The Project Gutenberg EBook of Die Kammerjungfer, by Marie Nathusius

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Title: Die Kammerjungfer
       Eine Stadtgeschichte

Author: Marie Nathusius

Release Date: December 18, 2019 [EBook #60954]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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  Die Kammerjungfer.


  Eine Stadtgeschichte

  von

  Maria Nathusius,

  Verfasserin der Dorfgeschichten: _Martha die Stiefmutter,
  Lorenz der Freigemeindler, Vater, Sohn und Enkel_ u. s. w.


  Halle,
  Verlag von Richard Mhlmann.
  1851.




Es bleibt dabei, ich vermiethe mich! sagte Klrchen zu ihrer Mutter. Eine
Schneiderin fhrt ein trauriges Leben, ein Tag geht so grau und einfrmig
hin wie der andere, keinen vernnftigen Menschen kriegt man zu sehen,
sitzen mu man vom Morgen bis zum Abend, und sitzen bleiben und eine alte
Jungfer werden ist das Ende vom Liede.

Du weit selbst nicht was Du willst, sagte ihre Mutter. Weit Du noch,
was Du sagtest vorigen Martinstag, wie Tante Rieke Dir den Rath gab, Du
solltest in einen Dienst gehen? Da hast Du von Sklaverei gesprochen und die
Nase germpft, und ich war's auch zufrieden: es wre doch eine Snde und
Schande, wenn eine alte Frau allein wohnen mte ohne Hlfe und Pflege.
Aber ich sage: Du weit nicht was du willst. Kannst Du's besser haben,
wie Du's jetzt hast? Bist Dein eigner Herr, kannst thun was Du willst, und
brauchst Dich nicht von fremden Leuten traktiren zu lassen. Ach, wenn ich
an _meine_ Jugend denke!

Ja, ja, Deine Jugend kenne ich, fiel ihr Klrchen schnippisch in das Wort;
so dumm wie Du werde ich nicht sein, Du httest den Rechtsgelehrten nur
festhalten sollen. Tante Rieke sagte vorgestern sehr salbungsvoll, wie
Deine Schnheit Dein Unglck gewesen; da htte sie nur aufrichtig sagen
sollen: Dein Ungeschick. Ich sage Dir aber, _meine_ Schnheit soll
glcklicher sein. -- Hierbei lachte sie, hpfte an den Spiegel und ordnete
noch einmal zum Ueberflu ihren Sonntagsstaat.

So gottvergessen wie Du habe ich nie geredet, entgegnete die Mutter, und
das Unglck ist doch ber mich gekommen, ich wei nicht wie.

Das ist's eben, fiel ihr Klrchen wieder in die Rede: Du weit nicht wie.
Gerade das nicht Wissen das ist der Fehler, ich werde aber wissen! Und nun
um alles in der Welt, hre auf zu jammern. Heute ist Sonntag. Ursach dazu
hast Du nicht, und ich sehe nicht ein, warum ich zuhren sollte. Mir steht
die ganze Welt offen, und die Welt ist schn, wunderschn! Ich vermiethe
mich, oder ich vermiethe mich nicht, es mu immer gehen. Fr jetzt ziehe
ich zur alten Frau Generalin, da habe ichs gut, und Geld im Ueberflu.

Und ich hungere, sagte die Mutter in weinerlichem Ton.

Dafr wird Tante Rieke sorgen mssen, die hat das Geld im Kasten liegen.
Es ist schndlich genug, da sie mich hat schneidern und sticheln lassen,
damit ich ihre einzige Schwester ernhre. Das hrt nun auf. Ich mu fr
meine Zukunft sorgen, mein Lohn wird gespart; wenn man das Geld in
groen Partieen einnimmt, kann man's besser festhalten, die einzelnen
Viergroschenstcke trudeln unter den Hnden fort. Tante Rieke, die die
christliche Barmherzigkeit immerfort im Munde fhrt, mag sich auch mal mit
den Hnden regen. Und kurz und gut, wenn kein Anderer da ist, ist sie die
Nchste. Und Mutterchen (setzte Klrchen schmeichelnd hinzu), Du hast nur
den Vortheil davon, wenn die Tante gepret wird; denn ich werde auch fr
Dich sorgen, da kommt's von zwei Seiten. Klage nur hbsch, und rhre ihr
Herz; aber gegen mich hre auf damit (schlo sie lachend), ich kenne Deine
Kniffe und bei mir helfen sie nichts mehr. -- Bei diesen Worten zog sie
eine schwarze seidene Mantille aus einer Schublade, und einige Geldstcke
klapperten daneben. Sie warf der Mutter ein Zweigroschenstck in den Schoo
und rief lachend: Hier, kaufe Dir Kuchen und feiere Sonntag; aber schicke
Kleist's Dortchen, dann denkt der Becker, es ist fr die Herrn Studenten.
Du verstehst mich doch?

Kleiner Tausendsapperloter! sagte die schwache Mutter. Ihr Tchterchen
hatte sie vllig beruhigt. Besonders war das Letzte ein wirksames Mittel;
und auch die Bemerkung ber die Tante Rieke war ganz richtig, diese mute
mehr geben, wenn Klrchen den Haushalt nicht unterhielt. Sie konnte es
auch, sie war eine reiche Wittwe und hatte nur eine Pflegetochter; und wenn
Klrchen dann im Stillen doch noch mit sorgte, wie es sich fr eine gute
Tochter geziemt, so stand die Mutter sich bei weitem besser.

Frau Krauter war die Wittwe eines Ginghan-Webers. Sie war in ihrer Jugend
schn und leichtsinnig gewesen, und hatte nach vielen Abenteuern den Mann
geheirathet, der schon damals innerlich und uerlich ziemlich verkommen
war. Es ward aber von Jahr zu Jahr schlechter mit ihm, und er starb,
nachdem er beinahe zehn Jahr seine Frau in fortwhrendem Jammer und in Noth
erhalten hatte. Zum Glck blieb Klrchen ihr einziges Kind, und zum Glck
hatte sie eine reiche Schwester, die ihr in der Noth eine Sttze war.
Noth und Jammer aber hatten keinen Einflu auf Frau Krauter gebt; sie war
leichtsinnig geblieben, war faul, unordentlich und genuschtig, und wenn
sie auch reichlich Thrnen ber sich und ihre Schicksale vergieen konnte,
die Thrnen kamen nicht tief aus dem Herzen; bei einer Tasse Kaffee und
einem leichtfertigen Geschwtz war bald Alles vergessen. Klrchen war das
Ebenbild der Mutter, nur da sie noch schner und zugleich schlauer war,
und so der Welt und dem Verderben noch mehr Prei gegeben.

Tante Rieke, auch Wittwe, und zwar die sehr wohlhabende Wittwe des seligen
Seifensiedermeisters Bendler, war ganz das Gegentheil der Schwester.
Sie war eine gottesfrchtige, achtbare, schlichte Brgersfrau. Sie hatte
vergeblich ihren Einflu auf Mutter und Tochter zu ben gesucht; sie
erlangte nur das eine, da beide sich vor ihr scheuten und sich soviel als
mglich von der besten Seite zeigten; und das war freilich schlimmer, als
wenn sie sich in ihrer wahren Gestalt gezeigt htten.

Nachdem Klrchen mit ihrer Mutter das mitgetheilte Zwiegesprch gehabt,
rstete sie sich singend zu ihrem Sonntagsvergngen. Die seidene Mantille
ward umgethan, und das Geld, das da herausgepoltert, in die Tasche
gesteckt. Darauf suchte sie aus einem Wust anderer Sachen ein gesticktes
baumwollenes Taschentuch hervor. Sie warf es wieder fort, denn ein langes
Ende abgerissener Spitze hing daran. Sie griff nach einem zweiten, da waren
einige Risse in der Mitte.

Die infamen baumwollenen Tcher halten fr gar nichts! sagte sie rgerlich.

Gieb her, Kind, ich hefte es gleich ein Bichen zu! trstete die Mutter,
fdelte eine Nadel ein und zog mit langen Stichen die Risse zu. Whrend
dessen suchte Klrchen aus einem Hufchen heller Glaceehandschuh das
leidlichste Paar heraus.

Wo in aller Welt nur immer die rechten Handschuh bleiben! klagte Klrchen
wieder. Linke habe ich wohl sechs, sieben, und rechte nur drei, und dumm
genug habe ich vergessen sie waschen zu lassen, sie sehen aus wie die
Mohren. Ach was! setzte sie entschlossen hinzu: ich hole ein Paar neue.
Sechs Groschen mehr oder weniger! Zu meinem himmelblauen Musselin-Kleide
gehren reine Handschuh.

Tante Rieke sagte am vergangenen Sonntag: Solltest lieber
waschlederne Handschuh tragen wie Gretchen. Denke mal an, die hat ihre
Confirmationshandschuh noch.

Wahrhaftig? staunte Klrchen; nein, das Mirakel mu ich meinen Freundinnen
erzhlen, es sieht aber akkurat aus wie Gretchen Bendler. Zur Kirche und
hchstens zu einem ehrbaren Spaziergang in's Feld werden die Handschuh
angezogen, aber eine Hand hat Gretchen in den waschledernen wie ein Eisbr.
Nun gut, ein jeder sehe wie er's treibe, ein jeder sehe wo er bleibe, sagt
Gthe. Auch sind die Gaben der Menschen verschieden. -- Bei diesen Worten
hatte sie die himmelblaue Hutschleife zugebunden, das geflickte Taschentuch
geschickt ber die schmutzigen Handschuh gelegt, und wollte nun mit einem
leichten Adieu zur Thr hinaus.

Warte, Klrchen! rief die Mutter, da kmmt Dein Hemd an der Schulter zum
Vorschein und gerade ein rechter Ratsch darin.

Stopf' es nur tief genug unter, sagte Klrchen gleichgltig, und nachdem
das geschehen, ging sie fort.

Alle Schneiderinnen, sagt man, sind unordentlich, weil sie immer mit
der Nadel fr Andere beschftigt, nie Zeit fr ihre eigne Arbeit finden.
Klrchen war es aber nicht allein als Schneiderin, sondern noch dazu als
unordentliche Tochter einer unordentlichen Mutter, und als ber ihren Stand
hinaus verwhnte und verbildete Jungfrau. Da die Kleider sechs Ellen weit
sein muten und wo mglich den Staub auf der Strae kehren, war ihr von
hchster Wichtigkeit; auch durften die Manschetten nicht fehlen, Mantillen,
Kragen, gestickte Taschentcher und Unterrcke mit Frisuren. Ob ihr Hemd
zerrissen, war ihr gleichgltig, ja, auerordentlich gleichgltig! Das sah
ja Niemand. Unangenehmer war es schon, fehlte der Hacken im Strumpf, oder
die Sohle am Schuh, aber auch das machte ihr nicht groes Bedenken, es
wurde geschickt verborgen, die langen Kleider waren auch hier von Nutzen.
Mit der Muhme Gretchen hatte sie neulich erst einen derben Strau gehabt;
denn war Gretchen auch nicht gebildet, so war sie doch gescheut und derb
und kurz angebunden. Sie sah den Unterrock mit den breiten Frisuren, und
sagte, das wre ganz verrckt nun, gar an einem Unterrock den berflssigen
Staat. Klrchen aber erklrte sachverstndig, da eine ordentliche Toilette
-- bei diesem Worte hob Gretchen etwas hhnend Klrchens Arm in die Hhe
und zeigte wie der Aermel halb aus den Nhten war; Klrchen fuhr nach
einer kurzen Entschuldigung aber rgerlich fort: da zu einer ordentlichen
Toilette solch ein Rock nothwendig sei, um die Kleider unten gehrig breit
zu erhalten. Besonders, fgte sie schnippisch hinzu, pat das fr schlanke
Leute; fr Biertonnen ist's nun mal nicht nthig. Gretchen wute darauf
keine verblmte Antwort zu geben, sie sagte aber kurz: Schme Dich was mit
Deinen Grobheiten, dafr setz' Dich hin und flicke und stopfe wo's Noth
thut, und verthu' Dein Geld nicht unntz; mit den Frisuren am Rock lockst
Du keinen Hund aus dem Ofen, und ich sage Dir, Du wirst es noch mal
bitterlich bereuen, da Du so eine Thrin warest. Du hltst es so sehr mit
der Welt, aber ich sage Dir, sie wird Dir noch mal ein X fr ein U machen;
und Du denkst, da ist Dein Himmelreich, aber ich sage Dir, das ist wo
anders. -- Ach Gott! jetzt kriegt' es Klrchen mit dem Schreck, gewi
wollte Gretchen mit ihrem Herrn und Heilande kommen, denn von dem sprach
sie, als ob die Sache ganz ihre Richtigkeit htte. Gretchen war berhaupt
so sehr in der Zeit und Bildung zurck, sie kannte keine Romane, wute
nichts von Eugen Sue, von der George Sand und von keinem Musen- und
Liebes-Almanach, kannte nur nothdrftig die Classiker ihres Vaterlandes dem
Namen nach, und auch darber spottete Tante Rieke. Mutter und Tochter lasen
nur in der Bibel, in Andachtsbchern, oder in andern Bchern, die ihnen vom
Pastor an der Stephans-Kirche zugestellt wurden. Der Pastor an derselben
war nmlich ein Erzpietist, der predigte nichts weiter als vom Heiland und
machte den Leuten Himmel und Hlle hei. Klrchen aber, als sie merkte,
wo hinaus ihre Muhme jetzt wollte, schnitt das Gesprch ab und gab gtlich
nach. Sie wollte es doch mit Gretchen ebenso wenig als mit Tante Rieke
verderben, und beide hingen aneinander wie die Kletten. Klrchen dachte
hochmthig: Ein jeder sehe wie er's treibe, und: Eines schickt sich nicht
fr Alle. Gretchen ist nun mal ein hausbackenes Mdchen; sie mag sich
drum gern ihre Hemden selber spinnen, dunkelblaue Strmpfe, hohe lederne
Schnrschuhe und waschlederne Handschuh tragen, sie macht auch keine
Ansprche fr die Zukunft und gehrt so recht in den Handwerkerstand
hinein. Dagegen Klrchen? Sie seufzt, -- ihr Herz schlgt gewaltig, -- was
wird aus ihr wohl werden? jedenfalls etwas ganz Besonderes. O se Zukunft:
lachende Kleider, lachende Gesichter, Liebe, Lust und Wonne! Jetzt zog sie
zur Frau Generalin: Da kam sie in feine Kreise, vornehme Personen gehen aus
und ein, es ist so manches in der Welt passirt, es kann auch passiren, da
sie ihr Glck macht. Es kann? nein, es mu, es wird, sie hat eine selige
Ahnung davon in ihrem Herzen. Die nchste Seligkeit, die zu erringen, ist
ein seidenes Kleid, eine Brosche, ein unchter Shawl und ein Sammethut --
dann aber kann es ihr ganz gewi nicht fehlen; dann kommen die wunderbaren
Begebenheiten! Und sie, die einem solchen Geschicke entgegen geht, sollte
sich mit stopfen und flicken abgeben? ein jeder begreift die Richtigkeit,
nur das hausbackene Gretchen nicht. Aber Gretchen ist nicht nur hausbacken,
sie ist auch ungebildet, denn sie glaubt an einen Herrn und Heiland, und
sagt, sie knne keine Stunde ohne ihn leben. Armes Gretchen! Klrchen hat
den Heiland nicht nthig, sie wte wahrlich in aller Welt nicht, wozu sie
ihn nthig htte. Die Tante Rieke sagt zwar, er mte uns von unserer Snde
erlsen, und wir gingen ohne ihn in Nacht, in Wsten, in Unverstand und wie
sie weiter sagt; aber das konnte Klrchen nicht fassen, sie wute nichts
von Snde, von Nacht und Dunkelheit und gar von Unverstand. Eine Christin
wollte sie auch sein; sie hatte, was nthig war, gelernt, aber wozu, das
sah sie noch nicht ein, es hatte sich noch keine Gelegenheit gefunden,
um Gebrauch davon zu machen. Nur vom Einfachsten und Verstndlichsten zu
reden, von den zehn Geboten, wozu war das siebente fr sie da: Du sollst
nicht stehlen? Es fiel ihr gar nicht ein. Oder: Du sollst nicht andere
Gtter haben neben mir? Sie war doch keine Heidin, die an Jupiter und Mars
glaubte. Oder: Du sollst Vater und Mutter ehren? Ei, sie that mehr als
ihre Pflicht: Tag und Nacht so zu sagen qulte sie sich, um ihre Mutter zu
ernhren. Nein, sie hatte gar Nichts an sich auszusetzen; um sie herum war
Alles licht und helle und sie brauchte keinen Erlser. An den lieben
Gott glaubte sie wohl, sie verlie sich zwar nicht auf ihn, als ob er ihr
Schicksal leiten und lenken knne, -- das verlangte sie gar nicht, sie
wollte das allein thun; sie war schn und jung und klug und gebildet, ihr
Glck verstand sich von selbst. Nur zuweilen kam es wie Furcht ber sie.
Vor nicht langer Zeit waren die schwarzen Pocken in ihrer Strae, ein
groer Schreck fuhr in ihre Glieder, sie lie sich aber schnell impfen und
meinte nun wieder ruhig sein zu knnen. Als bald darauf die Cholera kam und
in ihrer Nhe Jung und Alt dahinraffte, da ging das Bangen wieder an.
So gut wie die sterben, kannst Du auch sterben, -- das sah sie ein, und
sterben war ein schrecklicher Gedanke. Was wird dann aus ihr? ja was? Tante
Rieke unterlie es nicht, in der Zeit vom Sterben zu reden und von der
Strafe und vom ewigen Verderben. Klrchen hrte solche Worte nicht gern,
sie ward bnger und bnger, und war doch wieder wie gebannt zu lauschen.
Sie konnt' es nicht fassen, da die Tante und Gretchen so ruhig waren
und vom Tode redeten als von gar nichts Frchterlichem; denn wenn sie des
Nachts aufwachte und so allein mit ihren Gedanken war, da befiel sie oft
eine Angst, da ihre Glieder bebten. Ob du wohl sterben mut? dachte sie.
Und was dann? Aber Gott sei Dank, die Zeit war vorber, das Leben wieder
rosenroth, Klrchen dachte nicht mehr an Tod und Gericht, und wenn die
Tante jetzt von solchen Dingen redete, da hrte sie mit offenen Ohren
nicht, sie senkte den Kopf auf die Arbeit, und ihre Gedanken gingen mit
ihren tollsten Fantasien durch.

Als sie heut das Stbchen ihrer Mutter verlassen, ging sie einige Huser
weiter um eine Freundin abzuholen. Sie klopfte an ein niedriges Fenster
parterre. Der Brieftrger Vogler trank eben Kaffee und las die Zeitung
dazu. Als er Klrchen sah, machte er das Fenster auf.

Nun Ihr Jngferchens -- wieder schwitisiren? sagte er spaend.

Ei ja, ist man doch nur einmal jung! entgegnete Klrchen lustig.

Ja ihr Schelme! versetzte Vogler, ich wollte auch, ich wre noch jung.

Ach, Sie sind ein Mann in Ihren besten Jahren, sagte Klrchen schmeichelnd.

Ich denke es auch manchmal; aber wenn ich denn meine Alte ansehe, wird
mir schwarz vor den Augen, lachte Vogler und sah nach seiner Frau, die ihm
gegenber bla und elend im Lehnstuhl sa.

Wenn ich todt bin, heirathest Du wieder, entgegnete diese bitter und holte
dann schwerfllig Athem.

Und so lange Du lebst, lasse ich Dich keifen, fgte Vogler wieder scherzend
hinzu.

Wie ungebildet sind diese Leute, dachte Klrchen; wie kann ein Mann
die Frau so roh behandeln! So aber hat es der Vater mit der Mutter auch
gemacht. Aber ich, ich werde es einst anders haben, ich nehme mir einen
vornehmen Mann, -- und nun hinaus in den lachenden Kaffeegarten!

Auguste Vogler hatte sich whrend der Zeit fertig gemacht und ging nun
etwas schwerfllig neben der leichtfigen Freundin her. Auguste war weder
schn, noch klug, noch fein; sie hatte das plumpe rothe Gesicht ihres
Vaters, grobe Manieren und sprach dabei unglaublich albern. Aber das war
gerade eine Freundin fr Klrchen. Sie war fgsam und folgsam, durchschaute
nicht ihre Intriguen, war ganz zufrieden mit der Nebenrolle, und hatte
dabei immer als verzogenes Kind ihres Vaters die Brse voll Geld.

Beide Mdchen verlieen die Stadt und gingen auf der Chaussee entlang dem
Orte ihres Vergngens zu. Klrchen bemerkte, da sie ein Gegenstand der
Aufmerksamkeit fr Vorbergehende war: aber die Leute waren ihr noch nicht
die rechten, es waren meistens Gesellen, oder Soldaten, oder hchstens
ein Handlungsdiener; sie gedachte hher hinaus. Bald kam ihnen eine Reihe
Studenten entgegen, mitten darunter eine orangegelbe Mtze. Das war der
rechte; sie nahm ihr ganzes Wesen zusammen und erwiederte den Gru mit
vieler Holdseligkeit. Auguste machte bald die Entdeckung, da die Studenten
umgekehrt waren und ihnen auf dem Fue folgten. Klrchen zweifelte nicht,
da es um ihretwillen war, und Auguste gnnte der Freundin den Triumph; sie
war zufrieden, an der augenblicklichen Lust theilnehmen zu knnen; feine
Plne fr die Zukunft machte sie nicht. Nach einigen Minuten kam ihnen
wieder ein junger Mann entgegen, der sie grte, aber sehr bescheidentlich
mit nur halb hingewandten Augen. Wer war das nur? fragte Klrchen.

Ei das war ja Fritze Buchstein, der ist seit vorgestern aus der Fremde
zurck, den mut Du doch kennen, er wohnt ja neben Tante Rieke.

Da es ein Geselle war, sah ich an seinen groen rothen Hnden, lachte
Klrchen, sonst ist's aber ein hbscher Mensch.

Aber in die Stephans-Kirche zu dem Pietisten geht er auch, ich habe ihn
selbst heute Morgen herauskommen sehen.

Na, Tante Rieke, freue Dich! sagte Klrchen, das pat ja wie die Butter
aufs Brod, der nimmt die Grete, das ist klipp und klar. Eine Angst hatten
sie immer, er mchte auf der Wanderschaft seinem Glauben untreu werden, und
wenn er dann einen salbungsvollen Brief geschrieben, kam der alte Buchstein
mit der groen Brille und er wurde gemeinschaftlich mit Thrnen und Seufzen
genossen. Nun, ich gnne ihr den Burschen, obgleich er eigentlich zu
hbsch fr die Grete ist; die mte so was Kurzes, Handfestes haben, denn
Schnheit hlt sie mehr fr ein Uebel als ein Glck, =nota bene= weil sie
selber nicht schn ist.

Die Mdchen traten jetzt in den Garten. An einem Tisch fanden sie schon
eine Bekannte, eine von den bescheidenen Putzmacherinnen, die in die Huser
der Damen gehen und Hte und Hauben in Ordnung bringen, -- und sie setzten
sich zu ihr. Die Studenten nahmen einen Tisch ganz in ihrer Nhe, wurden
beim bairischen Bier bald sehr laut, und begannen Blicke und Spe herber
zu senden. Doch der Orangegelbe blieb nicht dabei, er machte es sich
bequemer und siedelte ganz und gar zu den Mdchen ber. Klrchen wunderte
sich nicht darber, sie hatte schon lngst mit ihm auf der Strae
koquettirt, sie wute auch, da er in einem Hause mit der Frau Generalin,
ihrer knftigen Herrin, wohnte, und er war eigentlich die heimliche
Veranlassung zu ihrem Entschlusse, sich zu vermiethen, gewesen. Er war ein
Mediziner und dazu ein Student von Bedeutung. Er hatte gute Wechsel, hielt
sich einen groen Neufundlnder Hund, ritt spaziren, oder fuhr auch seine
Freunde in einem Zweispnner. Er war Senior seiner Verbindung und berall
zu finden, wo es lustig herging, oder wo Spektakel war. Seine Gestalt
war gro und klobig, sein gelbes Haar hing schlicht an dem rothen Gesicht
herunter, das breit und platt einen gewaltig rohen Ausdruck hatte. So wie
seine Gestalt war auch sein Wesen und waren seine Reden. Er sa jetzt den
Mdchen gegenber; beide Ellenbogen auf den Tisch gesttzt, die blauen
Dampfwolken aus seiner Cigarre blasend, machte er hchst unmanierliche
Spe. Klrchen fand das nicht roh, nein, weil er reich und aus angesehener
Familie war (sein Vater war Prsident), fand sie es nur pikant, und hielt
sich nicht fr zu gut, ihn zu amsiren. Sie ward immer lebendiger und
liebenswrdiger, und es war unverkennbar, da ihre Schnheit auf ihn
Eindruck machte, und sie in seinen Augen hher stieg, denn er nahm die
Ellenbogen von dem Tisch und nahm sich in Wort und Wesen mehr zusammen. Fr
Klrchen war das ein neuer Triumph und die beiden Freundinnen bemerkten es
mit Verwunderung. Die Putzmacherin kannte den Studenten lngst, sie ging
bei der Generalin aus und ein, und das war Gelegenheit genug, um eine
Studenten-Bekanntschaft zu machen. Sie htte ihm ihr leichtsinniges Herz
gern selbst zu Fen gelegt und beneidete jetzt die Gefhrtin um diese
bedeutende Eroberung, und Klrchen ward immer stolzer und glcklicher. Nur
eines strte sie. Ihr gerade gegenber in einer einsamen Laube sa Fritz
Buchstein. Ja, unbegreiflicher Weise war er auch umgekehrt und ihnen in den
Kaffeegarten gefolgt. Ob das wohl um ihretwillen war? Sie erinnerte sich
aus ihrer Jugend, da, wenn sie mit Greten in seine Tischlerwerkstatt kam,
um Spielsachen zurecht zu leimen, er immer die ihrigen zuerst gemacht
hatte und Grete oft darber bse gewesen war. Also: damals hatte er sie
bevorzugt, heute war er erstaunt ber ihre Schnheit, -- so kalkulirte
sie, -- und war ihr hierher gefolgt. Obgleich ihre Eitelkeit nicht ganz
ungerhrt von diesem Gedankengange blieb, so war ihr diesmal die Eroberung
doch unangenehm. Erstens war er nicht der Aufmerksamkeit werth, und ihr
Herz wrde sich nie zu einem so gewhnlichen Menschen herablassen; und dann
frchtete sie, wenn er einmal ihren Schritten folgte, er mchte den Spion
spielen und die Tante Rieke davon benachrichtigen. Sie hatte sich so viel
als mglich so gesetzt, da er ihr nicht in das Gesicht sehen konnte: aber
wenn sie unwillkrlich hinsah, begegnete sie jedesmal demselben bekmmerten
und theilnehmenden Blicke, der ihr wie ein Stich durch das Herz ging.

Es ist unausstehlich! rief sie endlich und wandte sich heftig nach der
anderen Seite. Der Student und die Freundinnen sahen sie verwundert an, und
sie erklrte die Ursache ihres Aergers.

Der Mediziner lachte. Er fand es von dem Burschen ganz natrlich, einem
hbschen Mdchen in das Gesicht sehen zu wollen, pflanzte aber darauf seine
breite Gestalt so dazwischen, da Klrchen vor den lstigen Blicken sicher
war; und kurze Zeit darauf bemerkte Auguste, da Fritz fortgegangen war.
Jetzt fhlte sich Klrchen freier, und das Vergngen ward immer lebhafter.
Die Tanzmusik lockte, Alle gingen in den Saal, um in dem wilden Getmmel
sich zu erhitzen und zu betuben.

       *       *       *       *       *

Fritz Buchstein hatte auf seinem Spaziergange in dem schnen Mdchen das
kleine Klrchen Krauter wieder erkannt, und die schnsten und sesten
Jugenderinnerungen gingen an seiner Seele vorber. Jetzt noch dachte er
mit inniger Bewegung daran, wie sie damals zu ihm in die Werkstatt kam,
um irgend eine Kleinigkeit machen zu lassen, und wie es ihm, dem
achtzehnjhrigen Jngling, ganz wunderbar ward, wenn er dem zwlfjhrigen
Mdchen in die dunkelblauen Augen sah. Er wollte es sich selbst nicht
gestehen, aber es war seine erste Jugendliebe. Ihr Bild begleitete ihn auf
der Wanderschaft, er schlo sie in sein Abend- und Morgengebet: der Herr
mchte dies Blmlein schn und rein bewahren, es behten vor dem Schmutze
der Welt. Ob dies Blmlein einst fr ihn blhen werde? das stand in Gottes
Hand. Sein Herz war gesund, er hatte auch nicht Romane gelesen und hing
nicht mit krnklicher Sehnsucht an seiner Liebe; frisch und frhlich ging
er durch die schne Gottes-Welt, er sah Berge und Thler und Flsse und
Fluren, manch groe Stadt, manch lieblich Drflein, schne Kirchen und
Schlsser und Burgen, schne Bilder und Kunstwerke, und Alles nahm er
mit Aufmerksamkeit in sich auf. Das war eine schne Wanderung, die nicht
getrbt wurde durch ungesunde Glieder, durch ein bses Gewissen, durch
Armuth und Noth. Er hatte das Gelbde gethan, nie einen Schluck Brantwein
zu trinken, hatte es mit Gottes Gnade und der Liebe seines Heilandes
gehalten. Das bewahrte ihn vor manchem Elend und manchem Unheil des
Wanderlebens. Es fhrte ihn nie dahin, wo wilde Gelage und Raufereien
waren, er suchte nie seine Freunde unter dergleichen Gesellen; so blieb er
an Leib und Seele rein, hatte auch immer Geld im Beutel, denn weil er ein
braver Geselle war, fand er auch immer gute Meister. Und auch Freunde fand
er, die mit ihm dieselbe Strae zogen, die mit ihm den Herrn lieb hatten;
selten verlie er eine Stadt, da er nicht mit Wehmuth darauf zurck sah,
weil er Freunde fr sein Herz und seine Frbitte darin gewonnen. Und kam er
zu Leuten, die ihn nicht verstanden, die seiner spotteten, ihn zu verfhren
suchten, so waren auch das heilsame Tage fr ihn, Tage des Kummers und der
Prfung, in denen er noch mehr die Nhe des Trsters, seine Liebe und Gnade
fhlte. So ward seine Seele immer fester, seine Erfahrung immer reicher,
seine Hnde immer geschickter. Und wie war es mit seinem Herzen? Das durfte
sich auch zuweilen regen. Wenn er an einem schnen Sommerabend auf der Hhe
am Rand des Waldes sa, die Sonne legte ihr Gold ber die Gegend hin, Duft
zog ber Stdte und Drfer, die Abendluft wehte weich in den Zweigen und
in den Blumen rund um, am Grasrain dort zog der Schfer langsam mit der
Heerde, und die Schwalben hoch oben am lichtblauen Himmel: -- da ward es
ihm so wunderbar sehnsuchtsvoll zu Sinne, und durch Abendgold und Duft
und Schnheit und Stille schauten ihn die dunkelblauen Augen des kleinen
Mdchens aus der Heimath an. So hatte er noch ganz krzlich vor einer Hhe
am Thringer Walde gesessen; jetzt war er ja seiner Heimath so nahe, jetzt
war aus dem Jngling ein Mann geworden und er durfte an eine Gestaltung
seiner Zukunft denken. Sein Vater war alt, seit vergangenem Winter plagte
ihn dazu ein Brustbel, er konnte dem Handwerk nicht mehr vorstehen, es
fehlte an allen Enden, und Fritz mute des Vaters dringenden Aufforderungen
zur Rckkehr folgen. Er that es auch gern, er war nun 25Jahr alt, nach
dem langen Umherwandern und heimathlosen Leben sollte es ihm zu Hause
wohl behagen. Er sollte nun Meister werden und dem Haus, dem Acker und der
Kundschaft allein vorstehen. Dazu gehrte auch nothwendig eine Hausfrau,
und _der_ Gedanke war es, der ihm besonders an das Herz ging. Und als er
sich diese Hausfrau dachte, so war sie schlank, mit lichtbraunem Haar und
dunkelblauen Augen. Mit so schnen Ahnungen verlie er den Thringer Wald
und wanderte einige Tage spter durch die Thore seiner Vaterstadt. Es war
spt des Sonnabends Abends; sein Vater sa schwach und krank im Lehnstuhl,
aber Dank- und Freudenthrnen glnzten in seinen Augen, als der Sohn nach
so langer Abwesenheit wieder in die Thr trat, und Fritz mute ihm am
selbigen Abend noch das Buch Hiob und den 136.Psalm vorlesen.

