The Project Gutenberg EBook of Miss Sara Sampson, by Gotthold Ephraim Lessing
#6 in our series by Gotthold Ephraim Lessing

Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
copyright laws for your country before downloading or redistributing
this or any other Project Gutenberg eBook.

This header should be the first thing seen when viewing this Project
Gutenberg file.  Please do not remove it.  Do not change or edit the
header without written permission.

Please read the "legal small print," and other information about the
eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file.  Included is
important information about your specific rights and restrictions in
how the file may be used.  You can also find out about how to make a
donation to Project Gutenberg, and how to get involved.


**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**

**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**

*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****


Title: Miss Sara Sampson

Author: Gotthold Ephraim Lessing

Release Date: October, 2005 [EBook #9157]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on September 9, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MISS SARA SAMPSON ***




Produced by Delphine Letttau. The book content was graciously
contributed by the Gutenberg Projekt-DE




This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.

Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
zur Verfgung gestellt.  Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.




Mi Sara Sampson

Gotthold Ephraim Lessing

Ein Trauerspiel in fnf Aufzgen



Personen:

Sir William Sampson
Mi Sara, dessen Tochter
Mellefont
Marwood, Mellefonts alte Geliebte
Arabella, ein junges Kind, der Marwood Tochter
Waitwell, ein alter Diener des Sampson
Norton, Bedienter des Mellefont
Betty, Mdchen der Sara
Hannah, Mdchen der Marwood
Der Gastwirt und einige Nebenpersonen





Erster Aufzug



Erster Auftritt

Der Schauplatz ist ein Saal im Gasthofe.


Sir William Sampson und Waitwell treten in Reisekleidern herein.

Sir William.  Hier meine Tochter?  Hier in diesem elenden Wirtshause?

Waitwell.  Ohne Zweifel hat Mellefont mit Flei das allerelendeste im
ganzen Stdtchen zu seinem Aufenthalte gewhlt.  Bse Leute suchen
immer das Dunkle, weil sie bse Leute sind.  Aber was hilft es ihnen,
wenn sie sich auch vor der ganzen Welt verbergen knnten?  Das
Gewissen ist doch mehr als eine ganze uns verklagende Welt.--Ach, Sie
weinen schon wieder, schon wieder, Sir!--Sir!

Sir William.  La mich weinen, alter ehrlicher Diener.  Oder verdient
sie etwa meine Trnen nicht?

Waitwell.  Ach!  sie verdient sie, und wenn es blutige Trnen wren.

Sir William.  Nun so la mich.

Waitwell.  Das beste, schnste, unschuldigste Kind, das unter der
Sonne gelebt hat, das mu so verfhrt werden!  Ach Sarchen!  Sarchen!
Ich habe dich aufwachsen sehen; hundertmal habe ich dich als ein Kind
auf diesen Armen gehabt; auf diesen meinen Armen habe ich dein Lcheln,
dein Lallen bewundert.  Aus jeder kindischen Miene strahlte die
Morgenrte eines Verstandes, einer Leutseligkeit, einer--

Sir William.  O schweig!  Zerfleischt nicht das Gegenwrtige mein Herz
schon genug?  Willst du meine Martern durch die Erinnerung an
vergangne Glckseligkeiten noch hllischer machen?  ndre deine
Sprache, wenn du mir einen Dienst tun willst.  Tadle mich; mache mir
aus meiner Zrtlichkeit ein Verbrechen; vergrre das Vergehen meiner
Tochter; erflle mich, wenn du kannst, mit Abscheu gegen sie;
entflamme aufs neue meine Rache gegen ihren verfluchten Verfhrer;
sage, da Sara nie tugendhaft gewesen, weil sie so leicht aufgehrt
hat, es zu sein; sage, da sie mich nie geliebt, weil sie mich
heimlich verlassen hat.

Waitwell.  Sagte ich das, so wrde ich eine Lge sagen, eine
unverschmte, bse Lge.  Sie knnte mir auf dem Todbette wieder
einfallen, und ich alter Bsewicht mte in Verzweiflung sterben.--
Nein, Sarchen hat ihren Vater geliebt, und gewi!  gewi!  sie liebt
ihn noch.  Wenn Sie nur davon berzeugt sein wollen, Sir, so sehe ich
sie heute noch wieder in Ihren Armen.

Sir William.  Ja, Waitwell, nur davon verlange ich berzeugt zu sein.
Ich kann sie lnger nicht entbehren; sie ist die Sttze meines Alters,
und wenn sie nicht den traurigen Rest meines Lebens versen hilft,
wer soll es denn tun?  Wenn sie mich noch liebt, so ist ihr Fehler
vergessen.  Es war der Fehler eines zrtlichen Mdchens, und ihre
Flucht war die Wirkung ihrer Reue.  Solche Vergehungen sind besser als
erzwungene Tugenden--Doch ich fhle es, Waitwell, ich fhle es; wenn
diese Vergehungen auch wahre Verbrechen, wenn es auch vorstzliche
Laster wren: ach!  ich wrde ihr doch vergeben.  Ich wrde doch
lieber von einer lasterhaften Tochter als von keiner geliebt sein
wollen.

Waitwell.  Trocknen Sie Ihre Trnen ab, lieber Sir!  Ich hre jemanden
kommen.  Es wird der Wirt sein, uns zu empfangen.



Zweiter Auftritt

Der Wirt.  Sir William Sampson.  Waitwell.


Der Wirt.  So frh, meine Herren, so frh?  Willkommen!  willkommen,
Waitwell!  Ihr seid ohne Zweifel die Nacht gefahren?  Ist das der Herr,
von dem du gestern mit mir gesprochen hast?

Waitwell.  Ja, er ist es, und ich hoffe, da du abgeredetermaen--

Der Wirt.  Gndiger Herr, ich bin ganz zu Ihren Diensten.  Was liegt
mir daran, ob ich es wei oder nicht, was Sie fr eine Ursache hierher
fhrt und warum Sie bei mir im Verborgnen sein wollen?  Ein Wirt nimmt
sein Geld und lt seine Gste machen, was ihnen gutdnkt.  Waitwell
hat mir zwar gesagt, da Sie den fremden Herrn, der sich seit einigen
Wochen mit seinem jungen Weibchen bei mir aufhlt, ein wenig
beobachten wollen.  Aber ich hoffe, da Sie ihm keinen Verdru
verursachen werden.  Sie wrden mein Haus in einen beln Ruf bringen,
und gewisse Leute wrden sich scheuen, bei mir abzutreten.  Unsereiner
mu von allen Sorten Menschen leben.--

Sir William.  Besorget nichts; fhrt mich nur in das Zimmer, das
Waitwell fr mich bestellt hat.  Ich komme aus rechtschaffnen
Absichten hierher.

Der Wirt.  Ich mag Ihre Geheimnisse nicht wissen, gndiger Herr!  Die
Neugierde ist mein Fehler gar nicht.  Ich htte es, zum Exempel,
lngst erfahren knnen, wer der fremde Herr ist, auf den Sie achtgeben
wollen; aber ich mag nicht.  So viel habe ich wohl herausgebracht, da
er mit dem Frauenzimmer mu durchgegangen sein.  Das gute Weibchen,
oder was sie ist!  sie bleibt den ganzen Tag in ihrer Stube
eingeschlossen und weint.

Sir William.  Und weint?

Der Wirt.  Ja, und weint--Aber, gndiger Herr, warum weinen Sie?  Das
Frauenzimmer mu Ihnen sehr nahegehen.  Sie sind doch wohl nicht--

Waitwell.  Halt ihn nicht lnger auf.

Der Wirt.  Kommen Sie.  Nur eine Wand wird Sie von dem Frauenzimmer
trennen, das Ihnen so nahegeht, und die vielleicht--

Waitwell.  Du willst es also mit aller Gewalt wissen, wer--

Der Wirt.  Nein, Waitwell, ich mag nichts wissen.

Waitwell.  Nun, so mache und bringe uns an den gehrigen Ort, ehe noch
das ganze Haus wach wird.

Der Wirt.  Wollen Sie mir also folgen, gndiger Herr?  (Geht ab.)



Dritter Auftritt

Der mittlere Vorhang wird aufgezogen.  Mellefonts Zimmer.


Mellefont und hernach sein Bedienter.

Mellefont (unangekleidet in einem Lehnstuhle).  Wieder eine Nacht, die
ich auf der Folter nicht grausamer htte zubringen knnen!--Norton!--
Ich mu nur machen, da ich Gesichter zu sehen bekomme.  Bliebe ich
mit meinen Gedanken lnger allein: sie mchten mich zu weit fhren.--
He, Norton!  Er schlft noch.  Aber bin ich nicht grausam, da ich den
armen Teufel nicht schlafen lasse?  Wie glcklich ist er!--Doch ich
will nicht, da ein Mensch um mich glcklich sei.--Norton!

Norton (kommend).  Mein Herr!

Mellefont.  Kleide mich an!--O mache mir keine sauern Gesichter!  Wenn
ich werde lnger schlafen knnen, so erlaube ich dir, da du auch
lnger schlafen darfst.  Wenn du von deiner Schuldigkeit nichts wissen
willst, so habe wenigstens Mitleiden mit mir.

Norton.  Mitleiden, mein Herr?  Mitleiden mit Ihnen?  Ich wei besser,
wo das Mitleiden hingehrt.

Mellefont.  Und wohin denn?

Norton.  Ach, lassen Sie sich ankleiden, und fragen Sie mich nichts.

Mellefont.  Henker!  So sollen auch deine Verweise mit meinem Gewissen
aufwachen?  Ich verstehe dich; ich wei es, wer dein Mitleiden
erschpft.--Doch, ich lasse ihr und mir Gerechtigkeit widerfahren.
Ganz recht; habe kein Mitleiden mit mir.  Verfluche mich in deinem
Herzen, aber--verfluche auch dich.

Norton.  Auch mich?

Mellefont.  Ja; weil du einem Elenden dienest, den die Erde nicht
tragen sollte, und weil du dich seiner Verbrechen mit teilhaft gemacht
hast.

Norton.  Ich mich Ihrer Verbrechen teilhaft gemacht?  Durch was?

Mellefont.  Dadurch, da du dazu geschwiegen.

Norton.  Vortrefflich!  In der Hitze Ihrer Leidenschaften wrde mir
ein Wort den Hals gekostet haben.--Und dazu, als ich Sie kennenlernte,
fand ich Sie nicht schon so arg, da alle Hoffnung zur Berung
vergebens war?  Was fr ein Leben habe ich Sie nicht von dem ersten
Augenblicke an fhren sehen!  In der nichtswrdigsten Gesellschaft von
Spielern und Landstreichern--ich nenne sie, was sie waren, und kehre
mich an ihre Titel, Ritter und dergleichen, nicht--in solcher
Gesellschaft brachten Sie ein Vermgen durch, das Ihnen den Weg zu den
grten Ehrenstellen htte bahnen knnen.  Und Ihr strafbarer Umgang
mit allen Arten von Weibsbildern, besonders der bsen Marwood--

Mellefont.  Setze mich, setze mich wieder in diese Lebensart: sie war
Tugend in Vergleich meiner itzigen.  Ich vertat mein Vermgen; gut.
Die Strafe kmmt nach, und ich werde alles, was der Mangel Hartes und
Erniedrigendes hat, zeitig genug empfinden.  Ich besuchte lasterhafte
Weibsbilder; la es sein.  Ich ward fter verfhrt, als ich verfhrte;
und die ich selbst verfhrte, wollten verfhrt sein.--Aber--ich hatte
noch keine verwahrlosete Tugend auf meiner Seele.  Ich hatte noch
keine Unschuld in ein unabsehliches Unglck gestrzt.  Ich hatte noch
keine Sara aus dem Hause eines geliebten Vaters entwendet und sie
gezwungen, einem Nichtswrdigen zu folgen, der auf keine Weise mehr
sein eigen war.  Ich hatte--Wer kmmt schon so frh zu mir?



Vierter Auftritt

Betty.  Mellefont.  Norton.


Norton.  Es ist Betty.

Mellefont.  Schon auf, Betty?  Was macht dein Frulein?

Betty.  Was macht sie?  (Schluchzend.)  Es war schon lange nach
Mitternacht, da ich sie endlich bewegte, zur Ruhe zu gehen.  Sie
schlief einige Augenblicke, aber Gott!  Gott!  was mu das fr ein
Schlaf gewesen sein!  Pltzlich fuhr sie in die Hhe, sprang auf und
fiel mir als eine Unglckliche in die Arme, die von einem Mrder
verfolgt wird.  Sie zitterte, und ein kalter Schwei flo ihr ber das
erblate Gesicht.  Ich wandte alles an, sie zu beruhigen, aber sie hat
mir bis an den Morgen nur mit stummen Trnen geantwortet.  Endlich hat
sie mich einmal ber das andre an Ihre Tre geschickt, zu hren, ob
Sie schon auf wren.  Sie will Sie sprechen.  Sie allein knnen sie
trsten.  Tun Sie es doch, liebster gndiger Herr, tun Sie es doch.
Das Herz mu mir springen, wenn sie sich so zu ngstigen fortfhrt.

Mellefont.  Geh, Betty, sage ihr, da ich den Augenblick bei ihr sein
wolle--

Betty.  Nein, sie will selbst zu Ihnen kommen.

Mellefont.  Nun so sage ihr, da ich sie erwarte--Ach!--

(Betty geht ab.)



Fnfter Auftritt

Mellefont.  Norton.


Norton.  Gott, die arme Mi!

Mellefont.  Wessen Gefhl willst du durch deine Ausrufung rege machen?
Sieh, da luft die erste Trne, die ich seit meiner Kindheit geweinet,
die Wange herunter!--Eine schlechte Vorbereitung, eine trostsuchende
Betrbte zu empfangen.  Warum sucht sie ihn auch bei mir?--Doch wo
soll sie ihn sonst suchen?--Ich mu mich fassen.  (Indem er sich die
Augen abtrocknet.)  Wo ist die alte Standhaftigkeit, mit der ich ein
schnes Auge konnte weinen sehen?  Wo ist die Gabe der Verstellung hin,
durch die ich sein und sagen konnte, was ich wollte?--Nun wird sie
kommen und wird unwiderstehliche Trnen weinen.  Verwirrt, beschmt
werde ich vor ihr stehen; als ein verurteilter Snder werde ich vor
ihr stehen.  Rate mir doch, was soll ich tun?  was soll ich sagen?

Norton.  Sie sollen tun, was sie verlangen wird.

Mellefont.  So werde ich eine neue Grausamkeit an ihr begehen.  Mit
Unrecht tadelt sie die Verzgerung einer Zeremonie, die itzt ohne
unser uerstes Verderben in dem Knigreiche nicht vollzogen werden
kann.

Norton.  So machen Sie denn, da Sie es verlassen.  Warum zaudern wir?
Warum vergeht ein Tag, warum vergeht eine Woche nach der andern?
Tragen Sie mir es doch auf.  Sie sollen morgen sicher eingeschifft
sein.  Vielleicht, da ihr der Kummer nicht ganz ber das Meer folgt;
da sie einen Teil desselben zurcklt, und in einem andern Lande--

Mellefont.  Alles das hoffe ich selbst--Still, sie kmmt.  Wie schlgt
mir das Herz--



Sechster Auftritt

Sara.  Mellefont.  Norton.


Mellefont (indem er ihr entgegengeht).  Sie haben eine unruhige Nacht
gehabt, liebste Mi--

Sara.  Ach, Mellefont, wenn es nichts als eine unruhige Nacht wre--

Mellefont (zum Bedienten).  Verla uns!

Norton (im Abgehen).  Ich wollte auch nicht dableiben, und wenn mir
gleich jeder Augenblick mit Golde bezahlt wrde.



Siebenter Auftritt

Sara.  Mellefont.


Mellefont.  Sie sind schwach, liebste Mi.  Sie mssen sich setzen.

Sara (sie setzt sich).  Ich beunruhige Sie sehr frh; und werden Sie
mir es vergeben, da ich meine Klagen wieder mit dem Morgen anfange?

Mellefont.  Teuerste Mi, Sie wollen sagen, da Sie mir es nicht
vergeben knnen, weil schon wieder ein Morgen erschienen ist, ohne da
ich Ihren Klagen ein Ende gemacht habe.

Sara.  Was sollte ich Ihnen nicht vergeben?  Sie wissen, was ich Ihnen
bereits vergeben habe.  Aber die neunte Woche, Mellefont, die neunte
Woche fngt heute an, und dieses elende Haus sieht mich noch immer auf
eben dem Fue als den ersten Tag.

Mellefont.  So zweifeln Sie an meiner Liebe?

Sara.  Ich, an Ihrer Liebe zweifeln?  Nein, ich fhle mein Unglck zu
sehr, zu sehr, als da ich mir selbst diese letzte, einzige Versung
desselben rauben sollte.

Mellefont.  Wie kann also meine Mi ber die Verschiebung einer
Zeremonie unruhig sein?

Sara.  Ach, Mellefont, warum mu ich einen andern Begriff von dieser
Zeremonie haben?--Geben Sie doch immer der weiblichen Denkungsart
etwas nach.  Ich stelle mir vor, da eine nhere Einwilligung des
Himmels darin liegt.  Umsonst habe ich es nur wieder erst den
gestrigen langen Abend versucht, Ihre Begriffe anzunehmen und die
Zweifel aus meiner Brust zu verbannen, die Sie, itzt nicht das
erstemal, fr Frchte meines Mitrauens angesehen haben.  Ich stritt
mit mir selbst; ich war sinnreich genug, meinen Verstand zu betuben;
aber mein Herz und ein inneres Gefhl warfen auf einmal das mhsame
Gebude von Schlssen bern Haufen.  Mitten aus dem Schlafe weckten
mich strafende Stimmen, mit welchen sich meine Phantasie, mich zu
qulen, verband.  Was fr Bilder, was fr schreckliche Bilder
schwrmten um mich herum!  Ich wollte sie gern fr Trume halten--

Mellefont.  Wie?  Meine vernnftige Sara sollte sie fr etwas mehr
halten?  Trume, liebste Mi, Trume!--Wie unglcklich ist der Mensch!
Fand sein Schpfer in dem Reiche der Wirklichkeit nicht Qualen fr
ihn genug?  Mute er, sie zu vermehren, auch ein noch weiteres Reich
von Einbildungen in ihm schaffen?

Sara.  Klagen Sie den Himmel nicht an!  Er hat die Einbildungen in
unserer Gewalt gelassen.  Sie richten sich nach unsern Taten, und wenn
diese unsern Pflichten und der Tugend gem sind, so dienen die sie
begleitenden Einbildungen zur Vermehrung unserer Ruhe und unseres
Vergngens.  Eine einzige Handlung, Mellefont, ein einziger Segen, der
von einem Friedensboten im Namen der ewigen Gte auf uns gelegt wird,
kann meine zerrttete Phantasie wieder heilen.  Stehen Sie noch an,
mir zuliebe dasjenige einige Tage eher zu tun, was Sie doch einmal tun
werden?  Erbarmen Sie sich meiner, und berlegen Sie, da, wenn Sie
mich auch dadurch nur von Qualen der Einbildung befreien, diese
eingebildete Qualen doch Qualen und fr die, die sie empfindet,
wirkliche Qualen sind.--Ach, knnte ich Ihnen nur halb so lebhaft die
Schrecken meiner vorigen Nacht erzhlen, als ich sie gefhlt habe!--
Von Weinen und Klagen, meinen einzigen Beschftigungen, ermdet, sank
ich mit halb geschlossenen Augenlidern auf das Bett zurck.  Die Natur
wollte sich einen Augenblick erholen, neue Trnen zu sammeln.  Aber
noch schlief ich nicht ganz, als ich mich auf einmal an dem
schroffsten Teile des schrecklichsten Felsen sahe.  Sie gingen vor mir
her, und ich folgte Ihnen mit schwankenden ngstlichen Schritten, die
dann und wann ein Blick strkte, welchen Sie auf mich zurckwarfen.
Schnell hrte ich hinter mir ein freundliches Rufen, welches mir
stillzustehen befahl.  Es war der Ton meines Vaters--Ich Elende!  kann
ich denn nichts von ihm vergessen?  Ach!  wo ihm sein Gedchtnis
ebenso grausame Dienste leistet; wo er auch mich nicht vergessen kann!--
Doch er hat mich vergessen.  Trost!  grausamer Trost fr seine Sara!--
Hren Sie nur, Mellefont; indem ich mich nach dieser bekannten Stimme
umsehen wollte, gleitete mein Fu; ich wankte und sollte eben in den
Abgrund herabstrzen, als ich mich, noch zur rechten Zeit, von einer
mir hnlichen Person zurckgehalten fhlte.  Schon wollte ich ihr den
feurigsten Dank abstatten, als sie einen Dolch aus dem Busen zog.  Ich
rettete dich, schrie sie, um dich zu verderben!  Sie holte mit der
bewaffneten Hand aus--und ach!  ich erwachte mit dem Stiche.  Wachend
fhlte ich noch alles, was ein tdlicher Stich Schmerzhaftes haben
kann; ohne das zu empfinden, was er Angenehmes haben mu: das Ende der
Pein in dem Ende des Lebens hoffen zu drfen.

Mellefont.  Ach!  liebste Sara, ich verspreche Ihnen das Ende Ihrer
Pein ohne das Ende Ihres Lebens, welches gewi auch das Ende des
meinigen sein wrde.  Vergessen Sie das schreckliche Gewebe eines
sinnlosen Traumes.

Sara.  Die Kraft, es vergessen zu knnen, erwarte ich von Ihnen.  Es
sei Liebe oder Verfhrung, es sei Glck oder Unglck, das mich Ihnen
in die Arme geworfen hat, ich bin in meinem Herzen die Ihrige und
werde es ewig sein.  Aber noch bin ich es nicht vor den Augen jenes
Richters, der die geringsten bertretungen seiner Ordnung zu strafen
gedrohet hat--

Mellefont.  So falle denn alle Strafe auf mich allein!

Sara.  Was kann auf Sie fallen, das mich nicht treffen sollte?--Legen
Sie aber mein dringendes Anhalten nicht falsch aus.  Ein andres
Frauenzimmer, das durch einen gleichen Fehltritt sich ihrer Ehre
verlustig gemacht htte, wrde vielleicht durch ein gesetzmiges Band
nichts als einen Teil derselben wiederzuerlangen suchen.  Ich,
Mellefont, denke darauf nicht, weil ich in der Welt weiter von keiner
Ehre wissen will als von der Ehre, Sie zu lieben.  ich will mit Ihnen
nicht um der Welt willen, ich will mit Ihnen um meiner selbst willen
verbunden sein.  Und wenn ich es bin, so will ich gern die Schmach auf
mich nehmen, als ob ich es nicht wre.  Sie sollen mich, wenn Sie
nicht wollen, fr Ihre Gattin nicht erklren drfen; Sie sollen mich
erklren knnen, fr was Sie wollen.  Ich will Ihren Namen nicht
fhren; Sie sollen unsere Verbindung so geheimhalten, als Sie es fr
gut befinden; und ich will derselben ewig unwert sein, wenn ich mir in
den Sinn kommen lasse, einen andern Vorteil als die Beruhigung meines
Gewissens daraus zu ziehen.

Mellefont.  Halten Sie ein, Mi, oder ich mu vor Ihren Augen des
Todes sein.  Wie elend bin ich, da ich nicht das Herz habe, Sie noch
elender zu machen!--Bedenken Sie, da Sie sich meiner Fhrung
berlassen haben; bedenken Sie, da ich schuldig bin, fr uns weiter
hinauszusehen, und da ich itzt gegen Ihre Klagen taub sein mu, wenn
ich Sie nicht, in der ganzen Folge Ihres Lebens, noch schmerzhaftere
Klagen will fhren hren.  Haben Sie es denn vergessen, was ich Ihnen
zu meiner Rechtfertigung schon oft vorgestellt?

Sara.  Ich habe es nicht vergessen, Mellefont.  Sie wollen vorher ein
gewisses Vermchtnis retten.--Sie wollen vorher zeitliche Gter retten
und mich vielleicht ewige darber verscherzen lassen.

Mellefont.  Ach Sara, wenn Ihnen alle zeitliche Gter so gewi wren,
als Ihrer Tugend die ewigen sind--

Sara.  Meiner Tugend?  Nennen Sie mir dieses Wort nicht!--Sonst klang
es mir se, aber itzt schallt mir ein schrecklicher Donner darin!

Mellefont.  Wie?  mu der, welcher tugendhaft sein soll, keinen Fehler
begangen haben?  Hat ein einziger so unselige Wirkungen, da er eine
ganze Reihe unstrflicher Jahre vernichten kann?  So ist kein Mensch
tugendhaft; so ist die Tugend ein Gespenst, das in der Luft zerflieet,
wenn man es am festesten umarmt zu haben glaubt; so hat kein weises
Wesen unsere Pflichten nach unsern Krften abgemessen; so ist die Lust,
uns strafen zu knnen, der erste Zweck unsers Daseins; so ist--ich
erschrecke vor allen den grlichen Folgerungen, in welche Sie Ihre
Kleinmut verwickeln mu!  Nein, Mi, Sie sind noch die tugendhafte
Sara, die Sie vor meiner unglcklichen Bekanntschaft waren.  Wenn Sie
sich selbst mit so grausamen Augen ansehen, mit was fr Augen mssen
Sie mich betrachten!

Sara.  Mit den Augen der Liebe, Mellefont.

Mellefont.  So bitte ich Sie denn um dieser Liebe, um dieser
gromtigen, alle meine Unwrdigkeit bersehenden Liebe willen, zu
Ihren Fen bitte ich Sie: beruhigen Sie sich.  Haben Sie nur noch
einige Tage Geduld.

Sara.  Einige Tage!  Wie ist ein Tag schon so lang!

Mellefont.  Verwnschtes Vermchtnis!  Verdammter Unsinn eines
sterbenden Vetters, der mir sein Vermgen nur mit der Bedingung lassen
wollte, einer Anverwandtin die Hand zu geben, die mich ebensosehr hat
als ich sie!  Euch, unmenschliche Tyrannen unserer freien Neigungen,
Euch werde alle das Unglck, alle die Snde zugerechnet, zu welchen
uns Euer Zwang bringet!--Und wenn ich ihrer nur entbriget sein knnte,
dieser schimpflichen Erbschaft!  Solange mein vterliches Vermgen zu
meiner Unterhaltung hinreichte, habe ich sie allezeit verschmhet und
sie nicht einmal gewrdiget, mich darber zu erklren.  Aber itzt,
itzt, da ich alle Schtze der Welt nur darum besitzen mchte, um sie
zu den Fen meiner Sara legen zu knnen, itzt, da ich wenigstens
darauf denken mu, sie ihrem Stande gem in der Welt erscheinen zu
lassen, itzt mu ich meine Zuflucht dahin nehmen.

Sara.  Mit der es Ihnen zuletzt doch wohl noch fehlschlgt.

