The Project Gutenberg EBook of Von morgens bis mitternachts, by Georg Kaiser

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Title: Von morgens bis mitternachts

Author: Georg Kaiser

Release Date: December 18, 2019 [EBook #60952]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON MORGENS BIS MITTERNACHTS ***




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[Illustration]


                             GEORG KAISER




                              VON MORGENS
                           BIS MITTERNACHTS

                         STCK IN ZWEI TEILEN

                                 1930

                       GUSTAV KIEPENHEUER VERLAG
                                BERLIN


  Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten. Den
  Bhnen und Vereinen gegenber als Manuskript gedruckt. Verkauf und
  Verleihung dieses Exemplars, sowie das Ausschreiben der Rollen
  verboten. Das Auffhrungsrecht fr alle Lnder ist ausschlielich vom
  Bhnenvertrieb Felix Bloch Erben, Berlin-Wilmersdorf, Nikolsburger
  Platz Nr. 3 zu erwerben. Copyright 1916 by S. Fischer Verlag, Berlin.
  Gedruckt bei Poeschel & Trepte, Leipzig.




PERSONEN

  Kassierer

  Mutter

  Frau

  Erste, zweite Tochter

  Direktor

  Gehilfe

  Portier

  Erster, zweiter Herr

  Laufjunge

  Dienstmdchen

  Dame

  Sohn

  Hotelkellner

  Jdische Herren als Kampfrichter

  Erste, zweite, dritte, vierte weibliche Maske

  Herren im Frack

  Kellner

  Mdchen der Heilsarmee

  Offiziere und Soldaten der Heilsarmee

  Publikum einer Versammlung der Heilsarmee:
    Kommis, Kokotte, Arbeiter usw.

  Schutzmann

  Die kleine Stadt W. und die groe Stadt B.




ERSTER TEIL


  Kleinbankkassenraum. Links Schalteranlage und Tr mit Aufschrift:
  Direktor. In der Mitte Tr mit Schild: Zur Stahlkammer. Ausgangstr
  rechts hinter Barriere. Daneben Rohrsofa und Tisch mit Wasserflasche
  und Glas.

  Im Schalter Kassierer und am Pult Gehilfe, schreibend. Im Rohrsofa
  sitzt der fette Herr, prustet. Jemand geht rechts hinaus. Am Schalter
  Laufjunge sieht ihm nach.

    KASSIERER

  klopft auf die Schalterplatte.

    LAUFJUNGE

  legt rasch seinen Zettel auf die wartende Hand.

    KASSIERER

  schreibt, holt Geld unter dem Schalter hervor, zhlt sich in die Hand
  -- dann auf das Zahlbrett.

    LAUFJUNGE

  rckt mit dem Zahlbrett auf die Seite und schttet das Geld in einen
  Leinenbeutel.

    HERR

  steht auf.

Dann sind wir Dicken an der Reihe.

  Er holt einen prallen Lederbeutel aus dem Mantelinnern.

  Dame kommt. Kostbarer Pelz, Geknister von Seide.

    HERR

  stutzt.

    DAME

  klinkt mit einigem Bemhen die Barriere auf, lchelt unwillkrlich
  den Herrn an.

Endlich.

    HERR

  verzieht den Mund.

    KASSIERER

  klopft ungeduldig.

    DAME

  fragende Geste gegen den Herrn.

    HERR

  zurckstehend.

Wir Dicken immer zuletzt.

    DAME

  verneigt sich leicht, tritt an den Schalter.

    KASSIERER

  klopft.

    DAME

  ffnet ihre Handtasche, entnimmt ein Kuvert und legt es auf die Hand
  des Kassierers.

Ich bitte dreitausend.

    KASSIERER

  dreht und wendet das Kuvert, schiebt es zurck.

    DAME

  begreift.

Pardon.

  Sie zieht den Brief aus dem Umschlag und reicht ihn hin.

    KASSIERER

  wie vorher.

    DAME

  entfaltet noch das Papier.

Dreitausend bitte.

    KASSIERER

  berfliegt das Papier und legt es dem Gehilfen hin.

    GEHILFE

  steht auf und geht aus der Tr mit dem Schild: Direktor.

    HERR

  sich wieder im Rohrsofa niederlassend.

Bei mir dauert es lnger. Bei uns Dicken dauert es immer etwas lnger.

    KASSIERER

  beschftigt sich mit Geldzhlen.

    DAME

Ich bitte: in Scheinen.

    KASSIERER

  verharrt gebckt.

    DIREKTOR

  jung, kugelrund -- mit dem Papier links heraus.

Wer ist --

  Er verstummt der Dame gegenber.

    GEHILFE

  schreibt wieder an seinem Pult.

    HERR

  laut.

Morgen, Direktor.

    DIREKTOR

  flchtig dahin.

Geht's gut?

    HERR

  sich auf den Bauch klopfend.

Es kugelt sich, Direktor.

    DIREKTOR

  lacht kurz. Zur Dame.

Sie wollen bei uns abheben?

    DAME

Dreitausend.

    DIREKTOR

Ja drei -- dreitausend wrde ich mit Vergngen auszahlen --

    DAME

Ist der Brief nicht in Ordnung?

    DIREKTOR

  slich, wichtig.

Der Brief geht in Ordnung. ber zwlftausend --

  Buchstabierend.

Banko --

    DAME

Meine Bank in Florenz versicherte mich --

    DIREKTOR

Die Bank in Florenz hat Ihnen den Brief richtig ausgestellt.

    DAME

Dann begreife ich nicht --

    DIREKTOR

Sie haben in Florenz die Ausfertigung dieses Briefes beantragt --

    DAME

Allerdings.

    DIREKTOR

Zwlftausend -- und zahlbar an den Pltzen --

    DAME

Die ich auf der Reise berhre.

    DIREKTOR

Der Bank in Florenz haben Sie mehrere Unterschriften geben mssen --

    DAME

Die an die im Brief bezeichneten Banken geschickt sind, um mich
auszuweisen.

    DIREKTOR

Wir haben den Avis mit Ihrer Unterschrift nicht bekommen.

    HERR

  hustet; blinzelt den Direktor an.

    DAME

Dann mte ich mich gedulden, bis --

    DIREKTOR

Irgendwas mssen wir doch in Hnden haben!

    EIN HERR

  winterlich mit Fellmtze und Wollschal vermummt -- kommt, stellt sich
  am Schalter auf. Er schiet wtende Blicke nach der Dame.

    DAME

Darauf bin ich so wenig vorbereitet --

    DIREKTOR

  plump lachend.

Wir sind noch weniger vorbereitet, nmlich gar nicht!

    DAME

Ich brauche so notwendig das Geld!

    HERR

  im Sofa lacht laut.

    DIREKTOR

Ja, wer brauchte keins?

    HERR

  im Sofa wiehert.

    DIREKTOR

  sich ein Publikum machend.

Ich zum Beispiel --

  zum Herrn am Schalter.

Sie haben wohl mehr Zeit als ich. Sie sehen doch, ich spreche mit der
Dame noch. -- Ja, gndige Frau, wie haben Sie sich das gedacht? Soll
ich Ihnen auszahlen -- auf Ihre --

    HERR

  im Sofa kichert.

    DAME

  rasch.

Ich wohne im Elefant.

    HERR

  im Sofa prustet.

    DIREKTOR

Ihre Adresse erfahre ich mit Vergngen, gndige Frau. Im Elefant
verkehre ich am Stammtisch.

    DAME

Kann der Besitzer mich nicht legitimieren?

    DIREKTOR

Kennt Sie der Wirt schon nher?

    HERR

  im Sofa amsiert sich kstlich.

    DAME

Ich habe mein Gepck im Hotel.

    DIREKTOR

Soll ich Koffer und Kfferchen auf seinen Inhalt untersuchen?

    DAME

Ich bin in der fatalsten Situation.

    DIREKTOR

Dann reichen wir uns die Hnde: Sie sind nicht in der Lage -- ich bin
nicht in der Lage. Das ist die Lage.

  Er gibt ihr das Papier zurck.

    DAME

Was raten Sie mir nun zu tun?

    DIREKTOR

Unser Stdtchen ist doch ein nettes Nest -- der Elefant ein
renommiertes Haus -- die Gegend hat Umgegend -- Sie machen diese oder
jene angenehme Bekanntschaften -- und die Zeit geht hin -- mal Tag, mal
Nacht -- wie sich's macht.

    DAME

Es kommt mir hier auf einige Tage nicht an.

    DIREKTOR

Die Gesellschaft im Elefant wird sich freuen, etwas beizutragen.

    DAME

Nur heute liegt es mir dringend an dreitausend!

    DIREKTOR

  zum Herrn im Sofa.

Brgt jemand hier fr eine Dame aus der Fremde auf dreitausend?

    DAME

Das knnte ich wohl nicht annehmen. Darf ich bitten, mir sofort, wenn
die Besttigung von Florenz eintrifft, telephonisch Mitteilung zu
machen. Ich bleibe im Elefant auf meinem Zimmer.

    DIREKTOR

Persnlich -- wie gndige Frau es wnschen!

    DAME

Wie ich am raschesten benachrichtigt werde.

  Sie schiebt das Papier in das Kuvert und steckt es in die Tasche.

Ich spreche am Nachmittag noch selbst vor.

    DIREKTOR

Ich stehe zur Verfgung.

    DAME

  grt kurz, ab.

    HERR

  am Schalter rckt vor und knallt in der Faust einen zerknllten
  Zettel auf die Platte.

    DIREKTOR

  ohne davon Notiz zu nehmen, sieht belustigt nach dem Herrn im Sofa.

    HERR

  im Sofa zieht die Luft ein.

    DIREKTOR

  lacht.

Smtliche Wohlgerche Italiens -- aus der Parfmflasche.

    HERR

  im Sofa fchelt sich mit der flachen Hand.

    DIREKTOR

Das macht hei, was?

    HERR

  im Sofa, giet sich Wasser in ein Glas.

Dreitausend ist ein bichen hastig.

  Er trinkt.

Dreihundert klappern auch nicht schlecht.

    DIREKTOR

Vielleicht machen Sie billigere Offerte -- im Elefant, auf dem Zimmer?

    HERR

  im Sofa.

Fr uns Dicke ist das nichts.

    DIREKTOR

Wir sind mit unserm moralischen Bauch gesetzlich geschtzt.

    HERR

  am Schalter knallt zum zweitenmal die Faust auf die Platte.

    DIREKTOR

  gleichmtig.

Was haben Sie denn?

  Er glttet den Zettel und reicht ihn dem Kassierer hin.

    LAUFJUNGE

  hatte die Dame angegafft, dann die Sprechenden -- verfehlt die
  Barriere und rennt gegen den Herrn im Sofa.

    HERR

  im Sofa nimmt ihm den Beutel weg.

Ja, mein Junge, das kostet was -- schne Mdchen angaffen. Jetzt bist
du deinen Beutel los.

    LAUFJUNGE

  lacht ihn verlegen an.

    HERR

Was machst du denn nun, wenn du nach Hause kommst?

    LAUFJUNGE

  lacht.

    HERR

  gibt ihm den Beutel wieder.

Merk' dir das fr dein Leben. Du bist der erste nicht, dem die Augen
durchgehen -- und der ganze Mensch rollt nach.

    LAUFJUNGE

  ab.

    KASSIERER

  hat einige Mnzen aufgezhlt.

    DIREKTOR

Solch einem Schlingel vertraut man nun Geld an.

    HERR

  im Sofa.

Dummheit straft sich selbst.

    DIREKTOR

Da ein Chef nicht den Blick dafr hat. So was brennt doch bei der
ersten Gelegenheit, die sich bietet, aus. Der geborene Defraudant.

  Zum Herrn am Schalter.

Stimmt es nicht?

    HERR

  prft jedes Geldstck.

    DIREKTOR

Das ist ein Fnfundzwanzigpfennigstck. Das sind zusammen
fnfundvierzig Pfennig, mehr hatten Sie doch nicht zu verlangen?

    HERR

  steckt umstndlich ein.

    HERR

  im Sofa.

Deponieren Sie doch Ihr Kapital in der Stahlkammer! -- Nun wollen wir
Dicken mal abladen.

    HERR

  am Schalter rechts ab.

    DIREKTOR

Was bringen Sie uns denn?

    HERR

  legt den Lederbeutel auf die Platte und holt eine Brieftasche heraus.

Soll man kein Vertrauen zu Ihnen kriegen mit Ihrer feinen Kundschaft?

  Er reicht ihm die Hand.

    DIREKTOR

Jedenfalls sind wir fr schne Augen in Geschftssachen unempfnglich.

    HERR

  sein Geld aufzhlend.

Wie alt war sie? Taxe.

    DIREKTOR

Ohne Schminke habe ich sie noch nicht gesehen.

    HERR

Was will die denn hier?

    DIREKTOR

Das werden wir ja heute abend im Elefant hren.

    HERR

Wer kme denn da in Betracht?

    DIREKTOR

In Betracht knnten wir schlielich alle noch kommen!

    HERR

Wozu braucht sie denn hier dreitausend Mark?

    DIREKTOR

Sie mu sie wohl brauchen.

    HERR

Ich wnsche ihr den besten Erfolg.

    DIREKTOR

Womit?

    HERR

Da sie ihre Dreitausend kapert.

    DIREKTOR

Von mir?

    HERR

Von wem ist ja nebenschlich.

    DIREKTOR

Ich bin neugierig, wann die Nachricht von der Bank in Florenz kommt.

    HERR

Ob sie kommt!

    DIREKTOR

Ob sie kommt -- darauf bin ich allerdings noch gespannter!

    HERR

Wir knnen ja sammeln und ihr aus der Verlegenheit helfen.

    DIREKTOR

Auf hnliches wird es wohl abgesehen sein.

    HERR

Wem erzhlen Sie das?

    DIREKTOR

  lacht.

Haben Sie in der Lotterie gewonnen?

    HERR

  zum Kassierer.

Nehmen Sie mir mal ab.

  zum Direktor.

Ob wir drauen unser Geld haben oder bei Ihnen verzinsen -- richten Sie
mal ein Konto fr den Bauverein ein.

    DIREKTOR

  scharf zum Gehilfen.

Konto fr Bauverein.

    HERR

Es kommt noch mehr.

    DIREKTOR

Immer herein, meine Herrschaften. Wir knnen gerade gebrauchen.

    HERR

Also: sechzigtausend -- fnfzig Mille Papier -- zehn Mille Gold.

    KASSIERER

  zhlt.

    DIREKTOR

  nach einer Pause.

Sonst geht's noch gut?

    HERR

  zum Kassierer.

Jawohl, der Schein ist geflickt.

    DIREKTOR

Wir nehmen ihn selbstverstndlich. Wir werden ihn wieder los. Ich
reserviere ihn fr unsere Kundin aus Florenz. Sie trug ja auch
Schnheitspflsterchen.

    HERR

Es stecken aber tausend Mark dahinter.

    DIREKTOR

Liebhaberwert.

    HERR

  unbndig lachend.

Liebhaberwert -- das ist kolossal.

    DIREKTOR

  unter Trnen.

Liebhaberwert --

  Er gibt ihm die Quittung des Kassierers.

Ihre Quittung.

  Erstickend.

Sechzig -- tau -- --

    HERR

  nimmt, liest sie, ebenso.

Sechzig -- tau -- --

    DIREKTOR

Liebhaber --

    HERR

Lieb -- --

  Sie reichen sich die Hnde.

    DIREKTOR

Wir sehen uns heute abend.

    HERR

  nickend.

Liebhaber --

  Er knpft seinen Mantel, kopfschttelnd ab.

    DIREKTOR

  steht noch, wischt sich die Trnen hinter dem Kneifer. Dann links
  hinein.

    KASSIERER

  bndelt die zuletzt erhaltenen Scheine und rollt die Mnzen.

    DIREKTOR

  kommt zurck.