Der alte Vater war trotz der Brustschwche sehr gesprchig, und in seiner
Gesprchigkeit konnte er es nicht lassen, von seiner und der Frau Bendler
liebsten Hoffnung zu reden, nmlich da Gretchen mchte hier im Haus Frau
Meisterin werden. Frau Bendler hatte Gretchen ganz und gar adoptirt, und
mit Ausnahme einiger Legate sollte sie einst ihre alleinige Erbin sein.

Fritz ward es gar eng um das Herz als er das hrte, und hatte er schon
vorher wenig Muth gehabt, nach Klrchen Krauter zu fragen, so wagte er es
jetzt gar nicht. Am Sonntag nun sollte er hinber zur Frau Nachbarin gehen,
aber er bat den Vater, gar nicht von der Sache zu reden, da er nicht wisse,
wie er dem Gretchen gefallen mchte. Der Vater schmunzelte. Das sei nicht
gefhrlich, meinte er, Gretchen habe bei seinen Briefen die schnsten
Thrnen geweint. Fritz schmunzelte nicht, sein Herz ward immer schwerer;
denn wenn Gretchen auch ein braves Mdchen war, so hatte sie doch nicht
dunkelblaue Augen, war nicht seine Jugendliebe, und hatte ihn nicht auf
seiner ganzen Wanderschaft begleitet. Als er am Sonntag Morgen aus der
Kirche kam und unter den Kirchgngern Frau Bendler in Begleitung einer
jugendlichen Gestalt erkannte, konnte er sie unmglich anreden; er schlich
sich von der Seite, er hatte dem Vater auch nur versprochen, gegen Abend
seine Bekanntschaft drben zu erneuern. Am Nachmittag aber trieb ihn seine
Unruhe und Sehnsucht vor Klrchens Fenster vorber. Er konnte sie nicht
entdecken, nur ihre Mutter sa am Fenster, und zum Glck schaute sie nicht
auf, sonst htte sie wohl seine Gedanken auf seiner Stirn lesen mssen. Er
ging zum Thore hinaus, und kehrte, nachdem er eine Strecke auf der Chaussee
entlang gegangen war, wieder um. Da kam ihm die Ersehnte wirklich entgegen.
Es war ja noch dasselbe Kindergesicht, nur die Gestalt war aufgeschossen
und hatte sich jungfrulich entfaltet. Er grte sie und sein Herz schlug
vor Glck, aber nur wenige Augenblicke. Er sah die Schaar Studenten hinter
ihr umkehren, er hrte ihre Witze und sah sie den Mdchen nachfolgen. Es
wrde ihm nie eingefallen sein, ebenfalls umzukehren; aber Spannung und
Zorn trieben ihn. Im Nothfall wollte er die Mdchen schtzen, er ahnete
nicht, da sie durch das Nachfolgen der Studenten mehr erfreut als
gengstigt wrden. Doch bald sollte er sich von der Wahrheit berzeugen.
Er sa ihnen gegenber und beobachtete der Mdchen leichtfertiges Spiel.
Klrchen spielte die Hauptrolle dabei, bis sie ihn endlich durch ihre
verchtlichen und erzrnten Blicke forttrieb. Mit welchen Gefhlen ging er
nun nach Hause! Das Geschehene zerstrte zu hart seines Herzens Plne.
Die Freude an der Heimath, an der Meisterschaft, an Haus und Hof war
zertrmmert; er htte am liebsten den Wanderstab wieder in die Hand
genommen. In dieser Stimmung konnte er unmglich zu Frau Bendler gehen,
nicht einmal in die Stube zum Vater; er ging leise an dem Dienstmdchen,
die feiernd in der Hausthr sa, vorber nach dem Garten und setzte sich
in die Weinlaube an der Scheunenwand. Der Nachbarsgarten, der nur durch ein
Stacket getrennt, war leer. Das war ihm gerade recht, und ungestrt konnte
er seinen Gedanken nachhngen. Wie war die Welt heut ganz anders als
gestern! Die verwilderten Rosen und Goldveiglein hatten ihn gestern
so traulich und heimlich angesehen, er hatte dabei gedacht: wenn erst
Frauenhnde hier walten, werdet ihr noch schner blhen. Die dstere
Weinlaube erschien ihm gar nicht dster, er dachte: bald wirst du nicht
mehr allein hier sitzen. Heut war ihm Alles wst und leer, und es lag ihm
auch gar nichts daran, da es anders sei. Er schaute durch die Weinranken
hindurch zum blauen Himmel hinauf. Lieber himmlischer Vater, es wird ja
wieder anders werden; jetzt aber erscheint das Kreuz meinem jungen Herzen
schwer, und nun bitte ich Dich doch wieder und immer wieder: erlse sie vom
Uebel; wenn ich sie auch fr mich aufgeben mu, la Du sie nicht. Aufgeben?
ja das ist wohl schwer, und da es ihm so schwer ward, ward ihm auch zum
Trost, denn wenn es seinem schwachen, menschlichen Herzen so schwer ward,
mute es ja dem Erlser droben noch schwerer werden, eine geliebte
Seele aufzugeben; und je tiefer er in den blauen Himmel schaute, je
zuversichtlicher ward es ihm, und sein Schmerz lsete sich in feuchten
Augen auf. Da hrte er pltzlich eine Stimme im Nachbarsgarten singen;
hell und lieblich, und doch weich und wehmthig drangen die Tne, und ganz
deutlich die Worte zu ihm herber:

  Will ich nicht, so mu ich weinen,
  Wenn ich mir es recht betracht,
  Weil verlassen mich die Meinen,
  G'nommen eine gute Nacht.
  Ach, wo ist mein Vater und Mutter?
  Ach, sie liegen schon im Grab.
  Ach, wo sind mein' Brder und Schwestern?
  Keinen Freund ich nirgends hab.

  O, mein allerliebster Jesu,
  Schau mich armes Waislein an,
  Du bist ja mein liebster Vater,
  Sonst mir Niemand helfen kann.
  Weil mein' Eltern sein gestorben,
  Leben nicht auf dieser Welt,
  So hab ich Dich, liebster Jesu,
  Fr mein'n Vater auserwhlt.

Fritz lugte durch die Weinbltter hindurch und sah drben auf dem alten
schrgen Birnbaum Gretchen sitzen. Es war ihm, als ob er nur getrumt htte
von Wandern und Fortsein; als ob er wieder achtzehn Jahr, und Gretchen
ein Kind sei. Damals war der alte Birnbaum den lieben Sommer ber fast ihr
alleiniger Wohnsitz. Des Nachmittags ging sie mit dem Strickzeug hinauf,
und jedesmal wenn sie eine Tour herum gestrickt, rief sie es dem alten
Benjamin zu. Benjamin aber war ein Flickschuster, der schon fast dreiig
Jahr bei Buchsteins im Hinterhuschen ber der Werkstatt wohnte. Er war der
Kinderfreund der Nachbarschaft, und Gretchen war sein besonderer Liebling.
Fr sie war ihm keine Mhe zu gro, und jedesmal, wenn sie ihm die Tour
zurief, machte er einen Kreidestrich auf eine schwarze Tafel, und immer
zhlte er, wie viel noch fehlten an der Zahl; und wenn es so weit war, rief
er: nun Gretchen mach Schicht! Gretchen wand sich dann an einem Bindfaden
ein Krbchen mit dem Vesperbrod in die Hhe und meinte, da oben stricke und
esse es sich besser. Benjamin legte auch den Pfriemen fr ein Weilchen aus
der Hand, schaute zum Fenster hinaus, sein Staarmatz schnarrte Gretchen,
so recht, so recht, und sein Dompfaffe sang Lobe den Herrn o meine
Seele. Wenn dann Gretchens Kinderstimme einfiel, sagte Benjamin:
Gretchen, so recht, und der Staarmatz schnarrte: Gretchen, so recht.

Auch jetzt sah Benjamins weier Kopf zum Fenster hinaus; der Staarmatz
aber rief: Jungfer Gretchen, und Fritz ward dadurch erinnert, da es doch
andere Zeiten seien.

Ei Gretchen, sagte Benjamin, Du singst einem heut ordentlich das Herze
weich; was ist Dir denn?

Wenn ich wute, da Du heim warst, htte ich nicht gesungen, sagte
Gretchen; ich glaubte, ich wre ganz allein hier in der Welt. Jetzt komm
aber herber und bring die groe Bilderbibel mit, ich wei nicht recht, was
ich so mutterseelen allein mit dem Sonntag-Nachmittag beginnen soll.

Gretchen war nmlich von ihrer Pflegemutter, die einige Krankenbesuche
machen wollte, als sie Nachmittags aus der Kirche kamen, allein nach Hause
geschickt; und weil sich Gretchen eigentlich gefreut hatte, zu verwandten
Grtnersleuten vor dem Thor zu gehen, so war ihr das zu Hause bleiben gar
nicht recht. In der Stube war es ihr einsam, sie nahm mancherlei in die
Hand, ein Buch, ein Arbeitszeug, -- nichts behagte ihr. Der Nachmittag
wollte nicht krzer werden, und sie begriff nicht, warum sie so unruhig
war. Sollte es sein, weil Fritz Buchstein sich zum Abend angemeldet hat?
Sie ward feuerroth bei dem Gedanken. Warum aber sollte sie sich freuen ihn
wieder zu sehen? sie war wenigstens begierig zu sehen was aus ihm geworden,
und ob er so ausshe wie sie sich ihn nach seinen Briefen gedacht. Sie ging
in den Garten. Bei Buchsteins war alles still, und ungestrt ging sie in
dem geraden Stachelbeerwege auf und ab. Hinter den Bschen hatte sie
als Kind mit Luischen Buchstein und anderen Freundinnen Schaf und Wolf
gespielt; Luischen Buchstein war todt, die anderen Freundinnen zerstreut,
und sie mute zum Sonntag-Nachmittag so allein hier wandeln. Auf der Bank
unter dem alten Birnenbaume hatte sie auch oft vergngt gesessen, noch
lieber aber oben auf dem Baum: da konnte sie doch ein Bischen weiter in
die Welt schauen, in die Nachbarsgrten, einem Bttcher auf den Hof, dem
Benjamin in die Stube. Nach der andern Seite hin war der Garten zwar durch
eine hohe Mauer begrnzt, aber sie sah doch die blhenden Flieder- und
Goldregen-Wipfel, auch zuweilen die weie Spitzenhaube der Frau Stadtrthin
und die bebnderten Strohhte der Frulein. Gretchen konnte nicht
widerstehen; sie stieg auf den Baum. Heut war aber gar nichts zu sehen,
an den Goldregen hing trockner Samen, die Fliederbsche sahen dunkel und
glanzlos aus, weder Haube noch Strohhte lieen sich sehen, Stadtraths
waren in ein Bad und die Frulein lngst verheirathet. In den anderen
Nachbarsgrten war es auch still, nicht einmal Benjamin war am Fenster. Da
ward es dem Gretchen immer enger um das Herz, immer sehnschtiger schaute
sie zum Himmel hinauf. So ists. Wenn der Herr uns die Welt einsam und de
macht, so zieht er uns desto mchtiger zum Himmel hinauf. Und der Himmel
war heute so licht, die Wolken daran von der sinkenden Sonne mit Gold
umsumt. Gretchen schaute, wie sie ber den dunkelen Dchern am blauen
Himmel langsam hinzogen und im Ziehen Gestalt und Farbe wechselten. Da zog
ein Schwan, bald eine Rose, ein Schlo, bald Engelsflgel, bald gar eines
Engels Angesicht. Sie dachte an ihre Eltern, an ihre Brderlein, deren
sie sich noch ganz leise aus frhester Jugend erinnern konnte, und mit
sehnsuchtsvollem Herzen sang sie das Lied, das Benjamin an das Fenster
lockte.

Benjamin kam mit der groen Bilderbibel herunter, schwang sich unten an der
Scheuer und am alten Hollunderstamm noch ganz rstig ber das Stacket, und
war nun in Bendlers Garten. Da trat Fritz aus der Laube, er wollte nicht
schuldiger Weise den Horcher spielen. Gretchen erschrak, denn er hatte sie
ja auf dem Baume gesehen und hatte sie singen hren; er aber reichte ihr
freundlich die Hand ber das Stacket hinber. Das war nun Gretchen mit dem
blonden Haar, den Sommerflecken, den runden braunen Augen und dem runden
rothen Mund. Sie war nicht gro nicht klein, nicht schlank nicht stark, und
stand mit dem braunen Kattunkleide und weien Kragenstrich gar sittig vor
ihm. Er sprach einige verlegene Worte des Willkommens, sie merkte seine
Verlegenheit nicht, sie hrte kaum, was er sagte, so gewaltig schlug ihr
Herz, aber einsam kam ihr die Welt nicht mehr vor; und als er fragte, ob er
auch hinber kommen drfe, nickte sie ein freundliches Ja und machte einen
hflichen Knix.

Aber nicht den Weg, den ich gekommen bin, scherzte Benjamin; jungen
Burschen mu man solche Schliche nicht zeigen. Du gehst in die Hausthr,
wie es sich gehrt.

Fritz hatte gar nicht daran gedacht; denn wenn er auch ganz stattlich
in der schwarzseidenen Weste, dem seidenen Halstuch und dem Sonntagsrock
aussah, so hatte er doch die Mtze und die Handschuh im Hause liegen, und
berhaupt mute der erste Besuch etwas feierlich gemacht werden. Er kam
aber nicht so bald als Gretchen gehofft hatte; sie hatte schon einen groen
Theil der Bilderbibel mit Benjamin durchgesehen, als es an der Hausthr
klopfte. Sie ging zu ffnen und fand auer Fritz auch noch die Mutter vor
der Thr. Diese war beiden jungen Leuten sehr erwnscht. Gretchen htte gar
nicht gewut wie sie als Wirthin thun sollte, und Fritz mochte mit seinem
schweren Herzen dem Gretchen am wenigsten allein gegenber sein. Frau
Bendler bernahm nun das Sprecheramt, aber auch das Frageamt, und Fritz
mute wohl oder bel gesprchig werden. Da es ihm schwer ward, merkte Frau
Bendler nicht, wohl aber Gretchen. Der tiefe Ausdruck der Trauer, der ihm
zuweilen unbewut ber die Zge glitt, ging ihr wie ein Schwert durch das
Herz. Was mag er nur haben? ist er traurig, wieder daheim zu sein? zieht
es ihn zurck in die Ferne? Wenn er nur nicht unglcklich ist! dachte sie
bange, und wie mag es zugehen, da doch sein letzter Brief so frhlich war?
Als sie spt am Abend allein in ihrem Kmmerlein war, schaute sie hinauf
zu den Sternen mit gefalteten Hnden; hinein in ihr Abendgebet mischte sich
Fritzens trauriges Gesicht, und sie empfahl es Dem, der da Freud und Leid
auf die Herzen der Menschen legt.

       *       *       *       *       *

Die Frau Generalin von Trautstein sa mit einer jngeren Dame in eifrigem
Gesprch.

Ich versichere Sie, sagte die jngere, das Mdchen passt ganz besonders fr
Sie, und ich kann sie Ihnen mit vollem Herzen empfehlen. Seit zwei Jahren
nht sie mir alle Kindersachen und sie ist wirklich die Liebe des ganzen
Hauses, immer freundlich, gefllig, sehr gewandt und fleiig, und aus
einer sehr rechtlichen Familie. Ihre Tante ist die Frau Bendler, die dem
Wchnerinnenverein an der Spitze steht, eine auerordentlich geachtete
Frau. Von der ist Klrchen eigentlich erzogen, die hat sie auch das
Schneidern lehren lassen, denn Klrchens Mutter ist krnklich.

Warum will sie sich aber vermiethen? fragte die Generalin.

Um einmal unter andern Leuten zu sein, war die Antwort. Ich finde es recht
vernnftig. Die Mutter nmlich soll das Mdchen sehr beherrschen und
ihr jeden Groschen aus dem Beutel nehmen. Sie deutete es mir neulich mit
Thrnen an, da sie sehr schlecht mit der Wsche bestellt sei, weil sie
dazu kein Geld habe erbrigen knnen und nur immer froh gewesen sei, der
Kundschaft wegen fr das Aeuere zu sorgen.

Das sind eben meine Bedenken. Die Mutter soll unordentlich sein und gern
jeden Groschen durch den Mund spediren; zweitens ist das Mdchen zu
jung und wird mir auch wahrscheinlich zu hbsch sein, -- entgegnete die
Generalin.

Die Jngere lachte. Gerade darum wnsche ich sie Ihnen, weil sie so
liebreizend ist. Bei jedem Unwohlsein wird sie Ihnen die angenehmste
Gesellschaft sein; sie kann Ihnen vorlesen, denn sie spricht sehr hbsch;
aber vor allen Dingen -- Sie mssen sie sehen, theuerste Frau!

Die Sprecherin war die Lieutenant von Reisen, Klrchens besondere Gnnerin.
Sie suchte ihr jetzt den Dienst bei der Generalin zu verschaffen und hatte
Klrchen dehalb hinbestellt; vorher aber bemhte sie sich sie in das beste
Licht zu stellen. Es whrte nicht lange, so wurde Klrchen gemeldet. Sehr
nett angezogen, zugleich aber sehr bescheiden und anspruchslos stand sie
vor den Damen. Die Generalin war wirklich erstaunt ber die Schnheit
des Mdchens, aber die Anmuth in Worten und Wesen machte jedes Bedenken
verstummen -- und sie schlo den Miethsvertrag. Vierzig Thaler Gehalt, ein
Louisd'or zu Weihnachten, auerdem Geschenke, das war fr Klrchen sehr
erfreulich. Aber nicht allein das: der ganze Haushalt der Frau Generalin
entzckte sie, ja so sehr, da der Mediziner fast darber vergessen
ward. Die groen Zimmer, prchtigen Teppiche und Meubeln, Equipage und
Dienerschaft, so etwas fand man nicht oft beisammen. In diesem Haus war sie
als Kammerjungfer engagirt, so zu sagen als Kammerjungfer, denn eigentlich
-- redete sie sich vor -- sollte sie doch Gesellschafterin der Dame sein,
sie sollte ihr des Abends vorlesen und in traulichen Zirkeln den Thee
serviren. Sie unterlie auch nicht, ihren Bekanntinnen die Sache so
vorzustellen. Als sie zu Tante Rieke kam, machte die ein ernsthaftes
Gesicht. Du hast nun meinen Wunsch erfllt und Dich vermiethet, sagte sie,
der Herr mag Dir Kraft zu Deinem neuen Berufe geben, den Du Dir nicht zu
leicht denken mut. -- Klrchen, die voll der schnsten Hoffnungen und sehr
guter Laune war, versprach alles Mgliche, und die Tante war zu gutmthig,
um das nicht glauben zu mssen. Auf die Fragen ber den Zustand ihrer
Wsche, hatte sie geschickte Antworten; sie htte unmglich die Wahrheit
sagen knnen, und ihre Angst war schon lngst gewesen, die Tante mchte
sich einmal selbst davon berzeugen wollen. Fr das Nthigste sei gesorgt,
sagte sie, und sie freue sich, von dem schnen Lohn ganz besonders Wsche
anzuschaffen. Die Mutter mu sich einschrnken lernen, fgte sie hinzu;
Du weit, wenn ich Geld hatte, konnte ich es als Tochter nicht abschlagen;
wenn ich keines habe, kann ich keines geben; und bekomme ich mein
Lohn, gebe ich ihr ein Theil, kann aber vom Uebrigen gleich ordentlich
anschaffen. -- Das klang vernnftig, und die Tante war damit einverstanden.
Gretchen ging vor die Schublade und holte ein halbes Dutzend leinene
Taschentcher und zwei Paar Strmpfe.

Das darf ich Dir schenken, sagte sie; zum Stricken hast Du nicht viel Zeit
gehabt, und die Taschentcher sind gesumt und fr Dich gezeichnet. Wenn Du
zu uns kommst, nimmst Du nun aber auch die leinenen, scherzte Gretchen: Du
weit, wir knnen die baumwollenen nicht leiden.

Klrchen war gerhrt von dieser Gte. Du meinst es doch wirklich gut! sagte
sie herzlich.

Das kannst Du glauben, entgegnete Gretchen treuherzig, und beide Cousinen
waren jetzt sehr freundlich auf einander gesonnen.

Am Michaelis-Tage zog Klrchen an. In ihrer Stube stand eine Kommode und
ein Kleiderschrank, dahinein wurden ihre Sachen so weitluftig als mglich
geordnet. Einige Sommerkleider und dnne wollene Kleider, Mantillen,
Mntelchen, ein Frisuren-Unterrock in den Schrank; in die Kommode, auer
der wenigen Wsche, Bnder, Schleifen, Kragen, Handschuh, Taschentcher;
die sechs leinenen Taschentcher und zwei Paar ganzen Strmpfe von Gretchen
bildeten den guten Grund dieser leichten Gesellschaft. Auerdem aber
stellte sie einige Blumentpfe in das Fenster, hing ein Porzelan-Bildchen
an die Scheiben, ein anderes Bild unter den Spiegel und eine Blumenvase auf
die Kommode. Der Bediente hatte in die Stube gesehen und gegen die Kchin
bemerkt: man she dem Geschmacke des Mdchens an, da sie von guter
Erziehung und Bildung sei; nur schlimm, da das Stbchen im Nebenhaus, und
der Mediziner gerade hineinsehen knne, da mcht' es am Ende eine Liebelei
im Hause geben. Die Kchin aber nahm Klrchens Partie. Ihre Kche lag
gerade gegenber im anderen Seitenhaus; sie hatte gesehen wie Klrchen das
Rouleau niederlie, als der Mediziner mit der langen Pfeife aus dem Fenster
sah. Klrchen aber hatte die Kchin gesehen und gedacht: Du mut dich
in Respekt setzen, und etwas Sprdigkeit gegen den Mediziner kann nicht
schaden.

Es kamen nun fr sie unterhaltende Tage. Das Haus der Generalin war
vielfach belebt, die verheirathete Tochter mit den Kindern 4Wochen dort,
und dies gab Gelegenheit zu mancher Geselligkeit. Auerdem ward Klrchen in
die eleganten Lden der Stadt geschickt, um Besorgungen zu machen, und das
war ihr besonders unterhaltend. Sie war bald mit allen Commis befreundet
und hatte ihre leichte Commodengesellschaft um manches bereichert. Freilich
waren ihre wenigen Groschen, die sie in den Dienst mitgebracht, auch
ausgegeben, aber die Paar Groschen lohnten kaum der Mhe zum Sparen.
Daneben ward das Spiel mit dem Mediziner gar eifrig betrieben. Die
Generalin hatte meistens nur Damenverkehr: von _der_ Seite war also fr
ihre Zukunft nichts zu hoffen. Bald merkte sie, der Mediziner war in Feuer
und Flammen und ein recht demthiger Liebhaber. Wenn sie das Rouleau einen
Tag nicht aufzog, sang er die schwermthigsten Lieder; oder wenn sie sonst
sprde gegen ihn war, nahmen seine rohen groen Zge einen gar sanften
Ausdruck an. Sie that das mit Wohlbedacht, denn ehe er nicht in die rechte
Hhe der Leidenschaft kam, wrde er nicht Ernst aus der Sache machen. Sie
berechnete freilich nicht, da sie auch mit der Zeit warm wurde, und ein
verliebtes Herz ist ein schwaches Herz, und der Mediziner war nicht ohne
Erfahrung, das zu wissen und zu merken.

So war Weihnachten herangekommen, der Besuch der Generalin war abgereist
und den unruhigen Tagen waren ruhige gefolgt; aber immer war Klrchen
gleich aufmerksam und liebenswrdig, und die Generalin versicherte ihre
Freundinnen, eine ausgezeichnete Kammerjungfer zu haben, was ihr gern
geglaubt wurde, da Klrchen ja gegen Jederman sich liebenswrdig zeigte.
Nur schien es, als ob sie seit einiger Zeit etwas zerstreuter wre und oft
nicht ganz unbefangen aus den Augen she; doch trstete sich die Generalin
mit ihrer bertriebenen Angst vor Liebesgeschichten und lie sich nichts
merken, und Weihnachten ward Klrchen auerordentlich reich bedacht. Das
war aber auch gut, denn Klrchen gebrauchte viel. Sie sah so manches bei
den vornehmen Damen, das ihr gefiel und das sie haben mute. So bemerkte
sie mit Erstaunen, als sie ihre Schulden berschlug, da vom Lohn und vom
Louisd'or kaum etwas fr ihre Mutter brig blieb. Sie trstete sich aber
bald. Aller Anfang ist schwer, dachte sie, fr Wsche wird ein andermal
gesorgt; hatte sie doch den unchten Shawl, die Brosche und den Sammethut
sich wirklich angeschafft! Doch sollte das alte Jahr nicht hingehen um sie
nicht ganz und gar von diesen kleinlichen Sorgen zu befreien. Als sie am
Sylvesterabend von einer Besorgung in der Dmmerung zurckkam, sah sie eine
wartende Gestalt unten im Hausflur. Sie erkannte bald den Mediziner. Sie
hatte hier fters mit ihm flchtige Worte gewechselt, seit einiger Zeit
hatten sie sich nie allein gefunden, und auch heute waren Schritte auf der
Treppe hrbar. Er kam eilig auf sie zu, drckte ihr einen Brief in die
Hand und eilte die Treppe voran. Klrchen konnte nicht schnell genug ihr
Lmpchen anstecken, um dies Dokument zu lesen, ein Dokument wie Millionen
geschrieben werden, um thrichte Mdchen zu tuschen und noch thrichter zu
machen. Nichts ist lcherlicher als diese Art Liebesbriefe, einer ist dem
andern wie aus den Augen geschnitten. Die Schreiber finden in jedem Mdchen
eine Gttin, einen Engel, ein hheres Wesen; die Empfngerin aber meint,
das passe nur ganz allein auf sie; ihre Brust hebt sich stolzer, denn sie
ist vor vielen Tausenden beglckt. Ferner steht in den Briefen von heier
Liebe, von unertrglichen Qualen und ewigen Gefhlen. Das ist Alles sehr
glaubwrdig, denn man ist ja wirklich so liebenswerth, man mte aber ein
Herz von Stein haben, den Armen so leiden zu sehen, man mu ihn wieder
lieben. Schmerz oder Unglck kann sich nie nahen, denn seine Gefhle
sind ewig, und ihr Glck wird auch ewig sein. Da diese Ewigkeit der
Liebesbriefe selten ber ein Jahr hinaus reicht, glaubt man nicht; man
hat zwar schon oft davon reden hren, aber diese Versicherungen, diese
Schilderungen mssen Wahrheit sein. So glaubte auch Klrchen, als sie ihren
Brief gelesen. Ihr Herz hpfte vor Entzcken, durch ihre Klugheit hatte
sie es so weit gebracht, da er Ernst machte; nun wollte sie ihn auch nicht
lnger schmachten lassen und ihm ihre Liebe zeigen. Sie htte gern gleich
geantwortet, aber sie war heut Abend zu Tante Rieke eingeladen und hatte
versprochen um 6Uhr die Mutter abzuholen, und so ein Liebesbrief war keine
Kleinigkeit, der mute mit Bedacht geschrieben werden. Sie ging also, wenn
auch in hchster Unruhe. Den empfangenen Brief trug sie natrlich auf dem
Herzen.

Zum Sylvester war sie immer am liebsten zu Tante Rieke gegangen. Da gab es
Punsch und Kuchen, und auerdem, da man wohl ernsthaft sprach und sang,
ging es doch auch sehr vergnglich her, und fr die jungen Leute gab es
mancherlei Spa, denn die Tante war trotz aller Pietisterei doch sehr
heiter, konnte selbst recht drollig sein und hinderte die jungen Leute
nicht, es ebenso zu machen. Heute war ihr das freilich ganz egal, und als
ihre Freundinnen ihre Schweigsamkeit bemerkten, that sie etwas erschrocken,
schmunzelte aber doch dabei, da alle behaupteten: dahinter msse etwas
stecken. Fritz Buchstein, der auch unter den Gsten war, sah sie scharf an
bei diesen Scherzen, und der Blick war ihr wieder sehr fatal. Doch ward man
lebhafter bei einem Glschen Punsch und bemerkte Klrchens Schweigsamkeit
nicht mehr. Selbst Fritz ward ungewhnlich redselig und erzhlte sehr
unterhaltend von seiner Wanderschaft. Gretchen hing an jedem Worte, das
er sagte: selbst Klrchen mute gestehen, da er ein ausgezeichneter
Tischlergeselle sei: die Worte gingen ihm gewandt von den Lippen, seine
Augen waren lebendig, seine Wangen gerthet, sie wute selbst nicht
wie, aber es fielen ihr die Helden aus den Ritterromanen ein, wie sie
beschrieben werden, so sanft und mild und dabei so edel und mnnlich.
Sie begann fast, ihn dem Gretchen nicht zu gnnen, obgleich sie selbst
himmelhoch ber ihm stand; denn es war doch nur ein ungebildeter Mann, und
solch einen Brief konnte er nicht schreiben, wie sie ihn auf dem Herzen
trug. Darin hatte sie Recht, solch einen Brief konnte er nicht schreiben:
er war nicht gewissenlos genug und hatte nie gewagt, einem Mdchen den
Unverstand zuzutrauen, solchen Unsinn, der in jedem schlechten Romane
zu finden ist, fr Wahrheit zu nehmen. Mehrere Stunden waren so schnell
vergangen, da erinnerte Vater Buchstein Frau Bendler an ihr Versprechen.

Ei freilich! Heute lassen wir Schiffchen schwimmen, sagte diese scherzend;
es liegt mir selber daran, zu wissen, wie es mit der Freundschaft meiner
guten Freunde steht. Ich mu aber auch die Erste sein, weil ich doch wohl
die Neugierigste bin.

Die jungen Leute stimmten frhlich in den Vorschlag ein. Gretchen holte
einen groen Napf mit Wasser, Wallnsse und einen Wachsstock. Fritz theilte
sehr geschickt die Nsse auseinander, machte die Frucht heraus und klebte
dafr kleine Wachslichte hinein. Gar niedlich tanzten die brennenden
Lichterschiffchen auf dem Wasser, der Tante Schiffchen in der Mitte, die
anderen stellten den Vater und Sohn Buchstein, die Frau Organistin und
Gretchen und Klrchen vor; so war es von Frau Bendler bestimmt. Der
Hauptspa war nun, wie die anderen sich zur Hauptperson verhielten. Blieben
sie fern so war es mit der Freundschaft schlecht bestellt. Und wirklich
drckten sie sich alle ziemlich fern an den Seiten herum. Frau Bendler
scherzte und neckte, bis pltzlich Fritzens Schiffchen, durch eine leise
Wasserbewegung angeregt, auf die Tante zu scho und nicht wieder von ihr
lie, was auch am Napfe gerttelt und geschttelt ward. Das Schtteln
aber hatte zur Folge, da die anderen vier Schiffe sich zu einem Hufchen
gesellten, und nun wie zwei feindliche Parteien sich die Flotte gegenber
stand.