Mellefont.  Sie vermuten immer das Schlimmste.--Nein; das Frauenzimmer,
die es mit betrifft, ist nicht ungeneigt, eine Art von Vergleich
einzugehen.  Das Vermgen soll geteilt werden; und da sie es nicht
ganz mit mir genieen kann, so ist sie es zufrieden, da ich mit der
Hlfte meine Freiheit von ihr erkaufen darf.  Ich erwarte alle Stunden
die letzten Nachrichten in dieser Sache, deren Verzgerung allein
unsern hiesigen Aufenthalt so langwierig gemacht hat.  Sobald ich sie
bekommen habe, wollen wir keinen Augenblick lnger hier verweilen.
Wir wollen sogleich, liebste Mi, nach Frankreich bergehen, wo Sie
neue Freunde finden sollen, die sich itzt schon auf das Vergngen, Sie
zu sehen und Sie zu lieben, freuen.  Und diese neuen Freunde sollen
die Zeugen unserer Verbindung sein--

Sara.  Diese sollen die Zeugen unserer Verbindung sein?--Grausamer!
so soll diese Verbindung nicht in meinem Vaterlande geschehen?  So
soll ich mein Vaterland als eine Verbrecherin verlassen?  Und als eine
solche, glauben Sie, wrde ich Mut genug haben, mich der See zu
vertrauen?  Dessen Herz mu ruhiger oder mu ruchloser sein als meines,
welcher nur einen Augenblick zwischen sich und dem Verderben mit
Gleichgltigkeit nichts als ein schwankendes Brett sehen kann.  In
jeder Welle, die an unser Schiff schlge, wrde mir der Tod
entgegenrauschen; jeder Wind wrde mir von den vterlichen Ksten
Verwnschungen nachbrausen, und der kleinste Sturm wrde mich ein
Blutgericht ber mein Haupt zu sein dnken.--Nein, Mellefont, so ein
Barbar knnen Sie gegen mich nicht sein.  Wenn ich noch das Ende Ihres
Vergleichs erlebe, so mu es Ihnen auf einen Tag nicht ankommen, den
wir hier lnger zubringen.  Es mu dieses der Tag sein, an dem Sie
mich die Martern aller hier verweinten Tage vergessen lehren.  Es mu
dieses der heilige Tag sein--Ach!  welcher wird es denn endlich sein?

Mellefont.  Aber berlegen Sie denn nicht, Mi, da unserer Verbindung
hier diejenige Feier fehlen wrde, die wir ihr zu geben schuldig sind?


Sara.  Eine heilige Handlung wird durch das Feierliche nicht krftiger.


Mellefont.  Allein--

Sara.  Ich erstaune.  Sie wollen doch wohl nicht auf einem so
nichtigen Vorwande bestehen?  O Mellefont, Mellefont!  wenn ich mir es
nicht zum unverbrchlichsten Gesetze gemacht htte, niemals an der
Aufrichtigkeit Ihrer Liebe zu zweifeln, so wrde mir dieser Umstand--
Doch schon zuviel; es mchte scheinen, als htte ich eben itzt daran
gezweifelt.

Mellefont.  Der erste Augenblick Ihres Zweifels msse der letzte
meines Lebens sein!  Ach, Sara, womit habe ich es verdient, da Sie
mir auch nur die Mglichkeit desselben voraussehen lassen?  Es ist
wahr, die Gestndnisse, die ich Ihnen von meinen ehemaligen
Ausschweifungen abzulegen kein Bedenken getragen habe, knnen mir
keine Ehre machen: aber Vertrauen sollten sie mir doch erwecken.  Eine
buhlerische Marwood fhrte mich in ihren Stricken, weil ich das fr
sie empfand, was so oft fr Liebe gehalten wird und es doch so selten
ist.  Ich wrde noch ihre schimpflichen Fesseln tragen, htte sich
nicht der Himmel meiner erbarmt, der vielleicht mein Herz nicht fr
ganz unwrdig erkannte, von bessern Flammen zu brennen.  Sie, liebste
Sara, sehen und alle Marwoods vergessen, war eins.  Aber wie teuer kam
es Ihnen zu stehen, mich aus solchen Hnden zu erhalten!  Ich war mit
dem Laster zu vertraut geworden, und Sie kannten es zu wenig--

Sara.  Lassen Sie uns nicht mehr daran gedenken--



Achter Auftritt

Norton.  Mellefont.  Sara.


Mellefont.  Was willst du?

Norton.  Ich stand eben vor dem Hause, als mir ein Bedienter diesen
Brief in die Hand gab.  Die Aufschrift ist an Sie, mein Herr.

Mellefont.  An mich?  Wer wei hier meinen Namen?  (Indem er den Brief
betrachtet.)  Himmel!

Sara.  Sie erschrecken?

Mellefont.  Aber ohne Ursache, Mi, wie ich nun wohl sehe.  Ich irrte
mich in der Hand.

Sara.  Mchte doch der Inhalt Ihnen so angenehm sein, als Sie es
wnschen knnen.

Mellefont.  Ich vermute, da er sehr gleichgltig sein wird.

Sara.  Man braucht sich weniger Zwang anzutun, wenn man allein ist.
Erlauben Sie, da ich mich wieder in mein Zimmer begebe.

Mellefont.  Sie machen sich also wohl Gedanken?

Sara.  Ich mache mir keine, Mellefont.

Mellefont (indem er sie bis an die Szene begleitet).  Ich werde den
Augenblick bei Ihnen sein, liebste Mi.



Neunter Auftritt

Mellefont.  Norton.


Mellefont (der den Brief noch ansieht).  Gerechter Gott!

Norton.  Weh Ihnen, wenn er nichts als gerecht ist!

Mellefont.  Kann es mglich sein?  Ich sehe diese verruchte Hand
wieder und erstarre nicht vor Schrecken?  Ist sie's?  Ist sie es
nicht?  Was zweifle ich noch?  Sie ist's!  Ah, Freund, ein Brief von
der Marwood!  Welche Furie, welcher Satan hat ihr meinen Aufenthalt
verraten?  Was will sie noch von mir?--Geh, mache sogleich Anstalt,
da wir von hier wegkommen.--Doch verzieh!  Vielleicht ist es nicht
ntig; vielleicht haben meine verchtlichen Abschiedsbriefe die
Marwood nur aufgebracht, mir mit gleicher Verachtung zu begegnen.
Hier!  erbrich den Brief; lies ihn.  Ich zittere, es selbst zu tun.

Norton (er liest).  "Es wird so gut sein, als ob ich Ihnen den
lngsten Brief geschrieben htte, Mellefont, wenn Sie den Namen, den
Sie am Ende der Seite finden werden, nur einer kleinen Betrachtung
wrdigen wollen--"

Mellefont.  Verflucht sei ihr Name!  Da ich ihn nie gehrt htte!
Da er aus dem Buche der Lebendigen vertilgt wrde!

Norton (liest weiter).  "Die Mhe, Sie auszuforschen, hat mir die
Liebe, welche mir forschen half, verst."

Mellefont.  Die Liebe?  Frevlerin!  Du entheiligest Namen, die nur der
Tugend geweiht sind!

Norton (fhrt fort).  "Sie hat noch mehr getan--"

Mellefont.  Ich bebe--

Norton.  "Sie hat mich Ihnen nachgebracht--"

Mellefont.  Verrter, was liest du?  (Er reit ihm den Brief aus der
Hand und liest selbst.)  "Sie hat mich Ihnen--nachgebracht.--Ich bin
hier; und es stehet bei Ihnen--ob Sie meinen Besuch erwarten--oder mir
mit dem Ihrigen--zuvorkommen wollen.  Marwood."--Was fr ein
Donnerschlag!  Sie ist hier?--Wo ist sie?  Diese Frechheit soll sie
mit dem Leben ben.

Norton.  Mit dem Leben?  Es wird ihr einen Blick kosten, und Sie
liegen wieder zu ihren Fen.  Bedenken Sie, was Sie tun!  Sie mssen
sie nicht sprechen, oder das Unglck Ihrer armen Mi ist vollkommen.

Mellefont.  Ich Unglcklicher!--Nein, ich mu sie sprechen.  Sie wrde
mich bis in dem Zimmer der Sara suchen und alle ihre Wut gegen diese
Unschuldige auslassen.

Norton.  Aber, mein Herr--

Mellefont.  Sage nichts!--La sehen, (indem er in den Brief sieht) ob
sie ihre Wohnung angezeigt hat.  Hier ist sie.  Komm, fhre mich.

(Sie gehen ab.)

(Ende des ersten Aufzugs.)





Zweiter Aufzug



Erster Auftritt

Der Schauplatz stellt das Zimmer der Marwood vor, in einem andern
Gasthofe.


Marwood im Neglig.  Hannah.

Marwood.  Belford hat den Brief doch richtig eingehndiget, Hannah?

Hannah.  Richtig.

Marwood.  Ihm selbst?

Hannah.  Seinem Bedienten.

Marwood.  Kaum kann ich es erwarten, was er fr Wirkung haben wird.--
Scheine ich dir nicht ein wenig unruhig, Hannah?  Ich hin es auch.--
Der Verrter!  Doch gemach!  Zornig mu ich durchaus nicht werden.
Nachsicht, Liebe, Bitten sind die einzigen Waffen, die ich wider ihn
brauchen darf, wo ich anders seine schwache Seite recht kenne.

Hannah.  Wenn er sich aber dagegen verhrten sollte?--

Marwood.  Wenn er sich dagegen verhrten sollte?  So werde ich nicht
zrnen--ich werde rasen.  Ich fhle es, Hannah; und wollte es lieber
schon itzt.

Hannah.  Fassen Sie sich ja.  Er kann vielleicht den Augenblick kommen.


Marwood.  Wo er nur gar kmmt!  Wo er sich nur nicht entschlossen hat,
mich festes Fues bei sich zu erwarten!--Aber weit du, Hannah, worauf
ich noch meine meiste Hoffnung grnde, den Ungetreuen von dem neuen
Gegenstande seiner Liebe abzuziehen?  Auf unsere Bella.

Hannah.  Es ist wahr; sie ist sein kleiner Abgott; und der Einfall,
sie mitzunehmen, htte nicht glcklicher sein knnen.

Marwood.  Wenn sein Herz auch gegen die Sprache einer alten Liebe taub
ist, so wird ihm doch die Sprache des Bluts vernehmlich sein.  Er ri
das Kind vor einiger Zeit aus meinen Armen, unter dem Vorwande, ihm
eine Art von Erziehung geben zu lassen, die es bei mir nicht haben
knne.  Ich habe es von der Dame, die es unter ihrer Aufsicht hatte,
itzt nicht anders als durch List wiederbekommen knnen; er hatte auf
mehr als ein Jahr vorausbezahlt und noch den Tag vor seiner Flucht
ausdrcklich befohlen, eine gewisse Marwood, die vielleicht kommen und
sich fr die Mutter des Kindes ausgeben wrde, durchaus nicht
vorzulassen.  Aus diesem Befehle erkenne ich den Unterschied, den er
zwischen uns beiden macht.  Arabellen sieht er als einen kostbaren
Teil seiner selbst an und mich als eine Elende, die ihn mit allen
ihren Reizen, bis zum berdrusse, gesttiget hat.

Hannah.  Welcher Undank!

Marwood.  Ach Hannah, nichts zieht den Undank so unausbleiblich nach
sich als Geflligkeiten, fr die kein Dank zu gro wre.  Warum habe
ich sie ihm erzeigt, diese unseligen Geflligkeiten?  Htte ich es
nicht voraussehen sollen, da sie ihren Wert nicht immer bei ihm
behalten knnten?  Da ihr Wert auf der Schwierigkeit des Genusses
beruhe und da er mit derjenigen Anmut verschwinden msse, welche die
Hand der Zeit unmerklich, aber gewi, aus unsern Gesichtern verlscht?


Hannah.  O, Madam, von dieser gefhrlichen Hand haben Sie noch lange
nichts zu befrchten.  Ich finde, da Ihre Schnheit den Punkt ihrer
prchtigsten Blte so wenig berschritten hat, da sie vielmehr erst
darauf losgeht und Ihnen alle Tage neue Herzen fesseln wrde, wenn Sie
ihr nur Vollmacht dazu geben wollten.

Marwood.  Schweig, Hannah!  Du schmeichelst mir bei einer Gelegenheit,
die mir alle Schmeichelei verdchtig macht.  Es ist Unsinn, von neuen
Eroberungen zu sprechen, wenn man nicht einmal Krfte genug hat, sich
im Besitze der schon gemachten zu erhalten.



Zweiter Auftritt

Ein Bedienter.  Marwood.  Hannah.


Der Bediente.  Madam, man will die Ehre haben, mit Ihnen zu sprechen.

Marwood.  Wer?

Der Bediente.  Ich vermute, da es ebender Herr ist, an welchen der
vorige Brief berschrieben war.  Wenigstens ist der Bediente bei ihm,
der mir ihn abgenommen hat.

Marwood.  Mellefont!--Geschwind, fhre ihn herauf!  (Der Bediente geht
ab.)  Ach, Hannah, nun ist er da!  Wie soll ich ihn empfangen?  Was
soll ich sagen?  Welche Miene soll ich annehmen?  Ist diese ruhig
genug?  Sieh doch!

Hannah.  Nichts weniger als ruhig.

Marwood.  Aber diese?

Hannah.  Geben Sie ihr noch mehr Anmut.

Marwood.  Etwa so?

Hannah.  Zu traurig!

Marwood.  Sollte mir dieses Lcheln lassen?

Hannah.  Vollkommen!  Aber nur freier--Er kmmt.



Dritter Auftritt

Mellefont.  Marwood.  Hannah.


Mellefont (der mit einer wilden Stellung hereintritt).  Ha!  Marwood--

Marwood (die ihm mit offnen Armen lchelnd entgegenrennt).  Ach
Mellefont--

Mellefont (beiseite).  Die Mrderin, was fr ein Blick!

Marwood.  Ich mu Sie umarmen, treuloser, lieber Flchtling!--Teilen
Sie doch meine Freude!--Warum entreien Sie sich meinen Liebkosungen?

Mellefont.  Marwood, ich vermutete, da Sie mich anders empfangen
wrden.

Marwood.  Warum anders?  Mit mehr Liebe vielleicht?  mit mehr
Entzcken?  Ach, ich Unglckliche, da ich weniger ausdrcken kann,
als ich fhle!--Sehen Sie, Mellefont, sehen Sie, da auch die Freude
ihre Trnen hat?  Hier rollen sie, diese Kinder der sesten Wollust!--
Aber ach, verlorne Trnen!  seine Hand trocknet euch nicht ab.

Mellefont.  Marwood, die Zeit ist vorbei, da mich solche Reden
bezaubert htten.  Sie mssen itzt in einem andern Tone mit mir
sprechen.  Ich komme her, Ihre letzten Vorwrfe anzuhren und darauf
zu antworten.

Marwood.  Vorwrfe?  Was htte ich Ihnen fr Vorwrfe zu machen,
Mellefont?  Keine.

Mellefont.  So htten Sie, sollt' ich meinen, Ihren Weg ersparen
knnen.

Marwood.  Liebste wunderliche Seele, warum wollen Sie mich nun mit
Gewalt zwingen, einer Kleinigkeit zu gedenken, die ich Ihnen in
ebendem Augenblicke vergab, in welchem ich sie erfuhr?  Eine kurze
Untreue, die mir Ihre Galanterie, aber nicht Ihr Herz spielet,
verdient diese Vorwrfe?  Kommen Sie, lassen Sie uns darber scherzen.


Mellefont.  Sie irren sich; mein Herz hat mehr Anteil daran, als es
jemals an allen unsern Liebeshndeln gehabt hat, auf die ich itzt
nicht ohne Abscheu zurcksehen kann.

Marwood.  Ihr Herz, Mellefont, ist ein gutes Nrrchen.  Es lt sich
alles bereden, was Ihrer Einbildung ihm zu bereden einfllt.  Glauben
Sie mir doch, ich kenne es besser als Sie.  Wenn es nicht das beste,
das getreuste Herz wre, wrde ich mir wohl so viel Mhe geben, es zu
behalten?

Mellefont.  Zu behalten?  Sie haben es niemals besessen, sage ich
Ihnen.

Marwood.  Und ich sage Ihnen, ich besitze es im Grunde noch.

Mellefont.  Marwood, wenn ich wte, da Sie auch nur noch eine Faser
davon besen, so wollte ich es mir selbst, hier vor Ihren Augen, aus
meinem Leibe reien.

Marwood.  Sie wrden sehen, da Sie meines zugleich herausrissen.  Und
dann, dann wrden diese herausgerissenen Herzen endlich zu der
Vereinigung gelangen, die sie so oft auf unsern Lippen gesucht haben.

Mellefont (beiseite).  Was fr eine Schlange!  Hier wird das beste
sein zu fliehen.--Sagen Sie mir es nur kurz, Marwood, warum Sie mir
nachgekommen sind?  Was Sie noch von mir verlangen?  Aber sagen Sie es
nur ohne dieses Lcheln, ohne diesen Blick, aus welchem mich eine
ganze Hlle von Verfhrung schreckt.

Marwood (vertraulich).  Hre nur, mein lieber Mellefont; ich merke
wohl, wie es itzt mir dir steht.  Deine Begierden und dein Geschmack
sind itzt deine Tyrannen.  La es gut sein; man mu sie austoben
lassen.  Sich ihnen widersetzen, ist Torheit.  Sie werden am
sichersten eingeschlfert und endlich gar berwunden, wenn man ihnen
freies Feld lt.  Sie reiben sich selbst auf.  Kannst du mir
nachsagen, kleiner Flattergeist, da ich jemals eiferschtig gewesen
wre, wenn strkere Reize als die meinigen dich mir auf eine Zeitlang
abspenstig machten?  Ich gnnte dir ja allezeit diese Vernderung, bei
der ich immer mehr gewann als verlor.  Du kehrtest mit neuem Feuer,
mit neuer Inbrunst in meine Arme zurck, in die ich dich nur als in
leichte Bande und nie als in schwere Fesseln schlo.  Bin ich nicht
oft selbst deine Vertraute gewesen, wenn du mir auch schon nichts zu
vertrauen hattest als die Gunstbezeigungen, die du mir entwandtest, um
sie gegen andre zu verschwenden?  Warum glaubst du denn, da ich itzt
einen Eigensinn gegen dich zu zeigen anfangen wrde, zu welchem ich
nun eben berechtiget zu sein aufhre, oder--vielleicht schon aufgehrt
habe?  Wenn deine Hitze gegen das schne Landmdchen noch nicht
verraucht ist; wenn du noch in dem ersten Fieber deiner Liebe gegen
sie bist; wenn du ihren Genu noch nicht entbehren kannst: wer hindert
dich denn, ihr so lange ergeben zu sein, als du es fr gut befindest?
Mut du deswegen so unbesonnene Anschlge machen und mit ihr aus dem
Reiche fliehen wollen?

Mellefont.  Marwood, Sie reden vollkommen Ihrem Charakter gem,
dessen Hlichkeit ich nie so gekannt habe, als seitdem ich in dem
Umgange mit einer tugendhaften Freundin die Liebe von der Wollust
unterscheiden gelernt.

Marwood.  Ei sieh doch!  Deine neue Gebieterin ist also wohl gar ein
Mdchen von schnen sittlichen Empfindungen?  Ihr Mannspersonen mt
doch selbst nicht wissen, was ihr wollt .  Bald sind es die
schlpfrigsten Reden, die buhlerhaftesten Scherze, die euch an uns
gefallen; und bald entzcken wir euch, wenn wir nichts als Tugend
reden und alle sieben Weisen auf unserer Zunge zu haben scheinen.  Das
Schlimmste aber ist, da ihr das eine sowohl als das andre berdrssig
werdet.  Wir mgen nrrisch oder vernnftig, weltlich oder geistlich
gesinnet sein: wir verlieren unsere Mhe, euch bestndig zu machen,
einmal wie das andre.  Du wirst an deine schne Heilige die Reihe Zeit
genug kommen lassen.  Soll ich wohl einen kleinen berschlag machen?
Nun eben bist du im heftigsten Paroxysmo mit ihr; und diesem geh ich
noch zwei, aufs lngste drei Tage.  Hierauf wird eine ziemlich
geruhige Liebe folgen; der geb ich acht Tage.  Die andern acht Tage
wirst du nur gelegentlich an diese Liebe denken.  Die dritten wirst du
dich daran erinnern lassen; und wann du dieses Erinnern satt hast, so
wirst du dich zu der uersten Gleichgltigkeit so schnell gebracht
sehen, da ich kaum die vierten acht Tage auf diese letzte Vernderung
rechnen darf--Das wre nun ungefhr ein Monat.  Und diesen Monat,
Mellefont, will ich dir noch mit dem grten Vergngen nachsehen; nur
wirst du erlauben, da ich dich nicht aus dem Gesichte verlieren darf.


Mellefont.  Vergebens, Marwood, suchen Sie alle Waffen hervor, mit
welchen Sie sich erinnern, gegen mich sonst glcklich gewesen zu sein.
Ein tugendhafter Entschlu sichert mich gegen Ihre Zrtlichkeit und
gegen Ihren Witz.  Gleichwohl will ich mich beiden nicht lnger
aussetzen.  Ich gehe und habe Ihnen weiter nichts mehr zu sagen, als
da Sie mich in wenig Tagen auf eine Art sollen gebunden wissen, die
Ihnen alle Hoffnung auf meine Rckkehr in Ihre lasterhafte Sklaverei
vernichten wird.  Meine Rechtfertigung werden Sie genugsam aus dem
Briefe ersehen haben, den ich Ihnen vor meiner Abreise zustellen
lassen.

Marwood.  Gut, da Sie dieses Briefes gedenken.  Sagen Sie mir, von
wem hatten Sie ihn schreiben lassen?

Mellefont.  Hatte ich ihn nicht selbst geschrieben?

Marwood.  Unmglich!  Den Anfang desselben, in welchem Sie mir ich
wei nicht was fr Summen vorrechneten, die Sie mit mir wollen
verschwendet haben, mute ein Gastwirt, sowie den brigen
theologischen Rest ein Quker geschrieben haben.  Demungeachtet will
ich Ihnen itzt ernstlich darauf antworten.  Was den vornehmsten Punkt
anbelangt, so wissen Sie wohl, da alle die Geschenke, welche Sie mir
gemacht haben, noch da sind.  Ich habe Ihre Bankozettel, Ihre Juwelen
nie als mein Eigentum angesehen und itzt alles mitgebracht, um es
wieder in diejenigen Hnde zu liefern, die mir es anvertrauet hatten.

Mellefont.  Behalten Sie alles, Marwood.

Marwood.  Ich will nichts davon behalten.  Was htte ich ohne Ihre
Person fr ein Recht darauf?  Wenn Sie mich auch nicht mehr lieben, so
mssen Sie mir doch die Gerechtigkeit widerfahren lassen und mich fr
keine von den feilen Buhlerinnen halten, denen es gleichviel ist, von
wessen Beute sie sich bereichern.  Kommen Sie nur, Mellefont, Sie
sollen den Augenblick wieder so reich sein, als Sie vielleicht ohne
meine Bekanntschaft geblieben wren; und vielleicht auch nicht.

Mellefont.  Welcher Geist, der mein Verderben geschworen hat, redet
itzt aus Ihnen!  Eine wollstige Marwood denkt so edel nicht.

Marwood.  Nennen Sie das edel?  Ich nenne es weiter nichts als billig.
Nein, mein Herr, nein; ich verlange nicht, da Sie mir diese
Wiedererstattung als etwas Besonders anrechnen sollen.  Sie kostet
mich nichts; und auch den geringsten Dank, den Sie mir dafr sagen
wollten, wrde ich fr eine Beschimpfung halten, weil er doch keinen
andern Sinn als diesen haben knnte: "Marwood, ich hielt Euch fr eine
niedertrchtige Betrgerin; ich bedanke Mich, da Ihr es wenigstens
gegen mich nicht sein wollt."

Mellefont.  Genug, Madam, genug!  Ich fliehe, weil mich mein Unstern
in einen Streit von Gromut zu verwickeln drohet, in welchem ich am
ungernsten unterliegen mchte.

Marwood.  Fliehen Sie nur; aber nehmen Sie auch alles mit, was Ihr
Andenken bei mir erneuern knnte.  Arm, verachtet, ohne Ehre und ohne
Freunde, will ich es alsdann noch einmal wagen, Ihr Erbarmen rege zu
machen.  Ich will Ihnen in der unglcklichen Marwood nichts als eine
Elende zeigen, die Geschlecht, Ansehen, Tugend und Gewissen fr Sie
aufgeopfert hat.  Ich will Sie an den ersten Tag erinnern, da Sie mich
sahen und liebten; an den ersten Tag, da auch ich Sie sahe und liebte;
an das erste stammelnde, schamhafte Bekenntnis, das Sie mir zu meinen
Fen von Ihrer Liebe ablegten; an die erste Versicherung von
Gegenliebe, die Sie mir auspreten; an die zrtlichen Blicke, an die
feurigen Umarmungen, die darauf folgten; an das beredte Stillschweigen,
wenn wir mit beschftigten Sinnen einer des andern geheimste Regungen
errieten und in den schmachtenden Augen die verborgensten Gedanken der
Seele lasen; an das zitternde Erwarten der nahenden Wollust; an die
Trunkenheit ihrer Freuden; an das se Erstarren nach der Flle des
Genusses, in welchem sich die ermatteten Geister zu neuen Entzckungen
erholten.  An alles dieses will ich Sie erinnern und dann Ihre Knie
umfassen und nicht aufhren, um das einzige Geschenk zu bitten, das
Sie mir nicht versagen knnen und ich, ohne zu errten, annehmen darf,--
um den Tod von Ihren Hnden.

Mellefont.  Grausame!  noch wollte ich selbst mein Leben fr Sie
hingeben.  Fordern Sie es; fordern Sie es; nur auf meine Liebe machen
Sie weiter keinen Anspruch.  Ich mu Sie verlassen, Marwood, oder mich
zu einem Abscheu der ganzen Natur machen.  Ich bin schon strafbar, da
ich nur hier stehe und Sie anhre.  Leben Sie wohl!  leben Sie wohl!

Marwood (die ihn zurckhlt).  Sie mssen mich verlassen?  Und was
wollen Sie denn, das aus mir werde?  So wie ich itzt bin, bin ich Ihr
Geschpf; tun Sie also, was einem Schpfer zukmmt; er darf die Hand
von seinem Werke nicht eher abziehn, als bis er es gnzlich vernichten
will.--Ach, Hannah, ich sehe wohl, meine Bitten allein sind zu schwach.
Geh, bringe meinen Vorsprecher her, der mir vielleicht itzt auf
einmal mehr wiedergeben wird, als er von mir erhalten hat.

(Hannah geht ab.)

Mellefont.  Was fr einen Vorsprecher, Marwood?

Marwood.  Ach, einen Vorsprecher, dessen Sie mich nur allzugern
beraubet htten.  Die Natur wird seine Klagen auf einem krzern Wege
zu Ihrem Herzen bringen--

Mellefont.  Ich erschrecke.  Sie werden doch nicht--



Vierter Auftritt

Arabella.  Hannah.  Mellefont.  Marwood.