Diese Dame aus Florenz -- die aus Florenz kommen will -- ist Ihnen
schon einmal eine Erscheinung wie diese vorm Schalter aufgetaucht?
Pelz -- parfmiert. Das riecht nachtrglich, man zieht mit der Luft
Abenteuer ein! -- -- Das ist die groe Aufmachung. Italien, das wirkt
verblffend -- mrchenhaft. Riviera -- Mentone -- Bordighera -- Nizza
-- Monte Carlo! Ja, wo Orangen blhen, da blht auch der Schwindel. Von
Schwindel ist da unten kein Quadratmeter Erdboden frei. Dort wird der
Raubzug arrangiert. Die Gesellschaft verstreut sich in alle Winde.
Nach den kleineren Pltzen -- abseits der groen Heerstrae -- schlgt
man sich am liebsten. Dann schumend in Pelz und Seide. Weiber! Das
sind die modernen Sirenen. Singsang vom blauen Sden -- o bella Napoli.
Verfnglicher Augenaufschlag -- und man ist geplndert bis auf das
Netzhemd. Bis auf die nackte Haut -- die nackte, nackte Haut!

  Er trommelt mit seinem Bleistift dem Kassierer den Rcken.

Ich zweifle keinen Augenblick, da die Bank in Florenz, die den Brief
ausgestellt hat, so wenig von dem Brief etwas wei -- wie der Papst den
Mond bewohnt. Das Ganze ist Schwindel, von langer Hand vorbereitet.
Und seine Urheber sitzen nicht in Florenz, sondern Monte Carlo! Das
kommt zuerst in Frage. Verlassen Sie sich drauf. Wir haben hier eine
jener Existenzen gesehen, die im Sumpf des Spielpalastes gedeihen.
Und ich gebe mein zweites Wort darauf, da wir sie nicht wiedersehen.
Der erste Versuch ist miglckt, die Person wird sich vor dem zweiten
hten! -- Wenn ich auch meine Spe mache -- dabei bin ich scharfugig.
Wir vom Bankgeschft! -- Ich htte eigentlich unserm Polizeileutnant
Werde einen Wink geben sollen! -- Es geht mich ja weiter nichts an.
Schlielich ist die Bank zu Stillschweigen verpflichtet.

  An der Tr.

Verfolgen Sie mal in den auswrtigen Zeitungen: wenn Sie von einer
Hochstaplerin lesen, die hinter Schlo und Riegel sichergesetzt ist,
dann wollen wir uns wieder sprechen. Dann werden Sie mir recht geben.
Dann werden wir von unserer Freundin aus Florenz mehr hren -- als wir
heute oder morgen hier wieder von ihrem Pelz zu sehen bekommen!

  Ab.

    KASSIERER

  siegelt Rollen.

    PORTIER

  mit Briefen von rechts, sie dem Gehilfen reichend.

Eine Quittung fr eine Einschreibesendung bekomme ich wieder.

    GEHILFE

  stempelt den Zettel, gibt ihn an den Portier.

    PORTIER

  stellt noch Glas und Wasserflasche auf dem Tisch zurecht. Ab.

    GEHILFE

  trgt die Briefe in das Direktorzimmer -- kommt wieder.

    DAME

  kehrt zurck; rasch an den Schalter.

Ach Pardon.

    KASSIERER

  streckt die flache Hand hin.

    DAME

  strker.

Pardon.

    KASSIERER

  klopft.

    DAME

Ich mchte den Herrn Direktor nicht nochmal stren.

    KASSIERER

  klopft.

    DAME

  in Verzweiflung lchelnd.

Hren Sie bitte, ist das nicht mglich: ich hinterlasse der Bank
den Brief ber den ganzen Betrag und empfange einen Vorschu von
dreitausend?

    KASSIERER

  klopft ungeduldig.

    DAME

Ich bin eventuell bereit, meine Brillanten als Unterpfand
auszuhndigen. Die Steine wird Ihnen jeder Juwelier in der Stadt
abschtzen.

  Sie streift einen Handschuh ab und nestelt am Armband.

    DIENSTMDCHEN

  rasch von rechts, setzt sich ins Rohrsofa und sucht, alles
  auswhlend, im Marktkorb.

    DAME

  hat sich schwach erschreckend umgedreht: sich aufsttzend sinkt ihre
  Hand auf die Hand des Kassierers.

    KASSIERER

  dreht sich ber die Hand in seiner Hand. Jetzt ranken seine
  Brillenscheiben am Handgelenk aufwrts.

    DIENSTMDCHEN

  findet aufatmend den Schein.

    DAME

  nickt hin.

    DIENSTMDCHEN

  ordnet im Korb.

    DAME

  sich dem Kassierer zuwendend -- trifft in sein Gesicht.

    KASSIERER

  lchelt.

    DAME

  zieht ihre Hand zurck.

Ich will die Bank nicht zu Leistungen veranlassen, die sie nicht
verantworten kann.

  Sie legt das Armband an, mht sich an der Schliee. Dem Kassierer den
  Arm hinstreckend.

Wrden Sie die Freundlichkeit haben -- ich bin nicht geschickt genug
mit einer Hand nur.

    KASSIERER

  Bsche des Bartes wogen -- Brille sinkt in blhende Hhlen erffneter
  Augen.

    DAME

  zum Dienstmdchen.

Sie helfen mir, Frulein.

    DIENSTMDCHEN

  tut es.

    DAME

Noch die Sicherheitskette.

  Mit einem kleinen Schrei.

Sie stechen ja in mein offenes Fleisch. So hlt es. Vielen Dank,
Frulein.

  Sie grt noch den Kassierer. Ab.

    DIENSTMDCHEN

  am Schalter, legt ihren Schein hin.

    KASSIERER

  greift ihn in wehenden Hnden. Lange sucht er unter der Platte. Dann
  zahlt er aus.

    DIENSTMDCHEN

  sieht das aufgezhlte Geld an; dann zum Kassierer.

Das bekomme ich doch nicht?

    KASSIERER

  schreibt.

    GEHILFE

  wird aufmerksam.

    DIENSTMDCHEN

  zum Gehilfen.

Es ist doch mehr.

    GEHILFE

  sieht zum Kassierer.

    KASSIERER

  streicht einen Teil wieder ein.

    DIENSTMDCHEN

Immer noch zuviel!

    KASSIERER

  schreibt.

    DIENSTMDCHEN

  steckt kopfschttelnd das Geld in den Korb. Ab.

    KASSIERER

  durch Heiserkeit strubt sich der Laut herauf.

Holen Sie -- Glas Wasser!

    GEHILFE

  geht aus dem Schalter zum Tisch.

    KASSIERER

Das ist abgestanden. Frisches -- von der Leitung.

    GEHILFE

  geht mit dem Glas in die Stahlkammer.

    KASSIERER

  behende nach einem Klingelknopf -- drckt.

    PORTIER

  kommt.

    KASSIERER

Holen Sie frisches Wasser.

    PORTIER

Ich darf nicht von der Tr drauen weg.

    KASSIERER

Fr mich. Das ist Jauche. Ich will Wasser von der Leitung.

    PORTIER

  mit der Wasserflasche in die Stahlkammer.

    KASSIERER

  stopft mit schnellen Griffen die zuletzt gehuften Scheine und
  Geldrollen in seine Taschen. Dann nimmt er den Mantel vom Haken,
  wirft ihn ber den Arm. Noch den Hut. Er verlt den Schalter -- und
  geht rechts ab.

    DIREKTOR

  in einen Brief vertieft links herein.

Da ist ja die Besttigung von Florenz eingetroffen!

    GEHILFE

  mit dem Glas Wasser aus der Stahlkammer.

    PORTIER

  mit der Wasserflasche aus der Stahlkammer.

    DIREKTOR

  bei ihrem Anblick.

Zum Donnerwetter, was heit denn das?


  Hotelschreibzimmer. Hinten Glastr. Links Schreibtisch mit
  Telefonapparat. Rechts Sofa, Sessel mit Tisch mit Zeitschriften usw.

    DAME

  schreibt.

    SOHN

  in Hut und Mantel kommt -- im Arm groen flachen Gegenstand in ein
  Tuch gehllt.

    DAME

  berrascht.

Du hast es?

    SOHN

Unten sitzt der Weinhndler. Der schnurrige Kopf beargwhnt mich, ich
brenne ihm aus.

    DAME

Am Morgen war er doch froh, es loszuwerden.

    SOHN

Jetzt wittert er wohl allerhand.

    DAME

Du wirst ihn aufmerksam gemacht haben.

    SOHN

Ich habe mich ein bichen gefreut.

    DAME

Das mu Blinde sehend machen!

    SOHN

Sie sollen auch die Augen aufreien. Aber beruhige Dich, Mama, der
Preis ist derselbe wie am Morgen.

    DAME

Wartet der Weinhndler?

    SOHN

Den lassen wir warten.

    DAME

Ich mu dir leider mitteilen --

    SOHN

  kt sie.

Also Stille. Feierliche Stille. Du blickst erst hin, wenn ich dich dazu
auffordere.

  Er wirft Hut und Mantel ab, stellt das Bild auf einen Sessel und
  lftet das Tuch.

    DAME

Noch nicht?

    SOHN

  sehr leise.

Mama.

    DAME

  dreht sich im Stuhl um.

    SOHN

  kommt zu ihr, legt seinen Arm um ihre Schultern.

Nun?

    DAME

Das ist allerdings nicht fr eine Weinstube!

    SOHN

Es hing auch gegen die Wand gedreht. Auf die Rckseite hatte der Mann
seine Photographie gepappt.

    DAME

Hast du die mitgekauft?

    SOHN

  lacht.

Wie findest du es?

    DAME

Ich finde es -- sehr naiv.

    SOHN

Kstlich -- nicht wahr? Fr einen Cranach fabelhaft.

    DAME

Willst du es als Bild so hochschtzen?

    SOHN

Als Bild selbstverstndlich! Aber daneben das Merkwrdige der
Darstellung. Fr Cranach -- und fr die Behandlung des Gegenstandes
in der gesamten Kunst berhaupt. Wo findest du das? Pitti -- Uffizien
-- die Vatikanischen? Der Louvre ist ja ganz schwach darin. Wir
haben hier zweifellos die erste und einzige erotische Figuration des
ersten Menschenpaares. Hier liegt noch der Apfel im Gras -- aus dem
unsglichen Laubgrn lugt die Schlange -- der Vorgang spielt sich also
im Paradies selbst ab und nicht nach der Verstoung. Das ist der
wirkliche Sndenfall! -- Ein Unikum. Cranach hat ja Dutzend Adam und
Eva gemalt -- steif -- mit dem Zweige in der Mitte -- und vor allem
die zwei getrennt. Es heit da: sie erkannten sich. Hier jubelt zum
erstenmal die selige Menschheitsverkndung auf: sie liebten sich!
Hier zeigt sich ein deutscher Meister als Erotiker von sdlichster,
allersdlichster Emphatik!

  Vor dem Bild.

Dabei diese Beherrschtheit noch in der Ekstase. Diese Linie des
mnnlichen Armes, die die weibliche Hfte berschneidet. Die
Horizontale der unten gelagerten Schenkel und die Schrge des andern
Schenkelpaares. Das ermdet das Auge keinen Moment. Das erzeugt Liebe
im Hinsehen -- der Fleischton leistet natrlich die wertvollste Hilfe.
Geht es dir nicht ebenso?

    DAME

Du bist wie dein Bild naiv.

    SOHN

Was meinst du damit?

    DAME

Ich bitte dich, das Bild im Hotel in deinem Zimmer zu verbergen.

    SOHN

Zu Hause wird es ja erst mchtig auf mich wirken. Florenz und
dieser Cranach. Der Abschlu meines Buches wird natrlich weit
hinausgeschoben. Das mu verarbeitet sein. Das mu aus eigenem Fleisch
und Blut zurckstrmen, sonst versndigt sich der Kunsthistoriker.
Augenblicklich fhle ich mich ziemlich erschlagen. -- Auf der ersten
Station dieser Reise das Bild zu finden!

    DAME

Du vermutetest es doch mit Sicherheit.

    SOHN

Aber vor dem Ereignis steht man doch geblendet. Ist es nicht zum
Verrcktwerden? Mama, ich bin ein Glcksmensch!

    DAME

Du ziehst die Resultate aus deinen eingehenden Studien.

    SOHN

Und ohne deine Hilfe? Ohne deine Gte?

    DAME

Ich finde mein Glck mit dir darin.

    SOHN

Du bst endlose Nachsicht mit mir. Ich reie dich aus deinem schnen,
ruhigen Leben in Fiesole. Du bist Italienerin, ich hetze dich durch
Deutschland mitten im Winter. Du bernachtest im Schlafwagen -- Hotels
zweiter, dritter Gte -- schlgst dich mit allerhand Leuten herum --

    DAME

Das habe ich allerdings reichlich gekostet!

    SOHN

Ich verspreche dir, mich zu beeilen. Ich bin ja selbst ungeduldig, den
Schatz in Sicherheit zu bringen. Um drei reisen wir. Willst du mir die
Dreitausend geben?

    DAME

Ich habe sie nicht.

    SOHN

Der Besitzer des Bildes ist im Hotel.

    DAME

Die Bank konnte sie mir nicht auszahlen. Von Florenz mu sich die
Benachrichtigung verzgert haben.

    SOHN

Ich habe die Bezahlung zugesagt.

    DAME

Dann mut du ihm das Bild wieder ausliefern, bis die Bank Auftrag
erhlt.

    SOHN

Lt sich das nicht beschleunigen?

    DAME

Ich habe hier ein Telegramm aufgesetzt, da ich jetzt besorgen lasse.
Wir sind ja schnell gereist --

    KELLNER

  klopft an.

    DAME

Bitte.

    KELLNER

Ein Herr von der Bank wnscht gndige Frau zu sprechen.

    DAME

  zum Sohn.

Da wird mir das Geld schon ins Hotel geschickt.

  Zum Kellner.

Ich bitte.

    KELLNER

  ab.

    SOHN

Du rufst mich, wenn du mir das Geld geben kannst. Ich lasse den Mann
nicht gern wieder aus dem Hotel gehen.

    DAME

Ich telephoniere dir.

    SOHN

Ich sitze unten.

  Ab.

    DAME

  schliet die Schreibmappe.

  Kellner und Kassierer erscheinen hinter der Glastr. Kassierer
  berholt den Kellner, ffnet; Kellner kehrt um, ab.

    KASSIERER

  noch Mantel berm Arm -- tritt ein.

    DAME

  zeigt nach einem Sessel und setzt sich ins Sofa.

    KASSIERER

  den Mantel bei sich, auf dem Sessel.

    DAME

Bei der Bank ist --

    KASSIERER

  sieht das Bild.

    DAME

Dies Bild steht in enger Beziehung zu meinem Besuch auf der Bank.

    KASSIERER

Sie?

    DAME

Entdecken Sie hnlichkeiten?

    KASSIERER

  lchelnd.

Am Handgelenk!

    DAME

Sind Sie Kenner?

    KASSIERER

Ich wnsche -- mehr kennenzulernen!

    DAME

Interessieren Sie diese Bilder?

    KASSIERER

Ich bin im Bilde!

    DAME

Finden sich noch Stcke bei Besitzern in der Stadt? Sie wrden mir
einen Dienst erweisen. Das ist mir ja wichtiger -- so wichtig wie das
Geld!

    KASSIERER

Geld habe ich.

    DAME

Am Ende wird die Summe nicht gengen, ber die ich meinen Brief
ausstellen lie.

    KASSIERER

  packt die Scheine und Rollen aus.

Das ist genug!

    DAME

Ich kann nur zwlftausend erheben.

    KASSIERER

Sechzigtausend!

    DAME

Auf welche Weise?

    KASSIERER

Meine Angelegenheit.

    DAME

Wie soll ich --?

    KASSIERER

Wir reisen.

    DAME

Wohin?

    KASSIERER

ber die Grenze. Packen Sie Ihren Koffer -- wenn Sie einen haben. Sie
reisen vom Bahnhof ab -- ich laufe bis zur nchsten Station zu Fu und
steige zu. Wir logieren zum ersten Male -- -- Kursbuch?

  Er findet es auf dem Tische.

    DAME

Bringen Sie mir denn von der Bank ber dreitausend?

    KASSIERER

  beschftigt.

Ich habe sechzigtausend eingesteckt. Fnfzigtausend in Scheinen --
zehntausend in Gold.

    DAME

Davon gehren mir --?

    KASSIERER

  bricht eine Rolle auf und zhlt fachmnnisch die Stcke in eine Hand
  vor, dann auf den Tisch hin.

Nehmen Sie. Stecken Sie fort. Wir knnten belauscht sein. Die Tr hat
Glasscheiben. Fnfhundert in Gold.