Weil der Fritz es so gut mit mir meint, soll er jetzt der Erste sein der
die Herzen seiner Freunde prft, sagte Frau Bendler. Fritz aber war gar
nicht begierig danach, er wollte den Andern durchaus den Vorrang lassen;
doch half es ihm nichts, die Alten bernahmen es, den Schiffchen Namen zu
geben, und die Sache ging los. Gretchens Herz klopfte gewaltig, und sie
besann sich schon, was fr ein Gesicht sie machen wolle und was sagen, wenn
das Schiffchen die Gedanken ihres Herzens verrathen sollte. Zwei andere
junge Mdchen, die ganz unbefangen waren, scherzten mit Fritz und meinten:
das passe sich gar nicht, wenn er da groartig in der Mitte stehe, und sie
sollten sich um ihn bemhen, diese Prfung sei eigentlich nur fr Mdchen.
Klrchen aber war ganz erhoben ber diesen Spa, ihre Gedanken waren
lngst nicht mehr hier; je spter es wurde, je grer ward ihre Unruhe und
Sehnsucht, den Brief zu beantworten. Doch seltsam genug, ihr Schiffchen
nahete sich zuerst der Mitte, Fritz schien ihr auszuweichen, aber sie zog
hinter ihm her, vereinigte sich mit ihm und schiffte dann mit ihm zusammen
auf dem kleinen Meere umher. Das gab ein Lachen, aber Klrchen warf
die Lippen auf und warf einen verchtlichen Seitenblick auf den
Tischlergesellen, so da Allen die Gesinnung ihres Herzens kund werden
mute. Gretchen ward vor Aerger ganz roth und hatte schon ein derbes Wort
auf den Lippen, doch scheute sie sich vor Fritzens Gegenwart und wollte es
sich lieber aufsparen. Die beiden andern Mdchen stieen sich an, Klrchen
hatte ihnen schon den ganzen Abend zu vornehm gethan, und die Frau
Organistin sagte spitz: Ei Klrchen, brauchst den Mund nicht zu verziehen,
bist in ganz guter Gesellschaft hier. Doch die Tante wollte keinen Ernst
gemacht haben; sie entgegnete leicht: In der Hinsicht mu ein jedes Mdchen
stolz und sprde thun, die jungen Burschen sollten sonst eitel werden.
Dann wurden die Namen der Schiffchen wieder gendert, und die Sache war
abgemacht. Fritz aber behielt den Stachel im Herzen. Wenn er auch lngst
Klrchens Besitz aufgegeben, so konnte er ihr doch heut nicht ohne innere
Bewegung gegenber sitzen, es war ihm, als ob aus ihrem Wesen bald ein
guter bald ein bser Engel schaue; er htte den guten so gern festhalten
und in ihre Nhe bannen mgen. Die dunkelblauen Augen hatten ihn zuweilen
so kindlich angeschaut, ganz so wie sie auf seiner Wanderschaft vor seiner
Seele schwebten. Er wute zwar mehr als alle die Anderen von ihrem Leben
und Treiben -- die Augen der Liebe sehen scharf--, auch wute er da der
Mediziner im Hause der Generalin wohne, aber immer noch konnte er den guten
Engel in ihr nicht aufgeben, und sein theilnehmendes und trauerndes Herz
ward von ihrem verchtlichen Wesen schmerzlich berhrt.

Die Zeit war mit den Spen vergangen, es schlug zehn Uhr, man wurde
ernsthafter. Die Alten erzhlten, die Jungen hrten still zu. Fritzen war
das sehr lieb, er war wahrlich nicht zur Freude aufgelegt und er bernahm
es auch spter gern, etwas aus der Bibel vorzulesen. Er begann mit dem
90.Psalm. Er las langsam und feierlich, seine Stimme ward immer voller,
die Worte quollen immer mehr aus seinem Herzen. Als er die Worte las: Lehre
uns bedenken da wir sterben mssen, auf da wir klug werden, -- schaute
er auf und sah Klrchen an. Niemandem fiel das auf, nur Klrchen konnte den
Blick nicht vertragen und es wurden ihr dadurch die Worte erst bedeutsam.
Dem Psalm folgte ein Abendgebet, auf den Jahresschlu passend, und dann das
schne Lied:

  Jahre gehn und fliehen,
  Blumen, die da blhen,
  Welken traurig ab!
  Was da grnend stehet,
  Wandelt und vergehet
  In ein dstres Grab!
  Bleiben _wir_ wohl ewig hier? --
  Was genommen ist von Erden,
  Mu zur Erde werden.

  Eines unter Allen
  Kann nicht fliehn und fallen,
  Wenn auch Alles fllt:
  Was aus Gott geboren,
  Gehet nicht verloren
  In dem Grab der Welt;
  Seine Zeit heit Ewigkeit --
  Selig, wer in guten Stunden
  Dieses Eine funden.

  Der fr uns gestorben,
  Hat es uns erworben
  Einst mit seinem Blut;
  Jesus, unser Leben,
  Kann dem Snder geben
  Dieses Eine Gut;
  Seine Kraft bewirkt und schafft,
  Da geweihet sei die Seele
  Mit dem Lebensle.

  Weichet, Lust und Snde!
  Einem Gotteskinde
  Habt ihr nichts mehr an.
  Denn dem Gott der Ehren
  Mu mein Herz gehren,
  Ihm dem Schmerzensmann.
  Ihm erkauft, auf ihn getauft,
  Steh ich in dem Grund der Gnaden.
  Was kann da mir schaden?

  Tage, Jahre, fliehet!
  Lust und Glanz, verblhet!
  Grber, ffnet euch!
  Wenn die Glieder sterben,
  Werd ich ja ererben
  Meines Heiland's Reich!
  Wr sie nah', ach wr sie da,
  Jene Zeit, da ich erstritten
  Gottes ew'ge Htten!

Klrchen bemhte sich so viel als mglich, nicht hinzuhren und sich mit
anderen Gedanken zu zerstreuen; es war ihr aber unmglich. Fritzens Stimme
klang wie Glckentne in ihr Herz, so mchtig, so ernst, sie mute hren,
und je lnger er las, desto aufmerksamer hren. Von Sterben -- Grab -- und
Verblhen war die Rede, es ward ihr bange dabei, und ihr aberglubig Herz
nahm die Bangigkeit fr bse Ahnung. Nur nicht sterben! dachte sie. Der
Heiland, von dem sie reden, hilft mir nichts, sein Reich reizt mich nicht
und nicht die ewigen Htten; nein, ber den Tod hinaus geht keine Hoffnung.
O, so hliche Gedanken verbittern einem das schne Leben, und gerade heute
das anzuhren ist sehr strend. Die Andern sehen dabei so ruhig und freudig
aus, als ob sie Recht htten, und Fritz ist so voll von der Wahrheit, sein
Gesicht leuchtet, und wie Gretchen so demthig zu ihm aufschaut -- solche
Blicke mssen sein Herz rhren.

Es schlug zwlf. Alle falteten die Hnde, beugten sich zum Gebet. Auch
Klrchen mute so thun, aber in ihrem Herzen war es dunkle Nacht, der
Teufel hielt seine Hand ber sie. Fort, fort von hier! seufzte sie, und der
Liebesbrief zog sie gewaltig hinaus aus dem Ernst und dem Frieden in die
Lust und Unruhe der Welt.

Beim Heimgehen fand es sich, da Frau Krauter mit den Andern einen Weg
hatte, und nur Klrchen allein nach einer ganz entgegengesetzten Seite
mute; es wurde beschlossen, Fritz sollte sie nach Hause fhren. Sie aber
strubte sich, denn nichts wre ihr drckender gewesen, als ein einsamer
Weg mit diesem sonderbaren Menschen. Aber es half nichts. In der
Sylvester-Nacht, wo der Trunkenbolde nicht wenige auf den Straen zu finden
sind, darf kein junges Mdchen allein gehen, hie es, und Klrchen mute
sich fgen. Fritz war gar nicht verlegen, er hatte sich eben zu sehr in
eine Gottes-Welt vertieft, als da ihn die kleinen Bewegungen der irdischen
Welt htten berhren knnen. Er sah Klrchen ruhig und fest in die Augen
und sprach zu ihr mit unbefangener Stimme: doch wehten auen Sturm und
Regen so sehr, und Klrchen ging so rasch, da er schweigen mute. Jetzt
standen sie vor der Hausthr. Klrchen nahm den Schlssel und schlo auf.
Der Mond brach eben durch Wolken und warf sein helles Licht auf Fritz und
Klrchen, sie sah unwillkrlich auf zu ihm: da ruheten seine dunklen Augen
so traurig auf ihrem frischen Gesicht, er reichte ihr die Hand, sie mute
ihre hineinlegen. Klrchen, sagte er mit bewegter Stimme, wir stehen jetzt
am Anfang eines neuen Jahres. Der Herr wolle uns segnen, da wir am Ende
desselben mit reinem Herzen und ruhigem Gewissen und unbefleckter Ehre
mgen darauf zurckschauen. Der Herr behte Sie!

Er wandte sich schnell von ihr, sie trat in das Haus, aber mute erst
einige Augenblicke sich vom Schrecken erholen.

Was will er nur? dachte sie. Meine Ehre? da will ich selbst fr sorgen.
Und das Gewissen? ich werde doch kein Verbrechen begehen? -- Sie suchte mit
Gewalt den Eindruck von Fritzens Worten abzuschtteln, und das sollte ihr
leider nicht schwer werden. Als sie die erste Treppe hinauf war und eben
den Zugang, der zur Etage bei Generalin fhrte, ffnen wollte, kam Jemand
von oben herunter. Sie zgerte, -- ja es war der Mediziner. Er hatte den
Sylvester-Abend etwas lauter und wilder gefeiert als Klrchen, sein Gesicht
glhte von Wein und Punsch, und seit geraumer Zeit hatte er mit Ungeduld
auf Klrchens Rckkehr gewartet. Jetzt flossen ihm die Worte wie Feuer
von den Lippen. Diese Liebes- und Treueversicherungen, diese Ausdrcke von
erhabenen Gefhlen -- Klrchen konnte nicht widerstehen. Sie erwiederte
flsternd se Liebesphrasen, duldete, da er sie kte, und als sie sich
endlich losri, mute sie ihm das Versprechen geben, fr eine recht baldige
ungestrte Zusammenkunft zu sorgen. Das war gar nicht schwer, bei ihrer
Mutter konnten sie das haben; denn die wird dem Glck der Tochter nichts
entgegensetzen. Und, fgte Klrchen hinzu, es ist auch nthig da wir
besprechen, wie es mit unserer Verlobung werden soll, es ist doch da
manches zu thun.--

Nrrchen! unterbrach sie der Mediziner, wer wird denn an so alberne Dinge
denken? Wir leben in der Gegenwart, das andere fgen die Gtter. -- Dann
fgte er einige zrtliche Worte hinzu und ging die Treppe hinauf.

Diese letzten Worte gingen Klrchen eisig ber die grnen Auen ihres
Glckes, doch dachte sie nicht weiter darber nach und legte sich in ser
Betubung zur Ruhe.

Am anderen Morgen wachte sie spter auf als gewhnlich. Ihre gtige
Dame hatte sie nicht zur gewhnlichen Zeit wecken lassen, damit sie den
versumten Schlaf nachholen mge. Und dennoch konnte sie sich nicht zurecht
finden. Es war ihr so wst im Kopfe und so nchtern im Herzen, sie mute
sich ordentlich erst klar machen, da sie sehr glcklich sei, und trotz des
Vorredens blieb sie unruhig. Wird er Ernst machen? Wird er sich ffentlich
verloben? Wird er es seinen Eltern sagen? Solche Fragen war sie thricht
genug sich vorzulegen, und es galt von ihrer Seite immer noch groe
Vorsicht, das Alles zu erreichen. So dumm wie ihre Mutter, der der
Rechtsgelehrte unter den Hnden entwischt ist, wollte sie nicht sein,
dachte Klrchen; und so denken alle thrichten Mdchen, die leichsinnige
Liebschaften anknpfen. Sie sehen zwar rund um sich, wie die Sachen
meistens ablaufen, aber sie wollen es schon anders zu Ende bringen, bis
ihnen dann das reine Herz, Ehre, und gutes Gewissen sammt dem Liebhaber
unter den Hnden entschlpft sind.

Als Klrchen zur Frau Generalin ging, um ihr wie gewhnlich bei der
Toilette behlflich zu sein, fand sie dieselbe schon fertig angekleidet
beim Frhstck, und neben ihr sa bei demselben ein junger schner
schlanker Mann in Gardeuniform. Klrchen entschuldigte sich wegen des
spten Kommens; die Generalin aber war sehr freundlich und sagte nebenbei:
Ich habe gestern Abend auch eine groe Ueberraschung gehabt, mein Sohn kam
unerwartet an. -- Der junge Mann war bei Klrchens Eintreten aufgestanden,
ihre Schnheit und ihr feines Wesen bestimmten ihn, hflicher zu
gren, als er es gethan haben wrde, htte er gewut da seiner Mutter
Kammerjungfer vor ihm stand. Jetzt ward er etwas verlegen, Klrchen merkte
Alles, -- ein koquettes Mdchen ist sehr feinfhlend in solchen Dingen --
und ihr ganzes Benehmen wurde augenblicklich dem jungen Manne angepat. Sie
ging ordnend im Zimmer hin und her, that, was in der Schlafstube nebenan
zu thun war, und ging dann um Sonntagstoilette zu machen. Sie wute selbst
nicht recht wie sie dazu kam, aber sie begann Vergleiche zu machen zwischen
dem Gardelieutenant und dem Mediziner. Der Mediziner war wirklich hlich
dagegen zu nennen, und wie plump war seine Sprache und sein ganzes Wesen!
Freilich, trstete sie sich, er ist ein Student, und die meinen, sie mssen
burschikos sein; wenn er bei seiner Mutter, der Frau Prsidentin sitzt,
wird er auch anders sein. Aber er soll auch gegen mich anders sein, dachte
sie weiter, er soll fein und nobel werden wie der Gardelieutenant!

Das Haus war durch die Neujahrs-Glckwnschenden so belebt, da es dem
Mediziner unmglich ward, Klrchen zu sehen. Auch den Abend war groe
Gesellschaft, der Flur hell erleuchtet und fast immerfort Bewegung auf der
Treppe. Er war sehr ungeduldig und wute kaum wie er die Zeit hinbringen
sollte. Klrchen ging es nicht so, sie war heut so beschftigt und
hingenommen, da sie kaum Zeit hatte an ihre Liebe zu denken. Bis jetzt
hatte sie fast nur alten Damen den Thee servirt, heute aber waren junge
Herren, die Freunde des Lieutenants, in der Gesellschaft. Klrchen, im
hellblauen Musselin-Kleide mit freiem Hals und freien Armen, stand vor der
singenden Theemaschine und schwebte dann in den hell erleuchteten und wohl
durchdufteten Zimmern hin und her. Ein solcher Triumph war ihr noch nie
geworden: die Blicke der jungen Leute folgten ihr, wohin sie ging, bis
leider die Generalin sehr ernste Blicke auf sie warf und ihr huldreich
sagte, sie mchte sich nicht weiter bemhen, der Bediente solle allein
aufwarten. Sie ging, und trat erhitzt und aufgeregt in ihre Stube. Kaum
hatte der Mediziner Licht darinnen gesehen, als er sein Fenster ffnete und
leise mit den Hnden klappte. Klrchen hatte eigentlich nicht groe Lust
ihn jetzt zu sprechen, sie sah aber ihr Bild im Spiegel und fand sich gar
zu schn, der Mediziner mute sie sehen, mute sich berzeugen, da sie mit
ihrer Erscheinung in die Salons einer Prsidentin passe, ja ihr Hochmuth
und ihre Eitelkeit waren heut so sehr gewachsen, da sie meinte, er msse
sich glcklich schtzen sie zu gewinnen. Man konnte gar nicht wissen ob ihr
nicht noch ein greres Glck bestimmt gewesen. Der junge Graf, der heut
mit in der Gesellschaft war, hatte sie nicht aus den Augen gelassen, und
der Generalin Sohn, der auer seinem Lieutenantsgehalt noch ein Gut in
Schlesien hatte, dazu adelig war, hatte sich gewi schon sterblich in sie
verliebt. Klrchen hatte viel Romane gelesen, sie wute, da nicht selten
arme Mdchen vornehme Partien machen, und sie hatte die bestimmte Ahnung
einer groen Zukunft. Mit solchen Gedanken trat sie auf den Flur,
der Mediziner stand schon unten an der Treppe. Als er ihr vornehmes,
herablassendes Wesen sah, dazu ihre Schnheit, verschluckte er die groben
ungeduldigen Liebesvorwrfe, die ihm in der Kehle staken, und beklagte sich
nur, da er sie heut den ganzen Tag nicht gesehen. Klrchen entgegnete,
dies sei ein unschicklicher Platz sich zu sprechen, und beschied ihn zum
nchsten Abend zu ihrer Mutter. Da er sie kte und zrtlich ward, litt
sie wohl; Hochmuth und Eitelkeit schtzen nicht vor bsen Herzensgelsten,
nein, es sind gerade sehr vertrgliche Schwestern, die sich gegenseitig
hegen und pflegen.

Am andern Morgen sa Klrchen, wie gewhnlich, nhend im Vorzimmer. Der
Lieutenant trat ein und bat sie, einige Maschen an seiner Geldbrse wieder
zu befestigen. Whrend sie es mit den feinen geschickten Hnden that, stand
er schweigend vor ihr. Auch Klrchen schwieg, aber ihr ganzes Wesen redete.
Wie sie den Kopf hielt, wie sie die Finger bewegte, wie sie aufschaute,
ihm dann die Brse gab -- es mute das Alles das Herz des Lieutenants
bestrmen. Klrchen merkte, da er gern eine Unterhaltung mit ihr
angeknpft htte, doch die Schritte der Generalin waren im Nebenzimmer
hrbar, und er verlie sie mit einem kurzen verbindlichen Danke.

Der Tag verging mit Plnen fr heut Abend; und wenn auch das Bild des
Lieutenants sich zuweilen dazwischen drngte, so schob sie es mit Gewalt
zurck. Der Mediziner mu sich heut Abend feierlich mit dir verloben, wo
mglich mssen wir heut Abend noch Brautvisite bei Tante Rieke machen.
Was wird die sagen! Und Grete! Nun, sie werden Respekt bekommen vor der
Schwiegertochter einer Frau Prsidentin. Der Mediziner mute morgen frh
selbst die Frau Generalin um ihre Entlassung bitten, oder wenigstens ihr
eine andere Stellung geben; die Hlfte des Wechsels mute er ihr gleich
berlassen, um fr Toilette und Wsche zu sorgen; sie war nun aus aller
Noth, konnte sich die Hemden Dutzendweis fertig kaufen und so alle Sachen.
In dieser Weise flogen ihre Gedanken, sie konnte kaum den Abend erwarten,
und es war ihr recht unangenehm, da sie ihrer Herrin noch von 6bis 7Uhr
vorlesen sollte. Die Frau Generalin aber war ganz allein, erwartete den
Sohn erst zum Abend zurck, und Klrchen mute wie gewhnlich ihr auf
diese Weise die Zeit vertreiben. Sie las heut besonders schlecht, und die
Generalin war eben im Begriff, dies zu tadeln, als die Thr sich ffnete
und der Sohn eintrat. Er winkte, setzte sich in eine dunkle Ecke, und
die Mutter bemerkte: sie wolle nur dies kurze Kapitel auslesen lassen. In
Klrchen schien pltzlich eine andere Kraft gefahren, sie las besonders
schn und mit ganz anderer, bewegter Stimme. Der Lieutenant wandte keinen
Blick von ihr, und die Generalin sah sie bedenklich an. Als sie das Zimmer
verlassen, wandte sich diese zu ihrem Sohne.

Lieber Alfred, sagte sie lchelnd, ich glaube, so lange Ihr jungen,
leichtfertigen Leute hier bei mir ein- und ausgeht, mu ich das Mdchen aus
dem Haus thun.

Und wenn ich mich auch ein wenig verliebte, entgegnete Alfred, Du frchtest
doch nicht--

Nein, ich frchte nicht, da Du leichtfertig genug wrest, ein Mdchen
thrichter zu machen, als es schon ist, aber Deinen Freunden traue ich
nicht.

Alfred lachte. Sie sind alle auer sich ber diese Schnheit, und Graf
Brndel, glaube ich, frge allerdings nicht viel danach, ob er ein thricht
Mdchen thrichter mache.

So bitte ich Dich, vermeide es, da er sie sieht, -- entgegnete die Mutter
besorgt. Und Du, lieber Alfred, bist vorsichtig, -- fgte sie zgernd
hinzu.

Gewi, sagte Alfred treuherzig und reichte der Mutter die Hand; und sollte
es wirklich gefhrlich werden, da bitte ich Dich, mich fortzuschicken, --
schlo er scherzend.

Diese Unterredung hatte Klrchen durch das Schlsselloch mit angehrt, denn
Horchen war in den zehn Geboten nicht verboten. Sie haben sich Alle in dich
verliebt, und Alfred ist doch der Schnste und Edelste. Seinen Spa wrde
er nie mit dir treiben: zeigt der dir Liebe, so wre es Ernst. Sie seufzte.
Ja, htte sie mit dem Mediziner noch nicht angefangen, sie htte es
wahrlich jetzt gelassen; aber sie hatte sich kssen lassen, hatte eine
Liebschaft an der Treppe gehabt; Frau von Trautstein konnte sie nicht
werden. Also nur khn den Mediziner festgehalten, er ist auch ein Mann von
Bedeutung und so sehr verliebt, es lt sich Alles mit ihm machen.

Mit solchen Gedanken machte sie in ihrer Mutter Stube die Vorbereitungen
zur Verlobung. Zwei Lichter brannten auer der kleinen Lampe, Tassen und
Kuchen standen auf dem Tisch, die Theekanne in der Rhre, die Mutter sa im
Lehnstuhl am Ofen, und Klrchen mit der Guitarre am Arm sa im Sopha. Der
Student kam, die Thr ward verschlossen und nun ward geplaudert, gescherzt,
gekoset. Die Mutter war ganz glcklich. Der Mediziner hatte schon eine
volle Brse deponirt zu Sachen, die fr Klrchen nothwendig angeschafft
werden sollten. Sie mute sich gestehen, da Klrchen es weit klger
angefangen als sie: Klrchen that sprder und vornehmer und kommandirte
mehr. Sie bedachte nur nicht, da das Ende einer klugen Snderin ein
gleiches ist, als das einer dummen. Klrchen kam zuletzt mit Vorschlgen
zur Verffentlichung ihrer Verlobung heraus, die fr heute darin bestanden,
noch zu Tante Rieke zu gehen. Der Mediziner sah sie erst verblfft an
und brach dann in ein helles Lachen aus. Er hatte schon viel Liebschaften
gehabt, das aber war ihm noch nie passirt.

Nrrchen! sagte er, wie kannst Du ein solcher Philister sein! Bei uns
ist wohl von Lieben die Rede, aber nicht von Verloben. Wenn die Welt erst
zusieht, hrt aller Spa auf.

Klrchen stand auf, sie zitterte an allen Gliedern. Wenn es so gemeint ist,
sind wir geschiedene Leute, sagte sie in hchster Erregung.

Der Student war wieder verblfft, lachte darauf aber nicht. Er merkte,
da er mit dem Mdchen anders verfahren msse, als er es bisher gewohnt
gewesen, und da er unglaublich in sie verliebt war, begann er zu
kapituliren. Das aber half ihm nichts, sie war zu klug und durchschaute
seine gleienden Worte. Dazu liebte sie ihn eigentlich gar nicht mehr, sie
dachte an den Lieutenant, an den Grafen, sie konnte ja nur zugreifen; ja,
mit einemmal war es ihr, als msse sie sich von dem Studenten losreien,
um einem hheren Geschicke entgegen zu gehen. Das gab ihr Muth, jetzt
die Tugendheldin zu spielen. Sie hielt die schnsten Reden; selbst als
er versicherte, Ostern wolle er mit seinen Eltern reden und nur bis dahin
msse die Sache geheim bleiben, blieb sie standhaft, -- und als er sie
bestrmen wollte mit seiner Liebe und seinem Unglck, verschlo sie sich
in die Kammer. Die Mutter spielte eine traurige Rolle dabei, ihr Herz war
weicher, als das der Tochter, sie htte den Unglcklichen gern glcklich
gemacht, -- dazu die schne volle Brse auf dem Tisch, -- und versuchte ihn
zu beruhigen, versprach mit der Tochter zu reden, und entlie ihn so nicht
ganz ohne Hoffnung. Klrchen aber that stolz wie eine Knigin. Siehst Du,
sagte sie zu ihrer Mutter, so mu man es machen, spaen lasse ich nicht mit
mir! Und weil sie doch im Inneren eine groe Demthigung fhlte, da ihr
der Mediziner entschlpfte, wie der Mutter Rechtsgelehrter, so that sie mit
Worten besonders gro, lie ihr Glck bei den adeligen Herren ahnen, und
um die Mutter vollstndig mit dem ersten Abenteuer auszushnen, duldete sie
es, da diese die volle Geldbrse des Mediziners in Verwahrung nahm.

Auf ihrem Stbchen aber brach sie in Thrnen aus, nicht Thrnen der Reue
ber ihren Leichtsinn, nein, sie weinte ber ihre Dummheit, sich mit diesem
rohen Menschen so weit eingelassen zu haben. Wenn es die Generalin, wenn es
der Lieutenant wte! Aber sie wissen es nicht und werden es nie erfahren,
war ihr Trost; du willst vorsichtiger sein, dich nie mit so rohen Menschen
einlassen. Um sich vollstndig zu trsten, wiederholte sie sich die
Unterredung der Generalin mit ihrem Sohne. Es konnte ihr nicht fehlen, --
sie taumelte sich in einen neuen Himmel der Zukunft und schlief beruhigt
ein.

Ihr Rouleau kam nun den ganzen Tag nicht mehr in die Hhe, und die Kchin,
die schon angefangen, aufmerksame Augen auf sie und den Mediziner zu
werfen, ward wieder ganz ruhig.

Die Generalin aber war nicht ruhig, sie sah die Augen ihres Sohnes
fortwhrend auf Klrchen gerichtet, und diese war ganz besonders sanft und
holdselig. Der Graf hatte gesagt: das Mdchen sei ganz verteufelt stolz
und sprde, und Alfred hatte das mit Triumph der Mutter erzhlt und dabei
fallen lassen, da ihre Bildung eigentlich ber die eines Kammermdchens
hinausgehe. Klrchen hatte das glcklicherweise wieder erlauscht, denn
wenn Mutter und Sohn allein in der Stube waren, kam sie nicht viel vom
Schlsselloch fort. Das waren selige vierzehn Tage, und ihr Kopf war voll
der tollsten Plne und Trumereien.

Aber die Tage vergingen und die Zeit der Trennung kam; ja, der Lieutenant
war eines Morgens abgereist, ohne da Klrchen etwas davon geahnet. Sie
war pltzlich eine andere, sie war zerstreut und trge, erst der Generalin
ernste Blicke muten sie wieder etwas zu sich bringen.

Nach einigen Tagen sa die Generalin einen ganzen Morgen am Schreibtisch
mit Schreiben beschftigt; dazwischen ging sie sinnend in der Stube auf und
ab. Klrchen kalkulirte richtig: sie schreibt an ihren Sohn. Um Alles
in der Welt htte sie den Brief gern gelesen. Wenn er nur heut nicht
fortgeschickt wird, so ist's mglich, dachte sie. Und wirklich ward
er nicht fortgeschickt; der Nachmittag war unruhig, den Abend war die
Generalin in Gesellschaft, sie fand nicht Zeit, ihn zu vollenden. Mit
klopfendem Herzen hrte Klrchen ihre Dame fortfahren, der Bediente hatte
sie begleiten mssen, so war jetzt die beste Zeit, ihren Plan auszufhren.
Was sie an kleinen Schlsseln finden konnte, suchte sie zusammen und
versuchte das Schlo zu ffnen. Ihre Hnde zitterten, und zehnmal wohl lief
sie nach dem Vorsaal, um zu hren, ob auch Niemand komme. Sie fhlte zum
erstenmal eine heftige Gewissensangst, aber zum erstenmal auch ging sie
von der Stufe der Thorheit und des Leichtsinns eine weiter hinunter zum
Verbrechen. Gleich einem Diebe stand sie zitternd vor dem verschlossenen
Tisch, sie war ja wirklich im Begriff zu stehlen.

Doch das Schlo wollte nicht weichen, der Wagen der Generalin kam zurck,
Klrchen verlie hastig und scheu das Zimmer.

In ihrem Stbchen berlegte sie sich die Sache ruhiger, ja sie machte sich
Vorwrfe ber ihre Angst, beredete sich, da es gar nichts Groes
sei, einen fremden Brief zu lesen, und htte gern gleich ihre Versuche
wiederholt. Sie mute aber warten, bis der Bediente fort fuhr, um seine
Dame wiederzuholen. Jetzt ging sie schon getroster daran. Uebung macht bei
solchen Dingen bald den Meister, darum heit es: Hte dich vor dem ersten
Tritte, mit ihm sind bald die anderen Schritte zu einem nahen Fall gethan!
Aber auch jetzt bei grerer Ruhe ging das Schlo nicht auf, und Klrchen
mute die auf's Hchste angeregte und unbefriedigte Begierde mit zu Bett
nehmen.

Am andern Morgen ging sie, wie gewhnlich, im Schlafzimmer der Generalin
einzuheizen. Wie gewhnlich lag auf dem Tischchen neben der Nachtlampe der
Schreibtisch-Schlssel. Ruhig hatte ihn Klrchen immer dort liegen
sehen, heute trieb sie der Teufel an, sie nahm den Schlssel, verlie
das Schlafzimmer, schlo die Thr hinter sich, auch die nach dem Vorsaal,
obgleich der Bediente nie um diese Zeit hier etwas zu thun hatte, und
nun schlo sie mit Leichtigkeit das Schlchen auf. Da stand ein volles
Geldkstchen, daneben lag der Brief; das Geld reizte sie nicht, wohl aber
der Brief. Sie durchflog ihn mit Hast, aber erfuhr genug. Die Mutter warnte
den Sohn vor dem eignen Herzen: sie mchte ihn vor einer Liebe bewahren,
die ihn, wenn auch nicht fr Jahre, doch fr Tage unglcklich machen knne.
Darauf schilderte sie Klrchens Wesen und Gedanken mit solcher Wahrheit,
da Klrchen feuerroth beim Lesen dieser Worte wurde. Ja, die kluge
Frau hatte sie in ihrem koquetten Treiben und verdrehten, berbildeten
Trumereien durchschaut. Sie ist ehrlich und treu, geschickt und fleiig,
schlo die Generalin diese Schilderung, darum werde ich sie jetzt nicht
gehen lassen, ich werde es mir aber zur Pflicht machen, sie besser zu
berwachen, was mir bei meinem jetzigen stilleren Leben nicht schwer werden
soll.

Klrchen war in groer Aufregung. Sie legte den Brief wieder an dieselbe
Stelle, schlo den Kasten und legte den Schlssel zurck an seinen Platz.
Die Sache war herrlich geglckt, und wenn sie auch manches Unangenehme aus
dem Briefe erfahren, so doch auch das Erfreuliche: der Lieutenant liebte
sie, die Mutter frchtete. Ihre grte Begierde war von jetzt an, die
Antwort des Sohnes zu lesen; mit hchster Aufmerksamkeit kontrollirte
sie die Briefe, die zu ihrer Dame kamen. Acht Tage vergingen, da endlich
entdeckte sie das Postzeichen von Berlin und das Familienwappen. Die
Generalin nahm den Brief in hchster Spannung aus Klrchens Hand und
erbrach ihn schnell. Klrchen aber rumte den Frhstckstisch ab, ordnete
hier, wischte dort, und warf dabei manchen forschenden Blick auf die
Leserin, deren Zge erst sehr ernst waren, aber immer freundlicher wurden
und sich endlich in eine frhliches Lcheln auflsten. Dies Lcheln war ein
Dolchsto in Klrchens Herz, und noch nie war ihr ein Tag so lang geworden
als dieser, denn vor dem anderen Morgen konnte sie das Kunststck mit der
Erffnung des Tisches nicht wiederholen.

Doch der Morgen kam, Klrchen heitzte eine halbe Stunde frher als
gewhnlich ein, die Generalin lag noch im ruhigen Schlummer. Klrchen nahm
den Schlssel, der Brief lag ganz oben in der Mappe, sie ffnete schnell
und las:

Wenn ich Dir, theuerste Mutter, Sorge machte, so thut es mir herzlich
leid, ich kann Dir aber mit festem Herzen versichern, da es unnthig war.
Ich leugne nicht, da mich im Anfange das hbsche Mdchen interessirte und
ich neugierig war, ob wirklich hinter der schnen Hlle das verborgen
sei, was man wnschen und vermuthen mute. Ich stimme aber ganz mit Dir im
Urtheil ber ihren Charakter ein; in den letzten Tagen habe ich Blicke
in ihr Wesen gethan, die mich von einem gemeinen und koquetten Sinn
berzeugten. Ich frchte fast, es wird Dir schwer werden, sie zu
berwachen. Graf Brndel ist ernstlich verliebt und wird nicht Geld und
Mhe sparen, ein Verhltni anzuknpfen,--

Jetzt regte es sich im Nebenzimmer, Klrchen fuhr erschrocken zusammen. Sie
lauschte, es schien ihr wieder still; aber ihre Angst war gro und sie sah
nur noch nach dem Ende des Briefes:

Ja, liebe Mutter, mein Herz war schon leise beschftigt, ehe ich zu Dir
kam. Die edle Reinheit meiner Adelheid hat mich von neuem berwltigt, ich
hoffe Dir bald eine wrdige Tochter--

Hier regte es sich abermals im Schlafzimmer der Generalin, Klrchen legte
den Brief schnell in die Mappe, schob den Geldkasten wieder zurecht und
schlo eiligst den Kasten. Welch eine Entdeckung war das!