Mellefont.  Was seh ich?  Sie ist es!--Marwood, wie haben Sie sich
unterstehen knnen--

Marwood.  Soll ich umsonst Mutter sein?--Komm, meine Bella, komm; sieh
hier deinen Beschtzer wieder, deinen Freund, deinen--Ach!  das Herz
mag es ihm sagen, was er noch mehr als dein Beschtzer, als dein
Freund sein kann.

Mellefont (mit abgewandtem Gesichte).  Gott!  wie wird es mir hier
ergehen?

Arabella (indem sie ihm furchtsam nher tritt).  Ach, mein Herr!  Sind
Sie es?  Sind Sie unser Mellefont?--Nein doch, Madam, er ist es nicht.-
-Wrde er mich nicht ansehen, wenn er es wre?  Wrde er mich nicht in
seine Arme schlieen?  Er hat es ja sonst getan.  Ich unglckliches
Kind!  Womit htte ich ihn denn erzrnt, diesen Mann, diesen liebsten
Mann, der mir erlaubte, mich seine Tochter zu nennen?

Marwood.  Sie schweigen, Mellefont?  Sie gnnen der Unschuldigen
keinen Blick?

Mellefont.  Ach!--

Arabella.  Er seufzet ja, Madam.  Was fehlt ihm?  Knnen wir ihm nicht
helfen?  Ich nicht?  Sie auch nicht?  So lassen Sie uns doch mit ihm
seufzen.--Ach, nun sieht er mich an!--Nein, er sieht wieder weg!  Er
sieht gen Himmel!  Was wnscht er?  Was bittet er vom Himmel?  Mchte
er ihm doch alles gewhren, wenn er mir auch alles dafr versagte!

Marwood.  Geh, mein Kind, geh; fall ihm zu Fen.  Er will uns
verlassen; er will uns auf ewig verlassen.

Arabella (die vor ihm niederfllt).  Hier liege ich schon.  Sie uns
verlassen?  Sie uns auf ewig verlassen?  War es nicht schon eine
kleine Ewigkeit, die wir Sie jetzt vermit haben?  Wir sollen Sie
wieder vermissen?  Sie haben ja so oft gesagt, da Sie uns liebten.
Verlt man denn die, die man liebt?  So mu ich Sie wohl nicht lieben;
denn ich wnschte, Sie nie zu verlassen.  Nie, und will Sie auch nie
verlassen.

Marwood.  Ich will dir bitten helfen, mein Kind; hilf nur auch mir--
Nun, Mellefont, sehen Sie auch mich zu Ihren Fen--

Mellefont (hlt sie zurck, indem sie sich niederwerfen will).
Marwood, gefhrliche Marwood--Und auch du, meine liebste Bella (hebt
sie auf), auch du bist wider deinen Mellefont?

Arabella.  Ich wider Sie?

Marwood.  Was beschlieen Sie, Mellefont?

Mellefont.  Was ich nicht sollte, Marwood; was ich nicht sollte.

Marwood (die ihn umarmt).  Ach, ich wei es ja, da die Redlichkeit
Ihres Herzens allezeit ber den Eigensinn Ihrer Begierden gesiegt hat.


Mellefont.  Bestrmen Sie mich nicht weiter.  Ich bin schon, was Sie
aus mir machen wollen: ein Meineidiger, ein Verfhrer, ein Ruber, ein
Mrder.

Marwood.  Itzt werden Sie es einige Tage in Ihrer Einbildung sein, und
hernach werden Sie erkennen, da ich Sie abgehalten habe, es wirklich
zu werden.  Machen Sie nur, und kehren Sie wieder mit uns zurck.

Arabella (schmeichelnd).  O ja!  tun Sie dieses.

Mellefont.  Mit euch zurckkehren?  Kann ich denn?

Marwood.  Nichts ist leichter, wenn Sie nur wollen.

Mellefont.  Und meine Mi--

Marwood.  Und Ihre Mi mag sehen, wo sie bleibt!--

Mellefont.  Ha!  barbarische Marwood, diese Rede lie mich bis auf den
Grund Ihres Herzens sehen--Und ich Verruchter gehe doch nicht wieder
in mich?

Marwood.  Wenn Sie bis auf den Grund meines Herzens gesehen htten, so
wrden Sie entdeckt haben, da es mehr wahres Erbarmen gegen Ihre Mi
fhlt als Sie selbst.  Ich sage, wahres Erbarmen: denn das Ihre ist
ein eigenntziges, weichherziges Erbarmen.  Sie haben berhaupt diesen
Liebeshandel viel zu weit getrieben.  Da Sie, als ein Mann, der bei
einem langen Umgange mit unserm Geschlechte in der Kunst zu verfhren
ausgelernt hatte, gegen ein so junges Frauenzimmer sich Ihre
berlegenheit an Verstellung und Erfahrung zunutze machten und nicht
eher ruhten, als bis Sie Ihren Zweck erreichten: das mchte noch
hingehen; Sie knnen sich mit der Heftigkeit Ihrer Leidenschaft
entschuldigen.  Allein, da Sie einem alten Vater sein einziges Kind
raubten; da Sie einem rechtschaffnen Greise die wenigen Schritte zu
seinem Grabe noch so schwer und bitter machten; da Sie Ihrer Lust
wegen die strksten Banden der Natur trennten: das, Mellefont, das
knnen Sie nicht verantworten.  Machen Sie also Ihren Fehler wieder
gut, soweit es mglich ist, ihn gutzumachen.  Geben Sie dem weinenden
Alter seine Sttze wieder, und schicken Sie eine leichtglubige
Tochter in ihr Haus zurck, das Sie deswegen, weil Sie es beschimpft
haben, nicht auch de machen mssen.

Mellefont.  Das fehlte noch, da Sie auch mein Gewissen wider mich zu
Hilfe riefen!  Aber gesetzt, es wre billig, was Sie sagen; mte ich
nicht eine eiserne Stirne haben, wenn ich es der unglcklichen Mi
selbst vorschlagen sollte?

Marwood.  Nunmehr will ich es Ihnen gestehen, da ich schon im voraus
bedacht gewesen bin, Ihnen diese Verwirrung zu ersparen.  Sobald ich
Ihren Aufenthalt erfuhr, habe ich auch dem alten Sampson unter der
Hand Nachricht davon geben lassen.  Er ist vor Freuden darber ganz
auer sich gewesen und hat sich sogleich auf den Weg machen wollen.
Ich wundre mich, da er noch nicht hier ist.

Mellefont.  Was sagen Sie?

Marwood.  Erwarten Sie nur ruhig seine Ankunft und lassen sich gegen
die Mi nichts merken.  Ich will Sie selbst jetzt nicht lnger
aufhalten.  Gehen Sie wieder zu ihr; sie mchte Verdacht bekommen.
Doch versprach ich mir, Sie heute noch einmal zu sehen.

Mellefont.  O Marwood, mit was fr Gesinnungen kam ich zu Ihnen und
mit welchen mu ich Sie verlassen!  Einen Ku, meine liebe Bella--

Arabella.  Der war fr Sie; aber nun einen fr mich.  Kommen Sie nur
ja bald wieder; ich bitte.

(Mellefont geht ab.)



Fnfter Auftritt

Marwood.  Arabella.  Hannah.


Marwood (nachdem sie tief Atem geholt).  Sieg!  Hannah!  aber ein
saurer Sieg!--Gib mir einen Stuhl; ich fhle mich ganz abgemattet--
(Sie setzt sich.)  Eben war es die hchste Zeit, als er sich ergab;
noch einen Augenblick htte er anstehen drfen, so wrde ich ihm eine
ganz andre Marwood gezeigt haben.

Hannah.  Ach, Madam, was sind Sie fr eine Frau!  Den mchte ich doch
sehn, der Ihnen widerstehen knnte.

Marwood.  Er hat mir schon zu lange widerstanden.  Und gewi, gewi,
ich will es ihm nicht vergeben, da ich ihm fast zu Fue gefallen wre.


Arabella.  O nein!  Sie mssen ihm alles vergeben.  Er ist ja so gut,
so gut--

Marwood.  Schweig, kleine Nrrin!

Hannah.  Auf welcher Seite wuten Sie ihn nicht zu fassen!  Aber
nichts, glaube ich, rhrte ihn mehr als die Uneigenntzigkeit, mit
welcher Sie sich erboten, alle von ihm erhaltenen Geschenke
zurckzugeben.

Marwood.  Ich glaube es auch.  Ha!  ha!  (Verchtlich.)

Hannah.  Warum lachen Sie, Madam?  Wenn es nicht Ihr Ernst war, so
wagten Sie in der Tat sehr viel.  Gesetzt, er htte Sie bei Ihrem
Worte gefat?

Marwood.  O geh!  man mu wissen, wen man vor sich hat.

Hannah.  Nun, das gesteh ich!  Aber auch Sie, meine schne Bella,
haben Ihre Sache vortrefflich gemacht; vortrefflich!

Arabella.  Warum das?  Konnte ich sie denn anders machen?  Ich hatte
ihn ja so lange nicht gesehen.  Sie sind doch nicht bse, Madam, da
ich ihn so lieb habe?  Ich habe Sie so lieb wie ihn; ebenso lieb.

Marwood.  Schon gut; dasmal will ich dir verzeihen, da du mich nicht
lieber hast als ihn.

Arabella.  Dasmal?  (Schluchzend.)

Marwood.  Du weinst ja wohl gar?  Warum denn?

Arabella.  Ach nein!  ich weine nicht.  Werden Sie nur nicht
ungehalten.  Ich will Sie ja gern alle beide so lieb, so lieb haben,
da ich unmglich weder Sie noch ihn lieber haben kann.

Marwood.  Je nun ja!

Arabella.  Ich bin recht unglcklich--

Marwood.  Sei doch nur stille--Aber was ist das?



Sechster Auftritt

Mellefont.  Marwood.  Arabella.  Hannah.


Marwood.  Warum kommen Sie schon wieder, Mellefont?  (Sie steht auf.)

Mellefont (hitzig,).  Weil ich mehr nicht als einige Augenblicke ntig
hatte, wieder zu mir selbst zu kommen.

Marwood.  Nun?

Mellefont.  Ich war betubt, Marwood, aber nicht bewegt.  Sie haben
alle Ihre Mhe verloren; eine andre Luft als diese ansteckende Luft
Ihres Zimmers gab mir Mut und Krfte wieder, meinen Fu aus dieser
gefhrlichen Schlinge noch zeitig genug zu ziehen.  Waren mir
Nichtswrdigem die Rnke einer Marwood noch nicht bekannt genug?

Marwood (hastig).  Was ist das wieder fr eine Sprache?

Mellefont.  Die Sprache der Wahrheit und des Unwillens.

Marwood.  Nur gemach, Mellefont, oder auch ich werde diese Sprache
sprechen.

Mellefont.  Ich komme nur zurck, Sie keinen Augenblick lnger in
einem Irrtume von mir stecken zu lassen, der mich, selbst in Ihren
Augen, verchtlich machen mu.

Arabella (furchtsam).  Ach!  Hannah--

Mellefont.  Sehen Sie mich nur so wtend an, als Sie wollen.  Je
wtender, je besser.  War es mglich, da ich zwischen einer Marwood
und einer Sara nur einen Augenblick unentschlssig bleiben konnte?
Und da ich mich fast fr die erstere entschlossen htte?

Arabella.  Ach Mellefont!--

Mellefont.  Zittern Sie nicht, Bella.  Auch fr Sie bin ich mit
zurckgekommen.  Geben Sie mir die Hand, und folgen Sie mir nur
getrost.

Marwood (die beide zurckhlt).  Wem soll sie folgen, Verrter?

Mellefont.  Ihrem Vater.

Marwood.  Geh, Elender; und lern erst ihre Mutter kennen.

Mellefont.  Ich kenne sie.  Sie ist die Schande ihres Geschlechts--

Marwood.  Fhre sie weg, Hannah!

Mellefont.  Bleiben Sie, Bella.  (Indem er sie zurckhalten will.)

Marwood.  Nur keine Gewalt, Mellefont, oder--

(Hannah und Arabella geben ab.)



Siebenter Auftritt

Mellefont.  Marwood.


Marwood.  Nun sind wir allein.  Nun sagen Sie es noch einmal, ob Sie
fest entschlossen sind, mich einer jungen Nrrin aufzuopfern?

Mellefont (bitter).  Aufzuopfern?  Sie machen, da ich mich hier
erinnere, da den alten Gttern auch sehr unreine Tiere geopfert
wurden.

Marwood (spttisch).  Drcken Sie sich ohne so gelehrte Anspielungen
aus.

Mellefont.  So sage ich ihnen, da ich fest entschlossen bin, nie
wieder ohne die schrecklichsten Verwnschungen an Sie zu denken.  Wer
sind Sie?  und wer ist Sara?  Sie sind eine wollstige, eigenntzige,
schndliche Buhlerin, die sich itzt kaum mehr mu erinnern knnen,
einmal unschuldig gewesen zu sein.  Ich habe mir mit Ihnen nichts
vorzuwerfen, als da ich dasjenige genossen, was Sie ohne mich
vielleicht die ganze Welt htten genieen lassen.  Sie haben mich
gesucht, nicht ich Sie; und wenn ich nunmehr wei, wer Marwood ist, so
kmmt mir diese Kenntnis teuer genug zu stehen.  Sie kostet mir mein
Vermgen, meine Ehre, mein Glck--

Marwood.  Und so wollte ich, da sie dir auch deine Seligkeit kosten
mte!  Ungeheuer!  Ist der Teufel rger als du, der schwache Menschen
zu Verbrechen reizet und sie dieser Verbrechen wegen, die sein Werk
sind, hernach selbst anklagt?  Was geht dich meine Unschuld an, wann
und wie ich sie verloren habe?  Habe ich dir meine Tugend nicht
preisgeben knnen, so habe ich doch meinen guten Namen fr dich in die
Schanze geschlagen.  Jene ist nichts kostbarer als dieser.  Was sage
ich?  kostbarer?  Sie ist ohne ihn ein albernes Hirngespinst, das
weder ruhig noch glcklich macht.  Er allein gibt ihr noch einigen
Wert und kann vollkommen ohne sie bestehen.  Mochte ich doch sein, wer
ich wollte, ehe ich dich, Scheusal, kennenlernte; genug, da ich in
den Augen der Welt fr ein Frauenzimmer ohne Tadel galt.  Durch dich
nur hat sie es erfahren, da ich es nicht sei; durch meine
Bereitwilligkeit blo, dein Herz, wie ich damals glaubte, ohne deine
Hand anzunehmen.

Mellefont.  Eben diese Bereitwilligkeit verdammt dich, Niedertrchtige.


Marwood.  Erinnerst du dich aber, welchen nichtswrdigen Kunstgriffen
du sie zu verdanken hattest?  Ward ich nicht von dir beredt, da du
dich in keine ffentliche Verbindung einlassen knntest, ohne einer
Erbschaft verlustig zu werden, deren Genu du mit niemand als mit mir
teilen wolltest?  Ist es nun Zeit, ihrer zu entsagen?  Und ihrer fr
eine andre als fr mich zu entsagen?

Mellefont.  Es ist mir eine wahre Wollust, Ihnen melden zu knnen, da
diese Schwierigkeit nunmehr bald wird gehoben sein.  Begngen Sie sich
also nur, mich um mein vterliches Erbteil gebracht zu haben, und
lassen mich ein weit geringeres mit einer wrdigern Gattin genieen.

Marwood.  Ha!  nun seh ich's, was dich eigentlich so trotzig macht.
Wohl, ich will kein Wort mehr verlieren.  Es sei darum!  Rechne darauf,
da ich alles anwenden will, dich zu vergessen.  Und das erste, was
ich in dieser Absicht tun werde, soll dieses sein--Du wirst mich
verstehen!  Zittre fr deine Bella!  Ihr Leben soll das Andenken
meiner verachteten Liebe auf die Nachwelt nicht bringen; meine
Grausamkeit soll es tun.  Sieh in mir eine neue Medea!

Mellefont (erschrocken).  Marwood--

Marwood.  Oder wenn du noch eine grausamere Mutter weit, so sieh sie
gedoppelt in mir!  Gift und Dolch sollen mich rchen.  Doch nein, Gift
und Dolch sind zu barmherzige Werkzeuge!  Sie wrden dein und mein
Kind zu bald tten.  Ich will es nicht gestorben sehen; sterben will
ich es sehen!  Durch langsame Martern will ich in seinem Gesichte
jeden hnlichen Zug, den es von dir hat, sich verstellen, verzerren
und verschwinden sehen.  Ich will mit begieriger Hand Glied von Glied,
Ader von Ader, Nerve von Nerve lsen und das Kleinste derselben auch
da noch nicht aufhren zu schneiden und zu brennen, wenn es schon
nichts mehr sein wird als ein empfindungsloses Aas.  Ich--ich werde
wenigstens dabei empfinden, wie s die Rache sei!

Mellefont.  Sie rasen, Marwood--

Marwood.  Du erinnerst mich, da ich nicht gegen den Rechten rase.
Der Vater mu voran!  Er mu schon in jener Welt sein, wenn der Geist
seiner Tochter unter tausend Seufzern ihm nachzieht.--(Sie geht mit
einem Dolche, den sie aus dem Busen reit, auf ihn los.)  Drum stirb,
Verrter!

Mellefont (der ihr in den Arm fllt und den Dolch entreit).
Unsinniges Weibsbild!--Was hindert mich nun, den Stahl wider dich zu
kehren?  Doch lebe, und deine Strafe msse einer ehrlosen Hand
aufgehoben sein!

Marwood (mit gerungenen Hnden).  Himmel, was habe ich getan?
Mellefont--

Mellefont.  Deine Reue soll mich nicht hintergehen!  Ich wei es doch
wohl, was dich reuet; nicht da du den Sto tun wollen, sondern da du
ihn nicht tun knnen.

Marwood.  Geben Sie mir ihn wieder, den verirrten Stahl!  geben Sie
mir ihn wieder!  und Sie sollen es gleich sehen, fr wen er
geschliffen ward.  Fr diese Brust allein, die schon lngst einem
Herzen zu enge ist, das eher dem Leben als Ihrer Liebe entsagen will.

Mellefont.  Hannah!--

Marwood.  Was wollen Sie tun, Mellefont?



Achter Auftritt

Hannah (erschrocken).  Marwood.  Mellefont.


Mellefont.  Hast du es gehrt, Hannah, welche Furie deine Gebieterin
ist?  Wisse, da ich Arabellen von deinen Hnden fodern werde.

Hannah.  Ach Madam, wie sind Sie auer sich!

Mellefont.  Ich will das unschuldige Kind bald in vllige Sicherheit
bringen.  Die Gerechtigkeit wird einer so grausamen Mutter die
mrdrischen Hnde schon zu binden wissen.  (Er will gehen.)

Marwood.  Wohin, Mellefont?  Ist es zu verwundern, da die Heftigkeit
meines Schmerzes mich des Verstandes nicht mchtig lie?  Wer bringt
mich zu so unnatrlichen Ausschweifungen?  Sind Sie es nicht selbst?
Wo kann Bella sicherer sein als bei mir?  Mein Mund tobet wider sie,
und mein Herz bleibt doch immer das Herz einer Mutter.  Ach, Mellefont!
vergessen Sie meine Raserei und denken zu ihrer Entschuldigung nur
an die Ursache derselben.

Mellefont.  Es ist nur ein Mittel, welches mich bewegen kann, sie zu
vergessen.

Marwood.  Welches?

Mellefont.  Wenn Sie den Augenblick nach London zurckkehren.
Arabellen will ich in einer andern Begleitung wieder dahin bringen
lassen.  Sie mssen durchaus ferner mit ihr nichts zu tun haben.

Marwood.  Gut, ich lasse mir alles gefallen; aber eine einzige Bitte
gewhren Sie mir noch.  Lassen Sie mich Ihre Sara wenigstens einmal
sehen.

Mellefont.  Und wozu?

Marwood.  Um in ihren Blicken mein ganzes knftiges Schicksal zu lesen.
Ich will selbst urteilen, ob sie einer Untreue, wie Sie an mir
begehen, wrdig ist; und ob ich Hoffnung haben kann, wenigstens einmal
einen Anteil an Ihrer Liebe wiederzubekommen.

Mellefont.  Nichtige Hoffnung!

Marwood.  Wer ist so grausam, da er einer Elenden auch nicht einmal
die Hoffnung gnnen wollte?  Ich will mich ihr nicht als Marwood,
sondern als eine Anverwandte von Ihnen zeigen.  Melden Sie mich bei
ihr als eine solche; Sie sollen bei meinem Besuche zugegen sein, und
ich verspreche Ihnen bei allem, was heilig ist, ihr nicht das
geringste Anstige zu sagen.  Schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab;
denn sonst mchte ich vielleicht alles anwenden, in meiner wahren
Gestalt vor ihr zu erscheinen.

Mellefont.  Diese Bitte, Marwood (nachdem er einen Augenblick
nachgedacht)--knnte ich Ihnen gewhren.  Wollen Sie aber auch alsdann
gewi diesen Ort verlassen?

Marwood.  Gewi; ja, ich verspreche Ihnen noch mehr; ich will Sie, wo
nur noch einige Mglichkeit ist, von dem berfalle ihres Vaters
befreien.

Mellefont.  Dieses haben Sie nicht ntig.  Ich hoffe, da er auch mich
in die Verzeihung mit einschlieen wird, die er seiner Tochter
widerfahren lt.  Will er aber dieser nicht verzeihen, so werde ich
auch wissen, wie ich ihm begegnen soll.--Ich gehe, Sie bei meiner Mi
zu melden.  Nur halten Sie Wort, Marwood!  (Geht ab.)

Marwood.  Ach, Hannah!  da unsere Krfte nicht so gro sind als
unsere Wut!  Komm, hilf mich ankleiden.  Ich gebe mein Vorhaben nicht
auf.  Wenn ich ihn nur erst sicher gemacht habe.  Komm!

(Ende des zweiten Aufzugs.)





Dritter Aufzug



Erster Auftritt

Ein Saal im erstern Gasthofe.


Sir William Sampson.  Waitwell.

Sir William.  Hier, Waitwell, bringt ihr diesen Brief.  Es ist der
Brief eines zrtlichen Vaters, der sich ber nichts als ber ihre
Abwesenheit beklaget.  Sag ihr, da ich dich damit vorweggeschickt und
da ich nur noch ihre Antwort erwarten wolle, ehe ich selbst kme, sie
wieder in meine Arme zu schlieen.

Waitwell.  Ich glaube, Sie tun recht wohl, da Sie Ihre Zusammenkunft
auf diese Art vorbereiten.

Sir William.  Ich werde ihrer Gesinnungen dadurch gewi und mache ihr
Gelegenheit, alles, was ihr die Reue Klgliches und Errtendes
eingeben knnte, schon ausgeschttet zu haben, ehe sie mndlich mit
mir spricht.  Es wird ihr in einem Briefe weniger Verwirrung und mir
vielleicht weniger Trnen kosten.

Waitwell.  Darf ich aber fragen, Sir, was Sie in Ansehung Mellefonts
beschlossen haben?

Sir William.  Ach!  Waitwell, wenn ich ihn von dem Geliebten meiner
Tochter trennen knnte, so wrde ich etwas sehr Hartes wider ihn
beschlieen.  Aber da dieses nicht angeht, so siehst du wohl, da er
gegen meinen Unwillen gesichert ist.  Ich habe selbst den grten
Fehler bei diesem Unglcke begangen.  Ohne mich wrde Sara diesen
gefhrlichen Mann nicht haben kennenlernen.  Ich verstattete ihm wegen
einer Verbindlichkeit, die ich gegen ihn zu haben glaubte, einen allzu
freien Zutritt in meinem Hause.  Es war natrlich, da ihm die
dankbare Aufmerksamkeit, die ich fr ihn bezeigte, auch die Achtung
meiner Tochter zuziehen mute.  Und es war ebenso natrlich, da sich
ein Mensch von seiner Denkungsart durch diese Achtung verleiten lie,
sie zu etwas Hherm zu treiben.  Er hatte Geschicklichkeit genug
gehabt, sie in Liebe zu verwandeln, ehe ich noch das Geringste merkte
und ehe ich noch Zeit hatte, mich nach seiner brigen Lebensart zu
erkundigen.  Das Unglck war geschehen, und ich htte wohlgetan, wenn
ich ihnen nur gleich alles vergeben htte.  Ich wollte unerbittlich
gegen ihn sein und berlegte nicht, da ich es gegen ihn nicht allein
sein knnte.  Wenn ich meine zu spte Strenge erspart htte, so wrde
ich wenigstens ihre Flucht verhindert haben.--Da bin ich nun, Waitwell!
Ich mu sie selbst zurckholen und mich noch glcklich schtzen,
wenn ich aus dem Verfhrer nur meinen Sohn machen kann.  Denn wer wei,
ob er seine Marwoods und seine brigen Kreaturen eines Mdchens wegen
wird aufgeben wollen, das seinen Begierden nichts mehr zu verlangen
briggelassen hat und die fesselnden Knste einer Buhlerin so wenig
versteht?

Waitwell.  Nun, Sir, das ist wohl nicht mglich, da ein Mensch so gar
bse sein knnte.--

Sir William.  Der Zweifel, guter Waitwell, macht deiner Tugend Ehre.
Aber warum ist es gleichwohl wahr, da sich die Grenzen der
menschlichen Bosheit noch viel weiter erstrecken?--Geh nur jetzt und
tue, was ich dir gesagt habe.  Gib auf alle ihre Mienen acht, wenn sie
meinen Brief lesen wird.  In der kurzen Entfernung von der Tugend kann
sie die Verstellung noch nicht gelernt haben, zu deren Larven nur das
eingewurzelte Laster seine Zuflucht nimmt.  Du wirst ihre ganze Seele
in ihrem Gesichte lesen.  La dir ja keinen Zug entgehen, der etwa
eine Gleichgltigkeit gegen mich, eine Verschmhung ihres Vaters,
anzeigen knnte.  Denn wenn du diese unglckliche Entdeckung machen
solltest und wenn sie mich nicht mehr liebt: so hoffe ich, da ich
mich endlich werde berwinden knnen, sie ihrem Schicksale zu
berlassen.  Ich hoffe es, Waitwell--Ach!  wenn nur hier kein Herz
schlge, das dieser Hoffnung widerspricht.

(Sie gehen beide auf verschiedenen Seiten ab.)



Zweiter Auftritt

Das Zimmer der Sara.


Mi Sara.  Mellefont.

Mellefont.  Ich habe unrecht getan, liebste Mi, da ich Sie wegen des
vorigen Briefes in einer kleinen Unruhe lie.

Sara.  Nein doch, Mellefont; ich bin deswegen ganz und gar nicht
unruhig gewesen.  Knnten Sie mich denn nicht lieben, wenn Sie gleich
noch Geheimnisse vor mir htten?

Mellefont.  Sie glauben also doch, da es ein Geheimnis gewesen sei?

Sara.  Aber keines, das mich angeht.  Und das mu mir genug sein.

Mellefont.  Sie sind allzu gefllig.  Doch erlauben Sie mir, da ich
Ihnen dieses Geheimnis gleichwohl entdecke.  Es waren einige Zeilen
von einer Anverwandten, die meinen hiesigen Aufenthalt erfahren hat.
Sie geht auf ihrer Reise nach London hier durch und will mich sprechen.
Sie hat zugleich um die Ehre ersucht, Ihnen ihre Aufwartung machen
zu drfen.

