupt annehmbar? oder war er es nicht?
War das alles gut? oder war es nicht gut? Wenn es nicht gut war -- und
das war es zweifellos -- worin bestand dann das Schlechte? Wenn es aber
vielleicht gut war -- das war ja schlielich auch nicht so
ganz unmglich -- worin bestand dann wiederum das Gute? Das
Familienoberhaupt, der General Iwan Fedorowitsch, war ganz zuerst nur
einfach erstaunt und vllig baff, dann aber vernahm seine Gattin
wirklich das Gestndnis von ihm, da doch, bei Gott, auch ihm die ganze
Zeit so etwas hnliches geschienen habe, zwar nicht ohne weiteres und
nicht immer, aber mitunter doch so wie in etwa ... Er verstummte aber
schnell unter dem Blick seiner Gemahlin. Das war am Morgen -- am Abend
jedoch, als er mit ihr allein war und sich wiederum zu einer
Meinungsuerung gezwungen sah, sprach er ebenso pltzlich, doch
auffallend gut gelaunt ein paar uerst unerwartete Gedanken aus: Aber
schlielich -- was ist denn dabei so schlimm? ... meinte er. Die
Antwort der Generalin war Schweigen. Natrlich ist das alles immerhin
sehr seltsam, vorausgesetzt, da berhaupt etwas daran ist, doch im
brigen ... Schweigen. Andererseits aber, wenn man die Dinge positiv
betrachtet, das heit, so wie sie sind, so ist doch der Frst, bei Gott,
ein prchtiger Junge und ... und ... nun und schlielich ist doch auch
der Name etwas wert, der Name eines alten Geschlechts, und so etwas
nimmt sich doch gar nicht bel aus, ist sozusagen eine Aufrechterhaltung
des alten Stammes, und somit in den Augen der Gesellschaft ... das
heit, ich meine nur ... Gesellschaft bleibt Gesellschaft ... Und dann:
der Frst ist ja auch gerade kein Armer, wenn er auch gerade kein
Millionr ist, und ... und ... hm! ... Das Schweigen dauerte an, und
Iwan Fedorowitsch verstummte endgltig.

Als Lisaweta Prokofjewna ihren Mann angehrt hatte, war sie ber alle
Maen emprt.

Ihrer Meinung nach war alles nur ein unverzeihlicher und sogar im
hchsten Grade unschicklicher Unsinn, irgendein dummer phantastischer
Einfall und weiter nichts! Und zwar allein schon deshalb, weil dieser
elende Frst ein kranker Idiot, erstens, und zweitens ein Dummkopf ist,
der weder die Welt kennt noch eine Stellung in der Welt einnimmt. Wem
zeigst du ihn, wo kannst du ihn unterbringen? Ein Mensch mit ganz
unmglichen demokratischen Ideen, und nicht einmal im Staatsdienst steht
er, und ... und was wird die Bjelokonskaja sagen? Haben wir denn einen
solchen, einen solchen Mann fr Aglaja erwartet? Das letzte Argument
war selbstverstndlich das wichtigste. Ihr Mutterherz erzitterte bei
diesem Gedanken und weinte blutige Trnen, wenn sich auch gleichzeitig
in diesem Herzen etwas regte, das ihr pltzlich ganz gegen ihren Willen
die Frage aufzwang: Aber weshalb ist denn der Frst nicht der Richtige
fr Aglaja? Diese Widerlegungen des eigenen Herzens waren es gerade,
die der armen Lisaweta Prokofjewna am meisten zu schaffen machten.

Aglajas Schwestern jedoch erschien der Gedanke, den Frsten zum Schwager
zu bekommen, durchaus nicht so unmglich und sogar nicht einmal
sonderbar; im Gegenteil, sie waren sogar sehr fr ihn, nur schienen sie
beide stillschweigend beschlossen zu haben, vorlufig noch zu schweigen.
Sie wuten aus alter Erfahrung, da die Mutter, wenn sie sich am
hartnckigsten einer Sache widersetzte, sich dann im Herzen bereits
halbwegs mit ihr ausgeshnt hatte. brigens konnte Alexandra Iwanowna
doch nicht lange bei ihrem Schweigen bleiben: da es der Mutter nun
einmal zur Angewohnheit geworden war, ihre lteste in allen schwierigen
Dingen um Rat zu fragen, so rief sie sie auch jetzt fast stndlich zu
sich, um ihre Meinung zu hren oder -- und das vor allen Dingen -- um
sie immer wieder zu fragen, wie das nur alles gekommen wre, warum es
niemand frher bemerkt, weshalb man nicht frher davon gesprochen habe?
Und was hatte dieser verwnschte Arme Ritter zu bedeuten gehabt? Warum
war sie, Lisaweta Prokofjewna, allein dazu verurteilt, sich um alle zu
sorgen, alles zu bemerken und zu erraten, whrend die anderen einfach
schliefen? Alexandra Iwanowna war anfangs etwas vorsichtig und bemerkte
nur, da ihr die Auffassung des Vaters, die Gesellschaft wrde die
Verbindung einer Jepantschin mit dem Frsten Myschkin nur gutheien,
sehr richtig erschiene. Doch allmhlich geriet sie in Eifer und erklrte
unumwunden, da der Frst durchaus kein Dummkopf sei, und was seine
Bedeutung in der Gesellschaft anlange, so knne man doch gar nicht
wissen, wonach in ein paar Jahren das Ansehen eines Menschen in Ruland
beurteilt werden wrde: ob immer noch nach dem alten Mastabe, den
pflichtschuldigen Erfolgen im Staatsdienst, oder nach etwas ganz
anderem. Auf alle diese uerungen hatte die Generalin nur die eine
Antwort, da Alexandra eine Freidenkerin und da alle ihre Ansichten auf
diese unselige Frauenfrage zurckzufhren seien. Eine halbe Stunde
spter fuhr Lisaweta Prokofjewna nach Petersburg, wo sie sich nach dem
Kamennyj Ostrow[30] begab, um die alte Frstin Bjelokonskaja, die nur
auf kurze Zeit nach Petersburg gekommen war, zu besuchen. Die Frstin
war Aglajas Taufmutter.

Die alte Bjelokonskaja vernahm alle fieberhaften und verzweifelten
Gestndnisse Lisaweta Prokofjewnas mit ungewhnlicher Ruhe und lie sich
auch von ihren Trnen nicht rhren, ja fast blickte sie spttisch auf
sie herab. Sie war eine groe Despotin, die auch jetzt noch, nach
fnfunddreiigjhriger Freundschaft, ihre Lisaweta Prokofjewna
gewissermaen als ihren Schtzling betrachtete. Deshalb war ihr jede
Selbstndigkeit an der Generalin zum mindesten nicht nach Wunsch. In
ihrer Antwort bemerkte sie unter anderem, da man bei euch, meine
Liebe, nach alter Gewohnheit wieder aus einer Mcke einen Elefanten
gemacht hat. Oder wre es nicht besser, man wartete noch ein wenig ab!?
brigens halte sie den Frsten fr einen sehr anstndigen jungen Mann,
allerdings sei er krank, ein Sonderling und von etwas gar zu geringer
Bedeutung. Das Schlimmste sei jedoch, da er ganz offiziell eine
Geliebte unterhalte. Lisaweta Prokofjewna begriff natrlich, da die
Bjelokonskaja sich noch immer ein wenig ber den Mierfolg Jewgenij
Pawlowitschs rgerte, da sie ihn ganz besonders empfohlen hatte. Im
brigen kehrte sie noch gereizter nach Pawlowsk zurck, als sie
fortgefahren war. Zu Hause angelangt, erhielten alle Familienmitglieder
sogleich einen Verweis, hauptschlich deshalb, weil sie smtlich
verrckt geworden seien und es entschieden in keinem anderen Hause so
zugehe wie bei ihnen. Was ist denn eigentlich geschehen? Weshalb dieses
Geschrei? Ich wenigstens vermag nichts zu entdecken, nichts, das von so
auerordentlicher Wichtigkeit wre! Wartet doch, bis erst etwas
geschieht! Vieles, was Iwan Fedorowitsch >so vorkommt< -- was ist's in
Wirklichkeit? Man kann doch nicht immer aus einer Mcke einen Elefanten
machen! usw. usw.

Somit ergab sich also, da man sich beruhigen, kaltbltiger werden und
warten mute. Aber ach, das war leichter gesagt als getan: die Ruhe
dauerte keine zehn Minuten. Den ersten erschtternden Sto erhielt
Lisaweta Prokofjewnas Kaltbltigkeit durch die Mitteilung dessen, was
sich whrend ihrer Abwesenheit zugetragen hatte. (Es war das am Tage
nach jenem nchtlichen Besuch des Frsten, als er, im Glauben, es sei
erst zehn Uhr, um ein Uhr nachts bei ihnen erschienen war.) Die
Schwestern erzhlten auf die immer ungeduldiger werdenden Fragen der
Generalin, da eigentlich so gut wie nichts in ihrer Abwesenheit
geschehen sei, der Frst sei nur gekommen, Aglaja habe sich jedoch lange
nicht gezeigt, erst nach etwa einer halben Stunde wre sie dann
erschienen und habe dem Frsten sogleich den Vorschlag gemacht, eine
Partie Schach zu spielen. Da nun der Frst ein sehr schlechter
Schachspieler sei, habe ihn Aglaja mit Leichtigkeit geschlagen, sich
sehr darber gefreut, ihn wegen seines Nichtknnens gehrig aufgezogen
und so ber ihn gelacht, da der Frst ihnen geradezu leid getan habe.
Darauf habe sie ihm eine Partie Duraki[31] vorgeschlagen, doch hier
sei es umgekehrt gekommen: der Frst habe sich als ein vorzglicher
Durakispieler erwiesen, er habe wirklich meisterhaft gespielt, wie ...
wie ein Professor. Aglaja habe zwar auf alle Arten zu gewinnen
versucht, habe betrogen, die Karten falsch ausgegeben und vor seinen
Augen seine Stiche gestohlen, doch trotzdem habe der Frst sie jedesmal
zum Durak gemacht, von fnf Partien habe sie keine einzige gewonnen.
Das habe Aglaja ber alle Maen gergert, sogar so sehr, da sie sich
vllig vergessen und dem Frsten solche Anzglichkeiten und
Ungezogenheiten ins Gesicht gesagt habe, da der Frst nicht nur zu
lachen aufgehrt habe, sondern sogar ganz bleich geworden sei, bis sie
schlielich ausgerufen, da sie dieses Zimmer nicht mehr betreten werde,
solange er hier se, und da es von ihm geradezu gewissenlos sei, sie
weiterhin zu besuchen, und noch dazu um ein Uhr nachts ins Haus zukommen
--: _nach allem, was geschehen sei_! Und damit sei sie hinausgegangen
und habe zornig die Tr hinter sich zugeschlagen. Der Frst sei hierauf
aufgestanden und ungeachtet all ihrer Beruhigungen und Trostversuche so
traurig wie von einer Beerdigung heimgegangen.

Doch siehe da, kaum eine Viertelstunde nach dem Fortgehen des Frsten
sei Aglaja ganz pltzlich aus ihrem Zimmer, das im oberen Stock lag, die
Treppe heruntergerast und auf die Terrasse gelaufen -- alles das in
einer solchen Eile, da sie ihre verweinten Augen nicht einmal zu
verbergen gesucht habe, und zwar deshalb, weil -- Kolj mit einem Igel
erschienen war. Alle hatten sich alsbald um den Igel versammelt und ihn
interessiert betrachtet. Auf ihre Fragen habe Kolj erklrt, da der
Igel nicht ihm gehre; er, Kolj, sei mit seinem Freunde, dem
Gymnasiasten Kostj Lebedeff, der unten auf der Strae auf ihn warte
(dieser hatte sich geniert, einzutreten, da er ein Beil trug), sei also
mit diesem Kostj Lebedeff gegangen, und unterwegs htten sie von einem
Bauern, der ihnen begegnet, den Igel fr fnfzig Kopeken gekauft, und
dann htten sie ihn noch beredet, ihnen auch das Beil zu verkaufen, denn
es wre doch eine gute Gelegenheit und ein sehr gutes Beil gewesen. Da
habe Aglaja pltzlich den Kolj flehentlich zu bitten begonnen, ihr den
Igel zu verkaufen, ja, sie habe sogar lieber, lieber Kolj zu ihm
gesagt, doch Kolj habe lange nicht eingewilligt, endlich aber habe er
sich erweichen lassen und Kostj Lebedeff gerufen, der dann auch mit
seinem Beil erschienen und sehr verlegen gewesen sei. Da aber hatte es
sich dann pltzlich herausgestellt, da der Igel gar nicht ihnen,
sondern einem dritten Jungen gehrte, einem gewissen Petroff, der ihnen
Geld gegeben hatte, damit sie ihm Schlossers Weltgeschichte von
irgendeinem vierten Jungen, der das Werk infolge Geldmangels billig
abgab, kaufen sollten; sie aber hatten nun, statt Schlossers
Weltgeschichte, unterwegs diesen Igel gekauft, da sie beide der
Versuchung nicht hatten widerstehen knnen: folglich aber gehrten der
Igel und das Beil jenem dritten Jungen, dem sie sie nun an Stelle der
Weltgeschichte zu berbringen im Begriff gewesen waren! Doch Aglaja habe
nicht nachgelassen und immer dringender gebeten, bis die Jungen sich zum
Verkauf des Igels entschlossen htten. Hierauf habe Aglaja den Igel
sogleich mit Koljs Hilfe in ein Krbchen eingepackt und mit einer
Serviette hbsch zugedeckt. Und dann habe sie Kolj gebeten, sogleich,
unverzglich, ohne sich irgendwo aufzuhalten, dieses Krbchen dem
Frsten zu bringen, mit der Bitte, es in ihrem Namen als Beweis ihrer
grten Hochachtung empfangen zu wollen. Kolj habe mit Freuden
eingewilligt, habe aber sogleich, naseweis wie er war, zu fragen
begonnen, was denn dieser Igel und ein solches Geschenk berhaupt fr
eine Bedeutung habe. Aglajas Antwort sei gewesen, da das nicht seine
Sache sei und ihn somit nichts angehe. Hierauf habe Kolj geuert, da
seiner berzeugung nach der Igel unbedingt ein Symbol sein msse.
Darber habe sich Aglaja gergert und ihm gesagt, er sei ein dummer
Bengel und weiter nichts. Doch Kolj, der auch nicht auf den Mund
gefallen sei, habe sofort entgegnet, da er, wenn er in ihr nicht das
Weib und berdies seine berzeugungen achtete, ihr unverzglich beweisen
wrde, da er auf eine solche Beleidigung zu entgegnen wisse. Geendet
habe der Streit aber doch damit, da Kolj strahlend mit dem Igel
abgezogen sei, gefolgt von dem gleichfalls strahlenden Kostj Lebedeff.
Als jedoch Aglaja, die ihnen nachgeschaut, bemerkt hatte, da Kolj den
Korb schaukelte, habe sie ihm von der Terrasse fast ngstlich
nachgerufen: Kolj, Tubchen, bitte, werfen Sie den Igel nicht heraus!
ganz als htte sie sich durchaus nicht soeben noch mit ihm gezankt. Und
da sei denn Kolj stehengeblieben und habe ebenso freundlich, d. h.
gleichfalls so, als wre nichts Bses vorgefallen, und mit der grten
Bereitwilligkeit, zurckgerufen: Nein, ich werde ihn nicht
herauswerfen, Aglaja Iwanowna. Sie knnen ganz ruhig sein! worauf er
seinen Weg eilig und freudig fortgesetzt hatte. Aglaja aber habe
entsetzlich zu lachen begonnen und sei uerst zufrieden in ihr Zimmer
zurckgekehrt und berhaupt den ganzen Tag beraus lustig gewesen.

Lisaweta Prokofjewna war wie betubt. Doch im Grunde genommen: was war
denn schlielich so Ungeheuerliches geschehen? Nichtsdestoweniger
erreichte ihre Unruhe die uerste Grenze. Die Hauptsache war -- der
Igel! Was bedeutet ein Igel? Was sollte dieses Geschenk? Was sollte das,
was hie das, was war darunter zu verstehen?! Zum Unglck mute Iwan
Fedorowitsch, der gerade zugegen war, durch seine Antwort die Sache noch
bengstigend verschlimmern. Seiner Meinung nach war hier gar nichts
darunter zu verstehen, ein Igel ist ein Igel und weiter nichts --
hchstens, da er noch Freundschaft bedeutet, vergessene Krnkung,
Vershnung und so weiter, kurz und gut, das Ganze ist doch nur ein
Scherz, jedenfalls aber ein unschuldiger und verzeihlicher.

Nebenbei bemerkt -- er hatte alles vollkommen richtig erraten. Der Frst
war, nachdem er von Aglaja verspottet und beschimpft und fast
hinausgeworfen worden, nach Hause zurckgekehrt, und hatte wohl ber
eine halbe Stunde in einer dsteren, fast verzweifelten Stimmung
verbracht -- als pltzlich Kolj mit dem Igel im Krbchen erschien. Da
klrte sich der Himmel im Augenblick auf: der Frst schien frmlich von
den Toten aufzuerstehen, berschttete Kolj mit Fragen, hing an seinen
Lippen, fragte wieder und nochmals, so da Kolj dem Inhalte nach wohl
zehnmal ein und dasselbe erzhlte. Der Frst war selig wie ein Kind und
blickte mit sonnigen Augen die Knaben an, die auch ihn mit lachenden
Blicken betrachteten und die seinen Hndedruck -- er dankte unzhlige
Male -- ebenso froh und von Herzen erwiderten. Aglaja hatte ihm also
verziehen! und nun konnte er wieder zu ihr gehen! konnte noch an diesem
Abend hingehen! das aber war doch die Hauptsache -- mehr verlangte er ja
gar nicht!

Was fr Kinder wir doch noch sind, Kolj! und ... und ... wie gut das
doch ist, da wir solche Kinder sind! rief er zu guter Letzt ganz
begeistert aus.

Ach, ganz einfach, sie ist in Sie verliebt, Frst, und das ist alles!
versetzte Kolj berzeugt.

Der Frst wurde feuerrot, sagte aber diesmal kein Wort, whrend Kolj
schallend auflachte und vor Freude in die Hnde klatschte. Nach einer
Weile lachte auch der Frst, dann aber blickte er alle fnf Minuten nach
der Uhr, um zu sehen, ob noch viel Zeit bis zum Abend sei und ob er
nicht schon hingehen knne.

Bei Jepantschins aber war es zu Ende mit der Kaltbltigkeit: Lisaweta
Prokofjewna war mehr als nervs, war geradezu hysterisch erregt und
lie, ungeachtet der Einwendungen ihres Gatten und der beiden lteren
Schwestern, Aglaja sogleich zu sich rufen, um von ihr eine endgltige,
klare Antwort zu erhalten, damit das endlich einmal aufhrt und man die
Geschichte ein fr allemal vom Halse hat, denn sonst -- bin ich noch vor
dem Abend tot, einfach tot!

Wie gro aber war ihre Verwunderung, von Aglaja nichts anderes zu hren,
als -- nach scheinbarem Erstaunen -- Ausdrcke des Unwillens, sowie
spttische Bemerkungen und Gelchter ber den Frsten und ber dieses
ganze Verhr. Lisaweta Prokofjewna legte sich halb krank zu Bett und
stand erst zum Tee wieder auf, da sie den Frsten erwartete. Als dieser
dann auch endlich erschien, konnte sie sich kaum noch beherrschen vor
innerer Unruhe.

Schchtern, fast ganz verzagt, trat der Frst ein, mit einem seltsamen
Lcheln im Gesicht und einem noch seltsameren Blick, mit dem er jedem in
die Augen sah, und der fragen zu wollen schien, weshalb denn -- Aglaja
nicht im Zimmer war. Das hatte ihn sogleich erschreckt. Es war an diesem
Abend niemand auer der Familie anwesend. Frst Sch. weilte in
Petersburg, da ihm und Jewgenij Pawlowitsch der Skandal, den der Tod von
dessen Onkel hervorgerufen, immer noch viel zu schaffen machte. Wenn
doch Frst Sch. jetzt hier wre, der knnte wenigstens ein Gesprch
anknpfen! dachte Lisaweta Prokofjewna ganz verzweifelt. Iwan
Fedorowitsch sa mit einer uerst besorgten Miene da und wute offenbar
nichts zu reden; zum Unglck schwiegen auch die Schwestern und machten
ernste Gesichter. Mein Gott, wovon soll man sprechen! dachte Lisaweta
Prokofjewna, ohne einen rettenden Gedanken zu finden. Schlielich nahm
sie sich energisch zusammen, erzhlte kurz, da sie in Petersburg
gewesen sei, und sprach dann sehr abfllig ber die Eisenbahn, worauf
sie mit entschiedener Herausforderung den Frsten anblickte.

Doch wehe, Aglaja kam noch immer nicht, und der Frst verlor seinen
letzten Mut. Kaum verstndlich, fast stotternd uerte er auch seine
Meinung, da eine Verbesserung der Bahn sicherlich sehr ntzlich wre,
doch pltzlich hielt es Adelaida nicht aus und lachte hell auf. Da war
der Frst wieder wie vernichtet. In diesem Augenblick erschien Aglaja.
Ruhig und vornehm und etwas zeremoniell erwiderte sie den Gru des
Frsten, nahm feierlich den sichtbarsten Platz am runden Tisch ein und
blickte fragend den Frsten an. Alle begriffen, da jetzt der Augenblick
der Entscheidung gekommen war.

Haben Sie meinen Igel erhalten? fragte sie mit fester Stimme, fast
bse.

Ja, ich habe ihn erhalten, antwortete der Frst, indem er errtete und
kaum zu atmen wagte.

Haben Sie dann die Gte, mir sofort zu erklren, was Sie darber
denken. Das ist zur Beruhigung meiner Mutter und der ganzen Familie
unbedingt erforderlich.

Hr' mal, Aglaja ... stotterte der General beunruhigt.

Das, das geht ja ber alle Grenzen! rief Lisaweta Prokofjewna
erschrocken.

Hier handelt es sich nicht um Grenzen, Mama, versetzte das Tchterchen
sogleich in strengem Tone. Ich habe -- und das ist alles -- heute dem
Frsten einen Igel gesandt und will nun die Ansicht des Frsten hren.
Also bitte, Frst, reden Sie jetzt.

Das heit, was fr eine Ansicht, Aglaja Iwanowna?

ber den Igel.

Das heit, ich denke, Aglaja Iwanowna, Sie wollen erfahren wie ich ...
den Igel empfangen ... oder ... ich wollte sagen, wie ich diese
Zusendung ... des Igels ... aufgefat habe ... In dem Fall mu ich
gestehen, da ich ... mit einem Wort, da ich ...

Er verwirrte sich rettungslos und verstummte.

Nun, viel haben Sie nicht gesagt, meinte Aglaja, nachdem sie noch eine
Weile gewartet hatte. Aber gut, ich gebe mich damit zufrieden, lassen
wir den Igel. Es freut mich sehr, da ich endlich Gelegenheit habe, alle
diese Miverstndnisse, die sich hier aufgehuft haben, beseitigen zu
knnen. Gestatten Sie also, endlich von Ihnen persnlich zu erfahren:
bewerben Sie sich um meine Hand oder nicht?

Groer Gott! entfuhr es der Generalin.

Der Frst zuckte zurck, wie von einem Schlage getroffen; Iwan
Fedorowitsch erstarrte; die Schwestern zogen mibilligend die Brauen
zusammen.

Lgen Sie nicht, Frst, sagen Sie die volle Wahrheit. Ich mu mir
Ihretwegen die seltsamsten Verhre gefallen lassen. Haben diese Verhre
nun irgendeine Berechtigung: das ist es, was ich wissen will. Nun!

Ich habe nicht um Ihre Hand geworben, Aglaja Iwanowna, sagte der
Frst, pltzlich wieder zu sich kommend. Aber ... Sie wissen, wie ich
Sie liebe und an Sie glaube ... sogar jetzt ...

Ich frage Sie: werben Sie um mich oder nicht?

Ich ... werbe um Sie, sagte der Frst leise.

Es folgte eine allgemeine Bewegung.

Aber, mein Freund, das geht doch nicht so! stammelte Iwan
Fedorowitsch, nicht wenig erregt. Das ... das ist fast unmglich, wenn
es so ist, Aglaja ... Verzeihen Sie, Frst, verzeihen Sie, mein Lieber!
... Lisaweta Prokofjewna! wandte er sich hilfesuchend an seine Gattin,
hier mte man doch vor allen Dingen versuchen, dachte ich, den
Sachverhalt zu ... begreifen ...

Ich weigere, ich weigere mich, zu begreifen! rief Lisaweta
Prokofjewna, mit beiden Hnden abwehrend.

Erlauben Sie, _maman_, da auch ich zu Wort komme. Habe ich doch in
dieser Angelegenheit wohl auch etwas zu bedeuten! Der entscheidende
Augenblick meines Schicksals naht heran (Aglaja drckte sich
buchstblich so aus) und daher will ich alles vorher genau feststellen.
Es freut mich, da es in Gegenwart aller geschieht ... Gestatten Sie
also, Frst, die Frage: wenn Sie solche Absichten hegen, womit gedenken
Sie dann mein Glck zu begrnden?

Ich wei nicht, wirklich ... ich wei nicht, Aglaja Iwanowna, was ich
Ihnen sagen soll; hier ... hier ... Was soll man denn darauf antworten?
Ja und ... ist es denn berhaupt ntig?

Sie scheinen verwirrt, befangen, auer Atem zu sein, erholen Sie sich
ein wenig, und sammeln Sie Ihre Krfte; trinken Sie ein Glas Wasser;
brigens wird man Ihnen sogleich Tee reichen.

Ich liebe Sie, Aglaja Iwanowna, ich liebe Sie sehr, ich liebe nur Sie
allein und ... scherzen Sie, bitte, nicht, ich habe Sie sehr, sehr
lieb.

Aber, einstweilen, -- es ist das doch eine wichtige Sache, wir sind
keine Kinder, und man mu ernstlich ... nun, ich meine: einstweilen
haben Sie die Gte, sich jetzt die Mhe zu nehmen, mir Ihre
Vermgensverhltnisse zu erklren.

Aber ... aber, Aglaja! Was fllt dir ein! Das geht doch nicht so, das
geht doch nicht ... stotterte Iwan Fedorowitsch geradezu angstvoll.

Diese Schmach! stie Lisaweta Prokofjewna hervor.

Sie ist verrckt! sagte Alexandra Iwanowna laut.

Vermgen ... das heit Geld, wieviel Geld ich besitze? fragte der
Frst verwundert.

Genau das.

Ich ... ich habe ... ich besitze noch hundertfnfunddreiigtausend
Rubel, sagte der Frst leise, indem er errtete.

Nu--ur? wunderte sich Aglaja ganz offen, ohne ihrerseits auch nur im
geringsten zu errten. brigens, tut nichts; wenn man konomisch lebt
... Beabsichtigen Sie, in den Staatsdienst zu treten?

Ich hatte die Absicht, ein Examen als Lehrer abzulegen ...

Sehr vernnftig; das wrde unsere Mittel natrlich um ein Bedeutendes
vermehren. Sie beabsichtigen also nicht, Kammerjunker zu werden?

Kammerjunker? Das habe ich mir noch nie vorgestellt, aber ... aber ...

Doch hier konnten sich die Schwestern nicht mehr bezwingen und brachen
in schallendes Gelchter aus. Adelaida hatte am Zucken der Mundwinkel
Aglajas erraten, da sie selbst kaum noch ernst zu bleiben vermochte.

Aglaja blickte die Lachenden im ersten Augenblick drohend an, doch schon
nach einer Sekunde brach sie selbst in das unbndigste, in ein krankhaft
unbezwingbares Lachen aus, sprang dann pltzlich auf und lief aus dem
Zimmer.

Ich wute ja, da es von ihr nichts als Scherz war! rief Adelaida
immer noch lachend, schon vom Igel an!

Nein, das ist aber doch emprend, nein, das dulde ich nicht, das dulde
ich auf keinen Fall! fuhr Lisaweta Prokofjewna zornig auf und ging
eilig ihrer Tochter nach.

Ihr folgten sogleich auch die Schwestern. Im Zimmer blieben nur der
Frst und Iwan Fedorowitsch zurck.

Das, das ... httest du dir so etwas denken knnen, Lew
Nikolajewitsch? rief der General, offenbar ohne selbst zu wissen, was
er sagen wollte. Nein, im Ernst, sag' vollkommen im Ernst?

Ich sehe, da Aglaja Iwanowna sich ber mich lustig gemacht hat, sagte
der Frst tief niedergeschlagen.

Wart, mein Freund, ich werde sogleich hingehen, du aber, bleib hier ...
denn ... -- So erklr' doch du mir wenigstens, Lew Nikolajewitsch: wie
ist denn das alles gekommen und was hat das alles zu bedeuten? Du siehst
doch ein, mein Bester, ich bin doch -- der Vater. Und als Vater mu ich
doch auch etwas wissen, daher erklre du mir doch wenigstens -- denn,
nicht wahr, das geht doch nicht so!

Ich liebe Aglaja Iwanowna. Ich wei es und ... ich glaube, sie wei es
schon lange.

Der General zog die Schultern in die Hhe.

Sonderbar, hchst sonderbar! ... Und du liebst sie sehr?

Ich liebe sie ... sehr.

Hm, sonderbar ... tja, aber was ist da zu machen? Ich gestehe, das ist
mir eine solche berraschung, solch ein Schlag geradezu, da ... Sieh
mal, mein Lieber, ich rede nicht vom Vermgen, -- obschon ich, wenn ich
ehrlich sein soll, gedacht htte, da dir mehr briggeblieben sei --
aber ... es handelt sich fr mich hier nur um das Glck meiner Tochter
... und deshalb ... bist du nun auch fhig, sozusagen, dieses Glck ...
zu begrnden -- das mcht' ich nur wissen? Und ... und ... was ist das
schlielich: Scherz oder Ernst? Das heit, nicht deinerseits, sondern,
versteht sich, nur ihrerseits?

Aus dem Nebenzimmer ertnte Alexandras Stimme: sie rief den Papa.

Wart', mein Freund, wart'! Bleib hier und berleg' dir die Sache, ich
werde im Augenblick ... sagte er in aller Eile, indem er fast
erschrocken dem Ruf Alexandras folgte.

Doch was er im Nebenzimmer vorfand, hatte er eigentlich nicht erwartet:
seine Frau und seine Tochter Aglaja saen eng umschlungen und vergossen
beide Trnen. Es waren Trnen der Freude, der Rhrung und der
Vershnung. Aglaja kte der Mutter die Hnde, die Wangen, die Lippen,
und beide preten sie sich eng, eng aneinander.

Nun sieh, da hast du sie, Iwan Fedorowitsch, so ist sie jetzt! sagte
Lisaweta Prokofjewna.

Aglaja wandte ihr glckliches, ganz verweintes Gesichtchen, das sie an
der Brust der Mutter verborgen hatte, dem Papa zu, schaute ihn an und
lachte laut auf. Im nchsten Augenblick war sie schon aufgesprungen, lag
an seiner Brust, umarmte ihn krampfhaft und kte ihn mehrmals. Und im
allernchsten Augenblick sa sie wieder auf dem Scho der Mutter, und
verbarg an deren Brust ihr Gesicht, damit niemand sie she, und wieder
weinte sie herzbrechend. Lisaweta Prokofjewna streichelte sie zrtlich
und bedeckte sie mit dem einen Ende ihres Schals.

Nun, was, was tust du jetzt mit uns, du grausames Mdchen, das du nach
alldem bist, pfui! sagte sie mit mtterlichem Vorwurf, doch klang es
bereits wie aus innerer Freude gesprochen, als sei ihr eine wahre Last
vom Herzen gefallen und als knne sie leichter atmen.

Grausam! Ja! Grausam! griff pltzlich Aglaja heftig das Wort auf.
Einfach ein Scheusal! Verzogen! Eigensinnig! Sagen Sie das Papa. Ach,
er ist ja hier. Papa, sind Sie noch hier? Hren Sie? lachte sie wieder
unter Trnen.

Mein kleiner Liebling, mein Herzenskind! Der General strahlte vor
Glck und kte ihre Hand, die Aglaja, nebenbei bemerkt, nicht fortzog.
Dann liebst du also diesen jungen Mann? ...

O pfui, gar nicht! Ich kann ihn nicht ausstehen ... euren jungen Mann,
ich hasse ihn einfach! brauste Aglaja pltzlich wild auf, und sie erhob
wieder den Kopf. Und wenn Sie, Papa, noch einmal wagen ... Ich sage es
im Ernst, hren Sie: im Ernst!

Und sie sprach es auch wirklich vollkommen im Ernst: sie wurde ganz rot
dabei, und ihre Augen blitzten auf. Der Papa schwieg erschrocken, doch
Lisaweta Prokofjewna gab ihm ber Aglajas Kpfchen hinweg einen Wink,
den er als Nicht ausfragen! ganz richtig verstand.

Wenn es so ist, mein Engel, dann natrlich -- wie du willst ... das
hngt nur von dir ab. Aber er wartet jetzt dort allein -- sollte man ihm
nicht andeutungsweise zu verstehen geben, da er sich verabschieden
knnte?

Der General gab nun wiederum seinerseits Lisaweta Prokofjewna einen
Wink.

Nein, nein, das ist gar nicht ntig, und erst recht nicht so ...
andeutungsweise. Geht nur zu ihm hinein, alle, alle, ich komme dann
nach, gleich nach euch. Ich will diesen ... jungen Mann um Verzeihung
bitten, ich habe ihn gekrnkt.

Und unverzeihlich gekrnkt! bekrftigte Iwan Fedorowitsch sehr ernst.

Nun dann ... bleibt lieber alle hier, und ich werde zuerst allein zu
ihm gehen, ihr aber mt dann sogleich nachkommen, in derselben Sekunde
noch, so wird es besser sein.

Sie ging zur Tr, hatte den Griff bereits in der Hand, doch pltzlich
wandte sie sich wie hilflos wieder zurck.

Ich werde lachen! Ich werde sterben vor Lachen! klagte sie traurig.

Doch im selben Augenblick klinkte sie auch schon pltzlich die Tr auf
und lief hinein -- zum Frsten.

Nun, was hat das zu bedeuten? Was meinst du? flsterte Iwan
Fedorowitsch hastig seiner Gattin zu.

Ich frchte, es auch nur auszusprechen, antwortete Lisaweta
Prokofjewna ebenso, aber meiner Ansicht nach ist es doch klar ...

Auch meiner Ansicht nach ist es klar. Klar wie der Tag. Sie liebt.

Sie liebt nicht nur, sie ist sogar verliebt! uerte sich Alexandra
Iwanowna. Nur in wen, fragt es sich?

Gott segne sie, wenn das ihr Schicksal sein sollte! sagte Lisaweta
Prokofjewna und bekreuzte sich andchtig.

Dann ist nichts mehr zu wollen, meinte der General, seinem Schicksal
entgeht keiner.

Und alle begaben sich ins Empfangszimmer, um den Frsten und Aglaja
nicht allein zu lassen. Doch siehe, dort harrte ihrer eine neue
berraschung.

Aglaja hatte nicht etwa zu lachen begonnen, als sie sich dem Frsten
genhert, sondern hatte ihm fast schchtern die Hand gereicht und
gesagt:

Verzeihen Sie dem dummen, schlechten, verzogenen Mdchen, und seien Sie
berzeugt, da wir Sie alle unendlich achten. Und wenn ich gewagt habe,
Ihre prchtige ... gute Treuherzigkeit zu verspotten, so verzeihen Sie
es mir, wie man einem Kinde eine Unart verzeiht. Verzeihen Sie, da ich
auf einer Unmglichkeit bestand, die natrlich nicht die geringsten
Folgen haben kann ...

Die letzten Worte sprach Aglaja dabei mit besonderem Nachdruck.

Der Vater, die Mutter und die Schwestern waren noch rechtzeitig
eingetreten, um diese letzten Worte zu hren, und sowohl deren Bedeutung
wie die ernste Miene Aglajas kamen ihnen so unerwartet, da sie sich
erstaunt und fragend ansahen. Nur der Frst schien den Sinn der Worte
nicht begriffen zu haben.

Weshalb reden Sie so, stammelte er berglcklich, weshalb ... bitten
Sie um Verzeihung ...

Er wollte noch sagen, da er gar nicht wert sei, um Verzeihung gebeten
zu werden. Doch -- wer kann es wissen -- vielleicht hatte er den Sinn
der letzten Worte sehr wohl begriffen, als sonderbarer Mensch aber sich
vielleicht sogar auch ber diesen Sinn gefreut? Zweifellos war es fr
ihn schon der Gipfel der Glckseligkeit, da er jetzt unbehindert Aglaja
wrde besuchen knnen, da man ihm erlauben wrde, mit ihr zu reden, bei
ihr zu sitzen, mit ihr spazieren zu gehen, und vielleicht htte ihm das
auch sein Leben lang gengt! (Diese Gengsamkeit war es aber gerade, die
Lisaweta Prokofjewna im stillen frchtete: sie war die einzige, die ihn
erkannte. Oh, vieles frchtete sie im geheimen, was sie vielleicht
selbst kaum auszusprechen verstanden htte!)

Es ist schwer, sich vorzustellen, in welch einem Mae sich der Frst an
diesem Abend belebte. Er sprhte frmlich und war von einem Feuer
erfllt, da man, ob man wollte oder nicht, sich gleichfalls begeistert
fhlte -- wie spter Aglajas Schwestern erzhlten. Er kam zum erstenmal
nach jenem Vormittag, den er vor sechs Monaten bei Jepantschins
verbracht hatte, wieder ins Reden, denn seit seiner Rckkehr nach
Petersburg war er ersichtlich schweigsam und zurckhaltend gewesen. Zu
Frst Sch. hatte er einst gesagt -- es war an jenem Abend, an dem sie
nachher zum Konzert gegangen waren --, da er sich bezwingen und
schweigen msse, weil er nicht das Recht habe, seine Gedanken zu
erniedrigen, indem er dieselben ungeschickt aussprche. Heute aber war
er es allein, der den ganzen Abend ber sprach; er erzhlte viel, und
wenn hin und wieder Fragen an ihn gestellt wurden, dann antwortete er
klar und ausfhrlich und mit sichtlicher Freude. Doch von Liebe war mit
keinem Wort mehr die Rede, wie auch sonst nichts an ihm Verliebtheit
verriet. Es waren alles so ernste Dinge, von denen er sprach, mitunter
uerte er sogar so tiefe Gedanken, und legte einige seiner
Anschauungen, seiner eigenen geheimen Beobachtungen dar, da das Ganze
vielleicht lcherlich gewirkt htte, wenn es von ihm aus nicht so
vorzglich klar gemacht worden wre, wie sich spter seine Zuhrer
uerten. Der General hatte zwar sonst ernste Unterhaltungen sehr gern,
doch diesmal fand im geheimsten Innern auch er, ganz wie die Generalin,
da es denn doch etwas zu viel des Ernstes und der Philosophie war, so
da sie zum Schlu beide ganz traurig und nachdenklich wurden. brigens
war der Frst zu guter Letzt so animiert, da er noch ein paar kstliche
Anekdoten zum besten gab, ber die er selbst so ausgelassen lachen
konnte, da die anderen schon bei seinem Anblick mitlachen muten.
Aglaja dagegen sprach fast den ganzen Abend ber kein Wort, dafr aber
hing sie frmlich an den Lippen des Frsten, keine Silbe entging ihr,
die er sprach, und keinen Blick wandte sie von ihm ab.

Und wie sie ihn ansah! Sie verschlang ihn ja frmlich mit den Augen,
als ob ihr kein Buchstabe entgehen drfte, sagte Lisaweta Prokofjewna
spter zu ihrem Gatten. Sagst du ihr aber, da sie liebt, dann trage
nur schnell alle Heiligen hinaus!

Tja, da lt sich nichts ndern -- Schicksal! meinte der General
achselzuckend. Und das war nicht das letztemal, da er dieses Wort
gebrauchte. Es mu hier bemerkt werden, da ihm als General und
Geschftsmann sehr vieles an dem vorlufigen Stand der Dinge mifiel, so
vor allem die Unklarheit. Doch beschlo er trotzdem, bis dahin noch zu
schweigen und ... lieber seiner Lisaweta Prokofjewna in die Augen zu
schauen.

Leider hielt die frohe Stimmung der Familie nicht lange an. Schon am
nchsten Tage verfeindete sich Aglaja mit dem Frsten, vershnte sich
dann zwar wieder mit ihm, doch -- auf wie lange? Am anderen Tage begann
sie von neuem zu streiten. Oft machte sie sich stundenlang ber ihn
lustig und stellte ihn fast als Narren hin, oft aber saen sie wiederum
stundenlang in der Laube des Blumengartens ihrer Villa, doch konnten die
anderen dann immer nur sehen, da der Frst ihr fast die ganze Zeit aus
irgendeinem Buch oder einer Zeitung vorlas.

Wissen Sie, unterbrach ihn Aglaja einmal beim Zeitunglesen, es ist
mir aufgefallen, da Sie entsetzlich ungebildet sind: nichts wissen Sie
genau, wenn man Sie etwas fragt, weder wer es gerade war, noch genau in
welchem Jahre, noch nach welchem Vertrag oder Friedensschlu. Sie sind
ein sehr klglicher Mensch.

Ich habe Ihnen gesagt, da ich nicht gelehrt bin, antwortete der Frst
einfach.

Was ist denn eigentlich an Ihnen? Wie kann ich Sie dann noch achten?
Lesen Sie weiter. Doch nein, nicht ntig, hren Sie auf!

Am Abend dieses Tages geschah ihrerseits wiederum etwas sehr
Sonderbares, da allen ein Rtsel aufgab. Frst Sch. war aus Petersburg
gekommen und Aglaja war sehr freundlich zu ihm, sie fragte ihn sogar
nach Jewgenij Pawlowitsch. (Frst Lew Nikolajewitsch war noch nicht
erschienen.) Da machte Frst Sch. ganz harmlos die Bemerkung, da im
Hinblick auf das Bevorstehende Adelaidas Hochzeit wohl wieder
hinausgeschoben werden msse, damit beide Trauungen an einem Tage
stattfnden. Kaum aber hatte er es ausgesprochen, als pltzlich Aglaja
purpurrot wurde und sich heftig alle diese dummen Vermutungen verbat,
sie habe durchaus nicht die Absicht, irgendwelche Mtressen durch ihre
Person zu ersetzen.

Diese Bemerkung stie natrlich alle Anwesenden furchtbar vor den Kopf.
Lisaweta Prokofjewna war zuerst sprachlos, bestand aber dann spter, als
sie sich mit ihrem Mann unter vier Augen befand, bedingungslos auf einer
ernsten Aussprache mit dem Frsten betreffs Nastassja Filippowna, was
Iwan Fedorowitsch als Vater einfach fr seine Pflicht ansehen msse.

Iwan Fedorowitsch schwor bei allem, was ihm heilig war, da es wohl nur
ein unbegrndeter Ausfall Aglajas gewesen und einzig auf ihre
Verlegenheit zurckzufhren sei; da sie, wenn Frst Sch. nicht diese
Anspielung gemacht htte, nie und nimmer so etwas gesagt haben wrde,
denn sie wisse es selbst nur zu gut, da dieses ganze Gercht nichts als
eine Verleumdung von seiten ihnen belwollender Leute sei und da
Nastassja Filippowna Rogoshin heiraten werde; da der Frst in der
Beziehung nichts mit ihr zu schaffen habe -- derlei knne man ihm weder
jetzt nachsagen, noch habe man es frher jemals sagen knnen: von
diesen Dingen liegt nichts, aber auch nichts zwischen ihnen vor, wenn du
nun schon einmal die ganze Wahrheit wissen willst.

Frst Lew Nikolajewitsch selbst lie sich durch nichts verwirren und
fuhr fort, ungetrbt selig zu sein. Oh, auch er bemerkte mitunter etwas
gleichsam Dsteres und Ungeduldiges in Aglajas Augen, doch nachdem er
einmal an sie zu glauben begonnen, konnte diesen Glauben nichts mehr
erschttern. Vielleicht aber war er dennoch etwas gar zu ruhig;
wenigstens uerte sich auch Hippolyt in dem Sinne, als er ihm einmal
zufllig im Park begegnete.

Na, hab' ich damals nicht recht gehabt, als ich Ihnen sagte, da Sie
verliebt seien? begann er ohne weiteres, indem er auf den Frsten
zutrat und ihn aufhielt.

Der Frst reichte ihm die Hand und gratulierte zum guten Aussehen.
Hippolyt sah in der Tat viel wohler aus, was ja bei Schwindschtigen
bekanntlich oft vorkommt.

Er war eigentlich nur in der Absicht an den Frsten herangetreten, um
ihm wegen seiner glcklichen Stimmung etwas Gehssiges zu sagen, doch
wie gewhnlich begann er schon nach den ersten Worten, von sich selbst
zu sprechen. Er hatte ber vieles zu klagen, was er denn auch ziemlich
lange und ziemlich unzusammenhngend tat.

Sie glauben nicht, fuhr er fort, bis zu welch einem Grade sie dort
alle reizbar, kleinlich, egoistisch, ehrgeizig und ordinr sind! Werden
Sie es zum Beispiel fr mglich halten, da sie mich nur unter der
Voraussetzung genommen haben, da ich bald sterbe? Und da sind sie jetzt
alle wtend darber, da ich noch immer nicht sterbe und mich im
Gegenteil besser fhle. Die reine Komdie! Ich knnte wetten, da Sie
mir das nicht glauben!

Der Frst wollte nicht widersprechen.

brigens denke ich mitunter daran, wieder zu Ihnen zurckzukehren,
fgte Hippolyt nachlssig hinzu. So halten Sie sie also nicht fr fhig
dazu, einen Menschen unter der Bedingung aufzunehmen, da er mglichst
bald stirbt?

Ich dachte, da sie Sie aus gewissen anderen Grnden zu sich
aufgefordert htten.

He--e! Sie scheinen ja durchaus nicht so einfach zu sein, wie man von
Ihnen annimmt! Es ist jetzt nicht die Zeit dazu, sonst knnte ich Ihnen
etwas Interessantes ber Ganetschka und seine Hoffnungen mitteilen. Man
will nmlich Ihr Glck untergraben, Frst, erbarmungslos untergraben,
und ... da tun Sie einem fast leid, weil Sie so ruhig sind. Doch -- Sie
knnen ja gar nicht anders!

Um was Sie sich Sorgen machen! lachte der Frst. Wie, wre ich denn
Ihrer Meinung nach glcklicher, wenn ich unruhiger wre?

Lieber unglcklich sein und wissen, als glcklich sein und ... betrogen
werden. Sie scheinen es ja berhaupt nicht fr mglich zu halten, da
mit Ihnen rivalisiert wird und ... noch dazu von der Seite?