    DAME

Fnfhundert?

    KASSIERER

Spter mehr. Wenn wir in Sicherheit sind. Hier drfen wir nichts sehen
lassen. Vorwrts. Einkassiert. Fr Zrtlichkeiten ist diese Stunde
nicht geeignet, sie dreht rasend ihre Speichen, in denen jeder Arm
zermalmt wird, der eingreift!

  Er springt auf.

    DAME

Ich brauche dreitausend.

    KASSIERER

Wenn sie die Polizei in Ihrer Tasche findet, sind Sie hinter Schlo und
Riegel gesetzt!

    DAME

Was geht es die Polizei an?

    KASSIERER

Sie erfllten den Kassenraum. An Sie hakt sich der Verdacht, und unsere
Verkettung liegt zutage.

    DAME

Ich betrat den Kassenraum --

    KASSIERER

Unverfroren.

    DAME

Ich forderte --

    KASSIERER

Sie versuchten.

    DAME

Ich suchte --

    KASSIERER

-- die Bank zu prellen, als Sie Ihren geflschten Brief prsentierten.

    DAME

  aus ihrer Handtasche den Brief nehmend.

Dieser Brief ist nicht echt?

    KASSIERER

So unecht wie Ihre Brillanten.

    DAME

Ich bot meine Wertsachen als Pfand an. Warum sind meine Pretiosen
Imitationen?

    KASSIERER

Damen Ihres Schlages blenden nur.

    DAME

Von welchem Schlage bin ich denn? Schwarzhaarig -- mein Teint ist
dunkel. Ich bin sdlicher Schlag. Toskana.

    KASSIERER

Monte Carlo!

    DAME

  lchelt.

Nein, Florenz!

    KASSIERER

  sein Blick strzt auf Hut und Mantel des Sohnes.

Komme ich zu spt?

    DAME

Zu spt?

    KASSIERER

Wo ist er? Ich werde mit ihm verhandeln. Er wird mit sich handeln
lassen. Ich habe Mittel. Wieviel soll ich ihm bieten? Wie hoch
veranschlagen Sie die Entschdigung? Wieviel stopfe ich ihm in die
Tasche? Ich steigere bis zu fnfzehntausend! -- Schlft er? Rekelt er
sich im Bett? Wo ist Euer Zimmer? Zwanzigtausend -- fnftausend mehr
fr unverzgerten Abstand!

  Er rafft Hut und Mantel vom Sessel.

Ich bringe ihm seine Sachen.

    DAME

  verwundert.

Der Herr sitzt im Vestibl.

    KASSIERER

Das ist zu gefhrlich. Es ist belebt unten. Rufen Sie ihn herauf.
Ich setze ihn hier matt. Klingeln Sie. Der Kellner soll fliegen.
Zwanzigtausend -- in Scheinen!

  Er zhlt auf.

    DAME

Kann mein Sohn mich legitimieren?

    KASSIERER

  prallt zurck.

Ihr -- -- Sohn?!

    DAME

Ich reise mit ihm. Ich begleite ihn auf einer Studienreise, die uns
von Florenz nach Deutschland fhrt. Mein Sohn sucht Material fr sein
kunsthistorisches Werk.

    KASSIERER

  starrt sie an.

-- -- Sohn?!

    DAME

Ist das so ungeheuerlich?

    KASSIERER

  wirr.

Dies -- -- Bild?!

    DAME

Ist sein glcklicher Fund. Mit dreitausend bezahlt es mein Sohn. Das
sind die von mir sehnlich gewnschten Dreitausend. Ein Weingrohndler
-- den Sie ja kennen werden, wenn Sie seinen Namen hren -- berlt es
ihm zu diesem Preis.

    KASSIERER

-- -- Pelz -- -- Seide -- -- es schillerte und knisterte -- -- die Luft
wogte von allen Parfmen!

    DAME

Es ist Winter. Ich trage nach meinen Begriffen keine besondere Kleidung.

    KASSIERER

Der falsche Brief?!

    DAME

Ich bin im Begriff, an meine Bank zu depeschieren!

    KASSIERER

Ihr Handgelenk nackt -- -- um das ich die Kette ranken sollte?!

    DAME

Die linke Hand allein ist ungeschickt.

    KASSIERER

  dumpf.

Ich habe -- -- das Geld eingesteckt -- -- -- --

    DAME

  belustigt.

Sind Sie und die Polizei nun zufrieden? Mein Sohn ist wissenschaftlich
nicht unbekannt.

    KASSIERER

Jetzt -- -- in diesem Moment werde ich vermit. Ich hatte Wasser fr
mich bestellt, um den Gehilfen zu entfernen -- zweimal Wasser, um die
Tr vom Portier zu entblen. Die Noten und Rollen sind verschwunden.
Ich habe defraudiert! -- -- Ich darf mich nicht in den Straen --
auf dem Markt sehen lassen. Ich darf den Bahnhof nicht betreten. Die
Polizei ist auf den Beinen. Sechzigtausend! -- -- Ich mu bers Feld --
quer durch den Schnee, bevor die Gendarmen alarmiert sind!

    DAME

  entsetzt.

Schweigen Sie doch!

    KASSIERER

Ich habe alles Geld eingesteckt -- -- Sie erfllten den Kassenraum --
-- Sie schillerten und knisterten -- -- Sie senkten Ihre nackte Hand
in meine -- -- Sie rochen hei -- -- Ihr Mund roch -- --

    DAME

Ich bin eine Dame!

    KASSIERER

  stier.

Jetzt mssen Sie doch -- --!!

    DAME

  sich bezwingend.

Sind Sie verheiratet?

  Auf seine schwingende Geste.

Ich meine, das gilt sehr viel. Wenn ich es nicht berhaupt als einen
Scherz auffassen soll. Sie haben sich zu einer unberlegten Handlung
hinreien lassen. Sie reparieren den Schaden. Sie kehren in Ihren
Schalter zurck und schtzen ein momentanes Unwohlsein vor. Sie haben
den vollen Betrag noch bei sich?

    KASSIERER

Ich habe mich an der Kasse vergriffen --

    DAME

  schroff.

Das interessiert mich dann nicht weiter.

    KASSIERER

Ich habe die Bank geplndert --

    DAME

Sie belstigen mich, mein Herr.

    KASSIERER

Jetzt mssen Sie -- --

    DAME

Was ich mte --

    KASSIERER

Jetzt mssen Sie doch!!

    DAME

Lcherlich.

    KASSIERER

Ich habe geraubt, gestohlen. Ich habe mich ausgeliefert -- ich habe
meine Existenz vernichtet -- alle Brcken sind gesprengt -- ich bin ein
Dieb -- Ruber -- --

  ber den Tisch geworfen.

Jetzt mssen Sie doch -- -- jetzt mssen Sie doch!!!

    DAME

Ich werde Ihnen meinen Sohn rufen, vielleicht -- --

    KASSIERER

  verndert, agil.

Jemanden rufen? Allerweltsleute rufen? Alarm schlagen? Groartig! --
Dumm. Plump. Mich fangen sie nicht ein. In die Falle trete ich nicht.
Ich habe meinen Witz, meine Herrschaften. Euer Witz tappt hinterher --
ich immer zehn Kilometer voraus. Rhren Sie sich nicht. Stillgesessen,
bis ich --

  Er steckt das Geld ein, drckt den Hut ins Gesicht, pret den Mantel
  auf die Brust.

Bis ich --

  Behende geruschlos durch die Glastr ab.

    DAME

  steht verwirrt.

    SOHN

  kommt.

Der Herr von der Bank ging aus dem Hotel. Du bist erregt, Mama. Ist das
Geld --

    DAME

Die Unterhaltung hat mich angestrengt. Geldsachen, Jungchen. Du weit,
es reizt mich immer etwas.

    SOHN

Sind Schwierigkeiten entstanden, die die Auszahlung wieder aufhalten?

    DAME

Ich mte es dir vielleicht doch sagen --

    SOHN

Mu ich das Bild zurckgeben?

    DAME

An das Bild denke ich nicht.

    SOHN

Das geht uns doch am meisten an.

    DAME

Ich glaube, ich mu sogleich eine Anzeige erstatten.

    SOHN

Was fr eine Anzeige?

    DAME

Die Depesche besorge. Ich mu unter allen Umstnden von meiner Bank
eine Besttigung in Hnden haben.

    SOHN

Gengt dein Bankbrief nicht?

    DAME

Nein. Nicht ganz. Geh nach dem Telegraphenamt. Ich mchte den Portier
nicht mit der offenen Depesche schicken.

    SOHN

Und wann kommt nun das Geld?

  Das Telephon schrillt.

    DAME

Da werde ich schon angerufen.

  Am Apparat.

Ist eingetroffen. Ich soll selbst abheben. Gern. Aber bitte, Herr
Direktor. Ich bin gar nicht aufgebracht. Florenz ist weit. Ja, die Post
in Italien. Wie? Warum? Wie? Ja, warum? Ach so -- via Berlin, das
ist allerdings ein groer Umweg. -- Mit keinem Gedanken. Danke, Herr
Direktor. In zehn Minuten. Adieu.

  Zum Sohn.

Erledigt, Junge. Meine Depesche ist berflssig geworden.

  Sie zerreit das Formular.

Du hast dein Bild. Dein Weinhndler begleitet uns. Er nimmt auf der
Bank den Betrag in Empfang. Verpacke deinen Schatz. Von der Bank fahren
wir zum Bahnhof.

  Telephonierend, whrend Sohn das Bild verhllt.

Ich bitte um die Rechnung. Zimmer vierzehn und sechzehn. Sehr eilig.
Bitte.


  Verschneites Feld mit Baum mit tiefreichender Astwirrnis.
  Blauschattende Sonne.

    KASSIERER

  kommt, rckwrts gehend. Er schaufelt mit den Hnden seine Spur zu.
  Sich aufrichtend.

Solch ein Mensch ist doch ein Wunderwerk. Der Mechanismus klappt in
Scharnieren -- lautlos. Pltzlich sind Fhigkeiten ermittelt und mit
Schwung ttig. Wie gebrden sich meine Hnde? Wo haben sie Schnee
geschippt? Jetzt wuchten sie die Massen, da die Flocken stuben.
berdies ist meine Spur ber das Schneefeld wirkungsvoll verwischt.
Erzielt ist ein undurchsichtiges Inkognito!

  Er streift die erweichten Manschetten ab.

Nsse und Frost begnstigen scharfe Erkltungen. Unversehens bricht
Fieber aus und beeinflut die Entschlsse. Man verliert die Kontrolle
ber seine Handlungen, und aufs Krankenbett geworfen, ist man geliefert!

  Er knpft die Knpfe heraus und schleudert die Manschetten weg.

Ausgedient. Da liegt. Ihr werdet in der Wsche fehlen. Das Lamento
plrrt durch die Kche: ein Paar Manschetten fehlt. Katastrophe im
Waschkessel. Weltuntergang!

  Er sammelt die Manschetten wieder auf und stopft sie in die
  Manteltaschen.

Toll: da arbeitet mein Witz schon wieder. Mit unfehlbarer Sicherheit.
Ich qule mich mit dem zerstampften Schnee ab und verrate mich mit
zwei leichtsinnig verschleuderten Wschestcken. Meist ist es eine
Kleinigkeit -- ein Versehen -- eine Flchtigkeit, die den Tter
feststellt. Hopla!

  Er sucht sich einen bequemen Sitz in einer Astgabel.

Ich bin doch neugierig. Meine Spannung ist gewaltig geschwollen. Ich
habe Grund, mich auf die wichtigsten Entdeckungen gefat zu machen.
Im Fluge gewonnene Erfahrungen stehen mir zur Seite. Am Morgen noch
erprobter Beamter. Man vertraut mir runde Vermgen an, der Bauverein
deponiert Riesensummen. Mittags ein durchtriebener Halunke. Mit
allen Wassern gewaschen. Die Technik der Flucht bis in die Details
durchgebildet. Das Ding gedreht und hin. Fabelhafte Leistung. Und der
Tag erst zur Hlfte bezwungen!

  Er sttzt das Kinn auf die Faustrcken.

Ich bin bereit, jedem Vorfall eine offene Brust zu bieten. Ich besitze
untrgliche Zeichen, keinem Anspruch die Antwort schuldig zu bleiben.
Ich bin auf dem Marsche -- Umkehr findet nicht statt. Ich marschiere
-- also ohne viel Federlesen heraus mit den Trmpfen. Ich habe
sechzigtausend auf die Karte gesetzt -- und erwarte den Trumpf. Ich
spiele zu hoch, um zu verlieren. Keine Flausen -- aufgedeckt und heda!
Verstanden?

  Er lacht ein krchzendes Gelchter.

Jetzt mssen Sie, schne Dame. Ihr Stichwort, seidene Dame. Bringen
Sie es doch, schillernde Dame, Sie lassen ja die Szene unter den
Tisch fallen. Dummes Luder. Und sowas spielt Komdie. Kommt euren
natrlichen Verpflichtungen nach, zeugt Kinder -- und belstigt
nicht die Souffleuse! Verzeihung, Sie haben ja einen Sohn. Sie sind
vollstndig legitimiert. Ich liquidiere meine Verdchtigungen. Leben
Sie wohl und gren Sie den Direktor. Seine Kalbsaugen werden Sie mit
einem eklen Schleim bestreichen, aber machen Sie sich nichts draus.
Der Mann ist um sechzigtausend geprellt, der Bauverein wird ihm das
Dach neu beschindeln. Das klappert erbrmlich. Ich entbinde Sie aller
Verpflichtungen gegen mich, Sie sind entlassen, Sie knnen gehen.
-- Halt! Nehmen Sie meinen Dank auf den Weg -- in die Eisenbahn! --
Was? Keine Ursache? -- Ich denke, bedeutende! Nicht der Rede wert? --
Sie scherzen, Ihr Schuldner! Wieso? -- Ich verdanke Ihnen das Leben!
-- Um Himmels willen! -- Ich bertreibe! Mich haben Sie, knisternd,
aufgelockert. Ein Sprung hinter Sie drein stellt mich in den Brennpunkt
unerhrter Geschehnisse. Und mit der Fracht in der Brusttasche zahle
ich alle Begnstigungen bar!

  Mit einer nachlssigen Geste.

Verduften Sie jetzt, Sie sind bereits berboten und knnen bei
beschrnkten Mitteln -- ziehen Sie sich Ihren Sohn zu Gemte -- auf
keinen Zuschlag hoffen!

  Er holt das Banknotenbndel aus der Tasche und klatscht es auf die
  Hand.

Ich zahle bar! Der Betrag ist flssig gemacht -- Regulierung luft dem
Angebot voraus. Vorwrts, was bietet sich?

  Er sieht in das Feld.

Schnee. Schnee. Sonne. Stille.

  Er schttelt den Kopf und steckt das Geld ein.

Es wre eine schamlose bervorteilung -- mit dieser Summe blauen Schnee
zu bezahlen. Ich mache das Geschft nicht. Ich trete vor dem Abschlu
zurck. Keine reelle Sache!

  Die Arme aufwerfend.

Ich mu bezahlen!! -- -- Ich habe das Geld bar!! -- -- Wo ist Ware, die
man mit dem vollen Einsatz kauft?! Mit sechzigtausend -- und dem ganzen
Kufer mit Haut und Knochen?! -- --

  Schreiend.

Ihr mt mir doch liefern -- -- ihr mt doch Wert und Gegenwert in
Einklang bringen!!!!

  Sonne von Wolken verfinstert. Er steigt aus der Gabel.

Die Erde kreit -- Frhlingsstrme. Es macht sich, es macht sich.
Ich wute, da ich nicht umsonst gerufen habe. Die Aufforderung war
dringend. Das Chaos ist beleidigt, es will sich nicht vor meiner
eingreifenden Tat am Vormittag blamieren. Ich wute es ja, man darf in
solchen Fllen nicht locker lassen. Hart auf den Leib rcken -- und
das Mntelchen vom Leib, dann zeigt sich was! -- Vor wem lfte ich denn
so hflich meinen Hut?

  Sein Hut ist ihm entrissen. Der Orkan hat den Schnee von den Zweigen
  gepeitscht: Reste in der Krone haften und bauen ein menschliches
  Gerippe mit grinsenden Kiefern auf. Eine Knochenhand hlt den Hut.