Sara.  Es wird mir allezeit angenehm sein, Mellefont, die wrdigen
Personen Ihrer Familie kennenzulernen.  Aber berlegen Sie es selbst,
ob ich schon, ohne zu errten, einer derselben unter die Augen sehen
darf.

Mellefont.  Ohne zu errten?  Und worber?  Darber, da Sie mich
lieben?  Es ist wahr, Mi, Sie htten Ihre Liebe einem Edlern, einem
Reichern schenken knnen.  Sie mssen sich schmen, da Sie Ihr Herz
nur um ein Herz haben geben wollen und da Sie bei diesem Tausche Ihr
Glck so weit aus den Augen gesetzt.

Sara.  Sie werden es selbst wissen, wie falsch Sie meine Worte
erklren.

Mellefont.  Erlauben Sie, Mi; wenn ich sie falsch erklre, so knnen
sie gar keine Bedeutung haben.

Sara.  Wie heit Ihre Anverwandte?

Mellefont.  Es ist--Lady Solmes.  Sie werden den Namen von mir schon
gehrt haben.

Sara.  Ich kann mich nicht erinnern.

Mellefont.  Darf ich bitten, da Sie ihren Besuch annehmen wollen?

Sara.  Bitten, Mellefont?  Sie knnen mir es ja befehlen.

Mellefont.  Was fr ein Wort!--Nein, Mi, sie soll das Glck nicht
haben, Sie zu sehen.  Sie wird es bedauern; aber sie mu es sich
gefallen lassen.  Mi Sara hat ihre Ursachen, die ich, auch ohne sie
zu wissen, verehre.

Sara.  Mein Gott!  wie schnell sind Sie, Mellefont!  Ich werde die
Lady erwarten und mich der Ehre ihres Besuchs, soviel mglich, wrdig
zu erzeigen suchen.  Sind Sie zufrieden?

Mellefont.  Ach, Mi, lassen Sie mich meinen Ehrgeiz gestehen.  Ich
mchte gern gegen die ganze Welt mit Ihnen prahlen.  Und wenn ich auf
den Besitz einer solchen Person nicht eitel wre, so wrde ich mir
selbst vorwerfen, da ich den Wert derselben nicht zu schtzen wte.
Ich gehe und bringe die Lady sogleich zu Ihnen.  (Gehet ab.)

Sara (allein).  Wenn es nur keine von den stolzen Weibern ist, die,
voll von ihrer Tugend, ber alle Schwachheiten erhaben zu sein glauben.
Sie machen uns mit einem einzigen verchtlichen Blicke den Proze,
und ein zweideutiges Achselzucken ist das ganze Mitleiden, das wir
ihnen zu verdienen scheinen.



Dritter Auftritt

Waitwell.  Sara.


Betty (zwischen der Szene).  Nur hier herein, wenn Er selbst mit ihr
sprechen mu.

Sara (die sich umsieht).  Wer mu selbst mit mir sprechen?--Wen seh
ich?  Ist es mglich?  Waitwell, dich?

Waitwell.  Was fr ein glcklicher Mann bin ich, da ich endlich
unsere Mi Sara wiedersehe!

Sara.  Gott!  was bringst du?  Ich hr es schon, ich hr es schon, du
bringst mir die Nachricht von dem Tode meines Vaters!  Er ist hin, der
vortrefflichste Mann, der beste Vater!  Er ist hin, und ich, ich bin
die Elende, die seinen Tod beschleuniget hat.

Waitwell.  Ach!  Mi--

Sara.  Sage mir, geschwind sage mir, da die letzten Augenblicke
seines Lebens ihm durch mein Andenken nicht schwerer wurden; da er
mich vergessen hatte; da er ebenso ruhig starb, als er sich sonst in
meinen Armen zu sterben versprach; da er sich meiner auch nicht
einmal in seinem letzten Gebete erinnerte--

Waitwell.  Hren Sie doch auf, sich mit so falschen Vorstellungen zu
plagen!  Er lebt ja noch, Ihr Vater; er lebt ja noch, der
rechtschaffne Sir William.

Sara.  Lebt er noch?  Ist es wahr, lebt er noch?  Oh!  da er noch
lange leben und glcklich leben mge!  Oh!  da ihm Gott die Hlfte
meiner Jahre zulegen wolle!  Die Hlfte?--Ich Undankbare, wenn ich ihm
nicht mit allen, soviel mir deren bestimmt sind, auch nur einige
Augenblicke zu erkaufen bereit bin!  Aber nun sage mir wenigstens,
Waitwell, da es ihm nicht hart fllt, ohne mich zu leben; da es ihm
leicht geworden ist, eine Tochter aufzugeben, die ihre Tugend so
leicht aufgeben knnen; da ihn meine Flucht erzrnet, aber nicht
gekrnkt hat; da er mich verwnschet, aber nicht bedauert.

Waitwell.  Ach, Sir William ist noch immer der zrtliche Vater, so wie
sein Sarchen noch immer die zrtliche Tochter ist, die sie beide
gewesen sind.

Sara.  Was sagst du?  Du bist ein Bote des Unglcks, des
schrecklichsten Unglcks unter allen, die mir meine feindselige
Einbildung jemals vorgestellet hat!  Er ist noch der zrtliche Vater?
So liebt er mich ja noch?  So mu er mich ja beklagen?  Nein, nein,
das tut er nicht; das kann er nicht tun!  Siehst du denn nicht, wie
unendlich jeder Seufzer, den er um mich verlre, meine Verbrechen
vergrern wrde?  Mte mir nicht die Gerechtigkeit des Himmels jede
seiner Trnen, die ich ihm ausprete, so anrechnen, als ob ich bei
jeder derselben mein Laster und meinen Undank wiederholte?  Ich
erstarre ber diesen Gedanken.  Trnen koste ich ihm?  Trnen?  Und es
sind andre Trnen als Trnen der Freude?--Widersprich mir doch,
Waitwell!  Aufs hchste hat er einige leichte Regungen des Bluts fr
mich gefhlet; einige von den geschwind berhin gehenden Regungen,
welche die kleinste Anstrengung der Vernunft besnftiget.  Zu Trnen
hat er es nicht kommen lassen.  Nicht wahr, Waitwell, zu Trnen hat er
es nicht kommen lassen?

Waitwell (indem er sich die Augen wischt).  Nein, Mi, dazu hat er es
nicht kommen lassen.

Sara.  Ach!  dein Mund sagt nein; und deine eignen Trnen sagen ja.

Waitwell.  Nehmen Sie diesen Brief, Mi; er ist von ihm selbst.

Sara.  Von wem?  von meinem Vater?  an mich?

Waitwell.  Ja, nehmen Sie ihn nur; Sie werden mehr daraus sehen knnen,
als ich zu sagen vermag.  Er htte einem andern als mir dieses
Geschft auftragen sollen.  Ich versprach mir Freude davon; aber Sie
verwandeln mir diese Freude in Betrbnis.

Sara.  Gib nur, ehrlicher Waitwell!--Doch nein, ich will ihn nicht
eher nehmen, als bis du mir sagst, was ungefhr darin enthalten ist.

Waitwell.  Was kann darin enthalten sein?  Liebe und Vergebung.

Sara.  Liebe?  Vergebung?

Waitwell.  Und vielleicht ein aufrichtiges Bedauern, da er die Rechte
der vterlichen Gewalt gegen ein Kind brauchen wollen, fr welches nur
die Vorrechte der vterlichen Huld sind.

Sara.  So behalte nur deinen grausamen Brief!

Waitwell.  Grausamen?  frchten Sie nichts; Sie erhalten vllige
Freiheit ber Ihr Herz und Ihre Hand.

Sara.  Und das ist es eben, was ich frchte.  Einen Vater, wie ihn, zu
betrben: dazu habe ich noch den Mut gehabt.  Allein ihn durch eben
diese Betrbnis, ihn durch seine Liebe, der ich entsagt, dahin
gebracht zu sehen, da er sich alles gefallen lt, wozu mich eine
unglckliche Leidenschaft verleitet: das, Waitwell, das wrde ich
nicht ausstehen.  Wenn sein Brief alles enthielte, was ein
aufgebrachter Vater in solchem Falle Heftiges und Hartes vorbringen
kann, so wrde ich ihn zwar mit Schaudern lesen, aber ich wrde ihn
doch lesen knnen.  Ich wrde gegen seinen Zorn noch einen Schatten
von Verteidigung aufzubringen wissen, um ihn durch diese Verteidigung,
wo mglich, noch zorniger zu machen.  Meine Beruhigung wre alsdann
diese, da bei einem gewaltsamen Zorne kein wehmtiger Gram Raum haben
knne und da sich jener endlich glcklich in eine bittere Verachtung
gegen mich verwandeln werde.  Wen man aber verachtet, um den bekmmert
man sich nicht mehr.  Mein Vater wre wieder ruhig, und ich drfte mir
nicht vorwerfen, ihn auf immer unglcklich gemacht zu haben.

Waitwell.  Ach!  Mi, Sie werden sich diesen Vorwurf noch weniger
machen drfen, wenn Sie jetzt seine Liebe wieder ergreifen, die ja
alles vergessen will.

Sara.  Du irrst dich, Waitwell.  Sein sehnliches Verlangen nach mir
verfhrt ihn vielleicht, zu allem ja zu sagen.  Kaum aber wrde dieses
Verlangen ein wenig beruhiget sein, so wrde er sich seiner Schwche
wegen vor sich selbst schmen.  Ein finsterer Unwille wrde sich
seiner bemeistern, und er wrde mich nie ansehen knnen, ohne mich
heimlich anzuklagen, wieviel ich ihm abzutrotzen mich unterstanden
habe.  Ja, wenn es in meinem Vermgen stnde, ihm bei der uersten
Gewalt, die er sich meinetwegen antut, das Bitterste zu ersparen; wenn
in dem Augenblicke, da er mir alles erlauben wollte, ich ihm alles
aufopfern knnte: so wre es ganz etwas anders.  Ich wollte den Brief
mit Vergngen von deinen Hnden nehmen, die Strke der vterlichen
Liebe darin bewundern und, ohne sie zu mibrauchen, mich als eine
reuende und gehorsame Tochter zu seinen Fen werfen.  Aber kann ich
das?  Ich wrde es tun mssen, was er mir erlaubte, ohne mich daran zu
kehren, wie teuer ihm diese Erlaubnis zu stehen komme.  Und wenn ich
dann am vergngtesten darber sein wollte, wrde es mir pltzlich
einfallen, da er mein Vergngen uerlich nur zu teilen scheine und
in sich selbst vielleicht seufze; kurz, da er mich mit Entsagung
seiner eignen Glckseligkeit glcklich gemacht habe--Und es auf diese
Art zu sein wnschen, trauest du mir das wohl zu, Waitwell?

Waitwell.  Gewi, ich wei nicht, was ich hierauf antworten soll.

Sara.  Es ist nichts darauf zu antworten.  Bringe deinen Brief also
nur wieder zurck.  Wenn mein Vater durch mich unglcklich sein mu,
so will ich selbst auch unglcklich bleiben.  Ganz allein ohne ihn
unglcklich zu sein, das ist es, was ich jetzt stndlich von dem
Himmel bitte; glcklich aber ohne ihn ganz allein zu sein, davon will
ich durchaus nichts wissen.

Waitwell (etwas beiseite).  Ich glaube wahrhaftig, ich werde das gute
Kind hintergehen mssen, damit es den Brief doch nur lieset.

Sara.  Was sprichst du da fr dich?

Waitwell.  Ich sage mir selbst, da ich einen sehr ungeschickten
Einfall gehabt htte, Sie, Mi, zur Lesung des Briefes desto
geschwinder zu vermgen.

Sara.  Wieso?

Waitwell.  Ich konnte so weit nicht denken.  Sie berlegen freilich
alles genauer, als es unsereiner kann.  Ich wollte Sie nicht
erschrecken; der Brief ist vielleicht nur allzu hart; und wenn ich
gesagt habe, da nichts als Liebe und Vergebung darin enthalten sei,
so htte ich sagen sollen, da ich nichts als dieses darin enthalten
zu sein wnschte.

Sara.  Ist das wahr?--Nun, so gib mir ihn her.  Ich will ihn lesen.
Wenn man den Zorn eines Vaters unglcklicherweise verdient hat, so mu
man wenigstens gegen diesen vterlichen Zorn so viel Achtung haben,
da er ihn nach allen Gefallen gegen uns auslassen kann.  Ihn zu
vereiteln suchen, heit Beleidigungen mit Geringschtzung hufen.  Ich
werde ihn nach aller seiner Strke empfinden.  Du siehst, ich zittre
schon--Aber ich soll auch zittern; und ich will lieber zittern als
weinen.--(Sie erbricht den Brief.)  Nun ist er erbrochen!  Ich bebe--
Aber was seh ich?  (Sie lieset.)  "Einzige, geliebteste Tochter!"--Ha!
du alter Betrger, ist das die Anrede eines zornigen Vaters?  Geh,
weiter werde ich nicht lesen--

Waitwell.  Ach, Mi, verzeihen Sie doch einem alten Knechte.  Ja gewi,
ich glaube, es ist in meinem Leben das erstemal, da ich mit Vorsatz
betrogen habe.  Wer einmal betrgt, Mi, und aus einer so guten
Absicht betrgt, der ist ja deswegen noch kein alter Betrger.  Das
geht mir nahe, Mi.  Ich wei wohl, die gute Absicht entschuldigt
nicht immer; aber was konnte ich denn tun?  Einem so guten Vater
seinen Brief ungelesen wiederzubringen?  Das kann ich nimmermehr.
Eher will ich gehen, soweit mich meine alten Beine tragen, und ihm nie
wieder vor die Augen kommen.

Sara.  Wie?  auch du willst ihn verlassen?

Waitwell.  Werde ich denn nicht mssen, wenn Sie den Brief nicht
lesen?  Lesen Sie ihn doch immer.  Lassen Sie doch immer den ersten
vorstzlichen Betrug, den ich mir vorzuwerfen habe, nicht ohne gute
Wirkung bleiben.  Sie werden ihn desto eher vergessen, und ich werde
mir ihn desto eher vergeben knnen.  Ich bin ein gemeiner, einfltiger
Mann, der Ihnen Ihre Ursachen, warum Sie den Brief nicht lesen knnen
oder wollen, freilich so mu gelten lassen.  Ob sie wahr sind, wei
ich nicht; aber so recht natrlich scheinen sie mir wenigstens nicht.
Ich dchte nun so, Mi: ein Vater, dchte ich, ist doch immer ein
Vater; und ein Kind kann wohl einmal fehlen, es bleibt deswegen doch
ein gutes Kind.  Wenn der Vater den Fehler verzeiht, so kann ja das
Kind sich wohl wieder so auffhren, da er auch gar nicht mehr daran
denken darf.  Und wer erinnert sich denn gern an etwas, wovon er
lieber wnscht, es wre gar nicht geschehen?  Es ist, Mi, als ob Sie
nur immer an Ihren Fehler dchten und glaubten, es wre genug, wenn
Sie den in Ihrer Einbildung vergrerten und sich selbst mit solchen
vergrerten Vorstellungen marterten.  Aber ich sollte meinen, Sie
mten auch daran denken, wie Sie das, was geschehen ist,
wiedergutmachten.  Und wie wollen Sie es denn wiedergutmachen, wenn
Sie sich selbst alle Gelegenheit dazu benehmen?  Kann es Ihnen denn
sauer werden, den andern Schritt zu tun, wenn so ein lieber Vater
schon den ersten getan hat?

Sara.  Was fr Schwerter gehen aus deinem einfltigen Munde in mein
Herz!--Eben das kann ich nicht aushalten, da er den ersten Schritt
tun mu.  Und was willst du denn?  Tut er denn nur den ersten Schritt?
Er mu sie alle tun: ich kann ihm keinen entgegentun.  So weit ich
mich von ihm entfernet, so weit mu er sich zu mir herablassen.  Wenn
er mir vergibt, so mu er mein ganzes Verbrechen vergeben und sich
noch dazu gefallen lassen, die Folgen desselben vor seinen Augen
fortdauern zu sehen.  Ist das von einem Vater zu verlangen?

Waitwell.  Ich wei nicht, Mi, ob ich dieses so recht verstehe.  Aber
mich deucht, Sie wollen sagen, er msse Ihnen gar zu viel vergeben,
und weil ihm das nicht anders als sehr sauer werden knne, so machten
Sie sich ein Gewissen, seine Vergebung anzunehmen.  Wenn Sie das
meinen, so sagen Sie mir doch, ist denn nicht das Vergeben fr ein
gutes Herz ein Vergngen?  Ich bin in meinem Leben so glcklich nicht
gewesen, da ich dieses Vergngen oft empfunden htte.  Aber der
wenigen Male, die ich es empfunden habe, erinnere ich mich noch immer
gern.  Ich fhlte so etwas Sanftes, so etwas Beruhigendes, so etwas
Himmlisches dabei, da ich mich nicht entbrechen konnte, an die groe,
unberschwengliche Seligkeit Gottes zu denken, dessen ganze
Erhaltungen der elenden Menschen ein immerwhrendes Vergeben ist.  Ich
wnschte mir, alle Augenblicke verzeihen zu knnen, und schmte mich,
da ich nur solche Kleinigkeiten zu verzeihen hatte.  Recht
schmerzhafte Beleidigungen, recht tdliche Krnkungen zu vergeben,
sagt' ich zu mir selbst, mu eine Wollust sein, in der die ganze Seele
zerfliet--Und nun, Mi, wollen Sie denn so eine groe Wollust Ihrem
Vater nicht gnnen?

Sara.  Ach!--Rede weiter, Waitwell, rede weiter!

Waitwell.  Ich wei wohl, es gibt eine Art von Leuten, die nichts
ungerner als Vergebung annehmen, und zwar, weil sie keine zu erzeigen
gelernt haben.  Es sind stolze, unbiegsam Leute, die durchaus nicht
gestehen wollen, da sie unrecht getan.  Aber von der Art, Mi, sind
Sie nicht.  Sie haben das liebreichste und zrtlichste Herz, das die
beste Ihres Geschlechts nur haben kann.  Ihren Fehler bekennen Sie
auch.  Woran liegt es denn nun also noch?--Doch verzeihen Sie mir nur,
Mi, ich bin ein alter Plauderer und htte es gleich merken sollen,
da Ihr Weigern nur eine rhmliche Besorgnis, nur eine tugendhafte
Schchternheit sei.  Leute, die eine groe Wohltat gleich ohne
Bedenken annehmen knnen, sind der Wohltat selten wrdig.  Die sie am
meisten verdienen, haben auch immer das meiste Mitrauen gegen sich
selbst.  Doch mu das Mitrauen nicht ber sein Ziel getrieben werden.


Sara.  Lieber alter Vater, ich glaube, du hast mich berredet.

Waitwell.  Ach Gott!  wenn ich so glcklich gewesen bin, so mu mir
ein guter Geist haben reden helfen.  Aber nein, Mi, meine Reden haben
dabei nichts getan, als da sie Ihnen Zeit gelassen, selbst
nachzudenken und sich von einer so frhlichen Bestrzung zu erholen.--
Nicht wahr, nun werden Sie den Brief lesen?  Oh!  lesen Sie ihn doch
gleich!

Sara.  Ich will es tun, Waitwell.--Welche Bisse, welche Schmerzen
werde ich fhlen!

Waitwell.  Schmerzen, Mi, aber angenehme Schmerzen.

Sara.  Sei still!  (Sie fngt an, fr sich zu lesen.)

Waitwell (beiseite).  Oh!  wenn er sie selbst sehen sollte!

Sara (nachdem sie einige Augenblicke gelesen).  Ach, Waitwell, was fr
ein Vater!  Er nennt meine Flucht eine Abwesenheit.  Wieviel
strflicher wird sie durch dieses gelinde Wort!  (Sie lieset weiter
und unterbricht sich wieder.)  Hre doch!  er schmeichelt sich, ich
wrde ihn noch lieben.  Er schmeichelt sich!  (Lieset und unterbricht
sich.)  Er bittet mich--Er bittet mich?  Ein Vater seine Tochter?
seine strafbare Tochter?  Und was bittet er mich denn?--(Lieset fr
sich.)  Er bittet mich, seine bereilte Strenge zu vergessen und ihn
mit meiner Entfernung nicht lnger zu strafen.  bereilte Strenge!--Zu
strafen!--(Lieset wieder und unterbricht sich.)  Noch mehr!  Nun dankt
er mir gar, und dankt mir, da ich ihm Gelegenheit gegeben, den ganzen
Umfang der vterlichen Liebe kennenzulernen.  Unselige Gelegenheit!
Wenn er doch nur auch sagte, da sie ihm zugleich den ganzen Umfang
des kindlichen Ungehorsams habe kennenlernen!  (Sie lieset wieder.)
Nein, er sagt es nicht!  Er gedenkt meines Verbrechens nicht mit einem
Buchstaben.  (Sie fhrt weiter fort, fr sich zu lesen.)  Er will
kommen und seine Kinder selbst zurckholen.  Seine Kinder, Waitwell!
Das geht ber alles!--Hab ich auch recht gelesen?  (Sie lieset wieder
fr sich.)--Ich mchte vergehen!  Er sagt, derjenige verdiene nur
allzuwohl sein Sohn zu sein, ohne welchen er keine Tochter haben knne.
--Oh!  htte er sie nie gehabt, diese unglckliche Tochter!--Geh,
Waitwell, la mich allein!  Er verlangt eine Antwort, und ich will sie
sogleich machen.  Frag in einer Stunde wieder nach.  Ich danke dir
unterdessen fr deine Mhe.  Du bist ein rechtschaffner Mann.  Es sind
wenig Diener die Freunde ihrer Herren!

Waitwell.  Beschmen Sie mich nicht, Mi.  Wenn alle Herren Sir
Williams wren, so mten die Diener Unmenschen sein, wenn sie nicht
ihr Leben fr sie lassen wollten.  (Geht ab.)



Vierter Auftritt


Sara (sie setzet sich zum Schreiben nieder).  Wenn man mir es vor Jahr
und Tag gesagt htte, da ich auf einen solchen Brief wrde antworten
mssen!  Und unter solchen Umstnden!--Ja, die Feder hab ich in der
Hand.--Wei ich aber auch schon, was ich schreiben soll?  Was ich
denke; was ich empfinde.--Und was denkt man denn, wenn sich in einem
Augenblicke tausend Gedanken durchkreuzen?  Und was empfindet man denn,
wenn das Herz vor lauter Empfinden in einer tiefen Betubung liegt?--
Ich mu doch schreiben--Ich fhre ja die Feder nicht das erstemal.
Nachdem sie mir schon so manche kleine Dienste der Hflichkeit und
Freundschaft abstatten helfen, sollte mir ihre Hilfe wohl bei dem
wichtigsten Dienste entstehen?--(Sie denkt ein wenig nach und schreibt
darauf einige Zeilen.)  Das soll der Anfang sein?  Ein sehr frostiger
Anfang.  Und werde ich denn bei seiner Liebe anfangen wollen?  Ich mu
bei meinem Verbrechen anfangen.  (Sie streicht aus und schreibt anders.)
Da ich mich ja nicht zu obenhin davon ausdrcke!--Das Schmen kann
berall an seiner rechten Stelle sein, nur bei dem Bekenntnisse
unserer Fehler nicht.  Ich darf mich nicht frchten, in bertreibungen
zu geraten, wenn ich auch schon die grlichsten Zge anwende.--Ach!
warum mu ich nun gestrt werden?



Fnfter Auftritt

Marwood.  Mellefont.  Sara.


Mellefont.  Liebste Mi, ich habe die Ehre, Ihnen Lady Solmes
vorzustellen, welche eine von denen Personen in meiner Familie ist,
welchen ich mich am meisten verpflichtet erkenne.

Marwood.  Ich mu um Vergebung bitten, Mi, da ich so frei bin, mich
mit meinen eignen Augen von dem Glcke eines Vetters zu berfhren,
dem ich das vollkommenste Frauenzimmer wnschen wrde, wenn mich nicht
gleich der erste Anblick berzeugt htte, da er es in Ihnen bereits
gefunden habe.

Sara.  Sie erzeigen mir allzuviel Ehre, Lady.  Eine Schmeichelei wie
diese wrde mich zu allen Zeiten beschmt haben; itzt aber sollte ich
sie fast fr einen versteckten Vorwurf annehmen, wenn ich Lady Solmes
nicht fr viel zu gromtig hielte, ihre berlegenheit an Tugend und
Klugheit eine Unglckliche fhlen zu lassen.

Marwood (kalt).  Ich wrde untrstlich sein, Mi, wenn Sie mir andre
als die freundschaftlichsten Gesinnungen zutrauten.--(Beiseite.)  Sie
ist schn!

Mellefont.  Und wre es denn auch mglich, Lady, gegen soviel
Schnheit, gegen soviel Bescheidenheit gleichgltig zu bleiben?  Man
sagt zwar, da einem reizenden Frauenzimmer selten von einem andern
Gerechtigkeit erwiesen werde: allein dieses ist auf der einen Seite
nur von denen, die auf ihre Vorzge allzu eitel sind, und auf der
andern nur von solchen zu verstehen, welche sich selbst keiner Vorzge
bewut sind.  Wie weit sind Sie beide von diesem Falle entfernt!--(Zur
Marwood, welche in Gedanken steht.)  Ist es nicht wahr, Lady, da
meine Liebe nichts weniger als parteiisch gewesen ist?  Ist es nicht
wahr, da ich Ihnen zum Lobe meiner Mi viel, aber noch lange nicht so
viel gesagt habe, als Sie selbst finden?--Aber warum so in Gedanken?--
(Sachte zu ihr.)  Sie vergessen, wer Sie sein wollen.

Marwood.  Darf ich es sagen?--Die Bewunderung Ihrer liebsten Mi
fhrte mich auf die Betrachtung ihres Schicksals.  Es ging mir nahe,
da sie die Frchte ihrer Liebe nicht in ihrem Vaterlande genieen
soll.  Ich erinnerte mich, da sie einen Vater und, wie man mir gesagt
hat, einen sehr zrtlichen Vater verlassen mte, um die Ihrige sein
zu knnen; und ich konnte mich nicht enthalten, ihre Ausshnung mit
ihm zu wnschen.

Sara.  Ach!  Lady, wie sehr bin ich Ihnen fr diesen Wunsch verbunden.
Er verdient es, da ich meine ganze Freude mit Ihnen teile.  Sie
knnen es noch nicht wissen, Mellefont, da er erfllt wurde, ehe Lady
die Liebe fr uns hatte, ihn zu tun.

Mellefont.  Wie verstehen Sie dieses, Mi?

Marwood (beiseite).  Was will das sagen?

Sara.  Eben itzt habe ich einen Brief von meinem Vater erhalten.
Waitwell brachte mir ihn.  Ach, Mellefont, welch ein Brief!