Ihre Worte sind ein wenig zynisch, Hippolyt; es tut mir leid, da ich
nicht das Recht habe, Ihnen hierauf zu antworten. Was jedoch Gawrila
Ardalionytsch betrifft, so werden Sie wohl selbst zugeben, da es etwas
viel verlangt wre, wollte man von ihm nach allem, was er verloren hat,
noch vllige Ruhe fordern. Ich nehme an, da Sie wenigstens zum Teil
darber unterrichtet sind, was er durchgemacht hat? Jedenfalls scheint
es mir besser, das Verhltnis von diesem Standpunkte aus zu betrachten.
Er wird sich noch ndern, ihm steht noch ein langes Leben bevor, und das
Leben ist reich ... doch brigens ... brigens ... was das Untergraben
betrifft ... ich verstehe nicht einmal, wovon Sie reden ... Brechen wir
lieber dieses Gesprch ab, Hippolyt.

Schn, vorlufig. Zudem knnen Sie es auch nicht gut mit Ihrem Edelmut
vereinigen. Sie, Frst, Sie mssen alles immer selbst mit den Fingern
befhlt haben, bevor Sie etwas glauben, ha--ha! Verachten Sie mich jetzt
sehr?

Weshalb das? Weil Sie mehr als wir gelitten haben und leiden?

Nein, deshalb, weil ich dieses Leidens unwrdig bin.

Wer mehr gelitten hat, der ist es auch wrdig gewesen, mehr zu leiden.
Als Aglaja Iwanowna Ihre Beichte gelesen hatte, wollte sie Sie sehen,
aber ...

Sie schob es auf ... sie darf nicht, ich verstehe, verstehe ...
unterbrach ihn Hippolyt, als wolle er schnell von diesem Thema ablenken.
Ach, apropos, man sagt, Sie htten ihr diese ganze Litanei vorgelesen
... Ach was, das Ganze ist doch nur im Fieber geschrieben und ...
ausgedacht. Ich begreife wirklich nicht, bis zu welch einem Grade man --
ich will nicht sagen grausam (das wre erniedrigend fr mich), wohl aber
kindisch eitel und rachschtig sein mu, um mir diese Beichte
gewissermaen zum Vorwurf machen zu knnen und sie gegen mich, den
Verfasser, als Waffe zu benutzen! Beunruhigen Sie sich nicht, das war
nicht auf Sie gemnzt ...

Es tut mir leid, da Sie sich von dieser Beichte lossagen, Hippolyt,
sie ist aufrichtig geschrieben, und wissen Sie, selbst die
lcherlichsten Stellen -- und deren gibt es viele -- (Hippolyt runzelte
wtend die Stirn) sind mit Schmerzen bezahlt ... denn dieses Gestehen
ist auch schmerzhaft gewesen und ... vielleicht hat dazu eine groe
Mannhaftigkeit gehrt. Der Gedanke, der Sie dazu bewogen hat, hat
zweifellos einen edlen Ursprung gehabt, gleichviel was andere da sagen.
Je weiter alles zurcktritt, um so deutlicher sehe ich es jetzt, glauben
Sie mir. Ich will Sie nicht richten, ich sage es nur, um mich
auszusprechen, und weil ich es bedauere, da ich damals schwieg ...

Hippolyt wurde rot. Im Augenblick kam ihm zwar der Gedanke, da der
Frst sich vielleicht verstelle, um ihn zu fangen, doch ein Blick auf
ihn gengte, um jeden Zweifel an seiner Aufrichtigkeit zu verscheuchen.
Da erhellte sich Hippolyts Gesicht.

Was hilft das alles, sterben mu ich jetzt doch! sagte er, und fast
htte er noch hinzugefgt: solch ein Mensch wie ich! -- Knnen Sie
sich vorstellen, was Ganetschka mir jetzt zumutet: er hat sich
gewissermaen als Entgegnung ausgedacht, da von jenen, die damals meine
>Beichte< hrten, drei oder vier wohl noch frher sterben wrden als
ich! Wie finden Sie das! Und er glaubt wirklich, da das ein Trost sei,
ha--ha! Erstens sind diese Leute bis jetzt noch nicht gestorben, und
zweitens, selbst wenn sie's wren, was htte ich denn davon? Er urteilt
natrlich nach sich selbst. brigens geht er jetzt noch weiter, er
schimpft einfach und sagt, da ein anstndiger Mensch in einem solchen
Falle schweigend sterben wrde, und da das alles von mir nichts als
Egoismus gewesen sei! Wie finden Sie das! Oder nein, wie finden Sie hier
den Egoismus seinerseits! Wie finden Sie die Raffiniertheit, oder noch
besser, die viehische Roheit der Selbstliebe dieser Leute, die sie
natrlich niemals an sich selbst bemerken! ... Haben Sie gelesen, Frst,
vom Tode Stepan Gleboffs im achtzehnten Jahrhundert? Ich las zufllig
gestern ...

Von was fr einem Stepan Gleboff?

Der unter Peter an den Pfahl gebunden wurde!

Ach, mein Gott, gewi! Er stand fnfzehn Stunden am Pfahl in der groen
Klte und starb heldenhaft; gewi habe ich es gelesen -- nun und?

Gibt doch Gott bisweilen solch einen Tod den Menschen -- weshalb aber
nicht auch mir? Sie glauben vielleicht, da ich nicht fhig wre, so zu
sterben wie Gleboff?

Oh, durchaus nicht, sagte der Frst verwirrt, oder vielmehr, ich
wollte nur sagen, da Sie ... das heit, nicht, da Sie dem Gleboff
unhnlich wren, sondern ... da Sie ... da Sie dann eher ...

Ich errate: da ich dann eher Ostermann gewesen wre? und nicht Gleboff
-- wollen Sie das damit sagen?

Was fr ein Ostermann? wunderte sich der Frst.

Na, Ostermann, der groe Diplomat Ostermann, Peters Ostermann,
murmelte Hippolyt, pltzlich etwas verwirrt.

Es folgte eine kleine Pause, in der beide das Miverstndnis fhlten.

Oh, n--n--nein! Ich wollte nicht das sagen, fuhr der Frst langsam
fort. Sie wrden, glaube ich ... niemals ein Ostermann gewesen sein.

Hippolyt rgerte sich und runzelte wieder die Stirn.

brigens, ich sage das ja doch nur deshalb, verbesserte sich der Frst
schnell, nur deshalb, weil die Menschen von damals -- wirklich, es hat
mich immer frappiert -- sozusagen gar nicht dieselben Menschen waren,
die jetzt leben. Es ist, als wren wir damals ein ganz anderes Volk
gewesen, nein, wirklich, als handelte es sich um zwei ganz verschiedene
Rassen ... Damals waren die Menschen gewissermaen Menschen mit nur
einer Idee, jetzt aber sind sie viel problematischer, komplizierter,
sensitiver, sind Menschen mit zwei, drei Ideen zu gleicher Zeit ... Der
jetzige Mensch ist ... geistig breiter -- und ich schwre Ihnen, gerade
das hindert ihn, ein so einheitlicher Mensch zu sein, wie es die
Menschen in jenen Jahrhunderten waren ... Ich ... ich habe das nur in
dem Sinne gesagt, nicht da ich ...

Ich verstehe schon. Weil Sie so naiv offen nicht mit mir einverstanden
waren, wollen Sie mich jetzt trsten, ha--ha! Sie sind ein vollkommenes
Kind, Frst. Indes ... ich bemerke, da Sie mich alle wie ... wie eine
Porzellantasse behandeln. Tut nichts, tut nichts, ich rgere mich nicht.
Jedenfalls haben wir ein sehr lcherliches Gesprch gefhrt. Sie sind
mitunter wirklich ein ganzes Kind. Wissen Sie, da ich vielleicht auch
etwas besseres sein wollte, als ein Ostermann ... fr einen Ostermann
lohnt es sich nicht, von den Toten aufzuerstehen. Ich sehe, da ich
mglichst bald sterben mu, denn sonst wrde ich selbst ... Lassen Sie
mich! Auf Wiedersehen! Doch gut, sagen Sie mir selbst, welches wre fr
mich die beste Art, zu sterben, was meinen Sie? ... Damit es mglichst
... nun, sagen wir -- heldenhaft geschhe? Nun, was meinen Sie!

Gehen Sie an uns vorber und verzeihen Sie uns unser Glck! sagte der
Frst leise.

Ha--ha--ha! Das dachte ich mir! Gerade etwas von der Art erwartete ich!
Einstweilen, Sie ... Sie ... Nun ja! Wei Gott! Schne Phrasen! Auf
Wiedersehen, auf Wiedersehen!


                                  VI.

Warwara Ardalionownas Mitteilung, da man in der Villa Jepantschin zum
Abend Gste erwartete, entsprach zwar an sich vollkommen der Wahrheit,
nur hatte sie sich wieder so ausgedrckt, da Ganj dieser
Abendgesellschaft unwillkrlich eine weit grere Bedeutung zuschreiben
mute, als ihr von Rechts wegen zukam. Gewi sah die Familie Jepantschin
mit ganz unntiger Erregung diesem Abend entgegen, nur geschah das
vornehmlich deshalb, weil in dieser Familie nun einmal alles anders als
bei anderen Leuten geschah. Die vielleicht etwas unverstndliche Hast,
mit der man die Angelegenheit betrieb, fand jedoch ihre Erklrung in der
Stimmung Lisaweta Prokofjewnas, die die Ungewiheit nicht lnger
ertragen wollte. Ihr Mutterherz zitterte fr das Glck ihres Lieblings
und auch der General war sehr besorgt. Hinzu kam, da die Bjelokonskaja
Petersburg bald wieder verlassen sollte, und da ihre Protektion, die sie
voraussichtlich auch dem Frsten Lew Nikolajewitsch gndig gewhren
wrde, in der hohen Gesellschaft viel zu bedeuten hatte, so wrde,
meinten die Eltern, diese Gesellschaft den etwas seltsamen Brutigam
Aglajas, falls er auch ihr seltsam erscheinen sollte, weit
liebenswrdiger und nachsichtiger aufnehmen, wenn er unter dem Schutze
der allmchtigen alten Frstin stand, als wenn er diese unter seinen
Gegnern hatte. Insofern war die Berechnung der Eltern sehr richtig, um
so mehr, als sie selbst auf keine Weise zu entscheiden vermochten, ob
nun an dieser Verlobung etwas Sonderbares war oder nicht. Daher war
ihnen in diesen Tagen, in denen sich infolge von Aglajas Verhalten noch
immer nichts entschieden hatte, die Meinungsuerung magebender
Persnlichkeiten sehr erwnscht. Und schlielich mute der Frst doch
einmal in diese Gesellschaft, von der er sich bis jetzt berhaupt noch
keinen Begriff machte, eingefhrt werden. Kurzum, man hatte beschlossen,
ihn vorlufig zu zeigen, und zu dem Zweck lud man denn zum Abend
einige Freunde des Hauses ein. Auer der Bjelokonskaja und einigen
alten oder lteren Herren erwartete man an Damen nur noch die Gattin
eines hchst einflureichen Wrdentrgers, und von jungen Leuten auer
dem Frsten -- Jewgenij Pawlowitsch, den die alte Bjelokonskaja
voraussichtlich mitbringen wrde.

Von dem bevorstehenden Besuch der Bjelokonskaja hatte der Frst schon
drei Tage vorher gehrt; da man jedoch eine ganze Gesellschaft geben
wolle, erfuhr er erst am Abend vor dem festgesetzten Tage. Natrlich war
es ihm nicht entgangen, da die Familienmitglieder ein wenig besorgt
dreinschauten und da hin und wieder kritisierende Blicke auf ihm
ruhten, aus denen er sofort erriet, da man fr den Eindruck frchtete,
den er auf die Gesellschaft machen wrde. Seltsamerweise war man aber
bei Jepantschins ohne weiteres berzeugt, da er in seiner Einfalt nie
und nimmer erraten wrde, was man fr ihn frchtete, und deshalb dachte
auch niemand weder daran, diese Empfindung zu verbergen, noch ward sich
jemand dessen bewut, da diese Empfindung berhaupt irgendwie zutage
trat. brigens schrieb er selbst dem bevorstehenden Ereignis kaum eine
Bedeutung zu; er war zu sehr mit anderem beschftigt: Aglaja wurde von
Stunde zu Stunde launischer und dstrer -- das bedrckte ihn. Als er
erfuhr, da auch Jewgenij Pawlowitsch kommen wrde, freute er sich sehr
darber und sagte, da er ihn schon lngst habe wiedersehen wollen.
Diese Bemerkung mifiel aus irgendeinem Grunde allen Anwesenden. Aglaja
verlie sogar sichtlich gergert das Zimmer, und erst spt am Abend, als
er gegen zwlf aufbrach, wute sie es so einzurichten, da sie ihn ein
paar Schritte begleitete und ihm bei der Gelegenheit einige Worte unter
vier Augen sagen konnte.

Ich wrde wnschen, da Sie morgen den ganzen Tag nicht zu uns kmen;
erst am Abend, wenn diese -- Gste ... erscheinen, dann knnen Sie
kommen. Sie wissen doch, da Gste kommen werden?

Sie sprach sehr nervs und mit bertriebener Strenge; zum erstenmal
hatte sie den Abend erwhnt. Der Gedanke daran war fr sie unertrglich.
Alle hatten es bemerkt. Sie htte sich gern mit ihren Eltern darber
ausgesprochen, ihn zu verhindern gesucht, doch Stolz und Scham lieen es
nicht zu. Der Frst begriff sofort, da sie fr ihn frchtete und selbst
nicht zugeben wollte, da sie sich frchtete -- und er erschrak sehr
darber.

Ja, ich bin auch eingeladen, bemerkte er.

Kann man denn mit Ihnen berhaupt ber irgend etwas ernsthaft sprechen?
Auch nur einmal im Leben? fuhr sie pltzlich gereizt auf, ohne zu
wissen, warum, und nicht mehr fhig, lnger an sich zu halten.

Gewi kann man das, und ich bin gern bereit, Sie anzuhren; es freut
mich sehr ... Der Frst verstummte.

Aglaja schwieg wieder eine Weile und begann dann mit ersichtlichem
Widerwillen:

Ich will mich mit Ihnen da nicht herumstreiten, es gibt Flle, in denen
Sie keine Vernunft annehmen. Widerwrtig sind mir die Regeln, die Mama
beobachtet. Von Papa lohnt es sich berhaupt nicht zu reden, ihn fragt
man gar nicht danach. Mama ist natrlich eine ehrenwerte Frau, doch vor
diesem ... >Nichts< beugt sie sich! Ich spreche nicht von der
Bjelokonskaja: sie ist eine alte Frau mit schlechtem Charakter, doch
klug -- sie versteht es vorzglich, alle Menschen zu lenken, wie sie
will, nun, und das ist wenigstens etwas. Oh, welche Niedrigkeit! Und wie
lcherlich: wir sind immer Leute mittleren Standes gewesen, des
allermittelmigsten, den es nur gibt; wozu kriechen wir da in diese
>hheren Sphren<? Die Schwestern gleichfalls. Frst Sch. hat ihnen den
Kopf verdreht. Warum sind Sie brigens froh, da Jewgenij Pawlowitsch
auch da sein wird?

Hren Sie mich an, Aglaja, sagte der Frst, ich glaube, Sie frchten
sehr, da ich mich morgen blamieren werde ... in dieser Gesellschaft?

Ich mich frchten? Um Ihretwillen? fuhr Aglaja auf. Warum soll ich
mich wohl Ihretwegen frchten, mgen Sie doch ... mgen Sie sich doch
blamieren! Was geht das mich an? Wie knnen Sie solche Worte berhaupt
gebrauchen? Was heit das: >blamieren<? Das ist ein gemeines Wort.

Das ist ein ... Ausdruck von der Schule her.

Einerlei, ein Schulausdruck! Ein gemeines Wort ist es! Sie haben wohl
die Absicht, morgen nur solche Worte zu gebrauchen? Suchen Sie doch zu
Hause in Ihrem Lexikon nach, ob Sie noch solche Worte finden: das wird
sicher Effekt machen. Schade, da Sie verstehen, gut einzutreten. Wo
haben Sie das eigentlich gelernt? Ich glaube, Sie verstehen sogar,
anstndig eine Tasse Tee zu trinken, selbst dann, wenn alle Sie
absichtlich beobachten?

Ich denke, da ich es verstehe.

Das ist schade: sonst knnte ich Sie sicher auslachen. Zerschlagen Sie
doch wenigstens die groe chinesische Vase im Salon! Sie kostet sehr
viel: bitte, zerschlagen Sie sie doch! Die ist Mama geschenkt worden,
und Mama wird den Verstand darber verlieren und wird vor allen zu
weinen anfangen -- so wertvoll ist sie fr sie. Machen Sie irgendeine
groe Geste, so, wie Sie sie immer machen, und zerschlagen Sie sie.
Setzen Sie sich doch, bitte, absichtlich neben sie!

Im Gegenteil, ich werde mich bemhen, mich so weit wie mglich von ihr
hinzusetzen: ich danke Ihnen, da Sie hier vorgebeugt haben.

Es scheint also doch, da Sie sich schon im voraus frchten, groe
Gesten zu machen. Ich mchte wetten, da Sie wieder ber ein >Thema<
sprechen werden, ber ein ernstes, erhabenes, groes Thema? Was meinen
Sie ... wrde das angehen?

Ich glaube, da es dumm wre, wenn es nicht angebracht erschiene ...

Hren Sie ein fr allemal, fuhr Aglaja schlielich ungeduldig heraus.
Wenn Sie morgen von der Todesstrafe, oder von dem konomischen Zustande
Rulands, oder von >der Erlsung der Welt durch die Schnheit< zu reden
anfangen, so werde ich mich natrlich sehr darber freuen und ber Sie
lachen, doch ... das sage ich Ihnen im voraus: treten Sie mir dann nicht
mehr vor die Augen! Hren Sie: ich sage es Ihnen im Ernst! Dieses Mal
verstehe ich keinen Spa!

Sie sprach wirklich im Ernst ihre Drohung aus, etwas Sonderbares klang
aus ihren Worten und in ihren Augen blitzte etwas auf, das der Frst
frher nie an ihr bemerkt hatte.

Nun, jetzt haben Sie es so weit gebracht, da ich sicher davon >reden<
... und sicher ... auch die Vase zerschlagen werde. Ich habe mich vor
nichts gefrchtet, jetzt fange auch ich an, mich zu frchten. Jetzt
werde ich mich sicher blamieren.

So schweigen Sie. Sitzen Sie und schweigen Sie.

Das wird mir unmglich sein. Ich werde vor Angst sprechen und auch vor
Angst die Vase zerschlagen. Vielleicht werde ich auf dem Parkett
ausgleiten oder es geschieht sonst etwas ... von der Art, wie es mir
schon einmal passiert ist; mir wird die ganze Nacht davon trumen; warum
haben Sie es gesagt!

Aglaja sah ihn finster an.

Wissen Sie: ich werde morgen berhaupt nicht erscheinen, ich werde mich
krank melden, und somit wre die Geschichte abgemacht! entschlo er
sich zu guter Letzt.

Aglaja stampfte mit dem Fue auf und erbleichte vor rger.

Mein Gott! Hat man einen solchen Menschen schon erlebt! Er will nicht
kommen, whrend man gerade fr ihn den Abend ... Mein Gott! Das ist ein
Vergngen, mit einem solchen Menschen etwas zu tun zu haben ... mit
einem so einfltigen Menschen, wie Sie es sind!

Nun, ich komme schon, ich komme! unterbrach sie so schnell wie mglich
der Frst. Und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, da ich den ganzen Abend
still dasitzen werde, ohne ein Wort zu sprechen. Ich werde es schon so
einrichten.

Nun, Sie werden sehr gut daran tun. Sie sagten soeben: Sie werden sich
>krank melden<. Wieder gebrauchen Sie eine sonderbare Form. Macht Ihnen
das Vergngen, sich mir gegenber so auszudrcken? Wollen Sie sich ber
mich lustig machen, wie?

Entschuldigen Sie; das war wieder ein Schulausdruck; ich werde es nicht
mehr tun. Ich verstehe sehr wohl, da Sie ... fr mich frchten ... (so
rgern Sie sich doch wenigstens nicht!) und ich freue mich darber. Sie
glauben mir nicht, wie sehr ich mich jetzt frchte und -- wie ich mich
ber Ihre Worte freue. Doch diese ganze Angst, ich schwre es Ihnen, ist
mir etwas Kleinliches und Nebenschliches. Aber die Freude, die bleibt,
Aglaja! Ich habe es so gern, da Sie noch ein solches Kind sind, so ein
gutes, liebes Kind! Ach, wie knnen Sie reizend sein, Aglaja!

Auch darber wollte sich Aglaja schon rgern, doch berkam ihre Seele im
selben Augenblick ein so sonderbares Gefhl.

Sie werden mir also meine schlechten, rohen Worte nicht nachtragen ...
irgendeinmal ... nachher? fragte sie ihn pltzlich.

Was sagen Sie, was sagen Sie! Und was haben Sie? Warum sehen Sie so
dster drein! Sie sehen jetzt manchmal so dster aus, Aglaja, wie das
frher nie der Fall war. Ich wei, warum Sie ...

Schweigen Sie, schweigen Sie!

Nein, es ist besser, ich sage es Ihnen. Ich wollte es Ihnen schon lange
sagen, doch ... Sie htten es mir vielleicht nicht geglaubt. Zwischen
uns steht noch ein Wesen ...

Schweigen Sie, schweigen Sie, schweigen Sie! unterbrach ihn Aglaja und
prete ihm schmerzhaft die Hand, ihn mit Entsetzen anstarrend.

In diesem Augenblick rief man sie -- augenscheinlich erfreut darber,
lief sie davon.

Der Frst lag die ganze Nacht hindurch im Fieber. Sonderbarerweise
befand er sich schon seit mehreren Nchten in diesem Zustande. Pltzlich
kam ihm im Halbschlummer der Gedanke: wie, wenn er morgen in Gegenwart
aller einen Anfall bekme? Er erstarrte bei diesem Gedanken. Die ganze
Nacht ber befand er sich in einer der wunderbarsten Umgebungen, in
Gesellschaft sonderbarer, eigenartiger Menschen. Das fr ihn
Verhngnisvolle war, da er redete und doch wute er, da er nicht
reden sollte. Doch er sprach die ganze Zeit und versuchte die Zuhrer
von irgend etwas zu berzeugen. Jewgenij Pawlowitsch und Hippolyt waren
auch in der Zahl der Gste und schienen sehr befreundet miteinander.

Er erwachte um neun Uhr morgens mit Kopfschmerzen, wirren Gedanken und
sonderbaren Empfindungen. Er htte gar zu gern Rogoshin gesehen und
gesprochen -- warum eigentlich und worber er mit ihm sprechen wollte,
das wute er selbst nicht. Darauf entschlo er sich, zu Hippolyt zu
gehen. Etwas Schweres lag ihm auf dem Herzen und bedrckte ihn so sehr,
da alle darauffolgenden Ereignisse des Tages wenn auch einen groen, so
doch unklaren, verschwommenen Eindruck auf ihn machten. Eines dieser
Ereignisse war der Besuch Lebedeffs.

Lebedeff erschien schon am Morgen frh, gleich nach neun Uhr, und zwar
angetrunken. Obwohl der Frst in letzter Zeit seiner Umgebung gar keine
Aufmerksamkeit schenkte, so fiel es ihm jetzt doch auf, da bei Lebedeff
eine Vernderung zum Schlechten vor sich gegangen war, besonders, seit
der General nicht mehr wiederkam. Er war schmutzig und unordentlich
angezogen, sein Schlips war schlecht gebunden, der Kragen sa schief,
der Rockkragen war nicht gebrstet. Bei sich zu Hause schrie und lrmte
er, da man es bis ber den Hof hren konnte; Wjera lief mit verweinten
Augen umher. Als er jetzt beim Frsten erschien, sprach er allerhand
sonderbares Zeug, schlug sich vor die Brust, sagte, da er schuldig sei
...

Habe ... erhalten habe erhalten die Belohnung fr meinen Verrat, fr
meine Niedertracht ... Habe eine Ohrfeige erhalten! schlo er pltzlich
in tragischem Ton.

Eine Ohrfeige! Von wem? ... Und so frh am Tage?

So frh am Tage? Lebedeff lchelte sarkastisch. Die Zeit hat da
nichts zu bedeuten ... selbst fr eine physische Ohrfeige hat sie nichts
zu bedeuten ... ich aber habe eine moralische ... eine moralische
Ohrfeige erhalten, und nicht eine physische!

Er setzte sich pltzlich, ohne Umstnde zu machen, und begann zu
erzhlen. Seine Erzhlung war ganz zusammenhanglos; der Frst runzelte
die Stirn und gab es schon auf, ihm zuzuhren, als ihn pltzlich einige
Worte aus dem Gesprch stutzig machten. Er erstarrte vor Verwunderung
... Sonderbare Sachen erzhlte Herr Lebedeff.

Aller Wahrscheinlichkeit nach war zuerst die Rede von einem Briefe, den
Aglaja geschrieben haben sollte. Pltzlich beschuldigte Lebedeff voll
Bitterkeit den Frsten: der Frst htte ihn, Lebedeff, zuerst seines
Vertrauens fr wrdig gehalten in Sachen einer gewissen Person
(Nastassja Filippowna); darauf htte er alle Beziehungen zu ihm
(Lebedeff) abgebrochen, ihn mit Schimpf und Schande davongejagt -- und
noch dazu in einer so beleidigenden Art und Weise! Mit Trnen in den
Augen fuhr Lebedeff fort und klagte, da er es nicht mehr habe ertragen
knnen, um so weniger, als er alles wte und sehr vieles erfahren habe
... Durch Rogoshin, durch Nastassja Filippowna, und durch die Freundin
Nastassja Filippownas. Er wute alles von Warwara Ardalionowna ... von
ihr ... und von ... Aglaja Iwanowna durch Wjera, durch seine geliebte
Tochter Wjera, sein eingeborenes Kind ... ja--a--a, oder nicht
eigentlich sein eingeborenes, denn er habe ja deren vier. Und er habe
durch Briefe Lisaweta Prokofjewna von allen Geheimnissen unterrichtet,
he, he! Wer habe sie in alle Beziehungen eingeweiht und ... ihr ber
Nastassja Filippowna he, he, he! alles mitgeteilt -- wer sei dieser
Anonyme, wenn der Frst ihm zu fragen gestattete?

Etwa Sie? rief der Frst erstaunt aus.

Wer denn sonst, antwortete ihm Lebedeff voll Wrde, und heute noch,
um halb neun Uhr, im ganzen vor einer halben Stunde ... nein, vor einer
dreiviertel Stunde, habe ich die ehrenwerteste Mutter benachrichtigt,
da ich ihr etwas mitzuteilen habe ... etwas sehr Wichtiges. Durch einen
Brief teilte ich es ihr mit, schickte das Mdchen durch die Hintertreppe
zu ihr hinauf ... und sie nahm ihn an, empfing mich ...

Sie haben soeben Lisaweta Prokofjewna gesehen? fragte der Frst und
schien kaum seinen Ohren zu trauen.

Habe sie soeben gesehen und eine Ohrfeige von ihr bekommen ... eine
moralische. Sie warf mir den Brief unerffnet ins Gesicht ... und jagte
mich hinaus ... brigens, auch hier nur moralisch, wie gesagt, nicht
physisch ... das heit, fast auch physisch, es fehlte nicht viel!

Was fr einen Brief warf sie Ihnen unerffnet ins Gesicht?

Wie ... he, he, he! Habe ich es Ihnen denn noch nicht gesagt! Und ich
dachte, ich htte es Ihnen schon gesagt ... Ich habe so ein Briefchen
bekommen, zur bergabe ...

An wen? Von wem?

Die Erklrungen Lebedeffs, die jetzt folgten, waren berhaupt nicht zu
verstehen. Der Frst konnte nur so viel daraus entnehmen, da der Brief
frh am Morgen durch eine Magd Wjera Lebedeff eingehndigt worden war,
an eine bestimmte Adresse ... wie auch schon frher ... ganz wie
frher, an eine bekannte Person und von einer Dame ... (denn die
eine von ihnen nenne er Dame, die andere nur Person, zur
Unterscheidung der Rangstufen, weil nmlich ein groer Unterschied
zwischen einer unschuldigen, wohlgeborenen Generalstochter und ... einer
Kameliendame bestehe) ... Und so war denn der Brief von der >Dame<,
deren Name mit dem Buchstaben A beginnt ...

Wie ist das mglich? An Nastassja Filippowna? Unsinn! rief der Frst
aus.

Na, wenn nicht an sie, so an Rogoshin, das ist ganz gleich. An
Rogoshin, auch an Herrn Terentjeff hat es Briefe zur bergabe gegeben,
auch von der Dame mit dem Buchstaben A, blinzelte und lchelte
Lebedeff.

Da er oft von einer Sache auf die andere bersprang und dabei verga,
wovon er eigentlich zu sprechen angefangen hatte, so schwieg der Frst,
um ihn nicht noch mehr zu verwirren: unklar war vor allem, ob die Briefe
ihm oder Wjera anvertraut wurden? Es war wohl eher anzunehmen, da Wjera
sie befrderte, und da Lebedeff ihr diesen entwendet hatte! So mochte
er auch diesen Brief von ihr heimlich gestohlen haben, um ihn der
Generalin mit einer besonderen Absicht zu berreichen. In dieser Weise
dachte es sich der Frst.

Sie haben den Verstand verloren, Lebedeff! rief er in
auerordentlicher Erregung.

Jedoch nicht ganz, Euer Hochwohlgeboren, antwortete ihm Lebedeff nicht
ohne Bosheit. Zuerst wollte ich das Briefchen in Ihre eigenen Hnde
legen, um Ihnen zu dienen ... doch entschlo ich mich lieber, dort einen
Dienst zu leisten, und vor allem, der Hochwohlgeborenen Frau Mutter ...
Denn auch frher schon einmal hatte ich sie durch einen geheimen Brief
benachrichtigt; und als ich sie jetzt in einem Briefchen um acht Uhr
zwanzig Minuten um eine Unterredung bat, da unterschrieb ich mich: >Ihr
geheimer Korrespondent<. Man empfing mich sofort, sogar in groer Eile,
ber die Hintertreppe ... bei der gndigen Frau.

Nun, und? ...

Und dort kam ich, wie gesagt, sehr schlecht an, beinah wurde ich
verprgelt, es fehlte nicht viel ... jawohl, verprgelt ... Den Brief
warf sie mir ins Gesicht ... Sie htte ihn gerne behalten, ich bemerkte
es wohl, doch bezwang sie sich und warf ihn mir ins Gesicht: >wenn man
ihn dir anvertraut hat, ihn zu bergeben, so tue es auch ...< Sie war
auer sich. Wenn sie sich doch schon vor mir nicht beherrschen konnte
... Oh, ein heftiger Charakter!

Wo ist denn der Brief jetzt?

Ich habe ihn doch: hier ist er.

Und er reichte dem Frsten das Briefchen Aglajas an Gawrila
Ardalionytsch, dasselbe, das dieser an demselben Morgen, zwei Stunden
nachher, triumphierend seiner Schwester zeigte.

Dieser Brief kann nicht bei Ihnen bleiben.

Ich gebe den Brief Ihnen, Ihnen! Ihnen bringe ich ihn, betonte
Lebedeff eifrig und voll Feuer. Ich bin jetzt wieder ganz der Ihre, der
Ihre, vom Kopf bis zum Herzen, Ihr treuer Diener -- nach diesem
einmaligen und letzten, brigens nur minutenlangen Verrat! Richten Sie
ber mein Herz, aber schonen Sie mir meinen Bart, wie jener Thomas Morus
... in England und in Grobritannien sagte. _Mea culpa, mea culpa_, wie
die rmische Ppstin sagte ... das heit der rmische Papst, ich aber
nenne ihn: >rmische Ppstin<.

Dieser Brief mu sofort berbracht werden! sagte der Frst in
bestimmtem Tone. Ich werde es tun.

Wrde es nicht besser sein, besser sein, wohlerzogenster Frst, besser
sein, wenn ...

Lebedeff schnitt eine sonderbare, sauerse Grimasse; er sprang hin und
her, als htte man ihn mit einer Nadel gestochen, zwinkerte mit den
Augen, zappelte mit den Hnden.

Was soll das bedeuten? fragte ihn mit strenger Miene der Frst.

Man knnte ihn vorsichtig ffnen! flsterte der andere ihm in
vertraulichem Tone zu.

Der Frst sprang so wtend auf, da Lebedeff schnell zur Tr lief; dort
blieb er stehen, um das Weitere abzuwarten.

Ach, Lebedeff! Wie kann man nur so tief sinken? rief der Frst bitter
aus.

Das Gesicht Lebedeffs erhellte sich.

Jawohl, ich bin gemein, gemein! er nherte sich sogleich wieder dem
Frsten und schlug sich, mit Trnen in den Augen, vor die Brust.

Das ist doch mehr als eine Gemeinheit!

Mehr als eine Gemeinheit. Das ist es!

Und was treibt Sie denn, so zu handeln? Sie sind ja doch einfach ...
ein Spion! Warum haben Sie denn diese anonymen Briefe geschrieben und
diese gute und edle Frau beunruhigt? Warum sollte Aglaja Iwanowna nicht
das Recht haben, jedem zu schreiben, wie es ihr gefllt? Wie kamen Sie
denn darauf, das ihrer Mutter zu hinterbringen? Sie wollten sich wohl
ber sie beklagen? Und was hofften Sie damit zu erreichen? Was hat Sie
denn dazu getrieben?

Nur aus einem gewissen Interesse und ... um der ehrenwerten Mutter
gefllig zu sein, ja--a --! Doch jetzt bin ich wieder ganz der Ihre,
wenn Sie wollen, hngen Sie mich auf!

Und in solchem Zustande erschienen Sie vor Lisaweta Prokofjewna?
fragte der Frst voll Widerwillen und zugleich Neugier.

Nein--n ... frischer und sogar anstndiger; erst nach der erlittenen
Niederlage ... mache ich so einen Eindruck.

Nun wohl, verlassen Sie mich jetzt.

Diese Bitte mute der Frst brigens einigemal an seinen Gast richten,
ehe der sich entschlieen konnte, wirklich fortzugehen. Als er schon
hinter der Tr verschwunden war, kehrte er nochmals zurck, kam auf den
Fuspitzen wieder herangeschlichen, bis in die Mitte des Zimmers, und
machte mit den Hnden von neuem seine Zeichen, den Brief doch zu ffnen.
Seinen Rat in Worten auszudrcken, durfte er nicht mehr wagen. Darauf
ging er dann hinaus, mit sem Lcheln auf den Lippen.

Es war dem Frsten nicht leicht gefallen, diese Mitteilungen Lebedeffs
anzuhren. Aus ihnen konnte er zunchst nur die eine Tatsache entnehmen,
da Aglaja sich in groer Unruhe und Unentschlossenheit befand und sich
sehr qulen mute (vielleicht aus Eifersucht, dachte der Frst bei
sich). Ferner schien es ihm, da bse Menschen sie beeinfluten, und
sonderbar war es, da sie ihnen zu glauben schien. In diesem
eigenwilligen, heien, doch stolzen Kpfchen schienen Plne zu reifen,
die sie vielleicht ins Verderben strzen konnten -- ganz unmgliche
Plne! Der Frst war sehr beunruhigt und wute nicht, wozu er sich
entschlieen sollte. Hier mute irgendwie vorgebeugt werden, das fhlte
er. Er blickte noch einmal nach der Adresse des Briefes; was ihn
beunruhigte, war, da er wohl Aglaja, nicht aber Gawrila Ardalionytsch
vertrauen konnte! Und doch befand er sich schon auf dem Wege, um ihm
persnlich den Brief zu bergeben. Fast am Hause Ptizyns angelangt, traf
er jedoch zufllig Kolj. Er bergab den Brief also diesem mit dem
Auftrage, ihn so zu bergeben, als ob er ihn von Aglaja selbst erhalten
htte. Kolj tat es auch, ohne weiter den Frsten auszuforschen;
infolgedessen hatte Ganj dann keine Ahnung davon, durch wessen Hnde
der Brief gegangen war. Als der Frst zu Hause ankam, rief er Wjera
Lukjanowna zu sich und erzhlte ihr alles und beruhigte sie, denn sie
hatte die ganze Zeit ber geweint und den Brief gesucht. Sie erschrak
furchtbar, als sie erfuhr, da der Vater den Brief Lisaweta Prokofjewna
hinterbracht hatte. (Spter erfuhr der Frst noch von ihr, da sie
niemals eine geheime Korrespondenz zwischen Rogoshin und Aglaja
vermittelt hatte; auch wre es ihr nie eingefallen, da sie damit zum
Schaden des Frsten gehandelt htte.)

Als zwei Stunden nachher der Frst von der pltzlichen Erkrankung des
Generals Iwolgin benachrichtigt wurde, war er so zerstreut, da er
anfangs diese Nachricht gar nicht verstand. Doch lie ihn das Ereignis,
als er es endlich begriffen hatte, wieder zu sich kommen. Er ging
sogleich zu Nina Alexandrowna, zu der man den Kranken natrlich sofort
gebracht hatte, und blieb bis zum Abend bei ihr. Er konnte ihr freilich
von keinem Nutzen sein, aber es gibt Menschen, die man gern in einer
schweren Minute bei sich sieht. Kolj weinte, ganz aufgelst vor
Schmerz, dabei lief er die ganze Zeit umher, war bei drei Doktoren, in
der Apotheke usw. Man brachte den General wieder zu sich, doch kam er
nicht mehr zu vollem Bewutsein. Die rzte meinten, da der Patient in
Lebensgefahr schwebe. Warj und Nina Alexandrowna verlieen den Kranken
nicht; Ganj war erschttert und betroffen, doch frchtete er sich, den
Kranken zu sehen, er kam nicht nach oben und rang nur in stummer
Verzweiflung seine Hnde. Von seinen zusammenhangslosen Klagen behielt
der Frst nur die Worte: Welch ein Unglck, und das gerade in diesem
Augenblick! Der Frst glaubte ihn zu verstehen und wute, von welchem
Augenblick die Rede war. Hippolyt traf der Frst schon nicht mehr im
Hause Ptizyns an. Gegen Abend kam Lebedeff angelaufen. Er hatte seit
seiner morgendlichen Erklrung geschlafen. Jetzt war er nchtern und
weinte am Bette des Kranken heie Trnen, als ob er sein leiblicher
Bruder gewesen wre. Ohne nhere Erklrungen zu geben, schrieb er sich
die Schuld am Unglck zu und wich nicht von Nina Alexandrowna, ihr immer
und immer wieder versichernd, da er, er allein der Grund zu allem
gewesen sei, nur er allein und seine Neugier ... und da der Selige
(er nannte den General so, obgleich dieser noch lebte) ein genialer
Mensch gewesen sei! Er bestand besonders auf dessen Genialitt, als ob
das in diesem Augenblick von groem Nutzen htte sein knnen. Als Nina
Alexandrowna sein aufrichtiges Leid bemerkte, machte sie ihm keinen
einzigen Vorwurf und versuchte sogar, ihn zu trsten: Nun, weinen Sie
doch nicht, Gott wird Ihnen verzeihen! Lebedeff war durch diese Worte
und vor allem durch den Ton dieser Worte so gerhrt, da er sich den
ganzen Abend nicht mehr von Nina Alexandrowna trennte und whrend der
ganzen drei Tage bis zum Tode des Generals Tag und Nacht im Hause
verblieb. Im Laufe des Tages kam von Lisaweta Prokofjewna ein Bote zu
Nina Alexandrowna, um sich nach dem Zustande des Kranken zu erkundigen.
Als der Frst am Abend um neun Uhr im Salon bei Jepantschins erschien,
der schon ganz mit Gsten angefllt war, erkundigte sich Lisaweta
Prokofjewna sofort bei ihm teilnehmend und ausfhrlich nach dem Kranken,
und beantwortete die Fragen der Bjelokonskaja, wer der Kranke und wer
Nina Alexandrowna sei, mit groer Teilnahme und Achtung fr die Familie
Iwolgin. Dem Frsten gefiel das sehr. Er selbst fhrte sich im Gesprch
mit Lisaweta Prokofjewna vorzglich auf, wie sich spter die
Schwestern Aglajas uerten; bescheiden, einfach, ohne Gesten,
wrdevoll; trat gut auf, war vorzglich angezogen und glitt durchaus
nicht auf dem Parkett aus, sondern machte auf alle Anwesenden einen
sehr angenehmen Eindruck.

Der Frst bemerkte seinerseits, als er Platz genommen hatte, da die
Gesellschaft durchaus nicht den Gespenstern glich, mit denen Aglaja ihn
geschreckt, noch den Alpdrcken, die er in der Nacht ihretwegen gehabt
hatte. Zum erstenmal im Leben sah er etwas davon, was man unter dem
schrecklichen Namen die groe Welt versteht. Schon lange hatte er den
geheimen, auf bestimmten Absichten beruhenden Wunsch gehabt, in diesen
Zauberkreis von Menschen einzudringen, und war daher sehr gespannt auf
den ersten Eindruck, den er von ihr empfangen wrde. Dieser erste
Eindruck nun entzckte ihn ber alle Maen. Es schien ihm sofort, da
alle diese Menschen geboren waren, um zusammen zu sein, da hier bei
Jepantschins durchaus keine Abendgesellschaft stattfand und die
Menschen keine geladenen Gste waren, sondern alles Hausgenossen,
da er selbst ein ihnen ergebener Freund und Gesinnungsgenosse, und da
er nach langer Trennung jetzt wieder zu ihnen zurckgekehrt sei. Die
eleganten Manieren, das ungezwungene, fast herzliche Benehmen wirkten
einfach bezaubernd auf ihn. Ihm kam auch nicht im entferntesten der
Gedanke, da diese Offenherzigkeit und Vornehmheit, dieser Scharfsinn
und das hohe Selbstbewutsein eine angenommene und vllig knstliche
Form waren. Die Mehrzahl der Gste waren ungeachtet ihres einnehmenden
ueren leere Menschen und hohle Kpfe, die in ihrer Selbstgeflligkeit
nicht einmal wuten, da ihre ganze Vortrefflichkeit ein Kunstprodukt
war, zu dem sie selbst nichts beigetragen hatten, sondern das ihnen als
Erbschaft unbewut zugefallen war. Daran wollte der Frst bei dem ersten
glnzenden Eindruck, unter dem er stand, berhaupt nicht denken. Er sah
nur, wie zum Beispiel dieser Greis, dieser vornehme Wrdentrger, der
den Jahren nach sein Grovater htte sein knnen, sein Gesprch mit dem
Nachbar unterbrach, um ihm zuzuhren, ihm, einem so jungen und
unerfahrenen Menschen; und nicht nur, da er ihm zuhrte, sondern da er
auch seine Meinung zu schtzen schien, und sich zu ihm so aufrichtig und
offenherzig verhielt, als wren sie einander gar nicht fremd. Auf die
Empfnglichkeit des Frsten wirkte wohl am meisten gerade die Feinheit
dieser Hflichkeit. Auerdem war er vielleicht selbst in besonders
glcklicher Stimmung und geneigt, alles im besten Lichte zu sehen.