Hast du die ganze Zeit hinter mir gesessen und mich belauscht?
Bist du ein Abgesandter der Polizei? Nicht in diesem lcherlich
beschrnkten Sinne. Umfassend: Polizei des Daseins? -- Bist du die
erschpfende Antwort auf meine nachdrckliche Befragung? Willst du
mit deiner einigermaen reichlich durchlcherten Existenz andeuten:
das abschlieende Ergebnis -- deine Abgebranntheit? -- Das ist etwas
drftig. Sehr drftig. Nmlich nichts! -- Ich lehne die Auskunft
als nicht lckenlos ab. Ich danke fr die Bedienung. Schlieen Sie
Ihren Laden mit alten Knochen. Ich bin nicht der erste beste, der
sich beschwatzen lt! -- Der Vorgang wre ja ungeheuer einfach. Sie
entheben der weiteren Verwickelungen. Aber ich schtze Komplikationen
hher. Leben Sie wohl -- wenn Sie das in Ihrer Verfassung knnen! --
Ich habe noch einiges zu erledigen. Wenn man unterwegs ist, kann man
nicht in jede Haustr eintreten. Auch auf die freundlichste Einladung
nicht. Ich sehe bis zum Abend noch eine ganze Menge Verpflichtungen
vor mir. Sie knnen unmglich die erste sein. Vielleicht die letzte.
Aber auch dann nur notgedrungen. Vergngen macht es mir nicht. Aber,
wie gesagt, notgedrungen -- darber lt sich reden. Rufen Sie mich
gegen Mitternacht nochmals an. Wechselnde Telephonnummer beim Amt zu
erfragen! -- Verzeihung, ich rede dich mit Sie an. Wir stehen doch wohl
auf du und du. Die Verwandtschaft bezeugt sich innigst. Ich glaube
sogar, du steckst in mir drin. Also winde dich aus dem Astwerk los,
das dich von allen Seiten durchsticht, und rutsche in mich hinein. Ich
hinterlasse in meiner zweideutigen Lage nicht gern Spuren. Vorher gib
mir meinen Hut wieder!

  Er nimmt den Hut vom Ast, den der Sturm ihm jetzt entgegenbiegt --
  verbeugt sich.

Ich sehe, wir haben bis zu einem annehmbaren Grade eine Verstndigung
erzielt. Das ist ein Anfang, der Vertrauen einflt und im Wirbel
kommender groartiger Ereignisse den ntigen Rckhalt schafft. Ich wei
das unbedingt zu wrdigen. Mit vorzglicher Hochachtung -- --

  Donner rollt. Ein letzter Windsto fegt auch das Gebilde aus dem
  Baum. Sonne bricht durch. Es ist hell wie zu Anfang.

Ich sagte doch gleich, da die Erscheinung nur vorbergehend war!

  Er drckt den Hut in die Stirn, schlgt den Mantelkragen hoch und
  trabt durch den stubenden Schnee weg.




ZWEITER TEIL


  Stube bei Kassierer. Fenster mit abgeblhten Geranien. Zwei Tren
  hinten, Tr rechts. Tisch und Sthle. Klavier.

  Mutter sitzt am Fenster. Erste Tochter stickt am Tisch. Zweite
  Tochter bt die Tannhuserouvertre. Frau geht durch die Tr rechts
  hinten ein und aus.

    MUTTER

Was spielst du jetzt?

    ERSTE TOCHTER

Es ist doch die Tannhuserouvertre.

    MUTTER

Die Weie Dame ist auch sehr schn.

    ERSTE TOCHTER

Die hat sie diese Woche nickt abonniert.

    FRAU

  kommt.

Es ist Zeit, da ich die Koteletts brate.

    ERSTE TOCHTER

Lange noch nicht, Mutter.

    FRAU

Nein, es ist noch nicht Zeit, da ich die Koteletts brate.

  Ab.

    MUTTER

Was stickst du jetzt?

    ERSTE TOCHTER

Die Langetten.

    FRAU

  kommt zur Mutter.

Wir haben heute Koteletts.

    MUTTER

Bratest du sie jetzt?

    FRAU

Es hat noch Zeit. Es ist ja noch nicht Mittag.

    ERSTE TOCHTER

Es ist ja noch lange nicht Mittag.

    FRAU

Nein, es ist noch lange nicht Mittag.

    MUTTER

Wenn er kommt, ist es Mittag.

    FRAU

Er kommt noch nicht.

    ERSTE TOCHTER

Wenn Vater kommt, ist es Mittag.

    FRAU

Ja.

  Ab.

    ZWEITE TOCHTER

  aufhrend, lauschend.

Vater?

    ERSTE TOCHTER

  ebenso.

Vater?

    FRAU

  kommt.

Mein Mann?

    MUTTER

Mein Sohn?

    ZWEITE TOCHTER

  ffnet rechts.

Vater!

    ERSTE TOCHTER

  ist aufgestanden.

Vater!

    FRAU

Der Mann!

    MUTTER

Der Sohn!

    KASSIERER

  tritt rechts ein, hngt Hut und Mantel auf.

    FRAU

Woher kommst du?

    KASSIERER

Vom Friedhof.

    MUTTER

Ist jemand pltzlich gestorben?

    KASSIERER

  klopft ihr auf den Rcken.

Man kann wohl pltzlich sterben, aber nicht pltzlich begraben werden.

    FRAU

Woher kommst du?

    KASSIERER

Aus dem Grabe. Ich habe meine Stirn durch Schollen gebohrt. Hier hngt
noch Eis. Es hat besondere Anstrengungen gekostet, um durchzukommen.
Ganz besondere Anstrengungen. Ich habe mir die Finger etwas beschmutzt.
Man mu lange Finger machen, um hinauszugreifen. Man liegt tief
gebettet. So ein Leben lang schaufelt mchtig. Berge sind auf einen
getrmt. Schutt, Mll -- es ist ein riesiger Abladeplatz. Die
Gestorbenen liegen ihre drei Meter abgezhlt unter der Oberflche --
die Lebenden verschttet es immer tiefer.

    FRAU

Du bist eingefroren -- oben und unten.

    KASSIERER

Aufgetaut! Von Strmen -- frhlinghaft -- geschttelt. Es rauschte und
brauste -- ich sage dir, es hieb mir das Fleisch herunter, und mein
Gebein sa nackt. Knochen -- gebleicht in Minuten. Schdelsttte!
Zuletzt schmolz mich die Sonne wieder zusammen. Dermaen von Grund auf
geschah die Erneuerung. Da habt ihr mich.

    MUTTER

Du bist im Freien gewesen?

    KASSIERER

In scheulichen Verliesen, Mutter! Unter abgrundsteilen Trmen bodenlos
verhaftet. Klirrende Ketten betubten das Gehr. Von Finsternis meine
Augen ausgestochen!

    FRAU

Die Bank ist geschlossen. Der Direktor hat mit euch getrunken. Es ist
ein freudiges Ereignis in seiner Familie?

    KASSIERER

Er hat eine neue Mtresse auf dem Korn. Italienerin -- Pelz -- Seide
-- wo die Orangen blhen. Handgelenke wie geschliffen. Schwarzhaarig
-- der Teint ist dunkel. Brillanten. Echt -- alles echt. Tos -- Tos --
der Schlu klingt wie Kanaan. Hol' einen Atlas. Tos -- Kanaan. Gibt
es das? Ist es eine Insel? Ein Gebirge? Ein Sumpf? Die Geographie
kann ber alles Auskunft geben! Aber er wird sich schneiden. Glatt
abfallen -- abgebrstet werden wie ein Flocken. Da liegt er -- zappelt
auf dem Teppich -- Beine kerzengerade in die Luft -- das kugelfette
Direktorchen!

    FRAU

Die Bank hat nicht geschlossen?

    KASSIERER

Niemals, Frau. Die Kerker schlieen sich niemals. Der Zuzug hat kein
Ende. Die ewige Wallfahrt ist unbegrenzt. Wie Hammelherden hopsen sie
hinein -- in die Fleischbank. Das Gewhl ist dicht. Kein Entrinnen --
oder mit keckem Satz ber den Rcken!

    MUTTER

Dein Mantel ist auf dem Rcken zerrissen.

    KASSIERER

Betrachtet meinen Hut. Ein Landstreicher!

    ZWEITE TOCHTER

Das Futter ist zerfetzt.

    KASSIERER

Greift in die Taschen -- rechts -- links!

    ERSTE TOCHTER

  zieht eine Manschette hervor.

    ZWEITE TOCHTER

  ebenso.

    KASSIERER

Befund?

    BEIDE TCHTER

Deine Manschetten.

    KASSIERER

Ohne Knpfe. Die Knpfe habe ich hier. Triumph der Kaltbltigkeit! --
-- Paletot -- Hut -- ja, es geht ohne Fetzen nicht ab, wenn man ber
die Rcken setzt. Sie fassen nach einem -- sie krallen Ngel ein!
Hrden und Schranken -- Ordnung mu herrschen. Gleichheit fr alle.
Aber ein tchtiger Sprung -- nicht gefackelt -- und du bist aus dem
Pferch -- aus dem Gpelwerk. Ein Gewaltstreich, und hier stehe ich!
Hinter mir nichts -- und vor mir?

  Er sieht sich im Zimmer um.

    FRAU

  starrt ihn an.

    MUTTER

  halblaut.

Er ist krank.

    FRAU

  mit raschem Entschlu zur Tr rechts.

    KASSIERER

  hlt sie auf. Zu einer Tochter.

Hol' meine Jacke.

  Tochter links hinten hinein, mit verschnrter Samtjacke zurck. Er
  zieht sie an.

Meine Pantoffeln.

  Die andere Tochter bringt sie.

Mein Kppchen.

  Tochter kommt mit gestickter Kappe.

Meine Pfeife.

    MUTTER

Du sollst nicht rauchen, wenn du schon --

    FRAU

  beschwichtigt sie hastig.

-- Soll ich dir anstecken?

    KASSIERER

  fertig huslich gekleidet -- nimmt am Tisch eine bequeme Haltung an.

Steck' an.

    FRAU

  immer sorgenvoll eifrig um ihn bemht.

Zieht sie?

    KASSIERER

  mit der Pfeife beschftigt.

Ich werde sie zur grndlichen Reinigung schicken mssen. Im Rohr sind
wahrscheinlich Ansammlungen von unverbrauchten Tabakresten. Der Zug
ist nicht frei von inneren Widerstnden. Ich mu mehr, als eigentlich
notwendig sein sollte, ziehen.

    FRAU

Soll ich sie gleich forttragen?

    KASSIERER

Nein, geblieben.

  Mchtige Rauchwolken ausstoend.

Annehmbar.

  Zur zweiten Tochter.

Spiel'.

    ZWEITE TOCHTER

  auf das Zeichen der Frau setzt sich ans Klavier und spielt.

    KASSIERER

Was ist das fr ein Stck?

    ZWEITE TOCHTER

  atemlos.

Wagner.

    KASSIERER

  nickt zustimmend. Zur ersten Tochter.

Nhst -- flickst -- stopfst Du?

    ERSTE TOCHTER

  sich rasch hinsetzend.

Ich sticke Langetten.

    KASSIERER

Praktisch. -- Und Mutterchen, Du?

    MUTTER

  von der allgemeinen Angst angesteckt.

Ich nickte ein bichen vor mich hin.

    KASSIERER

Friedvoll.

    MUTTER

Ja, mein Leben ist Frieden geworden.

    KASSIERER

  zur Frau.

Du?

    FRAU

Ich will die Koteletts braten.

    KASSIERER

  nickt.

Die Kche.

    FRAU

Ich brate dir deins jetzt.

    KASSIERER

  wie vorher.

Die Kche.

    FRAU

  ab.

    KASSIERER

  zur ersten Tochter.

Sperre die Tren auf.

    ERSTE TOCHTER

  stt die Tren hinten zurck: rechts ist in der Kche die Frau am
  Herd beschftigt, links die Schlafkammer mit den beiden Betten.

    FRAU

  in der Tr.

Ist dir sehr warm?

  Wieder am Herd.

    KASSIERER

  herumblickend.

Alte Mutter am Fenster. Tchter am Tisch stickend -- Wagner spielend.
Frau die Kche besorgend. Von vier Wnden umbaut -- Familienleben.
Hbsche Gemtlichkeit des Zusammenseins. Mutter -- Sohn -- Kind
versammelt sind. Vertraulicher Zauber. Er spinnt ein. Stube mit Tisch
und Hngelampe. Klavier rechts. Kachelofen. Kche, tgliche Nahrung.
Morgens Kaffee, mittags Koteletts. Schlafkammer -- Betten, hinein
-- hinaus. Vertraulicher Zauber. Zuletzt -- auf dem Rcken -- steif
und wei. Der Tisch wird hier an die Wand gerckt -- ein gelber Sarg
streckt sich schrg, Beschlge abschraubbar -- um die Lampe etwas Flor
-- ein Jahr wird nicht das Klavier gespielt -- -- --

    ZWEITE TOCHTER

  hrt auf und luft schluchzend in die Kche.

    FRAU

  auf der Schwelle, fliegend.

Sie bt noch an dem neuen Stck.

    MUTTER

Warum abonniert sie nicht auf die Weie Dame?

    KASSIERER

  verlscht die Pfeife. Er beginnt sich wieder umzukleiden.

    FRAU

Gehst du in die Bank? Du hattest einen Geschftsweg?

    KASSIERER

In die Bank -- Geschftsweg -- nein.

    FRAU

Wohin willst du jetzt?

    KASSIERER

Schwerste Frage, Frau. Ich bin von wehenden Bumen niedergeklettert,
um eine Antwort aufzusuchen. Hier sprach ich zuerst vor. Es war doch
selbstverstndlich. Es ist ja alles wunderschn -- unstreitbare Vorzge
verkleinere ich nicht, aber vor letzten Prfungen besteht es nicht.
Hier liegt es nicht -- damit ist der Weg angezeigt. Ich erhalte ein
klares Nein.

  Er hat seinen frheren Anzug vollendet.

    FRAU

  zerrissen.

Mann, wie entstellt siehst du aus?

    KASSIERER

Landstreicher. Ich sagte es ja. Scheltet nicht! Besser ein
verwahrloster Wanderer auf der Strae -- als Straen leer von Wanderern!

    FRAU

Wir essen jetzt zu Mittag.

    KASSIERER

Koteletts, ich rieche sie.

    MUTTER

Vor dem Mittagessen willst du --?

    KASSIERER

Ein voller Magen macht schlfrig.

    MUTTER

  fuchtelt pltzlich mit den Armen durch die Luft, fllt zurck.

    ERSTE TOCHTER

Die Gromutter --

    ZWEITE TOCHTER

  aus der Kche.

Gromutter --

  Beide sinken an ihren Knien nieder.

    FRAU

  steht steif.

    KASSIERER

  tritt zum Sessel.

Daran stirbt sie, weil einer einmal vor dem Mittagessen weggeht.

  Er betrachtet die Tote.

Schmerz? Trbsal? Trnengsse, verschwemmend? Sind die Bande so eng
geknpft -- da, wenn sie zerrissen, im geballten Leid es sich erfllt?
Mutter -- Sohn?

  Er holt die Scheine aus der Tasche und wgt sie auf der Hand --
  schttelt den Kopf und steckt sie wieder ein.

Keine vollstndige Lhmung im Schmerz -- kein Erflltsein bis in die
Augen. Augen trocken -- Gedanken arbeiten weiter. Ich mu mich eilen,
wenn ich zu gltigen Resultaten vorstoen will!

  Er legt sein abgegriffenes Portemonnaie auf den Tisch.

Sorgt. Es ist ehrlich erworbenes Gehalt. Die Erklrung kann von
Wichtigkeit werden. Sorgt.

  Er geht rechts hinaus.

    FRAU

  steht unbeweglich.

    DIREKTOR

  durch die offene Tr rechts.

Ist Ihr Mann zu Hause? -- Ist Ihr Mann hierher gekommen? -- Ich habe
Ihnen leider die betrbende Mitteilung zu machen, da er sich an der
Kasse vergriffen hat. Wir haben seine Verfehlung schon seit einigen
Stunden entdeckt. Es handelt sich um die Summe von sechzigtausend Mark,
die der Bauverein deponierte. Die Anzeige habe ich in der Hoffnung noch
zurckgehalten, da er sich besinnen wrde. -- Dies ist mein letzter
Versuch. Ich bin persnlich gekommen. -- Ihr Mann ist nicht hier
gewesen?

