The Project Gutenberg EBook of Die Richterin, by Conrad Ferdinand Meyer

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Title: Die Richterin

Author: Conrad Ferdinand Meyer

Posting Date: November 15, 2011 [EBook #9632]
Release Date: January, 2006
First Posted: October 11, 2003

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RICHTERIN ***




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Die Richterin

Novelle

Conrad Ferdinand Meyer







Erstes Kapitel


"Precor sanctos apostolos Petrum er Paulum!" psalmodierten die Mnche
auf Ara Cli, whrend Karl der Groe unter dem lichten Himmel eines
rmischen Mrztages die ziemlich schadhaften Stufen der auf das
Kapitol fhrenden Treppe emporstieg. Er schritt feierlich unter der
Kaiserkrone, welche ihm unlngst zu seinem herzlichen Erstaunen Papst
Leo in rascher Begeisterung auf das Haupt gesetzt.  Der Empfang des
hchsten Amtes der Welt hatte im Ernste seines Antlitzes eine tiefe
Spur gelassen.  Heute, am Vorabend seiner Abreise, gedachte er einer
solennen Seelenmesse fr das Heil seines Vaters, des Knigs Pippin,
beizuwohnen.

Zu seiner Linken ging der Abt Alcuin, whrend ein Gefolge von
Hflingen, die aus allen Lndern der Christenheit zusammengewhlte
Palastschule, sich in gemessener Entfernung hielt, halb aus
Ehrerbietung, halb mit dem Hintergedanken, in einem gnstigen
Augenblicke sich sachte zu verziehen und der Messe zu entkommen.  Die
vom Wirbel zur Zehe in Eisen gehllten Hflinge schlenderten mit
gleichgltiger Miene und hochfahrender Gebrde in den erlauchten
Stapfen, die Begrung der umstellenden Menge mit einem kurzen
Kopfnicken erwidernd und sich ber nichts verwundern wollend, was
ihnen die Ewige Stadt Groes und Ehrwrdiges vor das Auge stellte.

Jetzt hielten sie vor der ersten Stufe, whrend oben auf dem Platze
Karl mit Alcuin bei dem ehernen Reiterbilde stillestand.  "Ich kann es
nicht lassen", sagte er zu dem gelehrten Haupte, "den Reiter zu
betrachten.  Wie mild er ber der Erde waltet!  Seine Rechte segnet!
Diese Zge mssen hnlich sein."

Da flsterte der Abt, den der Hafer seiner Gelehrsamkeit stach: "Es
ist nicht Constantin.  Das hab ich lngst heraus.  Doch ist es gut,
da er dafr gelte, sonst wren Reiter und Gaul in der Flamme
geschmolzen." Der kleine Abt hob sich auf die Zehen und wisperte dem
groen Kaiser ins Ohr: "Es ist der Philosoph und Heide Marc Aurel."
"Wirklich?" lchelte Karl.

Sie gingen der Pforte von Ara Cli zu, durch welche sie verschwanden,
der Kaiser schon in Andacht vertieft, so da er einen netten jungen
Menschen in rtischer Tracht nicht beachtete, der unferne stand und
durch die ehrfrchtigsten Gre seine Aufmerksamkeit zu erregen suchte.

"Halt, Herren", rief einer der inzwischen bei dem Reiterbilde
angelangten Hflinge und fing rechts und links die Hnde der neben ihm
Wandelnden, "jetzt, da alles treibt und schwillt"--Erd- und Lenzgeruch
kam aus nahen Grten--, "will ich meinen Becher und was mir sonst lieb
ist mit Veilchen bekrnzen, aber keinen Weihrauch trinken, am
wenigsten den einer Totenmesse.  Ich habe hier herum eine Schenke
entdeckt mit dem steinernen Zeichen einer saugenden Wlfin.  Das hat
mir Durst gemacht.  Sehen wir uns noch ein bichen den Reiter an und
verduften dann in die Tabernen."

"Wer ist's?" fragte einer.

"Ein griechischer Kaiser"

"Den setzen wir ab"--

"Wie er die Beine spreizt!"--

"Reitet der Kerl in die Schwemme?"--

"Holla, Stallknecht!"--

"Nettes Tier!"--

"Wlste wie ein Mastschwein!"

So ging es Schlag auf Schlag, und ein frecher Witz berblitzte den
andern.  Das antike Ro wurde grndlich und unbarmherzig kritisiert.

Der artige Rter hatte sich nach und nach dem Kreise der Sptter
genhert.  Seine Absicht schien, zwischen zwei Gelchtern in ihre
Gruppe zu gelangen und auf eine unverfngliche Weise mit der Schule
anzuknpfen.  Aber die Hflinge achteten seiner nicht.  Da fate er
sich ein Herz und sprach in vernehmlichen Worten zu sich selbst:
"Erstaunliche Sache, diese Palastschule, und ein Gnstling des Glcks,
wer ihr angehren darf!"

ber eine gepanzerte Schulter wendete sich ein junger Rotbart und
sprach gelassen: "Wir schwnzen sie meistenteils." Dann kehrte sich
der ganze Hfling, ein baumlanger Mensch, und fragte den Rter mit
einem spttischen Gesichte: "Welcher Eltern rhmst du dich, Knabe?"

Dieser gab vergngten Bescheid.  "Ich bin der Neffe des Bischofs Felix
in Chur und mit seinen Briefen an den Heiligen Stuhl geschickt."

"Rter", sprach der Lange ernsthaft, "du bist an den Quell der
Wahrheit gesendet.  Hier stehst du auf den Schwellen der Apostel und
ber den Grften unzhliger Bekenner.  Lege wahrhaftes Zeugnis ab und
bekenne tapfer: Ich bin der Sohn des Bischofs."

Eben intonierten die Mnche von Ara Cli mit jungen und markigen
Stimmen die dunkle Klage und flehende Entschuldigung: "Concepit in
iniquitatibus me mater mea!"

"Hrst du", und der Hfling deutete nach der Kirche, "die dort wissen
es!" Der ganze Haufe schlug eine schallende Lache auf.

Der kluge Bischofsneffe htete sich, in Zorn zu geraten.  Mit einem
flchtigen Errten und einer leichten Wendung des Kopfes sagte er.
"Bischof Felix, der im Schatten seiner Berge die aus eurer Schule
aufsteigende Sonne der Bildung mit frommem Jubel begrt, hat mir den
Auftrag gegeben, fr seine jung gebliebene Lernbegierde einige
Hauptschriften der erwachenden Wissenschaft und insbesondere das
unvergleichliche Bchlein der Disputationen des Abtes Alcuin zu
erwerben.  Nun wird erzhlt, dieser groe und gute Lehrer habe jeden
von euch mit einem kostbaren Exemplare ausgerstet, und ich meine nur,
einer dieser Herren htte vielleicht Lust, einen Handel zu schlieen."

"Du sprichst wahr und weise, Bischofssohn", parodierte ihn der Hfling,
"und wre mein Alcuin nicht lngst unter die Hebrer gegangen, mochte
es geschehen, da wir zweie zu dieser Stunde darum ein kurzweiliges
Wrfelspielchen machten."

"In unchristliche Hnde! diese gttliche Weisheit!" wehklagte der
Rter.

"Weisheit!" spottete der Rotbart, "ich versichere dir: lauter dummes
Zeug.  brigens wei ich es auswendig.  Hre nur, Bergbewohner!" Er
krmmte den langen Rcken wie ein verbogener Schulmeister, zog die
Brauen in die Hhe und wendete sich an den jngsten der Bande, einen
Krauskopf, der, fast noch ein Knabe, aus sdlichen Augen lachend mit
Lust und Liebe auf das gottlose Spiel einging.

"Jngling", predigte der falsche Alcuin, "du hast einen guten
Charakter und einen gelehrigen Geist.  Ich werde dir eine ungeheuer
schwere Frage vorlegen.  Siehe, ob du sie beantwortest.  Was ist der
Mensch?"

"Ein Licht zwischen sechs Wnden", antwortete der Knabe andchtig.

"Welche Wnde?"

"Das Links, das Rechts, das Vorn, das Nichtvorn, das Oben, das Unten."
Jeden dieser Rume bezeichnete er mit einer Gebrde: beim fnften
starrte er in den leuchtenden Himmel hinauf, als bestaune er einen
Engelreigen, und bohrte schlielich einen stieren Blick in den Boden,
als entdecke er die verschttete Tarpeja.  Jubelndes Klatschen
belohnte die Faxe.

Die wachsende Lustigkeit der Palastschule begann den Bischofsneffen zu
ngstigen.  Da trat im guten Augenblicke einer aus dem Kreise, ein
khner Krieger, dem an der rechten Seite des stmmigen Wuchses ein
seltsam gewundenes Hifthorn hing.  "Sei getrost", sagte er und ergriff
die Hand des Rters, "du sollst ein Pergament haben.  Das meinige.  Es
schleppt sich unter dem Gepcke." Er fhrte den Erlsten weg, die
Treppe des Kapitols hinunter, sich nicht weiter um seine Gefhrten
bekmmernd.

Jetzt gingen sie freundlich nebeneinander, wenn auch nicht mehr Hand
in Hand.  Die des Palastschlers war auf das Hifthorn geglitten, das
der Bischofsneffe mit aufmerksamen Blicken betrachtete.  "Das hier
kommt aus dem Gebirge", sagte er.

"So", machte der Behelmte.  "Aus welchem Gebirge?"

"Aus unserm, Landsmann.  Ich kenne dich an deiner Sprache, wie du mich
ebendaran erkannt haben wirst, da du mich, wofr ich dir danke, den
Neckereien der Palastschule entzogest.  Da du es wissest, ich bin
Graciosus"--der kluge Rter hatte diesen seinen hbschen Namen den
Spttern am Reiterbilde weislich verschwiegen--"oder auf deutsch
Gnadenreich, und du bist Wulfrin, Sohn Wulfs, wenn dieses Hifthorn
dein Erbteil ist, wie ich vermute."

Wulfrin runzelte die Stirn.  Es mochte ihm nicht willkommen sein, von
der Heimat zu hren.  Dann musterte er Gnadenreich und fand einen
anmutenden, wohlgebildeten Jngling, eine Gott und Menschen gefllige
Erscheinung, nicht anders als der Name lautete.  Er klopfte ihn auf
die runde Schulter, deren Schmiegsamkeit zu dieser beschtzenden
Liebkosung einlud, und sagte.  "Es macht warm." In der Tat strahlte
nicht nur die rmische Mrzsonne, sie brannte sogar.

"Ja, es macht warm", wiederholte er, hob den Helm und wischte mit der
Hand einen Schweitropfen.  "Leeren wir einen Becher?", und ohne die
Antwort zu erwarten, bog er nach wenigen Schritten in den offenen
Hofraum eines klsterlichen Gebudes und warf sich dort auf eine
Steinbank, wo Graciosus in Zchten sich neben ihn setzte.  "Ich darf
mich nicht weiter verziehen", sagte der Hfling, "als das Horn reicht,
wann Herr Karl die Schule zusammenruft.  Auch liebe ich dieses junge
Geschpf", scherzte er und zeigte auf eine Palme, welche in geringer
Entfernung auf dem Vorsprunge eines Hgels, von leichten Windsten
bewegt, sich im blauen Himmel fcherte und etwa sechzehn Jahresringe
zhlen mochte.  "Hier heit es ad palmam novellam, und Pfrtner Petrus
schenkt einen herben.  He, Petrus!" Dieser, ein Alter mit struppigem
Bart, feurigen Augen und zwei riesigen Schlsseln am Gurte, brachte
Kanne und Becher.

"Palma novella ist auch ein Frauenname", bemerkte Graciosus und netzte
den Mund.

"Mag sein", versetzte Wulfrin.  "In Hispanien, wenn mir recht ist,
luft derlei Getauftes oder Ungetauftes herum.  Ich habe mich nicht
damit befat.  Ich mache mir nichts aus den Weibern."

"Deine rtische Schwester heit auch nicht anders", sagte Gnadenreich
unschuldig.

"Meine--rtische--Schwester?"

"Nun ja, Wulfrin, das Kind der Judicatrix, meiner Nachbarin auf
Malmort am Hinterrhein.  Du hast sie nie von Angesicht gesehen, die
Frau Stemma, das zweite Weib deines Vaters?"

"Das dritte", murrte Wulfrin.  "Ich bin von der zweiten."

"Das weit du besser.  Auch das jhe Ende deines Vaters weit du, bei
seinem Aufritt in Malmort.  Palma ist nachgeboren."

"Es sei", versetzte Wulfrin verdrossen.  "Warum auch sollte es nicht
sein?  Rhrt mich aber nicht.  Was mich kmmern konnte, hat mir der
Knecht des Vaters, der Steinmetz Arbogast, umstndlich berichtet.  Ich
habe es mit ihm beredet und errtert mehr als einmal und noch zuletzt
am Wachfeuer vor Pertusa, wenige Augenblicke bevor den treuen Kerl der
maurische Pfeil meuchelte.  Das ist nun fertig und abgetan.  Wisse:
als Siebenjhriger bin ich daheim ausgerissen--der Vater hatte mir das
sieche Mtterlein ins Kloster gestoen--und ber Stock und Stein zu
Knig Karl gerannt.  Dorthin hat mir der Arbogast mein Erbe gebracht,
das Wulfenhorn, dieses hier.  Der Wulfenbecher, der dazu gehrt,
obschon er heidnisch ist--das Horn ist biblischen Ursprungs--, blieb
auf Malmort und mag dort bleiben, bis ich freie, und das hat Weile.
Sie werden ihn aufgehoben haben.  Du hast ihn wohl gesehen, wenn du
dort ein und aus gehst."

Graciosus nickte.

"Verstehe: beide, Horn und Kelch, sind zwei Altertmer, mit Tugenden
und Krften begabt.  Den Becher gab einem Wlfling ein Elb oder eine
Elbin von denen im Hinterrhein.  Solang eines Wolfes Weib ihn ihrem
Wolfe kredenzt und den dareingegrabenen Spruch ohne Ansto hersagt,
einmal vorwrts und einmal rckwrts, gefllt und mundet sie dem Wolfe.
ber das Hifthorn sind die Meinungen geteilt.  Nach den einen ist
es gleichfalls ein elbisches Geschenk, und vor dem Burgtor bei der
Rckkehr geblasen, zwingt es die Wlfin zu bekennen, was immer sie in
Abwesenheit des Gatten gesndigt hat.  Andere dagegen behaupten, da
ein Wolf im Gelobten Lande das Horn mit seinem Schwert aus dem
erstarrten Pech und Schwefel des Toten Meeres grub.  So ist es ein im
Getmmel zur Erde gestrztes Harschhorn, von denen, welche die
himmlischen Haufen bliesen zum Gericht ber Sodom und Gomorra."
Wulfrin blickte dem Rter ins Gesicht, der ihm--Schlauheit oder
Einfalt--zwei glubige Augen entgegenhielt.

Eben wurde vom Winde ein Bruchstck der Seelenmesse aus Ara Cli
hergetragen.  Zornig und drohend sangen sie dort: "Dies irae, dies
illa, dies magna et amara valde!"

"Schne Bsse", lobte Wulfrin.  "Um wieder auf den Becher zu kommen,
so glaube ich nicht an seine Kraft.  Sicherlich hat die Mutter nicht
unterlassen, seinen Spruch herzubeten, vorwrts und rckwrts.  Es hat
nichts gefruchtet.  Sie welkte, und der Vater verstie sie." Er tat
einen Seufzer.

"Und das Horn?" fragte Schelm Graciosus.

Der Hfling wog es in den Hnden und lchelte.  Graciosus lchelte
gleichfalls.

"brigens ist es das beste Hifthorn im Heere.  Das ruft!  Hre nur!"
und er setzte es an den Mund.

"Um aller Heiligen willen, Wulfrin, la ab!" schrie Graciosus
ngstlich.  "Willst du die Stadt Rom in Aufruhr bringen?"

"Du hast recht, ich dachte nicht daran." Wulfrin lie das Horn in die
tragende Kette zurckfallen.

"Dieses Hifthorn", sagte jetzt Graciosus bedchtig, "wurde mir
beschrieben.  Auch hat es der Knecht Arbogast in Stein gemeielt auf
dem Grabmal im Hofe von Malmort, wo er den Comes, deinen Vater,
abbildete und die Wittib daneben."

"So?" grollte Wulfrin.  "Konnte der Vater nicht allein liegen?"

Graciosus lie sich nicht einschchtern.  "An den Herrn des Hifthorns
habe ich einen Auftrag", sagte er.

"Du bist voller Auftrge.  Von wem hast du diesen?"

"Von der Richterin."

"Welche Richterin?" Entweder war Wulfrin von harten Begriffen oder
seine Laune verschlechterte sich zusehends.

"Nun, die Judicatrix Stemma, deine Stiefmutter."

"Was hab ich mit der Alten zu schaffen!  Warum lchelst du, Mnnchen?"

"Weil du so mit ihr umgehst, die noch schn und jung ist."

"Ein altes Weib, sage ich dir."

"Ich bitte dich, Wulfrin!  Dein Vater freite sie als eine
Sechzehnjhrige.  Dein Geschwister ist nicht lter.  Zhle zusammen!
Doch jung oder alt, sie gab mir den Auftrag, und ich darf ihn nicht
unausgerichtet heimbringen."

Der Hfling verschluckte einen Fluch.  "Du verdirbst mir den Krtzer,
er schmeckt wie Galle." Erbost stie er den Becher von der Bank und
setzte den Fu darauf.  "So sprich!"

"Frau Stemma", begann Gnadenreich in bildlicher Rede, "will sich vor
dir die Hnde in ihrer Unschuld waschen."

"Ein Becken her!" spottete Wulfrin, als riefe er in die Gasse hinaus
nach einem Bader.

"Wulfrin, stnde sie vor dir, du straftest deine Lippen!  Keine in
Rtien hat edlere Sitte.  Was sie verlangt, ist gebhrlich.  Auf der
Schwelle ihres Kastells, vor ihrem Angesichte, jhlings ist dein Vater
erblichen.  Das ist schrecklich und fragwrdig.  Frau Stemma lt dir
sagen, sie wundere sich, da sie dich rufen msse, sie habe dich
lngst, tglich, stndlich erwartet, seit du zu deinen mndigen Jahren
gekommen bist.  Nur ein Sorgloser, ein Fahrlssiger, ein
Pflichtvergessener--nicht meine Worte, die ihrigen--verschiebe und
versume es, sie zur Rechenschaft zu ziehen."

Wulfrin blickte finster.  "Das Weib tritt mir zu nahe", sagte er.
"Ich wute, was man einem Vater schuldig ist.  Er hat an meiner Mutter
gefrevelt, und sein Gedchtnis--die Kriegstaten ausgenommen--ist mir
unlieb: dennoch habe ich mir seine Todesgebrde vergegenwrtigt, den
Augenzeugen Arbogast, der das Lgen nicht kannte, habe ich scharf ins
Verhr genommen.  Jetzt will ich noch ein briges tun und dir die
gemeine Sache herbeten, vom Kredo bis zum Amen.  Du bist aus dem Lande
und kennst die Geschichte.  Mangelt etwas daran oder ist etwas zuviel,
so widersprich!"

Der Vater kam aus Italien und nchtigte bei dem Judex auf Malmort.
Bei Wein und Wrfeln wurden sie Freunde, und der Vater, der, meiner
Treu, kein Jngling mehr war--ich habe aus der Wiege seinen weien
Bart gezupft--, warb um das Kind des Richters und erhielt es.  Beim
Bischof in Chur wurde Beilager gehalten.  Am dritten Tage setzte es
Hndel.  Der Rznser, dessen Werbung der Judex abgewiesen haben
mochte, wurde zu spt oder ungebhrlich geladen oder an einen
unrechten Platz gesetzt oder nachlssig bedient oder schlecht
beherbergt, oder es wurde sonst etwas versehen.  Kurz, es gab Streit,
und der Rznser streckt den Judex.  Der Vater hat den Schwieger zu
rchen, berennt Rzns eine Woche lang und bricht es.  Inzwischen
bestattet das Weib den Judex und reitet nach Hause.  Dort sucht sie
der Vater, mit Beute beladen.  Er stt ins Horn, der Sitte gem.
Sie tritt ins Tor, sagt den Spruch und kredenzt den Wulfenbecher, den
ihr der Vater in Chur nach wlfischer Sitte als Morgengabe gereicht
hatte.  Kredenzt ihn mit drei Schlcken.  Der Arbogast, der durstig
daneben stand, hat sie gezhlt: drei herzhafte Schlcke.  Der Vater
nimmt den Becher, leert ihn auf einen Zug und haucht die Seele aus.
War es so oder war es anders, Bischofsneffe?"

"Wrtlich und zum Beschwren so", besttigte Graciosus.  "Von hundert
Zeugen, die den Burghof fllten, zu beschwren!  Soviel ihrer noch am
Leben sind.  Und solches ist geschehen nicht im Zwielichte, nicht bei
flackernden Spnen, sondern im Angesicht der Sonne zu klarer
Mittagszeit.  Der Comes, dein Vater, war rasend geritten, hatte im
Bgel manchen Trunk getan"--

"Und mit fliegender Lunge ins Horn gestoen, vergi nicht!" hhnte
Wulfrin.

"Er triefte und keuchte"--

"Er lechzte wie eine Bracke!" berbot ihn Wulfrin.

"Er sehnte sich nach seinem Weibe", dmpfte Graciosus.

"Trunken und brnstig! unter gebleichten Haaren! pfui!  Ist das zum
Abmalen und an die Wand heften?  Was will die Judicatrix?  Mich
schwren lassen, da wir Wlfe gemeinhin am Schlage sterben?  Was
freilich auf die Wahrheit herausliefe."