Diese Menschen waren indessen, wenn auch Freunde des Hauses und
untereinander bekannt, doch durchaus nicht so befreundet, wie es dem
Frsten zuerst erschien. Dort gab es Leute, die es niemals zugelassen
htten, Jepantschins zu ihresgleichen zu zhlen. Dort gab es Leute, die
sich gegenseitig nicht ertragen konnten. Die alte Bjelokonskaja
verachtete ihr ganzes Leben lang die Frau des alten Wrdentrgers
und diese liebte wiederum Lisaweta Prokofjewna durchaus nicht. Ihr Mann,
der Wrdentrger selbst, der aus irgendeinem Grunde von jeher als
Protektor der Jepantschins galt, war wiederum in den Augen Iwan
Fedorowitschs ein so erhabenes Wesen, da dieser aus Ehrfurcht und Angst
in seiner Gegenwart nichts zu uern wagte und sich selbst aufrichtig
verachtet htte, wenn es ihm eingefallen wre, sich mit diesem
Olympischen Zeus gleichzustellen. Auch gab es dort Leute, die sich seit
einigen Jahren nicht mehr gesehen hatten und freinander nichts
empfanden als Gleichgltigkeit, wenn nicht Widerwillen, und die sich
doch jetzt so freundschaftlich begrten, als wren sie noch gestern in
angenehmster Gesellschaft zusammen gewesen. -- Im brigen war die
Gesellschaft gar nicht so zahlreich vertreten. Auer der Bjelokonskaja
und dem alten Wrdentrger nebst Gemahlin gab es nur noch eine
wichtige Persnlichkeit: einen sehr soliden aktiven General, Baron oder
Graf, mit deutschem Namen. Es war das ein auergewhnlich schweigsamer
Mensch mit dem Ruf auerordentlicher Gelehrsamkeit, und ein
bewundernswerter Kenner seines Ressorts -- einer dieser Halbgtter von
Administratoren, die alles kennen auer Ruland selbst, einer dieser
hochgestellten Beamten, die gewhnlich nach langem Dienst (bis zur
Verwunderung lang) im hchsten Rang und mit groem Vermgen sterben,
ohne irgendeinen Fortschritt herbeigefhrt zu haben, ja, die sogar jedem
Fortschritt im Prinzip feindlich gegenber gestanden haben. Dieser
General war der unmittelbare Vorgesetzte Iwan Fedorowitschs, der ihn
gleichfalls aus Dankbarkeit seines Herzens fr seinen Wohltter hielt,
whrend dieser seinerseits sich durchaus nicht fr einen Wohltter Iwan
Fedorowitschs hielt, sich vielmehr ruhig und kaltbltig zu ihm stellte.
Obgleich er die verschiedenen Geflligkeitsdienste Iwan Fedorowitschs
gerne entgegennahm, htte er doch an dessen Stelle sofort einen anderen
Beamten eingesetzt, wenn es irgendwelche hhere Vorteile verlangten.
Auch befand sich dort ein vornehmer Kavalier, ein lterer Lebemann, der
fr einen Verwandten von Lisaweta Prokofjewna angesehen wurde, was er
aber durchaus nicht war. Ein Mann von hohem Rang, ein reicher
Aristokrat, von erprobter Gesundheit, ein groer Schwtzer, der im Rufe
eines unbefriedigten Menschen stand (unbefriedigt natrlich im hheren
und erlaubten Sinne des Wortes). Ein Durchgnger (was an ihm sogar noch
das Sympathischste war), der die Gewohnheiten eines englischen
Aristokraten hatte, englischen Appetit und Geschmack (besonders was die
blutigen Roastbeefs anbelangte), sowie englische Pferde, Lakaien usw.
hielt. Er war ein groer Freund des Wrdentrgers, zerstreute und
beschftigte denselben und -- auerdem auch Lisaweta Prokofjewna, die
den sonderbaren Gedanken gefat hatte, da dieser schon etwas ltliche
Lebemann, auerdem ein leichtsinniger Mensch und Liebhaber des
weiblichen Geschlechts, ihre Alexandra mit einem Antrag beehren wrde.
Dieser hheren und solideren Schicht der Gesellschaft folgte eine
Schicht jngerer Leute: auch sie durchaus glnzend mit eleganten,
blendenden Eigenschaften. Auer dem Frsten Sch. und Jewgenij
Pawlowitsch gehrte zu ihr der bekannte und bezaubernde Frst N., ein
Besieger aller Frauenherzen in ganz Europa, ein Mann von jetzt schon
fnfundvierzig Jahren, doch immer noch eine bestechende Erscheinung mit
glnzender Rednergabe, ein Mann von Vermgen, wenn auch etwas
zerrtteten Geldverhltnissen, der meist im Auslande lebte. Es gab aber
dort schlielich auch noch Leute, die schon eine dritte Schicht
bildeten, die genau genommen nicht zu diesem hheren Kreise gehrten,
doch die man, ganz wie Jepantschins selbst, in diesem hheren Kreise
antreffen konnte. Aus einem gewissen Taktgefhl hatten Jepantschins es
sich ein fr allemal zur Regel gemacht, in den seltenen Fllen, in denen
bei ihnen groer Besuch stattfand, in ihre hhere Gesellschaft auch
Leute mittleren Standes einzuladen. Man lobte Jepantschins sehr, da sie
es verstanden, ihren Platz einzunehmen, und so viel Takt bewiesen,
worauf Jepantschins ihrerseits wiederum sehr stolz waren. Einer dieser
Vertreter mittleren Standes war ein Techniker, ein guter Freund des
Frsten Sch., der von ihm bei Jepantschins eingefhrt worden war. Er war
in Gesellschaft ungewhnlich schweigsam und trug am Zeigefinger der
rechten Hand einen groen Siegelring, der ihm wohl hheren Ortes
verliehen worden war. Es war auerdem ein Literat erschienen, von
deutscher Herkunft, doch dichtete er russisch: eine durchaus anstndige
Erscheinung, die man ohne Gefahr in die Gesellschaft einfhren konnte.
Er hatte ein geflliges uere, stand in den Dreiigern, war tadellos
gekleidet und gehrte einer deutschen Familie an, die im hchsten Grade
brgerlich, doch auch im hchsten Grade anstndig und von gutem Rufe
war; auch verstand er es, jede gnstige Gelegenheit auszunutzen und die
Protektion einflureicher Leute zu erwerben. Er hatte eine berhmte
deutsche Dichtung in Versen ins Russische bersetzt und sie einer
hochgestellten Persnlichkeit gewidmet; er konnte sich der Freundschaft
eines groen verstorbenen russischen Dichters rhmen (es gibt eine ganze
Schicht Schriftsteller, die vom Ruhm der Freundschaft eines groen, doch
verstorbenen Dichters leben) und war unlngst durch die Frau des
Wrdentrgers bei Jepantschins eingefhrt worden. Diese Frau war als
Gnnerin von Schriftstellern und Gelehrten bekannt, und sie hatte auch
wirklich durch hhere Protektion, die sie geno, zwei Schriftstellern
eine Pension verschaffen knnen. Eine Bedeutung geistiger Art besa sie
dabei durchaus nicht. Sie war eine Dame von fnfundvierzig Jahren (also
eine junge Frau im Vergleich zu ihrem Gemahl), eine gewesene Schnheit,
die sich auch jetzt noch, wie es mancher Dame in diesem Alter eigen ist,
sehr auffallend zu kleiden liebte. Ihr Verstand war nicht sehr umfassend
und ihre literarischen Kenntnisse waren es nicht minder. Man widmete ihr
Aufstze und bersetzungen: zwei oder drei Schriftsteller hatten mit
ihrer Erlaubnis einen Briefwechsel ber sehr wichtige Dinge, den sie mit
ihr gehabt, verffentlicht ...

Diese ganze Gesellschaft nun nahm der Frst fr bare Mnze, fr reines,
unlegiertes Gold. Im brigen schienen die Leute an diesem Abend in
besonders guter Stimmung und sehr mit sich selbst zufrieden zu sein.
Alle wuten sie, bis auf den letzten, da sie Jepantschins mit ihrem
Erscheinen eine groe Ehre erwiesen. Doch -- o weh! Der Frst ahnte
nichts von den Feinheiten, die es da gab. Er ahnte zum Beispiel nichts
davon, da Jepantschins bei einem so wichtigen Schritt, wie die
Entscheidung des Schicksals ihrer Tochter, es gar nicht gewagt htten,
ihn, den Frsten Lew Nikolajewitsch, dem Wrdentrger und Beschtzer
ihrer Familie _nicht_ vorzustellen. Der Wrdentrger, der seinerseits
ruhig die Nachricht von einem groen Unglck, das Jepantschins
betroffen, hingenommen htte, wre tief beleidigt gewesen, wenn
Jepantschins ihre Tochter ohne seinen Rat, das heit, ohne seine
Erlaubnis, verlobt htten. Der Frst N. wiederum, dieser liebenswrdige
und fraglos geistreiche, grozgige Mensch, war fest davon berzeugt,
da er wie eine Art Sonne den Salon der Jepantschins erhellte. Er
betrachtete die letzteren als tief unter sich stehend, und dieser
treuherzige und edle Gedanke erzeugte in ihm dann seine Leutseligkeit
und Zuvorkommenheit Jepantschins gegenber. Er wute sehr gut, da er
noch an diesem Abend eine Probe seines Erzhlertalents geben wrde, um
die Gesellschaft zu entzcken, und bereitete sich fast mit Begeisterung
auf den groen Augenblick vor. Als Frst Lew Nikolajewitsch die
Erzhlung gehrt hatte, glaubte er, noch niemals einen so glnzenden
Humor und eine so wunderbare Naivitt erlebt zu haben, die einen fast
rhren mute von den Lippen eines solchen Don Juans, wie Frst N. einer
war. Wenn er dabei blo geahnt htte, wie alt und abgetragen diese
Erzhlung war, wie auswendig gelernt und wie bekannt in allen Salons!
Nur bei den unschuldigen Jepantschins tauchte sie wieder als Neuheit
auf, als improvisierte, echte und glnzende Gabe eines Gastes,
dargebracht von einem so eleganten und schnen Menschen! Sogar der
deutsche Dichterling, der sich bescheiden und auerordentlich
liebenswrdig zeigte, glaubte mit seinem Besuch diesem Hause eine Ehre
anzutun. Doch der Frst sah von alledem nichts. Selbst Aglaja hatte das
nicht vorausgesehen. Sie war wunderschn an diesem Abend. Alle drei
Schwestern waren, wenn auch nicht auffallend, so doch sehr geschmackvoll
gekleidet; dazu trugen sie eine Haartracht, die ganz besonders war.
Aglaja sa neben Jewgenij Pawlowitsch und unterhielt sich sehr
freundschaftlich mit ihm, scherzte und lachte. Jewgenij Pawlowitsch
benahm sich etwas gemessener, als er es sonst getan hatte, wohl aus
Hochachtung vor den Wrdentrgern. Ihn kannte man brigens schon lange
in dieser Welt, zu der er so recht gehrte. Jetzt trug er einen
Trauerflor am Arm, und die Bjelokonskaja hatte ihn deswegen bereits sehr
gelobt. Auch Lisaweta Prokofjewna war damit zufrieden, doch schien sie
an diesem Abend recht zerstreut und zerfahren. Der Frst bemerkte es,
wie Aglaja ihn zweimal aufmerksam ansah, und es schien ihm, da sie mit
ihm zufrieden war. Seine Stimmung wurde immer gehobener und glcklicher.
Alle seine frheren phantastischen Gedanken und Befrchtungen
erschienen ihm jetzt pltzlich, bei nherer Betrachtung, als ein
wesenloses, und lcherliches Hirngespinst! (Und sein erster, wenn auch
unbewuter Wunsch war schon den ganzen Tag ber, alles zu tun, um nicht
mehr an diesen Traum zu denken!) Er sprach wenig und beantwortete nur
die Fragen, die man an ihn richtete, und verstummte zuletzt ganz, doch
hrte und sah er alles wie in groer Verzckung. Und langsam bereitete
sich in seinem Innern eine mchtige Begeisterung vor, die bereit war,
sich Luft zu machen ... Und ganz zufllig begann er denn auch, zu
sprechen, ... zufllig, als er wieder eine Frage beantwortete ... von
ungefhr, ohne jede Absicht, es zu tun ...


                                  VII.

Whrend der Frst keinen Blick von Aglaja abwendete, die sich mit Frst
N. und Jewgenij Pawlowitsch unterhielt, nannte pltzlich der ltliche
Anglomane, der nicht weit vom Frsten dem Wrdentrger irgend etwas
offenbar recht Interessantes erzhlte, den Namen Nikolai Andrejewitsch
Pawlischtscheff. Der Frst zuckte zusammen und wandte sich rasch nach
den beiden um.

Es war die Rede von irgendwelchen Zustnden auf irgendwelchen Gtern im
--schen Gouvernement. Die Erzhlung des Anglomanen schien nicht ohne
Witz zu sein, denn der alte Wrdentrger begann stillvergngt zu lcheln
und schlielich zu lachen, whrend der andere gleichmig flieend
weitererzhlte -- er sprach geradezu geckenhaft langsam und formte fast
zrtlich jeden Vokal --, erzhlte, wie er einzig dank der bestehenden
Gesetze gezwungen gewesen wre, sein schnstes Gut im --schen
Gouvernement fr den halben Preis zu verkaufen, ohne eigentlich in
Geldverlegenheit zu sein, und gleichzeitig ein verschuldetes Gut, um das
er noch einen Proze fhren mute und das ihm nichts einbrachte, ja fr
das er sogar noch zuzuzahlen hatte, zu behalten.

... Und um dann nicht noch wegen der Hinterlassenschaft
Pawlischtscheffs Prozesse zu fhren, machte ich mich einfach auf und
lief ihnen davon. Ich bitte Sie, noch einige solcher Erbschaften und ich
bin bankerott! brigens waren mir da dreitausend Dejtinen[32]
vorzgliches Land zugefallen.

Weit du nicht ... Iwan Petrowitsch ist doch ein Verwandter des
verstorbenen Nikolai Andrejewitsch Pawlischtscheff ... Du hast doch,
glaube ich, nach seinen Verwandten geforscht, sagte halblaut General
Jepantschin, der die auergewhnliche Aufmerksamkeit des Frsten bemerkt
hatte.

Der General hatte sich bis dahin mit seinem Vorgesetzten unterhalten,
doch pltzlich war ihm die Einsamkeit des Frsten beunruhigend
aufgefallen, worauf er sich diesem sogleich genhert hatte. Nun machte
er den Versuch, ihn in das allgemeine Gesprch hineinzuziehen.

Lew Nikolajewitsch ist ja doch ein Pflegesohn Nikolai Andrejewitschs,
bemerkte er erklrend, als er sah, da Iwan Petrowitschs Blick fragend
auf ihm ruhte.

Se--ehr angenehm, sagte dieser, ich erinnere mich Ihrer sogar noch
ganz deutlich. Vorhin, als Iwan Fedorowitsch uns bekannt machte,
erkannte ich Sie sogleich, allein schon am Gesicht. Sie haben sich
wirklich im Aussehen se--ehr wenig verndert, finde ich, obschon ich Sie
nur als Kind gesehen habe, als zehn- oder elfjhrigen Knaben. Es ist so
ein gewisses Etwas in den Zgen, ich wei selbst nicht ...

Sie haben mich als Kind gesehen? fragte der Frst nicht wenig erregt.

Oh, es ist jetzt nur schon se--ehr lange her, fuhr Iwan Petrowitsch
ruhig fort. Es war in Slatowerchowo, wo Sie damals bei meinen Cousinen
untergebracht waren. Ich kam frher ziemlich oft nach Slatowerchowo --
Sie entsinnen sich meiner nicht mehr? Das ist se--ehr mglich ... Sie
waren damals ... Sie hatten irgendeine Krankheit, glaube ich, so da ich
mich einmal sogar se--ehr ber Sie wunderte ...

Nein, ich wei nichts mehr aus dieser Zeit! sagte der Frst eifrig.

Es folgten einige Erklrungen, die von seiten des Anglomanen Iwan
Petrowitsch unendlich ruhig, von seiten des Frsten in ungewhnlicher
Erregung gegeben wurden. Es erwies sich, da die beiden alten Frulein,
die die Erziehung des kleinen Frsten bernommen und damals, als
Verwandte Pawlischtscheffs, auf dessen Gut Slatowerchowo gelebt hatten,
die leiblichen Cousinen des Anglomanen waren. Doch leider vermochte auch
Iwan Petrowitsch keine Auskunft darber zu geben, weshalb
Pawlischtscheff den kleinen Frsten so liebgewonnen hatte. Ja und ich
verga es auch, offen gestanden, mich dafr zu interessieren. Doch
abgesehen davon hatte er ein gutes Gedchtnis: so entsann er sich noch
genau, wie streng seine ltere Cousine, Marfa Nikititschna, ihren
kleinen Zgling behandelt hatte, so da ich damals noch mit ihr wegen
ihrer Erziehungsmethode in Streit geriet, denn ewig Ruten und Ruten fr
ein krankes Kind -- das ist doch ... nicht wahr, das geht doch nicht
... und er fgte hinzu, wie zrtlich dagegen seine jngere Cousine,
Natalja Nikititschna, zum Knaben gewesen sei. Beide leben jetzt im
--schen Gouvernement, berichtete er weiter, -- nur wei ich im
Augenblick nicht, ob sie berhaupt noch leben -- sie haben dort ein
uerst, uerst annehmbares Gut von Pawlischtscheff geerbt. Marfa
Nikititschna wollte, glaube ich, in ein Kloster gehen; brigens, ich
will es nicht positiv behaupten -- vielleicht war es auch eine andere,
von der ich es hrte ... ganz recht, das erzhlte man mir vor nicht
langer Zeit von unserer Frau Doktor ...

Der Frst vernahm alle diese Mitteilungen mit glnzenden Augen, aus
denen deutlich seine Freude und Rhrung sprach. Mit berschwenglichem
Gefhl erklrte er seinerseits, da er es sich niemals werde verzeihen
knnen, whrend dieser ganzen sechs Monate, die er nun schon in Ruland
war, seine ehemaligen Erzieherinnen nicht aufgesucht zu haben. Tglich
habe er sich vorgenommen, sobald wie mglich hinzureisen, doch sei immer
wieder etwas dazwischen gekommen, das ihn verhindert habe, die Reise
anzutreten ... jetzt aber gebe er sich das Wort ... unbedingt ... und
wenn auch bis ins --sche Gouvernement ... So kennen Sie also Natalja
Nikititschna? Was fr eine prchtige, reizende, gtige Seele sie war!
Aber auch Marfa Nikititschna ... verzeihen Sie, aber es will mir
scheinen, da Sie sie etwas ungerecht beurteilen. Allerdings war sie
sehr streng, aber ... wer wrde denn nicht die Geduld verlieren ... mit
solch einem Idioten, wie ich damals einer war ... Ich war doch damals
ein vollstndiger Idiot, Sie glauben es nicht ... brigens ... Sie haben
mich damals gesehen und ... Aber wie sonderbar, sagen Sie doch, bitte,
da ich mich Ihrer gar nicht mehr entsinne? So sind Sie ... ach, mein
Gott, so sind Sie also wirklich ein Verwandter von Andrei Petrowitsch?

Wie ge--sagt! antwortete Iwan Petrowitsch und er lchelte, indem er
den Frsten betrachtete.

Oh, so war es nicht gemeint, ich fragte nicht, weil ich etwa gezweifelt
htte ... und ... kann man denn berhaupt daran zweifeln ... auch nur
einen Augenblick? ... Nein, wirklich, auch nur einen Augenblick? ... Ich
... dachte nur gerade daran, da der verstorbene Nikolai Andrejewitsch
Pawlischtscheff ein so prchtiger Mensch war, der hochherzigste Mensch,
wirklich, ich versichere Sie!

Der Frst ertrank frmlich in der Freude seines guten Herzens, wie
sich Adelaida am nchsten Tage im Gesprch mit ihrem Brutigam, dem
Frsten Sch., ausdrckte.

_Mais, mon Dieu!_{[41]} lachte Iwan Petrowitsch, weshalb sollte ich
denn nicht auch mit einem hoch--her--zigen Menschen verwandt sein
knnen?

Ach, mein Gott! rief der Frst ganz verwirrt und seine Erregung wuchs
mit jedem Wort. Ich ... da habe ich wieder eine Dummheit gesagt, aber
... so mute es ja auch unfehlbar kommen, denn ich ... ich ... ich,
brigens, das gehrt wieder nicht zur Sache! Und was ist jetzt
eigentlich mit mir, sagen Sie doch, bitte, bei so interessanten ... so
ungeheuer interessanten Mitteilungen! Und im Vergleich mit einem so
hochherzigen Menschen! -- Denn er war doch, bei Gott, der hochherzigste
Mensch, den es je gegeben hat, nicht? Nicht wahr?

Der Frst bebte geradezu am ganzen Krper. Weshalb er sich aber
pltzlich so aufregte, so ohne alle Veranlassung, ist schwer zu sagen.
Es war nun einmal seine Stimmung, wie es schien, und fast empfand er in
diesem Augenblick fr irgend etwas und irgendwen die glhendste
Dankbarkeit -- vielleicht galt diese Dankbarkeit sogar Iwan Petrowitsch
oder gar allen Anwesenden zusammen! Er war aber doch etwas gar zu
glckselig. Iwan Petrowitsch begann ihn schlielich aufmerksamer zu
betrachten und dasselbe tat auch der Wrdentrger. Die Bjelokonskaja
sah ihn unverwandt mit zornigem Blick an und prete die Lippen zusammen.
Frst N., Jewgenij Pawlowitsch, Frst Sch. und die jungen Mdchen
unterbrachen ihr Gesprch und hrten zu. Aglaja schien nur erschrocken
zu sein, Lisaweta Prokofjewna aber wurde einfach bange. Es waren doch
seltsame Menschen, diese Mutter und diese Tchter: sie hatten selbst
gewnscht, da der Frst den ganzen Abend schweigend verbringen sollte,
als sie ihn dann aber nach Wunsch schweigend, doch mit seinem Los
vollkommen zufrieden, einsam etwas abseits sitzen sahen, da war es ihnen
auch nicht recht gewesen. Alexandra hatte bereits den Entschlu gefat,
zu ihm zu gehen und ihn zur Gruppe des Frsten N. zu fhren, damit er
sich an der Unterhaltung beteiligen knne. Und nun -- kaum hatte er zu
sprechen begonnen, da erschraken sie pltzlich alle und sahen dem
Kommenden angstvoll entgegen.

Da er ein vortrefflicher Mensch war, darin haben Sie vollkommen
recht, sagte Iwan Petrowitsch, doch lchelte er diesmal nicht mehr,
ja, ja ... das war ein vortrefflicher Mensch! Vortrefflich und
ehrenwert, fgte er langsam nach einer kurzen Pause hinzu. Ehrenwert
und man kann sogar sagen aller Achtung wert, fuhr er nach einer dritten
Pause fort, und ... es ist se--ehr angenehm zu sehen, da Sie
Ihrerseits ...

War es nicht derselbe Pawlischtscheff, unterbrach ihn der
Wrdentrger, von dem man sich einmal etwas ... Seltsames erzhlte,
irgendeine Geschichte mit einem Abb ... Abb ... der Name fllt mir im
Augenblick nicht ein, nur war einmal von ihm die Rede, von ihm und einem
Abb ... Der Wrdentrger runzelte nachdenkend die Stirn.

Abb Gourot, den Jesuiten meinen Sie? half ihm Iwan Petrowitsch, und
fuhr dann langsam fort:

Tja! Das ist nun die Kehrseite unserer ehren- und aller Achtung werten
Landsleute! Denn Pawlischtscheff war doch immerhin ein geborener
A--ris--tokrat, wohlhabend, Kammerherr, und wenn er ... im Dienst
geblieben wre ... Aber da mu er pltzlich austreten und alles an den
Nagel hngen, um zum Katholizismus berzutreten und Jesuit zu werden,
und das noch so gut wie offiziell! In einem Anfall von Begeisterung,
wie's scheint. Nein, er starb doch sehr zur rechten Zeit ... ja, damals,
da wurde viel davon gesprochen ...

Frst Myschkin war auer sich.

Pawlischtscheff ... Pawlischtscheff soll zum Katholizismus bergetreten
sein! Das ist nicht mglich! rief er geradezu entsetzt.

>Nicht m--glich<? fragte Iwan Petrowitsch gedehnt. Das ist zum
mindesten etwas viel gesagt, mein lieber Frst, das werden Sie wohl
selbst einsehen ... Freilich, Sie schtzen den Verstorbenen so hoch ...
Er war allerdings ein selten guter Mensch, doch gerade diesem Umstande
schreibe ich hauptschlich den Erfolg dieses geriebenen Jesuiten zu.
Aber fragen Sie erst mich, mich, wieviel Scherereien ich spter wegen
dieser Geschichte gehabt habe, wieviel Unannehmlichkeiten ... und gerade
mit diesem Gourot! Knnen Sie sich denken, wandte er sich pltzlich an
den Wrdentrger, sie erhoben sogar Ansprche auf seine
Hinterlassenschaft, behaupteten, ein Testament von ihm zu besitzen, und
so weiter, so da ich gezwungen war, di--ie ... energischsten Maregeln
zu ergreifen ... denn sie sind ja Meister, wahre Meister darin!
Un--bertrefflich! Doch Gott sei Dank, es geschah in Moskau, ich begab
mich sogleich zum Grafen und wir ... brachten sie wieder zur Vernunft
...

Sie glauben nicht, wie sehr Sie mich durch diese Mitteilung erschttert
haben! rief der Frst.

Tut mir leid. Doch im Grunde war das doch alles nicht ernst zu nehmen.
Die Sache wre wohl, wie gewhnlich in solchen Fllen, im Sande
verlaufen, davon bin ich berzeugt. Im vorigen Sommer, wandte er sich
wieder an den Wrdentrger, soll ja auch die Grfin K., wie man hrt,
in ein katholisches Kloster eingetreten sein, irgendwo dort im Auslande.
Wie man sieht, haben wir Russen keine Widerstandskraft, wenn wir diesen
... Intriganten in die Finger geraten ... namentlich im Auslande.

Das kommt alles, denke ich, von unserer Mdigkeit, meinte der
Wrdentrger in berlegenem Tone, wenn er auch die Worte nach
Greisenart mehr kaute, als sprach. Nun und dann haben sie auch eine
besondere Art zu predigen ... elegant, geschult ... und verstehen es
vorzglich, einem Angst zu machen. Auch mich versuchten sie im Jahre
zweiunddreiig, machten mir schon die Hlle hei -- in Wien war's, ich
versichere Sie! Nur ergab ich mich nicht, sondern lief ihnen einfach
davon, ha--ha! Ich lief ihnen in der Tat davon!

Na, ich habe gehrt, da du damals nicht dem Jesuitenpater
davongelaufen, sondern mit der schnen Grfin Lewitzkij von Wien nach
Paris durchgegangen bist. Es war also wohl nicht die geheizte Hlle, die
dich zur Reise veranlate, bemerkte pltzlich die Bjelokonskaja.

Nun, gleichviel, es kommt aber doch auf eins heraus! griff der Alte
sofort auf, lchelnd bei der angenehmen Erinnerung. Sie scheinen ja
sehr religis zu sein, wandte er sich freundlich an den Frsten Lew
Nikolajewitsch, der ihn mit halb offenem Munde anstarrte. Der Alte
wollte ihn offenbar etwas nher kennen lernen, denn aus gewissen Grnden
begann er sich sehr fr ihn zu interessieren.

Pawlischtscheff war ein klarer Kopf und ein bewuter Christ, ein
wirklicher Christ, sagte pltzlich der Frst, wie konnte er dann einen
... unchristlichen Glauben annehmen? Der Katholizismus -- ist ebensogut
wie ein unchristlicher Glaube! fgte er mit pltzlich aufblitzenden
Augen hinzu und sein Blick heftete sich, nachdem er flchtig ber alle
Anwesenden geschweift war, geradeaus auf etwas Unsichtbares.

Nun, das ist denn doch etwas stark, brummte der Alte und sah
verwundert den Hausherrn an.

Wie das? Inwiefern ist der Katholizismus kein christlicher Glaube?
fragte Iwan Petrowitsch, indem er sich in seinem Sessel interessiert dem
Frsten zuwandte. Was wre er denn sonst, Ihrer Meinung nach?

Vor allen Dingen kein christlicher Glaube! versetzte der Frst sehr
erregt und bermig schroff. Das erstens, und zweitens ist der
rmische Katholizismus sogar schlimmer als der Atheismus, das ist meine
berzeugung! Ja, davon bin ich berzeugt! Der Atheismus ist gleich Null,
der Katholizismus geht aber noch viel weiter: er predigt die entstellte
Lehre eines Christus, den Rom belogen und beschimpft hat! Er verkndet
den Antichrist, glauben Sie mir, ich schwre es Ihnen! Es ist das meine
ganz persnliche Meinung, die mich selbst schon lange geqult hat ...
Der rmische Katholizismus glaubt, da die Kirche ohne staatliche
Weltmacht auf Erden nicht bestehen knne. Meiner Ansicht nach ist der
rmische Katholizismus nicht einmal ein religiser Glaube, sondern nur
die Fortsetzung des westrmischen Reichsgedankens, dem alles im
Katholizismus untergeordnet ist, angefangen vom Glauben. Der Papst
eroberte das Land und den irdischen Thron und nahm das Schwert der
Csaren, und so geht es jetzt weiter, nur da sie mit der Zeit zum
Schwerte noch die Lge hinzugefgt haben, und zur Lge Betrug,
Fanatismus, Aberglauben und Freveltaten, und da sie mit den heiligsten,
aufrichtigsten, glhendsten Gefhlen des Volkes gespielt und alles,
alles gegen Geld eingetauscht haben, gegen niedrige, irdische Macht! Und
das sollte nicht die Lehre des Antichrist sein?! Und wie sollte daraus
nicht der Atheismus entstehen? Der Atheismus ist aus nichts anderem als
dem rmischen Katholizismus hervorgegangen. Die rmischen Kirchenvter
sind die ersten Atheisten gewesen: konnten sie denn an sich selbst
glauben? Und den Boden fr ein weiteres Wachstum fand der Atheismus in
der Abneigung des Volkes zu ihnen: er ist eine Folge ihrer Lge und
ihrer geistigen Kraftlosigkeit! Atheismus! Bei uns glauben nur gewisse
Stnde nicht: diejenigen, die, wie sich Jewgenij Pawlowitsch einmal
vorzglich ausgedrckt hat, >nicht mehr im Boden wurzeln<. Dort aber, in
Europa sind es schon die Volksmassen, die zu glauben aufhren -- zu
Anfang taten sie es noch infolge der Finsternis, in der sie befangen
waren, und der Lge, jetzt aber tun sie es schon aus Fanatismus und aus
Ha gegen die Kirche und das Christentum.

Der Frst hielt inne, um Atem zu schpfen. Er hatte sehr schnell
gesprochen und war bleich und atemlos. Die Gste tauschten untereinander
Blicke aus und der Alte begann schlielich ganz unverhohlen zu lachen.
Frst N. zog eine Lorgnette hervor, um den Frsten unverwandt zu
betrachten. Und der deutsche Dichter verlie seinen Winkel und nherte
sich dem Tisch, mit einem beiend ironischen Lcheln.

Sie ber--trei--ben die Sache se--ehr, bemerkte Iwan Petrowitsch
langsam mit einer gewissermaen gelangweilten Miene, und es war, als
htte er dabei ein peinliches Gefhl. Die rmisch-katholische Kirche
hat auch Reprsentanten aufzuweisen, die durchaus Achtung verdienen und
sogar sehr tugendhaft sind ...

Ich habe durchaus nicht von einzelnen Reprsentanten der Kirche
gesprochen. Ich habe nur vom Wesen, vom Geist des rmischen
Katholizismus gesprochen. Ich rede von Rom. Wird denn die Kirche
berhaupt jemals ganz verschwinden? Nein, das habe ich nie gesagt!

Einverstanden, aber alles das ist doch schon bekannt und sogar --
bermig breitgetreten und ... gehrt der Theologie an.

O nein, o, das gehrt durchaus nicht nur der Theologie an, ich
versichere Sie! Das geht uns alle weit mehr an, als Sie glauben! Darin
besteht eben unser ganzer Fehler, da wir nicht zu erkennen vermgen,
da es sich hier durchaus nicht nur um eine Frage der Theologie handelt.
Ist doch auch der Sozialismus nichts anderes, als eine Ausgeburt des
Katholizismus und der katholischen Wirklichkeit! Auch er ist, ganz wie
sein Bruder, der Atheismus, aus der Verzweiflung hervorgegangen, als
Gegensatz zum Katholizismus im sittlichen Sinne, um durch sich die
verlorene seelische Macht der Religion zu ersetzen und somit den
geistigen Durst der lechzenden Menschheit zu stillen und sie zu retten,
jedoch nicht mit dem Worte Christi, sondern gleichfalls mit geistiger
Vergewaltigung, ganz wie der Katholizismus es wollte! Das wre nur eine
Freiheit durch Gewalt, und eine Vereinigung durch das Schwert! >Du
sollst nicht glauben an Gott, du sollst kein Eigentum besitzen, du
sollst keine Individualitt sein -- _fraternit ou la mort!_{[42]} --
koste es auch zwei Millionen Kpfe!< An ihren Taten, an ihren Frchten
sollt ihr sie erkennen, so steht es geschrieben. Und glauben Sie nur
nicht, da das alles so unwichtig und gefahrlos fr uns sei! Oh, wir
brauchen eine Gegenwehr, und so schnell wie mglich! Und diese Gegenwehr
des Ostens gegen den Westen soll unser Christus sein, den wir in seiner
wahren Gestalt in uns bewahrt und den sie dort berhaupt nicht gekannt
haben! Nicht indem wir uns sklavisch von den Jesuiten fangen lassen,
sondern indem wir ihnen unsere russische Auffassung entgegensetzen,
mssen wir jetzt vor sie hintreten, und deshalb sollte man bei uns
lieber nicht sagen, da ihre Predigt >elegant< sei, wie es hier soeben
jemand getan hat ...

Aber erlau--ben Sie, erlau--ben Sie, unterbrach ihn hchst beunruhigt
Iwan Petrowitsch und blickte sich fast ngstlich im Kreise um, Ihre
Gedanken sind ja alle se--ehr lobenswert und patriotisch, aber im ganzen
groen ist es doch recht bertrieben und ... es wre wirklich besser,
wir lieen dieses Thema fallen ...

Nein, es ist nicht bertrieben, eher ist es noch verkleinert, -- ja --,
gerade verkleinert ... ich bin unfhig, mich auszudrcken, doch ...

Er--lauben Sie!

Der Frst schwieg. Er sa in aufrechter Haltung im Sessel und sah
unbeweglich mit flammendem Blick Iwan Petrowitsch an.

Es will mir scheinen, da Ihnen die Mitteilung ber Ihren Wohltter gar
zu nahe gegangen ist, meinte freundlich und ohne sich aus seiner Ruhe
bringen zu lassen, der alte Wrdentrger. Sie sind ... vielleicht
durch Ihre Einsamkeit etwas zu idealistisch geworden. Wenn Sie mehr
unter Menschen gelebt htten, in der Gesellschaft, die Sie, wie ich
hoffe, als bemerkenswerten jungen Mann mit Vergngen aufnehmen wird, so
werden Sie ganz von selbst Ihren Feuereifer dmpfen lernen, denn Sie
werden einsehen, da alles das viel einfacher ist ... und zudem kommen
solche Ausnahmeflle, wie dieser, meiner Ansicht nach zum Teil von
unserer bersttigung und zum Teil von unserer ... Langeweile ...

Seht richtig, gerade daher! rief der Frst. Das haben Sie vorzglich
ausgedrckt! Gerade von der Langeweile, von unserer Langeweile, nicht
von der bersttigung, sondern im Gegenteil, vom lechzenden Durst ...
oh, nein, nicht von der bersttigung, darin haben Sie sich getuscht!
Und nicht nur drstende Begierde ist es, sondern geradezu fieberhaftes,
glhendes Verlangen! Und ... glauben Sie nicht, da es in einem so
geringen Mae der Fall sei, da man darber nur lachen knnte! Verzeihen
Sie, aber man mu vorauszufhlen verstehen! Sobald wir Russen ans Ufer
gelangt sind und auch wirklich den Glauben gewonnen haben, da es das
Ufer ist, dann freuen wir uns so darber, da wir sogleich bis zur
letzten Grenze gehen. Woher kommt das? Da wundern Sie sich nun ber
Pawlischtscheff und schreiben seine Handlungsweise seinem Wahnsinn oder
seiner Herzensgte zu, das ist aber falsch! Nicht nur wir allein -- ganz
Europa wundert sich in solchen Fllen ber unseren pltzlich so
leidenschaftlichen Eifer: wenn von uns jemand zum Katholizismus
bertritt, so wird er doch gleich nichts weniger als Jesuit, und noch
dazu der allerschwrzeste von allen; wird er Atheist, so wird er
sogleich verlangen, da der Glaube an Gott, falls ntig, mit Gewalt
ausgerottet werden solle! wie kommt das, woher dieser jhe Fanatismus?
Wissen Sie es wirklich nicht? Das kommt daher, weil er dann ein
Vaterland gefunden, das er hier in seiner Blindheit nicht zu erblicken
vermocht hat, deshalb freut er sich so: er hat ein Ufer, er hat Land
gefunden -- und da wirft er sich denn hin und kt es in Ekstase. Es ist
doch nicht nur Ehrgeiz, nicht nur schlechtes Gefhl, das die russischen
Atheisten und russischen Jesuiten hervorbringt, sondern es ist ihre
Seelenpein, ist die Sehnsucht ihres Geistes, ihre Sehnsucht nach einer
hheren Bettigung, nach einem festen Ufer, kurz, nach einer Heimat. An
ihre eigene Heimat glauben sie nicht mehr, denn sie haben sie nie recht
gekannt. Atheist zu werden, ist fr einen Russen so leicht, leichter,
als fr jeden anderen in der ganzen Welt! Und die Russen werden auch
nicht gewhnliche Atheisten, nein, der Atheismus wird fr sie einfach zu
einem neuen Glauben, sie _glauben_ an ihn, ohne dabei auch nur zu
bemerken, da sie an eine Null glauben. So gro ist unser Bedrfnis nach
einem Glauben! >Wer keinen Erdboden unter sich hat, der hat auch keinen
Gott.< Dieser Ausspruch stammt nicht von mir, sondern von einem
Kaufmann, einem Altglubigen, den ich auf der Reise kennen lernte -- wir
saen in einem Coup. Er drckte sich nicht buchstblich so aus, er
sagte: >Wer sich von seinem Heimatland lossagt, der sagt sich auch von
seinem Gott los.< Bedenken Sie doch nur, da bei uns gebildete Leute zur
Sekte der Geiler[33] bergetreten sind ... Doch brigens -- ist denn
das Geilertum in dem Fall schlechter, als der Nihilismus, Jesuitismus,
Atheismus? Vielleicht ist es sogar tiefer! Aber Sie sehen, wie gro die
Sehnsucht gewesen sein mu, wenn sie zu so etwas fhren konnte! ...
zeigen Sie der sehnschtigen Schiffsmannschaft des Kolumbus das Land der
>Neuen Welt<, zeigen Sie dem Russen die russische >Welt<, lassen Sie ihn
dieses Gold finden, diesen Schatz, der vor ihm noch verborgen liegt in
der Erde! Zeigen Sie ihm in der Zukunft die Erneuerung und Auferstehung
der ganzen Menschheit vielleicht einzig durch den russischen Gedanken,
den russischen Gott und Christus, und Sie werden sehen, welch ein
mchtiger und treuer, weiser und frommer Riese vor der verwunderten Welt
emporwachsen wird, vor den verwunderten und erschrockenen Vlkern
Europas, denn was sie von uns erwarten, ist doch nur das Schwert und die
Gewalt, weil sie sich uns, da sie uns nach sich selbst beurteilen, gar
nicht ohne Barbarei vorstellen knnen. Und das tun sie bis jetzt noch,
und je lnger, desto mehr! Und ...

Doch hier geschah pltzlich etwas, das den Frsten in der unerwartetsten
Weise unterbrach.

Diese ganze wilde Rede, dieser ganze Schwall seltsamer, unruhiger Worte
und wirrer, begeisterter Gedanken, die wie in ziellosem Durcheinander
aus ihm hervordrngten, der eine den anderen gleichsam berspringend --
alles das deutete auf etwas Gefhrliches, auf einen besonderen Vorgang
in dem anscheinend so tief und so pltzlich sich erregenden jungen Mann.
Von den Anwesenden, die den Frsten kannten, waren die meisten sehr
bengstigt -- einzelne aber auch beschmt -- durch diesen seltsamen
Ausbruch, der so wenig mit der sonst fast sogar schchternen
Zurckhaltung des Frsten bereinstimmte, mit seinem erlesenen
Taktgefhl in manchen Fllen, und einem feinen Instinkt fr alles, was
sich schickt. Man stand frmlich vor einem Rtsel. Die Mitteilung ber
Pawlischtscheff konnte das doch nicht verursacht haben? Die Damen
betrachteten ihn fast als Wahnsinnigen und die Bjelokonskaja gestand
spter: Noch eine Minute und ich htte daran gedacht, mich in
Sicherheit zu bringen Die alten Herren verloren in der ersten
Verwunderung gleichfalls den Kopf. Der alte General schaute sehr
unzufrieden und streng drein. Frst N. sa vollkommen bewegungslos da.
Der deutsche Dichter war sogar erbleicht, lchelte aber immer noch sein
falsches Lcheln, whrend er dabei die anderen anblickte, um zu erraten,
wie sie sich darber uern wrden. Konnte doch der ganze Skandal
schon im nchsten Augenblick die einfachste Lsung finden. Iwan
Fedorowitsch, dessen Versuche, den Frsten zu unterbrechen, erfolglos
geblieben waren, hatte bei sich schon beschlossen, energisch
einzugreifen, nur war er sich ber die Mittel noch nicht ganz klar.
Vielleicht htte er sich sogar dafr entschieden, den Frsten unter dem
Vorwande seiner unberechenbaren Krankheit freundschaftlich
hinauszufhren, welches Verfahren Iwan Fedorowitsch im geheimen fr sehr
vernnftig hielt. Doch es sollte anders kommen.

Als der Frst eingetreten war, hatte er sich absichtlich mglichst weit
von der chinesischen Vase hingesetzt, da Aglaja ihm wirklich Angst
eingeflt hatte. Wie seltsam es auch klingen mag -- es war Tatsache,
da Aglajas kurze Bemerkung eine unausrottbare berzeugung in ihm
hervorgerufen hatte, die ganz unmgliche Vorahnung, da er an diesem
Abend unfehlbar diese Vase zerschlagen wrde, wie weit entfernt er sich
auch von ihr aufhalten und wie vorstzlich er auch ihr und dem Unglck
aus dem Wege gehen wollte. Das war nun einmal so! Im Laufe des Abends
kamen aber neue mchtige Eindrcke, die ihn ganz erfllten, und da
verga er seine Vorahnung. Als er dann den Namen Pawlischtscheff
vernommen und der Hausherr ihn mit ein paar erklrenden Worten zu Iwan
Petrowitsch gefhrt, hatte er sich, ohne sich etwas dabei zu denken,
nher an den Tisch gesetzt -- gerade in jenen Sessel, neben dem auf
einem Postament die wundervolle Vase stand.

Bei den letzten Worten war er pltzlich aufgesprungen, hatte eine
energische Handbewegung gemacht, und -- ein allgemeiner Schrei ertnte!
Die Vase geriet ins Schwanken, zunchst gewissermaen selbst
unentschlossen, auf welche Seite sie fallen sollte --: dem alten
Wrdentrger auf den Kopf, oder auf die Seite des deutschen
Dichterlings, der entsetzt zurcksprang --, um dann, noch eh' man sich's
gedacht, zu Boden zu schlagen. Das Geklirr, der Schrei, der sich allen
entrang, die kostbaren Scherben, die ber den Teppich flogen, der
Schreck, die Verwunderung -- was mit dem Frsten geschah, ist schwer,
sich vorzustellen. Doch drfen wir hier nicht verschweigen, da nicht
der Schreck, die Peinlichkeit der Situation, der laute gemeinsame
Aufschrei den grten Eindruck auf ihn machten, sondern die in Erfllung
gegangene Vorahnung. Was es gerade war, das ihn bei diesem Gedanken so
erschtterte, vermochte er sich selbst nicht zu erklren. Er fhlte nur,
da es ihn gleichsam ins Herz getroffen hatte -- und er stand regungslos
in einem fast mystischen Schreck da. Einen Augenblick war es ihm, als
ffne sich alles vor ihm, an Stelle des Entsetzens trat Licht, Freude,
Begeisterung, und dann war es ihm, als griffe eine Hand nach seiner
Kehle, um sie langsam zusammenzudrcken und ... doch der Augenblick ging
vorber. Gott sei Dank, es war nicht das! Er atmete auf und blickte sich
im Kreise um.

Es dauerte eine geraume Weile, bis er begriff, was geschehen war und was
um ihn vorging, d. h. er sah und begriff alles ganz genau, er stand aber
wie ein besonderes Wesen unter den anderen, wie der unsichtbare
Hausgeist in unseren Mrchen, der sich ins Zimmer geschlichen und nie
gesehene fremde Menschen, die sein Interesse erwecken, beobachtet. Er
sah, wie die Scherben fortgeschafft wurden, hrte das lebhafte
Durcheinandersprechen, sah Aglaja, die bleich dasa und ihn seltsam
anblickte -- sehr, sehr seltsam: in ihren Augen lag keine Spur von Ha
oder Zorn, sie sah ihn nur tief erschrocken, doch dafr so sympathisch
an, whrend sie die anderen mit herausfordernden, blitzenden Blicken ma
... Da begann sein Herz leise zu klopfen und ein ses Gefhl berkam
ihn. Endlich gewahrte er auch mit eigentmlicher Verwunderung, da alle
wieder saen und sogar lachten, als wre nichts Unangenehmes geschehen!
Da begann man noch mehr zu lachen: man lachte ber ihn, ber seinen
starren Schreck, lachte aber freundschaftlich, heiter; einige sprachen
sogar zu ihm, sprachen sehr freundlich, namentlich Lisaweta Prokofjewna:
sie beruhigte ihn lachend und sagte etwas sehr, sehr Herzliches.
Pltzlich fhlte er, da ihm jemand kameradschaftlich auf die Schulter
klopfte: es war der Hausherr. Der Anglomane Iwan Petrowitsch lachte
gleichfalls. Doch am liebenswrdigsten war der Alte: er erfate die Hand
des Frsten, drckte sie leicht in der seinen, klopfte beruhigend mit
der Rechten auf die Handflche, beredete ihn, doch wieder zu sich zu
kommen -- ganz, als htte er einen kleinen erschrockenen Knaben vor sich
gehabt, was dem Frsten ungemein gefiel --, und schlielich zog er ihn
auf den Platz neben sich zum Sitzen nieder. Der Frst blickte ihm ganz
entzckt ins Gesicht, immer noch unfhig, zu sprechen, die Kehle war ihm
wie zugeschnrt. Das Gesicht des Alten gefiel ihm unsglich.

Wie? murmelte er schlielich, Sie verzeihen mir in der Tat? Und ...
auch Sie, Lisaweta Prokofjewna?

Da wurde die Heiterkeit noch grer. Dem Frsten traten Trnen in die
Augen vor Glck: er traute seinen Sinnen nicht und war wie entrckt.

Allerdings: die Vase war wundervoll. Ich entsinne mich, sie schon
jahrelang bei Ihnen gesehen zu haben; es werden wohl schon so an
fnfzehn Jahre her sein, ja ... fnfzehn ... bemerkte Iwan Petrowitsch.

Nun, kein groes Malheur! Auch der Mensch mu einmal sterben, und hier
ist nur eine Vase zerschlagen! sagte Lisaweta Prokofjewna laut.

Hat es dich wirklich so erschreckt, Lew Nikolajewitsch? fragte sie ihn
besorgt. La gut sein, Tubchen, das hat doch nichts auf sich;
wirklich, du ngstigst mich mit deinem Schreck.

Und Sie verzeihen mir _alles_? Alles, nicht nur die Vase? fragte der
Frst, sich pltzlich wieder erhebend, doch der Alte zog ihn sogleich
wieder zurck.

Er wollte seine Hand nicht loslassen.

_C'est trs curieux et c'est trs srieux!_{[43]} raunte er ber den
Tisch Iwan Petrowitsch zu -- ziemlich laut brigens.

So habe ich keinen von Ihnen verletzt? Sie glauben nicht, wie glcklich
mich dieser Gedanke macht! Aber wie knnte es auch anders sein? Wie
htte ich hier jemanden krnken knnen? Es ist geradezu eine Krnkung,
wenn ich das nur voraussetze.

Beruhigen Sie sich, mein Freund, Sie bertreiben die Sache. Und es
liegt gar kein Grund vor, so zu danken; das ist ja an sich ein sehr
lobenswertes Gefhl, aber es ist doch bertrieben.

Ich danke ja gar nicht, ich ... freue mich nur ber Sie, ich bin
glcklich, indem ich Sie ansehe. Ich spreche vielleicht sehr dumm, aber
ich mu -- sprechen, ich mu erklren ... und wenn auch nur aus Achtung
vor mir selbst.

Alles das brachte er wirr, unverstndlich und fast fieberhaft hervor;
mglich, da die Worte, die er aussprach, gar nicht diejenigen waren,
die er sprechen wollte. Und sein Blick, mit dem er alle ansah, schien zu
fragen: darf ich sprechen? Die alte Bjelokonskaja betrachtete ihn -- und
da trafen sich ihre Blicke.

Nur zu, Vterchen, fahr ruhig fort, erzhl', soviel du willst, sieh nur
zu, da dir der Atem nicht ausgeht, sagte sie. Du kamst schon vorhin
mit der Luft zu kurz, aber zu sprechen frcht' dich nicht: wir haben
noch ganz andere Sonderlinge gesehen, du wirst uns nicht in Erstaunen
setzen, bist nicht wei Gott wie klug, nur die Vase, die hast du richtig
zerschlagen und uns alle erschreckt.

Der Frst hrte ihr lchelnd zu.

Sie sind es doch, wandte er sich pltzlich an den Alten, der vor drei
Monaten den Studenten Podkusnoff und den Beamten Schwabrin vor der
Verbannung bewahrt hat?

Der Alte errtete ein wenig und brummte nur, da er sich beruhigen
msse.