Schmerz und Zorn bewegten Klrchens Herz. Hier war also nichts zu
machen, der Mensch war nicht poetisch, nicht romantisch genug, um etwas
Ungewhnliches der Welt gegenber zu thun! Alle Qualen unglcklicher Liebe,
die sie je in einem Romane beschrieben gefunden, kamen ber sie. Zum Glck
nicht fr sehr lange.

       *       *       *       *       *

Es war ein sehr kalter Winter. Selbst Mitte Februar begann er noch einmal
mit aller Strenge zu regieren. Der Himmel war klar, die Sonne glitzerte
hell auf den weien Dchern, die Leute trippelten an einander vorber,
konnten sich der rothen Ohren und Nasen nicht erwehren, und die Blumen an
den Fenstern thauten kaum um Mittag ein wenig ab.

Gretchen verlebte hinter den Eisblumen stille Tage. Sie sa ihrer Mutter
gegenber und spann, und spann und sann, und hauchte sich zuweilen ein
Fensterchen in den Eisgrund, schaute, da der Himmel blau, die Sonne golden
war, dachte an den Frhling, an Blthen, Bume und Vgelgesang und andere
schne Dinge, und das Herz schlug ihr warm hinter den kalten Eisblumen.
Zuweilen entdeckte sie auch durch ihr Fensterlein das rothe Gesicht eines
Handwerksburschen, der sie bittend anschaute, da reichte sie ihm eine Gabe;
oder ein Vogel hpfte auf dem Fenstersims, dem streute sie Krmlein hin.
Aber auch die Vgel im Garten wurden gefttert; ein Stckchen Brod war ja
immer brig vom Frhstck und auch vom Mittag, und jedesmal wenn sie hinaus
kam, rief Benjamin einen guten Tag aus dem Schiebfensterchen, oder sonst
ein gutes frhliches Wort.

Seit zwei Tagen aber hatte sich das Schiebfensterchen nicht geffnet, und
die Eisblumen regten und rhrten sich nicht. Gretchen sagte es der Mutter,
es wurde Rath gehalten; Benjamin war jedenfalls krank, man mute sich
nach ihm erkundigen. -- Der Verkehr mit dem Nachbarhause war leider diesen
Winter sehr eingeschlafen; Frau Bendler empfand es schmerzlich, da Fritz
Buchstein sich ihrem Gretchen gar nicht nhern wollte. Ihr Zartgefhl
erlaubte es nicht, von ihrer Seite nur die leiseste Andeutung zu geben;
aus dieser Aengstlichkeit erfolgte dann fast das Gegentheil. Der alte
Buchstein, der sonst so eifrig die Freundschaft betrieben, war jetzt
verlegen. Fritz wich seinen Aufforderungen aus, und sehr zureden wollte er
dem Jungen nicht, und wute nur nicht, was zur Frau Nachbarin sagen, mit
der er frher die Sache in allen Einzelheiten besprochen hatte. -- Heute
aber war von all' den Rcksichten nicht die Rede, Benjamin mute gepflegt
werden und Gretchen sich auf den Weg zu ihm machen. Sie that es so gern,
und doch hatte sie Scheu zu gehen, denn ihr Weg fhrte durch die Werkstatt.
Whrend dem sie eine warme Suppe kochte, schaute sie wohl zehnmal auf die
Strae, ob sie nicht Jemand vom Nachbarhause she; und wirklich es glckte,
die alte Magd kam daher und Gretchen konnte ihre Erkundigungen einziehen.

Benjamin sei wirklich krank, berichtete die mrrische Magd, er verlange
aber gar nichts, er wolle die Sache ausschwitzen. Das hielt Gretchen nicht
ab, sich zu rsten. Das Npfchen mit der warmen Suppe unter dem Mantel
ging sie hinber zu dem alten Freunde. Die Sonne schien so hell in die
Werkstatt, die Blumen von den Fenstern waren etwas abgethaut, Fritz
in weien Hemdsrmeln und schwarzer Tuchweste stand mit Gesellen und
Lehrburschen rstig bei der Arbeit. Als die Thr sich ffnete und Gretchen
mit dem frischen Gesicht und der schwarzen Sammetmtze hineinschaute,
erschrak er fast, aber er trat ihr entgegen und reichte ihr freundlich die
Hand.

Ich will zum kranken Benjamin, sagte Gretchen etwas scheu.

Zum kranken Benjamin? wiederholte Fritz und seufzte: ja er ist krank, und
es ist recht schlecht von mir, ich habe ihn ganz vergessen. Soll ich das
Npfchen tragen? setzte er mit weicher Stimme hinzu.

Gretchen lie es sich gefallen und folgte ihm nun die Treppe hinan. Aus der
warmen Werkstatt traten sie in eine eiskalte Stube; Benjamin steckte tief
in den Federn, der Staarmatz stand auf dem Tisch vor dem Bett mit trauriger
Miene, der Dompfaff pickte eben vergebens am zugefrorenen Trinknpfchen.

Armer Schuster! schnarrte der Matz, als die Thr sich ffnete, -- armer
Schuster!

Benjamin's Nachtmtze bewegte sich jetzt, und sein freundlich Gesicht kam
zum Vorschein.

Dacht' ich's doch, da Du kommen wrdest, sagte er zu Gretchen, und nun
gieb erst den Vgeln Futter. Dorthe ist schlechter Laune und ist seit
gestern Abend nicht herauf gekommen.

Gretchen sah sich nach ungefrorenem Wasser um, aber vergebens; Fritz
merkte, was sie suchte, und verlie das Zimmer. Eilig kam er wieder mit
einem Tpfchen voll warmem Wasser und einer Schippe Kohlen. Schweigend
reichte er ihr das Wasser, schweigend machte er Feuer in den Ofen und
sah dann, wie Gretchen die Trinknpfe der Vgel aufthaute, wie sie ihnen
frisches Futter gab, wie sie dem Benjamin die Kissen zurechtlegte, ihm den
Tisch vor dem Bette deckte und die Suppe darauf stellte. Fritz sah sinnend
und traurig aus, und als Benjamin jetzt das Tischgebet sprach und Gretchen
mit gefalteten Hnden dabei stand, faltete auch er die Hnde und betete
mit. Nachdem sie geendet, trat er zu Benjamin, reichte ihm die Hand und
sagte mit bewegter Stimme:

Benjamin, verzeihe mir, da ich Dich so vergessen konnte, ich bin recht
traurig darber.

Benjamin nahm seine Hand in beide Hnde und drckte sie herzlich. Dann
wandte sich Fritz zu Gretchen:

Verzeihe auch Du mir, Gretchen, ich schme mich vor Euch und vor Gott, da
ich so lieblos sein konnte und nach dem armen Benjamin nicht einmal fragen.

Eben fiel ein feiner Sonnenblick durch eine thauende Fensterscheibe und
auch ein Lichtblick fiel in Fritzens Herz. -- Herr, dein Wille geschehe!
-- Gretchen stand vor ihm so frisch und hold und rein, mit so vershnlichem
Blick. Fritz fhlte seine Zukunft entschieden, er fhlte, wohin der Herr
ihn haben wollte und wo er seinen Frieden suchen sollte. Die wilden Ranken
seines Herzens mute er abschneiden. Schade um die Zeit, die er sie hatte
wuchern lassen!

Gretchen nahm Abschied von ihrem alten Freunde, mute aber das Versprechen
geben, wieder zu kommen.

Ja, darum bitte ich Dich auch, sagte Fritz, Du sollst nicht kommen, um
Benjamin zu pflegen, nein, Du sollst Dich nur berzeugen, da ich meinen
Fehler gut gemacht habe.

Benjamin machte Scherz aus der Sache, Gretchen stimmte ein und die jungen
Leute verlieen ihn. Unten in der Werkstatt sagte Fritz noch in aller Eile,
um doch etwas zu sagen: Ich habe schon lngst einmal zu Euch kommen wollen,
-- aber das bse Wetter, -- man ist so eingeschneit.

Bei uns wird jeden Tag gekehrt, entgegnete Gretchen.

Ja, es ist auch meine Schuld, fuhr Fritz fort; und als nun Gretchen im
Vorbeigehen ihre Finger auf einen halb vertrockneten und vernachlssigten
Geranientopf legte, ward er noch verlegener. -- Den armen Topf habe ich
auch vergessen, aber ich will ihn doch begieen. -- Gretchens Hand fuhr
erschrocken zurck, sie hatte ihn ja nicht von neuem beunruhigen wollen. In
diesem Gefhle lie sie auch ein Bierglas dicht an der Tischkante stehen,
obgleich es ihr in den Fingern zuckte, es sicherer zu stellen. Der
geringste Ansto mute es hinunter stoen.

Fritz aber, als sie an der Wohnstubenthr vorbei kamen, nthigte Gretchen,
den Vater zu begren. Er machte die Thr auf, der Alte lag im Lehnstuhl
mit geschlossenen Augen. Heller Sonnenschein lag auf dem friedlichen
Gesichte, er schlug die Augen auf, und als er Gretchen und Fritz vor sich
stehen sah, meinte er, sein Lieblingstraum sei Wirklichkeit geworden; sein
Gesicht verklrte sich. Ach Gretchen! rief er aus und streckte ihr beide
Hnde entgegen. Fritz aber wandte sich zum Fenster. Sein Vater htte ja
schon so glcklich sein knnen, wer wei denn, wie viele Tage er noch
zu zhlen hat! Aber er soll glcklich sein, Gretchens Hand soll seines
Lebensabends pflegen. Ja, ja! sprach sein Herz, und sein Auge folgte dem
Sonnenstrahle hinan zum blauen Himmel, und alle Qual und Unruhe war aus
seinem Herzen verschwunden.

Da Fritz in den letzten Tagen besonders unruhig, zerstreut und traurig
gewesen war, hatte seinen Grund. Eines Nachmittags hatte er in einer der
Hauptstraen neue Meubel abzuliefern. In demselben Hause war unten ein
Buchladen, und als Fritz oben sein Geschft beendet, trat er unten in den
Laden. Die Herren darin kannten den jungen Tischlermeister wohl, und sahen
es gern, wenn er sich hin und wieder hbsche Bcher ansah, denn nicht
selten kaufte er auch davon. Heute hatte er sich besonders festgeblttert
und festgelesen, und es war schon tiefe Dmmerung, als er den Laden
verlie. Sein Weg fhrte ihn vor dem Schauspielhause vorbei. Trotz der
Klte war es hier ziemlich belebt, und zu seinem Schrecken erkannte
er zwischen den Leuten Klrchen am Arme eines Mannes. Er konnte nicht
widerstehen, er mute erfahren, wer das sei. Nach einigem Hin- und
Herwenden gelang es ihm, das Gesicht des Mannes zu sehen, er war jung und
schn mit dunkelblondem Haar und einem groen Schnurrbart. Plaudernd ging
das Paar in das Haus, Fritz folgte ihnen, er schmte sich, aber er
konnt' es nicht lassen. Vom Parterre aus entdeckte er bald Beide in einer
halbdunkeln Parquetloge. O wie vertraulich sie mit einander waren! Er blieb
nicht lange, er hatte bald genug gesehen. Im Hinausgehen fragte er einen
Zetteltrger, wer der blonde Herr mit dem Schnurrbart sei. Graf Brndel,
war die Antwort. Graf Brndel! wiederholte sich Fritz. Den Namen hatte er
wohl gehrt: es war der leichtsinnigste, tollste Offizier der Garnison,
-- Klrchen seine Geliebte! -- Diese Gedanken hatten ihn in den Tagen
beschftigt, als Benjamin krank war; darber hatte er Alles um sich her
vergessen. Aber sein Herz sollte nun geheilt werden, und er sann nur auf
Mittel, wie der Armen wohl noch zu helfen sei.

Klrchen aber fhlte sich nicht arm, nein, unendlich reich, sie liebte und
ward wieder geliebt -- und von einem vornehmen Manne ward sie geliebt.
Wie schn, wie fein und galant war ihr Graf; er hing an ihren Blicken, sie
hatte nur ber ihn zu bestimmen! -- Als der Sohn der Generalin sie damals
so pltzlich aufgegeben, war sie -- wie schon erzhlt -- sehr unglcklich,
doch nicht lange. Sie sah sich bald nach Trost um, ihr Herz war einmal des
leichtfertigen Spiels gewohnt, es konnte jetzt nicht mehr ohne dasselbe
bestehen. In dieser Stimmung traf sie der erste Brief des Grafen Brndel.
Mit Entzcken ward die Sache angeknpft, ihr heies Herz war lange nicht so
sprde, als mit dem Mediziner, sie meinte es diesmal auf eine andere Weise
versuchen zu mssen, und hatte die feste Ueberzeugung, es knne ihr diesmal
nicht fehlen. Vier Wochen waren im sen Taumel vergangen. Frau Krauter
machte sich kein Gewissen daraus, die Zusammenknfte der jungen Leute zu
begnstigen. Der Graf hatte meistens eine volle Brse, und sie fhrte ein
herrliches Leben dabei. Er hatte auch versprochen, sich mit Klrchen trauen
zu lassen, und Mutter und Tochter glaubten daran; ja, Klrchens Klugheit
war dem Sinnenrausche ganz gewichen. Sie dachte nicht an die Zukunft, sie
wollte nicht an die Zukunft denken, die Gegenwart war zu s. Im Theater
war sie fters gewesen, und in knftiger Woche wollte der Graf sie auf eine
Redoute im Theaterlokale fhren. Das war der Hhepunkt alles Vergngens.
Seit vierzehn Tagen studirte Klrchen in allen Modeblttern und
durchstberte Lden, wo Maskenanzge verliehen wurden. Endlich hatte sie
sich fr eine Diana entschieden, aber unbedingt mute dazu ein grner
Sammetberwurf angeschafft werden, der eigens ihrer schlanken Gestalt
angemessen war. Woher aber das Geld dazu nehmen? Es war gerade Ebbe in
allen Kassen, die Mutter hatte schon einige Male nach neuen Zuschssen
geseufzt, aber der Graf hatte keine Anspielung verstanden, weil er gerade
selbst nichts hatte. Borgen konnte Klrchen nicht mehr, denn in allen Lden
fast hatte sie Plemperschulden, auch Auguste Vogler bekam beinahe zwei
Thaler. Die Schulden machten ihr weiter keine Sorgen, sie htte es lngst
bezahlen knnen und wrde auch bald wieder Geld die Flle haben, es war
nur diese augenblickliche Verlegenheit. Den chten Sammetberwurf hatte
sie schon aufgegeben, es brauchte auch nur ein unchter zu sein, und dazu
gehrten kaum einige Thaler. Bei diesem Grbeln fhrte ihr der Teufel immer
den vollen Geldkasten im Schreibtisch der Generalin vor. Stehlen? nein!
sie entsetzte sich vor dem Gedanken. Vermissen wrde freilich die Generalin
eine so kleine Summe nicht, denn schon fter hatte sie mit Klrchen
gesonnen, ob sie nicht einige Posten in ihr Haushaltsbuch einzutragen
vergessen htte, und sich bald beruhigt, wenn sie die Summe nicht finden
konnte. Der Gedanke kam wieder und immer wieder, je nher die Zeit der
Redoute heranrckte. Fr einige Tage wenigstens knntest du das Geld nehmen
und legst es wieder hinein, flsterte ihr der Bse zu. Sie widerstand
nicht, was htte auch in ihr widerstehen sollen? Die Klugheit, ihre einzige
Waffe, mit der sie sich vor Snde und Untergang schtzen wollte, rieth ihr
gerade den Schritt. Du entlehnst es nur, du nimmst es nicht, sagte
diese Klugheit; dazu erfhrt es Niemand, und das grne Sammetgewand ist
nothwendig zu deinem Glcke. Am anderen Morgen machte sie das bekannte
Manver mit dem Schlssel. Ihre Hnde zitterten, als sie in den Kasten
griff, und angstvoll schlug ihr Herz. Doch als sie den Abend bei der Mutter
war und vor dem Spiegel den grnen Sammet probirte, zitterte sie nicht
mehr. Ja, als sie einige Tage darauf an des Grafen Arm durch die Reihen
flog, als ihre Gestalt laut bewundert, ihre Schnheit gepriesen ward, da
schwieg das Gewissen ganz und gar. Der Graf gab ihr den Abend noch einiges
Geld, denn sie gestand ihm, da sie Schulden htte, und Gustchen Vogler war
schon ungeduldig geworden. Zuerst sollte aber die Summe in den Schreibtisch
der Generalin gelegt werden, so war es ihre Absicht. Da sie am andern
Morgen spter als gewhnlich aufstand, mute sie es bis zum nchsten
verschieben. Den Tag aber berlegte sie sich die Sache noch einmal. Die
Generalin hatte nichts gemerkt, sie war gleich freundlich und gtig, von
_der_ Seite war Klrchen sicher. Sie nahm sich daher vor: lieber erst die
kleinen Schulden in den Kauflden zu bezahlen, um bei nchster Gelegenheit
wieder borgen zu knnen. Als sie mit dem Rest ihrer Summe im letzten Laden
stand, bemerkte sie mit Schrecken, da diese Summe nicht ausreiche. Noch
dazu hatte sie gro gethan, von Bezahlen gesprochen, und der lteste Diener
gerade hatte ihr die Summe ausgezogen, mit der hflichen, aber doch ernsten
Bemerkung: da es eigentlich nicht erlaubt sei, Damen in ihrer Stellung
solche Vorschsse zu machen. Klrchens Hochmuth regte sich gewaltig, die
Summe mute um jeden Preis bezahlt sein. Sie, die knftige Gemahlin eines
Grafen durfte sich so etwas nicht gefallen lassen. Sie nahm die Rechnung
und versicherte, in einigen Minuten wieder da zu sein. Zu Gustchen Vogler
ging ihr Weg. Gustchen mute das Geld geben. Sie versprach heilig, es ihr
am anderen Morgen um zehn Uhr wieder zu bergeben. Gustchen war gutmthig;
sie gab das Geld, versicherte aber, wenn sie am anderen Morgen es nicht
wieder bekomme, mache sie Lrm bei der Generalin. Mit Triumph bezahlte
Klrchen die Rechnung und bemerkte schnippisch: es gbe Lden, wo Damen
ihrer Stellung ganz gern gesehen wrden. Darauf schrieb sie gleich bei der
Mutter einen Brief an den Grafen, den diese eiligst besorgen mute. Es
war das erste Mal, da Klrchen Geld forderte, aber Noth bricht Eisen,
und dieser Aufforderung konnte er gewi nicht widerstehen. Mit klopfendem
Herzen wartete sie auf der Mutter Rckkehr; diese aber brachte den
traurigen Bescheid: der Graf sei nicht zu Hause. Die Mutter versprach: so
oft hinzugehen bis sie ihn spreche, und bis morgen frh um zehn das Geld
anzuschaffen. Der Abend verging, der Morgen verging, die Mutter kam nicht.
Endlich brachte sie den Bescheid, der Graf sei gestern spt Abends nach
Haus gekommen, aber heut frh verreis't. Klrchen war auer sich, Gustchen
kam dazu und wurde mit den heiligsten Versprechungen bis morgen vertrstet.
Noth bricht Eisen, dachte Klrchen, morgen frh hole ich Geld aus dem
Schreibtisch; hat sie es einmal nicht gemerkt, wird sie es das andere Mal
auch nicht merken. Den Abend mute die Mutter noch einmal nach dem Grafen
aussehen. Er war noch nicht zurck, und Klrchen ging am andern Morgen mit
groer Bestimmtheit an ihr Werk. Diesmal war sie khner. Sie nahm nahe an
drei Thaler und wollte eben den Kasten wieder schlieen, als sich die Thr
hinter ihr ffnete, und die Generalin herein trat. Klrchen schrie laut
auf. -- Also doch! sagte die Generalin. Klrchen hielt beide Hnde vor das
Gesicht. Ihre Sinne wollten schwinden.

Klrchen! sagte die Generalin, ich habe schon vor acht Tagen gemerkt, da
Jemand bei meiner Kasse gewesen; ich war aber meiner Sache nicht gewi und
besonders wollte ich nicht glauben, da Sie der Dieb seien.

Dieb! schluchzte Klrchen, ich wollte nicht stehlen, ich wollte das Geld
wieder hineinlegen.

Thrichte Reden! entgegnete die Generalin bestimmt. Sie haben gestohlen,
haben auf ganz abscheuliche Weise mein Vertrauen gemibraucht; nichts kann
Sie jetzt vor einer gerichtlichen Untersuchung retten, als wenn Sie mir
ganz der Wahrheit gem Ihren Frevel gestehen und auch die Beweggrnde
dazu. Ueberhaupt mu ich jetzt Ihren ganzen Lebenswandel kennen lernen, von
dem sich in der letzten Zeit sehr schlimme Gerchte verbreitet haben.

Klrchen war in einer entsetzlichen Lage. Aller Hochmuth, aller Stolz war
dahin. Die Snde ist feig, Furcht folgt ihr auf den Fersen. Furcht war es,
die Klrchens Wesen durchzitterte; sie dachte an ihre Liebe, an den Grafen,
freilich ihm zu Liebe war sie ja eine Diebin geworden; sie dachte aber
an ihre Freundinnen, an Tante Rieke. Ja sie bekannte, sie schilderte ihre
erhabene Liebe zum Grafen. Wenn er nicht verreist war, htte sie das zweite
Geld nicht genommen, ja sie wrde das erstgenommene Geld wieder hinzugelegt
haben. Seine Liebe war so gromthig gegen sie. Alles, was ihm gehrte, war
auch das Ihre; ja er hatte versprochen, sie zu heirathen.

Die Generalin erwiederte ihr, da sie ein armes, getuschtes Mdchen
sei, da es aber allen Leichtsinnigen so gehe. Wie wrde ein achtbares
Offiziercorps es je dulden, da der Graf ein Mdchen heirathe, wie sie!

Klrchen sah die Sprecherin gro an bei diesen Worten. Wie ich? fragte sie
leise.

Ja wie Sie! wiederholte die Generalin. Sie haben sich des Abends auf der
Strae umhergetrieben, Sie gelten in der Stadt als eine leichtfertige
Koquette, und der Graf ist nicht Ihre erste Liebe.

Klrchen ward roth. Sollte die Generalin vom Mediziner wissen? Oder wollte
sie nur versuchen, die Wahrheit zu erfahren? Zu jeder andern Zeit wrde sie
geleugnet haben, jetzt aber war sie von der Furcht beherrscht: sie schwieg
zu dieser Beschuldigung und begann nur, die Generalin wegen ihres Fehlers,
wie sie die Entwendung des Geldes nannte, um Verzeihung zu bitten.

Die Generalin hielt ihr eine lange Rede, stellte ihr die Folgen eines
solchen Lebenswandels vor, die allerdings anders ausschauten, als Klrchens
Bilder von der Zukunft. Zugleich aber versprach die nachsichtige Dame,
von der Sache nicht zu reden und Klrchen bis Ostern ruhig im Dienst zu
behalten. Da Sie aber wahrscheinlich zu schwach sind, schlo sie diese
Unterredung, das Verhltni mit dem Grafen aufzulsen, soll das von seiner
Seite geschehen; er soll es erfahren, wohin sein Leichtsinn ein armes
unglckliches Mdchen gebracht hat, er soll es erfahren, da er Sie zur
Diebin machte.

Dies Letzte brachte Klrchen fast zur Verzweiflung, sie flehte, sie bat, --
aber vergebens, die Generalin blieb bei ihrem Vorsatz, und Klrchen mute
endlich das Zimmer verlassen. Ihr Erstes war nun, selbst an den Grafen zu
schreiben; sie schilderte ihr Unglck, ihre Liebe, ihre Verzweiflung, wenn
er sie verliee. Sie benetzte den Brief mit Thrnen, da die Schrift kaum
zu lesen war, und gerade als sie ihn gesiegelt hatte, trat ihre Mutter ein.

Du kommst wie ein Engel des Himmels, sagte Klrchen, Du mut schnell den
Brief zum Grafen tragen.

Ist nicht nthig, schmunzelte die Mutter, ich habe das Geld schon.

O Gott, stammelte Klrchen, so wre es gar nicht nthig gewesen! Sie
bedeckte das Gesicht mit beiden Hnden und weinte heftig. Htte sie doch
nur noch eine Stunde gewartet, so wre das Unglck nicht ber sie gekommen!
Die Mutter war auer sich ber den Schmerz der Tochter, sie forschte,
sie trstete, sie erzhlte, wie sie gestern Abend noch spt zum Grafen
gelaufen, wie sie ihn auch da nicht gefunden, wie sie ihn aber heut frh
im Bette getroffen, und er das Geld habe herausrcken mssen. Er brummte
freilich ein Bichen (setzte die Mutter hinzu), und meinte, das ginge ber
seine Krfte.

Sagte er das? entgegnete Klrchen heftig. O trage ihm das Geld wieder hin,
und meinen Brief dazu; sage ihm: ich wolle nichts weiter, als seine Liebe,
und er solle gleich antworten. Aber geh' gleich, Mutter, und komm gleich
wieder.

Die Mutter verstand von Allem nichts, sie schttelte den Kopf, sie wute
nur: Guste Vogler wrde kommen, um das Geld zu holen, und die wrde nicht
wenig Lrm machen, wenn sie nichts bekme. Sie redete also der Tochter zu.
Ihr Liebesleute, sagte sie, da zankt Ihr Euch nun und macht Euch unnthig
Noth. Nimm ruhig das Geld und bezahle Deine Schulden, ich will ihn heut
Abend zu uns bestellen, da knnt Ihr Euch vershnen. Klrchen, la Dich
die Liebe nicht verblenden! Der Graf entschlpft Dir noch wie mein
Rechtsgelehrter.

Klrchen wollte eben auffahren, als es an der Thr klopfte. Guste! sagte
sie leise und sah dabei unwillkrlich auf das Geld in der Mutter Hand.

Soll ich? fragte diese.

Ja, entgegnete Klrchen seufzend, bezahle nur, aber geh' vor die Thr,
sag', ich sei krank.

Die Mutter ging und die Sache war bald abgemacht. Jetzt aber mute sie die
Besorgung des Briefes an den Grafen bernehmen; sie versprach, gewi nicht
ohne Antwort wieder zu kommen.

Aber sie kam doch ohne Antwort. Der Graf war schon im Dienst gewesen, und
Frau Krauter zum Nachmittag wieder hinbestellt. Klrchen verlebte qualvolle
Stunden, sie hatte sich zu Bett gelegt, um nur nicht Leuten in das Gesicht
sehen zu mssen. Hier lauschte sie jedem Futritt auf der Treppe. Sie
machte sich wunderliche Phantasien. Wenn er ihren Brief lies't, wird sein
Herz zerschmelzen, er wird ihr Unglck nicht ertragen knnen, er wird
selbst zu ihr kommen, er wird trotzen der Welt und der Generalin und wird
sie selbst trsten, beruhigen und ihr aus dem Wirrwarr helfen. -- Aber wie
ward ihr, als die Mutter in der Dmmerung zu ihr eintrat mit dem kalten
Bescheid: Der Graf sei sehr verdrielich gewesen, er habe von einem zweiten
Briefe gesprochen, von schrecklicher Unvorsichtigkeit, von kaum zu lsenden
Unannehmlichkeiten, er msse sich die Sache berlegen und wolle morgen
Bescheid schicken.

Das war ein Todessto fr Klrchen. Sie fhlte sich in einer solchen Nacht
des Unglcks, da sie keinen Gedanken fassen konnte, sie fhlte nur, die
Sache mit dem Grafen sei aus. Sie blieb auch den folgenden Morgen im Bett
liegen, sie konnte nichts anders thun, als weinen und das sollte Niemand
sehen. Zuweilen kam der Hoffnungsschimmer: die Mutter knne doch noch einen
trstlichen Brief bringen, sie dachte wenige Tage zurck, wie seine Liebe
da so hei, seine Versprechungen so heilig, so fr die Ewigkeit gewesen;
aber sie bedachte nicht, da alle solche Betheurungen nur Teufelswerk sind,
die wie Seifenblasen verwehen; sie gehrte zu den Tausenden von thrichten
Jungfrauen, die solchen Versicherungen trauten.

Doch lange blieb sie nicht in Ungewiheit. Die Mutter kam mit dem Briefe,
und der war wie sie bei solchen Gelegenheiten auch zu Tausenden
geschrieben werden. Noch Versicherungen heiester Liebe, aber man mu der
Nothwendigkeit, der Pflicht, der Ehre weichen, wenn auch das Herz darber
bricht. -- Klrchen las und weinte, und weinte und las wieder, und blieb
den Tag im Bett liegen. So viel Besinnung nur hatte sie, den greren Theil
der Goldstcke, die der Graf mitgeschickt, fr sich zu behalten und der
Mutter nur den kleineren zu geben.

       *       *       *       *       *

Der Mrz war gekommen, der Schnee geschmolzen, und die warme Frhlingssonne
schien auf die belebten Straen. Klrchen hatte unter dem Vorgeben, sie sei
krank, das Haus 14Tage lang nicht verlassen; eigentlich aber frchtete sie
sich ihren Bekannten zu begegnen, und besonders der Tante Rieke. Die Mutter
hatte vorlufig der Tante vom Dienstwechsel sagen, und als Grund dazu
angeben mssen: Klrchen knne das Sitzen nicht vertragen, sie htte sich
darum nach einem Dienst umgesehen, wo sie mehr Bewegung htte.

Eines Tages nun ging Klrchen aus, um Besorgungen fr die Frau Generalin
zu machen. Die Sonne schien so warm, Kinder spielten lustig auf der Strae,
vom nahen Exerzierplatz klang laute Musik zu Klrchens Ohren. Klrchen
aber war betrbt und verbittert; gerade das frhliche Treiben berall, das
lustige Aussehn der ganzen Welt war ihr unangenehm. Noch unangenehmer aber
war es ihr, da Tante Rieke ihr entgegen kam. Ausweichen konnte sie nicht,
sie mute sich also auf eine ernste Unterredung gefat machen. Die Tante
war aber nicht so schlimm, als sie gefrchtet.

Du siehst recht bla aus, sagte sie theilnehmend, mut doch recht krank
gewesen sein.

Klrchen erzhlte so gut wie mglich und fgte hinzu, da der neue Dienst
im Hotel Reinhard gewi passender fr sie sein wrde.

Aber ein Gasthof! sagte die Tante.

Ich habe mit dem Gasthofsleben gar nichts zu thun, entgegnete Klrchen, ich
bin die Mamsell, die allen Kaffee und Zucker unter sich hat, ich habe
das Frhstck auf die Zimmer zu schicken, und die Wsche unter mir. Dazu
bekomme ich 60Thaler Gehalt und viele Geschenke.

Es ward ihr nicht schwer die Tante zu beruhigen. Im Sprechen hatten sie der
Tante Haus erreicht. Klrchen mute mit eintreten. Gretchen stand in der
Stube und haspelte. Was ist das langweilige Arbeit, wenn die Sonne so warm
in das Fenster schaut und einen immer in das Freie ruft! sagte sie; aber
es ist nun das Letzte und wir machen Schicht mit dem Spinnen. -- Bei den
Worten beugte sie sich ber einen Topf mit blhenden Schneeglckchen, als
ob ihr der Anblick neue Kraft zu ihrer Arbeit geben solle.

Wo hast Du denn schon die hbschen Blumen her? fragte Klrchen.

Von Benjamin, entgegnete Gretchen, und ward roth dabei, denn sie wute, da
Fritz Buchstein die Blumen in den Topf gesetzt hatte, und das war ihr das
Schnste daran. Benjamin ist wieder gesund, er hat die Blumen in seiner
Stube zur Blthe gebracht und sie mir dann geschenkt. Und sieh nur die
weien Blmchen, wie sie so rein und zart dastehen und ihre Kpfchen so
still niederbeugen. Ich mag keine Blumen lieber, als die Schneeglckchen,
und Benjamin htte mich durch nichts mehr erfreuen knnen.

Klrchen stimmte mit Worten ein, aber ihr Herz war matt, sie konnte sich
nicht ber Blumen freuen.

Jetzt bin ich fertig! sagte Gretchen frhlich, nun hilf mir, Klrchen,
Erbsen legen und Salat sen. Ein Hauptspa ist es, die Sachen alle
recht frh zu haben. -- Sie setzte einen Nankinghut auf, nahm den bereit
stehenden Samen und ging der Tante und Klrchen voran.