  Er sieht sich um, gewahrt Jacke, Pfeife usw., alle offenen Tren.

Dem Anschein nach --

  Seine Blicke haften auf der Gruppe am Fenster, nickt.

Ich sehe, die Dinge sind schon in ein vorgercktes Stadium getreten.
Dann allerdings --

  Er zuckt die Achseln, setzt den Hut auf.

Es bleibt ein aufrichtiges, privates Bedauern, an dem es nicht fehlt --
sonst die Konsequenzen.

  Ab.

    BEIDE TCHTER

  nhern sich der Frau.

Mutter --

    FRAU

  ausbrechend.

Kreischt mir nicht in die Ohren. Glotzt mich nicht an. Was wollt ihr
von mir? Wer seid ihr? Fratzen -- Affengesichter -- was geht ihr mich
an?

  ber den Tisch geworfen.

Mich hat mein Mann verlassen!!

    BEIDE TCHTER

  scheu -- halten sich an den Hnden.


  Sportpalast. Sechstagerennen. Bogenlampenlicht.

  Im Dunstraum rohgezimmerte freischwebende Holzbrcke. Die jdischen
  Herren als Kampfrichter kommen und gehen. Alle sind ununterscheidbar:
  kleine bewegliche Gestalten, in Smoking, stumpfen Seidenhut im
  Nacken, am Riemen das Binokel.

  Rollendes Getse von Rdern ber Bohlen.

  Pfeifen, Heulen, Meckern geballter Zuschauermenge aus Hhe und Tiefe.
  Musikkapellen.

    EIN HERR

  kommend.

Ist alles vorbereitet?

    EIN HERR

Sehen Sie doch.

    EIN HERR

  durchs Glas.

Die Blattpflanzen --

    EIN HERR

Was ist mit den Blattpflanzen?

    EIN HERR

Zweifellos.

    EIN HERR

Was ist denn mit den Blattpflanzen?

    EIN HERR

Wer hat denn das Arrangement gestellt?

    EIN HERR

Sie haben recht.

    EIN HERR

Das ist ja irrsinnig.

    EIN HERR

Hat sich denn niemand um die Aufstellung gekmmert?

    EIN HERR

Einfach lcherlich.

    EIN HERR

Der Betreffende mu selbst blind sein.

    EIN HERR

Oder schlafen.

    EIN HERR

Das ist die einzig annehmbare Erklrung bei dieser Veranstaltung.

    EIN HERR

Was reden Sie -- schlafen? Wir fahren doch erst in der vierten Nacht.

    EIN HERR

Die Kbel mssen mehr auf die Seite gerckt werden.

    EIN HERR

Gehen Sie?

    EIN HERR

Ganz an die Wnde.

    EIN HERR

Der berblick mu frei auf die ganze Bahn sein.

    EIN HERR

Die Loge mu offen liegen.

    EIN HERR

Ich gehe mit.

  Alle ab.

    EIN HERR

  kommt, feuert einen Pistolenschu. Ab.

    ZWEI HERREN

  kommen mit einem rotlackierten Megaphon.

    DER EINE HERR

Wie hoch ist die Prmie?

    DER ANDERE HERR

Achtzig Mark. Dem ersten fnfzig. Dem zweiten dreiig.

    DER EINE HERR

Drei Runden. Mehr nicht. Wir erschpfen die Fahrer.

    DER ANDERE HERR

  spricht durch das Megaphon.

Eine Preisstiftung von achtzig Mark aus der Bar sofort auszufahren ber
drei Runden! dem ersten fnfzig Mark -- dem zweiten dreiig Mark.

  Hndeklatschen.

    MEHRERE HERREN

  kommen, einer mit einer roten Fahne.

    EIN HERR

Geben Sie den Start.

    EIN HERR

Noch nicht, Nummer sieben wechselt die Mannschaft.

    EIN HERR

Start.

    EIN HERR

  senkt die rote Fahne.

  Anwachsender Lrm. Dann Hndeklatschen und Pfeifen.

    EIN HERR

Die Schwachen mssen auch mal gewinnen.

    EIN HERR

Es ist gut, da die Groen sich zurckhalten.

    EIN HERR

Die Nacht wird ihnen noch zu schaffen machen.

    EIN HERR

Die Aufregung unter den Fahrern ist ungeheuer.

    EIN HERR

Es lt sich denken.

    EIN HERR

Passen Sie auf, diese Nacht fllt die Entscheidung.

    EIN HERR

  achselzuckend.

Die Amerikaner sind noch frisch.

    EIN HERR

Unsere Deutschen werden ihnen schon auf den Zahn fhlen.

    EIN HERR

Jedenfalls htte sich dann der Besuch gelohnt.

    EIN HERR

  durchs Glas.

Jetzt ist die Loge klar.

  Alle bis auf den Herrn mit dem Megaphon ab.

    EIN HERR

  mit einem Zettel.

Das Resultat.

    DER HERR

  durchs Megaphon.

Prmie aus der Bar: fnfzig Mark fr Nummer elf, dreiig Mark fr
Nummer vier.

  Musiktusch.

  Pfeifen und Klatschen.

  Die Brcke ist leer.

  Ein Herr kommt mit Kassierer. Kassierer im Frack, Frackumhang,
  Zylinder, Glacs; Bart ist spitz zugestutzt; Haar tief gescheitelt.

    KASSIERER

Erklren Sie mir den Sinn --

    DER HERR

Ich stelle Sie vor.

    KASSIERER

Mein Name tut nichts zur Sache.

    DER HERR

Sie haben ein Recht, da ich Sie mit dem Prsidium bekannt mache.

    KASSIERER

Ich bleibe inkognito.

    DER HERR

Sie sind ein Freund unsres Sports.

    KASSIERER

Ich verstehe nicht das mindeste davon. Was machen die Kerle da unten?
Ich sehe einen Kreis und die bunte Schlangenlinie. Manchmal mischt sich
ein anderer ein und ein anderer hrt auf. Warum?

    DER HERR

Die Fahrer liegen paarweise im Rennen. Whrend ein Partner fhrt --

    KASSIERER

Schlft sich der andere Bengel aus?

    DER HERR

Er wird massiert.

    KASSIERER

Und das nennen Sie Sechstagerennen?

    DER HERR

Wieso?

    KASSIERER

Ebenso knnte es Sechstageschlafen heien. Geschlafen wird ja
fortwhrend von einem Partner.

    EIN HERR

  kommt.

Die Brcke ist nur fr die Leitung des Rennens erlaubt.

    DER ERSTE HERR

Eine Stiftung von tausend Mark dieses Herrn.

    DER ANDERE HERR

Gestatten Sie mir, da ich mich vorstelle.

    KASSIERER

Keineswegs.

    DER ERSTE HERR

Der Herr wnscht sein Inkognito zu wahren.

    KASSIERER

Undurchsichtig.

    DER ERSTE HERR

Ich habe Erklrungen gegeben.

    KASSIERER

Ja, finden Sie es nicht komisch?

    DER ZWEITE HERR

Inwiefern?

    KASSIERER

Dies Sechstageschlafen.

    DER ZWEITE HERR

Also tausend Mark ber wieviel Runden?

    KASSIERER

Nach Belieben.

    DER ZWEITE HERR

Wieviel dem ersten?

    KASSIERER

Nach Belieben.

    DER ZWEITE HERR

Achthundert und zweihundert.

  Durchs Megaphon.

Preisstiftung eines ungenannt bleiben wollenden Herrn ber zehn Runden
sofort auszufahren: dem ersten achthundert -- dem zweiten zweihundert.
Zusammen tausend Mark.

  Gewaltiger Lrm.

    DER ERSTE HERR

Dann sagen Sie mir, wenn die Veranstaltung fr Sie nur Gegenstand der
Ironie ist, weshalb machen Sie eine Preisstiftung in der Hhe von
tausend Mark?

    KASSIERER

Weil die Wirkung fabelhaft ist.

    DER ERSTE HERR

Auf das Tempo der Fahrer?

    KASSIERER

Unsinn.

    EIN HERR

  kommend.

Sind Sie der Herr, der tausend Mark stiftet?

    KASSIERER

In Gold.

    DER HERR

Das wrde zu lange aufhalten.

    KASSIERER

Das Aufzhlen? Sehen Sie zu.

  Er holt eine Rolle heraus, reit sie auf, schttet den Inhalt auf
  die Hand, prft die leere Papierhlse, schleudert sie weg und zhlt
  behende die klimpernden Goldstcke in seine Handhhle.

Auerdem erleichtere ich meine Taschen.

    DER HERR

Mein Herr, Sie sind ein Fachmann in dieser Angelegenheit.

    KASSIERER

Ein Detail, mein Herr.

  Er bergibt den Betrag.

Nehmen Sie an.

    DER HERR

Dankend erhalten.

    KASSIERER

Nur ordnungsmig.

    EIN HERR

  kommend.

Wo ist der Herr? Gestatten Sie --

    KASSIERER

Nichts.

    EIN HERR

  mit der roten Fahne.

Den Start gebe ich.

    EIN HERR

Jetzt werden die Groen ins Zeug gehen.

    EIN HERR

Die Flieger liegen smtlich im Rennen.

    DER HERR

  die Fahne schwingend.

Der Start.

  Er senkt die Fahne.

  Heulendes Getse entsteht.

    KASSIERER

  zwei Herren im Nacken packend und ihre Kpfe nach hinten biegend.

Jetzt will ich Ihnen die Antwort auf Ihre Frage geben. Hinauf geschaut!

    EIN HERR

Verfolgen Sie doch die wechselnden Phasen des Kampfes unten auf der
Bahn.

    KASSIERER

Kindisch. Einer mu der erste werden, weil die andern schlechter
fahren. -- Oben entblt sich der Zauber. In dreifach
bereinandergelegten Ringen -- vollgepfropft mit Zuschauern -- tobt
Wirkung. Im ersten Rang -- anscheinend das bessere Publikum tut sich
noch Zwang an. Nur Blicke, aber weit -- rund -- stierend. Hher schon
Leiber in Bewegung. Schon Ausrufe. Mittlerer Rang! -- Ganz oben fallen
die letzten Hllen. Fanatisiertes Geschrei. Brllende Nacktheit. Die
Galerie der Leidenschaft! -- Sehen Sie doch: die Gruppe. Fnffach
verschrnkt. Fnf Kpfe auf einer Schulter. Um eine heulende Brust
gespreizt fnf Armpaare. Einer ist der Kern. Er wird erdrckt --
hinausgeschoben -- da purzelt sein steifer Hut -- im Dunst trge
sinkend -- zum mittleren Rang nieder. Einer Dame auf den Busen. Sie
kapiert es nicht. Da ruht er kstlich. Kstlich. Sie wird den Hut
nie bemerken, sie geht mit ihm zu Bett, zeitlebenslang trgt sie den
steifen Hut auf ihrem Busen!

    DER HERR

Der Belgier setzt zum Spurt an.

    KASSIERER

Der mittlere Rang kommt ins Heulen. Der Hut hat die Verbindung
geschlossen. Die Dame hat ihn gegen die Brstung zertrmmert. Ihr Busen
entwickelt breite Schwielen. Schne Dame, du mut hier an die Brstung
und deine Bste brandmarken. Du mut unweigerlich. Es ist sinnlos, sich
zu struben. Mitten im Knuel verkrallt wirst du an die Wand gepret
und mut hergeben, was du bist. Was du bist -- ohne Winseln!

    DER HERR

Kennen Sie die Dame?

    KASSIERER

Sehen Sie jetzt: oben die fnf drngen ihren Kern ber die Barriere
-- er schwebt frei -- er strzt -- da -- in den ersten Rang segelt er
hinein. Wo ist er? Wo erstickt er? Ausgelscht -- spurlos vergraben.
Interesselos. Ein Zuschauer -- ein Zufallender -- ein Zufall, nicht
mehr unter Abertausenden!

    EIN HERR

Der Deutsche rckt auf.

    KASSIERER

Der erste Rang rast. Der Kerl hat den Kontakt geschaffen. Die
Beherrschung ist zum Teufel. Die Frcke beben. Die Hemden reien.
Knpfe prasseln in alle Richtungen. Brte verschoben von zersprengten
Lippen, Gebisse klappern. Oben und mitten und unten vermischt. Ein
Heulen aus allen Ringen -- unterschiedlos. Unterschiedlos. Das ist
erreicht!

    DER HERR

  sich umwendend.

Der Deutsche hat's. Was sagen Sie nun?

    KASSIERER

Albernes Zeug.

  Furchtbarer Lrm. Hndeklatschen.

    EIN HERR

Fabelhafter Spurt.

    KASSIERER

Fabelhafter Bldsinn.

    EIN HERR

Wir stellen das Resultat im Bro fest.

  Alle ab.

    KASSIERER

  jenen Herrn festhaltend.

Haben Sie noch einen Zweifel?

    DER HERR

Die Deutschen machen das Rennen.

    KASSIERER

In zweiter Linie das, wenn Sie wollen.

  Hinaufweisend.

Das ist es, das ist als Tatsache erdrckend. Das ist letzte Ballung
des Tatschlichen. Hier schwingt es sich zu seiner schwindelhaften
Leistung auf. Vom ersten Rang bis in die Galerie Verschmelzung. Aus
siedender Auflsung des einzelnen geballt der Kern: Leidenschaft!
Beherrschungen -- Unterschiede rinnen ab. Verkleidungen von Nacktheit
gestreift: Leidenschaft! -- Hier vorzustoen ist Erlebnis. Tren --
Tore verschweben zu Dunst. Posaunen schmettern und Mauern kieseln.
Kein Widerstreben -- keine Keuschheit -- keine Mtterlichkeit -- keine
Kindschaft: Leidenschaft! Das ist es. Das ist es. Das lohnt. Das
lohnt den Griff -- das bringt auf breitem Prsentierbrett den Gewinn
geschichtet!

    EIN HERR

  kommend.

Die Sanittskolonne funktioniert tadellos.

    KASSIERER

Ist der Kerl strzend zermahlen?

    EIN HERR

Zertreten.

    KASSIERER

Es geht nicht ohne Tote ab, wo andere fiebernd leben.

    EIN HERR

  durchs Megaphon.

Resultat der Preisstiftung des ungenannt bleiben wollenden Herrn:
achthundert Mark gewonnen von Nummer zwei -- zweihundert Mark von
Nummer eins.

  Wahnsinniger Beifall. Tusch.

    EIN HERR

Die Mannschaften sind erschpft.

    EIN HERR

Das Tempo fllt zusehend ab.

    EIN HERR

Wir mssen die Manager fr Ruhe im Felde sorgen lassen.

    KASSIERER

Eine neue Stiftung!

    EIN HERR

Spter, mein Herr.

    KASSIERER

Keine Unterbrechung in dieser Situation.

    EIN HERR

Die Situation wird fr die Fahrer gefhrlich.

    KASSIERER

rgern Sie mich nicht mit den Bengels. Das Publikum kocht in
Erregungen. Das mu ausgenutzt werden. Der Brand soll eine nie erlebte
Steigerung erfahren. Fnfzigtausend Mark.

    EIN HERR

Wahrhaftig?

    EIN HERR

Wieviel?

    KASSIERER

Ich setze alles dran.

    EIN HERR

Das ist eine unerhrte Preisstiftung.

    KASSIERER

Unerhrt soll die Wirkung sein. Alarmieren Sie die Sanittskolonnen in
allen Ringen.

    EIN HERR

Wir akzeptieren die Stiftung. Wir werden sie bei besetzter Loge
ausfahren lassen.

    EIN HERR

Prachtvoll.

    EIN HERR

Groartig.

    EIN HERR

Durchaus lohnender Besuch.

    KASSIERER

Was heit das! bei besetzter Loge?

    EIN HERR

Wir beraten die Bedingungen im Bro. Dreiigtausend dem ersten,
fnfzehntausend dem zweiten -- fnftausend dem dritten.

    EIN HERR

Das Feld wird in dieser Nacht gesprengt.

    EIN HERR

Damit ist das Rennen so gut wie aus.