Und das ist doch wahr, was ich von Ihnen gehrt habe, Iwan
Petrowitsch, wandte er sich an den Anglomanen, da Sie Ihren
abgebrannten Bauern, die jedoch nicht mehr zu Ihrem Gut im --schen
Gouvernement gehrten und Ihnen sogar Unannehmlichkeiten bereitet
hatten, Wald zum Abholzen fr die Neubauten geschenkt haben?

Nun, das ist wiederum ber--trie--ben, antwortete Iwan Petrowitsch,
nichtsdestoweniger angenehm berhrt. Unwillkrlich nahm er eine
wrdevollere Haltung an.

Diesmal hatte er vollkommen recht, wenn er von einer bertreibung
sprach: es handelte sich um ein falsches Gercht, das dem Frsten zu
Ohren gekommen war.

Und Sie, Frstin, wandte sich Frst Lew Nikolajewitsch mit einem
Lcheln an die Bjelokonskaja, haben Sie mich nicht vor einem halben
Jahre in Moskau wie Ihren eigenen Sohn bei sich aufgenommen, nur auf den
Brief Lisaweta Prokofjewnas hin, und haben Sie mir nicht wie Ihrem Sohne
einen Rat gegeben, den ich nie vergessen werde? Erinnern Sie sich noch?

Wozu kriechst du wieder auf die Wnde? sagte die Bjelokonskaja
rgerlich. Ein guter Mensch bist du, das wei ich, machst dich aber
immer lcherlich: schenkt man dir drei Kopeken, so dankst du schon, als
htte man dir das Leben gerettet. Du glaubst, da das lblich ist? Ich
finde es einfach widerlich.

Sie war bereits im Begriff, ernstlich bse zu werden, doch pltzlich
begann sie zu lachen, und zwar ganz gutmtig. Lisaweta Prokofjewna
atmete innerlich wie erlst auf und aus ihrem wie ihres Gatten Gesicht
verschwand die Besorgnis.

Ich habe ja immer gesagt, da Lew Nikolajewitsch ein Mensch ist, der
... der ... mit einem Wort, wenn er nur nicht mit dem Atem zu kurz kme,
wie die Frstin sehr richtig bemerkt hat, sagte der General erfreut.

Nur Aglaja schien traurig zu sein; ihr Gesicht glhte immer noch --
vielleicht vor Unwillen.

Er ist wirklich ein netter Mensch, brummte der Alte, halb zu Iwan
Petrowitsch gewandt.

Als ich hier eintrat, war mir das Herz schwer, fuhr pltzlich der
Frst in wachsender Verwirrung fort, und seine Rede wurde mit jedem Wort
seltsamer und begeisterter. Ich frchtete Sie und ich frchtete mich
vor mir selbst. Am meisten vor mir selbst. Als ich nach Petersburg
zurckkehrte, gab ich mir das Wort, unsere Besten, unseren eingesessenen
Adel kennen zu lernen, da auch ich zu ihm gehre und mein Name einer der
ersten unter ihnen ist. Und jetzt sitze ich hier unter ebensolchen
Frsten, wie ich einer bin, nicht wahr? Ich wollte Sie kennen lernen,
das tat not. Oh, erst jetzt kann ich es ganz ermessen, wie notwendig,
wie notwendig das war! ... Ich habe immer so viel Schlechtes von Ihnen
gehrt, gar zu viel Schlechtes, viel mehr als Gutes, von Ihrer
Kleinlichkeit, vom Egoismus Ihrer Interessen, und wie weit Sie
zurckgeblieben sein sollen, und ich hrte von Ihrer geringen Bildung
und von lcherlichen Angewohnheiten -- oh, es wird doch so viel ber Sie
geschrieben und gesprochen! Neugierig kam ich heute her, neugierig und
verwirrt: ich mute doch einmal selbst sehen, mich selbst berzeugen, ob
denn wirklich die ganze obere Schicht des russischen Volkes zu nichts
mehr taugt, ob sie wirklich ihre Zeit schon berlebt hat, ob ihr
Lebensquell versiegt und sie nur noch zu sterben fhig ist, dabei immer
noch in kleinlichem, neidischem Kampf begriffen mit den ... zuknftigen
Menschen, denen unsere Oberen den Weg versperren, ohne zu wissen, da
sie selbst schon sterben? Ich habe an die Richtigkeit dieser Auffassung
auch frher nicht ganz geglaubt, denn genau genommen hat es bei uns doch
nie eine hhere Klasse gegeben, abgesehen vielleicht von den Hflingen,
die es durch den Beamtenrock oder ... den Zufall geworden waren, jetzt
aber schon ganz verschwunden sind -- ist es nicht so?

Nun, nein, durchaus nicht so, sagte Iwan Petrowitsch verletzt und er
lachte verchtlich.

Da er doch wieder reden mu! rgerte sich die Bjelokonskaja.

_Laissez le dire_,{[44]} er zittert ja am ganzen Krper, riet der Alte
halblaut.

Der Frst hatte entschieden seine Selbstbeherrschung verloren.

Und was sehe ich nun? Ich sehe vornehme, gute, verstndige Menschen;
ich sehe einen Greis, der einen Knaben, wie mich, liebevoll anhrt und
von unendlicher Gte zu mir ist. Ich sehe Menschen, die fhig sind, zu
verstehen und zu verzeihen, russische, gute Menschen, die fast ebenso
gut und herzlich sind, wie die russischen Bauern, die ich auf dem Lande
kennen gelernt habe, nein, wirklich, fast sind Sie ebenso gut, wie jene.
Urteilen Sie jetzt selbst, wie freudig ich berrascht sein mute! Oh,
erlauben Sie, da ich mich ausspreche! Ich habe oft gehrt und auch
selbst geglaubt, da in der Gesellschaft alles nur anerzogenes Benehmen
und hinfllige Form, der lebendige Lebensquell aber versiegt sei. Aber
jetzt sehe ich doch selbst, da es nicht der Fall, da bei uns so etwas
ganz ausgeschlossen ist. Das kann vielleicht anderswo so sein, aber
nicht bei uns. Sollten Sie denn jetzt alle wirklich Jesuiten und
Betrger sein? Ich hrte, wie vorhin Frst N. erzhlte: war das nicht
echter, kstlicher Humor, sprach nicht aus der ganzen Erzhlung
unschuldige Gutmtigkeit? Wie knnte wohl ein innerlich Toter, dessen
Herz und Geistesgaben vertrocknet sind, solche Worte hervorbringen?
Knnten denn Tote so lieb zu mir sein, wie Sie es gewesen sind? Ist das
nicht ein Menschenmaterial, das zu den schnsten Hoffnungen fr die
Zukunft berechtigt? Knnen denn solche Menschen etwas nicht begreifen
und in ihren Anschauungen zurckbleiben?

Ich bitte Sie nochmals, mein Lieber, beruhigen Sie sich, wir knnen ein
anderes Mal davon reden und ich werde Ihnen mit Vergngen zuhren ...
sagte der Alte mit beruhigendem Lcheln.

Iwan Petrowitsch, der Anglomane, rusperte sich und setzte sich in
seinem Sessel bequemer zurecht. Iwan Fedorowitsch stand da, whrend sein
hoher Vorgesetzter sich an die Gattin des Wrdentrgers wandte und mit
ihr zu plaudern begann, ohne den Frsten weiter zu beachten. Doch hrte
ihm die Dame nur mit halbem Ohr zu, da sie der Frst mehr interessierte.

Nein, wissen Sie, es ist besser, ich rede jetzt! fuhr der Frst wie im
Fieber fort, indem er sich seltsam zutraulich wieder an den Alten
wandte. Aglaja Iwanowna hat mir gestern verboten, hier zu reden und sie
hat sogar die Themata angegeben, ber die ich nicht reden darf: sie
wei, da ich mich dann lcherlich mache. Ich bin siebenundzwanzig Jahre
alt, aber ich wei ja doch selbst, da ich noch wie ein Kind bin. Ich
habe nicht das Recht, meine Gedanken auszudrcken, das habe ich immer
gesagt. Nur mit Rogoshin habe ich in Moskau offen gesprochen ... Wir
lasen Puschkin zusammen, lasen alle seine Werke. Er kannte noch nichts
von ihm, nicht einmal seinen Namen ... Ich frchte immer, durch meine
Lcherlichkeit meine groe Idee herabzuziehen. Ich verstehe mich nicht
zu bewegen. Meine Gesten entsprechen nie meinen Worten, und so rufen sie
nur Gelchter hervor und erniedrigen die Idee. Auch verstehe ich nie,
Ma zu halten, das aber ist sehr wichtig, ist das Wichtigste ... Ich
wei, da ich besser tue, wenn ich stillsitze und schweige. Wenn ich
mich verschliee und verstumme, so sehe ich sogar sehr vernnftig aus,
und berdies kann ich dann ungestrt nachdenken. Jetzt aber ist es
besser, ich rede. Ich habe nur deshalb wieder angefangen, weil Sie mich
so freundlich ansehen; Sie haben ein wundervolles Gesicht! Ich habe
Aglaja Iwanowna gestern mein Wort gegeben, da ich heute den ganzen
Abend schweigen wrde.

_Vraiment?_{[45]} fragte der Alte lchelnd.

Ich denke jedoch bisweilen, da es falsch von mir ist, so zu denken:
die Hauptsache ist doch nicht die Geste, sondern die Aufrichtigkeit,
nicht? ... Nicht?

Hm! Mitunter.

Ich will jetzt alles erklren, alles, alles, alles! Sie glauben, ich
sei ein Utopist? Ein Schwrmer? O, nein, ich habe, bei Gott, nur ganz
einfache Gedanken ... Sie glauben mir nicht? Sie lcheln? Wissen Sie,
ich bin bisweilen ein recht niedriger Mensch -- ich verliere den
Glauben. Als ich vorhin herkam, dacht' ich: >Wie soll ich denn mit ihnen
reden? Mit welch einem Wort soll ich beginnen, damit sie mich nur ein
wenig begreifen?< Und wie ich mich frchtete -- doch fr Sie frchtete
ich am meisten, oh, ganz entsetzlich, entsetzlich! Und doch -- wie
durfte ich das, war es nicht eine Snde? Was liegt daran, da auf
_einen_ Aufgeklrten, _einen_ Pionier eine solche Unmenge von den
brigen kommt? Das ist ja doch meine Freude, da ich jetzt davon
berzeugt bin, da es durchaus nicht eine solche Unmenge berflssiger,
sondern da es ein groes lebendiges Material gibt! Und weshalb sollten
wir uns durch unsere Lcherlichkeit verwirren lassen, nicht wahr? Das
ist doch nun mal tatschlich so, wir sind lcherlich, leichtsinnig,
haben schlechte Angewohnheiten, wir langweilen uns, verstehen nicht zu
schauen, verstehen nicht zu begreifen, und so sind wir doch alle, alle,
Sie und ich und alle brigen! Sie fhlen sich doch deshalb nicht
gekrnkt, weil ich es Ihnen ganz offen sage, da Sie lcherlich sind?
Wenn es aber so ist, wie sollten Sie dann kein gutes Material sein?
Wissen Sie, es will mir scheinen, da es mitunter sogar gut ist,
lcherlich zu sein, es ist wirklich besser: man kann sich gegenseitig
schneller verzeihen, sich schneller ausshnen. Man kann doch nicht
sofort alles begreifen, man kann doch nicht so ohne weiteres mit der
Vollkommenheit beginnen! Um die Vollkommenheit zu erreichen, mu man
zuerst vieles nicht verstehen! Begreifen wir aber gar zu schnell, so
begreifen wir es gewhnlich nicht so gut. Ich sage das Ihnen, Ihnen, die
Sie schon so vieles zu begreifen verstanden haben und -- nicht nur zu
begreifen. Jetzt frchte ich nicht mehr fr Sie ... Sie rgern sich doch
nicht darber, da ein solcher Knabe wie ich so zu Ihnen spricht?
Natrlich nicht! Oh, Sie werden es verstehen, werden denen verzeihen,
die Sie gekrnkt haben, und auch denen, die Sie nicht gekrnkt haben --
das ist ja doch noch viel schwerer, gerade weil sie Sie nicht gekrnkt
haben und Ihr Gefhl folglich unbegrndet ist. Das ist es, was ich Ihnen
allen sagen wollte, als ich herkam, nur wute ich nicht, wie ich mich
ausdrcken sollte ... Sie lachen, Iwan Petrowitsch? Sie denken
vielleicht, ich sei ein Demokrat, der allgemeine Gleichheit predigt?
fragte er selbst auflachend. Nein, ich frchte fr Sie, fr Sie alle,
und fr alle zusammen. Bin ich doch selbst ein uralter autochthoner
Frst und sitze hier unter Frsten. Ich rede ja nur, um Sie alle zu
retten, damit unser Stand nicht umsonst in unterschiedloser Dunkelheit
verkommt und verschwindet und alles verspielt, ohne auch nur das
Geringste zu schaffen! Weshalb sollen wir verschwinden und anderen den
Platz abtreten, wenn wir die Ersten und ltesten bleiben knnen? Lassen
Sie uns die Ersten sein, dann werden wir auch die Vter des Volkes sein.
Lassen Sie uns die Diener des Volkes werden, um seine Vter zu sein!

Er hatte mehrmals versucht, sich von seinem Platz zu erheben, doch der
Alte, der ihn mit wachsender Unruhe beobachtete, hatte ihn immer wieder
zurckgezogen.

Hren Sie! Ich wei, da es nicht gut ist, zu reden: besser ist einfach
ein Beispiel, einfach mit der Tat zu beginnen ... ich habe schon
begonnen ... und -- und wie kann man berhaupt unglcklich sein? Oh, was
ist mein kleines Leid, wenn ich doch fhig bin, glcklich zu sein?
Wissen Sie, ich begreife nicht, wie man an einem Baum vorbergehen kann,
ohne glcklich zu sein darber, da man ihn liebt! Oh, ich verstehe es
nur nicht auszudrcken ... aber wie viele wundervolle Dinge gibt es, auf
jedem Schritt und Tritt, Dinge, die selbst der verworfenste Mensch als
wundervoll empfindet? Betrachten Sie ein Kind, sehen Sie die Morgenrte,
sehen Sie das Gras, oder schauen Sie in die Augen, die Sie ansehen und
-- Sie lieben ...

Jh hatte er sich bei den letzten Worten von dem Alten losgerissen und
sprach nun aufrechtstehend. Lisaweta Prokofjewna war die erste, die
erriet, was vor sich ging: Ach, mein Gott! stie sie erschrocken
hervor. Da stand aber schon Aglaja neben dem Wankenden, um ihn mit ihren
Armen zu sttzen, zu halten, und mit entsetztem, schmerzverzerrtem
Gesicht vernahm sie den wilden, grauenvollen Schrei des wrgenden
Dmons, der pltzlich aus der Brust des Unglcklichen drang. Der Kranke
lag auf dem Teppich. Irgend jemand schob ihm ein Kissen unter den Kopf.

Diese Wendung hatte niemand erwartet. Nach einer Viertelstunde gaben
sich Frst N., Jewgenij Pawlowitsch und der Alte die grte Mhe, den
Abend von neuem zu beleben, doch leider vergeblich: schon nach einer
halben Stunde brachen alle auf. Es wurden noch viele mitfhlende und
nachempfindende Worte gesprochen, man vernahm auch noch ein paar
allgemeine Betrachtungen und sogar einige ernsthafte Meinungen. Iwan
Petrowitsch uerte sich unter anderem dahin, da der junge Mann allem
Anscheine nach ein se--ehr eifriger Sla--wo--phile sein msse, oder
etwas hnliches, nur sei das weiter nicht gefhrlich. Der Alte sagte
nichts.

Am nchsten und bernchsten Tage rgerten sich freilich alle ein wenig.
Iwan Petrowitsch fhlte sich als Anglomane sogar gekrnkt, jedoch nicht
allzusehr. Der hohe Vorgesetzte war eine Zeitlang etwas khl gegen Iwan
Fedorowitsch, dem auch der alte Protektor der Familie irgend etwas
Lehrreiches sagte, wobei er dann noch schmeichelhaft hinzufgte, da er
sich fr Aglajas Zukunft beraus interessiere. Er war in der Tat ein
ziemlich guter Mensch, doch interessierte er sich fr den Frsten
vornehmlich wegen seiner Geschichte mit Nastassja Filippowna, von der
er so manches gehrt hatte, und er htte sogar Iwan Fedorowitsch gern
noch ein wenig ausgeforscht, um Nheres zu erfahren.

Die Bjelokonskaja hatte noch am Abend beim Abschied Lisaweta Prokofjewna
gesagt, wie sie den Fall beurteilte:

Nun was -- ja und nein. Aber wenn du meine ganze Meinung wissen willst,
dann doch eher nein. Du siehst doch selbst, was fr einer er ist: ein
kranker Mensch!

Lisaweta Prokofjewna entschied hierauf bei sich endgltig, da er als
Brutigam undenkbar sei, und schwor sich im Laufe der Nacht hoch und
heilig, da der Frst, solange sie lebe, ihre Aglaja nicht bekommen
werde. Und mit diesem Entschlu wachte sie auch am nchsten Morgen auf
-- doch siehe da, als sie um ein Uhr beim Frhstck sa, geriet sie
pltzlich in seltsamen Widerspruch mit sich selbst.

Auf eine vorsichtige Frage der Schwestern antwortete Aglaja pltzlich
kalt und hochmtig:

Ich habe ihm meines Wissens noch nie ein Versprechen gegeben und ihn
auch nie als meinen Brutigam betrachtet. Er ist mir ebenso fremd und
gleichgltig wie jeder andere.

Da wurde die Generalin pltzlich rot.

Das htte ich nicht von dir erwartet, sagte sie verletzt, als Freier
ist er unmglich, das wei ich, und ich danke Gott, da alles so
gekommen ist; aber dir htte ich doch nie solche Worte zugetraut. Ich
glaubte, da von dir etwas ganz anderes zu erwarten sei. Ich htte alle
jene anderen fortgejagt und nur ihn allein zurckbehalten, sieh, solch
ein Mensch ist er! ...

Sie verstummte pltzlich, erschrocken ber ihre eigenen Worte.

Wenn sie gewut htte, wie sehr sie ihrer Tochter in diesem Augenblick
unrecht tat!

Aglaja hatte ihren Entschlu bereits gefat und wartete nur noch ihre
Stunde ab, die alles entscheiden mute. Jede Anspielung aber, jede
Berhrung der tiefen Wunde zerrissen ihr das Herz.


                                 VIII.

Auch der Frst verbrachte diesen Morgen in dsterer Stimmung: schwere
Vorahnungen lasteten auf ihm. Am meisten qulte ihn, da seine Trauer --
er wute eigentlich selbst nicht, wie er diese Empfindung nennen sollte
-- in ihrer Art so unbestimmt war. Vor ihm standen die Tatsachen grell,
schwer und unverrckbar, doch seine Trauer ging ber alles hinaus, was
er dachte oder sich vorstellte, und er fhlte, da er sich allein nicht
wrde beruhigen knnen. Da erhob sich in ihm allmhlich eine Erwartung,
die immer grer und schlielich zu der berzeugung wurde, da heute
noch etwas Besonderes und Entscheidendes mit ihm geschehen wrde. Der
Anfall, den er am Abend vorher gehabt hatte, war ein leichter gewesen:
abgesehen von der traurigen, mden Stimmung, einer gewissen Schwere im
Kopf und in den Gliedern, fhlte er sich weiter nicht krank. Seine
Gedanken waren verhltnismig klar und bewut. Als er am Morgen
aufgewacht, war es schon ziemlich spt gewesen, und er hatte sich
sogleich des Abends bei Jepantschins erinnert. Der Einzelheiten freilich
entsann er sich nicht so genau, aber er wute doch, da er etwa eine
halbe Stunde nach seinem Anfall nach Hause geschafft worden war. Er
erfuhr alsbald, da Jepantschins sich schon am Morgen nach seinem
Befinden hatten erkundigen lassen, und um halb zwlf erschien der Diener
zum zweitenmal. Diese Teilnahme erweckte in ihm ein angenehmes Gefhl.
Wjera Lebedewa war der erste Mensch, den er an diesem Morgen zu Gesicht
bekam. Als sie eintrat und ihn erblickte, brach sie pltzlich in Trnen
aus, doch als der Frst sie dann beruhigte, lachte sie bald wieder. Das
groe Mitleid dieses jungen Mdchens machte einen fast erschtternden
Eindruck auf ihn, und pltzlich ergriff er ihre Hand und kte sie.
Wjera erschrak und wurde rot.

Ach, nicht doch, was tun Sie! rief sie schnell und verlegen und zog
rasch die Hand fort.

Sie verlie ihn in seltsamer Verwirrung.

Um zwlf Uhr erschien Lebedeff, der sich bereits in aller Frhe eilig
zum Seligen -- so nannte er den General, obgleich dieser immer noch
lebte -- begeben hatte, um zu erfahren, ob er nicht seinen Geist schon
im Laufe der Nacht aufgegeben, was jedoch noch nicht geschehen war. Beim
Frsten trat er nur auf einen Moment ein, einzig um sich nach seiner
werten Gesundheit zu erkundigen usw., und begab sich dann wieder in
sein Schlafgemach, um nochmals sein Schrnkchen zu inspizieren -- nur
zu diesem Zweck war er nach Hause gekommen. Beim Frsten hatte er blo
Ach und Weh gejammert und ein paar Versuche gemacht, Nheres ber den
Abend bei Jepantschins und den Anfall zu erfahren, obschon er, wie der
Frst sogleich erriet, von allem bereits ganz genau unterrichtet war.
Kaum war Lebedeff gegangen, da erschien Kolj, gleichfalls nur auf
einen Augenblick: dieser aber hatte es in der Tat sehr eilig und war
uerst aufgeregt. Er begann sogleich damit, da er den Frsten
instndig bat, ihm doch alles zu sagen, was man vor ihm verheimlichte,
das meiste habe er ja doch schon erraten. Der Frst erzhlte ihm denn
auch mglichst schonend, wie Lebedeff sein Geld pltzlich vermit und
dann wieder gefunden hatte, doch der arme Knabe war trotzdem tief
erschttert. Er vermochte kein Wort hervorzubringen und pltzlich rannen
ihm helle Trnen ber die Wangen. Der Frst fhlte, da diese Mitteilung
fr den Knaben einer jener Eindrcke war, die ewig unvergelich bleiben
und im Leben des Jnglings einen Bruch bedeuten, von dem ab er mit
anderen Augen in die Welt zu schauen beginnt. Daher beeilte sich der
Frst, ihm seine persnliche Auffassung der Angelegenheit zu erklren,
und er fgte noch hinzu, da der Schlaganfall des alten Mannes seiner
Meinung nach nur eine Folge des eigenen Entsetzens ber diesen Fehltritt
sei, der wohl nicht einem jeden so nahe gegangen wre. Koljs Augen
blitzten auf, als der Frst zu Ende gesprochen hatte.

Dieser Schuft Ganjka, und Warj und Ptizyn gleichfalls! Ich will mich
mit ihnen nicht weiter herumstreiten, aber von Stund an sind unsere Wege
getrennt! Ach, Frst, wenn Sie wten, wieviel Neues ich seit gestern
empfunden habe! Das war meine Lehre! Ich mu jetzt fr meine Mutter
sorgen. Sie ist ja wohl bei Warj gut aufgehoben, aber das ist doch
nicht das ...

Pltzlich fiel es ihm ein, da man ihn zu Hause erwarte, und eilig
sprang er auf, erkundigte sich nur noch schnell nach dem Befinden des
Frsten, und als dieser geantwortet, fragte er pltzlich:

Und sonst gibt's nichts? ... Ich hrte gestern ... brigens habe ich
nicht danach zu fragen ... aber wenn Sie einmal eines treuen Dieners
bedrfen, so vergessen Sie nicht, da ... er jetzt vor Ihnen steht. Ich
glaube, wir sind beide nicht glcklich, nicht? Doch ... ich will Sie
nicht ausforschen, schon gut, schon gut ...

Er ging, und der Frst blieb noch nachdenklicher zurck: alle sprachen
von Unglck, alle sahen sie ihn an, als wten sie etwas, was er noch
nicht wute. Lebedeff wollte ihn ausforschen, Kolj machte Anspielungen
und Wjera weinte -- was hatte das alles zu bedeuten? Ach, das ist doch
nur mein verwnschter krankhafter Argwohn! dachte er schlielich halb
rgerlich. Wie erhellte sich aber sein Gesicht, als nach zwei Uhr
pltzlich Jepantschins bei ihm erschienen. Die waren jedoch wirklich
nur auf einen Augenblick gekommen. Lisaweta Prokofjewna hatte, nachdem
sie von der Frhstckstafel aufgestanden, erklrt, da sie sogleich alle
spazieren gehen wrden. Diese Benachrichtigung war von ihr sehr kurz,
trocken und in durchaus befehlender Form geschehen. Und so gingen sie
alle, d. h. die Mama und die Tchter und Frst Sch. Doch als sie in den
Park hinaustraten, schlug die Generalin nicht den Weg ein, auf dem sie
tglich spazieren gingen, sondern begab sich in die entgegengesetzte
Richtung. Da wuten alle, wohin es ging, doch schwiegen sie, um die
Mutter nicht zu reizen, denn diese ging bereits, gleichsam um sich
vorwurfsvollen Blicken oder Einwendungen zu entziehen, allen voraus und
sah sich auch kein einziges Mal nach ihnen um. Endlich bemerkte
Adelaida, da man auf einem Spaziergang doch nicht so schnell zu gehen
brauche, man knne ja der Mama kaum folgen.

Hrt jetzt, wandte sich da pltzlich Lisaweta Prokofjewna zurck, wir
sind sogleich bei seiner Villa angelangt. Gleichviel wie Aglaja ber ihn
denkt oder was da sonst geschehen ist, jedenfalls ist er fr uns kein
Fremder und auerdem jetzt noch krank und unglcklich. Ich wenigstens
werde bei ihm eintreten: wer mir folgen will, mag kommen, wer nicht, der
gehe weiter; der Weg ist nicht gesperrt.

Natrlich folgten ihr alle.

Der Frst beeilte sich, wie es sich gehrte, nochmals seine
Entschuldigung zu machen, wegen der Vase und des ... Skandals.

Nun, das hat nichts auf sich, antwortete die Generalin. Nicht die
Vase tut mir leid, sondern du tust mir leid. So siehst du jetzt selbst
ein, da du einen Skandal verursacht hast -- am Morgen ist man
gewhnlich klger. Aber was soll man da ... jetzt hat doch ein jeder
gesehen, da mit dir nichts zu wollen ist ... Nun, auf Wiedersehen, wir
wollen dich nicht aufhalten. Wenn du kannst, so mach' jetzt einen
Spaziergang und dann leg' dich wieder hin -- das wre mein Rat. Und wenn
du Lust hast, komm wieder zu uns, nach alter Art. Jedenfalls sei ein fr
allemal berzeugt, da du, was auch geschehen sein mag oder was auch
noch geschehen sollte, der Freund unseres Hauses bleibst. Wenigstens
mein Freund. Fr mich selbst kann ich einstehen, dessen sei du
versichert.

Auf diese Herausforderung beeilten sich natrlich alle, den Frsten
derselben Gefhle fr ihn zu versichern. Darauf verabschiedeten sie
sich. Aber in dieser Eile, ihm etwas Freundliches und Ermunterndes zu
sagen, lag doch eine groe Grausamkeit, was Lisaweta Prokofjewna wohl
ganz entgangen war. Aus der Aufforderung, sie nach alter Art zu
besuchen und der Bemerkung wenigstens mein Freund, glaubte der Frst
manches erraten zu knnen. Als er wieder allein war, suchte er sich
Aglajas Gesicht whrend dieses Besuches zu vergegenwrtigen: sie hatte
ihn mit ganz eigentmlichem Lcheln beim Kommen wie beim Gehen
angesehen, doch hatte sie kein Wort gesprochen, selbst dann nicht, als
die anderen ihn ihrer Freundschaft versichert hatten, obschon ihr Blick
zweimal durchdringend auf ihm geruht hatte. Ihr Gesicht war bleicher
gewesen als sonst, als htte sie in der Nacht schlecht geschlafen. Da
beschlo denn der Frst, am Abend nach alter Art zu ihnen zu gehen,
und immer wieder sah er in fieberhafter Ungeduld nach der Uhr.

Pltzlich erschien Wjera bei ihm. Es war noch nicht lange nachdem
Jepantschins fortgegangen waren.

Lew Nikolajewitsch, sagte sie, mir hat Aglaja Iwanowna soeben eine
Botschaft an Sie aufgetragen.

Der Frst zuckte zusammen und stand fast zitternd vor ihr.

Einen Brief?

Nein, mndlich, und auch das so schnell, da ich sie kaum verstehen
konnte. Sie lt Sie bitten, heute den ganzen Tag zu Hause zu bleiben
bis sieben oder bis neun Uhr abends, genau hrte ich es nicht.

Ja ... aber weshalb denn das? Was hat das zu bedeuten?

Das wei ich nicht, nur sollte ich es Ihnen unbedingt sagen.

Hat sie das selbst so gesagt, >unbedingt<?

Nein, das gerade nicht: sie hatte kaum Zeit, wandte sich sofort wieder
ab. Aber ihrem Gesicht sah man an, da es >unbedingt< war. Das Herz
stand mir fast still vor Schreck, so sah sie mich an ...

Der Frst stellte noch einige Fragen, doch konnte er nichts Nheres
erfahren, und das regte ihn noch mehr auf. Als Wjera hinausgegangen war,
legte er sich auf den Diwan und begann nachzudenken. Vielleicht wird
dort wieder jemand bei ihnen sein, bis neun Uhr abends, und da frchtet
sie, ich knnte wieder etwas Ungeheuerliches verben, meinte er
schlielich und wieder blickte er ungeduldig nach der Uhr und sehnte den
Abend herbei. Doch das Rtsel fand seine Lsung viel frher als er
gedacht, eine Lsung, die wieder ein neues, qulendes Rtsel war: etwa
eine halbe Stunde nach dem Besuch der Jepantschins kam Hippolyt zu ihm.
Er war so erschpft, da er, als er schwankend eintrat, nicht einmal
grte und fast besinnungslos auf einen Sessel niederfiel. Er bekam
einen entsetzlichen Hustenanfall und spie Blut. Seine Augen glnzten
fieberhaft und auf seinen Wangen erschienen rote Flecke. Der Frst sagte
etwas zu ihm, bot ihm Wasser an, doch Hippolyt antwortete nicht und
winkte nur mit der Hand ab, man solle ihn vorlufig in Ruhe lassen.
Endlich legte sich der Husten und er kam wieder zu sich.

Ich gehe! sagte er schlielich mhsam mit heiserer Stimme.

Wollen Sie, ich werde Sie begleiten? fragte der Frst, sich vom Diwan
erhebend; doch pltzlich fiel ihm Aglajas Verbot ein und er zgerte
unschlssig.

Hippolyt lachte auf.

Nicht von Ihnen gehe ich fort, sagte er, heiser hstelnd und rchelnd
und nach jedem lngeren Satz rang er nach Atem. Im Gegenteil, ich habe
es fr ntig befunden, zu Ihnen zu kommen, und zwar wegen einer
wichtigen Angelegenheit ... sonst wrde ich Sie nicht beunruhigen. Ich
gehe ins -- Jenseits, und diesmal, scheint es, wird es Ernst. Aus! Ich
... rede nicht, um Ihr Mitleid zu erwecken, wahrhaftig nicht ... Ich
hatte mich heut' schon hingelegt, um ganz im Bett zu bleiben, bis ... na
ja. Aber dann berlegte ich mir die Sache noch mal und stand doch wieder
auf, um zu Ihnen zu kommen ... folglich mu es doch notwendig gewesen
sein.

Es tut weh, Sie so zu sehen. Htten Sie mich doch rufen lassen, anstatt
sich selbst herzubemhen.

Na genug, besten Dank. Sie haben mich bedauert und nun basta, der
gesellschaftlichen Hflichkeit ist Genge getan ... Ach, ganz vergessen:
wie steht es denn mit Ihrer Gesundheit?

Ich bin gesund. Gestern war ich ... nicht ganz ...

Hab' gehrt, hab' gehrt. Die chinesische Vase hat daran glauben
mssen; schade, da ich nicht zugegen war! Doch zur Sache. Erstens habe
ich heut' das Vergngen gehabt, Gawrila Ardalionytsch und Aglaja
Iwanowna bei einem Rendezvous an der grnen Bank zu sehen. Ich habe mich
nur gewundert, bis zu welch einem Grade ein Mensch dumm aussehen kann.
Das sagte ich auch zu Aglaja Iwanowna, als Gawrila Ardalionytsch
fortgegangen war ... Sie, scheint es, pflegen sich ber nichts mehr zu
wundern, Frst? unterbrach er sich, mitrauisch das ruhige Gesicht des
Frsten betrachtend. Sich ber nichts wundern soll ein Beweis groer
Klugheit sein, sagt man; mir jedoch will es scheinen, als knnte es auch
ebenso groe Dummheit beweisen ... Das war brigens nicht auf Sie
gemnzt, verzeihen Sie ... Ich bin heut' sehr ungeschickt in meinen
Ausdrcken.

Ich wute es schon gestern, da Gawrila Ardalionytsch ... Sichtlich
verwirrt brach der Frst ab, obschon sich Hippolyt ber ihn rgerte,
weil er kein eigentliches Erstaunen an ihm zu bemerken vermocht hatte.

Sie wuten! Das ist mal nett! Das wute ich nicht! Doch brigens --
meinetwegen brauchen Sie's auch nicht zu erzhlen. Aber Zeuge des
Stelldicheins sind Sie nicht gewesen?

Sie haben doch gesehen, da ich nicht Zeuge gewesen bin ... wenn Sie
selbst dort waren.

Na, man kann ja nicht wissen, vielleicht haben Sie irgendwo hinter
einem Baum gesessen. brigens freut mich das, fr Sie, versteht sich,
denn ich dachte wirklich schon, da Gawrila Ardalionytsch -- bevorzugt
und tatschlich gekapert werde.

Ich bitte Sie, ber diese Angelegenheit nicht mit mir zu sprechen,
Hippolyt, und nicht solche Ausdrcke zu gebrauchen.

Um so mehr, als Sie bereits alles wissen.

Sie irren sich. Ich wei so gut wie nichts, und das wei Aglaja
Iwanowna. Und selbst von diesem Stelldichein habe ich so gut wie nichts
gewut ... Sie sagen, sie htten sich getroffen? Nun gut, dann haben sie
sich getroffen, doch reden wir nicht davon ...

Ja, aber wie ist denn das: bald haben Sie gewut, bald haben Sie nicht
gewut? Sie sagen: nun gut und Schwamm drber, und ... Nein, wissen Sie,
seien Sie lieber nicht so vertrauensvoll! Besonders nicht, wenn Sie
nichts wissen. Doch Sie vertrauen ja auch nur deshalb, weil Sie nichts
wissen. Aber wissen Sie denn nicht, was fr Berechnungen diese beiden
haben, das Brderlein und 's Schwesterlein? Mutmaen Sie gar nichts? ...
Gut, gut, ich rede nicht mehr davon ... unterbrach er sich, als er die
ungeduldige Bewegung des Frsten sah. Doch ich bin ja in meiner eigenen
Angelegenheit gekommen und will das nun ... erklren. Hol's der Teufel,
da man doch auf keine Weise ohne Erklrungen sterben kann! Grauenvoll,
wieviel ich ewig erklre. Wollen Sie mich anhren?

Reden Sie, ich hre.

In ... indes, ... ich werde doch lieber meine Absicht ndern und
dennoch mit Ganetschka beginnen. Stellen Sie sich vor, auch ich war
heute zu einem Rendezvous bestellt, und zwar gleichfalls zur grnen
Bank. brigens, ich will nicht lgen: ich hatte selbst auf dem
Rendezvous bestanden, mich fast aufgedrngt, ein Geheimnis mitzuteilen
versprochen. Ich wei nicht, war ich nun zu frh gekommen -- ich glaube,
ich kam tatschlich zu frh -- jedenfalls hatte ich mich kaum neben
Aglaja Iwanowna auf die Bank gesetzt, da -- pltzlich -- was sehe ich!
-- erscheinen Arm in Arm Gawrila Ardalionytsch und Warwara Ardalionowna,
als gingen sie ganz harmlos ... blo so ... spazieren! Sie schienen ganz
perplex zu sein, als sie mich dort antrafen -- das hatten sie sicherlich
beide nicht erwartet, wurden ordentlich verlegen. Aglaja Iwanowna wurde
rot und, glauben Sie es oder glauben Sie es nicht, verlor sogar ein
wenig den Kopf; ob nun deshalb, weil ich zugegen war, oder einfach beim
Anblick Gawrila Ardalionytschs, das la ich ungesagt. Er ist doch ein
gar zu schner Mann! Jedenfalls wurde sie rot, sammelte sich aber sehr
schnell und erledigte die Geschichte im Augenblick, entsetzlich komisch,
natrlich: sie erhob sich von der Bank, erwiderte den Gru Gawrila
Ardalionytschs -- Warwara Ardalionowna hatte zuckers gelchelt -- und
pltzlich sagte sie wie aus der Pistole: >Ich wollte Ihnen nur
persnlich meinen Dank aussprechen fr Ihre aufrichtigen und
freundschaftlichen Gefhle, und wenn ich jemals Ihrer bedrfen sollte,
so seien Sie versichert ...< Hier machte sie eine Verbeugung und die
beiden zogen ab -- ob mit einer langen oder einer erhobenen Nase, lasse
ich gleichfalls ungesagt. Ganj jedenfalls mit einer langen, denke ich.
Er schien aber nichts kapiert zu haben und wurde nur rot wie ein Krebs
-- wirklich frappant, was fr einen Ausdruck sein Gesicht mitunter haben
kann! -- Die Warj aber hatte wenigstens soviel begriffen, da ein
schleuniger Abschied geboten war und sie von Aglaja Iwanowna nichts mehr
erwarten durften, und da zog sie den Bruder denn mit sich fort. Sie ist
klger als er und wird jetzt natrlich triumphieren ... Ich aber war
gekommen, um mit Aglaja Iwanowna ber ihre Zusammenkunft mit Nastassja
Filippowna zu sprechen.

Mit Nastassja Filippowna! rief der Frst entsetzt.

Aha! Sie, scheint es, beginnen jetzt doch, Ihre Kaltbltigkeit zu
verlieren und sich zu wundern? Freut mich, da auch Sie in etwas an
einen Menschen erinnern wollen. Dafr werde ich Ihnen auch was Nettes
erzhlen. Ja, sehen Sie, es ist nicht so ohne, >hochherzigen< jungen
Mdchen Dienste zu erweisen: ich habe heut' eine Ohrfeige von ihr
erhalten!

Eine ... mo--moralische? fragte der Frst unwillkrlich.

Ja, keine physische. Ich glaube, es wrde sich keine Hand mehr erheben,
um einen solchen, wie ich bin, zu schlagen; nicht einmal eine Frau wrde
es fertig kriegen; nicht einmal Ganetschka! ... Obschon ich einen
Augenblick wirklich dachte, er wrde sich auf mich strzen ... Ich
knnte wetten, da ich wei, was Sie soeben denken! Sie denken: >Nun ja,
zu schlagen braucht man ihn nicht, dafr aber kann man ihn mit einem
Kissen ersticken oder mit einem nassen Lappen im Schlaf -- das mte man
sogar ...< Es steht auf Ihrem Gesicht geschrieben, da Sie das denken,
gerade in diesem Augenblick.

Niemals habe ich das gedacht! sagte der Frst angewidert.

Ich wei nicht, heut' nacht trumte mir, da mich ... nun, jemand mit
einem nassen Lappen ersticken wollte ... ein Mensch ... na, ich werde
Ihnen sagen, wer: stellen Sie sich vor -- Rogoshin! Was meinen Sie, kann
man einen Menschen mit einem nassen Lappen ersticken?

Ich wei es nicht.

Ich habe gehrt, da man's kann. Gut, lassen wir das. Nun, aber
inwiefern bin ich denn eine Klatschbase? Weshalb hat sie mich heute eine
Klatschbase genannt? Und wohlgemerkt: nachdem sie schon alles, auch das
Letzte, angehrt und mich obendrein noch ausgeforscht und sich einiges
sogar zweimal hatte erzhlen lassen ... Aber so sind ja die Weiber! Um
ihr einen Dienst zu erweisen, hab' ich mich mit Rogoshin in Verbindung
gesetzt, mit diesem interessanten Mann; in ihrem Interesse habe ich die
Zusammenkunft mit Nastassja Filippowna arrangiert ... Oder war's, weil
ich ihre Eitelkeit verletzt hatte mit der Bemerkung, da sie die
>Nachbleibsel<, das heit, Nastassja Filippownas Speisereste mit Freuden
nehme? Aber ich habe ihr das doch nur in ihrem Interesse die ganze Zeit
zu erklren versucht, ich gestehe sogar, da ich zwei Briefe in diesem
Sinne an sie geschrieben habe, und dort auf der Bank sagte ich es ihr
dann noch zum drittenmal mndlich ... Ich begann sogleich damit, da ich
ihr auseinandersetzte, wie erniedrigend das fr sie wre ... berdies
stammt das Wort >Nachbleibsel< gar nicht von mir: bei Ptizyns gebrauchen
es alle, Ganetschka an der Spitze, und sie selbst hat's ja noch
besttigt! Weshalb also nennt sie mich dann eine Klatschbase? Ich sehe,
Sie finden mich furchtbar lcherlich ... ich knnte wetten, da Sie
soeben bei meinem Anblick an jenes dumme Gedicht gedacht haben --

   >Vielleicht wird einst noch meinen Lebensabend
   Die Lieb' mit einem Sonnenblick erhellen
   Und lchelnd einen Abschiedsgru gewhren.<

Hahaha! brach er in hysterisches Lachen aus, das in einem Hustenanfall
endete. Und das Beste ... wollte er heiser fortfahren, doch wieder
unterbrach ihn der Husten, das Beste: Ganetschka spricht von
>Nachbleibsel<, was aber ist es denn, was er jetzt selbst ausnutzen
will!

Der Frst schwieg lange Zeit; er war entsetzt, tief im Innersten
aufgewhlt.

Sie sprachen von einer Zusammenkunft mit Nastassja Filippowna? fragte
er schlielich unsicher.

Eh, wissen Sie denn tatschlich nicht, da Aglaja Iwanowna und
Nastassja Filippowna heute zusammenkommen werden? -- da Nastassja
Filippowna einzig zu dem Zweck aus Petersburg herkommen wird, wozu sie
von Aglaja Iwanowna durch meine und Rogoshins Vermittlung aufgefordert
ist? Aber sie und Rogoshin befinden sich ja doch schon hier -- gar nicht
so weit von Ihnen -- in demselben Hause, wo sie frher lebte, bei
derselben Dame, bei Darja Alexejewna ... einer sehr zweideutigen Person
-- sie ist ja wohl ihre Freundin -- nun, und dorthin in dieses
zweideutige Haus wird sich heute Aglaja Iwanowna begeben, um sich
freundschaftlich mit Nastassja Filippowna zu unterhalten und nebenbei
noch einige Aufgaben zu lsen. Sie wollen sich, scheint's, beide mit
Arithmetik beschftigen. Und das haben Sie nicht gewut? Ihr Ehrenwort?

Das ist nicht mglich!

Nun gut, dann nicht; woher sollten Sie's auch wissen? Obschon hier nur
eine Fliege vorberzufliegen braucht und ganz Pawlowsk wei es --
kolossal akustischer Ort, frwahr! So, jetzt habe ich Sie vorbereitet
und Sie knnen mir dankbar sein. Nun, auf Wiedersehen -- in jener Welt
voraussichtlich. Nur noch eines: ich habe zwar nicht immer ganz offen
und ehrlich an Ihnen gehandelt, denn ... doch wozu sollte ich
schlielich meinen Vorteil aus dem Auge lassen, wenn Sie mir das
geflligst erst erklren wollten? Etwa um Ihren Vorteil zu wahren? Ich
habe doch meine >Beichte< ihr gewidmet -- wuten Sie das nicht? Und wie
sie das hinnahm! He--he! Aber ihr gegenber habe ich mich nur anstndig
benommen, sie aber hat mich eine Klatschbase genannt und berfhrt ...
Doch brigens, auch vor Ihnen habe ich nichts ... na, auf dem Gewissen,
wenn Sie wollen, denn wenn ich auch was von >Nachbleibsel< gesprochen
habe, und alles das in besagtem Sinne -- dafr habe ich Ihnen jetzt den
Tag, die Stunde und den Ort der Zusammenkunft mitgeteilt ... aus rger,
versteht sich, nicht aus Gromut. Nun, leben Sie wohl, ich bin
schwatzhaft, wie eben ein Schwindschtiger. Im brigen treffen Sie Ihre
Vorkehrungen, und zwar so bald als mglich, wenn Sie berhaupt des
Menschennamens wert sein sollen. Die Zusammenkunft findet heut' abend
statt.

Hippolyt begab sich zur Tr.

Dann wird also Ihrer Meinung nach Aglaja Iwanowna heute selbst zu
Nastassja Filippowna gehen? fragte pltzlich der Frst. Auf seinen
Wangen und seiner Stirn traten rote Flecke hervor.

Hippolyt blieb stehen.

Genau wei ich es nicht, aber wahrscheinlich doch, meinte er halb
zurckgewandt. Ja, anders ist es auch gar nicht mglich. Nastassja
Filippowna kann doch nicht zu ihr gehen? Und doch nicht etwa bei
Ganetschka -- dort ist eine halbe Leiche im Hause. Sie wissen doch,
wie's mit dem General steht? ...

Schon allein deshalb ist es nicht mglich! fiel ihm der Frst erregt
ins Wort, wie sollte sie denn hingehn, selbst wenn sie es wollte? Sie
kennen die ... Bruche in diesem Hause nicht: sie kann nicht allein zu
Nastassja Filippowna gehen, das ist ganz ausgeschlossen!

Sehen Sie, Frst: im gewhnlichen Leben pflegt man nicht aus dem
Fenster zu springen, steht aber das Haus in Flammen, so wird selbst der
grte Gentleman und die grte Grande-dame nicht Bedenken tragen, durch
das Fenster zu flchten. Wenn es nicht anders geht, dann ist nichts zu
machen: dann wird sich auch Frulein Jepantschin zu Nastassja Filippowna
begeben. Drfen sie denn nie allein ausgehen, die drei?

Nein, ich meinte nicht das ...