Der Himmel war lichtblau, weie Frhlingswlkchen zogen daran, der
Erdboden war braun und frisch, die Veilchen legten ihre seidenen Blttchen
auseinander, die Stachelbeerbsche hatten einen grnen Schimmer, der
Buchfink schlug, Spatzen lrmten, Tauben girrten auf den Dchern, und in
den Nachbarsgrten ward gearbeitet, geplaudert und gesungen. Auch Benjamin
schaute zum Fenster hinaus, der Matz sa ihm auf der Schulter und rief:
Jungfer Gretchen, so recht. Gretchen rief: er solle schweigen, seine
hliche Stimme passe nicht zum Frhling. Benjamin aber flsterte dem Vogel
etwas zu, und der schnarrte sein Racker, Spitzbub mit so vielem Eifer,
da selbst Fritz Buchstein das Fenster seiner Werkstatt aufmachte und Ruhe
gebot. Doch er trat auch in den Garten und sah ber das Staket hinber,
Gretchen bei der Arbeit zu. Da Klrchen dabei war, zog ihn wohl auch
hinaus, aber es machte ihn nicht mehr verlegen, nein, der Herr hatte seine
Gebete erhrt und seinem Herzen Ruhe gegeben; nur eine Theilnahme fr das
arme unglckliche Mdchen fhlte er noch. Er wute ihr Schicksal mit dem
Grafen ziemlich genau. Wenn sie doch jetzt noch umkehrte! dachte er, ihre
Blsse und ihr Stillsein waren ihm eine Beruhigung.

Doch Gretchen lie ihn nicht lange bei diesen Gedanken, sie war so frisch
und frhlich, sein Herz freuete sich ber sie. Als Benjamin sie neckte
wegen der schiefen Reihen auf dem Erbsenbeete, schwang sich Fritz am alten
Fliederbaume ber das Staket und bernahm selbst das Amt des Reihenziehens.
Frau Bendler stand glcklich dabei, und der alte Buchstein, der am Stock
gesttzt, sich von der Frhlingssonne wrmen lie, schien sich noch mehr zu
erwrmen am Anblick seines glcklichen Sohnes und des braven Gretchens.

Klrchen konnte es nicht aushalten zwischen diesen glcklichen Menschen.
Fritz Buchstein liebt die Grete, das ist richtig. Gretchen kam ihr heut
ordentlich hbsch vor. Und Fritz? den hatte sie lngst zu gut fr die Grete
gefunden. In dieser Stimmung wandelte sie fast etwas wie Reue an, den
Fritz so schnde behandelt zu haben. Da er sie erst geliebt, fhlte sie zu
bestimmt, und jetzt, wo ihr Glck in der vornehmen Welt gescheitert, konnte
sie sich das Leben in einem stattlichen Brgerhaus an der Seite eines Fritz
schon mglich denken. Freilich mte sie ja dann ein frommes, fleiiges,
ordentliches Mdchen wie Gretchen sein, flsterte eine Stimme in ihrem
Innern, und ihr Gewissen regte sich, Thrnen liefen ihr ber die blassen
Wangen.

       *       *       *       *       *

Wieder einige Monate waren vergangen, der Sommer war herrlich. Gretchen
freute sich erst an den Blthenbumen, dann an den duftenden Rosen. Fritz
hatte auch in seinem Garten Blumen gepflanzt und geset, da Alles lustig
durch einander blhte. Benjamin hatte seine Freude an dem Paar, er neckte
sie aber auch und war khn in seinen Neckereien, denn nach einem schnen,
warmen Sommerregen brach pltzlich ein F. und G. aus der braunen Erde
heraus und war bald in krauser grner Kresse sehr deutlich zu lesen.
Seinen Staarmatz lehrte er heimlich eine neue Rede, und sein Dompfaff sang
lieblicher als je: Lobe den Herrn o meine Seele.

Auch Klrchens Thrnen waren wieder getrocknet, ihre Wangen wieder
aufgeblht. Das Gasthofsleben gefiel ihr wohl. Sie ward von den Fremden
bewundert, man war galant gegen sie, man schmeichelte ihr. Da dies keinen
weiteren Einflu auf ihr knftiges Leben haben wrde, wute sie, es waren
Fremde, die nach ein oder zwei Tagen abreisten, und sich nur amsiren
wollten. Sie war daher sehr zurckhaltend und wollte berhaupt mit
vornehmen Leuten nichts zu thun haben. Ihre Phantasien waren aus dem
Hochromantischen zur Idylle hinabgestiegen. Nur ein fhlendes Herz und
Bildung mute der Mann haben, mit dem sie in einem kleinen Stbchen
leben sollte. Und einen solchen Mann hatte sie bald gefunden. Es war der
Oberkellner des Hotels; seine Bildung war untadelhaft, er sprach englisch
und franzsisch, ging immer in schwarzem Frack und weier Halsbinde, und
hatte in seinem Wesen etwas beraus Vornehmes. Da sie gerade mit ihrer
Liebe Schiffbruch gelitten, kam Herrn Eduard zu gute, denn bald war er
ihrer Liebe gewi. Natrlich hatte er ihr vorher seine Verhltnisse klar
auseinander gesetzt. Eigentlich konnten sie jetzt schon heirathen, er hatte
200Thaler Zinsen und stand sich beinahe ebenso viel im Dienste: aber
sein Streben ging nach einem eigenen Hotel, seine Kenntnisse, seine
Bekanntschaften muten es ihm leicht machen eines zu erhalten, ja, er war
schon nach verschiedenen Seiten hin in Unterhandlungen gewesen. Er malte
Klrchen die herrlichste Zukunft. Sie, die Dame des Hotels, sollte
ein Leben wie eine Prinzessin fhren, und schalten und walten nach
Wohlgefallen. Klrchen verga ganz die Vergangenheit und ward wieder khn
in ihrem Auftreten, und sehr selbstgefllig und mit sich zufrieden.
Zum 10.August, Klrchens Geburtstag, hatten sie sich vorgenommen, die
Verlobung zu verffentlichen. Der Brutigam hatte ihr im Voraus einen rosa
Taffethut und eine schwarze Atlasmantille geschenkt. Beides lag auf dem
Sopha in ihrem Stbchen, ein chtes Batisttuch und gelbe Glaceehandschuh
daneben. Es war am Vorabend des Geburtstages, schon ganz spt dmmerig,
ihre Stubenthr war nur angelehnt, -- da hrte sie zwei flsternde Stimmen
auf dem Korridor.

Thee will er haben, so mach doch nur! Er ist besoffen, hat aber noch so
viel Verstand, da er wei, was ihm noth thut.

Der kann was vertragen! entgegnete die andere Stimme, ein anderer ehrlicher
Mensch wre den ganzen Tag besoffen, wenn er so viel trnke wie der.

Und ein Spitzbube ist er dazu, sagte wieder die erste Stimme; alle Monat
hundert Thaler schlgt er gewi unter, und der alte Esel merkt's nicht und
hat den Narren an ihm gefressen.

Die Stimmen entfernten sich jetzt, Klrchen war in besonderer Aufregung.
Wen meinten sie? Wer war der Spitzbube, der Betrunkene? Eine schreckliche
Ahnung ging durch ihre Seele. Sollte es Eduard sein? Schon einigemal hatte
er so nach Wein geduftet, da sie ihn darauf angeredet; er aber hatte
gelacht und gemeint, er wre ein schlechter Kellner, wenn er den Wein nicht
probiren wolle, auch wre es durchaus nothwendig bei seiner anstrengenden
Lebensweise, sich zuweilen mit einem guten Schluck zu strken. Da der Wein
aber auch nur die geringste Wirkung auf ihn gebt, hatte Klrchen noch nie
gemerkt. Sie fing an sich zu beruhigen: er ist es doch wohl nicht. Nun gar
der Spitzbube! das konnte ja nicht auf ihn gehen, er sah so nobel aus, er
sprach so schn. Freilich leichtfertig konnte er auch zuweilen reden,
und nher kannte sie ihn nicht, und wute nicht, wie es mit seiner Moral
beschaffen. Dazu schlug ihr eignes Gewissen; ihre eigne Moral war doch
eigentlich auch: wenn es nur die Leute nicht wissen. Die, da es die Leute
wuten, da gewi zwei Kellner die Redenden gewesen, war das Unangenehmste
bei der Sache. Sie mute den Grund dieses Gesprches wissen, sie mute aus
ihrer Ungewiheit kommen, und verlie deshalb ihr Zimmer. Im Vorbeigehen
fate sie an ihres Brutigams Thr, die war verschlossen. Darauf sah sie
in den Salon. Hier war er nicht. Sie ging in die Kche und erkundigte
sich, fr wen der Thee bestimmt sei. Fr Herrn Eduard, sagte die Kchin
unbefangen. Der Laufbursche, der mit dem Brett und der Tasse dabei stand,
grinsete bei diesen Worten die Kchenmagd sehr verstndlich an. Klrchen
mute sich sehr zusammen nehmen, um ihre Bewegung nicht merken zu lassen;
sie konnte den Abend auf ihrem Lager keine Ruhe finden. Wie entsetzlich,
wenn er trinkt! Sie dachte an ihren verstorbenen Vater, wie der die
Mutter dadurch so unglcklich gemacht hatte, sie sah um sich noch lebende
Beispiele genug. Selbst der alte Vogler, der sonst im Haus Alles gehen
lie, wie es wollte, -- wenn er betrunken nach Hause kam, war die kranke
Frau und die verzogene Tochter nicht vor seinen Schlgen sicher. Und wie
mag es vielleicht mit dem Gasthof stehen? Ob die vorgespiegelten Hoffnungen
wohl Wahrheit sind? So allein mit der Nacht und mit ihren Gedanken, ward
ihr ganz bange, und -- wunderlich genug, -- Fritz Buchstein und Tante Rieke
standen Beide mit ihren ernsten Gesichtern und strafenden Worten vor
ihrer Seele. Wenn der Gott, von dem sie so viel reden, dich doch fr dein
leichtsinniges Leben strafen knnte? Wenn die Tante Recht htte mit ihrem
Sprchwort: Wie man's treibt, so geht's? -- Aber was sollte sie machen?
Jetzt wieder zurcktreten -- das war unmglich, ihr Ruf wrde darunter noch
mehr leiden und ihre Zukunft ganz verloren sein. Auch wird Eduard sie nicht
lassen, er liebt sie zu sehr, und sie liebt ihn auch zu sehr. Ja, das ist
ihr Trost. Diese Liebe mu ihn, sollte er wirklich Fehler an sich haben,
bessern. O, wie erhebend ist der Gedanke! Er ist so weich, so nachgebend,
sie kann ihn um den Finger wickeln, er wird ihr Alles zu Liebe thun, sie
wird einen Engel von Ehemann aus ihm machen. Dieser Gedanke hat schon
manche Mdchen zu unglcklichen Frauen gemacht. Sie wollen ihn bessern, ihn
ndern, sie trauen ihrer schwachen Kraft gar Groes zu. Solche Liebe hat
noch keinen Mann gendert; und je weichlicher und schwcher sie dieser
Liebe zu Fen liegen, je weichlicher und schwcher geben sie sich wieder
den alten Snden hin. Einen Menschen ndern, dazu gehrt eine andere Macht,
gehrt die Kraft von oben.

Klrchen aber hatte sich mit diesen Gedanken beruhigt, und als am anderen
Morgen Eduard mit seiner gewhnlichen Gewandtheit und Liebenswrdigkeit vor
ihr stand, war sie wieder frischen Muthes. Aber sagen mute sie ihm von
dem Gesprch -- zur heilsamen Warnung, rieth ihre Klugheit. Auch gab es
ihr eine Art von Uebergewicht ber ihn, wenn sie um seine Fehler wute. Sie
erzhlte es zwar in dem Sinne, als ob sie nicht an die Mglichkeit solcher
Dinge glaube; aber er mute jedes von den erlauschten Worten hren.
Eduard ward feuerroth und sichtbar verlegen, aber Zornesworte muten die
Verlegenheit verbergen; er wollte die Schurken verklagen, er wollte ihnen
den gottlosen Mund stopfen, es sei Neid, und so weiter. Im Grunde aber
war er recht froh, da ihm Klrchen die Personen nicht nennen konnte. Eine
genaue Untersuchung wre ihm doch nicht gelegen gewesen. Die Anschuldigung
des Betrinkens erklrte er damit, da er gestern Wein abgezogen habe, und
da die kalte Kellerluft, nach der Schwle oben im Haus, ihm nicht wohl
gethan, soda er schwindlich und ohnmchtig geworden. O, er that so erzrnt
und erbot, da ihm Klrchen die schnsten Worte geben mute, um ihn wieder
zu beruhigen. Er lie sich auch beruhigen, und Beide unterdrckten durch
se Worte ihre gegenseitigen bengstigenden Gefhle.

Gegen Mittag wanderten Beide zu Tante Rieke. Klrchen hatte die Freude, da
man ihnen berall nachsah, -- wirklich ein schnes Paar! Er sah wenigstens
aus wie ein Baron, und sie nicht minder vornehm. Was wird die hausbackene
Grete, was Fritz Buchstein sagen? Grete wird gewi verlegen dem vornehmen
Manne gegenber, und Tante Rieke macht einen etwas tieferen Knix.

Aber sie irrte sich. Tante Rieke war allerdings verwundert, Klrchen am
Arme eines fremden Mannes zu sehen; und als diese den Namen nannte und ihn
als ihren Brutigam vorstellte, machte sie ein sehr ernsthaftes Gesicht.
Gretchen aber sah dem Brutigam erst forschend und dann ganz erzrnt in die
Augen. Dieser ward sichtlich verlegen dadurch und wandte sich ab. Klrchen
bemerkte das und wute gar nicht, woran sie war. Die Tante unterbrach
zuerst die peinliche Pause.

Klrchen, ich htte geglaubt, du httest uns nicht so sehr berrascht mit
einer so wichtigen Sache, sagte sie mit einem leisen Vorwurf im Tone.

Klrchen entschuldigte sich damit, da es so schnell gekommen, und mit
Aehnlichem. Der Brutigam hatte whrend dessen seine Fassung vollstndig
wieder gewonnen und spielte den Beleidigten.

Ich hoffe, da Sie gegen meine Person nichts einzuwenden haben, -- sagte
er gereizt, -- und da ich Ihnen ein willkommener Neffe bin. Meine
Verhltnisse sind von der Art, da ich mich Ihnen getrost als solcher nahen
darf.

Verzeihen Sie, Herr Gnther, entgegnete die Tante sanft, ich wnschte
nur, Klrchen htte mehr Zutrauen zu mir gehabt. Gegen Sie bin ich ganz
unpartheiisch, denn ich versichere Sie, da Sie uns ganz unbekannt sind;
weder ich noch meine Tochter haben je Ihren Namen gehrt.

Ich kenne den Herrn wohl, -- sagte Gretchen jetzt leise, aber mit
unverkennbarem scharfem Ausdruck.

Ich wte nicht, stotterte Eduard; vielleicht so vorbergehend, vielleicht
im Theater oder in einem Kaffeegarten.

Gretchen schttelte den Kopf und schwieg, und Eduard ging leicht darber
hin und knpfte eine lebhafte Unterhaltung an. Tante Rieke aber blieb
ziemlich schweigsam, und Gretchen und Klrchen schwiegen auch, bis zu aller
Erleichterung der Besuch ein Ende hatte.

Auf der Strae konnte Eduard seinen Zorn nicht verhalten. Das mut Du
versprechen, sagte er eifrig, mit diesen rohen, ungebildeten Leuten darfst
Du keinen Verkehr haben. Sie haben mich unter aller Wrde behandelt, und
was dieser Stockfisch, dies Gretchen von mir wollte, begreife ich nicht.

Klrchen war auch ganz auer sich. Wo waren die Triumphe, die sie erwartet
hatte? Von Gretchen ward sie nicht beneidet, das fhlte sie, -- eher
bemitleidet; und dahinter mute etwas stecken. Und da auch die Tante
so wenig Freude ber den vornehm aussehenden Brutigam gezeigt, war ihr
entsetzlich, ja das Weinen war ihr nahe; und doch mute sie sich vor dem
zornigen Brutigam jetzt zusammen nehmen.

Es war den Tag sehr unruhig im Hotel, so da Beide wenig Gelegenheit
fanden, sich zu sprechen. Klrchen war sehr damit zufrieden. Sie wartete
nur auf eine passende Zeit, um zur Tante schlpfen zu knnen und den Grund
von Gretchens sonderbarem Wesen zu erforschen. Als Eduard bei der sehr
zahlreichen Abendtafel beschftigt war, fhrte sie ihr Vorhaben aus. Sie
fand die Tante und Gretchen in der dmmernden Stube. Erst wute sie nicht
recht, wie sie beginnen sollte, aber es half ja nichts und sie bat mit
etwas stockender Stimme, ihr zu sagen, ob sie etwas Unrechtes von ihrem
Brutigam wten. Gretchen sah verlegen vor sich nieder.

Klrchen! begann die Tante, vor allen Dingen mchten wir es Dir recht
begreiflich machen, da wir es gut mit Dir meinen. -- Bei diesen Worten
nahm sie Klrchens Hand und sah sie mit den sanften braunen Augen recht
herzlich an. Klrchens Herz war leichtfertig, aber fr die Stimme der
Wahrheit hatte sie doch noch Gefhl. Ich glaube es, entgegnete sie und
erwiederte der Tante Hndedruck. Diese fuhr fort:

Kennst Du Deinen Brutigam genau?

Ich kenne ihn seitdem ich im Hotel bin, versetzte Klrchen. Ich wei, da
er dem Herrn des Hauses Ein und Alles ist, da er eigentlich das ganze
Geschft fhrt und in Kurzem selbst einen Gasthof bernehmen wird. Er hat
Konnexionen, Vermgen, dazu ist er gebildet und von Allen, die im Gasthofe
aus- und eingehen, geachtet und geliebt.

Das ist wohl gut, sagte die Tante; aber es sind nur uere Dinge, und
Du knntest bei alle dem kreuzunglcklich werden. Weit Du, ob er ein
rechtschaffener Mann ist, ob er ein braver Mann ist, der Gott mehr
frchtet, als die Menschen?

Freilich hoffe ich, da er ein rechtschaffener Mann ist, und habe keine
Ursache, das Gegentheil zu glauben. Und wit Ihr etwas von ihm, so ist's
Eure Pflicht und Schuldigkeit, es mir zu sagen.

Der Tante gefielen diese Worte wohl, sie meinte, Klrchen liege ihres
Brutigams Rechtschaffenheit gar sehr an der Seele; aber von der war es
nur die brennende Begierde, etwas zu wissen, zu hren; ihr Stolz war
gedemthigt, sie war innerlich erbot, sie htte mit der ganzen Welt hadern
mgen.

Ich will Dir nun erzhlen, was wir von Deinem Brutigam wissen, begann die
Tante, Du kannst dann berlegen, was Du zu thun hast. Im vorletzten
Winter, als ich am gastrischen Fieber lag, mute Gretchen fr mich manche
Krankenbesuche bernehmen. Unsere schwerste Kranke war damals ein
Mdchen, die ein Vierteljahr vorher ein Kind gehabt hatte und jetzt an
der Auszehrung elend darnieder lag, so arm und verlassen, da es ihr am
Allernothwendigsten fehlte, und unser Verein kaum anschaffen konnte, was
sie gebrauchte. Bei ihrer ueren Noth hatte sie aber auch innerlichen
Jammer, sie sprach viel von dem Vater ihres Kindes, was der ihr
vorgespiegelt und versprochen, und wie er sie jetzt in Hunger und Kummer
umkommen lasse. Oft hat Gretchen ihre Klagen ber den Menschen mit anhren
mssen, und die Urtheile und Schilderungen von ihm waren nicht fein. Als
das Mdchen immer elender ward und ihren Tod vor Augen sah, war ihr grtes
Verlangen, ihren Geliebten, wie sie ihn denn doch in manchen Stunden
noch nannte, nur einmal noch zu sehen. Eine Frau, die schon frher die
Unterhndlerin des Liebespaares gewesen, ward zu wiederholten Malen
abgeschickt, aber immer vergebens. Als nun Gretchen eines Tages hinkmmt
und die Kranke besonders schwach findet und ihr Trost und Theilnahme
zuspricht, ist diese untrstlich und sagt nur immer, sie msse Gnthern
noch einmal sehen. Gretchen hatte den Namen des Mannes nie gehrt und auch
nie viel von der Geschichte wissen wollen. Als sie ihr nun vorstellt, wie
ihr Herz an einem Menschen hngen knnte, der sie so schmhlich verlassen
und verstoen habe, wie sie sich lieber dem Himmel zuwenden solle und dem
Heilande, der sie nicht verstoen und verschmhen wrde, und so Aehnliches,
um ihren Sinn zu bewegen, da kmmt die Frau herein, die immer an Gnther
abgeschickt war, und ruft: Er kommt, er kommt! Gretchen will schnell gehen,
aber der Mann steht in der Thr, ehe sie sich dessen versieht. Er geht an
das Bett, die Kranke hat sich zu ihm gewendet und sagt: Ich sterbe nun, --
und dazu weint sie bitterlich. -- Das ist meine Schuld nicht! entgegnet
er barsch, und ich bin heute gekommen, damit die Lauferei endlich ein Ende
hat. Was willst Du nun? ich habe nicht viel Zeit hier zu stehen. -- Du hast
mich so elend umkommen lassen, schluchzt die Kranke wieder. -- Ich? ruft
er da und setzt ihr auseinander, was er alles gegeben; seine Schuld sei es
nicht, da sie krank geworden, und sie habe Verwandte, die mehr htten als
er, die sollten sich nur um sie bekmmern. -- Die Kranke kann vor Weinen
nicht sprechen, sie will seine Hand nehmen, er aber zieht sich zurck. Da
kann sich Gretchen nicht mehr halten, tritt zu ihm, nimmt seine Hand und
legt sie in die der Kranken und sagt: Das sind Alles unntze Reden, die
Arme wird nicht lange mehr leben und wollte nur Trostworte, und nicht
so harte Worte von Ihnen hren. -- Er ist ganz erschrocken, denn er hat
Gretchen im ersten Eifer nicht gesehen, und fhrt nun eine andere Sprache
und lt auch einiges Geld dort. Nach zwei Tagen war das Mdchen todt.

Die Tante schwieg. Klrchen war in hchster Aufregung. Sprechen konnte sie
nicht; sie reichte der Tante die Hand und strzte zum Zimmer hinaus. Die
Tante wollte ihr nachrufen, aber sie hrte nicht, sie lief mit eilenden
Schritten ber die Strae und verschlo sich dann in ihrem Zimmer. Hier
brach sie in Thrnen aus. Ein abscheulicher Mensch! solch ein Verhltni
vorher zu haben! Sie wollte augenblicklich mit ihm brechen, sie wollte
einen Mann haben, der geachtet und geehrt ward von der ganzen Welt und der
besonders weit ber Tante Rieke und ber Greten stand. -- So gingen ihre
Gedanken anfnglich durch einander. -- Als sie aber eine halbe Stunde
geweint, und ihre Thrnen versiegten, ward sie ruhiger. Und wenn die ganze
Geschichte wahr wre, dachte sie, was hat er eigentlich verbrochen? Da ich
seine erste Liebe nicht bin, konnt' ich mir vorher denken. Er ist ja auch
deine erste Liebe nicht, entgegnete ihr Gewissen, und du hast ihm auch von
allen Abenteuern nichts gesagt. Das ist eben der Fluch der Snde: um die
eigene zu beschnigen, mute sie auch die des Andern entschuldigen und
so die Last beider tragen. Da das Mdchen so dumm war, sich verfhren zu
lassen, fuhr sie fort, ist traurig, und es ist schndlich von ihm, die Arme
so im Stich zu lassen; aber gewi war sie ein ganz unbedeutendes Wesen,
die ihn nicht fesseln konnte, dir htte so etwas nie passiren knnen. Das
einzige Unglck dabei ist nur, da es nicht verborgen blieb, und da gerade
ihre Verwandten so tief hinein blicken muten. Ihrem Glcke konnte die
Sache nicht mehr hinderlich sein, Mutter und Kind sind todt. Wenn sie einst
Herrin eines groen Hotels ist, es bequem wie eine Prinzessin hat, dazu von
dem Manne geliebt und angebetet wird, was sie Alles nicht bezweifelte, so
fehlte ihrem Glcke nichts. Die Sache mit dem Aufgeben mute doch berlegt
werden, und wer konnte denn wissen, ob in Wahrheit die Begebenheit so
schwarz war, wie die Tante sie vorgetragen? Die Tante sieht Alles mit so
strengen Blicken an; in den Stcken war ihr nicht zu trauen. Aber beichten
sollte ihr Brutigam, erfahren, da sie Alles wisse, und um so demthiger
werden und ergebener. Als er wie gewhnlich nach den beendigten Geschften
zu ihr kam, fand er sie so getrstet, aber die Thrnen flossen von Neuem
bei seinem Anblick. Er, mit dem bsen Gewissen, war besonders weichherzig,
forschte nach den Thrnen und erfuhr nun die ganze Geschichte. Da schien
sein Zorn keine Grenzen zu haben, er nannte Alles die abscheulichste
Verleumdung, und Gretchen sammt der Tante malizise Personen, die
absichtlich eine Sache so verdreht htten, um ihm Klrchen abspenstig zu
machen. Wer wei, in welchen Winkel sie sie stecken mchten; sie rgern
sich, sie vornehmer und schner zu sehen, und so mehr. Von der Kranken
erzhlte er: sie sei Hausmdchen hier gewesen, und er habe allerdings ein
kleines Liebesverhltni mit ihr gehabt, spter sei sie fortgekommen, sei
liederlich geworden und so herab gekommen. In ihrer Noth habe sie sich zu
ihm gewandt, und er habe sie hin und wieder untersttzt, ja, er habe sich
durch seine Gutmthigkeit verleiten lassen, einmal hinzugehen, weil die
Person ihm keine Ruhe gelassen. -- Und das ist die Geschichte, die Deine
vortreffliche Cousine so verdreht hat! schlo der Erzrnte. Du mut mir
jetzt aber heilig versprechen, mit den abscheulichen Menschen ganz und gar
zu brechen, denn bei ihrer Schlechtigkeit sind sie auch roh und ungebildet
und passen fr uns nicht. Es ist mir eigentlich recht lieb, da sie die
Veranlassung zu diesem Bruche gegeben haben. Nun sind wir sie los. Nach
dem, wie sie mich behandelt haben, knnen sie nicht verlangen, da ich je
wieder einen Fu ber ihre Schwelle setze. -- Hierauf begann er seine
Plne fr die nchste Zukunft zu entwickeln. Die malte er so glnzend,
so herrlich, da Klrchen sich vllig befriedigt fhlte und in alle seine
Vorschlge einging. Um allen ferneren Intriguen zu entgehen, wollten sie
noch vor dem Winter heirathen und die Annahme eines eigenen Hotels
gar nicht abwarten. Gnther hatte sich eine kleine neue Wohnung gerade
gegenber schon angesehen, die sollte mit Mahagoni-Meubeln und allen
mglichen Luxussachen ausgestattet werden, und Klrchen sollte da allein
ihre Wirthschaft haben. Vierhundert Thaler sollte sie jhrlich bekommen,
auer den Sachen, die hin und wieder aus der Gastwirthschaft abfielen.
Als Klrchen erwhnte, da die Tante ihr, im Falle sie sich mit deren
Genehmigung verheirathe, eine Ausstattung versprochen, brausete Gnther
von Neuem auf. Wir brauchen Deiner Tante Ausstattung nicht, ich werde ihr
schreiben: ich bedankte mich sowohl fr ihre Verleumdungen, als fr ihre
Hochzeitsgeschenke, ich knnte ganz und gar ohne sie bestehen, ich wrde
sie nie wieder belstigen, wrde aber auch meiner Frau nicht erlauben ein
Haus zu betreten, das so hinterlistig meine Ehre angegriffen. -- Klrchen
machte einige Einwendungen dagegen. Wenn sie die Tante auch immer mehr
gefrchtet, als geliebt hatte, auf diese Weise wollte sie sie doch nicht
beleidigen, weil die Tante es immer gut mit ihr gemeint. Gnther versprach
den Brief nicht ganz so arg zu machen, aber, setzte er hinzu, wenn wir
sie bei dieser Gelegenheit nicht los werden, wird sie uns das ganze Leben
plagen. In dem Sinn sprach er noch Mancherlei. Klrchen lie sich bereden,
und die Sache schien abgemacht. Am anderen Abend aber kam Frau Krauter mit
sehr bedenklichem Gesichte. Tante Rieke hatte sie zu sich kommen lassen,
ihr das Vorgefallene erzhlt und ihr den Brief mitgegeben, den Gnther
heut Morgen an die Tante geschickt. Klrchen ward hei und kalt beim Lesen
dieses Briefes; der war wenigstens so grob, als Gnther gestern Abend sich
vorgenommen hatte zu schreiben. Frau Krauter trug den Mantel auf beiden
Schultern; bei Tante Rieke hatte sie geklagt ber das Unglck und ber
den Leichtsinn der Welt; hier redete sie anders, weil ihr im Grunde diese
Verheirathung der Tochter sehr erwnscht kam. Schon jetzt kam mancher
Bissen aus dem Hotel zu ihr hin, schon jetzt hatte sie zeitweise ein
herrliches Leben gefhrt, sie erwartete nun den Himmel von Klrchens
eigenem Hotel. Als sie die Tochter bse auf den Brutigam sah, redete sie
gtlich zu. Jeder Mann hat seine schwache Seite, und die Tante wird nicht
ohne Schuld sein. Wenn Du auch einen Andern genommen httest, sie wre doch
nicht zufrieden gewesen; denn ihr Geschmack ist nicht Dein Geschmack, und
Du mut es mit Deinem Manne halten. Klrchen seufzte, und mute der Mutter
doch theilweise Recht geben. Entweder! oder! hie es jetzt, und da sie den
Brutigam nicht fallen lassen wollte, mute sie von der Tante lassen. Die
Mutter mute ihr aber versprechen, zur Tante zu gehen und ihr zu sagen,
wie unglcklich sie ber ihres Brutigams Brief gewesen; aber da sie ihn
zu sehr liebe und auch das Beste von der Zukunft hoffe, msse sie sich in
seinen Willen fgen und den Umgang mit der Tante fr jetzt abbrechen, --
doch nicht fr lange, denn er werde gewi bald seinen Fehler einsehen und
die Tante um Verzeihung bitten.

       *       *       *       *       *

Es war der 25.September. Klrchen stand vor dem Spiegel und legte die rosa
Schrze um den weien Mullrock, setzte ein rosa Hubchen auf und war nun
bereit, die Gste zum Chokoladenfrhstck zu empfangen. Gestern hatte sie
Hochzeit gehabt, war stolz im weien Atlaskleide zur Kirche gefahren
und war als schnste Braut bewundert. Herr Reinhard hatte darauf seinem
Oberkellner ein Diner gegeben, und die Nachfeier dieses Diners war eine
Abendgesellschaft in der Wohnung der Neuvermhlten. Ein Privatsekretair
mit seiner Frau, ein Detailhndler mit seiner Frau, ein Rendant, Gustchen
Vogler, einige Handlungsdiener und Mutter Krauter waren die Mitglieder der
Gesellschaft. Klrchen mute sich gestehen, da diese Leute nicht zu ihren
eleganten Zimmern paten, aber auch Gnther war in dieser Gesellschaft
ein Anderer, als gegen die vornehmen Leute im Hotel. Er lachte anders, er
sprach anders und lie sich in seinem ganzen Wesen auf eine unangenehme
Weise gehen. Freilich hatte er den Tag ungewhnlich viel getrunken, und das
ist bei so seltenen festlichen Gelegenheiten nicht zu umgehen, trstete
sie sich. Dieselbe Gesellschaft sollte heut Morgen ein Chokoladenfrhstck
nehmen. Klrchen hatte Alles auf's Schnste vorbereitet, die feinen Tassen
standen bereit, auf gemalten Tellern war Kuchen und Torte servirt, und
sie selbst ruhte jetzt wie eine vornehme Dame im Sopha und erwartete ihre
Gste. Die Mutter war die erste, die kam; sie sah schmunzelnd auf Kuchen
und Chokolade, setzte sich wohlgefllig in die andere Sophaecke und sagte:

Htt' ich doch im Leben nicht geglaubt, da es Dir noch so glcken wrde,
Du kleiner Brausekopf. Immer wenn ich dachte, es war so weit, dann ging
Dein heies Blut wieder durch. Gott sei Dank, da wir nun eingelaufen sind
in den Hafen!