Mellefont.  Geschwind reien Sie mich aus meiner Ungewiheit.  Was hab
ich zu frchten?  Was habe ich zu hoffen?  Ist er noch der Vater, den
wir flohen?  Und wenn er es noch ist, wird Sara die Tochter sein, die
mich zrtlich genug liebt, um ihn noch weiter zu fliehen?  Ach!  htte
ich Ihnen gefolgt, liebste Mi, so wren wir jetzt durch ein Band
verknpft, das man aus eigensinnigen Absichten zu trennen wohl
unterlassen mte.  In diesem Augenblick empfinde ich alles das
Unglck, das unser entdeckter Aufenthalt fr mich nach sich ziehen
kann.  Er wird kommen und Sie aus meinen Armen reien.  Wie hasse ich
den Nichtswrdigen, der uns ihm verraten hat!  (Mit einem zornigen
Blick gegen die Marwood.)

Sara.  Liebster Mellefont, wie schmeichelhaft ist diese Ihre Unruhe
fr mich!  Und wie glcklich sind wir beide, da sie vergebens ist!
Lesen Sie hier seinen Brief.--(Gegen die Marwood, indem Mellefont den
Brief fr sich lieset.)  Lady, er wird ber die Liebe meines Vaters
erstaunen.  Meines Vaters?  Ach!  er ist nun auch der seinige.

Marwood (betroffen).  Ist es mglich?

Sara.  Jawohl, Lady, haben Sie Ursache, diese Vernderung zu bewundern.
Er vergibt uns alles; wir werden uns nun vor seinen Augen lieben; er
erlaubt es uns; er befiehlt es uns.--Wie hat diese Gtigkeit meine
ganze Seele durchdrungen!--Nun, Mellefont?  (Der ihr den Brief
wiedergibt.)  Sie schweigen?  O nein, diese Trne, die sich aus Ihrem
Auge schleicht, sagt weit mehr, als Ihr Mund ausdrcken knnte.

Marwood (beiseite).  Wie sehr habe ich mir selbst geschadet!  Ich
Unvorsichtige!

Sara.  Oh!  lassen Sie mich diese Trne von Ihrer Wange kssen!

Mellefont.  Ach Mi, warum haben wir so einen gttlichen Mann betrben
mssen?  Jawohl, einen gttlichen Mann: denn was ist gttlicher als
vergeben?--Htten wir uns diesen glcklichen Ausgang nur als mglich
vorstellen knnen: gewi, so wollten wir ihn jetzt so gewaltsamen
Mitteln nicht zu verdanken haben; wir wollten ihn allein unsern Bitten
zu verdanken haben.  Welche Glckseligkeit wartet auf mich!  Wie
schmerzlich wird mir aber auch die eigne berzeugung sein, da ich
dieser Glckseligkeit so unwert bin!

Marwood (beiseite).  Und das mu ich mit anhren!

Sara.  Wie vollkommen rechtfertigen Sie durch solche Gesinnungen meine
Liebe gegen Sie.

Marwood (beiseite).  Was fr Zwang mu ich mir antun!

Sara.  Auch Sie, vortreffliche Lady, mssen den Brief meines Vaters
lesen.  Sie scheinen allzuviel Anteil an unserm Schicksale zu nehmen,
als da Ihnen sein Inhalt gleichgltig sein knnte.

Marwood.  Mir gleichgltig, Mi?  (Sie nimmt den Brief.)

Sara.  Aber, Lady, Sie scheinen noch immer sehr nachdenkend, sehr
traurig.--

Marwood.  Nachdenkend, Mi, aber nicht traurig.

Mellefont (beiseite).  Himmel!  wo sie sich verrt!

Sara.  Und warum denn?

Marwood.  Ich zittere fr Sie beide.  Knnte die unvermutete Gte
Ihres Vaters nicht eine Verstellung sein?  eine List?

Sara.  Gewi nicht, Lady, gewi nicht.  Lesen Sie nur, und Sie werden
es selbst gestehen.  Die Verstellung bleibt immer kalt, und eine so
zrtliche Sprache ist in ihrem Vermgen nicht.  (Marwood lieset fr
sich.)  Werden Sie nicht argwhnisch, Mellefont; ich bitte Sie.  Ich
stehe Ihnen dafr, da mein Vater sich zu keiner List herablassen kann.
Er sagt nichts, was er nicht denkt, und Falschheit ist ihm ein
unbekanntes Laster.

Mellefont.  Oh!  davon bin ich vollkommen berzeugt, liebste Mi.--Man
mu der Lady den Verdacht vergeben, weil sie den Mann noch nicht kennt,
den er trifft.

Sara (indem ihr Marwood den Brief zurckgibt).  Was seh ich, Lady?
Sie haben sich entfrbt?  Sie zittern?  Was fehlt Ihnen?

Mellefont (beiseite).  In welcher Angst bin ich!  Warum habe ich sie
auch hergebracht?

Marwood.  Es ist nichts, Mi, als ein kleiner Schwindel, welcher
vorbergehn wird.  Die Nachtluft mu mir auf der Reise nicht bekommen
sein.

Mellefont.  Sie erschrecken mich, Lady--ist es Ihnen nicht gefllig,
frische Luft zu schpfen?  Man erholt sich in einem verschlonen
Zimmer nicht so leicht.

Marwood.  Wenn Sie meinen, so reichen Sie mir Ihren Arm.

Sara.  Ich werde Sie begleiten, Lady.

Marwood.  Ich verbitte diese Hflichkeit, Mi.  Meine Schwachheit wird
ohne Folgen sein.

Sara.  So hoffe ich denn, Lady bald wiederzusehen.

Marwood.  Wenn Sie erlauben, Mi--

(Mellefont fhrt sie ab.)

Sara (allein).  Die arme Lady!--Sie scheinet die freundschaftlichste
Person zwar nicht zu sein; aber mrrisch und stolz scheinet sie doch
auch nicht.--Ich bin wieder allein.  Kann ich die wenigen Augenblicke,
die ich es vielleicht sein werde, zu etwas Besserm als zur Vollendung
meiner Antwort anwenden?  (Sie will sich niedersetzen, zu schreiben.)



Sechster Auftritt

Betty.  Sara.


Betty.  Das war ja wohl ein sehr kurzer Besuch.

Sara.  Ja, Betty.  Es ist Lady Solmes; eine Anverwandte meines
Mellefont.  Es wandelte ihr ghling eine kleine Schwachheit an.  Wo
ist sie jetzt?

Betty.  Mellefont hat sie bis an die Tre begleitet.

Sara.  So ist sie ja wohl wieder fort?

Betty.  Ich vermute es.--Aber je mehr ich Sie ansehe, Mi--Sie mssen
mir meine Freiheit verzeihen--, je mehr finde ich Sie verndert.  Es
ist etwas Ruhiges, etwas Zufriednes in Ihren Blicken.  Lady mu ein
sehr angenehmer Besuch oder der alte Mann ein sehr angenehmer Bote
gewesen sein.

Sara.  Das letzte, Betty, das letzte.  Er kam von meinem Vater.  Was
fr einen zrtlichen Brief will ich dich lesen lassen!  Dein gutes
Herz hat so oft mit mir geweint, nun soll es sich auch mit mir freuen.
Ich werde wieder glcklich sein und dich fr deine guten Dienste
belohnen knnen.

Betty.  Was habe ich Ihnen in kurzen neun Wochen fr Dienste leisten
knnen?

Sara.  Du httest mir ihrer in meinem ganzen andern Leben nicht
mehrere leisten knnen als in diesen neun Wochen.  Sie sind vorber!--
Komm nur itzt, Betty; weil Mellefont vielleicht wieder allein ist, so
mu ich ihn noch sprechen.  Ich bekomme eben den Einfall, da es sehr
gut sein wrde, wenn er zugleich mit mir an meinen Vater schriebe, dem
seine Danksagung schwerlich unerwartet sein drfte.  Komm!

(Sie gehen ab.)



Siebenter Auftritt

Der Saal.


Sir William Sampson.  Waitwell.

Sir William.  Was fr Balsam, Waitwell, hast du mir durch deine
Erzhlung in mein verwundetes Herz gegossen!  Ich lebe wieder neu auf;
und ihre herannahende Rckkehr scheint mich ebensoweit zu meiner
Jugend wieder zurckzubringen, als mich ihre Flucht nher zu dem Grabe
gebracht hatte.  Sie liebt mich noch!  Was will ich mehr?--Geh ja bald
wieder zu ihr, Waitwell.  Ich kann den Augenblick nicht erwarten, da
ich sie aufs neue in diese Arme schlieen soll, die ich so sehnlich
gegen den Tod ausgestreckt hatte.  Wie erwnscht wre er mir in den
Augenblicken meines Kummers gewesen!  Und wie frchterlich wird er mir
in meinem neuen Glcke sein!  Ein Alter ist ohne Zweifel zu tadeln,
wenn er die Bande, die ihn noch mit der Welt verbinden, so fest wieder
zuziehet.  Die endliche Trennung wird desto schmerzlicher.--Doch der
Gott, der sich jetzt so gndig gegen mich erzeigt, wird mir auch diese
berstehen helfen.  Sollte er mir wohl eine Wohltat erweisen, um sie
mir zuletzt zu meinem Verderben gereichen zu lassen?  Sollte er mir
eine Tochter wiedergeben, damit ich ber seine Abfoderung aus diesem
Leben murren msse?  Nein, nein; er schenkt mir sie wieder, um in der
letzten Stunde nur um mich selbst besorgt sein zu drfen.  Dank sei
dir, ewige Gte!  Wie schwach ist der Dank eines sterblichen Mundes!
Doch bald, bald werde ich in einer ihm geweihten Ewigkeit ihm wrdiger
danken knnen.

Waitwell.  Wie herzlich vergngt es mich, Sir, Sie vor meinem Ende
wieder zufrieden zu wissen!  Glauben Sie mir es nur, ich habe fast so
viel bei Ihrem Jammer ausgestanden als Sie selbst.  Fast so viel; gar
so viel nicht: denn der Schmerz eines Vaters mag wohl bei solchen
Gelegenheiten unaussprechlich sein.

Sir William.  Betrachte dich von nun an, mein guter Waitwell, nicht
mehr als meinen Diener.  Du hast es schon lngst um mich verdient, ein
anstndiger Alter zu genieen.  Ich will dir es auch schaffen, und du
sollst es nicht schlechter haben, als ich es noch in der Welt haben
werde.  Ich will allen Unterschied zwischen uns aufheben; in jener
Welt, weit du wohl, ist er ohnedies aufgehoben.--Nur dasmal sei noch
der alte Diener, auf den ich mich nie umsonst verlassen habe.  Geh und
gib acht, da du mir ihre Antwort sogleich bringen kannst, als sie
fertig ist.

Waitwell.  Ich gehe, Sir.  Aber so ein Gang ist kein Dienst, den ich
Ihnen tue.  Er ist eine Belohnung, die Sie mir fr meine Dienste
gnnen.  Ja gewi, das ist er.

(Sie gehen auf verschiedenen Seiten ab.)

(Ende des dritten Aufzuges.)





Vierter Aufzug



Erster Auftritt

Mellefonts Zimmer.


Mellefont.  Sara.

Mellefont.  Ja, liebste Mi, ja; das will ich tun; das mu ich tun.

Sara.  Wie vergngt machen Sie mich!

Mellefont.  Ich bin es allein, der das ganze Verbrechen auf sich
nehmen mu.  Ich allein bin schuldig; ich allein mu um Vergebung
bitten.

Sara.  Nein, Mellefont, nehmen Sie mir den grern Anteil, den ich an
unserm Vergehen habe, nicht.  Er ist mir teuer, so strafbar er auch
ist: denn er mu Sie berzeugt haben, da ich meinen Mellefont ber
alles in der Welt liebe.--Aber ist es denn gewi wahr, da ich nunmehr
diese Liebe mit der Liebe gegen meinen Vater verbinden darf?  Oder
befinde ich mich in einem angenehmen Traume?  Wie frchte ich mich,
ihn zu verlieren und in meinem alten Jammer zu erwachen!--Doch nein,
ich bin nicht blo in einem Traume, ich bin wirklich glcklicher, als
ich jemals zu werden hoffen durfte; glcklicher, als es vielleicht
dieses kurze Leben zult.  Vielleicht erscheint mir dieser Strahl von
Glckseligkeit nur darum von ferne und scheinet mir nur darum so
schmeichelhaft nher zu kommen, damit er auf einmal wieder in die
dickste Finsternis zerfliee und mich auf einmal in einer Nacht lasse,
deren Schrecklichkeit mir durch diese kurze Erleuchtung erst recht
fhlbar geworden.--Was fr Ahnungen qulen mich!--Sind es wirklich
Ahnungen, Mellefont, oder sind es gewhnliche Empfindungen, die von
der Erwartung eines unverdienten Glcks und von der Furcht, es zu
verlieren, unzertrennlich sind?--Wie schlgt mir das Herz, und wie
unordentlich schlgt es!  Wie stark itzt, wie geschwind!--Und nun, wie
matt, wie bange, wie zitternd!--Itzt eilt es wieder, als ob es die
letzten Schlge wren, die es gern recht schnell hintereinander tun
wolle.  Armes Herz!

Mellefont.  Die Wallungen des Geblts, welche pltzliche
berraschungen nicht anders als verursachen knnen, werden sich legen,
Mi, und das Herz wird seine Verrichtungen ruhiger fortsetzen.  Keiner
seiner Schlge zielet auf das Zuknftige; und wir sind zu tadeln--
verzeihen Sie, liebste Sara--, wenn wir des Bluts mechanische
Drckungen zu frchterlichen Propheten machen.--Deswegen aber will ich
nichts unterlassen, was Sie selbst zur Besnftigung dieses kleinen
innerlichen Sturms fr dienlich halten.  Ich will sogleich schreiben,
und Sir William, hoffe ich, soll mit den Beteurungen meiner Reue, mit
den Ausdrcken meines gerhrten Herzens und mit den Angelobungen des
zrtlichsten Gehorsams zufrieden sein.

Sara.  Sir William?  Ach Mellefont, fangen Sie doch nun an, sich an
einen weit zrtlichern Namen zu gewhnen.  Mein Vater, Ihr Vater,
Mellefont--

Mellefont.  Nun ja, Mi, unser gtiger, unser bester Vater!--Ich mute
sehr jung aufhren, diesen sen Namen zu nennen; sehr jung mute ich
den ebenso sen Namen "Mutter" verlernen--

Sara.  Sie haben ihn verlernt, und mir--mir ward es so gut nicht, ihn
nur einmal sprechen zu knnen.  Mein Leben war ihr Tod.--Gott!  ich
ward eine Muttermrderin wider mein Verschulden.  Und wie viel fehlte--
wie wenig, wie nichts fehlte--, so wre ich auch eine Vatermrderin
geworden!  Aber nicht ohne mein Verschulden; eine vorstzliche
Vatermrderin!--Und wer wei, ob ich es nicht schon bin?  Die Jahre,
die Tage, die Augenblicke, die er geschwinder zu seinem Ziele kmmt,
als er ohne die Betrbnis, die ich ihm verursacht, gekommen wre--
diese hab ich ihm--ich habe sie ihm geraubt.  Wenn ihn sein Schicksal
auch noch so alt und lebenssatt sterben lt, so wird mein Gewissen
doch nichts gegen den Vorwurf sichern knnen, da er ohne mich
vielleicht noch spter gestorben wre.  Trauriger Vorwurf, den ich mir
ohne Zweifel nicht machen drfte, wenn eine zrtliche Mutter die
Fhrerin meiner Jugend gewesen wre!  Ihre Lehren, ihr Exempel wrden
mein Herz--So zrtlich blicken Sie mich an, Mellefont?  Sie haben
recht; eine Mutter wrde mich vielleicht mit lauter Liebe tyrannisiert
haben, und ich wrde Mellefonts nicht sein.  Warum wnsche ich mir
denn also das, was mir das weisere Schicksal nur aus Gte versagte?
Seine Fgungen sind immer die besten.  Lassen Sie uns nur das recht
brauchen, was es uns schenkt: einen Vater, der mich noch nie nach
einer Mutter seufzen lassen; einen Vater, der auch Sie ungenossene
Eltern will vergessen lehren.  Welche schmeichelhafte Vorstellung!
Ich verliebe mich selbst darein und vergesse es fast, da in dem
Innersten sich noch etwas regt, das ihm keinen Glauben beimessen will.-
-Was ist es, dieses rebellische Etwas?

Mellefont.  Dieses Etwas, liebste Sara, wie Sie schon selbst gesagt
haben, ist die natrliche furchtsam Schwierigkeit, sich in ein groes
Glck zu finden.--Ach, Ihr Herz machte weniger Bedenken, sich
unglcklich zu glauben, als es jetzt zu seiner eignen Pein macht, sich
fr glcklich zu halten!--Aber wie dem, der in einer schnellen
Kreisbewegung drehend geworden, auch da noch, wenn er schon wieder
still sitzt, die uern Gegenstnde mit ihm herumzugehen scheinen, so
wird auch das Herz, das zu heftig erschttert worden, nicht auf einmal
wieder ruhig.  Es bleibt eine zitternde Bebung oft noch lange zurck,
die wir ihrer eignen Abschwchung berlassen mssen.

Sara.  Ich glaube es, Mellefont, ich glaube es: weil Sie es sagen;
weil ich es wnsche.--Aber lassen Sie uns einer den andern nicht
lnger aufhalten.  Ich will gehen und meinen Brief vollenden.  Ich
darf doch auch den Ihrigen lesen, wenn ich Ihnen den meinigen werde
gezeigt haben?

Mellefont.  Jedes Wort soll Ihrer Beurteilung unterworfen sein; nur
das nicht, was ich zu Ihrer Rettung sagen mu: denn ich wei es, Sie
halten sich nicht fr so unschuldig, als Sie sind.  (Indem er die Sara
bis an die Szene begleitet.)



Zweiter Auftritt


Mellefont (nachdem er einigemal tiefsinnig auf und nieder gegangen).
Was fr ein Rtsel bin ich mir selbst!  Wofr soll ich mich halten?
Fr einen Toren?  oder fr einen Bsewicht?--oder fr beides?--Herz,
was fr ein Schalk bist du!--Ich liebe den Engel, so ein Teufel ich
auch sein mag.--Ich lieb ihn?  Ja, gewi, gewi, ich lieb ihn.  Ich
wei, ich wollte tausend Leben fr sie aufopfern, fr sie, die mir
ihre Tugend aufgeopfert hat!  Ich wollt' es; jetzt gleich ohne Anstand
wollt' ich es--Und doch, doch--Ich erschrecke, mir es selbst zu sagen--
Und doch--Wie soll ich es begreifen?--Und doch frchte ich mich vor
dem Augenblicke, der sie auf ewig vor dem Angesichte der Welt zu der
Meinigen machen wird.--Er ist nun nicht zu vermeiden; denn der Vater
ist vershnt.  Auch weit hinaus werde ich ihn nicht schieben knnen.
Die Verzgerung desselben hat mir schon schmerzhafte Vorwrfe genug
zugezogen.  So schmerzhaft sie aber waren, so waren sie mir doch
ertrglicher als der melancholische Gedanke, auf zeitlebens gefesselt
zu sein.--Aber bin ich es denn nicht schon?--Ich bin es freilich, und
bin es mit Vergngen.--Freilich bin ich schon ihr Gefangener.--Was
will ich also?--Das!--Itzt bin ich ein Gefangener, den man auf sein
Wort frei herumgehen lt: das schmeichelt!  Warum kann es dabei nicht
sein Bewenden haben?  Warum mu ich eingeschmiedet werden und auch
sogar den elenden Schatten der Freiheit entbehren?--Eingeschmiedet?
Nichts anders!--Sara Sampson, meine Geliebte!  Wieviel Seligkeiten
liegen in diesen Worten!  Sara Sampson, meine Ehegattin!--Die Hlfte
dieser Seligkeiten ist verschwunden!  und die andre Hlfte--wird
verschwinden.--Ich Ungeheuer!--Und bei diesen Gesinnungen soll ich an
ihren Vater schreiben?--Doch es sind keine Gesinnungen; es sind
Einbildungen!  Vermaledeite Einbildungen, die mir durch ein zgelloses
Leben so natrlich geworden!  Ich will ihrer los werden, oder--nicht
leben.



Dritter Auftritt

Norton.  Mellefont.


Mellefont.  Du strest mich, Norton!

Norton.  Verzeihen Sie also, mein Herr--(Indem er wieder zurckgehen
will.)

Mellefont.  Nein, nein, bleib da.  Es ist ebensogut, da du mich
strest.  Was willst du?

Norton.  Ich habe von Betty eine sehr freudige Neuigkeit gehrt, und
ich komme, Ihnen dazu Glck zu wnschen.

Mellefont.  Zur Vershnung des Vaters doch wohl?  Ich danke dir.

Norton.  Der Himmel will Sie also noch glcklich machen.

Mellefont.  Wenn er es will--du siehst, Norton, ich lasse mir
Gerechtigkeit widerfahren--, so will er es meinetwegen gewi nicht.

Norton.  Nein, wenn Sie dieses erkennen, so will er es auch Ihretwegen.


Mellefont.  Meiner Sara wegen, einzig und allein meiner Sara wegen.
Wollte seine schon gerstete Rache eine ganze sndige Stadt, weniger
Gerechten wegen, verschonen, so kann er ja wohl auch einen Verbrecher
dulden, wenn eine ihm gefllige Seele an dem Schicksale desselben
Anteil nimmt.

Norton.  Sie sprechen sehr ernsthaft und rhrend.  Aber drckt sich
die Freude nicht etwas anders aus?

Mellefont.  Die Freude, Norton?  Sie ist nun fr mich dahin.

Norton.  Darf ich frei reden?  (Indem er ihn scharf ansieht.)

Mellefont.  Du darfst.

Norton.  Der Vorwurf, den ich an dem heutigen Morgen von Ihnen hren
mute, da ich mich Ihrer Verbrechen teilhaftig gemacht, weil ich dazu
geschwiegen, mag mich bei Ihnen entschuldigen, wenn ich von nun an
seltner schweige.

Mellefont.  Nur vergi nicht, wer du bist.

Norton.  Ich will es nicht vergessen, da ich ein Bedienter bin: ein
Bedienter, der auch etwas Bessers sein knnte, wenn er, leider!
darnach gelebt htte.  Ich bin Ihr Bedienter, ja; aber nicht auf dem
Fue, da ich mich gern mit Ihnen mchte verdammen lassen.

Mellefont.  Mit mir?  Und warum sagst du das itzt?

Norton.  Weil ich nicht wenig erstaune, Sie anders zu finden, als ich
mir vorstellte.

Mellefont.  Willst du mich nicht wissen lassen, was du dir
vorstelltest?

Norton.  Sie in lauter Entzckung zu finden.

Mellefont.  Nur der Pbel wird gleich auer sich gebracht, wenn ihn
das Glck einmal anlchelt.

Norton.  Vielleicht, weil der Pbel noch sein Gefhl hat, das bei
Vornehmern durch tausend unnatrliche Vorstellungen verderbt und
geschwcht wird.  Allein in Ihrem Gesichte ist noch etwas anders als
Migung zu lesen.  Kaltsinn, Unentschlossenheit, Widerwille--

Mellefont.  Und wenn auch?  Hast du es vergessen, wer noch auer der
Sara hier ist?  Die Gegenwart der Marwood--

Norton.  Knnte Sie wohl besorgt, aber nicht niedergeschlagen machen.--
Sie beunruhiget etwas anders.  Und ich will mich gern geirret haben,
wenn Sie es nicht lieber gesehen htten, der Vater wre noch nicht
vershnt.  Die Aussicht in einen Stand, der sich so wenig zu Ihrer
Denkungsart schickt--

Mellefont.  Norton!  Norton!  du mut ein erschrecklicher Bsewicht
entweder gewesen sein oder noch sein, da du mich so erraten kannst.
Weil du es getroffen hast, so will ich es nicht leugnen.  Es ist wahr;
so gewi es ist, da ich meine Sara ewig lieben werde, so wenig will
es mir ein, da ich sie ewig lieben soll--soll!--Aber besorge nichts;
ich will ber diese nrrische Grille siegen.  Oder meinst du nicht,
da es eine Grille ist?  Wer heit mich die Ehe als einen Zwang
ansehen?  Ich wnsche es mir ja nicht, freier zu sein, als sie mich
lassen wird.

Norton.  Diese Betrachtungen sind sehr gut.  Aber Marwood, Marwood
wird Ihren alten Vorurteilen zu Hilfe kommen, und ich frchte, ich
frchte--

Mellefont.  Was nie geschehen wird.  Du sollst sie noch heute nach
London zurckreisen sehen.  Da ich dir meine geheimste--Narrheit will
ich es nur unterdessen nennen--gestanden habe, so darf ich dir auch
nicht verbergen, da ich die Marwood in solche Furcht gejagt habe, da
sie sich durchaus nach meinem geringsten Winke bequemen mu.

Norton.  Sie sagen mir etwas Unglaubliches.

Mellefont.  Sieh, dieses Mrdereisen ri ich ihr aus der Hand (er
zeigt ihm den Dolch, den er der Marwood genommen), als sie mir in der
schrecklichsten Wut das Herz damit durchstoen wollte.  Glaubst du es
nun bald, da ich ihr festen Obstand gehalten habe?  Anfangs zwar
fehlte es nicht viel, sie htte mir ihre Schlinge wieder um den Hals
geworfen.  Die Verrterin hat Arabellen bei sich.

Norton.  Arabellen?

Mellefont.  Ich habe es noch nicht untersuchen knnen, durch welche
List sie das Kind wieder in ihre Hnde bekommen.  Genug, der Erfolg
fiel fr sie nicht so aus, als sie es ohne Zweifel gehofft hatte.

Norton.  Erlauben Sie, da ich mich ber Ihre Standhaftigkeit freuen
und Ihre Besserung schon fr halb geborgen halten darf.  Allein--da
Sie mich doch alles wollen wissen lassen--was hat sie unter dem Namen
der Lady Solmes hier gesollt?

Mellefont.  Sie wollte ihre Nebenbuhlerin mit aller Gewalt sehen.  Ich
willigte in ihr Verlangen, teils aus Nachsicht, teils aus bereilung,
teils aus Begierde, sie durch den Anblick der Besten ihres Geschlechts
zu demtigen.--Du schttelst den Kopf, Norton?--

Norton.  Das htte ich nicht gewagt.

Mellefont.  Gewagt?  Eigentlich wagte ich nichts mehr dabei, als ich
im Falle der Weigerung gewagt htte.  Sie wrde als Marwood
vorzukommen gesucht haben; und das Schlimmste, was bei ihrem
unbekannten Besuche zu besorgen steht, ist nichts Schlimmers.

Norton.  Danken Sie dem Himmel, da es so ruhig abgelaufen.

Mellefont.  Es ist noch nicht ganz vorbei, Norton.  Es stie ihr eine
kleine Unplichkeit zu, da sie sich, ohne Abschied zu nehmen,
wegbegeben mute.  Sie will wiederkommen.--Mag sie doch!  Die Wespe,
die den Stachel verloren hat (indem er auf den Dolch weiset, den er
wieder in den Busen steckt), kann doch weiter nichts als summen.  Aber
auch das Summen soll ihr teuer werden, wenn sie zu berlstig damit
wird.--Hr ich nicht jemand kommen?  Verla mich, wenn sie es ist.--
Sie ist es.  Geh!