"Es ist ihr Wille so, und man gehorcht ihr in Rtien."

"Seht einmal da! ihr Wille!" hohnlachte Wulfrin.  "Mein Wille ist es
nicht, und meine Heimat ist nicht ein Bergwinkel, sondern die weite
Welt, wo der Kaiser seine Pfalz bezieht oder sein Zelt aufschlgt.
Sage du deiner Richterin, Wulfrin sei kein Laurer noch Argwhner!  Sie
rhre nicht an die Sache!  Sie zerre den Vater nicht aus dem Grabe!
Ich lasse sie in Ruhe, kann sie mich nicht ruhig lassen?" Er drohte
mit der Hand, als stnde die Stiefmutter vor ihm.  Dann spottete er:
"Hat das Weib den Narren gefressen an Spruch und Urteil?  Hat es eine
kranke Lust an Schwur und Zeugnis?  Kann es sich nicht ersttigen an
Recht und Gericht?"

"Es ist etwas Wahres daran", sagte Graciosus lchelnd.  "Frau Stemma
liebt das Richtschwert und befat sich gerne mit seltenen und
verwickelten Fllen.  Sie hat einen groen und stets beschftigten
Scharfsinn.  Aus wenigen Punkten errt sie den Umri einer Tat, und
ihre feinen Finger enthllen das Verborgene.  Nicht da auf ihrem
Gebiete kein Verbrechen begangen wrde, aber geleugnet wird keines,
denn der Schuldige glaubt sie allwissend und fhlt sich von ihr
durchschaut.  Ihr Blick dringt durch Schutt und Mauern, und das
Vergrabene ist nicht sicher vor ihr.  Sie hat sich einen Ruhm erworben,
da fernher durch Briefe und Boten ihr Weistum gesucht wird."

"Das Weib gefllt mir immer weniger", grollte Wulfrin.  "Der Richter
walte seines Amtes schlecht und recht, er lausche nicht unter die Erde
und schnffle nicht nach verrauchtem Blute."

Graciosus begtigte.  "Sie redet davon, ihr Haus zu bestellen, obwohl
sie noch in Blte und Kraft steht.  Vielleicht sorgt sie, wenn sie
nicht mehr da wre, knntest du deine Schwester in Unglck strzen"--

"In Unglck?"

"Ich meine, sie berauben und verjagen unter dem Vorwande einer
unaufgeklrten und ungeschlichteten Sache.  Darum, vermute ich, will
sie dich nach Malmort haben und sich mit dir vertragen."

Wulfrin lachte.  "Wirklich?" sagte er.  "Sie hat einen schnen Begriff
von mir.  Meine Schwester plndern?  Das arme Ding!  Im Grunde kann es
nicht dafr, da es auf die Welt gekommen ist.  Doch auch von ihr will
ich nichts wissen." Whrend er redete, zhlte sein Blick die
Jahresringe der jungen Palme.  "Fnfzehn Ringe?" sagt er.

"Fnfzehn Jahre", berichtigte Graciosus.

"Und wie schaut sie?"

"Stark und warm", antwortete Gnadenreich mit einem unterdrckten
Seufzer.  "Sie ist gut, aber wild."

"So ist es recht.  Und dennoch will ich nichts von ihr wissen."

"Sie aber wei von nichts anderm als von dem fremden, reisigen,
fabelhaften Bruder, der sich mit den Sachsen balgt und mit den
Sarazenen rauft.  'Wann der Bruder kommt'--'Das gehrt dem
Bruder'--'Das mu man den Bruder fragen'--davon werden ihr die Lippen
nicht trocken.  Jedes Hifthorn jagt sie auf, sie springt nach deinem
Becher und damit an den Brunnen.  Sie wscht ihn, sie reibt ihn, sie
splt ihn."

"Warum, Narr?"

"Weil sie dir ihn kredenzen will und dein Vater sich daraus den Tod
getrunken hat."

"Dummes Ding!  Du also wirbst um sie?"

Der ertappte Graciosus errtete wie ein Mdchen.  "Die Mutter
begnstigt mich, aber an ihr selbst werde ich irre", gestand er.
"Kmest du heim, ich bte dich, ein Wort mit ihr zu reden."

Wieder musterte Wulfrin den netten Jngling und wieder klopfte er ihn
auf die Schulter.  "Sie hlt dich zum besten?" sagte er.

"Sie redet Rtsel.  Da ich neulich auf mein Herz anspielte"--

"Schlug sie die Augen nieder?"

"Nein, die schweiften.  Dann zeigte sie mit dem Finger einen Punkt im
Himmel.  Ich blinzte.  Ein Geier, der ein Lamm davontrug.
Unverstndlich."

"Klar wie der Morgen.  'Raube mich.'  Das Mdchen gefllt mir."

"Du willst sie sehen?"

"Niemals."

Jetzt trat ein Palastschler mit suchenden Blicken in den Hofraum und
dann rasch auf Wulfrin zu.  "Du", sagte er, "die Messe ist aus, der
Knig verlt die Kirche." Der "Kaiser" wollte ihm noch nicht ber die
Zunge.

Wulfrin sprang auf.  "Nimm mich mit!" bat Graciosus, "damit ich dem
Herrn der Erde nahe trete und ihn reden hre."

"Komm", willfahrte Wulfrin gutmtig, und bald standen sie neben dem
Kaiser, vor welchem ein ehrwrdiger, aber etwas verwilderter Graubart
das Knie bog.  Gnadenreich erkannte Rudio, den Kastellan auf Malmort,
und wunderte sich, welche Botschaft der Rter bringe, denn Karl hielt
ein Schreiben in der Hand.  Er reichte es dem Abte, und Alcuin las vor:

"Erhabener, da ich hre, Du werdest von Rom nach dem Rheine ziehen,
flehe ich Dich an, da Du Deinen Weg durch Rtia nehmest.  Seit Jahren
haben sich in unsern verwickelten Tlern versprengte Lombarden
eingenistet unter einem Witigis, der sich Herzog nennt.  Wir, die
Herrschenden im Lande, unter uns selbst uneins und ohne Haupt, werden
nicht mit ihnen fertig, ja einige von uns zahlen ihnen Tribut.  Ein
unertrglicher Zustand.  Du bist der Kaiser.  Wenn du kommst und
Ordnung schaffst, so tust Du, was Deines Amtes ist.  Stemma,
Judicatrix."

"Keine Schwtzerin", sagte der Kaiser.  "Meine Sendboten haben mir von
der Frau erzhlt." Alcuin betrachtete die Handschrift.  "Feste Zge",
lobte er.

"Alcuin, du Abgrund des Wissens", lchelte Karl, "was ist Rtien?
Welche Psse fhren dahin?"

Der kleine Abt fhlte sich durch Lob und Frage geschmeichelt, wendete
sich aber nicht an den Gebieter, sondern, als der Hfling und der
Schulmeister, welcher er war, an die Palastschule, die schon zu einem
guten Drittel, den Blondbart inbegriffen, um den Kaiser versammelt
stand.

"Jnglinge", lehrte er und zog die Brauen in die Hhe, "wer seinen Weg
durch das rtische Gebirge nimmt, hat, ohne den harten, aber in Stcke
zerrissenen Damm einer Rmerstrae zu zhlen, die Wahl zwischen
mehreren Steigen, die sich alle jenseits des Schnees am jungen Rheine
zusammenfinden.  Diese Wege und Stapfen fhren im Geisterlicht der
Firne durch ein beirrendes Netz verstrickter Tler, das die Fabel mit
ihren zweifelhaften Gestalten und luftigen Schrecken bevlkert.  Hier
ringelt sich die Schlangenknigin, wie verlockt von einer Schale Milch,
einem blanken Wasser zu, gegenber, aus einem finstern Borne, taucht
die Fei und wehklagt."

"Lehrer, was hat sie fr Grnde dazu?" fragte der Rotbart wibegierig.

"Sie ahnt das ewige Gut und kann nicht selig werden.  Dahinter,
zwischen Schnee und Eis, in einem grnen Winkel, weidet eine
glockenlose Herde, und ein kolossaler Hirte, halb Firn halb Wolke,
neigt sich ber sie.  Tiefer unten, bei den ersten Stapfen, verliert
die harmlose Fabel ihre Kraft, und menschliche Schuld findet ihre
Hhlen und Schlupfwinkel.  Hier raucht und schwelt eine gebrochene
Burg, dort starrt, von Raben umflattert, ein Mrder in den
zerschmetternden Abgrund."

"Wen hat er hinuntergeworfen?" fragte der Rotbart spttisch.

"Eheu!" jammerte der Abt, "bist du es, Liebling meiner Seele, Peregrin,
mein bester Schler, dessen Knochen in der rtischen Schlucht
bleichen?" Er trocknete sich eine Trne.  Dann schlo er: "Gegen
beides, Fabel und Snde, hlt Bischof Felix in Chur beschwrend seinen
Krummstab empor."

"In schwachen Hnden", scherzte der Kaiser.

"Er ist sehr schn gearbeitet", rief Graciosus mit der schallenden
Stimme eines Chorknaben, "und in seiner Krmmung neigt sich der
Verkndigungsengel mit der Inschrift: Friede auf Erden und an den
Menschen ein Wohlgefallen."

Karl gnnte dem Bischofsneffen einen heitern Blick und wendete sich
gegen die Schule: "Stammt einer von euch aus Rtien?"

Wulfrin trat vor.  "Ich, Herr.  Jung bin ich ausgewandert, doch kenne
ich Sprache und Steige."

"So reite und berichte."

"Dir zu Dienste, Herr", verabschiedete sich Wulfrin, wurde aber von
dem hartnckigen Gnadenreich gehalten, der sich seiner bemchtigte und
ihn vor den Kaiser zurckbrachte.  "Durchlauchtigster", verklagte er
ihn, "er soll auf Malmort bei der Richterin, seiner Stiefmutter,
erscheinen, keiner andern als die dir den Brief geschrieben hat, und
er will nicht.  Sie besteht darauf, sich vor ihm zu rechtfertigen ber
das jhe Sterben ihres Gemahles des Comes Wulf."

"Jener?" besann sich der Kaiser.  "Er hat mir und schon meinem Vater
gedient und verunglckte im rtischen Gebirge."

"Vor dem Kastell und zu den Fen seines Weibes Stemma, die ihm den
Willkomm kredenzt hatte", erinnerte Gnadenreich.

Karl verfiel in ein Nachdenken.  "Eben habe ich fr die Seele meines
Vaters gebetet", sagte er.  "Kindliche Bande reichen in das Grab.
Mich dnkt, Wulfrin, du darfst bei der Richterin nicht ausbleiben.  Du
bist es deinem Vater schuldig."

Wulfrin schwieg trotzig.  Jetzt griff der Kaiser rechts nach dem
Hifthorn, um die ganze Schule zusammenzurufen und ihr seine Befehle zu
geben.  Es mangelte.  Er hatte es im Palaste vergessen oder
absichtlich zurckgelassen, um der Messe als ein Friedfertiger
beizuwohnen.  "Deines, Trotzkopf!" gebot er, und Wulfrin hob sich sein
Hifthorn ber das Haupt.  Karl betrachtete es eine Weile.  "Es ist von
einem Elk", sagte er, hob es an den Mund und stie darein.  Da gab das
Horn einen so gewaltigen und grauenhaften Ton, da nicht nur die
Hflinge aus allen Ecken und Enden des Kapitols hervorstrzten,
sondern auch, was sich ringsum von rmischem Volke gehuft hatte,
erstaunt und erschreckt die Kpfe reckte, als nahe ein pltzliches
Gericht.  Karl aber stand wie ein Cherub.

Im Gedrnge des Aufbruchs machte sich der Bischofsneffe noch einmal an
den Hfling.  "Auf Wiedersehen in Malmort: du gehorchst?"

"Nein", antwortete Wulfrin.




Zweites Kapitel


Innerhalb der dicken Mauern eines wie aus dem Felsen gewachsenen
rtischen Kastells sprudelte ein Quell in klsterlicher Stille.  Durch
die Zacken bemooster Ahorne rauschte der Abendwind mchtig ber den
Hof weg, und schon rckte das Sptrot hinauf an dem klotzigen Gemuer.
Am Brunnen aber stand ein junges Mdchen und lie den heftigen Strahl
in einen Becher springen, aus dessen von Alter geschwrztem Silber er
schumend empor und ihr ber die bloen Arme spritzte.

"Berg und Wetter sind gut", murmelte sie.  "Mir brannten die Sohlen
von frh an, ihm entgegen zu rennen.  Kommt er heute noch? oder erst
morgen? oder bermorgen zum allersptesten!  Graciosus verschwor sich,
der Bruder ziehe mit dem Kaiser--nein, er reite ihm weit voraus!  Und
der Kaiser ist nahe, was flchteten sonst die Lombarden Hals ber
Kopf?  Bum!" machte sie und ahmte den dumpfen Schlag einer Laue nach,
dem bald ein zweiter und noch der dritte folgte, denn im Gebirge, das
in Gestalt einer breiten blanken Firn ber die Firste blickte, hatte
es heute in einem fort gerieselt und geschmolzen.

"Die ihr auf weien Strzen in den Abgrund schlittet, seid ihm hold,
brtige Zwerge!  Verberget ihm nicht den Pfad, verschttet ihm nicht
die Hufen des Rosses!  Sprudle, Flut!  Spl aus den Hauch des Todes!
Lust und Leben trinke der Bruder!" und sie streckte den schlanken Arm.
Dann hob sie den gebadeten Becher in die Hhe der Augen und
buchstabierte den Elbenspruch, welchen sie sich deutlicher in das Herz
schrieb, als er mit erblindeten Lettern in das Silber gegraben stand.
Der Spruch aber lautete folgendermaen:

"Gesegnet seiest du!
Leg ab das Schwert und ruh!
Geniee Heim und Rast
Als Herr und nicht als Gast!
Den Wulfenbecher hier
Dreimal kredenz ich dir!
Erfreue dich am Wein!
Willkomm..."


Hier schlo entweder der zaubertchtige Spruch oder dann kam noch
etwas gnzlich Unleserliches, wenn es nicht zufllige Male der
Verwitterung waren.

Eigentlich wute sie ihn schon lange auswendig.  Sie sagte ihn
vorwrts, das ging, rckwrts, das ging auch.  Dann sah sie ihn darauf
an--zum wievielten Male!--, ob er ihr mundgerecht sei und von der
Schwester dem Bruder sich sagen lasse, denn Graciosus hatte es erraten:
sie liebkoste den Wunsch, mit dem Wulfenbecher dazustehen und ihn
Wulfrin zu kredenzen.  Ob es die Mutter erlaube?  Diese machte sich
mit dem Becher nichts zu schaffen, sie lie ihn, wo er langeher seinen
Platz hatte.  Der Spruch gefiel dem Mdchen, und es malte sich die
Ankunft.

"Das Horn klingt!  Oder wre es mglich, da er mich still beschliche?
mit heimlichen Schritten?  Aber nein, er will ja nichts von mir
wissen--wenn Graciosus nicht seinen Scherz mit mir getrieben hat.  Das
Horn drhnt!  Ich ergreife den Becher, fliege der Mutter voran--oder
noch lieber, sie ist verritten, und ich bin Herrin im Hause--jetzt
naht er! jetzt kommt er!" Ihr Herz pochte.  Sie begann zu zittern und
zu zagen.  "Er ist da! er ist hinter mir!" Sie wendete sich zgernd
erst, dann pltzlich gegen das Burgtor.  In der niedern Wlbung
desselben stand kein junger Held, aber lauernd drckte sich dort ein
armseliger Pickelhering.

Das Mdchen brach in ein enttuschtes Gelchter aus und trat beherzt
der Fratze entgegen.  Es war ein Lombarde, das erriet sie aus den
ziegelroten Nesteln seiner schmutzig-gelben Strmpfe.  In die
schreiendsten Farben gekleidet, wie sie Armut und Zufall
zusammenwrfeln, trug der Kleine einen langausgedrehten pechschwarzen
Spitzbart, der mit den gezackten Brauen und dem verzerrten Gesichte
eine possierliche Maske schuf.

"Wer bist du, und was willst du?" fragte das Mdchen.

"Nur nicht gerufen, kleine Herrin oder vielmehr groe Herrin, denn,
bei meiner katholischen Seele! du hast die Mutter dreimal handbreit
berwachsen.  Wo ist sie?" Er schaute sich ngstlich um.  Sein Blick
fiel auf etwas Graues.  In der Mitte des Hofes und im Schatten der
Ahorne stand ein breiter Steinsarg, auf dessen Platte ein gewappneter
Mann neben einem Weibe lag, das die Hnde ber der Brust faltete.  "Ei,
da hlt ja unsere liebe Frau neben ihrem Alten stille Andacht",
spate der Lombarde, "und trbt kein Wsserchen, whrend sie zugleich
in ihrer grnen Kraft bergauf bergab reitet und hngen und kpfen lt."
Er blickte bedenklich zu dem prchtig gebildeten leuchterfrmigen
Ast eines Ahorns empor.  "Hier wrde ich ungerne prangen", sagte er.
"In Krze: ich bin Rachis der Goldschmied und habe ein Geschftchen mir
dir.  Liebst du deinen Bruder, junge Herrin?"

Diese pltzliche Frage setzte das Mdchen kaum in Erstaunen, das sich
heute und gestern mit nichts anderem als nur mit diesem selben
Gegenstande beschftigt hatte.  "Wie mein Leben", sagte sie.

"Das ist schn von dir, aber wenig fehlt, so liebst du einen Toten.
Wulfrin der Hfling ist in unsere Gewalt geraten."

"Er lebt?" schrie das Mdchen angstvoll.

"Zur Not.  Herzog Witigis zielt auf sein Herz--aber wird uns die
Richterin nicht berraschen?"

"Nein, nein, sie ist nach Chur verritten.  Rede! schnell!"

"Nun, ich habe ein feines Ohr und wei auch ein Loch in der Mauer,
denn ich bin hier nicht unbekannter als der Marder im Hhnerhof.  Also:
dein Bruder ist in einen Hinterhalt gefallen.  Er schlug um sich wie
ein Rasender, und unser Sechse wichen vor ihm, die einen verwundet,
die andern, um es nicht zu werden.  Doch sein Pferd rollte in den
Abgrund, und er selbst verirrte sich auf eine leere Felsplatte, wo wir
ein Treiben auf ihn anstellten und ihm hinterrcks ein langes Jagdnetz
ber den Kopf warfen.  Denn der Herzog wollte ihn lebendig fangen, um
ihn ber die Wege des Franken, unsers Verderbers, auszufragen.  Der
Trotzkopf aber verschwieg alles, auch den eigenen Namen.  Da legte der
Herzog den Pfeil auf den Bogen und"--Rachis tat einen grausamen Pfiff.

"Du lgst! er lebt!" rief das Mdchen mutig.

"Vorlufig.  Der Herzog drckte nicht ab, denn--jetzt wird die
Geschichte lustig--das junge Weib eines der Unsrigen, eine
freigegebene Eigene der Richterin, wenig lter als du"--

"Mein Gespiel Brunetta, das Kind Faustinens"--

"Gerade diese sprang dazwischen.  'Bei der durchlcherten Seite
Gottes', heulte sie, 'der arme Herr trgt das Wulfenhorn und ist kein
anderer als der Sohn des Comes, der im Steinbild auf Malmort liegt.
Seine leibliche Schwester, Herrin Palma, hat mir von ihm erzhlt, von
klein an und in einem fort ohne Aufhren.  Du darfst nicht sterben',
wendete sie sich an den Gebundenen, 'das wre ihr ein groes Leid und
ttete ihr das Herzchen.  Denn wisse, du bist ihr Herzkfer,
wenngleich sie dich noch nie mit Augen gesehen hat.  Sende hin, und
sie lst dich mit ihrem ganzen Geschmeide.  Es sind kstliche Sachen.
All ihr Kleinod hat die Richterin dem Kinde, sobald es seinen Wuchs
hatte, gespendet und dahingegeben.'"

"So erfuhr Herzog Witigis den Namen seines Gefangenen und die blonde
Rosmunde, die er um sich hat, das Dasein eines herrlichen Schatzes.
Sie umhalste den Herzog und erflehte sich das Geschmeide von Malmort.
Ihr Stirnband habe seine Perlen und ihr elfenbeinerner Kamm die Hlfte
seiner Zhne verloren.  Kurz, Goldschmied Rachis wurde an dich
geschickt und bietet dir den Tausch.  Whle: Schmuck oder Bruder!"

Ehe noch der Lombarde geendigt hatte, strzte das Mdchen gegen die
Burg, die steile Treppe hinauf, verschwand in der Pforte und kam
atemlos wieder, Schimmerndes und Klingendes in dem zur Schrze
gefaten hellen Oberkleide tragend.  Dieses hielt sie mit der Linken,
whrend die Rechte Stck um Stck wie aus einem Horte emporhob und den
gekrmmten Fingern des Goldschmieds berantwortete.  Spangen,
Stirnbnder, Grtel, Perlschnre verschwanden in dem Sacke, welchen
Rachis geffnet hatte, auch fr die blonden Flechten Rosmundens ein
kunstvoller Kamm von Elfenbein mit dem Heiland und den Aposteln in
erhabener Arbeit.  Jedes durch seine Hnde wandernde Stck begleitete
der Goldschmied mit dem Lobe des Kenners, nicht ohne ein bichen
Bosheit, die dem begeisterten Mdchen seine Verluste fhlbar machen
wollte.  Sie zuckte nicht einmal mit dem Mund, sie leuchtete vor
Freude bei der Hingabe alles ihres Besitzes.