    EIN HERR

Jedenfalls: bei besetzter Loge.

  Alle ab.

  Mdchen der Heilsarmee kommt.

  Gelchter der Zuschauer. Pfiffe. Rufe.

    MDCHEN

  anbietend.

Der Kriegsruf -- zehn Pfennig, mein Herr.

    KASSIERER

Andermal.

    MDCHEN

Der Kriegsruf, mein Herr.

    KASSIERER

Was verhkern Sie da fr ein Kmmelblttchen?

    MDCHEN

Der Kriegsruf, mein Herr.

    KASSIERER

Sie treten versptet auf. Hier ist die Schlacht in vollem Betrieb.

    MDCHEN

  mit der Blechbchse.

Zehn Pfennig, mein Herr.

    KASSIERER

Fr zehn Pfennig wollen Sie Krieg entfachen?

    MDCHEN

Zehn Pfennig, mein Herr.

    KASSIERER

Ich bezahle hier Kriegskosten mit fnfzigtausend.

    MDCHEN

Zehn Pfennig.

    KASSIERER

Lumpiges Handgemenge. Ich subventioniere nur Hchstleistungen.

    MDCHEN

Zehn Pfennig.

    KASSIERER

Ich trage nur Gold bei mir.

    MDCHEN

Zehn Pfennig.

    KASSIERER

Gold --

    MDCHEN

Zehn --

    KASSIERER

  brllt sie durchs Megaphon an.

Gold -- Gold -- Gold!

    MDCHEN

  ab.

  Wieherndes Gelchter der Zuschauer. Hndeklatschen. Viele Herren
  kommen.

    EIN HERR

Wollen Sie selbst Ihre Stiftung bekanntgeben?

    KASSIERER

Ich bleibe im undeutlichen Hintergrund.

  Er gibt ihm das Megaphon.

Jetzt sprechen Sie. Jetzt teilen Sie die letzte Erschtterung aus.

    EIN HERR

  durchs Megaphon.

Eine neue Preisstiftung desselben ungenannt bleiben wollenden Herrn.

  Bravorufe.

Gesamtsumme fnfzigtausend Mark.

  Betubendes Schreien.

Fnftausend Mark dem dritten.

  Schreien.

Fnfzehntausend Mark dem zweiten.

  Gesteigertes Schreien.

Dem ersten dreiigtausend Mark.

  Ekstase.

    KASSIERER

  beiseite stehend, kopfnickend.

Das wird es. Daher strubt es sich empor. Das sind Erfllungen.
Heulendes Wehen vom Frhlingsorkan. Wogender Menschheitsstrom.
Entkettet -- frei. Vorhnge hoch -- Vorwnde nieder. Menschheit. Freie
Menschheit. Hoch und tief -- Mensch. Keine Ringe -- keine Schichten --
keine Klassen. Ins Unendliche schweifende Entlassenheit aus Fron und
Lohn in Leidenschaft. Rein nicht -- doch frei! -- Das wird der Erls
fr meine Keckheit.

  Er zieht das Bndel Scheine hervor.

Gern gegeben -- anstandslos beglichen!

  Pltzlich lautlose Stille.

  Nationalhymne.

  Die Herren haben die Seidenhte gezogen und stehen verneigt.

    EIN HERR

  tritt zum Kassierer.

Hndigen Sie mir den Betrag ein, um die Stiftung jetzt sofort ausfahren
zu lassen.

    KASSIERER

Was bedeutet das?

    DER HERR

Was, mein Herr?

    KASSIERER

Dieses jhe, unvermittelte Schweigen oben und unten?

    DER HERR

Durchaus nicht unvermittelt: Seine Hoheit sind in die Loge getreten.

    KASSIERER

Seine Hoheit -- in die Loge -- --

    DER HERR

Um so gnstiger kommt uns Ihre bedeutende Stiftung.

    KASSIERER

Ich denke nicht daran, mein Geld zu vergeuden!

    DER HERR

Was heit das?

    KASSIERER

Da es mir fr die Ftterung von krummen Buckeln zu teuer ist!

    DER HERR

Erklren Sie mir --

    KASSIERER

Dieser eben noch lodernde Brand ausgetreten von einem Lackstiefel am
Bein Seiner Hoheit. Sind Sie toll, mich fr so verrckt zu halten, da
ich zehn Pfennig vor Hundeschnauzen werfe! Auch das wre noch zu viel.
Einen Futritt gegen den eingeklemmten Schweif, das ist die gebotene
Stiftung!

    DER HERR

Die Stiftung ist angekndigt. Seine Hoheit warten in der Loge. Das
Publikum verharrt ehrfrchtig. Was soll das heien?

    KASSIERER

Wenn Sie es denn nicht aus meinen Worten begreifen -- dann werden Sie
die ntige Einsicht gewinnen, indem ich Ihnen mit einem Schlage ein
einwandfreies Bekenntnis meinerseits beibringe!

  Er treibt ihm den Seidenhut auf die Schultern.

  Ab.

  Noch Hymne. Schweigen. Verbeugtsein auf der Brcke.


  Ballhaus. Sonderzimmer.

  Noch dunkel.

  Gedmpft: Orchester mit Tanzrhythmen.

    KELLNER

  ffnet die Tr, dreht rotes Licht an.

    KASSIERER

  Frack, Umhang, Schal, Bambusrohr mit Goldknopf.

    KELLNER

Gefllig?

    KASSIERER

Ganz.

    KELLNER

  nimmt Umhang in Empfang.

    KASSIERER

  vorm Spiegel.

    KELLNER

Wieviel Gedecke belieben?

    KASSIERER

Vierundzwanzig. Ich erwarte meine Gromama, meine Mama, meine Frau und
weitere Tanten. Ich feiere die Konfirmation meiner Tochter.

    KELLNER

  staunend.

    KASSIERER

  zu ihm im Spiegel.

Esel. Zwei! Oder wozu polstern Sie diese diskret illuminierten Kojen?

    KELLNER

Welche Marke bevorzugen der Herr?

    KASSIERER

Gesalbter Kuppler. Das berlassen Sie mir, mein Bester, welche Blume
ich mir auf dem Parkett pflcke, Knospe oder Rose -- kurz oder schlank.
Ich will Ihre unschtzbaren Dienste nicht bermig anspannen.
Unschtzbar -- oder fhren Sie auch darber feste Tarife?

    KELLNER

Die Sektmarke des Herrn?

    KASSIERER

  ruspert.

Grand Marnier.

    KELLNER

Das ist Kognak nach dem Sekt.

    KASSIERER

Also -- darin richte ich mich entgegenkommend nach Ihnen.

    KELLNER

Zwei Flaschen Pommery. Dry?

    KASSIERER

Zwei, wie Sie sagten.

    KELLNER

Extra dry?

    KASSIERER

Zwei decken den anfnglichen Bedarf. Oder fr diskrete Bedienung drei
Flaschen extra? Gewhrt.

    KELLNER

  mit der Karte.

Das Souper?

    KASSIERER

Spitzen, Spitzen.

    KELLNER

Oeufs pochs Bergre? Poulet grill? Steak de veau truff? Parfait de
foie gras en crote? Salade coeur de laitue?

    KASSIERER

Spitzen -- von Anfang bis zu Ende nur Spitzen.

    KELLNER

Pardon?

    KASSIERER

  ihm auf die Nase tippend.

Spitzen sind letzte Ballungen in allen Dingen. Also auch aus Ihren
Kochtpfen und Bratpfannen. Das Delikateste vom Delikaten. Das Menu der
Menus. Zur Garnierung bedeutsamerer Vorgnge. Ihre Sache, mein Freund,
ich bin nicht der Koch.

    KELLNER

  stellt eine grere Karte auf den Tisch.

In zwanzig Minuten zu servieren.

  Er ordnet die Glser usw.

  Durch die Trspalte Kpfe mit seidenen Larven.

    KASSIERER

  in den Spiegel mit dem Finger drohend.

Wartet, Motten, ich werde euch gleich unter das Glhlicht halten.
Wir werden uns ber diesen Punkt auseinandersetzen, wenn wir
beieinandersitzen.

  Er nickt.

  Die kichernden Masken ab.

    KELLNER

  hngt einen Karton: Reserviert! -- an die Tr. Ab.

    KASSIERER

  schiebt den Zylinder zurck, entnimmt einem goldenen Etui Zigaretten,
  zndet an.

Auf in den Kampf, Torero -- -- Was einem nicht alles auf die Lippen
kommt. Man ist ja geladen. Alles -- einfach alles. Torero -- Carmen.
Caruso. Den Schwindel irgendwo mal gelesen -- haften geblieben.
Aufgestapelt. Ich knnte in diesem Augenblick Aufklrungen geben ber
die Verhandlungen mit der Bagdadbahn. Der Kronprinz von Rumnien
heiratet die zweite Zarentochter. Tatjana. Also los. Sie soll sich
verheiraten. Vergngtes Himmelbett. Das Volk braucht Frsten. Tat --
Tat -- jana.

  Den Bambus wippend, ab.

    KELLNER

  mit Flaschen und Khler; entkorkt und giet ein. Ab.

    KASSIERER

  eine weibliche Maske -- Harlekin in gelbrotkariertem, von Fu zu
  offener Brust knabenhaft anliegendem Anzug -- vor sich scheuchend
  herein.

Motte!

    MASKE

  um den Tisch laufend.

Sekt!

  Sie giet sich beide Glser Sekt in den Mund, fllt ins Sofa.

Sekt!

    KASSIERER

  neu vollgieend.

Flssiges Pulver. Lade deinen scheckigen Leib.

    MASKE

  trinkt

Sekt!

    KASSIERER

Batterien aufgefahren und Entladungen vorbereitet.

    MASKE

Sekt!

    KASSIERER

  die Flaschen wegstellend.

Leer.

  Er kommt in die Polster zur Maske.

Fertig zur Explosion.

    MASKE

  lehnt betrunken hinber.

    KASSIERER

  rttelt ihre schlaffen Arme.

Munter, Motte.

    MASKE

  faul.

    KASSIERER

Aufgerappelt, bunter Falter. Du hast den prickelnden gelben Honig
geleckt. Entfalte Falterflgel. berfalle mich mit dir. Vergrabe mich,
decke mich zu. Ich habe mich in einigen Beziehungen mit den gesicherten
Zustnden berworfen -- berwirf mich mit dir.

    MASKE

  lallt.

Sekt.

    KASSIERER

Nein, mein Paradiesvogel. Du hast deine hinreichende Ladung. Du bist
voll.

    MASKE

Sekt.

    KASSIERER

Keinen Spritzer. Du wirst sonst unklar. Du bringst mich um schne
Mglichkeiten.

    MASKE

Sekt.

    KASSIERER

Oder hast du keine? Also -- auf den Grund gelotet; was hast du?

    MASKE

Sekt.

    KASSIERER

Den hast du allerdings. Das heit: von mir. Was habe ich von dir?

    MASKE

  schlft ein.

    KASSIERER

Willst du dich hier ausschlafen? Kleiner Schker. Zu dermaen
ausgedehnten Scherzen fehlt mir diesmal die Zeit.

  Er steht auf, fllt ein Glas und schttet es ihr ins Gesicht.

Frhmorgens, wenn die Hhne krhn.

    MASKE

  springt auf.

Schwein!

    KASSIERER

Aparter Name. Leider bin ich nicht in der Lage, deine Vorstellung zu
erwidern. Also, Maske der weitverzweigten Rsselfamilie, rume die
Polster.

    MASKE

Das werde ich Sie eintrnken.

    KASSIERER

Mehr als billig, nachdem ich dir hinreichend eingetrnkt.

    MASKE

  ab.

    KASSIERER

  trinkt Sekt; ab.

    KELLNER

  kommt, bringt Kaviar; nimmt leere Flaschen mit.

    KASSIERER

  kommt mit zwei schwarzen Masken.

    ERSTE MASKE

  die Tr zuwerfend.

Reserviert.

    ZWEITE MASKE

  am Tisch.

Kaviar.

    ERSTE MASKE

  hinlaufend.

Kaviar.

    KASSIERER

Schwarz wie ihr. Et ihn auf. Stopft ihn euch in den Hals.

  Er sitzt zwischen beiden im Polster.

Sagt Kaviar. Fltet Sekt. Auf euren eigenen Witz verzichte ich.

  Er giet ein, fllt die Teller.

Ihr sollt nicht zu Worte kommen. Mit keiner Silbe, mit keinem Juchzer.
Stumm wie die Fische, die diesen schwarzen Kaviar ber das Schwarze
Meer laichten. Kichert, meckert, aber redet nicht. Es kommt nichts
dabei aus euch heraus. Hchstens ihr aus euren Polstern. Ich habe schon
einmal ausgerumt.

    MASKEN

  sehen sich kichernd an.

    KASSIERER

  die erste packend.

Was hast du fr Augen? Grne -- gelbe?

  Zur andern.

Deine blau -- rot? Reizendes Kugelspiel in den Schlitzen. Das verheit.
Das mu heraus. Ich setze einen Preis fr die schnste!

    MASKEN

  lachen.

    KASSIERER

  zur ersten.

Du bist die schnere. Du wehrst dich mchtig. Warte, ich reie dir den
Vorhang herunter und schaue das Ereignis an!

    MASKE

  entzieht sich ihm.

    KASSIERER

  zur andern.

Du hast dich zu verbergen? Du bist aus Scham berwltigend. Du hast
dich in diesen Ballsaal verirrt. Du streifst auf Abenteuer. Du hast
deinen Abenteurer gefunden, den du suchst. Von deinem Milch und Blut
die Larve herunter!

    MASKE

  rckt von ihm weg.

    KASSIERER

Ich bin am Ziel. Ich sitze zitternd -- mein Blut ist erwhlt. Das wird
es! -- Und nun bezahlt.

  Er holt den Pack Scheine heraus und teilt ihn.

Schne Maske, weil du schn bist. Schne Maske, weil du schn bist.

  Er hlt die Hnde vor das Gesicht.

Eins -- zwei -- drei!

    MASKEN

  lften ihre Larven.

    KASSIERER

  blickt hin -- lacht.

Deckt zu -- deckt zu -- deckt zu!

  Er luft um den Tisch.

Scheusal -- Scheusal -- Scheusal! Wollt ihr gleich -- aber sofort --
oder --

  Er schwingt seinen Bambus.

    ERSTE MASKE

Wollen Sie uns --

    ZWEITE MASKE

Sie wollen uns --

    KASSIERER

Euch will ich!

    MASKEN

  ab.

    KASSIERER

  schttelt sich, trinkt Sekt.

Kontrakte Vetteln!

  Ab.

    KELLNER

  mit neuen Flaschen. Ab.

    KASSIERER

  stt die Tr auf: im Tanz mit einer Pierrette, der der Rock bis auf
  die Schuhe reicht, herein. Er lt sie in der Mitte stehen und wirft
  sich in die Polster.

Tanze!

    MASKE

  steht still.

    KASSIERER

Tanze. Drehe deinen Wirbel. Tanze, tanze. Witz gilt nicht. Hbschheit
gilt nicht. Tanz ist es, drehend -- wirbelnd. Tanz. Tanz. Tanz!

    MASKE

  kommt an den Tisch.

    KASSIERER

  abwehrend.

Keine Pause. Keine Unterbrechung. Tanze.

    MASKE

  steht still.

    KASSIERER

Warum springst du nicht? Weit du, was Derwische sind? Tanzmenschen.
Menschen im Tanz -- ohne Tanz Leichen. Tod und Tanz -- an den Ecken des
Lebens aufgerichtet. Dazwischen --

  Das Mdchen der Heilsarmee tritt ein.

    KASSIERER

Halleluja.

    MDCHEN

Der Kriegsruf.

    KASSIERER

Zehn Pfennig.

    MDCHEN

  hlt die Bchse hin.

    KASSIERER

Wann denkst du, da ich in deine Bchse springe?

    MDCHEN

Der Kriegsruf.

    KASSIERER

Du erwartest es doch mit Bestimmtheit von mir?

    MDCHEN

Zehn Pfennig.

    KASSIERER

Also wann?

    MDCHEN

Zehn Pfennig.

    KASSIERER

Du hngst mir doch an den Frackschen?

    MDCHEN

  schttelt die Bchse.

    KASSIERER

Und ich schttle dich wieder ab!