Na, wenn nicht das, dann braucht sie nur die paar Stufen in den Park
hinabzusteigen, um geradeaus zu gehen, und spter, wenn sie will,
berhaupt nicht mehr zurckzukehren. Es gibt Flle, in denen man sogar
Schiffe hinter sich verbrennen und nicht nur nicht nach Hause
zurckkehren kann. Das Leben besteht auch nicht nur aus Dejeuners,
Diners und Frsten Sch. ... Ich glaube, Sie halten Aglaja Iwanowna immer
noch fr ein Pensionsdmlein. Das habe ich ihr heut' auch auf der Bank
gesagt, und sie schien mir recht zu geben. Aber warten Sie: um sieben
oder so um acht herum ... Ich wrde an Ihrer Stelle einen Spion dorthin
schicken, um genau zu erfahren, wann sie die Villa verlt. Na, schicken
Sie meinetwegen den Kolj; der wird sogar mit Vergngen spionieren, fr
Sie, das heit ... denn alles das ist doch nur relativ ... Ha--ha!

Hippolyt verlie das Zimmer. Der Frst hatte es nicht ntig, jemanden
zum Spionieren hinzuschicken, ganz abgesehen davon, da er dazu
berhaupt nicht fhig gewesen wre. Er wute jetzt, was Aglajas Befehl
zu bedeuten hatte: sie wollte zu ihm kommen, um dann mit ihm zusammen zu
jener zu gehen. Freilich ... es lie sich auch eine andere Erklrung
finden: vielleicht wollte sie, da er zu Hause bliebe, um ihm nicht auf
ihrem Wege dorthin zu begegnen oder ihn gar dort anzutreffen. Dem
Frsten schwindelte bei diesem Gedanken. Das ganze Zimmer schien sich im
Kreise zu drehen. Er legte sich auf den Diwan und schlo erschpft die
Augen, dachte jedoch weiter nach.

Wie es sich nun auch verhalten mochte, ber eines war er sich vollkommen
klar: da eine Entscheidung bevorstand. Nein, er hielt Aglaja nicht fr
ein Pensionsdmlein; er fhlte jetzt, da er schon lange etwas von ihr
gefrchtet hatte, und zwar gerade etwas hnliches. Aber wozu will sie
sie denn sehen, was will sie mit ihr reden? sagte er sich, und ein
Frostschauer lief ihm ber den ganzen Krper. Er fieberte.

Nein, er hielt sie gewi nicht fr ein Kind! In der letzten Zeit hatten
ihn einzelne ihrer Blicke und Worte oft geradezu entsetzt. Bisweilen
hatte es ihm geschienen, als bezwinge sie sich aus aller Kraft,
vielleicht sogar ber ihre Kraft, und gerade das war es -- dessen
entsann er sich genau --, was ihn am meisten entsetzt hatte. In all
diesen Tagen hatte er sich bemht, nicht daran zu denken und die
schweren Gedanken zu verscheuchen, doch qulte ihn trotzdem unausgesetzt
die Frage, was in dieser Mdchenseele vorging, obschon er
unerschtterlich an den Sieg des Guten in ihr glaubte. Und nun sollten
alle diese Probleme noch vor dem Abend ihre Lsung finden!! Der Gedanke
war nicht zu ertragen! Und dann wieder -- jene andere! Weshalb hatte
es ihm immer geschienen, da diese andere gerade im letzten Augenblick
kommen und sein ganzes Leben wie einen feingesponnenen Faden zerreien
wrde? -- Da es ihm aber immer schon so geschienen, darauf htte er
jetzt jeden Schwur geleistet, ungeachtet dessen, da er sich seines halb
unzurechnungsfhigen Zustandes bewut war. Wenn er sich in der letzten
Zeit bemht hatte, sie zu vergessen, so hatte er es doch nur getan, weil
er sie frchtete. Er fragte sich jetzt nicht mehr wie frher, ob er sie
liebte oder hate, denn er wute jetzt, wen er liebte ... Doch nicht die
Zusammenkunft dieser beiden Frauen, nicht die Beweggrnde dieser
Zusammenkunft, nicht die bevorstehende Entscheidung flten ihm diese
unerklrliche Furcht ein, nein, sondern -- Nastassja Filippowna. Er
entsann sich spter, nach einigen Tagen, da er in diesen Fieberstunden
fast die ganze Zeit ihre Augen vor sich gesehen, und ihren Blick, da er
ihre Stimme gehrt und Worte vernommen, von denen er sich jedoch keines
einzigen mehr zu entsinnen vermochte. Kaum war ihm erinnerlich, wie
Wjera ihm um sechs das Essen gebracht und wie er gegessen, und
ebensowenig wute er, ob er nachher geschlafen oder nicht geschlafen
hatte. Er wute nur, da er erst von dem Augenblick an wieder klar und
bewut zu sehen und zu denken begonnen, als pltzlich Aglaja auf der
Terrasse erschienen, und er vom Diwan aufgesprungen und ihr bis zur
Mitte des Raumes entgegengetreten war. Die Uhr hatte kurz vorher sieben
geschlagen. Aglaja war ganz allein gekommen. Sie trug ein schlichtes
Kleid und hatte sich, wohl in der Eile, um schnell und unauffllig aus
dem Hause zu kommen, nur einen leichten Umwurf ber die Schultern
geworfen. Ihr Gesicht war ebenso bleich wie am Vormittag, doch ihre
Augen hatten einen seltsam hellen, trockenen Glanz, den er noch nie an
ihnen gesehen hatte. Sie musterte ihn aufmerksam vom Kopf bis zu den
Fen.

Sie sind zum Ausgehen bereit, bemerkte sie leise und scheinbar ganz
ruhig, und haben sogar schon den Hut in der Hand; man hat Sie also
vorbereitet und ich wei, wer es getan hat: Hippolyt.

Ja, er hat mir gesagt ... stammelte der Frst, fast halb tot vor
Aufregung.

Dann lassen Sie uns gehen. Sie wissen, da Sie mich auf jeden Fall
begleiten mssen. Sie sind doch soweit bei Krften, denke ich, da Sie
gehen knnen?

Ich bin bei Krften, aber ... ist es denn mglich!?

Er verstummte pltzlich und sagte dann nichts mehr. Und das war sein
einziger Versuch, sie von diesem wahnsinnigen Schritt abzuhalten. Darauf
folgte er ihr, unfrei, wie ein Gefangener. Er wute, da sie auch ohne
ihn dorthin gehen wrde, und da er folglich gezwungen war, ihr zu
folgen. Und er erriet, wie fest ihr Entschlu war -- er aber war nicht
der Mann, der diesen wilden Ausbruch htte aufhalten knnen. Schweigend
setzten sie ihren Weg fort, fast kein Wort wurde whrend der ganzen Zeit
gewechselt. Dem Frsten fiel es auf, da sie den Weg ganz genau zu
kennen schien. Als er ihr den Vorschlag machte, einen etwas lngeren,
doch dafr stilleren Seitenweg zu whlen, zog sie die Brauen zusammen
und schien ihn mit angestrengter Aufmerksamkeit anzuhren, sagte jedoch
schroff:

Gleichviel! und ging unbekmmert weiter.

Als sie sich dem Hause Darja Alexejewnas nherten -- es war ein altes,
groes, hlzernes Gebude --, traten aus der Tr eine ltere Dame und
ein junges Mdchen, beide auffallend elegant gekleidet, und nahmen in
Nastassja Filippownas prchtigem Gefhrt, das vor der Treppe hielt,
lachend und laut plaudernd Platz. Aglaja und den Frsten hatten sie mit
keinem Blick gestreift, als htten sie sie berhaupt nicht bemerkt. Kaum
waren sie davongefahren, als sich die Tr wieder ffnete und Rogoshin
Aglaja und den Frsten eintreten lie, worauf er die Tr hinter ihnen
verriegelte.

Im ganzen Hause ist jetzt niemand auer uns vieren, sagte er und
blickte den Frsten eigentmlich an.

Gleich im ersten Zimmer wartete Nastassja Filippowna, die gleichfalls
sehr schlicht, ganz in Schwarz, gekleidet war. Sie erhob sich, als die
anderen eintraten, lchelte jedoch nicht und reichte auch dem Frsten
nicht die Hand.

Ihr forschender, beunruhigter Blick heftete sich in ungeduldiger Frage
auf Aglaja. Sie setzten sich ziemlich weit voneinander hin -- Aglaja auf
das Sofa in der einen Ecke des Zimmers, Nastassja Filippowna ans
Fenster. Der Frst und Rogoshin setzten sich nicht, sie wurden brigens
dazu auch nicht aufgefordert. Nur einmal blickte der Frst
verstndnislos und gleichsam schmerzvoll Rogoshin an, doch dieser
lchelte nur sein altes Lcheln. Das Schweigen dauerte eine Weile an.

Da ging pltzlich in Nastassja Filippownas Gesicht eine Vernderung vor
sich: es war, als breite sich der Schatten eines kommenden Unheils ber
ihre Zge: ihr Blick wurde starr, hart und fast haerfllt und wandte
sich auf keinen Augenblick von ihrem Gast ab. Aglaja war sichtlich
verwirrt, doch lie sie ihren Mut nicht sinken. Als sie eingetreten war,
hatte sie ihre Feindin einmal angesehen, doch nun sa sie die ganze
Zeit, ohne den Blick vom Boden zu erheben, als dchte sie nach. Nur ein-
oder zweimal berflog sie, gewissermaen wie aus Versehen, mit
gedankenlosem Blick die Einrichtung des Zimmers, und auf ihrem Gesicht
drckte sich Ekel aus, als htte sie gefrchtet, sich hier zu
beschmutzen. Ganz mechanisch ordnete sie ihr Kleid und unruhig wechselte
sie einmal sogar den Platz, indem sie mehr in die eine Ecke des Sofas
rckte. Es ist kaum anzunehmen, da sie sich all dieser Bewegungen
bewut war, doch gerade die Unbewutheit verstrkte noch das
Beleidigende derselben. Endlich erhob sie den Blick und sah fest und
offen Nastassja Filippowna in die Augen: und da las sie denn deutlich
alles, was in dem haerfllten Blick ihrer Feindin glhte. Das Weib
hatte das Weib verstanden. Aglaja zuckte zusammen.

Sie ... wissen natrlich, weshalb ich Sie ... aufgefordert habe ...
brachte sie schlielich hervor, jedoch sehr leise, und sie stockte dabei
zweimal.

Nein, ich wei nichts, sagte Nastassja Filippowna kurz und trocken.

Aglaja errtete. Vielleicht kam es ihr pltzlich sehr seltsam und
unglaublich vor, da sie mit dieser Person unter einem Dach sa und
noch dazu ihrer Antwort bedurfte. Beim ersten Ton dieser Stimme war es
wie ein Beben durch ihren Krper gegangen. Und alles das bemerkte
natrlich sehr wohl diese Person.

Sie wissen es sehr gut ... Sie tun aber absichtlich, als begriffen Sie
nichts, sprach Aglaja kaum hrbar vor sich hin, whrend ihr Blick
finster am Boden haftete.

Weshalb sollte ich das? fragte Nastassja Filippowna, kaum, kaum
lchelnd.

Sie wollen meine Lage ... da ich hier in Ihrem Hause bin ... ausnutzen
... fuhr Aglaja ungeschickt und lcherlich fort.

An dieser Lage sind Sie schuld, nicht ich! sagte Nastassja Filippowna,
der pltzlich das Blut ins Gesicht stieg. Nicht ich habe Sie dazu
aufgefordert, sondern Sie mich, und ich wei bis jetzt noch nicht,
weshalb.

Aglaja erhob hochmtig den Kopf.

Nehmen Sie sich mit Ihrer Zunge in acht! Ich bin nicht gekommen, um mit
dieser Ihrer Waffe zu kmpfen ...

Ah! Dann sind Sie also doch gekommen, um zu >kmpfen<? Denken Sie nur,
ich dachte, Sie wren ... scharfsinniger ...

Beide sahen sich an, ohne ihren Ha zu verbergen. Die eine von ihnen
hatte noch vor kurzem glhende Briefe an die andere geschrieben: doch
nun hatte es nur der ersten Begegnung, der ersten Worte bedurft, um
alles Geschriebene vergessen zu lassen ... Und seltsam: in diesem
Augenblick wunderte das keinen einzigen der vier Anwesenden. Der Frst,
der noch gestern etwas hnliches nicht einmal im Traume fr mglich
gehalten htte, stand jetzt, sah und hrte, als htte er das alles schon
lange, lange so kommen gefhlt, und er fand es ganz natrlich, da
dieses phantastische Hirngespinst pltzlich grelle, scharf umrissene
Wirklichkeit war. Die eine von diesen Frauen verachtete die andere so
tief und hatte ein so leidenschaftliches Verlangen, dieser anderen ihre
ganze Verachtung auch rckhaltlos zu zeigen (vielleicht war sie sogar
nur deshalb gekommen, wie sich am nchsten Tage Rogoshin ausdrckte),
da kein einziger vorgefater Entschlu jener anderen -- wie fanatisch
sie auch in ihren phantastischen Ideen schon allein infolge ihrer
kranken Seele und ihres vor Schmerz berspannten Geistes sein mochte --
dieser gleichsam vergifteten, rein weiblichen Verachtung ihrer Gegnerin
htte widerstehen knnen, wie man meinen sollte. Der Frst war
berzeugt, da Nastassja Filippowna nicht selbst von den Briefen zu
sprechen beginnen wrde; er htte aber sein halbes Leben hingegeben,
damit auch Aglaja es nicht tte.

Doch pltzlich nahm sich Aglaja zusammen und im Augenblick hatte sie
sich wieder in der Gewalt.

Sie haben mich miverstanden, sagte sie, ich bin nicht gekommen, um
mit Ihnen ... zu streiten, obwohl ich Sie nicht liebe. Ich ... ich bin
gekommen, um menschlich mit Ihnen zu reden. Als ich Sie aufforderte,
hatte ich bereits bei mir beschlossen, was ich Sie fragen wrde, und
meinen Entschlu gebe ich nicht auf, wenn Sie mich auch berhaupt nicht
verstehen sollten. Das wrde nur Ihnen, nicht mir schaden. Ich wollte
Ihnen meine Antwort geben -- auf Ihre Briefe, und zwar mndlich, weil
mir das leichter erschien. So hren Sie denn: Frst Lew Nikolajewitsch
tat mir unsglich leid schon an jenem Tage, an dem ich ihn zum erstenmal
sah und kennen lernte, und noch mehr, als ich dann spter alles erfuhr,
was sich an jenem Abend bei Ihnen zugetragen hatte. Er tat mir deshalb
leid, weil er ein so treuherziger Mensch ist und in seiner
Treuherzigkeit glaubte, er knne glcklich werden mit ... einer Frau ...
von Ihrem Charakter. Was ich fr ihn frchtete, geschah: Sie -- Sie
konnten ihn nicht wirklich lieben ... Sie haben ihn nur geqult und dann
verlassen. Und lieben konnten Sie ihn deshalb nicht, weil Sie dazu zu
stolz sind ... nein, nicht zu stolz, ich habe mich da falsch ausgedrckt
--, sondern weil Sie zu ehrgeizig sind ... oder nein, auch nicht einmal
das: Sie sind einfach selbstschtig bis ... bis zum Wahnsinn, was Ihre
Briefe an mich deutlich beweisen. Sie konnten ihn, diesen offenherzigen
Menschen, berhaupt nicht liebgewinnen, und vielleicht haben Sie ihn im
geheimen sogar verachtet und sich ber ihn lustig gemacht, denn Sie
haben nur eines liebgewinnen knnen, und das ist Ihre Schande und der
immerwhrende Gedanke daran, da Sie beschimpft sind und da man Sie
beleidigt hat. Wre Ihre Schande geringer oder wre sie berhaupt nicht
vorhanden, so wrden Sie sich unglcklicher fhlen ... Aglaja sprach
mit unendlicher Genugtuung diese lngst zurechtgedachten, ja fast kann
man sagen -- berechneten Worte aus, die sie sich vielleicht schon
ausgedacht hatte, als ihr noch nicht einmal die Mglichkeit einer
solchen Aussprache zwischen ihr und der anderen in den Sinn gekommen
war; und mit gehssigem Blick verfolgte sie die Wirkung ihrer Worte auf
dem schmerzverzerrten Gesicht Nastassja Filippownas. Sie wissen, fuhr
sie fort, da er vor drei Monaten einen Brief an mich geschrieben hat.
Er sagte, da Sie von diesem Brief wissen und ihn sogar gelesen haben.
Aus diesem Brief glaubte ich alles zu erraten, und da ich mich nicht
tuschte, hat er mir spter selbst besttigt, indem er mir fast Wort fr
Wort alles das sagte, was ich Ihnen soeben gesagt habe. Nach dem Empfang
dieses Briefes begann ich zu warten. Ich erriet, da Sie unfehlbar
hierher kommen wrden, denn Sie knnen doch nicht ohne Petersburg
auskommen: Sie sind noch viel zu jung und zu schn fr die Provinz ...
brigens sind das nicht meine Worte, fgte sie pltzlich errtend hinzu
und von dem Augenblick an verlie die Rte nicht mehr ihr Gesicht. Als
ich dann den Frsten wiedersah, tat mir die ihm widerfahrene Krnkung
weh, und ich fhlte mich fr ihn beleidigt. Lachen Sie nicht. Wenn Sie
lachen, sind Sie nicht wert, das zu verstehen ...

Sie sehen, da ich nicht lache, sagte Nastassja Filippowna traurig und
mit ernstem Gesicht.

brigens, wie Sie wollen, mir ist es gleichgltig. Als ich ihn dann
selbst fragte, erzhlte er mir, da er Sie bereits lngst nicht mehr
liebe, da sogar die Erinnerung an Sie ihm nichts als eine Qual sei,
doch tten Sie ihm leid, und wenn er an Sie denke, dann sei es ihm, als
wre sein Herz auf ewig durchbohrt. Ich mu Ihnen noch sagen, da ich in
meinem Leben keinen Menschen angetroffen habe, der ihm an Edelmut,
Treuherzigkeit und Vertrauen zu anderen Menschen gleichkme. Ich begriff
nach seinen Worten, da ein jeder, der es nur will, ihn betrgen kann,
er aber einem jeden, der ihn betrgt, gleichviel wer er sei, alles
verzeihen wird, und gerade deshalb gewann ich ihn lieb ...

Aglaja stockte einen Augenblick, gleichsam erschrocken und verwundert
ber sich selbst, da sie ein solches Wort hatte aussprechen knnen.
Doch schon nach einer Sekunde erglhte ihr Blick ganz pltzlich in
grenzenlosem Stolz. Es schien, da ihr jetzt alles gleichgltig wre,
selbst wenn diese Person ber das ihr entschlpfte Gestndnis gelacht
htte.

Ich habe Ihnen alles gesagt. Jetzt werden Sie natrlich begriffen
haben, was ich von Ihnen will.

Vielleicht habe ich es begriffen, aber -- sprechen Sie es selbst aus,
sagte Nastassja Filippowna leise.

Zorn flammte in Aglajas Gesicht auf.

Ich wollte von Ihnen erfahren, sagte sie mit fester Stimme, langsam
und deutlich, mit welchem Recht Sie sich in seine Gefhle, die er fr
mich empfindet, eingemischt haben? Mit welchem Recht Sie gewagt haben,
Briefe an mich zu schreiben? Mit welch einem Recht erklren Sie
allaugenblicklich ihm und mir, da Sie ihn lieben, nachdem Sie selbst
ihn verlassen haben, so beleidigend und ... beschmend von ihm
fortgelaufen sind?

Ich habe weder ihm noch Ihnen gesagt, da ich ihn liebe, brachte
Nastassja Filippowna mhsam hervor, doch ... darin haben Sie recht --
ich bin ihm fortgelaufen ... fgte sie kaum hrbar hinzu.

Was, Sie htten es >weder ihm noch mir< gesagt? rief Aglaja. Aber
Ihre Briefe? Wer hat Sie gebeten, uns zu verkuppeln, mich zu bereden,
ihn doch anzunehmen? Ist denn das kein Gestndnis Ihrerseits? Weshalb
drngen Sie sich uns denn auf? Zuerst dachte ich, Sie wollten, im
Gegenteil, Abneigung fr ihn in mir hervorrufen, indem Sie sich zwischen
uns drngten, damit ich mich von ihm abwendete. Spter erst erriet ich,
um was es sich handelte: Sie glaubten einfach, eine groe Heldentat zu
vollfhren mit all diesen Verstellungen ... Wie, wie htten Sie ihn denn
lieben knnen, wenn Sie doch nur Ihren Hochmut lieben? Warum fuhren Sie
nicht einfach von hier fort, anstatt mir diese lcherlichen Briefe zu
schreiben? Warum heiraten Sie jetzt nicht diesen anstndigen Menschen,
der Sie so malos liebt und Ihnen die Ehre erweisen will, Sie zu
heiraten? Das ist ja jetzt nur zu klar, warum Sie ihn nicht heiraten
wollen: wenn Sie Rogoshin heiraten, wo bliebe dann Ihre Entehrung? Es
wre sogar viel zu viel Ehre fr Sie! Jewgenij Pawlowitsch sagt von
Ihnen, Sie htten zu viel Romane gelesen und seien >viel zu gebildet fr
Ihre ... Stellung<; Sie seien ein Bchermensch und eine Nichtstuerin;
fgen Sie jetzt noch Ihren Hochmut hinzu, dann haben Sie alle Ihre
Grnde ...

Und Sie sind keine Nichtstuerin?

Allzu schnell, allzu offen war es zu dieser unerwarteten Wendung
gekommen -- unerwartet, denn Nastassja Filippowna hatte, als sie sich
diesmal nach Pawlowsk begeben, noch von anderem getrumt, obschon sie
selbstverstndlich eher Schlechtes als Gutes geahnt. Aglaja aber hatte
sich entschieden in einem einzigen Augenblick hinreien lassen, und dann
-- dann war es fr sie zu spt, ihrem entsetzlichen Rachebedrfnis zu
widerstehen. Nastassja Filippowna kam es sogar ganz seltsam vor, Aglaja
so zu sehen: sie sah sie an, als traue sie ihren Augen nicht, und im
ersten Augenblick konnte sie sich gar nicht zurechtfinden, sie wute
nicht, was sie denken sollte. War sie nun eine Frau, die zu viel Romane
gelesen hatte, wie Jewgenij Pawlowitsch von ihr annahm, oder war sie nur
einfach wahnsinnig, wie es der Frst glaubte -- jedenfalls war dieses
selbe Weib, das sich mitunter so zynisch und frech geben konnte, in
Wirklichkeit doch viel schamhafter, zrtlicher und vertrauensvoller, als
man es von ihr glauben mochte. Freilich hatte sie viel gelesen, es war
viel Vertrumtes, Sinnendes, in sich selbst Zurckgezogenes und
Phantastisches in ihr, doch dafr war es stark und tief ... Das aber
begriff der Frst und sein Gesicht verriet seine Qual. Als Aglaja ihn
ansah, las sie deutlich diese seine Empfindung und sie erzitterte vor
Ha.

Wie wagen Sie es, so zu mir zu sprechen? sagte sie mit
unbeschreiblichem Hochmut als Antwort auf Nastassja Filippownas Frage.

Sie haben sich wohl verhrt, meinte Nastassja Filippowna verwundert.
Wie habe ich denn zu Ihnen gesprochen?

Wenn Sie nicht -- _so eine_ sein wollten, weshalb verlieen Sie dann
nicht einfach Ihren Verfhrer Tozkij ... ohne Theatervorstellungen?
fragte pltzlich Aglaja ganz unvermittelt.

Was wissen Sie von mir, da Sie mich zu richten wagen? fragte
Nastassja Filippowna zusammenzuckend und totenbleich.

Ich wei nur, da Sie nicht hingegangen sind, um zu arbeiten, sondern
es vorgezogen haben, mit dem Millionr Rogoshin fortzufahren und einen
gefallenen Engel vorzustellen. Es wundert mich nicht, da Tozkij sich
fast hat erschieen wollen, um sich von diesem gefallenen Engel zu
befreien!

Hren Sie auf! sagte Nastassja Filippowna angeekelt, und es war, als
kmpfe sie einen Schmerz nieder: Sie haben mich ebenso verstanden, wie
... Darja Alexejewnas Kammerzofe, die ihren Brutigam in diesen Tagen
beim Friedensrichter verklagt hat. Und auch die wrde mich besser
verstanden haben, als Sie ...

Wahrscheinlich ist sie ein ehrbares Mdchen, das von seiner Hnde
Arbeit lebt. Weshalb verhalten Sie sich denn mit solcher Verachtung zur
Arbeit?

Nicht zur Arbeit verhalte ich mich mit Verachtung, sondern zu Ihnen,
wenn Sie von Arbeit reden.

Wenn Sie ehrbar sein wollten, warum wurden Sie dann nicht Wscherin?

Beide erhoben sich, Aglaja hochrot, die andere totenbleich, und sahen
sich gegenseitig unverwandt an.

Aglaja, besinnen Sie sich! Das ist doch so ungerecht! rief der Frst
wie betubt.

Rogoshin hatte aufgehrt zu lcheln; er stand mit ber der Brust
verschrnkten Armen und zusammengepreten Lippen und hrte nur zu.

Da, sehen Sie sie, begann Nastassja Filippowna pltzlich, zitternd vor
Emprung, sehen Sie dieses kleine Frulein! Ich habe sie fr einen
Engel gehalten! Sie sind ohne Gouvernante zu mir gekommen, Aglaja
Iwanowna? ... Aber wollen Sie ... wollen Sie, ich werde Ihnen sogleich
ganz offen, ohne Beschnigungen sagen, warum Sie zu mir gekommen sind?
Weil Sie Angst bekommen haben, deshalb sind Sie gekommen.

Angst? Vor Ihnen? rief Aglaja auer sich vor naiver, emprter
Verwunderung darber, da jene so zu ihr zu sprechen wagte.

Natrlich vor mir! Gefrchtet haben Sie mich, wenn Sie sich
entschlieen konnten, zu mir zu kommen. Wen man aber frchtet, den
verachtet man nicht. Wenn ich denke, da ich Sie geachtet habe, sogar
bis zu diesem Augenblick! Aber wissen Sie auch, weshalb Sie mich
frchten und was fr Sie der Hauptzweck Ihres Besuches war? Sie wollten
sich persnlich berzeugen, ob er mich mehr als Sie liebe, oder nicht,
denn Sie sind entsetzlich eiferschtig ...

Er hat mir schon gesagt; da er Sie hat ... brachte Aglaja kaum
hrbar hervor.

Das kann gewi so sein; es ist mglich, da ich seiner nicht wert bin,
nur ... nur haben Sie gelogen, denke ich! Er kann mich nicht hassen, und
er kann das nicht so gesagt haben! Doch ich bin bereit, Ihnen zu
verzeihen ... im Hinblick auf Ihre Lage ... nur habe ich doch hher von
Ihnen gedacht; ich hielt Sie auch fr klger und sogar fr edler, bei
Gott! ... Nun, so nehmen Sie denn Ihren Schatz ... da ist er, sehen Sie
doch, wie er Sie ansieht, er kann ja kaum zur Besinnung kommen! So
nehmen Sie ihn denn fr sich, aber unter der einen Bedingung: gehen Sie
unverzglich hinaus! Im Augenblick! ...

Sie fiel in ihren Sessel zurck und brach in Trnen aus. Doch pltzlich
blitzte etwas Neues in ihren Augen auf: unverwandt und aufmerksam sah
sie Aglaja an und erhob sich wieder von ihrem Platz.

Oder willst du, ich werde ihm sofort ... be--feh--len, hrst du? ihm
nur be--feh--len, und er wird dich sofort verlassen und bei mir bleiben,
ewig, und mich heiraten, du aber wirst allein nach Hause laufen? Willst
du, willst du? schrie sie pltzlich laut wie eine Wahnsinnige,
vielleicht ohne es selbst zu glauben, da sie solche Worte hatte
aussprechen knnen.

Aglaja war im ersten Schreck zur Tr gestrzt, doch pltzlich blieb sie
wie gebannt stehen und hrte weiter zu:

Willst du, ich jage Rogoshin davon? Du dachtest wohl, ich htte mich
mit Rogoshin nur zu deinem Vergngen trauen lassen? Sieh, ich werde ihm
sofort in deiner Gegenwart befehlen: >Geh' fort, Rogoshin!< und dem
Frsten sage ich: >Weit du noch, was du mir versprochen hast?< Gott!
Wozu habe ich mich so vor ihnen erniedrigt? Warst du es nicht, Frst,
der mir beteuerte, da du mir berall hin folgen wrdest, was auch mit
mir geschehen sollte, und da du mich niemals verlassen wrdest; da du
mich liebst und du mir alles verzeihst und mich acht... acht... Ja, auch
das hast du gesagt! Und da bin ich, nur um dich zu befreien, von dir
weggelaufen, jetzt aber will ich nicht! Weshalb hat sie mich wie eine
Dirne behandelt? Frag' Rogoshin, ob ich eine Dirne bin, er wird es dir
sagen! Jetzt, nachdem sie mich beschimpft hat, und das noch dazu in
deiner Gegenwart, wirst auch du dich von mir abwenden und ihr den Arm
reichen, um sie von hier fortzufhren? So sei denn verflucht dafr, da
ich an dich allein geglaubt habe. Geh' fort, Rogoshin, ich brauche dich
nicht! schrie sie fast besinnungslos mit entstelltem Gesicht und
trockenen Lippen, whrend sie jedes Wort nur mit Mhe aus der keuchenden
Brust hervorstie, offenbar, ohne selbst auch nur einen Augenblick an
ihre Worte zu glauben, doch gleichzeitig von dem verzehrenden Verlangen
beseelt, den Augenblick, wenn auch nur noch um eine Sekunde, zu
verlngern und sich selbst zu betrgen. Dieser Ausbruch ihrer
Leidenschaft war so stark, da der Frst bereits frchtete, sie knnte
auf der Stelle sterben. Da ist er, sieh! schrie sie endlich Aglaja zu,
mit der Hand auf den Frsten weisend. Wenn er jetzt nicht sofort zu mir
kommt, nicht mich nimmt und dich verlt, dann nimm ihn nur, ich trete
ihn dir ab, ich brauch' ihn nicht ...

Sowohl sie wie Aglaja standen regungslos in starrer Erwartung und sahen
beide wie Irrsinnige den Frsten an. Er aber begriff vielleicht gar
nicht die ganze Tragweite der Worte Nastassja Filippownas, begriff sie
sogar bestimmt nicht. Er sah nur dieses verzweifelte, wahnsinnige
Gesicht vor sich, das, wie er einmal zu Aglaja gesagt, sein Herz >auf
ewig durchbohrt< hatte. Er konnte den Schmerz nicht mehr aushalten und
wandte sich beschwrend und vorwurfsvoll an Aglaja, auf Nastassja
Filippowna weisend:

Ist denn das mglich! Sie ist doch ... so malos unglcklich!

Doch kaum hatte er das ausgesprochen, da verstummte er vor Aglajas
entsetzlichem Blick. Aus diesem Blick sprach ein solcher Schmerz und
gleichzeitig so unendlicher Ha, da er mit einem Schrei die Hnde erhob
und zu ihr strzte, doch schon war es zu spt. Sie hatte sein Schwanken
nicht einen Augenblick ertragen, hatte nur O, mein Gott!
hervorgestoen, mit den Hnden das Gesicht bedeckt und war aus dem
Zimmer gestrzt. Rogoshin war ihr sogleich gefolgt und hatte den Riegel
der Eingangstr zurckgezogen.

Auch der Frst eilte ihr nach, doch auf der Schwelle umklammerten ihn
pltzlich zwei Arme. Das entstellte, rasende Gesicht Nastassja
Filippownas sah ihn starr an und ihre blulichen Lippen fragten, kaum
sich bewegend:

Ihr nach? Ihr nach? ...

Ohnmchtig fiel sie zu Boden. Er hob sie auf und trug sie zurck zu
ihrem Sessel und blieb in stumpfer Erwartung vor ihr stehen. Auf einem
kleinen Tisch stand ein Glas mit Wasser; Rogoshin, der aus dem Vorzimmer
zurckkam, ergriff es schnell und besprengte ihr Gesicht. Sie schlug die
Augen auf, doch schien ihr Blick noch nichts zu sehen; pltzlich bewegte
sich der Blick, sie sah sich um, zuckte zusammen und aufspringend
strzte sie mit einem Schrei zum Frsten.

Mein! Mein! rief sie. Ist sie fort, das stolze Frulein? Ha--ha--ha!
lachte sie hysterisch auf. Ha--ha--ha! Und ich trat ihn diesem
Fruleinchen ab! Aber weshalb? Wozu? Ich Wahnsinnige! Ich Wahnsinnige!
... Geh fort, Rogoshin, hahaha!

Rogoshin blickte sie beide eine Weile unverwandt an, sagte kein Wort,
nahm seinen Hut und ging. Eine Viertelstunde spter sa der Frst neben
Nastassja Filippowna, wandte keinen Blick von ihrem Gesicht und
streichelte, wie man ein kleines Kind streichelt, mit beiden Hnden ihre
Wangen und ihr weiches Haar. Er lachte, wenn sie lachte, und war bereit,
zu weinen, wenn sie weinte. Er sprach nichts -- er lauschte nur
aufmerksam auf ihr wirres, begeistertes Stammeln, von dem er wohl kaum
etwas begriff, und sobald es ihm nur schien, da sie sich wieder zu
qulen beginne, sich Vorwrfe machen oder weinen wollte, dann beeilte er
sich sogleich wieder, zrtlich mit seinen Hnden ihren Kopf und ihre
Wangen zu streicheln, trstend und beruhigend, ganz wie man ein kleines
Kind beruhigt.


                                  IX.

Es vergingen zwei Wochen nach dem im vorhergehenden Kapitel erzhlten
Ereignis, und in dieser Zeit hatte sich im Leben der Personen unserer
Erzhlung so vieles verndert, da wir nicht ohne vorhergehende
Erklrungen in der Wiedergabe der folgenden Ereignisse fortfahren
knnen. Leider mssen sich diese Erklrungen nur auf diese Tatsachen
beschrnken, und das aus einem sehr einfachen Grunde: weil wir in vielen
Fllen das Geschehene selbst kaum zu erklren verstnden. Das ist nun
zwar ein sehr sonderbares Gestndnis, doch hoffen wir, da der Leser aus
dem Folgenden selbst erraten wird, was es ist, das zu erklren wir nicht
auf uns zu nehmen vermgen.

Im Laufe dieser zwei Wochen war der Liebesroman unseres Helden und
namentlich seine letzte Wendung, von der man zuerst nur bei Lebedeffs,
Ptizyns, Darja Alexejewna und Jepantschins erfahren hatte, allmhlich in
ganz Pawlowsk und sogar darber hinaus bekannt geworden. Alle Welt
erzhlte sich ein und dieselbe Geschichte, natrlich in tausend
Variationen, erzhlte sich, da ein gewisser Frst, der in einem
bekannten, angesehenen Hause einen Skandal hervorgerufen und sich bei
der Gelegenheit mit einer der Tchter des Hauses, als deren Brutigam er
bereits der Gesellschaft vorgestellt worden war, entlobt habe, um sich
darauf von einer bekannten Demimondaine so weit bestricken zu lassen,
da er alle seine frheren Beziehungen abgebrochen und nun trotz aller
Drohungen und des allgemeinen Unwillens sich hier in Pawlowsk ffentlich
am hellichten Tage, erhobenen Hauptes und allen offen in die Augen
blickend, mit besagter Demimondaine wolle trauen lassen. Da nun ein
jeder der Erzhler das Gercht noch nach Krften ausschmckte und ihm
die phantastischsten und rtselhaftesten Farben verlieh, viele sogar
bekannte, hochangesehene Personen mit dem Vorfall in Verbindung
brachten, und andererseits unantastbare Tatsachen das Wesentliche
vollkommen besttigten, war schlielich die allgemeine Neugier sehr
erklrlich und wohl auch verzeihlich. Die raffinierteste und
gleichzeitig glaubwrdigste Wiedergabe und Auslegung des Tatbestandes
erfuhr diese interessante Affre von einzelnen jener ernsten
Klatschbasen mnnlichen Geschlechts, die man in jeder Gesellschaft
antreffen kann und die sich stets beeilen, ihren Mitmenschen das neueste
Ereignis verstndlich zu machen -- eine Beschftigung, die sie geradezu
als ihre Lebensaufgabe betrachten, die sie nach bestem Knnen erfllen
und die ihnen gewhnlich zu einer Art Trost im eigenen Unglck wird.
Nach ihrer Wiedergabe war der betreffende junge Mann ein Frst alter
Abstammung, ziemlich reich, ziemlich dumm, doch dafr ein Demokrat, dem
der zeitgenssische Nihilismus zu Kopf gestiegen war und der sich,
obgleich er kaum Russisch zu sprechen verstand, im Hause des Generals
Jepantschin einzufhren gewut und mit einer Tochter desselben verlobt
htte. Ferner hie es, da der Fall des Frsten ganz hnlich dem eines
franzsischen Seminaristen sei, von dem in jngster Zeit viel geredet
und geschrieben worden war -- der Betreffende hatte sich absichtlich zum
Priester salben lassen, hatte bei der Gelegenheit alle Vorschriften der
Zeremonie genau befolgt, den Schwur geleistet usw., um dann am nchsten
Tage seinem Bischof in einem offenen Schreiben mitzuteilen, da er, da
er an Gott nicht glaube, nicht gegen sein Gewissen handeln und das Volk
betrgen wolle, um sich dafr von ihm ernhren zu lassen, und deshalb
seine tags zuvor empfangene Wrde niederlege. hnlich diesem Atheisten,
wie gesagt, solle auch der Frst gehandelt haben. Er habe nmlich,
meinte man, nur auf die feierliche Soiree bei den Eltern seiner Braut
gewartet, um dann, nachdem er mehreren hochangesehenen Wrdentrgern
vorgestellt worden war, sich pltzlich zu erheben, seine
demokratisch-nihilistischen Anschauungen auseinanderzusetzen, hierauf
die ehrwrdigen Gste zu beschimpfen und sich ffentlich in hchst
beleidigender Weise von seiner Braut loszusagen. Zu guter Letzt, als man
ihn von den Dienstboten hatte hinausbefrdern lassen, sei er noch
ttlich geworden und habe beim Sichwidersetzen und im Handgemenge eine
kostbare chinesische Vase zerschlagen. Hinzugefgt wurde auerdem noch,
gewissermaen als charakteristischer Ausdruck des Zeitgeistes, da der
junge Mann seine Braut, die Tochter des Generals, wirklich geliebt und
sich einzig aus nihilistischer berzeugung und um des Skandals willen
von ihr losgesagt habe, damit er sich dann vor der ganzen Welt das
Vergngen leisten knne, statt ihrer ein gefallenes Frauenzimmer zu
heiraten und damit zu beweisen, da es fr ihn weder lasterhafte noch
tugendsame Frauen gebe, sondern einzig das Ideal einer freien Frau --
ja, in der Beziehung stehe eine gefallene Frau seiner Ansicht nach sogar
hher als eine nicht gefallene usw. usw.

Diese Erklrungen erschienen vielen sehr glaubwrdig, so namentlich den
in Pawlowsk wohnenden Villenbesitzern, da sie sie fast tglich durch
neue Tatsachen besttigt fanden. Freilich blieben trotzdem noch sehr
viele Einzelheiten unaufgeklrt: so wute man zum Beispiel zu erzhlen,
da das arme junge Mdchen ihren Brutigam -- einige sagten Verfhrer
-- so leidenschaftlich geliebt habe, da sie am nchsten Tage, nachdem
er sie verlassen, zu ihm gelaufen sei, und da sie dann seine Geliebte
bei ihm angetroffen habe; andere wiederum beteuerten, er selbst habe sie
zu seiner Geliebten gelockt, und zwar einzig aus Nihilismus -- um sie
zu beleidigen. Doch wie dem auch sein mochte, jedenfalls wuchs das
Interesse der Sommerfrischler mit jedem Tage, um so mehr, als es bald
nicht dem geringsten Zweifel mehr unterlag, da die skandalse Hochzeit
wirklich zustande kommen wrde.

Wenn man nun aber eine Erklrung verlangen wollte -- nicht was die
nihilistischen Nuancen des Ereignisses betrifft, o nein! -- sondern
einfach nur ber diesen einen bedeutsamen und mehr persnlichen Punkt:
inwieweit denn die bevorstehende Hochzeit den wirklichen Wnschen des
Frsten entsprach oder wie nun eigentlich die Stimmung unseres Helden in
dieser Zeit zu bezeichnen wre, und vielleicht auch noch ber manches
andere Wissenswerte der Art, dann wrden wir kaum in der Lage sein,
etwas Bestimmtes zu antworten. Wir knnten nur besttigen, da die
Hochzeit auf den Anfang des Monats Juli festgesetzt war, und da der
Frst seinen Hauswirt Lebedeff, den ehemaligen Leutnant Keller und einen
Bekannten Lebedeffs, den ihm dieser als Autoritt in solchen Dingen
vorgestellt, mit den Vorbereitungen zur Hochzeit betraut hatte -- mit
der Bemerkung, da sie auf die Kosten nicht zu achten brauchten. Keller
wurde auf seine eigene glhende Bitte hin zum Hochzeitsmarschall
ernannt, desgleichen Burdowskij, den diese Ehre in helle Begeisterung
versetzte. Doch ganz abgesehen von diesen Tatsachen, will es uns
scheinen, da der Frst, nachdem er Lebedeff und die anderen mit den
Vorbereitungen betraut hatte, selbst schon nach ein paar Stunden wieder
verga, da es so etwas wie Hochzeiten, Marschlle usw. berhaupt in der
Welt gab, und da er, wenn er diese Anordnungen so schnell getroffen und
die unumgnglichen Scherereien auf andere abgewlzt hatte, dieses wohl
nur deshalb getan, um selbst nicht mehr daran denken zu mssen,
vielleicht sogar, um das alles so schnell als mglich und ganz und
gar vergessen zu knnen. Aber an was dachte er denn sonst, an was
_wollte_ er denken ... Andererseits steht es vollkommen fest, da er zu
dieser Heirat durchaus nicht gezwungen worden war -- etwa von Nastassja
Filippowna --, da zwar Nastassja Filippowna als erste von der Heirat zu
sprechen begonnen und die Hochzeit bald zu feiern gewnscht hatte, und
nicht etwa der Frst: da aber der Frst freiwillig eingewilligt, ja es
sogar gewissermaen zerstreut getan hatte, fast als htte man ihn um
eine ziemlich gewhnliche Sache gebeten. Und solcher Merkwrdigkeiten,
die die Sache anstatt zu erklren, nur noch rtselhafter erscheinen
lieen, gab es sogar eine ganze Menge. Fhren wir nur ein Beispiel an.

Im Laufe dieser zwei Wochen verbrachte der Frst ganze Tage bis in die
Nacht hinein bei Nastassja Filippowna: er ging mit ihr spazieren,
besuchte mit ihr die Konzerte, fuhr fast tglich mit ihr aus, und hatte
er sie nur eine Stunde lang nicht gesehen, so begann er schon, sich um
sie zu beunruhigen -- folglich mute er sie doch wohl aufrichtig lieben!
Wenn sie sprach -- gleichviel was es war --, hrte er ihr mit einem
stillen, freundlichen Lcheln zu, oft sogar stundenlang, ohne dabei
selbst auch nur ein Wort zu sprechen. Andererseits aber wissen wir ganz
genau, da er sich in diesen Tagen mehrmals ganz pltzlich zu
Jepantschins begab, was er vor Nastassja Filippowna auch durchaus nicht
verheimlichte und worber sie jedesmal in Verzweiflung geriet. Bei
Jepantschins jedoch wurde er, solange sie noch in Pawlowsk blieben,
nicht empfangen, desgleichen verweigerte man ihm hartnckig die
Erfllung seines Wunsches, mit Aglaja Iwanowna sprechen zu drfen. Er
entfernte sich dann jedesmal ohne ein Wort zu sagen, doch am folgenden
Tage erschien er wieder, als htte er ganz vergessen, da man ihn schon
abgewiesen hatte, und wurde natrlich wieder nicht empfangen. Wir wissen
ferner, da etwa eine Stunde nachdem Aglaja Iwanowna von Nastassja
Filippowna fortgelaufen, vielleicht aber auch noch frher, der Frst
pltzlich bei Jepantschins erschienen war, in der festen berzeugung,
da er Aglaja dort vorfinden wrde. Doch hatte sein Erscheinen bei allen
Anwesenden nur Bestrzung und Angst hervorgerufen, denn erst von ihm
erfuhr man, da Aglaja das Haus verlassen und mit ihm zu Nastassja
Filippowna gegangen war. Wie man heute hrt, sollen Lisaweta
Prokofjewna, die Schwestern und Frst Sch. ber den Frsten Lew
Nikolajewitsch ganz emprt gewesen, ihre Gefhle keineswegs verschwiegen
und ihm die Freundschaft und Bekanntschaft ein fr allemal gekndigt
haben. Da war aber pltzlich Warwara Ardalionowna erschienen, mit der
Nachricht, da Aglaja Iwanowna bereits seit einer Stunde in ihrem Hause
sei, sich in einem bengstigenden Zustande befinde und nach Hause
offenbar nicht zurckkehren wolle. Diese letzte Mitteilung erschtterte
Lisaweta Prokofjewna am meisten, und sie entsprach auch vollkommen der
Wahrheit: als Aglaja aus dem Hause Darja Alexejewnas hinausgelaufen war,
htte sie eher sterben mgen, als sich den Ihrigen zeigen, und da war
sie denn zu Nina Alexandrowna geeilt. Warwara Ardalionowna aber hatte es
sogleich fr ntig befunden, Jepantschins davon zu benachrichtigen. Die
Mutter und die Schwestern brachen unverzglich auf, um sich eilig zu
Ptizyns zu begeben, desgleichen der General, der gerade nach Hause
gekommen war. Doch da war das Unglaubliche geschehen: Frst Lew
Nikolajewitsch war ihnen gefolgt und hatte sich gleichfalls zu Ptizyns
begeben, trotz der harten Worte, die er vorher zu hren bekommen hatte,
und des schroff ausgedrckten Verzichtes auf seine weitere
Bekanntschaft. Nur hatte Warwara Ardalionowna sogleich ihre Vorkehrungen
getroffen und so war er auch in ihrem Hause nicht bis zu Aglaja Iwanowna
gelangt. Als Aglaja die Mutter und die Schwestern in Trnen aufgelst
erblickt hatte, ohne dabei auch nur den geringsten Vorwurf zu vernehmen,
war sie ihnen sogleich an den Hals geflogen und widerspruchslos nach
Hause zurckgekehrt. brigens hatte sich whrend Warwara Ardalionownas
Abwesenheit noch ein kleiner Zwischenfall zugetragen, der fr Gawrila
Ardalionytsch neues Pech bedeutete: in dem Glauben, da dieser
Augenblick seines Alleinseins mit Aglaja eine gnstige Gelegenheit sei,
hatte er pltzlich von seiner Liebe zu ihr zu reden begonnen, und da
hatte Aglaja ungeachtet ihrer Verzweiflung und Trnen mit einem Mal zu
lachen angefangen und ohne ein Wort der Erklrung die seltsame Frage an
ihn gestellt, ob er zum Beweise seiner Liebe bereit wre, hier sogleich
seinen Finger an einer Kerze zu verbrennen. Gawrila Ardalionytsch, hie
es, sei von dieser Frage wie betubt gewesen und habe ein so unendlich
verwundertes Gesicht gemacht, da Aglaja in hysterisches Gelchter ber
ihn ausgebrochen und die Treppe hinauf zu Nina Alexandrowna gelaufen
sei, wo die Eltern sie dann auch angetroffen hatten.