Da kam ihr denn doch ein Zweifel.  "Du bist redlich?" sagte sie.  "Du
schickst mir den Bruder?  Es ist besser, ich begleite dich!" und sie
machte sich wegfertig.

"Unmglich, Herrin", widersprach der Lombarde, "das geht nicht!  Du
entdecktest unsere Schlupfwinkel und gefhrdetest mit dem Leben des
Bruders auch das deinige.  Die Richterin aber wrde dich von uns
geraubt glauben.  Sei nicht unklug, und gib dich nicht in fremde
Gewalt!" Er belud sich mit dem Sacke.  "Ein Schlummerchen, Frulein!
und wenn du die Augen wieder ffnest, hast du den Bruder, der dich
Gold und Gut kostet.  Das schwre ich dir!" Er senkte die drei Finger
mit einem grimmigen Blicke gegen den Erdboden.  "Bei dem da unten!"
gelobte er.

"Ein glaubhafter Schwur!" sprach eine weibliche Stimme.  Rachis
wendete sich erschrocken und bog das Knie vor einer behelmten Frau mit
strengen Zgen, die den Speer, den sie in der Hand getragen, einem
bewaffneten Knechte reichte.  Die Richterin mochte aus Schonung fr
ihr ermdetes Tier den steilen Burgweg zu Fu erklommen haben.  Sie
fate Palma schtzend am Arm und blickte geringschtzig auf den
Lombarden.  "Schwrest du bei Gott und seinen Heiligen", sagte sie,
"so schwrest du falsch; eher schwrst du die Wahrheit bei dem Vater
der Lgen.  Habet ihr euch nicht bei allem Gttlichen verpflichtet,
ihr Lombarden, nie mehr in Rtien zu rauben und zu brennen?  Und jetzt,
da ihr, wie alles Bse, vor den Augen des Kaisers flchtet,
schleudert ihr rechts und links verheerende Flammen!  Ich komme von
Chur und wei um eure Taten, Eidbrchige!  Sage du deinem Witigis, die
Richterin wrde ihm nachjagen und ihn zchtigen, wenn nicht ein
Hherer kme, und er ist schon da, dessen Hand ihn erreicht, flhe er
an die Enden der Erde!" Jetzt fielen ihre Augen auf den Sack des
Goldschmieds.  "Was trgst du da weg, Dieb?" fragte sie verchtlich.

"Ein ehrlicher Handel", beteuerte dieser und ffnete den Sack, whrend
das Mdchen die Mutter strmisch umarmte.  "Ich kaufe den Bruder!"
rief sie.  "Er ist in die Gewalt des Witigis geraten, der auf ihn
zielt, bis ich der Frau Herzogin"--das unschuldige Kind erhob die
blonde Rosmunde in den Ehestand--"meinen Schmuck gegeben habe, und wie
gerne gebe ich ihn!"

Die Richterin machte sich von ihr los und fragte Rachis: "Ist das
wahr?"

"Bei meinem Halse, Herrin!"

"Ich wrde dir nicht glauben, wte ich nicht, da der Hfling Wulfrin
dem Kaiser voranreitet, und htte ich nicht selbst eben jetzt in Chur
gehrt, da die Lombarden einen Hfling gefangen haben.  Dennoch kann
es eine Lge sein, denn es ist kaum glaublich, da ein Tischgenosse
Karls dem Feinde seinen Namen nennt und zu einem Mdchen um Lsung
sendet."

"Nein, nein, Mutter, so war es nicht!" rief Palma und erzhlte den
Vorgang.

"Ein eitles Weib, dem ein Leben feil ist fr einen Schmuck, das hat
mehr Sinn", meinte die Richterin.  Sie schien zu berlegen.  Dann warf
sie einen Blick auf das Geschmeide.  "Ich will den Hfling mit
Byzantinern lsen", sagte sie.

"Das steht nicht in meinem Auftrag und wrde der Rosmunde schlecht
gefallen."

"Dann tue ich es nicht."

"Auch gut", grinste Rachis.  "So lssest du eben den Wulfrin umkommen.
Du magst deine Grnde haben.  Ganz wie du willst."

"Das willst du nicht, Mutter!" jammerte Palma und strzte auf die Knie.

"Nein, das will ich nicht", sprach die Richterin mit nachdenklichen
Brauen.  "Warum auch?  Nimm das Zeug!" und Rachis war weg.

Das jubelnde Mdchen fiel der Mutter um den Hals und bedeckte den
strengen Mund mit dankbaren Kssen.  Dann raubte sie ihr den
kriegerischen Helm so ungestm, da die Flechten des schwarzen Haares
sich lsten und niederrollend dem entschlossenen Haupte der Richterin
einen jugendlichen und leidenden Ausdruck gaben.  Die nicht enden
wollende Freude Palmas ermdete endlich die Richterin.  "Geh schlafen,
Kind", sagte sie, "es dunkelt."

"Schlafen?  Wer knnte das, bis Wulfrin ruft?"

"So wirf dich, wie du bist, auf das Polster.  Was gilt's, ich finde
dich schlummern?  Zu Bette, Hhnchen! husch! husch!" und sie klatschte
in die Hnde.

Palma flog die Stiege hinauf, und die Richterin wendete sich zu Rudio,
ihrem Kastellan, der schon eine Weile ruhig harrend vor ihr stand.
"Was meldest du?" fragte sie.

"Eine Albernheit, Herrin.  Ich sah die Tr zu unserm Kerker
sperrangelweit offen.  Freilich hatte ich sie nicht verriegelt, da
gerade niemand sitzt.  Ich steige hinab, und auf dem Stroh liegt ein
Geschpf, das ich in der letzten Helle mir nur mhsam entrtsle.  Es
war die Faustine, welche, wie du dich erinnerst, mit deiner Erlaubnis
ihr Kind, die Brunetta, einem Lombarden, einem leidlichen Manne, den
du auf mein Frwort unter deinem Gesinde duldetest, zum Weibe gegeben
hat.  Jetzt, da das fremde Volk wandert, hat auch ihr Kind sein Bndel
geschnrt, und das mu sie irre gemacht haben.  Sie hat sich eine Hand
in den Kettenring gezwngt und ist brigens guten Mutes.  'Meister
Rudio', redete sie zu mir, 'wetze dein Beil am Schleifstein und tue
mir morgen nicht weher, als recht ist.'  Ich schelte sie und will ihr
den Arm aus der Fessel ziehen.  'Welche Posse!' sage ich, 'du bist ja
die ehrliche Armut am Rocken und im Rbenfeld, die ihr Kind
rechtschaffen grogezogen hat.  Hier ist nicht dein Ort.  Mit
deinesgleichen habe ich nichts zu tun.'  Sie sperrte sich und sagte:
'Das weit du nicht, Rudio.  Geh und rufe die Richterin.  Die wird das
Garn schon abwickeln und mir armem Weibe geben, was mir gehrt.'
Sollte ich die Trin zerren?  Du steigst wohl hinab und bringst sie
zurecht."

Die Richterin hie Rudio eine Fackel anbrennen und ihr vorschreiten.
In dem tiefen Gelasse sa ein gefesseltes Weib, das der Kastellan
beleuchtete.  Auf einen Wink der Herrin steckte er den brennenden Span
in den Eisenring und lie die Frauen allein.

Stemma beugte sich ber die freiwillig Eingekerkerte und befhlte ihr
als geschickte rztin den Puls der freien Hand, welchen aber kein
Fieber beschleunigte.  "Faustine", sagte sie, "was ficht dich an?  Was
ist ber dich gekommen?  Dich verwirrt der Schmerz, da du dich von
deinem Kinde trennen mutest.  Willst du ihr folgen?  Noch ist es Zeit.
Ich gebe dich frei.  Du bist nicht lnger meine Eigene.  Der Kaiser
wird den Lombarden feste Sitze weisen, und du behltst deine Brunetta."

Faustine schttelte das Haupt.  "Das fehlte noch", sagte sie, "da ich
mich an die Sohlen der Brunetta heftete und auch ihr zum Fluche wrde!
Richterin Stemma, nimm mir das ab!" Sie wies auf ihren Kopf.  "Du
weit ja wohl und langeher, da ich meinen Mann ermordete."

Mit ruhigem Blicke prfte Stemma das grellbeleuchtete knochige Gesicht
der gleichaltrigen Rterin.  Dann lie sie sich auf eine Treppenstufe
nieder, und Faustine kroch zu ihren Knien, ohne diese zu berhren.
Ihre Augen waren gesund.  "Herrin", sagte sie, "du weit alles, und
wenn du mich ein Jahrzehnt und lnger gndig verschont und meine
Missetat bedeckt hast, so war es, weil du nicht wolltest, da die
Brunetta, der unschuldige Wurm, zuschanden komme.  Ich durfte sie
aufziehen, und diese Gunst hast du mir erwiesen, weil ich dein Gespiel
gewesen bin.  Jetzt aber, da die Brunetta einem Manne folgt, ist kein
Grund, lnger zu trdeln und zu tndeln.  La uns die Sache ins reine
bringen.  Gib mir mein Urteil!"

Die Richterin erkannte aus der ganzen Gebrde Faustinens, da diese
bei Sinnen sei, und sosehr sie das schlimme Gestndnis berraschte, so
wenig gab sie den furchtbaren Ruf ihrer Allwissenheit preis.  "Lege
Bekenntnis ab", sagte sie streng.  "Das ist der Anfang der Reue." Und
Faustine begann: "Kurz ist die Geschichte.  Der Schtze Stenio umwarb
mich"--

"Den der Eber, welchen er gefehlt hatte, schleifte und zerri"--

"Jener.  Hernach gab mich der Judex seinem Reisigen Lupulus zur Ehe.
Ich bequemte mich und doch"--sie hielt inne, um das reine Ohr Stemmas
nicht zu beleidigen.  Die Richterin half ihr und sagte ernst und
traurig: "Und doch warest du das Weib des Toten."

Faustine nickte.  "Dann, vor dem Altar, pltzlich, zu meinem
Entsetzen"--

"Fhltest du, da du dem Toten gehrtest, du und ein Ungebornes", half
ihr die Richterin.

Wieder nickte Faustine.  "Das ist alles, Herrin", sagte sie.  "Lupulus,
jhzornig wie er war, htte mich umgebracht.  Das Ungeborne aber
verhielt mir den Mund und flsterte mir Feindseliges gegen den Mann zu."

"Genug", schlo Stemma.  "Nur eines noch: woher hattest du das Gift?"

"Siehst du, Herrin", rief das Weib, da du weit, wie ich ihn ttete!
Das Gift hat mir Peregrin gezeigt."

"Peregrin?" fragte die Richterin mit verhllter Stimme.  "Das ist
nicht mglich", sagte sie.

"Er zeigte es mir und warnte mich davor.  Ich irrte verzweifelnd unter
den Kiefern von Silvretta.  Da sehe ich ihn in seinem langen, dunkeln
Gewande, der sich bckt und Wurzeln grbt.  Blumen nickten mit braunen
Glocken.  Er ruft mich herbei, und, eine dieser Blumen in der Hand,
sagt er zu mir: 'Frau, hte dich und die Kinder vor diesem Gewchs!
Sein Saft ttet, auer in den Hnden des Arztes.'  Er meinte es gut mit
seinem warnenden Blick unter dem braunen Gelocke hervor und hauchte
mir doch einen grimmig bsen Gedanken an.  Keine Schuld komme auf
seine Seele!  Doch ich rede tricht.  Er ist ja lngst ein Engel
Gottes, seit er nach der groen Ebene wandernd im Gebirge unterging,
wie sie sagen, und das war nicht lange nach jener Stunde.  Du
erinnerst dich noch, der Judex dein Vater, dem er die Wunde heilte,
hatte ihn abgelohnt, was dir unlieb war, da er dich als ein weiser
Kleriker noch vieles htte lehren knnen."

"Schwatze nicht", gebot die Richterin, "und endige dein Bekenntnis.
Am folgenden Tage bist du aus deiner Htte nach Silvretta gegangen und
hast die Wurzeln gegraben?"

"Ja.  Du rittest vorber, und ich duckte mich, damit du mich nicht
erkennen mchtest, aber du wendetest dich zweimal im Sattel.  Und nun
sei barmherzig, Herrin, und gib mir mein Teil." Sie lie den Kopf auf
die Brust fallen, so da ihr der ppige schwarze Haarwuchs ber das
Gesicht sank.

Stemma sann, auf Faustinen niederblickend, und zog ihr mit zerstreuten
Fingern einen langen Strohhalm aus dem Haar.  "Faustine, mein Gespiel",
sagte sie endlich, "ich kann dich nicht richten."

Die ganze Faustine geriet in Aufruhr.  "Warum nicht?" schrie sie
emprt, "du mut es, oder ich schreie, da alle Mauern tnen: Sie hat
ihren Mann umgebracht!"

Stemma verhielt ihr den Mund.  "La das Totengebein!" schalt sie, als
drohe sie einem den verscharrten Knochen hervorkratzenden Hunde.

"Sei barmherzig!" flehte Faustine, "la mir das Haupt abschlagen,
nachdem es Gott gekostet und sein Kreuz gekt hat.  Dann wchst es
mir im Himmel wieder an und, Stenio rechts, Lupulus links, sitzen wir
auf einer Bank und geben uns die Hnde.  Danach verlangt mich", und
sie streckte den Hals.

"Ich kann dich nicht richten, Trin", sagte Stemma sanfter.  "Aus drei
Grnden nicht.  Merk auf!"

Als du deine Tat begingest, lebte und regierte noch der Judex mein
Vater.  Nach seinem Ende und dem des Comes, da ich das Richtschwert
erbte, habe ich laut verkndigt: 'Ab ist alles Geschehene!  Von nun an
sndige keiner mehr!'  Aber auch wenn ich dieses nicht htte ausrufen
lassen, knnte ich dennoch dich nicht richten, und du gingest frei aus,
denn seit deiner Tat sind fnfzehn vllige Jahre in das Land gegangen,
und hier ist uralter Brauch, da Schuld verjhrt in fnfzehn Jahren."

"Verjhrt? was ist das?" fragte Faustine verblfft.

"Durch die Wirkung der Zeit ihre Kraft verliert."

Ein hhnisches Lachen lief blitzend ber die weien Zhne der Rterin.
"Also zum Beispiel", sagte sie, "wenn ich gestern noch meinen Mann
vergiftet hatte und ber Nacht wird die Zeit vllig, so bin ich heute
keine Mrderin mehr.  Diese Dummheit!"

"Doch, du bleibst eine Mrderin", belehrte sie Stemma langmtig, "aber
du hast mit dem irdischen Richter nichts mehr zu schaffen, sondern nur
noch mit dem himmlischen.  Shne durch gute Werke!  Du hast den Anfang
gemacht: fnfzehn mhselige und rechtschaffene Jahre wiegen."

"Nichts wiegen sie!" zrnte Faustine.  "Ich sehe schon, du willst
meiner schonen!  Du heiest die Richterin, aber du bist die Ungerechte,
du machst Ausnahmen, du siehst die Person an!"

"Schweige!" befahl die Richterin.  "Ich bin denn doch klger als du,
und ich sage dir: deine Sache ist nicht mehr richtbar.  Noch aus einem
letzten Grunde.  Ich kann dich nicht verdammen, auch wenn ich dir den
Gefallen tun wollte, denn es steht kein Zeuge gegen dich als deine
trichte Zunge.  Aber weit du was: gehe nach Chur und beichte dem
Bischof.  Er ist der Hirte, und du bist das Schflein.  Er mag dir die
hrteste Bue auflegen: Fasten, schwere Dienste, hrenes Hemde,
blutige Geielungen.  Fordere sie, ist er dir zu milde!  Dann aber gib
dich zufrieden!  Unterwirf dich ganz der Kirche: sie vertritt dich,
und du hast eine sichere Sache!" Sie sagte das mit einem berzeugenden
Lcheln.

"Ich wei nicht", schluchzte Faustine, "Gott sei davor, da eine
Missetterin wie ich seiner heiligen Kirche nicht gehorche.  Aber
anders wre es einfacher gewesen.  Geplagt habe ich mich schon und im
Schweie meines Angesichtes zerarbeitet fnfzehn Jahre lang mit dem
Trost und Vorsatz, sobald mein Kind in sein Alter und an den Mann
gekommen, stracks in den Himmel zu fahren.  Jetzt verrckst du mir die
kurze Leiter und vertrittst mir den Weg."

"Der nach Chur ist kurz, und der an unser Ende ist nicht lang.
Gehorche, Faustine!" Sie ergriff die Fackel und schritt die Stufen
vorauf.  Faustine folgte wie eine Seele in Pein.

Unter dem Burgtor, das sich wie von selbst ffnete, denn der Wrtel
hatte die wandernde Helle wahrgenommen, blickte die Richterin in die
Nacht hinaus und sagte zu Faustinen: "Lege die Schuhe ab und la die
scharfen Kiesel deine Sohlen zerreien, denn du bist eine groe
Snderin!" Weinend trat Faustine ihren dunkeln Weg an.



Frau Stemma hatte recht gesagt.  Da sie die hochgelegene Burgkammer
betrat, schlief Palma.  Neben ihren tiefen Atemzgen glomm auf einem
Dreifu eine htende Flamme.  Das Mdchen lag in ihrem ganzen Gewande
auf dem Polster, die Hand ber das Herz gelegt.  Sie hatte das freudig
pochende beruhigen wollen und war daran entschlummert.  Die Mutter
betrachtete die Gebrde und konnte sich der Erinnerung nicht erwehren.

Nach dem Tode des Vaters und des Gatten und nach der Geburt Palmas
hatte die noch nicht zwanzigjhrige Richterin die Regierung ihres
Erbes mit entschlossener Hand ergriffen.  Die dem jungen und schnen
Weibe unter einem verwilderten, begehrlichen Adel von selbst
entstehenden Freier und Feinde hatte sie mit einer ber ihre Jahre
scharfsinnigen Politik veruneint und der Reihe nach mit den Waffen
ihrer Lehensleute gebndigt.  Helm und Schwert und die gerechte Sache
der mutigen Richterin wurden von dem friedseligen Bischof Felix in
seinem festen Hofe Chur mit weit ausgestreckten Hnden gesegnet.  Nach
einigen strmischen Jahren war Stemmas Herrschaft befestigt, und es
trat eine groe Stille ein.  Jetzt rchte sich die berhetzte Natur,
und Stemma verlor den Schlummer.  Wenn sie nicht selbst ihn
verscheuchte mit brennenden Leuchtern und endlosen Schritten.  Nicht
weit von dem Lager ihres Kindes, auf einer schmalen Bank in der tiefen
Fensterwlbung sa sie damals oft mit verschlungenen Armen, oder dann
konnte sie lange, lange mit zwei Flschchen spielen, welche sie in der
Mauer verwahrte und die der arzneikundige junge Kleriker Peregrin auf
Malmort zurckgelassen hatte, da er von dannen zog, um spurlos im
Gebirge zu verschwinden.  Beide waren von starkem Kristall und hatten
ber den glsernen Zapfen goldene Deckel, auf deren einem das Wort
"Antidoton" mit griechischen Lettern eingekritzt war, whrend auf dem
andern ein winziges Schlnglein sich krmmte.  Mit diesen Flschchen
zu spielen, bis der Tag anbrach, wurde Stemma zu einem Bedrfnis.  Da
geschah es einmal, da sie darber einnickte und, als das Frhlicht
sie weckte, das eine Flschchen, das unbeschriebene, aus ihrer
halbgeffneten Hand verschwunden war.  Sie geriet in entsetzliche
Angst und suchte und suchte.  Endlich fand sie es in dem Hndchen
ihres Kindes.  Die kleine Palma mochte, vor ihr erwacht, sie auf
nackten Sohlen beschlichen, ihr das schmucke Spielzeug entwendet und
mit ihm das Lager und den Schlummer wieder gefunden haben.  Das Kind
hielt den Kristall an das kleine Herz gepret und vorsichtig lste
Frau Stemma Fingerchen um Fingerchen.

Jetzt holte sie, verlockt von der frhern Gewohnheit, die lange im
Verschlu gelegenen Kristalle hervor.  Nachdem sie dieselben eine
Weile in den Hnden gehalten und mit den Flschchen, sie unablssig
wechselnd, nach ihrer alten Weise gespielt hatte, legte sie das eine
unter ihren mit Gemsleder beschuhten Fu und zertrat es auf der
steinernen Fliese mit einem krftigen Drucke zu Scherben.  Die
ausstrmende Flssigkeit verbreitete einen angenehmen Mandelgeruch.
Im Begriffe, den zweiten Kristall unter die Sohle zu legen, besah sie
noch seinen goldenen Deckel und erkannte, da sie sich zwischen den
Flschchen geirrt hatte.  Sie glaubte das inschriftlose zuerst
zermalmt zu haben und hielt es noch in der Hand.  Kopfschttelnd legte
sie das Schlnglein unter die Ferse, doch das festere Glas widerstand
hartnckig.  Sie ergriff es wieder, und schon hob sie den Arm, um es
an der Wand zu zerschmettern, da hielt sie inne, aus Furcht, mit dem
klirrenden Wurfe den Schlummer des Mdchens zu stren.  Oder mit einem
andern Gedanken barg sie es sorgfltig in dem weiten Busen ihres
Gewandes.