(Norton geht ab.)



Vierter Auftritt

Mellefont.  Marwood.


Marwood.  Sie sehen mich ohne Zweifel sehr ungern wiederkommen.

Mellefont.  Ich sehe es sehr gern, Marwood, da Ihre Unplichkeit
ohne Folgen gewesen ist.  Sie befinden sich doch besser?

Marwood.  So, so!

Mellefont.  Sie haben also nicht wohl getan, sich wieder hieher zu
bemhen.

Marwood.  Ich danke Ihnen, Mellefont, wenn Sie dieses aus Vorsorge fr
mich sagen.  Und ich nehme es Ihnen nicht bel, wenn Sie etwas anders
damit meinen.

Mellefont.  Es ist mir angenehm, Sie so ruhig zu sehen.

Marwood.  Der Sturm ist vorber.  Vergessen Sie ihn, bitte ich
nochmals.

Mellefont.  Vergessen Sie nur Ihr Versprechen nicht, Marwood, und ich
will gern alles vergessen.--Aber, wenn ich wte, da Sie es fr keine
Beleidigung annehmen wollten, so mchte ich wohl fragen--

Marwood.  Fragen Sie nur, Mellefont.  Sie knnen mich nicht mehr
beleidigen.--Was wollten Sie fragen?

Mellefont.  Wie ihnen meine Mi gefallen habe.

Marwood.  Die Frage ist natrlich.  Meine Antwort wird so natrlich
nicht scheinen, aber sie ist gleichwohl nichts weniger wahr.--Sie hat
mir sehr wohl gefallen.

Mellefont.  Diese Unparteilichkeit entzckt mich.  Aber wr' es auch
mglich, da der, welcher die Reize einer Marwood zu schtzen wute,
eine schlechte Wahl treffen knnte?

Marwood.  Mit dieser Schmeichelei, Mellefont, wenn es anders eine ist,
htten Sie mich verschonen sollen.  Sie will sich mit meinem Vorsatze,
Sie zu vergessen, nicht vertragen.

Mellefont.  Sie wollen doch nicht, da ich Ihnen diesen Vorsatz durch
Grobheiten erleichtern soll?  Lassen Sie unsere Trennung nicht von der
gemeinen Art sein.  Lassen Sie uns miteinander brechen wie Leute von
Vernunft, die der Notwendigkeit weichen.  Ohne Bitterkeit, ohne Groll
und mit Beibehaltung eines Grades von Hochachtung, wie er sich zu
unserer ehmaligen Vertraulichkeit schickt.

Marwood.  Ehmaligen Vertraulichkeit?--Ich will nicht daran erinnert
sein.  Nichts mehr davon!  Was geschehen mu, mu geschehen und es
kmmt wenig auf die Art an, mit welcher es geschieht.--Aber ein Wort
noch von Arabellen.  Sie wollen mir sie nicht lassen?

Mellefont.  Nein, Marwood.

Marwood.  Es ist grausam, da Sie ihr Vater nicht bleiben knnen, da
Sie ihr auch die Mutter nehmen wollen.

Mellefont.  Ich kann ihr Vater bleiben und will es auch bleiben.

Marwood.  So beweisen Sie es gleich itzt.

Mellefont.  Wie?

Marwood.  Erlauben Sie, da Arabella die Reichtmer, welche ich von
Ihnen in Verwahrung habe, als ihr Vaterteil besitzen darf.  Was ihr
Mutterteil anbelangt, so wollte ich wohl wnschen, da ich ihr ein
beres lassen knnte als die Schande, von mir geboren zu sein.

Mellefont.  Reden Sie nicht so.--Ich will fr Arabellen sorgen, ohne
ihre Mutter wegen eines anstndigen Auskommens in Verlegenheit zu
setzen.  Wenn sie mich vergessen will, so mu sie damit anfangen, da
sie etwas von mir zu besitzen vergit.  Ich habe Verbindlichkeiten
gegen sie und werde es nie aus der Acht lassen, da sie mein wahres
Glck, obschon wider ihren Willen, befrdert hat.  Ja, Marwood, ich
danke Ihnen in allem Ernste, da Sie unsern Aufenthalt einem Vater
verrieten, den blo die Unwissenheit desselben verhinderte, uns nicht
eher wieder anzunehmen.

Marwood.  Martern Sie mich nicht mit einem Danke, den ich niemals habe
verdienen wollen.  Sir William ist ein zu guter alter Narr: er mu
anders denken, als ich an seiner Stelle wrde gedacht haben.  Ich
htte der Tochter vergeben, und ihrem Verfhrer htt' ich--

Mellefont.  Marwood!--

Marwood.  Es ist wahr; Sie sind es selbst.  Ich schweige.--Werde ich
der Mi mein Abschiedskompliment bald machen drfen?

Mellefont.  Mi Sara wrde es Ihnen nicht belnehmen knnen, wenn Sie
auch wegreiseten, ohne sie wiederzusprechen.

Marwood.  Mellefont, ich spiele meine Rollen nicht gern halb, und ich
will, auch unter keinem fremden Namen, fr ein Frauenzimmer ohne
Lebensart gehalten werden.

Mellefont.  Wenn Ihnen Ihre eigne Ruhe lieb ist, so sollten Sie sich
selbst hten, eine Person nochmals zu sehen, die gewisse Vorstellungen
bei Ihnen rege machen mu--

Marwood (spttisch lchelnd).  Sie haben eine bessere Meinung von sich
selbst als von mir.  Wenn Sie es aber auch glaubten, da ich
Ihrentwegen untrstlich sein mte, so sollten Sie es doch wenigstens
ganz in der Stille glauben.--Mi Sara soll gewisse Vorstellungen bei
mir rege machen?  Gewisse?  O ja--aber keine gewisser als diese, da
das beste Mdchen oft den nichtswrdigsten Mann lieben kann.

Mellefont.  Allerliebst, Marwood, allerliebst!  Nun sind Sie gleich in
der Verfassung, in der ich Sie lngst gern gewnscht htte: ob es mir
gleich, wie ich schon gesagt, fast lieber gewesen wre, wenn wir
einige gemeinschaftliche Hochachtung fr einander htten behalten
knnen.  Doch vielleicht findet sich diese noch, wenn nur das grende
Herz erst ausgebrauset hat.--Erlauben Sie, da ich Sie einige
Augenblicke allein lasse.  Ich will Mi Sampson zu Ihnen holen.



Fnfter Auftritt


Marwood (indem sie um sich herumsieht).  Bin ich allein?--Kann ich
unbemerkt einmal Atem schpfen und die Muskeln des Gesichts in ihre
natrliche Lage fahren lassen?--Ich mu geschwind einmal in allen
Mienen die wahre Marwood sein, um den Zwang der Verstellung wieder
aushalten zu knnen.--Wie hasse ich dich, niedrige Verstellung!  Nicht,
weil ich die Aufrichtigkeit liebe, sondern weil du die armseligste
Zuflucht der ohnmchtigen Rachsucht bist.  Gewi wrde ich mich zu dir
nicht herablassen, wenn mir ein Tyrann seine Gewalt oder der Himmel
seinen Blitz anvertrauen wollte.--Doch wann du mich nur zu meinem
Zwecke bringst!--Der Anfang verspricht es; und Mellefont scheinet noch
sichrer werden zu wollen.  Wenn mir meine List gelingt, da ich mit
seiner Sara allein sprechen kann: so--ja, so ist es doch noch sehr
ungewi, ob es mir etwas helfen wird.  Die Wahrheiten von dem
Mellefont werden ihr vielleicht nichts Neues sein; die Verleumdungen
wird sie vielleicht nicht glauben und die Drohungen vielleicht
verachten.  Aber doch soll sie Wahrheit, Verleumdung und Drohungen von
mir hren.  Es wre schlecht, wenn sie in ihrem Gemte ganz und gar
keinen Stachel zurcklieen.--Still!  sie kommen.  Ich bin nun nicht
mehr Marwood; ich bin eine nichtswrdige Verstoene, die durch kleine
Kunstgriffe die Schande von sich abzuwehren sucht; ein getretner Wurm,
der sich krmmet und dem, der ihn getreten hat, wenigstens die Ferse
gern verwunden mchte.



Sechster Auftritt

Sara.  Mellefont.  Marwood.


Sara.  Ich freue mich, Lady, da meine Unruhe vergebens gewesen ist.

Marwood.  Ich danke Ihnen, Mi.  Der Zufall war zu klein, als da er
Sie htte beunruhigen sollen.

Mellefont.  Lady will sich Ihnen empfehlen, liebste Sara.

Sara.  So eilig, Lady?

Marwood.  Ich kann es fr die, denen an meiner Gegenwart in London
gelegen ist, nicht genug sein.

Sara.  Sie werden doch heute nicht wieder aufbrechen?

Marwood.  Morgen mit dem Frhsten.

Mellefont.  Morgen mit dem Frhsten, Lady?  Ich glaubte, noch heute.

Sara.  Unsere Bekanntschaft, Lady, fngt sich sehr im Vorbeigehn an.
Ich schmeichle mir, in Zukunft eines nhern Umgangs mit Ihnen
gewrdiget zu werden.

Marwood.  Ich bitte um Ihre Freundschaft, Mi.

Mellefont.  Ich stehe Ihnen dafr, liebste Sara, da diese Bitte der
Lady aufrichtig ist, ob ich Ihnen gleich voraussagen mu, da Sie
einander ohne Zweifel lange nicht wiedersehen werden.  Lady wird sich
mit uns sehr selten an einem Orte aufhalten knnen--

Marwood (beiseite).  Wie fein!

Sara.  Mellefont, das heit mir eine sehr angenehme Hoffnung rauben.

Marwood.  Ich werde am meisten dabei verlieren, glckliche Mi.

Mellefont.  Aber in der Tat, Lady, wollen Sie erst morgen frh wieder
fort?

Marwood.  Vielleicht auch eher.  (Beiseite.)  Es will noch niemand
kommen!

Mellefont.  Auch wir wollen uns nicht lange mehr hier aufhalten.
Nicht wahr, liebste Mi, es wird gut sein, wenn wir unserer Antwort
ungesumt nachfolgen?  Sir William kann unsere Eilfertigkeit nicht
belnehmen.



Siebenter Auftritt

Betty.  Mellefont.  Sara.  Marwood.


Mellefont.  Was willst du, Betty?

Betty.  Man verlangt Sie unverzglich zu sprechen.

Marwood (beiseite).  Ha!  nun kmmt es drauf an--

Mellefont.  Mich?  unverzglich?  Ich werde gleich kommen.--Lady, ist
es Ihnen gefllig, Ihren Besuch abzukrzen?

Sara.  Warum das, Mellefont?--Lady wird so gtig sein und bis zu Ihrer
Zurckkunft warten.

Marwood.  Verzeihen Sie, Mi; ich kenne meinen Vetter Mellefont und
will mich lieber mit ihm wegbegeben.

Betty.  Der Fremde, mein Herr--Er will Sie nur auf ein Wort sprechen.
Er sagt, er habe keinen Augenblick zu versumen--

Mellefont.  Geh nur; ich will gleich bei ihm sein--Ich vermute, Mi,
da es eine endliche Nachricht von dem Vergleiche sein wird, dessen
ich gegen Sie gedacht habe.

(Betty gehet ab.)

Marwood (beiseite).  Gute Vermutung!

Mellefont.  Aber doch, Lady--

Marwood.  Wenn Sie es denn befehlen--Mi, so mu ich mich Ihnen--

Sara.  Nein doch, Mellefont: Sie werden mir ja das Vergngen nicht
mignnen, Lady Solmes so lange unterhalten zu drfen?

Mellefont.  Sie wollen es, Mi?--

Sara.  Halten Sie sich nicht auf, liebster Mellefont, und kommen Sie
nur bald wieder.  Aber mit einem freudigern Gesichte, will ich
wnschen!  Sie vermuten ohne Zweifel eine unangenehme Nachricht.
Lassen Sie sich nichts anfechten; ich bin begieriger, zu sehen, ob Sie
allenfalls auf eine gute Art mich einer Erbschaft vorziehen knnen,
als ich begierig bin, Sie in dem Besitze derselben zu wissen.--

Mellefont.  Ich gehorche.  (Warnend.)  Lady, ich bin ganz gewi den
Augenblick wieder hier.  (Geht ab.)

Marwood (beiseite).  Glcklich!



Achter Auftritt

Sara.  Marwood.


Sara.  Mein guter Mellefont sagt seine Hflichkeiten manchmal mit
einem ganz falschen Tone.  Finden Sie es nicht auch, Lady?--

Marwood.  Ohne Zweifel bin ich seiner Art schon allzu gewohnt, als da
ich so etwas bemerken knnte.

Sara.  Wollen sich Lady nicht setzen?

Marwood.  Wenn Sie befehlen, Mi--(Beiseite, indem sie sich setzen.)
Ich mu diesen Augenblick nicht ungebraucht vorbeistreichen lassen.

Sara.  Sagen Sie mir, Lady, werde ich nicht das glcklichste
Frauenzimmer mit meinem Mellefont werden?

Marwood.  Wenn sich Mellefont in sein Glck zu finden wei, so wird
ihn Mi Sara zu der beneidenswrdigsten Mannsperson machen.  Aber--

Sara.  Ein Aber und eine so nachdenkliche Pause, Lady--

Marwood.  Ich bin offenherzig, Mi--

Sara.  Und dadurch unendlich schtzbarer--

Marwood.  Offenherzig--nicht selten bis zur Unbedachtsamkeit.  Mein
Aber ist der Beweis davon.  Ein sehr unbedchtiges Aber!

Sara.  Ich glaube nicht, da mich Lady durch diese Ausweichung noch
unruhiger machen wollen.  Es mag wohl eine grausame Barmherzigkeit
sein, ein bel, das man zeigen knnte, nur argwhnen zu lassen.

Marwood.  Nicht doch, Mi; Sie denken bei meinem Aber viel zu viel.
Mellefont ist mein Anverwandter--

Sara.  Desto wichtiger wird die geringste Einwendung, die Sie wider
ihn zu machen haben.

Marwood.  Aber wenn Mellefont auch mein Bruder wre, so mu ich Ihnen
doch sagen, da ich mich ohne Bedenken einer Person meines Geschlechts
gegen ihn annehmen wrde, wenn ich bemerkte, da er nicht
rechtschaffen genug an ihr handle.  Wir Frauenzimmer sollten billig
jede Beleidigung, die einer einzigen von uns erwiesen wird, zu
Beleidigungen des ganzen Geschlechts und zu einer allgemeinen Sache
machen, an der auch die Schwester und Mutter des Schuldigen Anteil zu
nehmen sich nicht bedenken mten.

Sara.  Diese Anmerkung--

Marwood.  Ist schon dann und wann in zweifelhaften Fllen meine
Richtschnur gewesen.

Sara.  Und verspricht mir--Ich zittere--

Marwood.  Nein, Mi; wenn Sie zittern wollen--Lassen Sie uns von etwas
anderm sprechen--

Sara.  Grausame Lady!

Marwood.  Es tut mir leid, da ich verkannt werde.  Ich wenigstens,
wenn ich mich in Gedanken an Mi Sampsons Stelle setze, wrde jede
nhere Nachricht, die man mir von demjenigen geben wollte, mit dessen
Schicksale ich das meinige auf ewig zu verbinden bereit wre, als eine
Wohltat ansehen.

Sara.  Was wollen Sie, Lady?  Kenne ich meinen Mellefont nicht schon?
Glauben Sie mir, ich kenne ihn wie meine eigne Seele.  Ich wei, da
er mich liebt--

Marwood.  Und andre--

Sara.  Geliebt hat.  Auch das wei ich.  Hat er mich lieben sollen,
ehe er von mir etwas wute?  Kann ich die einzige zu sein verlangen,
die fr ihn Reize genug gehabt hat?  Mu ich mir es nicht selbst
gestehen, da ich mich, ihm zu gefallen, bestrebt habe?  Ist er nicht
liebenswrdig genug, da er bei mehrern dieses Bestreben hat erwecken
mssen?  Und ist es nicht natrlich, wenn mancher dieses Bestreben
gelungen ist?

Marwood.  Sie verteidigen ihn mit ebender Hitze und fast mit ebenden
Grnden, mit welchen ich ihn schon oft verteidiget habe.  Es ist kein
Verbrechen, geliebt haben; noch viel weniger ist es eines, geliebet
worden sein.  Aber die Flatterhaftigkeit ist ein Verbrechen.

Sara.  Nicht immer; denn oft, glaube ich, wird sie durch die
Gegenstnde der Liebe entschuldiget, die es immer zu bleiben selten
verdienen.

Marwood.  Mi Sampsons Sittenlehre scheinet nicht die strengste zu
sein.

Sara.  Es ist wahr; die, nach der ich diejenigen zu richten pflege,
welche es selbst gestehen, da sie auf Irrwegen gegangen sind, ist die
strengste nicht.  Sie mu es auch nicht sein.  Denn hier kmmt es
nicht darauf an, die Schranken zu bestimmen, die uns die Tugend bei
der Liebe setzt, sondern blo darauf, die menschliche Schwachheit zu
entschuldigen, wenn sie in diesen Schranken nicht geblieben ist, und
die daraus entstehenden Folgen nach den Regeln der Klugheit zu
beurteilen.  Wenn zum Exempel ein Mellefont eine Marwood liebt und sie
endlich verlt; so ist dieses Verlassen, in Vergleichung mit der
Liebe selbst, etwas sehr Gutes.  Es wre ein Unglck, wenn er eine
Lasterhafte deswegen, weil er sie einmal geliebt hat, ewig lieben
mte.

Marwood.  Aber, Mi, kennen Sie denn diese Marwood, welche Sie so
getrost eine Lasterhafte nennen?

Sara.  Ich kenne sie aus der Beschreibung des Mellefont.

Marwood.  Des Mellefont?  Ist es Ihnen denn nie beigefallen, da
Mellefont in seiner eigenen Sache nichts anders als ein sehr
ungltiger Zeuge sein knne?

Sara.--Nun merke ich es erst, Lady, da Sie mich auf die Probe stellen
wollen.  Mellefont wird lcheln, wenn Sie es ihm wiedersagen werden,
wie ernsthaft ich mich seiner angenommen.

Marwood.  Verzeihen Sie, Mi; von dieser Unterredung mu Mellefont
nichts wiedererfahren.  Sie denken zu edel, als da Sie, zum Danke fr
eine wohlgemeinte Warnung, eine Anverwandte mit ihm entzweien wollten,
die sich nur deswegen wider ihn erklrt, weil sie sein unwrdiges
Verfahren gegen mehr als eine der liebenswrdigsten Personen unsers
Geschlechts so ansieht, als ob sie selbst darunter gelitten htte.

Sara.  Ich will niemand entzweien, Lady; und ich wnschte, da es
andre ebensowenig wollten.

Marwood.  Soll ich Ihnen die Geschichte der Marwood in wenig Worten
erzhlen?

Sara.  Ich wei nicht--Aber doch ja, Lady; nur mit dem Beding, da Sie
davon aufhren sobald Mellefont zurckkmmt.  Er mchte denken, ich
htte mich aus eignem Triebe darnach erkundiget; und ich wollte nicht
gern, da er mir eine ihm so nachteilige Neubegierde zutrauen knnte.

Marwood.  Ich wrde Mi Sampson um gleiche Vorsicht gebeten haben,
wenn sie mir nicht zuvorgekommen wre.  Er mu es auch nicht argwhnen
knnen, da Marwood unser Gesprch gewesen ist; und Sie werden so
behutsam sein, Ihre Maregeln ganz in der Stille darnach zu nehmen.--
Hren Sie nunmehr!--Marwood ist aus einem guten Geschlechte.  Sie war
eine junge Witwe, als sie Mellefont bei einer ihrer Freundinnen
kennenlernte.  Man sagt, es habe ihr weder an Schnheit noch an
derjenigen Anmut gemangelt, ohne welche die Schnheit tot sein wrde.
Ihr guter Name war ohne Flecken.  Ein einziges fehlte ihr:--Vermgen.
Alles, was sie besessen hatte--und es sollen ansehnliche Reichtmer
gewesen sein--, hatte sie fr die Befreiung eines Mannes aufgeopfert,
dem sie nichts in der Welt vorenthalten zu drfen glaubte, nachdem sie
ihm einmal ihr Herz und ihre Hand schenken wollen.

Sara.  Wahrlich ein edler Zug, Lady, von dem ich wollte, da er in
einem bessern Gemlde prangte!

Marwood.  Des Mangels an Vermgen ungeachtet ward sie von Personen
gesucht, die nichts eifriger wnschten, als sie glcklich zu machen.
Unter diesen reichen und vornehmen Anbetern trat Mellefont auf.  Sein
Antrag war ernstlich, und der berflu, in welchen er die Marwood zu
setzen versprach, war das geringste, worauf er sich sttzte.  Er hatte
es bei der ersten Unterredung weg, da er mit keiner Eigenntzigen zu
tun habe, sondern mit einem Frauenzimmer, voll des zrtlichsten
Gefhls, welches eine Htte einem Palaste wrde vorgezogen haben, wenn
sie in jener mit einer geliebten und in diesem mit einer
gleichgltigen Person htte leben sollen.

Sara.  Wieder ein Zug, den ich der Marwood nicht gnne.  Schmeicheln
Sie ihr ja nicht mehr, Lady; oder ich mchte sie am Ende bedauern
mssen.

Marwood.  Mellefont war eben im Begriffe, sich auf die feierlichste
Art mit ihr zu verbinden, als er Nachricht von dem Tode eines Vetters
bekam, welcher ihm sein ganzes Vermgen mit der Bedingung hinterlie,
eine weitluftige Anverwandte zu heiraten.  Hatte Marwood seinetwegen
reichere Verbindungen ausgeschlagen, so wollte er ihr nunmehr an
Gromut nichts nachgeben.  Er war willens, ihr von dieser Erbschaft
eher nichts zu sagen, als bis er sich derselben durch sie wrde
verlustig gemacht haben.--Nicht wahr, Mi, das war gro gedacht?

Sara.  O Lady, wer wei es besser als ich, da Mellefont das edelste
Herz besitzt?

Marwood.  Was aber tat Marwood?  Sie erfuhr es unter der Hand, noch
spt an einem Abende, wozu sich Mellefont ihrentwegen entschlossen
htte.  Mellefont kam des Morgens, sie zu besuchen, und Marwood war
fort.

Sara.  Wohin?  Warum?

Marwood.  Er fand nichts als einen Brief von ihr, worin sie ihm
entdeckte, da er sich keine Rechnung machen drfe, sie jemals
wiederzusehen.  Sie leugne es zwar nicht, da sie ihn liebe; aber eben
deswegen knne sie sich nicht berwinden, die Ursache einer Tat zu
sein, die er notwendig einmal bereuen msse.  Sie erlasse ihn seines
Versprechens und ersuche ihn, ohne weiteres Bedenken, durch die
Vollziehung der in dem Testamente vorgeschriebnen Verbindung, in den
Besitz eines Vermgens zu treten, welches ein Mann von Ehre zu etwas
Wichtigerm brauchen knne, als einem Frauenzimmer eine unberlegte
Schmeichelei damit zu machen.

Sara.  Aber, Lady, warum leihen Sie der Marwood so vortreffliche
Gesinnungen?  Lady Solmes kann derselben wohl fhig sein, aber nicht
Marwood.  Gewi Marwood nicht.

Marwood.  Es ist nicht zu verwundern, Mi, da Sie wider sie
eingenommen sind.--Mellefont wollte ber den Entschlu der Marwood von
Sinnen kommen.  Er schickte berall Leute aus, sie wieder aufzusuchen;
und endlich fand er sie.

Sara.  Weil sie sich finden lassen wollte, ohne Zweifel.

Marwood.  Keine bittere Glossen, Mi!  Sie geziemen einem Frauenzimmer
von einer sonst so sanften Denkungsart nicht.--Er fand sie, sag ich;
und fand sie unbeweglich.  Sie wollte seine Hand durchaus nicht
annehmen; und alles, was er von ihr erhalten konnte, war dieses, da
sie nach London zurckzukommen versprach.  Sie wurden eins, ihre
Vermhlung so lange auszusetzen, bis die Anverwandte, des langen
Verzgerns berdrssig, einen Vergleich vorzuschlagen gezwungen sei.
Unterdessen konnte sich Marwood nicht wohl der tglichen Besuche des
Mellefont entbrechen, die eine lange Zeit nichts als ehrfurchtsvolle
Besuche eines Liebhabers waren, den man in die Grenzen der
Freundschaft zurckgewiesen hat.  Aber wie unmglich ist es, da ein
hitziges Temperament diese engen Grenzen nicht berschreiten sollte!
Mellefont besitzt alles, was uns eine Mannsperson gefhrlich machen
kann.  Niemand kann hiervon berzeugter sein als Mi Sampson selbst.

Sara.  Ach!

Marwood.  Sie seufzen?  Auch Marwood hat ber ihre Schwachheit mehr
als einmal geseufzet und seufzet noch.

Sara.  Genug, Lady, genug; diese Wendung, sollte ich meinen, war mehr
als eine bittere Glosse, die Sie mir zu untersagen beliebten.

Marwood.  Ihre Absicht war nicht, zu beleidigen, sondern blo die
unglckliche Marwood Ihnen in einem Lichte zu zeigen, in welchem Sie
am richtigsten von ihr urteilen knnten.--Kurz, die Liebe gab dem
Mellefont die Rechte eines Gemahls; und Mellefont hielt es lnger
nicht fr ntig, sie durch die Gesetze gltig machen zu lassen.  Wie
glcklich wre Marwood, wenn sie, Mellefont und der Himmel nur allein
von ihrer Schande wten!  Wie glcklich, wenn nicht eine jammernde
Tochter dasjenige der ganzen Welt entdeckte, was sie vor sich selbst
verbergen zu knnen wnschte!

Sara.  Was sagen Sie, Lady?  Eine Tochter--

Marwood.  Ja, Mi, eine unglckliche Tochter verlieret durch die
Darzwischenkunft der Sara Sampson alle Hoffnung, ihre Eltern jemals
ohne Abscheu nennen zu knnen.

Sara.  Schreckliche Nachricht!  Und dieses hat mir Mellefont
verschwiegen?--Darf ich es auch glauben, Lady?

Marwood.  Sie drfen sicher glauben, Mi, da Ihnen Mellefont
vielleicht noch mehr verschwiegen hat.

Sara.  Noch mehr?  Was knnte er mir noch mehr verschwiegen haben?

Marwood.  Dieses, da er die Marwood noch liebt.

Sara.  Sie tten mich, Lady!