Von diesem Zwischenfall hatte der Frst am nchsten Tage durch Hippolyt
erfahren, nur zu diesem Zweck hatte ihn der Kranke, der das Bett nicht
mehr verlie, zu sich rufen lassen. Wie oder durch wen er aber Hippolyt
bekannt geworden war, das wissen wir nicht. Doch erzhlte man sich, da
der Frst, als Hippolyt von dem Licht und dem Finger erzhlt hatte,
pltzlich in schallendes Gelchter ausgebrochen sei, so da Hippolyt ihn
ganz sprachlos angesehen habe; und dann habe der Frst pltzlich heftig
zu zittern angefangen und sei in Trnen ausgebrochen ... berhaupt
befand sich der Frst seit jenem Abend in einer unbestimmten, doch um so
qulenderen Unruhe, und den meisten fiel es auf, da er seltsam verwirrt
war. Hippolyt behauptete sogar, da er ihn einfach fr irrsinnig halte,
doch war das natrlich bertrieben.

Indem wir nun alle diese Tatsachen anfhren, eine Erklrung derselben
jedoch verweigern, wollen wir unseren Helden nicht etwa zu rechtfertigen
versuchen -- oh, durchaus nicht! Im Gegenteil, wir sind sogar bereit,
den Unwillen zu teilen, den er selbst bei seinen Freunden hervorgerufen
hatte. Sogar Wjera Lebedewa war eine Zeitlang ungehalten ber ihn, sogar
Kolj und Keller waren es -- dieser allerdings nur bis zu seiner
Ernennung zum Hochzeitsmarschall --, von Lebedeff schon ganz zu
schweigen: der begann einfach gegen den Frsten zu intrigieren, denn
sein Unwille war wirklich aufrichtig und im Herzen empfunden. Doch
darauf werden wir noch spter zurckkommen. Jedenfalls mssen wir aber
einigen in ihrer Psychologie sogar sehr tiefen Worten Jewgenij
Pawlowitschs beipflichten, die dieser am sechsten oder siebenten Tage
nach dem Geschehnis in freundschaftlichem Gesprch ganz offen und ohne
alle Zeremonien dem Frsten selbst sagte. Es sei hier noch bemerkt, da
nicht nur die Familie Jepantschin, sondern auch alle, die mehr oder
weniger zu ihr in Beziehung standen, es fr ntig hielten, den Frsten
hinfort nicht mehr zu kennen. Frst Sch. zum Beispiel wandte sich bei
einer Begegnung im Park von ihm ab und lie seinen Gru unerwidert. Nur
Jewgenij Pawlowitsch Radomskij frchtete sich nicht, sich durch einen
Besuch beim Frsten zu kompromittieren, ungeachtet dessen, da er
Jepantschins wieder tglich besuchte und daselbst mit sichtlich
zunehmender Freundlichkeit empfangen wurde. Er kam am Tage nach der
Abreise Jepantschins aus Pawlowsk zum Frsten und war natrlich schon
gut unterrichtet ber alles, was man sich in Pawlowsk erzhlte --
vielleicht hatte er sogar selbst manches verlauten lassen. Der Frst
freute sich unbeschreiblich ber seinen Besuch und begann sogleich von
Jepantschins zu sprechen. Diese Treuherzigkeit und offene Sprache
ermglichte es auch Jewgenij Pawlowitsch, ohne Umschweife und
rckhaltlos mit der Hauptsache zu beginnen.

Der Frst wute es noch nicht, da Jepantschins Pawlowsk verlassen
hatten; als er es erfuhr, war er so bestrzt, da er erbleichte. Doch
schon nach einer kleinen Weile schttelte er den Kopf wie in wirrem
Nachdenken und gestand, da es so htte kommen mssen. Dann erkundigte
er sich hastig, wohin sie denn gefahren seien?

Jewgenij Pawlowitsch beobachtete ihn inzwischen aufmerksam: diese
schnellen Fragen und ihre kindliche Geradheit, sowie die Verwirrung und
gleichzeitig Offenherzigkeit, die Unruhe und das angespannte, grbelnde
Denken des Frsten -- alles das wunderte ihn nicht wenig. Seine Fragen
beantwortete er liebenswrdig und ausfhrlich und der Frst hrte ihm
begierig zu, denn Jewgenij Pawlowitsch war der erste, der ihm von
Jepantschins berichten konnte. So erfuhr er denn, da Aglaja Iwanowna in
der Tat krank gewesen war, ganze drei Nchte nicht geschlafen und heftig
gefiebert hatte. Zwar gehe es ihr jetzt besser, erzhlte Jewgenij
Pawlowitsch, doch befinde sie sich immer noch in einem sehr nervsen,
hysterischen Zustande ... Zum Glck herrscht im ganzen Hause
vollkommener Friede! Von dem Vorgefallenen sprechen sie nicht einmal
unter sich, geschweige denn in Aglajas Gegenwart. Die Eltern haben sich
besprochen und die Reise ins Ausland ist auf den Herbst festgesetzt,
sogleich nach Adelaidas Hochzeit. Aglaja hat schweigend die ersten
Gesprche darber angehrt. Er, Jewgenij Pawlowitsch, werde vielleicht
gleichfalls ins Ausland reisen. Auch Frst Sch. wolle, falls es ihm
seine Zeit erlaube, auf etwa zwei Monate die anderen mit Adelaida
begleiten. Der General wrde natrlich in Petersburg bleiben.
Augenblicklich befnden sie sich auf ihrem Gut Kolmino, das etwa zwanzig
Werst von Petersburg gelegen war und ein gerumiges Herrenhaus hatte.
Die Frstin Bjelokonskaja sei noch nicht nach Moskau zurckgekehrt; wie
es scheine, bliebe sie absichtlich, um zu sehen, wie das Ganze
ablaufen wrde. Lisaweta Prokofjewna war die erste gewesen, die auf der
bersiedelung nach Kolmino bestanden hatte; ein weiterer Aufenthalt in
Pawlowsk wre nach dem Vorgefallenen unmglich gewesen; auch ihre
Datsche auf der Jelagin-Insel sei nicht einsam genug gelegen.

Nun, und Sie mssen doch selbst zugeben, meinte Jewgenij Pawlowitsch,
war es fr sie denn noch mglich, zu bleiben? ... besonders da man
genau wute, was hier bei Ihnen in Ihrem Hause geschah? ... und nachdem
Sie tglich ungeachtet aller Absagen hinkamen? ...

Ja, Sie haben recht ... ich wollte nur Aglaja Iwanowna sehen, sagte
der Frst, wieder mit dem Kopf nickend.

Ach, lieber Frst, rief Jewgenij Pawlowitsch vorwurfsvoll und
aufrichtig betrbt, wie konnten Sie damals nur zulassen ... da es
geschah? Gewi, ich wei ja, es kam fr Sie so unerwartet ... Ich
verstehe, da Sie sich ganz verlieren muten und ... Sie konnten dieses
sinnlose Mdchen natrlich nicht aufhalten, das wre von Ihnen zu viel
verlangt gewesen. Aber Sie htten doch wenigstens begreifen mssen, wie
ernst und stark dieses Mdchen -- Sie ... sich zu Ihnen verhielt: sie
wollte sich nicht mit einer anderen in Ihre Liebe teilen und Sie ... Sie
konnten einen so kostbaren Schatz verlassen, konnten es zulassen, da er
in Trmmer ging!

Ja, ja, Sie haben recht! Ja, es war meine Schuld, sagte der Frst
niedergedrckt, doch wissen Sie: nur sie allein, nur Aglaja sah mit
solchen Augen auf Nastassja Filippowna ... Auer ihr sah niemand so auf
sie.

Das ist aber doch gerade das Emprende an all dem, da hier wirklich
nichts Ernstes vorlag! rief Jewgenij Pawlowitsch, der sich von seinem
Unwillen entschieden hinreien lie. Verzeihen Sie, Frst, aber ... ich
... habe darber nachgedacht, Frst, und lange nachgedacht. Ich wei
alles, was damals vor einem halben Jahre gewesen ist, alles, alles, und
-- alles das war nichts Ernstes! Es war nichts als eine gedankliche
Ekstase, ein Bild, eine Phantasie, war Rausch, wenn Sie wollen, und nur
die erschrockene, angstvolle Eifersucht eines vollkommen unerfahrenen
Mdchens konnte es fr etwas Ernsthaftes halten!

Jewgenij Pawlowitsch tat seinem Unwillen keinen Zwang mehr an und
drckte seine Gedanken offen und mit ganzer Schonungslosigkeit aus.
Verstndig und klar und sogar mit auffallendem psychologischem
Scharfblick erklrte er dem Frsten dessen Beziehungen zu Nastassja
Filippowna, so wie er sie auffate. Jewgenij Pawlowitsch hatte sich von
jeher der Gabe des Wortes erfreut, und wenn er Reden hielt, konnte er
mitunter sogar berzeugend reden.

Es begann bei Ihnen mit einer Lge, und was mit einer Lge beginnt, das
mu auch mit einer Lge enden: das ist ein Naturgesetz. Wenn man Sie --
verzeihen Sie, Frst -- einen Idioten nennt, so kann ich diesen ...
Leuten -- gleichviel wer es tut -- nicht beistimmen ... ich rgere mich
vielmehr aufrichtig darber. Sie sind viel zu klug fr diese
Bezeichnung; aber Sie sind doch so weit ... sagen wir, absonderlich, da
Sie von den anderen Menschen abstechen -- das werden Sie mir doch selbst
zugeben? Ich finde, da gewissermaen das Fundament zu all diesen
weiteren Erlebnissen sich aus folgendem zusammengesetzt hat: erstens aus
Ihrer angeborenen Unerfahrenheit -- merken Sie sich das Wort
>angeboren<, Frst --, zweitens aus Ihrer ungewhnlichen Gte, ferner
aus dem phnomenalen Mangel an Magefhl, was Sie ja auch selbst einmal
von sich gesagt haben, und schlielich aus der unendlichen Menge
theoretischer berzeugungen, die Sie in Ihrer ganzen unglaublichen
Ehrlichkeit immer noch fr wahre, natrliche und unmittelbare
berzeugungen halten. Sie mssen doch zugeben, Frst, da in Ihre
Beziehungen zu Nastassja Filippowna von Anfang an etwas, sagen wir der
Krze halber -- _bedingt Demokratisches_ sich hineingemischt hat, oder
sagen wir, es war der Zauber der >Frauenfrage<, um es noch krzer
auszudrcken. Ich bin ber jene Skandalszene, die sich bei Nastassja
Filippowna damals, vor einem halben Jahre, zugetragen hat, als Rogoshin
ihr das Geld brachte, gut unterrichtet. Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen
Ihre Stimmung und Ihr Verhalten an jenem Abend ganz genau erklren. Sie
waren als Jngling in die Schweiz gekommen -- Sie sind ja auch jetzt
noch ein Jngling -- und da begannen Sie sich nach der Heimat
zurckzusehnen, nach dem Ihnen fast unbekannten, doch um so
schwrmerischer von Ihnen geliebten Vaterlande. Sie lasen dort viele
Bcher ber Ruland, Bcher, die sonst ganz vorzglich sein mgen, fr
Sie aber sicherlich schdlich waren. Und so kamen Sie denn in die Heimat
im ersten Rausch des Bettigungsdranges, Sie lechzten frmlich nach
Bettigung! Und da -- an demselben Tage, an dem Sie hier eintrafen,
erzhlte man Ihnen die traurige, emprende Lebensgeschichte eines
beleidigten Weibes -- Ihnen, dem Ritter, dem jungfrulichen Ritter --
eines Weibes! Und noch am Abend dieses ersten Tages sahen Sie dieses
Weib: Sie waren bezaubert von ihrer Erscheinung, ihrer phantastischen,
dmonischen Schnheit -- ich gebe es ja zu, da sie eine Schnheit ist.
Nehmen Sie jetzt noch dazu Ihre Krankheit, Ihre Nerven, unser
Petersburger, auf die Nerven wirkendes Tauwetter; denken Sie an diesen
ganzen ersten Tag in der Ihnen unbekannten, fast phantastischen Stadt,
den Tag der neuen Bekanntschaften, der unerwarteten Szenen und der
unerwarteten Wirklichkeit, den Tag, an dem Sie Jepantschins, deren drei
schne Tchter, und darunter eine Aglaja, kennen lernten; fgen Sie
jetzt noch Ihre Mdigkeit, Ihr Kopfweh nach der Eisenbahnfahrt hinzu,
dann Nastassja Filippownas Salon und den Ton in diesem Salon ... was
konnten Sie nach alledem noch von sich erwarten, was meinen Sie?

Ja, ja; ja, ja, der Frst nickte wieder mit dem Kopf, und er begann zu
errten, fast war es ja auch so; und wissen Sie, ich hatte die Nacht
vorher im Waggon wirklich nicht geschlafen, und ich war sehr abgespannt
...

Aber das ist es ja, worauf ich meine Behauptung aufgebaut habe! fuhr
Jewgenij Pawlowitsch eifrig fort. Es liegt doch auf der Hand, da Sie
im Rausch der Begeisterung die erste Gelegenheit ergriffen, mit
Begeisterung ergriffen, um ffentlich Ihre gromtige Auffassung zu
bezeugen, da Sie, ein Frst aus altem Geschlecht und ein reiner Mensch,
dieses Weib, das nicht durch eigene Schuld gefallen, sondern das ein
widerlicher Rou geschndet hatte, nicht fr ehrlos hielten. O Gott,
aber das ist doch so verstndlich! Doch nicht darum handelt es sich
jetzt, lieber Frst, sondern es handelt sich um eine ganz andere Frage,
und die ist: lag Ihrem Gefhl Wahrheit zugrunde, war es Natur, oder war
es nichts als gedankliche Begeisterung, Berauschung? Im Tempel ward
einst jenem Weibe verziehen, aber ihr Tun ward doch nicht gutgeheien,
es ward ihr doch nicht gesagt, da sie aller Ehren und Achtung wert sei,
was meinen Sie? Hat Ihnen denn nicht Ihr eigener gesunder Verstand nach
drei Monaten gesagt, um was es sich hier handelte? Mag sie jetzt auch
unschuldig sein -- ich will da weiter nicht richten --, aber knnen denn
alle ihre Abenteuer einen so unertrglichen, teuflischen Stolz, einen so
unverhohlenen, gierigen Egoismus rechtfertigen? Verzeihen Sie, Frst,
ich lasse mich hinreien, aber ...

Ja, das kann ja alles so sein, vielleicht haben Sie auch recht ...
murmelte der Frst. Sie ist wirklich sehr nervs und reizbar und Sie
haben recht, natrlich, aber ...

Aber sie hat Mitleid verdient? Ist es nicht das, was Sie sagen wollen?
Doch wie durften Sie dann um dieses Mitleids willen, was Sie mit
_dieser_ empfanden, einem anderen, reinen, hochstehenden Mdchen diese
Schmach antun, und das noch vor den Augen der ihr so Verhaten -- jener
Hochmtigen? Auch das Mitleid mu doch eine Grenze haben! Das ist doch
eine unglaubliche bertreibung! Und wie ist es denn mglich, da man ein
Mdchen, welches man liebt, vor ihrer Rivalin so erniedrigen kann, da
man sie um der anderen willen verlt, und das noch vor den Augen dieser
anderen, nachdem man sie in Ehren um ihre Hand gebeten hat ... Und Sie
haben doch in Gegenwart ihrer Eltern und Schwestern um sie angehalten!
Sind Sie nun Ihrer Meinung nach noch ein Ehrenmann, Frst, erlauben Sie,
da ich Sie danach frage? Und ... und haben Sie dann dieses herrliche
Mdchen nicht betrogen, indem Sie es Ihrer Liebe versicherten?

Ja, ja, Sie haben recht, ach, ich fhle es, da ich an allem schuld
bin! sagte der Frst in unsglichem Schmerz.

Aber was hilft das jetzt! rief Jewgenij Pawlowitsch unwillig. Gengt
denn das, nur auszurufen: >Ach, ich bin an allem schuld!<? Sie _sind_
es, und dennoch bleiben Sie dabei! Und wo war denn damals Ihr Herz, Ihr
>christliches< Herz? Sie sahen doch ihr Gesicht in dem Augenblick: wie,
litt sie etwa weniger als _jene_, jene andere? Wie konnten Sie es denn
sehen und doch zulassen? Wie?

Ja, aber ... ich lie es ja auch gar nicht zu, murmelte der Frst.

Wie das, wieso lieen Sie es nicht zu?

Ich, bei Gott, ich habe nichts zugelassen. Ich begreife bis jetzt noch
nicht, wie das alles gekommen ist ... ich ... ich eilte damals Aglaja
Iwanowna nach, aber da fiel Nastassja Filippowna in Ohnmacht. Und dann
hat man mich bis jetzt noch nicht zu Aglaja Iwanowna gelassen.

Gleichviel! Sie htten Aglaja nacheilen sollen, und wenn die andere
auch hundertmal in Ohnmacht fiel!

Ja ... ja, ich htte ... aber sie wre dann doch gestorben! Sie htte
sich umgebracht, Sie kennen sie nicht, und ... ich htte ja doch spter
Aglaja Iwanowna sowieso alles erklrt und ... sehen Sie, Jewgenij
Pawlowitsch, ich sehe, da Sie, wie es scheint, doch nicht alles wissen.
Sagen Sie, weshalb lt man mich nicht zu Aglaja Iwanowna? Ich wrde ihr
alles erklren. Sehen Sie: beide sprachen sie damals von etwas anderem,
nicht davon, sondern von etwas ganz anderem, ganz anderem. Deshalb kam
es auch dazu ... Ich kann Ihnen das wirklich nicht erklren ... aber
ich, vielleicht knnte ich es ihr erklren, Aglaja ... O, mein Gott,
mein Gott! Sie sprechen von ihrem Gesicht in jenem Augenblick als sie
hinauslief ... o, mein Gott, ich entsinne mich noch so genau! ... Gehen
wir, gehen wir! rief er pltzlich, Jewgenij Pawlowitsch am rmel
ziehend, nachdem er aufgesprungen war.

Wohin?

Gehen wir zu Aglaja Iwanowna, sofort, kommen Sie doch! ...

Aber sie ist ja gar nicht mehr in Pawlowsk, das habe ich Ihnen doch
schon gesagt. Und was wollen Sie dort?

Sie wird es verstehen, sie wird es verstehen! beteuerte der Frst
flehend, und wie beschwrend faltete er die Hnde. Sie wird es
verstehen, da alles das nicht _das_ ist, sondern etwas ganz, ganz
anderes!

Inwiefern etwas ganz anderes? Sie werden doch heiraten? Folglich
bleiben Sie dabei. Werden Sie heiraten oder werden Sie nicht heiraten?

Nun, ja ... ich werde; ja ich werde heiraten!

Also wie soll es dann nicht _das_ sein?

O, nein, es ist nicht das, es ist nicht das! Das, das ist ganz
gleichgltig, da ich heirate, das hat doch nichts zu sagen!

Wie das: nichts zu sagen? Es ist doch kein Kinderspiel! Sie heiraten
das geliebte Weib, um es glcklich zu machen, und Aglaja Iwanowna sieht
das und wei das -- wie knnen Sie also sagen, da es nichts zu sagen
habe?

Glcklich zu machen? O nein! Ich heirate sie einfach; sie will es; und
was ist denn dabei, da ich heirate? Ich ... Nun, ja ... das ist doch
ganz gleichgltig! Nur wre sie bestimmt gestorben. Ich sehe jetzt ein,
da ihre Heirat mit Rogoshin einfach Wahnsinn gewesen wre! Ich habe
jetzt alles begriffen, was ich frher nicht zu begreifen vermochte, und
sehen Sie: als sie sich damals beide gegenberstanden, da konnte ich
Nastassja Filippownas Gesicht nicht ertragen ... Sie erklrten vorhin
ganz richtig jenen Abend vor einem halben Jahr bei Nastassja Filippowna;
nur war da noch etwas, das Sie ausgelassen haben, weil Sie es nicht
wissen: ich sah in _ihr Gesicht_! Schon am Morgen, bei Jepantschins,
konnte ich es nicht ertragen. Die Wjera ... Wjera Lebedewa, die hat ganz
andere Augen ... Ich ... ich frchte ihr Gesicht! fgte er mit
unheimlichem Grauen hinzu.

Sie frchten? ...

Ja; sie ist wahnsinnig! flsterte der Frst erbleichend.

Wissen Sie das genau? fragte Jewgenij Pawlowitsch mit ungeheurem
Interesse.

Ja, ganz genau, jetzt wei ich es, gerade jetzt, in diesen Tagen habe
ich es mit vlliger Sicherheit feststellen knnen!

Was wollen Sie dann mit sich beginnen? rief Jewgenij Pawlowitsch
erschrocken. Dann heiraten Sie sie also nur aus Angst? Da werde einer
daraus klug! ... Vielleicht sogar, ohne sie zu lieben?

O nein, ich liebe sie mit ganzer Seele! Sie ist doch ... ein Kind!
Jetzt ist sie ja ein vollstndiges Kind! Oh, Sie wissen ja noch nichts!

Und zu gleicher Zeit haben Sie Aglaja Iwanowna Ihrer Liebe versichert?

O ja, ja!

Aber hren Sie, Frst, um Gotteswillen, was reden Sie, besinnen Sie
sich!

Ich kann ohne Aglaja ... ich mu sie unbedingt sehen, ich mu sie
sprechen! Ich ... ich werde bald sterben ... im Schlaf, ich glaubte
schon, da ich in dieser Nacht im Schlaf sterben wrde. Oh, wenn Aglaja
wte, wenn sie alles wte ... aber unbedingt alles! Denn hier mu man
unbedingt alles wissen, das ist die erste Bedingung! Weshalb knnen wir
nie _alles_ vom anderen erfahren, wenn es doch so ntig ist -- und wenn
noch der andere schuld ist! Ich ... brigens wei ich selbst nicht, was
ich rede, ich bin ganz wirr ... Sie haben mich so erschttert ... Sollte
sie jetzt wirklich noch solch ein Gesicht haben, wie damals, als sie
hinauslief? O ja, ich bin schuld! Am wahrscheinlichsten ist, da ich
allein an allem schuld bin. Ich wei zwar noch nicht genau, worin meine
Schuld besteht ... Hier ist etwas, das ich Ihnen nicht erklren kann,
Jewgenij Pawlowitsch, ich habe keine Worte und verstehe nicht zu
sprechen, aber ... Aglaja Iwanowna wird alles verstehen! Oh, ich habe
immer daran geglaubt, da sie alles verstehen wird!

Nein, Frst, sie wird Sie nicht verstehen. Aglaja Iwanowna liebte Sie,
wie ein Weib, wie ein Mensch liebt, und nicht wie ein ... abstrakter
Geist. Wissen Sie was, mein armer Frst: am wahrscheinlichsten ist, da
Sie weder die eine noch die andere jemals geliebt haben.

Ich wei nicht ... vielleicht ... vielleicht haben Sie in vielem recht,
Jewgenij Pawlowitsch. Sie sind ein sehr kluger Mensch, Jewgenij
Pawlowitsch. Oh, mein Kopf fngt wieder an zu schmerzen! Gehen wir zu
ihr! Um Gotteswillen, um Gotteswillen!

Aber ich habe Ihnen doch gesagt, da sie nicht in Pawlowsk ist, sie ist
in Kolmino!

Fahren wir dann nach Kolmino, fahren wir sofort!

Das ist un--mglich! sagte Jewgenij Pawlowitsch langsam, und er erhob
sich von seinem Platz.

Hren Sie, ich werde ihr einen Brief schreiben, bringen Sie ihn hin!

Nein, Frst, nein! Verschonen Sie mich mit solchen Auftrgen, ich kann
nicht!

Sie schieden: Jewgenij Pawlowitsch verlie ihn mit einer festen
berzeugung: seiner Ansicht nach war der Frst nicht bei vollem
Verstande.

Und was hat dieses _Gesicht_ zu bedeuten, das er so frchtet und
gleichzeitig so liebt? fragte er sich verwundert. Und dabei wird er
vielleicht doch noch sterben ohne Aglaja, so da sie vielleicht nie
erfahren wird, wie sehr er sie liebt! Haha! Und wie kann er nur zwei auf
einmal lieben? Mit irgendwelchen zwei verschiedenen Arten von Liebe
etwa? Das ist interessant ... Armer Idiot! Was aus ihm jetzt wohl noch
werden wird?


                                   X.

Indessen starb der Frst weder im Traum noch in der Wirklichkeit. Es ist
mglich, da er in dieser Zeit schlecht schlief und schlechte Trume
hatte. Doch am Tage und unter Menschen war er immer freundlich und
schien sogar zufrieden zu sein. Nur bisweilen war er ganz in Gedanken
versunken, doch geschah das gewhnlich nur dann, wenn er allein in
seinem Zimmer sa. Die Vorbereitungen zur Hochzeit, die etwa eine Woche
nach dem Besuch Jewgenij Pawlowitschs stattfinden sollte, wurden eifrig
und eilig betrieben. Angesichts dieser Eile aber muten wohl selbst die
besten Freunde des Frsten, falls es solche berhaupt noch gab, ihre
Bemhungen, den unglcklichen Sonderling zu retten, aufgeben. Es ging
das Gercht, da Jewgenij Pawlowitsch zum Teil auch vom General Iwan
Fedorowitsch und dessen Gattin Lisaweta Prokofjewna zu diesem Besuch
beim Frsten veranlat worden war. Aber selbst wenn diese beiden in
ihrer groen Herzensgte den armen Jungen von jenem Abgrunde htten
zurckhalten wollen, in den er sich hinabzustrzen im Begriff war, so
muten sie sich doch mit diesem einen schwachen Versuch begngen: die
Rcksicht auf ihre Stellung wrde ihnen schwerlich ernstliche Bemhungen
erlaubt haben, auch wenn ihr verwundetes Elternherz die Krnkung ganz
htte vergessen knnen, was wohl ausgeschlossen war. Wie bereits
erwhnt, hatte sich sogar Wjera Lebedewa von dem Frsten abgewandt, wenn
auch nicht so sehr aus rger, als aus Kummer ber ihn, was sich freilich
nur darin ausdrckte, da sie, wenn sie allein war, still ber ihn
weinte und seltener in seiner Wohnung erschien. Kolj verlor in dieser
Zeit seinen Vater: der alte General starb an einem zweiten Schlaganfall,
acht Tage nach dem ersten. Der Frst nahm groen Anteil an dem Leide,
das Nina Alexandrowna betroffen hatte. In den ersten Tagen verbrachte er
mehrere Stunden bei ihr und wohnte sowohl dem Begrbnis wie der
Totenmesse bei. Es fiel allgemein auf, da das Publikum in der Kirche
beim Eintritt des Frsten unwillig flsterte, und ebenso, als er die
Kirche verlie. Dasselbe geschah jetzt auch auf der Strae, im Park, und
wo er sich nur zeigte: wenn er vorberging oder -fuhr, steckte man
sofort die Kpfe zusammen, um zu tuscheln und mit dem Finger nach ihm zu
weisen. Man nannte dann seinen Namen, sowie den Nastassja Filippownas.
In der Kirche suchte man sie brigens in seiner Nhe, doch war sie nicht
erschienen. Desgleichen schaute man vergeblich nach der Kapitanscha aus,
der Freundin des Verstorbenen, doch Lebedeff hatte sie noch rechtzeitig
zurckdrngen und ihr einen anderen Standpunkt klarmachen knnen. Die
Totenmesse machte auf den Frsten einen ergreifenden, aber krankhaften
Eindruck. Auf Lebedeffs leise geflsterte Frage antwortete er ebenso
leise, da er zum erstenmal einer russischen Totenmesse beiwohne; in der
Kindheit sei er wohl einmal bei der Feier zugegen gewesen, und zwar in
einer Dorfkirche, doch entsinne er sich ihrer kaum noch.

Ja, das ist schon so ... und wenn man bedenkt, da das da im Sarge
derselbe Mensch ist, den wir noch vor kurzem unter uns gehabt haben --
wissen Sie noch, damals an Ihrem Geburtstage? flsterte Lebedeff dem
Frsten weiter zu. Doch -- wen suchen Sie?

N--ein, nichts, es schien mir nur so ...

Rogoshin vielleicht?

Ist er hier?

Jawohl, in der Kirche.

Deshalb ... es war mir, als htte ich seine Augen gesehen, murmelte
der Frst verwirrt. Aber wie ... wie kommt er hierher? Hat man ihn
eingeladen?

Nicht gedacht daran! Er ist doch kein Bekannter der Familie. Hier sind
aber alle mglichen Leute, eben Publikum. Weshalb wundert Sie das? Ich
begegne ihm jetzt sehr oft: in der letzten Woche habe ich ihn etwa
viermal hier in Pawlowsk gesehen.

Ich habe ihn noch kein einziges Mal gesehen ... seit jenem Tage,
murmelte der Frst.

Auch Nastassja Filippowna hatte ihm noch kein einziges Mal gesagt, da
sie Rogoshin nach jenem Tage gesehen htte. Der Frst schlo daraus,
da Rogoshin sich ihnen absichtlich nicht zeigen wollte. Von dem Tag und
Augenblick an, da er Rogoshin gesehen, war der Frst in Gedanken
versunken. Nastassja Filippowna war dagegen von diesem Tage und Abend an
ausnehmend lustig. --

Kolj, der sich mit dem Frsten schon vor dem Tode seines Vaters wieder
ausgeshnt hatte, war es gewesen, der diesem -- zumal die Sache so eilig
war -- Keller und Burdowskij als Trauzeugen vorgeschlagen hatte. Er
brgte fr Keller, da dieser sich anstndig auffhren wrde:
eventuell kme er sogar zustatten. Burdowskij aber sei ein stiller,
bescheidener Mensch, der seine Aufgabe auch gut erledigen wrde. Nina
Alexandrowna und Lebedeff machten zwar den Frsten darauf aufmerksam --
da nun die Hochzeit einmal beschlossen und auch der Tag bereits
festgesetzt war --, da es schlielich nicht notwendig sei, sich gerade
in Pawlowsk und noch mitten im Sommer und so ffentlich trauen zu
lassen. Und sie warfen die Frage auf, ob da nicht Petersburg vorzuziehen
sei -- und vielleicht sogar eine Trauung im Hause? Der Frst erriet
natrlich ihre Befrchtungen, antwortete jedoch nur kurz und einfach,
da es der ausdrckliche Wunsch Nastassja Filippownas sei, in Pawlowsk
und ffentlich getraut zu werden.

Am Tage darauf erschien Keller beim Frsten. Er war bereits davon
benachrichtigt, da der Frst ihn zum Trauzeugen gewhlt hatte. Bevor er
jedoch eintrat, blieb er stramm auf der Trschwelle stehen. Als er dann
den Frsten erblickte, erhob er die rechte Hand, drei Finger aufrecht,
wie zum Schwur, und sagte, als leiste er einen Eid:

Keinen Tropfen!

Darauf trat er militrisch auf den Frsten zu, drckte und schttelte
ihm kraftvoll beide Hnde und erklrte, da er zuerst, als er von dieser
Heirat erfahren, ihr natrlich feindlich gegenbergestanden, was er auch
beim Billardspiel offen erklrt habe, beides aber aus keinem anderen
Grund als dem einen, da er als aufrichtiger Freund den Frsten tglich
mit keiner anderen verlobt zu sehen gewnscht habe, als mit einer
Prinzessin; jetzt aber sehe er ein, da der Frst zum allermindesten
zwlfmal edler denke, als er und die brigen allesamt! Denn er, der
Frst, bedrfe nicht des Glanzes und Reichtums und nicht einmal der
Ehren, sondern einzig -- der Wahrheit! Die Grnde der Sympathien
Hochgestellter seien nur zu bekannt, der Frst aber stehe allein schon
infolge seiner Bildung hher als alle Hochgestellten, im allgemeinen
gesprochen. Doch der Pbel urteilt anders! fuhr er fort. In ganz
Pawlowsk sei von nichts anderem die Rede, als von dieser bevorstehenden
Hochzeit. Ja, man wolle sogar in der ersten Nacht eine Katzenmusik unter
seinen Fenstern machen usw. usw. Und wenn der Frst der Pistole eines
Verteidigers bedrfe, so sei er, Keller, sofort bereit, ein halbes
Dutzend Kugeln in die Menge zu feuern, oder ebenso vielen seine Brust zu
bieten. Ferner habe er Lebedeff den Rat erteilt, auf dem Hofe seiner
Datsche eine Feuerspritze in Bereitschaft zu halten, um bei der Rckkehr
aus der Kirche die Volksmenge in Respekt zu halten, doch Lebedeff habe
sich dem widersetzt. Gott soll mich davor bewahren, habe er gesagt,
dann bliebe von meinem ganzen Hause kein Splitter mehr brig.

Aber dieser Lebedeff intrigiert gegen Sie, bei Gott, Frst! beteuerte
Keller. Er will Sie unter Vormundschaft stellen -- knnen Sie sich das
vorstellen? -- und nicht nur Sie allein, sondern auch Ihren freien
Willen und Ihr Geld -- also Sie mitsamt den zwei wichtigsten Dingen, die
einen jeden von uns von den Vierflern unterscheiden! Ich wei es ganz
genau! Wahrhaftig! Es ist so!

Der Frst entsann sich, auch selbst schon etwas hnliches gehrt zu
haben, doch hatte er es natrlich nicht weiter beachtet. Auch ber
Kellers Mitteilung lachte er nur und verga sie sogleich wieder.
Lebedeff hatte sich eine Zeitlang tatschlich mit diesem Gedanken
getragen. Die Plne dieses Menschen entstanden immer irgendwie auf
hhere Eingebung -- aus reinster Begeisterung, wie er selbst
behauptete --, doch sein bereifer verkomplizierte sie sogleich, worauf
sie sich dann immer mehr verzweigten und von dem Ausgangspunkt in alle
nur mglichen Richtungen sich entfernten. Deshalb gelang ihm auch selten
etwas Greres im Leben. Als er dann spter, am Tage vor der Hochzeit,
zum Frsten kam -- er hatte die Angewohnheit, stets zu denjenigen
gleichsam zur Beichte zu gehen, gegen die er intrigiert hatte,
namentlich wenn ihm die Intrige milungen war --, erklrte er ihm, da
er zweifellos zu einem Talleyrand geboren sei, selbst sich aber nicht zu
erklren vermge, warum er blo ein Lebedeff geblieben sei. Darauf
deckte er ihm seine ganze Intrige auf, die den Frsten natrlich sehr
interessierte. Nach seinen Worten hatte er damit begonnen, da er sich
die Protektion hochgestellter Personen zu sichern gesucht, auf die er
sich im Notfall htte sttzen knnen. So war er zuerst zum General
Jepantschin gegangen. Dieser sei sehr verwundert gewesen, habe dem
jungen Manne alles Gute gewnscht, jedoch kategorisch erklrt, da er,
so sehr er ihn auch zu retten wnschte, sich ein Einmischen in die
Angelegenheiten des Frsten aus wohl recht begreiflichen Grnden nicht
erlauben knne. Lisaweta Prokofjewna aber habe ihn weder anhren noch
sehen wollen, und Jewgenij Pawlowitsch wie auch Frst Sch. htten nur
mit den Hnden abgewinkt. Dessenungeachtet habe er, Lebedeff, den Mut
jedoch nicht sinken lassen und sich zu einem Juristen _comme il faut_
und ehrenwerten Greise -- seinem groen Freunde und fast sogar Wohltter
-- begeben, um sich mit diesem zu beraten. Dieser habe die Sache fr
durchaus durchfhrbar erklrt, wofern er kompetente Zeugen fr die
geistige Unzurechnungsfhigkeit des Frsten oder dessen Wahnsinn
aufstellen knne -- doch die Hauptsache bliebe nichtsdestoweniger die
hhere Protektion. Lebedeff hatte hierauf einen Arzt -- einen bejahrten
Herrn mit dem Annenorden auf der Brust, der gleichfalls in Pawlowsk
seine Datsche besa -- einzig zu dem Zweck, um vorlufig, ganz harmlos
und freundschaftlich, einmal zu sondieren, zum Frsten gebracht, mit
der Bitte, ihm nachher unter vier Augen sein rztliches Urteil zu sagen.
Der Frst entsann sich noch sehr gut dieses Besuchs: Lebedeff hatte ihm
am Abend vorher hoch und heilig versichert, da er krank sei und eine
Arznei einnehmen msse, doch der Frst war dazu nicht zu bewegen
gewesen. Da war Lebedeff am nchsten Morgen mit besagtem Arzt beim
Frsten erschienen, unter dem Vorwande, da der Herr Doktor, mit dem er
soeben bei Hippolyt Terentjeff gewesen, dem Frsten ber den Zustand des
Kranken einiges mitteilen wolle. Der Frst hatte Lebedeff seinen Dank
ausgesprochen und den Arzt sehr freundlich empfangen. Der Arzt hatte ihn
gebeten, ihm jenen Selbstmordversuch Hippolyts ausfhrlicher zu
schildern, und der Frst hatte ihn durch seine Wiedergabe ungemein zu
interessieren gewut. Darauf war das Gesprch auf das Petersburger Klima
bergegangen, dann hatten sie von der Krankheit des Frsten gesprochen,
ber die Schweiz und den Professor Schneider. Der Frst hatte ihm
Schneiders Heilmethode erklrt und das Interesse des Arztes in solchem
Mae gefesselt, da dieser ganze zwei Stunden bei ihm geblieben war. Bei
der Gelegenheit hatte er die wundervollen Zigarren geraucht, die ihm der
Frst angeboten, und den vorzglichen Likr getrunken, den Wjera
Lebedewa gebracht hatte, wofr er ihr, obgleich er ein lterer
verheirateter Mann und Familienvater war, ganz besondere Komplimente
gesagt, so da Wjera tief emprt hinausgegangen war. Vom Frsten hatte
er sich in der freundschaftlichsten Weise verabschiedet, um darauf
Lebedeff unter vier Augen zu fragen, wen man denn zu Vormndern whlen
sollte, wenn man solche Leute, wie den Frsten, unter Vormundschaft
stellen wollte. Auf Lebedeffs geradezu tragische Darstellung des
Bevorstehenden, hatte der Arzt nur lchelnd gemeint, da noch ganz
andere Damen geheiratet wrden, da Nastassja Filippowna, wenigstens
soviel er gehrt habe, eine berckende Schnheit sei, was allein schon
als Erklrung gengen wrde: auerdem besitze sie aber auch noch Geld
von Tozkij und Rogoshin, besitze Perlen und Brillanten, kostbare Mbel
und Teppiche und Kunstwerke ... deshalb beweise diese Wahl des Frsten
nicht etwa Dummheit oder Wahnsinn, sondern sogar einen sehr praktischen
Sinn und offenen Kopf, weshalb er, der Arzt, das gewnschte Attest nicht
ausstellen knne ... Und damit war er weggegangen. Lebedeff aber war
ganz verdutzt zurckgeblieben, bis er sich dann gesammelt und mit dem
Finger vor die Stirn getippt hatte -- denn das war ein Gedanke,
erzhlte er dem Frsten, jetzt aber, fuhr er fort, jetzt aber werden
Sie auer innigster Ergebenheit und aufrichtigster Bereitwilligkeit zu
jedem Opfer nichts anderes von mir erfahren, dessen versichere ich Sie
-- sintemal es der Zweck meines Besuchs war, Sie dessen zu versichern.

Auch Hippolyt hatte den Frsten in diesen letzten Tagen durch seine
hufigen Aufforderungen, ihn zu besuchen, vom einsamen Grbeln
abgelenkt. Die Kapitanscha hatte mit ihren brigen drei Kindern
gleichfalls Petersburg verlassen und in Pawlowsk ein kleines Huschen
gemietet, wo sie nun wieder alle zusammen lebten. Hippolyts kleine
Geschwister flchteten vor dem tyrannischen Bruder in den Garten, und so
konnte er ihnen nichts anhaben; dafr aber war die arme Kapitanscha ihm
vollkommen preisgegeben und wurde natrlich sehr durch seine Launen
geqult. Der Frst mute ewig den Friedensrichter spielen, wofr ihn
Hippolyt seine Kinderfrau nannte, was ein Ausdruck seiner dankbaren
Anerkennung sein sollte; doch gleichzeitig schien er es vor sich selbst
nicht zu wagen, ihn wegen dieser Rolle des Friedensstifters -- nun,
sagen wir, nicht zu verachten. ber Kolj war er einfach emprt, weil
dieser sich fast gar nicht bei ihm zeigte. Auf die Einwendungen des
Frsten, da es doch nur natrlich sei, wenn er bei seinem sterbenden
Vater, und nach dessen Tode bei seiner verwitweten Mutter bliebe,
entgegnete Hippolyt nichts, doch sah man es ihm an, da er diese
Erklrungen nicht gelten lassen wollte. Endlich whlte der Kranke zur
Zielscheibe seines Spottes die bevorstehende Hochzeit des Frsten und
verletzte und beleidigte ihn so lange, bis dieser schlielich seine
Geduld verlor und bei sich beschlo, ihn nicht mehr zu besuchen. Doch
schon am zweiten Tage erschien die Kapitanscha in Trnen aufgelst beim
Frsten und bat ihn flehentlich, doch wieder hinzukommen, da ihr Sohn
sie sonst noch umbringen wrde. Sie fgte hinzu, da er ihm ein groes
Geheimnis mitzuteilen habe. Der Frst ging. Hippolyt wnschte, sich mit
ihm zu vershnen und vergo Trnen, nach den Trnen aber rgerte er sich
sogleich wieder ber den Frsten, nur wagte er diesmal nicht, seinen
rger offen zu zeigen. Sein Zustand war sehr schlecht: alle Symptome
deuteten darauf hin, da er jetzt bald sterben wrde. Ein groes
Geheimnis hatte er nicht mitzuteilen: alles, was er zu sagen hatte,
waren vor Aufregung -- einer vielleicht knstlich vorgetuschten
Aufregung -- geradezu atemlose, strmische, drngende Bitten, sich vor
Rogoshin in acht zu nehmen.

Dieser Mensch ist nicht so einer, der sich das Seinige nehmen lt! Der
ist nicht von unserer Sorte, Frst! Wenn der etwas will, dann wird er
vor nichts mehr zurckschrecken! usw. usw.

Der Frst bat ihn um nhere Erklrungen, bat um Beweise, Anhaltspunkte,
doch Hippolyt konnte ihm hierauf nichts anderes sagen, als da es seine
persnlichen Empfindungen und Eindrcke wren. Zu seiner groen
Genugtuung gelang es ihm zum Schlu, den Frsten unsglich zu
erschrecken. Zuerst hatte der Frst auf einzelne seiner Fragen nicht
antworten wollen und ber den Rat, so schnell wie mglich ins Ausland zu
fliehen und sich dort irgendwo von einem russischen Geistlichen trauen
zu lassen, nur gelchelt. Darber hatte sich Hippolyt dann gergert.

Ich frchte ja doch nur fr Aglaja Iwanowna! hatte er gesagt.
Rogoshin wei ganz genau, wie sehr Sie sie lieben. Also Liebe gegen
Liebe: Sie haben ihm Nastassja Filippowna genommen -- dafr wird er
Aglaja Iwanowna ermorden, denn wenn sie jetzt auch nicht Ihnen gehrt,
so wre es fr Sie doch ein schwerer Schlag, nicht wahr?

Und damit hatte er endlich sein Ziel erreicht: der Frst war wie halb
wahnsinnig von ihm fortgegangen.

Das war am Abend vor der Hochzeit gewesen. Der Frst begab sich zu
Nastassja Filippowna, doch auch sie war nicht imstande, ihn zu beruhigen
-- im Gegenteil: in der letzten Zeit hatte sie seine innere Unruhe nur
vergrert. Frher, d. h. zu Anfang ihrer Brautschaft und noch vor ein
paar Tagen, hatte sie, wenn er bei ihr war, sich geradezu krampfhaft
angestrengt, ihn mit allem mglichen zu erheitern, da die Traurigkeit in
seinen Augen sie entsetzlich qulte. Sie hatte sogar versucht, ihm
Lieder vorzusingen, um ihn zu zerstreuen -- doch am hufigsten erzhlte
sie ihm heitere Geschichten und alles, was ihr nur Spaiges einfiel. Der
Frst tat dann immer, als lache er aufrichtig, bisweilen aber mute er
auch wirklich lachen ber ihre amsante Art zu erzhlen, wenn sie sich
hinreien lie -- und sie lie sich oft hinreien. -- Dann freute er
sich ber ihre Beobachtungsgabe und ihren guten und geistreichen Humor.
Wenn sie ihn dann lachen sah und merkte, da ihre Erzhlung ihm gefallen
hatte, war sie immer ganz begeistert und ganz stolz. Doch je nher dann
der Hochzeitstag heranrckte, um so nachdenklicher und dsterer wurde
ihr Gesicht, das dem Frsten fast mit jeder Stunde trauriger erschien.
Wenn er nicht seine bestimmte Meinung ber sie gehabt htte, wre ihm
jetzt wohl alles an ihr rtselhaft und unheimlich erschienen, doch so
glaubte er unerschtterlich daran, da sie noch auferstehen knne. Er
hatte Jewgenij Pawlowitsch die Wahrheit gesagt: da er sie aufrichtig
liebe. Doch seine Liebe zu ihr war wie die Liebe zu einem armen kranken
Kinde, das man unmglich ganz verlassen kann. Er erklrte niemandem die
Gefhle, die er fr sie empfand, auch ihr nicht. berhaupt sprachen sie
beide nie von Gefhlen, ganz als htten sie sich gegenseitig
geschworen, ber diesen Punkt zu schweigen. An ihrer gewhnlichen
Unterhaltung, die heiter und lebhaft war, konnte ein jeder teilnehmen.
Wie Darja Alexejewna spter erzhlte, hatte sie ihre wahre Freude an
ihnen gehabt und sich nicht sattsehen knnen an ihnen.