Frau Stemma wurden die Lider schwer, und sie lie sich betubt in
einen Sessel fallen.  Da sah sie ein Ding hinter ihrem Stuhle
hervorkommen, das langsam dem Lager ihres schlummernden Kindes
zustrebte.  Es flo wie ein dnner Nebel, durch welchen die
Gegenstnde der Kammer sichtbar blieben, whrend das blhende Mdchen
in fester Bildung und mit krftig atmendem Leibe dalag.  Die
Erscheinung war die eines Jnglings, dem Gewande nach eines Klerikers,
mit vorhangenden Locken.  Das ungewisse Wesen rutschte auf den Knien
oder watete, dem Steinboden zutrotz, in einem Flusse.  Stemma
betrachtete es ohne Grauen und lie es gewhren, bis es die Hlfte des
Weges zurckgelegt hatte.  Dann sagte sie freundlich: "Du, Peregrin!
Du bist lange weggeblieben.  Ich dachte, du httest Ruhe gefunden."
Ohne den Kopf zu wenden und sich wieder um einen Ruck vorwrts
bringend, antwortete der Mde: "Ich danke dir, da du mich leidest.
Es ist ohnehin das letzte Mal.  Ich werde zunichte.  Aber noch zieht
es mich zu meinem trauten Kindchen."

"Seid ihr Toten denn nicht gestorben?" fragte die Richterin.

"Wir sterben sachte, sachte," antwortete der Kleriker.  "Wie denkst du?
Die"--er stotterte--"die Seele wird damit nicht frher fertig als der
Leib vermodert ist.  Inzwischen habe ich mir diesen rmlichen Mantel
geliehen." Der Schatten schttelte seine Gestalt wie einen rinnenden
Regen.  "Ei, was war der irdische Leib fr ein heftiges und lustiges
Feuer!  In diesem dnnen Rcklein friert mich, und ich lasse es gerne
fallen."

"Hernach?" fragte Stemma.

"Hernach?  Hernach, nach der Schrift"--

Stemma runzelte die Stirn.  "Zurck von dem Kinde!" gebot sie dem
Schatten, der Palma fast erreicht hatte.

"Harte!" sthnte dieser und wendete das bekmmerte Haupt.  Dann aber,
von dem warmen Atem Stemmas angezogen, schleppte er sich rascher gegen
ihre Knie, auf welche er die Ellbogen sttzte, ohne da sie nur die
leiseste Berhrung empfunden htte.  Dennoch belebte sich der Schatten,
die schne Stirn wlbte sich, und ein sanftes Blau quoll in dem
gehobenen Auge.

"Woher kommst du, Peregrin?" sagte die Richterin.

"Vom trgen Schilf und von der unbewegten Flut.  Wir kauern am Ufer.
Denke dir, Liebchen, neben welchem Nachbar ich zeither sitze, neben
dem"--er suchte.

"Neben dem Comes Wulf?" fragte die Richterin neugierig.

"Gerade.  Kein kurzweiliger Gesell.  Er lehnt an seinen Spie und
brummt etwas, immer dasselbe, und kann nicht darber wegkommen.  Ob du
ihm ein Leid antatest oder nicht.  Ich bin muschenstille"--Peregrin
kicherte, tat dann aber einen schweren Seufzer.  Darauf schnffelte er,
als rieche er den verschtteten Saft, und suchte mit starrem Blicke
unter Stemmas Gewand, wo das andere Flschchen lag, so da diese
schnell den Busen mit der Hand bedeckte.

Da fhlte sie eine unbndige Lust, das kraftlose Wesen zu ihren Fen
zu berwltigen.  "Peregrin", sagte sie, "du machst dir etwas vor, du
hast dir etwas zusammengefabelt.  Palma geht dich nichts an, du hast
keinen Teil an ihr."

Der Kleriker lchelte.

"Du bildest dir etwas Nrrisches ein", spottete die Richterin.

"Stemma, ich lasse mir mein Kindchen nicht ausreden."

"Torheit!  Wie wre solches mglich?  Was weit du, Traum?"

"Ich wei"--der flchtig Beseelte schien eine Sigkeit zu empfinden,
in sein kurzes und grausames Los zurckzukehren--"wie mich dein Vater
berfiel, da ich von meinem Lehrer dem Abte weg ber das Gebirge zog.
Der Judex litt an einer Wunde und hatte von meiner Wissenschaft
vernommen.  Da hob er mich auf und brachte mich dir mit.  Du warest
noch sehr jung und o wie schn! mit grausamen schwarzen Augen!  Dabei
herzlich unwissend.  Ich lehrte dich Buchstaben und Verse bilden, doch
diese da mochtest du nicht.  Lieber regiertest du in den Drfern,
schiedest Hndel und machtest die rztin bei deinen Eigenen.  Ich
zeigte dir die Krfte der Kruter, lehrte dich allerlei brauen, und du
brachtest mir aus dem Schmuckkstchen zwei Kristalle"--

Die Richterin lauschte.

"Stemma, du bist noch jung, und auch ich bin jung geblieben, wenig
lter, als da wir uns liebten", schluchzte Peregrin zrtlich.

"Wir liebten uns", sagte Stemma.

"Du lagest in meinen Armen!"

"Wo dich der Judex berraschte und erwrgte", sprach sie hart.
Peregrin chzte, und Flecken wurden an seinem Halse sichtbar.  "Er lud
mich auf ein Maultier, zog mit mir davon und warf mich in den Abgrund."

"Peregrin, ich habe geweint!  Aber besinne dich: dein ist die Schuld!
Bin ich nicht dreimal vor dich getreten, mein Bndel in der Hand?
Habe ich dich nicht drohend beschworen, mit mir zu fliehen?  Wer
wollte Fu neben Fu in Armut und Elend wandern?  Du aber erblatest
und erbleichtest, denn du hast ein feiges Herz.  Ich liebte dich, und,
bei meinem Leben!--warest du ein Mann--Vater, Heimat, alles htte ich
niedergetreten und wre dein eigen geworden."

"Du wurdest es", flsterte der Schatten.

"Niemals!" sagte Stemma.  "Sieh mich an: gleiche ich einer Snderin?
Blicke ich wie eine Leidenschaftliche und Leichtfertige?  Bin ich
nicht die Zucht und die Tugend?  Und so war ich immer.  Du hast mich
nicht berhrt, kaum da du mir mit furchtsamen Kssen den Mund
streiftest.  Wo httest du auch den Mut hergenommen?"

Da geriet der Schatten in Unruhe.  "O ihr Gewaltttigen beide, der
Vater und du!  Er hat mich geraubt und erwrgt, du, Stemma, locktest
mit dem Blutstropfen!  Gib den Finger, da sitzt das Nrbchen!"

Stemma hob die Achseln.  "Es war einmal", hhnte sie.

Da wiegte Peregrinus, der sich gleich wieder besnftigte, die Locken
und sang mit gedmpfter Stimme:

"Es war einmal, es war einmal
Ein Frst mit seinem Kinde,
Es war einmal ein junger Pfaff
In ihrem Burggesinde."

Am Mahle saen alle drei,
Da riefen den Herrn die Leute:
"Herr Judex, auf! Zu Ro! Zu Ro!
Im Tal zieht eine Beute!"

Er grtet sich das breite Schwert
Und wirft mit einem Gelchter
Den Hausdolch zwischen Maid und Pfaff
Als einen scharfen Wchter.

Den Judex hat das schnelle Ro
Im Sturm davongetragen,
Zweie halten still und bang
Die Augen niedergeschlagen.

Stemma hebt das Fingerlein,
Sie tut es ihm zuleide,
Und fhrt damit wohl auf und ab
ber die blanke Schneide.

"Ein Trpflein warmen Blutes quoll"--


"Stille, Schwchling!" zrnte die Richterin. "Das hast du dir in
deinem Schlupfwinkel zusammengetrumt.  Solche Schmach kennt die Sonne
nicht!  Stemma ist makellos!  Und auch der Comes, er komme nur! ihm
will ich Rede stehen!"

"Stemma, Stemma!" flehte Peregrin.

"Hinweg, du Nichts!" Sie entzog sich ihm mit einer starken Gebrde,
und seine Zge begannen zu schwimmen.

"Mein Weib, mein"--"Leben" wollte er sagen, doch das Wort war dem
Ohnmchtigen entschwunden.  "Hilf, Stemma", hauchte er, "Wie heit es,
das Atmende, Blhende?  Hilf!" Die Richterin prete die Lippen, und
Peregrinus zerflo.

Erwacht stand sie vor dem Lager ihres Kindes.  Sie kte ihm die
geschlossenen Augen.  "Bleibet unwissend!" murmelte sie.  Dann glitt
sie neben Palma auf das breite Lager und schlang den Arm um das
Mdchen, wie um eine erkmpfte Beute: "Du bist mein Eigentum!  Ich
teile dich nicht mit dem verschollenen Knaben!  Dich siedle ich an im
Licht und umschleiche dich wie eine htende Lwin!" Der Traum hatte
ihr Peregrin gezeigt nicht anders, als sein Bild in ihr zu leben
aufgehrt hatte.  Lngst war der Jngling, dem sie sich aus Trotz und
Auflehnung mehr noch als aus Liebe heimlich vermhlt, an ihrem
kasteiten Herzen niedergeglitten und untergegangen, und der einst aus
ihrer Fingerbeere gespritzte Blutstropfen erschien der Geluterten als
ein lockeres und aberwitziges Mrchen.  Schon glaublicher deuchte ihr
der andere Bewohner der Unterwelt, und da sie sich auf dem Lager
umwendete und das Haupt in die Kissen begrub, ohne den Arm von der
Schulter ihres Kindes zu lsen, erblickte die Entschlummernde den
Comes, wie er an den Speer gelehnt verdrielich im Schilfe sa und
etwas Feindseliges in den Bart murmelte.  Ein Lcheln des Hohnes glitt
ber ihr verdunkeltes Gesicht, denn Stemma kannte die Hilflosigkeit
der Abgeschiedenen.

Im ersten Lichte weckte die zwei Schlafenden ein jher Hornsto und
ri sie vom Lager empor.  Der gewaltsame Tagruf beleidigte das feine
Ohr der Richterin.  Sie erriet, wen er meldete, und mit schnellem
Entschlu und festem Schritte ging sie Wulfrin entgegen.  Noch vor ihr,
den rasch ergriffenen Wulfenbecher in der Hand, war Palma durch die
Tr gehuscht.

In das von Rudio geffnete Tor tretend, stand Stemma vor dem Hfling,
der sie mit verwunderten Augen betrachtete.  Das Antlitz gebot ihm
Ehrfurcht.  Er verschluckte ein unziemliches Scherzwort ber sein
durch vier Weiber gerettetes Leben.  Bewltigt von dem ruhig prfenden
Blicke und der Hoheit der blassen Zge sagte er nur: "Hier hast du
mich, Frau", worauf sie erwiderte: "Es hat Mhe gekostet, dich nach
Malmort zu bringen."

"Wo ist die Schwester, da ich sie ksse?" fuhr er fort, und diese,
die inzwischen den Becher gefllt hatte, eilte ihm mit klopfendem
Herzen und leuchtenden Augen zu, obwohl sie vorsichtig schritt und den
Wein nicht verschtten durfte.  Sie trat vor den Bruder und begann den
Spruch.  Da aber Stemma den Kelch, der dem Comes den Tod gebracht, in
den Hnden ihres Kindes erblickte und den frischen Mund ber seinem
Rand, empfand sie einen Ekel und einen tiefen Abscheu.  Mit sicherm
Griffe bemchtigte sie sich des Bechers, den das berraschte Mdchen
ohne Kampf und Widerstand fahren lie, fhrte ihn kredenzend an den
eigenen Mund und bot ihn dem Hfling mit den einfachen Worten: "Dir
und dieser zum Segen!" Wulfrin leerte den Becher ohne jegliche Furcht.

Palma stand bestrzt und beschmt.  Da hie die Mutter sie die Glocke
ziehen, die hoch oben in einem offenen Trmchen hing und das Gesinde
weither zum Angelus rief.  Palma hatte als Kind Freude gehabt, das
leichtbewegliche Glcklein erschallen zu lassen, und das Amt war dem
Mdchen geblieben.  Sie fgte sich zgernd.

"Frau, warum hast du ihr die Freude verdorben?" fragte Wulfrin.
Stemma wies ihm die Inschrift des Bechers.  "Siehe, es ist der Spruch
eines Eheweibes", sagte sie.  "Davon lese ich nichts", meinte er.

"Erfreue dich am Wein!
Willkomm...!"


Der Finger der Richterin zeigte das Verwischte, aus welchem fr ein
genauer prfendes Auge noch drei Buchstaben leserlich hervortraten,
ein i, ein K, ein l.  Wulfrin erriet ohne Mhe:

"Willkomm im Kmmerlein!"


"Du hast recht, Frau", lachte er.

Sie nahm ihn an der Hand und fhrte ihn vor das Grabmal.  Da lag ihm
der Vater, die Linke am Schwert, die Rechte am Hifthorn, die
steinernen Fe ausgestreckt.  Wulfrin betrachtete die rohen aber
treuherzigen Zge nicht ohne kindliches Gefhl.  Das abgebildete
Hifthorn erblickend, hob er in einer pltzlichen Anwandlung das
wirkliche, das er an der Seite trug, vor den Mund und tat einen
krftigen Sto.  "Frhliche Urstnd!" rief er dem in der Gruft zu.

"La das!" verbot die Richterin, "es tnt hlich."

Sie setzte sich auf den Rand des Steinsarges, neben ihr eigenes
liegendes Bild, das die betenden Hnde gegeneinander hielt, und begann:
"Da du nun auf Malmort bist, verlssest du es nicht, Wulfrin, ohne
mich--nach vernommenen Zeugen--angeklagt oder freigegeben zu haben von
dem Tode des Mannes hier." Der Hfling machte eine widerwillige
Gebrde.  "Fge dich", sagte sie.  "Ist es dir keine Sache, so ist es
eine Form, die du mir erfllen mut, denn ich bin eine genaue Frau."

"Gnadenreich wird dir ausgerichtet haben", versetzte der Hfling
aufgebracht, "da ich dich nie beargwhnte, weder ich noch Arbogast,
der mir das Zusammensinken des Vaters beschrieben hat.  Ich bin kein
Zweifler und mchte nicht leben als ein solcher.  Es gibt deren, die
in jedem Zufall einen Plan, und in jedem Unfall eine Schuld wittern,
doch das sind Betrogene oder selbst Betrger.  Der Himmel behte mich
vor beiden!  Htte ich aber Verdacht geschpft und Feindseliges gegen
dich gesonnen, jetzt, da ich dein Antlitz sehe, stnde ich entwaffnet,
denn wahrlich du blickst nicht wie eine Mrderin.  Wrest du eine Bse,
woher nhmest du das Recht und die Stirn, das Bse aufzudecken und zu
richten?  Dawider emprt sich die Natur!"

Ein Schweigen trat ein.  "Aber was ist das fr ein dumpfes Drhnen,
das den Boden schttert?"

"Das ist der Strom", sagte die Richterin, "der den Felsen benagt und
unter der Burg zu Tale strzt."

"Wahr ist es, Frau", fuhr der Hfling treuherzig fort, "da ich dich
nie leiden mochte, und ich sage dir warum.  Dieser Greis hier, mein
Vater, war ein roher und gewaltsamer Mann.  Ich sage es ungern: er hat
an meinem Mtterlein migetan, ich glaube, er schlug es.  Ich mag
nicht daran denken.  Ins Kloster hat er es gesperrt, sobald es
abwelkte.  Da ist es nicht zu wundern, wie wir Menschen sind, da ich
von dir nichts wissen wollte, die es von seinem Platze verstie."

"Nicht ich.  Hier tust du mir unrecht.  Da wir so zusammensitzen,
Wulfrin, warum soll ich es dir nicht erzhlen?  Ich habe deiner Mutter
nichts zuleide getan.  Klter und lebloser als diese steinerne war
meine Hand, da sie gewaltsam in die deines Vaters gedrckt wurde.  Aus
dem Kerker hergeschleppt, zugeschleudert wurde ich ihm von dem Judex,
der mir einen zitternden und zagenden Liebling von niederer Geburt
erwrgt hatte.  Nicht jedes Weib wrde dir solches anvertrauen,
Wulfrin."

"Ich glaube dir", sagte dieser.

"Einer Gezwungenen und Entwrdigten", betonte sie, "gab dein Vater
sterbend die Freiheit.  Und ich wurde Herrin von Malmort.  Du hast
Grund, Wulfrin, dir die Sache zu besehen.  Sie ist dunkel und schwer.
Betrachte sie von allen Seiten!  Denn, du rumst mir ein, vernichtete
ich deinen Vater, so bin ich oder du bist zuviel auf der Erde."

"Verhhnst du mich?" fuhr er auf, "doch nein, du blickst ernst und
traurig.  Siehe, Frau, das ewige Verhren und Richten hat dich qulend
und peinlich gemacht und wahrhaftig, ich glaube"--seine Augen deuteten
auf den Stein--"auch eine Frmmlerin bist du." Er hatte rings um das
Frauenhaupt die Worte gelesen: "Orate pro magna peccatrice." "Das hier
ist grogetan."

"Ich bin eine kirchliche Frau", antwortete Stemma, "doch wahrlich, ich
bin keine Frmmlerin, denn ich glaube nur, was ich an dem eigenen
Herzen erfahren habe.  Dein Knecht, der Steinmetz Arbogast, fragte
mich in seiner einfltigen Art, was er mir um das Haupt schreiben
drfe.  In seiner schwbischen Heimat sei bei vornehmen Frauen die
Umschrift gebruchlich: Betet fr eine Snderin."  "Schreibe mir,"
sagte ich, "'Betet fr die groe Snderin', denn, Wulfrin, du hast
recht gesagt, was ich tue, tue ich gro."

"Hbsch!" rief der Hfling, aber nicht als Antwort auf diesen
Selbstruhm, sondern das Haupt in die Hhe richtend, wo Palma stand und
das helltnige Glcklein zog.  Sie hatte sich lange auf der
Wendeltreppe gesumt und aus den Luken nach dem ihr vorenthaltenen
Bruder zurckgeblickt.  In der weiten Bogenffnung des von den ersten
Sonnenstrahlen vergoldeten Turmes wiegte sich ein lichtes Geschpf auf
dem klingenden Morgenhimmel.  Der Hfling sah einen lutenden Engel,
wie ihn etwa in der zierlichen Initiale eines kostbaren Psalters ein
farbenkundiger Mnch abbildet.  Eine Innigkeit, deren er sich schmte,
rhrte und fllte sein Herz.  Hatte ihn doch dieses lobpreisende Kind
vom Tode errettet.

Inzwischen sammelte sich im Burghofe das Gesinde der Richterin, wohl
einhundert Kpfe stark, Mnner und Weiber, ein finsteres, sehniges,
sonneverbranntes Geschlecht, das den Behelmten eher feindlich als
neugierig musterte.  Dieser, die wieder zur Erde gestiegene Palma
darunter erblickend, machte sich Bahn, und als wollte er sich fr die
flchtige Andacht rchen, welche er zu einem Geschpf aus irdischem
Stoffe empfunden, legte er ihr die Hand auf die Achsel, und den
blhenden Mund findend, kte er ihn krftig.  Sie zitterte vor Freude
und wollte erwidern, doch schneller fate die Richterin mit der Linken
ihre Hand, die Rechte Wulfrin bietend, und fhrte die beiden in die
Mitte ihres Volkes.

"Bruder und Schwester", verkndigte sie und sich auf die andere Seite
wendend noch einmal: "Schwester und Bruder."

So ungefhr hatten es sich Knechte und Mgde schon zurechtgelegt, denn
die hnlichkeit Wulfrins mit dem steinernen Comes war unverkennbar,
nur da sich der Vater in dem Sohne beseelt und veredelt hatte, des
Hifthorns an der Seite Wulfrins zu geschweigen, das anschauliches
Zeugnis gab von seiner Abstammung.

Nur das runzlige, stocktaube Mtterchen, die Sibylle, hatte nichts
vernommen und nichts begriffen.  Sie trippelte kichernd um das Mdchen,
zupfte und ttschelte es, grinste zutulich und sprudelte aus dem
zahnlosen Munde: "O du mein liebes Herrgttchen!  Was fr einen hat
dir da die Frau Mutter gekramt!  Zum Wiederjungwerden.  Von Paris ist
er verschrieben, aus den Buben, die dem Gromchtigen dienen.  Krause
Haare, prchtige Ware!"

"Halt das Maul, Drud!" schrie dem Mtterchen der Knecht Dionys ins Ohr,
"es ist der Bruder!", und sie versetzte.  "Das sage ich ja, Dionys:
der Gnadenreich ist ein trstlicher und auferbaulicher Herr, aber der
da ist ein gewaltiger, strmender Krieger!  O du glckseliges Plmchen!",
und so unziemlich schwatzte sie noch lange, wenn man sie nicht
zurckgedrngt und ihr den frechen Mund verhalten htte.  Denn die
Morgenandacht begann, und von einer entfernteren Gruppe wurde schon
die Litanei angestimmt.  Wie von selbst ordnete sich der Frhdienst,
einen Halbkreis bildend, in dessen Mitte die Richterin den
schleppenden Gesang leitete, der, dieselben Rhythmen und Stze immer
dringender und leidenschaftlicher wiederholend, den Himmel ber
Malmort anrief.

Wulfrin, welcher, er wute nicht wie, an das eine Ende des andchtigen
Kreises geraten war, erblickte sich gegenber die Schwester.  Alles
hatte sich niedergeworfen, er und die Richterin ausgenommen.  Seine
Blicke hingen an Palma.  Auf beiden Knien liegend, die Hnde im Scho
gefaltet, sang sie eifrig mit den jungen rtischen Mgden.  Aber das
Freudefest, das sie in der vollen Brust mit dem endlich erlangten
Bruder, dem neuen und guten Gesellen feierte, strahlte ihr aus den
Augen und jubelte ihr auf den Lippen, da die Litanei darber
verstummte.  Die geffneten gaben durch die Lfte den Ku des Bruders
zurck.  Und jetzt sich halb erhebend, streckte sie auch die Arme nach
ihm.  Nur eine flchtige Gebrde, doch so viel Glut und Jugend
ausstrmend, da Wulfrin unwillkrlich eine abwehrende Bewegung machte,
als wrde ihm Gewalt angetan.  "Der Wildling!" lachte er heimlich.
"Aber die wird dem wackern Gnadenreich zu schaffen machen!  Ich mu
ihm noch das wilde Fllen zhmen und schulen, da es nicht ausschlage
gegen den frommen Jngling!  Warte du nur!"