Klrchen lchelte. So hatte sie doch wenigstens die Mutter, die ihrem
Schicksal Weihrauch streute, da selbst das eigne Herz sich nicht recht dazu
bequemen wollte. Gnther trat etwas bleicher als gewhnlich, aber guter
Laune ein. Die Gste folgten bald, es ward Chokolade getrunken, Frau
Krauter lie es sich von Allen am besten schmecken; dagegen verschmhte
der Schwiegersohn ganz und gar dies se Getrnk. Mir ist heut mehr wie
Weintrinken, sagte er scherzend, verlie das Zimmer und kam bald mit einem
Arm voll Flaschen wieder. Die Herren schmunzelten, die Frauen neckten
auf nicht sehr feine Weise, und Klrchen sah ngstlich auf ihren Mann.
Jedenfalls war er schon im angeregten Zustande herber gekommen, denn sie
sah, da beim Einschenken der Chokolade ihm die Hnde zitterten. Sie htte
gern Einspruch gethan gegen das neue Trinkgelage, aber erstens scheute
sie sich, als Wirthin etwas zu sagen, und dann wute sie, da Gnther in
solchen Dingen sich nichts sagen lie. Die Herrengesellschaft ward immer
lauter, die Frauen sahen sich bedenklich an. Klrchen klagte, da ihr Mann
schon seit einigen Tagen unwohl sei und da ihm der Wein sehr schlecht
bekommen wrde. Er ward auch immer bleicher, seine Hnde zitterten
auffallend, seine Zunge lallte. Doch war er nicht der Schlimmste. In der
Ecke des Mahagonisopha's schlummerte der Rendant, und einer von den jungen
Kaufmannsdienern hatte sich schon entfernt. Die Frauen drangen jetzt auf
die Auflsung der Gesellschaft. Das war mit den angetrunkenen Mnnern nicht
leicht zu bewerkstelligen, aber es gelang ihnen endlich, und Klrchen war
mit dem Mann und der Mutter allein.

Gnther hatte sich nicht besinnungslos getrunken, weil er viel vertragen
konnte; er wute, da ihm Schlafen jetzt das Beste sei und legte sich zu
Bett. Die Mutter ging nach Haus, weil sie nicht Lust hatte, Tassen und
Glser zu waschen und aufzurumen, und Klrchen sa nun in der eleganten
Stube allein. Sie hatte aber auch nicht Lust zum Aufrumen, sie mute sich
erst besinnen von der vielen Unruhe, setzte sich auf den Sitz im Fenster
und schaute hinaus auf die Strae. Der blaue Himmel und helle Sonnenschein
lockte Spatziergnger in das Freie, auch vor dem Hotel war es sehr
lebendig, Wagen fuhren, Wagen kamen, und es war ganz unterhaltend, das
anzusehen. Ja unterhaltend, aber nicht fr Klrchen. Ihr Herz war schwer,
ohne da sie recht wute, was sie wollte. Sie war nun am Ziel ihrer
Wnsche, sie konnte herrlich leben und die vornehme Dame spielen.
Die Mahagoni-Meubel, der Sopha-Teppich, die gewirkte Tischdecke, die
Blumenvasen, die goldgerahmten Bilder, sie htte sich nie eine schnere
Wohnung trumen knnen, -- und doch war sie nicht befriedigt und das war
ihr so unertrglich, sie htte weinen knnen. In dieser Unlust an der
ganzen Welt griff sie zu einem Roman, der auf dem Arbeitstisch lag und aus
ihrer Stube im Hotel mit herber gewandert war, und suchte sich wenigstens
zu zerstreuen.

Als Gnther nach einigen Stunden wieder zum Vorschein kam, murrete er
etwas, noch Alles so in Unordnung zu finden. In seinem Kellner-Eifer rumte
er selbst gleich Flaschen und Glser bei Seite. Klrchen versicherte,
im hchsten Grade angegriffen zu sein, und sein bses Gewissen hie ihn
schweigen, aber der eheliche Himmel hing nicht ganz voller Geigen.

       *       *       *       *       *

Fritz Buchstein ging im Garten auf und ab. Die Sonne warf ihre letzten
Strahlen nur noch an das blaue Schieferdach des Kirchthurmes, aber
herrliches Abendroth, wie es den Herbstabenden eigen, flammete ber der
Scheuer hinauf. Zwischen gelbem Laub und verkommenen Zweigen blhten noch
allerhand liebliche Blumen, die Pflaumen hingen blau an den Bumen, Aepfel-
und Birnenbume senkten die schweren Zweige und sahen der Ernte entgegen,
auf dem Nachbarshofe ward ein Fuder Kartoffeln in den Keller geladen, und
Kinder hockten im Garten um ein Hufchen Kartoffelstroh, dessen blauer
Rauch ber die Nachbarsgrten hinzog. Fritz schaute das Alles mit den Augen
seiner Seele an, und Freude und Friede durchzitterten sein Herz. Hier war
seine traute Heimath und hier sollt' es ihm vergnnt sein, seinen Heerd zu
bauen und dem Herrn zu Ehr' und Liebe Brger und Hausvater sein.

Gestern hatte er Klrchen trauen sehen. Klrchen im weien Kleide, grnen
Kranze, mit den schnen, blauen, kindlichen Augen hatte sein Herz noch
einmal in Erinnerung und Theilnahme bewegt. Der schwarze, bleiche Mann
neben ihr schien ihm der Bse zu sein, dem sie sich bergab, und sein Herz
konnte es nicht lassen, wiederum zu bitten: Herr, verlasse sie dennoch
nicht, fhre sie, halte sie; Weg hast du aller Wege, an Mitteln fehlt's Dir
nicht.

Auf dem Heimwege war er mit Frau Bendler und Gretchen zusammen getroffen,
und als er Gretchen sah, war Glck und Friede in seine Brust gezogen.
Gretchen hatte ihn angeschaut mit den treuherzigen Augen und der vielen
Liebe darin, und auch seine Augen sprachen seine Gedanken aus. Ehen
werden im Himmel geschlossen. Gretchen, das fhlte er, war ihm vom Himmel
bestimmt, mit ihr wollte er wallen den Weg hinan, seine Liebe sollte sie
fhren, trsten, ihr dienen auf dem beschwerlichen Weg, und ihr treues,
starkes Herz sollte ihn tragen mit allen seinen Fehlern. Ja, ihr wollte
er auch die Schmerzen seiner Jugend sagen, jetzt wo er sie berwunden, wo
Liebe und Freudigkeit zu Gretchen sein Herz beseelte. In Sehnsucht schaute
er hinber in den Nachbarsgarten, da trat Gretchen singend drben aus der
Thr. Sie grte hinber und schttelte dann an einem Pflaumenbaum, da
die blauen Frchte ber sie herfielen. Fritz schwang sich ber das Stacket.
Soll ich Dir helfen? fragte er. Gretchen nickte, und er suchte die Pflaumen
mit in ihre Schrze. Als sie mit ihrer Arbeit fertig waren, nahm Fritz
Gretchens Hand, sah ihr bewegt in die Augen und sagte: Gretchen, Du weit
schon lngst die Gedanken meines Herzens. -- Gretchen nickte.

Ich liebe Dich von ganzem Herzen, fuhr er fort, und der Herr wird mir Kraft
geben, Dich so glcklich zu machen, wie Du es verdienst und wie ich es so
gern mchte.

Gretchen neigte den Kopf und dachte: ich bin ja nicht werth solches
Glckes.

Jetzt wollen wir zur Tante gehen, sprach er weiter, legte Gretchens Arm
in den seinen, nahm ihre Hand mit beiden Hnden; so gingen sie durch den
Garten. Da ffnete sich oben ein Fensterlein, der Staarmatz hupfte auf das
Brett und schnarrte: Jungfer Braut! -- Ja, Du alter Benjamin steckst Deine
Nase immer zuerst in alle Dinge. Diesmal zankte sich Gretchen nicht mit dem
Matz; sie lchelte hinauf und Beide blieben stehen, denn die weie Mtze
mit dem frhlichen Angesicht schaute auch zum Fenster hinaus. Der Herr
segne Euch! rief er herunter, dann neigte er den Kopf hin und her vor dem
Dompfaffen, und der begann sogleich: Lobe den Herrn, o meine Seele -- ja
da konnten es Fritz und Gretchen nicht lassen, mit heller Stimme stimmten
sie ein und Benjamin ebenfalls:

  Ich will ihn loben bis in Tod!
  Weil ich noch Stunden auf Erden zhle,
  Will ich lobsingen meinem Gott;
  Der Leib und Seel' gegeben hat,
  Werde gepriesen frh und spat.
  Halleluja, Halleluja.

  Selig, ja selig ist der zu nennen,
  De Hlfe der Gott Jacob ist,
  Der sich vom Glauben lt gar nichts trennen
  Und hofft getrost auf Jesum Christ.
  Wer diesen Herrn zum Beistand hat,
  Am besten findet Rath und That.
  Halleluja, Halleluja.

Die Tante kam gerade zur rechten Zeit heraus, um die letzten Strophen mit
zu singen, dann aber mute ihr weiches Herz erst einige Freudenthrnen
weinen. Und als nun Vater Buchstein drben in seiner Hausthr erschien,
ward beschlossen, augenblicklich einige Latten vom Stacket zu nehmen und
eine Oeffnung zur Thr zwischen beiden Grten zu machen. Benjamin kam
flugs herunter und brachte dem Fritz das Handwerkszeug entgegen, und mit
frhlichen Worten und Mienen half die ganze Gesellschaft bei der Arbeit.
Whrend der alte Buchstein am Krckstock langsam herangeschlichen kam, um
den sonderbaren Lrm zu untersuchen, war die Oeffnung schon fertig, und
Fritz fhrte Braut und Schwiegermutter dem Vater entgegen.

       *       *       *       *       *

Klrchen verlebte ihre Flitterwochen in ungetrbtem Vergngen. Gnther
suchte ihr den ersten Tag vergessen zu machen. Er fhrte sie in
Kaffeegrten, in Conzerte, in das Theater. Im Hause hatte sie fast gar
nichts zu thun, nur Kaffee und Thee mute sie kochen, und dies, so wie die
brige wenige Hausarbeit, that die Mutter gern, weil sie dafr mittrinken
und mitessen konnte. Das Mittagsessen bekam Klrchen aus dem Hotel mit
Erlaubni des Herrn Reinhard, dem es auf eine Person mehr oder weniger
nicht ankam, und Gnther schien dafr nur um so dienstfertiger und seinem
Herrn um so mehr zugethan. Klrchen htte jetzt schne Zeit zum Flicken
und Nhen gehabt, aber es fehlte ihr an Lust dazu. An ihren alten Sachen,
meinte sie, wre nichts mehr zu flicken, und die wenigen neuen, die sie
zum kleinen Haushalt angeschafft, waren neu in einem Laden gekauft. Spter,
sagte Gnther, wrde er doch das ganze Inventar eines Hotels annehmen,
jetzt knnten sie sich behelfen.

Da er gegen Weihnachten hin fter als gewhnlich nicht nach Hause kam,
wunderte sie nicht, da jetzt mehr Besuch als gewhnlich drben, und Gnther
sehr beschftigt war. Auch da er zuweilen sehr hohlugig aussah und ihm
die Hnde leise zitterten, schob Klrchen auf die groen Anstrengungen.
Ueberdem hatte ihr Mann sich so sehr in seiner Gewalt, da, so wie er sich
beobachtet glaubte, eine Lebendigkeit und Festigkeit in sein ganzes Wesen
fuhr, die Klrchen wieder beruhigte.

Eines Abends kam sie gegen zehn Uhr von der Mutter zurck, die seit einigen
Tagen krank war. Im Vorbeigehen wollte sie sich etwas Geld vom Manne holen,
den sie schwerlich heut zu Hause erwarten konnte. Im Hotel war es noch
ziemlich lebendig, auf dem Flur traf sie den kleinen Laufburschen, der im
Sommer ihrem Manne den Thee besorgen mute, und der auch jedenfalls damals
das Zwiegesprch mit einem Kameraden gehalten.

Wo ist mein Mann? fragte Klrchen.

In seiner Stube, ich mu ihm wieder Thee kochen, sagte der Junge spttisch.

Erschrocken lief Klrchen dahin und fand ihren Mann in einem Zustande, wie
sie ihn noch nie gesehen hatte. Er sa vor dem Tisch, schlug mit beiden
Fusten darauf und lallte: Zehn tausend Thaler, -- fnf tausend Thaler,
-- das soll gehen, -- das mu gehen. -- Klrchen schlo schnell die Thr
hinter sich. Um Gottes Willen, Gnther! rief sie: Du bist betrunken!

Betrunken? wiederholte Gnther erschrocken und wollte sich in gewohnter
Weise zusammennehmen, aber es ging nicht, er fiel zusammen und lallte
wieder unverstndliche Worte. Jetzt klopfte es an der Thr. Klrchen
fragte, wer da sei.

Ich bringe den Thee, rief der Laufbursche, und Herr Reinhard will den Herrn
Eduard sprechen.

Klrchen verlie die Stube, nahm dem Burschen den Thee ab und wechselte
mit Herrn Reinhard einige Worte. Der schien die Fabel von dem Unwohlsein zu
glauben und entfernte sich. Klrchen aber warf ihrem Mann einen Paletot um,
setzte ihm den Hut auf und fhrte ihn, nachdem sie gelauscht, ob Niemand
auf der Treppe und auf dem Flur sei, zum Hause hinaus. In ihrer Wohnung
aber brachen ihre Angst und ihr Zorn in heftige Worte aus. Er glotzte
sie mit starren Augen an und sagte kein Wort. Sie ward immer heftiger und
verlangte, er solle sich zu Bett legen. Sie fate ihn an, um ihn dahin zu
fhren, da machte er sich mit einem mal los, gab ihr einen tchtigen Sto
und sagte grimmig: Sei ruhig und mach nicht solchen Lrm! Wer heit Dich
raisonniren? Hier, zieh meine Stiefeln aus! -- Klrchen stand erschrocken,
aber unmglich htte sie sich zu solchem erniedrigenden Dienst hergeben
knnen. -- Willst Du bald! rief er noch grimmiger, oder soll ich Dich
gehorchen lehren? Dabei trat er dicht vor sie, starrte sie an und
schttelte mit seiner schweren Hand ihr Kinn gar unsanft. Klrchen schrie
laut auf. -- Allons! sagte er, warf sich auf einen Stuhl nieder und
streckte ihr die Fe entgegen. Klrchen sah, da mit dem betrunkenen
Menschen nicht zu spaen sei, da sie Mihandlungen erwarten knne, und
entschlo sich zu der Arbeit, aber mit lautem Weinen. Er gab ihr noch einen
Tritt mit dem Fu, und schlug dann wieder mit beiden Fusten auf den Tisch.
Zehntausend Thaler! lallte seine Zunge, -- zehntausend Thaler -- und dann
links um kehrt! -- Klrchen hatte sich in eine dunkle Ecke gesetzt;
er hielt noch ein langes Selbstgesprch, aber seine Worte wurden immer
unverstndlicher, bis er sein Haupt senkte und laut schnarchte.

Klrchen legte sich mit den Kleidern auf das Bett, aber an Schlaf war nicht
zu denken, sie frchtete sich vor ihrem Mann, es war ihr grausig mit ihm
allein zu sein, in ihrer Hlfslosigkeit waren Thrnen ihr einziger Trost.
Sie weinte und weinte, bis sie vor Ermdung einschlief.

Gegen Morgen wachte sie auf. Als sie die Thr nach der Wohnstube ffnete,
regte es sich auch, ihr Mann tappte in der dunkeln, eiskalten Stube umher.
Sie machte Licht; Gnther sah sie scheu an, zugleich aber flogen seine
Glieder vor Schwche und Frost, er sah wirklich jmmerlich aus, und
Klrchen htte fast Mitleiden mit ihm gehabt; aber Zorn und Kummer
berwogen jedes andere Gefhl. Auch war sie selbst von der entsetzlichen
Nacht matt und elend. Gewi wird er sich entschuldigen und wieder se
Worte machen, dachte Klrchen; aber das vergebe und vergesse ich nicht; ich
werde es ihm sagen, wenn noch einmal Aehnliches passirt, gehe ich von ihm.
Als sie schweigend nach dem Ofen ging, um Feuer zu machen, begann er zu
reden.

Warum hast Du mich gestern hier in der Stube sitzen lassen?

Klrchen sah ihn verwundert an. Weit Du, was gestern Abend passirt ist?
fragte sie mit zitternder Stimme.

Freilich wei ich das, und es ist schlecht genug von einer Frau, wenn
der Mann krank und aufgeregt nach Hause kommt, ihn wie eine Xantippe zu
behandeln. Du hast gelrmt und getobt, anstatt mich sanft zu beruhigen, wie
es einer ordentlichen Frau zukommt.

Weit Du denn, da ich Dich herber geholt habe? fragte Klrchen mit von
Thrnen erstickter Stimme, da Herr Reinhard Dich sprechen wollte, da
die Kellner Dich hhnten wegen Deiner Betrunkenheit, und da ich Dich nur
heimlich fortgebracht habe?

Das wei ich Alles! entgegnete Gnther kalt. Das war sehr weise von Dir, Du
httest nur hier so fortfahren sollen.

Klrchen konnte nicht weiter reden, der Kummer schnrte ihr die Kehle zu.
Er bereute also nicht einmal seine Unthaten, er klagte _sie_ an. Das war
das erste Mal, da er im nchternen Zustande unfreundlich war; jetzt mute
sie jede Hoffnung, ihn je anders zu sehen, aufgeben. Er legte sich zu
Bett, sie mute ihn bedienen, sie mute die abgesandten Boten des Hotels
abfertigen, und als spter die Mutter kam, dieser ihre Stimmung verbergen.
Sie htte sich geschmt, ihr Unglck merken zu lassen; trotz ihrer
Klugheit, trotz ihres Hochmuthes war sie jetzt eben so weit als die Mutter.

Nachdem das Ehepaar acht Tage nicht mit einander gesprochen, Gnther sich
fast gar nicht oder nur mrrisch gezeigt hatte, und Klrchens Augen fast
nicht trocken geworden waren, schien er endlich wieder besserer Laune zu
werden. Er brachte mehr Geld, denn auch das hatte sie in den letzten acht
Tagen fast gar nicht gehabt. Er fing an zu schmeicheln, ja, sein Unrecht
einzusehen, und Klrchen hielt es fr das Beste, nicht zu unvershnlich zu
sein. So war uerlich das Verhltni wieder hergestellt, aber der Stachel
sa in Klrchens Herzen, unmglich konnte sie sich ber ihr Schicksal noch
leichtfertige Phantasien machen, die Wirklichkeit war zu sprechend.

Weihnachten kam, und Gnther schien es darauf abgesehen zu haben, Klrchens
leicht bewegliches Herz wieder ganz zu gewinnen. Der Weihnachtstisch
prangte von schnen Sachen. Ein seidener Mantel, ein Sammethut, wie ihn
nur die vornehmste Dame wnschen konnte, lagen darauf, und auer andern
Kleinigkeiten auch ein Zwanzig-Thaler-Schein, um Kinderwsche zu kaufen.
Klrchen war guter Hoffnung. Auch Frau Krauter hatte Gnther mit manchen
hbschen Sachen bedacht, -- so gab es nur frhliche Gesichter.

Am Weihnachtsmorgen mute Klrchen in die Kirche gehen, um ihren Staat zu
zeigen. Dieser Triumph sollte nach den vielen trben Tagen eine Erquickung
sein. Aber hauptschlich lag ihr daran, sich der Tante und Gretchen zu
zeigen. Die hatten gegen die Mutter so manche bedenkliche Worte, auch wegen
ihrer ueren Lage, fallen lassen; darber sollten sie beruhigt werden. Sie
mute freilich zu dem Pietisten in die Stephani-Kirche gehen, aber das war
ihr gleich; des Wortes Gottes wegen ging sie doch nicht hin. Ja, in der
letzten Zeit hatte sie sich noch mehr als je gescheut, an den Herrn zu
denken; es berfiel sie zuweilen eine Ahnung, als ob die Worte der Tante
Wahrheit werden und der Himmel ihren Leichtsinn strafen knnte. Heute war
sie aber zu vergngt, um so ernste Gedanken haben zu knnen.

Sie hatte eigentlich die Absicht gehabt, sich so in der Kirche zu setzen,
da sie von allen Seiten gesehen ward, aber im Hineintreten gewann ihr
besseres Gefhl die Oberhand, sie schmte sich und setzte sich in eine
entfernte Ecke. Als nun die Orgel in vollen Tnen die Kirche erfllte, als
viele hundert Stimmen sich damit vereinten, und Vom Himmel hoch da komm'
ich her laut daher schallte, da ward es ihr wunderbar zu Muthe. Sie verga
Mantel und Hut, und konnte es nicht lassen, die Worte aufmerksam mit zu
lesen und zu singen:

  Es ist der Herre Christ unser Gott,
  Der will euch fhr'n aus aller Noth,
  Er will eu'r Heiland selber sein,
  Von allen Snden machen rein.

  Er bringt euch alle Seligkeit,
  Die Gott der Vater hat bereit't,
  Da ihr mit uns im Himmelreich
  Sollt mit uns leben ewiglich.

Einen Fhrer aus aller Noth! ob du den auch noch nthig haben wirst? dachte
Klrchen. -- O wie glcklich war ich unverheirathet! ein Tag immer heller
und lustiger als der andere, die Welt so lachend, -- warum bin ich nur in
mein Unglck gelaufen? wer wei, wie es mir noch gehen wird? und ich habe
keinen Helfer aus der Noth. Der Heiland, den Tante Rieke und Gretchen
haben, ist nicht dein Heiland, du kennst ihn nicht und magst ihn auch nicht
kennen, setzte sie muthlos hinzu. Die Stimme des Predigers zog sie wieder
von ihren Gedanken ab.

Dies ist der Tag, den der Herr machet, lasset uns freuen und frhlich
darinnen sein, so begann er die Rede. Das Evangelium folgte, dann redete
er so warm und eindringlich vom Christkindlein, warum es herab gekommen von
seinem hohen Himmel, was es uns gebracht, was es wieder von uns verlange,
da Klrchen unwiderstehlich seinen Worten folgen mute. -- Wie gro und
unaussprechlich ist die Gnade fr uns arme Snder, die wir so elend und so
blo, die wir im Dunkel des Todes sitzen und bangen vor dem ewigen Gericht,
-- unser Gewissen sagt es uns, da das Gesetz den Stab ber uns gebrochen,
da wir dem Zorne der Verdammung zugehren. Da erscheint ein Licht in der
Finsterni, ein Trost in der Angst, der liebe Heiland kommt, verkndigt
uns Freiheit von allen Snden, Erlsung von Tod und Hlle, giebt uns die
Hoffnung der ewigen Seligkeit. O wie ist doch die Liebe so gro, o wie
mssen wir ihr entgegen jauchzen! O du liebliches Kind in der Krippe, du
kmmst in unsere armselige Welt, nimmst auf Dich alle unsere Schmerzen,
stirbst fr uns den bittern Tod, den Tod am Kreuze. Du kommst, Du suchst
mich, Du kannst es nicht lassen, mich armen elenden Snder an Dein Herz zu
nehmen. O so nimm mich denn hin, umfasse mich, halte mich, ich will Dein
sein auf ewig!--

Klrchen war ergriffen, so etwas hatte sie noch nie gehrt. Oder hatte sie
nicht hren wollen? war ihr Herz hart gewesen, und hatte der Herr es jetzt
weich gemacht? Ja, der Herr kann Gnade geben, wie es ihm beliebt, und
aus Gnaden sollen wir selig werden. -- Doch bestrmten heut auch heie
Frbitten seinen Thron. Fritz Buchstein hatte oben vom Chor Klrchen
erkannt, und hatte Segen fr sie, fr diesen Gang vom Himmel herab gefleht.
Gretchen und ihre Mutter saen auch nicht fern und mit brnstigem Gebet
flehten sie des Herrn Geist auf das verlassene Klrchen.

Als diese zur Kirche hinaus ging, kam sie mit der Tante zusammen. Sie
schmte sich fast ihres Weihnachtsstaates, und mit einem sanften und
demthigen Ausdruck, wie ihn Niemand an ihr gewohnt war, bot sie den
Verwandten einen guten Morgen und ein frhliches Fest. Die Tante und
Gretchen reichten ihr Beide freundlich die Hand. Klrchen ging im
Gesprche, aber sehr verlegen, neben ihnen her, bis vor Bendlers Haus. Beim
Abschied sagte sie: Ich habe Euch lngst besuchen wollen, und wenn Ihr es
erlaubt, komme ich bald. -- Bei den letzten Worten traten ihr die Thrnen
in die Augen und sie eilte hinweg.

       *       *       *       *       *

Am Sylvester-Abend lie man bei Frau Bendler wieder Schiffchen schwimmen,
Gretchen aber war ohne Angst, da sich ihr Schiffchen mit Fritzens
vereinigen mchte; sie war frhlich und guter Dinge, es ward erzhlt
und gescherzt und auch ernsthaft gesprochen und gelesen und gesungen und
gebetet, bis der Wchter das neue Jahr verkndete.

Bei Gnthers sah es anders aus. Seit Weihnachten schon war er in ganz
besonders frhlicher Aufregung, und am Sylvestermorgen sagte er zu
Klrchen: Heut mu es hoch bei uns hergehen, es wird der letzte Sylvester
sein, den wir hier verleben, wer wei, wo wir im knftigen Jahre sind! Wohl
in weitluftigeren Rumen, und Du hast Kuchen und Zucker nicht selbst zu
holen. Aber heut hole ihn nur! -- Dabei legte er einen Fnfthalerschein auf
den Tisch. -- Hole nur Alles, was zu einem feinen kalten Abendbrod nthig
ist, und dann sei eine vernnftige Frau. Ich sehe nicht ein, -- wenn
ich mich alle Tage vom Morgen bis Abend qulen mu, will ich auch mein
Vergngen haben. -- Ist denn das was so Schlimmes, wenn es mal ein Paar
Stunden drunter und drber geht? Sieh die Frau Rendantin an, die lacht,
wenn ihr Mann ein Bichen angetrunken ist, lt ihn den Rausch ausschlafen
und dann geht das Leben wieder seinen gewhnlichen Gang. Man ist darum
kein Trinker, aber bei besonderen Gelegenheiten sich an einem Glschen Wein
erfreuen, ist wohl erlaubt.

Klrchen sah ein, wenn sie allen Zank und Streit vermeiden wollte, mte
sie sich in diese Theorien fgen, und wollte es einmal in Gte versuchen.
Auch hatte die Mutter das Gesprch mit angehrt, und war ganz auf des
Schwiegersohnes Seite. Klrchen hat zu viel Romane gelesen, sagte sie
weise, sie hat sich vom Leben sonderbare Bilder gemacht, denkt alle
Menschen sollen Engel sein, und sie ist doch selbst kein Engel. -- Gnther
stimmte lachend ein, und es war sehr gute Stimmung im Haus.

Die Gste kamen; erst ging es scheinbar sehr fein und anstndig her, doch
Frauen und Mnner wurden gemthlicher, dann lebhafter und lebhafter und das
neue Jahr ward mit tollem Lrmen begrt.

Nur Klrchen war schweigsam, so viel sie auch von den Andern geneckt und
gereizt ward. Sie gab Unwohlsein vor, was in ihrem Zustande sehr glaublich
schien. Im Grunde aber ekelte sie dies rohe Wesen an, ihre Natur war zu
edel, um sich in solcher Gemeinheit wohl zu fhlen. Ihr leichtfertiger
Sinn hatte wohl nach Lust und Vergngen, nach vornehmen und hohen Dingen
gestrebt, hatte sich auch schlechter Mittel dazu bedient; aber die
Gesellschaft, in der sie sich jetzt befand, diese Art und Weise zu leben,
konnte ihr durch kein Schlaraffenleben angenehm gemacht werden. Auch
war sie in der letzten Woche sehr nachdenklich gewesen. Der Kirchgang
am Weihnachtsmorgen, die Gefhle, die er angeregt, hatten seine Weihe
ausgegossen auch noch ber die nchsten Tage; eine Unruhe hatte sie erfat,
da sie selbst nicht wute, wie ihr war; aber das fhlte sie, in Essen und
Trinken, in schnen Kleidern fand sie die Befriedigung dieser Unruhe nicht.

Als der Rendant sein Maa getrunken hatte, und die anderen Mnner auf dem
Hhepunkte der Ausgelassenheit waren, da verfgte die Frau Rendantin die
Auflsung des Gelages und Niemand hatte etwas dagegen. Gnther legte sich
ohne Weiteres zu Bette, schlief seinen Rausch aus, und als er am anderen
Morgen bleich und mit zitternden Hnden kaum die Kaffeetasse halten konnte,
demonstrirte er seiner Frau, wie unschuldig ein solches Vergngen sei, und
wie es nur auf die Frauen ankme, da die Mnner vernnftig blieben, und
so mehr. Klrchen schwieg, die Erinnerung an den gestrigen Abend und der
zitternde Mann vor ihr waren ihr schrecklich, und immer und immer wieder
mute sie an den verlebten Sylvesterabend bei Tante Rieke denken, an Fritz
Buchstein -- welch ein Mann er war gegen die Mnner, die jetzt in ihre
Nhe kamen, wie getrost und ruhig Gretchen sein konnte, das hausbackene
Gretchen, und wie sie selbst trotz des seidenen Mantels und des Sammethutes
in Angst und Schrecken lebte. Da die Zukunft ihr nichts Besseres bringen
knne, war sie sicher. Ja, ihr bangte vor dieser Zukunft, und das bitterste
Gefhl dabei war, da sie ihr Schicksal selbst verschuldet. Wie sie jetzt
noch sich retten knne, wute sie nicht; an den Helfer und Retter dort oben
sich zu wenden, fehlte ihr Glauben und Muth; ihr Leben war nun einmal so,
sie mute sehen, wie es abliefe.

Der Januar ging Klrchen mit Nhen von Kindersachen sehr schnell dahin,
sie lernte da einen Genu kennen, der ihr ganz neu war, den Genu des
Stilllebens und des Fleies. Ihre Gedanken waren bei dem Kindchen, das
einst in diesen Kleidern stecken sollte, und se Freude durchstrmte ihr
Herz. Diese Freude des Stilllebens aber sollte ihr nicht lange bleiben.
Gnther, der in der freudigen Aufregung, in der er sich seit Wochen befand,
fter als je eine Flasche guten Weines trank, that das in seiner eigenen
Wohnung, um ungestrt und sicher seinen Rausch auskuriren zu knnen. Oft
ging das ganz still ab, oft aber tobte er und lrmte und Klrchen hatte
Mhe und Noth, ihn zur Ruhe zu bringen. So war es Anfang Februars geworden.
Seit acht Tagen war Klrchen unwohl und die Mutter Tag und Nacht bei ihr,
um die Hausarbeit zu verrichten, daneben aber auch um den oft angetrunkenen
Schwiegersohn zu bedienen. Sie verstand das besser als die Tochter, sie
hatte Erfahrung darin von ihrem verstorbenen Manne her, und ihr Gefhl war
abgestumpft. Er dagegen war erkenntlich auf jede Weise gegen sie, und darum
redete sie immer gegen die Tochter das Wort fr ihn, entschuldigte ihn
und beschnigte sein Laster, wo sie nur konnte. Zur Fastnacht bestimmte
Gnther, trotzdem Klrchen erst wieder einige Tage aus dem Bett war, eine
Gesellschaft, und zwar wollte er fr diesmal nur die Herren haben. Klrchen
war es zufrieden, sie konnte mit der Mutter in der Schlafstube bleiben,
und der Anblick von den betrunkenen Mnnern wurde ihr erspart. Da es wild
hergehen wrde, war vorauszusehen.