    MDCHEN

  schttelt.

    KASSIERER

Also --

  Zur Maske.

Tanze!

    MDCHEN

  ab.

    MASKE

  kommt in die Polster.

    KASSIERER

Warum sitzt du in den Ecken des Saals und tanzt nicht in der Mitte? Du
hast mich aufmerksam auf dich gemacht. Alle springen, und du bleibst
ruhig dabei. Warum trgst du Rcke, whrend alle andern wie schlanke
Knaben entkleidet sind?

    MASKE

Ich tanze nicht.

    KASSIERER

Du tanzt nicht wie die andern?

    MASKE

Ich kann nicht tanzen.

    KASSIERER

Nicht nach der Musik -- taktmig. Das ist auch albern. Du weit andere
Tnze. Du verhllst etwas unter deinen Kleidern -- deine besonderen
Sprnge, nicht in die Klammern von Takten und Schritten zu pressen.
Eiligere Schwenkungen, die sind deine Spezialitt.

  Alles vom Tisch auf den Teppich schiebend.

Hier ist dein Tanzbrett. Spring auf. Im engen Bezirk dieser Tafel
grenzenloser Tumult. Spring auf. Vom Teppich hpf' auf. Mhelos. Von
Spiralen gehoben, die in deinen Kncheln federn. Spring. Stachle deine
Fersen. Wlbe die Schenkel. Wehe deine Rcke auf ber deinem Tanzbein.

    MASKE

  schmiegt sich im Polster an ihn.

Ich kann nicht tanzen.

    KASSIERER

Du peitschst meine Spannung. Du weit nicht, um was es geht. Du sollst
es wissen.

  Er zeigt ihr die Scheine.

Um alles!

    MASKE

  fhrt seine Hand an ihrem Bein herab.

Ich kann nicht.

    KASSIERER

  springt auf.

Ein Holzbein!!

  Er fat den Sektkhler und stlpt ihn ihr ber.

Es soll Knospen treiben, ich begiee es!

    MASKE

Jetzt sollen Sie was erleben!

    KASSIERER

Ich will ja was erleben!

    MASKE

Warten Sie hier!

  Ab.

    KASSIERER

  legt einen Schein auf den Tisch, nimmt Umhang und Stock, beeilt ab.

  Herren im Frack kommen.

    EIN HERR

Wo ist der Kerl?

    EIN HERR

Den Kumpan wollen wir uns nher ansehen.

    EIN HERR

Uns erst die Mdchen ausspannen --

    EIN HERR

Mit Sekt und Kaviar auftrumpfen --

    EIN HERR

Hinterher beschimpfen --

    EIN HERR

Das Brschchen werden wir uns kaufen --

    EIN HERR

Wo steckt er?

    EIN HERR

Abgerumt!

    EIN HERR

Ausgebrannt!

    EIN HERR

Der Kavalier hat Lunte gerochen.

    EIN HERR

  den Schein entdeckend.

Ein Tausender.

    EIN HERR

Donnerkeil.

    EIN HERR

Draht mu er haben.

    EIN HERR

Ist das die Zeche?

    EIN HERR

Ach was, durchgegangen ist er. Den Brunling machen wir unsichtbar.

  Er steckt ihn ein.

    EIN HERR

Das ist die Entschdigung.

    EIN HERR

Die Mdchen hat er uns ausgespannt.

    EIN HERR

Lat doch die Weiber sitzen.

    EIN HERR

Die sind ja doch besoffen.

    EIN HERR

Die bedrecken uns blo unsere Frcke.

    EIN HERR

Wir ziehen in ein Bordell und pachten den Bums drei Tage.

    MEHRERE HERREN

Bravo. Los. Verduften wir. Achtung, der Kellner kommt.

    KELLNER

  mit vollbesetztem Servierbrett; vorm Tisch bestrzt.

    EIN HERR

Suchen Sie jemanden?

    EIN HERR

Servieren Sie ihm doch unter dem Tisch weiter.

  Gelchter.

    KELLNER

  ausbrechend.

Der Sekt -- das Souper -- das reservierte Zimmer -- nichts ist bezahlt.
Vier Flaschen Pommery -- zwei Portionen Kaviar -- zwei Extramenus --
ich mu fr alles aufkommen. Ich habe Frau und Kinder. Ich bin seit
vier Monaten ohne Stellung gewesen. Ich hatte mir eine schwache Lunge
zugezogen. Sie knnen mich doch nicht unglcklich machen, meine Herren?

    EIN HERR

Was geht uns denn Ihre Lunge an? Frau und Kinder haben wir alle. Was
wollen Sie denn von uns? Sind wir Ihnen denn etwa durch die Lappen
gebrannt? Was denn?

    EIN HERR

Was ist denn das berhaupt fr ein Lokal? Wo sind wir denn hier? Das
ist ja eine hundsgemeine Zechprellerbude. In solche Gesellschaft locken
Sie Gste? Wir sind anstndige Gste, die bezahlen, was sie saufen.
Wie? Oder wie?

    EIN HERR

  der den Schlssel in der Tr umgesteckt hatte.

Sehen Sie doch mal hinter sich. Da haben Sie unsere Zeche auch!

  Er versetzt dem Kellner, der sich umgewandt hatte, einen Sto in den
  Rcken.

    KELLNER

  taumelt vornber, fllt auf den Teppich.

    HERREN

  ab.

    KELLNER

  richtet sich auf, luft zur Tr, findet sie verschlossen. Mit den
  Fusten auf das Holz schlagend.

Lat mich heraus -- Ihr sollt nicht bezahlen -- ich springe ins Wasser!


  Lokal der Heilsarmee -- zur Tiefe gestreckt, abgefangen von gelbem
  Vorhang mit aufgenhtem schwarzen Kreuz, gro, um einen Menschen
  aufzunehmen. Auf dem Podium rechts Bubank -- links die Posaunen und
  Kesselpauken.

  Dicht besetzte Bankreihen.

  ber allem Kronleuchter mit Gewirr von Drhten fr elektrische Lampen.

  Vorn Saaltr.

  Musik der Posaunen und Kesselpauken.

  Aus einer Ecke Hndeklatschen und Gelchter.

    SOLDAT

  Mdchen -- geht dahin und setzt sich zu dem Lrmmacher -- einem
  Kommis -- nimmt seine Hnde und flstert auf ihn ein.

    JEMAND

  aus der andern Ecke.

Immer dicht an.

    SOLDAT

  Mdchen -- geht zu diesem, einem jugendlichen Arbeiter.

    ARBEITER

Was wollen Sie denn?

    SOLDAT

  sieht ihn kopfschttelnd ernst an.

  Gelchter.

    OFFIZIER

  Frau -- oben auftretend.

Ich habe euch eine Frage vorzulegen.

  Einige zischen zur Ruhe.

    ANDERE

  belustigt.

Lauter reden. Nicht reden. Musik. Pauke. Posaunenengel.

    EINER

Anfangen.

    ANDERER

Aufhren.

    OFFIZIER

Warum sitzt ihr auf den Bnken unten?

    EINER

Warum nicht?

    OFFIZIER

Ihr fllt sie bis auf den letzten Platz. Einer stt gegen den andern.
Trotzdem ist eine Bank leer.

    EINER

Nichts zu machen.

    OFFIZIER

Warum bleibt ihr unten, wo ihr euch drngen und drcken mt? Ist
es nicht widerwrtig, so im Gedrnge zu sitzen? Wer kennt seinen
Nachbar? Ihr reibt die Knie an ihm -- und vielleicht ist jener krank.
Ihr seht in sein Gesicht -- und vielleicht wohnen hinter seiner Stirn
mrderische Gedanken. Ich wei es, es sind viele Kranke und Verbrecher
in diesem Saal. Kranke und Verbrecher kommen herein und sitzen neben
allen. Darum warne ich euch! Htet euch vor eurem Nachbar in den
Bnken. Die Bnke da unten tragen Kranke und Verbrecher!

    EINER

Meinen Sie mir oder mich?

    OFFIZIER

Ich wei es und rate euch: trennt euch von eurem Nachbar, so lautet die
Mahnung. Krankheit und Verbrechen sind allgemein in dieser asphaltenen
Stadt. Wer von euch ist ohne Aussatz? Eure Haut kann wei und glatt
sein, aber eure Blicke verknden euch. Ihr habt die Augen nicht, um zu
sehen -- eure Augen sind offen, euch zu verraten. Ihr verratet euch
selbst. Ihr seid schon nicht mehr frei von der groen Seuche. Die
Ansteckung ist stark. Ihr habt zu lange in schlimmer Nachbarschaft
gesessen. Darum, wenn ihr nicht sein wollt wie euer Nachbar in dieser
asphaltenen Stadt, tretet aus den Bnken. Es ist die letzte Mahnung.
Tut Bue. Tut Bue. Kommt herauf, kommt auf die Bubank. Kommt auf die
Bubank. Kommt auf die Bubank!

  Die Posaunen und Kesselpauken setzen ein.

    MDCHEN

  fhrt Kassierer herein.

    KASSIERER

  im Ballanzug erregt einige Aufmerksamkeit.

    MDCHEN

  weist Kassierer Platz an, setzt sich zu ihm und gibt ihm Erklrungen.

    KASSIERER

  sieht sich amsiert um.

  Musik hrt auf.

  Spttisches lautes Bravoklatschen.

    OFFIZIER

  wieder oben auftretend.

Lat euch von unserm Kameraden erzhlen, wie er den Weg zur Bubank
fand.

    SOLDAT

  jngerer Mann -- tritt auf.

    EINER

So siehst du aus.

  Gelchter.

    SOLDAT

Ich will euch berichten von meiner Snde. Ich fhrte ein Leben, ohne
an meine Seele zu denken. Ich dachte nur an den Leib. Ich stellte
ihn gleichsam vor die Seele auf und machte den Leib immer strker
und breiter davor. Die Seele war ganz verdeckt dahinter. Ich suchte
mit meinem Leib den Ruhm und wute nicht, da ich nur den Schatten
hher reckte, in dem die Seele verdorrte. Meine Snde war der Sport.
Ich bte ihn ohne eine Stunde der Besinnung. Ich war eitel auf die
Schnelligkeit meiner Fe in den Pedalen, auf die Kraft meiner Arme an
der Lenkstange. Ich verga alles, wenn die Zuschauer um mich jubelten.
Ich verdoppelte meine Anstrengung und wurde in allen Kmpfen, die mit
dem Leib gefhrt werden, erster Sieger. Mein Name prangte an allen
Plakaten, auf Bretterzunen, auf Millionen bunter Zettel. Ich wurde
Weltchampion. Endlich mahnte mich meine Seele. Sie verlor die Geduld.
Bei einem Wettkampf strzte ich. Ich verletzte mich nur leicht. Die
Seele wollte mir Zeit zur Umkehr lassen. Die Seele lie mir noch Kraft
zu einem Ausweg. Ich ging von den Bnken im Saal herauf zur Bubank. Da
hatte meine Seele Ruhe, zu mir zu sprechen. Und was sie mir erzhlt,
das kann ich hier nicht berichten. Es ist zu wunderschn und meine
Worte sind zu schwach, das zu schildern. Ihr mt selbst heraufkommen
und es in euch hren.

  Er tritt beiseite.

    EINER

  lacht unfltig.

    MEHRERE

  zischen zur Ruhe.

    MDCHEN

  leise zum Kassierer.

Hrst du ihn?

    KASSIERER

Stren Sie mich nicht.

    OFFIZIER

Ihr habt die Erzhlung unseres Kameraden gehrt. Klingt sie nicht
verlockend! Kann man etwas Schneres gewinnen als seine Seele? Und es
geht ganz leicht, denn sie ist ja in euch. Ihr mt ihr nur einmal
Ruhe gnnen. Sie will einmal still bei euch sitzen. Auf dieser Bank
sitzt sie am liebsten. Es ist gewi einer unter euch, der sndigte,
wie unser Kamerad getan. Dem will unser Kamerad helfen. Dem hat er den
Weg erffnet. Nun komm. Komm zur Bubank. Komm zur Bubank. Komm zur
Bubank!

  Es herrscht Stille.

    EINER

  krftiger, junger Mann, einen Arm im Verband, steht in einer Saalecke
  auf, durchquert verlegen lchelnd den Saal und ersteigt das Podium.

    EINER

  unfltige Zote.

    ANDERE

  entrstet.

Wer ist der Flegel?

    DER RUFER

  steht auf, strebt beschmt zur Tr.

    EINER

Das ist der Lmmel.

    SOLDAT

  Mdchen -- eilt zu ihm und fhrt ihn auf seinen Platz zurck.

    EINER

Nicht so zart anfassen.

    MEHRERE

Bravo!

    JENER

  auf dem Podium, anfangs unbeholfen.

Die asphaltene Stadt hat eine Halle errichtet. In der Sporthalle bin
ich gefahren. Ich bin Radfahrer. Ich fahre das Sechstagerennen mit. In
der zweiten Nacht bin ich von einem andern Fahrer angefahren. Ich brach
den Arm. Ich mute ausscheiden. Das Rennen rast weiter -- ich habe
Ruhe. Ich kann mich auf alles in Ruhe besinnen. Ich habe mein Leben
lang ohne Besinnen gefahren. Ich will mich auf alles besinnen -- auf
alles.

  Stark.

Auf meine Snden will ich mich auf der Bubank besinnen!

  Vom Soldat hingefhrt, sinkt er auf die Bank. Soldat bleibt eng neben
  ihm.

    OFFIZIER

Eine Seele ist gewonnen!

  Posaunen und Pauken schallen.

  Auch die im Saale verteilten Soldaten haben sich erhoben und jubeln,
  die Arme ausbreitend.

  Musik hrt auf.

    MDCHEN

  zum Kassierer.

Siehst du ihn?

    KASSIERER

Das Sechstagerennen.

    MDCHEN

Was flsterst du?

    KASSIERER

Meine Sache. Meine Sache.

    MDCHEN

Bist du bereit?

    KASSIERER

Schweigen Sie doch.

    OFFIZIER

  auftretend.

Jetzt will euch dieser Kamerad berichten.

    EINER

  zischt.

    VIELE

Ruhe!

    SOLDAT

  Mdchen -- auftretend.

Wessen Snde ist meine Snde? Ich will euch von mir ohne Scham
erzhlen. Ich hatte ein Elternhaus, in dem es wst und gemein zuging.
Der Mann -- er war mein Vater nicht -- trank. Meine Mutter gab sich
feinen Herren hin. Ich erhielt von meiner Mutter Geld, soviel ich haben
wollte. Von dem Manne Schlge, soviel ich nicht haben wollte.

  Gelchter.

Niemand pate mir auf und ich mir am wenigsten. So wurde ich eine
Verlorene. Denn ich wute damals nicht, da die wsten Zustnde zu
Hause nur dazu bestimmt waren, da ich besser auf meine Seele achten
sollte und mich ganz ihr widmen. Ich erfuhr es in einer Nacht. Ich
hatte einen Herrn bei mir und er verlangte, da wir mein Zimmer dunkel
machten. Ich drehte das Licht aus, obwohl ich es nicht so gewhnt
war. Spter, als wir zusammen waren, verstand ich seine Forderung.
Denn ich fhlte nur den Rumpf eines Mannes bei mir, an dem die Beine
abgeschnitten waren. Das sollte ich vorher nicht sehen. Er hatte
Holzbeine, die er sich heimlich abgeschnallt hatte. Da fate mich das
Entsetzen und lie mich nicht wieder los. Meinen Leib hate ich -- nur
meine Seele konnte ich noch lieben. Nun liebe ich nur noch meine Seele.
Sie ist so vollkommen, da sie das Schnste ist, was ich wei. Ich wei
zuviel von ihr, da ich es nicht alles sagen kann. Wenn ihr eure Seele
fragt, da wird sie euch alles -- alles sagen.

  Sie tritt beiseite. -- Stille im Saal.

    OFFIZIER

  auftretend.

Ihr habt die Erzhlung dieses Kameraden gehrt. Seine Seele bot sich
ihm an. Er wies sie nicht ab. Nun erzhlt er von ihr mit frohem Munde.
Bietet sich nicht einem zwischen euch jetzt seine Seele? La sie doch
zu dir. La sie reden und erzhlen, auf dieser Bank ist sie ungestrt.
Komm zur Bubank. Komm zur Bubank!