Und um die Erziehung zu beginnen, wendete er sich, da die Richterin
das Amen sprach und Palma gegen ihn aufsprang, von ihr ab, geriet aber
an Frau Stemma, die seine Hand ergriff, ihn feierlich in die Mitte
fhrte und mit eherner Stimme zu reden begann: "Meine Leute!  Wer von
euch, Mann oder Weib, so alt ist, da er vor jetzt sechzehn Jahren
hier stand, whrend ich den Comes empfing, der davon herkam euren
erschlagenen Herrn, den Judex, zu rchen--wer so alt ist und dabei
gegenwrtig war, der bleibe!  Ihr Jngern, lasset uns, auch du, Palma!"

Sie gehorchten.  Palma zog sich schmollend in den uersten Burgwinkel
zurck, eine halbrunde Bastei, die, ein paar Stufen tiefer als der Hof,
ber dem senkrechten Abgrunde ragte, durch welchen die Bergflut in
ungeheurem Sturze zu Tale fiel.  Sie setzte sich auf die breite Platte
der Brstung, blickte, den Arm vorgesttzt, in den schneeweien Gischt
hinein, der ihr mit seinem feinen Regen die Wange khlte, und hrte in
dem Tumulte der Tiefe nur wieder den Jubel und die Ungeduld des
eigenen Herzens.

Im Hofe hinter ihr ging inzwischen die rechtliche Handlung ihren
Schritt, und Rede und Gegenrede folgte sich, rasch und doch gemessen,
nach dem Winke der Richterin.

"Hier steht der Sohn des Comes.  Ihr seid ihm die Wahrheit schuldig.
Saget sie.  Habet ihr das Bild jener Stunde?"

"Als wre es heute"--"Ich sehe den Comes vom Rosse springen"--"Wir
alle"--"Dampfend und keuchend"--"Du kredenztest"--"Drei lange
Zge"--"Mit einem leerte er den Becher"--"Er sank"--"Wortlos"--"Er lag."

"Bei eurem Anteil am Kreuze?" fragte sie.

"So und nicht anders.  Bei unserm Anteil am Kreuze!" antwortete der
vielstimmige Schwur.

"Wulfrin, ich bitte dich, du blickst zerstreut!  Wo bist du?  Nimm
dich zusammen!"

Hastig und unwillig erhob er die Hand.

Die Richterin fate ihn am Arm.  "Kein Leichtsinn!" warnte sie.  "Frage,
untersuche, prfe, ehe du mich freigibst!  Du begehst eine ernste,
eine wichtige Tat!"

Wulfrin machte sich von ihr los.  "Ich gebe die Richterin frei von dem
Tode des Comes und will verdammt sein, wenn ich je daran rhre!"
schwur er zornig.

Der Burghof begann sich zu leeren.  Wulfrin starrte vor sich hin und
vernahm, so berzeugt er von der Unschuld der Richterin war und so
erleichtert, mit einer hlichen Sache fertig zu sein--dennoch vernahm
er aus seinem Innern einen Vorwurf, als htte er den Vater durch seine
Unmut und seine Hast preisgegeben und beleidigt.  So stand er
regungslos, whrend die Richterin langsam auf ihn zutrat, sich an
seiner Brust emporrichtete und ihm Kette und Hifthorn leicht ber das
Haupt hob.  "Als Pfand meiner Freigebung und unsers Friedens", sagte
sie freundlich.  "Ich kann seinen Ton nicht leiden." Und sie schritt
durch den Hof die Stufen hinunter und hinaus auf die Bastei und
schleuderte das Hifthorn mit ausgestreckter Rechten in die donnernde
Tiefe.

Jetzt kam Wulfrin zur Besinnung und eilte ihr nach, das vterliche
Erbe zurckzufordern.  Er kam zu spt.  In den betubenden Abgrund
blickend, der das Horn verschlungen hatte, hrte er unten einen
feindlichen Triumph wie Tuben und Rossegewieher.  Sein Ohr hatte sich
in den Ebenen der lauten Rede entwhnt, welche die Bergstrme fhren.
Als er wieder aufschaute, war die Richterin verschwunden.  Nur Palma
stand neben ihm, die ihn umhalste und herzlich auf den Mund kte.

"La mich!" schrie er und stie sie von sich.




Drittes Kapitel


An einem Fenster von Malmort, durch welches der Talgrund mit seinen
Trmen und Weilern als duftige Ferne hereinschimmerte, stand die
Richterin mit Wulfrin und zeigte ihm die Gre ihres Besitzes.  "Das
beherrsche ich", sagte sie, "und Palma nach mir.  Dich aber, Wulfrin,
habe ich schon ehevor dazu ausersehen--wie es auch deine brderliche
Pflicht ist--, der Schwester, wenn ich strbe, dieses weite Erbe zu
sichern."

"Planvoll, aber ferneliegend", sagte er.

"Fern oder nahe.  Du bist ihr natrlicher Beschtzer.  Ich kann mein
Kind keinem Mchtigen dieses Landes vermhlen, denn sie sind ein
zuchtloses und sich selbst zerstrendes Geschlecht.  Ich bnde sie an
den Schweif eines gepeitschten Rosses!  Ringsherum keine Burg, an der
nicht Mord klebte!  Soll mir mein Kind in einem Hauszwist oder in
einer Blutrache untergehen?  Ja, fnde ich fr sie einen Guten und
Starken wie du bist, dann wre ich ruhig und knnte dich freigeben, du
httest weiter keine Pflicht an ihr zu erfllen.  Ich wei ihr keinen
Gatten als allein Gnadenreich, und der besitzt das Land, nach der
Verheiung, als ein Sanftmtiger, kann es aber gegen die Gewaltttigen
nicht behaupten, deren Zahl hier Legion ist.  Erst seine Shne werden
kraft meines Blutes Mnner sein.  Bis diese kommen und wachsen, wirst
du schon deine gepanzerte Hand ber Gnadenreich und Palma halten und
die Herrschaft fhren mssen.  Denn ewig reitest du nicht mit dem
Kaiser.  Vielleicht auch, wer wei, erhebt er dich zum Grafen ber
diesen Gau, oder dann erhltst du von mir eine Burg, jene"--sie wies
auf einen Turm am Horizonte--"oder eine andere, nach deinem Gefallen.
Oder du hausest hier auf meinem eigenen festen Malmort." Sie legte ihm
vertrauend die Hand auf die Schulter.

"Aber, Frau", sagte er, "du lebst!", und sie erwiderte: "Solang ich
lebe, herrsche ich."

"Dann hat es keine Eile", antwortete er.  "Da der Schwester nichts
geschehen darf, versteht sich und gelobe ich dir.  Doch jetzt mu ich
reiten, heute! in einer Stunde!"

"Zum Kaiser?  Du hast ihm bereits meinen ortserfahrenen Rudio
geschickt mit der sichern Kundschaft, da die Lombarden sich am Mons
Maurus befestigen und dort noch ein blutiger Sturm wird gegen sie
gefhrt werden mssen.  Herr Karl sitzt in Mediolanum, wie wir wissen.
So braucht es dir nicht zu eilen."

"Ich lag schon zu lange hier, mich verlangt in den Bgel", sagte der
Hfling, und die Richterin erwiderte nachgiebig: "Dann schenkst du mir
noch diesen Tag.  Ich she es gerne, wenn du Palma verlobtest.  Warum
Gnadenreich sich hier nicht blicken lt?  Er hlt sich wohl in seinem
Pratum eingeschlossen, der Lombarden halber, vorsichtig wie er ist,
obschon, wie ich glaube, diese hier verstoben sind.  Weit du was?
Geh und bring ihn.  Oder wtest du deiner Schwester einen bessern
Mann?"

"Nein, Frau, wenn sie ihn mag!  Doch was habe ich dabei zu raten und
zu tun?  Das ist deine Sache und die des Pfaffen, der sie zusammengibt.
Ich will den Rappen satteln gehen, den du mir geschenkt hast."

Sie blickte ihn mit besorgten Augen an.  "Was ist dir, Wulfrin?  Du
siehst bleich!  Ist dir nicht wohl hier?  Und mit Palma gehst du um
wie mit einer Puppe, du stest sie weg, und dann htschelst du sie
wieder.  Du verdirbst mir das Mdchen.  Wo hast du solche Sitte
gelernt?"

"Sie ist aufdringlich", sagte er.  "Ich liebe freie Ellbogen und kann
es nicht leiden, da man sich an mich hngt.  Sie luft mir nach, und
wenn ich sie schicke, weint sie.  Dann mu ich sie wieder trsten.  Es
ist unertrglich!  Ich habe die Gewohnheit breiter Ebenen und groer
Rume--auf diesem Felsstck ist alles zusammengeschoben.  Das Gebirge
drckt, der Hof beengt, der Strom schttert--an jeder Ecke, auf jeder
Treppe dieselben Gesichter!  Verwnschtes Malmort!  Hier hltst du
mich nicht.  Hier lasse ich mich nicht einmauern.  Mache dir keine
Rechnung, Frau."

"Du tust mir wehe", sagte sie.

Die harte Rede reute ihn.  "Frau, la mich ziehen!" bat er.  "Und da
du dich zufrieden gebest, hole ich dir heute noch den Gnadenreich, und
wir verloben die Schwester.  Wo haust er?"

"Ich danke dir, Wulfrin.  Graciosus wohnt nicht ferne von hier, in
Pratum." Sie deutete nach einer zerrissenen Schlucht, ber welcher
eine grne Alp hoch emporstieg. "Ich gebe dir einen Fhrer.  Den
Knaben hier." Sie zeigte in den Hof hinunter, wo ein Hirtenbube sich
damit beschftigte, eine Sense zu wetzen.  Palma stand neben ihm und
plauderte.

"Gabriel", rief ihn die Richterin, "du fhrst deinen Herrn Wulfrin
nach Pratum."

"Den Hfling?  Mit Freuden!" jauchzte der Bube.

"Er trumt davon", erklrte die Richterin, "hinter dem Kaiser zu
reiten.  Besieh dir ihn."

"Darf ich mit?" fragte Palma und hob das Haupt.

"Nein", sagte die Richterin.

"Bruder!" bat sie und streckte die Hnde.

"Schon wieder!  Zum Teufel!" fluchte er.  Ihre Augen fllten sich mit
Trnen.  "So komm, Nrrchen!"

Da die dreie barhaupt und reisefertig in dem feuchten Tore standen,
whrend ringsum die Sonne brannte, sagte die geleitende Richterin zu
Wulfrin: "Ich anvertraue dir Palma: hte sie!"

"Halleluja!  Voran, Engel Gabriel!" jubelte das Mdchen.

Unten am Burgweg sagte der Hirtenbube: "Herr, es gibt zwei Wege nach
Pratum.  Der eine steigt durch die Schlucht, der andere ber die Alp."
Er wies mit der Hand.  "Wenn es dir und der jungen Herrin beliebt, so
nehmen wir diesen.  Oben schaut es sich weit und lustig, und es knnte
trbe werden gegen Abend.  Es ist ein Gewitterchen in der Luft."

"Ja, ber die Alp, Wulfrin!" rief Palma.  "Ich will dir dort meinen
See zeigen", und leichtgeschrzt schlug sie sich ber eine lichte
Matte, die bald zu steigen begann und immer steiler wurde.

Leicht wie auf Flgeln, mit frei atmender Brust ging das Mdchen
bergan und blieb unter der sengenden Sonne frisch und khl wie eine
springende Quelle.  Der Berg hatte an dem Kinde seine Freude.
Glnzende Falter umgaukelten ihr das Haupt, und der Wind spielte mit
ihrem Blondhaar.

Wulfrin schaute um nach Malmort, das grau schimmernd kaum aus der
Morgenlandschaft hervortrat.  "Wie geschah mir", fragte er sich, "in
jenem Gemuer dort?  Wie konnte mich dieses unschuldige Geschpf
bengstigen, dieses frhliche Gespiel, diese behende Gems mit hellen
Augen und flchtigen Fen?" Ihm wurde wohl, und er mochte es gerne,
da der Knabe zu plaudern begann.

Gabriel erzhlte von den Lombarden, welche er als Spher der Richterin
beschlichen hatte.  Sie seien berall und nirgends.  Sie nisten in den
Pssen, belauern die Boten und plndern die Sumer.  Sie berauschen
sich in dem geraubten heien Weine von drben, prahlen mit besiegten
Waffen, fabeln von der Herstellung der eisernen Krone und leugnen oder
lstern den Weltlauf.  Sie beten den Teufel an, der das Regiment fhre,
"und doch", endigte der Knabe, "sind sie glubige Christen, denn sie
stehlen aus unsern Kirchen alles heilige Gebein zusammen, soviel sie
davon erwischen knnen.  Es ist Zeit, da der Herr Kaiser zum Rechten
sehe und ihnen feste Bezirke und einen Richter gebe."

Da nun Gabriel bei dem Kaiser angelangt war, dessen erneuerte Wrde
ihren Schimmer bis in dieses wilde Gebirge warf, begeisterten sich
seine Augen und er rief: "Diesem und keinem andern will ich dienen!
Ich heie Gabriel und schlage gerne mit Fusten, lieber hiee ich
Michael und hiebe mit dem Schwerte!  Recht mu dabei sein, und der
Kaiser hat immer Recht, denn er ist eins mit Gott Vater, Sohn und
Geist.  Er hat die Weltregierung bernommen und htet, ein blitzendes
Schwert in der Faust, den christlichen Frieden und das tausendjhrige
Reich."

Nun mute ihm Wulfrin den Kaiser beschreiben, die Spangen seiner Krone,
den blauen, langen Mantel, das tiefsinnige Antlitz, das
kurzgeschorene Haupt, den hangenden Schnurrbart, "den wir Hflinge ihm
nachahmen", sagte er lachend.

"Wie blickt der Kaiser?" fragte Palma, und Wulfrin antwortete ohne
Besinnen: "Milde."

Die Kinder lauschten andchtig und bestaunten den Mann, der mit dem
Herrn der Welt Umgang pflog; sobald aber die Hhe erreicht war, wo
sich der Rasen breitete, war es mit der Andacht vorbei.  Gabriel
jauchzte gegen eine ernsthafte Felswand, die den Knabenjubel gtig
spielend erwiderte, und Palma lief, den Hfling an der Hand, einem
grndunkelklaren Gewsser entgegen, das die Wand mit ihrem
Riesenschatten noch immer vor der schon hohen Sonne verbarg.  Sie
umwandelten das mit Felsblcken beste Ufer bis zu einem bemoosten
Vorsprung, der weiche Sitze bot.  Hier zog sie ihn nieder, und wie sie
so lagerten, sagte sie: "Nun ist das Mrchen erfllt von dem Bruder
und der Schwester, die zusammen ber Berg und Tal wandern.  Alles ist
schn in Erfllung gegangen."

"Haust hier unten auch eine?" neckte Wulfrin den Buben.  Gabriel blieb
die Antwort schuldig, denn er mochte sich vor dem Hfling nicht
blostellen.

"Dumme Geschichten", lachte dieser, "es gibt keine Elben."

"Nein", sagte Gabriel bedenklich und kratzte sich das Ohr, "es gibt
keine, nur darf man sie nicht mit wsten Worten rufen oder gar ihnen
Steine ins Wasser schmeien.  Aber, Herr, wo hast du dein Hifthorn?
Du trugest es an der Seite, da du nach Malmort kamst."

"Es ist in den Strom gestrzt", fertigte ihn der Hfling ab.

"Das ist nicht gut", meinte der Knabe.

"Heho, Gabriel!" rief es aus der Ferne, und ein anderer Hirtenbube
wurde sichtbar.  "Ein Fohlen hat sich nach Alp Grun verlaufen,
kohlschwarz mit einem weien Blatt auf der Stirn.  Ich wette, es
gehrt nach Malmort."

Gabriel sprang mit einem Satz in die Hhe.  "Heilige Mutter Gottes",
rief er, "das ist unsere Magra, der mu ich nach!  Lieber Herr,
entlasse mich.  Du wirst dich schon zurechtfinden.  Ein Mensch ist
vernnftiger als ein Vieh.  Dort", er deutete rechts, "Siehst du dort
den roten Grat?  Den suche, dahinter ist Pratum.  Auch wei die kleine
Herrin Bescheid." Und weg war er, ohne sich um Antwort zu kmmern.

"Palma", lachte Wulfrin, "wenn da unten eine Elbin leuchtete?"

"Mich wrde es nicht wundern", sagte sie.  "Oft, wenn ich hier liege,
erhebe ich mich, steige sachte ans Ufer nieder und versuche das Wasser
mit der Zehe.  Und dann ist mir, als lse ich mich von mir selbst, und
ich schwimme und pltschere in der Flut.  Aber siehe!"

Sie deutete auf ein majesttisches Schneegebirge, das ihnen gegenber
sich entwlkte.  Seine verklrten Linien hoben sich auf dem lautern
Himmel rein und zierlich, doch ohne Schrfe, als wollten sie ihn nicht
ritzen und verwunden, und waren beides, Ernst und Reiz, Kraft und
Lieblichkeit, als htten sie sich gebildet, ehe die Schpfung in Mann
und Weib, in Jugend und Alter auseinanderging.

"Jetzt prangt und jubelt der Schneeberg", sagte Palma, "aber nachts,
wenn es mondhell ist, zieht er blulich Gewand an und redet heimlich
und sehnlich.  Da ich mich jngst hier versptete, machte sich der
se Schein mit mir zu schaffen, lockte mir Trnen und zog mir das
Herz aus dem Leibe.  Aber siehe!" wiederholte sie.

Eine Wolke schwebte ber den weien Gipfeln, ohne sie zu berhren, ein
himmlisches Fest mit langsam sich wandelnden Gestalten.  Hier hob sich
ein Arm mit einem Becher, dort neigten Freunde oder Liebende sich
einander zu, und leise klang eine luftige Harfe.  Palma legte den
Finger an den Mund.  "Still", flsterte sie, "das sind Selige!"
Schweigend betrachtete das Paar die hohe Fahrt, aber die von irdischen
Blicken belauschte himmlische Freude lste sich auf und zerflo.
"Bleibet! oder gehet nur!" rief Palma mit jubelnder Gebrde, "Wir sind
selige wie ihr!  Nicht wahr, Bruder?", und sie blickte mit trunkenen
Augen bis in den Grund der seinigen.

Es kam die schwle Mittagsstunde mit ihrem bestrickenden Zauber.
Palma umfing den Bruder in Liebe und Unschuld.  Sie schmeichelte
seinem Gelocke wie die Luft und kte ihn traumhaft wie der See zu
ihren Fen das Gestade.  Wulfrin aber ging unter in der Natur und
wurde eins mit dem Leben der Erde.  Seine Brust schwoll.  Sein Herz
klopfte zum Zerspringen.  Feuer loderte vor seinen Augen...

Da rief eine kindliche Stimme: "Sieh doch, Wulfrin, wie sie sich in
der Tiefe umarmen!"

Sein Blick glitt hinunter in die schattendunkle Flut, die Felsen und
Ufer und das Geschwisterpaar verdoppelte.  "Wer sind die zweie?" rief
er.

"Wir, Bruder", sagte Palma schchtern, und Wulfrin erschrak, da er
die Schwester in den Armen hielt.  Von einem Schauder geschttelt
sprang er empor, und ohne sich nach Palma umzusehen, die ihm auf dem
Fue folgte, eilte er in die Sonne und dem nahen Grate zu, wo jetzt
eine Figur mit einem breiten Hut und einem langen Stabe Wache zu
halten schien.

"Gr Gott! gr Gott!" bewillkommte Gnadenreich die Geschwister, ohne
einen Schritt vom Platze zu tun.  Er streckte ihnen nur die Hnde
entgegen.  "Ich habe es dem Ohm feierlich geloben mssen", erklrte er,
"solange die Lombardengefahr dauert, die Grenze meiner Weiden htend
zu umwandeln, aber nicht zu berschreiten, denn Pratum ist ein Lehen
des Bistums, und die Kirche hlt Frieden.  Sei willkommen, Wulfrin,
und Palma nicht minder!" Seine Blicke liefen rasch zwischen dem
Hfling und dem Mdchen: beide schienen ihm befangen.  Er wurde es
auch, denn er glaubte die Ursache ihres Weges zu wissen, und da sie
schwiegen, begann er ein groes Geplauder.

"Sie haben dem guten Ohm bse mitgespielt", erzhlte er.  "Wir saen
zu dreien in der Stube beim Nachtische, denn die Richterin war nach
Chur gekommen, um den Bischof gegen die Lombarden in die Waffen zu
treiben, was er ihr als ein Kind des Friedens verweigern mute.  Frau
Stemma und der Ohm stritten sich bei den Nssen, wie sie zuweilen tun,
ber die Gte der Menschennatur.  Nun hatten sich krzlich zwei arge
Geschichten ereignet.  Jucunda, die junge Frau des Montafuners, welche
Bischof Felix gefirmelt hatte"--

"Mit mir.  Sie war sein Liebling", rief Palma, die wieder dicht neben
dem Hfling schritt.