Marwood.  Es ist unglaublich, da sich eine Liebe, welche lnger als
zehn Jahr gedauert hat, so geschwind verlieren knne.  Sie kann zwar
eine kurze Verfinsterung leiden, weiter aber auch nichts als eine
kurze Verfinsterung, aus welcher sie hernach mit neuem Glanze wieder
hervorbricht.  Ich knnte Ihnen eine Mi Oklaff, eine Mi Dorkas, eine
Mi Moor und mehrere nennen, welche, eine nach der andern, der Marwood
einen Mann abspenstig zu machen drohten, von welchem sie sich am Ende
auf das grausamste hintergangen sahen.  Er hat einen gewissen Punkt,
ber welchen er sich nicht bringen lt, und sobald er diesen scharf
in das Gesicht bekmmt, springt er ab.  Gesetzt aber, Mi, Sie wren
die einzige Glckliche, bei welcher sich alle Umstnde wider ihn
erklrten; gesetzt, Sie brchten ihn dahin, da er seinen nunmehr zur
Natur gewordenen Abscheu gegen ein frmliches Joch berwinden mte:
glaubten Sie wohl dadurch seines Herzens versichert zu sein?

Sara.  Ich Unglckliche!  Was mu ich hren!

Marwood.  Nichts weniger.  Alsdann wrde er eben am allerersten in die
Arme derjenigen zurckeilen, die auf seine Freiheit so eiferschtig
nicht gewesen.  Sie wrden seine Gemahlin heien, und jene wrde es
sein.

Sara.  Martern Sie mich nicht lnger mit so schrecklichen
Vorstellungen!  Raten Sie mir vielmehr, Lady, ich bitte Sie, raten Sie
mir, was ich tun soll.  Sie mssen ihn kennen.  Sie mssen es wissen,
durch was es etwa noch mglich ist, ihm ein Band angenehm zu machen,
ohne welches auch die aufrichtigste Liebe eine unheilige Leidenschaft
bleibet.

Marwood.  Da man einen Vogel fangen kann, Mi, das wei ich wohl.
Aber da man ihm seinen Kfig angenehmer als das freie Feld machen
knne, das wei ich nicht.  Mein Rat wre also, ihn lieber nicht zu
fangen und sich den Verdru ber die vergebne Mhe zu ersparen.
Begngen Sie sich, Mi, an dem Vergngen, ihn sehr nahe an Ihrer
Schlinge gesehen zu haben; und weil Sie voraussehen knnen, da er die
Schlinge ganz gewi zerreien werde, wenn Sie ihn vollends
hineinlockten, so schonen Sie Ihre Schlinge und locken ihn nicht
herein.

Sara.  Ich wei nicht, ob ich dieses tndelnde Gleichnis recht
verstehe, Lady--

Marwood.  Wenn Sie verdrielich darber geworden sind, so haben Sie es
verstanden.--Mit einem Worte, Ihr eigner Vorteil sowohl als der
Vorteil einer andern, die Klugheit sowohl als die Billigkeit knnen
und sollen Mi Sampson bewegen, ihre Ansprche auf einen Mann
aufzugeben, auf den Marwood die ersten und strksten hat.  Noch stehen
Sie, Mi, mit ihm so, da Sie, ich will nicht sagen mit vieler Ehre,
aber doch ohne ffentliche Schande von ihm ablassen knnen.  Eine
kurze Verschwindung mit einem Liebhaber ist zwar ein Fleck, aber doch
ein Fleck, den die Zeit ausbleichet.  In einigen Jahren ist alles
vergessen, und es finden sich fr eine reiche Erbin noch immer
Mannspersonen, die es so genau nicht nehmen.  Wenn Marwood in diesen
Umstnden wre und sie brauchte weder fr ihre im Abzuge begriffene
Reize einen Gemahl noch fr ihre hilflose Tochter einen Vater, so wei
ich gewi, Marwood wrde gegen Mi Sampson gromtiger handeln, als
Mi Sampson gegen die Marwood zu handeln schimpfliche Schwierigkeiten
macht.

Sara (indem sie unwillig aufsteht).  Das geht zu weit!  Ist dieses die
Sprache einer Anverwandten des Mellefont?--Wie unwrdig verrt man Sie,
Mellefont!--Nun merke ich es, Lady, warum er Sie so ungern bei mir
allein lassen wollte.  Er mag es schon wissen, wieviel man von Ihrer
Zunge zu frchten habe.  Eine giftige Zunge!--Ich rede dreist!  Denn
Lady haben lange genug unanstndig geredet.  Wodurch hat Marwood sich
eine solche Vorsprecherin erwerben knnen, die alle ihre
Erfindungskraft aufbietet, mir einen blendenden Roman von ihr
aufzudrngen, und alle Rnke anwendet, mich gegen die Redlichkeit
eines Mannes argwhnisch zu machen, der ein Mensch, aber kein
Ungeheuer ist?  Ward es mir nur deswegen gesagt, da sich Marwood
einer Tochter von ihm rhme; ward mir nur deswegen diese und jene
betrogene Mi genannt, damit man mir am Ende auf die empfindlichste
Art zu verstehen geben knne, ich wrde wohl tun, wenn ich mich selbst
einer verhrteten Buhlerin nachsetzte?

Marwood.  Nur nicht so hitzig, mein junges Frauenzimmer.  Eine
verhrtete Buhlerin?--Sie brauchen wahrscheinlicherweise Worte, deren
Kraft Sie nicht berleget haben.

Sara.  Erscheint sie nicht als eine solche, selbst in der Schilderung
der Lady Solmes?--Gut, Lady; Sie sind ihre Freundin, ihre vertrauteste
Freundin vielleicht.  Ich sage dieses nicht als einen Vorwurf; denn es
kann leicht in der Welt nicht wohl mglich sein, nur lauter
tugendhafte Freunde zu haben.  Allein wie komme ich dazu, dieser Ihrer
Freundschaft wegen so tief herabgestoen zu werden?  Wenn ich der
Marwood Erfahrung gehabt htte, so wrde ich den Fehltritt gewi nicht
getan haben, der mich mit ihr in eine so erniedrigende Parallel setzt.
Htte ich ihn aber doch getan, so wrde ich wenigstens nicht zehn
Jahr darin verharret sein.  Es ist ganz etwas anders, aus Unwissenheit
auf das Laster treffen, und ganz etwas anders, es kennen und
demungeachtet mit ihm vertraulich werden.--Ach, Lady, wenn Sie es
wten, was fr Reue, was fr Gewissensbisse, was fr Angst mich mein
Irrtum gekostet!  Mein Irrtum, sag ich; denn warum soll ich lnger so
grausam gegen mich sein und ihn als ein Verbrechen betrachten?  Der
Himmel selbst hrt auf, ihn als ein solches anzusehen; er nimmt die
Strafe von mir und schenkt mir einen Vater wieder--Ich erschrecke,
Lady; wie verndern sich auf einmal die Zge Ihres Gesichts?  Sie
glhen; aus dem starren Auge schreckt Wut, und des Mundes knirschende
Bewegung--Ach!  wo ich Sie erzrnt habe, Lady, so bitte ich um
Verzeihung.  Ich bin eine empfindliche Nrrin; was Sie gesagt haben,
war ohne Zweifel so bse nicht gemeint.  Vergessen Sie meine
bereilung.  Wodurch kann ich Sie besnftigen?  Wodurch kann auch ich
mir eine Freundin an Ihnen erwerben, so wie sie Marwood an Ihnen
gefunden hat?  Lassen Sie mich, Lady, lassen Sie mich fufllig darum
bitten--(indem sie niederfllt), um Ihre Freundschaft, Lady--Und wo
ich diese nicht erhalten kann, um die Gerechtigkeit wenigstens, mich
und Marwood nicht in einen Rang zu setzen.

Marwood (die einige Schritte stolz zurcktritt und die Sara liegen
lt).  Diese Stellung der Sara Sampson ist fr Marwood viel zu
reizend, als da sie nur unerkannt darber frohlocken sollte--Erkennen
Sie, Mi, in mir die Marwood, mit der Sie nicht verglichen zu werden
die Marwood selbst fufllig bitten.

Sara (die voller Erschrecken aufspringt und sich zitternd zurckzieht).
Sie Marwood?--Ha!  Nun erkenn ich sie--nun erkenn ich sie, die
mrdrische Retterin, deren Dolche mich ein warnender Traum preisgab.
Sie ist es!  Flieh, unglckliche Sara!  Retten Sie mich, Mellefont;
retten Sie Ihre Geliebte!  Und du, se Stimme meines geliebten Vaters,
erschalle!  Wo schallt sie?  wo soll ich auf sie zueilen?--hier?--da?--
Hilfe, Mellefont!  Hilfe, Betty!--Itzt dringt sie mit ttender Faust
auf mich ein!  Hilfe!  (Eilt ab.)



Neunter Auftritt


Marwood.  Was will die Schwrmerin?--O da sie wahr red'te und ich mit
ttender Faust auf sie eindrnge!  Bis hieher htte ich den Stahl
sparen sollen, ich Trichte!  Welche Wollust, eine Nebenbuhlerin in
der freiwilligen Erniedrigung zu unsern Fen durchbohren zu knnen!--
Was nun?--Ich bin entdeckt.  Mellefont kann den Augenblick hier sein.
Soll ich ihn fliehen?  Soll ich ihn erwarten?  Ich will ihn erwarten,
aber nicht mig.  Vielleicht, da ihn die glckliche List meines
Bedienten noch lange genug aufhlt!--Ich sehe, ich werde gefrchtet.
Warum folge ich ihr also nicht?  Warum versuche ich nicht noch das
letzte, das ich wider sie brauchen kann?  Drohungen sind armselige
Waffen: doch die Verzweiflung verschmht keine, so armselig sie sind.
Ein schreckhaftes Mdchen, das betubt und mit zerrtteten Sinnen
schon vor meinem Namen flieht, kann leicht frchterliche Worte fr
frchterliche Taten halten.  Aber Mellefont?--Mellefont wird ihr
wieder Mut machen und sie ber meine Drohungen spotten lehren.  Er
wird?  Vielleicht wird er auch nicht.  Es wre wenig in der Welt
unternommen worden, wenn man nur immer auf den Ausgang gesehen htte.
Und bin ich auf den unglcklichsten nicht schon vorbereitet?--Der
Dolch war fr andre, das Gift ist fr mich!--Das Gift fr mich!  Schon
lngst mit mir herumgetragen, wartet es hier, dem Herzen bereits nahe,
auf den traurigen Dienst; hier, wo ich in bessern Zeiten die
geschriebenen Schmeicheleien der Anbeter verbarg; fr uns ein ebenso
gewisses, aber nur langsamres Gift.--Wenn es doch nur bestimmt wre,
in meinen Adern nicht allein zu toben!  Wenn es doch einem Ungetreuen--
Was halte ich mich mit Wnschen auf?--Fort!  Ich mu weder mich noch
sie zu sich selbst kommen lassen.  Der will sich nichts wagen, der
sich mit kaltem Blute wagen will.  (Gehet ab.)

(Ende des vierten Aufzuges.)





Fnfter Aufzug



Erster Auftritt

Das Zimmer der Sara.


Sara (schwach in einem Lehnstuhle).  Betty.

Betty.  Fhlen Sie nicht, Mi, da Ihnen ein wenig besser wird?

Sara.  Besser, Betty?--Wenn nur Mellefont wiederkommen wollte.  Du
hast doch nach ihm ausgeschickt?

Betty.  Norton und der Wirt suchen ihn.

Sara.  Norton ist ein guter Mensch, aber er ist hastig.  Ich will
durchaus nicht, da er seinem Herrn meinetwegen Grobheiten sagen soll.
Wie er es selbst erzhlte, so ist Mellefont ja an allem unschuldig.
Nicht wahr, Betty, du hltst ihn auch fr unschuldig--Sie kmmt ihm
nach; was kann er dafr?  Sie tobt, sie raset, sie will ihn ermorden.
Siehst du, Betty?  dieser Gefahr habe ich ihn ausgesetzt.  Wer sonst
als ich?--Und endlich will die bse Marwood mich sehen oder nicht eher
nach London zurckkehren.  Konnte er ihr diese Kleinigkeit abschlagen?
Bin ich doch auch oft begierig gewesen, die Marwood zu sehen.
Mellefont wei wohl, da wir neugierige Geschpfe sind.  Und wenn ich
nicht selbst darauf gedrungen htte, da sie bis zu seiner Zurckkunft
bei mir verziehen sollte, so wrde er sie wieder mit weggenommen haben.
Ich wrde sie unter einem falschen Namen gesehen haben, ohne zu
wissen, da ich sie gesehen htte.  Und vielleicht wrde mir dieser
kleine Betrug einmal angenehm gewesen sein.  Kurz, alle Schuld ist
mein.--Je nun, ich bin erschrocken; weiter bin ich ja nichts?  Die
kleine Ohnmacht wollte nicht viel sagen.  Du weit wohl, Betty, ich
bin dazu geneigt.

Betty.  Aber in so tiefer hatte ich Mi noch nie gesehen.

Sara.  Sage es mir nur nicht.  Ich werde dir gutherzigen Mdchen
freilich zu schaffen gemacht haben.

Betty.  Marwood selbst schien durch die Gefahr, in der Sie sich
befanden, gerhret zu sein.  So stark ich ihr auch anlag, da sie sich
nur fortbegeben mchte, so wollte sie doch das Zimmer nicht eher
verlassen, als bis Sie die Augen ein wenig wieder aufschlugen und ich
Ihnen die Arzenei einflen konnte.

Sara.  Ich mu es wohl gar fr ein Glck halten, da ich in Ohnmacht
gefallen bin.  Denn wer wei, was ich noch von ihr htte hren mssen.
Umsonst mochte sie mir gewi nicht in mein Zimmer gefolgt sein.  Du
glaubst nicht, wie auer mir ich war.  Auf einmal fiel mir der
schreckliche Traum von voriger Nacht ein, und ich flohe als eine
Unsinnige, die nicht wei, warum und wohin sie flieht.--Aber Mellefont
kmmt noch nicht.--Ach!

Betty.  Was fr ein Ach, Mi?  Was fr Zuckungen?--

Sara.  Gott!  was fr eine Empfindung war dieses--

Betty.  Was stt Ihnen wieder zu?

Sara.  Nichts, Betty.--Ein Stich!  nicht ein Stich, tausend feurige
Stiche in einem!--Sei nur ruhig; es ist vorbei.



Zweiter Auftritt

Norton.  Sara.  Betty.


Norton.  Mellefont wird den Augenblick hier sein.

Sara.  Nun, das ist gut, Norton.  Aber wo hast du ihn noch gefunden?

Norton.  Ein Unbekannter hat ihn bis vor das Tor mit sich gelockt, wo
ein Herr auf ihn warte, der in Sachen von der grten Wichtigkeit mit
ihm sprechen msse.  Nach langem Herumfhren hat sich der Betrger ihm
von der Seite geschlichen.  Es ist sein Unglck, wo er sich ertappen
lt; so wtend ist Mellefont.

Sara.  Hast du ihm gesagt, was vorgegangen?

Norton.  Alles.

Sara.  Aber mit einer Art--

Norton.  Ich habe auf die Art nicht denken knnen.  Genug, er wei es,
was fr Angst Ihnen seine Unvorsichtigkeit wieder verursacht hat.

Sara.  Nicht doch, Norton; ich habe mir sie selbst verursacht.--

Norton.  Warum soll Mellefont niemals unrecht haben?--Kommen Sie nur,
mein Herr; die Liebe hat Sie bereits entschuldiget.



Dritter Auftritt

Mellefont.  Norton.  Sara.  Betty.


Mellefont.  Ach, Mi, wenn auch diese Ihre Liebe nicht wre--

Sara.  So wre ich von uns beiden gewi die Unglcklichste.  Ist Ihnen
in Ihrer Abwesenheit nur nichts Verdrielichers zugestoen als mir, so
bin ich vergngt.

Mellefont.  So gtig empfangen zu werden, habe ich nicht verdient.

Sara.  Verzeihen Sie es meiner Schwachheit, da ich Sie nicht
zrtlicher empfangen kann.  Blo Ihrer Zufriedenheit wegen wnschte
ich, mich weniger krank zu fhlen.

Mellefont.  Ha, Marwood, diese Verrterei war noch brig!  Der
Nichtswrdige, der mich mit der geheimnisvollsten Miene aus einer
Strae in die andre, aus einem Winkel in den andern fhrte, war gewi
nichts anders als ein Abgeschickter von ihr.  Sehen Sie, liebste Mi,
diese List wandte sie an, mich von Ihnen zu entfernen.  Eine plumpe
List, ohne Zweifel; aber eben weil sie plump war, war ich weit davon
entfernt, sie dafr zu halten.  Umsonst mu sie so treulos nicht
gewesen sein!  Geschwind, Norton, geh in ihre Wohnung; la sie nicht
aus den Augen, und halte sie so lange auf, bis ich nachkomme.

Sara.  Wozu dieses, Mellefont?  Ich bitte fr Marwood.

Mellefont.  Geh!

(Norton geht ab.)



Vierter Auftritt

Sara.  Mellefont.  Betty.


Sara.  Lassen Sie doch einen abgematteten Feind, der den letzten
fruchtlosen Sturm gewagt hat, ruhig abziehen.  Ich wrde ohne Marwood
vieles nicht wissen--

Mellefont.  Vieles?  Was ist das Viele?

Sara.  Was Sie mir selbst nicht gesagt htten, Mellefont.--Sie werden
stutzig?--Nun wohl, ich will es wieder vergessen, weil Sie doch nicht
wollen, da ich es wissen soll.

Mellefont.  Ich will nicht hoffen, da Sie etwas zu meinem Nachteile
glauben werden, was keinen andern Grund hat als die Eifersucht einer
aufgebrachten Verleumderin.

Sara.  Auf ein andermal hiervon!--Warum aber lassen Sie es nicht das
erste sein, mir von der Gefahr zu sagen, in der sich Ihr kostbares
Leben befunden hat?  Ich, Mellefont, ich wrde den Stahl geschliffen
haben, mit dem Sie Marwood durchstoen htte--

Mellefont.  Diese Gefahr war so gro nicht.  Marwood ward von einer
blinden Wut getrieben, und ich war bei kaltem Blute.  Ihr Angriff also
mute milingen--Wenn ihr ein andrer, auf der Mi Sara gute Meinung
von ihrem Mellefont, nur nicht besser gelungen ist!  Fast mu ich es
frchten--Nein, liebste Mi, verschweigen Sie mir es nicht lnger, was
Sie von ihr wollen erfahren haben.

Sara.  Nun wohl.--Wenn ich noch den geringsten Zweifel an Ihrer Liebe
gehabt htte, Mellefont, so wrde mir ihn die tobende Marwood benommen
haben.  Sie mu es gewi wissen, da sie durch mich um das Kostbarste
gekommen sei; denn ein ungewisser Verlust wrde sie bedchtiger haben
gehen lassen.

Mellefont.  Bald werde ich also auf ihre blutdrstige Eifersucht, auf
ihre ungestme Frechheit, auf ihre treulose List einigen Wert legen
mssen!--Aber, Mi, Sie wollen mir wieder ausweichen und mir dasjenige
nicht entdecken--

Sara.  Ich will es; und was ich sagte, war schon ein nherer Schritt
dazu.  Da mich Mellefont also liebt, ist unwidersprechlich gewi.
Wenn ich nur nicht entdeckt htte, da seiner Liebe ein gewisses
Vertrauen fehle, welches mir ebenso schmeichelhaft sein wrde als die
Liebe selbst.  Kurz, liebster Mellefont--Warum mu mir eine pltzliche
Beklemmung das Reden so schwer machen?  Ich werde es schon sagen
mssen, ohne viel die behutsamste Wendung zu suchen, mit der ich es
Ihnen sagen sollte.--Marwood erwhnte eines Pfandes, und der
schwatzhafte Norton--vergeben Sie es ihm nur--nannte mir einen Namen,
einen Namen, Mellefont, welcher eine andre Zrtlichkeit bei Ihnen rege
machen mu, als Sie gegen mich empfinden--

Mellefont.  Ist es mglich?  Hat die Unverschmte ihre eigne Schande
bekannt?--Ach, Mi, haben Sie Mitleiden mit meiner Verwirrung.--Da Sie
schon alles wissen, warum wollen Sie es auch noch aus meinem Munde
hren?  Sie soll nie vor Ihre Augen kommen, die kleine Unglckliche,
der man nichts vorwerfen kann als ihre Mutter.

Sara.  Sie lieben sie also doch?--

Mellefont.  Zu sehr, Mi, zu sehr, als da ich es leugnen sollte.

Sara.  Wohl!  Mellefont.--Wie sehr liebe ich Sie, auch um dieser Liebe
willen!  Sie wrden mich empfindlich beleidiget haben, wenn Sie die
Sympathie Ihres Bluts aus mir nachteiligen Bedenklichkeiten verleugnet
htten.  Schon haben Sie mich dadurch beleidiget, da Sie mir drohen,
sie nicht vor meine Augen kommen zu lassen.  Nein, Mellefont; es mu
eine von den Versprechungen sein, die Sie mir vor den Augen des
Hchsten angeloben, da Sie Arabellen nicht von sich lassen wollen.
Sie luft Gefahr, in den Hnden ihrer Mutter ihres Vaters unwrdig zu
werden.  Brauchen Sie Ihre Rechte ber beide, und lassen Sie mich an
die Stelle der Marwood treten.  Gnnen Sie mir das Glck, mir eine
Freundin zu erziehen, die Ihnen ihr Leben zu danken hat; einen
Mellefont meines Geschlechts.  Glckliche Tage, wenn mein Vater, wenn
Sie, wenn Arabella meine kindliche Ehrfurcht, meine vertrauliche Liebe,
meine sorgsame Freundschaft um die Wette beschftigen werden!
Glckliche Tage!  Aber ach!--sie sind noch fern in der Zukunft.--Doch
vielleicht wei auch die Zukunft nichts von ihnen, und sie sind blo
in meiner Begierde noch Glck!--Empfindungen, Mellefont, nie gefhlte
Empfindungen wenden meine Augen in eine andre Aussicht!  Eine dunkle
Aussicht in ehrfurchtsvolle Schatten!--Wie wird mir?--(Indem sie die
Hand vors Gesicht hlt.)

Mellefont.  Welcher pltzliche bergang von Bewundrung zum Schrecken!--
Eile doch, Betty!  Schaffe doch Hilfe!--Was fehlt Ihnen, gromtige
Mi!  Himmlische Seele!  Warum verbirgt mir diese neidische Hand
(indem er sie wegnimmt) so holde Blicke?--Ach, es sind Mienen, die den
grausamsten Schmerz, aber ungern, verraten!--Und doch ist die Hand
neidisch, die mir diese Mienen verbergen will.  Soll ich Ihre
Schmerzen nicht mitfhlen, Mi?  Ich Unglcklicher, da ich sie nur
mitfhlen kann!--Da ich sie nicht allein fhlen soll!--So eile doch,
Betty--

Betty.  Wohin soll ich eilen?--

Mellefont.  Du siehst und fragst?--nach Hilfe!

Sara.  Bleib nur!--Es geht vorber.  Ich will Sie nicht wieder
erschrecken, Mellefont.

Mellefont.  Betty, was ist ihr geschehen?--Das sind nicht bloe Folgen
einer Ohnmacht.--



Fnfter Auftritt

Norton.  Mellefont.  Sara.  Betty.


Mellefont.  Du kmmst schon wieder, Norton?  Recht gut!  Du wirst hier
ntiger sein.

Norton.  Marwood ist fort--

Mellefont.  Und meine Flche eilen ihr nach!--Sie ist fort?--Wohin?--
Unglck und Tod und, wo mglich, die ganze Hlle mge sich auf ihrem
Wege finden!  Verzehrend Feuer donnre der Himmel auf sie herab, und
unter ihr breche die Erde ein, der weiblichen Ungeheuer grtes zu
verschlingen!--

Norton.  Sobald sie in ihre Wohnung zurckgekommen, hat sie sich mit
Arabellen und ihrem Mdchen in den Wagen geworfen und die Pferde mit
verhngtem Zgel davoneilen lassen.  Dieser versiegelte Zettel ist von
ihr an Sie zurckgeblieben.

Mellefont (indem er den Zettel nimmt).  Er ist an mich.--Soll ich ihn
lesen, Mi?

Sara.  Wenn Sie ruhiger sein werden, Mellefont.

Mellefont.  Ruhiger?  Kann ich es werden, ehe ich mich an Marwood
gerchet und Sie, teuerste Mi, auer Gefahr wei?

Sara.  Lassen Sie mich nichts von Rache hren.  Die Rache ist nicht
unser!--Sie erbrechen ihn doch?--Ach, Mellefont, warum sind wir zu
gewissen Tugenden bei einem gesunden und seine Krfte fhlenden Krper
weniger als bei einem siechen und abgematteten aufgelegt?  Wie sauer
werden Ihnen Gelassenheit und Sanftmut, und wie unnatrlich scheint
mir des Affekts ungeduldige Hitze!--Behalten Sie den Inhalt nur fr
sich.

Mellefont.  Was ist es fr ein Geist, der mich Ihnen ungehorsam zu
sein zwinget?  Ich erbrach ihn wider Willen--wider Willen mu ich ihn
lesen.

Sara (indem Mellefont fr sich lieset).  Wie schlau wei sich der
Mensch zu trennen und aus seinen Leidenschaften ein von sich
unterschiedenes Wesen zu machen, dem er alles zur Last legen knne,
was er bei kaltem Blute selbst nicht billiget--Mein Salz, Betty!  Ich
besorge einen neuen Schreck und werde es ntig haben.--Siehst du, was
der unglckliche Zettel fr einen Eindruck auf ihn macht!--Mellefont!--
Sie geraten auer sich!--Mellefont!--Gott!  er erstarrt!--Hier, Betty!
Reiche ihm das Salz!--Er hat es ntiger als ich.

Mellefont (der die Betty damit zurckstt).  Nicht nher,
Unglckliche!--Deine Arzeneien sind Gift!--

Sara.  Was sagen Sie?--Besinnen Sie sich!--Sie verkennen sie!

Betty.  Ich bin Betty, nehmen Sie doch.

Mellefont.  Wnsche dir, Elende, da du es nicht wrest!--Eile!
fliehe!  ehe du in Ermanglung des Schuldigern das schuldige Opfer
meiner Wut wirst!

Sara.  Was fr Reden!--Mellefont, liebster Mellefont--

Mellefont.  Das letzte "liebster Mellefont" aus diesem gttlichen
Munde, und dann ewig nicht mehr!  Zu Ihren Fen, Sara--(Indem er sich
niederwirft)--Aber was will ich zu Ihren Fen?  (und wieder
aufspringt.)  Entdecken?  Ich Ihnen entdecken?--Ja, ich will Ihnen
entdecken, Mi, da Sie mich hassen werden, da Sie mich hassen mssen.
--Sie sollen den Inhalt nicht erfahren; nein, von mir nicht!--Aber Sie
werden ihn erfahren.--Sie werden--Was steht ihr noch hier, mig und
angeheftet?  Lauf, Norton, bring alle rzte zusammen!  Suche Hilfe,
Betty!  La die Hilfe so wirksam sein als deinen Irrtum!--Nein!
bleibt hier!  Ich gehe selbst.--

Sara.  Wohin, Mellefont?  Nach was fr Hilfe!  Von welchem Irrtume
reden Sie?