Und es ging wild her, wilder als da die Frauen dabei gewesen. Klrchen ward
angst und bange, wenn sie das Toben und Brausen im Nebenzimmer hrte, und
die Mutter hatte genug zu beruhigen. Aber selbst diese machte bald ein
bedenkliches Gesicht, denn Teller und Glser klirrten durch einander, und
das Geschrei war nicht mehr das des Uebermuthes, sondern das des Zornes.
Beide Frauen strzten heraus, zwei Mnner gingen eben zur Thr hinaus, der
Rendant lag an der Erde, und Gnther schlug mit beiden Fusten auf ihn los.
Klrchen versuchte es seine Arme fest zu halten, denn schon flo Blut
ber des Rendanten Stirn, die Mutter war dem Blutenden behlflich sich
aufzurichten, und mit Hlfe beider Frauen kam er zur Thr hinaus. Jetzt
aber richtete sich die Wuth des Betrunkenen auf Frau und Schwiegermutter;
blindlings schlug er zu, und beide konnten sich nicht schnell genug in die
Schlafstube flchten. Dem Riegel waren seine Krfte nicht gewachsen und
er begngte sich jetzt, seine Tobsucht an Gegenstnden in der Stube
auszulassen. Klrchen sa weinend und mit blutender Nase, -- dahin
gerade war ein Faustschlag gefallen. Die Mutter hielt ihr schweigend
das Waschbecken vor. Diese Mihandlungen wute sie freilich nicht zu
entschuldigen. Ja sie mute es jetzt geduldig hren, wie Klrchen sie mit
Vorwrfen berschttete, das Laster ihres Mannes so beschnigt zu haben.
Klrchen machte in ihrer Heftigkeit viele Plne. Jedenfalls wollte sie von
dem Manne, vor dessen Mihandlungen sie keine Minute sicher sei. Sie
wollte wieder Schneiderin werden, wollte lieber Salz und Brod essen, und
so weiter. Sie lie sich endlich von der Mutter bereden, sich zur Ruhe zu
legen, und da Gnther nebenan laut schnarchte, konnten sie fr jetzt ruhig
sein.

Am andern Morgen selbst konnte Klrchen den Mann nicht sehen, die Mutter
aber wollte neutral bleiben und wenigstens fr eine warme Stube und fr
Kaffee sorgen. Gnther sah sie mit bsem Gewissen an; er hatte wohl eine
Ahnung von dem, was er gestern gethan, aber Worte der Vershnung wollte er
nicht sprechen. Er fand es viel bequemer, die Schuld auf beide Frauen zu
schieben. Knftig sollten sie ihre Nase nicht in Sachen stecken, die sie
nichts angingen, der Rendant htte ihn schndlich beleidigt und seine
Prgel verdient. So ungefhr sprach er. Die Mutter konnte es doch nicht
lassen, ihn an Klrchens Zustand zu erinnern, und auerdem, da sie solche
Behandlung nicht gewohnt sei. Gnther aber lie sich auf nichts ein, er war
grob und wegwerfend und wollte sein Betragen als ganz gerecht hinstellen.
Klrchen hrte durch die offene Thre jedes Wort, und ihr Herz wollte
brechen. Mit _dem_ Mann konnte sie nicht zusammen bleiben. Aber wie von
ihm los kommen? Sie hatte ja Niemand in der Welt, der ihr rathen und helfen
konnte. An Tante Rieke dachte sie; aber hatte die sie nicht gewarnt und ihr
Unglck vorhergesagt? Zu der wagte sie sich nicht. Aus Furcht auch hatte
sie den am Weihnachtsmorgen versprochenen Besuch von Woche zu Woche
aufgeschoben, und, da sie die Entschuldigung gehabt, da ihr Mann es
verboten, sich dabei beruhigt.

Jetzt kamen fr Klrchen trbe Tage. Da Gnther sich fast gar nicht bei
ihr sehen lie, war ihr ganz recht, aber sie war doch zu verlassen,
selbst die Frau Rendantin und die anderen Frauen hatten sich seit dem
Fastnachtsabend zurck gezogen. An Gelde fehlte es ihr oft, aber zum Glck
war die Mutter immer bereit, Gnthern etwas abzubetteln; so waren sie
wenigstens nie in uerer Noth. Dies letzte hob die Mutter immer besonders
als Trost hervor. Dein Mann ist wohlhabend und darum hat er seine
Eigenheiten, die Du tragen mut. Dein Vater hat mich weit schlechter
behandelt, und dabei wut' ich nicht, wovon ich uns satt machen sollte. Du
kannst in allen Stcken ohne Sorgen leben und brauchst die Hnde nicht zu
rhren. -- Klrchen entgegnete, sie wollte lieber Salz und Brod essen,
ja verhungern, als solche Behandlung dulden und berhaupt solch ein Leben
fhren. -- Du wohl! sagte dann die Mutter wieder, aber Dein Kind? Ich kenne
das, ich habe auch so gesprochen; wie ich Dich aber erst hatte, und wie ich
schwach und elend wurde, da kriegt' ich andere Gedanken. -- Ja, das Kind!
seufzte Klrchen. -- Und das war es auch, was sie geduldig machte. Wohin
sollte sie mit dem Wrmchen? Sie htte kaum sich allein ernhren knnen,
wie sollte sie dazu das Kind noch pflegen und ernhren? Sie verschluckte
darum manchen Aerger, sie gewhnte sich sogar, freundlich zu scheinen, weil
sie merkte, da so mit Gnther noch am besten fertig werden war. Da er
oft schimpfte, sie auch wohl in der Betrunkenheit stie, mute sie sich
gefallen lassen.

In der Kirche war sie einmal wieder gewesen, in der trbsten Zeit, bald
nach Fastnacht. Und zwar in die Stephani-Kirche zog es sie. Der wunderbare
Eindruck von Weihnachten war ihr wieder vor die Seele getreten. -- Aber der
Prediger sprach diesmal sehr ernst. Er schilderte die Leiden unseres Herrn
und Heilandes, die er erduldet, um uns arme elende Snder zu erlsen vom
ewigen Tode. Dann sprach er vom Zustande eines unbekehrten Snders, von
seiner Angst und Unruhe in der Gegenwart, von der Strafe und dem Gerichte
der Zukunft. -- Klrchen ward durch diese Predigt so ergriffen, da sie
sich mehrere Tage nicht beruhigen konnte und froh war, als die Zeit den
Eindruck zu verwischen schien. Sie war seitdem nie wieder in der Kirche
gewesen.

Der Winter verging, der Frhling kam mit seinen schnen Tagen, wo die Luft
lau, wo die Veilchen blhen, die Lerchen singen und die Saaten grnen.
Klrchen sah von alle dem nicht viel. Um die Freuden der schnen Natur
zu genieen, war sie nie gewohnt spazieren zu gehen, und in Kaffeegrten
fhrte sie Gnther nicht mehr; er schmte sich ihrer Schwerflligkeit und
ging lieber allein seinem Vergngen nach. Das war freilich auch anders,
als sich Klrchen in romantischen Phantasien die Liebe ihres Mannes
gedacht hatte; gerade in diesen Zustnden wollte sie mehr als je auf Hnden
getragen und vergttert werden. Aber die gewhnliche Flitterliebe ohne den
wahren festen Grund im Herzen hlt nicht weiter hinaus.

Eines Sonnabends Abends--, es war Anfangs Mai--, da sa Klrchen am
offnen Fenster und schaute auf die rein gekehrte Strae und sah dem
frhlichen Spiel der Kinder zu. Eine Nachbarin drben kam eben mit zweien
von einem Spaziergange zurck. Sie waren ganz mit Blumen beladen. Weidorn,
Primeln und Tulpen blhten lieblich in den kleinen Hnden. Klrchen ward
bewegt von diesem lieblichen Anblick. Wenn du erst ein Kind hast, dachte
sie, gehst du auch mit ihm spazieren, pflckst ihm Blumen, machst ihm
Krnze. Ihr Herz schlug froh bei diesen Bildern, und berhaupt hing das
Glck ihrer Zukunft jetzt eben so leidenschaftlich an dem Kinde, das sie
unter ihrem Herzen trug, als frher an anderen Phantasiegebilden. -- Doch
spazieren gehen knntest du zuweilen auch ohne Kind und dir so schne
Blumen holen! Ja, heute war es zu schn! sie nahm Hut und Umschlagetuch und
wanderte zum Thore hinaus.

Ihr Weg fhrte sie zu einem Grtner, einem weitlufigen Verwandten, den
sie in ihrer Jugend, ehe sie in Kaffeegrten und Conzerte ging, oft mit der
Mutter, mit Tante Rieke und mit Gretchen besucht hatte. Es war ihr wohl,
wie lange nicht, zu Sinne, als sie dem Grasrain entlang der blhenden
Weidornhecke entgegen ging. O wie die Lerchen dem blauen Himmel entgegen
jubelten, und Duft und Lieblichkeit berall und tiefer Frieden! -- Sie trat
in den Garten. Lichtblaue Irisstreifen begrenzten die Rabatten, vor dem
Haus blhten Tulpen, blaue Mnnertreue, Ranunkeln und Hyazinthen. In den
blhenden Bumen, dem jungen Grn der Spiren und Flieder hpften und
sangen Vglein, und hoch drber in einem knospenden Kastanienbaume schlug
eine Nachtigall in langen, weichen, gehaltenen Tnen. O wie schn ist des
lieben Gottes Welt! mute Klrchen sagen und seufzend hinzusetzen: wenn er
doch auch _dein_ lieber Gott wre! Sie wollte in einen Seitenweg einbiegen,
trat aber erschrocken zurck, -- in einer Fliederlaube saen Fritz und
Gretchen traulich neben einander. Fritz hatte seinen Arm um Gretchen
geschlungen und schaute ihr warm in die Augen, diese hatte einen wei
blhenden Spirenzweig um das Haar geschlungen und sah ganz wie eine Braut
aus. Jetzt erst dachte Klrchen daran, da morgen Gretchens Hochzeitstag
war. Das bewegte sie sehr. Sie suchte sich in dem Bosquet einen einsamen
Platz und lie den Thrnen freien Lauf. Nicht aus Neid weinte sie, nein,
aus Reue und Kummer ber das eigene Unglck. Wie glcklich mute Gretchen
sein, zur Seite solch' eines rechtschaffenen Mannes! Ja, Rechtschaffenheit
geht ber alle Galanterie, dachte sie jetzt. Wenn ich auch rechtschaffen
und fromm sein knnte, vielleicht ginge es mir dann besser. Wie fange ich
es aber an? Ich wei es nicht. Und ob mir der liebe Gott helfen kann? ich
wei es auch nicht. Wer soll mir rathen? Wenn ich an die Fastenpredigt
denke, wird mir angst, ich kann sie immer nicht vergessen, und kann mir
doch auch nicht helfen. -- Sie schlich sich aus dem Garten, brach sich
einige Weidornzweige von der Hecke und ging mit weichem Herzen und
feuchten Augen durch den dmmernden Abend. Morgen frh wollte sie in die
Stephani-Kirche gehen; und wenn sie auch morgen keine Lust dazu haben
sollte--, denn sie kannte den Wechsel ihrer Stimmungen--, sie wollte doch
gehen und wenigstens dem lieben Gott dies Versprechen halten.

Und sie hielt Wort und nahm ihren alten Platz in der Stephani-Kirche ein.
Der Prediger hielt diesmal eine Frhlingspredigt, er schilderte so warm
die Liebe und Freundlichkeit des Herrn und die Schnheit des Frhlings, und
knpfte daran den Frhling einer Seele, die auch dem Herrn entgegenblht
und sprosst und nur von seinem Segen und Gnadenschein Gedeihen erwartet.
Klrchen ward durch diese Predigt viel getrstet und gestrkt. Der Herr ist
sehr freundlich und gtig gegen die Menschen, vielleicht erbarmt er sich
auch deiner und wendet noch das selbstverschuldete Unglck von deinem Leben
ab. Er ladet alle Snder ein, er wird auch dich nicht zurckstoen! Aber
wie sollst du es anfangen, zu ihm zu kommen? Und wie soll er dir helfen?
-- Klrchen meinte, wenn sie an Hlfe dachte, immer nur die uere, sie
fhlte, da Gnther einem Abgrund entgegen ging, in den er sie mit hinein
ziehen wrde. Angst in der Gegenwart, Furcht vor der Zukunft trieb sie
Hlfe zu suchen, und da sie recht gut wute, da ihr Menschen nicht helfen
konnten, wollte sie es mit dem Himmel versuchen. Die Predigt heut machte
ihr neuen Muth dazu, und der Prediger, der so mild und liebreich
geredet, hatte ihr ganzes Herz gewonnen; ihm nher zu kommen und sich ihm
anzuvertrauen, war ihr hchster Wunsch. Menschen wute sie auerdem nicht,
die ihr htten rathen knnen; der Tante Rieke ernste Reden und Ermahnungen
hatte sie stets mit Gleichgltigkeit, Widerspruch und Lachen aufgenommen;
_der_ ihr Unglck aufzudecken und ihr Unrecht zu gestehen, fhlte sie eine
unberwindliche Scheu.

Als der letzte Vers gesungen war, leerte sich die volle Kirche, nur im Chor
sammelte sich eine kleinere Anzahl, um das Brautpaar trauen zu sehen.
Auch Klrchen trat hinzu, aufrichtige Theilnahme an Gretchens Schicksal
veranlate sie dazu. Freilich kamen ihrem Herzen gar sonderbare Gedanken.
Wo Gretchen steht, knntest du auch stehen, und was ist das fr ein Mann!
Sie hatte ihn immer schon bewundert und zu gut gefunden fr Gretchen,
aber in ihrer eignen Thorheit war sie verblendet und hatte seines Herzens
Sprache mit Verachtung erwidert. Jetzt stand er da, so schn und mnnlich,
mit so mildem, liebevollem Ausdruck. Klrchen traten die Thrnen in
die Augen und ihr Herz war so bewegt. Als der Prediger die Versammlung
aufforderte, fr das junge Paar mit zu beten, faltete sie die Hnde und
brachte zum erstenmal in ihrem Leben etwas wie ein ernstliches Gebet
vor den Herrn. Als beim Hinausgehen Fritzens Augen ihrem weichen,
theilnehmenden Blicke begegneten, fuhr ein freudiger Schreck in sein Herz,
und wenn er dies Herz auch ganz und gar seinem Gretchen geschenkt, so war
es doch immer, als ob er Klrchens Seele mit auf seiner Seele tragen msse.
Die heien Gebete seiner Jugend konnte er nicht verloren geben.

Klrchen dachte darauf, wie sie Bekanntschaft mit dem Prediger machen
knne. So geradezu hinzugehen war ihr unmglich, es mute sich eine
Gelegenheit darbieten, und diese hoffte sie am leichtesten in der Taufe
ihres Kindes zu finden. Zu Gnther sprach sie noch nicht davon, obgleich
sie fhlte, ein jeder Prediger wrde ihm gleich sein. Sie frchtete doch
seinen Widerspruch und wollte eine gelegenere Zeit abwarten. Aber mit
trostvollen Hoffnungen und Plnen beschftigte sie sich in den stillen
Wochen bis zur Geburt ihres Kindes.

Ende Juni genas sie glcklich eines kleinen Mdchens. Gnther war sehr
erfreut und sehr aufmerksam gegen Mutter und Kind. Klrchen hatte zwar
schon in den Wochen vorher eine freudige, wenn auch oft unruhige und
zerstreute Stimmung an ihm bemerkt, jetzt kam aber unzweifelhaft die Freude
an ihr und dem Kinde dazu. Sie war schner erblht als je, und das Kind
hatte die groen, blauen Augen und feinen Zge der Mutter. Gnther war
aufmerksam wie in den ersten Tagen seiner Liebe, schne Geschenke brachten
seine Hnde und schmeichlerische Worte entglitten seinem Munde, ja,
in einer einsamen Stunde bat er sie sogar um Verzeihung wegen der
Vergangenheit und versprach ihr eine goldene Zukunft. Er deutete dabei an,
da sie bald ihren Wohnsitz ndern wrden, und forschte dann, wie alt wohl
ihr Kindchen sein msse, um mit ihm eine weitere Reise zu unternehmen.
Klrchen htte sich jetzt ganz glcklich trumen knnen, aber die gemachten
Erfahrungen lieen sich nicht aus ihrem Gedchtni verwischen; auch waren
Gnthers Augen zuweilen so unstet, seine Worte so geheimnivoll, da sie
Angst vor seiner Nhe hatte. Als das Kind fnf Wochen alt war, ward es in
der Stephani-Kirche getauft, Gnther hatte nichts dagegen, er hrte kaum
hin, als ihm Klrchen den Vorschlag machte. Aber da Gretchen Gevatter
stehen sollte, schlug er rund ab, er wollte mit den Leuten nichts zu thun
haben. Nur das setzte sie durch, da die Kleine Gretchens Namen bekam.

Zu Klrchens Geburtstag war das kleine Gretchen sechs Wochen alt, und lag
s schlummernd neben der Mutter in der Wiege. Vor dem Sopha stand der
Geburtstagstisch, den Gnther am Morgen mit Kuchen und Blumen
geschmckt. Auerdem hatte er ihr 30Thaler in Scheinen geschenkt mit dem
geheimnivollen Bemerken: sie sorgsam zu bewahren; sie wrde bald Gebrauch
davon machen mssen. Klrchen hatte schon zu oft solche Bemerkungen gehrt,
und hatte das Geld, ohne weiter darber zu forschen, in ihr Nhkstchen
geschlossen. Jetzt war es bald Abend, sie sa am offnen Fenster, die Luft
in der Stube war ihr zu eng geworden, aber auch auen war es nicht besser,
es war ein schwler Tag gewesen. Klrchen hatte ernsthafte Gedanken, sie
war pltzlich so weit glcklicher als frher, Gnther wie umgewandelt,
-- sollte der liebe Gott wirklich ihre Gebete erhrt haben? Ihr Herz war
dankbar gestimmt, und sie machte sich das Gelbde, fromm und rechtschaffen
zu werden, knpfte daran aber unwillkrlich die Bedingung des
Glcklichseins, und dies Glcklichsein suchte sie immer noch in ueren
Dingen.

Verwundert sah sie mit einemmal Herrn Reinhard mit noch zwei Mnnern
aus dem Hotel und eilig zu ihr hinber kommen. Erstaunt ging sie ihnen
entgegen. Herr Reinhard fragte ernsthaft nach ihrem Manne.

Ich meine, er ist drben, sagte Klrchen unbefangen, und erwarte ihn jeden
Augenblick. Es ist heut mein Geburtstag, fgte sie, indem sie auf den
Festtisch zeigte, hinzu, und er wollte noch mit mir spazieren gehen.

Der Schurke! murmelte Reinhard, und Klrchen fuhr erschrocken zusammen.
Sie mssen erlauben, da wir den Sekretair ffnen, fuhr Reinhard fort, und
sogleich machte er sich mit Hauptschlsseln an das Werk.

Klrchen bat den Herrn Reinhard mit Thrnen, ihr zu sagen, was vorgefallen,
und Herr Reinhard erzhlte nicht mit den feinsten Worten, wie Gnther ihn
wenigstens um zehntausend Thaler betrogen, wie er schndlicher Weise sein
Vertrauen gemibraucht, seine Handschrift nachgemacht, sein Siegel benutzt,
falsche Wechsel ausgestellt, und jetzt wahrscheinlich nach Amerika gegangen
sei. Klrchen, berwltigt von diesen Nachrichten, sa laut jammernd
neben der Wiege, Frau Krauter kam dazu, jammerte mit und vermehrte die
Verwirrung. -- Im Schranke fand man nichts. Klrchen erzhlte, da Gnther
vor kurzer Zeit viele unntze Papiere, wie er sie genannt, verbrannt habe.
Whrend sich zu den genannten Personen noch Wirthsleute und Mitbewohner des
Hauses eingefunden hatten, und das kleine Gretchen, vom Lrmen aufgeweckt,
laut dazwischen schrie, kam der Postbote und brachte einen Brief fr
Klrchen. Hastig erbrach sie ihn und las:

Liebes Klrchen! Ich schreibe in groer Eile. Wenn Du diese Zeilen liest,
bin ich bald in Hamburg und besteige gleich nach meiner Ankunft ein
Dampfschiff, das mich nach London und dann weiter nach Amerika bringt.
Packe schnell Deine Sachen, Deine Ausstattung kann Dir Niemand streitig
machen, und komm nach Hamburg mit unserem kleinen Gretchen. In der
Vorstadt St.Pauli Nr.10. wirst Du, wenn Du Deinen Namen sagst, freundlich
aufgenommen, wirst alles Uebrige erfahren und eine bequeme Ueberfahrt nach
Amerika haben. Ich beschwre Dich, la mich nicht im Stich, ich kann nicht
leben ohne Dich und ohne unser liebes Kind, ich werde Dich mit offenen
Armen empfangen und in unser Hotel fhren, da sollst Du frstlich leben
und die Bettelwirthschaft, die Dich jetzt drckte, bald vergessen. -- Du
kommst! ich zweifle nicht und bin ewig Dein Eduard Gnther.

Klrchen lie es willenlos geschehen, da auch Herr Reinhard den Brief
nahm und las. Er ward noch zorniger, als er erfuhr, da der Betrger ihm
entgangen sei, und fragte Klrchen mit beienden Worten, was sie zu
dem Vorschlag sage. Diese erklrte, sie wolle lieber mit ihrem Kinde
verhungern, als dem Manne folgen. Als Herr Reinhard merkte, da Klrchen
ganz unwissend in der Sache sei, als er ihren Schmerz darber sah, ward er
etwas milder gegen sie gestimmt, aber die Wohnung mute sie rumen und
die ganze Einrichtung ihres Haushaltes zurcklassen, denn sie konnte
nicht leugnen, da Gnther Alles angeschafft hatte; nur ihre eigenen
Kleidungsstcke und Leibwsche, das Bettchen und Zeug des Kindes nebst
einigen Kleinigkeiten wurden ihr mitzunehmen erlaubt.

       *       *       *       *       *

Klrchen sa wieder in der kleinen Stube ihrer Mutter. Die zwei Jahre
ihrer Abwesenheit waren ihr wie ein Traum, ein Traum, der in Lust und
Herrlichkeit begonnen und geendet in Jammer und Noth. Dem schwlen Tage
war ein Gewitter gefolgt, das jetzt in einen leisen Landregen endete. Die
Mutter war trotz des Regens ausgegangen, um Einkufe zu machen, denn ihr
Haus war ganz leer; und seitdem ihr Klrchen die 30Thaler im Nhkstchen
gezeigt, war sie guten Muthes. Sie lebte nur in der Gegenwart und sagte,
wenn es ihr gut ging: der liebe Gott wird weiter sorgen. Denn sie fhrte
den lieben Gott wenigstens im Munde, wenn sie ihn auch nicht im Herzen
hatte. Klrchen war nicht guten Muthes, sie sa in der dmmernden Stube am
Fenster, sah auf die grauen, nagewaschenen Huser und auf die fallenden
Tropfen, und ihre Augen tropften ebenfalls. Was werden die Nachbarn sagen,
dachte sie, wenn sie dich hier wieder sehen, und nun in Schande und Noth;
was Gustchen Vogler, die sie manchmal in ihrer vornehmen Wohnung besucht
und ihr Loos gepriesen und beneidet hatte? Was wird Tante Rieke sagen, die
ihr das Alles vorher gesagt? Aber Mitleiden wird sie doch mit dir haben.
Hat sie doch neulich ganz freundlich zur Mutter von Klrchen gesprochen,
hat sich gefreut, da sie ihr kleines Mdchen Gretchen genannt hat, und
da sie Klrchen einigemal in der Stephani-Kirche gesehen. Ja, die
Stephani-Kirche! -- dachte Klrchen weiter, es hat dir auch nichts
geholfen; der liebe Gott hat deine Gebete nicht erhrt, er hat dir die
Strafe fr dein frheres Leben bald geschickt, er ist ein strafender Gott.
Klrchen konnte nicht zu ihm aufsehen, aber ihr vergangenes Leben ging
jetzt vor ihrer Seele vorber, die zwei letzten Jahre kamen ihr wie ein
langes Leben vor. Es war jetzt Jahreszeit, als Fritz Buchstein zurckkam,
als sie mit Geringschtzung auf ihn schaute und um den Studenten buhlte.
Was htte sie denn gehabt, wenn sie den errungen? O sie wute jetzt, da
rohe, gottlose Mnner eben so gegen ihre Frauen sind, wenn sie auch in den
Liebesmonaten eine sanfte Sprache fhren. Sie hatte es erfahren, da schne
Kleider und ein vornehmes, bequemes Leben keine Freude sind, wenn das Herz
an Kummer und Verdru zehren mu. Sie dachte weiter an ihr Leben bei der
Generalin, wohin der Leichtsinn sie dort gefhrt, und hielt beide Hnde vor
das Gesicht vor innerer Schaam. Wie ganz anders dachte sie jetzt ber den
Grafen, diesen leichtfertigen, wortbrchigen Menschen, der sie beinahe in
den Abgrund getaumelt. Ja, sie fhlte so etwas wie Fgung Gottes, da sie
vor noch tieferem Fall und uerster Schande bewahrt geblieben. Mit welchem
Leichtsinn aber hatte sie sich ihrem Manne in die Arme geworfen! Sie hatte
gewut, da er leichtfertig, ja sie zweifelte eigentlich nicht an der Tante
Aussage, da er schlecht und herzlos sei; aber sie meinte damals, wenn
es ihr uerlich wohl ginge, wre sie glcklich. Und wie unglcklich und
trostlos hatte sie sich an seiner Seite gefhlt, wie war jetzt ihre ganze
Zukunft zerstrt! Ob dir der liebe Gott dennoch helfen knnte? kam ihr
ein heller Gedanke in der Nacht ihres Herzens. Die Tante hatte oft gesagt:
Aeuere Noth ist kein Unglck, der Herr kann uns dabei doch Frieden und
Freude schenken. Sie schaute auf ihr Gretchen, das so sanft in der Wiege
schlief, und fhlte eine Ahnung hherer Freude, als alle irdischen Gensse
ihr bis jetzt geboten. Fr das Kind leben, arbeiten, das soll mein Trost
sein! O wie s es jetzt seine Aermchen streckte und dehnte und seine
Aeuglein aufthat! Klrchen nahm das Kind an ihre Brust und verga allen
Kummer. Sie nahm sich vor, alle Schaam zu berwinden und morgen gleich neue
Kundschaft als Schneiderin zu suchen, die dreiig Thaler wollte sie
sparen und fr Nothflle aufheben, damit es ihrem Kinde nie am Nthigsten
gebrche.

Aber es sollte anders sein. Klrchens noch zarte Gesundheit war von den
letzten Strmen so erschttert, da sie am anderen Morgen ihr Bett nicht
verlassen konnte; ja, nach einigen Tagen hatte sich ein so heftiges
Nervenfieber entwickelt, da sie besinnungslos dalag. So vergingen vierzehn
Tage, sie wute nichts davon, wenn man ihr das Kind an die Brust legte,
sie wute nicht, da Tante Rieke und Gretchen oft pflegend an ihrem Bette
saen, sie hrte nichts von den Todesbefrchtungen, die der Arzt in ihrer
Nhe aussprach. Endlich kam die glckliche Krisis, Klrchen erlangte ihr
Bewutsein wieder, die Tante und Gretchen nahten sich ihr vorsichtig;
Klrchen konnte vor Schwche nicht reden, aber lchelte dankbar. Man mute
ihr das Kind zeigen, sie nahm es an ihr Herz, sie war so glcklich und
fhlte einen Himmel in diesen Umgebungen. Von Tage zu Tage ward sie
krftiger und fhlte sich bald wie neugeboren.

Aber auch fr ihre Seele begann ein neues Leben. Eine Genesungszeit ist oft
eine segensreiche, da ist der Boden locker und der Same findet eine gute
Statt. Frau Bendler wute das, und benutzte es. Sie sprach ihr Trost und
Muth zu; Klrchen hrte gern, denn kein Vorwurf, kein hartes Wort traf ihre
Vergangenheit, nur der Gegenwart, der Zukunft sollte sie jetzt leben. Auch
der Stephani-Prediger kam, sie hatte der Tante von ihrer frheren Sehnsucht
nach ihm gesagt. Warm und eindringlich sprach er von der Liebe und
Gnade unseres Herrn, und seine Worte machten immer tieferen Eindruck auf
Klrchens Herz. Ja, der Herr gab dem Samen, der hier geset wurde, ein
gndiges Gedeihen. Klrchen lernte ihren Heiland kennen, sie fhlte, da
sie trotz ihrer vielen Snden sich ihm doch nahen drfe, sie fhlte, da
alle Lust und Herrlichkeit der Welt nichts ist gegen den Frieden, den
er uns beut. Dieser Frieden ward nur gestrt durch die Erinnerung an die
Vergangenheit. Ihre Schuld kam ihr oft gar gro vor, aber wenn sie sah, wie
die Tante und Gretchen, schwache Menschen wie sie selbst, ihr nur mit
Liebe und Theilnahme ihren Leichtsinn, ihre Lieblosigkeit und Verspottung
vergalten, wie vielmehr mute sie bei dem Herrn Verzeihung finden. Ja,
der Herr nimmt an ihr reuevolles Herz. Aber auch allen Menschen, denen sie
Unrecht gethan, mchte sie ihre Reue sagen. Vor allen zogen ihre stillen
Gedanken sie zu Fritz Buchstein hin; sie htte wissen mgen, ob er sie
nicht gar sehr verachte und gering schtze, ob sie Gretchens Worten trauen
und je sein Haus besuchen drfe, sie htte ihm gern ihr demthiges Herz
gezeigt und ihn um Verzeihung fr ihr liebloses Betragen gegen ihn gebeten.
Doch nach ihm zu fragen wagte sie nicht, und als Gretchen einst erwhnte:
Fritz warte nur auf Erlaubni, seinen Krankenbesuch zu machen, konnte sie
kaum vor innerer Bewegung diese Erlaubni geben.

Bald darauf, -- Klrchen war allein mit ihrem Kinde im Zimmer, -- ffnete
sich die Thr und Fritz trat ein. Klrchen hatte eben sinnend in den
letzten Abendschein geschaut und gedacht, ob Fritz wirklich kommen wrde,
als er pltzlich vor ihr stand. Sie erhob sich erschrocken vom Stuhl, er
aber nthigte sie zum Sitzen und bot ihr einen freundlichen guten Abend.
Als er ihr so mild und theilnehmend in die Augen sah, ging ihr das Herz
ber, sie konnte keine Worte finden, nahm seine Hand mit beiden Hnden und
weinte bitterlich. Das war zu viel fr Fritz, er machte sich los und trat
schweigend an das Fenster. Die Hand, die sie mit Thrnen benetzt, legte er
auf sein klopfendes Herz und flehte um Kraft. Fest und ernst setzte er sich
dann zu ihr, sprach trstliche Worte zu ihr, aber berhrte mehr ihr ueres
Leben. Klrchen, die da meinte, sie htte zu heftig ihre innere Bewegung
kund gethan und ihn dadurch verletzt, nahm sich zusammen und versuchte
ruhig und gelassen zu sprechen. Das kleine Gretchen ward der Gegenstand der
Unterhaltung. Fritz sagte, wie er und Gretchen auch solcher Freude entgegen
shen, wie dann die Kinder zusammen spielen und gro werden knnten. Die
Tante und Gretchen kamen jetzt hinzu, und Klrchen athmete leichter, die
Unterhaltung ward ganz unbefangen. Die Tante sprach zu Fritz von Klrchens
Wunsch, die Scheidung von Gnther so schnell als mglich gerichtlich
zu machen, was bei den vorliegenden Umstnden nicht schwer sein konnte.
Klrchen sprach dann von ihren Lebensplnen, da sie wieder nhen wolle
und mit Gottes Hlfe ihr Kind ernhren und erziehen. Sie drckte bei diesen
Worten ihr Gretchen innig und zrtlich an das Herz und bemerkte nicht, wie
der Tante Blicke wehmthig auf dem Kinde ruhten, dessen Augen so gro aus
dem kleinen weien Gesichtchen herausschauten. Der Mutter schwere Krankheit
hatte natrlich auch das Kind halb verkommen lassen; alle Sachverstndige
frchteten fr sein Leben, und nur Klrchen ahnete nichts von dem
gefhrlichen Zustande.

Am nchsten Sonntag ging sie zuerst in die Stephani-Kirche. Ihr Herz war
voll seliger Dankbarkeit und voll heien Gebetes. Das war ein segensreicher
Morgen. Sie konnte getrost dem Herrn nahen und erwartete ihren Frieden
nicht mehr von uerem Wohlergehen, sondern nur in der Gnade und Liebe des
treuen Herrn.