"Still!" sagte dieser ungebrdig, und das Mdchen lief nach einer
Blume.--"wurde von ihrem Manne mit einem Edelknecht ertappt und durch
das Burgfenster geworfen.  Wenige Tage spter schlug der Schamser
mitten im Stiftshofe dem Bergner nach kurzem Wortwechsel den Schdel
ein, und doch hatten sie eben auf die priesterliche Zusprache des Ohms
sich gekt und miteinander den Leib des Herrn empfangen.  Solches
hielt ihm Frau Stemma vor, doch der Ohm erwiderte: 'Das sind Wallungen
und augenblickliche Verfinsterungen der Vernunft, aber die Natur ist
gut und wird durch die Gnade noch besser.'  Der Ohm ist ein bichen
Pelagianer, hi, hi!"

"Pelagianer?" fragte der Hfling zerstreut, denn sein Blick rief Palma,
die ihm gleich wieder zusprang; "ist das nicht eine Gattung
griechischer Krieger?"

"Nicht doch, Wulfrin, es ist eine Gattung Ketzer.  Also: Frau Stemma
und der Ohm stritten ber das Bse.  Da sieht der Bischof, der
kurzsichtig ist, auf Felicitas--diesen Namen hat er der nahen Hhe
gegeben, wo ihm ein Sommerhaus steht--eine Flamme.  Wir feiern den
Abzug der Lombarden", lchelte er.  Frau Stemma blickt hin und bemerkt
in ihrer ruhigen Weise: 'Ich meine, sie sind es selber', und richtig
tanzten sie auf dem Hgel wie Dmonen um den Brand.

Da lrmt es auf dem Platz.  Ein Bsewicht fllt mit der Tre ins Haus
und redet: 'Bischof, tue nach dem Evangelium und gib mir den Rock,
nachdem du seine Taschen mit Byzantinern gefllt hast, denn deine
Mntel haben wir in der Sakristei drben schon gestohlen!'  Der Ohm
erstarrt.  Jetzt tritt der Lombarde auf Stemma zu, welche im
Halbdunkel sa, 'Die Frau da', hhnt er, 'hat einen Heiligenschein um
das Haupt, her mit dem Stirnband!'  Da erhebt sich Frau Stemma und
durchbohrt den Menschen mit ihren frchterlichen Augen: 'Unterstehe
dich!'  'Ja so', sagt er, 'die Richterin!' und biegt das Knie.  Da der
arme Ohm endlich aufatmete, nach erbrochenen Kisten und Kasten, rief
ihn der Hllenkerl wieder vom Domplatze her ans Fenster.  Er ritt mit
nackten Fersen den schnsten Stiftsgaul, dem er eine purpurne
Altardecke bergelegt--sich selbst hatte er ein Megewand umgehangen--,
und zog dem Kirchenschimmel mit dem entwendeten Krummstab von Chur
einen solchen ber den blanken Hinterbacken, da er bolzgerade stieg
und der Stab in Trmmer flog.  'Bischof, segne mich!' schrie der
Lombarde.  Der Ohm in seiner Frmmigkeit besiegte sich.  'Ziehe hin in
Frieden, mein Sohn!' sprach er und hob die Hnde.

'Dich, Bischof', jauchzte der Lombarde, 'hole der Teufel!'

'Und dich hole er gleichfalls!' gab der Ohm zurck.  "Ich htte es
eigentlich nicht erzhlen sollen", endete Gnadenreich halb reuig, "es
hat den Ohm schrecklich erbost."

Palma hatte gelacht, auch der Hfling verzog den Mund, und Gnadenreich
wurde immer gesprchiger und zutulicher.

"Wir haben uns eine Ewigkeit nicht gesehen, Wulfrin", sagte er.  "Ich
verlie Rom bald nach dir, aber was habe ich nicht dort noch erlebt!
Welche Bekanntschaften habe ich gemacht!  Ich ging dein Bchlein im
Palaste holen und traf ihn selbst, der es geschrieben.  Welch ein Kopf!
Fast zu schwer fr den kleinen Krper!  Was da alles drinnesteckt!
Kaum ein Viertelstndchen kostete ich den berhmten Mann, aber in
dieser winzigen Spanne Zeit hat er mich fr mein Lebtag in allem Guten
befestigt.  Dann pochte es ganz bescheiden und leise, und wer tritt
ein?--ich bitte dich, Wulfrin!--der Kaiser.  Ich verging vor Ehrfurcht.
Er aber war gndig und ergtzte sich, denke dir! an deiner
Geschichte, Wulfrin, die er sich von mir erzhlen lie"--

Jetzt verstand Graciosus sein eigenes Wort nicht mehr, denn sie
gerieten zwischen die Herden und das grne Pratum wurde voller Geblke
und Gebrlle.  Einer der magern und wolfhnlichen Berghunde
beschnoberte den Hfling, sprang dann aber liebkosend an ihm auf und
beleckte ihn, wenn Graciosus dem Tiere seine Ungezogenheit nicht
verwiesen htte.  Palma aber wurde von den Hirtenmdchen umringt und
mit Verwunderung angestarrt.  Die junge Herrin von Malmort war
leutselig und frug alle nach ihren Namen und Herden.

"Ich bin gewi kein Plauderer", sagte Graciosus, nachdem er Raum
geschafft hatte, "aber du begreifst, wenn der Kaiser befiehlt--
haarklein mute ich berichten von Horn und Becher, und zumal
die erstaunliche Frau Stemma machte dem hohen Herrn zu schaffen."

Der Hfling blickte verdrielich.

"Welch ein Mann!" lobpries Gnadenreich.  "Der Inhalt und die Hhe des
Jahrhunderts!  Wer bewundert ihn genug?  Und doch, aber doch--Wulfrin,
ich habe von den Hflingen, deren Umgang ich nicht ganz meiden konnte,
etwas vernommen, das mich tief betrbt, etwas von einer gewissen
Regine... weit du es?"

"Das ist seine Kebsin", fuhr Wulfrin ehrlich heraus.

"Schlimm, sehr schlimm!  Ein Flecken in der Sonne!  Kein vollkommenes
Beispiel!  Und die Karlstchter?"

"Alle Wetter und Strme", brauste Wulfrin auf, "wer hat mich zum Hter
der Karlstchter bestellt?"

"Die Karlstchter!" rief mitten aus den Herden Palma, die in der
Entfernung die schallende Rede Wulfrins verstanden hatte.  "Sie heien:
Hiltrud, Rotrud, Rothaid, Gisella, Bertha, Adaltrud und Himiltrud.
Gnadenreich hat eine Tabelle davon verfertigt." Die rtischen Mdchen
wiederholten die ihnen fremd klingenden Namen und zogen unter
jubelndem Gelchter die junge Herrin mit sich fort.

Gnadenreich verlangsamte den Schritt.  Traulich suchte er die Hand des
Hflings.  "Die Ehe ist heilig", sagte er, "und das sollte der Kaiser
nicht vergessen, da er so hoch steht.  Du hast erraten, Wulfrin, da
ich auer ihr geboren bin.  Deshalb habe ich eine groe Meinung von
ihr und eine wahre Leidenschaft, in der meinigen ein Muster von Tugend
zu sein.  Ein gutes Mdchen fhre nicht schlecht mit mir.  Du kennst
meine Neigung, an der ich festhalte, wenn mir auch Palma zuweilen
Sorge macht.  Jetzt sind wir allein--sie scheint heute lenksam--das
knnte die Stunde sein--wenn es dein Wille wre"--

"Sei nur getrost, Gnadenreich", ermutigte Wulfrin, "die Sache ist
abgemacht."

Htte einer der Gewaltttigen, welche auf den rtischen Felsen
nisteten, begehrlich nach Palma gegriffen, Wulfrin mchte ihm ins
Angesicht getrotzt und das Schwert aus der Scheide gerissen haben,
aber Graciosus war zu harmlos, als da er ihm htte zrnen knnen.
Und er selbst fhlte sich mit einem Male von einem dunkeln Schrecken
getrieben, die Schwester zu vermhlen.

"Abgemacht?" fragte Graciosus, "du willst sagen: zwischen dir und der
Richterin?  Doch wie meinst du--ist Palma nicht am Ende zu wild und
gro fr mich?"

"Sei nicht blde und fackle nicht lnger!  Willst du sie?"

Die Schreitenden hatten eine Hgelwelle berstiegen und erblickten
jetzt diejenige wieder, von der sie redeten.  Sie hatte sich
von den Hirtinnen getrennt und stand vor einem der tiefen und
schnellstrmenden Bche, welche die Hochmatten durchschneiden.  Neben
ihr irrte ein blkendes Lmmchen, das die Herde verloren hatte, und am
Uferrand sitzend, lste sich eine kropfige Bettlerin blutige Lumpen
von ihrem wunden Fue und wusch ihn mit dem frischen Wasser.  Rasch
entledigte sich das Mdchen der Schuhe, stellte dieselben mit einem
mitleidigen Blick neben die Kretine, hob das Lamm in die Arme, watete
mit ihm durch die Strmung und lie es seiner Herde nachlaufen.

Da kam ber Gnadenreich eine Erleuchtung.  "Ich wage es!  Ich nehme
sie!" rief er aus.  "Sie ist gut und barmherzig mit jeglicher Kreatur!"

"So gehe voraus und richte das Brautmahl!  Ich werde fr dich werben.
Das ist doch dein Kastell?" In einiger Entfernung stieg aus einem
Bezirke von Hrden und Stllen ein neugebauter Rundturm, ber welchem
gerade der Fhn einen ungeheuerlichen Wolkendrachen emportrieb.
Gnadenreich bog seitwrts, die Brcke suchend, whrend der Hfling den
reienden Bach in einem Satze bersprang.

Wulfrin erreichte die Schwester.  "Du lufst barfu, Brutchen?"

"Ich bin kein Brutchen, und was ntzen mir die Schuhe, wenn ich nicht
mit dir durch die Welt laufen darf?"

"Du bist nicht die Trin, das im Ernste zu reden, und die Frau auf
Pratum darf nicht unbeschuht gehen."

"Gnadenreich hat nicht den Mund gegen mich geffnet."

"Er wirbt durch den meinigen.  Nimm ihn, rat ich dir, wenn du keinen
andern liebst."

Sie schttelte den Kopf.  "Nur dich, Wulfrin."

"Das zhlt nicht."

Sie hob die klaren Augen zu ihm auf.  "Geschieht dir damit ein so
groer Gefallen?"

Er nickte.

"So tue ich es dir zuliebe."

"Du bist ein gutes Kind." Er streichelte ihr die Wange.  "Ich werde
euch schtzen, da euch nichts Feindliches widerfahre, und bei eurem
ersten Buben Gevatter stehen."

Sie errtete nicht, sondern die Augen fllten sich mit Trnen.  "Nun
denn", sagte sie, "aber wir wollen langsam gehen, da es eine Stunde
dauert, bis wir Pratum erreichen." Der Turm stand vor ihnen.  Dem
Hfling aber wurde es offenbar, jetzt da er die Schwester weggab, da
sie ihm das Liebste auf der Erde sei.

"Hier thronen wir wie die Engel", sagte Graciosus, nachdem er seine
Gste die Wendeltreppe empor durch die Gelasse seines Turmes und auf
die Zinne gefhrt hatte, wo das Mahl bereitet war.  Der Tisch trug
neben den Broten eine Schssel Milch mit dem geschnitzten Lffel und
einen Krug voll schwarzdunkeln Weines, ein bischfliches Geschirr,
denn es war mit der Mitra und den zwei Krummstben bezeichnet.  Die
dreie saen auf einer Bank, das Mdchen in der Mitte.  Die ringsum
laufende Brstung reichte so hoch, da sich kaum darber wegblicken
lie.  Nur der Himmel war sichtbar, und an diesem huften sich
unheimliche schwefelgelbe Wolken.

"Die Milch fr mich, fr dich der Wein, Wulfrin", sagte Graciosus.
"Der verreiste noch glcklich aus dem bischflichen Keller, ehe ihn
die Lombarden leerten.  Aber mit wem hlt es Frulein Palma?"

"Mit dir", meinte der Hfling.

Graciosus sprach das Tischgebet.  "Nun gleich auch den andern Spruch,
frisch heraus, Gnadenreich!" ermunterte Wulfrin.

Da geschah es, da der Bischofsneffe, so redegewandt er war, sich auf
nichts besinnen konnte von alle dem Zrtlichen und Verstndigen, was
er sich fr diesen entscheidenden Augenblick langeher ausgesonnen
hatte.  Ratlos blickte er in die warmen braunen Augen.  Jetzt gedachte
er des Lmmchens und der bloen Fe und kam in eine fromme Stimmung.
"Palma novella", bekannte er, "ich liebe dich von ganzem Herzen, von
ganzer Seele und von ganzem Gemte."

Das war hbsch.  Das Mdchen wurde gerhrt und reichte ihm die Hand.
Auch Wulfrin mifiel diese Werbung nicht.  "Nun aber wollen wir ein
bichen lustig sein!" rief er aus.  "Das bringe ich euch!" Er hob den
Krug und trank.  Graciosus schpfte einen Lffel Milch und bot ihn dem
Munde seiner Braut.  Es war nicht der einzige auf Pratum, aber
Gnadenreich wollte eine sinnbildliche Handlung begehen.

Sie ffnete schon die roten Lippen, da sagte sie: "Heute widersteht
mir die Milch.  Gib du mir zu trinken, Wulfrin." Er reichte ihr den
Krug, und sie schlrfte so hastig, da er ihr denselben wieder aus den
Hnden nahm.  Darauf schien sie ermdet, denn sie lie den Kopf auf
die Schulter und allmhlich in die Arme sinken und nickte ein.  Die
Fhnluft wurde zum Ersticken hei.  Wulfrin und Graciosus verstummten
ebenfalls, und dieser half sich, indem er seine Milch auslffelte und
nach lndlicher Sitte zuletzt die Schssel mit beiden Hnden an den
Mund hob.  Wulfrin betrachtete den jungen Nacken.  Er enthielt sich
nicht und berhrte ihn mit den Lippen.  Sie erwachte.

"Aber wir sitzen auf dem Turm wie die drei Verzauberten", sagte sie.
"Geh, Gnadenreich, hole uns das Buch, wo der Bruder abgebildet ist,
das aus dem Stifte--weit du--, welches du bei deinem letzten Besuche
der Mutter, der ich ber die Schulter blickte, gezeigt hast."
Gnadenreich willfahrte ihr, aber sichtlich ungerne.

Palma suchte und fand das Blatt.  ber dem lateinischen Texte war
mit saubern Strichen und hellen Farben abgebildet, wie ein Behelmter
den Arm abwehrend gegen ein Mdchen ausstreckt, das ihn zu verfolgen
schien.  Mit dem Krieger deuchte er sich nichts gemein zu haben als
den Helm, doch je lnger er das gemalte Mdchen beschaute, desto mehr
begann es mit seinen braunen Augen und goldenen Haaren Palma zu
gleichen.  Um die Figur aber stand geschrieben: "Byblis."

"Erzhle und deute, Gnadenreich", bat Palma.  Graciosus blieb stumm.
"Nun, so will ich erklren.  Das hier ist der Bruder auf Malmort, wie
er anfangs war und mich wegstt."

"Das ist nichts fr dich, Palma!" wehrte Graciosus ngstlich, "la!",
und er entzog das Buch ihren Hnden.

"Ihr seid beide langweilig!" schmollte sie.  "Ich gehe lieber.  Drben
am Hange sah ich blhende Rosen in dichten Bschen stehen.  Ich will
mir einen Kranz winden", und sie entsprang.

Ein blendender Blitz fuhr ber Pratum weg und dem Hfling durch die
Adern.  "Warum hast du ihr das Buch weggenommen?" fragte er gereizt.

"Weil es fr Mdchen nicht taugt", rechtfertigte sich Gnadenreich.

"Warum nicht?"

"Die Schwester im Buche liebt den Bruder."

"Natrlich liebt sie ihn.  Was ist da zu suchen?"

Graciosus antwortete mit einer Miene des Abscheus: "Sie liebt ihn
sndig! sie begehrt ihn."

Wulfrin entfrbte sich und wurde totenbleich.  "Schweig, Schurke!"
schrie er mit entstellten Zgen, "oder ich schleudere dich ber die
Mauer!"

"Um Gottes willen", stammelte Graciosus, "was ist dir?  Bist du
verhext?  Wirst du wahnsinnig?" Er war von Wulfrin und dem Buche
weggesprungen, in welches dieser mit entsetzten Blicken hineinstarrte.
"Ich beschwre dich, Wulfrin, nimm Vernunft an und la dir sagen: das
hat ein heidnischer Poet ersonnen, leichtfertig und lgnerisch hat er
erfunden, was nicht sein darf, was nicht sein kann, was unter Christen
und Heiden ein Greuel wre!"

"Und du liesest so gemeine Bcher und ergtzest dich an dem Bsen,
Schuft?"

"Ich lese mit christlichen Augen", verteidigte sich Gnadenreich
beleidigt, "zu meiner Warnung und Bewahrung, da ich den Versucher
kenne und nicht unversehens in die Snde gleite!"

Die Hnde des Hflings zitterten und krampften sich ber dem Blatte.

"Bei allen Heiligen, Wulfrin, zerstre das Buch nicht!  Es ist das
teuerste des Stiftes!"

"Ins Feuer mit ihm!" schrie der Hfling, und weil kein Herd da war als
der lodernde des offenen Himmels, ri er das Blatt in Fetzen und warf
sie hoch auf in den wirbelnden Sturm.

Es trat eine Stille ein.  Graciosus betrachtete sthnend das
verstmmelte Buch, whrend Wulfrin mit verschlungenen Armen und
unheimlichen Augen brtete.  So beschlich ihn die zurckkommende Palma
und setzte ihm den leichten von ihr gewundenen Kranz auf das belastete
Haupt.

Er fuhr zusammen, da er das Geflechte sprte, zerrte es sich ab, ri
es entzwei und warf es mit einem Fluche dem vom Laufe erhitzten
Mdchen zu Fen.

Da flammten ihr die Augen und sie streckte sich in die Hhe: "Du
Abscheulicher!  Tust du mir so?" Zornige Trnen drangen ihr hervor.
"Nun nehme ich auch den Gnadenreich nicht, dir zuleide!"

"Palma", befahl er, "gleich kehrst du nach Hause!  ber die Alp!
Wende dich nicht um!  Ich gehe durch die Schlucht!  Lufst du mir ber
den Weg, so werfe ich dich in den Strom!"

Sie sah ihn jammervoll an.  Seine Todesblsse, das gestrubte Haar,
das unglckliche Antlitz erfllten sie mit Angst und Mitleid.  Sie
machte eine Bewegung gegen ihn, als wollte sie ihm mit beiden Hnden
die pochenden Schlfen halten.  "Hinweg!" rief er und ri das Schwert
aus der Scheide.

Da wandte sie sich.  Er blickte ber die Brstung und sah, wie sie in
wildem Laufe durch die Alp eilte.  Auch er verlie das Kastell und
schlug, von dem nahen Tosen des Stromes gefhrt, den Weg gegen die
Schlucht ein, die furchtbarste in Rtien.  Gnadenreich gab ihm kein
Geleit.

Da er in den Schlund hinabstieg, wo der Strom wtete, und er im
Gestrppe den Pfad suchte, strte sein Fu oder der ihm vorleuchtende
Wetterstrahl hliches Nachtgevgel auf, und eine pfeifende Fledermaus
verwirrte sich in seinem Haare.  Er betrat eine Hlle.  ber der
rasenden Flut drehten und krmmten sich ungeheure Gestalten, die der
flammende Himmel auseinanderri und die sich in der Finsternis wieder
umarmten.  Da war nichts mehr von den lichten Gesetzen und den schnen
Maen der Erde.  Das war eine Welt der Willkr, des Trotzes, der
Auflehnung.  Gestreckte Arme schleuderten Felsstcke gegen den Himmel.
Hier wuchs ein drohendes Haupt aus der Wand, dort hing ein gewaltiger
Leib ber dem Abgrund.  Mitten im weien Gischt lag ein Riese, lie
sich den ganzen Sturz und Sto auf die Brust prallen und brllte vor
Wonne.  Wulfrin aber schritt ohne Furcht, denn er fhlte sich wohl
unter diesen Gesetzlosen.  Auch ihn ergriff die Lust der Emprung, er
glitt auf eine wilde Platte, lie die Fe berhangen in die Tiefe,
die nach ihm rief und spritzte, und sang und jauchzte mit dem Abgrund.

Da traf der starre Blick seines zurckgeworfenen Hauptes auf ein Weib
in einer Kutte, das am Wege sag.  "Nonne, was hast du gefrevelt?"
fragte er.  Sie erwiderte: "Ich bin die Faustine und habe den Mann
vergiftet.  Und du, Herr, was ist deine Tat?"

Lachend antwortete er: "Ich begehre die Schwester!"

Da entsetzte sich die Mrderin, schlug ein Kreuz ber das andere und
lief so geschwind sie konnte.  Auch er erstaunte und erschrak vor dem
lauten Worte seines Geheimnisses.  Es jagte ihn auf, und er floh vor
sich selbst.  Schweres Rollen erschtterte den Grund, als ffne er
sich, ihn zu verschlingen.  Von senkrechter Wand herab schlug ein
mchtiger Block vor ihm nieder und sprang mit einem zweiten Satz in
die aufspritzende Flut.

Der Himmel schwieg eine Weile, und Wulfrin tappte in dunkler Nacht.
Da erhellte sich wiederum die Schlucht, und auf einer ber den Abgrund
gestrzten Tanne sah er die Schwester mit nackten und sichern Fen
gegen sich wandeln, und jetzt lag sie vor ihm und berhrte seine Knie.