Mellefont.  Gttliche Hilfe, Sara; oder unmenschliche Rache!--Sie sind
verloren, liebste Mi!  Auch ich bin verloren!--Da die Welt mit uns
verloren wre!--



Sechster Auftritt

Sara, Norton.  Betty.


Sara.  Er ist weg?--Ich bin verloren?  Was will er damit?  Verstehest
du ihn, Norton?--Ich bin krank, sehr krank; aber setze das uerste,
da ich sterben msse: bin ich darum verloren?  Und was will er denn
mit dir, arme Betty?--Du ringst die Hnde?  Betrbe dich nicht; du
hast ihn gewi nicht beleidiget; er wird sich wieder besinnen.--Htte
er mir doch gefolgt und den Zettel nicht gelesen!  Er konnte es ja
wohl denken, da er das letzte Gift der Marwood enthalten msse.--

Betty.  Welche schreckliche Vermutung!--Nein; es kann nicht sein; ich
glaube es nicht.--

Norton (welcher nach der Szene zu gegangen).  Der alte Bediente Ihres
Vaters, Mi--

Sara.  La ihn hereinkommen, Norton!



Siebenter Auftritt

Waitwell.  Sara.  Betty.  Norton.


Sara.  Es wird dich nach meiner Antwort verlangen, guter Waitwell.
Sie ist fertig, bis auf einige Zeilen.--Aber warum so bestrzt?  Man
hat es dir gewi gesagt, da ich krank bin.

Waitwell.  Und noch mehr!

Sara.  Gefhrlich krank?--Ich schliee es mehr aus der ungestmen
Angst des Mellefont, als da ich es fhle.--Wenn du mit dem
unvollendeten Briefe der unglcklichen Sara an den unglcklichern
Vater abreisen mtest, Waitwell?--La uns das Beste hoffen!  Willst
du wohl bis morgen warten?  Vielleicht finde ich einige gute
Augenblicke, dich abzufertigen.  Itzo mchte ich es nicht imstande
sein.  Diese Hand hngt wie tot an der betubten Seite.--Wenn der
ganze Krper so leicht dahinstirbt wie diese Glieder--Du bist ein
alter Mann, Waitwell, und kannst von deinem letzten Auftritte nicht
weit mehr entfernet sein--Glaube mir, wenn das, was ich empfinde,
Annherungen des Todes sind--so sind die Annherungen des Todes so
bitter nicht.--Ach!--Kehre dich nicht an dieses Ach!  Ohne alle
unangenehme Empfindung kann es freilich nicht abgehen.  Unempfindlich
konnte der Mensch nicht sein; unleidlich mu er nicht sein--Aber,
Betty, warum hrst du noch nicht auf, dich so untrstlich zu bezeigen?


Betty.  Erlauben Sie mir, Mi, erlauben Sie mir, da ich mich aus
Ihren Augen entfernen darf.

Sara.  Geh nur; ich wei wohl, es ist nicht eines jeden Sache, um
Sterbende zu sein.  Waitwell soll bei mir bleiben.  Auch du, Norton,
wirst mir einen Gefallen erweisen, wenn du dich nach deinem Herrn
umsiehst.  Ich sehne mich nach seiner Gegenwart.

Betty (im Abgehn).  Ach!  Norton, ich nahm die Arzenei aus den Hnden
der Marwood!--



Achter Auftritt

Waitwell.  Sara.


Sara.  Waitwell, wenn du mir die Liebe erzeigen und bei mir bleiben
willst, so la mich kein so wehmtiges Gesicht sehen.  Du verstummst?--
Sprich doch!  Und wenn ich bitten darf, sprich von meinem Vater.
Wiederhole mir alles, was du mir vor einigen Stunden Trstliches
sagtest.  Wiederhole mir, da mein Vater vershnt ist und mir vergeben
hat.  Wiederhole es mir, und fge hinzu, da der ewige himmlische
Vater nicht grausamer sein knne.--Nicht wahr, ich kann hierauf
sterben?  Wenn ich vor deiner Ankunft in diese Umstnde gekommen wre,
wie wrde es mit mir ausgesehen haben!  Ich wrde verzweifelt sein,
Waitwell.  Mit dem Hasse desjenigen beladen aus der Welt zu gehen, der
wider seine Natur handelt, wenn er uns hassen mu--Was fr ein Gedanke!
Sag ihm, da ich in den lebhaftesten Empfindungen der Reue,
Dankbarkeit und Liebe gestorben sei.  Sag ihm--Ach!  da ich es ihm
nicht selbst sagen soll, wie voll mein Herz von seinen Wohltaten ist!
Das Leben war das Geringste derselben.  Wie sehr wnschte ich, den
schmachtenden Rest zu seinen Fen aufgeben zu knnen!

Waitwell.  Wnschen Sie wirklich, Mi, ihn zu sehen?

Sara.  Endlich sprichst du, um an meinem sehnlichsten Verlangen, an
meinem letzten Verlangen zu zweifeln.

Waitwell.  Wo soll ich die Worte finden, die ich schon so lange suche?
Eine pltzliche Freude ist so gefhrlich als ein pltzlicher Schreck.
Ich frchte mich nur vor dem allzu gewaltsamen Eindrucke, den sein
unvermuteter Anblick auf einen so zrtlichen Geist machen mchte.

Sara.  Wie meinst du das?  Wessen unvermuteter Anblick?--

Waitwell.  Der gewnschte, Mi!--Fassen Sie sich!



Neunter Auftritt

Sir William Sampson.  Sara, Waitwell.


Sir William.  Du bleibst mir viel zu lange, Waitwell.  Ich mu sie
sehen.

Sara.  Wessen Stimme--

Sir William.  Ach, meine Tochter!

Sara.  Ach, mein Vater!--Hilf mir auf, Waitwell, hilf mir auf, da ich
mich zu seinen Fen werfen kann.  (Sie will aufstehen und fllt aus
Schwachheit in den Lehnstuhl zurck.)  Er ist es doch?  Oder ist es
eine erquickende Erscheinung, vom Himmel gesandt, gleich jenem Engel,
der den Starken zu strken kam?--Segne mich, wer du auch seist, ein
Bote des Hchsten, in der Gestalt meines Vaters oder selbst mein Vater!


Sir William.  Gott segne dich, meine Tochter!--Bleib ruhig.  (Indem
sie es nochmals versuchen will, vor ihm niederzufallen.)  Ein andermal,
bei mehrern Krften, will ich dich nicht ungern mein zitterndes Knie
umfassen sehen.

Sara.  Jetzt, mein Vater, oder niemals.  Bald werde ich nicht mehr
sein!  Zu glcklich, wenn ich noch einige Augenblicke gewinne, Ihnen
die Empfindungen meines Herzens zu entdecken.  Doch nicht Augenblicke,
lange Tage, ein nochmaliges Leben wrde erfodert, alles zu sagen, was
eine schuldige, eine reuende, eine gestrafte Tochter einem beleidigten,
einem gromtigen, einem zrtlichen Vater sagen kann.  Mein Fehler,
Ihre Vergebung--

Sir William.  Mache dir aus einer Schwachheit keinen Vorwurf und mir
aus einer Schuldigkeit kein Verdienst.  Wenn du mich an mein Vergeben
erinnerst, so erinnerst du mich auch daran, da ich damit gezaudert
habe.  Warum vergab ich dir nicht gleich?  Warum setzte ich dich in
die Notwendigkeit, mich zu fliehen?  Und noch heute, da ich dir schon
vergeben hatte, was zwang mich, erst eine Antwort von dir zu erwarten?
Itzt knnte ich dich schon einen Tag wieder genossen haben, wenn ich
sogleich deinen Umarmungen zugeeilet wre.  Ein heimlicher Unwille
mute in einer der verborgensten Falten des betrognen Herzens
zurckgeblieben sein, da ich vorher deiner fortdauernden Liebe gewi
sein wollte, ehe ich dir die meinige wiederschenkte.  Soll ein Vater
so eigenntzig handeln?  Sollen wir nur die lieben, die uns lieben?
Tadle mich, liebste Sara, tadle mich; ich sahe mehr auf meine Freude
an dir als auf dich selbst.--Und wenn ich sie verlieren sollte, diese
Freude?--Aber wer sagt es denn, da ich sie verlieren soll?  Du wirst
leben; du wirst noch lange leben!  Entschlage dich aller schwarzen
Gedanken.  Mellefont macht die Gefahr grer, als sie ist.  Er brachte
das ganze Haus in Aufruhr und eilte selbst, rzte aufzusuchen, die er
in diesem armseligen Flecken vielleicht nicht finden wird.  Ich sahe
seine strmische Angst, seine hoffnungslose Betrbnis, ohne von ihm
gesehen zu werden.  Nun wei ich es, da er dich aufrichtig liebet;
nun gnne ich dich ihm.  Hier will ich ihn erwarten und deine Hand in
seine Hand legen.  Was ich sonst nur gedrungen getan htte, tue ich
nun gern, da ich sehe, wie teuer du ihm bist.--Ist es wahr, da es
Marwood selbst gewesen ist, die dir dieses Schrecken verursacht hat?
So viel habe ich aus den Klagen deiner Betty verstehen knnen und mehr
nicht.--Doch was forsche ich nach den Ursachen deiner Unplichkeit,
da ich nur auf die Mittel, ihr abzuhelfen, bedacht sein sollte.  Ich
sehe, du wirst von Augenblicke zu Augenblick schwcher, ich seh es und
bleibe hilflos stehen.  Was soll ich tun, Waitwell?  Wohin soll ich
laufen?  Was soll ich daran wenden?  mein Vermgen?  mein Leben?  Sage
doch!

Sara.  Bester Vater, alle Hilfe wrde vergebens sein.  Auch die
unschtzbarste wrde vergebens sein, die Sie mit Ihrem Leben fr mich
erkaufen wollten.



Zehnter Auftritt

Mellefont.  Sara.  Sir William.  Waitwell.


Mellefont.  Ich wag' es, den Fu wieder in dieses Zimmer zu setzen?
Lebt sie noch?

Sara.  Treten Sie nher, Mellefont.

Mellefont.  Ich sollt' Ihr Angesicht wiedersehen?  Nein, Mi; ich
komme ohne Trost, ohne Hilfe zurck.  Die Verzweiflung allein bringt
mich zurck--Aber wen seh ich?  Sie, Sir?  Unglcklicher Vater!  Sie
sind zu einer schrecklichen Szene gekommen.  Warum kamen Sie nicht
eher?  Sie kommen zu spt, Ihre Tochter zu retten!  Aber--nur getrost!--
sich gerchet zu sehen, dazu sollen Sie nicht zu spt gekommen sein.

Sir William.  Erinnern Sie sich, Mellefont, in diesem Augenblicke
nicht, da wir Feinde gewesen sind!  Wir sind es nicht mehr und wollen
es nie wieder werden.  Erhalten Sie mir nur eine Tochter, und Sie
sollen sich selbst eine Gattin erhalten haben.

Mellefont.  Machen Sie mich zu Gott, und wiederholen Sie dann Ihre
Forderung.--Ich habe Ihnen, Mi, schon zu viel Unglck zugezogen, als
da ich mich bedenken drfte, Ihnen auch das letzte anzukndigen: Sie
mssen sterben.  Und wissen Sie, durch wessen Hand Sie sterben?

Sara.  Ich will es nicht wissen, und es ist mir schon zu viel, da ich
es argwhnen kann.

Mellefont.  Sie mssen es wissen; denn wer knnte mir dafr stehen,
da Sie nicht falsch argwhnten?  Dies schreibst Marwood.  (Er lieset.)
"Wenn Sie diesen Zettel lesen werden, Mellefont, wird Ihre Untreue
in dem Anlasse derselben schon bestraft sein.  Ich hatte mich ihr
entdeckt, und vor Schrecken war sie in Ohnmacht gefallen.  Betty gab
sich alle Mhe, sie wieder zu sich selbst zu bringen.  Ich ward gewahr,
da sie ein Kordialpulver beiseite legte, und hatte den glcklichen
Einfall, es mit einem Giftpulver zu vertauschen.  Ich stellte mich
gerhrt und dienstfertig und machte es selbst zurechte.  Ich sah es
ihr geben und ging triumphierend fort.  Rache und Wut haben mich zu
einer Mrderin gemacht; ich will aber keine von den gemeinen
Mrderinnen sein, die sich ihrer Tat nicht zu rhmen wagen.  Ich bin
auf dem Wege nach Dover: Sie knnen mich verfolgen und meine eigne
Hand wider mich zeugen lassen.  Komme ich unverfolgt in den Hafen, so
will ich Arabellen unverletzt zurcklassen.  Bis dahin aber werde ich
sie als einen Geisel betrachten.  Marwood."--Nun wissen Sie alles, Mi.
Hier, Sir, verwahren Sie dieses Papier.  Sie mssen die Mrderin zur
Strafe ziehen lassen, und dazu ist es Ihnen unentbehrlich.--Wie
erstarrt er dasteht!

Sara.  Geben Sie mir dieses Papier, Mellefont.  Ich will mich mit
meinen Augen berzeugen.  (Er gibt es ihr, und sie sieht es einen
Augenblick an.)  Werde ich so viel Krfte noch haben?  (Zerreit es.)

Mellefont.  Was machen Sie, Mi!

Sara.  Marwood wird ihrem Schicksale nicht entgehen; aber weder Sie
noch mein Vater sollen ihre Anklger werden.  Ich sterbe und vergeb es
der Hand, durch die mich Gott heimsucht.--Ach, mein Vater, welcher
finstere Schmerz hat sich Ihrer bemchtiget?--Noch liebe ich Sie,
Mellefont, und wenn Sie lieben ein Verbrechen ist, wie schuldig werde
ich in jener Welt erscheinen!--Wenn ich hoffen drfte, liebster Vater,
da Sie einen Sohn anstatt einer Tochter annehmen wollten!  Und auch
eine Tochter wird Ihnen mit ihm nicht fehlen, wenn Sie Arabellen dafr
erkennen wollen.  Sie mssen sie zurckholen, Mellefont; und die
Mutter mag entfliehen.--Da mich mein Vater liebt, warum soll es mir
nicht erlaubt sein, mit seiner Liebe als mit einem Erbteile umzugehen?
Ich vermache diese vterliche Liebe Ihnen und Arabellen.  Reden Sie
dann und wann mit ihr von einer Freundin, aus deren Beispiele sie
gegen alle Liebe auf ihrer Hut zu sein lerne.--Den letzten Segen, mein
Vater!--Wer wollte die Fgungen des Hchsten zu richten wage?
--Trste deinen Herrn, Waitwell.  Doch auch du stehst in einem
trostlosen Kummer vergraben, der du in mir weder Geliebte noch Tochter
verlierest?--

Sir William.  Wir sollten dir Mut einsprechen, und dein sterbendes
Auge spricht ihn uns ein.  Nicht mehr meine irdische Tochter, schon
halb ein Engel, was vermag der Segen eines wimmernden Vaters auf einen
Geist, auf welchen alle Segen des Himmels herabstrmen?  La mir einen
Strahl des Lichtes, welches dich ber alles Menschliche so weit erhebt.
Oder bitte Gott, den Gott, der nichts so gewi als die Bitten eines
frommen Sterbenden erhrt, bitte ihn, da dieser Tag auch der letzte
meines Lebens sei.

Sara.  Die bewhrte Tugend mu Gott der Welt lange zum Beispiele
lassen, und nur die schwache Tugend, die allzu vielen Prfungen
vielleicht unterliegen wrde, hebt er pltzlich aus den gefhrlichen
Schranken--Wem flieen diese Trnen, mein Vater?  Sie fallen als
feurige Tropfen auf mein Herz; und doch--doch sind sie mir minder
schrecklich als die stumme Verzweiflung.  Entreien Sie sich ihr,
Mellefont!--Mein Auge bricht--Dies war der letzte Seufzer!--Noch denke
ich an Betty und verstehe nun ihr ngstliches Hnderingen.  Das arme
Mdchen!  Da ihr ja niemand eine Unvorsichtigkeit vorwerfe, die durch
ihr Herz ohne Falsch und also auch ohne Argwohn der Falschheit
entschuldiget wird.--Der Augenblick ist da!  Mellefont--mein Vater--

Mellefont.  Sie stirbt!--Ach!  diese kalte Hand noch einmal zu kssen.
(Indem er zu ihren Fen fllt.)--Nein, ich will es nicht wagen, sie
zu berhren.  Die gemeine Sage schreckt mich, da der Krper eines
Erschlagenen durch die Berhrung seines Mrders zu bluten anfange.
Und wer ist ihr Mrder?  Bin ich es nicht mehr als Marwood?  (Steht
auf.)--Nun ist sie tot, Sir; nun hrt sie uns nicht mehr: nun
verfluchen Sie mich!  Lassen Sie Ihren Schmerz in verdiente
Verwnschungen aus!  Es msse keine mein Haupt verfehlen, und die
grlichste derselben msse gedoppelt erfllt werden!--Was schweigen
Sie noch?  Sie ist tot; sie ist gewi tot!  Nun bin ich wieder nichts
als Mellefont.  Ich bin nicht mehr der Geliebte einer zrtlichen
Tochter, die Sie in ihm zu schonen Ursach' htten.--Was ist das?  Ich
will nicht, da Sie einen barmherzigen Blick auf mich werfen sollen!
Das ist Ihre Tochter!  Ich bin ihr Verfhrer!  Denken Sie nach, Sir!--
Wie soll ich Ihre Wut besser reizen?  Diese blhende Schnheit, ber
die Sie allein ein Recht hatten, ward wider Ihren Willen mein Raub!
Meinetwegen verga sich diese unerfahrne Tugend!  Meinetwegen ri sie
sich aus den Armen eines geliebten Vaters!  Meinetwegen mute sie
sterben!--Sie machen mich mit Ihrer Langmut ungeduldig, Sir!  Lassen
Sie mich es hren, da Sie Vater sind.

Sir William.  Ich bin Vater, Mellefont, und bin es zu sehr, als da
ich den letzten Willen meiner Tochter nicht verehren sollte.--La dich
umarmen, mein Sohn, den ich teurer nicht erkaufen konnte!

Mellefont.  Nicht so, Sir!  Diese Heilige befahl mehr, als die
menschliche Natur vermag!  Sie knnen mein Vater nicht sein.--Sehen
Sie, Sir (indem er den Dolch aus dem Busen zieht), dieses ist der
Dolch, den Marwood heute auf mich zuckte.  Zu meinem Unglcke mute
ich sie entwaffnen.  Wenn ich als das schuldige Opfer ihrer Eifersucht
gefallen wre, so lebte Sara noch.  Sie htten Ihre Tochter noch und
htten sie ohne Mellefont.  Es stehet bei mir nicht, das Geschehene
ungeschehen zu machen; aber mich wegen des Geschehenen zu strafen--das
steht bei mir!  (Er ersticht sich und fllt an dem Stuhle der Sara
nieder.)

Sir William.  Halt ihn, Waitwell!--Was fr ein neuer Streich auf mein
gebeugtes Haupt!--Oh!  wenn das dritte hier erkltende Herz das meine
wre!

Mellefont (sterbend).  Ich fhl es--da ich nicht fehlgestoen habe!--
Wollen Sie mich nun Ihren Sohn nennen, Sir, und mir als diesem die
Hand drcken, so sterb ich zufrieden.  (Sir William umarmt ihn.)--Sie
haben von einer Arabella gehrt, fr die die sterbende Sara Sie bat.
Ich wrde auch fr sie bitten--aber sie ist der Marwood Kind sowohl
als meines--Was fr fremde Empfindungen ergreifen mich!--Gnade!  o
Schpfer, Gnade!

Sir William.  Wenn fremde Bitten itzt krftig sind, Waitwell, so lat
uns ihm diese Gnade erbitten helfen!  Er stirbt!  Ach, er war mehr
unglcklich als lasterhaft.--



Eilfter Auftritt

Norton.  Die Vorigen.


Norton.  rzte, Sir.--

Sir William.  Wenn sie Wunder tun knnen, so la sie hereinkommen!--
La mich nicht lnger, Waitwell, bei diesem ttenden Anblicke
verweilen.  Ein Grab soll beide umschlieen.  Komm, schleunige Anstalt
zu machen, und dann la uns auf Arabellen denken.  Sie sei, wer sie
sei: sie ist ein Vermchtnis meiner Tochter.

(Sie gehen ab, und das Theater fllt zu.)

(Ende des Trauerspiels.)


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Mi Sara Sampson, von Gotthold
Ephraim Lessing.





End of Project Gutenberg's Miss Sara Sampson, by Gotthold Ephraim Lessing

*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MISS SARA SAMPSON ***

This file should be named 8sara10.txt or 8sara10.zip
Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8sara11.txt
VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8sara10a.txt

Produced by Delphine Letttau. The book content was graciously
contributed by the Gutenberg Projekt-DE

Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
unless a copyright notice is included.  Thus, we usually do not
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

We are now trying to release all our eBooks one year in advance
of the official release dates, leaving time for better editing.
Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
even years after the official publication date.

Please note neither this listing nor its contents are final til
midnight of the last day of the month of any such announcement.
The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
Midnight, Central Time, of the last day of the stated month.  A
preliminary version may often be posted for suggestion, comment
and editing by those who wish to do so.

Most people start at our Web sites at:
http://gutenberg.net or
http://promo.net/pg

These Web sites include award-winning information about Project
Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).


Those of you who want to download any eBook before announcement
can get to them as follows, and just download by date.  This is
also a good way to get them instantly upon announcement, as the
indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.

http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or
ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03

Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90

Just search by the first five letters of the filename you want,
as it appears in our Newsletters.


Information about Project Gutenberg (one page)

We produce about two million dollars for each hour we work.  The
time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
searched and analyzed, the copyright letters written, etc.   Our
projected audience is one hundred million readers.  If the value
per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
files per month:  1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
If they reach just 1-2% of the world's population then the total
will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.

The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
which is only about 4% of the present number of computer users.

Here is the briefest record of our progress (* means estimated):

eBooks Year Month

    1  1971 July
   10  1991 January
  100  1994 January
 1000  1997 August
 1500  1998 October
 2000  1999 December
 2500  2000 December
 3000  2001 November
 4000  2001 October/November
 6000  2002 December*
 9000  2003 November*
10000  2004 January*


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.

We need your donations more than ever!

As of February, 2002, contributions are being solicited from people
and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
Virginia, Wisconsin, and Wyoming.

We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
that have responded.

As the requirements for other states are met, additions to this list
will be made and fund raising will begin in the additional states.
Please feel free to ask to check the status of your state.

In answer to various questions we have received on this:

We are constantly working on finishing the paperwork to legally
request donations in all 50 states.  If your state is not listed and
you would like to know if we have added it since the list you have,
just ask.

While we cannot solicit donations from people in states where we are
not yet registered, we know of no prohibition against accepting
donations from donors in these states who approach us with an offer to
donate.

International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
ways.

Donations by check or money order may be sent to:

Project Gutenberg Literary Archive Foundation
PMB 113
1739 University Ave.
Oxford, MS 38655-4109

Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
method other than by check or money order.

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
[Employee Identification Number] 64-622154.  Donations are
tax-deductible to the maximum extent permitted by law.  As fund-raising
requirements for other states are met, additions to this list will be
made and fund-raising will begin in the additional states.

We need your donations more than ever!

You can get up to date donation information online at:

http://www.gutenberg.net/donation.html


***

If you can't reach Project Gutenberg,
you can always email directly to:

Michael S. Hart <hart@pobox.com>

Prof. Hart will answer or forward your message.

We would prefer to send you information by email.


**The Legal Small Print**


(Three Pages)

***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
They tell us you might sue us if there is something wrong with
your copy of this eBook, even if you got it for free from
someone other than us, and even if what's wrong is not our
fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
disclaims most of our liability to you. It also tells you how
you may distribute copies of this eBook if you want to.

*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
sending a request within 30 days of receiving it to the person
you got it from. If you received this eBook on a physical
medium (such as a disk), you must return it with your request.

ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
through the Project Gutenberg Association (the "Project").
Among other things, this means that no one owns a United States copyright
on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
distribute it in the United States without permission and
without paying copyright royalties. Special rules, set forth
below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.

Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
any commercial products without permission.

To create these eBooks, the Project expends considerable
efforts to identify, transcribe and proofread public domain
works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any
medium they may be on may contain "Defects". Among other
things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged
disk or other eBook medium, a computer virus, or computer
codes that damage or cannot be read by your equipment.

LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES
But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may
receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims
all liability to you for damages, costs and expenses, including
legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.

If you discover a Defect in this eBook within 90 days of
receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
you paid for it by sending an explanatory note within that
time to the person you received it from. If you received it
on a physical medium, you must return it with your note, and
such person may choose to alternatively give you a replacement
copy. If you received it electronically, such person may
choose to alternatively give you a second opportunity to
receive it electronically.

THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A
PARTICULAR PURPOSE.

Some states do not allow disclaimers of implied warranties or
the exclusion or limitation of consequential damages, so the
above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you
may have other legal rights.

INDEMNITY
You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation,
and its trustees and agents, and any volunteers associated
with the production and distribution of Project Gutenberg-tm
texts harmless, from all liability, cost and expense, including
legal fees, that arise directly or indirectly from any of the
following that you do or cause:  [1] distribution of this eBook,
[2] alteration, modification, or addition to the eBook,
or [3] any Defect.

DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm"
You may distribute copies of this eBook electronically, or by
disk, book or any other medium if you either delete this
"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
or:

[1]  Only give exact copies of it.  Among other things, this
     requires that you do not remove, alter or modify the
     eBook or this "small print!" statement.  You may however,
     if you wish, distribute this eBook in machine readable
     binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
     including any form resulting from conversion by word
     processing or hypertext software, but only so long as
     *EITHER*:

     [*]  The eBook, when displayed, is clearly readable, and
          does *not* contain characters other than those
          intended by the author of the work, although tilde
          (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
          be used to convey punctuation intended by the
          author, and additional characters may be used to
          indicate hypertext links; OR

     [*]  The eBook may be readily converted by the reader at
          no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
          form by the program that displays the eBook (as is
          the case, for instance, with most word processors);
          OR

     [*]  You provide, or agree to also provide on request at
          no additional cost, fee or expense, a copy of the
          eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
          or other equivalent proprietary form).

[2]  Honor the eBook refund and replacement provisions of this
     "Small Print!" statement.

[3]  Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
     gross profits you derive calculated using the method you
     already use to calculate your applicable taxes.  If you
     don't derive profits, no royalty is due.  Royalties are
     payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
     the 60 days following each date you prepare (or were
     legally required to prepare) your annual (or equivalent
     periodic) tax return.  Please contact us beforehand to
     let us know your plans and to work out the details.

WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine readable form.

The Project gratefully accepts contributions of money, time,
public domain materials, or royalty free copyright licenses.
Money should be paid to the:
"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

If you are interested in contributing scanning equipment or
software or other items, please contact Michael Hart at:
hart@pobox.com

[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
when distributed free of all fees.  Copyright (C) 2001, 2002 by
Michael S. Hart.  Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
they hardware or software or any other related product without
express permission.]

*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*