Die Auffassung, die der Frst von Nastassja Filippownas seelischem und
geistigem Zustande hatte, bewahrte ihn zum Teil auch vor vielen sonst
sehr leicht mglichen Miverstndnissen. Er sah jetzt ein ganz anderes
Weib vor sich, als jenes, das er vor drei Monaten gekannt hatte. Deshalb
dachte er jetzt auch nicht mehr darber nach, weshalb sie damals kurz
vor der Trauung mit ihm, nach Trnen, Verwnschungen und Vorwrfen,
davongelaufen war. Also frchtet sie jetzt nicht mehr, da ich durch
diese Heirat unglcklich werden knnte, dachte der Frst. Ein so
pltzlicher Glaube an sich konnte aber seiner Meinung nach nicht
natrlich bei ihr sein. Und einzig auf ihren Ha gegen Aglaja konnte er
diesen Glauben doch auch nicht zurckfhren: Nastassja Filippownas
Gefhle waren tiefer, das wute er. Und auch nicht auf die Angst vor
Rogoshin? Nein! Unmglich! Alle diese Grnde konnten mglicherweise
einiges dazu beitragen, doch war es ihm vollkommen klar, da hier gerade
das vor sich ging, was er schon lange geahnt und was ihre arme kranke
Seele nicht ertragen hatte. Diese Erkenntnis aber konnte ihm, wenn sie
ihn auch vor Miverstndnissen bewahrte, keine Ruhe gewhren ... nicht
einmal aufatmen konnte er. Oft schien er sich zu bemhen, an nichts zu
denken. Die Ehe betrachtete er offenbar nur als irgendeine unwichtige
Formalitt; sein eigenes Schicksal aber schtzte er gar zu gering, um
darber nachzudenken. Was jedoch seine Antworten auf direkte Fragen, zum
Beispiel sein Gesprch mit Jewgenij Pawlowitsch betraf, so fhlte er
sich in diesen Fragen vollkommen unkompetent, und deshalb vermied er
auch alle hnlichen Gesprche.

Er hatte brigens bemerkt, da Nastassja Filippowna sehr gut begriff,
was Aglaja fr ihn war. Sie sprach nur nicht davon, aber er erriet es
aus ihrem Blick, wenn sie sah, da er aufbrach, um wieder zu
Jepantschins zu gehen. Als diese dann Pawlowsk verlieen, atmete sie
geradezu wie erlst auf. Wie harmlos der Frst aber auch sonst sein
mochte, in diesem Fall hatte ihn doch der Gedanke beunruhigt, Nastassja
Filippowna knnte sich zu irgendeinem Skandal entschlieen, um Aglaja
einen weiteren Aufenthalt in Pawlowsk unmglich zu machen. Wurde doch
das Gerede ber die bevorstehende Hochzeit zum Teil von Nastassja
Filippowna mit Absicht geschrt, um ihre Rivalin zu reizen und zu
krnken. Da nun Jepantschins nach dem Ereignis weder im Park noch
sonstwo anzutreffen waren, hatte Nastassja Filippowna beschlossen,
einmal, wenn sie mit dem Frsten spazierenfuhr, an der Villa Jepantschin
vorberzufahren. Der Frst bemerkte es, wie gewhnlich, erst dann, als
es nicht mehr zu ndern war und der Wagen die Villa bereits erreicht
hatte. Er erschrak und erbleichte: er sagte kein Wort, war aber dann
zwei Tage krank. Seitdem wiederholte Nastassja Filippowna so etwas nicht
mehr. In den letzten Tagen vor der Hochzeit fiel es ihm auf, da sie oft
wie in Gedanken versunken dasa, wenn sie sich auch immer wieder
zusammennahm, die Trbsal verscheuchte und wieder heiter wurde; aber
diese Heiterkeit war dann doch stiller, gedmpfter, sie war nicht so
glckselig heiter, wie frher -- vor noch so kurzer Zeit. Da verdoppelte
der Frst seine Aufmerksamkeit. Es wunderte ihn, da sie niemals von
Rogoshin sprach. Nur ein einziges Mal, etwa fnf Tage vor der Hochzeit,
war pltzlich von Darja Alexejewna ein Bote bei ihm erschienen, mit der
Bitte, sogleich hinzukommen, da es mit Nastassja Filippowna sehr
schlecht stnde. Der Frst fand sie auch wirklich in einem so
bengstigenden Zustande vor, da er schon glaubte, sie sei jetzt
wirklich und vollkommen wahnsinnig geworden: sie schrie, zitterte und
beteuerte, Rogoshin sei im Garten oder habe sich im Hause versteckt --
und er werde sie in der Nacht umbringen ... ermorden! Den ganzen Tag
konnte sie sich nicht beruhigen. Doch zum Glck erfuhr der Frst am
Abend, als er auf einen Augenblick bei Hippolyt versprach, von der
Kapitanscha, die gerade aus Petersburg zurckgekommen war, da Rogoshin
bei ihr in ihrer Stadtwohnung gewesen sei und sich nach den Ereignissen
in Pawlowsk erkundigt habe. Auf die Frage des Frsten, wann sie mit ihm
gesprochen, nannte die Kapitanscha fast dieselbe Stunde, in der
Nastassja Filippowna ihn im Garten zu sehen gemeint hatte. Es war also
nur eine Halluzination gewesen. Nastassja Filippowna ging sogleich,
nachdem sie das erfahren hatte, selbst zur Kapitanscha, um sich von ihr
noch alles Nhere mitteilen zu lassen, und war dann ganz beruhigt.

Am Abend vor der Hochzeit verlie der Frst sie in bester Stimmung: aus
Petersburg waren von der Modistin die Toiletten angelangt, das
Brautkleid, der Kopfschmuck usw. usw. Der Frst hatte es eigentlich
nicht erwartet, da die Toiletten sie in einem solchen Mae
interessieren wrden. Er selbst lobte alles, was sie ihm zeigte, und
sein Lob machte sie noch glcklicher. Da verriet sie ihm pltzlich, da
sie ber die Emprung der Pawlowsker vollkommen unterrichtet war, ja sie
wute sogar -- sagte sie -- da einzelne Galgenstricke eine Katzenmusik,
Spottlieder und was nicht noch alles vorbereiteten und die brige
Gesellschaft es fast guthie. Nun, und da wollte sie denn jetzt den Kopf
noch hher erheben, wollte sie alle blenden durch die Schnheit ihres
Gewandes, ihren Geschmack und ihr Auftreten -- mgen sie dann doch
schreien und pfeifen, wenn sie es noch wagen! Und ihre Augen blitzten
bei diesen Worten. Im geheimen dachte sie aber noch an etwas anderes:
sie dachte, Aglaja wrde vielleicht irgend jemand hinschicken, um,
ungesehen von ihr, sie beobachten zu lassen, und Nastassja Filippowna
bereitete sich fr den Fall vor. Noch ganz mit diesen Gedanken
beschftigt, trennte sie sich gegen elf Uhr vom Frsten, den sie am
nchsten Tage nach altem russischen Brauch nicht frher als in der
Kirche wiedersehen sollte. Doch noch hatte es nicht Mitternacht
geschlagen, als wieder jemand von Darja Alexejewna zu ihm gelaufen kam:
er solle schnell hinkommen, es stehe sehr schlecht. Er fand seine Braut
im Schlafzimmer, in Trnen aufgelst, verzweifelt, rasend. Es verging
eine ganze Weile, bis sie berhaupt vernahm, was man hinter der
verschlossenen Tr zu ihr sprach; doch dann kam sie zur Tr, lie nur
den Frsten zu sich ins Zimmer, verschlo sogleich wieder die Tr und
warf sich ihm zu Fen. Wenigstens erzhlte so Darja Alexejewna, die
einiges gesehen und gehrt hatte.

Was tue ich! Was tue ich! Was bin ich im Begriff, mit dir zu tun!
stie sie verzweifelt hervor, indem sie krampfhaft seine Fe
umklammerte.

Der Frst verbrachte eine ganze Stunde bei ihr; was sie sprachen, wissen
wir nicht. Darja Alexejewna wute nur zu sagen, da sie sich nach einer
Stunde vershnt und glcklich getrennt hatten. Der Frst schickte in
dieser Nacht noch einmal zu Darja Alexejewna, um sich nach Nastassja
Filippownas Befinden zu erkundigen, und erhielt die Nachricht, da sie
beruhigt eingeschlafen sei. Am Morgen, noch bevor sie aufgewacht war,
erschienen wieder zwei Abgesandte vom Frsten, doch erst der dritte
konnte ihm mitteilen, da sie von einem ganzen Schwarm Menschen umgeben
sei: da seien Schneiderinnen, Zofen und Friseure, von der gestrigen
Stimmung aber wre keine Spur mehr vorhanden, die Toilette nehme sie
ganz in Anspruch, wie es bei einer solchen Schnheit anders ja auch gar
nicht mglich und zu erwarten sei, und augenblicklich fnde gerade eine
groe Beratung statt wegen des Schmucks, welche Brillanten oder Perlen
sie whlen sollte. Da war der Frst denn vollkommen beruhigt.

Die Trauung sollte um acht Uhr abends stattfinden. Nastassja Filippowna
war bereits um sieben mit ihrer Brauttoilette fertig. Schon um sechs Uhr
begannen sich allmhlich Neugierige vor der Villa Lebedeffs und vor dem
Hause Darja Alexejewnas anzusammeln und nach sieben begann sich auch die
Kirche zu fllen. Wjera Lebedewa und Kolj war um den Frsten
entsetzlich bange, sie hatten aber wenig Zeit, daran zu denken, denn es
gab fr sie im Hause viel zu tun: in der Villa des Frsten sollte
nmlich nach der Trauung das Diner eingenommen werden. Teilnehmer
sollten daran auer den Trauzeugen nur noch Ptizyns, Ganj, der Arzt mit
dem Annenorden und Darja Alexejewna sein. Als der Frst Lebedeff
verwundert fragte, weshalb er denn den Arzt eingeladen hatte, antwortete
dieser selbstzufrieden:

'n Orden! 'n ehrenwerter alter Mann! So 'was macht einen guten
Eindruck! Da mute der Frst lcheln.

Keller und Burdowskij sahen in Frack und weien Handschuhen sehr
anstndig aus. Nur flte Keller dem Frsten wie den anderen doch einige
Besorgnis ein durch seine offenkundige Neigung zum Faustkampf, denn die
Blicke, die er auf diese elenden Maulaffen warf, verrieten nichts
weniger als friedliche Gesinnung. Um halb acht begab sich der Frst in
einer geschlossenen Equipage zur Kirche. Es sei hier erwhnt, da es
sein ausdrcklicher Wunsch gewesen war, da alle blichen Formalitten
genau beobachtet werden sollten: alles sollte ffentlich, nach altem
Brauch wie es sich gehrt, geschehen. In der Kirche empfing ihn die
Menge mit lebhaftem Geflster und Gemurmel, das sich wie ein Lauffeuer
von Mund zu Mund fortsetzte. Unter Kellers Fhrung, der nach links und
rechts wieder drohende Blicke warf und ihm am Portal nur mit Mhe einen
Weg hatte bahnen knnen, begab sich der Frst zum Altarraum, der ihn den
Blicken der Neugierigen entzog. Keller fuhr hierauf zu Darja Alexejewna,
um die Braut abzuholen. Dort fand er vor dem Hause eine noch weit
lebhaftere Menge. Als er die Treppe emporstieg, vernahm er solche
Ausrufe und Bemerkungen, da er sich bereits zornig ans Publikum wandte,
um eine entsprechende Rede zu halten, doch zum Glck gelang es noch
Burdowskij und Darja Alexejewna, ihn ins Haus hineinzuziehen. Keller war
malos gereizt und drngte zur Eile. Nastassja Filippowna erhob sich,
warf noch einen Blick in den Spiegel, bemerkte mit verzogenem Lcheln,
wie Keller sich spter ausdrckte, da sie bleich wie eine Leiche sei,
verbeugte sich dann ehrfurchtsvoll vor dem Heiligenbilde und trat
hinaus.

Lautes Stimmengewirr begrte ihr Erscheinen auf der Treppe. Im ersten
Augenblick hrte man Gelchter. Einer klatschte in die Hnde. Es wurde
sogar gezischt und gepfiffen. Doch dann erschollen auch schon andere
Stimmen:

Satan, ist sie schn! rief jemand in der Menge.

Schn wohl, aber ...

Der Brautkranz deckt alles zu, Esel!

Da such' mir einer noch eine zweite solche! Teufel noch eins! Hurra!

Gttin! fr eine solche Frstin wrd' ich meine Seele auch verkaufen!
schrie ein begeisterter Kanzlist. >Preis meines Lebens -- die Liebe
dein!< ...

Nastassja Filippowna trat allerdings bleich wie eine Leiche auf die
Treppe; doch in ihren groen schwarzen Augen glhte ein unheimliches
Feuer, und diesem Blick hielt die Menge nicht stand: in einer Sekunde
schlug der Hohn in Begeisterung um. Keller ri den Wagenschlag auf und
wandte sich bereits zu ihr, um ihr die Hand zu reichen und beim
Einsteigen behilflich zu sein, doch da -- schrie sie pltzlich auf und
strzte sich hinein in die gaffende Volksmenge. Keller erstarrte vor
Schreck, das Volk wich fast entsetzt zurck vor ihr ... pltzlich, keine
sechs Schritt von der Treppe, stand Rogoshin. Nastassja Filippowna hatte
seinen Blick gefhlt und gefunden und wie eine Wahnsinnige war sie auf
ihn zugestrzt und hatte seine Hnde umklammert.

Rette mich! Bring' mich fort! Wohin du willst, nur schnell!

Rogoshin griff sie auf, fast trug er sie, und ehe man sich's versah,
hatte er sie in die Equipage gehoben. Und schon im nchsten Augenblick
hielt er dem Kutscher eine Hundertrubelnote hin.

Zum Bahnhof, erreichst du den nchsten Zug nach Petersburg, dann noch
hundert!

Und schon sa er in der Equipage und zog den Wagenschlag zu. Der
Kutscher zgerte keinen Augenblick: er hieb einmal mit der Peitsche und
die Pferde bumten sich und rasten davon. Keller schob spter alle
Schuld auf die Pltzlichkeit, die vollkommene berraschung: Noch
eine Sekunde -- und ich htte mich besonnen, htte es nicht zugelassen!
versicherte er jedesmal, wenn er das Ereignis schilderte. Er und
Burdowskij sprangen zwar sogleich in die nchste Equipage, die vor dem
Hause hielt, und jagten ihnen nach, doch noch unterwegs bedachte sich
Keller eines anderen und meinte: Wir kommen trotzdem zu spt! Und mit
Gewalt knnen wir sie doch nicht zurckbringen!

Und der Frst wird es auch nicht wollen! hatte der ganz erschtterte
Burdowskij dazu gemeint.

Rogoshin und Nastassja Filippowna waren in der Tat rechtzeitig auf dem
Bahnhof angelangt. Hier hatte Rogoshin beim Verlassen der Equipage
gerade noch Zeit gehabt, ein vorbergehendes Mdchen in einem alten
dunklen Mantel und einem Seidentchelchen um den Kopf aufzuhalten.

Da! fnfzig Rubel fr Ihren Mantel! und damit hatte er ihr das Geld
gereicht.

Bevor das Mdchen noch recht begriff, hatte ihr Rogoshin die
Fnfzigrubelnote schon in die Hand gedrckt, den Mantel und das Tuch
abgenommen und Nastassja Filippowna um die Schultern und ber den Kopf
geworfen. Ihre kostbare Brauttoilette htte sonst allgemeines Aufsehen
erregt. Das Mdchen aber sollte erst viel spter begreifen, weshalb man
den wertlosen alten Mantel von ihm gekauft und so viel fr ihn bezahlt
hatte.

Die Kunde von dem Geschehenen hatte mit unglaublicher Schnelligkeit die
Kirche erreicht. Als Keller sich zum Frsten in den Altarraum begab,
wurde er von vielen ihm ganz Unbekannten aufgehalten und mit Fragen
bestrmt. Man sprach laut durcheinander, schttelte die Kpfe, ja man
lachte sogar. Niemand wollte aber die Kirche verlassen, bevor man
gesehen hatte, wie der Brutigam die Nachricht aufnahm. Der Frst
erbleichte nur, als er sie vernahm, und sagte leise: Ich frchtete ...
aber ich htte doch nicht gedacht, da es so kommen wrde ... um dann
nach kurzem Schweigen hinzuzufgen: brigens ... in ihrem Zustande ...
war es ja gar nicht anders zu erwarten. Ein solches Verhalten setzte
Keller aufrichtig in Erstaunen; er nannte es: beispiellos
philosophisch! Der Frst verlie die Kirche anscheinend ganz ruhig und
gefat. Wenigstens wurde es von vielen Augenzeugen spter so erzhlt. Er
schien nur so schnell wie mglich nach Hause kommen und allein bleiben
zu wollen, doch ward ihm das nicht so bald vergnnt. Ptizyn, Gawrila
Ardalionytsch und der Arzt blieben bei ihm. Auerdem war die Villa
buchstblich belagert von einem Heer miger Menschen. Aus dem Zimmer
vernahm der Frst, da Lebedeff und Keller mit einigen vllig
unbekannten Leuten -- dem Aussehen nach waren es Subalternbeamte, die um
jeden Preis auf die Terrasse kommen wollten -- in heftigen Streit
geraten waren. Da begab sich der Frst zu ihnen, erkundigte sich nach
der Ursache des Streites, schob Lebedeff und Keller, die den Eingang
versperrten, mit einer Entschuldigung zur Seite und trat selbst hinaus,
um einen bereits bejahrten, grauhaarigen, untersetzten Herrn, der auf
den Stufen an der Spitze der anderen stand, hflich zum Nhertreten
aufzufordern. Der Herr wurde sehr verlegen, schien fast mehr Lust zum
Rckzuge zu haben, doch dann besann er sich eines anderen und trat ein.
Ihm folgte ein zweiter, ein dritter -- alles in allem sieben oder acht
Mann, die sich sehr bemhten, mglichst sicher aufzutreten. Weitere
Gste fanden sich nicht ein, und auch diese acht wurden von der Menge
alsbald und sogar ziemlich streng getadelt. Die Eingetretenen wurden vom
Frsten aufgefordert, Platz zu nehmen, man knpfte ein Gesprch an,
reichte ihnen Tee -- und alles das zu ihrer nicht geringen Verwunderung
mit ausgesuchter Hflichkeit und Freundlichkeit. Es wurden von den
Gsten allerdings ein paar Versuche gemacht, dem Gesprch eine
amsantere Wendung zu geben, es wurden einige vorwitzige Fragen gestellt
und einige zweideutige Bemerkungen gemacht. Doch der Frst antwortete
allen so einfach und freundlich, ohne sich dabei auch nur das geringste
zu vergeben, gab sich vielmehr mit so natrlicher Wrde und zeigte
gleichzeitig ein solches Vertrauen auf die Anstndigkeit seiner Gste,
da die unbescheidenen Fragen ganz von selbst aufhrten. Allmhlich kam
es sogar zu einer ernsten Unterhaltung ber ein nationalkonomisches
Thema, und einer der Herren schwor in hchstem Unwillen, da er nie im
Leben sein Gut verkaufen wrde, da er, im Gegenteil, zu warten und
auszuhalten gedenke: Unternehmungen sind besser als Geld -- sehen Sie,
das ist meine berzeugung! -- schlo er mit aufrichtigem Stolz und
nicht geringem Temperament. Da er sich mit seiner Erklrung an den
Frsten gewandt hatte, hie dieser seine Ansichten sehr vernnftig,
obgleich Lebedeff ihm kurz vorher zugeflstert hatte, da dieser Herr
weder einen Hof noch einen Halm besa, geschweige denn ein Gut. So
verging eine Stunde, der Tee war getrunken und den Gsten schlug nach
dem Tee doch ein wenig das Gewissen. Der Arzt und der untersetzte
Graukopf erhoben sich und verabschiedeten sich in der herzlichsten Weise
vom Frsten, und ihrem Beispiel folgten auch die anderen, die ihm alle
krftig die Hand schttelten. Bei der Gelegenheit wurden dann noch
gewisse Wnsche ausgesprochen, Ratschlge erteilt wie etwa: sich ber
geschehene Dinge nicht zu grmen, man knne nie wissen, wozu ein Unglck
gut sei, vielleicht wre es so noch viel besser, usw. usw. Als alle
gegangen waren, beugte sich Keller zu Lebedeff und sagte halblaut:

Sieh, wir beide htten geschimpft, gerauft, die Polizei uns auf den
Hals gezogen; er aber, sieh, hat sich nur neue Freunde gemacht, und noch
dazu was fr welche! Ich kenne sie!

Hierauf antwortete Lebedeff, der schon wieder ziemlich fertig war, mit
einem frommen Seufzer:

Ich habe es ja von jeher gesagt: >Den Weisen hat es der Herr verborgen,
um es den Kindlein zu offenbaren.< Das habe ich schon frher von ihm
gesagt, jetzt aber fge ich noch hinzu, da Gott der Herr auch das
Kindlein selbst bewahrt und vom Rande des Abgrundes zurckgezogen hat
... Gott der Herr selber und alle seine Heiligen -- jawohl ja! ...

Endlich, gegen halb elf, lie man den Frsten allein. Sein Kopf tat ihm
weh. Als letzter verlie ihn Kolj, der ihm noch behilflich war, die
Kleider zu wechseln. Sie nahmen herzlich Abschied voneinander -- Kolj
war geradezu rhrend. ber das Geschehene hatte er kein Wort gesprochen,
und beim Abschied nur gesagt, da er am nchsten Morgen in aller Frh'
wiederkommen wrde. Wie er spter aussagte, hatte ihm der Frst an
diesem Abend nichts ber seine weiteren Absichten mitgeteilt. Bald war
auf der Datsche alles still: Burdowskij war zu Hippolyt gegangen,
Lebedeff und Keller hatten sich gleichfalls irgendwohin fortbegeben. Nur
Wjera Lebedewa blieb noch in den Zimmern des Frsten, um einiges
flchtig in Ordnung zu bringen und ihnen wieder ihr gewhnliches
Aussehen zu verleihen. Bevor sie fortging, warf sie noch einen Blick in
das Zimmer, in dem sich der Frst befand. Er sa am Tisch, hatte die
Ellenbogen aufgesttzt und den Kopf in die Hnde vergraben. Da trat
Wjera an ihn heran und berhrte ihn an der Schulter: der Frst blickte
auf und sah sie eine Weile ganz verstndnislos an; doch als er dann
endlich alles begriff und erriet, erfate ihn pltzlich eine groe
Unruhe. Es endete brigens damit, da er Wjera dringend bat, ihn am
nchsten Morgen zeitig zu wecken, damit er noch den ersten Zug nach
Petersburg erreiche. Wjera versprach es. Da bat der Frst sie instndig,
keinem Menschen etwas davon zu sagen, was ihm Wjera gleichfalls
versprach. Als sie dann fortgehen wollte und bereits die Tr ffnete,
hielt er sie noch einmal auf, ergriff ihre Hnde, kte sie beide, kte
sie dann auch auf die Stirn und sagte mit einem an ihm ganz
ungewohnten Gesichtsausdruck: Auf morgen! So wenigstens erzhlte
spter Wjera. Sie verlie das Zimmer in groer Angst um ihn. Am Morgen
jedoch beruhigte sie sich etwas, als der Frst ihr, nachdem sie ihn um
acht Uhr durch Klopfen an seine Tr geweckt hatte, wie es ihr schien,
ganz munter und sogar lchelnd entgegentrat. Er hatte sich in der Nacht
kaum entkleidet, doch hatte er trotzdem geschlafen. Auf ihre Frage, wie
lange er fortbleiben wrde, meinte er, da er vielleicht noch an
demselben Tage zurckkommen werde. So hatte er denn nur ihr allein
gesagt, da er sich in die Stadt begab.


                                  XI.

Eine Stunde spter war der Frst bereits in Petersburg, und um zehn Uhr
lutete er bei Rogoshin. Er war von der Strae durch den Haupteingang
des Hauses eingetreten und die breite Treppe hinaufgestiegen -- doch in
der Wohnung Rogoshins blieb alles still. Endlich ffnete sich die
gegenberliegende Tr, die zur Wohnung der Mutter Rogoshins fhrte, und
eine alte peinlich saubere Dienerin blickte in den Treppenflur.

Parfen Ssemjonytsch ist nicht zu Hause, meldete sie. Wen wnschen Sie
zu sprechen?

Parfen Ssemjonytsch.

Der ist nicht zu Hause.

Die Dienerin betrachtete den Frsten neugierig und mit prfendem
Mitrauen.

Sagen Sie mir dann wenigstens, ob er hier bernachtet hat? Und ... kam
er gestern allein nach Hause?

Die Dienerin fuhr fort, ihn zu betrachten, und antwortete nichts.

War nicht gestern ... gestern abend ... Nastassja Filippowna mit ihm
hier?

Erlauben Sie, zu fragen, wer geruhen Sie denn selbst zu sein?

Frst Lew Nikolajewitsch Myschkin, wir sind gut bekannt miteinander.

Er ist nicht zu Hause.

Die Dienerin senkte den Blick.

Aber Nastassja Filippowna?

Ich wei nichts von ihr.

Warten Sie, warten Sie doch! Wann wird er denn zurckkommen?

Auch das wei ich nicht.

Und damit schlo sich die Tr.

Der Frst nahm sich vor, nach einer Stunde wiederzukommen. Auf der
Strae erblickte er im Vorbergehen am Hoftor den Hausknecht.

Ist Parfen Ssemjonytsch zu Hause? fragte er ihn.

Jawohl, Euer Gnaden.

Wie hat man mir denn soeben sagen knnen, da er nicht zu Hause sei?

Hat man das bei ihm oben gesagt?

Nein, die Dienerin seiner Mutter sagte es. Aber ich habe bei Parfen
Ssemjonytsch vergeblich gelutet, es hat mir niemand aufgemacht.

Kann auch sein, da er ausgegangen ist, meinte der Hausknecht nach
kurzem Nachdenken, man kann ja nie wissen, er sagt nicht immer, wann er
kommt und geht. Manchmal nimmt er auch den Schlssel mit und drei Tage
lang steht seine Wohnung verschlossen.

Weit du genau, da er gestern zu Hause war?

Gestern war er. Aber manchmal kommt er durch die Paradetr herein, da
sieht man ihn dann nicht.

Aber weit du nicht, ob Nastassja Filippowna gestern bei ihm war?

Das wei ich nicht. Die geruht nicht oft zu kommen. Ich denke aber,
wenn sie gekommen wre, htt' ich's wohl gesehen.

Der Frst trat aus dem Hoftor wieder auf die Strae und ging eine Weile
in Gedanken versunken auf dem Trottoir. Die Fenster waren alle
geschlossen, whrend die Fenster der Wohnung seiner Mutter fast alle
weit offen standen. Es war ein heller, heier Tag. Der Frst ging ber
die Strae auf das andere Trottoir und blieb dort gegenber dem Hause
stehen, um noch einmal zu Rogoshins Fenstern hinaufzuschauen: sie waren
nicht nur alle geschlossen, auch die weien Stores waren berall
heruntergelassen.

Der Frst stand eine Weile unbeweglich und sah hinauf, und -- seltsam!
pltzlich schien es ihm, da ein Vorhang ein wenig zur Seite geschoben
wurde und Rogoshins Gesicht durch den schmalen Spalt auf die Strae sah
... doch im selben Augenblick auch schon wieder verschwand. Er wartete
noch ein wenig und beschlo bereits, noch einmal hinzugehen und zu
luten, besann sich dann aber eines anderen und schob es auf: nach einer
Stunde wollte er wiederkommen. Und wer wei, dachte er, vielleicht
hat es mir auch nur so geschienen ...

Seine erste Sorge war jetzt, schnell nach dem Ismailowskij Polk zu
gelangen, in den Stadtteil, wo Nastassja Filippowna zuletzt gewohnt
hatte. Er wute, da sie, als sie vor etwa drei Wochen auf seinen Wunsch
oder seine Bitte hin Pawlowsk verlassen und nach Petersburg
zurckgekehrt war, im Ismailowskij Polk bei ihrer ehemaligen guten
Bekannten, einer Lehrerswitwe -- es war das eine anstndige Dame mit
zahlreicher Familie, die fast nur vom Zimmervermieten lebte -- gewohnt
hatte. Er nahm an, da Nastassja Filippowna nach ihrer Rckkehr nach
Pawlowsk die gemieteten Zimmer nicht aufgegeben, und deshalb schien es
ihm sehr mglich, da Rogoshin sie gestern abend dorthin gebracht und
da sie daselbst bernachtet hatte. Um schneller hinzugelangen, nahm er
eine Droschke. Unterwegs kam ihm der Gedanke, da er ganz zuerst dorthin
htte gehen sollen, denn es war doch ganz ausgeschlossen, da sie in der
Nacht sofort zu Rogoshin gegangen wre. Zugleich fielen ihm auch die
Worte des Hausknechts ein, da Nastassja Filippowna nicht oft
hinzukommen geruht habe -- weshalb sollte sie dann gerade jetzt bei
Rogoshin abgestiegen sein?

Zu seiner grten Bestrzung hatte man aber bei der Lehrerswitwe seit
zwei Tagen nichts von Nastassja Filippowna gehrt. Er selbst wurde wie
ein Wunder angestaunt. Die ganze zahlreiche Familie der Lehrerswitwe --
lauter Mdchen, alle Jahrgnge, von fnfzehn bis auf sieben --
versammelte sich um die Mutter und starrte ihn mit offenen Mndern an.
Ihnen folgte noch eine hagere Tante mit einem gelben Gesicht, die ein
schwarzes Tuch um den Kopf gebunden hatte, und nach dieser erschien auch
noch die Gromutter der Familie, eine kleine Greisin mit einer riesigen
Brille. Die Lehrerswitwe bat den Frsten untertnig, doch nherzutreten
und Platz zu nehmen, was der Frst denn auch tat. Er erriet, da sie
bereits wuten, wer er war, und sich nicht wenig darber wunderten, von
ihm nach derjenigen gefragt zu werden, die doch seit gestern seine Frau
sein mute. Freilich wagten sie nicht, mit einer direkten Frage
herauszurcken. Er erzhlte in kurzen Worten, da die Trauung nicht
zustande gekommen war. Da ward dann die Verwunderung noch grer, und
der Frst sah sich gentigt, noch einige Erklrungen hinzuzufgen. Und
dann kamen die Ratschlge der aufgeregten Damen: zunchst sollte er
unbedingt Rogoshin aufsuchen -- falls er zu Hause war, so lange schellen
und klopfen, bis er die Tr aufmachte -- und von ihm sich alles ganz
genau erzhlen lassen. War er jedoch nicht zu Hause -- was zunchst mit
Sicherheit festgestellt werden mute --, oder falls er nichts mitteilen
wollte: so sollte der Frst sich nach dem Stadtteil Ssemjonowskij Polk
zu einer deutschen Dame begeben, einer Bekannten Nastassja Filippownas,
die bei ihrer Mutter lebte: vielleicht hatte sich Nastassja Filippowna
in ihrer Aufregung, und um nicht sogleich vom Frsten gefunden zu
werden, zu dieser begeben und dort die Nacht verbracht. Der Frst erhob
sich fast ohnmchtig; wie die Familie spter erzhlte, sei er
entsetzlich bleich gewesen. Und in der Tat -- die Fe trugen ihn kaum
noch, das Stimmengewirr erschien ihm noch einmal so laut, als es war, er
verstand fast kein Wort. Endlich begriff er, da man ihm behilflich sein
wollte und ihn fragte, wo er denn in der Stadt abgestiegen sei, damit
sie ihm, falls sie etwas erfahren sollten, Nachricht zukommen lassen
konnten. Er wute ihnen aber keine Adresse anzugeben. Da rieten sie ihm,
ein Hotel zu bestimmen. Der Frst dachte nach und gab dann die Adresse
jenes Gasthofes an, wo er vor etwa fnf Wochen abgestiegen war und wo er
den schweren Anfall gehabt hatte. Darauf begab er sich wieder zu
Rogoshin. Diesmal wurde ihm nicht nur bei Rogoshin nicht aufgemacht,
auch in der Wohnung der Mutter blieb alles still. Da ging der Frst zum
Hausknecht, den er erst nach langem Suchen auf dem Hof fand. Dieser war
mit irgend etwas beschftigt und antwortete kaum auf die Fragen, ja, er
sah den Frsten nicht einmal an, erklrte aber doch in bestimmtem Tone,
da Parfen Ssemjonytsch frh am Morgen ausgegangen und nach Pawlowsk
gefahren sei und heute nicht mehr nach Hause zurckkehren werde.

Ich werde warten, sagte der Frst. Vielleicht kommt er doch noch am
Abend zurck?

Kann sein, da er auch 'ne ganze Woche nicht kommt, wer kann's wissen.

Dann ist er aber doch in dieser Nacht zu Hause gewesen?

Gewesen ... was kann er nicht alles gewesen sein ...

Diese Antwort und das ganze Gebaren des Hausknechts erschienen dem
Frsten sehr verdchtig: der Mann schien in der Zwischenzeit besondere
Instruktionen erhalten zu haben: am Morgen war er harmlos-mitteilsam
gewesen und jetzt pltzlich wollte er ihn kaum anhren. Doch der Frst
beschlo, nach etwa zwei Stunden wiederzukommen und dann, wenn es ntig
sein sollte, vor dem Hause zu warten. Jetzt aber blieb ihm noch die eine
Hoffnung, Nastassja Filippowna bei der deutschen Dame anzutreffen, und
so fuhr er nach dem Ssemjonowskij Polk.

Doch bei der Deutschen begriff man berhaupt nicht, wie er dazu kam,
sich bei ihnen nach Nastassja Filippowna zu erkundigen. Die schne junge
Dame hatte sich, wie aus einzelnen Bemerkungen hervorging, bereits vor
zwei Wochen mit ihr vollkommen entzweit und besa nicht das geringste
Interesse mehr fr sie -- und wenn sie auch alle Frsten der Welt
heiraten sollte! Der Frst beeilte sich, aus dem Hause fortzukommen.
Unter anderem kam ihm auch der Gedanke, da sie vielleicht wie damals
nach Moskau gefahren war und Rogoshin natrlich ihr nach, oder sogar
zusammen mit ihr. Wenn man doch nur auf ihre Spur kommen knnte!
dachte er geqult. Da entsann er sich der Verabredung mit der
Lehrerswitwe, die ihm in den Gasthof an der Liteinaja Nachricht hatte
senden wollen, und er beeilte sich sogleich, hinzugehen, um dort ein
Zimmer zu belegen. Der Kellner fragte ihn, ob er auch zu frhstcken
wnsche, und in der Zerstreutheit bejahte der Frst die Frage. Doch kaum
hatte sich der Kellner entfernt, da kam er pltzlich zur Besinnung und
rgerte sich unsglich ber sich selbst, weil ihn das Frhstck
wenigstens eine halbe Stunde aufhalten wrde, und erst nach einer Weile
verfiel er darauf, da ihn ja doch niemand festhielt und er das
bestellte Frhstck ja gar nicht zu essen brauchte, wenn er nicht
wollte. Ein seltsames Gefhl berkam ihn in diesem dunklen, dumpfen
Korridor, ein Gefhl, das qulend danach strebte, sich in irgend einen
festen Gedanken zu verwirklichen, aber er konnte nicht erraten, worin
nun dieser neue, sich aufdrngende Gedanke bestand. Da verlie er
endlich den Gasthof und trat hinaus auf die Strae. Ihn schwindelte ...
wohin sollte er fahren? Er fuhr also wieder zu Rogoshin.

Rogoshin war noch immer nicht zurckgekehrt; er lutete, doch es wurde
ihm nicht aufgemacht. Da lutete er auch an der anderen Tr; die alte
Dienerin erschien wieder und sagte, da Parfen Ssemjonytsch nicht zu
Hause sei und vielleicht nicht vor drei Tagen kommen werde. Es wunderte
den Frsten nur, da sie ihn wieder mit so unverhohlener Neugier
betrachtete. Den Hausknecht fand er diesmal berhaupt nicht. Da ging er,
wie am Morgen, auf das gegenberliegende Trottoir, blickte zu den
Fenstern hinauf und ging wohl eine halbe Stunde in der qulenden
Sonnenglut auf und ab, vielleicht auch noch lnger, doch diesmal rhrte
sich nichts, die Fenster blieben geschlossen, und die Stores waren
unbeweglich. Da setzte sich in ihm die berzeugung fest, da es ihm auch
am Morgen nur so geschienen habe, denn auch die Fensterscheiben waren
trbe und wohl seit langem nicht geputzt, so da die kaum merkliche
Bewegung des Vorhanges nur ein Flimmern des trben Glases im
Sonnenschein gewesen sein konnte. Erfreut ber diese Erklrung fuhr er
wieder zur Lehrerswitwe.

Dort hatte man ihn erwartet. Die Lehrerswitwe hatte sich inzwischen an
drei oder vier Stellen erkundigt, ja, sie war sogar bei Rogoshin
gewesen, doch hatte sie nichts erfahren knnen. Der Frst hrte ihren
Bericht schweigend an, trat dann ins Zimmer, setzte sich auf das Sofa
und begann sie alle anzusehen -- ganz als verstnde er kein Wort von
dem, was man zu ihm sprach. Und seltsam: bald bemerkte er alles, bald
aber war er so zerstreut, da er nichts sah noch hrte. Die ganze
Familie erklrte spter, da er ein erstaunlich wunderlicher Mensch
gewesen sei an jenem Tage, so da vielleicht damals schon alles
begonnen habe. Endlich erhob er sich und bat, man mge ihm die von
Nastassja Filippowna bewohnten Zimmer zeigen. Es waren das zwei groe,
hohe, helle Rume, sehr anstndig eingerichtet und offenbar nicht
billig. Die ganze Familie erzhlte spter, der Frst habe jeden
Gegenstand im Zimmer betrachtet. Auf einem kleinen Tisch habe er ein
aufgeschlagenes Buch erblickt -- es war ein franzsischer Roman, Madame
Bovary --, habe eine Ecke der aufgeschlagenen Seite eingebogen und um
die Erlaubnis gebeten, das Buch mitnehmen zu drfen, worauf er es, ohne
auf die Einwendung, da es ein Buch aus der Leihbibliothek sei, zu
achten, in die Tasche gesteckt habe. Dann sei er ans offene Fenster
getreten, habe sich dort hingesetzt, und da sei ihm ein mit Kreide
beschriebener Spieltisch aufgefallen, und er habe gefragt, wer an ihm
gespielt htte. Hierauf hatten sie ihm erzhlt, da Nastassja Filippowna
jeden Abend mit Rogoshin Karten gespielt habe, Duraki, Preference,
Whist, Sechsundsechzig -- kurzum, alle Spiele, die sie nur kannten, und
zwar Abend fr Abend, damals, als sie vor drei Wochen aus Pawlowsk nach
Petersburg zurckgekehrt war und sich bei ihnen eingemietet hatte.
Zuerst habe sich Nastassja Filippowna beklagt, da es langweilig sei,
denn Rogoshin habe ganze Abende gesessen und geschwiegen und kein Wort
gesagt, und eines Abends sei sie in Trnen ausgebrochen. Da habe
Rogoshin am nchsten Abend pltzlich ein Spiel Karten aus der Tasche
hervorgezogen: Nastassja Filippowna htte zu lachen begonnen, und dann
sei an jedem Abend gespielt worden. Hierauf habe der Frst gefragt, wo
die Karten wren, mit denen sie gespielt hatten. Die Karten waren aber
von Rogoshin jedesmal mitgebracht worden, an jedem Abend ein neues
Spiel, und er hatte sie dann immer wieder mitgenommen.

Die Lehrerswitwe, deren Schwester und Mutter rieten ihm, noch einmal zu
Rogoshin zu fahren, jedoch nicht sogleich, sondern erst gegen Abend, und
dann mglichst stark die Klingel zu ziehen und an die Tr zu pochen,
vielleicht wrde er sich dann doch noch zeigen. Und die Lehrerswitwe
erbot sich, inzwischen nach Pawlowsk zu Darja Alexejewna zu fahren,
vielleicht wute diese etwas nheres. Der Frst aber sollte auf jeden
Fall am Abend gegen zehn Uhr wiederkommen, damit sie sich fr den
nchsten Tag verabreden knnten. Der Frst verlie sie ungeachtet aller
Beruhigungen und Hoffnungsuerungen innerlich ganz verzweifelt. Von
unerklrlicher Sehnsucht gemartert, begab er sich nach seinem Gasthof.
Der staubige, drckende Sommernachmittag Petersburgs umfing ihn
herzbeklemmend, er fhlte sich frmlich wie in einen Schraubstock
eingeklammert; mde drngte er sich durch das rohe, betrunkene
Volksgetmmel auf den Straen, blickte unbewut in fremde Gesichter und
machte vielleicht einen groen Umweg. Es war fast schon Abend, als er in
sein Zimmer trat. Er wollte sich ein wenig erholen und dann wieder zu
Rogoshin gehen, wie man ihm geraten hatte, und so setzte er sich denn
aufs Sofa, sttzte die Ellenbogen auf den Tisch und versank in Gedanken.

Gott wei, wie lange, und nur Gott mag wissen, an was er dachte. Vieles
frchtete er, und er fhlte, fhlte unter Schmerz und Qual, da seine
Angst ihm selbst unheimlich wurde. Da dachte er pltzlich an Wjera
Lebedewa, und es kam ihm in den Sinn, da Lebedeff vielleicht etwas
wissen konnte, vielleicht sogar von Rogoshin unterrichtet war, oder wenn
nicht, dann doch leichter und schneller von ihm etwas erfahren knnte,
als er, der Frst, es vermochte. Pltzlich dachte er an Hippolyt und
auch daran, da Rogoshin zu Hippolyt gefahren war. Und pltzlich fiel
ihm Rogoshin ein: Rogoshin in der Kirche bei der Totenmesse, dann
Rogoshin im Park, und dann -- pltzlich hier in der Treppennische, als
er sich damals in der Dunkelheit verborgen und mit dem Messer auf ihn
gewartet hatte. Er zuckte zusammen: der sich ihm aufdrngende Gedanke,
den er vorhin nicht hatte fassen knnen, stand pltzlich vor ihm.

Dieser Gedanke bestand zum Teil darin, da Rogoshin, wenn er sich in
Petersburg befand und sich womglich zeitweilig verbarg, schlielich
doch unbedingt zu ihm, dem Frsten, kommen wrde, gleichviel ob in einer
guten oder schlechten Absicht, und wr's auch in derselben wie damals.
Und wenn Rogoshin aus irgendeinem Grunde zu ihm kommen mute, wohin
sollte er dann gehen -- da er doch keine Adresse wute --, wenn nicht
wieder in diesen selben Gasthof, wieder in diesen selben Treppenflur? Er
konnte ja gar nichts anderes annehmen, als da der Frst in diesem
Gasthof abgestiegen war. Wenigstens wrde er hier nach ihm fragen ...
wenn er seiner wirklich bedurfte. Und man konnte es ja nicht wissen,
vielleicht bedurfte er seiner wirklich?

So dachte der Frst und dieser Gedanke erschien ihm aus irgendeinem
Grunde sehr mglich. Doch um keinen Preis wrde er sich Rechenschaft
darber gegeben haben, wenn er sich in seinen Gedanken vertieft htte:
weshalb zum Beispiel Rogoshin seiner pltzlich so bedrfen knnte, und
weshalb es ganz ausgeschlossen war, da sie sich zu guter Letzt nicht
doch noch treffen wrden? Doch dieser Gedanke war nicht leicht. Wenn
er glcklich ist, dann wird er nicht kommen, fuhr der Frst fort, zu
denken, er wird kommen, wenn er nicht glcklich ist -- und er ist doch
bestimmt nicht glcklich ...

Wenn er aber davon berzeugt war, so htte er Rogoshin im Gasthof, in
seinem Zimmer, erwarten mssen. Doch es war, als knne er seinen neuen
Gedanken nicht ertragen: pltzlich sprang er auf, ergriff seinen Hut und
eilte hinaus. Im Korridor war es fast schon ganz dunkel. -- Wie, wenn
er jetzt wieder aus jener Nische hervortritt und mich auf der Treppe
anfllt? durchzuckte es ihn blitzartig, als er sich jener Stelle
nherte. Doch es trat niemand hervor. Er stieg hinunter, trat hinaus
aufs Trottoir, wunderte sich ber die dichte Menschenmenge, die sich auf
der Strae durcheinanderschob -- wie in Petersburg gewhnlich an den
Hundstagen, sobald die Sonne sinkt --, und schlug unwillkrlich wieder
die Richtung zur Gorochowaja, zum Hause Rogoshins ein. Etwa fnfzig
Schritte vom Gasthof, in dem Gedrnge an der dritten Straenkreuzung,
berhrte ihn pltzlich jemand am Ellenbogen und sagte halblaut dicht an
seinem Ohr:

Lew Nikolajewitsch, komm mir nach, es ist ntig, Bruder.

Es war Rogoshin.

Seltsam: der Frst begann pltzlich, vor lauter Freude fast stotternd,
fast nach Worten ringend, ihm zu erzhlen, wie er ihn soeben im Gasthof,
in seinem Zimmer und im Korridor erwartet hatte.

Ich war dort, sagte Rogoshin ruhig, gehen wir.

Der Frst wunderte sich ber seine Antwort, wunderte sich aber erst nach
etwa zwei Minuten, als er sie begriffen hatte. Als er aber dann ber sie
nachdachte, erschrak er und sah Rogoshin an. Dieser ging neben ihm fast
einen halben Schritt voraus, sah starr vor sich hin, sah in keines der
ihm begegnenden Gesichter und wich mit mechanischer Vorsicht allen aus.

Weshalb hast du nicht nach mir gefragt ... wenn du im Gasthof warst?
fragte pltzlich der Frst.

Rogoshin blieb stehen, sah ihn an, dachte nach und sagte, als htte er
die Frage gar nicht verstanden:

Hre, Lew Nikolajewitsch, du geh jetzt hier geradeaus, bis zum Hause,
du weit? Ich aber werde dort auf jener Seite gehen. Nur sieh zu, da
wir nicht auseinander kommen ...

Nachdem er das gesagt, ging er ber die Strae, trat auf das
gegenberliegende Trottoir, blickte sich um, ob auch der Frst ging, und
als er sah, da dieser stand und ihm mit weit offenen Augen unbeweglich
nachschaute, winkte er ihm mit der Hand nach der Gorochowaja und ging
selbst weiter, whrend er sich immer wieder umblickte, um nach dem
Frsten zu sehen und ihn zum Weitergehen aufzufordern. Er war sichtlich
ermuntert, als er dann sah, da der Frst ihn begriffen hatte und ihm
auf seinem Trottoir zur Gorochowaja folgte. Der Frst dachte, da
Rogoshin irgend jemanden unterwegs suchen wollte und deshalb aufs andere
Trottoir gegangen war, damit die Entgegenkommenden zwischen ihnen beiden
durchgehen sollten und der Betreffende dann leichter zu finden sei. Nur
-- warum hat er mir dann nicht gesagt, wer es ist, den er sucht? So
gingen sie an fnfhundert Schritt, und pltzlich begann der Frst aus
irgendeinem Grunde zu zittern; Rogoshin fuhr immer noch fort, wenn auch
seltener, sich nach ihm umzublicken. Doch der Frst hielt es nicht mehr
aus und winkte ihn mit der Hand zu sich herber. Ohne zu zgern, kam
Rogoshin sofort ber die Strae zu ihm.