"Was habe ich dir getan", weinte sie, "warum fliehst, warum
verwnschest du mich?  Bruder, Bruder, was habe ich an dir gesndigt?
Ich kann es nicht finden!  Siehe, ich mu dir folgen, es ist strker
als ich!  Ich lief drben, da sah ich den Steg. Tte mich lieber!  Ich
kann nicht leben, wenn du mich hassest!  Tue, wie du gedroht hast!"

Er stie einen Schrei aus, ergriff, schleuderte sie, sah sie im
Gewitterlicht gegen den Felsen fahren, taumeln, tasten und ihre Knie
unter ihr weichen.  Er neigte sich ber die Zusammengesunkene.  Sie
regte sich nicht, und an der Stirn klebte Blut.  Da hob er sie auf
mchtigen Armen an seine Brust und schritt, ohne zu wissen wohin, das
Liebe umfangend, dem Tale zu.

Er hatte die Klus hinter sich, da sauste es an ihm vorber, und er
erblickte einen Knaben, der ein scheues Ro zu bndigen suchte.  "He,
Gabriel", rief er ihm nach, "sage der Richterin, sie rste den Saal
und richte das Mahl!  Tausend Fackeln entzndet!  Malmort strahle!
Ich halte Hochzeit mit der Schwester!" Der Sturm verschlang die
rasenden Worte.  Malmort mit seinen Trmen stand schwarz auf dem noch
wetterleuchtenden Nachthimmel.

Mit seiner Last den Burgpfad emporsteigend, sah er oben Lichter hin-
und herrennen.  Dann begegnete er der gengstigten Mutter, die ihm
halben Weges entgegengeeilt war.  "Wulfrin", flehte sie mit
ausgestreckten Armen, "wo hast du Palma?" "Da nimm sie", sagte er und
bot ihr die Leblose.




Viertes Kapitel


Da Wulfrin am folgenden Tage erwachte, lag er unter den
schwarzschattenden Bscheln einer gewaltigen Arve, whrend die Matten
ringsum schon in der Mittagssonne schimmerten.  Er hatte eben noch,
den wrzigen Waldgeruch einatmend, heiter und glcklich getrumt von
dem Wettspiel in einer rmischen Arena und im Speerwurf einen
Lorbeerkranz davongetragen.  Sein Blut flo ruhig, und seine Stirne
war hell.

Nachdem er gestern Palma der Mutter in die Arme gelegt, war er ins
Dunkel zurckgewichen.  Mit irren Fen, in ruhelosem Laufe, kreuz und
quer, hatte er das Gebiet von Malmort durchjagt, bis weit ber
Mitternacht hinaus, und war dann im Morgengrauen niedergestrzt und in
einen bleiernen Schlaf versunken.

Er fand sich auf einer von leichtgeschwungenen Hgeln umgebenen Wiese,
fernab von dem Gelute der Herdglocken, in tiefer Einsamkeit.  Nur ein
Specht hmmerte, und zwei Eichhrner tummelten und neckten sich in der
Mitte ihres grnen Bezirkes.  Wulfrin rieb sich den Schlummer aus den
Augen und schaute umher.  Da entdeckte er ber dem Hgelrande die
Giebel und Turmspitzen von Malmort.  Er lie sich auf dem Hange
gleiten, und sie verschwanden.

Allmhlich schlich sich das Gestern an ihn heran, er wehrte es ab, er
mitraute ihm, er wollte, er konnte es nicht glauben.  War er nicht
der Starke und Freie, der Frhliche und Zuversichtliche, der dem
Feinde ins Auge sah und das Irrsal mit dem Schwerte durchschnitt?  Was
war denn geschehen?  Eine rtselhafte Frau hatte ihn bermocht, zu
beschwren, was er nicht bezweifelte.  Ein Mdchen, das sich in der
Langenweile eines Bergschlosses den vollkommensten Bruder ausgesonnen,
war ihm zugesprungen und hatte sich nrrisch ihm an den Hals gehngt.
Ein tckischer Becher ungewohnten Weines oder das freche Bild einer
ausschweifenden Fabel oder der heie Hauch des Fhnes oder was es
sonst gewesen sein mochte, hatte ihn betrt und verstrt.  Und was er
an den Felsen geschleudert, war nicht die Schwester--wie htte sie den
ghnenden Abgrund berschritten?--, sondern irgendein Blendwerk der
Gewitternacht.

"Und war es die Schwester und habe ich sie zerschmettert, so bin ich
ihrer ledig", trotzte er, und zugleich ergriff ihn ein unendliches
Mitleid und die inbrnstigste Liebe zu dem jungen Leben, das er
mihandelt und vernichtet hatte.  Er sah sie mit allen ihren Gebrden,
jedes ihrer sen und unschuldigen Worte nahm Gestalt an, er schaute
in ihre seligen Augen und in ihre wehklagenden.  Jetzt fhlte er sie,
die sich weinend und schmeichelnd mit ihm vereinigte, und wute, da
sie noch lebte und atmete.  "Meine Seele!  Blut meiner Adern!" rief er
und wieder: "Palma!  Palma!"

"--Palma!" wiederholte das Echo.

"Palma mein Weib!" Das Echo entsetzte sich und verstummte.

Ein tdlicher Schauer durchrieselte sein Mark.  Sich auf die Rechte
sttzend, hob er sich halb von der Erde und langte mit der Linken nach
der blutenden Brust wie auf dem Schlachtfelde.  "Es sitzt!" chzte er.
"ich bin der Schrankenlose, der bertreter, der Verdammte!  Ich mu
sterben, damit die Schwester lebe!  Doch womit habe ich den Himmel
beleidigt? wodurch habe ich die Hlle gelockt?" Rasch bersann er sein
Leben, er fand darin keinen Makel, nur llichen Fehl.  "Nun, wen's
trifft, den trifft's!  Ich habe eben das schlimme Los aus dem Helme
gezogen und verwundere mich nicht, kenne ich ja die Grausamkeiten der
Walstatt.  Es geht vorber!" Da schien ihm denn doch das Dasein ein
Gut, so leicht er es sonst wertete, jetzt da er, ob auch unter
grimmigen Schrecken, seinen tiefsten Reiz und seine geheimste
Lieblichkeit gekostet hatte.  Er hob die starken Hnde vor das
Angesicht und schluchzte...

Mhlich verlngerten sich die Schatten, und es wurde still ber der
Wiese.  Da legte sich ihm eine Hand auf die Schulter.  Ohne das Haupt
zu wenden, sagte er: "Ich komme", und wollte sich erheben, denn er
wute, es war der Tod, der zu ihm trat, um ihn an den jhesten Abgrund
zu fhren.

"Bleibe, Wulfrin!" sprach weich die Stimme der Richterin, "ich setze
mich zu dir", und Frau Stemma lie sich neben ihn auf das Moos gleiten
in einem weiten langen Gewande, das selbst die Spitzen der Fe
verhllte.

"Berhre mich nicht!" schrie er und warf sich zurck.  "Ich bin ein
Unseliger!"

"Ich suchte dich lange", sagte sie.  "Warum bliebest du ferne?  Dir
ist bange fr Palma?  Die wurde nur leicht verwundet, hat aber in
tiefer Ohnmacht gelegen.  Erwachend hat sie erzhlt, wie euch gestern
das Gewitter in der Schlucht berraschte, wie sie glitt und die
Besinnung verlor.  Auf deinen Armen hast du sie getragen."

Wulfrin blieb stumm.

"Oder redete sie unwahr, und du warfest sie an den Felsen, um sie zu
zerschmettern?"

Er nickte.

Sie schwieg eine Weile, dann hob sie die Hand und berhrte wiederum
seine Schulter.  "Wulfrin, du hassest deine Schwester oder--du liebst
sie!" Sie fhlte, wie der Hfling vom Wirbel zur Zehe zitterte.

"Es ist entsetzlich", sthnte er.

"Es ist entsetzlich", sagte sie, "aber unerklrlich ist es nicht.  Ihr
seid ferne voneinander erwachsen, wurdet eurer Angesichter und
Gestalten nicht gewhnt, und so waret ihr euch frisch und neu, da ihr
euch fandet, wie ein fremder Mann und ein fremdes Weib.  Mutig!  Rufe
und rufe es deinen Gedanken und Sinnen zu.  Palma und Wulfrin sind
eines Blutes!  Sie werden schaudern und erkalten und nicht lnger die
himmlische Flamme der Geschwisterliebe verwechseln mit dem
schpferischen Feuer der Erde."

Er antwortete nicht, kaum da er ihre Worte gehrt hatte, sondern
murmelte zrtlich: "Warum hast du sie Palma novella getauft?  Das ist
ein gar seltsamer und schner Name!"

Stemma erwiderte: "Ich habe sie die junge Palme genannt, weil sie aus
dem Schutte des Grabes frisch und freudig aufspriet, und, bei meinem
Leben! wer an dem schlanken Stamme frevelt, den richte und tte ich!
Noch ist Palma unschuldig.  Deine rasende Flamme hat ihr nicht ein
Hrchen der Wimper, nicht den uersten Saum des Kleides versengt.
Unglcklicher, wie ist ein solches Leiden ber dich gekommen?"

"Wie eine Seuche, die aus dem Boden dampft!  Aber mein Schutzengel
warnte mich vor Malmort.  Da du mich riefest, verschlo ich das Ohr.
Ich bog ab und fiel in die Hnde der Lombarden.  Warum hast du den
Pfeil des Witigis gehemmt?" Er starrte vor sich nieder.  Dann schrie
er verzweifelnd auf und ergriff und prete den Arm der Richterin, die
finstern Augen fest auf das ruhige Antlitz heftend: "Bei dem Haupte
Gottes--"

"Bei dem Haupte Palmas", sagte sie.

"Ist sie meine Schwester?"

"Wie sonst?  Ich wei es nicht anders.  Was denkst du dir?"

"Dann ist mein Haupt verwirkt und jeder meiner Atemzge eine Snde!"
Er sprang auf, whrend sie ihn mit nervigen Armen umschlang, so da er
sie mit sich emporzog.

"Wohin, Wulfrin?  In eine Tiefe?  Nein, du darfst diesen starken Leib
und dieses tapfere Herz nicht zerstren!  Nimm dein Ro und reite!
Reite zu deinem Kaiser!  Mische dich unter deine Waffenbrder!  Ein
paar Tagritte, und du bist gesundet und blickst so frei wie die andern!"

"Das geht nicht", sagte er jammervoll.  "Wir leiden nicht den
geringsten Makel in unserer Schar, und ich sollte verrterisch die
Schande unter uns verstecken?"

"So stachle dein Ro, reite Tag und Nacht, ber Berg und Flche,
springe in ein Schiff, bringe ein Meer und ein zweites zwischen sie
und dich, und wenn dich Delphin und Nixe umgaukelt, tauchen vor dir
aus der Blue Inseln und Vorgebirge, verwegenes Abenteuer und die
Schnheit als Beute!"

"Was hlfe es?" sagte er.  "Sie zge mit mir, die Nixe trge ihr
Angesicht, und ich umarmte sie in jedem Weibe!  Denn ich bin mit ihr
vermhlt ewiglich.  Nein, ich kann nicht leben!"

"Das ist Feigheit!" sprach sie leise.

Der Schimpf trieb ihm wie ein Schlag das Blut ins Angesicht.  Er
bumte sich auf.  "Du hast recht, Frau!" schrie er.  "Ich darf nicht
als ein Feigling umkommen, du selbst sollst mich richten und
verurteilen.  Am lichten Tag, unter allem Volke, will ich den Greuel
bekennen und die Shne leisten!" So rief er in zorniger Emprung, dann
aber besnftigte sich sein Angesicht, denn er hatte die Lsung
gefunden, die ihm ziemte.

"Unsinn!" sagte sie.  "Solche verborgene Dinge bekennt man nicht dem
Tage, denn du bist ein Verbrecher nur in deinen Gedanken.  Die Tat
aber und nur die Tat ist richtbar."

"Frau, das wird sich offenbaren!  Vernimm, was ich tue.  Ich wandere
zu dem Kaiser und spreche zu ihm: Siehe, Wulfrin der Hfling begehrt
das eigene Blut, das Kind seines Vaters!  Es ist so, er kann nicht
anders.  Schaffe den Snder aus der Welt!  Und spricht der Kaiser: Die
Tat ist nicht vollbracht, so antwortet Wulfrin: Ich vollbringe sie mit
jedem Atemzuge!"

"Auf sndiger Geschwisterliebe", drohte Frau Stemma, "steht das Feuer."

Wulfrin lachte.

"Und du willst vor dem ganzen Volke dastehen in deiner Ble?"

"Ich will dastehen", sagte er, "als der, welcher ich bin."

"So mangelt dir der Verstand und die Kraft, das Geheimnis der Snde zu
tragen?"

"Das ist Weibes Art und Weibes Lust", sagte er verchtlich.

"Und du wirst mit dem Kaiser kommen, und ich soll dich richten?"

"Du!"

"Das werde ich!" sagte sie und entfernte sich langsam.

Jetzt da Wulfrin sein Schicksal entschieden und vollendet glaubte, kam
die Ruhe des Abends ber ihn.  Er blieb unter seiner Arve, bis die
Sonne niederging und der Tag ihr folgte.  Und wie sie mit gebrochenen
Speeren sich legte und ihr Blut am Himmel verstrmte, erlosch er mit
ihr und sah sich die Schwester, wie das Sptlicht, im grnen Gewande
und auf stillen Sohlen nachschreiten.  Das aufgegebene Schwert reute
ihn nicht.  "Sie werden drben einen Krieger brauchen", sagte er sich
und wandelte schon unter den seligen Helden.

Wie es Nacht war und der Mond leuchtete, ging er sachte bergab, denn
er gedachte ein Seitental zu gewinnen und seinen Kaiser zu erreichen,
ohne da er Malmort und die Stapfen der Schwester berhre.  Beide
wollte er nur am Gerichtstage wiedersehen.  Er gelangte an den Strom,
der hier ohne Gewalt und Sturz Klippen und Felsen breit berflutete.
Das Mondlicht verlockte ihn, sich auf ein Felsstck zu lagern und
wunsch- und schmerzlos mit den Wellen dahinzuflieen.  Er wurde sich
selbst zum Traume.

Da sah er Elb oder Elbin tauchen.  Es schwamm wei im Strome, ein
Nacken schimmerte, und jetzt hob der blanke Arm ein Hifthorn in die
Hhe, das der Mond versilberte.  Er erkannte sein entwendetes Erbteil
und trat ohne Hast und Erstaunen dem freundlichen Wunder nahe.

"Herr Wulfrin", jubelte eine Knabenstimme, "freue dich!  Glck ber
dir!  Ich halte dein Horn!", und Gabriel, der sein Hirtenhemde wieder
umgeworfen hatte, sprang zu ihm empor.

"Schon heute mittag", erzhlte er, "sah ich es beim Fischen auf dem
Grunde.  Ich kannte es gleich, doch war ich nicht allein und mute die
Nacht erwarten.  Hat es schon lange gelegen?" Er schttelte das Horn
und lie das Wasser sorgfltig aus der Bauchung abtropfen.  "Wenn es
nur nicht verdorben ist!" Er hob es an den Mund und stie darein, da
die Berge widerhallten.  "Hier, Herr!" sagte er.  "Wahrhaftig, es hat
ihm nichts getan.  Ein wackeres Schlachthorn!"

Wulfrin ergriff es und hing es sich um.  Als er sich aber einen
Goldring--irgendein Beutestck--von der Hand ziehen wollte, um den
Knaben abzulohnen, wehrte Gabriel.  "Nein, Herr, lege lieber ein Wort
fr mich ein, da mich der Kaiser mitreiten lt!  Doch jetzt mu ich
heim!  Ich habe noch in den Stllen zu tun.  Kommst du mit?  Ich wei
Stapfen an dem Felsen empor, und wir gelangen durch ein
Hinterpfrtchen noch einmal so rasch in den Hof als auf dem Burgwege."

Und Wulfrin folgte.  Die Handlichkeit und Herzlichkeit des Buben hatte
seine Sinne und Geister erwrmt.  Der Wiedergewinn seines Erbes weckte
das Bild des Vaters und die kindliche Gesinnung auf.  Und obwohl aus
dem Elben ein Menschenknabe geworden war, zitterte doch ber dem Strom
ein Schimmer von Geisterhilfe.  "Am Ende ist es der Vater", sagte er
sich, "und er wird mir beistehen, wenn er kann.  Wenn er noch irgend
da ist, lt er mich nicht elend umkommen.  Ich will ihn rufen.
Vielleicht antwortet er.  Es ist ein Glaube, da der Tote aus dem
Grabmal mit seinen Kindern redet.  Ich wage es!  Ich blase ihn wach!
Dann frage ich nichts als: Vater, ist Palma dein Kind?  Redet er nicht,
so nickt er wohl oder schttelt das Haupt." Obschon der Hfling an
Stemma nicht zweifelte, deren Wesen ber ihn Gewalt hatte, focht ihn
doch der Widerspruch zwischen dem Glauben an die Lebendige und der
Frage an den Toten wenig an.  Er fhlte einfach, da er den
Vater--wenn dieser zu erreichen sei--befragen und beraten msse, ehe
er sich anklage und sich richten lasse.  Aber seine Ruhe war weg, sein
Geist gespannt, und er hrte kein Wort von dem, was der Knabe
unterweges plauderte.

Ebenso unruhig schritt Stemma hinter dem erhellten Fenster, das der
Emporklimmende ber dem Burgfelsen aufsteigen sah.  Aus der Ferne und
Tiefe war ein Ton zu ihr hergedrungen, den sie hate und den sie
vernichtet zu haben glaubte.  Whrend ihr Kind auf dem Lager
schlummerte, ging sie rastlos auf und nieder.  Sie vergegenwrtigte
sich Wulfrin, wie er vor Kaiser und Volk eines seltenen, ja
unglaublichen Frevels sich beschuldigte, und ihr wurde bange, da sie
und wie sie ber ihn richten werde.

War es denkbar, da sich die Natur so verirrte? da ein so lauterer
Mensch in eine solche Snde verfiel?  War es nicht wahrscheinlicher,
da hier Irrtum oder Lge Bruder und Schwester gemacht hatte?  So
htte die Richterin ohne Zweifel geforscht und untersucht, wre sie
nicht Stemma und Palma nicht ihr Kind gewesen.  Aber sie durfte nicht
untersuchen, denn sie htte etwas Vergrabenes aufgedeckt, eine,
zerstrte Tatsache hergestellt, ein Glied wieder einsetzen mssen, das
sie selbst aus der Kette des Geschehenen gerissen hatte.

Jetzt begann es mit einem Male vor ihr aufzutauchen, die Snde des
Unschuldigen sei das gegen sie selbst heranschreitende Verhngnis.
"Gilt es mir?  Wird ein Plan gegen mich geschmiedet?  Ist eine
Verschwrung im Werke?" rief sie ins Dunkel hinein.

Da hatte sie ein Gesicht.  Sie erblickte mit den Augen des Geistes
durch die dmmernde Wand, weit in der Ferne und doch ganz nahe, ein
gewaltiges Weib von furchtbarer Schnheit.  Diese sa in langen,
blauen Gewanden, eine Tafel auf das bergelegte Knie gesttzt, einen
Griffel in der Hand, schreibend oder zhlend, irgendeine Lsung
suchend.  Nach einigem Sinnen ging ein stilles langsames Lcheln ber
den strengen Mund und schien zu sagen: So ist es gut und siehe, es ist
so einfach!

Da glaubte die Richterin eine Feindin sich gegenber zu sehen und
trotzte ihr, Weib gegen Weib.  "Das bringst du nicht heraus!  Du
findest keine Zeugen!" Die Fremde aber hob die Tafel mit beiden Hnden
empor ber die sonnenhellen Augen und verschwand.  "Du hast keine
Zeugen!" rief ihr die Richterin nach.  Ihr antwortete ein
erschtternder Ruf, der aus allen Wnden, aus allen Mauern drang, als
werde die Posaune geblasen ber Malmort.

Stemma erbebte.  Sie sprang an das Lager ihres Kindes, um es fest in
den Armen zu halten, wenn Malmort unterginge.  Palma war nicht erwacht,
sie schlief ruhig fort.  Die Richterin besann sich.  Hatte der
grauenhafte Ton in Tat und Wahrheit diese Luft, diese Rume, diese
Mauern erschttert?  Mte Palma nicht aus dem tiefsten Schlummer
aufgefahren sein?  Es war unmglich, da der gewaltige Ruf sie nicht
geweckt htte.  Frau Stemma war nicht unerfahren in solchen
unheimlichen Dingen: sie kannte die Schrecken der Einbildung und die
Sprache der berreizten Sinne.  Sie hatte es erfahren an den
Schuldigen, die sie richtete, und an sich selbst.  "Das Ohr hat mir
geklungen", sagte sie, die noch am ganzen Leibe zitterte.

Htte sie durch Dielen und Mauern blicken knnen, so sah sie den
bleichen Wulfrin, der an der Gruft des Vaters kniete, ins Horn stie,
ihn rhrend beschwor, ihm herzlich zusprach, Rede zu stehen.  Sie
htte gesehen, wie Wulfrin, da der Stein schwieg, das Horn zum andern
Male an den Mund setzte und endlich verzweifelnd ber die Mauer sprang.

Wieder schtterte Malmort in seinen Tiefen, strker noch als das
erstemal.  Da war kein Zweifel mehr, es war das Wulfenhorn, das sie
mitten in Gischt und Sturz geschleudert und in unzugngliche Tiefen
hatte versinken sehen.  Sie sann an dem ngstlichen Rtsel und konnte
es nicht lsen.  Sie sann, bis ihr die Stirnader schwoll und das Haupt
strmte.