  In den Bnken Bewegung, man sieht sich um.

    KOKOTTE

  ltlich, ganz vorne, beginnt noch unten in den Saal zu reden.

Was denken Sie von mir, meine Herren und Damen? Ich bin hier nur
untergetreten, weil ich mich auf der Strae mde gelaufen hatte. Ich
geniere mich gar nicht. Ich kenne dies Lokal gar nicht. Ich bin das
erstemal hier. Ich bin rein per Zufall anwesend.

  Nun oben.

Aber Sie irren sich darin, meine Herren und Damen, wenn Sie glauben
sollten, da ich mir das ein zweites Mal htte sagen lassen sollen.
Ich danke fr diese Zumutung. Wenn Sie mich hier sehen -- bitte --
Sie knnen mich von oben bis unten betrachten, wie es Ihnen beliebt
-- mustern Sie mich bitte mit Ihren Blicken eingehend, ich vergebe
mir damit nicht das geringste. Ich geniere mich gar nicht. Sie werden
diesen Anblick nicht das zweitemal in dieser Weise genieen knnen.
Sie werden sich bitter tuschen, wenn Sie glauben, mir auch meine Seele
abkaufen zu knnen. Die habe ich noch niemals verkauft. Man htte mir
viel bieten knnen, aber meine Seele war mir denn doch nicht feil. Ich
danke Ihnen, meine verehrten Herrschaften, fr alle Komplimente. Sie
werden mich auf der Strae nicht mehr treffen. Ich habe nicht eine
Minute frei fr Sie, meine Seele lt mir keine Ruhe mehr. Ich danke
bestens, meine Herrschaften, ich geniere mich gar nicht, aber nein.

  Sie hat den Hut heruntergenommen. Jener Soldat geleitet sie zur
  Bubank.

    OFFIZIER

Eine Seele ist gewonnen!

  Pauken und Posaunen. Jubel der Soldaten.

    MDCHEN

  zum Kassierer.

Hrst du alles?

    KASSIERER

Meine Sache. Meine Sache.

    MDCHEN

Was summst du vor dich hin?

    KASSIERER

Das Holzbein.

    MDCHEN

Bist du bereit?

    KASSIERER

Noch nicht. Noch nicht.

    EINER

  in Saalmitte stehend.

Was ist meine Snde? Ich will meine Snde hren.

    OFFIZIER

  auftretend.

Unser Kamerad will euch erzhlen.

    EINIGE

  erregt.

Hinsetzen. Stille. Erzhlen.

    SOLDAT

  lterer Mann.

Lat euch von mir berichten. Es ist eine alltgliche Geschichte,
weiter nichts. Darum wurde sie meine Snde. Ich hatte eine gemtliche
Wohnung, eine zutrauliche Familie, eine bequeme Beschftigung -- es
ging immer alltglich bei mir zu. Wenn ich abends zwischen den Meinen
am Tisch unter der Lampe sa und meine Pfeife schmauchte, dann war
ich zufrieden. Ich wnschte niemals eine Vernderung in meinem Leben.
Dennoch kam sie. Den Ansto dazu wei ich nicht mehr -- oder ich
wute ihn nie. Die Seele tut sich auch ohne besondere Erschtterung
kund. Sie kennt ihre Stunde und benutzt sie. Ich konnte jedenfalls
nicht ihre Mahnung berhren. Meine Trgheit wehrte sich im Anbeginn
wohl gegen sie, aber sie war mchtiger. Das fhlte ich mehr und mehr.
Die Seele allein konnte mir dauernde Zufriedenheit schaffen. Und auf
Zufriedenheit war ich ja mein Lebtag bedacht. Jetzt finde ich sie nicht
mehr am Tisch mit der Lampe und mit der langen Pfeife im Munde, sondern
allein auf der Bubank. Das ist meine ganz alltgliche Geschichte.

  Er tritt beiseite.

    OFFIZIER

  auftretend.

Unser Kamerad hat euch -- --

    EINER

  schon kommend.

Meine Snde!

  Oben.

Ich bin Familienvater. Ich habe zwei Tchter. Ich habe meine Frau. Ich
habe meine Mutter noch. Wir wohnen alle in drei Stuben. Es ist ganz
gemtlich bei uns. Meine Tchter -- eine spielt Klavier -- eine stickt.
Meine Frau kocht. Meine Mutter begiet die Blumentpfe hinterm Fenster.
Es ist urgemtlich bei uns. Es ist die Gemtlichkeit selbst. Es ist
herrlich bei uns -- groartig -- vorbildlich -- praktisch -- musterhaft
-- --

  Verndert.

Es ist ekelhaft -- entsetzlich -- es stinkt da es ist armselig --
vollkommen durch und durch armselig mit dem Klavierspielen -- mit dem
Sticken -- mit dem Kochen -- mit dem Blumenbegieen --

  ausbrechend.

Ich habe eine Seele! Ich habe eine Seele! Ich habe eine Seele. Ich habe
eine Seele!

  Er taumelt zur Bubank.

    OFFIZIER

Eine Seele ist gewonnen!

  Posaunen und Pauken.

  Hoher Tumult im Saal.

    VIELE

  nach den Posaunen und Pauken aufrecht, auch auf den Bnken aufrecht.

Was ist meine Snde? Was ist meine Snde? Ich will meine Snde wissen!
Ich will meine Snde wissen!

    OFFIZIER

  auftretend.

Unser Kamerad will euch erzhlen.

  Tiefe Stille.

    MDCHEN

Siehst du ihn?

    KASSIERER

Meine Tchter. Meine Frau. Meine Mutter.

    MDCHEN

Was murmelst und flsterst du immer?

    KASSIERER

Meine Sache. Meine Sache. Meine Sache.

    MDCHEN

Bist du bereit?

    KASSIERER

Noch nicht. Noch nicht. Noch nicht.

    SOLDAT

  in mittleren Jahren, auftretend.

Meiner Seele war es nicht leicht gemacht, zu triumphieren. Sie mute
mich hart anfassen und rtteln. Schlielich gebrauchte sie das
schwerste Mittel. Sie schickte mich ins Gefngnis. Ich hatte in die
Kasse, die mir anvertraut war, gegriffen und einen groen Betrag
defraudiert. Ich wurde abgefat und verurteilt. Da hatte ich in der
Zelle Rast. Das hatte die Seele abgewartet. Und nun konnte sie endlich
frei zu mir sprechen. Ich mute ihr zuhren. Es wurde die schnste Zeit
meines Lebens in der einsamen Zelle. Und als ich herauskam, wollte ich
nur noch mit meiner Seele verkehren. Ich suchte nach einem stillen
Platz fr sie. Ich fand ihn auf der Bubank und finde ihn tglich, wenn
ich eine schne Stunde genieen will!

  Er tritt beiseite.

    OFFIZIER

  auftretend.

Unser Kamerad hat euch von seinen schnen Stunden auf der Bubank
erzhlt. Wer ist zwischen euch, der sich aus dieser Snde heraussehnt?
Wessen Snde ist diese, von der er sich in Frhlichkeit hier ausruht?
Hier ist Ruhe fr ihn. Komm zur Bubank!

    ALLE

  im Saal schreiend und winkend.

Das ist niemandes Snde hier! Das ist niemandes Snde hier! Ich will
meine Snde hren!! Meine Snde!! Meine Snde!! Meine Snde!!

    MDCHEN

  durchdringend.

Was rufst du?

    KASSIERER

Die Kasse.

    MDCHEN

  ganz drngend.

Bist du bereit?

    KASSIERER

Jetzt bin ich bereit!

    MDCHEN

  sich an ihn hngend.

Ich fhre dich hin. Ich stehe dir bei. Ich stehe immer bei dir.

  Ekstatisch in den Saal.

Eine Seele will laut werden. Ich habe diese Seele gesucht. Ich habe
diese Seele gesucht.

  Lrm ebbt. Ruhe surrt.

    KASSIERER

  oben, Mdchen an ihm.

Ich bin seit diesem Vormittag auf der Suche. Ich hatte Ansto
bekommen, auf die Suche zu gehen. Es war ein allgemeiner Aufbruch ohne
mgliche Rckkehr -- Abbruch aller Brcken. So war ich auf dem Marsche
seit dem Vormittag. Ich will euch mit den Stationen nicht aufhalten, an
denen ich mich nicht aufhielt. Sie lohnten alle meinen entscheidenden
Aufbruch nicht. Ich marschierte rstig weiter -- prfenden Blicks,
tastender Finger, whlenden Kopfs. Ich ging an allem vorber. Station
hinter Station versank hinter meinem wandernden Rcken. Dies war es
nicht, das war es nicht, das nchste nicht, das vierte -- fnfte
nicht! Was ist es? Was ist es nun, das diesen vollen Einsatz lohnt?
-- -- Dieser Saal! Von Klngen durchbraust -- von Bnken bestellt.
Dieser Saal! Von diesen Bnken steigt es auf -- drhnt Erfllung. Von
Schlacken befreit lobt sie sich hoch hinauf -- ausgeschmolzen aus
diesen glhenden zwei Tiegeln: Bekenntnis und Bue! Da steht es wie ein
glnzender Turm -- fest und hell: Bekenntnis und Bue! Ihr schreit sie,
euch will ich meine Geschichte erzhlen.

    MDCHEN

Sprich. Ich stehe bei dir. Ich stehe immer bei dir!

    KASSIERER

Ich bin seit diesem Morgen unterwegs. Ich bekenne: ich habe mich an
der Kasse vergriffen, die mir anvertraut war. Ich bin Bankkassierer.
Eine groe runde Summe: sechzigtausend! Ich flchtete damit in die
asphaltene Stadt. Jetzt werde ich jedenfalls verfolgt -- eine Belohnung
ist wohl auf meine Festnahme gesetzt. Ich verberge mich nicht mehr, ich
bekenne. Mit keinem Geld aus allen Bankkassen der Welt kann man sich
irgendwas von Wert kaufen. Man kauft immer weniger, als man bezahlt.
Und je mehr man bezahlt, um so geringer wird die Ware. Das Geld
verschlechtert den Wert. Das Geld verhllt das Echte -- das Geld ist
der armseligste Schwindel unter allem Betrug!

  Er holt es aus den Fracktaschen.

Dieser Saal ist der brennende Ofen, den eure Verachtung fr alles
Armselige heizt. Euch werfe ich es hin, ihr zerstampft es im Augenblick
unter euren Sohlen. Da ist etwas von dem Schwindel aus der Welt
geschafft. Ich gehe durch eure Bnke und stelle mich dem nchsten
Schutzmann: ich suche nach dem Bekenntnis die Bue! So wird es
vollkommen!

  Er schleudert aus Glachnden Scheine und Geldstcke in den Saal.

  Die Scheine flattern noch auf die Verdutzten im Saal nieder, die
  Stcke rollen unter sie. Dann ist heier Kampf um das Geld entbrannt.
  In ein kmpfendes Knuel ist die Versammlung verstrickt. Vom Podium
  strzen die Soldaten von ihren Musikinstrumenten in den Saal, die
  Bnke werden umgestoen, heisere Rufe schwirren, Fuste klatschen
  auf Leiber. Schlielich wlzt sich der verkrampfte Haufe zur Tr und
  rollt hinaus.

    MDCHEN

  das am Kampfe nicht mit teilgenommen hatte, steht allein inmitten der
  umgeworfenen Bnke.

    KASSIERER

  sieht lchelnd das Mdchen an.

Du stehst bei mir -- du stehst immer bei mir!

  Er bemerkt die verlassenen Pauken, nimmt zwei Schlgel.

Weiter.

  Kurzer Wirbel.

Von Station zu Station.

  Einzelne Paukenschlge nach Satzgruppen.

Menschenscharen dahinten. Gewimmel verronnen. Ausgebreitete Leere. Raum
geschaffen. Raum. Raum!

  Wirbel.

Ein Mdchen steht da. Aus verlaufenen Fluten -- aufrecht -- verharrend!

  Wirbel.

Mdchen und Mann. Uralte Grten aufgeschlossen. Entwlkter Himmel.
Stimme aus Baumwipfelstille. Wohlgefallen.

  Wirbel.

Mdchen und Mann -- ewige Bestndigkeit. Mdchen und Mann -- Flle im
Leeren. Mdchen und Mann -- vollendeter Anfang. Mdchen und Mann --
Keim und Krone. Mdchen und Mann -- Sinn und Ziel und Zweck.

  Paukenschlag nach Paukenschlag, nun beschliet ein endloser Wirbel.

    MDCHEN

  zieht sich nach der Tr zurck, verschwindet.

    KASSIERER

  verklingender Wirbel.

    MDCHEN

  reit die Tr auf. Zum Schutzmann, nach Kassierer weisend.

Da ist er. Ich habe ihn Ihnen gezeigt. Ich habe die Belohnung verdient!

    KASSIERER

  aus erhobenen Hnden die Schlgel fallen lassend.

Hier stehe ich. Oben stehe ich. Zwei sind zuviel. Der Raum fat nur
einen. Einsamkeit ist Raum. Raum ist Einsamkeit. Klte ist Sonne. Sonne
ist Klte. Fiebernd blutet der Leib. Fiebernd friert der Leib. Felder
de. Eis im Wachsen. Wer entrinnt? Wo ist der Ausgang?

    SCHUTZMANN

Hat der Saal andere Tren?

    MDCHEN

Nein.

    KASSIERER

  whlt in seiner Tasche.

    SCHUTZMANN

Er fat in die Tasche. Drehen Sie das Licht aus. Wir bieten ihm ein
Ziel.

    MDCHEN

  tut es.

  Bis auf eine Lampe verlscht der Kronleuchter. Die Lampe beleuchtet
  nun die hellen Drhte der Krone derart, da sie ein menschliches
  Gerippe zu bilden scheinen.

    KASSIERER

  linke Hand in der Brusttasche vergrabend, mit der rechten eine
  Posaune ergreifend und gegen den Kronleuchter blasend.

Entdeckt!

  Posaunensto.

In schneelastenden Zweigen verlacht -- jetzt im Drahtgewirr des
Kronleuchters bewillkommt!

  Posaunenste.

Ich melde dir meine Ankunft!

  Posaunensto.

Ich habe den Weg hinter mir. In steilen Kurven steigend keuche ich
herauf. Ich habe meine Krfte gebraucht. Ich habe mich nicht geschont!

  Posaunensto.

Ich habe es mir schwer gemacht und htte es so leicht haben knnen --
oben im Schneebaum, als wir auf _einem_ Ast saen. Du httest mir ein
wenig dringlicher zureden sollen. Ein Fnkchen Erleuchtung htte mir
geholfen und mir die Strapazen erspart. Es gehrt ja so lcherlich
wenig Verstand dazu!

  Posaunensto.

Warum stieg ich nieder? Warum lief ich den Weg? Wohin laufe ich noch?

  Posaunenste.

Zuerst sitzt er da -- knochennackt! Zuletzt sitzt er da --
knochennackt! Von morgens bis mitternachts rase ich im Kreise -- nun
zeigt sein fingerhergewinktes Zeichen den Ausweg -- -- wohin?!!

  Er zerschiet die Antwort in seine Hemdbrust. Die Posaune stirbt mit
  dnner werdendem Ton an seinem Mund hin.

    SCHUTZMANN

Drehen Sie das Licht wieder an.

    MDCHEN

  tut es.

  Im selben Augenblick explodieren knallend alle Lampen.

    KASSIERER

  ist mit ausgebreiteten Armen gegen das aufgenhte Kreuz des Vorhangs
  gesunken. Sein chzen hstelt wie ein Ecce -- sein Hauchen surrt wie
  ein Homo.

    SCHUTZMANN

Es ist ein Kurzschlu in der Leitung.

  Es ist ganz dunkel.




  +----------------------------------------------------------------+
  | Anmerkungen zur Transkription                                  |
  |                                                                |
  | Interpunktion wurde ohne Erwhnung korrigiert.                 |
  | Im Text wurden folgende nderungen vorgenommen:                |
  |                                                                |
  | S. 127 "worber" in "vorber" gendert.                        |
  +----------------------------------------------------------------+





End of Project Gutenberg's Von morgens bis mitternachts, by Georg Kaiser

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON MORGENS BIS MITTERNACHTS ***

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