Ist Nastassja Filippowna bei dir?

Bei mir.

Warst du es, der vorhin hinter dem Vorhang nach mir sah?

Ja, ich ...

Aber weshalb hast du denn ...

Der Frst wute nicht, was er sagen, wie er die Frage beenden sollte --
zudem pochte sein Herz so stark, da ihm das Sprechen schwer wurde.
Rogoshin schwieg gleichfalls und sah ihn an wie vorhin, wie in Gedanken
versunken.

Nun, ich gehe, sagte er pltzlich, und er schickte sich an, wieder
ber die Strae zurckzugehen, du aber geh hier weiter. La uns auf der
Strae getrennt gehen ... so ist's besser ... auf verschiedenen Seiten
... wirst sehen.

Als sie endlich auf verschiedenen Trottoiren in die Gorochowaja einbogen
und sich dem Hause Rogoshins nherten, wurden die Beine des Frsten
wieder so schwach, da sie ihm fast den Dienst versagten und es ihm
schon schwer wurde, zu gehen. Es war gegen zehn Uhr abends. Die Fenster
auf der Hlfte, wo die alte Mutter wohnte, standen immer noch weit
offen, die Fenster der Wohnung Rogoshins dagegen waren geschlossen, und
in dem dmmrigen Abendlicht war's, als wrden die herabgelassenen weien
Vorhnge noch bemerkbarer. Der Frst nherte sich dem Hause auf dem
entgegengesetzten Trottoir, Rogoshin auf der Seite des Hauses, und als
er bei der Tr anlangte, winkte er mit der Hand. Der Frst ging ber die
Strae zu ihm. Sie traten auf die Treppe.

Auch der Hausknecht wei jetzt nicht, da ich zurckkomme. Ich sagte
vorhin, da ich nach Pawlowsk fahre, auch bei der Mutter sagte ich es,
flsterte er mit einem listigen und fast zufriedenen Lcheln. Wir gehen
jetzt so leise hinein, da uns niemand hrt.

Den Schlssel hatte er bereits in der Hand. Als sie die massive
Steintreppe hinaufstiegen, wandte er sich zum Frsten zurck und erhob
den Finger, zum Zeichen, da der Frst nur ja leise gehen solle. Leise
schlo er die Tr zu seiner Wohnung auf, lie den Frsten eintreten,
folgte ihm leise, schlo die Tr leise wieder hinter sich zu und steckte
den Schlssel in die Tasche.

Gehen wir, sagte er flsternd.

Schon auf der Strae, auf der Liteinaja, hatte er begonnen, leise zu
sprechen. Trotz seiner ueren Ruhe befand sich sein Inneres in einer
seltsamen tiefen Aufregung. Als sie in den Saal vor dem Arbeitskabinett
traten, ging er leise an eines der Fenster und winkte geheimnisvoll den
Frsten zu sich heran.

Als du vorhin dort bei mir lutetest, erriet ich hier sogleich, da du
es warst. Ich schlich mich zur Tr und da hrte ich, wie du mit der
Pafnutjewna sprachst; ich aber hatte ihr schon in aller Frhe gesagt und
anbefohlen, da sie dann, wenn du oder von dir jemand oder gleichviel
wer kommt und an meiner Tr zu klopfen anfngt -- da sie dann nichts
sagen solle, unter keiner Bedingung, und besonders nicht, wenn du selbst
kmest und nach mir fragen wrdest. Ich nannte ihr deinen Namen. Dann
aber, als du fortgingst, dachte ich: wenn er jetzt unten steht und nach
oben sieht, oder auf der Strae wartet und aufpat? Da trat ich an
dieses selbe Fenster, schob die Gardine etwas weg, sieh, da standest du
und sahst gerade auf mich ... So war es.

Wo ist denn ... Nastassja Filippowna? fragte der Frst stockend.

Sie ... ist hier, antwortete Rogoshin langsam, als htte er einen
Augenblick mit der Antwort gezgert.

Wo denn?

Rogoshin erhob seinen Blick zum Frsten und blickte ihn unverwandt an.

Gehen wir ...

Er sprach immer noch flsternd und ohne sich zu beeilen, sprach langsam,
und schon die ganze Zeit ber eigentmlich nachdenklich.

Sie traten in das hohe Zimmer, das dem Vater als Arbeitszimmer gedient
hatte. In diesem hatte sich, seit der Frst es gesehen, einiges
verndert: durch das ganze Zimmer zog sich ein Vorhang aus grnem
Seidendamast, der zu beiden Seiten geteilt war, so da man hindurchgehen
konnte. Der Raum hinter dem Vorhang diente Rogoshin als Schlafzimmer,
dort stand sein Bett. Der schwere Vorhang war heruntergelassen und die
Eingnge waren zugezogen. Im Zimmer war es ziemlich dunkel; die hellen
Petersburger Nchte hatten nach der Sonnenwende schon ein wenig von
ihrer Helligkeit eingebt, und wenn es nicht Vollmond gewesen wre,
htte man in den dunklen Zimmern Rogoshins, deren Fenster noch dazu wei
verhngt waren, kaum etwas unterscheiden knnen. So aber konnte man
wenigstens die Gesichtszge erkennen. Das Gesicht Rogoshins war bleich,
wie gewhnlich; der Blick seiner Augen, die einen starken Glanz hatten,
lag seltsam unbeweglich auf dem Frsten.

Wirst du nicht eine Kerze anznden? fragte der Frst.

Nein, nicht ntig, sagte Rogoshin, und den Frsten bei der Hand
fassend, ntigte er ihn, auf einem Stuhl Platz zu nehmen; er selbst
setzte sich ihm gegenber und zog seinen Stuhl so dicht heran, da ihre
Knie sich fast berhrten. Zwischen ihnen, etwas seitwrts, stand ein
kleiner, runder Tisch. Setz' dich, sitzen wir ein wenig! sagte
Rogoshin, als wolle er ihn zum Sitzen bereden. Eine Weile schwieg er.
Ich wute, da du in diesem Gasthause absteigen wrdest, begann er
dann wieder zu sprechen, wie man es zuweilen tut, wenn man nicht
sogleich von der Hauptsache reden will und zuerst mit nebenschlichen
Einzelheiten beginnt, die kaum eine unmittelbare Beziehung zur Sache
haben. Als ich in den Korridor trat, dachte ich bei mir: wer wei,
vielleicht sitzt er dort und erwartet mich jetzt ebenso wie ich ihn
erwarte? Warst du bei der Lehrerin?

Ja, brachte der Frst vor Herzklopfen kaum hervor.

Auch daran dachte ich. Wird noch ein Gerede entstehen, dachte ich ...
und dann dachte ich: ihn aber bringe ich zur Nacht her, damit wir diese
Nacht noch zusammen sind ...

Rogoshin! Wo ist Nastassja Filippowna? flsterte pltzlich der Frst,
und er erhob sich, an allen Gliedern zitternd.

Da erhob sich auch Rogoshin.

Dort, sagte er leise, mit dem Kopf nach dem Vorhang weisend.

Schlft sie? flsterte der Frst.

Wieder sah ihn Rogoshin unbeweglich an.

Nun denn, meinetwegen! ... Nur, wirst du auch ... nun, gehen wir!

Er trat zum Vorhang, schob ihn zur Seite, blieb stehen und wandte sich
zum Frsten zurck.

Komm! sagte er und forderte ihn mit einer Kopfbewegung auf,
einzutreten, whrend er den Vorhang zur Seite hielt.

Der Frst trat in den Schlafraum.

Hier ist es dunkel, sagte er.

Man kann sehen! murmelte Rogoshin.

Ich sehe kaum ... ein Bett.

Geh doch nher, forderte Rogoshin leise auf.

Der Frst trat einen Schritt nher, dann noch einen Schritt, und blieb
stehen. Er stand und schaute unbeweglich eine lange Zeit. Beide sprachen
sie die lange Zeit ber, die sie am Bett standen, kein Wort. Das Herz
des Frsten schlug so laut, da es, wie es schien, im Zimmer zu hren
war, bei dem toten Schweigen, das hier herrschte. Doch sein Auge
gewhnte sich langsam an das Licht, so da er bereits das ganze Bett
deutlich unterscheiden konnte; es schlief jemand auf dem Bett, in
vollkommen reglosem Schlaf; nicht das geringste Gerusch, nicht das
geringste Atmen war zu hren. Der Schlafende war vom Kopf bis zu den
Fen mit einem weien Laken bedeckt, doch die Glieder zeichneten sich
seltsam undeutlich ab, man sah nur an den Umrissen und den Erhhungen,
da es ein Mensch war, der auf dem Rcken ausgestreckt lag. Ringsum, auf
dem Bett, auf dem Sessel am Fuende des Bettes, sogar auf dem Fuboden
neben dem Sessel lagen weie Kleidungsstcke unordentlich hingeworfen,
ein weies kostbares Seidenkleid, Blumen, Bnder. Auf dem kleinen Tisch
am oberen Ende des Bettes lag verstreut blitzendes Geschmeide. Am
unteren Ende des Bettes waren irgendwelche Spitzen zusammengeschoben,
und von dem weien Gekrusel hob sich, unter dem Laken hervorschimmernd
die Spitze eines nackten Fues ab: sie war wie aus Marmor gemeielt und
erschien unheimlich regungslos. Der Frst sah und fhlte -- je lnger er
sah, um so toter und lautloser wurde es im Zimmer. Pltzlich begann eine
erwachte Fliege zu summen, flog ber das Bett und verstummte am oberen
Ende. Der Frst fuhr zusammen.

Gehen wir, sagte Rogoshin, indem er ihn leise am Arm berhrte.

Sie traten hinaus aus dem Schlafraum, setzten sich auf dieselben Sthle
und saen schweigend wieder einander gegenber. Der Frst zitterte,
immer heftiger wurde sein Zittern. Er wandte seinen fragenden Blick
nicht einmal auf eine Sekunde von Rogoshins Antlitz ab.

Du, ich sehe, du zitterst, Lew Nikolajewitsch, sagte endlich Rogoshin,
fast ganz so, wie wenn du ... deinen Anfall bekommst, weit du noch, in
Moskau einmal? Oder wie es vor dem Anfall war. Ich kann mir gar nicht
denken, was ich mit dir jetzt anfangen soll ...

Der Frst hrte mit krampfhafter Anspannung, was Rogoshin zu ihm sprach,
um den Sinn der Worte zu erfassen, und immer noch fragte sein Blick.

Das hast du ...? brachte er schlielich flsternd hervor, mit dem Kopf
nach dem Vorhang weisend.

Das ... hab' ich ... sagte Rogoshin ebenso leise und senkte den Blick
zu Boden.

Sie schwiegen lange.

Denn wenn du jetzt krank wirst, fuhr pltzlich Rogoshin fort, als wre
er gar nicht unterbrochen worden, den Anfall bekommst, und dann der
Schrei kommt, so kann man es auf der Strae oder auch auf dem Hof hren
und erraten, da hier in der Wohnung Menschen sind, nun, und dann werden
sie kommen und klopfen und herein wollen ... denn die glauben doch alle,
da ich nicht zu Hause bin. Ich habe auch kein Licht gemacht -- damit
man von der Strae oder vom Hof nichts sieht. Denn wenn ich fortgehe,
nehme ich die Schlssel mit, und dann kommt oft drei, vier Tage kein
Mensch hier herein und die Wohnung bleibt so wie sie ist, unaufgerumt.
So habe ich es eingefhrt. Damit man also nicht erfhrt, da wir hier
sind ...

Wart', unterbrach ihn der Frst, ich habe aber doch vorhin die Alte
und auch den Hausknecht gefragt, ob Nastassja Filippowna nicht hier
gewesen ist. Die wissen es dann doch schon.

Ich wei, da du gefragt hast. Ich habe aber der Pafnutjewna gesagt,
da Nastassja Filippowna gestern hier gewesen und gestern auch nach
Pawlowsk wieder zurckgekehrt, hier bei mir aber nur fnf Minuten
gewesen sei. Sie wissen nicht, da sie zur Nacht hier blieb -- niemand
wei es. Gestern, als wir kamen, gingen wir die Treppe ebenso leise
hinauf, wie ich heute mit dir. Ich dachte noch unterwegs, sie wrde
nicht so heimlich eintreten wollen -- aber nein! Flsterte nur, auf den
Zehen schlich sie, das Kleid raffte sie zusammen, damit es nicht
rauschte, trug die Schleppe, drohte mir beim Hinaufsteigen noch mit dem
Finger, damit ich leiser ginge -- alles nur aus Furcht vor dir. Im Coup
war sie zuerst ganz wie eine Wahnsinnige, alles vor Angst, und sie
selbst wnschte, hierher zu mir zu kommen, um hier zu bernachten. Ich
dachte zuerst, sie zur Lehrerin, zu jener Witwe, zu bringen, aber sie
selbst wollte nicht. >Nein, nein,< sagte sie, >dort wird er mich
sogleich aufsuchen, du aber versteck' mich bei dir, und morgen, ganz
frh, fahren wir nach Moskau<, und von dort wollte sie nach Orel oder
irgendwo dahin. Auch als sie sich hinlegte, sprach sie immer noch, da
wir nach Orel fahren wrden ...

Wart' ... aber was willst du tun, Parfen, was willst du jetzt tun?

Ja, sieh, ich habe nur Bedenken, weil du immer noch zitterst. Die Nacht
verbringen wir hier beide zusammen. Ein Bett, auer jenem, gibt es hier
nicht, aber ich habe mir gedacht, da man von diesem Diwan und von jenem
dort die Kissen nimmt und dann hier, hier gleich beim Vorhang, ein Lager
macht, fr dich und fr mich, nebeneinander, so da wir zusammen sind.
Denn wenn man dann kommt, und zu fragen anfngt oder zu suchen, dann
wird man sie sogleich finden und hinaustragen. Mich aber wird man
fragen, und ich werde sagen, da ich es gewesen bin, und man wird mich
fortfhren. So la sie denn jetzt noch hier liegen, neben uns, neben mir
und dir ...

Ja, ja! stimmte der Frst eifrig bei.

Also jetzt noch nicht gestehen und nicht forttragen lassen.

Nei--nein, auf keinen Fall! entschied der Frst. Nicht -- nicht!

So hatte auch ich beschlossen ... auf keinen Fall. Die Nacht verbringen
wir ganz still. Ich war heute nur auf eine Stunde ausgegangen, am
Morgen, sonst war ich die ganze Zeit bei ihr. Und dann gegen Abend, als
ich dich suchen ging. Nur frchte ich, da es hier zu drckend ist und
der Leichengeruch sich bald bemerkbar machen wird. Riechst du schon
etwas oder noch nicht?

Vielleicht rieche ich etwas, ich wei es nicht. Am Morgen wird man es
bestimmt riechen ...

Ich habe sie mit Wachstuch zugedeckt, mit gutem, amerikanischem, und
ber dem Wachstuch dann noch mit dem Laken, und vier Flschchen mit
desinfizierender Flssigkeit habe ich aufgestellt, sie stehen auch jetzt
dort offen.

So wie dort ... in Moskau?

Denn sonst, Bruder, riecht es. Sie aber liegt doch so ... Am Morgen,
wenn es hell wird, sieh sie dir an. Was ist dir, kannst du nicht
aufstehen? fragte er, mit ngstlicher Verwunderung, als er sah, da der
Frst so zitterte, da er sich nicht vom Stuhle zu erheben vermochte.

Die Fe versagen ... murmelte der Frst. Das ist nur von der Angst,
ich kenne das ... Wenn die Angst vergangen ist, werde ich auch aufstehen
knnen ...

Dann bleib nur sitzen, ich werde inzwischen das Lager zurecht machen,
dann kannst du dich gleich hinlegen ... und ich neben dir ... und dann
knnen wir sehen ... Denn ich, Bruder, ich wei noch nicht ... ich ...
sieh, Bruder, ich wei jetzt noch nicht alles, und so sage ich es auch
dir im voraus, damit du das alles beizeiten erfhrst ...

Undeutlich diese rtselhaften Worte murmelnd, machte sich Rogoshin
daran, das Lager herzurichten. Offenbar hatte er schon frher,
vielleicht schon am Morgen, darber nachgedacht, wie er das machen
wrde. Der Diwan war fr zwei Personen zu schmal, er aber wollte nun
einmal unbedingt Seite an Seite mit dem Frsten liegen, und da schleppte
er denn mit groer Mhe die schweren Polsterkissen durch das ganze
Zimmer, dicht an den Eingang zum Schlafzimmer, schleppte noch andere
Kissen herbei, Kissen von verschiedener Gre. Als das Lager fertig war,
trat er an den Frsten heran, fate ihn mit rhrender Zartheit unter den
Arm und fhrte ihn stolz und froh zu seinem Lager. brigens konnte der
Frst schon allein gehen. Die Angst war also vergangen. Doch fuhr er
fort, zu zittern.

Denn sieh, Bruder, begann pltzlich wieder Rogoshin, nachdem er den
Frsten zur Linken auf die besseren Kissen gebettet und sich selbst zur
Rechten hingestreckt hatte, indem er beide Hnde unter den Kopf schob,
bei der Hitze, weit du, geht das schneller ... Die Fenster
aufzumachen, frchte ich mich. Aber, weit du, bei meiner Mutter sind
viele Blumen, sie blhen jetzt gerade und haben solch einen wundervollen
Duft, ich dachte schon daran, sie herzubringen, aber die Pafnutjewna
htte Verdacht geschpft, sie ist sehr neugierig.

Ja, sie ist sehr neugierig, wiederholte der Frst.

Oder soll ich viele, viele Buketts kaufen, und sie ganz mit Blumen
umstellen? Ich denke aber, es wird traurig sein, so in Blumen!

Hr' ... begann der Frst, als suche er nach einem Gedanken, als wisse
er nicht, was er eigentlich fragen wollte, oder als vergesse er immer
wieder, was es war. Hr' ... ja sag' mir: womit hast du sie denn ...?
Mit einem Messer? Mit demselben?

Mit demselben ...

Wart'! Ich will dich noch fragen, Parfen ... ich werde dich noch vieles
fragen, ich will alles wissen ... aber du sag' mir zuerst, ganz zuerst,
damit ich es wei: wolltest du sie vor meiner Hochzeit, vor der Trauung,
in der Kirche ermorden, mit dem Messer erstechen? Wolltest du es, oder
wolltest du es nicht?

Ich wei nicht, ob ich es wollte ... antwortete Rogoshin trocken, als
htte er sich ber die Frage ein wenig gewundert und sie nicht ganz
begriffen.

Hast du das Messer niemals nach Pawlowsk mitgenommen?

Nein, niemals. Von diesem Messer kann ich dir nur das sagen, Lew
Nikolajewitsch, fuhr er nach kurzem Schweigen fort: Ich habe es aus
einem verschlossenen Schubfach heute morgen herausgenommen, denn das
Ganze geschah am Morgen zwischen drei und vier. Es lag bei mir in dem
Buch ... Und ... und ... und sieh, was mich wundert: das Messer ging auf
anderthalb ... oder sogar auf zwei Zoll hinein ... gerade unter der
linken Brust ... Blut aber flo im ganzen nur so ein halber Elffel
aufs Hemd, nicht mehr.

Das, das, das, begann pltzlich der Frst, indem er sich in
furchtbarer Erregung aufzurichten begann, das, das, ich wei, das, ich
habe davon gelesen ... innere Verblutung wird das genannt ... Es kommt
sogar vor, da kein einziger Tropfen Blut herausfliet. Das ist dann,
wenn der Sto gerade ins Herz geht ...

Scht! -- Hrst du? unterbrach ihn Rogoshin hastig, indem et sich
erschrocken aufrichtete. Hrst du?

Nein! sagte ebenso schnell und erschrocken der Frst und sah Rogoshin
an.

Jemand geht! Hrst du? Im Saal ...

Beide begannen zu lauschen.

Ich hre, flsterte der Frst berzeugt.

Man geht?

Ja, man geht!

Soll ich die Tr verschlieen?

Ja, verschlie' ...

Rogoshin verschlo die Tr und wieder legten sie sich beide hin. Lange
Zeit schwiegen sie.

Ach, ja! begann der Frst, sich pltzlich aufrichtend, in demselben
aufgeregten, schnellen Geflster, als habe er endlich einen Gedanken
erfat und frchte nun, ihn wieder zu vergessen. Ja ... ich wollte doch
... diese Karten! die Karten ... Du sollst doch mit ihr Karten gespielt
haben?

Ja, sagte Rogoshin nach einigem Schweigen.

Wo sind denn ... die Karten?

Hier ... sagte Rogoshin nach noch lngerem Schweigen, zog aus der
Tasche ein gebrauchtes, in Papier gewickeltes Spiel Karten hervor und
reichte es dem Frsten. Da ...

Der Frst nahm es zgernd, als begriffe er nicht, weshalb man es ihm
reichte. Ein neues, trauriges, trostloses Gefhl schnrte ihm das Herz
zusammen; doch pltzlich begriff er, da er schon lange gar nicht davon
sprach, wovon er sprechen wollte, und immer nicht das tat, was er tun
mte, und da diese Karten, die er jetzt in der Hand hielt, und ber
die er sich so gefreut hatte, jetzt nichts, nichts mehr ndern konnten.
Er stand auf und rang die Hnde. Rogoshin blieb unbeweglich liegen und
schien den Frsten weder zu sehen noch zu hren; seine Augen aber
glnzten hell im Dunkel und waren ganz offen und unbeweglich. Der Frst
setzte sich auf einen Stuhl und sah ihn angstvoll an. Wohl eine halbe
Stunde verging so. Pltzlich lachte Rogoshin laut auf, es war ein fast
schreiendes, abgerissenes Lachen -- als htte er ganz vergessen, da er
nur flsternd sprechen durfte:

Den Offizier, den Offizier ... weit du noch, wie sie den Offizier mit
der Peitsche schlug, beim Konzert, weit du noch, ha ha ha! Und der
Kadett ... Kadett ... Kadett sprang noch hinzu.

Der Frst schnellte erschrocken vom Stuhle empor. Als Rogoshin verstummt
war -- ebenso pltzlich, wie er aufgelacht hatte --, beugte sich der
Frst leise ber ihn, setzte sich neben ihm nieder und begann mit stark
klopfendem Herzen, schwer atmend, sein Gesicht zu betrachten. Rogoshin
wandte den Kopf nicht zu ihm und schien ihn sogar vllig vergessen zu
haben. Der Frst sah ihn an und wartete. Die Zeit verging. Die Nacht
wurde heller. Rogoshin begann von Zeit zu Zeit irgendwelche Worte zu
murmeln, leise, laut, schroff hervorstoend, zusammenhanglos, begann
schlielich laut aufzuschreien und zu lachen. Dann streckte der Frst
jedesmal seine zitternde Hand aus und berhrte leise seinen Kopf, seine
Haare, streichelte sie und streichelte seine Wangen ... das war alles,
was er tun konnte! Er selbst begann wieder zu zittern und pltzlich
empfand er auch wieder das Schwchegefhl in den Beinen. Irgendein ganz
neues Gefhl qulte sein Herz mit unendlicher Sehnsucht. Der Morgen
brach an; da beugte er sich endlich in vlliger Erschpfung und
Verzweiflung auf das Kissen nieder und schmiegte sich mit seinem Gesicht
an das bleiche, unbewegliche Antlitz Rogoshins. Trnen flossen aus
seinen Augen auf Rogoshins Wangen -- doch wird er wohl kaum seine Trnen
gefhlt haben und vielleicht wute er von nichts mehr ...

Wenigstens fand man, als nach mehreren Stunden die Tr gewaltsam
geffnet wurde und Leute eindrangen, den Mrder bewutlos und im Fieber.
Der Frst aber sa unbeweglich neben ihm. Und jedesmal, wenn der Kranke
einen Schrei ausstie oder zu phantasieren begann, beeilte er sich,
wieder mit zitternder Hand sein Haar und seine Wangen zu streicheln, wie
um ihn zu beruhigen und zu liebkosen. Doch er begriff nichts mehr,
begriff nicht, was man ihn fragte, und von den Eingetretenen, die ihn
umgaben, erkannte er keinen einzigen. Wenn Professor Schneider jetzt
selbst aus der Schweiz gekommen wre, um seinen einstigen Schler und
Patienten zu sehen, so wrde er, der ihn einmal vor der Heilung in den
Stunden nach einem Anfall gesehen hatte, wieder nur mit der Achsel
gezuckt und wie damals gesagt haben: Ein Idiot!


                                  XII.
                                Schlu.

Die Lehrerswitwe war, der Verabredung gem, nach Pawlowsk gefahren und
hatte sogleich Darja Alexejewna, die sich von der Aufregung noch ganz
krank fhlte, in ihrem Hause aufgesucht und durch die Mitteilung alles
dessen, was sie wute, in groe Angst versetzt. Beide Damen hatten sich
dann nach kurzer Beratung zu Lebedeff begeben, der sich als ergebener
Freund und Hauswirt des Frsten gleichfalls beunruhigt fhlte. Nachdem
dann noch Wjera alles erzhlt hatte, was sie ber die Abfahrt des
Frsten erzhlen konnte, waren die beiden Damen und Lebedeff nach
Petersburg gefahren, auf Lebedeffs Rat, um eventuell noch zu verhten,
was sehr leicht geschehen knnte. So kam es, da am nchsten Morgen
schon um elf Uhr die Tr zur Wohnung Rogoshins auf Veranlassung der
Polizei in Anwesenheit Lebedeffs, der beiden Damen und des lteren
Bruders von Rogoshin, Ssemjon Ssemjonytsch Rogoshin, der den
Seitenflgel des Hauses bewohnte, aufgebrochen wurde. Das polizeiliche
Vorgehen wurde wesentlich beschleunigt durch die Aussage des
Hausknechts, der am Abend vorher gesehen hatte, wie Parfen Ssemjonytsch
mit einem Gast ins Haus eingetreten, und ganz leise die Treppe
hinaufgegangen war. Nach dieser Aussage hatte man nicht lnger gezgert
die Tr mit Gewalt aufzubrechen.

Rogoshin lag zwei Monate an einer Gehirnentzndung danieder. Als er
gesund geworden war, kam sein Proze zur Verhandlung. Seine Aussagen
waren klar, genau, unzweideutig und gengten vollkommen, so da der
Frst auf Grund derselben ohne weiteres von der Untersuchung
ausgeschlossen wurde. Bei der Gerichtsverhandlung war Rogoshin im
brigen schweigsam. Er widersprach zwar nicht seinem Verteidiger, der
geschickt, klar, logisch und beredt zu beweisen suchte, da der Mord von
ihm in bereits unzurechnungsfhigem Krankheitszustande verbt worden sei
und da man ihn eigentlich nur als Folge der Gehirnentzndung, die
bereits frher begonnen habe, betrachten msse; doch fgte Rogoshin von
sich aus nichts hinzu, was die Richtigkeit dieser Annahme besttigen
konnte, und auf die an ihn gestellten Fragen antwortete er wieder klar,
bestimmt, und durchaus bemht, sich aller Einzelheiten des Geschehenen
zu entsinnen. Er wurde unter Annahme mildernder Umstnde zu fnfzehn
Jahren Zwangsarbeit nach Sibirien verbannt. Wortlos, mit fast strenger
Miene, vernahm er sein Urteil, wie in Gedanken versunken, erzhlte
man. Sein ganzes, groes Vermgen, von dem er, im Verhltnis gesprochen,
nur einen kleinen Teil verschwendet hatte, ging auf seinen Bruder
Ssemjon Ssemjonytsch ber, zur nicht geringen Zufriedenheit dieses
letzteren. Die Mutter Rogoshins lebte nach wie vor in ihrer stillen
Wohnung, und mitunter scheint es, als gedenke sie ihres geliebten Sohnes
Parfen, doch sind ihre Gedanken wohl nur unklar: Gott hat ihren Geist
und ihr Herz davor bewahrt, das Entsetzen, das ihr trauervolles Haus
heimgesucht, in seiner ganzen Gre zu erfassen.

Lebedeff, Keller, Ganj und Ptizyn und noch viele andere Personen, die
wir kennen gelernt haben, leben gleichfalls in alter Weise weiter, haben
sich wenig verndert -- daher lt sich auch nichts Besonderes ber sie
berichten. Hippolyt starb etwas frher, als er erwartet hatte, etwa zwei
Wochen nach dem Tode Nastassja Filippownas. Er soll vorher entsetzlich
aufgeregt gewesen sein. Kolj war durch die Ereignisse tief erschttert.
In der Folge traten er und seine Mutter sich bedeutend nher, ja er
schlo sich sogar ganz an sie an. Nina Alexandrowna ist recht besorgt um
ihn: sie findet ihn zu nachdenklich fr seine Jahre. Vielleicht aber
wird aus ihm doch noch einmal ein ttiger und tchtiger Mensch. Zum Teil
ist es auch auf seine Bemhungen zurckzufhren, da fr das weitere
Schicksal des Frsten gesorgt wurde. Unter all seinen neuen Bekannten
hatte ihm am meisten Jewgenij Pawlowitsch Radomskij gefallen; zu diesem
hatte er sich denn auch sogleich aufgemacht und ihm das Ereignis
mitgeteilt, sowie alles Nhere, was er selbst ber den Zustand des
Frsten wute. Seine Erwartung tuschte ihn nicht: Jewgenij Pawlowitsch
nahm den lebhaftesten Anteil am traurigen Schicksal des armen Idioten,
und dank seiner Bemhungen kam der Frst wieder in die Schweiz zu
Professor Schneider, der ihn von neuem in seine Heilanstalt aufnahm.
Jewgenij Pawlowitsch begab sich ins Ausland. Er hatte sogar die Absicht,
recht lange in Europa zu bleiben, da er sich selbst ganz offen einen
in Ruland vollkommen berflssigen Menschen nannte. Seinen kranken
Freund besucht er ziemlich oft, wenigstens ein paarmal im Jahre.
Professor Schneider macht aber, wenn er nach der Genesungsmglichkeit
seines Patienten gefragt wird, eine immer bedenklichere Miene, schttelt
den Kopf und deutet an, da es diesmal wohl eine vollstndige Zerrttung
der Verstandeskrfte sei; zwar redet er nicht von Unheilbarkeit, uert
aber doch die traurigsten Mutmaungen. Jewgenij Pawlowitsch nimmt sich
das sehr zu Herzen -- und _er hat_ ein Herz, was allein schon durch den
einen Umstand bewiesen wird, da er von Kolj Briefe erhlt, und diese
Briefe hin und wieder sogar beantwortet. Auerdem aber haben wir noch
etwas sehr Seltsames ber ihn erfahren, und da dieses Seltsame ein guter
Charakterzug ist, so sei es hier mitgeteilt: Jewgenij Pawlowitsch
schreibt nmlich nach seinen Besuchen in der Heilanstalt des Professor
Schneider auer an Kolj regelmig noch einen Brief nach Petersburg,
der den ausfhrlichsten Bericht ber den Zustand des Frsten enthlt.
Doch auer diesen Berichten und der hflichsten Versicherung seiner
Hochachtung, finden sich in diesen Briefen mitunter -- und zwar immer
hufiger -- auch einige Darlegungen seiner Anschauungen, Begriffe,
Gefhle, und diese werden mit jedem Brief sogar immer lnger. Mit einem
Wort, es beginnt in ihnen etwas durchzublicken, das an freundschaftliche
oder noch innigere Gefhle gemahnt. Die Person aber, an die Jewgenij
Pawlowitsch diese Briefe schreibt -- natrlich tut er es immerhin noch
ziemlich selten -- und die seine Aufmerksamkeit und Achtung in so hohem
Mae gefesselt und erworben hat, ist Wjera Lebedewa. Leider ist es uns
nicht mglich gewesen, Nheres darber zu erfahren, wie sich diese
Beziehungen haben anknpfen knnen, doch nehmen wir an, da es wohl
infolge des Unglcks gewesen sein wird, das den Frsten betroffen hatte.
Wjera war durch das Geschehnis zunchst so erschttert, da auch sie
erkrankte. Doch wie gesagt -- bei welcher Gelegenheit sie sich nher
getreten sind, wissen wir nicht. Im brigen haben wir dieser Briefe auch
deshalb Erwhnung getan, weil einzelne von ihnen Mitteilungen ber
Jepantschins und namentlich ber Aglaja Iwanowna enthalten. In einem
ziemlich krausen Brief aus Paris teilte er mit, da diese zu einem
polnischen Grafen und Emigranten eine groe Neigung gefat und ihn bald
darauf geheiratet habe, sehr gegen den Wunsch ihrer Eltern, die, wenn
sie auch schlielich ihre Einwilligung gegeben, es nur deshalb getan
htten, weil es sonst zu einem vielleicht aufsehenerregenden Skandal
gekommen wre. Im nchsten Brief, den Wjera nach etwa einem halben Jahre
erhielt, schrieb Jewgenij Pawlowitsch -- es war wieder ein langer,
ausfhrlicher Brief -- da er whrend seines letzten Aufenthaltes in der
Schweiz bei Professor Schneider mit Jepantschins und dem Frsten Sch.
zusammengetroffen sei. Das Wiedersehen mute, so wie er es schilderte,
ein sehr seltsames gewesen sein: alle hatten ihn fast begeistert
empfangen, Alexandra und Adelaida hatten sich ihm sogar zu heiem Dank
verpflichtet gefhlt fr alles Gute, das er dem Frsten erwies, und fr
seine rhrende Sorge um ihn. Lisaweta Prokofjewna hatte beim Anblick
des armen Frsten in seinem kranken, erniedrigenden Zustande bitterlich
zu weinen begonnen. Offenbar hatte sie ihm lngst alles verziehen. Frst
Sch. hatte bei der Gelegenheit ein paar gute Gedanken ausgesprochen. Wie
es Jewgenij Pawlowitsch geschienen, htte sich das junge Ehepaar noch
nicht so ganz harmonisch verbunden gefhlt, doch wre es vorauszusehen,
da Adelaidas lebhaftes, mitunter recht feuriges Temperament sich mit
der Zeit freiwillig und von Herzen der geistigen berlegenheit und
Erfahrenheit des Frsten anpassen und unterordnen wrde. Hinzu kam noch,
da die Lehren, die die Familie in letzter Zeit erhalten hatte, fr sie
unvergelich waren, so vor allem das letzte Erlebnis Aglajas mit dem
polnischen Grafen. Alles, was man befrchtet, als man die Einwilligung
zur Heirat Aglajas mit diesem Grafen verweigert hatte, war schon nach
wenigen Monaten, nach kaum einem halben Jahre, in Erfllung gegangen,
und dazu noch mit solchen berraschungen, da man an die leidigen
Tatsachen fast immer noch nicht glauben wollte. Es hatte sich nmlich
herausgestellt, da der emigrierte Graf zwar ein Emigrant, deshalb aber
noch lngst kein Graf war, seine Vergangenheit vielmehr etwas sehr
Dunkles und Zweideutiges hatte. Aglaja hatte er durch die seltene
Vornehmheit seiner von Heimweh nach dem Vaterlande sich verzehrenden
Seele gefesselt und bezaubert, und das in solchem Mae, da sie bereits
vor der Heirat Mitglied irgendeines Emigrantenkomitees geworden war, das
sich die Wiederherstellung des Knigreichs Polen zum Ziel gesetzt hatte.
berdies war sie noch in den Beichtstuhl irgendeines berhmten
Jesuitenpaters geraten, der ihren Geist bis zum Wahnsinn zu beeinflussen
wute. Das riesige Vermgen des Grafen, von dem er Lisaweta Prokofjewna
und dem Frsten Sch. erzhlt und fr das er ihnen fast unantastbare
Beweise geliefert hatte, war nichts als Schwindel gewesen. Auerdem war
es ihm mit Hilfe seines Freundes, des Jesuitenpaters, in dieser kurzen
Zeit gelungen, Aglaja vollstndig mit ihrer Familie zu entzweien, so da
die Mutter und Geschwister sie schon seit mehreren Monaten nicht gesehen
hatten ... Kurzum, erzhlen liee sich noch manches, doch hatten
Lisaweta Prokofjewna, ihre Tchter und Frst Sch. schon so viel unter
diesem Schrecken gelitten, da sie im Gesprch mit Jewgenij
Pawlowitsch fast angstvoll gewisse Dinge zu umgehen gesucht hatten,
zumal sie wuten, da er ohnehin ber die letzten Verirrungen Aglaja
Iwanownas gut unterrichtet war. Die arme Lisaweta Prokofjewna wre gern
sogleich nach Ruland zurckgekehrt: nach dem Bericht Jewgenij
Pawlowitschs habe sie sehr parteiisch, fast sogar erbittert alles
Auslndische kritisiert. Nicht einmal Brot verstehen sie zu backen, den
Winter ber frieren sie wie die Muse im Keller! habe sie ganz erbost
gesagt. Hier habe ich mich doch wenigstens ber diesen Armen auf gut
Russisch ausweinen knnen, habe sie hinzugefgt, erregt auf den Frsten
weisend, der keinen von ihnen erkannt hatte. Aber jetzt hat man sich
genug hinreien lassen, es ist Zeit, endlich wieder vernnftig zu
werden! Und all das hier, euer ganzes Europa, alles das ist nur
Phantasie, und wir Russen, wir alle hier im Auslande, sind nichts als
Phantasie ... behaltet meine Worte, ihr werdet es selbst sehen! habe
sie sich beim Abschied von Jewgenij Pawlowitsch fast zornig geuert.




                                Funoten


[1] Diminutiv von Ssemjon. E. K. R.

[2] Alexander. E. K. R.

[3] Abkrzung von Gawrila (Gabriel). E. K. R.

[4] Abkrzung von Nastassja. E. K. R.

[5] Lust. E. K. R.

[6] Chanat Kiptschak, dessen tatarische Frsten in der Stadt Ssarai an
der Achtuba (unteren Wolga) lebten und sich von den russischen
Teilfrsten nach deren Unterwerfung Tribut zahlen lieen. E. K. R.

[7] Abkrzung von Warwara. E. K. R.

[8] Berhmter Chirurg. E. K. R.

[9] In Ruland bliche Benennung des Portiers, der in reicheren Husern
bestndig an der Tr sitzt und den Eintretenden ffnen mu. E. K. R.

[10] Hauptmannsfrau. E. K. R.

[11] Landsitz, Sommervilla mit dazugehrigem Garten. E. K. R.

[12] Vornehmer Villenort in der Nhe von Petersburg. E. K. R.

[13] Mit zwei Fingern bekreuzen sich nur die Altglubigen. E. K. R.

[14] Brderschaft schlieen. E. K. R.

[15] ffentlicher Garten in Petersburg. E. K. R.

[16] Ein Stadtteil in Petersburg jenseits der Newa. E. K. R.

[17] Verbrecher, auf deren Mordtaten Lebedeff seine Behauptungen sttzt,
und deren Prozesse damals allgemeines Aufsehen erregten. E. K. R.

[18] Zitat aus der Komdie Unglck durch Verstand von Gribojedoff. E.
K. R.

[19] Diminutivform von Lew. E. K. R.

[20] In Gribojedoffs Komdie Unglck durch Verstand drckt eine der
Hauptpersonen (der alte Famussoff), nachdem das Unglck geschehen ist,
seine grte Sorge in dem Stoseufzer aus:

   Mein Gott, was wird jetzt sagen
   Die Frstin Maria Alexejewna!

E. K. R.

[21] Die Hauptmahlzeit wird in Ruland gewhnlich um sechs Uhr
eingenommen. E. K. R.

[22] Sommerkonzerte bei Petersburg. E. K. R.

[23] Njnj = Kinderfrau. E. K. R.

[24] Entspricht dem westeuropischen Fasching. E. K. R.

[25] Stadtteil auf einer Insel in Petersburg. E. K. R.

[26] Berge bei Moskau. E. K. R.

[27] Hauptfigur in Gogols Lustspiel Die Heirat, ein ltlicher
Junggeselle, der sich schlielich dank tatkrftiger Untersttzung seiner
Freunde und Bekannten verlobt, dann aber, kurz vor der Trauung, durch
das Fenster entflieht und die Braut im Stich lt. E. K. R.

[28] Typ in Gogols Newskij Prospekt. E. K. R.

[29] Kapiton (familir Kapitoschka) -- russischer Vorname. E. K. R.

[30] Stadtteil von Petersburg. E. K. R.

[31] Kartenspiel, hnlich dem deutschen Schafskopf. E. K. R.

[32] Eine Dejtine entspricht ungefhr einem Hektar. E. K. R.

[33] Die Anhnger dieser Sekte verwerfen die Sakramente, die
Geistlichkeit und die Kirche, beobachten jedoch uerlich den Ritus der
griechischen Kirche. In ihren geheimen Versammlungen geieln sie sich
drehend und singend, bis sie halb bewutlos werden und in diesem
Zustande zu wahrsagen beginnen. Eine der ltesten Sekten Rulands. E. K.
R.




                 bersetzung franzsischer Textstellen


{[1]} Handelsreisender

{[2]} wie das Lumpengesindel

{[3]} Vorab bemerkt.

{[4]} Mein Mann irrt sich

{[5]} sich irren

{[6]} das ist falsch

{[7]} Das ist neu!

{[8]} zum Zeitvertreib

{[9]} kleines Spiel

{[10]} Scham des Reichtums

{[11]} so viel Geist

{[12]} Die Kameliendame

{[13]} in Mode

{[14]} der jngere

{[15]} Meisterwerk

{[16]} von echter Abstammung

{[17]} den Hof machen

{[18]} Kamelienherr

{[19]} meine Cousine

{[20]} Zeremonieller Mogenempfang, wrtlich: Aufstehen des Knigs.

{[21]} Elend

{[22]} Augenblick

{[23]} zur rechten Zeit

{[24]} wie es sich gehrt

{[25]} Lieber Prinz

{[26]} Lebemann

{[27]} viel Glck!

{[28]} Nach mir die Sintflut.

{[29]} die Extreme berhren sich

{[30]} Oh, wird deine heilige Schnheit erkannt / So viele Freunde hren
meinen Abschied nicht! / Mgen sie tagelang sterben, ihr Tod betrauert
werden. / Mge ein Freund ihre Augen schlieen!

{[31]} Du hast es gewollt, George Dandin!

{[32]} Was fr ein aufgeweckter Junge! Wer ist dein Vater?

{[33]} Ah, der Sohn eines Bojaren und tapfer dazu! Ich liebe die
Bojaren. Magst du mich, Kleiner?

{[34]} der kleine Bojar

{[35]} Feldzug von 1815

{[36]} Rat des Lwen

{[37]} Bah! Er wird aberglubisch!

{[38]} der Knig von Rom

{[39]} Also ein kleines Mdchen.

{[40]} Lge niemals! Napoleon, dein aufrichtiger Freund.

{[41]} Aber, mein Gott!

{[42]} Brderlichkeit oder Tod!

{[43]} Das ist sehr seltsam und sehr ernst!

{[44]} Lass ihn reden

{[45]} Wirklich?


                     Anmerkungen zur Transkription

Die Smtlichen Werke erschienen in der hier verwendeten ursprnglichen
Fassung der bersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und
Ausgaben 1906--1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert
nach:

                  F. M. Dostojewski: Smtliche Werke.
                     Erste Abteilung: Dritter Band.
                     Erste Abteilung: Vierter Band.
                               Der Idiot
                 R. Piper & Co. Verlag, Mnchen, 1918.
                       Sechste bis achte Auflage

Fr diese ebook-Ausgabe wurden der dritte und der vierte Band vereinigt.
Band 4 beginnt mit Dritter Teil. Zwischen Band 3 und Band 4 (zwischen
den Seiten 628 und 653) gibt es eine Lcke in der Seitennumerierung.
Dabei handelt es sich lediglich um einen Fehler in den gedruckten
Seitennummern, es fehlen keine Seiten.

Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der Smtlichen
Werke vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den
ursprnglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr,
Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt
nach der Titelseite eingefgt.

Funoten wurden am Ende des Buches gesammelt.

Die Bearbeiter haben diesem Text bersetzungen der franzsischen
Textstellen in Form von Funoten hinzugefgt und der _public domain_ zur
Verfgung gestellt.

Diese zustzlichen Funoten sind mit { } markiert.

Zu den Anfhrungszeichen: Gesprche wurden in doppelte Anfhrungszeichen
() eingeschlossen. Die Wiedergabe von uerungen anderer innerhalb von
Gesprchen wurde in einfache Anfhrungszeichen (><) eingeschlossen.

Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der
Buchstabe  (oder auch "j") steht fr den kyrillischen Buchstaben
ja. Die Schreibweise hufig vorkommender russischer Namen wurde
vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):

   Burdowskij (Burdowski)
   Ismailowskij (Ismailowsky)
   Jeropjegoff (Jeropjekoff)
   Parfen (Parfenn)
   Pjotr (Pjoter)
   Ptizyn (Ptizin)
   Ssemjonowitsch (Semjonowitsch)
   Timofej (Timofei)
   Tozkij (Totzkij)

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere
nderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des
russischen Originaltextes, sind hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 23]:
   ... zur Heiligen Verklrungskirche. Auer diesen uerst ...
   ... zur Heiligen Verklrungskirche. Auer diesem uerst ...

   [S. 144]:
   ... einsamen Berge aufsuchte, um allein zu sein, begegneten ...
   ... einsamen Berge aufsuchte, um allein zu sein, begegnete ...

   [S. 235]:
   ... Familie empfindet ... nun, und, versteht sich auf fr ...
   ... Familie empfindet ... nun, und, versteht sich auch fr ...

   [S. 240]:
   ... sein kein origineller Mensch. Merken Sie sich, lieber ...
   ... sei kein origineller Mensch. Merken Sie sich, lieber ...

   [S. 267]:
   ... rief seine Andeutung doch gewisses Erstaunen und ...
   ... rief seine Anmeldung doch gewisses Erstaunen und ...

   [S. 301]:
   ... Nastassja Filippowna! sagte im beschwrendem, ...
   ... Nastassja Filippowna! sagte in beschwrendem, ...

   [S. 603]:
   ... Das ist es ja, wei der Teufel, womit Sie einem ...
   ... Das ist es ja, wei der Teufel, womit Sie einen ...

   [S. 698]:
   ... schien, wenn ihnen so viel Verehrer folgten. ...
   ... schien, wenn ihnen so viele Verehrer folgten. ...

   [S. 753]:
   ... mich nun betrifft, als Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts, ...
   ... mich nun betrifft, als Mensch des neunzehnten Jahrhunderts, ...

   [S. 771]:
   ... und dem zu sterben selbstverstndlich nichts kostete. Ich ...
   ... und den zu sterben selbstverstndlich nichts kostete. Ich ...

   [S. 1193]:
   ... Stuhl und sah in angstvoll an. Wohl eine halbe ...
   ... Stuhl und sah ihn angstvoll an. Wohl eine halbe ...

   [S. 1198]:
   ... armen Idioten, und dank seine Bemhungen kam ...
   ... armen Idioten, und dank seiner Bemhungen kam ...






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Fjodor Michailowitsch Dostojewski

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including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
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or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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