Da fiel ihr zur bsen Stunde der Comes ein, wie er murmelnd im Schilfe
sitze und mit dem schweren Kopfe unablssig daran herumarbeite, ob
Frau Stemma ihm ein Leides getan.  "Er besucht sein Grabmal und stt
in sein Horn!  Er strt die Nacht!  Er verwirrt Malmort!  Er schreckt
das Land auf!  Das leide ich nicht!  Ich verbiete es ihm!  Ich bringe
den Emprer zum Schweigen!" Und der Wahn gewann Macht ber diese Stirn.

Ohne sich nach Palma umzusehen, strzte sie zornig die Wendeltreppe
hinab und betrat den Hof, wo der Comes und ihr eigenes Bild auf der
Gruft lagen.  Darber webte ein ungewisser Dmmer, da eine leichte
Wolke den Mond verschleierte.  Der Comes lie sein Horn zurckgleiten,
und die steinerne Stemma hob die Hnde, als flehe sie: Hte das
Geheimnis!

Aufgebracht stand die Richterin vor dem Ruhestrer.  "Arglistiger",
schalt sie, "was peinigst du mein Ohr und bringst mein Reich in
Aufruhr?  Ich wei, worber du brtest, und ich will dir Rede stehen!
Keine Maid hat dir der Judex gegeben!  Ich trug das Kind eines andern!
Du durftest mich nie berhren, Trunkenbold, und am siebenten Tage
begrub dich Malmort!  Siehst du dieses Gift?" Sie hob das Flschchen
aus dem Busen.  "Warum ich leben blieb, die dir den Tod kredenzte?
Dummkopf, mich schtzte ein Gegengift!  Jetzt weit du es!  Palma
novella unter meinem Herzen hat dich umgebracht!  Und jetzt qule mich
nicht mehr!"

So grelle und freche Worte redete die Richterin.

Durch ihr lautes Schelten zu sich selbst gebracht, betrachtete sie
wieder den Comes, der jetzt im klarsten Mondenlichte lag.  Die
furchtbare Geschichte kmmerte ihn nicht, er lag regungslos mit
gestreckten Fen.  Jetzt sah sie, da sie zum Steine gesprochen, und
schlug eine Lache auf.  "Heute bin ich eine Nrrin!" sagte sie.  "Ich
will zu Bette gehen."

Sie wandte sich.  Palma novella stand hinter ihr, wei, mit
entgeisterten Augen, das Antlitz entstellt, starr vor Entsetzen.  Der
zweite Hornsto hatte sie geweckt, und sie war der Mutter auf
besorgten Zehen nachgeschlichen.

Zwei Gespenster standen sich gegenber.  Dann packte Stemma den Arm
des Mdchens und schleppte es in die Burg zurck.  Sie selbst hatte
ihrem Geheimnisse einen Mund und einen Zeugen gegeben, und dieser
Zeuge war ihr Kind.




Fnftes Kapitel


Seit der Hfling aus Malmort verschwunden war, lastete auf den
schweren Mauern Schweigen und Kmmernis.  Das Gesinde munkelte
allerlei, und Knechte und Dirnen steckten die Kpfe zusammen.  Die
junge Herrin sei krank.  Es sei ihr angetan worden.  Irgendein
Zauber--ob sie einer Drude begegnet oder ein giftiges Kraut
verschluckt oder aus einem schdlichen Quell getrunken--habe die
rmste der Vernunft beraubt.  Ihr mangle der Schlummer, sie weine
unablssig und lasse sich weder trsten noch auch nur berhren.  Ihr
widerstehe Speise und Trank und sie schwinde zum Gerippe.  Die Laute
und Wilde sei gar still und zahm und ihr Lebensfaden zum Reien dnn
geworden.  Die bekmmerte Richterin folge ihr auf Schritt und Tritt
und drfe sie nicht aus den Augen lassen.

Zwei Mgde standen am Brunnen zusammen und flsterten.  Benedicta war
der jungen Herrin unversehens im Flur begegnet und wollte ihr
gebhrlich die Hand kssen.  Palma sei angstvoll zurckgewichen und
habe aufgeschrien: "Rhre mich nicht an!" Veronica hatte durch das
Schlsselloch gespht und was erblickt? etwas ganz Unglaubliches: die
stolze Frau Stemma vor ihrem Kinde niedergeworfen, ihm liebkosend die
Knie umfangend und um die Gnade flehend, da es den Mund ffne und
einen Bissen berhre.

Die Mgde verstummten, hoben sich die Krge zu Haupte und drckten
sich, eine hinter der andern, whrend langsam die Richterin mit Palma
aus der Pforte trat und die Stufen herunterschritt.  Frau Stemma
sttzte das Mdchen, das, elend und zerstrt, sich selbst nicht mehr
gleichsah.  Palma ging mit gebeugtem Rcken und unsichern Knien.  Gro,
doch ohne Strahl und Wrme, traten die Augen aus dem vermagerten
Antlitz.  "Komm, Kindchen", sagte Frau Stemma, "du mut Luft schpfen",
und sie ffnete ein Gatter, das auf eine zirpende und summende Wiese
fhrte, die einen weiten leicht geneigten Vorsprung der Burghhe
bekleidete und ber die Grenzlinie der unsichtbaren Tiefe hinweg in
eine lichte Ferne verlief.

Sie setzten sich auf eine Bank, und Frau Stemma betrachtete ihr Kind.
Da ergrimmte sie und weinte zugleich in ihrem Herzen ber die
Verwstung des einzigen, was sie liebte.  Aber sie blieb aufrecht und
grtete sich mit ihrer letzten Kraft.  "Wie", sagte sie sich, "Mir
gelnge es nicht, dieses Gehirnchen zu betren, dieses Herzchen zu
berwltigen?"

"Mein Kind", begann sie, "hier sind wir allein.  La uns noch einmal
recht klar und klug miteinander reden"--

"Wenn du willst, Mutter."--"miteinander reden von dem Wahne jener
Nacht.  Ich wachte, du schliefest.  Da lrmt es im Hofe.  Ich gehe
hinunter, es war nichts, und ich lache ber meinen leeren Schrecken.
Ich wende mich.  Du stehst vor mir nachtwandelnd, mit offenen stieren
Augen.  Ich ergreife dich und fhre dich in das Haus zurck.  Und du
erwachst aus dem abscheulichen Traume, der dich jetzt peinigt und
zugrunde richtet."

"Ja und nein, Mutter.  Mich weckte ein Ruf, ich sehe dich hinauseilen
und folge dir auf dem Fue.  Du standest im Hofe vor den Steinbildern
und schaltest den Vater und erzhltest ihm"--sie hielt schaudernd inne.

"Was erzhlte ich?" fragte die Richterin.

"Du sagtest"--Palma redete ganz leise--"da ich nicht sein Kind bin.
Du sagtest, da ich schon unter deinem Herzen lag.  Du sagtest, da du
und ich ihn gettet haben."

"Liebe Trin", lchelte Frau Stemma, "nimm all dein Denken zusammen
und verliere keines meiner Worte.  Ich htte mit einem Steine geredet?
als eine Aberglubische? oder eine Nrrin?  Kennst du mich so?  Und du
wrest nicht das Kind des Comes?  Mit wem war ich denn sonst vermhlt?
Habe ich dir nicht erzhlt, da ich eine Gefangene war auf Malmort,
bis mich der Comes freite?  Und ich htte den Gatten gettet?  Ich,
die Richterin und die rztin des Landes, htte Gifte gemischt?  Kannst
du das glauben?  Hltst du das fr mglich?"

"Nein, Mutter, nein!  Und doch, du hast es gesagt!"

"Palma, Palma, mihandle mich nicht!  Sonst mte ich dich hassen!"

Palma brach in trostlose Trnen aus und warf sich gegen die Brust der
Mutter, die das schluchzende Haupt an sich prete.  "Du bringst mich
um mit deinem Weinen", sagte sie.  "Glaube mir doch, Nrrchen!"

Palma hob das Angesicht und blickte um sich.  "Weidet hier am Rande
ein Zicklein, Mutter?"

"Ja, Palma."

"Lutet dort Maria in valle?" Sie wies ein im Tale schimmerndes
Kloster.

"Ja, Palma."

"Ebenso wahr, als ich jetzt nicht trume und das Zicklein weidet und
das Kirchlein lutet, ebensowenig habe ich getrumt, da du vor
Wulfrins Vater gestanden und ihn angeredet hast.  Es war so, es ist so.
Du sprchest immer die Wahrheit, Mutter."

"Ich sage dir, Palma, es ist ein Traum.  Und ich will, da es ein
Traum sei."

Palma erwiderte sanft: "Belge mich nicht, Mutter!  Habe ich doch
vorhin, da du mich an dich pretest, den scharfen Kristall empfunden,
welchen du aus dem Busen gezogen und dem Comes gezeigt hast."

Die Richterin schnellte empor mit einem feindseligen Blicke gegen ihr
Kind, glitt aber langsam auf die Bank zurck, und nachdem sie eine
Weile in den Boden gestarrt, sagte sie: "Wre es so und htte ich so
getan, so wre es deinetwegen."

"Ich wei", sagte Palma traurig.

"Habe ich es getan", wiederholte Stemma, "so tat ich es dir zuliebe.
Ich ttete, damit mein Kind rein blieb."

Palma zitterte.

"Warum hast du dich in mein Geheimnis gedrngt, Unselige?" flsterte
Stemma ingrimmig.  "Ich htete es.  Ich verschonte dich.  Du hast es
mir geraubt!  Nun ist es auch das deinige, und du mut es mir tragen
helfen!  Lerne heucheln, Kind, es ist nicht so schwer, wie du glaubst!
Aber wo sind deine Gedanken?  Du bist abwesend!  Wohin trumst du?"

"Was ist aus Wulfrin geworden?" fragte sie leise, und eine schwache
Rte glomm und verschwand auf den gehhlten Wangen.

"Ich wei nicht", sagte die Richterin.

"Jetzt verstehe ich, da er mich verabscheut", jammerte Palma.  "O ich
Elende!  Er stt mich von sich, weil er Mord an mir wittert.  Mir
graut vor meinem Leibe!  Lge ich zerschmettert!"

"ngstige dich nicht!  Wulfrin hat keinen Argwohn.  Er ist glubig und
er traut."

"Er traut!" schrie Palma emprt.  "Dann eile ich zu ihm und sage ihm
alles wie es ist!  Ich laufe, bis ich ihn finde!" Sie wollte
aufspringen, die Mutter mute sie nicht zurckhalten, erschpft und
entkrftet sank sie ihr in den Scho.

"Ich verrate dich, Mutter!"

"Das tust du nicht", sagte Stemma ruhig.  "Mein Kind wird nicht als
Zeugin gegen mich stehen."

"Nein, Mutter."

Die Richterin streichelte Palma.  Diese lie es geschehen.  Darauf
sagte sie wieder: "Mutter, weit du was?  Wir wollen die Wahrheit
bekennen!"

Frau Stemma brtete mit finstern Blicken.  Dann sprach sie: "Foltere
mich nicht!  Auch wenn ich wollte, drfte ich nicht.  Dieser wegen!",
und sie deutete auf ihr Gebiet.  "Wrde laut und offenbar, da hier
whrend langer Jahre Snde Snde gerichtet hat, irre wrden tausend
Gewissen und unterginge der Glaube an die Gerechtigkeit!  Palma!  Du
mut schweigen!"

"So will ich schweigen!"

"Du bist meine tapfere Palma!" und die Richterin schlo ihr den Mund
mit einem Kusse.  "Aber Kind, Kind, wie wird dir?" Palmas Augen waren
brechend, und das Herz klopfte kaum unter der tastenden Hand der
Mutter.  Diese bettete die Halbentseelte und eilte verzweifelnd in die
Burg zurck.

Sie kam wieder mit einer Schale Wein und einem Stcklein Brot.  Sie
kniete sich nieder, brach und tunkte den Bissen und bot ihn der
Entkrfteten.  Diese wandte sich ab.

Da bat und flehte die Richterin: "Nimm, Kind, deiner Mutter zuliebe!"
Jetzt wollte Palma gehorchen und ffnete den entfrbten Mund, doch er
versagte den Dienst.

Stemma sah eine Sterbende.  Da starb auch sie.  Ihr Herz stand stille.
Ein Todeskrampf verzog ihr das Antlitz.  Eine Weile kniete sie starr
und steinern.  Dann verklrte sich das Angesicht der Richterin, und
ein Schauer der Reinheit badete sie vom Haupt zur Sohle.

"Palma", sagte sie zrtlich, und dieser warme Klang, hob die Lider des
Kindes, "Palma, was meinst du?  Ich lade den Kaiser ein nach Malmort.
Wir treten vor ihn Hand in Hand, wir bekennen und er richtet." Da
freuten sich die Augen Palmas, und ihre Pulse schlugen.

"Nimm den Bissen", sagte die Richterin und speiste und trnkte ihr
Kind.

Sie fhrte die Neubelebte in den Hof zurck.  In der Mitte desselben
stand Rudio, noch keuchend vom Ritte.  "Heil und Ruhm dir, Herrin!"
frohlockte er.  "Ich melde den Kaiser!  Der Hchste sucht dich heim!
Er naht!  Er zieht mchtig heran und mit ihm ganz Rtien!"

"Dafr sei er gepriesen!" antwortete die Richterin.  "Komm, Kind, wir
wollen uns schmcken!"

Da Kaiser Karl mit allem Volke den Burgweg erstiegen hatte, hie er
Gesinde und Gefolge vor dem Tore zurckbleiben und betrat allein den
Hof von Malmort.  Stemma und Palma standen in weien Gewndern.  Die
Richterin schritt dem Herrscher entgegen und bog das Knie.  Palma
hinter ihr tat desgleichen.  Karl hob die Richterin von der Erde und
sagte: "Du bist die Frau von Malmort.  Ich habe deine Botschaft
empfangen und bin da, Ordnung zu schaffen, wie du gefordert hast.
Hier ist Freiheit in Frevel und Kraft in Willkr entartet.  Ich will
diesem Gebirge einen Grafen setzen.  Weit du mir den Mann?"

"Ich wei ihn", antwortete die Richterin.  "Es ist Wulfrin, Sohn Wulfs,
dein Hfling, ein treuer und tapferer Mann, zwar noch leichtglubig
und unerfahren, doch die Jahre reifen."

"Ich fhre ihn mit mir", sprach der Kaiser, "aber als einen, der sich
selbst anklagt und dein Gericht begehrt, sich so groen Frevels
anklagt, da ich nicht daran glauben mag.  Frau, heute ist mir unter
diesem leuchtenden Berghimmel ein Zeichen begegnet.  Vor deiner Burg
hat mein Ro an einer Toten gescheut, die mitten im Wege lag.  Ich
lie sie aufheben.  Es ist deine Eigene.  Sie harrt vor der Schwelle."

Er dmpfte die Stimme: "Frau, was verbirgt Malmort?  Wrest du eine
andere, als die du scheinest, und stndest du ber einem begrabenen
Frevel, so wre deine Waage falsch und dein Gericht eine
Ungerechtigkeit.  Lange Jahre hast du hier rhmlich gewaltet.  Gib
dich in meine Hnde.  Mein ist die Gnade.  Oder getraust du dich,
Wulfrin zu richten?"

"Herr", antwortete sie, "ich werde ihn und mich richten unter deinen
Augen nach der Gerechtigkeit." Karl betrachtete sie erstaunt.  Sie
leuchtete von Wahrheit.  "So walte deines Amtes", sagte er.

Dann ging er auf das kniende Mdchen zu.  "Palma novella!" sagte er
und hob sie zu sich empor.  Sie blickte ihn an mit flehenden und
vertrauenden Augen, und sein Herz wurde gerhrt.

"Rudio", gebot die Richterin, "bringe Faustinen her!" Der Kastellan
gehorchte und trug die Brde herbei, die er an den Grabstein lehnte.
"Jetzt tue auf das Tor und ffne es weit!  Alles Volk trete ein und
sehe und hre!"

Da wlzte sich der Strom durch die Pforte und fllte den Raum.  Die
Hflinge scharten sich um den Kaiser, Alcuin und Graciosus unter ihnen,
whrend die Menge Kopf an Kopf stand und selbst Tor und Mauer erklomm,
ein dichter und schweigender Kreis, in dessen Mitte die Gestalt des
Kaisers ragte, in langem, blauem Mantel, mit strahlenden Augen.  Neben
ihm Stemma und ihr Kind.  Vor den dreien stand Wulfrin und sprach, den
Blick fest und ungeteilt auf Stemma geheftet: "Jetzt richte mich!"

"Gedulde dich!" sagte sie.  "Erst rede ich von dieser", und sie wies
auf die entseelte Faustine, die mit gebrochenen Augen und hngenden
Armen an der Gruft sa.

"Rter", sprach sie, und es wurde die tiefste Stille, "ihr kennet jene
dort!  Sie hat unter euch gewandelt als eine Rechtschaffene, wofr ihr
sie hieltet.  Nun ist ihr Mund verschlossen, sonst riefe er: Ihr irret
euch in mir!  Ich bin eine Snderin.  Ich, die das Kind eines andern
im Schoe barg, habe den Mann gemordet"--

"Frau", schrie Wulfrin ungeduldig, "was bedeutet die Magd!  Mich la
reden, meinen Frevel richte, damit ein Ende werde!"

"Nun denn!  Aber zuerst, Wulfrin--nicht wahr, wenn diese hier"--sie
zeigte Palma--"nicht das Kind deines Vaters, nicht deine Schwester,
sondern eine andere und Fremde wre, dein Frevel zerfiele in sich
selbst?"

"Frau, Frau!" stammelte er.

"Kaiser und Rter", rief Stemma mit gewaltiger Stimme, "ich habe getan
wie Faustine.  Auch ich war das Weib eines Toten!  Auch ich habe den
Gatten ermordet!  Die Herrin ist wie die Eigene.  Hrt!  Nicht ein
Tropfen Blutes ist diesen zweien gemeinsam!" Sie streckte den Arm
scheidend zwischen Wulfrin und Palma.  "Hrt! hrt!  Kein Tropfen
gleichen Blutes fliet in diesem Mann und in diesem Weibe!  Zweifelt
ihr?  Ich stelle euch einen Zeugen.  Palma novella, das Kind Stemmas
und Peregrins des Klerikers, hat das Geheimnis meiner Tat belauscht.
Sie glaubt daran und stirbt darauf, da ich wahr rede.  Gib Zeugnis,
Palma!"

Aller Augen richteten sich auf das Mdchen, das mit gesenktem Haupte
dastand.  Palma bewegte die Lippen.

"Lauter!" befahl die Richterin.

Jetzt sprach Palma hrbar den Vers der Messe: "Concepit in
iniquitatibus me mater mea..."

Da glaubte das Volk und entsetzte sich und strzte auf die Knie und
murmelte: "Miserere mei!" Wulfrin streckte die Arme und rief gen
Himmel: "Ich danke dir, da ich nicht gefrevelt habe!" Karl aber trat
zu Palma und hllte sie in seinen Mantel.

"Nun richte du, Kaiser!" sprach Stemma.

"Richte dich selbst!" antwortete Karl.

"Nicht ich", sagte sie, wendete sich zu dem Volke und rief:
"Gottesurteil!  Wollt ihr Gottesurteil?"

Es redete, es rief, es drhnte: "Gottesurteil!"

Da sprach die Richterin feierlich: "Erstorbenes Gift, erstorbene Tat!
Lebendige Tat, lebendiges Gift!" und hatte den Kristall aus dem Busen
gehoben und geleert.

Eine Weile stand sie, dann tat sie einen Schritt und einen zweiten
wankenden gegen Wulfrin.  "Sei stark!" seufzte sie und brach zusammen.
Rudio neigte sich ber die Tote, hob sie auf seine Arme und trug sie
zu Faustinen.  Dort sa sie am Grabe, die Hrige aber neigte sich und
legte das Antlitz in den Scho der Herrin.

Jetzt enthllte der Kaiser das Mdchen, das einen jammervollen Blick
nach der Mutter warf, faltete die Hnde und gebot.  "Oremus pro magna
peccatrice!" Alles Volk betete.

Dann sagte er mit milder Stimme: "Was wird aus diesem Kinde?  Ich
ziehe nicht, bis ich es wei.  Wie rtst du, Alcuin?"

"Sie tue die Gelbde!" rief der Abt.

"Ehe sie gelebt hat?" schrie Wulfrin angstvoll.

"Dann wei ich ein anderes.  Graciosus"--der Abt hielt ihn an der
Hand--"dieser hier, ein frommer Jngling, hat ein Wohlgefallen an der
rmsten"--

"Herr Abt", unterbrach ihn der aufgeregte Gnadenreich, "das geht ber
Menschenkraft.  Mir graut vor dem Kinde der Mrderin.  Alle guten
Geister loben Gott den Herrn!"

Wulfrin sprang in die Mitte.  "Kaiser und ihr alle", rief er, "mein
ist Palma novella!"

Da redete Karl: "Sohn Wulfs, du freiest das Kind seiner Mrderin?
berwindest du die Dmonen?"

"Ich ersticke sie in meinen Armen!  Hilf, Kaiser, da ich sie
berwltige!"

Karl hie das Mdchen knien und legte ihr die Hnde auf das Haupt.
"Waise!  Ich bin dir an Vaters Statt!  Begrabe, die deine Mutter war!
Dieser folge mir ins Feld!  Gott entscheide!  Kehrt er zurck und
stt er ins Horn, so freue dich, Palma novella, flle den Becher und
vollende den Spruch!  Dann entzndet Rudio die Brautfackel und
schleudert sie in das Geblke von Malmort!"


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die Richterin, von Conrad
Ferdinand Meyer.










End of the Project Gutenberg EBook of Die Richterin, by Conrad Ferdinand Meyer

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