Nach der Kirche rstete sie sich zu ihrem ersten Gang in die Stadt. Es war
ein schwerer Gang. Sie sagte Niemandem wohin, sie ging zur Generalin.
Diese Frau, gegen die sie sich am schwersten vergangen, deren Gte und
Freundlichkeit sie mit schmhlichem Undank belohnt hatte, mute sie um
Verzeihung bitten. Mit klopfendem Herzen stieg sie die Treppe hinauf, zog
sie die Klingel. Der alte Bediente, der ihr eigentlich immer gut Freund
gewesen, machte ihr jetzt durch seinen freundlichen Gru den besten Muth.
Als er ging, sie zu melden, stand sie allein in dem ihr wohlbekannten
Vorzimmerchen. Der Nhtisch, vor dem sie so oft gesessen, stand noch an
demselben Platz, der wohlbekannte Arbeitskorb darauf. Sie sah sich dort
im Geiste sitzen mit all ihrer Eitelkeit, mit ihren tollen Gedanken und
wunderlichen Plnen fr die Zukunft. Ein schnelles Roth flog ber ihre
Wangen. Wie schmte sie sich der Vergangenheit, wie schnell hatte sich die
Zukunft strafend fr sie enthllt, wie bangte ihr vor den ernsten Worten
der Generalin, und wie trieb es sie doch wieder, ihr Herz zu erleichtern!

Die Generalin war indessen sehr schwankend, ob sie Klrchen annehmen sollte
oder nicht. Sie hatte von ihrem Schicksale gehrt, fand es wohl verdient
und glaubte, da jetzt nur uere Noth und Bitte um Untersttzung Klrchen
hergetrieben. Sie schmte sich aber fast vor dem Bedienten, der hatte so
theilnehmend Klrchen genannt, der schien gar nicht zu zweifeln, da sie
vorgelassen wrde, und sie gab die Erlaubni.

Klrchen konnte vor Bangigkeit erst nicht reden, sie nahm nur der Generalin
Hand und kte sie. Diese sagte mit etwas kaltem Tone: Ich habe von Ihrem
Unglck gehrt, und bedaure Sie.

Ich bin jetzt nicht unglcklich, gndige Frau, unterbrach sie Klrchen
schchtern, nicht so unglcklich, als da ich bei Ihnen war. -- Die
Generalin machte ein verwundertes Gesicht, und Klrchen fuhr fort: Ich
bereue meinen Leichtsinn, und hoffe, ich werde mit Gottes Hlfe anders
werden, ich konnte es nur nicht lassen (bei diesen Worten wurde ihre Stimme
zitternd und Thrnen traten in ihre Augen), ich konnt' es nur nicht lassen,
vor allem erst Ihre Verzeihung zu erbitten; ich wage es kaum, es war zu
schlecht, o Gott! ich habe Sie ja bestohlen. ---- Klrchen konnte nicht
weiter reden, und die gutmthige Frau Generalin war so bewegt von dieser
unerwarteten Scene, da sich ihre Gefhle pltzlich wandten, und sie
die bleiche, junge Frau in den herzlichsten Worten ihrer Verzeihung
versicherte. Sie unterhielt sich noch weiter mit ihr, fragte nach ihren
Plnen fr die Zukunft, und als sie hrte, da Klrchen wieder schneidern
wolle, erbot sie sich, ihr selbst Arbeit zu geben und ihr auch Kundschaft
zu verschaffen. Klrchen war gerhrt von dieser Gte. Sie pries es als
eine Gnade Gottes und als die Erhrung ihres Gebetes von heut Morgen in der
Kirche, wo sie zum Herrn so dringend gefleht, ihr doch die Theilnahme
und Liebe guter Menschen wieder zuzuwenden, weil sie doch noch ein gar zu
schwankendes Rohr sei und leicht muthlos werden knne; aber die Freude, bei
der Frau Generalin im Hause arbeiten zu drfen, msse sie erst mit der Zeit
verdienen, sie msse sich jetzt noch zu sehr schmen und frchten, ihre
Wohlthterin knne ihr noch nicht trauen.

Diese aufrichtige Reue machte die Generalin immer gtiger, und Klrchen
schied von ihr, das Herz voller Trost und froher Hoffnungen. Aber der Herr
wollte sie lehren, gar keinen Trost bei Menschen, sondern bei ihm allein zu
suchen, und fhrte sie noch schwere Wege.

Als sie nach Hause kam, hatte ihre Mutter das kleine Gretchen auf dem Arm,
und Klrchen bemerkte zum erstenmal, da ihr Kindchen nicht so aussah wie
andere Kinder dieses Alters. Ein jher Schreck fuhr durch ihre Seele, sie
nahm es, sah ihm in die groen, blauen Augen, fate die welken Hnde
und sah flehend zum Himmel auf. Nein, das kann der Herr nicht thun, das
knntest du auch nicht ertragen! dachte sie. Vielleicht will er nur deinen
Glauben prfen, und du willst nicht aufhren zu bitten.

Sie forschte bei der Mutter und bei der Tante und anderen Bekannten
nach deren Meinungen ber das Kind, und es war ihr Balsam, zu hren, wie
schwchliche Kinder oft leichter ber die ersten Jahre hinkmen, als starke
und vollsftige. Ach, dachte sie, du willst es sorgsam pflegen und hten,
und der liebe Gott wird das segnen.

Da sie, als sie wieder zum Nhen ausging, Gretchen der Pflege ihrer Mutter
berlassen mute, wurde ihr sehr schwer; doch die dreiig Thaler waren zu
Ende, und die Tante und alle vernnftigen Menschen erwarteten, da sie ihre
hergestellten Krfte zur Arbeit benutzen wrde. Es wurde ihr nicht schwer,
sich einen Wirkungskreis zu verschaffen; ja bald ward er so gro, da sie
nicht allen Anforderungen gengen konnte. Frau Krauter war sehr glcklich
darber; zwar reichte das Geld gerade nur von der Hand in den Mund, sie war
aber gewohnt, nicht weiter zu denken. Klrchens Tage gingen einfrmig
hin: in der Woche nhte sie in den Husern, jeden Sonntag ging sie in die
Stephani-Kirche, die Feierstunden, die ihr blieben, widmete sie der Pflege
ihres Kindes. Von _einer_ Sorge, die auf ihrem Herzen ruhte, der Scheidung
von ihrem Manne, hatte sie der Herr selbst befreit. Das Schiff, auf welchem
Gnther sich eingeschifft, war im Kanal gescheitert, und er selbst hatte
den Tod und das Ende seiner Plne in den Wellen gefunden. So htte sie sich
in ihrem Stillleben ungestrt und mit jedem Tage glcklicher fhlen knnen,
wenn nur ihr Kind frisch und gesund gewesen; aber die bange Sorge sa ihr
wie ein Stachel im Herzen, und ihr Glaube war noch zu jung und schwach, um
willig ihr Liebstes zu opfern und wie Abraham zu rufen: Herr, hier bin ich.

Es war am ersten Adventssonntag. Klrchen war frh in der Kirche gewesen
und noch erfllt von der herrlichen Predigt, erquickte sie sich an der
sonntglichen Ruhe. Ihre Mutter war zu Tante Rieke gegangen, sie sa allein
in der Stube, ihr schlummerndes Gretchen auf dem Schooe. Schneeflocken
fielen leise nieder, Klrchen schaute still hinein, es war ihr, als ob sie
durch die weie Decke doch die ganze Herrlichkeit des Himmels she; sie
fhlte eine Glckseligkeit von da oben sich in ihr Herz hinabsenken, wie
sie nie gefhlt. Sie faltete die Hnde: O Du lieber himmlischer Vater,
halte mich so wie Du mich in diesem Augenblicke hltst, ich fhle mich an
Deinem Herzen, ich knnte Dir Alles geben, ja auch das Liebste hier. Sie
sah auf ihr bleiches Kind, aber fhlte eine selige Verklrung im Herzen. Da
schlug das kleine Gretchen die matten Augen auf, die Mutter drckte es hei
an ihr Herz und schluchzte: O Herr, aber gieb Du Kraft! ich bin schwach,
sehr schwach! Sie fhlte die Verheiung vom Tode ihres Kindes, und ihr Herz
konnte sich beugen.

Aber dieser seligen Stunde folgten viele bange, sie fing wieder an zu
zagen, zu ringen, zu hoffen, auf Mittel zu sinnen, wie dem Kinde zu helfen
sei. Besonders glaubte sie, da ihre eigne Pflege nthig sei, und ging
deswegen nicht zum Nhen aus, wie auch Frau Krauter darber bse war; denn
wenn Klrchen meinte, im Hause eben so viel verdienen zu knnen, merkten
sie bald an der Kasse, da dem nicht so war. Stundenlang trug sich Klrchen
mit dem Kinde, oder sa von Kummer und Wachen ermattet mit migen Hnden.
Bis vierzehn Tage vor Weihnachten ging es leidlich, der Hausstand hatte
noch nicht Mangel gelitten, da trat aber statt des bisherigen milden
Wetters strenge Klte ein, und Holzmangel machte sich bitter fhlbar. Tante
Rieke wagte Klrchen nicht anzusprechen, weil sie ja durch eigne Schuld in
diese Verlegenheit gekommen war, und auch die Mutter hatte nicht Muth dazu,
weil Tante Rieke ihr Weihnachten schon die Miethe geben mute. So ward
denn fr jetzt beschlossen, Klrchens Flitterstaat zu verkaufen, den sie um
Alles in der Welt doch nicht wieder getragen haben wrde. Frau Krauter war
sehr zufrieden damit. Wir helfen uns noch einige Wochen hin, dachte sie,
lnger kann das Wrmchen nicht mehr leben, und dann ist Klrchen doppelt
fleiig und die Noth hat ein Ende. Der schwarze seidene Mantel und der
Sammethut machten den Anfang, dann folgten allerhand Kleinigkeiten, fr
die aber sehr wenig eingenommen wurde, und da Tag und Nacht geheizt werden
mute, auch auer Essen und Trinken noch Medizin und allerlei andere Dinge
zu beschaffen waren, so war bald die Kasse wieder so leer wie zuvor,
und Klrchen stand am dritten Weihnachtstage trostlos vor den leeren
Kommodenkasten. Noch fand sich einiges Unbedeutende, das sie sich
eigentlich schmte auszubieten, aber die Mutter brachte einen Thaler
dafr. Das Schlimme bei diesem Verkaufen war nur, da Klrchen fr den
Flitterstaat nichts Derbes und Festes in der Stelle hatte. Ein Deckentuch
war ihr einziges warmes Kleidungsstck und hatte auch bei dem milden Wetter
ausgereicht; jetzt hatte sie weder einen Mantel, noch ein warmes Kleid, und
konnte kaum die warme Stube verlassen. Aber auch diese Stube war nicht mehr
warm zu machen; am Sylvester-Morgen blieb Frau Krauter im Bett liegen,
um nicht zu frieren, und Klrchen ging in den Holzstall, um noch
einmal Nachlese zu halten, obgleich sie gestern Abend schon sehr genau
eingesammelt hatte. Sie fand einige Splitterchen, kochte noch einmal Kaffee
und fr Gretchen einen Brei. Die Stube ward kaum warm. Klrchen fragte
nichts nach der Klte, aber Hlfe mute nun geschafft werden, das Kind
durfte nicht frieren. Vor allen Dingen zog sie selbst ihren einzigen
wollenen Unterrock aus, machte eine Kappe davon, hllte das Kind da warm
hinein und trug es so im Deckentuch in der kalten Stube. Um noch etwas
unter dem dnnen wollenen Mousselin-Kleide zu haben, hatte sie den weien
Unterrock mit der Frisur angezogen, der aus ihrer Mdchenzeit, jetzt aber
dnn und verwaschen, kaum noch zu Futter nutzbar, in einer Ecke lag.
Sie kmpfte lange, ob sie zu Tante Rieke gehen sollte, oder vielmehr zu
Buchsteins; denn schon seit acht Tagen war die Tante dort, weil Gretchen an
einer bsen Grippe niederlag. Sie entschied sich zum Gehen, die Noth war zu
gro, ihre Stube ward immer klter, die Mutter jammerte nach Essen, und sie
selbst und ihr Kind waren hungrig. O wenn sie nur Kraft zum Beten gehabt
htte! Aber sie war matt und schwach, konnte sich nicht erheben und trug
all dies Elend als eine wohlverdiente Schuld.

Der Nordwind pfiff durch ihre dnnen Kleider, an allen Gliedern bebend trat
sie zu Buchsteins in das Haus. Fritz nahm eben dem Lehrjungen einen Korb
mit Sphnen und Holzabfllen ab, die er in der Werkstatt aufgerumt.
Klrchens Blicke sahen unwillkrlich verlangend darauf. Fritz, der fr
Klrchens Augensprache immer noch ein feinfhlendes Verstndni hatte,
verstand auch diesen Blick. Ein heies Weh ging durch sein Herz. Sie ist
in Noth, dachte er, sie sieht bleich und kmmerlich aus, und ihr habt sie
vergessen. Er fhrte sie in die Stube. Gretchen hatte zum erstenmal das
Bett verlassen und sa in Betten und Mntel gehllt im Lehnstuhl, Vater
Buchstein und die Tante saen neben ihr, freueten sich ihrer Genesung, der
sie mit einiger Besorgni entgegen sahen, weil der sehr heftige Husten in
Gretchens Zustande was Angstvolles hatte. Die Tante erschrak, als Klrchen
als ein so sprechendes Bild des Jammers und des Elendes in die Stube trat.
Fritz stellte ihr einen Stuhl an den Ofen, sie setzte sich, aber immer noch
flogen ihre Glieder vor Frost.

Wie geht's Euch denn? fragte die Tante besorgt.

Die Mutter liegt im Bett, und mein Gretchen -- hier stockte Klrchens
Stimme.

Warum hast Du keinen Mantel um? -- fuhr die Tante fort -- was hast Du
denn an? Sie hob unwillkrlich das dnne Kleid und den wohlbekannten
Frisurenrock auf. Ach Gott! nichts weiter? sagte die Tante erschrocken,
warum denn keinen wollenen Rock?

Klrchen legte beide Hnde vor die Augen. Ich habe keinen, schluchzte sie,
und habe nichts, nichts! Fritz trat an das Fenster, er konnte seinen Augen
nicht gebieten. Gretchen bat die Tante, welche Kleidungsstcke sie fr
Klrchen holen sollte; aber Klrchen sagte leise weinend:

O nichts fr mich, nur etwas Holz und Essen fr meine Mutter und mein Kind.

Fritz eilte hinaus. Der Korb mit dem Holze stand noch dort, alles mgliche
aus der Speisekammer packte er hinzu und eilte nun voran in Klrchens
Wohnung. Wie fand er es hier! de und kalt, das Kind weinend, die
Gromutter klagend. Mit zitternden Hnden machte er selbst Feuer, stellte
Wasser dabei, und als Tante Rieke mit dem eingekleideten Klrchen in die
Stube trat, hrte diese wenigstens das trstliche Knistern im Ofen. Sie sah
ihn so demthig und dankbar an, er konnte den Blick nicht vertragen, sein
Gewissen machte ihm Vorwrfe, da er sie darben lie; freilich war sein
Gretchen in den Tagen schwer krank gewesen, und seine Zeit durch die Pflege
hingenommen, aber daran dachte er jetzt nicht, sondern nur an seine Schuld.

Als er darauf den Abend allein sa und dem neuen Jahr entgegen wachte, --
denn sein alter Vater war jetzt sehr krnklich und auch die Tante von
den vorhergegangenen Nachtwachen angegriffen, -- da gingen seine Gedanken
zurck in die Vergangenheit. Es waren zwei Jahr, da er zu Klrchen die
warnenden Worte gesprochen, -- wie hatte sich seitdem alles gendert!
Er fhlte dankbar, da der Herr seine Gebete erhrt, an der Seite seines
treuen Gretchens war er von aller Unruhe des Herzens geheilt, und wenn auch
die Jugenderinnerung zuweilen wunderlich durch seine Seele klang, so hatte
das nichts Schmerzliches mehr. Klrchen war der Welt entfremdet und dem
Himmel gewonnen; Fritz flehte zum Herrn, da er alle ihre Herzen verklren
mge, da er sie _einen_ Weg fhre zum himmlischen Jerusalem und dort oben
ewig selig vereinigt halte.

Whrend Fritz so mit seinen Gedanken allein war, sa Klrchen ebenso an der
Wiege ihres hinwelkenden Kindes. Sie war matt und krank, ihre Glaubenswelt
schwach und ohne Halt, das Leben war ihr trb' und der Himmel fern, ihr
einziger Trost war das Kind, ihr einziger Gedanke: so grausam kann Gott
nicht sein, dir dies zu nehmen. Und doch kann er es, dachte sie angstvoll,
und du hast es verdient! -- Das Leben lag wie eine schwere Schuld hinter
ihr, und der erlsenden Liebe wagte sie sich nicht zu nahen. In die Kirche
war sie nicht gekommen, die Tante und Buchsteins hatte sie lange nicht
gesprochen, so fehlte es ihr an jedem strkenden Zuspruch, und innerlich
und uerlich welkte sie dahin.

Am anderen Morgen stand Frau Krauter trotz der warmen Stube nicht auf,
sie fhlte sich wirklich krank, und als es in den nchsten Tagen zunahm,
schickte die Tante einen Arzt. Der erklrte es fr eine nervse Grippe.
Klrchen hatte nun doppelt zu pflegen, und da die Tante immer wieder an
Gretchens Krankenbette gebunden war, stand sie ganz allein. Nur Fritz kam
zuweilen; aber ernst und schweigsam war er, Klrchen hielt das fr eine
verdiente Nichtachtung, wagte ihn kaum anzusehen und zu danken fr Alles,
was er ihr zur Erleichterung that und schickte. So gingen ihr die Tage wie
im dumpfen Traume hin. Nach drei Wochen erklrte der Arzt den Zustand
der Mutter fr besser, zugleich aber ward sein Gesicht beim Anschauen des
Kindes immer bedenklicher. Klrchen empfand groe Qualen; je mehr sie das
Kind hegte und pflegte, je furchtbarer ward ihr der Gedanke seines Todes.
Eines Abends wollte es die Brust nicht mehr nehmen und hing matt das
Kpfchen; wie ein Schwert fuhr der Schmerz durch Klrchens Brust. Sie
wute in der Angst nicht was beginnen; der liebe Gott will nicht helfen,
vielleicht knnen es Menschen. Sie strzte zur Tante, aber bei Buchsteins
war Angst und Verwirrung, der alte Benjamin stand mit gefalteten Hnden
im Hause, Gretchen lag in schweren Kindesnthen. Klrchen lief zu Gustchen
Vogler, lief zum Arzt; der fand das Kind freilich sehr krank, er hatte es
aber nicht anders erwartet. Gustchen blieb die Nacht, machte Thee, wrmte
Tcher und hrte Klrchens Klagen an. Die Nacht war so lang, dichte
Schneeflocken hielten die Dmmerung am Morgen noch lnger auf. Endlich ward
es Tag. Klrchen hielt laut jammernd das sterbende Kind auf dem Schooe,
als die Thr sich ffnete und Tante Rieke eintrat.

Eben stirbt mein Kind! rief Klrchen verzweiflungsvoll.

Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, sein Name sei gelobt
ewiglich, -- sagte die Tante bewegt.

Nein, nein, rief Klrchen und kte den letzten Athemzug von des Kindes
Lippen.

Ja, ja, sagte die Tante. Klrchen, la uns beten, wir sind jetzt beide
kinderlos, -- Thrnen erstickten ihre Stimme, -- auch mein Gretchen ist
hinbergegangen.

Klrchen starrte sie an. Ja, fuhr die Tante fort, la uns den lieben Herrn
im Himmel bitten, da er uns Kraft giebt, da er uns trstet.

Der liebe Herr im Himmel? sthnte Klrchen; aber ihre Hnde falteten sich,
die seligen Stunden, die sie mit diesem Herrn schon verlebt hatte, nahten
sich ihr pltzlich wie ein Trostes-Engel. Am ersten Advent hatte ja ihr
Kind eben so bleich auf ihrem Schooe geruht; damals hatte sie Kraft, es
dem Herrn willig hinzugeben. O Herr, hilf mir! flehte sie, und der Herr
half. Ja wunderbar, schnell, augenblicklich! eine selige Erhebung fhlte
sie im Herzen, der dstere Traum, die Angst war vorber. Sie konnte mit der
Tante beten, sie konnte mit ergebenem Herzen heie Thrnen weinen.

Und diese Thrnen flossen noch oft, aber sie lsten die Last ihres
Gewissens und machten sie zum Kinde Gottes.

       *       *       *       *       *

Klrchens ueres Leben war bald wieder im alten Geleise. Sie ging aus zum
Nhen; weil sie gesund war, und nichts sie mehr an's Haus fesselte, wollte
sie auch wieder arbeiten. So still und einfrmig ihre Tage aber auch
uerlich hingingen, so warm und lebendig war es ihr im Herzen: ihre
Gedanken zogen immer mehr dem Himmel zu, dahin, wo ihr Kindchen mit den
Engeln spielt, und der Himmel kam zu ihr hernieder mit seinem Frieden,
seiner Seligkeit. Sie verlangte und hoffte von diesem Leben nichts weiter,
ja, wenn sie des Abends oder des Sonntags bei der Tante war, diese sie
mit Liebe und Vertrauen berhufte, und wenn gar Fritz dazu kam, mit ihnen
sprach, ihnen vorlas, und sie einen theilnehmenden Blick von ihm erhaschte,
da meinte sie, so glckliche Tage nicht verdient zu haben, und bat Gott,
sie ihr bis zum Lebensende so zu erhalten.

       *       *       *       *       *

Der Sommer ging vorber, auch der halbe Winter. Am Sylvester-Abend saen
Klrchen, Fritz und die Tante beisammen, es wurde nicht gescherzt und
frhlich geplaudert, aber alle drei waren im Herrn selig vergngt. Fritz,
obgleich er es nicht wagte, die Wnsche seines Herzens in die Wirklichkeit
hinaus zu denken, ahnete doch, was der Herr mit ihm vorhtte. Unter
schweren Kmpfen hatte er ihm einst sein thrichtes Herz und seine
Jugendliebe bergeben, verklrt sollte er diese Liebe aus seiner Hand
zurck erhalten. Als er Klrchen gute Nacht wnschte und den Segen des
Herrn zum neuen Jahr, da konnte er seiner Stimme nicht gebieten, und
Klrchen fhlte den Ton in ihrer Seele. O Gott! sie wagte es ja kaum, in
seine reinen, lichten Augen zu schauen, sie hatte ihn nur in ihr Gebet
eingeschlossen und ersehnt, er mchte ihr nicht lnger zrnen.

Frau Krauter, die seit der schweren Krankheit sich nie wieder ganz erholt
und immer gekrnkelt hatte, mute sich nach Neujahr legen, und Klrchen
durfte sie nicht verlassen. Doch ward ihr eine lange Krankenpflege diesmal
erspart, ein Lungenschlag machte der Mutter Leben schnell ein Ende.

Klrchen war nun eine Waise. Und doch nicht, -- die Tante nahm sie nicht
allein an ihr Herz, auch in ihr Haus, und ward ihr eine wahrhafte Mutter.
Als der Frhling drauen sprote, sa Klrchen in Gretchens Fenster neben
blhenden Schneeglckchen. Der alte Benjamin hatte sie ihr gebracht; ja,
seine Liebe zu Gretchen war auf Klrchen bergegangen, und Klrchen hatte
mit ihm wieder scherzen und plaudern und frhlich singen gelernt. Der
Staarmatz rief: Klrchen, so recht, und mit dem Dompfaffen sang sie:
Lobe den Herrn, o meine Seele! -- Fritz arbeitete rstig in der Werkstatt,
lauschte zum Fenster hinaus, und sein Herz schlug hoch auf, wenn er
Klrchens blaue Augen sah, so rein, so kindlich und verklrt, wie sie ihm
auf seinen Wanderungen vorgeschwebt. Als aber der Frhling immer schner
hervorbrach, Blthen und Blumen sich entfalteten, konnte sich auch Fritz
nicht lnger halten, und Klrchen durfte den ganzen Himmel seiner Liebe
schauen.

Sie ist jetzt Frau Meisterin, sie ist stolz auf ihren Stand und trgt nur
dunkle Strmpfe, feste Lederschuh und ein einfaches Kleid. Sie ist neu
und schner erblht, ist die Freude ihres Mannes und der Segen ihres
Hausstandes. Der alte Buchstein sitzt im Lehnstuhl und wiegt sein jngstes
Enkelchen auf den Knieen, Benjamin fhrt ein kleines blondes Gretchen zur
Tante hinber, Klrchen sitzt unter dem offenen Fenster der Werkstatt und
singt mit schner Stimme:

  Lobe den Herrn, o meine Seele,
  Ich will ihn loben bis in Tod!
  Weil ich noch Stunden auf Erden zhle,
  Will ich lobsingen meinem Gott;
  Der Leib und Seel gegeben hat,
  Werde gepriesen frh und spat.
  Halleluja, Halleluja.

  Selig, ja selig ist der zu nennen,
  De Hlfe der Gott Jacob ist,
  Welcher vom Glauben sich Nichts lt trennen
  Und hofft getrost auf Jesum Christ.
  Wer diesen Herrn zum Beistand hat,
  Am besten findet Rath und That.
  Halleluja, Hallelujah.


Druck von Ed. _Heynemann_ in Halle.




Bei #F. A. Brockhaus# in #Leipzig# erschien und ist in allen Buchhandlungen
zu erhalten:


  #Gutzkow# (Karl), #Die Ritter vom Geiste#. Roman in neun Bchern.
  _Zweite Auflage._ Neun Bnde. 8. 11Thlr.

Bei der auerordentlichen Theilnahme und Anerkennung, die Gutzkow's
groartiges Zeitgemlde der Gegenwart in allen Theilen und Bildungskreisen
Deutschlands gefunden, bedarf es gewi nur der Hinweisung auf die so rasch
nthiggewordene _zweite unvernderte Auflage_ desselben, um auch diejenigen
zur Lecture der Ritter vom Geiste zu veranlassen, die sich bisher diesen
Genu noch nicht verschafften.


Levin Schcking's neueste Romane.

Bei #F. A. Brockhaus# in #Leipzig# erschien und ist in allen Buchhandlungen
zu erhalten:

  #Der Bauernfrst.# Zwei Bnde. 8. 4Thlr.

  #Die Knigin der Nacht.# Roman. 8. 1Thlr. 24Ngr.

Die beiden neuesten Romane _Levin Schcking's_, eines unserer beliebtesten
Romanschriftsteller, die seine frheren Romane: Ein Sohn des Volkes
(1849), Die Ritterbrtigen (1846), Eine dunkle That (1846), Ein Schlo
am Meer (1843) an Originalitt und drastischem Schwung noch bertreffen.


Erschienen ist bei #F. A. Brockhaus# in #Leipzig# und durch alle
Buchhandlungen zu beziehen:

  #Italienischer Novellenschatz.# Ausgewhlt und bersetzt von
  #A.Keller#. Sechs Teile. 12. Jeder Theil 1Thlr. 10Ngr.

Den Inhalt dieses Werks bilden 150 italienische Novellen, von dem
rhmlichst bekannten Professor #A. Keller# in Tbingen bersetzt, als
eine chronologische Reihe von charakteristischen Proben der italienischen
Erzhlungskunst, eine Geschichte der italienischen Novellistik in
Beispielen. Diese Blten der italienischen Literatur, der anerkannten
Meisterin auf dem Gebiet der Novelle, liefern die mannichfachsten Beitrge
zur Cultur- und Sittengeschichte Italiens und werden dem deutschen
Publicum die anziehendste Unterhaltung gewhren. Des grten italienischen
Erzhlers, Boccaccio's, Novellen hat der Uebersetzer von seinem
Plane ausgeschlossen, weil dieselben bereits in der ausgezeichneten
Uebersetzung Witte's, erschienen seien, welche den Titel fhrt:

  #Boccaccio# (Giovanni), #Das Dekameron#. Aus dem Italienischen
  bersetzt von #K. Witte#. _Zweite_ verbesserte Auflage. Drei Theile.
  12. 1843. 2Thlr. 15Ngr.


Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.




Bei #Richard Mhlmann# in Halle ist erschienen und in allen soliden
Buchhandlungen zu haben:

  #Die Kammerjungfer#, eine Stadtgeschichte, von _Maria Nathusius_,
  Verfasserin der Dorfgeschichten: Martha die Stiefmutter, Lorenz der
  Freigemeindler, Vater Sohn und Enkel etc. 9Bogen. 9~Sgr.~

Dieses Buch erzhlt die Geschichte eines jener unglcklichen Mdchen, wie
sie zu tausenden in groen und kleinen Stdten, ohne husliche Zucht und
Wurzel in dem gttlichen Worte, von schwankenden Eltern er- und verzogen,
aufwachsen, von Ansprchen einer weniger als halben Bildung gestachelt, und
von Romanlectre und leichter Gesellschaft getragen, in allerlei schne
und hohe Gedanken hinauswuchern, hinter deren Gefhl sich doch die
bloe Sinnlichkeit und hinter deren Phantasien sich die gewhnlichsten
Spekulationen verbergen, da wenn dann die gar losen Blumenbltter im
ersten Windstoe abfallen, die innere Armuth und Hlflosigkeit in ihrer
Ble dasteht. Die Heldin dieser Erzhlung bleibt vor dem tiefsten Sumpfe
der Snde, in welchem schlielich unzhlige ihres gleichen fr ein ganzes
Leben versinken, schon durch die Keuschheit der Feder einer weiblichen
Verfasserin bewahrt. Sie gelangt mitten in ihren edlen Gefhlen nur bis zum
gewhnlichen Hausdiebstahl, und auch der wird ihr verziehen. Sie empfngt
aber ihren Lohn dadurch, da sie ihr Glck macht durch eine gar nicht
ble Partie, von deren Jammer sie endlich das Durchgehen ihres Mannes
befreit. Durch das alles hat die Gnade Gottes ihr leichtfertiges und
widerstrebendes Herz aber immer strker und strker an sich gezogen, bis
sie zu einer rechtschaffenen Bue und Umkehr gelangt. Als Gegenbild steht
daneben die einfache, heitere und anmuthige Gestalt ihrer Jugendfreundin,
eines ehrbaren, schlecht und recht in der Furcht Gottes aufgewachsenen
Brgermdchens. Durch die psychologische Wahrheit, und die gefllige
Weise, womit die Begebenheiten von dem vielfach anerkannten Talente der
Verfasserin dargestellt sind, vermag die Erzhlung auch das Interesse von
Leserkreisen aller Stnde zu fesseln. Vorzglich aber wre es zu wnschen,
da Freunde der inneren Mission Mittel und Wege aufsuchten, um sie recht
zahlreich in jenen Kreisen, aus deren Leben sie redet und auf welche sie
als eine Warnungs- und Weckstimme insonderheit zu wirken bestimmt ist, zu
verbreiten.--




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Symbole fr abweichende Schriftarten:

_gesperrt_ : =Antiqua= : ~kursiv~ : #fett#.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich
uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "erwidert" -- "erwiedert",
"heitzte" -- "geheizt", "Spatziergang" -- "Spaziergang",

mit folgenden Ausnahmen,

  Seite 9:
  "deinen" gendert in "Deinen"
  (Schme Dich was mit Deinen Grobheiten)

  Seite 17:
  "bemerke" gendert in "bemerkte"
  (kurze Zeit darauf bemerkte Auguste, da Fritz fortgegangen)

  Seite 24:
  "Ihr" gendert in "ihr"
  (den lieben Sommer ber fast ihr alleiniger Wohnsitz)

  Seite 34:
  "Louisdo'r" gendert in "Louisd'or"
  (vom Louisd'or kaum etwas fr ihre Mutter brig blieb)

  Seite 39:
  "." eingefgt
  (Er begann mit dem 90.Psalm)

  Seite 49:
  "ihn" gendert in "ihr"
  (ihr auf diese Weise die Zeit vertreiben)

  Seite 68:
  "ihren" gendert in "Ihren"
  (der Wahrheit gem Ihren Frevel gestehen)

  Seite 85:
  "gedehmthigt" gendert in "gedemthigt"
  (ihr Stolz war gedemthigt, sie war innerlich erbot)

  Seite 98:
  In Zeile 6 "," gendert in "."
  (Halleluja, Halleluja.)

  Seite 119:
  "hinzugegehen" gendert in "hinzugehen"
  (geradezu hinzugehen war ihr unmglich)

  Seite 131:
  "," eingefgt
  (Klrchen schied von ihr, das Herz voller Trost) ]







End of the Project Gutenberg EBook of Die Kammerjungfer, by Marie Nathusius

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KAMMERJUNGFER ***

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